THE NEW MUTANTS

„All of you are dangerous. That’s why you’re here.“

The New Mutants ~ USA 2020
Directed By: Josh Boone

Nachdem das Reservatsdorf der jungen native Danielle Moonstar (Blu Hunt) von einer unerklärlichen, monströsen Katastrophe heimgesucht und alle Einwohner außer ihr selbst getötet werden, erwacht Dani in einer von der Außenwelt abgeschirmten Anstalt mitten im Nirgendwo. Ihre für eine mysteriöse Organisation tätige Therapeutin Dr. Reyes (Alice Braga) eröffnet Dani, dass sie eine Mutantin ist. Mit ihren vier MitinsassInnen Rahne Sinclair (Maisie Williams), Illyana Rasputin (Anna Taylor-Joy), Charlie Heaton (Sam Guthrie) und Roberto da Costa (Henry Zaga) ebenfalls MutantInnen in ihrem Alter, knüpft Dani nur zögerlichen Kontakt. Auch um deren Fähigkeiten und persönliche Traumata erfährt sie erst nach und nach. Die Jugendlichen raufen sich aber dennoch zusammen, um jener gewaltigen Bedrohung, die von niemand Geringerem ausgeht als Dani Moonstar selbst, gemeinsam entgenzutreten.

Mit der originalen 1982er Graphic Novel „The New Mutants“ von Chris Claremont, die die NachwuchsmutantInnen Psyche, Wolfsbane, Cannonball und Sunspot als X-Men-Youngsters als Nachfolger der mittlerweile selbst erwachsen gewordenen Originale einführte, sowie deren nachfolgender Serie, hat Josh Boones produktionsgebeutelte Adaption nicht mehr allzu viel zu tun. Die Anbindung an den X-Men-Kosmos ermangelt etwa den obligatorischen Mentor Charles Xavier und noch weitere handlungstragende Details, ebenso wie sie aus mir etwas unerfindlichen Gründen die eigentlich erst später hinzustoßende Colossus-Schwester Magik hinzusetzt, die in den Comics eigentlich etwas anders verangelt ist. Dennoch werden Geist und Atmosphäre der frühen „New Mutants“-Ausgaben recht adäquat eingefangen und wiedergegeben. Die zeitweilig von dem avantgardistischen Genie Bill Sinkiewicz gezeichnete Reihe verstand sich rasch als noir-affine teenage-angst-variation der klassischen Superheldentypologien wesentlich zugetaneren X-Men mit modernen Coming-of-Age- und Horror-Elementen sowie deutlich intimeren storylines. Auch der Film grenzt sich insoweit stark von den bisherigen „X-Men“-Kinoabenteuern ab, indem er sich auf ein überschaubares Figurenensemble von sechs annähernd gleichrangigen ProtagonistInnen stützt, entwicklungspsychologische Ansätze in den Vordergrund rückt und einen hermetisch begrenzten Schauplatz an die Stelle von gewaltigen Schlachten gegen Superschurkenarmeen setzt. Davon fühlte sich das von rauschenden CGI-Orgien verwöhnte, ordinäre Superheldenfilm-Krawall-Publikum erwartungsgemäß vergrätzt. „The New Mutants“ bietet dann auch tatsächlich recht verschrobenen, eigenwilligen Fantasy-Horror fürs Pubertier, mit einem aufgrund des limitierten Budgets in punkto Effektarbeit eher mäßig bebilderten Showdown und firmiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nach zigmal verschobenen Starts, wohl als das, was man gemeinhin als „Flop“ bezeichnet. Dass er nichtsdestotrotz um einiges beseelter, schöner und interesanter ausfällt als der zwar deutlich teurere, zugleich aber wesentlich flachere „Dark Phoenix“ spricht wiederum für ihn. Ob aus diesem stiefmütterlich behandelten „Corona-Opfer“ noch die ursprünglich geplante Trilogie wird, darf bezweifelt werden. Ich wäre jedoch an Bord.

7/10

WONDER WOMAN 1984

„It’s all art.“

Wonder Woman 1984 ~ USA/UK/CA/MEX/E 2020
Directed By: Patty Jenkins

Die von der göttlichen Pardiesinsel Themyscira stammende Amazone Diana (Gal Gadot) lebt und arbeitet im Jahre 1984 unter dem „irdischen“ Namen Diana Prince in Washington D.C.. Wenn nötig, schmeißt sie sich auch kurzerhand in ihre Rüstung und wird als „Wonder Woman“ aktiv; ihre Rettungsaktionen bleiben jedoch stets inoffiziell und werden nie wirklich publik. In dem unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Aus stehenden Borrkonzessions-Makler Maxwell Lord (Pedro Pascal) und der sympathischen, aber schüchternen Barbara Minerva (Kristen Wiig) erwachsen ihr jedoch bald zwei ernstzunehmende Gegner: Über Umwege bringt sich Lord in den Besitz eines uralten, mystischen Artefakts, den einst der böse Gott Dolos erschuf. Dabei handelt es sich um einen Stein der jedem seiner wechselnden Besitzer einen innigen Wunsch erfüllt, jedoch stets um einen unwägbaren persönlichen Preis. Als Lord sich wünscht, mit dem Stein eins zu werden, setzt er eine Ereigniskette in Gang, die die im Kalten Krieg befindliche Welt endgültig an den Abgrund führt. Nur Diana und der durch ihren persönlichen Wunsch wieder ins Leben zurückgefundene Pilot Steve Trevor (Chris Pine) können Lord und die sich langsam in ein Monster verwandelende Barbara Minerva aufgehalten und der Dritte Weltkrieg abgewendet werden.

