GLASS

„This was an origin story the whole time.“

Glass ~ USA 2019
Directed By: M. Night Shyamalan

Als der mittlerweile jahrelang incognito als „Overseer“ im Vigilantengeschäft tätige, mittlerweile verwitwete David Dunn (Bruce Willis), unterstützt von seinem Sohn Joseph (Spencer Treat Clark), auf den multipel gestörten Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James MacAvoy) alias „The Horde“ aufmerksam wird und ihn kurz vor dessen nächster Schreckenstat stellt, werden beide gefasst, in in psychiatrische Sicherheitsverwahrung und dort unter die Obhut von Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) verfrachtet. Dort begegnet David auch seinem alten Widersacher Elijah „Mr.“ Glass (Samuel L. Jackson) wieder, der hier stark sediert und depressiv seine Tage fristet. Dr. Staple ist Expertin für scheinbar Größenwahnsinnige mit dem Hang, sich selbst als Superwesen oder Metamenschen zu betrachten und setzt sich zum Ziel, das Trio mithilfe gruppentherapeutischer Sitzungen vom Gegenteil zu überzeugen. Doch im brillanten Hirn hinter seinem nur vorgespielt lethargischen Blick gärt er bereits wieder bei Mr. Glass…

Nachdem M. Night Shyamalan mittels einem das Publikum aufjuchzen lassenden Epilog zuletzt bereits den Protagonisten seines nach wie vor schönsten Films „Unbreakable“ mit der Story von „Split“ koppelte, ließ sich bereits erahnen, was da kommen mochte. Nicht zuletzt die Tatsache, dass der im Jahr 2000 gestartete „Unbreakable“ die in den letzten zwei Dekaden zum maßgeblichen Blockbustersegment avancierte Superheldencomic-Adaption durch seine geschliffene Mythologiedialektik entscheidend vor- und mitbereitet hat, erschien ein Wiederaufgreifen des darin vorgestellten Ansatzes sinnvoll. In Kombination mit dem gegen Ende selbst phantastische Züge annehmenden „Split“ eine umso vielversprechendere Angelegenheit. Shyamalan feilt dann auch eifrig weiter an seinem ganz eigenen Superhelden-Universum und gibt Mittel und Wege für ein weiteres potenzielles Franchise vor, dessen serieller Charakter sich nach dem Ende von „Glass“ jedoch etwas fragwürdig gestaltet. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Geschichte abermals weitergehen kann und/oder wird. Der vorliegende Film begnügt sich indes (noch) damit, auf die gewaltigen CGI- und Materialschlachten aus MCU und DCEU zu verzichten. Kündigt sich durch Mr. Glass‘ massenmörderische Planungen bereits ein urbaner Showdown mit allerlei Kollateralschäden an, bleibt es dann doch bei einem einzigen aktionsbetonten Widerstreit der naturgewaltigen Übermenschen vor den Toren der psychiatrischen Klinik, an dem die jeweils wichtigsten Bezugspersonen der drei Antagonisten, also Dunns Sohn Joseph, die Crumb zuvor notgedrungen entkommene und nunmehr in bizarrer Beziehung zu ihm stehende Casey Cooke (Anna Taylor-Joy) und schließlich Elijahs Mutter (Charlayne Woodward), ebenso wie eine sich erst gegen Ende herausschälende, vierte Partei maßgeblich beteiligt sind. Zuvor nimmt sich Shyamalan abermals Muße und Gelegenheit, der kulturellen und literarischen Genealogie des Superheldencomics, seiner Wurzeln, Anfänge und Ausprägungen durch Glass‘ Analysen Raum zu geben und sich mit der (nur kurze Zweifel aufwerfenden) Frage nach dem Geisteszustand von Dunn, Crumb und Glass zu befassen. Ansonsten gehört dieser Film schon durch seine figuralen Erfordernisse eindeutig den „Bösen“, Bruce Willis/David Dunn ist eher Stichwortgeber und Nebenfigur, während MacAvoy abermals ausgiebig Gelegenheit erhält, seine multiplen Persönlichkeiten in oftmals rasanter Abfolge aufblitzen zu lassen und Jackson eben weiterhin den ebenso fragilen wie sinistren Strippenzieher zu geben hat.
Der Gesamteindruck ist durchaus gut, aber – leider? – nicht epochal.

7/10

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ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA

Zitat entfällt.

