DOCTOR SLEEP

„We’re all dying. The world’s just one big hospice with fresh air.“

Doctor Sleep (Doctor Sleeps Erwachen) ~ USA 2019
Directed By: Mike Flanagan

Rund 30 Jahre nach den schrecklichen Erlebnissen im Overlook-Hotel ist aus dem damals noch kleinen Danny Torrance (Roger Dale Floyd) ein Erwachsener (Ewan McGregor) mit einigen Problemen geworden. Die einstigen Ereignisse hat Danny nie ganz überwinden können und ist zum Alkoholiker geworden wie einst sein Vater Jack (Henry Thomas). Noch immer erscheint ihm an kritischen Wendepunkten seines Lebens jedoch der seinerzeit ermordete Hausmeister Hallorann (Carl Lumbly) und erteilt ihm weise Ratschläge. Aus zunächst unerfindlichen Gründen zieht es Danny nach New Hampshire, wo er Freundschaft mit Billy Freeman (Cliff Curtis) schließt. Weitere acht Jahre vergehen, in denen Danny seine Sucht erfolgreich überwunden hat und immer wieder mentalen Kontakt mit einem einige Meilen entfernt lebenden Mädchen namens Abra Stone (Kyliegh Curran) pflegt, das wie er über das Shining verfügt. Eines Tages besucht Abra Danny persönlich, um ihn über einen kleinen Geheimzirkel, den „True Knot“ zu informieren. Bei diesem handelt es sich um eine Gruppe untoter Seelenvampire, die mit Campingwagen durch Amerika ziehen und sich von der Essenz von Kindern ernähren, die allesamt das Shining besitzen und auf die besonders starke Abra aufmerksam geworden sind. Nach anfänglichem Zögern verbündet sich Jack mit Abra. Gemeinsam können sie fast alle Mitglieder des True Knot ausschalten bis auf dessen Anführerin Rose The Hat (Rebecca Ferguson). Jack und Abra locken sie zum längst verlassenen Overlook Hotel, um ihr dort endgültig den Garaus zu machen.

Mike Flanagans im Director’s Cut immerhin dreistündiger Film bildet nach der Netflix-Produktion „Gerald’s Game“ die zweite King-Adaption des Regisseurs. Als Sequel zu Stanley Kubricks Meisterwerk „The Shining“ vollzieht „Doctor Sleep“ dabei immerhin das kleine Kunststück, sowohl King, der Kubricks Arbeit wie viele Fans seines Romans bekanntermaßen ablehnt, zu beschwichtigen, als auch „The Shining“, dem Film, vielfach Reverenz zu erweisen. „Immerhin“, weil „Doctor Sleep“ sich zwar im Ganzen nett ausnimmt, der monumentalen Kunst Kubricks aber in überhaupt keiner Weise das Wasser reichen kann. Dessen Film vermochte es, Wahnsinn als psychische Macht zu transzendieren und ihn auf vielen Ebenen spürbar zu machen – den Wahnsinn nicht nur seiner Hauptfigur, sondern auch den seines (filmischen) Schöpfers. Vielleicht ist genau dies einer der primären Gründe, warum King sich mit Kubricks epochalem Werk nie anfreunden mochte; weil er sich wie kein anderer Filmemacher von einer seiner Vorlagen emanzipieren konnte und etwas derart Eigenständiges schuf, dass der Roman nurmehr zum inhaltlichen Stichwortgeber anstelle einer kongenialen Inspirationsquelle degradiert wurde. Bei Flanagan, einem, soweit ich dies nach nunmehr vier gesehenen Filmen beurteilen kann, fleißigen, soliden Genreregisseur, der bis dato allerdings noch keine bedeutsame Signatur entwickeln konnte, kann von derlei Maßstabssetzendem nicht die Rede sein. Ich kenne das Buch, wie die allermeisten von King, nicht, weil ich die Prosa des Autors nie sonderlich mochte. Mit den allermeisten Adaptionen ergeht es mir da anders, diese pointieren seine ohnehin oftmals a priori kinoaffinen Ideen häufig und verdichten sie zu einer medial passgenauen Essenz. Wobei mir auch diesbezüglich auffällt, dass wirklich überragende Arbeiten, wie sie einst noch Usus waren, als Regisseure wie De Palma, Cronenberg, Carpenter oder Reiner sich Kings Literatur annahmen, de facto nicht mehr nachgereicht werden. Vielleicht liegt das ja nicht zuletzt auch an Kings höchsteigener Art der Verstofflichung seiner Imagination. Im Falle von „Doctor Sleep“ scheint mir dies durchaus signifikant: Hier haben wir keine Horrorgeschichte, die innere Welten nach außen kehrt, sondern vielmehr einen relativ ordinären Fantasyplot, der eben zufällig die Geschehnisse von „The Shining“ aufgreift und weiterspinnt. Selbiges vollzieht Flanagans Film auf eine rundum bequeme und versöhnliche Art. Die diversen Reminiszenen an das fast vier Dekaden alte, ungebrochen magische Vorbild sind ausnahmslos liebevoll gestaltet, die von neuen Darstellern besetzten Rollen finden sich so gut revisioniert, wie es eben möglich scheint. Doch dann gibt es da noch diese einfältige, narrative Kinderschreck-Ebene um die scheinbar aus Grimms Märchen entsprungenen (leider überhaupt nicht bedrohlich wirkenden) True-Knot-Gypsies, allen voran die leider nie wirklich unheimliche Rebbeca Ferguson, und die sich ihnen tapfer widersetzende, kleine Alba, in der Danny Torrance nebst seiner traumatischen Vorgeschichte zu einem relativ austauschbaren Sidekick-Element avanciert. Die Crux des Ganzen verdeutlicht sich vielleicht besonders in jener Szene, in der Danny und sein Kumpel Billy die Seelenvampire in einen Wald locken und nach und nach erledigen, wobei diese sich mittels mäßiger CGI in staubiges Wohlgefallen auflösen. Diese in dem ja doch recht ausufernden „Doctor Sleep“ einzige Sequenz, die mit ein wenig Kinetik aufwartet, liefert beinahe antiklimaktische Vampiraction, wie sie (ausgerechnet) seit „From Dusk Till Dawn“ doch längst visueller Usus ist.
„Doctor Sleep“ ist, und darin liegt vielleicht der größte Kritikpunkt, ein Film ohne echte Geheimnisse – und damit ganz gewiss denkbar weit entfernt von dem, was er, so nehme ich an, nur allzu gern wäre.

