APOSTLE

„This island is our paradise.“

Apostle ~ UK/USA 2018
Directed By: Gareth Evans

Das Vereinte Königreich im Jahre 1905: Der vormalige Missionar Thomas Richardson (Dan Stevens) hat Gott und seinem Glauben entsagt, nachdem er während des Boxer-Aufstandes in China an seine physischen und psychischen Grenzen getrieben wurde. Zurück daheim erhält er eine Nachricht seines Vaters, derzufolge seine Schwester Jennifer (Elen Rhys) von einem auf einer walisischen Insel ansässigen, aus Gesetzlosen bestehenden Naturkult um eine Lösegeldforderung gefangengehalten wird. Thomas, mittlerweile schwer laudanumsüchtig, bereist die Insel in cognito und schließt sich vorgeblich dem Kult an. Dieser, angeführt von Malcolm Howe (Michael Sheen), Quinn (Mark Lewis Jones) und Frank (Paul Higgins), einem Trio einstmals Schiffbrüchiger, verehrt einen weiblichen Naturdämon (Sharon Morgan), der sich von Blut ernährt und im Gegenzug Pflanzen sprießen lässt und den die Drei gefangenhalten. Da der Geist jüngst jedoch seine Kraft zu verlieren scheint, benötigen die Kultisten andere Mittel und Wege, um sich über Wasser halten zu können. Mit der Ankunft von Thomas bahnt sich schließlich zugleich eine Katastrophe an: Der blutrünstige Quint will um jeden Preis die Herrschaft über das Eiland an sich reißen…

Nachdem mir „Serbuan Maut“ von Gareth Evans nicht gefallen hat, ich seine Sekten- und Teufels-Episode in „V/H/S/2“ dafür jedoch umso beeindruckender fand, war ich durchaus gespannt auf „Apostle“, von dem ich mir meiner höchst oberflächlichen Annahme gemäß ein dem Embedded-Filming-Segment thamtisch ähnliches, nur eben auf abendfüllende Länge ausgeweitetes Werk versprach. Von apokalyptischem Ambiente jedoch keine Spur; vielmehr müht sich Evans, dem einst von der Tigon British kultivierten, klassischen Folk-Horrorfilm Marke „The Wicker Man“ seine Ehrerbietung zu erweisen und reichert seine Mär um konkrete phantastische Elemente, ein wenig körperbetonte Action und zwei, drei fiese Gore-Sequenzen an, die jedoch sehr lange auf sich warten lassen und aufgrund ihrer Loslösung vom Rest sowieso eher willkürlich bis unpassend daherkommen. Auch sonst wirkt der von Evans selbst geschriebene Film trotz manch guter Ansätze und immer wieder eingeflochtener, poetischer Momente (wie etwa der letzten, als Erfüllungsmoment zu begreifenden Einstellung) größenteils unausgewogen, verworren und unverständig zerdehnt. Dan Stevens in der Hauptrolle, der eigentlich als zerrissener Held wider Willen die Zuschaueremotionen binden soll, bleibt, zumal im Vergleich mit einigen deutlich interessanter angelegten, leider aber mit wesentlich weniger inhaltlicher Bedeutung bedienten Nebencharakteren in den allermeisten Phasen des Films erschreckend blass und egal, der Kult und auch die Dämonen jagen einem, trotz Mark Lewis Jones‘ finalem Amoklauf weder Respekt noch Angst ein und wirken eher wie Schmuckwerk aus einem larmoyanten Achtziger-Fantasyfilm.
Das war mir dann insgesamt eine allzu irrlichternde und inkonsistente Veranstaltung und besagter, positiver Aspekte entgegen blasser Durchschnitt.

