SKY RIDERS

„Freedom is expensive, Carl. You oughtta know that.“

Sky Riders (Auf der Fährte des Adlers) ~ USA 1976
Directed By: Douglas Hickox

Ellen (Susannah York), die Frau, sowie die beiden Kinder (Simon Harrison, Stephany Mathhews) des US-Magnaten Jonas Bracken (Robert Culp) werden aus dessen Villa bei Athen entführt. Die Urheber, eine antiimperialistische Terrorgruppe, fordern von Bracken ein Millionenkontigent an Waffen für ihre revolutionäre Sache. Während der ermittelnde Inspektor Nikolidis (Charles Aznavour) den Ganoven unbedingt mit großem Getöse den Garaus machen will, geht Ellens sich einschaltender Ex-Mann, der Abenteurer Jim McCabe (James Coburn), die Sache sehr viel subtiler an: da die Entführer sich in einem Bergkloster verstecken, hat McCabe die Idee, sie mithilfe von Drachengleitern zu infiltrieren…

Es erfordert schon eine verdammt hohe Menge an good will, wenn man „Sky Riders“ seine kunterbunte Kriminalgeschichte, die eigentlich nur dazu dient, Drachenflieger bei waghalsigen Manövern zun zeigen, abnehmen möchte. Im Prinzip ist der gesamte Kidnapping-Plot ein einziger, großer MacGuffin, um überhaupt ein mageres Handlungsgerüst auf die Beine stellen zu können. Vielmehr sollte man sich an dem hübschen Schauplatz Griechenlands erfreuen (Meteora, die Berglandschaft mit dem hochgelegenen Kloster, in dem sich der ein Drittel der Spielzeit ausmachende Showdown abspielt, diente ein paar Jahre später auch als Finalkulisse für den Bond-Film „For Your Eyes Only“) sowie der illustren Besetzung. Obwohl ich den gern so breit grinsenden Coburn sehr liebe, ist „Sky Riders“ abermals ein Beweis dafür, warum er es, anders als etwa seine früheren „Magnificent Seven“-Mitstreiter Charles Bronson und Steve McQueen, oder auch der ebenfalls jener Schauspieler-Generation entstammende Clint Eastwood, nie zu einem wirklich führenden Actionstar gebracht hat: Coburns Rollenwahl war häufig unglücklich, wenn es um eine Ikonisierung seiner Darsteller-Persona ging; er selbst war – mit Ausnahme seiner beiden Peckinpah-Parts vielleicht – eigentlich stets deutlich prägnanter als seine Filme und deren Regisseure.
„Sky Riders“ ist ein zumindest rein technisch betrachtet versiertes, kleines Stück Siebziger-Actionkino, dessen reichlich bizarres Figurenpotpourri seinen „Höhepunkt“ im Engagement der Drachenfliegertruppe unter John Beck erlebt, die sich von einer lustigen Kunstfliegertruppe urplötzlich in ein beinhartes Kommandounternehmen verwandelt. Over all schon reichlich merkwürdig, das alles, aber auch hübsch kurzweilig.

6/10

Advertisements

THE WEEK OF

„Why the giggling?“

The Week Of ~ USA 2018
Directed By: Robert Smigel

Für den Familien- und Brautvater Kenny Lustig (Adam Sandler) wird’s eng: In einer knappen Woche steht die Hochzeit seiner Ältesten (Allison Strong) auf dem Plan. Bei dem Schwiegerpapa in spe handelt es sich um Kirby Cordice (Chris Rock), Promi-Chirurg und Societylöwe aus L.A. mit etwa dem hundertfachen Vermögen von Kenny, der dennoch darauf besteht, die Heirat, wie es die Tradition nunmal gebietet, selbst auszurichten. Bereits deren Prolog artet zum Riesendebakel aus: Weil das von Kenny ausgewählte Hotel alles andere als luxuriösen Ansprüchen genügt und dort zudem eine Panne nach der anderen um sich greift, muss Kenny sämtliche der von auswärts anreisenden Hochzeitsgäste in seinem doch recht beengten Haus unterbringen. Turbulenzen und Konflikte sind vorprogrammiert, zumal Kenny und Kirby sich ganz allmählich einen latenten Konkurrenzkampf zu liefern beginnen…