Groß angekündigt und dann irgendwie doch relativ sang- und klanglos in den Streaming-Weiten von HBOMAX verkluckt, muss „Wonder Woman 1984“ derzeit recht viel Schelte einkassieren. Zugegeben – das wiederum von Patty Jenkins inszenierte Sequel zum deutlich positiver aufgenommenen Original von vor drei Jahren macht es potenziellen Kritikern recht leicht, es zu zerrupfen. Der Film ist, ausgehend von einer halbwegs kommerziell tragfähigen Gestaltung eines potenziellen „Blockbusters“, für das, was er zu erzählen und zu bieten hat, vermutlich deutlich zu lang geraten, leistet sich allerlei kleine bis mittelschwer wiegende Unebenheiten [katastrophal schiefliegend und fremdschamgesäumt z.B. die Szenen mit Lords Sohn Alistair (Lucian Perez)] und pfeift das von Gald Gadot bis dato kultivierte Imaginat einer feministisch tragfähigen Vorzeigeprotagonistin im genderbezogen nach wie vor höchst ungleich gewichteten Superhelden-Makrokosmos zugunsten konservativer Geschlechterbilder zurück. Irgendwo habe ich etwa neulich gelesen, dass Dianas Wunsch, ihre große Lebensliebe Steve Trevor im Angesicht der angespannten globalen Lage anno 84 doch wohl ein völliger Schuss in den ideologischen Ofen sei und dass ihre Antagonistin Barbara Minerva alias „Cheetah“ sich insgeheim mittels hoffnungslos überkommener Geschlechterbilder definiere. Nun; das kann man dem von Jenkins und DC-Mastermind Geoff Johns ersonnenen Script gewiss zum Vorwurf machen – muss man aber nicht. Gald Gadots WW-Nimbus wird nach meinem Dafürhalten hier keinesfalls geschmälert, sondern vielmehr auf eine wohltuend romantische Weise durchaus humanisiert. Auch stahlharte Amazonen haben ein Recht auf Liebe, Privatheit und Träume, selbst, wenn Pentagon und Kreml der nukleare Finger bereits beträchtlich zuckt. So betrachtet es zumindest meine möglicherweise etwas tradierte Comicfantasie. Und dass die gute Barbara Minerva vor und nach ihrer Metamorphose von mancherlei Neurosen gepiesackt wird, ist nicht minder literary fact. Gal Gadot jedenfalls ist abermals über jeden Zweifel erhaben und erweist sich abermals als die wahrscheinlich bestmögliche Wonder Woman zu Zeit. Durch Johns‘ Scriptbeteiligung erwachen zudem einige Persönlichkeiten und kleine Facetten der 80er-Jahre-DC-Publikationen zum Leben – so der von seinem Erfinder Keith Giffen ursprünglich durchaus komisch angelegte Maxwell Lord, der übereifrige Magnat Simon Stagg, der fiktive Nahost-Terrorstaat Bialya oder WWs unsichtbarer Jet. Viel spaßiges Geek- und Fanfutter also, das mit dem Post-Credit-Gastauftritt der sich als Amazonenkriegerin offenbarenden TV-Original-Wonder-Woman die Ehre gebenden Lynda Carter. Alles soweit prima. Nun lehnt sich der reichlich comiceske Hauptplot um die große, alte Weise „be careful what you wish for“ natürlich auch recht deutlich an den kleine, aber feine Horrorsause „Wishmaster“ von 1997 an und zumindest meiner Wenigkeit rückte in Anbetracht des von seiner Macht zunehmend korrumpierten Max Lord respektive seinem Interpreten Pedro Pascal allenthalben Andrew Divoffs Djinn ins Gedächtnis. Eine recht trivialaffine Story ergo mit all ihren kleinen Fallschlingen. Dennoch hat mir „Wonder Woman 1984“ recht gut gemundet und ich fand ihn nur unwesentlich schwächer als den Erstling. Andersgläubige mögen mir das nachsehen oder auch nicht.

7/10

HUBIE HALLOWEEN

„Psycho on the loose!“

Hubie Halloween ~ USA 2020
Directed By: Steven Brill

Salem, Massachusetts. Für den etwas einfältigen und überaus ängstlichen Wurstfachverkäufer Hubie Dubois (Adam Sandler) bildet das Halloween-Fest den alljährlichen Höhepunkt. Hubie, der noch bei seiner Mom (June Squibb) lebt, hat es sich nämlich zum Ziel gesetzt, die Einwohner Salems vor den möglichen Auswirkungen allzu weit gehender Streiche zu schützen. Dabei machen diese sich ebenso traditionsbewusst über Hubie und dessen Bemühungen lustig; selbst die Primaner bewerfen ihn während seiner Fahrradfahrten mit allem, was irgendwo greifbar herumliegt. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Ein Psychopath namens Richie Hartman (Rob Schneider) ist aus der nahegelegenen Irrenanstalt ausgebrochen; mit Hubies neuem Nachbarn Walter Lambert (Steve Buscemi) scheint einiges nicht zu stimmen und irgendeine geheimnisvolle Kreatur treibt ihr Unwesen und lässt alle verschwinden, die Hubie besonders fioes ärgern. Und dann ist da noch Hubies unerfüllte Liebe zu seinem Grundschulschwarm Violet Valentine (Julie Bowen)…

