BABA YAGA

Zitat entfällt.

Baba Yaga (Foltergarten der Sinnlichkeit 2) ~ I/F 1973
Directed By: Corrado Farina

Auf dem Rückweg von einer Party gerät die Fotokünstlerin Valentina Rosselli (Isabella De Funès) an eine aparte Dame, die sich ihr unumwunden als Baba Yaga (Carroll Baker) vorstellt. Von diesem Moment an gerät Valentina in den mystischen Bann jener lasziven, rätselhaften Frau, doch dieser ist nicht ungefährlich. Valentinas Lieblingskamera ist bald verhext und führt ihren lebenden Motiven körperlichen Schaden zu; eine rätselhafte S/M-Puppe, die Baba Yaga Valentina als vermeintlichen Talisman schenkt, scheint Böses im Schilde zu führen. Erst mit der Hilfe ihres Freundes Arno Treves (George Eastman), eines Gelegenheitsfilmemachers, kann Valentina sich schließlich dem Zugriff der Hexe entziehen.

Die zweite und bereits letzte abendfüllende Kinoarbeit des Turiner Autors und ansonsten vornehmlich auf dokumentarischer Ebene aktiven Autors und Filmemachers Corrado Farina basiert auf der „Baba Yaga“-Strecke eines zu jener Zeit beliebten fumetto nero (oder auch fumetto per adulti): „Valentina“ von Guido Crepax, der mit Farina befreundet war und an dem Film mitarbeitete. Bei Crepax‘ Figur Valentina Rosselli handelt es sich um eine politisch stark linksorientierte Mailänder Fotografin und Bohèmienne, die zunächst als Freundin des mit Superkräften ausgestatteten Helden Philip Rembrandt alias „Neutron“ in Erscheinung trat und sich dann im Laufe ihrer folgenden, rund dreißig Jahre währenden Veröffentlichungsgeschichte zur Hauptfigur ihrer eigenen, sich zunehmend erotisch gestaltenden Abenteuer entwickelte. Sie basierte hinsichtlich ihrer visuellen Gestaltung auf Crepax‘ Vorliebe für die in den zwanziger und dreißiger Jahren aktive Schauspielerin Louise Brooks und geriet im weiteren Verlauf ihrer Geschichten in zusehends surreal arrangierte, oftmals mit eindeutigen Fetischelementen angereicherte Storys, die mit unterschiedlichen diegetischen Ansätzen spielten, dem stream of consciousness etwa.
Ganz so weit geht Farinas Film nicht, obschon er in seinen erotisch konnotierten Sequenzen nicht den offensichtlichsten Pfad des blanken Voyeurismus einschlägt, sondern stattdessen hart kontrastierte, ineinander fließende Schwarzweiß-Einzelbilder von Isabella De Funès‘ Gesichtspartien einflechtet. Ansonsten ist „Baba Yaga“ (deren von Carroll Baker interpretierte Entsprechung weniger dem folkloristischen slawischen Vorbild der knorrigen Waldhexe in ihrem Haus auf Hühnerbeinen entspricht denn vielmehr dem, was man sich im Westen als lesbische, stark sexualisierte femme fatale mit übersinnlichen Fähigkeiten vorstellen mag) vor allem als repräsentativ-exemplarisches, zeitkoloriertes Fest der Dekors und Interieurs interessant, das einige wenige (jedoch, das muss man einräumen: oberflächliche) Diskurse in Richtung bildender Kunst verhandelt und das mit seinem, dem jazzigen Score (Piero Umiliani) angelehnten Rhythmus eher wie die gepflegtere, feuilletonistisch goutierbarere Variation eines Jess-Franco-Werks daherkommt. Sein phantastisches Timbre vulgarisiert der Film dann auch keineswegs durch halbgare Effekte, sondern durch die geschickte Evokation eines allgegenwärtigen Mystizismus‘, der derkurz auf paraphilen Abwegen befindlichen Heldin offenbar durchaus libertinäre Freude und Lust bereitet, sie am Ende aber dann doch wieder aufatmend in ihren vertrauten sozialen Mikrokosmos zurückspeit.