Des Sandmans neuester Netflix-Streich, der seine alten Eidgenossen Chris Rock und Steve Buscemi wieder ins Boot holt, fügt sich nicht nur völlig organisch und nahtlos in das mittlerweile wohl tatsächlich beispiellose Œuvre des Hauptdarstellers ein, sondern ist auch sonst eine formvollendete Komödie, die zu den besten Werken Sandlers zählt und ein veritables Geschenk für jeden erklärten Freund des Künstlers darstellt. Gut, als innovativ darf sich der Aufzug nicht eben bezeichnen, dafür sind die großen Vorbilder von Minnellis „Father Of The Bride“ bis hin zu Altmans „A Wedding“ dann doch zu präsent, und das nicht allein in ihrer inhaltlichen Grundierung. Man darf sich „A Week Of“ vielmehr so vorstellen, dass der entsprechende Inspirationsfundus kreativ genutzt wird, um sich in Sandlers seit eh und je etabliertes, amerikanisch-jüdisches Mittelklasse-Parallel-Universum zu assimilieren und gänzlich darin aufzugehen. Ein gewaltiges, liebenswertes Chaos mit etlichen, noch liebenswerteren Fremdschämmomenten entspinnt sich daraus, das zwar recht keck, aber niemals über Gebühr unappetitlich oder auch nur im Entferntesten misanthropisch daherkommt. Für jede einzelne Figur dieses an Charakteren alles andere als armen Kaleidoskops ist viel Liebe und/oder aufrichtige Sympathie vorhanden, die am Ende der Geschichte selbst noch die vermeintlichen Verlierer als Gewinner dastehen lässt. Die Gagdichte ist enorm und, was noch schöner ist, die allermeisten sitzen auch, und zwar am rechten Fleck.
Das Finale ist dann wie es sich ja letzten Endes ziemt, ein klein wenig weinerlich geraten – die zwei Antagonisten respektive (Schwieger-)Väter raufen sich zusammen und erkennen jeweils an, was der Konterpart dem Gegenüber voraus hat und dürfen die gewaltige Erkenntnis für sich in Anspruch nehmen, dass der materiell Unvermögendere keinesfalls der Ärmere der beiden ist. Diese kleine, nicht unbedingt weise umrahmte Sozialfabel gehört jedoch zwingend zum Gesamtbild, ebenso wie das in gegenwärtigen Zeiten scheinbar wieder nötige Versprechen von der interethnischen Verständigung. Dass ein weißes, jüdisches Mädchen den Spross eines reichen Afroamerikaners heiratet, sollte eigentlich längst eine Selbstverständlichkeit sein. Dass „The Week Of“ diese Kernprämisse als ebendies wahrnimmt, macht ihn nur noch schöner.

8/10

EIÐURINN

Zitat entfällt.

Eiðurinn (Der Eid) ~ IS 2016
Directed By: Baltasar Kormákur

Der in einem Hospital von Reykjavík tätige Chirurg Finnur (Baltasar Kormákur) ist völlig vernarrt in seine ältere Tochter Anna (Hera Hilmar), die ihm jedoch seit einiger Zeit mehr und mehr entgleitet. Anna pflegt eine Beziehung zu dem Kleindealer Óttar (Gísli Örn Garðarsson), der nicht nur Beziehungen zur Unterwelt pflegt, sondern auch Anna offensichtlich immer wieder mit Rauschmitteln versorgt. Finnur versucht alles, um das Mädchen von Óttar loszueisen, unter anderem setzt er einen anonymen Anruf bei der Polizei ab, die im Zuge einer Wohnungsdurchsuchung sämtlichen Stoff bei Óttar beschlagnahmt. Als der selbst zusehends unter Druck geratende Kriminelle eine Entschädigung für den erlittenen Verlust verlangt und Finnurs Familie bedroht, entwickelt der sich mehr und mehr in seine Aggressionen steigernde Arzt einen Plan, um Óttar endgültig verschwinden zu lassen…

