IL DOLCE CORPORA DI DEBORAH

Zitat entfällt.

Il Dolce Corpora Di Deborah (Der schöne Körper der Deborah) ~ I/F 1968
Directed By: Romolo Guerrieri

Frisch vermählt kehrt Marcel (Jean Sorel) mit seiner wohlhabenden, aus Kalifornien stammenden Gattin Deborah (Carroll Baker) nach Europa zurück, um dort die gemeinsamen Flitterwochen zu verbringen. In Genf erfährt Deborah, dass Marcel zuvor mit einer anderen Schönheit liiert war, Suzanne (Evelyn Stewart), die sich offenbar aus Verzweiflung über Marcels Neuorientierung das Leben genommen hat. Dennoch scheint Suzanne noch über ihren Tod hinaus auf Marcel einzuwirken: In ihrer nunmehr leerstehenden Villa spielt das Klavier wie von selbst Suzannes Lieblingsstück, der einstmals ebenfalls in sie verliebte Philip (Luigi Pistilli) kreuzt allenthalben Deborahs und Marcels Wege, am anderen Ende eines eigentlich stillgelegten Telefons stößt jemand Todesdrohungen aus. Das irritierte Paar reist weiter nach Nizza, um dort ein mondänes Haus zu mieten, doch auch dort reißen die merkwürdigen Begebenheiten nicht ab.

Dass etliche männliche Hollywood-Darsteller sich infolge mangelnder heimischer Rollenangebote in Europa ein zweites Standbein errichteten, ist jedem nur halbwegs in kontinentaler Genrehistorie bewanderten Filmfreund wohlbekannt und die entsprechende Liste überaus umfangreich. Was die Damen anbelangt, so war das entsprechende Feld vergleichsweise dünn besiedelt, aus Gründen, die so offenkundig wie leidig sind. Die vermutlich wesentlichste Ausnahme bildete Carroll Baker, die auch mit Ende 30 und Anfang 40 noch attraktiv genug war, um gegenüber ihrer jüngeren einheimischen „Konkurrenz“ mühelos bestehen zu können und eine fruchtbare Folgekarriere vor allem im italienischen Thrillerkino zu bestreiten. Exemplarisch dafür stehen ihre vier in engem Abstand entstandenen, gemeinsamen Filme mit Umberto Lenzi; die eigentliche Initiallösung der noch diverse weitere Werke bis in die Mittsiebziger hinein umfassenden Reihe markiert jedoch Romolo Guerrieris „Il Dolce Corpora Di Deborah“. Darin formuliert sich bereits Bakers Rollentypologie nahezu der gesamten kommenden Phase: Als schöne, mit einer gehörigen Portion erotischer Verve begüterte Femme fatale stand sie jeweils im Mittelpunkt des oftmals gialloesk aufgeladenen Geschehens und entpuppte sich spätestens im Nachhinein als häufig aufgeklärter denn das längst noch im Rätseln befindliche Publikum. Als Amerikanerin Deborah scheint sie bei Guerrieri zunächst selbst Opfer eines perfid arrangierten Kabale zu sein, zeigt im Epilog jedoch, dass sie ihren AntagonistInnen längst eine Nasenlänge voraus war, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. Genealogisch fällt „Il Dolce Corpora Di Deborah“ unmittelbar in das die Gattung damals dominierende Fach des Psycho-Intrigenspiels, innerhalb dessen eine mehr oder weniger labile, vor allem jedoch nichtsahnende Protagonistenfigur wahlweise in Wahnsinn oder Suizid getrieben werden sollte; notfalls, wie auch in Guerrieris Film, mittels tatkräftiger Nachhilfe der Strippenzieher.
Die zahlreichen logischen Schwächen des von Ernesto Gastaldi und Luciano Martino ersonnenen Scripts außer Acht lassend, bezeugt man mit „Deborah“ diesbezüglich nun weniger einen narrativ ausgefeilten, sondern vielmehr einen in Bezug auf sein Zeit- und Lokalkolorit formal beachtlichen Reißer, der die unselige, aber wiederum prototypischen Paarung Sorel/Baker nutzt, um aparte Jet-Set-Bilder und atmosphärische Dichte zu transportieren. Mit nur einer Leiche nimmt sich das Ganze am Ende dann allerdings eher als ebenso pulpiger wie wohlgesitteter Kriminalfilm aus, dessen Highlights eben vor allem visuell-mondäner Natur sind: feuerrote Cabriofahrten, Hotelzimmer, Carroll Bakers Kleider, der Besuch in einer Disco mit Comic-Thematik, ein Twister-Spiel im Villagarten bleiben da vornehmlich im Gedächtnis.

7/10

SENZA RAGIONE

Zitat entfällt.

Senza Ragione (Blutrausch) ~ I/UK 1973
Directed By: Silvio Narizzano

Drei Ganoven, der soziopathische Amerikaner Memphis (Telly Savalas), der kaum minder aufgedrehte Mosquito (Franco Nero) sowie dessen devote Freundin Maria (Ely Galleani), überfallen einen Juwelier (Giuseppe Mattei) in Rom. Auf der anschließenden Flucht durch ein paar enge Gassen schrotten sie ihren Wagen und stehlen stattdessen kurzerhand den Mercedes der Diplomatengattin Margaret Duncan (Beatrice Clary), auf dessen Rückbank sich Lennox (Mark Lester), der halbwüchsige Filius der Duncans, versteckt hält. Erst später registriert das Trio die Anwesenheit Lennox‘, womit die sich ohnehin planlos verlaufende, gen französische Grenze richtende Odyssee der Gangster vollends in eine Reise geradewegs ins verschneite Inferno verwandelt.