8/10

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VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

UNDER THE SILVER LAKE

„Welcome to Purgatory.“

Under The Silver Lake ~ USA 2018
Directed By: David Robert Mitchell

Der in einem Appartmenthaus in East L.A. wohnende Sam (Andrew Garfield) gammelt vor sich hin und ist seit Ewigkeiten mit der Miete im Rückstand. Ansonsten nutzt er die Vorzüge, die die hedonistische Seite der Metropole einem libidinös aufgeladenen, gutaussehendem jungen Mann wie ihm zu bieten hat: Er schließt kurzlebige Damen-Bekanntschaften, geht auf Hipster-Partys und besucht Events der Kunstnachwuchsszene. Nachdem seine attraktive Nachbarin Sarah (Riley Keough) nebst ihren Mitbewohnerinnen (Stephanie Moore, Sibongile Mlambo) spurlos verschwindet, begibt Sam sich auf die Suche nach ihr. Ihn erwartet eine Odyssee, die ihn buchstäblich geradewegs in die Innereien der Stadt der Engel führt und ihn seine bisherige Realität als artifizielles Konstrukt erkennen lässt.

Meine erste Wahrnehmung von „Under The Silver Lake“ war die einer umfassenden „Best Of“-Reminszenz, in der David Robert Mitchell seinen Legionen von Vorbildern und praktisch dem gesamten populären historischen Kino-Segment, dass sich mit Los Angeles und/oder Hollywood befasst, seine ganz persönliche Ehrerbietung erweist. Entsprechend zahlreich sind die Verweise an Regisseure, Filme, Personen, allzu zahlreich, um sie an dieser Stelle gleichberechtigt aufzuzählen. Diese Mühe obliegt dann schon jedem, der sich diesem durchaus interessanten Werk zu widmen gedenkt.
Erst an zweiter Stelle folgte dann die erweiterte Perspektive auf die Gegenwart der Metropole und einen ironischen, oftmals ins Groteske, Surreale und Allegorische ab- oder auch entgleitenden Fokus darauf, was ihre lange Kulturhistorie als „Traumfabrik“ seit über einem Jahrhundert aus der Stadt hat werden lassen. Im Grunde entpuppt sie sich selbst infolge ihrer demokratisch geprägten Tradition und gesellschaftlichen Lichtblitzen wie der Diversität- und der MeToo-Bewegung als in Wahrheit keinen Deut gereift gegenüber der Frühzeit der Filmmogule und Studioregimes; noch immer laufen hier Äonen junger TräumerInnen dem Traum von Ruhm und Reichtum nach und dabei Gefahr, in die Fänge rücksichtsloser Raubtiere zu geraten, deren Geld, Macht und Einfluss sie zu willfährigen Werkzeugen ihrer pervertierten Bedürfnisse macht. Im Zuge seiner eher von Intuition und Assoziation geprägten Reise lernt Sam, dass alles hier auf unheilige Weise miteinander verworben ist und sich wechselseitig bedingt und bedient: diverse Formen bildender wie darstellender Kunst und die kommerziell orientierten Kulturen Film und Musik, Werbeindustrie und Literatur, Fast Food und Prostitution, selbst Hochfinanz und Prekariat, Mysterien und Paranoia. Sex entpuppt sich dabei als der primäre, alles miteinander verbindende Faktor, der sich seit eh und je durch mehr oder weniger sublime Botschaften überall eingefordert findet und entsprechend hinreichend bedient wird. Sonderbare, nicht eindeutig entschlüsselbare Personen und Ereignisse kreuzen (wiederholt) Sams investigativen Weg; tote und lebende Nagetiere, ein anonymer, sein Unwesen treibender Hundemörder, dem große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, der (vermeintliche) Tod des Superreichen Jefferson Severence (Chris Gann), dessen Tochter Millicent (Callie Hernandez), ein Comics (mit dem Titel des Films) entwerfender Verschwörungstheoretiker (Patrick Fischler), der „König der Landstreicher“ (David Yow), freiwillige und unfreiwillige Drogentrips, der androgyne Popstar Jesus (Luke Baines), der geheimnisvolle Songwriter (Jeremy Bobb), dem Sam, erbost ob dessen Entzauberungen seiner musikalischen Idole, den Schädel einschlägt, Kojoten sowie eine geheimnisvolle, nackte Eulenfrau, die ihre Opfer, darunter den „Comic-Mann“, im nächtlichen Schlaf meuchelt. Und immer wieder Trios von seltsamen It-Girls, wie sich zeigen wird, als jeweiliger, privater Mini-Harem je einem bestimmten Gönner zugehörig, die wiederum allesamt einer obskuren Erlösungssekte angehören.
Eine Menge von (zumindest auf den ersten Blick) nicht zwingend kausalitätsbezogen schlüssigem Stoff also, den Mitchell da in einer zugegebenermaßen exquitisten Inszenierung zusammenpfercht und der in jedem Falle die Beschäftigung mit ihm lohnt. Wirklich richtig mögen, zumindest so, wie ich’s vielleicht gern würde, kann ich „Under The Silver Lake“ allerdings zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht. Mag sein, dass sich das irgendwann ändert.