Einer ganz ähnlichen Handlungsprämisse folgend wie der sehenswerte dänische Rachethriller „Underverden“, lässt Baltasar Kormákur seinen von ihm selbst interpretierten Protagonisten keinen Feldzug gegen die gesamte Unterwelt unternehmen (wobei auch „Eiðurinn“ zunächst diese Richtung einzuschlagen scheint), sondern belässt es bei einem gezielt durchgeplanten, qua aus der Not geborenem „Vergeltungskonzentrat“. Finnur weigert sich, das ohnehin allzu sehr mäandernde Leben seiner heißgeliebten Anna vollends in den Ausguss fließen zu lassen und kriminalisiert sich stattdessen zunehmend selbst. Seine Aktionen gegen den verhassten, immer weiter in die Enge getriebenen Óttar (den Kormákur zwar nicht völlig eindimensional, aber doch keinesfalls als potenziellen Sympathieträger dastehen lässt) werden immer entschiedener, die Gewaltspirale entfesselt sich. Schließlich verkehren sich die Vorzeichen; Óttar gerät in die zu allem entschlossenen Fänge Finnurs, der seinen dereinst geleisteten Hippokratischen Eid, der sich bekanntermaßen der Versicherung widmet, Leben unter allen Umständen zu schützen und zu bewahren, schließlich maßlos pervertiert, indem er seinen Gefangenen zunächst systematisch an den Rand des Todes treibt, um hernach einen öffentlichen Rettungsversuch auf dem OP-Tisch zu inszenieren, der jedoch nur misslingen kann. Finnur erweist sich daraufhin als intelligent und standfest genug, den Nachstellungen und Verdächtigungen der ermittelnden Polizisten zu trotzen, kann jedoch nicht verhindern, dass Anna, die Óttar inbrünstig geliebt hat, die Wahrheit in Erfahrung bringt. Seine Tochter hat Finnur damit endgültig verloren; sein Berufsethos entehrt und sich somit als sehr viel veritabler Verbrecher denn sein Opfer erwiesen.
Baltasar Kormákur, dessen filmkreativer Aktionsradius zwischen Hollywood und Island oszilliert, ist mit „Eiðurinn“ ein ungemein fesselndes Selbstjustizdrama gelungen, das vor allem von der eiskalten Kulisse des Inselstaats profitiert. Die der Aggressionsabfuhr dienenden Fahrradtouren Finnurs durch die kargen Landschaften außerhalb Reykjavíks erinnerten mich an Dumonts „L`Humanité“; die Hauptfigur mit sich und ihren widerstreitenden Emotionen in gezielter, selbstgewählter Isolation. „Eiðurinn“ macht nicht viele Worte, verzichtt auf Geschwätzigkeit und lässt Bilder und Stimmungen für sich kommunizieren. Dass die ihm inhärente Spannung und die Ungewissheit, wie es für die Beteiligten ausgehen wird, das Publikum spielend bei der Stange halten, ist ganz Kormákurs Verdienst.

8/10

BLACK PANTHER

„It’s hard for a good man to be a king.“

Black Panther ~ USA 2018
Directed By: Ryan Coogler

Nachdem T’Challa (Chadwick Boseman), der mit der Nachfolge seines Vaters T’Chaka (John Kani) nicht nur die Königswürde über den westafrikanischen Staat Wakanda, sondern zudem auch den Status als dessen Beschützer Black Panther übernommen hat, sieht er sich sogleich einer ersten, großen Herausforderung gegenüber: Sein in Amerika aufgewachsener Cousin Erik Killmonger (Michael B. Jordan), dessen Vater N’Jobu (Sterling K. Brown) einst einen antirassistischen Guerillakrieg vom Stapel lassen wollte, will das Erbe seines damals von T’Chaka aufgehaltenen, alten Herrn antreten, T’Challa vom Thron stoßen und mithilfe der gewaltigen Vibranium-Vorkommen im Land einen globalen Krieg gegen die weiße Vorherrschaft anzetteln. Nach einem ersten Duellsieg über T’Challa sieht es beinahe so aus, als gelänge Killmonger sein Vorhaben…

