THE CUT

Zitat entfällt.

The Cut ~ D/F/I/RU/PL/CA/TR/JO 2014
Directed By: Fatih Akin

Acht Jahre, ein Weltkrieg, ein Genozid, vier Länder, zwei Kontinente und eine lange Reise.
Die Familie des in Mardin lebenden armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) fällt wie viele andere 1915 den ethnischen Säuberungsaktionen der Türken zum Opfer. Nazaret wird von Frau Rakel (Hindi Zahra) sowie seinen kleinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt und als Zwangsarbeiter in die Wüste verschleppt. Dort wird er Zeuge des desolaten Schicksals vieler Armenier und Andersgläubiger, kommt fast um vor Hunger und Durst und soll schließlich von dem gefangenen türkischen Kleinkriminellen Mehmet (Bartu Küçükçağlayan) auf Anordnung einiger Soldaten hin die Kehle durchschnitten bekommen. Dieser bringt den Mord jedoch nicht fertig und zersticht stattdessen Nazarets Stimmbänder. Später rettet Mehmet den Schwerverletzten und bittet ihn um Vergebung. Nach langer Wanderung gelangt der nunmehr stumme Nazaret in ein unter entsetzlichen Bedingungen geführtes Flüchtlingslager vor Ra’s al-‚Ain, wo er seiner im Sterben liegenden Schwägerin (Arevik Martirosyan) wiederbegegnet, die ihn bittet, sie zu erlösen. Daraufhin gelangt Nazaret nach Aleppo und unter die Fittiche des Seifenmachers Nasreddin (Makram Khoury), der ihm Obdach und Arbeit gewährt. Nach Kriegsende erfährt Nazaret dann, dass seine beiden Töchter noch leben sollen. Die folgende Reise führt ihn über den Libanon bis nach Havanna und schließlich über Florida und Minnesota bis nach North Dakota, wo er Lucinée (Lara Heller) zu guter Letzt endlich wiedersieht.

Eine Migrantengeschichte von Hunderttausenden in den globalen Kriegsnachwehen bildet den Abschluss von Fatih Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Den für den Regisseur mit ungewohnt großem Aufwand und vergleichsweise gewaltiger Logistik entstandene Reisebericht darf man wohlfeil als „Weltkino“ bezeichnen, wobei andererseits die entbehrungs- und wendungsreiche Dramaturgie zu Lasten der vormals so intimen Figurenpsychologie verläuft. Während die Charaktere aus „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ und auch aus Akins früheren drei Filmen noch mit einem geradezu exemplarischen Persönlichkeitspolster versehen wurden und gerade ihre fein herausgeschliffenen Ecken und Kanten ihnen eine oftmals schon beängstigende Realitätsanbindung verlieh, hat derlei Intimität in „The Cut“ kaum mehr Platz. Natürlich steht der Protagonist Nazaret Manoogian im Zentrum des Geschehens und wird auch sorgsam motivatorisch unterfüttert, ihn überragt jedoch der gewaltige, teils schon monumental wirkende Charakter der historischen Einbettung. Das besonders von den Türken nach wie vor nur sehr vorsichtig und delikat angepackte Thema des systematisch durchgeführten Genozids der Osmanen an den Armeniern treibt Akin sehr viel mehr um als Hauptbelastungstopos, ebenso wie die daraus resultierenden Folgen der zwangsweisen Migration, der Flüchtlingsströme und der Versprengung und Zusammenführung von Familien. Um Zeit- und Lokalkolorit adäquat und kongenial zu präservieren, eine Herausforderung, an der der Filmemacher in formaler Hinsicht sichtlich wächst, musste Akin seine Perspektive zwangsläufig vom Individuum fort- und stattdessen zur Gesamterscheinung hinlenken, eine Gratwanderung, die sich interessant ausnimmt, ihm aber nicht immer zum Vorteil gereicht. „The Cut“ entfaltet seinen Sehenswert vor allem als historisches Kaleidoskop, das einem Vergleich etwa mit Elia Kazans Meisterwerk „America America“ allerdings nicht Stand zu halten vermag. Dabei ist er jedoch auch keinesfalls die große Enttäuschung, von der viele FeuilletonistInnen, vermutlich in Erwartung einer kammerspielartig-vollendeten Trilogieerfüllung, klagten: Fatih Akin zeigt im Gegenteil, dass er auch und selbst  in der Handhabung solch herausfordernder Projekte noch immer ein Regisseur von hohem internationalen Rang ist, wenngleich – soviel Ehrlichkeit muss dann bei aller berechtigten Schwärmerei doch sein – seine wahre Kraft an anderer Stelle reüssiert. In der vielleicht schönsten Sequenz in „The Cut“, einer sehr intimen zudem, besucht Nazaret kurz nach der Vertreibung der sieglosen Türken aus Aleppo zufällig eine Filmvorführung des mittlerweile vor Ort befindlichen Internationalen Roten Kreuzes. Projiziert an eine Hauswand und gänzlich ohne tonale Untermalung wird Chaplins „The Kid“ gezeigt. Erstmals verspürt hier ein verzweifelter Mann die Kraft der bewegten Bilder. Lachen und Weinen mit Chaplin als Tramp und Jackie Coogan als sein Adoptivsohn. Hier erfährt Nazaret auch vom Überleben seiner Töchter und schöpft somit neue Lebenskraft. Zeitlich betrachtet ist das eigentlich völlig unpassend, aber Akin konnte, vielleicht zurecht, der Versuchung nicht widerstehen. Das Kino ist frei und es darf (fast) alles.

