MANHATTAN BABY

Zitat entfällt.

Manhattan Baby (Amulett des Bösen) ~ I 1982
Directed By: Lucio Fulci

Der Altertumsforscher George Hacker (Christopher Connelly) befindet sich mit Gattin Emily (Laura Lenzi) und Tochter Susie (Brigitta Boccoli) in Ägypten, um die letzte Ruhestätte des Pharaos Habnubenor zu examinieren. Just während Hacker die finstere Grabkammer betritt, erhält die kilometerweit entfernte Susie von einer blinden Alten ein Amulett mit dem Horusauge, von dem sich auch ein größeres Abbild in der Gruft befindet. Jenes verschießt einen Strahl, der Hacker erblinden lässt. Zurück in Manhattan häufen sich die seltsamen Ereignisse: Sowohl Susie als auch ihr kleiner Bruder Tommy (Giovanni Frezza) legen sonderbare Verhaltensweisen an den Tag; enge Bekannte der Hackers, darunter Emilys Reporterkollege Luke (Carlo De Mejo) verschwinden spurlos oder sterben eines mysteriösen Todes. Zwar erhält George sein Augenlicht zurück, doch Susie erkrankt schwer. Der hellseherisch begabte Trödler Arian Mercato (Cosimo Cinieri) klärt die Hackers auf: Habnubenors böser Geist fordert seinen Tribut…

In direkter Folge zu seinem berüchtigten, harten Serienkiller-Klopper „Lo Squartatore Di New York“ nahm sich Fulci dieser wiederum höchst übersinnlich konnotierten Geschichte an, in der Co-Autor Dardano Sacchetti sein vortreffliches Talent als Wursteinkäufer trefflich zu präsentieren wusste: Inhaltlich verwebt „Manhattan Baby“ Elemente diverser kommerziell erfolgreicher US-Vorbilder seiner Zeit und Vorjahre, darunter besonders auffällig „The Exorcist“ und „Poltergeist“, eingebunden freilich in einen ebenfalls entstehungsperiodisch angesagten Überbau aus ägyptischem Fluchgewese, Geistesübertragung und Mumienschanz. Wie beim Maestro üblich lohnt jedoch weniger der schlussendlich gewiss frustrierende Blick auf schlüssiges storytelling oder potente Dramaturgie denn vielmehr jener auf die mise en scène und, in Verbindung damit, Fulcis sich einmal mehr überdeutlich herauskristallisierenden auteurism. Auch in „Manhattan Baby“ perfektioniert der Regisseur abermals seinen grandiosen Blick für set pieces, Architekturen und natürlich seine berüchtigten eye pair shots, die besonders in dieser Arbeit geradezu inflationär vorkommen. Inszenatorisch erweist sich der Film dann auch als tadellose Darbietung eines bravourösen Formalisten, die einem das Eintauchen in seine metaperzeptiven Ebenen nicht eben leicht macht, jenes aber im Gelingensfalle umso reicher entlohnt. Da verzeiht man sogar, dass Komponist Fabio Frizzi große Teile seines „L’Aldilà“-Scores einfach bloß recycelt und um ein paar eklektische Jazz-Einlagen ergänzt. Zugleich markierte „Mahattan Baby“ nach „Gatto Nero“ einen weiteren, deutlichen Schritt fort vom schillernden grand guignol seiner über alle Stränge schlagenden Gore-Epen. Es gibt de facto lediglich eine, für Fulci-Verhältnisse zudem sehr moderate Splatter-Sequenz ganz am Schluss, in deren Zuge der arme, sich an Kindesstatt dem Bösen opfernde Cosmio Cinieri von ausgestopften (!) Vögeln zerhackt wird.
Für den in der Hauptrolle zu sehenden, primär als TV-Serien-Darsteller umtriebigen US-Akteur Christopher Connelly – eigentlich eine fast schon tragische Nebenfigur der Kinogeschichtsschreibung – läutete dieser sein Einsatz bei Fulci einen kleinen, zweiten Frühling als Star italienischer Genre- und Plagiatsfilme (unter Castellari, Deodato, Margheriti und Mattei konnte er immerhin mit einigen der besten arbeiten) ein, bevor er als starker Kettenraucher dann nur sechs Jahre später im Alter von 47 an Lungenkrebs starb.
Festzhalten bleibt, und das ist mir wichtig, dass „Manhattan Baby“ sehr viel besser ist als seine dünne Reputation und für wahre Liebhaber Fulcis eine Augenweide darstellen sollte.