Ercole E La Regina Di Lidia (Herkules und die Königin der Amazonen) ~ I/F/E 1959
Directed By: Pietro Francisi

Herkules (Steve Reeves), seine Angetraute Iole (Sylva Koscina) und sein junges Mündel Odysseus (Gabriele Antonini) kehren von Ithaka nach Theben zurück, wo die Freunde die Stadt unter einem Bruderzwist ächzend vorfinden: Der halbwahnsinnige Eteokles (Sergio Fantoni) enthält seinem Bruder Polyneikes (Mimmo Palmara) die Herrschaft über Theben vor. Herkules will vermitteln, fällt jedoch einem Zauber der atlantischen Königin Omphale (Sylvia Lopez) zum Opfer, verliert das Gedächtnis und wird von der Mannstollen zum willenlosen, tumben Liebhaber umfunktioniert, derweil die arme Iole von Eteokles als Faustpfand gefangengehalten wird. Glücklicherweise gelingt es Odysseus, seinen Vater (Andrea Fantasia) herbeizurufen und Herkules wieder zur Räson zu bringen. Währenddessen spitzt sich die Situation zwischen den verfeindeten thebanischen Brüdern weiter zu…

An Pietro Francisis recht schick arrangiertes Scope-Sequel zu seinem Herkules-Startschuss „La Fatiche Di Ercole“ wirkte, hier und da immer wieder gut sicht- und spürbar, auch Mario Bava als Co-Regisseur, dp und S-F/X-Designer mit. So ist etwa Omphales gespenstische Ménagerie ihrer einbalsamierten Verflossenen ganz zweifellos das visuelle Werk des Maestro. Ansonsten verlässt sich der Plot im Wesentlichen auf den wie üblich beeindruckenden Steve Reeves und wie er dicke Steine zur Seite rollt, allerlei Eisenstäbe verbiegt und Tigern im Duell das Genick bricht. Camp, und ein bisschen doof dazu? Geschenkt. Darstellerische Hauptattraktion ist in jedem Falle Sergio Fantoni, der bevorzugt unschuldige Tröpfe an seine drei gestreiften Großkatzen verfüttert oder Jungfrauen von der Stadtmauer stößt und sich dann jedesmal tierisch ob seiner diebischen Boshaftigkeit kaputtlacht. Seien wir mal ehrlich: Hemmungslos overactendes Personal wie Fantoni ist es doch eigentlich, warum man Pepla so sehr mag und weniger die sich recht problemlos substituieren lassenden Muskelmänner in der Vorderfront. Dennoch, ohne bleckende Albi-Prachtkerle wie Steve Reeves kein Herkules, Maciste oder Ursus – und somit kein lustvoll daherfabulierter Unfug wie dieser.

6/10

LA LEGGENDA DI ENEA

Zitat entfällt.

La Leggenda Di Enea (Äneas – Held aus Troja) ~ I/F/YU 1962
Directed By: Giorgio Venturini

Sieben Jahre nach dem Tode seiner geliebten Krëusa, der Flucht aus dem von den Spartanern niedergebrannten Troja und einer anschließenden, entbehrungsreichen Odyssee landet Aeneas (Steve Reeves) mit seinen Leuten in Latium, wo er eine neue Heimat errichten will. Während der Segen des regierenden Königs Latinus (Mario Ferrari) ihm sicher ist, sieht der machthungrige Despot Turnus (Gianni Garko) in Aeneas einen lästigen Konkurrenten, den es flugs zu vertreiben gilt. Doch Aeneas‘ Pläne stehen bereits auf festem Boden und so bedarf es einiger Intrigen des bösen Turnus, sich der Neuankömmlinge zu entledigen. Der nachfolgende Konflikt kostet Aeneas viele Verbündete, doch beschert er ihm zugleich die Liebe einer neuen Zukünftigen, Latinus‘ Tochter Lavinia (Carla Marlier). Schließlich gelingt es Aeneas mithilfe der Etrusker, die feindlichen Heere zu vernichten und Turnus im Zweikampf zu besiegen. Der Grundstein für seine erste Stadt Lavinium kann gelegt werden.

