QUE DIOS NOS PERDONNE

Zitat entfällt.

Que Dios Nos Perdonne (Die Morde von Madrid) ~ E 2016
Directed By: Rodrigo Sorogoyen

Im heißen Sommer 2011 erwartet ganz Madrid den Besuch von Papst Benedikt XVI., derweil ein geisteskranker Serienmörder, der es auf ältere Damen abgesehen hat, die Stadt unsicher macht. Für die beiden ungleichen Ermittler Velarde (Antonio de la Torre) und Alfaro (Roberto Álamo) ein Fall, der sie beide auf jeweils ganz furchtbare Weise ihren ureigenen inneren Dämonen zuführen wird…

Zwar bilden die Mörderhatz, das Profiling, die allmählich fortschreitende Identifizierung und die haarscharfen Habhaftwerdungen rund um den von einem sich auf tödliche Weise sublimierenden Mutterkomplex gebeutelten Killer (Javier Pereira) und dessen Untaten das narrative Rückgrat dieses hervorragenden Films, entpuppen sich im weiteren Verlauf der Ereignisse jedoch als Reflexionsfläche für die sich ebenfalls zunehmend abgründig präsentierenden Polizei-Kommissare. Velarde stottert, hat stark autistische Züge und lebt nahezu völlig isoliert, unfähig, eine zwischenmenschliche Beziehung, sei sie freundschaftlicher oder romantischer Natur, zu pflegen. Der zwischenzeitliche, zarte und vor allem aufrichtige Annäherungsversuch einer Hausangestellten (María Ballesteros) endet zunächst entsprechend katastrophal. Alfaro hat derweil ein gewaltiges Problem mit seiner latenten Aggressivität und seiner oftmals ins Cholerische abgleitenden Unbeherrschtheit, die nicht bloß ein vorlauter Kollege (Luis Zahera) unmittelbar zu spüren bekommt. Als er herausbekommt, dass seine Frau ihn betrügt, beginnt er haltlos zu saufen und verliert jedweden Boden unter den Füßen.
Es ist dieser Mut, seine vermeintlichen Helden als im Fallen begriffen zu zeigen, die „Que Dios Nos Perdonne“ zu etwas Besonderem innerhalb des jüngeren Polizeifilms macht. Freilich, zur Genreapodiktik gehört seit jeher, den oder die Protagonistin als in einer oder mehrerlei Hinsicht fragil, rissig, angreifbar darzustellen, sei es durch allzuviel Diensteifer, Drogen- oder Trunksucht, Einsamkeit, eine entfleuchte Partnerin oder ähnliche psychische Fallstricke. Selten jedoch ließ sich das menschliche Versagen der eigentlich doch als Helden genutzten Polizisten derart schmerzhaft und involvierend an, wofür primär wohl Sorogoyens höchst empathischer, dichter Inszenierungsstil verantwortlich zu machen ist.
Man sollte insofern nicht den Fehler begehen, einen straighten, traditionsaffinen Polizeikrimi zu erwarten; etwas, was ich einigen Kurzberichten zu „Que Dios Nos Perdonne“ entnehmen konnte, die häufig „unnötige Längen“ monierten oder sich darüber enttäuscht zeigten, dass es dem Film an Spannung oder Suspense (gemeint ist wohl eher: Zugkraft) fehle. Eine meines Erachtens stark ins Leere laufende Einschätzung, da Sorogoyen einen solchen (ordinär gestalteten) Film gewiss gerade nicht im Sinne gehabt haben wird.