8/10

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AMERICAN RISCIÒ

Zitat entfällt.

American Risciò (American Rikscha) ~ I 1989
Directed By: Sergio Martino

Coconut Grove, Florida. Der Student Scott Edwards (Mitch Gaylord) bessert WG-Kasse und körperliche Fitness durch einen Nebenjob als Rikschafahrer auf. Als er eines regnerischen Tages die alte Chinesin Madame Luna (Michi Kobi) nach Haus fährt, erwartet ihn eine unglaubliche Reise in die Welt fernöstlicher Magie und in die guter wie böser Mächte in ewigem Widerstreit.

Sergio Martinos „American Risciò“ ist ein recht sonderbarer, oftmals surreal anmutender Vertreter im späteren Schaffen des Regisseurs. Das italienische Genre- und Plagiatskino darbte zum Ende der achtziger Jahre hin bekanntermaßen bereits beträchtlich und hatte sich dem allmählichen Siechtum zu überantworten. Einerseits bedauerlich, andererseits jedoch auch der periodische Wegbereiter für mitunter unfasslich Delirierendes wie diesen, auch „American Tiger“ titulierten, ominösen Gattungshybriden, der stilgerecht einmal mehr etliche US-Vorbilder aus jüngerer Entstehungszeit verwurstet und rezitiert und seine wüste, kaum nachvollziehbare Story dabei mit traumwandlerischer Selbstsichherheit präsentiert. Die beiden Hauptdarsteller Mitch Gaylord, Ex-Olympia-Goldmedaillengewinner im Geräteturnen, und die ansonsten unbekannte Victoria Prouty als Striptease-Animateuse nehmen sich in punkto darstellerischer Ohnmacht wenig und chargieren sich so durch die Szenen. Donald Pleasence spielt den Ober-Villain, einen bösartigen Fernsehprediger, der gierig ist nach Macht und Moneten und sich im Todeskampf in ein Wildschwein verwandelt. Dann hätten wir noch den sympathischen Daniel Greene, hier ausnahmsweise als ebenso miesgelaunter wie inkompetenter Sekten-Adlatus und Berufskiller am Start. Von Greene bin ich ja seit meiner Kindheit und seit dem damals gesehenen „Hands Of Steel“, ebenfalls von Maestro Martino, heimlicher Fan. Wie Reb Brown und Lou Ferrigno gehörte er zu jenen muskelbepackt-bärigen, amerikanischen Filmheroen der eighties, die wohl schlicht zu brav und zu nett waren, um in Hollywood langfristig Fuß zu fassen, daher die Traditionsnachfolge ihrer Peplum-Vorväter Steve Reeves oder Mark Forest antraten, ihr Glück in Italien versuchten, um dort billigen Variationen von Schwarzenegger- und Stallone-Krachern vorzustehen. Was Greene, wie auch seinen Kollegen, an schauspielerischem Können abging, machten sie durch Präsenz und Charisma wett und bereicherte somit manchen potenziellen römischen Heuler. So auch diesen. Die Szenen, in denen eine imaginäre Kobra Greene vom Vollzug seiner blutigen Profession abhält, oder sich ein verhexter Schlüssel durch seine Hand frisst, sind die heimlichen Höhepunkte dieses – höflich ausgedrückt – obskuren Films. Fairerweise muss man Martino jedoch zugestehen, dass er als Regisseur hier abermals einen durchaus ordentlichen Job macht – für das ganze, bizarre Brimborium drumherum mag man ihm so gar keine Schuld geben.