8/10

AQUAMAN

„Trust me, I am no king.“

Aquaman ~ USA/AU 2018
Directed By: James Wan

Ein Jahr nachdem „Aquaman“ Arthur Curry (Jason Momoa) als Teil des von Batman gegründeten Superheldenteams „Justice League“ den dunklen Gott Steppenwolf besiegen konnte, muss er sich der eigenen Vergangenheit als atlantischer Thronfolger stellen: Die standesgemäß mit Arthurs intrigantem Halbbruder Orm (Patrick Wilson), dem „Ocean Master“, verlobte Mera (Amber Heard) bittet Arthur, den Magischen Dreizack von Atlan ausfindig zu machen, die wesentliche Insignie, um die Königswürde als Herr von Atlantis zu garantieren. Jener befindet sich im schützenden Besitz der unterseeischen Entität Karathen. Aquaman und der ihm behilflichen Mera gegenüber steht in erster Instanz Orm, der plant, einen Krieg gegen das Oberflächenvolk zu führen, unerstützt von dem Piraten David Kane (Yahya Abdul-Mateen II) alias „Black Manta“, der Arthur für den Tod seines Vaters (Michael Beach) verantwortlich macht und einer Schar amphibischer Monsterwesen, den Trench.

Ein farbenfrohes, bisweilen in halluzinogene Sphären abdriftendes DCEU-Superheldenspektakel tischt James Wan dem geneigten Freund entsprechender Zerstreuung mit diesem ersten Post-„Justice League“-Werk auf. Wie schon ansätzlich jenes Teamwerk und auch Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“ folgt der nächste Soloauftritt eines DC-Helden einem bunteren, atmosphärisch aufgelockerten Kurs, der der existenzialistisch-dramatischen Schwermut der ersten beiden Zack-Snyder-Epen weitgehend einen Riegel vorschiebt und zu den Golden-, Silver- und Bronze-Age- Wurzeln der Gattung zurückgreift: Mit einem Hochmaß an Fabulierfreude, lustvoll-campigen Ausfällen, leuchtender Neongrelle und guter Laune kredenzt „Aquaman“ ein zumindest in Bezug auf seine Narration sehr traditionelles Fantasy-Abenteuer, das mit Bruderzwist, Romantik, Rache und güldenem MacGuffin die so ziemlich obilgatorischsten Elemente klassischer Genreunterhaltung beinhaltet. Jason Momoa als moderne „King Arthur“-Variante ist dabei trotz seiner phantastischen Herkunft und Fähigkeiten ein so kerniger, bodenständiger Superheld, wie es schon lange keinen mehr gab; ein erfrischend menschlicher, beinahe proletarischer Hauch umweht ihn, die (verbotene) Liebesfrucht eines Leuchtturmwärters (Temuera Morrison) und einer atlantischen Adelsdame (Nicole Kidman). Arthur Curry säuft gern mal einen in verlotterten Hafenkneipen, liebt seine fischigen Kumpels und kommt, anders als ein gesellschaftsentfremdetes Individuum wie Bruce Wayne, auch bei lautstarken Rockergangs gut an. Es gibt tolle Monster in Legionenquantität und ein spaciges Untersee-Orakel, eine Herausforderung zum Duell, zerstörungsintensive Unter- und Oberwasserfights und, zu guter Letzt, die Wiedervereinigung eines ganz süßen Liebespaars, dargeboten von einer Spitzenbesetzung. Gewiss, „Aquaman“ darf auf keinen Originalitätspreis hoffen und er ist so ziemlich das filmgewordene Gegenteil von allem, was man landläufig als sophisticated bezeichnen möchte, aber er hat mir an Ort und Stelle ein verdammt großes Kontingent an realem, infantilen Spaß eingebracht. Mehr verlange ich nicht von ihm.