Für die mit Psychotikern ja geradezu gesäumten Flucht- und Amokgeschichten des italienischen Gangsterfilms der anni di piombo bildet „Senza Ragione“, dessen akurat übersetzter Titel eigentlich (und deutlich passender zudem) „Ohne Vernunft“ zu lauten hätte, nochmal einen kleinen Sonderfall dar. Das in Kooperation mit den Briten entstandene, wilde Road Movie kombiniert mit den Darstellern des Protagonistentrios ein lediglich auf den ersten Blick extravagant erscheinendes, für seine Entstehungszeit dann aber wiederum doch gar nicht mal so außerordentliches Antihelden-Kleeblatt. Selbst für das damalige darstellerische Œuvre Mark Lesters, des just auf seinem Zenit als Kinderstar befindlichen Filius des mitproduzierenden Michael Lester, bildet der psychologisch differenziert angelegte Part des zusehends aus seiner angestammten gesellschaftlichen Rolle fallenden Kidnapping-Opfers keine allzu spezifische Ausnahme.
Das zunächst noch als Quartett gleicht rasch einer dysfunktionalen Familie, die durch die unberechenbaren gewaltvollen Ausbrüche ihres schwärzesten Schafs zunächst um ihren weiblichen Bestandteil dezimiert wird und dann immer weiter auf direktem Verderbniskurs navigiert. Ausnahmslos alles läuft von Anfang an schief für Mosquito und Memphis – insbesondere infolge der affektgesteuerten Unbeherrschtheit von letzterem, der im Laufe der Geschichte immer mehr unschuldige Opfer anhäuft, darunter einen Hirtenjungen und eine fünfköpfige deutsche Camperfamilie. Selbst eine dreibeinige Hündin, die Memphis treu nachläuft, bleibt nicht von ihm verschont. Dessen in direkter Folge fast immer höchst theatralisch geäußertes Bedauern über die jeweilige Gewalttat gehört gewissermaßen obligatorisch zum mörderischen Gesamtprocedere seines kopflosen Aktionismus. Ein verzweifelter Versuch von Mosquito und Lennox, sich von Memphis‘ abgründigem Weg zu emanzipieren, bleibt auf der Strecke, die (maskuline) Kernfamilie bleibt unweigerlich beisammen, bis zum bitterenden Ende. Dabei bevölkert sie ihre eigene Parallelwelt; sämtliche Personen außerhalb ihres Zirkels wirken wie Fremndkörper: die nur als phantomeske Staatsentität präsente Polizei, Lennox‘ desinteressierte Eltern, eine verblichene Adelige (Maria Michi), deren ruinöser, einsamer Palast Mosquito und Lennox nur sehr kurzzeitig als Sanktuarium dient.
Der ein ebenso überschaubares wie ungewöhnliches Regiewerk aufweisende Italo-Kanadier Narizzano inszeniert sein Werk analog zum chaotischen Trip seiner Figuren durchweg ruppig, ungeschliffen und teils sogar improvisiert scheinend. Wenn „Senza Ragione“ überhaupt eine wie auch immer geartete Form von „Schönheit“ aufweist, dann nimmt sich diese so vorsätzlich unelegant wie morbid aus. Dass der Film anders als viele seiner weitaus weniger prominent besetzten, zeitgenössisch entstandenen Gattungsgenossen sich irgendwie krampfhaft jeder hochgejubelten Wiederentdeckung sperrt, spricht Bände – zu unbequem, zu abstrakt, zu böse vielleicht, scheint er mir.
So wird in den meisten deutschsprachigen Reviews zu „Senza Ragione“ zudem gern und leidenschaftlich wider dessen Synchronfassung kolportiert, für die ich an dieser Stelle einmal ausnahmsweise in die Bresche springen möchte. Der erst 1983 anlässlich der hiesigen Videopremiere angefertigten Berliner Brunnemann-Vertonung von Michael Richter (der unter anderem auch für das legendäre „Söldnerkommando“ verantwortlich zeichnete, was den wiederkehrenden Begriff „Bratenbengel“ erklärt) wird vorgeworfen, sie kalauere unentwegt daher und zerstöre dadurch die melancholische Grundstimmung des Geschehens. In der Tat trägt feuert insbesondere der auf Savalas besetzte Edgar Ott seine oftmals monologischen Zeilen vor allem zu Beginn ab, als befände er sich in einem absurden Theaterstück. Das ist, zumal anfänglich, in dieser Form gewiss gewöhnungsbedürftig, ergänzt „Senza Ragione“ aber vielmehr nochmals um jene ganz besondere, eigene Kunstform des Synchronfachs, die sich dann im weiteren Verlauf irgendwann doch der zusehends nihilistischen Atmosphäre unterwirft und trotz aller halsbrecherischen Verbaldrescherei den Film niemals zur befürchteten, albernen Komödie degradiert.