Über vierzig Jahre, nachdem das black consciousness seine Spuren in Form mehrerer Superhelden bereits in den Comics hinterließ, holt das MCU jene Figuren nun auch auf Mattscheibe und Leinwand. Nach Luke Cage, ehedem noch „Power Man“ genannt, der bereits seit der ersten „Jessica Jones“-Season fester Bestandteil der Netflix-Serien-Abteilung ist, erhält nun also auch Black Panther, originär afrikanischer Held, der erstmals als Nebencharakter in „Captain America: Civil War“ zu sehen war,  seinen großen Kinoauftritt. Cooglers Film wurde ein unerwartet großer Box-Office-Hit, was ihm jedoch sehr zu gönnen ist. „Black Panther“ erweitert und öffnet das MCU in einige neue Richtungen; nicht nur regional, sondern auch im Hinblick auf Mentalitätsvielfalt und Figurenzeichnung. Es dürfte sich bis dato wohl um den „märchenhaftesten“ aller Marvel-Filmbeiträge handeln und damit zugleich auch um den familiengerechtesten. Ob die unübersehbaren Einflüsse typisch-klischierter Hollywood-Afrika-Folklore aus bereits klassischen Erzählrahmen wie „Coming To America“ oder „The Lion King“ mit der Übernahme der Marvel Studios durch den Disney-Konzern zusammenhängen, kann Zufall sein oder auch nicht. Wie ich gelesen habe, kreiden diverse Kritiker diese Naivität dem Film als campig und teils sogar unbesonnen an; er sei eine wohlkalkulierte Blockbuster-Antwort auf die neu aufgeflammten Gleichberechtigungsbestrebungen der letzten Jahre und damit verlogen und vermeidbar.
Ich finde solche Stimmen recht bedenklich. Hier werden in einem betont fiktionalen Erzählkosmos im Prinzip die gleichen Schritte nachvollzogen, wie sie auch im Vorbildmedium getan wurden. Dagegen ist nichts zu haben. „Black Panther“ präserviert einen coolen Helden, der Stolz, Würde und Identitätsfestigkeit transportiert, von denen angreifbare Charaktere wie Tony Stark oder Bruce Banner bestenfalls träumen können. T’Challa ist eben Aristokrat, kein Sprücheklopfer oder Possenreißer. Diesen Part übernimmt seine vorlaute kleine Schwester Shuri (zuweilen ein wenig enervierend: Letitia Wright), die dem Panther aufgrund ihrer naseweisen Cleverness dann auch gleich mal das gesamte, ausgeklügelte technische Equipment liefert. Ein wenig James Bond fließt gleich auch noch mit hinein, wenn der T’Challa in der ersten Filmhälfte einen farbenfrohen Ausflug nach Busan unternimmt, um sich dort den schurkischen, einarmigen Waffenhändler Ulysses Klaue (herrlich überdreht und leider allzu früh aus dem MCU getilgt: Andy Serkis, mal ohne Motion-Capture-Anzug) ins Netz zu holen, actionreiche Autoverfolgungsjagd inbegriffen.
An den CGI hätte man hier und da gewiss noch etwas feilen können; Gimmicks wie die hochtechnisierten Gleiter und die gepanzerten Streit-Nashörner meint man an anderer Stelle schon eleganter getrickst gesehen zu haben. Dies bleibt jedoch Makulatur und schadet dem Gesamteindruck wenig bis gar nicht: „Black Panther“ ist – schon wieder – ein bestens aufgelegter, schöner, vitaler Superheldenfilm mit dem Herzen am rechten Fleck.

