THE MAN WHO KILLED HITLER AND THEN THE BIGFOOT

„I feel… old. And I know, I am.“

The Man Who Killed Hitler And Then The Bigfoot ~ USA 2018
Directed By: Robert D. Krzykowski

Calvin Barr (Sam Elliott) ist ein unscheinbarer, älterer Herr, dessen einziger wirklicher Freund sein Hund ist und der seine einsamen Tage zwischen Medikation und Bar fristet. Niemand weiß, wer Calvin wirklich ist bzw. war: Eine Art Superspion des Zweiten Weltkriegs, der einst die geheime Sondermission, Adolf Hitler zu ermorden, erfolgreich ausgeführt hatte – eine Aktion, die nie publik werden durfte und Calvin in der Folge zu einem Leben in strenger Anonymität verdammte. Einzig zu seinem Bruder Ed (Larry Miller) pflegt er noch Kontakt. Nun kommt Calvin, betagt wie er ist, als einziger Proband in Frage, einen weiteren Spezialauftrag zu erfüllen: Ausgerechnet der Bigfoot überträgt in den Wäldern an der kanadischen Grenze ein hochansteckendes und tödliches Virus, das die gesamte US-Bevölkerung gefährdet. Calvin, dessen Organismus gegen das Virus immun ist, soll die geheimnsivolle Kreatur aufspüren und töten. Nach anfänglicher Weigerung entschließt er sich dann doch, der Staatsräson ein letztes Mal Genüge zu tun…

Ein schönes Altersgeschenk an den ohnehin viel zu unbesungen Sam Elliott ist dieses charmante, sich vor allem im Hinblick auf seine absurde Prämisse glücklicherweise erstaunlich ernst nehmendes Fantasydrama, das sich vielleicht am Ehesten als fabulierfreudige Transponierung bzw. Interpretation des uramerikanischen Mythos des „unknown soldier“ umschreiben lässt. Ein wenig erinnerte mich Calvin Barrs Geschichte auch an den Marvel-Helden „Captain America“ Steve Rogers, minus die origin um das Supersoldatenserum, die bunte Uniform und natürlich den Eisblock. Ansonsten scheint Barr jedoch eine ganze Menge mit Rogers zu verbinden – er tauscht das private, zivile Glück gegen den wichtigsten Attentatsauftrag des Zwanzigsten Jahrhunderts und somit auch gegen die forciert aufzuerlegende Selbstisolation. Dass selbige dereinst nicht nur Calvins Beziehung zu der hübschen Lehrerin Maxine (Caitlin Fitzgerald) zwangsbeendete, sondern ihn darüberhinaus zu einem müden, depressiven Mann werden ließ, ist der Preis des heimlichen Heldentums, zumal die Geschichtsschreibung von Calvins einstiger Heldentat nichts mitbekam (oder mitbekommen durfte). Die von ihm überaus wehmütig angegangene Jagd auf den Bigfoot, ein sich selbst behütendes Naturgeheimnis, das das schicksalhafte Pech hat, zum Virusüberträger geworden zu sein, wird ihm ebensowenige Meriten bescheren.
Was ich zu Beginn und ohne Informationen als ironische bis pulpige Kinokrudität antizipierte, erwies sich zu meiner positiven Überraschung als stilles, tatsächlich sehr unaufgeregt arrangiertes Drama um einen halben Helden ohne Triumphmarsch und Siegesfeier, einen, der zur Stelle war und ist, einfach, weil er es sein muss. Der binnen seiner nunmehr rund fünfzig Jahre umfassenden Karriere mit nur sehr wenigen nachhallenden Hauptrollen gesegnete, wunderbare Elliott füllt jene Rolle aus, wie man es von ihm kennt und erwartet: stets körperpräsent und dabei von der altbekannten, stoischen Coolness beseelt, die ihm nunmehr, im gehobenen Alter, zugleich eine wohlnuancierte Wehmut verleiht. Der Langfilmdebütant Krykowski weiß daraus eine würdevolle Hommage zu weben, die mit ihrer widerborstigen Tempodrosselung und ihrem recht ungewöhnlichen Dualismus aus comicesker Fabulierfreude und Melancholie eine Empfehlung für diesen Film und auch für künftige Projekte abgibt.