8/10

FANTÔMAS

Zitat entfällt.

Fantômas ~ F/I 1964
Directed By: André Hunebelle

Der geniale, stets maskierte Superverbrecher Fantômas (Jean Marais) hat zwei erklärte Gegner: den ehrgeizigen, leider aber hoffnungslos überforderten Commissaire Juve (Louis de Funès) und den zynischen Journalisten Fandor (Jean Marais). An beiden rächt sich der brillante Erzschurke, indem er täuschend echte Masken ihrer Gesichter anfertigt und in diesen diverse Coups verübt. Erst als Juve und Fandor sich notgedrungen zusammenschließen, können sie Fantômas – vorübergehend – ins Schwitzen bringen.

Die Figur des „Fantômas“ geht zurück auf eine Serie von Trivialromanen der französischen Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst in den 1910er Jahren und später dann nochmal bis in die Sechziger hinein (von Souvestre allein verfasst) erschienen. Immer wieder wurde Fantômas im Kino und für das Fernsehen adaptiert, zuletzt 1980 als deutsch-französich coproduzierter TV-Vierteiler. Die möglicherweise populärste Version bildete zugleich die am wenigsten kongeniale: Zwischen 1964 und 1967 machte Fantômas im Zuge einer von André Hunebelle inszenierten Kriminalkomödien-Trilogie und als eine von Jean Marais in ikonischer blauer Maske gebener Art Kreuzung aus Dr. Mabuse und Bond-Überantagonist Louis de Funès das Leben schwer. Von den oftmals sadistischen Gewaltverbrechen des literarischen Vorbilds blieb hier faktisch nichts mehr übrig; vielmehr ging es um den kunterbunt und familiengerecht aufbereiteten Gegensatz des cholerischen Erzkomödianten und seiner Nemesis, die in ihrer lustvollen Überzeichnung eher etwas von den legionär erschienen, zeitgenössischen (Euro-)Spy-Filmen oder jenen pulpigen Schurkengeschichten, die der Brite Harry Alan Towers produzierte, mitbrachte. Natürlich muss ebenso Erwähnung finden, dass der ehedem höchst beliebte Abenteuerdarsteller Jean Marais stets in einer Doppelrolle antrat als Journalist Fandor und Fantômas, die immer wieder aneinandergeraten und sich bekriegen. De Funès fungierte (ebenso wie sein ebenfalls stets präsenter, vertrottelter Adlatus Jacques Dynam als Inspecteur Bertrand) eher als zusätzliches comic relief, das für nochmalige Auflockerung des ursprünglich finsteren Geschehens zu sorgen hatte. Kernstück dieses ersen „Fantômas“-Films von Hunebelle durfte, nach etwas gemächlichem Beginn, eine umfangreiche Verfolgungsjagd im Finaldrittel sein, in deren Zuge Fandor und Juve dem Tausendsassa-Ganoven per Auto, Motorrad, Zug und Rennboot stets dicht auf den Fersen sind, bis er ihnen doch noch entwischt (mit einem Mini-U-Boot). Ansonsten präserviert „Fantômas“ vor allem ein gepflegt-nostalgisches Amüsement, ohne, dass er je in den Verdacht geriete, sich zur Hochkultur aufzuschwingen. Als ob er das denn aber auch gewollt haben mochte.