5/10

THE DEVIL’S ADVOCATE

„I’m a humanist. Maybe the last humanist.“

The Devil’s Advocate (Im Auftrag des Teufels) ~ USA/D 1997
Directed By: Taylor Hackford

Mit der Moral hält der in Florida tätige Anwalt Kevin Lomax (Keanu Reeves) es nicht allzu genau, was dazu führt, dass er auch schonmal einen eindeutig schuldigen Schweinehund wie den des sexuellen Missbrauchs angeklagten Lehrer Gettys (Chris Bauer) erfolgreich raushaut. Besonders verlockend erscheint Lomax da das Angebot einer großen New Yorker Kanzlei, das ihn zunächst als Berater für die Geschworenenauswahl engagiert. John Milton (Al Pacino), der Kopf des Justiz-Konsortiums, ist von Lomax begeistert und offeriert ihm eine Festeinstellung nebst schickem Appartment und anderen exklusiven Zuwendungen. Lomax‘ zunächst noch von all dem Luxus begeisterte Gattin Mary Ann (Charlize Theron) entwickelt bald eine Depression und hat unangenehme Visionen von dämonischen Kreaturen, derweil Lomax sich in die Verteidigung des wegen Doppelmordes angeklagten Immobilien-Milliardärs Cullen (Craig T. Nelson) stürzt. Mary Ann landet schließlich in der Psychiatrie, nachdem sie sich von Milton vergewaltigt wähnt, und nimmt sich dort das Leben. Als Lomax herausfindet, dass Milton nicht nur sein leiblicher Vater ist, sondern zudem noch Satan persönlich, sieht er nurmehr einen Ausweg, dessen weitere Pläne zu durchkreuzen.