8/10

LEBENSBORN

„Führerbefehl: Verschüttetes germanisches Erbe ist zu retten.“

Lebensborn ~ BRD 1961
Directed By: Werner Klingler

Der systemkritische Luftwaffenoffizier und Ritterkreuzträger Klaus Steinbach (Joachim Hansen) kommt wegen Hochverrats vor Gericht. Auf dem Weg jedoch kann er die Gunst der Stunde in Form eines Partisanenüberfalls nutzen und die Identität eines weitaus linientreueren Kameraden, des Oberleutnants Adameit (Horst Keitel), annehmen. Adameit war zu einem der „Lebensborn“-Heime abberufen worden. Was sich dahinter verbirgt, erfährt Steinbach vor Ort schließlich höchstselbst: Auf Geheiß der SS werden Kinder angeblich „arischer“ Herkunft dorthin wahlweise aus Frontgebieten verschleppt oder gar unter „fachmännischer“ Selektion der zukünftigen Eltern, gezielt gezüchtet. Steinbach verliebt sich in Doris Korff (Maria Perschy), die Privatsekretärin des größenwahnsinnigen Hauptsturmführers Dr. Hagen (Harry Meyen), und wagt schließlich gemeinsam mit ihr die Flucht…

Naziploitation, made in Germany. Atze Brauner produzierte diese frühe „Aufarbeitung“ der Lebensborn-Umtriebe gemeinsam mit seinem Bruder Wolf für die Alfa-Film als kleines Kolportage-Drama, wie es gerade sechzehn Jahre nach Kriegsende unangehme Wahrheiten zu formulieren wusste, ohne die nach wie vor nach Absolution lechzende deutsche Volksseele allzu sehr zu belasten. Wie das geht? Ebenso, wie seinerzeit stets in derlei Fällen verfahren wurde: Indem man kurzerhand einen dissidierenden Wehrmachtssoldaten, ein Fliegerass zudem, zum Helden deklarierte. Überhaupt gibt das Script von Will Berthold sich auffallend Mühe, zwischen SS-Schergen und Wehrmachts-Helden sorgsam zu differenzieren, so wie der gemeine deutsche Wirtschaftswunderbürger nur allzu gern sah und hörte: Auf der einen Seite Himmlers dekadente, stets etwas aristokratisch auftretende Totenkopf-Clique, auf der anderen Seite die mittels leicht proletarischer Erdanbindung gezeichneten Frontschweine, die ja eh längst erkannt haben, dass „die da oben“ wahnsinnig sein müssen. Der Mythos von „Des Teufels General“ lebt fort. Auf dieser extradick mit Volksseelenbalsam eingefetteten Präambel fußend nun also ein mit allen Klischeewassern gewaschenes Ensemblestück, in dem allerlei beliebte wie später noch international auftretende Darsteller sich die Ehre geben, so etwa auch Marisa Mell oder Hellmut Lange.
Abseits seiner peinlich simplifizierenden Schwarzweiß-Zeichnung ist Klinglers Film natürlich ein treffendes Beispiel spekulativer deutscher Filmkunst. Zu seinen stärksten Momenten zählen die immer wieder rekurrierenden Schnittgewitter, etwa, wenn die von Dr. Hagen nach ihren Schädelvermessungs-Attributen zusammengeführten Eltern-Paare ein ekstatisches Sommersonnenwende-Ringelreihen begehen, oder in dem postapokalyptischen Finale, in dem die eigentlich zum Tode verurteilte, jedoch geflüchtete Doris sich eines verwaisten Mädchens an Kindesstatt annimmt. In diesen wenigen Augenblicken findet „Lebensborn“ zu einer ansonsten leider kaum spürbaren Kraft, die ihn dann doch noch zu einer sehenswerten Arbeit gedeihen lässt.

6/10

IRON WARRIOR

„Magic. And sorcery.“

Iron Warrior ~ I/NL 1987
Directed By: Alfonso Brescia

In einem Land vor unserer Zeit: Die gute Zauberin Deeva (Iris Peynado) und ihre verräterische Amtskollegin Phaedra (Elisabeth Kaza) stehen in ewigem Konflikt. Um den harmonischen Zustand, den Deeva just mit Mühe und Not herstellen konnte, zu bewahren, erschafft sie zwei zukünftige Krieger – Ator (Malcolm Borg) und Trogar (Conrad Borg), von denen Phaedra letzteren unter ihre bösen Fittiche nimmt. Als Erwachsener muss Ator (Miles O’Keeffe) dann der schönen Prinzessin Janna (Savina Gersak) beistehen, deren Königsvater (Tim Lane) von Phaedra und Trogar (Franco Daddi) ermordet wurde.