7/10

SUSPIRIA

„Are you this pale all the time?“

Suspiria ~ I/USA 2018
Directed By: Luca Guadagnino

Berlin, Herbst 1977. Während die junge Amerikanerin Patricia Hingle (Chloë Grace Moretz), Elevin der international renommierten Helena-Markos-Tanzakademie für Mädchen, spurlos verschwunden ist, kommt mit ihrer Landsmännin Susie Bannion (Dakota Johnson) just eine neue Schülerin dort an. Als Tochter einer mennonitischen Farmersfamilie aus Ohio hat sich Susie, die sich seit frühester Kindheit magisch von der Mauerstadt angezogen fühlt, ihren Weg hierher auf eigene Faust bewältigt. Madame Blanc (Tilda Swinton), die Leiterin der Akademie, ist von Susies Fähigkeiten begeistert und setzt sie schon bald für die Hauptrolle der geplanten Aufführung des Stücks „Volk“ ein. Susies Mitschülerin Sara (Mia Goth), die sich mit ihr rasch angefreundet hat, bemerkt derweil bald schon seltsame Wesensveränderungen bei der Neuen. Zudem nimmt der alte Psychiater Dr. Klemperer (Tilda Swinton), bei dem zuvor Patricia in Behandlung war und der sich um den Verbleib seiner Patientin sorgt, Kontakt zu Sara auf. Offenbar war Patricia der Meinung, die Belegschaft der Akademie bestünde aus einem Hexenzirkel, der einer uralten, dämonischen Entität, Mater Suspiriorum, oder auch der „Mutter der Seufzer“, huldigte. Unter den Lehrerinnen schwelt darüberhinaus bald ein Konflikt darum, wer künftig ihren Vorstand innehaben soll: Weiterhin die uralte Helena Markos (Tilda Swinton), die noch irgendwo in den Eingeweiden des labyrinthischen Gebäudes (dem „Mütterhaus“) verborgen lebt, oder doch die vitale Madame Blanc…