Obschon das Sequel zu Giorgio Ferronis „La Guerra Di Troia“ sich augenscheinlich noch etwas kostengünstiger als der Vorgänger ausnimmt, die Kulissen (so etwa Aeneas‘ Ansiedlung, die aus ein paar notdürftig zusammengekloppten Holzverschlägen und einem ziemlich albernen Wehrzaun besteht) noch ein wenig billiger erscheinen und eine geringere Anzahl an Komparsen zur Verfügung stand, ist „La Leggenda Di Enea“ der eindeutig schönere Film der beiden. Steve Reeves rückt als Titelheld weiter ins Zentrum und spielt – freilich wieder mit derselben neckischen Bartfrisur ausgestattet – tatsächlich um Einiges dedizierter denn im Original; mit der aparten Carla Marlier steht ihm eine ausgesprochen reizende Gespielin zur Seite und mit Gianni Garko ein hervorragender, seine Diabolik genüsslich ausspielender Antagonist gegenüber. Vor allem Venturinis Regiekunst ist es jedoch, die „La Leggenda Di Enea“ zugleich zu einem der schönsten Reeves-Filme und damit folglich zugleich auch zu einem der schönsten mir bekannten Pepla macht: Der Mann bewies hier ein ausgezeichnetes Gespür für die Inszenierung von Schauplätzen, Räumen und Atmosphäre; allein die finale Konfrontation zwischen Aeneas und Turnus, die die beiden Kontrahenten auf ihren Streitwagen unter anderem durch ein pollengesäumtes Wäldchen führt, weit eine geradezu poetische visuelle Qualität auf und steckt jeden Aufzug aus Ferronis Film locker in die Tasche. Witzige trivia: Der zehnjährige Charles Band, dessen zu jener Zeit in Italien weilende Vater Albert an Script und Produktion mitwerkelte, spielt (unkreditiert) Aeneas‘ Sohnemann Ascanius.
Da die den Brückenlag zwischen griechischer und römischer Mythologie wagende Aeneas-Sage über einige Generationsumwege schließlich zu dessen Nachkommen Romulus und Remus führt, bietet sich der gleichnamige Film von Sergio Corbucci, der eigentlich noch vor „La Leggenda Di Enea“ entstanden ist, bestens zur weiteren Beschau an. Dem werde ich unlängst Rechnung tragen müssen.

8/10

LA GUERRA DI TROIA

Zitat entfällt.

La Guerra Di Troia (Der Kampf um Troja) ~ I/F/YU 1961
Directed By: Giorgio Ferroni

Seit zehn Jahren liegen die Spartaner unter König Minelaos (Nando Tamberlani) und ihre griechischen Verbündeten, darunter der als unbesiegbar geltende Krieger Achilles (Arturo Dominici), vor der befestigten Stadt Troja, um des Königs einst ausgerückte Gattin Helena (Edy Vessel), die seinerzueit mit dem trojanischen Prinzen Paris (Warner Bentivegna) durchgebrannt ist, zurückzufordern. Viele Menschenleben hat der Krieg bereits gekostet, just das von Paris‘ Bruder Hektor. Aeneas (Steve Reeves), Hektors bester Freund und heimlicher Gatte seiner und Paris‘ Schwester Krëusa (Juliette Maynal), beäugt die Entwicklung mit Sorge. Nichts wäre ihm lieber als Frieden, zumal der feige Paris und die intrigante Helena ihm ein Dorn im Auge sind. Schließlich kommt es zur entscheidenden Schlacht, als eine vorübergehende Waffenruhe beide Seiten zu intriganten Aktionen hinreißt und ein legendäres, hölzernes Pferd gebaut wird…