8/10

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HOLD THE DARK

„We’ll take care of this, I promise.“

Hold The Dark (Wolfsnächte) ~ USA 2018
Directed By: Jeremy Saulnier

Alaska, 2004. Der Wolfsexperte und Buchautor Russell Core (Jeffrey Wright) kommt auf briefliches Bitten einer jungen Frau namens Medora Slone (Riley Keough) in die verschneite Ödnis des Dörfchens Keelut. Während Medoras Mann Vernon (Alexander Skarsgård) im Irak stationiert ist, hat offenbar ein Wolf ihren kleinen Sohn (Beckam Crawford) verschleppt und getötet. Core soll das Tier finden und töten. Er spürt ein Wolfsrudel auf, verschont die Tiere jedoch. Als derweil Vernon Slone im Gefecht schwer verwundet wird, bedeutet dies seine Heimreise. Vor Ort angekommen erfährt er vom Tod seines Sohnes und den wahren Umständen seines Ablebens, derer sich mittlerweile auch Core überzeugen konnte: In Wahrheit hat Melora den Jungen stranguliert und die Leiche im Keller ihres Hauses versteckt. Sie selbst ist mittlerweile geflohen. Vernon begibt sich an die amokartige Verfolgung seiner Frau, flankiert von seinem alten Freund, dem Indianer Cheeon (Julian Black Antelope), dessen Sohn ebenfalls getötet wurde und der es allein mit einer polizeilichen Übermacht aufnimmt. Gemeinsam mit Sheriff  Marium (James Badge Dale) folgt er wiederum der Spur Vernons.

Dass Jeremy Saulnier ein Guter ist, daran gibt es für mich spätestens jetzt keinerlei Zweifel mehr. Seinen ersten Film habe ich noch nicht gesehen, der zweite, „Blue Ruin“, ist eine nahezu brillante Studie um eine sich emporschwingende Gewaltspirale – ein Thema, dass auch sein komplexitätsreduzierter und insofern geflissentlich nachlassender, dritter Film „Green Room“ aufgreift, der nebenbei recht erfolgreich mit der Gattung des Terrorfilms liebäugelt. Die Literaturverfilmung „Hold The Dark“ entstand nun als Netflix-Produktion, ein Umstand, der die internationale Cinephilie grundsätzlich etwas scheel dreinblicken lässt. Netflix bedeutet nämlich in aller Regel die absatzbedingte Vorenthaltung eines Leinwandeinsatzes und stattdessen die ungleich breitere, faktisch allgemeine Verfügbarkeit für ein grundsätzlich zu misstrauendes Massenpublikum. So oder ähnlich dürften etliche der Ressentiments gegen den Netzriesen verwurzelt sein und ich muss zugeben, dass sie auch aus meiner Sicht eine gewisse immanente Berechtigung in sich tragen. Auch ich genieße Netflix weiterhin grundsätzlich mit Vorsicht, wenngleich ich darin weniger einen medialen Beelzebub noch die allgemeine Negation des Kinos vermuten möchte. Was „Hold The Dark“ anbelangt, so glaube ich sogar, dass Saulnier und seinem treuen Autoren Macon Blair die künstlerische Freiheit, die ihnen für ihren Film zuteil wurde, einem kreativen Freischwimmer gleichkommt. Sein jüngstes, bislang faszinierendstes Werk erinnerte mich, wohl nicht ganz von ungefähr, in mehrerlei Beziehung an Taylor Sheridans ebenfalls noch recht frische Regiearbeit „Wind River“, die ich mit wachsendem Abstand als – wenngleich kleine – Enttäuschung empfinde. Analoges Motiv wäre allen voran der nordwestliche Schauplatz Alaska als final frontier, der die Pseudozivilisation des weißen Mannes noch immer nicht Herr werden kann, parallel dazu der sich unter größter Verzweiflung auch hier fortsetzende Identitätsverlust der natives. Hier wie dort geht es um einsame Jäger und deren persönlichen Moralkodex, um Verschwundene und furchtbare Wahrheiten. „Hold The Dark“ jedoch macht es sich nicht leicht. Er folgt keinerlei probaten, antizipatorischen Schemata und zieht es stattdessen vor, sich vorsätzlich enigmatisch zu geben. Etliche Fragen werden gestellt, ohne je eine eindeutige oder auch befriedigende Antwort zu erhalten; die Motivation und sogar der Weg fast aller Protagonisten gestaltet sich größenteils rätselhaft. Dabei enthält er sich der Gefahr, seine stets präsente, innere Flamme wie auch immer gearteter Vorhersehbarkeit zu opfern und zieht es vor, Stimmungen um der reinen Atmosphäre Willen zu erzeugen. Selbst die immer wieder hervortretenden Gewaltspitzen wirken noch entschleunigend und bestenfalls für Sekundenbruchteile aufregend, bevor der Film sich wieder seinen strikt kontemplativen, sperrigen Innenwelten zuwendet. Auch an Michael Wadleighs wunderbaren „Wolfen“ fühlte ich mich immer wieder erinnert: Was sich im Vordergrund und somit unmittelbar ersichtlich abspielt, ist lediglich das ferne Echo eines rational nicht fassbaren, sich jeder physikalischen Analyse verweigernden Mystizismus‘. Und so wie einst Albert Finney ist hierin auch Jeffrey Wright (wiederum gemeinsam mit dem Publikum), dessen wesentlichste dramaturgische Funktion letztlich im „Bezeugen“ besteht, allerhöchstens ein winziger Eindruck dessen vergönnt, was sich als unfassbare Wahrheit jenseits der Oberfläche jedweder konkreten Manifestation verweigert. Zurück bleiben lediglich körperliche Versehrtheit, eine Ahnung von Unendlichkeit – und ein Eindruck tiefer Ehrfurcht.
Meisterwerk.

