TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

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BRIGHTBURN

„Who am I?“

Brightburn ~ USA 2019
Directed By: David Yarovesky

Tori (Elizabeth Banks) und Kyle Breyer (David Denman), ein kinderloses, braves Farmerehepaar aus dem Kleinstädtchen Brightburn in Kansas, ist selig, als eines Tages in Grundstücksnähe eine kleine Raumkapsel niedergeht, in der sich ein menschlich aussehendes Baby befindet. Der Kleine wird kurzerhand Brandon getauft und von den überglücklichen Breyers insgeheim an Kindesstatt angenommen. Der Bengel entpuppt sich als wonniges Wunderkind, das seinen terrestrischen Adoptiveltern viel Freude bereitet. Zwölf Jahre lang geht das Spiel gut, bis Brandon (Jackson A. Dunn) urplötzlich Stimmen hört, in fremden Zungen spricht und ungekannte Aggressionen an den Tag legt Darüberhinaus entwickelt er gewaltige, übermenschliche Fähigkeiten. Als Tori dem Jungen die wahren Umstände seiner Herkunft offenbart, reift in ihm endgültig die Erkenntnis, dass er zu weitaus Höherem bestimmt ist…

In den achtziger Jahren entwickelte DC Comics ein Format, das die beliebten Heldenfiguren aus dem gewohnten zeitlichen, gesellschaftlichen und/oder lokalen Kontext heraus und in eine bisweilen gänzlich ungewohnte Umgebung hineinkatapultierte. Wobei der Terminus „entwickelte“ nicht ganz passend ist, denn dem „Haus der Ideen“, Marvel, war dieselbe Idee bereits eine gute Dekade zuvor entsprungen und erlebte in Form der „What If…“- Reihe, die den Beobachter Oatu von alternativen Realitäten berichten ließ, einen mehrjährigen Lauf. Manchmal waren die jeweiligen  Modifikationen bloß geringfügig, manchmal gewaltig. Vor allem Superman erlebte in den Spätneunzigern und diesseits der Jahrtausendwende viele jener miniseriellen Umwälzungen, landete als Baby statt bei den Kents in Kansas bei den Amish, im mittelalterlichen England,  bei den Sowjets, bei seinem Erzfeind Darkseid, bei den Waynes, oder wie einst Tarzan bei Affen im Dschungel. Immerhin liefen die Storys meist darauf hinaus, dass die Kal-Els all dieser mehr oder weniger phantasievollen Visionen irgendwann doch ihren klassischen Erlösernimbus sowie ihre eherne ursprüngliche Bestimmung, für das Gute, die Menschheit und den Schutz der Erde einzutreten, wahrnahmen.
In anderen, zumeist verlagsfremden Publikationen ging man indes soweit, Stellvertreter-Supermen zu kreieren, eindeutige Variationen des Originals, die mal moralisch flexibel, mal sozial unangepasst oder gleich von Grundauf böse waren.
Just diese ergo nicht mehr ganz frische Idee (eine Coming-of-age-Geschichte um einen bösen Super“helden“ hatten wir in nicht ganz unähnlicher Form vor ein paar Jahren schonmal in Josh Tranks „Chronicle“) griff nun der Gunn-Klan um den berühmtesten Familienvertreter James auf in Form von „Brightburn“. Der mehrdeutige Titel erweist sich als Substitut für das Örtchen Smallville, lokalisiert sich freilich in Kansas und bei Jonathan und Martha Kent quasi identisch paraphrasierten, braven amerikanischen Eheleuten. Über die wahre Herkunft ihres Ziehsohnes erfahren wir nur wenig, außer dass es sich bei ihm eben um ein humanoid wirkendes Alien handelt, das jedoch offenbar mit einer für uns Terrestrier recht unangenehmen Agenda geschickt wurde: „Take the world“ hämmert es mit beginnender Geschlechtsreife irgendwann unablässig in Brandons Kopf, zunächst in außerirdischer, dann in englischer Sprache. Dass der junge Brandon Breyer nun keine Naturkatastrophen abwendet oder schutzsuchenden Personen zur Hilfe eilt, sondern diese im höchst persönlichen Interesse strategischer Anonymität zu Hackfleisch macht, unterscheidet seine Persona eben deutlich vom großen rotblauen Vorbild.
Diese Idee im Film zu sehen, ist grundsätzlich reizvoll, hält jedoch nicht durchweg, was sie verspricht und schreit am Ende (möglicherweise wurde sie auch a priori so konzipiert?) geradezu nach unvermeidbaren Fortsetzungen, wobei sich der Epilog um Michael Rooker auch ebensogut als augenzwinkernder Gag in Richtung „Batman V Superman“ begreifen ließe.
Was mir nun insgesamt gefallen hat, wäre schonmal primär die Entscheidung, sich nach R-Rating-Vorgaben zu richten, so dass insbesondere die exploitativen Resultate von Brandons Attacken hübsch fies bis derb splattaterig dastehen. Hier und da wird’s für Sekundenbruchteile gar ein bisschen spannend und ein paar gelungene Einstellungen verankern sich positiv im Gedächtnis. Das verhältnismäßig kleine Budget wurde weithin ordentlich gesteckt und verplant, so dass man sich von etwaigen Albernheiten bei der Effektarbeit flächig verschont findet.
Weniger aufregend gestalten sich indes die sich alles andere als innovativ gerierende, stark generische Dröhnmusik (Tim Williams), die zunehmend hilflos inszeniert wirkenden, nach antiquierter Slashermanier eingeflochtenen Präludien vor Brandons spektakulären kills sowie die eine oder andere Regieschlamperei. Die Besetzung (nebenbei auch insgesamt leicht schludrig wirkend)  der mir persönlich sowieso kreuzunsympathischen Elizabeth Banks erweist sich zudem als verhängnisvoller Fehlentscheid, wo ihr Charakter doch eigentlich recht viel hergegeben hätte. Man stelle sich vor, was eine Jennifer Connelly aus dem Part hätte machen mögen. Aber das sind eh so Kleine-Jungs-Phantasien…