„Iron Warrior“ oder auch „Ator, Il Guerriero Di Ferro“, der von Alfonso Brescia unter dem anglophonen Pseudonym „Al Bradley“ inszeniert wurde, ist ein besonders deliranter, flirrend-verrückter Auswuchs der zweiten italienischen Sword-&-Sorcery-Welle. Der völlig austauschbare Plot dient bestenfalls als dünner roter Faden, als apologetischer Aufhänger für eine wirre Gemengelage szenischer Akausalität, die das Ganze im Gegenzug interessanterweise zu einem pureren Regisseursfilm machen als es viele andere Plagiatswerke mediterraner Zunft jener Ära je sein durften. „Iron Warrior“ lebt einzig und allein von Brescias in visuelle Spasmen gegossener Fabulierfreude; das Was kriecht vor dem Wie zu Kreuze. Dem von Konfusion erdrückten und dafür von jedweder Logik entblößten Zuschauer bleibt nur, sich auf die Bilderflut einzulassen, um seine möglicherweise als etwas kärglich empfangene Entlohnung zu erhalten. Dass „Iron Warrior“ als dritter Teil der einst von Joe D’Amato ersonnenen Ator-Saga firmiert, spielt am Ende keine Rolle, denn mit Ausnahme der Tatsachen, dass der bewundernswert ausdruckslose, nichtsdestotrotz cinegene Miles O’Keeffe nochmals den gleichnamigen Titelrecken darbietet und dass irgendwie alle Filme dem Fantasygenre zuzurechnen sind, gibt es keinerlei inhaltliche oder formale Parallelen. Dieser Ator ist nicht mehr der Rächer (s)eines ausgelöschten Volkes, sondern ein künstlich geschaffener Kämpfer, dem die Rettung der Stabilität obliegt. Dafür muss er mit einer verwaisten Prinzessin (sehr hübsch: die Slovenin Savina Gersak, die kurz zuvor bereits mit O’Keeffe in Deodatos Endzeitabenteuer „Lone Runner“ zu sehen war und hernach eine kurze, aber hübsche Karriere im italienischen Genrefilm absolvierte) überland ziehen und sie vor den dauernden Zugriffen der bösen Phaedra (brillant überdrehte Knusperhexe: Elisabeth Kaza, die unter anderem auch bei Borowczyk, Losey, Delannoy, Brass und Ivory auftrat – um nur einige zu nennen) bewahren und eine als harbherziger Macguffin fungierende, goldene Truhe in Sicherheit bringen. Zwischendrin flitzen Ator und Janna durch die Ruinen des uralten Ġgantija-Tempels auf der maltesischen Insel Gozo, der im Film mindestens vier unterschiedliche Handlungsstationen abgeben soll, dabei jedoch sehr gut als ein- und derselbe erkennbar bleibt. O’Keeffe stand offenbar nicht für Nachdrehs zur Verfügung, denn in zwei vom Rest der Story unabhängigen Actionsequenzen wird er deutlich sichtbar von einem Ersatzakteur vertreten, dessen liderliche Camouflage lediglich aus einem Mundschutz besteht. Brescia machte da keinerlei Gefangene. Kino aus einer anderen Zeit, das eigentlich schon zu seiner Zeit Kino aus aus einer anderen Zeit war.

4/10

LA CASA DELLA PAURA

Zitat entfällt.

La Casa Della Paura (Das Haus der Angst) ~ I 1974
Directed By: William Rose/Robert H. Oliver

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt kommt die junge, zuvor unschuldig wegen Drogendealerei verurteilte Margaret Bradley (Daniela Giordano) im Haus von Mrs. Grant (Giovanna Galletti) unter. Darin fühlt sie sich jedoch alles andere als wohl: Nicht nur dass die aufdringliche Gastwirtin einen sehr konservativen Gerechtigkeitssinn pflegt, gehen auch sonderbare Personen wie der mysteriöse Mr. Dreese (Raf Vallone) dort ein und aus und scheint auch Mrs. Grants Filius Frank (Angelo Infanti) nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Abhilfe verspricht der junge Amerikaner Jack (John Scanlon), der auf eigene Faust den angeblichen Suizid seiner Schwester nachspürt: Auch sie hatte zuvor bei Mrs. Grant gewohnt. Gemeinsam mit Jack kommt Margaret einer bizarren Glaubensvereinigung auf die Spur…

Dieser aus vorrangig kognitiver Perspektive besehen etwas bis ziemlich (je nach individueller Wohlmeinung) schwachbrüstige Italo-Exploiter könnte ebenso gut auch von Massimo Pupillo oder Renato Polselli stammen; ein paar wohlvertraute Ingredienzien aus Arbeiten dieser lustig zu Werke gehenden Filmemacher begegnen einem in „La Casa Della Paura“ nämlich wieder. So treibt ein geheimnisvoller, rotmaskierter Sadist sein Unwesen in einem alten Provinzgemäuer (s. „Il Boia Scarletto“), es wird sich garstiger Foltermethoden befleißigt und ein Muskelmann (diesmal Brad Harris anstelle von Mickey Hargitay) erhält einen prominenten Auftritt. Der Plot ist so obskur wie gnadenlos – eine Sekte alttestamentarisch belesener Selbstjustizler entführt vom rechten Wege abgekommene, junge Frauen und führt sie eigenmächtig und unter großem, allseitigen Hallo der nachträglich verordneten Todesstrafe zu. Welche Motive die fanatischen Beteiligten, allen voran den am Ende überraschungsvoll demaskierten Henker, umtreibt, bleibt derweil der Zuschauerphantasie überlassen. Damit das Ganze zumindest einen zeitgemäß-internationalen Touch erhält, verpasste man albernerweise sämtlichen Hauptrollen (vermeintlich) wohlklingende, amerikanische Namen und setzte ferner einen inhaltlichen Nebenstrang hinzu, der garantierte, dass der bärige Brad Harris und ein eilends hinzugeschalteter Kumpel am Ende als flotte Tagesretter mit ihrem Käfer angebraust kommen können, um der Sektenbrut mit gezielten Fausthieben den Garaus zu machen. Die Regie ist denn auch weniger beflissen oder gar ausgefallen denn vielmehr, sagen wir, „funktionalistisch“ geraten. Illuster in jedem Fall die weitere Besetzung, die neben der inhaltlich völlig redundant, aber immerhin hübsch frisiert eingeflochtenen Karin Schubert noch Hollywood-Veteran Frank Latimore als ungeschickten Enthüllungsjournalisten vorschützt, einen der vielen in Südeuropa gestrandeten US-Darsteller, die nach einer vielversprechend begonnen Karriere in Übersee hier ihr weiteres Auskommen fanden und erst nach dem großen Studioumbruch jenseits des Teichs wieder ihr US-amerikanisches Gnadenbrot einnehmen durften.