9/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10

FREQUENCY

„I’m still here, Chief.“

Frequency ~ USA 2000
Directed By: Gregory Hoblit

Für den Polizisten John Sullivan (Jim Caviezel) ist das Leben nicht immer leicht. Just als seine Beziehung in eine heftige Krise gerät, entdeckt er gemeinsam mit seinem Kumpel Gordo (Noah Emmerich) das alte Funkgerät seines vor drei Jahrzehnten verstorbenen Vaters Frank (Dennis Quaid) wieder. Als er eher gelangweilt daran herumspielt, geschieht das Unglaubliche: John gerät auf die selbe Radiofrequenz, auf der exakt auf die Sekunde dreißig Jahre zuvor sein Vater funkt. Verantwortlich für diesen physikalischen Gesetzesbruch ist ein besonders starkes Aufkommen der Aurora Borealis, der Nordlichter, die zu beiden Zeitpunkten intensiv über Brooklyn flimmern. Nachdem sich Vater und Sohn über das Unmögliche klar geworden sind, wittert John die Chance, seinen Vater zu retten: Dieser, ehedem ein heroischer Feuerwehrmann, starb damals bei der Rettung eines Mädchens (Nicole Brier) aus einem brennenden Lagerhaus. Es gelingt John, Frank rechtzeitig zu warnen. Dieser überlebt, doch wird dadurch unbewusst eine Kette noch sehr viel schrecklicherer Ereignisse in Gang gesetzt, deren Verlauf Sullivan Senior und Junior nun wieder ändern müssen, solange ihnen noch die Zeit dazu bleibt…

So grundalbern die Prämisse von Gregory Hoblits drittem Film „Frequency“ sich auch ausnehmen mag – die Umsetzung lässt sich, aller Wahrscheinlichkeiten und Annahmen zum Trotze, umso gelungener an. Dafür verantwortlich sind vor allem die diversen Volten, die der Plot im Laufe der prall gefüllten Erzählzeit schlägt – mit jeder weiteren Kommunikation, die der Sohn der Gegenwart und der Vater der Vergangenheit miteinander begehen, bahnen sich weitere, unvorhersehbare Katastrophen an, die es wiederum auszuwetzen gilt. Dieses Schema des sich unbeabsichtigt auftürmenden Chaos, das aus dem ursprünglich überaus nachvollziehbaren Wunsch ersteht, unfair scheinende Lebensfügungen gewissermaßen geradezurücken, ist üblicherweise ein typischer Topos von Zeitreisefilmen wie Zemeckis‘ „Back To The Future“-Trilogie, in der das ewige Umherreisen des Protagonisten auf drei jeweils exakt dreißig Jahre (wie nebenbei auch in „Frequency“) auseinanderliegenden Zeitebenen einen raumzeitlichen Schmetterlingseffekt nach dem anderen auslösen und immer wieder für neue, empfindliche Störungen innerhalb der Biographie des Helden und seiner Familie sorgen. Jene gilt es wiederum zu tilgen, bis am Ende der (ursprünglich niemals so vom Schicksal intendierten) „Idealzustand“ erreicht wird, der sich durch materielle, physische und vor allem die psychische Gesundheit aller Beteiligten manifestiert. Im Gegensatz zum großen Vorbild aus den Achtzigern verzichtet „Frequency“ jedoch nahezu gänzlich auf (allzu offensichtliche) komödiantische Elemente, sondern webt einen handfesten Frauen- und Serienkillerplot mit in sein bei Licht besehen höchst wackliges Fundament ein. Dadurch, dass nämlich Frank Sullivan im Jahre 1969 dem Heldentod entgeht, überlebt in mittelbarer Folge auch der gesuchte „Nightingale-Killer“ Jack Shepard (Shawn Doyle), seines Zeichens zudem Polizist, der somit noch weitere dreißig Jahre lang sein Unwesen treiben kann und wiederum Franks Frau und Johns Mutter (Elizabeth Mitchell) töten wird. Es folgt eine fabulierfreudige Welle von weiteren Schicksalseingriffen, die John immer wieder aufs Neue vermittels seiner sich infolgedessen permanent veränderenden Gegenwart zu spüren bekommt. Am Ende sind sich Zemeckis und Hoblit dann [anders als der wiederum stark von beiden beeinflusste „The Butterfy Effect“, in dem sich nichts (mehr) retten lässt] wieder vollkommen traut und einig: Alles ist so gut, wie es nur sein kann.
Dass „Frequency“ dabei stets geradzu unwahrscheinlich fest an sich selbst glaubt und seine jedweder Logik sträubenden Episoden mit viel Verve, Spannung und gekonnter Publikumsinvolvierung zu berichten weiß, präserviert ihm seine ungebrochene Qualität. Schön!