5/10

MAYERLING

„I’ve tried travel, I’ve tried politics, gambling, drink, I don’t fancy young men. So, what’s left?“

Mayerling ~ UK/F 1968
Directed By: Terence Young

Wien, 1888. Kronprinz Rudolf (Omar Sharif) bereitet seinem Vater, Kaiser Franz Joseph I. (James Mason), allerlei Kopfzerbrechen. Der dreißigjährige Filius, einziger potenzieller Thronfolger, interessiert sich weniger für repräsentative Staatsageschäfte, denn für die ungesunderen Dinge des Lebens. Zudem sympathisiert er mit den liberalen Ideen der auf die Straße gehenden Studentenschaft und hat auch viele Freunde darunter. Seine erzwungene Ehe mit Gattin Stephanie (Andréa Parisy) empfindet Rudolph als Zumutung. Immerhin können die spärlichen Besuche seiner stets auf Reisen befindlichen Mutter Elisabeth (Ava Gardner) Rudolphs Stimmung heben. Als er eines Tages die Diplomatentochter Maria Vetsera (Catherine Deneuve) kennenlernt und sich heftigst in sie verliebt, bringt dies das höfische Fass endgültig zum Überlaufen. Der Kaiser unternimmt alles, um die unheilige Verbindung zu bremsen und Rudolph eines Besseren zu belehren, doch seine unablässigen  Einmischungen sorgen vielmehr dafür, dass die Affäre in einer Katastrophe endet.