8/10

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SHAZAM!

„Hey, what’s up? I’m a superhero.“

Shazam! ~ USA 2019
Directed By: David F. Sandberg

Billy Batson (Asher Angel) ist ein in Philadelphia lebender Teenager, ohne Eltern in diversen Pflegefamilien aufwachsend stets auf der Suche nach seiner Mutter (Caroline Palmer), die er im Alter von drei Jahren auf einem Rummelplatz verloren hat. Infolge seines renitenten, bisweilen grenzkriminellen Verhaltens landet Billy schließlich bei dem Ehepaar Vasquez (Marta Milans, Cooper Andrews), das sich aufopferungsvoll um eine kleine Gruppe im Stich gelassender Kinder kümmert, darunter auch um Freddy Freeman (Jack Dylan Grazer), mit dem sich Billy zaghaft anfreundet.
Auf der Flucht vor ein paar Schulbullys landet Billy eines Tages in der U-Bahn und von dort aus in der magischen Höhle des altehrwürdigen Zauberers Shazam (Djimon Hounsou), der die inkarnierten Sieben Todsünden bewacht und Billy als jüngsten, würdigen Adepten für die Gestalt eines Helden (Zachary Levi) mit gottgleichen Kräften ausersehen hat. Von nun an muss Billy nur das Wort „Shazam!“ aussprechen und verwandelt sich in einen muskelbepackten, erwachsenen Superhelden in roter Gewandung, dessen Fähigkeiten denen von Superman kaum nachstehen. Natürlich hat allerdings auch dieser Held seine Nemesis in der Person des wahnsinnigen Dr. Thaddeus Sivana (Mark Strong), der einst beinahe selbst Billys Rolle eingenommen hätte und sich aus Rachsucht für seine damalige Verschmähung mit den Sieben Todsünden einlässt. Billy muss bald feststellen, dass er soviel geballter Bösartigkeit alleine nicht gewachsen ist…