4/10

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DEADPOOL 2

„Poor writing.“

Deadpool 2 ~ USA 2018
Directed By: David Leitch

Infolge eines unsauber durchgeführten Auftrags wird Vanessa Carlysle (Morena Baccarin), heißgeliebte Freundin des Mutantensöldners Wade Wilson (Ryan Reynolds) aka Deadpool getötet. Der untröstliche Wade versucht nun, sich auf jede denkbare Art selbst ins Jenseits zu befördern, was jedoch gründlich misslingt. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei den X-Men landet Wade gemeinsam mit dem ebenfalls superkräftigen Teenager Russell Collins (Julian Dennison)  in der Ice Box, einem Hochsicherheitsknast speziell für Mutanten. Wade ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Russell sich in der Zukunft „Firefist“ nennen und zum Massenmörder avancieren wird, was wiederum den zeitreisenden, rachsüchtigen Cable (Josh Brolin) in die Vergangenheit und auf Russells Fährt führt. Von nun an sieht Wade, der als erste Maßnahme das Katastrophenteam „X-Force“ gründet, es als seine hehre Mission an, Russell zu beschützen und ihm den rechten Weg zu weisen, wobei Cable sich ein Wörtchen Mitsprache erbittet…

Nachdem ich den ersten „Deadpool“-Film seinerzeit als höchst mittelmäßig, geschwätzig und in Teilen verlogen empfand, bereitete ich mich auf das Sequel mit der gedämpften Antizipationshaltung des ehern verpflichteten Superheldenfilm-Chronisten vor. Die ersten Minuten, in denen Wade unter kinetikintensivem Getöse eine ganze Reihe internationaler Gangster ins Jenseits befördert, ließen meine Befürchtungen augenscheinlich bereits wahr werden, bis der Film mit dem Tode von Wades geliebter Vanessa eine eigenartige Wendung nimmt, die mit der späteren Einführung des aus der Zukunft stammenden Soldaten Cable, in den Comics der eigentliche Gründer der X-Force und später als ernster angelegter Konterpart Deadpools zu einiger Beliebtheit gelangt, dafür sorgt, nicht nur der Film, sondern darüberhinaus sogar die Kino-Inkarnation Deadpools auf eine unerwartet vergnügliche Weise zu sich selbst finden.
„Deadpool 2“ vollbringt nun das Kunststück, die erste, lupenreine Superheldenkomödie mit Franchise-Stempel zu sein, deutlich purifizierter noch als etwa die beiden diesbezüglich bereits sehr offen gestalteten „Guardians Of The Galaxy“-Filme (die, wie alles andere auch, natürlich selbst nicht unreferenziert bleiben). Ryan Reynolds sucht sich in Habitus und Intonation Vorbilder wie Will Ferrell oder Adam Sandler, lässt sich seine Figur offenherzig vom großmäuligen Alleskönner zum auf liebenswerte Weise nervigen Versager und Dummkopf entwickeln, die sehr viel mehr als alle anderen Charaktere immer wieder Zielscheibe von Spott und hübschen Peinlichkeitsmomenten wird.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich anfangs stur gesträubt habe, über die sich zunehmend gelungener ausnehmenden Gags zu lachen, bis das Eis dann irgenwann gebrochen war. Zwar laufen nicht alle Witze zielgerade ins Schwarze und vor allem die ewigen popkulturellen Verweise, die den etwas atemlosen Eindruck hinterlassen, dass die Autoren auch wirklich zu jedem Einfall noch einen enzyklopädischen Kommentar auf Lager haben, sind nicht unanstrengend. Ähnliches gilt für die notorischen Derbheiten, die manchmal schlicht infantil wirken. Dennoch hebelt die ungeheure, sich immer weiter auftürmende und mit den unvermeidlichen Zeitreise-Clownerien im Abspann kulminierende Rasanz, die das pacing unentwegt und vor allem gekonnt klimaktisiert, den weniger gelungen Schabernack weitgehend aus und hinterlässt einen Film mit Seele, wo anfangs überhaupt keiner zu erwarten war. Außerdem möchte ich Zazie Beetz bitte heiraten. Ach, die hämische Vinnie Jones/Juggernaut-Pleite aus „X-Men: The Last Stand“ wird auch noch erfolgreich ausgebügelt.
Insogern eine der schönsten Überraschungen seit langem.