8/10

CLASH BY NIGHT

„Home is where you come when you run out of places.“

Clash By Night (Vor dem neuen Tag) ~ USA 1952
Directed By: Fritz Lang

Nach Jahren kommt die selbstbewusste Mae (Barbara Stanwyck) zurück nach Monterey, um sich zeitweilig bei ihrem jüngeren Bruder Joe (Keith Andes), der am Hafen in einer kleinen Fischersiedlung wohnt, niederzulassen. Mae ist mittlerweile Witwe und mittellos, was den rustikalen Jerry D’Amato (Paul Douglas) überhaupt nicht stört: Im Gegenteil, vielmehr reizt den etwas einfachen, aber sehr bodenständigen Arbeiter Maes mondänes, realitätsverbundenes Wesen. Einen vorsichtigen Heiratsantrag Jerrys nimmt Mae erst nach längerem Überlegen und dann auch eher vernunfthalber an. Es könnte sich alles zum Guten wenden, wäre da nicht Jerrys Kumpel Earl Pfeiffer (Robert Ryan), der selbst ein Auge auf Mae geworfen hat und dessen offen ausgelebter Machismo Mae insgeheim höchst anziehend findet. Schließlich gibt Mae sich Earl hin, obwohl sie und Jerry mittlerweile Eltern eines kleinen Mädchens sind. Der gehörnte Jerry wankt zwischen Verzweiflung und Raserei, sieht jedoch schließlich ein, dass er Mae die Entscheidung über ihre Lebensgestaltung selbst überlassen muss…

Eine Frau kommt heim: Mit den Chiffren und Stilmitteln des film noir samt der schäumenden Pazifikbrandung als allenthalben bemühtes, leitmotivisches Bild für Gefühle in Aufruhr übersetzte Fritz Lang dieses existenzialistische Bühnenstück des Dramatikers Clifford Odets in ein aufwühlendes Filmdrama, dessen Gültigkeit wohl von ewigem Bestand ist. Barbara Stanwyck, wohl nicht die schönste oder aparteste, aber gewiss die mit Abstand feministischste aller Hollywood-Diven des Golden Age, betreibt hier aufs Neue ihre ganz private Auslese zwischen zwei geringfügig stereotyp gezeichneten Mannsbildern. Der eine – Jerry D’Amato, ist weder schön noch gebildet, dafür treuherzig, pflichtbewusst, fleißig und lebensfroh. Gar rührend kümmert er sich um seinen alten Vater (Silvio Minciotti) und nebenbei noch um seinen arbeitsscheuen, versoffenen Onkel (J. Carrol Naish) und ihren Männerhaushalt, während er Tag für Tag mit dem Kutter auf den Ozean hinausfährt und seine Fische einholt. Der andere – Earl Pfeiffer, von Beruf Filmvorführer (!), ist hingegen ein großmäuliger, kesser Frauenheld, gutaussehend und sich seiner Wirkung auf das andere Geschlecht auf das Arroganteste bewusst. Mae, die sich wider besserer Vernunft zeitlebens eher zu letzterem Typus hingezogen fühlte und die animalische Virilität des aktiven Liebhabers dem, wie sie es nennt, „häuslichen Teddybären“ zumindest instinktiv vorzieht, lässt sich mäßig überzeugt zu einer Vernunftehe mit Jerry ein, der leider allzu naiv ist, zu begreifen, dass Mae und Earl, die er immer wieder zusammenbringt, aufeinander reagieren wie Öl und Flamme. Als Jerry seine Dummheit bemerkt, ist es längst zu spät, der Schaden ist angerichtet, die Liebe seines Lebens ihm abhold. Letzten Endes ist es an Mae, den für sie besten Lebensweg zu küren – und an Film und Script, das moralische Moment zur Geltung kommen zu lassen. Als Mae feststellt, dass die Sache mit Earl keine Zukunft hat und haben kann, weil sie beide sind, wie sie sind, entscheidet sie sich für den Weg der Vernunft und kehrt zu Jerry und dem gemeinsamen Töchterchen Gloria zurück. Wenn sie schon auf ihr Liebesglück verzichten muss, so kann sie hier doch eine gute Mutter und Ehefrau sein und einem biederen Leben ohne besondere Höhen und Tiefen entgegensehen. Die Antwort auf die Frage, ob und inwieweit jene finale Entscheidung der Charakterstärke der Protagonistin entspricht und eine tragfähige Ausgangsbasis für sie beinhaltet, darf der Rezipient sich am Ende selbst geben. Wie würden Sie entscheiden…?

