THE SEVENTH SIGN

„I used to think the world would change. But it hasn’t.“

The Seventh Sign (Das Siebte Zeichen) ~ USA 1988
Directed By: Carl Schultz

Just als sich die auf eine biblische Apokalypse hindeutenden Zeichen in Form diverser, global auftretender Naturkatstrophen häufen, zieht der geheimnisvolle David Bannon (Jürgen Prochnow) als Untermieter ins Haus des jungen Ehepaars Abby (Demi Moore) und Russell Quinn (Michael Biehn). Der grundsympathische, aber sehr still auftretende Fremde jagt der hochschwangeren, jedoch bereits unter mehreren Fehgeburten leidenden Abby zunehmend Schauer über den Rücken. Schließlich muss sie den Tatsachen ins Auge sehen: David ist niemand Geringerer als der auf seit seiner Wiederauferstehung auf Erden wandelnde Messias, der das heraufziehende Ende der Welt zu bezeugen hat und ihr bald geborener Sohn symbolisiert das Siebte Zeichen – er wird ein Kind ohne Seele sein. Während Abby verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, die Ereigniskette zu unterbrechen, zieht allerdings noch ein weiterer, sinistrer Mitspieler seine Fäden im Hintergrund…

Als apokalyptischer Horrorfilm, der das heraufziehende Ende der Menschheit als Strafe Gottes für die beständigen Freveleien an seiner ureigenen Schöpfung thematisiert, hätte „The Seventh Sign“ eigentlich noch besser in die Reihe ähnlich gelagerter millenial movies gepasst, die um die Jahrtausendwende und auch noch danach mit den Ängsten vorm dräuenden Y2K-Armageddon kokettierten. So könnte man ihn gewissermaßen als antizipatorischen Vorläufer jener Welle erachten, der im Gegensatz zu okkultistisch eingefassten Genreklassikern wie Friedkins „The Exorcist“ oder Donners „The Omen“ nicht Dämonen oder gar Luzifer selbst, sondern die Gegenseite als mindestens ebenso naheliegenden Verursacher für das buchstäbliche Jüngste Gericht in Augenschein nimmt. In Anbetracht der (alt-)testamentarischen Charakterisierung Gottes, der seine enttäuschend verantwortungslose Kreation immer wieder mit Menetekeln, Strafen und Auslöschungsszenarien überzieht, eigentlich eine schon damals überfällige Variation der Gattung. Tatsächlich scheinen gerade Horrorfilmhistoriker sich mit der Einordnung von „The Seventh Sign“, der sechsten und vorletzten Kinoregie des aus Ungarn über England nach Australien emigrierten Filmemachers Carl Schultz, seit jeher schwer zu tun – Kategorisierungen von Mystery bis hin zu Fantasy lagen aus mutmaßlich traditionsverbundenen Gründen offenbar näher. Dabei erscheint die Vorstellung einer allmächtigen, launischen Entität, die mit dem sich selbst gegenüber immer wölfischer gebahrenden Menschengeschlecht ein für allemal tabula rasa macht, doch ziemlich unbequem. Nun, mit den ausgewalzt exploitativen, gewissermaßen eine infantile Lust an der Zerstörung fütternden Katastrophenszenarien, wie sie später etwa Emmerich oder Bay zum Besten geben sollten, kann der vergleichsweise geradezu kammerspielartig wirkende „The Seventh Sign“ gewiss nicht mithalten; dafür mangelte es zum einen an Budget und zum anderen an der entsprechenden Ausprägung der Story. So muss sich Demi Moore zwar einmal mit einem kräftigen Hagelschauer und bald darauf noch mit einem Erdbeben herumplagen, der geneigte Cineast weiß jedoch längst, dass Los Angeles noch mit ganz anderen Sachen fertigwerden kann. Es sind also die eher unspektakulären, leiseren Nuancen, die Schultz‘ Arbeit am Ende bedingt sehenswert machen – allem voran der unbedingte Wille, das potenziell hämegefährliche Sujet nie der Lächerlichkeit preiszugeben, aber auch die unablässig grandiose Kameraarbeit von Juan Ruiz Anchía sowie die durchweg erfrischende Besetzung nebst einer in jenen Tagen tatsächlich noch sympathisch wirkenden Hauptdarstellerin, dem noch angesagten Michael Biehn und natürlich Prochnow, der als in die Weltgegenwart katapultierter, bartloser Jesus Christus vielleicht eines der besten Leinwandporträts der ikonischen Figur liefert. Doch auch die Nebenfiguren, der kecke Kabbala-Student Avi (Manny Jacobs), der mit Trisomie 21 geborene Todeszellenkandidat Jimmy Szaragosa (John Taylor) oder der Torwächter und ewige Wanderer Cartaphilus (Peter Friedman), der nunmehr als Vater Lucci für den Vatikan arbeitet und sein Ende herbeisehnt, bereichern.

7/10

TITANE

Zitat entfällt.