8/10

THE BARRENS

„I’m so proud of you.“

The Barrens (Jersey Devil) ~ USA 2012
Directed By: Darren Lynn Bousman

Familienvater Richard Vineyard (Stephen Moyer) plant einen Campingausflug mit Frau Cynthia (Mia Kirshner), der siebzehnjährigen Tochter Sadie (Allie MacDonald) und Söhnchen Danny (Peter DaCunha) in die Barrens, ein gewaltiges Waldgebiet in New Jersey. Dort, so will es eine alte Legende, treibt schon seit Jahrhunderten der „Jersey Devil“ sein Unwesen – ein geflügelter Höllendämon mit gewaltigem Appetit. Vor Ort will Richard vor allem die Asche seines Vaters verstreuen, der die Gegend stets geliebt hat. Vom Beginn ihres Kurztrips an beginnt der eigentlich so ausgeglichene Richard, sich merkwürdig zu verhalten. Er explodiert aus nichtigen Anlässen, bekommt Fieber, scheint ernstlich krank zu werden. Zudem besteht er darauf, weitab von den übrigen Wochenendausflüglern zu campieren. Von diesen verschwindet bald einer mitten in der Nacht. Cynthia und Sadie kommt ein grauenvoller Verdacht…

Unerwartet qualitätsbewusstes und – dies sei bitte positiv aufgefasst – unangehmes Genrestück, das es versteht, seine diffus-ungemütliche Atmosphäre sukzessiv zu forcieren. Hat man sich einmal mit der (aus rein rationaler Perspektive zugegebenermaßen recht strapaziös hergeleiteteten) Prämisse abgefunden, dass die Ehefrau nicht sehr viel früher etwas gegen die irrationalen Verhaltensweisen ihres immer fahler werden Gatten unternimmt, läuft die Sache. Stephen Moyer, dessen Rolle als langsam durchdrehender Familienvater natürlich eine eindeutige Hommage an Jack Torrance in „The Shining“ darstellt, liefert eine wahrlich bravouröse Vorstellung ab, wenn er sich vom freundlich-biederen Vorstadt-Bourgeois ganz allmählich in einen schwitzenden, torkelnden und zähnefletschenden Berserker verwandelt, der sich im festen Glauben befindet, seine Familie vor dem Jersey Devil (der ihm dem Vernehmen nach bereits in Kindheitstagen begegnet ist) beschützen zu müssen. Parallel dazu schürt Bousman noch die Frage nach Richards tatsächlicher Schuld: Im Prolog wird bereits ein junges Pärchen (Shawn Ashmore, Athena Karkanis) von etwas Unbekanntem attackiert, das die hiesigen Ranger später als Bär zu identifizieren glauben. Zumindest kann Richard Vineyard also nicht das einzige Biest sein, das in den Barrens sein Unwesen treibt. Und würde er, bei aller Raserei, überhaupt so weit gehen, seine mutmaßlichen Opfer zu zerfleischen, respektive auszuweiden? Zwischenzeitlich erscheinen mehrere Lösungen probat, es könnte auch der spät ins Bild gerückte Puma sein, der hier etwas zuviel vom Guten nascht. Doch erst die letzten paar Einstellungen (sowie eine Post-Credit-Sequence, um die man bei der Betrachtung wissen sollte) geben dann endgültig Aufschluss über das wahrhaftig erfolgte, monströse Geschehen und halten sogar Potenzial für eine mögliche Fortsetzung bereit, die es leider bis dato nicht gibt. Ich täte mich ja freuen, wenn sich dies nochmal ändert.