7/10

Werbeanzeigen

MURDEROCK – UCCIDE A PASSO DI DANZA

Zitat entfällt.

Murderock – Uccide A Passo Di Danza ~ I 1984
Directed By: Lucio Fulci

Unter den Elevinnen einer Manhattaner Tanzschule geht die blanke Angst um: Nicht nur, dass sie sich mit enormem Leistungsdruck konfrontiert sehen, weil nur drei von ihnen für eine in Kürze geplante geplante Show in Frage kommen, wird zudem auch noch eines der Mädchen (Angela Lemerman) nach dem Untericht chloroformiert und dann mittels einer Hutnadel ermordet. Bei der einen Untat bleibt es nicht und so sieht sich der ermittelnde Lieutenant Borges (Cosimo Cinieri) mit einem Serienkiller konfrontiert. Die Spuren führen in alle möglichen Richtungen, während die Lehrerin Candice Norman (Olga Karlatos) ihrer ganz persönlichen Intuition nachgeht…

Nach seinem berühmten Splatterzyklus linste Lucio Fulci in alle möglichen Richtungen, die das multipel orientierte italienische Plagiats- und Genrekino jener Jahre so vorgab, bis er mit „Murderock – Uccide A Passo Di Danza“ wieder bei einem bewährten Leisten landete – beim Giallo nämlich. Dennoch nimmt sich der Film nicht allein seines New Yorker Settings wegen eher untypisch für diese in den Mittachtzigern zunehmend unprägnant werdende Thrillergattung aus; es fehlen ferner die breite, ehedem auch von Fulci selbst stark umschmeichelten Stilisierungstendenzen sowie ganz allgemein die oftmals in halluzinogene Sphären abdriftende Ästhetik der an Gialli reichen spätsechziger und siebziger Jahre. Stattdessen auch hier die Ausrichtung an amerikanischen Erfolgsformeln – Alan Parkers „Fame“ und Adrian Lynes „Flashdance“ als Repräsentanten der damals besonders bei Teenagern beliebten Popmusicals und Tanzfilme boten die sphärische Basis für das unter anderem von Gianfranco Clerici und Fulci ersonnene Script . Berühmte Szenen aus beiden Vorbildern finden sich jeweils mehr oder weniger sinnstiftend in den wild mäandernden Plot kopiert und eingeflochten. Cosimo Cinieri, der zuvor bereits dreimal mit Fulci gearbeitet hatte, ist als überaus cooler, durch nichts aus der Ruhe zu bringender Bulle zu sehen, der sich, ebenso wie das bewusst im Vagen belassene Publikum, zunächst mit diversen Verdächtigen herumzuplagen hat, wobei selbstverständlich sämtliche offensichtliche Fährten im Sande verlaufen, um am Ende einen (zumindest für halbwegs aufmerksame ZuschauerInnen nicht ganz unerwarteten) Twist präsentieren zu können. Dieser sich nach einiger Zeit etwas etwas ermüdend gestaltende Whodunit-Spießrutenlauf – und darin nähert sich „Murderock“ zumindest auf struktureller Ebene dann doch wieder dem klassischen Giallo an – besitzt wenig mehr Funktion denn die des Schindens von Erzählzeit, die freilich in keinem qualitativen Verhältnis zu der Arbeit des Regisseurs und dessen Mise-en-scène steht. Selbige offeriert sich nämlich wie bei Fulci gewohnt von weitgehend tadelloser Könnerschaft und Tiefenschärfe geprägt und sorgt neben den guten Darstellern dafür, dass der Film innerhalb seines selbstgesteckten Rahmens trotz der bisweilen dull erscheinenden Oberfläche stets interessant und involvierend bleibt.

7/10

LIBERI ARMATI PERICOLOSI

Zitat entfällt.

