DOM ZA VEŠANJE

Zitat entfällt.

Dom Za Vešanje (Die Zeit der Zigeuner) ~ YU/I/UK 1988
Directed By: Emir Kusturica

Eine Roma-Siedlung über der Stadt Skopje: Der sanftmütige Perhan (Davor Dujmovic) lebt zusammen mit seiner jüngeren, gehbehinderten Schwester Danira (Elvira Sali) und ihrem Onkel Merdžan (Husnija Hasimović) in der Baracke der Perhan über alles liebenden Großmutter (Ljubica Adzović). Dieser wiederum, mit leichten, telekinetischen Kräften ausgestattet, macht Nachbarin Azra (Sinolička Trpkova) den Hof, bei der er wegen ihrer herrischen Mutter (Bedrije Halim), die Azra ausschließlich an einen liquiden Schwiegersohn herzugeben gedenkt, jedoch keine Chance hat. Daher nimmt Perhan die Offerte des sich gönnerhaft gebenden Ahmed (Bora Todorović) an, ihn und seinen Tross nach Mailand zu begleiten, wo angeblich das große Geld wartet. Danira soll unterwegs in einem Krankenhaus in Ljubljana abgesetzt werden, wo Ahmed ihr großmütig eine Behandlung zu finanzieren verspricht. In Mailand angekommen registriert Perhan rasch, dass Ahmed ein gemeiner Krimineller ist, der sein Geld mit Prostitution und kleinen Räubereien macht und Kinder zum Betteln auf die Straße schickt. Dennoch avanciert Perhan nach einem Schlaganfall Ahmeds zu dessen rechter Hand. Als der Junge schließlich – ohne Erlaubnis Ahmeds – nach Skopje zurückkehrt, muss er erfahren, dass Azra hochschwanger ist – gerüchtehalber von Merdžan, was Perhan in tiefe Verzweiflung stürzt. Dennoch nimmt er Azra, die beteuert, es handle sich um Perhans eigenes Kind, eilends zur Frau und kehrt mit ihr nach Mailand zurück, wo Azra unter dem Druck, den vermeintlichen „Bastard“ verkaufen zu müssen, bei der Niederkunft stirbt. Perhan erkennt nun endgültig, welchen schlechten Einfluss Ahmed auf ihn hatte. Dieser verschwindet jedoch spurlos mit Perhans Sohn. Auch Danira ist nicht mehr aufzufinden. Perhan wird nunmehr einzig von dem Gedanken an Rache getrieben.

Im ersten Teil seiner „Zigeuner-Trilogie“ verfeinert der serbische Regisseur Emir Kusturica seine ihm ohnedies in der Filmkunst so spezifiziert zugeschriebene Methode des realismo mágico und führt diese zur Perfektion: Einer sehr beherzt und emotional erzählten, moralträchtigen und zugleich relativ einfachen Geschichte steht ein sehr viel komplexerer, oft traumnaher Erzählstil gegenüber, in dem im Grunde alles möglich ist. Kusturica meinte, dass die Parallelkultur der Roma und ihre sehr unterschiedlichen, regionalen Ausprägungen ihn seit frühester Kindheit faszinierten und er dort, wo sich ihre Ansiedlungen konzentrierten, das Leben stets um sehr Vieles vitaler wahrnahm als andernorts. Diese Faszination überträgt sich nahtlos schwebend auf „Dom Za Vešanje“, der, besetzt mit einer Kombination aus Laiendarstellern und Profis, einen tiefen Einblick in das Roma-Leben gewährt und dabei jedweden Voyeurismus oder Denunziantentum ausspart. Selbst die Originaldialoge sind in romanes belassen, einer Sprache, die der in den letzten Jahren immer wieder wegen nationalistischer Zugeständnisse aufgefallene Kusturica kaum zureichnend beherrscht. Dabei dividiert sich „Dom Za Vešanje“ im Groben in zwei Teile: Die Zeit, die Perhan im bettelarmen, aber lebensfrohen Heimatdorf verlebt und später dann jene, die ihn unter seinem neuen Paten gen Westen führt, moralisch zutiefst korrumpiert und einen garstigen Misanthropen aus ihm formt, dessen blutiger Rachefeldzug ihm am Schluss selbst den gewaltsamen Tod bringen und aus seinem kleinen Sohn eine Vollwaise machen wird. Schnittstelle bildet eine zutiefst poetische Aufbereitung der von den Roma ausgiebig gefeierten St.-Georgs-Nacht, die als eher heidnisches denn religiöses Frühlingsfest begangen wird und in der Perhan seine Unschuld verliert (und Azra schwängert). Symbolisch wird sein „Erwachsenwerden“ ihn nicht nur körperlich einer entzärtlichten Form der Männlichkeit zuführen, sondern den einstigen Tagträumer darüberhinaus auch brutalisieren. Nach seinem traurigen, vorhersehbaren Ende bleibt nurmehr ein letzter Trost – Hatidža, die tapfere, stets lebenbejahende Großmutter, ewige Fackel- und Hoffnungsträgerin der Sippe, wird sich des Jungen annehmen so wie sich einst schon Perhan angenommen hat. Das Leben – es geht weiter.