6/10

DER FLUCH DER GRÜNEN AUGEN

„Sie nix glauben an Vampire? Ich schon!“

Der Fluch der grünen Augen ~ BRD/YU 1964
Directed By: Ákos Ráthonyi

Der kriminalistische Tausendsassa Inspektor Frank Dorin (Adrian Hoven) wird zu einem kleinen Balkandorf beordert, in dem sechs junge Frauen auf mysteriöse Weise ihr Leben lassen mussten. Vor Ort angelangt, gibt es gleich in der ersten Nacht von Dorins Anwesenheit eine weiteres Opfer. Der ängstliche Hotelwirt (n.n.) insistiert, zumal in Anbetracht der zwei typischen Bisswunden am Hals der Toten, dass dahinter nur Vampire stecken können, die tagsüber in einer unterirdischen Grotte hausen sollen. Dorin hält das zunächst für abergläubisches Geschwätz, doch die alte Kräuterhexe Nani (n.n.) und eine Begegnung mit dem mysteriösen Professor von Adelsberg (Wolfgang Preiss), der auf einem nahegelegenen Schloss Experimente mit Blut veranstaltet, lassen ihn seine Meinung bald ändern…

Der Horrorfilm bildete im leinwandlich von „Opas Kino“ geprägten Wirtschaftswunder-Deutschland eine absolute Ausnahmeerscheinung, das Publikumsgros verlangte vielmehr zunächst nach Heimatfilmen, dann musikalischen Komödien und wurde hernach genrediätetisch mit Wallace-Krimis und den Karl-May-Filmen von Wendlandt und Brauner abgespeist. Natürlich gab es auch die im Nachhinein eher im apokryphen Sektor anzusiedelnden, mutigeren Filmemacher, die ihrem Metier mit klugen, ansprechenden Geschichten und stilistisch unkoventionellerem Eigensinn frönten. Waschechten Horrorfilmen aus deutschsprachiger Produktion jedoch blieben eben absoluter Exklusivitätsstatus vorbehalten. Neben Victor Trivas‘ absolut wunderbarem „Die Nackte und der Satan“ gab es noch Fritz Böttgers lustigen „Ein Toter hing im Netz“ und später dann Harald Reinls „Die Schlangengrube und das Pendel“. Dazwischen lag/liegt noch „Der Fluch der grünen Augen“, ein rares Quartett, womit der deutsche Gruselliebhaber sich dann binnen zehn Jahren auch zu bescheiden hatte.
Nach einem schillernden Vorleben unter anderem als Priester und Missionar in Indien landete der gebürtige Ungar Ákos (von) Ráthonyi beim Film, wo er in unterschiedlichen Funktionen zunächst in England, dann in Hollywood und schließlich wieder in Ungarn tätig wurde. Sein Freund Alexander Korda verschaffte ihm dann nach dem Krieg Zugang zum deutschen Film, wo er bis zu seinem Tod 1969 aktiv blieb, und, anders als man es von einem studierten Theologen erwarten mag, zunehmend und vornehmlich Unterhaltungs- sowie Sleazekino inszenierte. Eines der entsprechenden Exponate ist „Der Fluch der grünen Augen“, eine mit Kriminalfilm-Elementen „angereicherte“ Dracula-Variation, in der der in jener Ära omnipräsente Wolfgang Preiss den Obervampir gab und Adrian Hoven, in Ermangelung eines Van-Helsing-Pendants, eine Art Superpolizist, der seinen Widersacher am Ende mit überaus konventionellen Mitteln den Garaus macht. Dabei zieht Ráthonyi alle der wenigen, ihm obliegenden Formregister vom wabernden Vollmond über wehende Vorgänge bis hin zu expressionistischen Schattenspielen. Als wunderbare set pieces fungieren unter anderem eine Tropfsteinhöhle und ein angebliches Schloss, das von innen eher einem in rohen Fels gehauenen Verlies gleicht.
Rückblickend problematisch fällt indes der (einmal mehr) rassistische Einsatz von John Kitzmiller als von Adelsbergs farbiger Diener John aus. Wie üblich hat Kitzmiller (kurz darauf als Titelfigur in Géza von Radványis „Onkel Toms Hütte“-Adaption zu sehen) den radebrechenden, leicht dümmlichen Neger im schlecht sitzenden Livree zu geben, der aber natürlich herzensgut ist und dem Inspektor und seiner neuen Freundin (Erika Remberg) die Flanke hält. Immerhin setzt Ráthonyi eine schöne Szene hinzu, die verdeutlicht, dass die provinziell vorgeschädigten Dorfrednecks, allen voran ein tumber, tauber Grobian (n.n.) als weltverschlossene Rassisten noch weitaus tiefer in der menschlichen Hierarchie anzusiedeln sind. Nun muss man solcherlei Unbill verknusen können, wenn man sich mit betagteren Filmpreziosen wie dieser auseinandersetzen möchte – umso reicher wird man von all dem, was an diesem Film stimmt und ihn in seiner selbstbewussten, trivialen Gestaltung so liebenswert macht.