6/10

THE CARPENTER

„You have to be crazy to come to a place like this.“

The Carpenter ~ CA 1988
Directed By: David Wellington

Alice Jarrett (Lynne Adams) führt keine sehr befriedigende Ehe mit ihrem sie allenthalben betrügenden, herablassenden Mann Martin (Pierre Lenoir). Umso weniger verwunderlich, dass sie eines Tages durchklinkt und seine besten Anzüge zerschnippelt. Alices daraufhin folgenden Aufenthalt in der Psychiatrie nutzt Martin derweil, um ein altes Häuschen im Grünen zu erwerben und renovieren zu lassen. Wieder entlassen, genießt Alice das neue Domizil, trotz der billig angeworbenen, faulen Bauarbeiter. Den Löwenanteil der Erledigungen vollbringt ohnehin ein ausschließlich des Nachts hämmernder Zimmermann (Wings Hauser), der ebenso höflich wie mysteriös auftritt und sich bald zu Alices persönlichem Schutzengel entwickelt. Sie gerät immer mehr in den Bann des sie umgarnenden Handwerkers, selbst die durch den schmierigen Sheriff Johnston (Ron Lea) erfolgende Eröffnung, dass es sich bei ihm um den Geist des früheren, wahnsinnig gewordenen Häuslebauers Edward handeln muss, bereitet ihr keine besonderen Sorgen. Erst Alices bodenständige Schwester Rachel (Barbara Jones), die Alice angesichts des zunehmend blutigen Treibens Edwards wieder notdürftig erden kann, bereitet dem Treiben ein Ende.