10/10

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SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Ihre Motivlage so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10

MARY POPPINS

„Who looks after your father? Tell me that.“

Mary Poppins ~ USA 1964
Directed By: Robert Stevenson

Auf dem Kirschbaumweg Nummer 17 in London wohnt die Familie Banks. Während Vater George (David Tomlinson) eifrig seinem Job in der Bank nachgeht, betätigt sich Mutter Winnifred (Glynis Johns) allenthalben als Suffragette. Die beiden vernachlässigten Kinder Jane (Karen Dotrice) und Michael (Matthew Garber) verschleißen derweil ein Kindermädchen nach dem anderen. Bis die magische, feengleiche Mary Poppins (Julie Andrews) auftaucht. Mit viel Gesang, Träumereien und Lebensweisheit und vor allem der Unterstützung des Straßenkünstlers und Schornsteinkehrers Bert (Dick Van Dyke) gelingt es ihr, die Banks wieder zu einer glücklichen Familoie zu machen.

Die Geschichte, wie Walt Disney der Autorin P.L. Travers die Verfilmungsrechte an ihrer Kinderbuchfigur Mary Poppins abschwatzte, ist legendär und avancierte später selbst zum Filmstoff. Ebenso vehement allerdings, wie Disney die Literatin becircte, ist die Tatsache, dass „Mary Poppins“ und insbesondere der Film in Kombination mit seiner Hauptrollenbebütantin Julie Andrews einen maßgeblichen Epitaph des alten Hollywood bildet. Der Vorhang für die großen, teuren und überlangen (Fantasy-)Musicals der mittleren und späten sechziger Jahre, für die die Andrews steht wie außer ihr nur noch Barbra Streisand und die mit Ausnahme der traditionsverpflichteten Academy einen zunehmenden Anachronismus darstellten, begann sich bereits mit „Mary Poppins“ allmählich zu schließen. Und wie der Entstehungsprozess um Disney der wehrhaften Travers nach und nach unter allerlei (zwecklosem) Protest unterjubelte, dass seine Adaption ein Musical werden und Trickfilmsequenzen darin vorkommen würden, ist das Endresultat ein ebenso symbolischträchtiges Pamphlet für die Allmacht und Urgewalt der überalterten, im Aussterben begriffenen Hollywood-Mogule. Das „Löffelchen voll Zucker“, von dem „Mary Poppins“ in den allermeisten Aufzügen mindestens eins zuviel dreingegeben wurde, geriet hier zur sprichwörtlich bitteren Medizin. Die delirierende Sequenz im Herzen des Films, in der Mary Poppins, Bert und die Kinder in die Straßenmalereien hineintauchen und somit gleichermaßen in ein irrwitziges, disneytypisches Animationsnirwana etwa ist in ihrer überlangen Wesenheit beinahe schon dreist; die Nummer „Feed The Birds (Tuppence A Bag)“ an triefendem Schmalz praktisch kaum mehr überbietbar. Dennoch vollbringt es der Film in seiner Gesamterscheinung und vor allem seiner finalen, Travers ganz privater Urintention wiederum höchst gerecht werden Konsequenz, derzufolge Mary Poppins nicht die Kinder, sondern die Seele von Vater Banks heilt, seine heimlichen Stärken zu präservieren. Zumindest was mich anbelangt. Andere mögen ihn inbrünstig hassen – und auch für jene kann ich durchaus Verständnis aufbringen.