7/10

THE BARBARIANS

„Who you calling fatty, moosehead?“

The Barbarians (Die Barbaren) ~ I/USA 1987
Directed By: Ruggero Deodato

Die verwaisten Zwillinge Kutchek (Pasquale Bellazecca) und Gore (Luigi Bellazecca) haben es nicht leicht: Nachdem sie von dem reisenden Zirkusvölkchen der Ragnicks aufgenommen wurden, geraten sie kurz darauf in die Gewalt des bösen Despoten Kadar (Richard Lynch), als dieser die Ragnicks aufmischt und ihnen ihre Königin Canary (Virginia Bryant) raubt. Ferner interessiert Kadar sich für einen mächtigen, verschollenen Rubin, den die Ragnicks zuvor in ihrem Besitz hatten und der den Schlüssel zu ewiger Glückseligkeit beinhaltet. Zu muskulösen Recken herangereift, sollen Kutchek (Peter Paul) und Gore (David Paul) sich im Duell gegenseitig töten, erkennen sich jedoch wieder und suchen gemeinsam mit der Diebin Ismene (Eva LaRue) den Edelstein, um ihn den Ragnicks zurückzugeben.

Wie den meisten anderen italienischen Explotation-Regisseuren gelang es Ruggero Deodato in den achtziger Jahren, mit US-Darstellern aus der zweiten und dritten Reihe zu arbeiten und, im Falle von „The Barbarians“ sogar eine Kollaboration mit Cannon Films aus der Taufe zu heben, nachdem er den zunächst designierten Regisseur des Films, den Serben Slobodan Šijan, abgelöst hatte.
1987 war die Zeit der John Milius‘ „Conan The Barbarian“ referenzierenden Italo-Barbaren-Plagiate, in denen oftmals Pietro Torrisi alias Peter McCoy zu sehen gewesen war, eigentlich längst abgelaufen und anderweitige Hollywood-Erfolge zum Beräubern auserkoren. „The Barbarians“ fällt also etwas aus dem periodischen Rahmen, begegnet seiner Exotik jedoch mit einem ganz einfachen Rezept: Humor. Anstatt sich abermals an einer düster-archaischen Blutoper zu versuchen, erkannte Deodato das komische Potenzial der beiden Bodybuilder-Zwillinge Peter und David Paul und ließ sie als herzensgute, bärenstarke aber eben auch ziemlich tumbe Gesellen durch seinen gut aufgelegten Film stolpern. Die zwei beiden sind dann auch eine echte Schau: Mittels gutturaler offenbar noch aus frühester Kindheit herrührender Grunzlaute (von Baby-Zwillingen weiß man, dass sie sich in den ersten Lebensmonaten zuweilen tatsächlich einer eigene, sprachähnlichen Kommunikation befleißigen), imaginärer Rasierklingen unter den Achseln und silberrückenähnlicher Körperhaltung kloppen die beiden steroidgestählten Klöpse durch dieses wilde Märchen, das nicht allein von Deodatos Könnerschaft profitiert. Tatsächlich scheinen sich sämtliche Beteiligten mehr oder weniger stillschweigend darin einig gewesen zu sein, gute Miene zum komischen Spiel und aus „The Barbarians“ eine anarchische Parodie zu machen, die nur bedingt einem inhaltlichen roten Faden folgt, in der aber grundsätzlich alles möglich ist. Das hat zur Folge, dass der Film oft über Gebühr albern und dabei möglicherweise nicht immer freiwillig komisch ist sowie vermutlich das Gros seiner Laufzeit über die allermeisten Zuschauer zwischen staunendem bis ungläubigen Kopfschütteln changieren lässt, macht ihn aber gleichermaßen zu so ehrlichem wie einzigartigen Handwerk, liebenswert in seiner pappmachéigen Herzensgüte und entrückten, infantilen Fabulierfreude.

6/10

MANHATTAN BABY

Zitat entfällt.

Manhattan Baby (Amulett des Bösen) ~ I 1982
Directed By: Lucio Fulci

Der Altertumsforscher George Hacker (Christopher Connelly) befindet sich mit Gattin Emily (Laura Lenzi) und Tochter Susie (Brigitta Boccoli) in Ägypten, um die letzte Ruhestätte des Pharaos Habnubenor zu examinieren. Just während Hacker die finstere Grabkammer betritt, erhält die kilometerweit entfernte Susie von einer blinden Alten ein Amulett mit dem Horusauge, von dem sich auch ein größeres Abbild in der Gruft befindet. Jenes verschießt einen Strahl, der Hacker erblinden lässt. Zurück in Manhattan häufen sich die seltsamen Ereignisse: Sowohl Susie als auch ihr kleiner Bruder Tommy (Giovanni Frezza) legen sonderbare Verhaltensweisen an den Tag; enge Bekannte der Hackers, darunter Emilys Reporterkollege Luke (Carlo De Mejo) verschwinden spurlos oder sterben eines mysteriösen Todes. Zwar erhält George sein Augenlicht zurück, doch Susie erkrankt schwer. Der hellseherisch begabte Trödler Arian Mercato (Cosimo Cinieri) klärt die Hackers auf: Habnubenors böser Geist fordert seinen Tribut…