„The Carpenter“, eine schöne, dunkelromantische Splatterkomödie mit erwachsenenmärchenhaftem Touch, könnte durchaus als Blaupause für spätere, wesentlich populärer gewordenen Genrevertreter wie Bernard Roses „Candyman“ oder die beiden „The Dentist“-Filme von Brian Yuzna hergehalten haben, die jeweils vorrangige Erzählmotive von Wellingtons Debüt aufgriffen und weiterverarbeiteten; sei es das ja bereits seit Stokers „Dracula“ rekurrierende Thema der von einer verführerischen, unweltlichen Macht attrahierten, unzufriedenen Ehegattin auf der einen oder das für derbe Verstümmelungen unglücklicher Opfer zweckentfremdete Arbeitsmaterial auf der anderen Seite. Zudem pflegt „The Carpenter“ einen sehr hübschen, wenn auch eigenwilligen schwarzen Humor, der sich insbesondere in der Gestaltung der liebevoll eingeflochtenen, zahlreichen skurrilen Nebencharaktere äußert. Von dem leider nur zu Beginn auftretenden Therapeuten (Griffith Brewer) über das übelriechend-kriminelle Arbeitervolk und Alices neuen Arbeitgeber (Richard Jutras) bis hin zu Ron Leas wunderbarem Auftritt als kaugummischmatzender Sheriff hält der Film eine ganze Armada an nahezu surreal anmutendem Personal bereit, das die schwebende Abseitigkeit des Geschehens hervorragend unterstützt. Zudem sind Lynne Adams und vor allem der wie stets verlässliche Wings Hauser, der das freidrehende Potenzial seiner Rolle beinahe brillant zu nutzen weiß, jeweils famos in ihren Hauptrollen.
Einer kritischeren Perspektive mag „The Carpenter“ in vielen Punkten nicht standhalten: Wer ein auch nur halbwegs regelkonformes slasher movie erwartet, dürfte enttäuscht sein; das pacing erweist sich als wenig dynamisch und so etwas wie Spannung oder Zug kommt im traditionellen Sinne auch nicht auf. Der Film taugt eher zu einem eigenwilligen Exempel, wie sich Gattungsmechanismen auf intelligente Weise aushebeln und ironisieren lassen. Als solches allerdings lohnt er die vertrauensvolle Begegnung.

7/10

THE LIGHTHOUSE

„Let Neptune strike ye dead!“

The Lighthouse (Der Leuchtturm) ~ USA/CA 2019
Directed By: Robert Eggers

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nimmt der junge Ephraim Winslow (Robert Pattinson) einen Posten als Leuchtturmwärter auf einer kleinen Felseninsel vor der Küste von Maine an. Winslow wird im Laufe seiner auf vier Wochen festgelegten Tätigkeit vor Ort von dem alternden Thomas Wake (Willem Dafoe) angeleitet und beruflich beurteilt, der einzigen anderen Menschenseele auf dem Eiland außer ihm selbst. Der kauzige Wake nebst all seinen schrulligen Eigenheiten erweist sich in Kombination mit der Einsamkeit alsbald als psychische Belastungsprobe für Winslow, der seinerseits ebenfalls das eine oder andere private Geheimnis mit sich herumträgt. Als schließlich ein Unwetter die fristgerechte Beendigung ihres Engagements verhindert, vernebeln sich die Sinne der beiden Männer endgültig. Statt überlebensnotwendiger Essensvorräte scheinen sich nurmehr volle Schnapsflaschen auf der Insel zu befinden. Der haltlose Alkoholkonsum fördert schließlich unheilige Visionen zu Tage, Zeit und Raum verlieren jede Bedeutung und der Wahnsinn gewinnt endgültig die Oberhand…

Mit „The Lighthouse“ empfiehlt sich Nachwuchsfilmemacher Robert Eggers nach seinem nicht minder einnehmenden Debüt „The VVitch“ aufs Neue als wachsende Größe auf dem Sektor des folkloristisch konnotierten Horrorfilms. Neben dem abermals bemühten Motiv des grassierenden Wahns innerhalb eines lokal und sozial stark beschränkten Mikrokosmos auf unwirtlichem Terrain wählt Eggers diemal zugleich eine besonders strenge formale Askese: Der bald quadratische 1,19:1-Bildkader sowie die expressionistische Schwarzweiß-Photographie lehnen sich an die Stummfilmarbeiten von Wiene, Pabst und Murnau aus den 1920er Jahren an; visuelle Effekte werden ausschließlich bemüht, um die an Lovecraft angelehnten, zusehends infernalischen Visionen Ephraim Winslows (alias Thomas Howard) greifbar werden zu lassen.
Innerhalb und/oder durch diese hindurch konkretere narrative Abläufe zu bestimmen, gestaltet sich analog zur fortschreitenden Erzählzeit des Zwei-Personen-Stücks zunehmend schwierig; einzig die Tatsache, dass Wahn und Gewalt – unabhängig davon, ob evoziert durch allzu menschliche oder möglicherweise doch übernatürliche Einflüsse – sich unbarmherzig ihre Pfade durch die Herzen und Geisteswelten der in die Hermetik genötigten Männer fräsen, ist sicher. Maritime Symbole und Zeichen, Anekdoten und Lügen, ja sogar Namen – nichts ist bald mehr sicher auf der Leuchtturminsel, deren oberster Existenzzweck, das Leuchtfeuer selbst, noch das größte Mysterium zu beinhalten scheint.
Kognitiv also schwer bis überhaupt nicht erfassbar möchte ich „The Lighthouse“ vor allem als meisterliche künstlerische Erfahrung ausmachen und werten; als eine vor allem ästhetisch ungeheuer einnehmende Vision und Exkursion in höchst unsichere (und gerade deswegen so interessante) filmische Gefilde.