Der jüngste Leinwandeintrag in das Extended Universe des Comicriesen DC befasst sich mit einer weiteren ikonischen Gestalt des Verlags, der in seinem Film allerdings noch keinen wirklichen Namen erhält. Eingeweihte wissen natürlich, warum: Der bereits achtzig Jahre alte Superheld heißt nämlich eigentlich „Captain Marvel“, was bereits in der Printwelt für diverse Kollisionen mit DCs Konkurrent Marvel sorgte, der seit den sechziger Jahren selbst mehrere Figuren mit ebendieser Bezeichnung vorstellte und sich das Namensrecht stets vorbehielt, was im Medium Comic dann immer doch irgendwie gelöst werden könnte, den gemeinen Kinogänger, zumal nach Marvels erst letzthin lancierten Film dieses Titels, in allzu verständliche Verwirrung gestoßen hätte. Ursprünglich für den Verlag Fawcett Comics ersonnen und in den USA von gewaltiger Popularität, verschwand Captain Marvel zusammen mit seinem Herausgeber zwischen 1953 und 1972 komplett von der Bildfläche, bis sich DC die Rechte an der Figur sicherte und sie in ihren Geschichtenkosmos integrierte, wo sie fortan zunächst ein eher stiefmütterliches Dasein fristete. Später wurde Captain Marvel, dessen Genese und damit verbundene, identitäre Besonderheit, nämlich die, eigentlich ein kleiner Junge zu sein, der bei Bedarf im Körper eines Superhelden agiert, dann ein zunehmend ironisierter Charakter, der immer mal wieder einzelne Höhepunkte spendiert bekam, den Status der „Big Three“ (also Superman, Batman und Wonder Woman) jedoch nie ankratzte.
Seine jüngste, von Allrounder Geoff Johns geschriebene Inkarnation nahm schließlich Abstand von den früheren Storys, in denen Billy Batson als tugendhafter, braver Teenager und Nachwuchsreporter auftrat, der wegen seines kindlichen Gemüts selbst in seiner Gestalt als Captain Marvel von dem einen oder anderen Superkollegen belächelt wurde. Nunmehr ist er ein waschechter, pubertierender Teenager ohne Eltern und mit entsprechenden Sorgen und Nöten. Diese Version liegt auch Sandbergs Film zugrunde, der sich halbwegs kongenial an Johns‘ Vorlage hält, wenngleich mit Marvels Erzfeind Black Adam ein wichtiger Charakter außen vor bleiben musste. Stattdessen muss sich Billy mit einem durch die Allianz mit den Sieben Todsünden deutlich mächtiger gewordenen Thaddeus Sivana herumplagen, der gewissermaßen und wohl aus Gründen der Komplexitätsreduktion kurzerhand mit Black Adam fusioniert wurde.
„Shazam!“ macht sich die neue Erfolgsformel des DCEU zur Regel, derzufolge Humor sich besser verkauft als die existenzialistische Düsternis der Snyder-Filme und geht diesbezüglich sogleich in die Vollen: Daraus, dass der Film auch und insbesondere eine Art verklausuliertes Remake von Penny Marshalls „Big“ im Superheldengewand ist, macht er erst gar keinen Hehl, sondern verdeutlicht dies durch eine offensichtliche Reminiszenz. Überhaupt strotzt „Shazam!“ vor Referenzen und Seitenhieben nicht nur bezüglich der langen Historie der Vorlage, die für deren Kenner und Popkulturdetektive ganz allgemein in ein halbwegs vergnügliches Suchspiel münden. Die allermeisten situativen Gags indes dürften unzweideutig für eine Zielgruppe im Alter des Protagonisten sein, der recht infantil gehaltene sense of wonder des Ganzen schützt dann gemeinhin doch eher die Typologie eines modischen Fantasy-Trash-Märchens vor. Leider hat es nicht mehr für einen Gastauftritt von Henry Cavill gelangt.

7/10

PUPPET MASTER: THE LITTLEST REICH

„Do you have a Menorah here?“

Puppet Master: The Littlest Reich ~ USA/UK 2018
Directed By: Sonny Laguna/Tommy Wiklund

Exakt dreißig Jahre nach einem mysteriösen Massaker, hinter dem der in Sachen Okkultismus bewanderte Puppenmacher und hingebungsvolle Altnazi André Toulon (Udo Kier) steckte, findet eine Fan-Convention statt, die diverse Besitzer der makabren Puppen aus aller Welt zu einer großen Auktion und einschlägig Interessierte zu Toulons mittlerweile als Museum fungierender Villa in Texas locken. Auch den kürzlich geschiedenen Comicautoren Edgar (Thomas Lennon), seine neue Freundin Ashley (Jenny Pellicer) sowie seinen Arbeitgeber und besten Kumpel Markowitz (Nelson Franklin) zieht es zu dem Event, nicht zuletzt, da Edgars eigene Vergangenheit direkt mit einer von Toulons Puppen verknüpft ist. Als die kleinen Kerle allesamt zeitgleich zu neuem, unheiligen Eigenleben erwachen, richten sie sogleich ein derbes Blutbad unter ihren gemeinsam in einem Hotel residierenden Besitzern an. Ist Toulon selbst am Ende gar nicht tot und zieht weiterhin die Fäden aus dem Hintergrund…?