Steve Reeves hatte seine beeindruckende Physis bereits in einigen italienisch (co-)produzierten Sandalenfilmen zur Schau gestellt, als sich Giorgio Ferronis „La Guerra Di Troia“ schließlich auch dem mythologischen Segment des trojanischen Krieges annahm, dessen ursprüngliche literarische Ausgestaltung auf Homers Epos „Ilias“ fußt.
Fünf Jahre zuvor hatte der US-Regisseur Robert Wise bereits seine Adaption der Sage in Cinecittà inszeniert; nunmehr war es an den Italienern selbst, die letztlich auch ihren eigenen Gründungsmythos affizierende Geschichte in Bewegtbilder zu fassen. Mit Reeves, damals unter all den in Rom weilenden, amerikanischen Bodybuildern fraglos der Populärste, sicherte man sich für die Hauptrolle des Aeneas, aus dessen Perspektive diese Version berichtet wird, einen eminenten Pulikumsmagneten. Gedreht hat man bei Belgrad im damaligen Jugoslawien, primär auf einem weiten Steppengelände, das man auch aus dem May-Adaptionen zu kennen meint. Die Massenaufläufe und Schlachten werden von Ferroni als mehr oder weniger geschickte Illusion vorgeführt und das (pseudo-)historisch stets so aufregend umrissene Troja selbst hinterlässt den Eindruck einer eher bescheidenen Kulisse. Dennoch hält sich das intrigante Hin und Her des mit Ausnahme von Aeneas und Krëusa moralisch durchweg korrumpierten Antikvolkes stets bei guter Laune und ist nicht zuletzt durch die Reeves darstellerisch fraglos überlegenen Nebendarsteller wie Dominici, Bentivegna und den Odysseus spielenden John Drew Barrymore von einigem Peplum-Reiz. Wäre zu wünschen, dass „La Guerra Di Troia“ eines schönen Tages noch eine knackige HD-Abtastung zukommt, in der die Konturen scharf statt verwaschen und die Farben leuchtend statt blass sind, so, wie es Filme wie dieser ohnehin a priori verdienen.

7/10

DEMON WIND

„You don’t own that property.“

Demon Wind (Tanz der Dämonen) ~ USA 1990
Directed By: Charles Philip Moore

Nachdem Cory (Eric Larson) Zeuge vom Suizid seines erst just wiedergefundenen Vaters (Jake Jacobson) wurde, will er dessen Herkunft ergründen, was ihn und neun seiner Freunde zu einer verlassenen Provinzfarm führt, auf der Corys Dad einst geboren wurde und auf der sich zu Depressionszeiten höchst Mysteriöses abgespielt haben muss. Gleich bei der Ankunft werden die jungen Leute mit dem Übersinnlichen konfrontiert: Die Autos springen nicht mehr an, ein merkwürdiger Nebel lässt sie nicht mehr fort. Bald tauchen gräslich entstellte Dämonen auf, deren oberster Boss (C.D.J. Koko), niemand Geringerer als der Sohn des Satans, Cory ans Leder will. Doch dieser verfügt zum Glück über das alte Tagebuch seiner Großmutter (Elizabeth Ince), in dem sich einige hilfreiche Zaubersprüche verbergen…

Aua. Ich darf ohne Umschweife zugeben, „Demon Wind“ vor allem deshalb angeschaut zu haben, weil er (blamablerweise) noch immer zu den legendären §-131-Filmen zählt, jenen „verdienten“ Werken also, die den im StGB verankerten Verdacht der medialen Gewaltverherrlichung erfüllen und daher in Deutschland nicht (mehr) öffentlich zugänglich gemacht werden dürfen. Einen anderen Grund kann es, soviel darf ich nach erfüllter Mission gleich vorwegschicken, allerdings auch nicht geben. Charles Philip Moores Regiedebüt muss sich am Ende nämlich bloß einen Vorwurf gefallen lassen: Den der allumfassenden Debilität. Was man den Mann lassen muss: Er hat sein gewiss ehrgeiziges Ziel, einen etwas deftigeren Indie-Horrorfilm im Stil von „The Evil Dead“ zu drehen, immerhin in die Tat umsetzen können; die grundsätzlich einmal vorhandene Ambitioniertheit des Projekts spiegelt sich dabei vor allem in den schleimigen, latextriefenden Masken der sprücheklopfenden, zombieesken Höllenwesen wider. Leider hat Moore jedoch vergessen, dass ein wirklich nachhaltiger Gattungsvertreter etwas mehr benötigt als eine hübsche, werbewirksame Fotostrecke in der Fangoria; im günstigen Fall sollte wahlweise eine spannende bis bedrohliche Atmosphäre evoziert , das Element des Übernatürlichen auf zumindest halbwegs ausgereiftem Fundament platziert werden und die Darsteller vielleicht zu etwas mehr imstande sein denn träge durch die kargen Kulissen zu tapern und ihre sinnentleerten Dialoge gelangweilt herunterzurasseln. Kameraarbeit, Szenengestaltung und Montage sind eine einzige Vollkatastrophe und sorgen dafür, dass niemals auch nur der Eindruck veritablen Tempos entsteht, und wenn in Nahaufnahme der dreihundertachtundsechzigste karobehemdete Dämonenwanst explodiert und sein gelbes Kunstblut verspritzt, dann wird die Wanduhr zum besten Freund des leidgeprüften Rezipienten. „Demon Wind“ ist somit nicht nur unbehende, strunzdumm und lächerlich und sieht scheiße aus; er ermangelt als letztes probates Element möglicher Ehrenrettung auch noch jeglichen Anflug glaubhaft vorgetragener Selbstironie. Und wenn Cory sich am Ende dann noch selbst in einen „guten Dämon“ verwandelt, um dem ziegenbeinigen Obermotz gegenüberzutreten, dann ist endgültig der Ofen aus. Dass „Tanz der Dämonen“ bei uns sogar ein Kinoeinsatz zuteil wurde, erscheint nunmehr unglaublich.
Aua zum Quadrat.