9/10

STAR WARS: THE RISE OF SKYWALKER

„These are you final steps, Rey. Rise and take them.“

Star Wars: The Rise Of Skywalker (Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers) ~ USA 2019
Directed By: J.J. Abrams

Wider allen Annahmen ist Imperator Palpatine (Ian McDiarmid) nach wie vor am Leben und versteckt sich mit seinen Sith-Untergebenen und einer gewaltigen Flotte von Sternenzerstörern auf dem entlegenen Planeten Exegol. Nachdem Kylo Ren (Adam Driver) ihn mithilfe eines so genannten „Sith-Wegfinders“ dort ausfindig gemacht hat, erfahren auch die Rebellen von einem jener Module, das ihnen ebenfalls den Weg zum möglichen Aufenthaltsort des Imperators weisen konnte. Die abenteuerliche Suche nach dem Artefakt führt Rey (Daisy Ridley), Finn (John Boyega), Poe Dameron (Oscar Isaac), Chewbacca (Joonas Suotamo) und den sich als unerwartet nützlich erweisenden C-3PO (Anthony Daniels) quer durch die Galaxis, derweil Kylo Ren immer wieder den geistigen Kontakt zu Rey sucht und so die Fährte der Widerständler zu halten vermag. Der diabolische Imperator reibt sich unterdessen die modrigen Klauen, denn er weiß um ein Geheimnis Reys, das sie, dessen ist er sich sicher, schlussendlich auf die Dunkle Seite ziehen und zur Leitfigur eines neuen Imperiums machen wird…

Ob es das jetzt wirklich war? Ich nehme keinerlei Wetten entgegen, bin ja nicht doof. Dass das „Star Wars“-Franchise in absehbarer Zeit keineswegs von der Bildfläche verschwinden wird, dafür bürgen, trotz des nunmehr nominellen Endes der dritten (und, so hat Mastermind George Lucas es seinerzeit ja zumindest angekündigt) letzten Trilogie um die Skywalker-Dynastie. Zwei Film-Spin-offs und die erste Disney+-Staffel einer neuen Serie bürgen derweil für das nichtabebben wollende Interesse der profitorientierten Produktionsgewaltigen, aber auch für das des Publikums, das seinen Helden tapfer auf allen noch so ausgetrampelten Pfaden weiterfolgen wird. Ich selbst kann mich da nicht ausnehmen, was wie bei vielen Menschen meiner Generation darauf zurückzuführen ist, dass der nostalgische Nachhall der ersten „Star Wars“-Filme (in Bezug auf deren chronologische Entstehung natürlich) mit wenig anderem denn „magisch“ umschrieben werden kann. Wer „Star Wars“, oder „Krieg der Sterne“, wie man es damals überwiegend noch (west)teutonisch bezeichnete, als Kind geliebt hat und mit der ehedem noch so wunderbar unübersättigten Beschränkung der drei Filme von Lucas, Kershner und Marquand aufgewachsen ist, der kann das begreifen, die meisten anderen nicht – und das völlig zu Recht. Der aktuellste Eintrag in den Kino-Bestand der Reihe bestätigt einmal mehr überdeutlich die Ambivalenz, die „Star Wars“ als Gesamtkonzept innewohnt: Eine tragfähige Geschichte, das also, was eigentlich im Kern eines ohnehin höchst trivialen Phantastikzyklus wie diesem stehen sollte, kann darin längst nicht mehr erzählt werden. Wie alle Filme beginnend mit Lucas“ eigener Reaktivierung „The Phantom Menace“ besteht auch Abrams‘ jüngstes Produkt aus einem audiovisuell lähmenden Gewirr aus Selbstreferenzen, Repetitierungen, getürkter Kinetik, MacGuffins, technischen Artifizialitäten und generationsübergreifender Fan-Anbiederung, deren letztes bisschen „Charme“ (wobei dieser Terminus mir bereits gewagt erscheint), wenn man ehrlich ist, sich nurmehr aus den Variationen von John Williams‘ nach wie vor majestätischer Musik evozieren lässt, die uns operant konditionierte Star-Wars-Kinder aus den Siebzigern nach wie vor unkontrolliert lossabbern lässt. So funktioniert auch „Episode IX“: Alle alten Helden geben sich nochmal die Ehre: Leia (Carrie Fisher), der nunmehr auch im Film das Zeitliche zu segnen vergönnt ist, Luke (Mark Hamill) als Jedi-Geist und Han Solo (Harrison Ford) als Traumbild, das seinen konvertierten Sohnemann zurück auf die gute Seite lotst, um wie weiland Anakin Skywalker am Ende und als Sühne für seine bösen Massenmörder-Aktivitäten den Helden- und Märtyrertod zu sterben. Auch Billy Dee Williams als Lando Calrissian gibt sich nochmal die Ehre – es wird den alten Herrn gefreut haben, ein bisschen Rentenzuschlag zu erhalten. Alles CGI, alles Papp, alles Plastik. Und gottverdammt, ich armer Tor, fand’s doch wieder so schön als wie zuvor.