Nachdem das „Suspiria“-Remake, nebenbei die erste Neuinterpretation eines Films von Dario Argento, bereits jahrelang in der Präproduktionsphase steckte, wurde es letzthin schlussendlich doch noch realisiert. Der Regisseur Luca Guadagnino schien dabei nicht unbedingt die offensichtlichste Wahl für einen Genrefilm zu sein, dessen Original sich allerorten nicht nur höchster Beliebtheit erfreut, sondern zudem einer vergleichsweise extrem ergebenen Liebhaberschaft zu versichern weiß, deren Mitgliederschaft sich über die Jahrzehnte immer tiefer und bis hinein in die sogenannte „anerkannte“ Filmkritik und unter renommierten Filmhistorikern und – Analytikern zu verwurzeln wusste.
Dass Argentos „Suspiria“ weit über das übliche horrornerd-fandom einen Status als immens einflussreiches Gesamtkunstwerk genießt, beweist auch Guadagninos Ansatz, den Stoff auf- und umzubereiten. Anders als ehedem Argento und seine Gattin Daria Nicolodi, deren Grundwerk sich als erster Teil einer (mittlerweile vollendeten) Trilogie um die „Drei Mütter“ begriff und das vor allem im Hinblick auf seine formale Ausgestaltung (saftige Primärfarbkompositionen, Architektur und Raumkonstruktion) sowie die Schaffung einer eher diffusen, kaum greifbaren Atmosphäre des Unheils und Schreckens reüssierte, setzt Guadagnino andere Schwerpunkte, die das Vorbild einerseits ergänzen, es andererseits aber auch bewusst diametralisieren. Dem trägt insbesondere die Entscheidung Rechnung, den neuen „Suspiria“ zur gleichen Zeit spielen zu lassen wie den alten, 1977 also, allerdings nicht im württembergischen Freiburg, sondern im geteilten Berlin, rückblickend die ultimative (gegen-)kulturelle Keimzelle der gesamten Republik. 1977, das war auch das Jahr des „Heißen Herbsts“, in dem die RAF implodierte, nachdem die zweite Generation Schleyer entführt, die sympathisierende PFLP die Landshut gehijackt und die in Stammheim einsitzende Führungsspitze Kollektivsuizid verübt hatte. Alle diese Ereignisse finden, mal am Rande, mal zentralisierter und gezeichnet in bleiernen Pastell- und Sepiatönen auch bei Guadagnino Platz (die verschwundene Patricia wird mehrfach als RAF-Sympathisantin exponiert). Nicht von ungefähr tauchen mit Angela Winkler und Ingrid Caven zwei wichtige Protagonistinnen des Neuen Deutschen Films als Hexen auf. Die Hexen, das sind in „Suspiria“ 2018 zugleich dedizierte Feministinnen; Frauen, die für Selbstbestimmung, die Abschottung vor dem Patriarchat und seinen politischen Auswüchsen stehen und die vor allem die Autonomie ihres Geschlechts zu stärken trachten. Doch gibt es freilich wie überall so auch hier den schwelenden Generationskonflikt, der sich schlussendlich im Duell entscheiden soll. Im Gegenzug findet sich ergänzend dazu die Schuldfrage der (maskulinen) Kriegsgeneration inhaltlich eingewoben in der Person des zwischen West- und Ost-Berlin umherpendelnden Dr. Klemperer, dessen Frau Anke (Jessica Harper) 1943 auf der Flucht von den Nazis gefasst und in Theresienstadt ermordet wurde und der am Ende, nach einem finalen Martyrium, endlich Freiheit und Erlösung vom lebenslangen Gram finden darf.
Der neue „Suspiria“ ist somit weniger Horrorfilm denn phantastisch konnotiertes Zeit- und Landes- (bzw- Stadt-) Porträt mit einigen gattungsgerechten Einsprengseln. Nicht jede inszenatorische Entscheidung wirkte dabei auf mich auf Anhieb zuträglich, so etwa die, Tilda Swinton in gleich drei Rollen auftreten zu lassen (wobei besonders die Maskerade als Dr. Klemperer, die ich ohne Vorwissen unmittelbar durchschaut habe und über deren vormaliges Verschleierungsgewese ich erst im Nachhinein las, mir missglückt erscheint). Dennoch scheint mir das Experiment als künstlerisch potente Versuchsanordnung in seiner Gesamtheit durchaus gelungen und honorabel. Vor allem, zumal hier wirklich kreative Fruchtbarkeit zu spüren ist und nicht der bloße, öde Ansatz, einen populären Traditionstitel einer nachwachsenden Generation von leicht affizierbaren Popcornfressern konsumierbar zu machen.