Titane ~ F/BE 2021
Directed By: Julia Ducournau

Als kleines Mädchen fällt Alexia (Adèle Guigue) einem beinahe tödlichen Autounfall zum Opfer, an dessen Verursachung sie selbst nicht ganz unschuldig ist. Eine in ihrer rechten Schläfe chirurgisch implantierte Titanplatte rettet ihr das Leben. Jahre später, Alexia (Agathe Rousselle) ist mittlerweile erwachsen und pflegt einen höchst unkonventionellen Lebenswandel, hat sie enorme Schwierigkeiten, zu einer erfüllenden, sexuellen Identität zu finden. Sie lebt nach wie vor bei ihren wohlhabenden Eltern (Myriem Akkhediou, Betrand Bonello), distanziert sich jedoch auf ganzer Linie von ihnen. Etwas Geld verdient Alexia auf Automobil-Conventions, während derer sie als erotische Tänzerin auftritt. Unterschiedlichen körperlichen Annäherungsversuchen begegnet Alexia mit rasenden Gewaltausbrüchen, die sie bald zu einer Serienmörderin werden lassen, während sie sich im Grunde einzig und allein durch Autos sexuell attrahiert fühlt. Einem koitalen Akt mit einem Wagen folgt bald darauf ein Massaker, das Alexia im Haus einer Kollegin (Garance Marillier) anrichtet. Anschließend lässt sie ihre eigenen Eltern in deren Haus verbrennen. Nunmehr auf der Flucht nimmt Alexia die Identität eines vor Jahren verschwundenen Jungen namens Adrien an. Tatsächlich glaubt dessen Vater Vincent (Vincent Lindon), Chef einer Feuerwehrstation, im Zuge einer Gegenüberstellung, Adrien in Alexia wiederzuerkennen und nimmt sich ihrer an. Es gelingt Alexia zunächst, ihre Weiblichkeit zu verbergen und geheimzuhalten, seit dem Liebesakt mit dem Auto ist sie jedoch schwanger und trägt einen Mensch-/Maschinenhybriden in ihrem Uterus. Irgendwann kann sich auch der aggressiv-maskuline Vincent der Wahrheit um Alexia nicht länger verschließen, doch da steht ihre Niederkunft bereits kurz bevor.

She’s not there: Julia Ducournaus zweiter Langfilm nach dem wunderbaren „Grave“ beschäftigt sich wiederum mit der individuellen Unmöglichkeit, sich an einen vor Normativitäten und Erwartungshaltungen strotzenden, sozialen Makrokosmos zu adaptieren. Die Hauptdarstellerin Agathe Rousselle, deren erstes Kinoengagement „Titane“ markiert und die sich bereits vor Jahren öffentlich als nonbinär-geschlechtlich definiert hat, spielt die Protagonistin Alexia mit wahnwitziger Intensität, gerade so, als fände sie in deren von gesellschaftlicher Ächtung gesäumten Suche nach Stabilität und Nähe auch ein kleines Stück von sich selbst wieder. Wo Alexias motivische Wurzeln liegen, was sie antreibt und zur Gewalttäterin werden lässt, überlässt Julia Ducournau den Mutmaßungen der Rezipientenschaft. Bereits die Alexia als Siebenjährige vorstellende, einführende Szene demonstriert ein höchst dysfunktionales Verhältnis zwischen ihr und ihrem Vater, über dessen Ursprünge wiederum gerätselt werden muss: Ist Alexia ein Opfer psychischen oder auch körperlich-sexuellen Missbrauchs oder wohnt ihr tatsächlich der sich regende, metaphysische Keim einer neuen, humantechnologischen Art inne? Diese Frage lässt sich bis zum konsequent angelegten Ende nicht beantworten, ebenso wie es schwerfällt, eine klare Position gegenüber Alexia einzunehmen. Obwohl sie bereits diverse Menschenleben auf dem Gewissen hat und wir dann höchstselbst Zeugen weiterer Massakrierungen werden, kann man sich der überirdischen, erotischen Faszination, die sie ausstrahlt, nie wirklich entziehen. Dies endet selbst nicht infolge der moralischen Kardinalssünde Elternmord – und zu Recht: Als sie sich in die paradoxe Obhut ihres Ersatzvaters Vincent flüchtet, offenbart sich zugleich Alexias tiefe Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Vincent als ihr Gegenpart indes erfährt eine recht schlüssige Charakterisierung – spätestens seit dem Verschwinden seines Sohnes Adrien scheint er weitgehend gebrochen und flüchtet sich in eine hoffnungslos pathologische Maskulinität, die er als sich selbst zum Übervater stilisierender Anführer seiner ausschließlich aus virilen, jungen Männern bestehenden Feuerwehrstaffel nochmals stilisiert. Mit Steroidspritzen pumpt er seinen alternden, langsam erschlaffenden Körper auf und riskiert damit den baldigen Herztod. Dass Alexia in der fadenscheinigen Rolle als verlorener Adrien in sein Leben tritt, gibt Vincent zumindest die Möglichkeit, zwischenzeitlich zu einer verqueren Form von Liebe, Zärtlichkeit und Aufopferung zurückzufinden. Doch scheitern seine Versuche, Alexia/Adrien zum „Mann“ zu machen, auf geradezu rührselige Art und Weise, wiewohl sämtliche Bestrebungen, Alexias Weiblichkeit zu ignorieren, irgendwann fehlschlagen müssen. Am Schluss steht Alexias Opfer zugunsten jenes unerhörten, neuen Maschinenwesens, das sie mit Vincents Geburtshilfe zur Welt gebracht hat – die Morgendämmerung einer neuen Zeitrechnung.

9/10

ETERNALS

„When you love something, you protect it.“

Eternals ~ USA 2021
Directed By: Chloé Zhao

Zehn nicht alternde, außerirdische Superwesen – Ajak (Salma Hajek), Ikaris (Richard Madden), Sersi (Gemma Chan), Thena (Angelina Jolie), Kingo (Kumail Nanjiani), Phastos (Bryan Tyree Henry), Gilgamesh (Dong-seok Ma), Druig (Barry Keoghan), Makkari (Lauren Ridloff) und die ewig in einem Kinderkörper gefangene Sprite (Lia McHugh) – die Eternals, wurden vor 7000 Jahren auf die Erde gesandt, um die Menschen vor den Deviants, ebenfalls extraterrestrischen, monströsen Kreaturen zu beschützen und so die ungestörte Entwicklung des homo sapiens zu gewährleisten – zumindest glauben die meisten von ihnen das. Tatsächlich, so müssen die verbliebenen Eternals in der Gegenwart nach dem unerwarteten Tod ihrer Anführerin Ajak erfahren, dient ihre Anwesenheit auf dem Planeten einem ganz anderen Zweck: Geschaffen als künstliche Handlanger der gottgleichen Celestials, kosmischer Entitäten, die die Geschicke des Universums lenken, liegt die heimliche Aufgabe der Eternals darin, die Geburt eines weiteren Celestials, Tiamut, der seit Äonen im Erdinneren seiner Erweckung harrt, vorzubereiten. Die ebenfalls von den Celestials kreierten Deviants dienen dabei eigentlich als reines Ablenkungsmanöver, doch auch einer von ihnen, Kro (Bill Skarsgård), durchlebt eine rasche Evolution, indem er sich die Essenz der toten Ajak einverleibt. Als die heuer in London lebende Sersi durch eine telepathische Brücke von Ajak und den hernach folgenden Kontakt zum Celestial Arishem die Wahrheit über ihr Hiersein erfährt, beginnt eine verlustreiche Schlacht um das Schicksal der Welt.