8/10

THE CROW

„What are you supposed to be? A clown or something?“

The Crow ~ USA 1994
Directed By: Alex Proyas

Der Rockmusiker Eric Draven (Brandon Lee) und seine Braut Shelly (Sofia Shinas) werden am Vorabend von Halloween nach einem Beschwerdebrief Shellys betreffs ihrer desolaten Wohnsituation infolge eines Auftrags des Eigentümers und Gangsterbosses Top Dollar (Michael Wincott) brutal ermordet. Auf den Tag ein Jahr später kehrt Eric als übernatürlicher Superheld aus dem Grab zurück, um seinen und Shellys gewaltsame Tode zu rächen.

Die Comicvorlage von James O’Barr fand ich schon als Teenager ziemlich schwülstig. Was dann jedoch als Filmadaption derselben das Licht der Welt erblickte, lässt mich bis heute kaum ruhig schlafen. Seit 1994 habe ich „The Crow“ in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen vier Male angeschaut. Die letzten drei und somit auch die jüngste Betrachtung erfolgten in zunehmendem Maße mehr oder weniger aus Gründen, mich der Zuverlässigkeit meiner Wahrnehmung zu vergewissern. Schon das erste Anschauen im Kino fiel damals höchst ernüchternd aus. Proyas‘ Debüt, dessen war ich mich zuvor sicher, besaß doch eigentlich alle Voraussetzungen, um ihm hohe Wertschätzung zu garantieren: Comic- und insbesondere Superheldenverfilmungen waren damals trotz erster kommerziell erfolgreicher Gehversuche und vor allem im Vergleich zu heute noch immer eine unsichere Randerscheinung im Kino, der bereits zuvor erhältliche Soundtrack ließ hochpotentes Gras aus den Ohren wachsen, die  weitgehend erlesene Besetzung lässt auch heute noch aufhorchen und das spektakuläre Drama um Brandon Lees Tod bei den Dreharbeiten gab dem posthumen Personenkult um seinen Vater nochmals einen zusätzlichen Schub der Legendenbildung. „The Crow“ firmiert auf der imdb gegenwärtig mit einer Durchschnittswertung von 7,6 und verbucht stolze 81% auf dem Tomatometer. Vor allem die Gothic-Fraktion kürte den Film seinerzeit zum Instant-Kultobjekt.
Diese allumfassende, konsensuelle Zuneigung habe ich nie begriffen. Vielmehr lässt sie mich sogar verzweifeln. Das aus all den oben angeführten, vielversprechenden Faktoren destillierte, resultierende Objekt gehört für mich nämlich zu den größten aller schlechten Witze der Kinogeschichte. Alles an „The Crow“, nahezu ohne Ausnahme, stinkt wie verdorbene Fischabfälle. Am Schlimmsten ist das Script, das O’Barrs bereits naive Graphic Novel zu einer Posse der vorsätzlichen Idiotie macht, zu einer ausgewachsenen, antithetischen Action-Travestie. Sämtliche der auftretenden Figuren, von Draven selbst über die tolldreiten, koksenden, alle denkbaren Lehrbuchklischees in sich vereinenden Gangster, den etwas dummen Polizisten (Ernie Hudson) bis hin zum Straßenmädchen (Rochelle Davis) mitsamt radikal heroinentwöhnter Mutti (Arla Davis) verharren in furchtbarster Stereotypenlage, bekommen keinerlei Raum zur Entfaltung und haben sich mit imbezilen Dialogen zu plagen, die die an sich doch so lyrische Qualität des Szenarios – immerhin geht es um nichts Geringeres denn die Unsterblichkeit wahrer Liebe – mit groben Stiefeln zertreten. Hatte Tim Burton bereits hinreichend gezeigt, wie ein überhöhtes, gotisches Comicszenario ausschauen kann, versagen Proyas, der immerhin mit seinem zweiten Film „Dark City“ all diese Versäumnisse wieder gutmachen konnte, und seine Setdesigner nebst ihren theatralischen Papkulissen und nachlässig gestalteten Interieurs damit hier auf ganzer Linie.
Ich habe mich jetzt vermutlich wirklich zum letzten Mal durch dieses entsetzlich stupide Machwerk gequält und trotz aller antizipatorischen Offenheit wirklich schlimm dabei gelitten. Für mich ist „The Crow“ ein grotesk missratener und, ich wiederhole mich bewusst, vor allem ungeheuer dämlicher Film, der mir wie kaum ein anderer dazu angetan ist, mich an ihm abzureagieren. Immerhin ein Gutes hatte dieses jüngste, passionsträchtige Durchleiden: Mir wurde neuerlich eindrucksvoll vor Augen geführt, wie ein wirklich schlechter und misslungener Film aussehen kann. Allenthalben hat eine solche Erfahrung einen durchaus katalysatorischen und kathartischen Effekt.