David Schmoellers für Charles Bands Spielzeughorrorstudio Full Moon inszenierter „Puppet Master“ hat nunmehr genau drei Jahrzehnte auf dem Buckel. Dem Original wurde unterdessen viel liebevolles Expertenlob zuteil, derweil in den Folgejahren ganze zehn Sequels plus einem Crossover entstanden und das buchstäblich kleine Franchise damit zu einem der beständigsten Serials im Genre machten. Während die Horrorwurzeln zugunsten der den Thema ebenfalls inhärenten Fantasyelemente gelegentlich etwas in den Hintergrund gedrängt wurden, bildet die vorliegende, ganz postmodern als „Reboot“ zu kategorisierende, von Fangoria produzierte Neuinterpretation wohl die blutrünstigste der bisherigen Installationen.
Für die beiden schwedischen Genre-Aficionados und Regisseure Tommy Wiklund und Sonny Laguna bot sich mit „The Littlest Reich“ analog dazu die willkommene Gelegenheit, ein kleines event movie mit ein paar Gaststars und deutlich höherem Budget als bislang gewohnt zu inszenieren, dessen Script zudem vom derzeit selbst als Filmemacher reüssierenden S. Craig Zahler stammt. Wer Zahlers eigene Regiearbeit kennt, weiß, dass er von pointierter, heftig-metanaturalistischer Effektarbeit geradezu angezogen wird, eine Tatsache, die sich auch in „The Littlest Reich“ niederschlägt. So sind nicht allein die oftmals in groteske Gefilde abdriftenden, handgemachten Goresequenzen eklatante Merkmale seines Stils, sondern auch die gleichsam stark ironisierte wie bitterböse konnotierte Verwendung von Naziploitation als gattungsprägendem Merkmal – ein Kunstgriff, der nicht jedem Rezipienten umweglos munden dürfte, obschon Zahler ja höchstselbst jüdischstämmig ist.
Aus dem ehedem von William Hickey und später von Guy Rolfe gespielten, von den Nazis verfolgten André Toulon wurde in der modernisierten Variation unter dem unverwüstlichen Udo Kier selbst ein bösartiger Handlanger Hitlers und Befürworter der Herrenrassentheorie, dem nach Kriegsende die Flucht nach Amerika gelang und der alles, was vom nordischen Ideal des arischen Übermenschen abweicht (und sei es bereits durch die sexuelle Ausrichtung), gnadenlos durch seine dämonischen Helfershelfer auslöschen lässt (die gezeichnete Titelsequenz fasst dies in famoser Weise zusammen). Von den manchmal geradezu putzigen Sympathieträgern der früheren „Puppet Master“-Filme könnten die aktuellen Horrorpüppchen also kaum weiter entfernt sein. Die Voraussetzungen passen also, dennoch wirkt „The Littlest Reich“ für die meisten Minuten seiner kurzen Erzählzeit eher unbeteiligt-unterkühlt und infolge dessen zuweilen zynischer, als es ihm guttut. Möglicherweise ist es den Regisseuren anzulasten, dass der Film keine echte Homogenität entwickeln will; dass selbst die als Sympathieträger veräußerten Heldinnen und Helden und ihre Schicksale einem weitgehend gleichgültig bleiben und die biestigen Effekte ein wenig den Eindruck von gesetzten Häkchen auf einer minutiös vorausgeplanten Checkliste hinterlassen.
Ob die vielen losen inhaltlichen Enden und unbeantworteten Fragen dereinst nochmals aufgegriffen werden oder das bereits angedrohte Sequel das Potenzial dieser Neuausrichtung gewinnender zu nutzen vermag, wird die Zeit erweisen. Fürs Erste ist jetzt gut.

6/10

BABA YAGA

Zitat entfällt.

Baba Yaga (Foltergarten der Sinnlichkeit 2) ~ I/F 1973
Directed By: Corrado Farina

Auf dem Rückweg von einer Party gerät die Fotokünstlerin Valentina Rosselli (Isabella De Funès) an eine aparte Dame, die sich ihr unumwunden als Baba Yaga (Carroll Baker) vorstellt. Von diesem Moment an gerät Valentina in den mystischen Bann jener lasziven, rätselhaften Frau, doch dieser ist nicht ungefährlich. Valentinas Lieblingskamera ist bald verhext und führt ihren lebenden Motiven körperlichen Schaden zu; eine rätselhafte S/M-Puppe, die Baba Yaga Valentina als vermeintlichen Talisman schenkt, scheint Böses im Schilde zu führen. Erst mit der Hilfe ihres Freundes Arno Treves (George Eastman), eines Gelegenheitsfilmemachers, kann Valentina sich schließlich dem Zugriff der Hexe entziehen.