Der stilprägende Autor und Zeichner Jack Kirby, vielleicht etwas vollmundig auch als „William Blake der Neunten Kunst“ hofiert, der gemeinsam mit Stan Lee im Silver Age für einige der wichtigsten Kreationen der Marvel Comics verantwortlich zeichnete, genoss nicht zuletzt aufgrund seines überwältigenden Renommees in der Szene in den Siebzigern umfassende künstlerische Narrenfreiheit, wenngleich er selbst sich von seinem Hausverlag zwischenzeitlich unfair behandelt wähnte. Diese gestattete es ihm, sowohl für die Konkurrenz von DC als später dann auch für Marvel, einige höchst eigenwillige, überbordernde high concept cosmic operas mit psychedelischem Anstrich zu schaffen, die zunächst jeweils kommerziell erfolglos blieben, in beiden Comic-Universen jedoch ein bis in die Gegenwart reichendes Echo hinterließen. Im Falle Marvel handelte es sich dabei um die Eternals, weithin in cognito lebende, uralte Beschützer aus dem All, die wiederum von den übermächtigen Celestials geschaffen wurden. Die wahren Hintergründe ihrer Existenz wurden dabei in den Folgejahrzehnten von anderen Autoren unregelmäßig immer wieder aufgegriffen, erweitert und ausgebaut. Es erstaunt nicht wenig, dass ausgerechnet diese inhaltlich sperrigen, wenig zeitgemäßen Figuren für ein Werk der jüngsten MCU-Phase adaptiert wurden und auch das dazugehörige, filmische Resultat vermag jene Verwunderung auf den ersten Blick kaum auszuhebeln. Die Bezüge zwischen den Eternals/Celestials und dem restlichen Marvel-Universum dürften vonehmlich emsigen Comicphilologen geläufig sein und wirken hinsichtlich des zwar zunehmend komplexer werdenden, aber noch überschaubaren MCU-Narrativs vermutlich eher befremdlich. Für die Regisseurin Chloé Zhao dürften derlei akademische Spitzfindigkeiten allerdings ohnehin bestenfalls nebensächlich gewesen sein; sie bemüht sich redlich, ihren inszenatorischen Einstieg ins big business halbwegs amtlich über die Runden zu bringen und schafft dies nach meinem Dafürhalten auch in zufriedenstellender Weise zumindest für Zuschauer, die der optionalen, mythologischen Geräumigkeit des Konzepts MCU offen gegenüberstehen. Zhao als Co-Scriptorin interessiert sich vornehmlich für gesellschaftsrelevante Gegenwartsbezüge in Form gezielt installierter Diversität und die philosophischen Dimensionen, die die Eternals umwabern: bei ihr nimmt sich der kosmische Genpool ostentativ multiethnisch aus, Ajak, Makkari und Sprite wechseln ihr Geschlecht von männlich zu weiblich (womit das ursprüngliche Geschlechterverhältnis der Gruppe von 8:2 zu 50/50 changiert) und zumindest Phastos (im Film zudem kein muskulös gezeichneter Adonis, sondern unglamourös übergewichtig) lebt heuer offen homosexuell. Der strahlend-engelsgleich erscheinende Ikaris, ein unzweideutiges Pendant zu DCs Superman, entpuppt sich als der im Kern misanthropische, sein determiniertes „Schicksal“ als willfähriger Wegbereiter der Apokalypse ungerührt ausführender Holzkopf (ein Image, mit dem das Original ja seit eh und je konfrontiert wird), Kingo genießt seinen etwas albern anmutenden, popkulturellen Ruhm als Bollywood-Ikone und Druig pflegt die offene Rebellion gegen sein zur Passivität verdammtes Schicksal. Erstaunlicherweise gelingt es Zhao binnen der zweieinhalb Stunden Erzählzeit recht gut, fast all diesen Charakteren (einzig Gilgamesh und Makkari, zwei eigentlich doch sehr interessante Mitglieder der Eternals, bleiben bedauernswert unterentwickelt) eine hinreichend greifbare Basis nebst Weiterentwicklung zu verschaffen. Keinesfalls unintelligent strukturiert, vermag der Film ferner, die von steten Selbstzweifeln überlagerte, millenienlange Anwesenheit der Eternals auf der Erde mittels kompakt gefasster, welthistorischer Stationen zusammenzufassen. Außerdem wird endlich Dane Whitman (Kit Harrington) aka der zweite (gute) „Black Knight“ eingeführt, einer meiner Lieblingshelden seit Kindertagen, der hoffentlich in Kürze komplett berüstet und mit seinem geflügelten Ross Aragorn durch die MCU-Lüfte segeln wird. Die naturgemäß vornehmlich um Scharmützel mit den Deviants kreisenden Actionsequenzen bieten mediokren MCU-Standard und besitzen freilich nicht den choreographischen Schmiss einer perfekt inszenierten Avengers-Schlacht, aber auch das dürfte Chloé Zhao am Allerwertesten vorbeigehen. Für semiorgiastisch-geekige Glücksmomente sorgen natürlich wieder die Abspann-Einsprengsel: Thanossens diametral orientierter Bruder Eros/Starfox (Harry Styles) und Pip, der Troll (Patton Oswalt) vollziehen ihre überraschende Premiere; den neuen Blade (Mahershala Ali) kann man ganz zum Ende wenigstens schonmal akustisch genießen.
Nach „Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings“ hält die Qualitätsdemarkation jedenfalls ihr Niveau und euer Chronist ist, wenn schon nicht vollends begeistert, so doch (wiederum) satt und zufrieden.