Dass „Mayerling“ ein Leibprojekt Terence Youngs gewesen sein muss, merkt man dem Film an, denn ein derart hohes Maß an künstlerischer und stilistischer Dedizierung findet sich in keinem anderen Werk seines ja doch sehr illustren Œuvres. Man könnte geradezu meinen, Young wolle es auf geradezu konfrontative Weise mit Visconti aufnehmen, wenn man die betont blaß eingefärbten, zwischen höchster Authentizität und Artifizialität changierenden Szenen im für (den späteren) Young sehr ungewohnten Panavision-Format bewundert. Sequenzen wie eine „Giselle“-Aufführung in der Wiener Staatsoper, das erste Treffen von Rudolf und Maria auf einem kitschigen Weihnachtsmarkt und die vielen Außen- und Innenaufnahmen von Schloss Schönbrunn und viele mehr rücken eine gänzlich ungewohnte, schwelgerische Note in den Vordergrund, die man in dieser Ausprägung bei Young nicht kennt. Auch wie er sein geradewegs auf den Doppelsuizid (eine mögliche historische Interpretation) hinzusteuerndes Portrait Rudolfs erzählt, nimmt sich ungewohnt schwermütig aus. Sharif, der die Inkarnierung des psychich wankelmütigen Kronprinzen erstaunlich souverän und gekonnt meistert, vermag es vortrefflich, dem zwischen romantischem Enthusiasmus und realistischer Verzweiflung Gefangenen ein Antlitz zu geben.
Ich habe – während der Betrachtung des Films und auch Tage danach noch – immer wieder daran denken müssen, dass Youngs „Mayerling“ vortrefflich als genealogisches Bindeglied fungiert zwischen „Dr. Zhivago“, dessen fremdliebige Schwermut nicht zuletzt durch die Besetzung der Hauptrolle hierin ganz gut nachvollzogen wird, und „Caligula“, mit dem er zum einen das wunderhübsch penetrant eingesetzte, musikalische Thema der „Spartacus Suite“ von Aram Khachaturyan gemein hat und zum anderen natürlich die verhängnisvoll gezeichneten Auswirkungen des Kaiserwahns (ein Thema, über dass der Kronprinz gar nicht gern spricht).
Vielleicht Terence Youngs schönster Film abseits von Bond.

8/10

L’EAU DES COLLINES

Zitat entfällt.

L’Eau Des Collines, Première Partie: Jean De Florette (Jean Florette) ~ F/I/CH 1986
Directed By: Claude Berri

L’Eau Des Collines, Deuxième Partie: Manon Des Sources (Manons Rache) ~ F/I/CH 1986
Directed By: Claude Berri

Bastides, ein provenzalisches Dorf, im Jahre 1925. Der junge Bauer Ugolin (Daniel Auteuil), letzter Nachkomme der ursprünglich umfassenden Sippe der Soubreyans, kehrt zu seinem Onkel César (Yves Montand) zurück, den alle in der Gegend ehrfürchtig „Papet“ nennen. Ugolin hält wenig von Wein- und Gemüseanbau, sondern überzeugt Papet stattdessen, dass mit Zuchtnelken ein ordentliches Auskommen zu machen ist. Dafür benötigt Ugolin allerdings eine eigene Bewässerungsquelle. Papet hat das benachbarte Grundstück des alten Marius (Marcel Champel) im Auge, auf dem sich eine sprudelnde Quelle befindet. Ein provozierter Streit führt zum Tode Marius‘, doch dessen Erbe, der bucklige Steuerbeamte Jean Cadoret (Gérard Depardieu), ist mitnichten gewillt, das Stück Land zu verkaufen. Stattdessen plant der sich als intellektueller Träumer herausstellende Sohn von Césars verflossener Jugendliebe Florette, gemeinsam mit Frau Aimée (Elisabeth Depardieu) und Töchterchen Manon (Ernestine Mazurowna), eine Hasen- und Kürbiszucht aufzubauen und sich vor Ort niederzulassen. Der alte Papet und Ugolin beginnen, gegen die Cadorets zu intrigieren. Zunächst verschließen sie die Jean unbekannte Quelle mit Zement. Ugolin spielt sich hernach als Gönner und hilfsbereiter Freund Jeans auf, heimlich durchschaut von der kleinen Manon. Was später der fehlende Sachverstand Jeans und der heiße Sommer nicht besorgen, durchkreuzen die Soubreyans. Nachdem Jean sich bereits halb zu Tode geschuftet hat, will er, von Alkohol gezeichnet und halbwahnsinnig, verzweifelt eine eigene Quelle freisprengen und kommt dabei zu Tode. Papet kauft der bedürftigen Witwe das Grundstück ab, derweil Manon zufällig erfährt, dass die Soubreyans die Wasserquelle verstopft und ihren Vater damit in Ruin und Tod getrieben haben.