1/10

THE DEVIL’S ADVOCATE

„I’m a humanist. Maybe the last humanist.“

The Devil’s Advocate (Im Auftrag des Teufels) ~ USA/D 1997
Directed By: Taylor Hackford

Mit der Moral hält der in Florida tätige Anwalt Kevin Lomax (Keanu Reeves) es nicht allzu genau, was dazu führt, dass er auch schonmal einen eindeutig schuldigen Schweinehund wie den des sexuellen Missbrauchs angeklagten Lehrer Gettys (Chris Bauer) erfolgreich raushaut. Besonders verlockend erscheint Lomax da das Angebot einer großen New Yorker Kanzlei, das ihn zunächst als Berater für die Geschworenenauswahl engagiert. John Milton (Al Pacino), der Kopf des Justiz-Konsortiums, ist von Lomax begeistert und offeriert ihm eine Festeinstellung nebst schickem Appartment und anderen exklusiven Zuwendungen. Lomax‘ zunächst noch von all dem Luxus begeisterte Gattin Mary Ann (Charlize Theron) entwickelt bald eine Depression und hat unangenehme Visionen von dämonischen Kreaturen, derweil Lomax sich in die Verteidigung des wegen Doppelmordes angeklagten Immobilien-Milliardärs Cullen (Craig T. Nelson) stürzt. Mary Ann landet schließlich in der Psychiatrie, nachdem sie sich von Milton vergewaltigt wähnt, und nimmt sich dort das Leben. Als Lomax herausfindet, dass Milton nicht nur sein leiblicher Vater ist, sondern zudem noch Satan persönlich, sieht er nurmehr einen Ausweg, dessen weitere Pläne zu durchkreuzen.

Auch „The Devil’s Advocate“ ist eine jener schicken Studioproduktionen, die kurz vom Jahrtausendwechsel mit apokalyptischem Teufels- und Höllenpalaver hausieren gingen, wo sonst als am Schauplatz New York, der im Fallen begriffenen Hure Babylon. Den Leibhaftigen zu spielen gilt nebenbei seit jeher als besondere Krönung einer veritablen Schauspieler-Karriere; Emil Jannings, Gustaf Gründgens, Walter Huston, Donald Pleasance, Ralph Richardson, Bill Cosby, Jack Nicholson, Robert De Niro, Max von Sydow, Viggo Mortensen und so fort – eine überaus illustre Tradition, von der es ohnehin nur eine Frage war, bis sie auch Pacino einmal angetragen werden würde. Hackfords Werk offerierte ihm schließlich die überfällige Chance und Pacino erweist sich erwartungsgemäß als das mit gewaltigem Abstand leuchtendste Fanal dieses ansonsten doch sehr geistesschlichten und wohl eher unbewusst campigen Films, der mit ein paar leidlich aufregenden Morphing-Effekten Dämonenfratzen aus hübschen Damengesichtern macht und dessen mentaler Überbau sich so erzbieder und bibelfest gibt, dass es in den Weichteilen schmerzt. Man verzeihe mir, aber für mich ist Pacino als John Milton (nebenbei ein überaus mäßig einfallsreiches Alias) als kleingewachsener Antichrist weniger aparter Verführer oder mephistophelischer Lenker des ultimativ Bösen, denn ein durchaus nettes und charmantes Arschloch, dessen eingeborener Sohn und materieller Nutznießer ich durchaus gern wäre, aber mich erhört ja sowieso niemand. Keanu Reeves weiß mit derlei auf dem Silbertablett angebotenen Privilegien natürlich nichts anzufangen, der arme Tropf. Spielt stattdessen noch den Märtyrer und tut als wäre er der Rächer aller Enterbten.
Doch Script und Film sind übergebührlich gut zu ihm und uns – am Ende, kurz, bevor rechtzeitig zum feurigen Abstand die Stones (wer sonst?) eingespielt werden, erweist sich alles bloß als eine immens realistische Vision im Zuge eines Toilettengangs vom Anfang des Films, als Lomax gerade den wohl widerwärtigsten Kinderschänder verteidigt, den das Kino der neunziger Jahre aufzutischen im Stande war. Es kommt, wie es schon von Anfang an hätte kommen müssen (um uns diesen Film zu ersparen), Lomax überlegt es sich anders und legt das Mandat im Zeichen des guten Geschmacks nieder, was ihm eine erkenntnisreiche Zukunft wie die zuvor ausführlich ausgebreitete ersparen wird. Oder auch nicht, denn der Todsünden gibt es noch sechs weitere neben der Gier.
Doch im Ernst: „The Devil’s Advocate“ ist wegen seiner ehrlichen formalen Handwerksqualität sowie wegen Pacinos diebisch überzogenen Spiels grundsätzlich anschaubar. Nur ernstnehmen sollte man diesen ausgemachten Unfug in keiner Weise.