7/10

VENOM: LET THERE BE CARNAGE

„Something wicked this way comes…“

Venom: Let There Be Carnage ~ USA 2021
Directed By: Andy Serkis

Eddie Brock (Tom Hardy) und der mit ihm verbundene Alien-Symbiont Venom leben ihre fusionierte Existenz mittlerweile wie ein altes Ehepaar. Als sich Brock die Chance eröffnet, durch ein Interview mit dem im Todestrakt von San Quentin einsitzenden Serienmörder Cletus Kasady (Woody Harrelson) seiner Reporterkarriere neuen Schub zu verleihen, nutzt er diese – zunächst erfolgreich. Ein weiteres Treffen mit Kasady kurz vor dessen Hinrichtung endet jedoch katastrophal: es gelingt dem Killer, sich ein Stück von Venom einzuverleiben, womit eine neue, todbringende Kreatur namens Carnage geboren ist. Kasady/Carnage entkommt, um sich mit seiner in der Anstalt Ravencroft einsitzenden Jugendliebe, einer mörderischen Mutantin namens Frances Barrison (Naomie Harris) alias Shriek, wiederzuvereinen und gemeinsam ihr früheres Kinderheim „St. Estes“ dem Erdboden gleichzumachen. Derweil trennen sich Brock und Venom nach einem heftigen Streit vorübergehend voneinander, müssen sich aber schließlich doch wieder zusammenraufen, um gemeinsam Carnages und Shrieks Amoklauf Einhalt zu gebieten.

Zu den eklatanten, aber noch langmütig aushaltbaren Problemen des Vorgängers gesellen sich im nunmehr von Andy Serkis inszenierten Sequel noch ein paar weitere hinzu. „Let There Be Carnage“ begreift sich primär als fröhlicher monster mash mit Partyallüren und leidet wiederum nachhaltig unter seiner erklärten Jugendfreundlichkeit, die selbst einem blutrünstigen Massenmörder wie Cletus Kasady noch den sinistren Nimbus nimmt. Mit seiner allenthalben überhasteten Dramaturgie und dem seine selten geistreichen Dialoge unter Dauerfeuer ausspeienden Script erinnert der zweite „Venom“ eher an die beiden sträflich missglückten „Batman“-Filme, die Joel Schumacher in den Neunzigern inszenierte und die den Dunklen Ritter nebst seiner finsteren Genesis zu einer bunten Zirkusattraktion aufweichten. Als hätte es sie letzten zwei Jahrzehnte Genrebildung im Superhelden-Adaptionsfach nicht gegeben, pfeift „Let There Be Carnage“ zu obigen Vorbildern passend auf jedwede Ernsthaftigkeit und tritt sowohl die existenzialistische Schwere der Snyder-Filme fürs DCEU als auch die zunehmende inhaltliche Komplexität des MCU so dreist wie lustvoll mit Füßen – es braucht dann auch nicht mehr die gewohnte Überlänge, um flaue Gags, Computerspielästhetik und entseelte CGI-Superwesen-Kloppereien in solch konzentrierter, dabei jedoch völlig unsubstanzieller Form aufzubieten. Ob man diesen buchstäblichen Affront gegen so ziemlich alles, was dem Superheldenfilmfan mittlerweile lieb und teuer ist, als notwendige Stilprovokation zu goutieren bereit ist oder eher genervt mit den Augen rollt, mag zu einem Teil reiner Rezeptionsdialektik geschuldet sein – offenkundige Schwächen wie die, kein konzises Gesamtbild hinterlassen zu können, lassen sich jedoch so oder so nicht fortleugnen. Der vermeintlich größte Clou findet sich dann erwartungsgemäß während der end credits, die, ermöglicht durch die Einführung des Multiverse-Konzepts drüben bei Disney, eine Brücke zum dort installierten „Spider-Man“ schlagen, was Sony in Kürze selbst unter nochmaliger Befleißigung dieses albernen Titelhelden neue Zuschauerrekorde bescheren wird.

4/10

GHOSTBUSTERS: AFTERLIFE

„Overstimulation calms me.“

Ghostbusters: Afterlife (Ghostbusters: Legacy) ~ USA/CA 2021
Directed By: Jason Reitman

Nachdem einer der im Laufe der Jahre zu vergessenen Halblegenden degradierten Geisterjäger, der mittlerweile als einsamer Eremit in Oklahoma lebende Dr. Egon Spengler, auf mysteriöse Weise das Zeitliche segnet, bezieht seine finanziell wenig betuchte, alleinerziehende Tochter Callie (Carrie Coon) mit ihren beiden Kindern Phoebe (Mckenna Grace) und Trevor (Finn Wolfhard) dessen leerstehende Farm. Während die Familie sich an das neue Kleinstadtleben zu adaptieren versucht, erfährt die wissenschaftsbegeisterte Phoebe mehr über ihren Großvater, dessen Vergangenheit und vor allem den Grund, warum er sich in die Einsamkeit zurückgezogen hat: Hier befindet sich nämlich eine Mine des Gozer-Anbeters Ivo Shandor (J.K. Simmons) nebst dessen Grabstätte und einer Kultstätte, die die Rückkehr der bösen summerischen Gottheit einleiten soll. Zusammen mit neuen Freunden und der zunächst unerwarteten Unterstützung von Spenglers alten Kollegen können die Kids Schlimmeres verhindern.