Einige Jahre später hat Ugolin auf dem ehemaligen Land der Cadorets seine erfolgreiche Nelkenzucht aufgebaut. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist die mittlerweile zu einer wunderschönen jungen Frau gereifte Manon (Emmanuelle Béart), die sich nie mit dem Schicksal ihres Vaters hat arrangieren wollen, in der Region geblieben, betätigt sich als Ziegenhirtin und schult autodidaktisch den von Jean ererbten Intellekt. Als Ugolin sie erstmals erblickt, verliebt er sich unsterblich in sie, Manon jedoch interessiert sich für den jungen Dorfschullehrer Bernard (Hippolyte Girardot). Als Ugolin ihr lauthals seine Liebe gesteht, wendet sie sich angewidert ab. Ein zufällig belauschtes Gespräch zwischen zwei älteren Dörflern aus Bastides eröffnet Manon, dass die gesamte Gemeinschaft um Papets damalige Verstopfung der Quelle wusste. Manon, die den Quellort für die gesamte Wasserversorgung von Bastides in den Bergen kennt, verschließt nun aus Rache ihrerseits die Zufuhr, so dass das gesamte Dorf zu darben hat. In diesem Zusammenhang wird Papets und Ugolins verbrecherische Übervorteilung endlich öffentlich. Ugolin, der endgültig begreift, dass Manon ihn niemals nehmen wird, erhängt sich an einem Baum. Von Bernard überzeugt, gibt Manon die Quelle schließlich wieder frei. Die alte Schuld scheint beglichen, doch auf Papet wartet noch eine letzte, furchtbare Wahrheit…

Im Zuge eines ebenso aufwändigen wie umfassenden Projekts nahm sich Claude Berri mit der bravourösen Unterstützung Gérard Brachs Marcel Pagnols rund dreißig Jahre zuvor in zwei Teilen veröffentlichten Roman vor und schuf daraus einen prachtvollen, wiederum als Diptychon angelegten Heimatfilm, der die von wunderschönen Primärfarben lebenden Bilder kontrastiert mit einer tieftraurigen, von Habsucht, Hybris, moralischen Fehlentscheidungen und verschlossenen Wahrheiten geprägte Familiengeschichte. Spätestens auf den zweiten Blick werden noch mehrere inhaltliche Ebenen offenkundig, die sich erst ganz am Ende der Betrachtung dieses ingesamt knapp vierstündigen Mammutwerks erschließen – wieder einmal sind es der Krieg und die mit ihm einhergehenden Entfrendungen und Missverständnisse, die Familien auseinanderreißen; die einen alternden Mann verhärten und zum gierigen Egoisten werden lassen. Immer wieder rekurriert die Frage des eigentlich grundgütigen, von Papet jedoch unentwegt negativ beeinflussten Ugolin, warum der Alte denn nie geheiratet habe und er denn nun seinerseits für die Dynastienachfolge sorgen solle. Dass Papet in der Vergangenheit das Herz herausgerissen wurde und ebendies ihn zum verbitterten, missgünstigen Zyniker hat werden lassen, lässt sich über lange Zeit lediglich erahnen. Welch bösen Schabernack das Schicksal wirklich mit ihm treibt, in Unkenntnis elementarer Fakten und durch eine Verkettung unglücklicher Fügungen, dessen wird sich der durch den verzweifelten Freitod seines Neffen (an dem Papet indirekt ebenfalls die Schuld trägt) bereits empfindlich Getroffene erst bewusst, als es längst zu spät ist. Wie eine Kerze verlischt der einstmals stolze Patriarch – und mit ihm der Name einer Familie, die die Region geprägt hat wie kaum eine andere.
„L’Eau Des Collines“ – das titelgebende Wasser will auch in seiner Symbolträchtigkeit als Lebensspender begriffen werden – ist somit gewissermaßen auch der finale Teil einer Chronik des Familienzerfalls, eines traditionellen literarischen Motivs somit. Und obschon alles auf das erschütternde Finale zusteuert, verzichtet Berri nie ganz auf sanfte, immer wieder eingeflochtene Ironiespitzen, die zumeist im Zusammenhang mit der Schlichtheit der Provinzbevölkerung stehen. In diesem Zusammenhang muss man jedoch keine Denunziation befürchten, sondern vielmehr liebevolle Beobachtungsdetails, deren Verzicht ebenso wie die eingangs erwähnte, überwältigende Naturphotographie, dem Drama vielleicht eine allzu bleierne Schwere überantwortet hätten. So, in dieser Ausgewogenheit, ist es jedoch perfekt.