Mit „Hubie Halloween“ kehrt Sandler zu dem märchenhaften Scheininfantilismus zurück, der besonders seine frühen Filme wie „Waterboy“ oder „Little Nicky“ (ebenfalls von Steven Brill inszeniert) geleitete: Als ebenso liebenswertes wie vertrotteltes Muttersöhnchen nebst prekärem Sprachfehler muss der Sandman es erst seinem ihn nur allzu hämisch verächtlich machenden Sozialumfeld zeigen, bevor dieses ihn nicht nur akzeptiert, sondern ihm gleich auch noch die Königswürde ehrenhalber angedeihen lässt. Dass Sandler noch immer nicht zu alt ist, um den emotional unbehauenen Simplicissimus zu geben, stellt sein jüngster Netflix-Streich nun abermals unter Beweis. Man sollte und muss allerdings immer wieder gesondert erwähnen, dass auch „Hubie Halloween“ wieder nur von Zuschauern goutiert werden dürfte, die sich fortgeschritternermaßen in Sandlers höchsteigenem Filmkosmos auskennen und zurechtfinden, womit er ein durchaus elitäres Programm darstellt. Selbst- und Querverweise gibt es in legionärer Zahl und im Schweinsgalopp. Das in irgendeiner verrückten Paralleldimension zwischen irdischer und Halloween-Realität angesiedelte Szenario regt zunächst möglicherweise zum Stirnrunzeln an, dann jedoch breitet sich relativ zügig jener wunderbare, freidrehende Ideen-Flickenteppich aus, den Sandler und sein langjähriger, kongenialer Scriptpartner Tim Herlihy zuvor sorgsam geknüpft haben und der sich dann wiederum mit einem Affentempo in die Lüfte erhebt. Ein irrwitziges Konglomerat an diversen running hält der Film bereit, allerlei kleine, vulgärmagische Kunststückchen wie sie den uramerikanischen Mythos Halloween wohl erst zu dem machen, was er heuer ist, ein furztönendes Pfeifen auf diverse logische und physikalische Konventionen. Überhaupt berichtet „Hubie Halloween“, erwartungsgemäß bloß ganz tangenziell, abermals besonders von einem: dem bis zur Geschmacksentbehrung überzuckerten, postpopkulturell überdehnten Wahnwitz, den es heutzutage bedeutet, US-Amerikaner zu sein. Dass Sandler genau diesen von ihm immer wieder so brillant sezierten Zinnober gerade besonders zu lieben scheint, legitimiert abermals sein gesamtes Œuvre.

8/10

THE LOBSTER

„It’s no coincidence that the targets are shaped like single people and not couples.“

The Lobster ~ IE/UK/GR/F/NL/USA 2015
Directed By: Yorgos Lanthimos

Der etwas bieder anmutende, kurzsichtige David (Colin Farrell) wird von seiner Frau (Rosanna Hoult) wegen eines anderen verlassen. Das bedeutet, er muss unverzüglich in ein am Meer befindliches Hotel voller SchicksalgenossInnen ziehen, wo ihm wie den übrigen Gästen 45 Tage Zeit bleiben, eine neue Partnerin zu finden, die ein wesentliches Persönlichkeitsmerkmal mit ihm teilt. Gelingt dies nicht, wird David in ein Tier seiner Wahl verwandelt, einen Hummer, und nur in dieser Form der Freiheit zurücküberantwortet. Die Gäste können sich allerdings zusätzliche Aufenthaltstage erkaufen, indem sie bei unregelmäßig stattfindenden Jagden rund um das Hotel Einzelgänger fangen, die dort leben. Dafür erhält jeder Gast ein Betäubungsgewehr mit Pfeilen. Eine verbitterte, als „herzlos“ geltende Frau (Angeliki Papoulia) etwa verzichtet bereitwillig auf optionale Liebeleien und hält stattdessen den Rekord im Singlejagen. So verlängert sich ihr Aufenthalt Tag um Tag. Ausgerechnet sie kürt David zur vermeintlichen Herzdame, indem er sich ebenso gefühlsbar gibt wie sie. Doch sein Plan misslingt und David ist gezwungen, sich als Outlaw im Wald zu den Einzelgängern unter der Führung einer gehässigen Dame (Léa Seydoux) zu gesellen. Unter den Singles, die als gesellschaftliche Outlaws leben, gelten ähnlich strenge Regeln wie im Hotel: wer flirtet oder Zärtlichkeiten austauscht, wird drakonisch bestraft. Als David sich in eine ebenfalls kurzsichtige Einzelgängerin (Rachel Weisz) verliebt, steht er somit vor dem nächsten Problem…

Und weiter im Kosmos des mir immer wundersamer anmutenden Yorgos Lanthimos, nach dem herrlichen „Kynodontas“ und in (sich demnächst aufhebender) Ermangelung des zwischenzeitlich entstandenen „Alps“.
„The Lobster“ ist Lanthimos erster von bis dato drei anglophonen Filmen, für den ihm sogleich eine mehr denn ansehnliche, internationale Besetzung zur Seite eilte. An der irischen Ostküste gefilmt, entwirft „The Lobster“ das wiederum dystopische Bild einer unsrigen sehr stark ähnelnden Parallelwelt, die sich jedoch durch ein wesentliches Merkmal unterscheidet: Wer hier keine/n LebenspartnerIn vorweisen kann, wird auf produktive Weise entsorgt. Anders als in klassischen, zumeist ernster konnotierten SciFi-Szenarien, in denen Überalterung, Übervölkerung, emotionale Freigiebigkeit oder sonstige systemische Insubordination zumeist ohne Federlesens mit dem Tode bestraft werden, darf die oder der Unangepasste hier weiterleben, indem er künftig in freigewählter Form die Wildfauna des Planeten bereichert.
Dass sich David für den Hummer entscheidet, hat zuvorderst praktische Gründe: Hummer leben im Meer, sie besitzen blaues Blut wie Aristokraten und – überaus praktisch – eine harte Schale. Innerhalb des recht eng befristeten Zeitrahmens wen Neues zu finden, ist nicht einfach, zumal als Grundbedingung nicht nur eine besondere Gemeinsamkeit herhalten muss, sondern die neu sprießende Liebe zudem am Anfang penibel überwacht wird. So schummelt sich manche/r durch die Regularien, verharrt in determinierter Resignation oder wählt gleich den Sprung aus dem dritten Stock. Was David anbelangt, so verläuft sein weiteres Schicksal in umgekehrter Relation zu seinem gleichmütigen Charakter. Als dann nämlich doch noch die wahre Liebe zuschlägt, erweist sich auch das als Widernis gegen die mittlerweile veränderten Umstände – in der Welt von „The Lobster“ sind Aufrichtigkeit und Erwartungshaltung nur sehr selten passgenau.
Trotz seines bleiernen Dystopismus‘ und der stillen Gräulichkeit der äußeren Bedingungen transportiert Lanthimos einen bezaubernd verqueren, manchmal gar aufreizend albernen Humor, der ihn in die unmittelbare Genealogie der großen imelancholischen Komödienfilmer mit Hang zu erwachsenmärchenhaften Bizzarerien von Woody Allen über Wes Anderson, Spike Jonze, Michel Gondry und Charlie Kaufman setzt.
Formidabel, more to follow.