8/10

Вий

Zitat entfällt.

Вий (Wij) ~ CCCP 1967
Directed By: Konstantin Yershov/Georgi Kropachyov

Während einer sommerlichen Prozessionsreise übernachtet der Theologie-Student Khoma (Leonid Kuravlyov) auf dem Hof einer knarzigen Alten (Aleksei Glazyrin), die sich bald als Hexe herausstellt. Als Khoma sich ihr nicht gefügig macht, reitet sie auf dem angsterfüllten Überrumpelten wie auf einem fliegenden Besen durch die weißrussische Nacht. Endlich gelingt es ihm, die Alte zur Landung zu zwingen, worauf er sie halbtotschlägt. Als Khoma von ihr ablässt, hat sie die Gestalt eines schönen jungen Mädchens (Natalya Varley). Am nächsten Tag wird Khoma zum Gutsbesitz eines reichen Kosaken (Vadim Zakharchenko) gerufen. Dessen Tochter Pannochka (Natalya Varley) liegt im Sterben und hat namentlich nach Khoma verlangt, um ihr die letzte Ölung zu geben. Als der widerwillig folgende Khoma vor Ort anlang, ist das Mädchen bereits gestorben. Der Kosak nötigt ihn, drei nächtliche Totenwachen bei der Verblichenen zu halten, die Khoma als die erschlagene Hexe wiedererkennt. Drei Nächte des Grauens stehen ihm bevor.

Basierend auf Nikolai Gogols 1835 erstveröffentlichen, gleichnamigen Erzählung gilt „Вий“ gemeinhin als Musterbeispiel des in der Sowjetunion entstandenen phantastischen bzw. Horrorfilms. Tatsächlich erweist sich die Verfilmung in der Verwendung von Bild und Ton als den ebenfalls um diese Ära entstandenen Ausflügen eines Mario Bava (dessen sieben Jahre älterer „La Maschera Del Demonio“ ja selbst als sehr freie Adaption von „Вий“ firmiert) in die gotische Mythen- und Sagenwelt als nicht nur thematisch, motivisch und stilistisch sehr anverwandt, sondern ebenbürtig. Es ist der Grenzgang zwischen dem noch kindlichen sense of wonder mit eher spielerischer denn schockierender visueller Effektarbeit einerseits und dem eindeutig als Erwachsenenmärchen identifizierbaren, philosophisch unterbauten Surrealismus auf der anderen Seite, der jenen Werken ihre ganz spezielle, heute noch ebensogut wie damals atembare Magie verleiht. Zwar wird man Bavas spätere, charakteristisch-expressive Farbgestaltung bei „Вий„vergebens suchen; die Seele vieler seiner Arbeiten findet man hier jedoch auch ohne Gebrauch einer Lupe wieder.
Вий“ erzählt davon, wie ein Gott kaum zugewandter, lauter Student unter Aufbietung des höchsten aller Preise letzten Endes zum Glauben findet (und am Ende gegen Geister und Dämonen doch scheitert). Der Protagonist Khoma Brut, ein Waisenjunge, ist vor allem stolz auf sein kosakisches Erbe und auf seine stets großzügig ausgereizte Trinkfestigkeit. Das Jenseitige, Spirituelle existiert für ihn höchstens im Geiste des Vodka, ansonsten reizen ihn höchstens noch die anderen, irdischen Genüsse. Nach der nächtlichen Begegnung mit der Hexe, die sich an dem ihren Schabernack mit panischer Gewalt begegnenden Khoma umgehend zu rächen trachtet, wird der junge Mann binnen drei schlafloser Nächte zum Teufel gejagt und verschwindet schließlich spurlos. Die eilends und ängstlich bemühten Bannkreise, Beschwörungszauber und Gottanrufe, die er wider den verjüngten Sukkubus anwendet, können ihm am Ende, da die Hexe den „Wij“, den König der Erdgeister mit seinen schaurigen Vasallen des Schreckens herbeiruft, nicht helfen. Ob sein Glaube zu schwach, seine Furcht zu groß, sein Frevel zu despektierlich oder möglicherweise auch die Hölle mächtiger ist als der Himmel, bleibt ein Mysterium.