5/10

JURASSIC WORLD: FALLEN KINGDOM

„Genetic power has now been unleashed. You can’t put it back in the box!“

Jurassic World: Fallen Kingdom (Jurassic World – Das gefallene Königreich) ~ USA 2018
Directed By: J.A. Bayona

Die Saurierinsel Isla Nublar droht von einer Vulkankatastrophe vollständig vernichtet zu werden. Um ein paar letzten Dino-Exemplaren das Überleben zu sichern, finanziert der Multimilliardär Benjamin Lockwood (James Cromwell), einst bester Freund und Kollege von John Hammond, eine Expedition nach Isla Nublar, an der auch die „Jurassic World“-Experten Owen Grady (Chris Pratt) und Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) teilnehmen sollen. Der bettlägerige, todkranke Lockwood rechnet jedoch nicht mit der Hinterfotzigkeit seines Managers Eli Mills (Rafe Spall). Dieser plant nämlich mitnichten, den eingefangenen und zum Festland transportierten Urzeittieren ein verdientes Gnadenbrot zu verschaffen, sondern will sie im Zuge einer Sonderauktion an höchstbietende Halbwelt-Subjekte aus aller Welt verscherbeln. Zudem hat er mithilfe des abtrünnigen Genetikers Dr. Wu (BD Wong) eine neue Saurierspezies geklont, den „Indoraptor“, der als strategisch perfekte biologische Waffe eingesetzt werden kann. Lockwoods kleine Enkeltochter Maisie (Isabella Sermon), die ebenfalls ein dunkles Geheimnis umgibt, wittert jedoch Lunte und kann Owen und Claire hinsichtlich Mills‘ Plänen informieren. Leider nicht ganz rechtzeitig…