8/10

REGRESSION

„I am starting to use my head again.“

Regression ~ E/CAN 2015
Directed By: Alejandro Amenábar

Ländliches Minnesota, 1990. Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke) soll im Falle Gray ermitteln, in dessen Zuge der religiös verbrämte Vater John Gray (David Dencik) offenbar seine Tochter Angela (Emma Watson) sexuell missbraucht haben soll, sich an die Tat jedoch nicht mehr erinnern kann. Mithilfe des Psychologen Kenneth Raines (David Thewlis) will Kenner den Ereignissen auf die Spur gehen: Täuscht Gray seine Amnesie nur vor oder haben die zugrunde liegenden Geschnisse sich womöglich ganz anders zugetragen? Kenner, der von zunehmend bizarren Albträumen heimgesucht wird und sich von merkwürdigen Gestalten verfolgt sieht, beginnt bald an die Theorie eines Satanskults zu glauben, dessen Opfer Angela wurde…

Viel Rauch um Nichts in diesem doch recht enttäuschenden Pseudo-Horror- und Familiendrama des Spaniers Alejandro Amenábar, dessen Erste-Klasse-Spukhausfilm „The Others“ damit weiterhin seinen Status des unangefochtenen Schaffensjuwels in seiner Regisseurskrone präserviert. Diese Geschichten, in denen ein vermeintlicher Unschuldsengel treudoofe Ermittler, seien es Polizisten, Anwälte oder sonstwie naive Naturen, an der Nase herumführt bis zum bitteren Ende der Erkenntnis, die kennt man. Zumeist haben diese ganz speziellen Mimen der Innozenz aber ja ihre ureigenen Gründe, die weltlichen Vertreter von Recht und Gesetz an der Nase herumzuführen und diese sind dann auch nicht immer ganz unverständlicher Natur. Die aparte Emma Thompson verfügt in „Regression“ selbst über einen solchen; sie ist als nicht ganz unverdorbenes Früchtchen nämlich schlichtweg der einengenden Schranken ihres kleinbürgerlichen Landeierdaseins überdrüssig, das aus biederem Spießertum, Vorhaltungen, Unterdrückung und anderem Althergebrachten besteht. Den früheren Unfalltod ihrer Mutter lastet sie nämlich ebenfalls den Umständen an und selbst so enden will sie verständlicherweise nicht. Eine kurzerhand aus dem Hut gezauberte Missbrauchsstory, so die zwingende Logik, könnte da bald schon für einseitige Erleichterung zu sorgen und die gute Angela soll Recht behalten.
Tatsächlich gab es in den Achtzigern und Frühneunzigern eine ganze Kette von angeblichen Vergewaltigungen von Schutzbefohlenen, deren Angeklagte sich im Nachhinein oftmals wahlweise als völlig unschuldig erwiesen oder die zum Opfer  komplett tendenziöser Verhandlungsführung wurden, so etwa im Falle des berüchtigten Oak Hill satanic ritual abuse trial, in dessen Zuge das texanische Ehepaar Keller 1991 wegen satanistisch motivierten Kindesmissbrauchs zu jeweils 48 Jahren Haft verurteilt wurde. Erst im November 2013 kamen sie aufgrund möglicher Verfahrensfehler frei und wurden im Sommer letzten Jahres nach hinreichender Aufarbeitung der tatsächlichen Ereignisse, die vor vor allem Resultate einer abstruse Formen annehmenden Massenhysterie der beteiligten Ankläger widerspiegelten, endgültig für unschuldig erklärt.
„Regression“ macht sich ein paar Fakten dieses und anderer Fälle zunutze, entwickelt jedoch bei Weitem nicht die Tragweite, derer dieses kaum fassbare Sujet eigentlich bedürfte. Eine wirklich ordentliche Aufbereitung der tatsächlichen Ereignisse in Filmform steht weiterhin aus, aber stattdessen begnügt man sich lieber mit seicht Angesetztem wie dem hier oder verwurstet gleich angeblich authentische Fälle von Dämonenaustreibungen irgendwo in hillbilly country.