In direkter Folge zu seinem berüchtigten, harten Serienkiller-Klopper „Lo Squartatore Di New York“ nahm sich Fulci dieser wiederum höchst übersinnlich konnotierten Geschichte an, in der Co-Autor Dardano Sacchetti sein vortreffliches Talent als Wursteinkäufer trefflich zu präsentieren wusste: Inhaltlich verwebt „Manhattan Baby“ Elemente diverser kommerziell erfolgreicher US-Vorbilder seiner Zeit und Vorjahre, darunter besonders auffällig „The Exorcist“ und „Poltergeist“, eingebunden freilich in einen ebenfalls entstehungsperiodisch angesagten Überbau aus ägyptischem Fluchgewese, Geistesübertragung und Mumienschanz. Wie beim Maestro üblich lohnt jedoch weniger der schlussendlich gewiss frustrierende Blick auf schlüssiges storytelling oder potente Dramaturgie denn vielmehr jener auf die mise en scène und, in Verbindung damit, Fulcis sich einmal mehr überdeutlich herauskristallisierenden auteurism. Auch in „Manhattan Baby“ perfektioniert der Regisseur abermals seinen grandiosen Blick für set pieces, Architekturen und natürlich seine berüchtigten eye pair shots, die besonders in dieser Arbeit geradezu inflationär vorkommen. Inszenatorisch erweist sich der Film dann auch als tadellose Darbietung eines bravourösen Formalisten, die einem das Eintauchen in seine metaperzeptiven Ebenen nicht eben leicht macht, jenes aber im Gelingensfalle umso reicher entlohnt. Da verzeiht man sogar, dass Komponist Fabio Frizzi große Teile seines „L’Aldilà“-Scores einfach bloß recycelt und um ein paar eklektische Jazz-Einlagen ergänzt. Zugleich markierte „Mahattan Baby“ nach „Gatto Nero“ einen weiteren, deutlichen Schritt fort vom schillernden grand guignol seiner über alle Stränge schlagenden Gore-Epen. Es gibt de facto lediglich eine, für Fulci-Verhältnisse zudem sehr moderate Splatter-Sequenz ganz am Schluss, in deren Zuge der arme, sich an Kindesstatt dem Bösen opfernde Cosmio Cinieri von ausgestopften (!) Vögeln zerhackt wird.
Für den in der Hauptrolle zu sehenden, primär als TV-Serien-Darsteller umtriebigen US-Akteur Christopher Connelly – eigentlich eine fast schon tragische Nebenfigur der Kinogeschichtsschreibung – läutete dieser sein Einsatz bei Fulci einen kleinen, zweiten Frühling als Star italienischer Genre- und Plagiatsfilme (unter Castellari, Deodato, Margheriti und Mattei konnte er immerhin mit einigen der besten arbeiten) ein, bevor er als starker Kettenraucher dann nur sechs Jahre später im Alter von 47 an Lungenkrebs starb.
Festzhalten bleibt, und das ist mir wichtig, dass „Manhattan Baby“ sehr viel besser ist als seine dünne Reputation und für wahre Liebhaber Fulcis eine Augenweide darstellen sollte.

7/10

MURDEROCK – UCCIDE A PASSO DI DANZA

Zitat entfällt.

Murderock – Uccide A Passo Di Danza ~ I 1984
Directed By: Lucio Fulci

Unter den Elevinnen einer Manhattaner Tanzschule geht die blanke Angst um: Nicht nur, dass sie sich mit enormem Leistungsdruck konfrontiert sehen, weil nur drei von ihnen für eine in Kürze geplante geplante Show in Frage kommen, wird zudem auch noch eines der Mädchen (Angela Lemerman) nach dem Untericht chloroformiert und dann mittels einer Hutnadel ermordet. Bei der einen Untat bleibt es nicht und so sieht sich der ermittelnde Lieutenant Borges (Cosimo Cinieri) mit einem Serienkiller konfrontiert. Die Spuren führen in alle möglichen Richtungen, während die Lehrerin Candice Norman (Olga Karlatos) ihrer ganz persönlichen Intuition nachgeht…