9/10

THE GIFT

„You just need to keep doing what you are doing.“

The Gift ~ USA 2000
Directed By: Sam Raimi

Die seit einem Jahr verwitwete, dreifache Mutter und Hellseherin Annie Wilson (Cate Blanchett) bildet für einige der einfacher gestrickten Menschen ihres Heimatnests Brixton, Georgia eine stille Institution. Viele vertrauen auf Annies kartenbasierte Weissagungen und Eingebungen, die sich in der Regel als zutreffend erweisen. Anders steht es da mit dem üblen Proleten Donnie Barksdale (Keanu Reeves), dessen ihm hörige Gattin Valerie (Hilary Swank) Annie allenthalben aufsucht, um sich von ihr wohlgemeinte Trennungsratschläge einzuholen, die sie dann am Ende doch nicht befolgt. Als Donnie davon Wind bekommt, bedroht er Annie und ihre Söhne (Lynnsee Provence, Hunter McGilvray, David Brannen) und bezichtigt sie der Hexerei. Dann verschwindet die stadtbekannte Pomeranze Jessica King (Katie Holmes), deren Leiche mit Annies Hilfe in einem Bayou hinter dem Haus der Barksdales gefunden wird. Gegen Donnie wird Mordanklage erhoben. Obgleich er seine Unschuld beteuert, sprechen alle Indizien gegen ihn und er wird verurteilt. Doch Jessicas Geist ruht noch immer nicht in Frieden…

Mit seinem 98er-Neo-Noir „A Simple Plan“ hatte sich der vormals als einschlägiger Genreauteur zu Ruhm gekommene Sam Raimi als differenzierter denn gewohnt zu Werke gehender Filmemacher empfohlen, der seine Fühler auch in andere Regionen auszustrecken vermochte. Der verschneite, kleine Thriller weckte eher Assoziationen an die Arbeiten der Coens, bekanntermaßen ja lange Karriereweggefährten Raimis. In „A Simple Plan“ spielte der gebürtig aus Arkansas stammende Billy Bob Thornton einen etwas minderbegabt wirkenden Hillbilly-Typen; eine Rolle, die gewissermaßen bereits klare Avancen an „The Gift“ vorformuliert. Dessen Scriptidee stammt wiederum von Thornton, der darin Erfahrungen um und mit seine/r Mutter verarbeitet, angeblich selbst eine Wahrsagerin. „The Gift“ taucht tief in das Südstaatenmilieu von Georgia ab, in dessen sumpfnahen Kleinstädten noch stillschweigend die alte Antebellum-Glorie geatmet und gelebt wird. Die Leute haben die jahrhundertealten Feudalstrukturen nie ganz vergessen, kennen ihren ständischen Platz, sind zumeist gottesfürchtige Kirchgänger. Die reichlich vorhandenen, familiären Missstände werden im gutnachbarschaftlichen Sinne totgeschwiegen. Gewiss wäre auch der nicht totzukriegende Rassismus ein sich dringend anbietender Topos, doch den spart „The Gift“ wohlweislich aus – tatsächlich hätten diesbezügliche Diskurse den ohnehin schon gespannten Rahmen gewiss gesprengt. Ohnedies werden bereits mehrere kleine Plotepisoden miteinander verflochten – da wären der traumatisierte Autoschrauber Buddy Cole (Giovanni Ribisi), der den sexuellen Missbrauch durch den eigenen Vater (Erik Cord) nicht verarbeiten kann; der sympathische Vertrauenslehrer Wayne Collins (Greg Kinnear), der sich um Annies verhaltensauffälligen Ältesten bemüht, den der Verlust des Vaters besonders hart trifft und der wiederum mit dem späteren Mordopfer Jessica King verlobt ist. Die sich libertin wähnende Jessica wiederum, deren Verhältnis zu ihrem Vater, dem Stadtreichen und Salonlöwen Kenneth King (Chelcie Ross), ebenfalls nicht ganz koscher erscheint, vögelt alles, was ihr vor die Plinte kommt, darunter den Staatsanwalt David Duncan (Gary Cole) und – Donnie Barksdale. Ein gerütteltes Panoptikum unseligen, mikrokosmischen Filz‘ bietet dieses Brixton somit, für die zarte, unfreiwillig im Zentrum all dessen stehende Annie und auch für den Film vielleicht ein etwas zu umfassend. So scheint die Lösung der meisten Konflikte doch immer nur angedeutet und nie wirklich befriedigend psychologisch ausgearbeitet. „The Gift“ hätte, um sich selbst ordentlich auserzählen zu können, noch eie gute Stunde länger sein mögen – so bleibt allzu viel in unbefriedigend akzentuierten Ansätzen stecken. Ob Raimi seinen Selbstansprüchen damit gerecht werden konnte, bleibt fraglich.
Als kleines Stück southern gothic nebst einer Wagenladung wohlabgehangener Klischees und einigen erstklassigen Darstellerleistungen (Ribisi und Holmes haben mir am besten gefallen) ist „The Gift“ okay, nicht wesentlich mehr. Innerhalb Raimis Gesamtœuvre wäre er qualitativ wohl im unteren Drittel anzusiedeln.
Welches Potenzial wirklich in der Paarung Blanchett/Ribisi steckt, hat uns Tom Tykwer mit „Heaven“ dann zwei Jahre später nochmal treffsicher aufzeigen können.