7/10

THE PREDATOR

„They’re large, they’re fast, and fucking you up is their idea of tourism.“

The Predator (Predator – Upgrade) ~ USA/CA 2018
Directed By: Shane Black

Während eines Einsatzes in Mexiko gerät Army-Sniper Quinn McKenna (Boyd Holbrook) an einen ebenfalls vor Ort befindlichen Predator. Mit mehr Glück als Verstand gelingt es McKenna, das Alien außer Gefecht zu setzen und ihm einige Ausrüstungsgegenstände abzunehmen. Diese verschickt McKenna in weiser Voraussicht an seine in einer US-Kleinstadt lebende Familie, Frau Emily (Yvonne Strahovski) und Sohnemann Rory (Jacob Tremblay), der gleichsam hochintelligent ist und unter dem Asperger Syndrom leidet. Derweil wird der eigens zur Predator-Beobachtung abgestellte Agent Will Traeger (Sterling K. Brown) auf McKenna und den von ihm kaltgestellten Fremden aufmerksam. Die eilends hinzugezogene Casey Brackett (Olivia Munn) kann ihr Glück, eine außerirdische Spezies untersuchen zu dürfen, kaum fassen. Während der flüchtige McKenna gefasst und mit einigen anderen Militärhäftlingen verlegt wird, kann der gefangene Predator fliehen. Es findet sich jedoch noch ein weiterer, durch Genmanipulation mutierter Außerirdischer ein, der seinen Artgenossen tötet und Jagd auf McKenna und Sohn Rory macht. Offenbar sind die beiden im Besitz von etwas, dessen sie nicht habhaft sein sollten…

Die sich nur anscheinend etwas kompliziert ausnehmende Synopsis von Shane Blacks jüngster Regiearbeit sollte keinen falschen Eindruck vermitteln: „The Predator“ dürfte einserseits zwar den bis dato blutigsten, andererseits allerdings zugleich den humorigsten Eintrag in dem bisher (zählt man die beiden Crossover mit) sechs Filme umfassenden Zyklus um die illustren außerirdischen Jäger abgeben. Wie es so des Regisseurs Art ist, besteht das von ihm selbst und Fred Dekker dem Film zugrunde gelegte Script gleichsam aus explosiven Actionsequenzen und einer selbst für Blacks zunehmend anarchische Verhältnisse rückhaltlosen Kaskade aus Sprüchen und Gags, von denen sich aber diverse leider auf halbgarer Ebene verflüchtigen. So nimmt sich „The Predator“ primär als ein weiterer Beitrag zur gegenwärtig angesagten Achtziger-Retro-Welle aus: Black, der ja bekanntlich einst selbst in John McTiernans maßgeblichem Original als Hawkins – Söldner, Lieferant schmutzig-misogyner Witzchen und erstes Opfer des Predator – auf der Seite der „Guten“ angetreten war und sich hernach vor allem als Drehbuchautor einen Namen machen konnte, arbeitete hier erstmals seit „The Monster Squad“ wieder mit seinem alten Kumpel Dekker zusammen. Offenbar haben die beiden Jungs noch einen ganz ähnlichen Schalk wie vor rund dreißig Jahren im Nacken, denn „The Predator“ dürfte vor allem Kids viel Freude bereiten oder noch viel mehr Solchen, die auch nach drei Dekaden noch umweglos ihre einstige Jungpersona zu reaktivieren vermögen. Als ernsthaftes Genrestück in der Tradition der ersten beiden „Predator“-Filme von McTiernan und Hopkins sollte man Blacks Schwank jedenfalls nicht in Empfang nehmen, sondern vielmehr als herzhaft-kurzweiligen Spaß, dessen R-Rating-Effekte abseits seines kindlichen (Mit-)Protagonisten, dem im späteren Plotverlauf eine unerwartete Zentralfunktion zukommt, recht genüsslich und in übertriebenem Maße zelebriert werden. Den Dreieinhalb-Meter-Super-Riesen-Predator und seine (in abgewandelter Form aus dem ’10er-Film von Nimród Antal bekannten) Schoßhunde als eminente Bedrohung ernstzunehmen, entbietet sich jedenfalls als nahezu unmöglich und auch die multipel eingestreuten, komisch konnotierten Reminiszenen an die bisherige Filmhistorie der Monster verhindern recht zielsicher, dass „The Predator“ sich jemals dem Verdacht etwaiger Ernsthaftigkeit aussetzen könnte. Er ist dann doch vielmehr ein grobschlächtiges Spaßprodukt, dem man aufgrund seiner deftigen, mit entwaffnendem Selbstverständnis zelebrierten Infantilität kaum ernsthaft böse sein mag.