10/10

AVENGERS: ENDGAME

„Everything’s gonna work out exactly the way it’s supposed to.“

Avengers: Endgame ~ USA 2019
Directed By: Anthony Russo/Joe Russo

Nach Thanos‘ (Josh Brolin) das gesamte Universum in Mitleidenschaft ziehendem Sieg macht der gemeinsam mit Nebula (Karen Gillan) im All treibende Tony Stark (Robert Downey Jr.) sich zum Sterben bereit, wird jedoch in allerletzter Sekunde von der zur Hilfe eilenden Carol Danvers (Brie Larson) gerettet. Die nunmehr verbliebenen Avengers machen den wahnsinnigen Titanen auf seiner Zufluchtswelt ausfindig, nur um von ihm zu erfahren, dass dieser die Infinty-Steine nach der erfolgreichen Ausführung seiner Pläne samt und sonders zerstört hat. Der kurzgeschlossene Thor (Chris Hemsworth) enthauptet Thanos daraufhin.
Fünf Jahre später versuchen die Menschen der Erde noch immer verzweifelt, mit ihren Verlusten zurecht zu kommen und auch die Avengers haben sich sehr verändert. Tony und Pepper (Gwyneth Paltrow) haben geheiratet und leben mit ihrer kleinen Tochter (Lexi Rabe) abgeschieden auf dem Land. Steve Rogers (Chris Evans) betreibt unermüdliche Trauerarbeit für Kleingruppen, der aus dem Leim gegangene Thor entlädt seinen Frust in Alkohol und irdischem Slackertum. Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) kümmert sich gemeinsam mit den auf der Erde gestrandeten Rocket und Nebula sowie Jim Rhodes (Don Cheadle) und T’Challas (Chadwick Boseman) überlebender Kriegerin Okoye (Danai Gurira) um die internationale Sicherheit und sucht parallel dazu nach Clint Barton (Jeremy Renner), der sich nach dem Tod seiner kompletten Familie als global operierender Vigilant im Untergrund bewegt. Bruce Banner (Mark Ruffalo)  hat indes seine „Hulk“-Persönlichkeit gezähmt und sie zum festen Bestandteil seines menschlichen Wesens gemacht. Der erst nach all dieser Zeit aus der Quantenrealität zurückkehrende Scott Lang (Paul Rudd), dessen Aufenthalt in der Mikrowelt ihm wie fünf Stunden erschienen, sucht die Avengers auf und legt ihnen eine letzte Möglichkeit nahe, Thanos‘ Auslöschungen rückgängig zu machen: Die Zeitreise. Der unter Behelf von Tony Starks Genie bald entwickelte Plan sieht vor, in Kleinteams zu jenen Punkten in der Vergangenheit zurückzugehen, an denen man der Infinity-Steine am Günstigsten habhaft werden kann. Doch lauern in der Vergangenheit auch Thanos und dessen ihm damals noch ergebene Tochter Nebula, die durch deren zukünftiges Pendant um die Pläne der Avengers erfahren und Gegenmaßnahmen ergreifen…