6/10

HE NEVER DIED

„How old are you?“ – „I have no idea. But I’m in the Bible if that means anything.“

He Never Died ~ CAN 2015
Directed By: Jason Krawczyk

Jack (Henry Rollins) ist auf den ersten Blick ein komischer Vogel. Er schläft die meiste Zeit einsam in seinem kargen Appartement, geht jedoch regelmäßig zum Bingo, in die Kirche und in ein Schnellrestaurant. Als seine jungerwachsene Tochter (Jordan Todosey) auftritt, gerät Jacks alltägliche Routine in Unordnung. Zwei für den Nachtclubbesitzer Alex (Steven Ogg) arbeitende Ganoven (David Richmond-Peck, James Cade) machen ihm das Leben schwer, schließlich wird Andrea entführt. Jack gibt seinem lange verdrängten Appetit auf menschliches Blut und Fleisch nach und macht sich daran, seine Tochter zu befreien. Die in Jack verliebte Kellnerin Cara (Kate Greenhouse) erfährt schließlich die Wahrheit über den mysteriösen Mann…

Ein in kleinem Maßstab produzierter Fantasy-/Horror-Film, der meine ursprüngliche Aufmerksamkeit eigentlich bloß wegen der Beteiligung Henry Rollins‘ auf sich gezogen hat. Seine popkulturellen Einflüsse bezieht er aus Geschichten der Comicautoren Neil Gaiman oder Garth Ennis, dessen „Constantine“-Strecke oder „Preacher“-Reihe unverkennbar eminente Teile der kreativen Schirmherrschaft stellten.
„He Never Died“ ist summa summarum bestimmt nicht gänzlich misslungen, verschenkt aber nach meinem Dafürhalten auch Manches seines basalen Potenzials, indem er beispielsweise häufig einer recht unzweideutig erkennbaren Lynchophilie stattgibt und folglich grundsätzlich interessante und/oder spannende Erklärungsansätze verschwommen lässt, respektive in seiner Mystery-Soße ertränkt.
Ich hätte ja gern mehr erfahren über die Figur des Jack, also jenseits der relativ spärlich dargelegten Anhaltspunkte. Die gelieferten Information zu ihm und über ihn nehmen sich nämlich etwas ungleichmäßig verquirlt bis diffus aus; offenbar ist Jack ein (gefallener?) Engel (dafür sprechen die beiden fraglos von Flügeln stammenden Narben auf seinem Rücken) jedoch nicht der erste Gefallene, also Luzifer Morgenstern selbst – für diesen scheint eher der Jack Angst einflößende, spitzbärtige Mann (Don Francks) aus seinen Visionen zu stehen. Jack ist zudem offenbar uralt, im wahrsten Wortsinne alttestamentarisch alt, denn er eröffnet der verdutzten Cara, dass er als „Kain“ (bzw „Cain“) in der Bibel auftauche. Vielleicht ist er somit der allererste Mordsünder. Zudem verspeist er mit Vorliebe Menschenfleisch und ist auf menschliches Blut angewiesen – zwei rauschhafte Gelüste, die er im Laufe der Äonen zu domestizieren gelernt hat und nur zu „speziellen“ Zwecken wieder entfesselt. Jack ist also auch ein Vampir – möglicherweise der Urvater aller Vampire gar, gestraft wegen seiner Ursünde? Nun findet sich dieser grundsätzlich gewiss hübsche, mythologische Ansatz auf oberflächliche Weise mit einer ziemlich ordinären Gangster- und Kidnapping-Geschichte vermengt, die ein paar zurückhaltende Splatter-Sequenzen vorschützt, sich ansonsten aber überschaubar gestaltet. Am Ende hatte ich das Gefühl, einem seltsam unfertigen Rohgerüst von Film beigewohnt zu haben, dem es eigentlich noch an der einen oder anderen entscheidenden Ingredienz mangelt. Ob sich jener Eindruck auf die preisgünstige Budgetierung oder das nachlässig ausgearbeitete Script zurückführen lässt, weiß ich allerdings nicht recht zu sagen.

5/10

DISCIPLE OF DEATH

„Whatever you do – don’t go near the old hall!“

Disciple Of Death (Das Monster mit der Teufelsklaue) ~ UK 1972
Directed By: Tom Parkinson

Cornwall, im 18. Jahrhundert: Ausgerechnet die mit einem Blutstropfen besiegelte, heimliche Verlobung des Bauern Ralph (Stephen Bradley) mit der Junkerstochter Julia (Marguerite Hardiman) sorgt dafür, dass der satanistische Selbstmörder Asher (Mike Raven) zu untotem neuen Leben erwacht. Sein diabolisches Ziel: sieben jungfräuliche Herzen zu extrahieren, um dann in die Ewigkeit eingehen zu können. Die bereits von ihm behexte Julia soll sein letztes Opfer sein. Gemeinsam mit dem Geistlichen Parson (Ronald Lacey) und mit der Hilfe eines mysteriösen Kabbalisten (Nicholas Amer) gelingt es Ralph, der bereits seine Schwester (Virginia Wetherell) an Asher verloren hat, dem Unhold und seinem aus der Hölle herbeigerufenen Zwergenadlatus (Rusty Goffe) den Garaus zu machen.