Auch Ghostbuster sterben. Nachdem ich mir den sechs Jahre zurückliegenden, von Paul Feig inszenierten, ersten Versuch, Ivan Reitmans Fantasykomödie und deren Erstsequel ins neue Jahrtausend zu überführen, gleichermaßen aus Desinteresse wie der an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, eine herbe Enttäuschung zu erleben, ersparte, schien „Afterlife“ den deutlich vielversprecherenderen Ansatz mitzubringen. Immerhin übernahm Reitman-Filius Jason die Regie und es schien eine signifikantere inhaltliche Anbindung an die Vorgänger gewährleistet. Was zunächst die etwas reiferen Fans respektive jene, die wie ich ich alt genug sind, die beiden aus den Achtzigern stammenden Originale auf der großen Leinwand gesehen und genossen haben zu dürfen, an die Frontlinie lockte, entpuppte sich bei eingehender Betrachtung abermals als auf jener seit nunmehr einigen Jahren rekurrierenden Retrowelle reitende Hommage an ebenjene verklärte Kinoära. Die Siebziger hatten den Blockbuster zunächst reinstalliert, das Folgejahrzehnt machte ihn zumindest phasenweise zur kalkulierbaren Familienveranstaltung. „Ghostbusters“ repräsentiert diese Entwicklung exemplarisch und zeigt gleichermaßen ihre formale Vollendung auf; als wortwörtlich geistreiches Genre-Crossover gerierte sich der Film, der einige brillante Comedy-Köpfe sich auf ihrem kreativen Zenit austoben ließ, als ein vor zeitlosem Humor strotzendes Kunstwerk, das seine im Vordergrund tobenden phantastischen Elemente gleichermaßen hofierte wie ironisierte. Reitmans Meisterstück blieb unikal, das unvermeidliche, fünf Jahre später nachgeschobene Sequel lässt sich noch als durchaus charmant bezeichnen, kann, anders als sein Wegbereiter, allerdings weder als singuläres Phänomen noch als Klassiker bestehen. Selbiges lässt sich im Wesentlichen auch betreffs „Afterlife“ konstatieren; er referenziert so eifrig wie redlich und schafft einen ehrenvollen Brückenschlag zwischen den Publikumsgenerationen, wobei für die Ü-40-Connaisseure vornehmlich eine augenzwinkernde Rührseligkeit präserviert findet, die mit dem anarchischen Dialogwitz des Originals nichts mehr gemein hat. Reitman Juniors Ansatz bietet dann doch deutlich mehr Action für die Kids von heute und befriedigt deren Rezeptionsgewohnheiten, die Eltern dürfen bestenfalls schmunzeln und sich immerhin halbwegs regelmäßiger Ansprache erfreuen. Dennoch; die größte Wehmut manifestiert sich weniger darin, den verstorbenen Ghostbuster Harold Ramis als digitales Helferleinsgespenst spuken zu sehen, sondern in der kalten, digitalen, anorganischen Perfektion, im Zuge derer die Höllenhunde Zuul und Vince Clortho nunmehr durch die Prärie hüpfen. Erst in Anbetracht der entsprechenden, knallfarbigen Bilder vergegenwärtigt sich einem das eigene Älterwerden und vielleicht ein wenig auch die eigene Endlichkeit.

7/10

THE GREEN KNIGHT

„I fear I am not meant for greatness.“

The Green Knight ~ IE/UK/CA/USA 2021
Directed By: David Lowery

Gawain (Dev Patel), Neffe von König Artus (Sean Harris), mag sich den Gepflogenheiten eines standesgemäßen Ritterdaseins noch nicht stellen. Lieber verbringt er seine Zeit in Bordellen und Tavernen oder mit seiner Lieblingsmetze Essel (Alicia Vikander). Um Gawains Würde für einen Platz in der Tafelrunde des Königs auf die Probe zu stellen, beschwört seine Mutter (Sarita Choudhury) ein übernatürliches Wesen, den Grünen Ritter (Ralph Ineson), herauf. Dieser erscheint am Weihnachtsabend in Artus‘ Thronsaal und bietet den Anwesenden an, einen Streich an ihm auszuführen. Der Herausgeforderte müsse jedoch genau ein Jahr später die Grüne Kapelle aufsuchen und dort exakt denselben Hieb durch den Grünen Ritter entgegennehmen. Gawain enthauptet den Ritter daraufhin mit dem Schwert Excalibur und wird als Held gefeiert. Seine eigentliche Prüfung steht ihm jedoch noch bevor, in Form der elf Monate später beginnenden Queste, allerdings nicht, ohne sich eines Schutzzaubers in Form eines von seiner Mutter hergestellten, magischen Gürtels zu bedienen…

David Lowerys jüngste Regiearbeit ist eine sehr besonders gestaltete Adaption des mittelenglischen Textes „Sir Gawain And The Green Knight“, der als eine der Weiterführungen der traditionellen Artus-Geschichten fungierte. Darin findet sich neben einer Vielzahl mythologischer Aspekte im Wesentlichen die Kernweise um die Stabilität ritterlicher Ideale im Angesicht vielgestaltiger Versuchung. Auf seiner Queste nach der Grünen Kapelle und damit der Erfüllung seines eigenen Schicksals muss sich Gawain hinterlistiger Wegelagerer erwehren, die ihn um fast all sein mitgeführtes Hab und Gut erleichtern, er begegnet der kopflosen Geisterfrau Winifred (Erin Kellyman), die ihn um ihre Erlösung ersucht, schließt Bekanntschaft mit einem zutraulichen Fuchs und landet in der Burg eines gastfreundlichen adligen Ehepaars, von dem der Mann (Joel Edgerton) die meiste Zeit mit der Jagd verbringt, während die Frau (Alicia Vikander) Gawain offene Avancen macht. Schließlich steht dieser, am Ende seines spirituellen Weges angelangt, vor dem Grünen Ritter, der von Gawain seine Revanche fordert. Eine letzte Vision trägt ihn, nachdem er dem Todeshieb des Ritters mithilfe seines Zaubergürtels entgehen kann, in eine oberflächlich zwar glorreich scheinende, für ihn persönlich aber doch tiefunglückliche Zukunft voller Ausflüchte und Verlogenheit. Daraufhin entledigt sich Gawain des Gürtels und erwartet sein Schicksal.
Während sich in der originallen Moritat der Grüne Ritter als verwandelter Burgherr entpuppt und Gawain, der fortan seinen Ruhm, sich dem Unausweichbaren tapfer gestellt zu haben, lachend mit jenem Gewissen ziehen lässt, endet der Film mit einem unzweifelhaft versprechenden „Off with the head“ durch den Grünen Ritter, Gawain und mit ihm das Publikum im Ungewissen zurücklassend. So rätselhaft wie jener Abschluss gestaltet sich der gesamte Film, der, was kaum verwundert, verliehen und coproduziert wurde durch das bereits sehr für sein oftmals eigenwilliges Œuvre bekannten, noch jungen Studios A24. „The Green Knight“ spielt mit allem, was ihm unter die Finger gerät; mit der Historie, die sich selbst im Rahmen eines mittelalterlichen Fantasystücks kaum auhentisch, sondern als eklektisch-verschrobenes Realitätskonstrukt erweist; mit seinen Figuren, die einen durchweg metaphorischen bis symbolischen Charakter einnehmen und bewusst kaum mit Namen versehen sind sowie natürlich mit dem Ursprungstext, dessen latente Ironie er aufgreift und in ein vorsätzlich diffizil arrangiertes Kunstwerk der Gegenwart transponiert. Fernab jedweder leichten Konsumierbarkeit erweist sich Lowerys vordergründig lehranekdotenhaft erzählter Film als ebenso großes Paradoxon wie sein Erzählgegenstand: er ist unzugänglich, ohne sperrig und verrückt ohne wirr zu sein. Seinem Rezeptionszirkel macht es „The Green Knight“ alles andere als einfach. Er verlangt ihm im Gegenteil ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zur Auseinandersetzung ab, belohnt ihn im Gegenzug jedoch (nicht nur) mit ausgesuchter visueller Pracht und bildnerischer Schönheit.