Ich will mich gewiss nicht zum Propheten stilisieren, aber in meinem Eintrag zum Vorgänger „Jurassic World“ von vor gut drei Jahren vermutete ich bereits, dass der bereits angedeutete Handlungsstrang um die missbräuchliche „Verwendung“ der immer wieder unterschätzten Klonechsen im kommenden Film eine tragende Rolle würde zu spielen haben. So kam es nun tatsächlich; nach einer kurzen Präambel und einem flugs durchgespielten Szenario auf der nunmehr endgültig untergehenden Isla Nublar erreichen die Dinos rasch das Festland im Zeichen der wohl ungewöhnlichsten Versteigerung aller Zeiten. Sotheby’s würde einem kollektiven Herzinfarkt anheim fallen angesichts dessen, was der (natürlich ultraböse) Eli Mills und sein Kompagnon Eversol (Toby Jones) da auffahren! Zumindest die gute alte T.-Rex-Dame (von der ich just irgendwo gelesen habe, dass es sich immer noch um dieselbe handeln soll wie im Original) kennt sich dort seit dem ersten Sequel (zu dem „Jurassic World: Fallen Kingdom“ ohnehin einige Analogien aufweist) bereits aus. Die Übrigen werden in Nordamerika ebenfalls ihr Nahrungsauskommen haben, wie der Epilog des Films mehrfach andeutet. Stoff zur abermaligen Weiterbelebung des Franchise gibt es somit nunmehr jedenfalls hinreichend.
Doch zum vorliegenden Teil: Dieser gefiel mir wieder etwas besser als der von Colin Trevorrow inszenierte, unmittelbare Vorgänger. Als ordentlicher Monsterabenteuerfilm mit einer Menge an campigem impact und Mut zur naiven Phantasterei ist er zwar erwartungsgemäß nicht von so perfekter Gestaltung wie die beiden spielbergschen Urknallereien, kommt in meiner persönlichen Dino-Hitparade jedoch gleich danach. Trotz mancher fresstechnischer Deftigkeiten besitzt „Fallen Kingdom“ insgesamt ein großes Herz für ein kindliches Publikum, also das ohnehin primär avisierte, setzt mit der kleinen Maisie Lockwood zudem eine überaus interessante Neben- und Identifikationsfigur mit einigem Zukunftspotenzial hinzu und deklariert die bereits eingeführte Velociraptoren-Lady Blue nun endgültig zur unverzichtbaren Partnerin im Kampf gegen bösartigere Artgenossen. Die großzügige Lockwood-Küstenvilla nebst unterirdischem Labor gibt einen ungewohnten, aber umso reizvolleren Hauptaktionsschauplatz ab. Jeff Goldblums groß angekündigter recht magerer Auftritt in Form von zwei kurzen cameos zu Beginn und Schluss als biedere Moralinstanz entsprachen dann aber doch eher einem müßigen Unterfangen. Geflissentlich enttäuschend Da hat seine wesentlich tatkräftigere Einsatzfreude in „Independence Day: Resurgence“ mir deutlich besser gefallen. Insgesamt ein durchaus launiger Beitrag zum unweigerlich weiter anwachsenden Franchise, das eigentlich mit jeder Faser suggeriert, es doch bitteschön nicht allzu ernst zu nehmen und mir gerade deswegen so sympathisch ist.

7/10

THE SHAPE OF WATER

„If we do nothing, neither are we.“

The Shape Of Water ~ USA 2017
Directed By: Guillermo del Toro

Baltimore, in den frühen 1960ern. Die stumme Elisa Esposito (Sally Hawkins), die in einer Laboreinrichtung der Regierung als Reinigungskraft arbeitet, pflegt einen streng durchgeplanten Tagesablauf. Dieser gerät ins Wanken, als ein am Amazonas gefangen genommener Amphibienmensch (Doug Jones) in einen der Untersuchungssäle gebracht und dort festgehalten wird. Während der finstere Agent Strickland (Michael Shannon) das angekettete Wesen mit Vorliebe quält und für seine baldige Sezierung eintritt, fühlt Elisa sich zu der Kreatur hingezogen und baut heimlich eine Beziehung zu ihm auf. Als der Amphibienmann dann tatsächlich der Forschung geopfert werden soll, befreit Elisa ihn mithilfe ihres Nachbarn Giles (Richard Jenkins) und ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer). Doch Strickland ist ihnen bereits auf den Fersen.