Die zweite und bereits letzte abendfüllende Kinoarbeit des Turiner Autors und ansonsten vornehmlich auf dokumentarischer Ebene aktiven Autors und Filmemachers Corrado Farina basiert auf der „Baba Yaga“-Strecke eines zu jener Zeit beliebten fumetto nero (oder auch fumetto per adulti): „Valentina“ von Guido Crepax, der mit Farina befreundet war und an dem Film mitarbeitete. Bei Crepax‘ Figur Valentina Rosselli handelt es sich um eine politisch stark linksorientierte Mailänder Fotografin und Bohèmienne, die zunächst als Freundin des mit Superkräften ausgestatteten Helden Philip Rembrandt alias „Neutron“ in Erscheinung trat und sich dann im Laufe ihrer folgenden, rund dreißig Jahre währenden Veröffentlichungsgeschichte zur Hauptfigur ihrer eigenen, sich zunehmend erotisch gestaltenden Abenteuer entwickelte. Sie basierte hinsichtlich ihrer visuellen Gestaltung auf Crepax‘ Vorliebe für die in den zwanziger und dreißiger Jahren aktive Schauspielerin Louise Brooks und geriet im weiteren Verlauf ihrer Geschichten in zusehends surreal arrangierte, oftmals mit eindeutigen Fetischelementen angereicherte Storys, die mit unterschiedlichen diegetischen Ansätzen spielten, dem stream of consciousness etwa.
Ganz so weit geht Farinas Film nicht, obschon er in seinen erotisch konnotierten Sequenzen nicht den offensichtlichsten Pfad des blanken Voyeurismus einschlägt, sondern stattdessen hart kontrastierte, ineinander fließende Schwarzweiß-Einzelbilder von Isabella De Funès‘ Gesichtspartien einflechtet. Ansonsten ist „Baba Yaga“ (deren von Carroll Baker interpretierte Entsprechung weniger dem folkloristischen slawischen Vorbild der knorrigen Waldhexe in ihrem Haus auf Hühnerbeinen entspricht denn vielmehr dem, was man sich im Westen als lesbische, stark sexualisierte femme fatale mit übersinnlichen Fähigkeiten vorstellen mag) vor allem als repräsentativ-exemplarisches, zeitkoloriertes Fest der Dekors und Interieurs interessant, das einige wenige (jedoch, das muss man einräumen: oberflächliche) Diskurse in Richtung bildender Kunst verhandelt und das mit seinem, dem jazzigen Score (Piero Umiliani) angelehnten Rhythmus eher wie die gepflegtere, feuilletonistisch goutierbarere Variation eines Jess-Franco-Werks daherkommt. Sein phantastisches Timbre vulgarisiert der Film dann auch keineswegs durch halbgare Effekte, sondern durch die geschickte Evokation eines allgegenwärtigen Mystizismus‘, der derkurz auf paraphilen Abwegen befindlichen Heldin offenbar durchaus libertinäre Freude und Lust bereitet, sie am Ende aber dann doch wieder aufatmend in ihren vertrauten sozialen Mikrokosmos zurückspeit.

8/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

UNDER THE SILVER LAKE

„Welcome to Purgatory.“

Under The Silver Lake ~ USA 2018
Directed By: David Robert Mitchell

Der in einem Appartmenthaus in East L.A. wohnende Sam (Andrew Garfield) gammelt vor sich hin und ist seit Ewigkeiten mit der Miete im Rückstand. Ansonsten nutzt er die Vorzüge, die die hedonistische Seite der Metropole einem libidinös aufgeladenen, gutaussehendem jungen Mann wie ihm zu bieten hat: Er schließt kurzlebige Damen-Bekanntschaften, geht auf Hipster-Partys und besucht Events der Kunstnachwuchsszene. Nachdem seine attraktive Nachbarin Sarah (Riley Keough) nebst ihren Mitbewohnerinnen (Stephanie Moore, Sibongile Mlambo) spurlos verschwindet, begibt Sam sich auf die Suche nach ihr. Ihn erwartet eine Odyssee, die ihn buchstäblich geradewegs in die Innereien der Stadt der Engel führt und ihn seine bisherige Realität als artifizielles Konstrukt erkennen lässt.