Erwartungsgemäß endet diese „Phase 3“ des MCU nicht nur mit einem ausgedehnten Knall, sondern markiert gewissermaßen zudem einen Endpunkt der gesamten bisherigen MCU-Historie seit „Iron-Man“, in ihrer Gesamtheit auch als „Infinity-Saga“ bezeichnet. Zu diesem Zweck greift der Plot von „Avengers: Endgame“ geschickt zurück in die Ereigniswelten der zurückliegenden Abenteuer und stellt damit nochmals die größte narrative Stärke des MCU heraus, die ihre Kraft eben auch der nochmals sehr viel ausufernderen Konzeption der Comic-Welten verdankt: Die Verknüpfung inhaltlicher Details und Momente aus 21 Filmen in elf Jahren, einem gewaltigen, in der Geschichte des Kinos in dieser Form bislang einzigartigen Erbe. Die Sorge dafür, dass diese Brückenschläge sinnvoll und reibungslos ablaufen, wäre wiederum ein hervorzuhebendes Qualitätsmerkmal des MCU, dass sich spätestens mit „Endgame“ zu einem geschlossenen (wenngleich nicht abgeschlossenen), bunten Fresko ausweitet, das nunmehr, da es vollendet wurde, beinahe den Anschein einer seit Anbeginn minutiösen Planung hinterlässt.
Gewiss ist der Film zuvorderst ein direktes Sequel zu „Infinity War“, dessen brutales Finale ja bekanntermaßen ein großes Quantum an liebgewonnenem Figureninventar zu Staub zerfallen ließ und das weder die Fans noch die Avengers in solch „finiter“ Konsequenz auf sich sitzen lassen konnten. So geht nun „Endgame“ als zwangsläufig aufgefächerter Mehrakter in sein Endspiel: Nach der ersten Berappelung und der Rache an Thanos folgt  ein Zukunftssprung um fünf Jahre, die nur wenige Wunden zu heilen vermochten. Dank Scott Lang reifen dann die Pläne um einen doch noch optionalen Sieg über die Endgültigkeit des Schicksals. Mittels eines – wie könnte es anders sein – etwas wackeligen Zeitreiseplot reisen die Helden dann zu zwei bzw. drei Punkten in der Vergangenheit, um sich in den Besitz der Steine, nach wie vor klassische MacGuffins, zu bringen und stolpern dort natürlich über turbulente (New York) bis dramatische (Kosmos) Unwägbarkeiten. Es folgt die Mutter aller Superheldenschlachten, quasi ein filmgewordenes Gemälde von Jim Starlin, George Pérez und Alan Davis in kombinierter Reinkultur, auf den Ruinen des von Thanos in Asche gelegten Avengers-Hauptquartiers. Die Gänsehäute überbieten sich, wenn nunmehr endlich sämtliche der bekannten (wiedererweckten) Heroinen und Heroen, inklusive einer gerüsteten Pepper Potts und einer wiederum im letzten Augenblick auftauchenden Captain Marvel, mitsamt ihren Armeen aus asgardianischen Walküren und Wakanda-Kriegern um den neuen Infinity-Handschuh kämpfen und Thanos‘ Streitmacht eine herbe Schlappe zufügen. Leider versäumte man in diesem doch so naheliegenden Zusammenhang die Chance, die Defenders aus den Netflix-Serials zumindest für ein Cameo mit ins Boot zu holen – ein solcher hätte gewiss für (berechtigte) frenetische Ekstaseschreie zu sorgen vermocht. Natürlich gibt es in der Folge ein, um nicht zu sagen das große(s) Heldenopfer zu beklagen, dessen Trauerfeier und Auswirkungen den letzten, tränenschürenden Abschnitt des Films bestimmen. Die Wunden wollen geleckt sein, doch die Türen für die nächste, große Saga nebst den noch Aktiven und ihren Nachfolgern finden sich bereits leise und ganz wie nebenbei geöffnet.
Darüber, dass „Endgame“ zumindest für den Moment „Avatar“ als den bis dato erfolgreichsten Blockbuster abgelöst hat, mag ich, auch wenn es mich aus mehrerlei Gründen in Hochstimmung versetzt, keine weiteren, grübelnden Worte verlieren. Allein die Tatsache, das MCU infolge eines seiner schönsten Produkte weiterhin derart kassenstark und damit zukunftsgewappnet zu wähnen, genügt mir für den Moment. Ich für meinen Teil werde mit ganz viel aufrichtiger Liebe für das Erreichte und ebenso für das noch zu Erreichende am Ball bleiben. Bis hierher: Danke.