Man befleißige sich des Mythologiepools von Arnolds „The Creature From The Black Lagoon“, und Howards „Splash“, des philanthropischen savoir-vivre und der luftigen Audiovisualität von Jeunets „Le Fabuleux Destin D’Amélie Poulain“, ergänze es um eine kleine Prise „E.T.“, verquirle das Ganze und schon hat man den selten Fall eines „Best Picture“-Gewinners aus dem umfangreichen Genresegment „Phantastischer Film“! Hätte jemand vor Guillermo del Toro geahnt, dass es so einfach sein könnte, er hätte ihm die goldene Statuette sicher längst früher weggeschnappt. Doch im Ernst – natürlich ist „The Shape Of Water“ der erwartungsgemäß liebenswerte Film, als den man ihn einschätzen kann; tatsächlich entspricht er sogar ziemlich exakt der von mir im Vorhinein antizipierten Vorstellung von ihm. Del Toro geht seinen Kurs als Regisseur, mit dem zu rechnen sein muss, unbeirrt weiter: Er steckt jede Menge aufrichtiges Herzblut in seine Filme und das merkt man ihnen an. In „The Shape Of Water“ erweist er, neben vielen anderen Vintage-Elementen (das Kino in Elisas Haus zeigt Kosters semiprächtige Scope-Fabel „The Story Of Ruth“, Musical und Tanz sind allgegenwärtig) vor allem dem legendären Kiemenmann aus Universals „Creature“-Trilogie seine Eherbietung. Dass der Filmemacher sich gern mit Wasser-/Mensch-Hybriden beschäftigt, lässt sich zudem anhand seiner beiden „Hellboy“-Filme nachvollziehen, in denen ja die Figur des dem in „The Shape Of Water“ recht anverwandt erscheinenden Abe Sapien vorkommt. Wohl nicht ganz von ungefähr steckt in beiden Verkleidungen der hagere Darsteller Doug Jones, ein ähnlich zuverlässiger Typ für die Verkörperung phantastischer Filmwesen wie sein Kollege Andy Serkis.
Selbstredend hätte die Academy nicht einfach jeden Fantasy-Film zum Jahressieger gekürt, und mag er noch so reichhaltig inszeniert sein: Zentrales (und gleichfalls wichtiges wie aktuelles) Element von del Toros Film ist die unabdingbare Notwendigkeit von Toleranz und Akzeptanz. Sämtliche Sympathieträger der Geschichte repräsentieren gesellschaftliche Minoritäten. Elisa ist ein stummes (zu Beginn noch etwas verhuscht) wirkendes) Waisenkind, ihr bester Freund Giles ein alternder Homosexueller, Octavia eine Afroamerikanerin, der Elisa überraschend zur Hilfe kommende Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) ein sowjetischer Doppelagent, der genug hat vom Kalten Krieg. Sie alle müssen erniedrigende bis vernichtende Erfahrungen machen, hinter denen oftmals der staatstreue Strickland steckt, der sich recht bald als erbarmungswürdiger, nach oben buckelnder und nach unten tretender, sadistischer Psychopath ohne Lebensglück erweist. Inmitten dieser Ménagerie findet sich jenes übernatürliche Wasserwesen, hinter dessen nicht selten herausgekehrter Befremdlichkeit (er hat gewaltige Kräfte, macht merkwürdige Geräusche, frisst eine Katze und ist nur auf den zweiten oder dritten Blick schön) sich etwas ganz Besonderes verbirgt, ein Märchenprinz, vielleicht sogar eine elementare Gottheit. Die immergültige Lektion heißt, dass Ausgrenzung, Hass und Hetze zerstörerisch sind, Toleranz, Liebe und Courage indes das Leben erst lebenswert machen. Und weil man das nicht oft genug in die Welt hinausschreien kann, ist „The Shape Of Water“ genau das: Besonders wertvoll!

8/10

STAR WARS: THE LAST JEDI

„You are no Vader. You are just a child in a mask.“

Star Wars: The Last Jedi (Star Wars: Die letzten Jedi) ~ USA 2017
Directed By: Rian Johnson