Liberi Armati Pericolosi (Bewaffnet und gefährlich) ~ I 1976
Directed By: Romolo Guerrieri

Ein etwas gestresster Mailänder Commissario (Tomas Milian) erfährt von der verzweifelten jungen Lea (Eleonora Giorgi), dass ihr Freund Luigi (Max Delys) gemeinsam mit seinen beiden besten Kumpels Mario (Stefano Patrizi), genannt „Blondie“ und Giovanni (Benjamin Lev), genannt „Joe“, plant, eine Tankstelle zu überfallen und auszurauben – mit Spielzeugpistolen. Die Waffen erweisen sich jedoch als höchst echt und der kurzerhand anberaumte Polizeieinsatz als Fiasko mit Toten. Für das juvenile Trio bedeutet dies lediglich den Beginn einer Amokfahrt quer durch die Stadt und die umliegende Provinz, in deren Zuge noch viele Opfer zu beklagen sein werden. Vor allem Blondie und Joe erweisen sich im Laufe der sich überschlagenden Ereignisse als immer gewaltaffineres Soziopathenduo, dem gegenüber Luigi nicht den Mut findet, sich von ihm loszusagen…

Und noch ein Thrillerdrama italienischer Provenienz rund um ein paar junge, delinquente Gewaltverbrecher auf großer Amoktour, den anderen anverwandten, just genossenen Genrevertretern in keiner Weise nachstehend. Im Vergleich zu Petrinis ein Jahr später entstandenem und von dem vorliegenden Werk fraglos stark beeinflussten „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ entfällt der unmittelbare Sleazefaktor in diesem von Fernando Di Leo ersonnenen Katz-und-Maus-Spiel weitgehend und es verzichtet zugunsten seiner zum Scheitern verurteilten Fluchtgeschichte nebst einer Vielzahl wechselnder Schauplätze auf die räumliche Geschlossenheit eines hermetischen Kidnapping-Szenarios. Stattdessen verheddern sich die drei jungen, wiederum aus bourgeoisem Hause stammenden Männer immer weiter in ihrer einmal losgetretenen Gewaltspirale, die im Laufe ihrer Reise, zu deren Partizipation sie irgendwann auch die eigentlich unbeteiligte Lea (auf die der emotional schwer gestörte Mario offenbar ein Auge geworfen hat) zwingen, beinahe grotesk eskaliert – unter anderem erschießen sie im Zuge eines gemeinsam geplanten Überfalls auf einen Supermarkt kurzerhand die Handvoll weiterer beteiligter Freunde, die ihnen offenbar schon seit Längerem Dornen im Auge sind. Später müssen neben diversen poliziotti unter anderem noch zwei unkooperative Dokumentenfälscher (Salvatore Billa, Carmelo Reale) oder ein überrumpelter deutscher Camper (Peter Berling) nebst seinem Filius (n.n.) dran glauben.
Vergleichsweise ungewöhnlich und dabei ein ebenso rarer wie schöner Indikator für dessen mimische Wandlungsfähigkeit bildet der Einsatz Tomas Milians, der hier einmal nicht als greller Gangster oder wilder Strickmützen-Bulle überagieren muss, sondern seinen (namenlos bleibenden) Kriminalen zurückhaltend und, ordentlich bezwirnt, gediegen interpretiert. Sorgenvoll mahlen seine Kiefer, wenn er von den neuesten Schandtaten der Gewaltverbrecher erfahren muss. Einmal hält er den versammelten Erziehungsberechtigten (u.a. Venantino Venantini) des trio infernale sogar eine harte Standpauke über verhängnisvolle Vernachlässigung und versemmelte Pädagogik, deren furchtbares Resultat Milano nunmehr mit einer Blutspur überzieht und für die der Kommissar den Alten die direkte moralische Verantwortung auferlegt.

8/10

OPERAZIONE KAPPA: SPARATE A VISTA

Zitat entfällt.

Operazione Kappa: Sparate A Vista (Kidnapping …ein Tag der Gewalt) ~ I 1977
Directed By: Luigi Petrini

Paolo (Mario Cutini), ein junger römischer Tagedieb, der die Oberklasse vor allem dafür hasst, dass er selbst nichts im Portemonnaie hat, freundet sich am Morgen nach einer für beide frustrierenden Luxusparty mit dem irrlichternden Professorensohn Giovanni (Marco Marati) an. Ein brüderlich geteilter Joint – und Giovanni weicht Paolo nicht mehr von der Seite. Eine explosive Mischung, wie sich umgehend zeigt. Infolge einer kurzerhand exerzierten, zweifachen Vergewaltigung, deren eines Opfer (Linda Sini) die Tat nicht überlebt, werden die beiden von der Polizei gesucht. Nachdem sie sich auf Umweg Waffen besorgt haben, nehmen sie die Gäste eines Nobelrestaurants als Geiseln – eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Aktion.