Auch „The Devil’s Advocate“ ist eine jener schicken Studioproduktionen, die kurz vom Jahrtausendwechsel mit apokalyptischem Teufels- und Höllenpalaver hausieren gingen, wo sonst als am Schauplatz New York, der im Fallen begriffenen Hure Babylon. Den Leibhaftigen zu spielen gilt nebenbei seit jeher als besondere Krönung einer veritablen Schauspieler-Karriere; Emil Jannings, Gustaf Gründgens, Walter Huston, Donald Pleasance, Ralph Richardson, Bill Cosby, Jack Nicholson, Robert De Niro, Max von Sydow, Viggo Mortensen und so fort – eine überaus illustre Tradition, von der es ohnehin nur eine Frage war, bis sie auch Pacino einmal angetragen werden würde. Hackfords Werk offerierte ihm schließlich die überfällige Chance und Pacino erweist sich erwartungsgemäß als das mit gewaltigem Abstand leuchtendste Fanal dieses ansonsten doch sehr geistesschlichten und wohl eher unbewusst campigen Films, der mit ein paar leidlich aufregenden Morphing-Effekten Dämonenfratzen aus hübschen Damengesichtern macht und dessen mentaler Überbau sich so erzbieder und bibelfest gibt, dass es in den Weichteilen schmerzt. Man verzeihe mir, aber für mich ist Pacino als John Milton (nebenbei ein überaus mäßig einfallsreiches Alias) als kleingewachsener Antichrist weniger aparter Verführer oder mephistophelischer Lenker des ultimativ Bösen, denn ein durchaus nettes und charmantes Arschloch, dessen eingeborener Sohn und materieller Nutznießer ich durchaus gern wäre, aber mich erhört ja sowieso niemand. Keanu Reeves weiß mit derlei auf dem Silbertablett angebotenen Privilegien natürlich nichts anzufangen, der arme Tropf. Spielt stattdessen noch den Märtyrer und tut als wäre er der Rächer aller Enterbten.
Doch Script und Film sind übergebührlich gut zu ihm und uns – am Ende, kurz, bevor rechtzeitig zum feurigen Abstand die Stones (wer sonst?) eingespielt werden, erweist sich alles bloß als eine immens realistische Vision im Zuge eines Toilettengangs vom Anfang des Films, als Lomax gerade den wohl widerwärtigsten Kinderschänder verteidigt, den das Kino der neunziger Jahre aufzutischen im Stande war. Es kommt, wie es schon von Anfang an hätte kommen müssen (um uns diesen Film zu ersparen), Lomax überlegt es sich anders und legt das Mandat im Zeichen des guten Geschmacks nieder, was ihm eine erkenntnisreiche Zukunft wie die zuvor ausführlich ausgebreitete ersparen wird. Oder auch nicht, denn der Todsünden gibt es noch sechs weitere neben der Gier.
Doch im Ernst: „The Devil’s Advocate“ ist wegen seiner ehrlichen formalen Handwerksqualität sowie wegen Pacinos diebisch überzogenen Spiels grundsätzlich anschaubar. Nur ernstnehmen sollte man diesen ausgemachten Unfug in keiner Weise.

5/10

DIRTY GRANDPA

„Party till you’re pregnant!“

Dirty Grandpa ~ USA 2016
Directed By: Dan Mazer

Nach dem Tod seiner Großmutter und kurz vor der eigenen Hochzeit soll der erfolgreiche Nachwuchsadvokat Jason Kelly (Zac Efron) seinen Opa Dick (Robert De Niro) nach Florida chauffieren. Der betagte Herr erweist sich jedoch mitnichten als greiser Trauerkloß, sondern als höchst alkoholaffiner, verbalviriler Frechdachs, der auf seine alten Tage nochmal die Party seines Lebens feiern will und ausgerechnet den spießigen Enkelsohn als partner in crime auserkoren hat. Bei den diversen Fettnäpfchen, in die Jason und Dick im Zuge ihrer turbulenten Reise treten, ist die beinharte CIA-Ausbildung des Letzteren den beiden nicht selten behilflich. Zudem steckt hinter Dicks Roadtrip natürlich ein handfester Plan für seinen biederen Übersprungsspross.