8/10

SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS

„Welcome to the circus.“

Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings ~ USA/AUS 2021
Directed By: Destin Daniel Cretton

Wie seine jüngere Schwester Xialing (Meng’er Zhang) stammt Shang-Chi (Simu Liu) aus der märchenhaften Verbindung des uralten Eroberers und Meisters der Zehn Ringe, Xu Wenwu (Tony Leung), und der aus der magischen Zwischendimension Ta Lo stammenden Wächterin Li (Fala Chen). In San Franciscos Chinatown lebt Shang-Chi, seine Vergangenheit ignorierende, unter dem unverbindlichen Alias Shaun ein unspektakuläres Leben als Servicekraft – bis sich sein Vater auf brutale Weise zurück in seine Existenz mischt. Der trauernde Xu Wenwu glaubt, einen Hilferuf seiner bereits vor Jahren getöteten Li aus Ta Lo zu vernehmen. Dass sich dahinter tatsächlich ein weltenbedrohender Seelenfänger-Drache verbirgt, der mit Xu Wenwus Hilfe aus seinem Gefängnis entfliehen will, möchte dieser nicht wahrhaben. Es ist daher an Shang-Chi, seine beträchtlichen Fähigkeiten als Kung-Fu-Meister zu perfektionieren und seinem Vater gemeinsam mit seinen Verbündeten Einhalt zu gebieten, bevor der Seelenfresser den Weg in die Menschenwelt findet.

In der vierten MCU-Phase, die ja zu nicht unerheblichen Teilen auch von ihren bis dato durchweg gelungenen Serials zehrt und lebt, treten nunmehr auch weniger populäre HeldInnen in Aktion, darunter der 1973 debütierte „Master Of Kung Fu“ Shang-Chi. Dieser war, ähnlich wie zuvor Black Panther und Luke „Powerman“ Cage“ als Repräsentanten des new black consciousness, konzipiert als Comic-Antwort auf die vor allem durch Bruce Lee personifizierte Martial-Arts-Welle. Während damals noch diverse Verknüpfungen mit der Pulp-Figur Dr. Fu-Manchu, als dessen Sohn Shang-Chi vorgestellt wurde, in den Vordergrund gerückt wurden, hat der 25. MCU-Film derlei hausbackene Klischees nicht mehr nötig. Tatsächlich scheint man sich – soweit ich als diesbezüglicher Volllaie das beurteilen kann – um die eine oder andere ernstzunehmende Verbeugung vor der reichhaltigen chinesischen Mythologie bemüht zu haben und lässt dazu passend auch manch attraktives Wuxia-Element mit einfließen, freilich nicht, ohne die diversen obligatorischen Zwinkerer Richtung comicgeschultes Publikum zu vergessen. Ganz hübsch nehmen sich etwa die Reaktivierung des verschollen geglaubten Akteurs Trevor Slattery (Ben Kingsley) oder der überraschende Gastauftritt von Emil „Abomination“ Blonsky (Tim Roth) aus. Continuity wird weiterhin groß geschrieben im MCU, auch in der vermeintlichen Peripherie.
„Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings“ ist resümierend kein wirklich besonderer oder gar großartiger Film, er gefällt jedoch als farbenprächtiges und bildgewaltiges Fantasyspektakel, das auch Kindern Freude bereiten soll und dürfte. Ich persönlich hätte mir im Gegenzug vielleicht einen etwas erwachseneren, möglicherweise finstereren Ansatz gewünscht, aber man kann ja nicht alles haben.

7/10

EVE’S BAYOU

„To a certain type of woman, I am a hero.“

Eve’s Bayou ~ USA 1997
Directed By: Kasi Lemmons

In den 1960ern lebt die zehn Jahre junge Eve Batiste (Jurnee Smollett) mit ihren Eltern Louis (Samuel L. Jackson) und Roz (Lynn Whitfield), ihren beiden Geschwistern, dem jüngeren Bruder Poe (Jake Smollett) und der älteren Schwester Cisely (Meagan Good) sowie der Großmutter (Ethel Ayler) in einem von Creolen-Nachfahren besiedelten, sumpfnahen Ort in Louisiana. Auch Eves bereits dreifach verwitwete Tante Mozelle (Debbi Morgan), die übersinnliche Fähigkeiten hat, ist ein festes Mitglied des Hausstands. Den Batistes geht es in materieller Hinsicht gut; Louis gilt als ein anerkannter Landarzt in der Region und wird von der afroamerikanischen Community vor Ort sehr respektiert. Doch binnen der eigenen vier Wände bröckelt das Idyll beträchtlich, Louis ist nämlich auch ein unverbesserlicher Schürzenjäger und Gigolo, der nicht allein medizinische „Behandlungen“ an seinen Patientinnen vornimmt. Eines Abends ertappt Eve ihn in der Scheune mit seiner Geliebten (Lisa Nicole Carson) und beginnt von diesem Tage an, den zuvor vergötterten Vater in einem anderen Licht zu sehen. Als die pubertierende Cisely später von einem ungeheuerlichen, nächtlichen Erlebnis mit Louis berichtet und zu Verwandten abreist, beschließt Eve, dem Leben ihres Vaters mittels Voodoo-Magie ein Ende zu setzen und wendet sich an die Hexe Elzora (Diahann Carroll)…