Marodierende Kids oder gemeinhin jüngere Leute zwischen Gammlertum, psychischer Labilität und wütender Perspektivlosigkeit bildeten eine beliebte Zielscheibe der späteren, zunehmend reaktionärer werdenden Ausprägung des italienischen Genre- und Sleaze-Fachs. Ähnlich dem letzthin in Augenschein genommenen, allerdings wesentlich differenzierter zu Werke gehenden „Fango Bollente“ zentriert sich auch „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ um zwei „gemischtschichtige“ Taugenichtse, die das Schicksal zusammenführt, um sie eine blutige Spur der Gewalt zeichnen zu lassen. Inhaltliches Herzstück ist die kopflose Kidnapping-Operation der beiden sich mit Drogen bei Laube haltenden Burschen, die sich, abseits von ihrer gemeinsamen Aggression wider das Establishment, dann doch ein wenig unterscheiden. Zumindest in seiner, wenngleich armseligen, Rebellion gegen die Gesellschaft bewahrt Paolo gewissermaßen ein authentisches Wesen; Giovanni derweil ist ein angesichts seines ewig fordernden Elternhauses deprimierter, zudem sexuell gehemmter Hänfling, der in Paolo ein lang herbeigesehntes Idol und somit eine personifizierte Sublimierungsoption für seine Minderwertigkeitskomplexe findet. Erst ihr fataler Schulterschluss ermöglicht die spätere Eskalation.
Luigi Petrini, der ansonsten eher im Komödien- und Romantik-Segment umtriebig war, hat sich mit „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ offensichtlich selbst ein gehöriges Maß an Frust von der Seele geschrieben. Der Film entpuppt sich als ziemlich offensiver Exploiter mitsamt recht unappetitlichen Sexszenen und einem analog dazu wenig schmeichelhaften Frauenbild, das sogar in einen ziemlich wilden „Stockholm-Syndrom“-Strang mündet – eine der Geiseln (Maria Pia Conte) entdeckt Gefühle für den rüpelhaften Paolo (der im Laufe der Geiselaffäre natürlich doch noch manch weichen Zug offenbart). Ein veritabler italienischer Kidnapping-Reißer wäre ferner nichts ohne wackeren, natürlich immens coolen Ispettore, hier gegeben von keinem Geringeren als dem sonst vornehmlich höchstselbst als Regisseur tiefenschmieriger Sleaze- und Pornokost umtriebigen Mario Bianchi als ziemlich armseligem Maurizio-Merli-Substitut. Die offenbar Bianchi zu Gefallen ins Script gesetzten Sequenzen, in der der Inschpektor seiner höchst besorgten Freundin (Maria Francesca) erläutert, warum vor allem kernige Typen wie er diesen beschissenen Job auszuüben haben, sollten offenbar als kleine Atempausen von dem zerberstend spannenden Restaurant-Szenario fungieren, sind aber bloß völlig alberne Bremsklötze.
Absolut und unbedingt hervorzuheben schließlich die exorbitante Berliner Synchronfassung um die zwei Stimmenstars Ulrich Gressieker und Michael Nowka, die nicht nur diese beiden mittels eines Gossensprechs parlieren lässt, der in jenen Tagen sonst nur im übelriechendsten Saal des Bahnhofskinos zu hören war.
Ergo ein ganz großer Lumpenfeudel allerbester, leuchtender filmischer Schimmelpilzkultur!

7/10

FANGO BOLLENTE

Zitat entfällt.

Fango Bollente (Die grausamen Drei) ~ I 1975
Directed By: Vittorio Salerno

Dem in einem Wissenschaftszentrum bei Turin angestellten Ovidio Mainardi (Joe Dallsandro) reißt eines Tages eine für das friedvolle soziale Miteinander unabdingbare Sicherung und er beginnt mit seinen zwei Kollegen Giacomo (Gianfranco De Grassi) und Peppe (Guido De Carli), seine tiefschlummernden Aggressionen rücksichtslos auszuleben. Nachdem das Trio eine Massenschlägerei im örtlichen Fußballstadion initiiert, kommt es erst recht auf den Geschmack: Mord und Vergewaltigung werden zur liebsten Freizeitbeschäftigung der grausamen Drei…