Während die junge Rey (Daisy Ridley) und Chewbacca (Joonas Suotamo) Luke Skywalker (Mark Hamill) auf Ahch-To ausfindig gemacht haben und frustriert feststellen müssen, dass der letzte aller Jedi-Meister längst nichts mehr von den intergalaktischen Geschicken wissen, sondern eigentlich bloß noch in Ruhe sterben will, haben die Rebellenkämpfer Finn (John Boyega) und Poe Dameron (Oscar Isaac) ganz andere Probleme. Nur ein Hyperraum-Sprung rettet sie vor dem Zugriff der Neuen Ordnung, doch die Finsterlinge bleiben ihnen auch danach noch dicht auf den Fersen. Es gilt, ein Peilgerät an Bord des Sternenzerstörers von General Hux (Domhnall Gleeson) zu deaktivieren, was wiederum nur mithilfe eines speziellen Codeknackers möglich ist Finn und die tapfere Wartungsarbeiterin Rose (Kelly Marie Tran) begeben sich in die Casino-Stadt Canto Bight, um den Gesuchten anzuheuern. Sie müssen sich jedoch mit dem zwielichtigen DJ (Benicio Del Toro) begnügen, der ihnen aus vvorübergehender Gefangenschaft hilft. Unterdessen kehrt Rey allein zur Flotte zurück und stellt sich Kylo Ren (Adam Driver), in dem sie noch Reste des Guten vermutet. Doch weit gefehlt: Der machtbesessene Nachwuchs-Sith schickt sich nach seiner finalen Machtübernahme über die Neue Ordnung  an, den letzten Zufluchtsort der Rebellen auf dem Planeten Crait dem Erdboden gleichzumachen. Mit Einem rechnet er jedoch nicht…

Geschlossener und deutlich selbstvertrauter wirkend als „Episode VII“ kommt der von Rian Johnson inszenierte „The Last Jedi“ daher, der seinerseits zwar  noch immer nicht ganz ohne Recycling-Elemente der Ur-Trilogie auskommt, dessen Gesamtstruktur jedoch längst nicht mehr so an bedingungsloser Wiederverwertung interessiert ist wie der unmittelbare Vorgänger. Ingredienzien wie die an Bespin erinnernde Spielerstadt Canto Bight, das Exil des mittlerweile knarzigen, gealterten Luke Skywalker, das von der jungen Rey (girl power!) aufgesucht wird wie dereinst Dagobah und Yoda von Luke selbst und Poe Dameron als subordinationsrenitenter Han-Solo-Ersatz, das sind zwar unmisverständliche Anklänge an „The Empire Strike Back“, ein verklausuliertes Remake haben wir diesmal jedoch nicht. Die Aufsplittung der Narration zu mehreren verschiedenen Schauplätzen sorgt für gleichmäßiges Tempo und Spannung, liebenswerte neue Kreaturschöpfungen  und Schwenks zu alten Vertrauten wie etwa Yoda (Frank Oz), der in einem verblüffend gelungenen, schönen Auftritt aus dem Jenseits vorbeischaut, erzeugen die notwendigen, kleinen Gänsehautmomente. Die Raumschlachten und Duelle sind laut, dynamisch choreographiert und eine Augenweide zumindest für solchem Zugeneigte. Es gelingt „Episode VII“ sehr viel überzeugender als zuletzt, Brückenschläge zwischen der klassischen und der neuen Saga zu schaffen und den jungen Nachwuchs-Charakteren Profil zu verleihen, ohne die alten zu vernachlässigen oder gar zu denunzieren. Nach Harrison Ford darf sich nun auch Mark Hamill heldenhaft aus dem SW-Universum verabschieden, wobei ich sicher bin, dass zumindest seine jenseitige Aura sich mindestens einen Gastbesuch zu kommenden Gelegenheiten nicht wird nehmen lassen. Bleibt die berechtigte, große Frage, wie man ausgerechnet dem realen Ableben Carrie Fishers im nächsten Film Rechnung tragen wird und welche dramaturgische Bedeutung speziell der letzten Sequenz zukommt, in der ein kleiner Stalljunge aus Canto Bight binnen weniger Minuten noch flott zum Jedi-Nachfolger und damit kurzerhand zum Hoffnungsträger aufgebaut wird.
Alles in allem nach dem geflissentlich durchhängenden, etwas ideenarmen Vorgänger endlich wieder ein schönes, beseeltes SW-Abenteuer, das seinem Franchise vorbehaltlos Ehre erweist und gewiss viele alte wie neue Freunde zu begeistern wissen wird

9/10