Nicht alles im britischen Horrorfach der Frühsiebziger stammte automatisch aus den qualitätsstandardisierten Produktionsschmieden der diesbezüglich spezialisierten Studios wie Hammer, Amicus oder Tigon. Es gab da auch die eine oder andere räudige Kleinstschindel, so etwa den vorliegenden „The Disciple Of Death“, der sich an die kurze Welle aus vornehmlich historisch gewandeten Folk- und Okkulthorrorfilmen hängte. Im Zentrum dieser einzigen Regiearbeit Tom Parkinsons, die als einzig vorhandene Musik Bachs „Toccata und Fuge“ in Dauerschleife verwendet, steht der schillernde Mike Raven alias Austin Churton Fairman, der in seinen knapp 73 Lebensjahren allerlei versuchte – und nur das Wenigste davon wirklich konstant oder gar längerfristig erfolgreich. Zu seinen selbsterkorenen Berufungen zählten neben der Filmerei, die ihn in eine Kurzkarriere von ganzen vier Projekten binnen zwei Jahren (die zwei davon, die ich noch nicht kenne, werde und muss ich – Erinnerungsnotiz – umgehend nachholen) führte, auch das Theaterspiel, der Ballettanz, ein paar Engagements als Flamenco-Gitarrist, die Radiomoderation, einige Jahre als Blues-DJ, die Arbeit als Autor und Skulpteur sowie die Schafzüchterei in Cornwall, im Zuge derer er auch als Co-Produzent für „The Disciple Of Death“ auftrat.
Jener hübsch einfältige, möglicherweise unter dem Einfluss des einen oder anderen bewusstseinserweiternden Derivats entstandene Leinwand-Plumpudding kombiniert seinen geradezu märchenhaften, infantil-naiven Plot mit einigen deftigen Make-up-Effekten, die die Zensoren trotz ihrer Durchschaubarkeit erwartungsgemäß auch hierzulande erzürnten. Mike Raven himself sorgte dafür, dass er besonders „effektvoll“ in Szene gesetzt wurde, was vor allem seine augenrollenden Beschwörungs- und Opferriten zu einer jeweils unnnachahmlichen Schau macht. Speziell die zweite Filmhäfte, beginnend mit dem Besuch in der Alchemistenstube des lustigen Kabbalisten (in der deutschen Synchronfassung freilich bloß ein weniger verfänglicher „Okkultist“), gerät zu einer delirierenden Karussellfahrt. Meine Lieblingsszene und überhaupt eine für die Ewigkeit ist die, in der Ronald Lacey mitsamt seiner unmöglichen Perücke von dem Zwerg praktisch widerstandsfrei zu Boden gerungen und ihm dann von selbigem die Kehle zernagt wird. Das sollte, dass muss man gesehen haben!
Die deutsche Synchronfassung mit einem zur Höchstform auflaufenden Christian Marschall sollte nicht unerwähnt bleiben – erweist sie doch dem freidrehenden, sich dabei völlig Ernst nehmenden Überschwall des Films nochmals ihre zusätzliche Ehre.
Un-ge-laublich.

5/10

THE NECROMANCER

„You’re not welcome here.“

The Necromancer ~ UK 2018
Directed By: Stuart Brennan

Belgien im Juni 1815, unmittelbar nach der Schlacht von Quatre Bras. Ein Quintett britischer Soldaten unter dem Rädelsführer Bernard (Marcus Macleod) desertiert nach dem blutig verlaufenem Scharmützel gegen Napoleons Armée du Nord und macht sich auf den Weg zur Küste. Dieser führt sie unter anderem durch einen finsteren Forst, an dessen Rand sie einen weiteren, verletzten und verwirrt scheinenden Uniformträger (Mark Paul Wake) auflesen. Im zunehmend labyrinthisch erscheinenden Wald wird einer nach dem anderen von ihnen von weiblichen Elfenwesen heimgesucht und mit seiner jeweiligen, sündhaften Vergangenheit konfrontiert.

Horrorstücke vor historischen Sujets finde ich grundsätzlich spannend und interessant – entsprechend vielversprechend erschien mir die Prämisse dieses zufällig auf meinen Weg gespülten englischen Titels. Dessen Ersinner Stuart Brennan, der in Personalunion mit „The Necromancer“ bereits seinen zweiten abendfüllenden Film schrieb, produzierte, inszenierte und mit sich selbst in einer der Hauptrollen bespielte, lässt sich die Ambitioniertheit und den Enthusiasmus, der bei der Herstellung seiner Arbeit walteten, zudem auch mit deutlicher Gewissheit anmerken. Zudem erachte ich die zugrunde liegende Idee, eine Handvoll Wellington-Soldaten mit Flammenbergs (bzw. Kahlerts) klassischer Schwarzwald-Mär um den Nekromanten Volkert zu konfrontieren, für nach wie vor blendend und ansatzsweise auch mit schönen Scripteinfällen garniert. Dennoch empfand ich den Film in seiner Gesamtheit als unrund und unbefriedigend. Mit seinen leider spürbar bescheidenen Mitteln, die insbesondere aus einer dem Zeitkolorit extrem zuwiderlaufenden, nicht selten an Amateurfilme erinnernden, supercrispen Digitalfotografie bestehen, verwehrt sich Brennan der episch-gotische Geschichtshauch, den er offenbar nur zu gern transportiert hätte. Das vorliegende Resultat erweist sich als im negativen Sinne akademisch; zu keiner Sekunde gelang es mir, die analytische Ebene hinter mir zu lassen und in die Immanenz der dargestellten Geschehnisse einzutauchen. Man sieht (und spürt) nie wirklich mehr als eine Gruppe kostümierter bzw. maskierter SchauspielerInnen, die sich vor relativ beliebiger Naturkulisse durchs Gehölz bewegen und e mit inneren wie äußeren Dämonen zu tun bekommen. Was für ein Werk mit höherem Budget, angemessener Technik – und möglicherweise fähigerer Hand – aus „The Necromancer“ hätte werden mögen, wage ich mir insofern kaum auszumalen. Ob ich infolge dieser doch recht ernüchternden Erfahrung Brennans jüngst erschienem Film „Wolf“, der eine Kohorte römischer Legionäre gegen einen unbekannten Gegner jenseits des Hadrianswalls führt, noch eine Chance geben soll und/oder werde, weiß ich derzeit noch nicht so recht.