9/10

IRON WARRIOR

„Magic. And sorcery.“

Iron Warrior ~ I/NL 1987
Directed By: Alfonso Brescia

In einem Land vor unserer Zeit: Die gute Zauberin Deeva (Iris Peynado) und ihre verräterische Amtskollegin Phaedra (Elisabeth Kaza) stehen in ewigem Konflikt. Um den harmonischen Zustand, den Deeva just mit Mühe und Not herstellen konnte, zu bewahren, erschafft sie zwei zukünftige Krieger – Ator (Malcolm Borg) und Trogar (Conrad Borg), von denen Phaedra letzteren unter ihre bösen Fittiche nimmt. Als Erwachsener muss Ator (Miles O’Keeffe) dann der schönen Prinzessin Janna (Savina Gersak) beistehen, deren Königsvater (Tim Lane) von Phaedra und Trogar (Franco Daddi) ermordet wurde.

„Iron Warrior“ oder auch „Ator, Il Guerriero Di Ferro“, der von Alfonso Brescia unter dem anglophonen Pseudonym „Al Bradley“ inszeniert wurde, ist ein besonders deliranter, flirrend-verrückter Auswuchs der zweiten italienischen Sword-&-Sorcery-Welle. Der völlig austauschbare Plot dient bestenfalls als dünner roter Faden, als apologetischer Aufhänger für eine wirre Gemengelage szenischer Akausalität, die das Ganze im Gegenzug interessanterweise zu einem pureren Regisseursfilm machen als es viele andere Plagiatswerke mediterraner Zunft jener Ära je sein durften. „Iron Warrior“ lebt einzig und allein von Brescias in visuelle Spasmen gegossener Fabulierfreude; das Was kriecht vor dem Wie zu Kreuze. Dem von Konfusion erdrückten und dafür von jedweder Logik entblößten Zuschauer bleibt nur, sich auf die Bilderflut einzulassen, um seine möglicherweise als etwas kärglich empfangene Entlohnung zu erhalten. Dass „Iron Warrior“ als dritter Teil der einst von Joe D’Amato ersonnenen Ator-Saga firmiert, spielt am Ende keine Rolle, denn mit Ausnahme der Tatsachen, dass der bewundernswert ausdruckslose, nichtsdestotrotz cinegene Miles O’Keeffe nochmals den gleichnamigen Titelrecken darbietet und dass irgendwie alle Filme dem Fantasygenre zuzurechnen sind, gibt es keinerlei inhaltliche oder formale Parallelen. Dieser Ator ist nicht mehr der Rächer (s)eines ausgelöschten Volkes, sondern ein künstlich geschaffener Kämpfer, dem die Rettung der Stabilität obliegt. Dafür muss er mit einer verwaisten Prinzessin (sehr hübsch: die Slovenin Savina Gersak, die kurz zuvor bereits mit O’Keeffe in Deodatos Endzeitabenteuer „Lone Runner“ zu sehen war und hernach eine kurze, aber hübsche Karriere im italienischen Genrefilm absolvierte) überland ziehen und sie vor den dauernden Zugriffen der bösen Phaedra (brillant überdrehte Knusperhexe: Elisabeth Kaza, die unter anderem auch bei Borowczyk, Losey, Delannoy, Brass und Ivory auftrat – um nur einige zu nennen) bewahren und eine als harbherziger Macguffin fungierende, goldene Truhe in Sicherheit bringen. Zwischendrin flitzen Ator und Janna durch die Ruinen des uralten Ġgantija-Tempels auf der maltesischen Insel Gozo, der im Film mindestens vier unterschiedliche Handlungsstationen abgeben soll, dabei jedoch sehr gut als ein- und derselbe erkennbar bleibt. O’Keeffe stand offenbar nicht für Nachdrehs zur Verfügung, denn in zwei vom Rest der Story unabhängigen Actionsequenzen wird er deutlich sichtbar von einem Ersatzakteur vertreten, dessen liderliche Camouflage lediglich aus einem Mundschutz besteht. Brescia machte da keinerlei Gefangene. Kino aus einer anderen Zeit, das eigentlich schon zu seiner Zeit Kino aus aus einer anderen Zeit war.