9/10

MURDER MYSTERY

„You got to be the bad guy.“

Murder Mystery ~ USA 2019
Directed By: Kyle Newacheck

Weil er sich zum wiederholten Male als zu unfähig erweist, die Prüfung zum Police Detective zu meistern, schwindelt der New Yorker Cop Nick Spitz (Adam Sandler) seiner Gattin Audrey (Jennifer Aniston) kurzerhand vor, dass er sie längst bestanden habe. Zudem zwingt eine dumme Situation dazu, Audrey die seit Jahren versprochene Europareise zum jüngsten Hochzeitstag zu verehren. Aus der geplanten Bustour zu den großen südeuropäischen Schinkenräuchereien wird jedoch nichts, da Audrey im Flieger die Bekanntschaft des Milliardenerben Charles Cavendish (Luke Evans) macht. Dieser lädt die Spitzens – nicht ganz uneigennützig – zur Hochzeitsparty seines Onkels, des superreichen Malcolm Quice (Terence Stamp), auf dessen Luxusyacht ein. Nachdem dieser sämtlichen anwesenden Erbschleichern eröffnet, dass sie nichts von seinem Nachlass zu erwarten hätten, wird er umgehend ermordet. Der ebenso übereifrige wie inkompetente Polizist de la Croix (Dany Boon) hält trotz eindeutig fehlenden Motivs die Spitzens für die Täter, was diese in die Zwangslage setzt, ihre Unschuld zu beweisen.

Zumindest für des Sandmans Freunde durchaus liebenswert, wenngleich qualitativ eher in seinem mittleren Filmsektor schwimmend, entpuppte sich diese sechste und jüngste Netflix-Produktion als die bislang erfolgreichste Zusammenarbeit des Senders mit dem quirligen Adam. Angenehmerweise versucht „Murder Mystery“ erst gar nicht, sich zu etwas Besserem zu deklarieren als er es letzten Endes darstellt, sondern gibt sich mit seinem Status als gut gelaunte, in Teilen durchaus witzige Krimikomödie ohne besondere Ausreißer nach oben oder unten zufrieden. Für Sandler, der ausnahmsweise mal an der Riviera sein Unwesen treiben darf, ist das Ganze derweil eine sichtlich laxe Fingerübung, die ihn gut gelaunt und wie gehabt auch mal über die eigenen Gags lachen lässt. Garantiert überraschungsfrei, aber sympathisch wie immer. Das matte Fünkchen Reverenz an Agatha Christie und anverwandte Literatur bleibt schließlich bloße Behauptung.
Der kriminalistisch überbaute Hauptplot lässt sich, wie die Inszenierung in ihrer Gesamtheit, insofern völlig vernachlässigen; ganz ähnlich wie seinerzeit Woody Allen in seinem nicht nur titulär verwandten „Manhatten Murder Mystery“, geht es vielmehr darum, die eingeschlafene Liebe eines nurmehr gewohnheitsmäßig verheirateten Paares durch die Involvierung in einen – bzw. mehrere – Mordfall/-fälle sich neu entflammen zu lassen und alten Beziehungsballast somit beiseite zu schieben, im vorliegenden Stück natürlich betont unsophisticated. Dennoch und überhaupt sollte man die mir zunehmend offenkundigen Parallelen zwischen den Gesamtwerken von Allen und Sandler einmal näher untersuchen.