Nach seinem berühmten Splatterzyklus linste Lucio Fulci in alle möglichen Richtungen, die das multipel orientierte italienische Plagiats- und Genrekino jener Jahre so vorgab, bis er mit „Murderock – Uccide A Passo Di Danza“ wieder bei einem bewährten Leisten landete – beim Giallo nämlich. Dennoch nimmt sich der Film nicht allein seines New Yorker Settings wegen eher untypisch für diese in den Mittachtzigern zunehmend unprägnant werdende Thrillergattung aus; es fehlen ferner die breite, ehedem auch von Fulci selbst stark umschmeichelten Stilisierungstendenzen sowie ganz allgemein die oftmals in halluzinogene Sphären abdriftende Ästhetik der an Gialli reichen spätsechziger und siebziger Jahre. Stattdessen auch hier die Ausrichtung an amerikanischen Erfolgsformeln – Alan Parkers „Fame“ und Adrian Lynes „Flashdance“ als Repräsentanten der damals besonders bei Teenagern beliebten Popmusicals und Tanzfilme boten die sphärische Basis für das unter anderem von Gianfranco Clerici und Fulci ersonnene Script . Berühmte Szenen aus beiden Vorbildern finden sich jeweils mehr oder weniger sinnstiftend in den wild mäandernden Plot kopiert und eingeflochten. Cosimo Cinieri, der zuvor bereits dreimal mit Fulci gearbeitet hatte, ist als überaus cooler, durch nichts aus der Ruhe zu bringender Bulle zu sehen, der sich, ebenso wie das bewusst im Vagen belassene Publikum, zunächst mit diversen Verdächtigen herumzuplagen hat, wobei selbstverständlich sämtliche offensichtliche Fährten im Sande verlaufen, um am Ende einen (zumindest für halbwegs aufmerksame ZuschauerInnen nicht ganz unerwarteten) Twist präsentieren zu können. Dieser sich nach einiger Zeit etwas etwas ermüdend gestaltende Whodunit-Spießrutenlauf – und darin nähert sich „Murderock“ zumindest auf struktureller Ebene dann doch wieder dem klassischen Giallo an – besitzt wenig mehr Funktion denn die des Schindens von Erzählzeit, die freilich in keinem qualitativen Verhältnis zu der Arbeit des Regisseurs und dessen Mise-en-scène steht. Selbige offeriert sich nämlich wie bei Fulci gewohnt von weitgehend tadelloser Könnerschaft und Tiefenschärfe geprägt und sorgt neben den guten Darstellern dafür, dass der Film innerhalb seines selbstgesteckten Rahmens trotz der bisweilen dull erscheinenden Oberfläche stets interessant und involvierend bleibt.

7/10

LIBERI ARMATI PERICOLOSI

Zitat entfällt.

Liberi Armati Pericolosi (Bewaffnet und gefährlich) ~ I 1976
Directed By: Romolo Guerrieri

Ein etwas gestresster Mailänder Commissario (Tomas Milian) erfährt von der verzweifelten jungen Lea (Eleonora Giorgi), dass ihr Freund Luigi (Max Delys) gemeinsam mit seinen beiden besten Kumpels Mario (Stefano Patrizi), genannt „Blondie“ und Giovanni (Benjamin Lev), genannt „Joe“, plant, eine Tankstelle zu überfallen und auszurauben – mit Spielzeugpistolen. Die Waffen erweisen sich jedoch als höchst echt und der kurzerhand anberaumte Polizeieinsatz als Fiasko mit Toten. Für das juvenile Trio bedeutet dies lediglich den Beginn einer Amokfahrt quer durch die Stadt und die umliegende Provinz, in deren Zuge noch viele Opfer zu beklagen sein werden. Vor allem Blondie und Joe erweisen sich im Laufe der sich überschlagenden Ereignisse als immer gewaltaffineres Soziopathenduo, dem gegenüber Luigi nicht den Mut findet, sich von ihm loszusagen…

Und noch ein Thrillerdrama italienischer Provenienz rund um ein paar junge, delinquente Gewaltverbrecher auf großer Amoktour, den anderen anverwandten, just genossenen Genrevertretern in keiner Weise nachstehend. Im Vergleich zu Petrinis ein Jahr später entstandenem und von dem vorliegenden Werk fraglos stark beeinflussten „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ entfällt der unmittelbare Sleazefaktor in diesem von Fernando Di Leo ersonnenen Katz-und-Maus-Spiel weitgehend und es verzichtet zugunsten seiner zum Scheitern verurteilten Fluchtgeschichte nebst einer Vielzahl wechselnder Schauplätze auf die räumliche Geschlossenheit eines hermetischen Kidnapping-Szenarios. Stattdessen verheddern sich die drei jungen, wiederum aus bourgeoisem Hause stammenden Männer immer weiter in ihrer einmal losgetretenen Gewaltspirale, die im Laufe ihrer Reise, zu deren Partizipation sie irgendwann auch die eigentlich unbeteiligte Lea (auf die der emotional schwer gestörte Mario offenbar ein Auge geworfen hat) zwingen, beinahe grotesk eskaliert – unter anderem erschießen sie im Zuge eines gemeinsam geplanten Überfalls auf einen Supermarkt kurzerhand die Handvoll weiterer beteiligter Freunde, die ihnen offenbar schon seit Längerem Dornen im Auge sind. Später müssen neben diversen poliziotti unter anderem noch zwei unkooperative Dokumentenfälscher (Salvatore Billa, Carmelo Reale) oder ein überrumpelter deutscher Camper (Peter Berling) nebst seinem Filius (n.n.) dran glauben.
Vergleichsweise ungewöhnlich und dabei ein ebenso rarer wie schöner Indikator für dessen mimische Wandlungsfähigkeit bildet der Einsatz Tomas Milians, der hier einmal nicht als greller Gangster oder wilder Strickmützen-Bulle überagieren muss, sondern seinen (namenlos bleibenden) Kriminalen zurückhaltend und, ordentlich bezwirnt, gediegen interpretiert. Sorgenvoll mahlen seine Kiefer, wenn er von den neuesten Schandtaten der Gewaltverbrecher erfahren muss. Einmal hält er den versammelten Erziehungsberechtigten (u.a. Venantino Venantini) des trio infernale sogar eine harte Standpauke über verhängnisvolle Vernachlässigung und versemmelte Pädagogik, deren furchtbares Resultat Milano nunmehr mit einer Blutspur überzieht und für die der Kommissar den Alten die direkte moralische Verantwortung auferlegt.

8/10