6/10

THE CANAL

„Horrible things happen in every old house.“

The Canal ~ IE/UK 2014
Directed By: Ivan Kavanagh

Filmarchivar David Williams (Rupert Evans), seine Frau Alice (Hannah Hoekstra) und ihr kleiner Sohn Billy (Calum Heath) ziehen in ein altes Einfamilienhaus in der Nähe eines Kanals. Nach einiger Zeit fällt David Bildmaterial in die Hände, das darauf hindeutet, dass vor über 100 Jahren in seinem Haus ein durchgedrehter Gewaltverbrecher seine Familie hingemordet hat. Zu dieser ungemütlichen Entdeckung kommt, dass David Verdachtsmomente hinsichtlich einer Affäre, der Alice mit ihrem Arbeitskollegen Alex (Carl Shabaan) nachgeht, hegt. Kurz nachdem sich jene Vermutung zur Gewissheit wandelt, erleidet David einen Blackout, während Alice verschwindet und bald darauf tot aus dem Kanal geborgen wird. David ist sich sicher, dass der böse Geist des damaligen Killers aus dem Jenseits zurückgekehrt ist, um weiter zu morden. Mysteriöse Erscheinungen und weiteres Filmmaterial erhärten diese Annahme, doch niemand glaubt David. Es gilt nun, Billy vor dem Bösen zu schützen…

Ein sehr schöner, leider wohl sehr übersehener und im positiven Sinne „kleiner“ Horrorthriller aus Irland, an dem eigentlich beinahe alles passt und der vor allem dadurch zu überzeugen weiß, dass er sich jedwede Verlockung, sich der schnöden Eindeutigkeit hinzugeben, bis über das Ende hinaus verkneift. Zudem besticht „The Canal“ durch eine sehr gemächlich angezogene, dabei stets involvierende Spannungskurve, die das Publikum praktisch permanent an die zunehmend vom Realitätsbeugung heimgesuchte Seite seines vom Schicksal übel gebeutelten Protagonisten David stellt und seine Wirklichkeit mit unserer parallelisiert. So entblättert sich nach und nach eine auf allen Ebenen betont filmisch konnotierte Reflexion über Objektivität und Subjektivität, Interpretationsbestrebungen und eben Wahrnehmungskanäle, respektive darüber, inwieweit man jenen zu trauen bereit sein sollte.
Was sich demnach zunächst wie eine eher typische Geister- und/oder Dämonengeschichte in der Tradition von wohlgelittenen Vorläufern wie „Echoes“ oder „Sinister“ ausnimmt, entblättert sich sukzessiv zu einem sehr viel mehrschichtigeren, packenden Genrestück, das auch auf formaler und dramaturgischer Ebene durchweg überzeugt. Lohnt.