3/10

AMERICAN RISCIÒ

Zitat entfällt.

American Risciò (American Rikscha) ~ I 1989
Directed By: Sergio Martino

Coconut Grove, Florida. Der Student Scott Edwards (Mitch Gaylord) bessert WG-Kasse und körperliche Fitness durch einen Nebenjob als Rikschafahrer auf. Als er eines regnerischen Tages die alte Chinesin Madame Luna (Michi Kobi) nach Haus fährt, erwartet ihn eine unglaubliche Reise in die Welt fernöstlicher Magie und in die guter wie böser Mächte in ewigem Widerstreit.

Sergio Martinos „American Risciò“ ist ein recht sonderbarer, oftmals surreal anmutender Vertreter im späteren Schaffen des Regisseurs. Das italienische Genre- und Plagiatskino darbte zum Ende der achtziger Jahre hin bekanntermaßen bereits beträchtlich und hatte sich dem allmählichen Siechtum zu überantworten. Einerseits bedauerlich, andererseits jedoch auch der periodische Wegbereiter für mitunter unfasslich Delirierendes wie diesen, auch „American Tiger“ titulierten, ominösen Gattungshybriden, der stilgerecht einmal mehr etliche US-Vorbilder aus jüngerer Entstehungszeit verwurstet und rezitiert und seine wüste, kaum nachvollziehbare Story dabei mit traumwandlerischer Selbstsichherheit präsentiert. Die beiden Hauptdarsteller Mitch Gaylord, Ex-Olympia-Goldmedaillengewinner im Geräteturnen, und die ansonsten unbekannte Victoria Prouty als Striptease-Animateuse nehmen sich in punkto darstellerischer Ohnmacht wenig und chargieren sich so durch die Szenen. Donald Pleasence spielt den Ober-Villain, einen bösartigen Fernsehprediger, der gierig ist nach Macht und Moneten und sich im Todeskampf in ein Wildschwein verwandelt. Dann hätten wir noch den sympathischen Daniel Greene, hier ausnahmsweise als ebenso miesgelaunter wie inkompetenter Sekten-Adlatus und Berufskiller am Start. Von Greene bin ich ja seit meiner Kindheit und seit dem damals gesehenen „Hands Of Steel“, ebenfalls von Maestro Martino, heimlicher Fan. Wie Reb Brown und Lou Ferrigno gehörte er zu jenen muskelbepackt-bärigen, amerikanischen Filmheroen der eighties, die wohl schlicht zu brav und zu nett waren, um in Hollywood langfristig Fuß zu fassen, daher die Traditionsnachfolge ihrer Peplum-Vorväter Steve Reeves oder Mark Forest antraten, ihr Glück in Italien versuchten, um dort billigen Variationen von Schwarzenegger- und Stallone-Krachern vorzustehen. Was Greene, wie auch seinen Kollegen, an schauspielerischem Können abging, machten sie durch Präsenz und Charisma wett und bereicherte somit manchen potenziellen römischen Heuler. So auch diesen. Die Szenen, in denen eine imaginäre Kobra Greene vom Vollzug seiner blutigen Profession abhält, oder sich ein verhexter Schlüssel durch seine Hand frisst, sind die heimlichen Höhepunkte dieses – höflich ausgedrückt – obskuren Films. Fairerweise muss man Martino jedoch zugestehen, dass er als Regisseur hier abermals einen durchaus ordentlichen Job macht – für das ganze, bizarre Brimborium drumherum mag man ihm so gar keine Schuld geben.