4/10

WIZARDS OF THE LOST KINGDOM

„Thrilling, isn’t it?“

Wizards Of The Lost Kingdom ~ USA/AR 1985
Directed By: Héctor Olivera

Axeholme ist ein friedliebendes Königreich der Magie. Simon (Vidal Peterson), Sohn des Hofzauberers (Edgardo Moreira) wird dereinst die Königstochter Aura (Dolores Michaels) ehelichen und alle sind glücklich und zufrieden. Alle…? Nicht ganz, denn Auras böser Stiefmutter Acrasia (Maria Socas) ist die viele Harmonie vor Ort ein Dorn im Auge und so ermöglicht die verräterische Schlange dem bösen Hexer Shurka (Thom Christopher) und seinem zwergenwüchsigen Gefolge die Übernahme Axeholmes. Aura (auf die Shurka seinerseits ein Auge geworfen hat) wird eingekerkert, derweil Simon und seinem pelzigen Faktotum Gulfax (Edgardo Moreira) die Flucht gelingt. Sie begegnen dem wackeren, aber weinaffinen Krieger Kor (Bo Svenson), der sich überreden lässt, ihnen gegen Shurka beizustehen. Zuvor gilt es jedoch, manches andere Abenteuer zu (ü)be(r)stehen…

1985 konnte man noch ein klein wenig Sword & Sorcery unters Kinovolk bringen, wenngleich schon längst nicht mehr so erfolgversprechend wie noch zwei, drei Jahre zuvor. Hinter „Wizards Of The Lost Kingdom“ (der zu seiner deutschen Videopremiere wundersamerweise den langen Originaltitel verehrt bekam und allein deshalb eine Ausnahmeposition auf diesem Sektor bekleidet) verbarg sich, Trommelwirbel, natürlich niemand Geringerer als (ein vorsorglich unkreditierter) Roger Corman, der mit dieser Leuchtgranate eine seiner legendären Patchwork-und Abschreibungsproduktionen betreute. (Als eines von ganzen neun Corman-Werken jener Tage) Entstanden und belichtet in Argentinien, belief sich der am Ende übrige, verwertbare Netto-Erzählrahmen auf eine Spielzeit von 59 Minuten. Diese wurden dann um 20 Minuten Filmschnipsel aus „Sorceress“ und „Deathstalker“ angereichert, was in einem völlig belanglosen Subplot mündete, der wiederum sich mittels viel Spucke, Mühe, Not und Voiceover in den Rest integriert fand. Auch einen Score wusste man sich zu sparen und nutzte kurzerhand James Horners musikalische Einspielungen aus „Battle Beyond The Stars“. Dass das „Resultat“ hinter dem immerhin wunderhübsch gemalten Kinoposter (auf dem Simon als mittelalterlicher Luke Skywalker auf einem schicken, geflügelten Raubkatze zur Attacke bläst) als denkbar absurdes, hanebüchenes Flickwerk verkauft zu werden hatte, folgt aus der Natur der Sache, lässt sich mit der rosarot eingefärbten Nostalgiebrille jedoch zumindest als halbwegs liebenswerte Kuriosität und Erinnerung an eine heuer undenkbare Art des Filmschaffens goutieren. Immerhin: Bo Svenson hat den Spaß mitgemacht, ob allzeit nüchtern, sei herzlichst in Frage gestellt, und man lacht und leidet gewissermaßen mit ihm. Jeder, der Papp und Plaste belächelt oder gar atemringend scheut, sei indes tunlichst gewarnt!

3/10