„Dirty Grandpa“ ist wohl die Art von Film, die De Niro heute macht. „Wohl“, weil ich mit dem jüngeren output dieses einstmals als Speerspitze seines Fachs geltenden Schauspielers kaum mehr vertraut bin. Den Film habe ich mir tatsächlich auch nicht seines Hauptdarstellers wegen angesehen, sondern weil ich eine Partykomödie sehen wollte. Als solche funktioniert „Dirty Grandpa“ innerhalb seiner ihm inhärenten Einfalt eigentlich auch ganz gut. Und selbst De Niro geht als buchstäblicher Titelcharakter völlig in Ordnung, auch wenn sein inflationärer Gebrauch von Vier-Buchstaben-Wörtern zunächst etwas übertrieben, um nicht zu sagen albern wirkt. Aber dies entpuppt sich ja am Ende als Teil seiner von seiner Film-Persona höchstselbst entwickelten Erweckungskur und geht daher halbwegs in Ordnung.
Ansonsten haben wir hier ein ausgewiesenes Fast-Food-Produkt, das die Welt sich weder schneller drehen lässt, noch nie sie verlangsamt. Die Script-Prämisse, die Witze vor allem aus der Perspektive des dezidiert aus seiner sozialen Rolle fallenden Senioren politisch unkorrekt dastehen zu lassen, wirkt nach einer Weile allerdings leicht verkrampft und gibt eher insofern Anlass zur Besorgnis, dass vermutlich ein Großteil der avisierten Zuschauerschaft, die sich primär fraglos durch die verspießte, verhuschte, entpolitisierte Generation Smartphone repräsentiert finden dürfte, tatsächlich mild schockiert auf den im Film präservierten, libertinen Lebensgeist reagiert. Insofern bildet „Dirty Grandpa“ vor allem einen Film für Zeitgenossen, deren Arschbacken vom vielen Zusammenkneifen bereits erstarrt sind. Das geht einerseits in Ordnung, gibt aber andererseits Anlass zur Besorgnis: Menschen, die sich eine optionale Realität über Werke wie dieses erschließen, können einem leid tun. Macht mal lieber selber.

6/10

BLOODY MAMA

„We’re gonna take what’s ours!“

Bloody Mama ~ USA 1970
Directed By: Roger Corman

Während der Depressionszeit entwickelt sich die „Barker-Gang“, bestehend aus Kate „Ma“ Barker (Shelley Winters), ihren vier Söhnen Herman (Don Stroud), Lloyd (Robert De Niro), Fred (Robert Walden), Arthur (Clint Kimbrough) und Freds Freund Kevin Dirkman (Bruce Dern), zu den berüchtigsten Gangstern im Südwesten des Landes. Nach Jahren der Flucht mitsamt etlichen Raubüberfällen und einer spektakulären Kidnapping-Aktion um den millionenschweren Unternehmer Pendlebury (Pat Hingle), gelingt es dem FBI, die Bande in Florida zu stellen und unschädlich zu machen.