4/10

DOCTOR SLEEP

„We’re all dying. The world’s just one big hospice with fresh air.“

Doctor Sleep (Doctor Sleeps Erwachen) ~ USA 2019
Directed By: Mike Flanagan

Rund 30 Jahre nach den schrecklichen Erlebnissen im Overlook-Hotel ist aus dem damals noch kleinen Danny Torrance (Roger Dale Floyd) ein Erwachsener (Ewan McGregor) mit diversen Problemen geworden. Die einstigen Ereignisse hat Danny nie ganz überwinden können und ist zum Alkoholiker geworden wie einst sein Vater Jack (Henry Thomas). Noch immer erscheint Danny an kritischen Wendepunkten seines Lebens der seinerzeit ermordete Hausmeister Hallorann (Carl Lumbly) und erteilt ihm weise Ratschläge. Aus zunächst unerfindlichen Gründen zieht es Danny nach New Hampshire, wo er Freundschaft mit Billy Freeman (Cliff Curtis) schließt. Weitere acht Jahre vergehen, in denen Danny mit Billys Hilfe seine Sucht erfolgreich überwinden kann und dabei immer wieder mentalen Kontakt mit einem einige Meilen entfernt lebenden Mädchen namens Abra Stone (Kyliegh Curran) pflegt, das wie er über das Shining verfügt. Eines Tages besucht Abra Danny persönlich, um ihn über einen kleinen Geheimzirkel, den „True Knot“ zu informieren. Bei diesem handelt es sich um eine Gruppe untoter Seelenvampire, die mit Campingwagen durch Amerika ziehen und sich von der Essenz von Kindern ernähren, die allesamt das Shining besitzen und auf die besonders starke Abra aufmerksam geworden sind. Nach anfänglichem Zögern verbündet sich Jack mit Abra. Gemeinsam können sie fast alle Mitglieder des True Knot ausschalten bis auf dessen Anführerin Rose The Hat (Rebecca Ferguson). Jack und Abra locken sie zum längst verlassenen Overlook Hotel, um ihr dort endgültig den Garaus zu machen.

Mike Flanagans im Director’s Cut immerhin dreistündiger Film bildet nach der Netflix-Produktion „Gerald’s Game“ die zweite King-Adaption des Regisseurs. Als Sequel zu Stanley Kubricks Meisterwerk „The Shining“ vollzieht „Doctor Sleep“ dabei immerhin das kleine Kunststück, sowohl King, der Kubricks Arbeit wie viele Fans seines Romans bekanntermaßen ablehnt, zu beschwichtigen, als auch „The Shining“, dem Film, vielfach Reverenz zu erweisen. „Immerhin“, weil „Doctor Sleep“ sich zwar im Ganzen nett ausnimmt, der monumentalen Kunst Kubricks aber in überhaupt keiner Weise das Wasser reichen kann. Dessen Film vermochte es, Wahnsinn als psychische Macht zu transzendieren und ihn auf vielen Ebenen spürbar zu machen – den Wahnsinn nicht nur seiner Hauptfigur, sondern auch den seines (filmischen) Schöpfers. Vielleicht ist genau dies einer der primären Gründe, warum King sich mit Kubricks epochalem Werk nie anfreunden mochte; weil er sich wie kein anderer Filmemacher von einer seiner Vorlagen emanzipieren konnte und etwas derart Eigenständiges schuf, dass der Roman nurmehr zum inhaltlichen Stichwortgeber anstelle einer kongenialen Inspirationsquelle degradiert wurde. Bei Flanagan, einem, soweit ich dies nach nunmehr vier gesehenen Filmen beurteilen kann, fleißigen, soliden Genreregisseur, der bis dato allerdings noch keine bedeutsame Signatur entwickeln konnte, kann von derlei Maßstabssetzendem nicht die Rede sein. Ich kenne das Buch, wie die allermeisten von King, nicht, weil ich die Prosa des Autors nie sonderlich mochte. Mit den allermeisten Adaptionen ergeht es mir da anders, diese pointieren seine ohnehin oftmals a priori kinoaffinen Ideen häufig und verdichten sie zu einer medial passgenauen Essenz. Wobei mir auch diesbezüglich auffällt, dass wirklich überragende Arbeiten, wie sie einst noch Usus waren, als Regisseure wie De Palma, Cronenberg, Carpenter oder Reiner sich Kings Literatur annahmen, de facto nicht mehr nachgereicht werden. Vielleicht liegt das ja nicht zuletzt auch an Kings höchsteigener Art der Verstofflichung seiner Imagination. Im Falle von „Doctor Sleep“ scheint mir dies durchaus signifikant: Hier haben wir keine Horrorgeschichte, die innere Welten nach außen kehrt, sondern vielmehr einen relativ ordinären Fantasyplot, der eben zufällig die Geschehnisse von „The Shining“ aufgreift und weiterspinnt. Selbiges vollzieht Flanagans Film auf eine rundum bequeme und versöhnliche Art. Die diversen Reminiszenen an das fast vier Dekaden alte, ungebrochen magische Vorbild sind ausnahmslos liebevoll gestaltet, die von neuen Darstellern besetzten Rollen finden sich so gut revisioniert, wie es eben möglich scheint. Doch dann gibt es da noch diese einfältige, narrative Kinderschreck-Ebene um die scheinbar aus Grimms Märchen entsprungenen (leider überhaupt nicht bedrohlich wirkenden) True-Knot-Gypsies, allen voran die leider nie wirklich unheimliche Rebbeca Ferguson, und die sich ihnen tapfer widersetzende, kleine Alba, in der Danny Torrance nebst seiner traumatischen Vorgeschichte zu einem relativ austauschbaren Sidekick-Element avanciert. Die Crux des Ganzen verdeutlicht sich vielleicht besonders in jener Szene, in der Danny und sein Kumpel Billy die Seelenvampire in einen Wald locken und nach und nach erledigen, wobei diese sich mittels mäßiger CGI in staubiges Wohlgefallen auflösen. Diese in dem ja doch recht ausufernden „Doctor Sleep“ einzige Sequenz, die mit ein wenig Kinetik aufwartet, liefert beinahe antiklimaktische Vampiraction, wie sie (ausgerechnet) seit „From Dusk Till Dawn“ doch längst visueller Usus ist.
„Doctor Sleep“ ist, und darin liegt vielleicht der größte Kritikpunkt, ein Film ohne echte Geheimnisse – und damit ganz gewiss denkbar weit entfernt von dem, was er, so nehme ich an, nur allzu gern wäre.