Meine erste Wahrnehmung von „Under The Silver Lake“ war die einer umfassenden „Best Of“-Reminszenz, in der David Robert Mitchell seinen Legionen von Vorbildern und praktisch dem gesamten populären historischen Kino-Segment, dass sich mit Los Angeles und/oder Hollywood befasst, seine ganz persönliche Ehrerbietung erweist. Entsprechend zahlreich sind die Verweise an Regisseure, Filme, Personen, allzu zahlreich, um sie an dieser Stelle gleichberechtigt aufzuzählen. Diese Mühe obliegt dann schon jedem, der sich diesem durchaus interessanten Werk zu widmen gedenkt.
Erst an zweiter Stelle folgte dann die erweiterte Perspektive auf die Gegenwart der Metropole und einen ironischen, oftmals ins Groteske, Surreale und Allegorische ab- oder auch entgleitenden Fokus darauf, was ihre lange Kulturhistorie als „Traumfabrik“ seit über einem Jahrhundert aus der Stadt hat werden lassen. Im Grunde entpuppt sie sich selbst infolge ihrer demokratisch geprägten Tradition und gesellschaftlichen Lichtblitzen wie der Diversität- und der MeToo-Bewegung als in Wahrheit keinen Deut gereift gegenüber der Frühzeit der Filmmogule und Studioregimes; noch immer laufen hier Äonen junger TräumerInnen dem Traum von Ruhm und Reichtum nach und dabei Gefahr, in die Fänge rücksichtsloser Raubtiere zu geraten, deren Geld, Macht und Einfluss sie zu willfährigen Werkzeugen ihrer pervertierten Bedürfnisse macht. Im Zuge seiner eher von Intuition und Assoziation geprägten Reise lernt Sam, dass alles hier auf unheilige Weise miteinander verworben ist und sich wechselseitig bedingt und bedient: diverse Formen bildender wie darstellender Kunst und die kommerziell orientierten Kulturen Film und Musik, Werbeindustrie und Literatur, Fast Food und Prostitution, selbst Hochfinanz und Prekariat, Mysterien und Paranoia. Sex entpuppt sich dabei als der primäre, alles miteinander verbindende Faktor, der sich seit eh und je durch mehr oder weniger sublime Botschaften überall eingefordert findet und entsprechend hinreichend bedient wird. Sonderbare, nicht eindeutig entschlüsselbare Personen und Ereignisse kreuzen (wiederholt) Sams investigativen Weg; tote und lebende Nagetiere, ein anonymer, sein Unwesen treibender Hundemörder, dem große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, der (vermeintliche) Tod des Superreichen Jefferson Severence (Chris Gann), dessen Tochter Millicent (Callie Hernandez), ein Comics (mit dem Titel des Films) entwerfender Verschwörungstheoretiker (Patrick Fischler), der „König der Landstreicher“ (David Yow), freiwillige und unfreiwillige Drogentrips, der androgyne Popstar Jesus (Luke Baines), der geheimnisvolle Songwriter (Jeremy Bobb), dem Sam, erbost ob dessen Entzauberungen seiner musikalischen Idole, den Schädel einschlägt, Kojoten sowie eine geheimnisvolle, nackte Eulenfrau, die ihre Opfer, darunter den „Comic-Mann“, im nächtlichen Schlaf meuchelt. Und immer wieder Trios von seltsamen It-Girls, wie sich zeigen wird, als jeweiliger, privater Mini-Harem je einem bestimmten Gönner zugehörig, die wiederum allesamt einer obskuren Erlösungssekte angehören.
Eine Menge von (zumindest auf den ersten Blick) nicht zwingend kausalitätsbezogen schlüssigem Stoff also, den Mitchell da in einer zugegebenermaßen exquitisten Inszenierung zusammenpfercht und der in jedem Falle die Beschäftigung mit ihm lohnt. Wirklich richtig mögen, zumindest so, wie ich’s vielleicht gern würde, kann ich „Under The Silver Lake“ allerdings zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht. Mag sein, dass sich das irgendwann ändert.