Roger Cormans in den Spätsechzigern und Frühsiebzigern entstandene Regiearbeiten werden vermutlich nur deshalb beständig von New-Hollywood-Kanonisten übergangen, weil Corman bis heute mit dem stets augenzwinkernd konnotierten Image des unermüdlich umtriebigen Billigproduzenten, der sich für kein noch so albernes Projekt zu schade ist, anhaftet. Dabei sollte Cormans künstlerische Integrität bei etwas eingehenderer Beleuchtung vor allem seines späteren Werks als Regisseur außer Frage stehen. Zudem bilden Filme über Gangster in der Depressions- und Prohibitionsära ein eminentes Segment New Hollywoods und eines der wenigen letzten, von der Strömung weiterhin regelmäßig bedienten, klassischen Genres, das nicht zuletzt durch Arthur Penns „Bonnie & Clyde“ zugleich einen bedeutsamen Initiationsschuss der bis heuer stilistisch nicht eindeutig umreißbaren „Bewegung“ beinhaltet. Entsprechende Beiträge folgten unter anderem von Aldrich, Altman, Milius und eben Corman sowie seinem Schüler Steve Carver.
Die authentische Kate „Ma“ Barker bildet neben den vielen anderen schillernden Kriminellen ihrer Zeit eine besondere Projektionsfläche für hauseigene Mythen und deren blumige Ausgestaltung; sie gilt als personifiziertes Matriarchat, als Albtraum selbstbestimmter, sexuell libertiner Weiblichkeit in einem ansonsten ausschließlich von Männern dominierten Milieu. Corman trägt dieser Legendenbildung willfährig Rechnung und macht sie sich zunutze, indem er trotz eingangs formulierter Ähnlichkeitsbeteuerung wenig Notiz von den historischen Fakten nimmt und sein eigenes Süppchen um Kate Barker und ihre Söhne anrührt. „Bloody Mama“ entwickelt sich gleich von der ersten Einstellung an zu einem Festival der Abseitigkeiten, des anti-bourgeoisen, akzeptanznegierten Lebensstils. Zu Beginn wird die junge Kate Barker (Lisa Linsky) einmal mehr zum Opfer einer Vergewaltigung durch Vater und Brüder, offenbar eine nicht unwichtige Motivationsgrundlage für ihre spätere Karriere. Nachdem sie und die vier Jungs ihren Ehemann und Vater (Alex Nicol), einen weinerlichen, affirmativen Schwächling, verlassen haben, beginnt ihre Tobestrecke quer durch den Mittel- und Südwesten des Landes. Zu ihren Söhnen plegt Kate ein ebenso autoritatives wie inniges Verhältnis, das auch regelmäßige inzestuöse Zuwendungen nicht ausspart. Jeder der Vier wiederum trägt derweil nochmals (s)ein ganz spezifisches „Problem“ spazieren: Herman ist ein sadistischer Soziopath und Mörder, Lloyd bindungsunfähig und heroinsüchtig, Fred ein homosexueller Masochist und Arthur das bloße Anhängsel. Corman porträtiert diese komplexen Charaktere so weit als möglich wertfrei und nüchtern; selbst für Ma findet er bei aller Gewaltaffinität immer wieder Momente sehnsuchtsvoller Zärtlichkeit und Träumerei. Die Kamera entfesselt sich immer wieder und vollführt radikale Schwenks nebst dazu passender Montage; auch hier macht sich eine Emanzipation von der Konvention bemerkbar.
„Bloody Mama“ lädt zu einer unbedingt lohnenswerten Reise ein; als Mosaikstück einer auch nur halbwegs vollständigen Chronologie des amerikanischen Gangsterfilms scheint er mir darüber hinaus unverzichtbar.

9/10

JEEPERS CREEPERS

„It has eaten too many hearts for its own to ever stop!“

Jeepers Creepers ~ USA 2001
Directed By: Victor Salva

Die Geschwister Trish (Gina Philips) und Darry Jenner (Justin Long) befinden sich auf dem Heimweg vom Spring Break, als ihnen mitten in der Einöde ein merkwürdiger, vor Rost starrender Lastwagen auffällt, dessen Fahrer sich höchst aggressiv verhält. Kurz darauf entdecken Trish und Darry das Gefährt in der Nähe einer alten Kirche, wo jemand etwas, das nach gefüllten Leichensäcken aussieht, in ein unterirdisches Gewölbe hinablässt. Dabei handelt es sich wiederu um den Fahrer des Lasters, der sich sogleich aufmacht, die Geschwister zu verfolgen. Es entbrennt ein Katz-und Maus-Spiel, im Zuge dessen Darry und Trish erfahren müssen, dass es sich bei ihrem Verfolger um den „Creeper“ (Jonathan Breck) handelt, ein Monster, dass sich immer wieder durch die Körperteile seiner Opfer erneuert und bei seiner Jagd vor nichts und niemandem zurückschreckt.