5/10

VENOM

„The way I see it… we can do whatever we want. Do we have a deal?“

Venom ~ USA/RC 2018
Directed By: Ruben Fleischer

Nachdem der in San Francisco tätige Enthüllungsjournalist Eddie Brock (Tom Hardy) es wagt, den Pharma-Magnat Carlton Drake (Riz Ahmed) auf dessen möglicherweise stattfindenden Versuche an unfreiwilligen menschlichen Probanden anzusprechen, ist er prompt Job, Wohnung und Freundin los. Brock ahnt nicht, dass Drake, der auch ein Weltraumprogramm finanziert, sogar außerirdische Parasiten in seinen Labors beherbergt, von denen einer bereits flüchten konnte. Nachdem Carltons Mitarbeiterin Dr. Skirth (Jenny Slate) das schlechte Gewissen umtreibt, wendet sie sich an Brock, der nachts in Carltons Firma eindringt und sich mit einem der Symbionten namens „Venom“ infiziert. Das aggressive und überaus hungrige Wesen verbindet sich mit Brocks Körper und verleiht ihm neben irrationalen Verhaltensweisen auch Superkräfte. „Riot“, der entflohene und noch sehr viel bösartigere und mächtigere Symbiont, kehrt derweil zu Carlton zurück und verbindet sich mit diesem. Es kommt zum Duell der Superwesen um keinen geringeren Preis als die Erde selbst.

Der abseits der MCU-Continuity bei Sony entstandene „Venom“ greift eine vor über dreißig Jahren einfgeführte Figur aus der „Spider-Man“-Serie auf, die ihr eigentliches Leinwanddebüt bereits im letzten Teil der Raimi-Trilogie erlebt hatte. Der mittlerweile wieder in Marvels Filmschoß zurückgekehrte Peter Parker kommt im neuen Film erwartungsgemäß nicht mehr vor, was zugleich auch eine modifizierte origin für Venom verlangt: Hier trifft der außerirdische Symbiont ohne Umwege auf seinen künftigen Wirt Eddie Brock. Es gilt, sich zunächst einander anzunähern, was freilich nicht ohne diverse Gewöhnungsturbulenzen von Statten geht. Der mit einigem Appetit auf menschliche Köpfe gesegnete Venom entpuppt sich nämlich nicht nur als ein ziemlich instinktgesteuerter Rüpel mit diversen unschönen Manieren, sondern zudem noch als ziemlich schlagfertig. Nach den üblichen Startschwierigkeiten ergeben Brock und sein innerer Partner wider Willen jedoch ein tatkräftiges Team, das auch mit unwägbarsten Schwierigkeiten fertig wird.
Dass eine Figur aus der dritten Reihe wie „Venom“, zudem eher ein Antiheld und eigentlich nicht auf Anhieb das, was dem unbedarften Superheldencomicapologeten als verfilmungstauglich in den Sinn käme, den großbudgetierten Sprung auf die Leinwand schaffte, ist ein Indiz für die Möglichkeiten, die die kommerziellen Erfolge des MCU mittlerweile eröffnen. Entsprechend der in der Regel grobschlächtigen Storys um das gezeichnete Vorbild ist Fleischers Film dann auch von eher schlichtem Gemüt; er begreift sich ganz als launiges Spaßprodukt ohne den Ballast ambitionierter Kontinuitätspflege und steht damit mental besehen eher in der preisgünstigen Sense-of-Wonder-Tradition der frühen bzw. kleineren Superheldenfilme im „Batman“-Nachhall der Frühneunziger, wie etwa Albert Pyuns „Captain America“.
Dass und ob Venom ein Marvel-Charakter ist, spielt im Grunde ferner keine eminente Rolle für den Film. Er begnügt sich mit seiner bewusst naiven Agenda, die eben vorsieht, dass gierige außerirdische Parasiten sich mit Menschen verbünden und ihre brachialen Streitigkeiten danach CGI-gespickt in und um San Francisco austragen. Das Ganze kostet entsprechend Holz und sieht in seiner rechnergenerierten Kinetik mal besser, mal weniger gut aus. Leider verdirbt das PG-13-Rating die schönen, durchaus blutigen Versprechungen, die der Plot immer mal wieder macht, aber dann nicht einlösen darf. Da waren die Jungs von der Fox schon mutiger.

7/10