4/10

TESIS

Zitat entfällt.

Tesis ~ E 1996
Directed By: Alejandro Amenábar

Die Madrider Filmstudentin Ángela (Ana Torrent) plant, ihre Magisterarbeit zum Thema „Gewalt im Film“ zu schreiben, einem Gebiet, mit dem sie bislang kaum Erfahrungen hat. Über ihren nerdigen Kommilitonen Chema (Fele Martínez), einen ausgewiesenen Splatter- und Horror-Aficionado, ergeben sich erste Berührungspunkte mit dem Sujet, doch Ángela will mehr. Ihre Recherchen führen sie ins Videoachiv der Universität, wo sie auf eine geheime Sektion mit speziellen Cassetten stößt. Darauf befinden sich offenbar Snufffilme, in denen verschwundene Studentinnen zu sehen sind. Gemeinsam mit Chema, der seinerseits nicht immer mit offenen Karten spielt, geht Ángela dem abseitigen Treiben auf die Spur. Der attraktive Bosco (Eduardo Noriega), in den sich Ángela verliebt, und auch ihr Professor Figueroa (Miguel Picazo) spielen darin entscheidende Rollen…

„Tesis“ hat viele Freunde und Anhänger und genießt seit seiner Premiere vor 22 Jahren ein stolzes Renommee. Ich selbst würde Amenábars Langfilmdebüt eher im oberdurchschnittlichen Qualitätssegment einordnen, da ich ihn zwar für grundsätzlich immer noch sehenswert halte (zumal als spanischen Genrefilm und gewiss sehr ambitioniertes Projekt eines erst 23-jährigen Nachwüchslers), er mich jedoch auch nach mehrfachen Betrachtungen nie wirklich da zu packen vermochte, wo ich es mir insgeheim gewünscht hätte. Wenn es im Kino um das Thema Snuff und Snuff-Filme geht, dann versuchen die entsprechenden Autoren und Regisseure immer wieder, jenen alten Underground-Mythos zur abartigsten und verruchtesten Perversionssparte der gesamten Menschheitsgeschichte zu deklarieren; etwas, dass es zwar gibt, über das aber niemand spricht, der nicht lebensmüde ist; etwas, über das sich allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht werden darf; die magnetbandgewordene Hölle auf Erden quasi! Ich weiß nicht, ob ich mich für die Ausmaße meiner Phantasie entschuldigen muss, aber mir fallen da auf Anhieb diverse weitaus schrecklichere Dinge ein, die Menschen sich aus ganz anderen Gründen gegenseitig antun, und das unter oftmals rechtsstaatlicher oder religiöser Ägide. Im Grunde ist Snuff letzten Endes doch „auch bloß“ eine Spielart menschlichen Mordtreibens, wobei es dem Opfer schließlich egal sein kann, ob sein (mögliches) Martyrium von einem späteren Rezipienten zu wie auch immer gearteten Befriedigungszwecken herangezogen wird. Um es kurz zu machen: Was mich bei Filmen wie „Tesis“ implizit stört, ist der unbedingte, immanente Hang zum Sensationalismus. Ohne diesen bleibt, wie im vorliegenden Falle, spannendes, aber letztlich gängiges Handwerk, das für ein entsprechend sensibilisiertes Publikum funktionieren wird, aber eben nicht für jeden. In diesem Falle ist es außerdem deutlich zu spiellang und ausufernd geraten, nebst etlichen, unausgelassenen Fettnäpfchen logischer Ersparnisse.
Immerhin bleibt uns der heilige, amerikanische Zorn des gerecht wütenden Rächers, wie der von Nicolas Cage in „8MM“, erspart.

6/10