Was, wenn das Über-Ich plötzlich seinen Dienst versagt und das Es nebst Libido und Thantos die Herrschaft ergreift? Auftritt Joe Dallesandro, dem man seinen sukzessiven, mit seelenruhigem Gestus präservierten Amoklauf sowie seine höchst spezifische Auslegung des ohnehin diskutierbedürftigen Gesellschaftsmodells „Anarchie“ nur allzu gern abkauft. Niemand konnte so eiskalt lächeln, bitterböse agieren und dabei so gut aussehen wie er. Dies konnte Dallesandro im italienischen Genrekino jener Tage ja gleich mehrfach eindrucksvoll unter Beweis stellen, in „Fango Bollente“ jedoch trieb er jenes persönliche Spezialfach zu schweißtreibender Perfektion. Gemeinsam mit zwei nicht minder kurzluntig bestückten Adlati verabreicht er dem jüngst wieder in so traurige Mode gekommenen Terminus des „Wutbürgers“ eine gänzlich authentische Inkarnation, wenn er seinem ihm offenbar persönlichkeitsstrukturell innewohnenden Habitus des Sadisten freien Lauf lässt und in der Folge jedem einzelnen Provokateur seines Alltagsumfelds umgehend die wortwörtliche Rote Karte zeigt. Seien es ein frecher LKW-Fahrer, eine Hure und ihr messerschwingender Zuhälter, ein Taxi-Chauffeur, zwei Society-Schnepfen, ein Verkehrspolizist oder gar die eigene Gattin: Vor Ovidio Mainardi und seinen beiden Erfüllungsgehilfen ist fortan niemand mehr sicher.
Natürlich gibt es ein bereits dramaturgisch unabdingbares Gegenwicht in der Person des klugen, jedoch ebenfalls zur situativbedingten Aggression neigenden Polizisten Santagà (Enrico Maria Salerno), der hinter Mainardis stoisch-unterkühlter Fassade schon früh eine unheimliche Diabolik wittert und sich nach und nach an dessen Fersen haftet.
Salernos kleines Meisterwerk „Fango Bollente“ markiert eine innerhalb der Grenzen des Poliziottesco eher ungewöhnlich sozialkritische Studie, die von der Explosivität urbaner Einpferchung berichtet und zu dem ebenso erschreckenden wie einleuchtend-nüchternen Schluss kommt, dass eine wachsende Menschenansammlung einzelne Miglieder zwangsläufig über den schmalen Grat der Sozialräson stolpern lässt, je dichter sie nur besiedelt ist (parallel zu Mainardis kleinem Ad-Hoc-Experiment mit weißen Ratten zu Beginn der Geschichte).
Ein wenig erinnern der Film und seine beiden Antagonisten an Lenzis ein Jahr zuvor entstandenen  „Milano Odia: La Polizia Non Può Sparare“, in dem sich Henry Silva und Tomas Milian in analoger Konstellation gegenüber standen. Und auch, wenn Salerno diesen Vergleich nach eigenem Bekunden überhaupt nicht mochte (wer könnte es ihm verdenken?), kann „Fango Bollente“ zumindest eine prinzipielle Beeinflussung durch Kubricks Burgess-Adaption „A Clockwork Orange“ nicht fortleugnen, obschon sich im vorliegenden Falle kein dystopisches, sondern ein fatalistisches (wenngleich weithin entpolitisiertes) Gegenwartsbild der blutigen, italienischen anni di piombo gezeichnet findet.

8/10

E TANTA PAURA

Zitat entfällt.

E Tanta Paura (Magnum 45) ~ I 1976
Directed By: Paolo Cavara

Gleich zwei Personen der höheren Mailänder Gesellschaft werden in kurzem Zeitabstand brutal ermordet aufgefunden, wobei an beiden Tatorten Illustrationen aus Heinrich Hoffmanns Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ hinterlassen sind. Für den ermittelnden Inspettore Lomenzo (Michele Placido) gilt es, dem Täter möglichst rasch auf die Spur zu kommen, bevor dieser wieder zuschlägt. Doch es geschehen bald weitere Verbrechen nach demselben Profil. Lomenzo findet mithilfe seiner leichtlebigen Nachbarin Jeanne (Corinne Cléry) heraus, dass sämtliche Opfer Mitglieder des Exklusivklubs „Freunde der Natur“ waren und einst im Hause des mittlerweile verstorbenen Gesellschaftslöwen Hoffmann (John Steiner) verkehrten, wo man nicht nur der gemeinsamen Liebe zu exotischen Tieren frönte, sondern auch der zu ausgefallenen Exzessen. Auch die in großem Stil zu Werke gehende Detektei des alternden Pietro Riccio (Eli Wallach) ist in die Ereignisse verwickelt…