6/10

INCENDIES

Zitat entfällt.

Incendies (Die Frau die singt) ~ CA/F 2010
Directed By: Denis Villeneuve

Nachdem Nawal Marwan (Lubna Azabal), die einst aus einem kriesengeplagten Nahost-Staat nach Montréal emigrierte Mutter der beiden Zwillinge Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) gestorben ist, verliest ihr Notar Lebel (Rémy Girard) ein höchst rätselhaftes Testament. Darin fordert Nawal die Geschwister auf, sich auf eine mühselige Suche zu begeben: Jeanne soll ihren den beiden zeitlebens unbekannten Vater ausfindig machen, derweil Simon mit der Recherche nach einem älteren Bruder betraut wird, von dem sie bislang nichts wussten. Vater und Bruder sollen dann jeweils einen von Nawal verfassten und an sie adressierten Brief erhalten. Zu Simons Unwillen begeben sich beide an ihre entbehrungsreichen Ermittlungen und machen sich in diesem Zusammenhang mit der Biographie ihrer Mutter vertraut, einen von den unbeschreiblichen Gräueln eines Bürgerkriegs geprägten Leidensweg…

Neben seinem makellosen Meisterwerk „Sicario“ ist „Incendies“ der bislang beste Film von Denis Villeneuve. In einer im Vergleich zu seinen späteren, sehr viel glamouröseren Hollywood-Arbeiten schmucklos gehaltenen Bildsprache begnügt sich der Regisseur hier noch damit, als auktorialer Inszenator vollkommen in den Hintergrund zu treten und seiner auf einem Stück des Dramatikers Wajdi Mouawad basierende Geschichte die gänzliche Führungsrolle abzutreten. Die erzählerische Perspekive changiert dabei primär zwischen den Erlebnissen von Mutter Nawal und Tochter Jeanne, wobei erstere sich in ihrer gezwungenermaßen stark gerafften Form etwa zwischen den Spätsiebzigern und Frühneunzigern datieren lassen. Das handlungsspendende Land, dessen Name nie erwähnt wird und das sich unschwer als der von den Wirren des Bürgerkriegs tief gezeichnete Libanon entschlüsseln lässt, erweist sich dabei auch in der filmischen Gegenwart noch als von unnachgiebiger Religiosität und Mentalität geknechteter Fleck Erde, innerhalb dessen blutgetränkter Geschichte das Schicksal Nawals am Ende doch nur eines von vielen ist, und das einer Überlebenden, die schlussendlich an einer Wahrheit, die ihr selbst viele Jahre lang verborgen blieb, zugrunde gehen musste zudem.
Auf narrative Details einzugehen, bedeutete, der geschätzten Leserschaft das potenzielle (unbekannte) Filmerlebnis seiner unglaublichen Kraft und erschütternder Wirkmacht zu berauben, daher halte ich mich diesbezüglich an gegebener Stelle ausnahmsweise streng zurück. Was mir insofern nurmehr am Herzen liegt und loszuwerden bleibt, wäre Folgendes: „Incendies“ ist einer jener raren Filme, die man uneingeschränkt als Pflichtveranstaltung für jedermann flankieren und bewerben muss, ein ungebrochen starkes kulturelles und philosophisches Großereignis; angetan zu schockieren, zu läutern und in meditative Klausur treten zu lassen; und mehr noch ein Fanal für Frieden und Vergebung; unvergesslich und uneingeschränkt randios. Wer glaubt, all diese Superlativen seien übertrieben, der möge versuchen, sich eines Besseren zu belehren. Er wird es nicht bereuen.

10/10