8/10

IT COMES AT NIGHT

„You can’t trust anyone but family.“

It Comes At Night ~ USA 2017
Directed By: Trey Edward Shults

Nachdem die Menschheit von einer viralen Pandemie dezimiert wurde, verschanzen sich die Eheleute Paul (Joel Edgerton) und Sarah (Carmen Ejogo) gemeinsam mit Teenager-Sohnemann Travis (Kelvin Harrison Jr.) und Hund Stanley in einem sorgsam präparierten Haus im Wald. Sarahs Vater (David Pendleton), der sich infiziert hatte, musste just erlöst und verbrannt werden.
Als ein Fremder namens Will (Christopher Abbott) auf der Suche nach Vorräten auftaucht, gewährt Paul ihm, seiner Frau Kim (Riley Keough) und ihrem kleinen Sohn Andrew (Griffin Robert Faulkner) Unterschlupf. Nachdem die beiden Familien zunächst ein funktionales Miteinander aufbauen können, erwachsen dann doch Sorge und Misstrauen. Zunächst scheinen Wills Geschichten von „früher“ sich als Lügen herauszustellen, dann sieht Travis des Nachts, dass der schlafwandelnde Andrew den Sicherheitsbereich des Hauses verlassen und vermutlich Kontakt zum mittlerweile ebenfalls verseuchten Stanley hatte. Aus dem schwelenden Konflikt wird offene Feindschaft…

Die psychisch und physisch unvergleichlich herausfordernde Extremsituation der in der jüngeren Popkultur mittlerweile so oft heraufbeschworenen Abenddämmerung der Menschheit infolge eines sie dahinraffenden Virus oder einer Seuche verschafft „It Comes At Night“ lediglich die äußere Prämisse für sein eigentliches Drama, den Konflikt zweier Familien, die um jeden Preis überleben möchten und darüberhinaus aller weiteren Menschlichkeit entsagen. Ich habe ein paar witzige User-Kommentare gelesen, die mit der vergleichsweise unkonventionellen Verhandlung des Topos überhaupt nicht zurechtgekommen sind. Was denn da wohl bitte in der Nacht käme wurde da gefragt und moniert, dass man weder Zombies noch verunstaltete Seuchenopfer zu sehen bekäme. Außer, dass die Opfer wohl nach und nach Verstand und Seele einbüßen sowie einen verklärten und Beulen bekommen, lässt sich dann auch nichts weiter sagen. Die Tatsache jedoch, dass sie durch vorm natürlichen Exitus per Kopfschuss getötet und hernach verbrannt werden, lässt recht eindeutige Rückschlüsse auf ihr postmortales Schicksal zu. Mehr will und muss „It Comes At Night“ dazu auch gar nicht sagen. Protagonist ist der intelligente und sensible Jugendliche Travis, phantastisch gespielt von einem sehr starken Kelvin Harrison Jr., der sich in seiner nicht nur lebens-, sondern vor allem auch altersfeindlichen Umwelt zurechtfinden muss. Unweigerlich gekettet an seine Eltern bleiben ihm die üblichen Vorzüge seiner Generation versagt, peer groups, Freunde, erste Romanzen, das Leben selbst – all das bleibt ihm versagt. Was ihm lieb und teuer ist, stirbt weg oder verlässt ihn; zunächst der Großvater, dann Hund Stanley. Albträume suchen ihn des Nachts heim, über die er sich mit keinem austauschen kann und auch seine geheimen, erotischen Sehnsüchte bleiben unerfüllt. Dass mit ihm am Ende auch der Lebenswillen seiner Eltern erlischt, macht den Film dann endgültig zu einem probaten, mentalen Nachfolger und Geistesbewahrer von Romeros „Day Of The Dead“: Es sind nicht etwa die Zombies, die das mikrokosmische Inferno entfachen, sondern die Lebenden, die der Existenz am Abgrund nicht gewachsen sind – oder ihm vielleicht gar nicht gewachsen sein wollen.

8/10

DIE ERBEN

„Wir gehören nicht zu den Leuten, die Bomben werfen.“

Die Erben ~ A 1983
Directed By: Walter Bannert

Thomas (Nikolas Vogel), österreichischer Teenager und eher widerwilliger Privatgymnasiast, leidet unter seiner spießig-herrischen Mutter (Anneliese Stöckl-Eberhard), die es sich mit nichts Recht machen lässt. Auch der Vater (Jaromír Borek) bringt es nicht fertig, gegen sie aufzustehen. Als Thomas den etwa gleichaltrigen Charly (Roger Schauer) kennenlernt, der aus völlig zerrütteten Familienverhältnissen stammt, folgt er diesem zu seinem im rechtsradikalen Spektrum beheimateten Freundeskreis. Die jungen Leute huldigen der Nachwuchsbewegung der neonazistischen „Nationalen Einheitspartei“ (NEP), deren Vorsitzender, der promovierte Bonze Fürst (Wolfgang Gasser), jedoch stets darum bemüht ist, seiner Gefolgschaft ein respektables Öffentlichkeitsbild zu verschaffen. Für Thomas bedeutet das neue Umfeld Zugehörigkeit, Selbstbewusstsein, Sex, Stärke und – Hass. Als die Parteispitze die mitunter offen gewalttätigen Aktionen von Thomas und Charly nicht mehr tolerieren will, werden sie Teil der noch extremistischeren Wehrsportgruppe „Jugendschutz“, die sich in Italien militärisch drillen lässt.