Mit „E Tanta Paura“ reichte der vormalige „Mondo“-Urheber Paolo Cavara eine genreübergreifende Italo-Sleaze-Granate ersten Ranges, die Elemente des splattrigen Giallo, des Poliziottesco und sogar der Commedia Sexy vereinte und hernach zu einer ebenso wahnwitzigen wie lustvoll aufbereiteten Kinobreitseite melangierte. Die ProtagonistInnen des Films, selbst der von Michele Placido gespielte Inspektor, sind durch die Bank dem libertären Zeitgeist der Mittsiebziger verbunden, der einen nahezu rücksichtslosen Hedonismus präservierte. Man raucht, trinkt, nascht Konfekt und promiskuiert, was das Zeug hält, jede freie Minute dient sozusagen der reuelosen Lust zwischen Disco und Heia. Schöne Damen sind zumeist willige Fortomodels und grundsätzlich bisexuell, garantiert nichts brennt an. In einem derart aufzeizenden Makrokosmos muss es sogar Spaß machen, einen Serienmörder zu jagen, daran lässt „E Tanta Paura“ keinerlei Zweifel. Auch sonst hält Cavara sein Publikum bei der Stange, die etwas willkürlich eingeflochtenen Wendungen bis hin zu einem sich in seinen diversen twists selbst nicht mehr zurecht findenden Finale werden flankiert von regelmäßigen Nuditäten und einer vorbildlichen Verfolgungssequenz mit anschließender Prügelei. Hinzu kommt die großartig-eklektische Besetzung, in deren Reihen sich neben den Erwähnten auch Jacques Herlin sowie der damals kurzzeitig in Bella Italia befindliche Tom Skerritt (als Placidos Vorgesetzter) verirrten.
Sonderlich spannend, zumindest im Sinne klassischer Thrillerstrukturen, nimmt sich „E Tanta Paura“ dabei zugegebenermaßen nicht aus; er lebt vielmehr von der perlenartigen Aneinanderreihung all seiner vielen, kleinen Unfassbarkeiten (wie einer merkwürdigen Orgienszene in der Villa Hoffmann nebst Schimpanse und Tiger, in deren Zuge unter anderem auch eine bizarre Trickporno-Sequenz von Gibba prominiert), die dann am Ende doch noch eine erstaunlich funktionales Homogenitätsbild hinterlassen. Die deutsche (Video-) Vermarktung in den Achtzigern gab derweil ein hübsches Beispiel für die oftmalige Hilflosigkeit der diversen Kleinstlabel ab, ihre Medien an den Mann zu bringen: Weder „Ein Mann jagt das Gesetz!“ noch „Die letzte Chance eines Bullen“, wie das nach billigem Actionfach müffelnde VHS-Cover mit dem gänzlich unpassenden Titel „Magnum 45“ zuzusichern versuchte, markieren Versprechen, die der Film zu halten im Stande war. Im Gegenzug erhielt man dann aber eine ganz anders gepackte Wundertüte.
Obskur, bizarr, schön!

8/10

VACANZE PER UN MASSACRO

Zitat entfällt.