8/10

AQUAMAN

„Trust me, I am no king.“

Aquaman ~ USA/AU 2018
Directed By: James Wan

Ein Jahr nachdem „Aquaman“ Arthur Curry (Jason Momoa) als Teil des von Batman gegründeten Superheldenteams „Justice League“ den dunklen Gott Steppenwolf besiegen konnte, muss er sich der eigenen Vergangenheit als atlantischer Thronfolger stellen: Die standesgemäß mit Arthurs intrigantem Halbbruder Orm (Patrick Wilson), dem „Ocean Master“, verlobte Mera (Amber Heard) bittet Arthur, den Magischen Dreizack von Atlan ausfindig zu machen, die wesentliche Insignie, um die Königswürde als Herr von Atlantis zu garantieren. Jener befindet sich im schützenden Besitz der unterseeischen Entität Karathen. Aquaman und der ihm behilflichen Mera gegenüber steht in erster Instanz Orm, der plant, einen Krieg gegen das Oberflächenvolk zu führen, unerstützt von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias „Black Manta“, der Arthur für den Tod seines Vaters (Michael Beach) verantwortlich macht und einer Schar amphibischer Monsterwesen, den Trench.

Ein farbenfrohes, bisweilen in halluzinogene Sphären abdriftendes DCEU-Superheldenspektakel tischt James Wan dem geneigten Freund entsprechender Zerstreuung mit diesem ersten Post-„Justice League“-Werk auf. Wie schon ansätzlich jenes Teamwerk und auch Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“ folgt der nächste Soloauftritt eines DC-Helden einem bunteren, atmosphärisch aufgelockerten Kurs, der der existenzialistisch-dramatischen Schwermut der ersten beiden Zack-Snyder-Epen weitgehend einen Riegel vorschiebt und zu den Golden-, Silver- und Bronze-Age- Wurzeln der Gattung zurückgreift: Mit einem Hochmaß an Fabulierfreude, lustvoll-campigen Ausfällen, leuchtender Neongrelle und guter Laune kredenzt „Aquaman“ ein zumindest in Bezug auf seine Narration sehr traditionelles Fantasy-Abenteuer, das mit Bruderzwist, Romantik, Rache und güldenem MacGuffin die so ziemlich obilgatorischsten Elemente klassischer Genreunterhaltung beinhaltet. Jason Momoa als moderne „King Arthur“-Variante ist dabei trotz seiner phantastischen Herkunft und Fähigkeiten ein so kerniger, bodenständiger Superheld, wie es schon lange keinen mehr gab; ein erfrischend menschlicher, beinahe proletarischer Hauch umweht ihn, die (verbotene) Liebesfrucht eines Leuchtturmwärters (Temuera Morrison) und einer atlantischen Adelsdame (Nicole Kidman). Arthur Curry säuft gern mal einen in verlotterten Hafenkneipen, liebt seine fischigen Kumpels und kommt, anders als ein gesellschaftsentfremdetes Individuum wie Bruce Wayne, auch bei lautstarken Rockergangs gut an. Es gibt tolle Monster in Legionenquantität und ein spaciges Untersee-Orakel, eine Herausforderung zum Duell, zerstörungsintensive Unter- und Oberwasserfights und, zu guter Letzt, die Wiedervereinigung eines ganz süßen Liebespaars, dargeboten von einer Spitzenbesetzung. Gewiss, „Aquaman“ darf auf keinen Originalitätspreis hoffen und er ist so ziemlich das filmgewordene Gegenteil von allem, was man landläufig als sophisticated bezeichnen möchte, aber er hat mir an Ort und Stelle ein verdammt großes Kontingent an realem, infantilen Spaß eingebracht. Mehr verlange ich nicht von ihm.

8/10