7/10

LOMMBOCK

„Wir können auch ganz anders!“

Lommbock ~ D 2017
Directed By: Christian Zübert

Stefan (Lucas Gregorowicz), der, unterdessen doch noch Anwalt geworden, im internationalen Jetset verkehrt und kurz vor seiner Hochzeit mit der hübschen Yasemin (Melanie Winiger) in Dubai steht, muss zurück nach Würzburg, um seine Geburtsurkunde zu beschaffen. Sein alter Kumpel Kai (Moritz Bleibtreu) hat sich über die Jahre nur wenig verändert. Er hat aus der alten Pizzeria „Lammbock“ einen Asia-Imbiss namens „Lommbock“ gemacht, kifft noch immer wie ein Schlot, verheimlicht dies jedoch mehr oder weniger erfolgreich vor Gattin Sabine (Mavie Hörbiger) und Stiefsohn Jonathan (Louis Hoffmann). Ein schwadengeschwängerter Abend und eine unbedachte Aktion am Flughafen sorgen schließlich dafür, dass Stefan erstmal zwangsentgiften muss, bevor die Hochzeit stattfinden kann. Außerdem wollen noch Jonathans Probleme mit einer Gruppe arabischer Grasdealer geklärt und der dauerbedröhnte Frank (Wotan Wilke Möhring) aus der geschlossenen Psychiatrie befreit werden. Alles Ereignisse, die Stefan abermals über seinen Stand im Leben sinnieren lassen.

Mit „Lommbock“ gelang Christian Zübert und seiner bewährten Truppe das Kunststück, einen dem mittlerweile sechzehn Jahre alten Original ebenbürtigen Nachfolger hinterherzuschicken. Formaltechnisch sichtlich aufwändiger und edler (Scope statt Letterbox) konnte die Produktion offenbar auf ein höheres Budget zurückgreifen.
Den Hauptcharakteren Stefan und Kai wird zugestanden, dass sie glaubwürdig gealtert sind und sich ihrer jeweiligen. vormaligen Typologie gemäß (weiter-)entwickelt haben. Die – natürlich allesamt im Zusammenhang mit THC-Ge- und/oder Missbrauch stehenden – wiederum in episodischer Kapiteleinteilung vorgelegten Anekdötchen sind witzig, aber nicht albern, sieht man von der etwas übers Ziel hinaus schießenden Kiste mit der urplötzlichen Fähigkeit der Bedröhnten ab, in Fremdsprachen zu parlieren. Das fand ich dann doch eher mäßig komisch. Für Elmar Wepper gab’s leider nur einen kleinen, dafür umso lustigeren Cameo-Auftritt, Marie Zielcke fehlt leider und Alexandra Neldels Part wurde, ebenso wie der von Möhring, deutlich mehr Entfaltungsplatz eingeräumt. Ziemlich witzig noch Dar Salim als asozialer Gangstarapper Drei Jahre Bau, der eine astreine Parodie des entsprechenden szenischen Unwesens zum Besten gibt.
Wirklich positiv ist noch anzumerken, dass Stefans Lebensbilanzierung unerwartet ausfällt. Obwohl er sich alle Mühe gibt, sich Yasemin (und vor allem ihrer stinkreichen Familie) zu Gefallen zu verdrehen und anzupassen, hängt er, kaum ein paar tausend Kilometer von ihr entfernt, prompt wieder im alten Fahrwasser; kifft, geht fremd und stellt überhaupt allerlei illegalen Murks an. Vor der goldenen Erkenntnis, dass es mehr gibt als finanzielle Breitbeinigkeit, materielle Sicherheit und die oberflächlichen Verlockungen des Establishment, und sei es nur der beste Freund an der Seite und ein gepflegter Joint zum rechten Zeitpunkt, scheut sich „Lommbock“ jedenfalls nicht, nachdem sein Vorgänger genau dies dereinst befürchten ließ.