Vacanze Per Un Massacro (Toy) ~ I 1980
Directed By: Fernando Di Leo

Der Bankräuber Joe Brezzi (Joe Dallesandro) flieht aus dem Knast um seine sorgsam versteckte Millionenbeute einzusacken und damit um die Welt zu tuckern. Die Lire befinden sich, eingemauert unterhalb eines Kamins, in einer kleinen Jagdhütte nördlich von Rom, die mittlerweile dem Ehepaar Sergio (Gianni Macchia) und Liliana (Patrizia Behn) gehört. Ausgerechnet als Joe vor Ort eintrifft, kommen auch Sergio und Liliana nebst deren verluderter Schwester Paola (Lorraine De Selle) an, um ihr Wochenende dort zu verbringen. Was die treue Liliana nicht weiß, hat der sich anfangs versteckt haltende Joe bereits nach wenigen Stunden spitz: Sergio und Paola setzen der Ahnungslosen Hörner auf, wie und wo es nur geht. Als Sergio zu einem Jagdausflug aufbricht, nutzt Joe die Gunst der Stunde und überwältigt die zurückgebliebenen Frauen nicht nur mit seinem räudigen Charme. Mit Sergios Rückkehr erhält die mittlerweile transparent gewordene Beziehungskonstellation nochmals eine weitere Brisanz. Wer überlebt den mörderischen Ringelreihen?

Joe Dallesandro, genannt „Little Joe“, ist schon eine Marke. Das als ausnehmend maskulin und viril gefeierte, kernige Idol der Warhol-Factory führte seine frühe Biographie als familiär entwurzelten, kriminellen jungen Mann von Florida nach New York und durch diverse Besserungsanstalten und Erziehungsheime, bis Andy Warhol und Paul Morrissey ihn zufällig entdeckten und kurz darauf bereits zum Star einer eigenen Filmtrilogie machten. Danach ging es nach Europa, wo Dallesandro zunächst weiter mit Morrissey arbeitete und dann, ganz ähnlich wie sein zweimaliger Partner Udo Kier oder Helmut Berger eine wechselvolle Karriere zwischen erbittertem Sleaze und hehrer Filmkunst beging, die ihn in die Arme kleiner Schundproduzenten ebenso trieb wie in die von ein paar der anerkanntesten Regisseure des letzten Jahrhunderts. Der 1980 entstande „Vacanze Per Un Massacro“ fällt natürlich in erstere Kategorie. Als „Terror“- und/oder „Home Invasion“-Film reiht sich Di Leos böses, kleines Schmierpsychogramm relativ nahtlos ein in eine kleine, zeitgenössische Phalanx ganz ähnlich gefärbter Werke wie Franco Prosperis „La Settima Donna“, Ferdinando Baldis „La Ragazza Del Vagone Letto“ oder Ruggero Deodatos „La Casa Sperduta Nel Parco“. All diesen Arbeiten ist neben ihrer grundsätzlichen atmosphärischen Nähe zum großen Vorbild „The Last House On The Left“ gemein, dass sie ein sehr pessimistisches, misanthropisches Bild eines funktionalen Zusammenlebens der Geschlechter entwerfen, harmonische Zweisamkeit vielleicht sogar als unerreichbare Utopie beschwören. So geht es auch in „Vacanze Per Un Massacro“ hauptsächlich um die Verlogenheit eines scheinbaren Eheidylls, das erst durch die Intervention eines primär instinktgesteuerten Gewaltverbrechers offengelegt und geradegerückt werden werden kann. Einzig die verblendete, brave Liliana geht in all ihrer vormaligen Naivität als unschuldiges Viertel des Quartetts durch, zumindest bis Joe ihr mit aller Härte einbläut, in welchem Vipernnest sie sich lange Zeit gut aufgehoben glaubte: Ihre Schwester Paola ist ein moralisch zutiefst verdorbenes, nymphomanes Früchtchen, das selbst seine (bewusst ausgestellte) Vergewaltigung durch Joe als beiläufigen, sogar gefälligen Akt abtut und den später wiederum durch Joe erzwungenen, öffentlichen Koitus mit ihrem Schwager wie dieser auch offenbar sehr genießt. Der armen Liliana offenbart sich dadurch, auf forciertem Wege und vermutlich nicht unbedingt zu ihrem psychischen Benefizium, binnen weniger Stunden die ganze Niedertracht des Menschengeschlechts, wofür auch sie am Ende ihre Rache einfordert. Wie es danach mit ihr weitergeht, lässt sich nur mutmaßen, aber es wäre wenig verwunderlich, wenn auch sie sich auf den verlockenden Pfad der Verlotterung begäbe, mit der Kohle durchbrennt und selbst zum Arschloch wird. Di Leo, der vor allem in späteren Karrierejahren die dem Gesellschaftsleben inhärente Schwärze abbildete, setzt hinsichtlich seiner Dramaturgie dabei weniger auf Gewalt denn auf Sexploitation. Behaglicher macht dies seinen rotzigen Film keineswegs.

7/10