Immerhin ein kleiner Skandalfilm, ist Walter Bannerts eigenbrötlerisches und nicht immer umweglos konsumierbares, als entschieden antirechtsnational einzustufendes Werk gewissermaßen schon apokryphes Pflichtprogramm. Von der neu erstarkenden Rechten, die zu Anfang der achtziger Jahre noch auf authentisches „Gefolgsmaterial“, sprich: tatsächliche, auf Zuruf wieder strammstehende Altnazis zurückgreifen konnte, die nur allzu gern von der „guten alten Zeit“ zu schwärmen verstanden, hatte man in dieser Form zumindest auf Spiel- bzw Kinofilmebene noch nichts Vergleichbares gesehen. Der spätere „Eis am Stiel“– und LISA- Regisseur Bannert jedoch setzte seinen linken Fuß in seinem zweiten Werk, das in Österreich spielt, jedoch auch ebensogut in der Bundesrepublik hätte angesiedelt sein mögen, wo die Holocausteugner, die Kriegsverklärer, die von der HJ erstaunlich nachhaltig oktroyierten Faschisten der mittleren Jahre und die Asseln von NPD und DVU sich bereits zu wieder zahlreicherem Wimmeln anschickten, in die entsprechende Tür. Dennoch war und ist „Die Erben“ kein Film für jedermann, dazu ist er phasenweise zu unzugänglich und zu elliptisch; seiner Zeit geschuldet vielleicht auch nicht immer konsequent genug. Er richtet sich als streitbares Kunstartefakt als ein Film für Zeitgenossen, die ihn grundsätzlich und per se goutieren könn(t)en, an eine intellektuell und sittlich gefestige Adressatenschaft, die seiner – zumindest in politisch-aufklärerischer Hinsicht – prinzipiell nicht bedarf. Es mangelt ihm hier und da an der notwendigen Didaktik und Pädagogik, derer ein dezidiert im rechten Milieu angesiedeltes Coming-Of-Age-Drama, zumindest, wenn es sich einen entscheidenden impact verspricht, zwingend Gebrauch machen muss. Stattdessen zeigt Bannert seine noch minderjährigen Darsteller zumeist orientierungslos im emotionalen Nirwana umheroszillierend und im Zuge zweier längerer sowie mehrerer kürzerer Szenen beim Beischlaf oder sexuellen Praktiken, ästhetisch manchmal ein wenig beeinflusst von Vorbildern wie Liliana Cavanis „Il Portiere De La Notte“ oder Pasolinis „Salò“. Ob gestellt oder nicht, lässt sich nicht eindeutig eruieren. Das wäre dann etwas, das bereits vor 35 Jahren nicht ganz kritikfrei über die Bühne gebracht werden konnte, in der diesbezüglich hypersensibilisierten Gegenwart allerdings (zu Recht?) kaum mehr rüstige Fürsprecher finden wird. Wenn es um direkte Gewaltausübung geht, etwa, wenn die in SA-Uniformen gewandeten Jungschläger einen linken Kneipentreff zusammenprügeln, wirkt „Die Erben“ indes seltsam gestelzt, beinahe gekünstelt harmlos. In der mit Abstand intensivsten, mitreißendsten Szene, einer rein dialogbasierten, stellt Thomas seine Mutter zur Rede, der er den Freitod des Bruders anlastet.
Nicht allein aus dieser merkwürdigen Diskrepanz rührt vermutlich seine schlechte Verfügbarkeit. Immerhin hat das das verdiente Label Mono Macabro diesen etwas sonderbaren Film seit jüngerer Zeit als codefreie Blu-ray im Portfolio. Der Erwerb lohnt sich, so oder so.

7/10