7/10

FALLEN

„Everything is personal – if you’re a person.“

Fallen (Dämon – Trau keiner Seele) ~ USA 1998
Directed By: Gregory Hoblit

Detective John Hobbes (Denzel Washington) vom Philadelphia P.D. muss sich schwer wundern. Obwohl er den Serienkiller Edgar Reese (Elias Koteas) dingfest machen und sogar dessen Hinrichtung beiwohnen konnte, geschehen weitere Morde, die genau Reeses Handschrift entsprechen. Die Trittbrett-Verbrecher scheinen sich darüberhinaus sogar gegenseitig umzubringen. Über einen kurz vor seinem Tod gemachten Hinweis von Reese stößt Hobbes schließlich auf Gretta Milano (Embeth Davidtz), die Tochter eines Kollegen, der vor Jahren, nachdem er des Mordes verdächtig wurde, Suizid begangen hat, sowie dessen okkulte Privatbibliothek. Gretta erklärt ihm, dass nicht Reese oder die anderen als solche vermuteten Killer, sondern der Dämon Azazel, der gestaltlos ist und in jeden beliebigen Körper springen kann, sein Unwesen in der Stadt treibt. Azazel hat sich Hobbes zum Privatgegner auserkoren und will ihn, wie einst Milano, öffentlich diskreditieren und in die Verzweiflung treiben. Doch Hobbes hat einen Plan, denn auch Dämonen kann man töten…

Manch einer von uns wird sich noch wohlfeil erinnern: Als Y2K sich näherte, war neben der massenmedial gehypten Euphorie auch die allgemeine, latente Besorgnis en vogue, dass mit dem Millenienwechsel auch die Erde ihrem Untergang geweiht sei. Biblische Endzeitszenarien, Johannes‘ Buch der Offenbarung, die vier Reiter und Luzifer mit seinen höllischen Horden wähnten die für derlei Spuk etwas anfälligeren Zeitgenossen allesamt schon um die nächste Hausecke, was selbstverständlich auch die Hollywood-Studios veranlasste, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen. Nach (oftmals vorgeblich) hochkomplexen Schemata operierende, fanatische Serienkiller, infernalische Dämonen, Doomsday-Sekten und schließlich Mephistopheles selbst bevölkerten das apokalyptische Timbre etliche Filme jener Ära, so dass selbst hochrespektable Qualitätsakteure wie Denzel Washington als Vorsteher eines entsprechend erlesenen Ensembles sich plötzlich mit übernatürlichen Gegnern an der Schwelle zur Machtübernahme herumzuärgern hatten. Der Dämon Azazel, der auf eine lange, religiöse wie literarische Vorgeschichte und Tradition zurückblickt, ist einer der prominenteren Vertreter der „Gefallenen“, also jener Wesen, die wegen ihrer Verderbtheit von Gott des Himmels verwiesen wurden und seither ihr Dasein in der Unterwelt fristen müssen. Hoblits Film verzichtet (leider?) darauf, dem bocksbeinigen Gesellen eine konkrete Form zu verleihen. Stattdessen trittt er als unsichtbare, ätherische Kreatur an, die, soviel physikalische Erdung leistet sich das Werk dann doch, wenn nicht gleich durch direkte Berührung, so doch binnen einer bestimmten Frist in einem bestimmten Umkreis den Wirt wechseln kann. Nachdem er jenen dann wieder verlässt, kann der seelisch Missbrauchte sich, einem Blackout gleich, an nichts mehr erinnern. Um diese breit bepflügte Prämisse sowie um einen Stones-Klassiker herum baut das von Elia-Filius Nicholas Kazan ersonnene Script eine reichlich hanebüchene wie um den good will des Publikums buhlende Story zusammen, die, und darin liegt das ziemlich gewaltige Problem des Films, sich bei aller Stoffeligkeit bierernst nimmt. Der Regisseur macht einen sauberen Job, die Qualitätsdarsteller stehen in keinem Verhältnis zu dem eigentliche einer sehr viel unauffälligeren Genrearbeit gebührenden Plot. Aber auch darin stellt sich „Fallen“ sich den vielen erwähnten zeitgenössischen Gattungsproduktionen gleich – er zeigt, obschon auf rückblickend interessante Art und Weise, gewissermaßen exemplarisch auf, in welcher Sackgasse das Mainstream-Kino der späten Neunziger sich befand und, vor allem, wieviel besser das alles noch rund zwei Jahrzehnte zuvor funktioniert hatte.

5/10