8/10

GLASS

„This was an origin story the whole time.“

Glass ~ USA 2019
Directed By: M. Night Shyamalan

Als der mittlerweile jahrelang incognito als „Overseer“ im Vigilantengeschäft tätige, mittlerweile verwitwete David Dunn (Bruce Willis), unterstützt von seinem Sohn Joseph (Spencer Treat Clark), auf den multipel gestörten Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James MacAvoy) alias „The Horde“ aufmerksam wird und ihn kurz vor dessen nächster Schreckenstat stellt, werden beide gefasst, in in psychiatrische Sicherheitsverwahrung und dort unter die Obhut von Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) verfrachtet. Dort begegnet David auch seinem alten Widersacher Elijah „Mr.“ Glass (Samuel L. Jackson) wieder, der hier stark sediert und depressiv seine Tage fristet. Dr. Staple ist Expertin für scheinbar Größenwahnsinnige mit dem Hang, sich selbst als Superwesen oder Metamenschen zu betrachten und setzt sich zum Ziel, das Trio mithilfe gruppentherapeutischer Sitzungen vom Gegenteil zu überzeugen. Doch im brillanten Hirn hinter seinem nur vorgespielt lethargischen Blick gärt er bereits wieder bei Mr. Glass…

Nachdem M. Night Shyamalan mittels einem das Publikum aufjuchzen lassenden Epilog zuletzt bereits den Protagonisten seines nach wie vor schönsten Films „Unbreakable“ mit der Story von „Split“ koppelte, ließ sich bereits erahnen, was da kommen mochte. Nicht zuletzt die Tatsache, dass der im Jahr 2000 gestartete „Unbreakable“ die in den letzten zwei Dekaden zum maßgeblichen Blockbustersegment avancierte Superheldencomic-Adaption durch seine geschliffene Mythologiedialektik entscheidend vor- und mitbereitet hat, erschien ein Wiederaufgreifen des darin vorgestellten Ansatzes sinnvoll. In Kombination mit dem gegen Ende selbst phantastische Züge annehmenden „Split“ eine umso vielversprechendere Angelegenheit. Shyamalan feilt dann auch eifrig weiter an seinem ganz eigenen Superhelden-Universum und gibt Mittel und Wege für ein weiteres potenzielles Franchise vor, dessen serieller Charakter sich nach dem Ende von „Glass“ jedoch etwas fragwürdig gestaltet. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Geschichte abermals weitergehen kann und/oder wird. Der vorliegende Film begnügt sich indes (noch) damit, auf die gewaltigen CGI- und Materialschlachten aus MCU und DCEU zu verzichten. Kündigt sich durch Mr. Glass‘ massenmörderische Planungen bereits ein urbaner Showdown mit allerlei Kollateralschäden an, bleibt es dann doch bei einem einzigen aktionsbetonten Widerstreit der naturgewaltigen Übermenschen vor den Toren der psychiatrischen Klinik, an dem die jeweils wichtigsten Bezugspersonen der drei Antagonisten, also Dunns Sohn Joseph, die Crumb zuvor notgedrungen entkommene und nunmehr in bizarrer Beziehung zu ihm stehende Casey Cooke (Anna Taylor-Joy) und schließlich Elijahs Mutter (Charlayne Woodward), ebenso wie eine sich erst gegen Ende herausschälende, vierte Partei maßgeblich beteiligt sind. Zuvor nimmt sich Shyamalan abermals Muße und Gelegenheit, der kulturellen und literarischen Genealogie des Superheldencomics, seiner Wurzeln, Anfänge und Ausprägungen durch Glass‘ Analysen Raum zu geben und sich mit der (nur kurze Zweifel aufwerfenden) Frage nach dem Geisteszustand von Dunn, Crumb und Glass zu befassen. Ansonsten gehört dieser Film schon durch seine figuralen Erfordernisse eindeutig den „Bösen“, Bruce Willis/David Dunn ist eher Stichwortgeber und Nebenfigur, während MacAvoy abermals ausgiebig Gelegenheit erhält, seine multiplen Persönlichkeiten in oftmals rasanter Abfolge aufblitzen zu lassen und Jackson eben weiterhin den ebenso fragilen wie sinistren Strippenzieher zu geben hat.
Der Gesamteindruck ist durchaus gut, aber – leider? – nicht epochal.

7/10