Amerikanische southern gothic tales haben, wenn sie mit dem nötigen Maß an Regionalromantik und Charakterempathie erzählt sind, stets etwas zutiefst Magisches. Klassischerweise von renommierten weißen Dichtern wie Bierce, Faulkner oder Williams ersonnen, fristen derweil die vornehmlich oder gar ausschließlich von people of colour berichtenden Geschichten – Toni Morrisons „Beloved“ kommt einem sofort in den Sinn – nach wie vor ein unverdientes Nischendasein. Eine ebenso prächtige wie berückende Filmausnahme bildet dieses Regiedebüt der zuvor als Nebenrollenschauspielerin aufgefallenen Kasi Lemmons, das, zugleich von ihr geschrieben, als elementares Spätwerk der New-Black-Cinema-Welle erachtet werden muss. Als eine Art afroamerikanisches Gegenstück zu Harper Lees „To Kill A Mockingbird“ und gleichermaßen ein Heimatfilm, zentriert „Eve’s Bayou“ die rückblickend aus ihrer sich sukzessive entzaubernden Kindheit erzählende Protagonistin Eve Batiste, deren Name auf den von der lokalen community verehrten Gründervater der Ortschaft zurückgeht. Wie einst die kleine Scout Finch hat auch Eve im Zuge eines schicksalhaften Sommers einige bittere Lektionen zu lernen, die sie auf Ab- und Umwegen ins unschuldsberaubte Erwachsenendasein tragen werden. Hier sind diese allerdings allerhöchstens indirekt mit Vorurteilen und Rassismus verknüpft. Zwar leben die Batistes ein wenig nach dem Vorbild weißer Dynastien des vorvergangenen Jahrhunderts, indem sie ihren Wohlstand außenwirksam leben und genießen, weißhäutige Menschen kommen in ihrem Mikrokosmos jedoch nicht vor, zumindest nicht, soweit es Eves kindliche Wahrnehmung anbelangt. Eve pendelt zwischen Frauen, zwischen ihrer gehörnten Mutter, ihrer mysteriösen, als verschroben geltenden Tante, ihrer alles zerredenden Großmutter und ihrer Schwester. Während Eve in ihrem Vater bislang ein von ihr abgöttisch idealisiertes Mannsbild sah, zerbricht diese Projektionsfläche bald in tausend Scherben, eine Erkenntnis, die sie auf zerstörerische Weise langfristig mit Desorientierung und Gewissenschuld belasten wird. Denn seine gesellschaftliche Stellung ist Louis Batiste wie vielen erfolgreichen Männern längst zu Kopf gestiegen. Von der Hybris übermannt, erachtet er seine permanenten außerehelichen Fehltritte, darunter selbst die offen zur Schau getragene Affäre mit der Gattin seines besten Freundes (Roger Guenveur Smith), als die lässlichen Streiche eines unverbesserlichen Filous, derweil zu Hause die Seelen seiner Liebsten bersten.
Lemmons nutzt diese Grundkonstellation zur Erzählung einer zu Herzen gehenden Coming-of-Age-Geschichte, die mit ihrer betont entklischierten Aufbereitung zig etablierte Hollywood-Klischees mit Füßen tritt und somit fast wie ein Stück aus einer Parallelrealität wirkt. Jede Figur erhält ihre Zeit, flankiert von verschrobenen Wegbegleitern wie der Voodoo-Magierin Elzora oder Mozelles mysteriösem, jüngsten Galan Julian Grayraven (Vondie Curtis-Hall), die vor allem den latenten, sanften magischen Realismus des Geschehens verstärken. Ein wunderbarer Film, der, nunmehr vierundzwanzig Jahre alt, einen Samuel L. Jackson noch ohne den typologischen Ballast der späteren Ära offeriert und auch sonst kein bisschen betagt wirkt.

8/10

SUKKUBUS – DEN TEUFEL IM LEIB

„Hol den Stier!“

Sukkubus – Den Teufel im Leib ~ BRD 1989
Directed By: Georg Tressler

Die Schweizer Alpen im 19. Jahrhundert: Drei Männer, der Senn (Peter Simonischek), der Hirt (Giovanni Früh) und ein Lehrlingsjunge (Andy Voß) treiben Milchkühe auf. Das eintönige Tagesgeschäft macht dem gleichfalls gottesfürchtigen wie abergläubischen Trio zu schaffen; vor allem die zur Brachlage gezwungene Libido gilt es immer wieder zu zäumen. Eines Abends steht der Schnaps auf dem Tisch. Der zunächst noch gradlinige Senn lässt sich im Suff vom Hirten überreden, einen „Tuntsch“ zu fertigen, einen weiblichen Fetisch, der aus Stroh und Lumpen besteht. Das heidnische Konstrukt erwacht, als Senn und Hirt sich an ihm vergehen, kurz zu fleischlichem Leben (Pamela Prati), verschwindet jedoch unmittelbar darauf wieder. Am nächsten Tag, die Männer schieben das unheimliche Ereignis stillschweigend beiseite, taucht der Tuntsch wieder auf und jagt ihnen eine Todesangst ein. Und tatsächlich müssen die beiden Älteren ihren Frevel teuer bezahlen…