6/10

THE CARPENTER

„You have to be crazy to come to a place like this.“

The Carpenter ~ CA 1988
Directed By: David Wellington

Alice Jarrett (Lynne Adams) führt keine sehr befriedigende Ehe mit ihrem sie allenthalben betrügenden, herablassenden Mann Martin (Pierre Lenoir). Umso weniger verwunderlich, dass sie eines Tages durchklinkt und seine besten Anzüge zerschnippelt. Alices daraufhin folgenden Aufenthalt in der Psychiatrie nutzt Martin derweil, um ein altes Häuschen im Grünen zu erwerben und renovieren zu lassen. Wieder entlassen, genießt Alice das neue Domizil, trotz der billig angeworbenen, faulen Bauarbeiter. Den Löwenanteil der Erledigungen vollbringt ohnehin ein ausschließlich des Nachts hämmernder Zimmermann (Wings Hauser), der ebenso höflich wie mysteriös auftritt und sich bald zu Alices persönlichem Schutzengel entwickelt. Sie gerät immer mehr in den Bann des sie umgarnenden Handwerkers; selbst die durch den schmierigen Sheriff Johnston (Ron Lea) erfolgende Eröffnung, dass es sich bei ihm um den Geist des früheren, wahnsinnig gewordenen Häuslebauers Edward handeln muss, bereitet ihr keine besonderen Sorgen. Erst Alices bodenständige Schwester Rachel (Barbara Jones), die Alice angesichts des zunehmend blutigen Treibens Edwards wieder notdürftig erden kann, bereitet dem Treiben ein Ende.

„The Carpenter“, eine schöne, dunkelromantische Splatterkomödie mit erwachsenenmärchenhaftem Touch, könnte durchaus als Blaupause für spätere, wesentlich populärer gewordenen Genrevertreter wie Bernard Roses „Candyman“ oder die beiden „The Dentist“-Filme von Brian Yuzna hergehalten haben, die jeweils vorrangige Erzählmotive von Wellingtons Debüt aufgriffen und weiterverarbeiteten; sei es das ja bereits seit Stokers „Dracula“ rekurrierende Thema der von einer verführerischen, unweltlichen Macht attrahierten, unzufriedenen Ehegattin auf der einen oder das für derbe Verstümmelungen unglücklicher Opfer zweckentfremdete Arbeitsmaterial auf der anderen Seite. Zudem pflegt „The Carpenter“ einen sehr hübschen, wenn auch eigenwilligen schwarzen Humor, der sich insbesondere in der Gestaltung der liebevoll eingeflochtenen, zahlreichen skurrilen Nebencharaktere äußert. Von dem leider nur zu Beginn auftretenden Therapeuten (Griffith Brewer) über das übelriechend-kriminelle Arbeitervolk und Alices neuen Arbeitgeber (Richard Jutras) bis hin zu Ron Leas wunderbarem Auftritt als kaugummischmatzender Sheriff hält der Film eine ganze Armada an nahezu surreal anmutendem Personal bereit, das die schwebende Abseitigkeit des Geschehens hervorragend unterstützt. Zudem sind Lynne Adams und vor allem der wie stets verlässliche Wings Hauser, der das freidrehende Potenzial seiner Rolle beinahe brillant zu nutzen weiß, jeweils famos in ihren Hauptrollen.
Einer kritischeren Perspektive mag „The Carpenter“ in vielen Punkten nicht standhalten: Wer ein auch nur halbwegs regelkonformes slasher movie erwartet, dürfte enttäuscht sein; das pacing erweist sich als wenig dynamisch und so etwas wie Spannung oder Zug kommt im traditionellen Sinne auch nicht auf. Der Film taugt eher zu einem eigenwilligen Exempel, wie sich Gattungsmechanismen auf intelligente Weise aushebeln und ironisieren lassen. Als solches allerdings lohnt er die vertrauensvolle Begegnung.

7/10