Die traditionsreiche Alpensage um das Sennentuntschi, dessen gottlose Erweckung grauenvolle Ereignisse nach sich zieht, stand Pate für Georg Tresslers mit einigem Abstand entstandene, elfte und letzte Kinoregie, bevor er nurmehr Episoden für maue TV-Serien inszenierte. Franz Seitz schrieb das Drehbuch, er und Luggi Waldleitner produzierten. Der große kommerzielle Erfolg war dem phantastisch-morbiden Heimatdrama erwartungsgemäß nicht beschieden, als rares Genrestück blieb er eigentlich ein Apokryph der (west-)deutschen Filmhistorie. Allzu merkwürdig und sperrig wird „Sukkubus“ dem damals von diversen Hollywood-Blockbustern überfluteten Publikum vorgekommen sein; ich selbst, damals dreizehn Jahre alt und scharf auf alles, was ich an eigentlich nicht jugendfreiem Horror- oder Actionstoff in die Finger bekommen konnte, erinnere mich noch an die Besprechungen und Werbeanzeigen in den eingängigen Filmblättern (die spätere VHS-Veröffentlichung wurde dann nochmal deutlich intensiver beworben) und dass ich daraufhin beschloss, den Film doch lieber nicht sehen zu wollen. Gut, die sich auf dem Kinoposter und den Programmfotos nackt bleckende, archaisch wirkende Pamela Prati mit ihren bleichen Augenlinsen war da für mich auch noch nicht hinreichend reizvoll – ein Umstand, der sich in den Folgejahren ändern sollte. Heute erscheint mir vor allem jene Sequenz einprägsam, in der sich die Männer daran machen, eine vom Hang gestürzte Kuh zu häuten.
Tatsächlich gestaltet „Sukkubus“ sich primär auf einer sehr erwachsenen, sinnlichen Ebene unheimlich. Die alte Fabel warnt vor der Übermannung durch unmäßige, vor allem jedoch unkontrollierte Geilheit, davor, dass man den Herrgott zugunsten der im tiefen Inneren lauernden Instinktivität vergessen und daraufhin nie wieder gut zu machende Fehler begehen könnte. Tatsächlich ist es die ewig lauernde Libido, die vor allem die zwei älteren Viehhirten nicht loslassen mag – während der Senn seine Bedürfnisse unter einem kalten Gebirgswasserfall abtötet, vergreift sich der mit schwarzmagischer Folklore liebäugelnde Hirt einmal beinahe an dem Jungen und ist dann auch der Initiator der Tuntsch-Erweckung. Im festen Glauben, dass die Menschen in ihrem Tun bloß Spielzeuge zwischen Himmel und Hölle sind, ertönt allabendlich der Gebetsspruch des Sennen über der Alp, bis er sich, benebelt vom Hochprozentigen, eines nachts zu einer bösen Verballhornung alles Christlichen umformiert. Damit ist zugleich der Untergang besiedelt.

8/10

A DARK SONG

„Do you know what you’re fuckin‘ doin‘?“ – „No.“ – „Well shut up then!“

A Dark Song ~ IE/UK 2016
Directed By: Liam Gavin

Um mittels paranormaler Beschwörungen Kontakt zu ihrem ermordeten Sohn Jack (Nathan Vos) aufzunehmen, mietet die trauernde Sophia (Catherine Walker) ein weit abgeschlagen stehendes Haus in Wales und rekrutiert den ebenso erfahrenen wie zynischen Okkultisten Joseph Solomon (Steve Oram). Dieser warnt die zunächst unaufrichtige Sophia mehrfach, ihm die Wahrheit über ihr Ansinnen zu unterbreiten und auch vor dem kräftezehrenden Effekt des über viele Monate andauernden Rituals. Dennoch bleibt Sophia bei ihrem Plan. Die beiden nunmehr völlig auf sich gestellten und von der Außenwelt isolierten Menschen durchringen unter Josephs strikter Anleitung die Sphären zu den jenseitigen Dimensionen und entwickeln dabei zugleich eine destruktive Beziehung zueinander.

Mit „A Dark Song“ legte der Ire Liam Gavin ein ebenso atmosphärisch dichtes wie involvierendes Langfilmdebüt vor, das einmal mehr demonstriert, welch farbenfrohe Auswüchse besonders das auf der Schattenseite des Mainstream stehende Genrekino in den letzten Jahren vermehrt treibt. Gavins spezifischer Begriff von Horror zeigt sich dabei von intimen psychologischen und parapsychologischen Triebfedern gesteuert. Diese Agenda veräußert sich primär in der formal wie inhaltlich strengen kammerspielartigen Gestaltung von „A Dark Song“, der sich als Zwei-Personen-Stück mit wenigen Ausnahmen auf ein abgegrenztes Setting beschränkt und konzentriert. Die Reise der beiden ProtagonistInnen in die Gefilde abseits von Zeit und irdischer Physik avanciert dabei gleichermaßen zu einem Parforceritt in ihre eigenen seelischen Unwägbarkeiten; die unter Josephs vehementer Anleitung akribisch durchgeführten Praktiken beinhalten gleichfalls psychische und physische Grenzzustände, die sich durch „Reinigungsprozesse“ wie Entgiftung, Fasten, Schlafentzug, die (daraus resultierende) gezielte Evozierung halluzinogener Erfahrungen, sexuelle Askese und schließlich eine erzwungene Nahtoderfahrung einstellen. Der jeweils geforderte Tribut ist von immenser Tragweite, mündet jedoch in eine geradezu sphärische Erlösung Catherines, die am Ende gewissermaßen ihre eigenen Dämonen exorzieren kann.
Ihr Entwicklungsprozess wird dabei mit weitgehend konventionellen Versatzstücken der Gattung untermalt, geriert sich durch deren intelligenten und kompetenten Einsatz jedoch oftmals auf zufriedenstellende Weise unheimlich. Die mit stark religiösen Implikationen arbeitende conclusio nimmt sich indes streitbar aus und konnte mich nicht zur Gänze überzeugen, obgleich sie in ihrer ausnahmsweise positiven Konsequenz durchaus folgerichtig erscheint. Trotzdem hätte ich für einen etwas nachhaltigeren Impact einen fatalistischen Abgang bevorzugt – meine eigene dunkle Seite scheint da doch allzu fordernd.

8/10