„Jeepers Creepers“ lief beinahe zeitgleich mit John Dahls ganz ähnlich gewebtem „Joy Ride“ in den Kinos, wobei sein Einspielergebnis das der wesentlich teureren Studioproduktion langfristig überflügeln konnte. Und tatsächlich erweist Salvas durchaus altmodisch angegangene Monstermär sich im Direktvergleich als der schönere und vor allem phantasievollere der beiden Filme. Hier wie dort geht es um die beiläufige, eher im Scherzhaften initiierte Entfesselung einer diabolischen Macht, die sich dann jeweils als mysteriöser Fahrer eines LKW entpuppt, der ein paar vormals gut aufgelegten, jungen Leuten das Leben schwermacht und deren unerbittliche Verfolgung mit offener Mordabsicht zu einem zunehmend harschen Höllenritt werden lässt. Gedanklicher Schirmherr dieses Motivs ist fraglos Spielbergs „Duel“, doch auch Robert Harmons „The Hitcher“ darf sich einer unübersehbaren, ideellen Patenschaft erfreuen. All diesen Werken gemein ist die genrefreudige Kultivierung der mehr oder weniger irrationalen Angst vor den endlos verlaufenden, ruralen Straßennetzen der USA, auf deren staubigen Meilen sich unfassbare Bedrohungen verbergen, die eine mögliche Begegnung mit sich nicht verzeihen wollen. „Jeepers Creepers“ formuliert seine diesbezüglich Sache da sogar besonders konsequent aus: Anlass zur Panik ist hier weder ein mörderischer Anhalter, noch ein psychopathischer Trucker, sondern eine dämonische Kreatur unbekannter Herkunft, die offenbar bereits seit langer Zeit die Gegend unsicher macht; eine inkarnierte Lagerfeuergeschichte sozusagen. Was den Creeper neben seiner ruhelosen Agenda umtreibt oder wo er herkommt, bleibt ein Mysterium. Wir erfahren lediglich, dass er in regelmäßigen Zeitabständen, nämlich alle 23 Jahre, für 23 Tage Jagd auf besonders angsterfüllte Opfer macht, um sie dann als Ersatzteillager für seinen verrottenden Körper zu missbrauchen. Dabei ist das Monster sehr hübsch gestaltet. Den LKW, Mantel und Hut nutzt es lediglich, um nicht gleich jedem aufzufallen, es verfügt nämlich über riesige Schwingen und hat gewisse Ähnlichkeit mit einer Kragenechse. Als sehr konsequent empfand ich, dass der Creeper seinen anfänglichen, filminternen und handelsüblichen Status als Hirngespinst überspannter Teenager rasch verliert und es im weiteren Verlauf sogar mit der State Police aufnimmt, was wiederum Anlass für reichlich spektakuläre Augenblicke mit sich bringt.

8/10

LIVE BY NIGHT

„We’re all going to hell.“

Live By Night ~ USA 2016
Directed By: Ben Affleck

Boston, 1926. Seine blauäugige Affäre mit dem Gangsterliebchen Emma Gould (Sienna Miller) wird dem Ganoven Joe Coughlin (Ben Affleck) zum Verhängnis: Mafiaboss White (Robert Glenister) kommt hinter den Seitensprung seiner Mätresse und rächt sich, was Joe zwar nicht wie geplant das Leben, aber doch die Freiheit kostet – er landet nämlich im Gefängnis. Um sich an White zu rächen, läuft Joe zur italienischen Mafia über, deren Boss Pescatore (Remo Girone) ihn nach Tampa schickt, um dort die regionalen Geschäfte zu verwalten. Joe verliebt sich dort in die schöne Exilkubanerin Graciela Corrales (Zoe Saldana) und heiratet sie, derweil er zur lokalen Unterweltgröße aufsteigt und eigene Pläne für ein Casino entwickelt. Schwierigkeiten mit dem Ku-Klux-Klan und dem hiesigen Polizeichef Figgis (Chris Cooper) bringen Joe mehr und mehr in Bedrängnis, bis Boss Pescatore schließlich höchstselbst in Tampa erscheint und Joe mit einer unangenehmen Neuigkeit konfrontiert…

Ein wenig eitel geraten ist er wiederum schon, der aktuelle Affleck (damit meine ich ausdrücklich seine Regiearbeit), den er abermals kräftig um die eigene Person herum inszeniert. Dennoch darf man ihm durchaus bescheinigen, als Filmemacher mittlerweile ein wesentlich höheres  Niveau erreicht zu haben denn in seiner ursprünglichen Tätigkeit als Schauspieler. Damit wandelt er ein wenig auf den Spuren von Vorbildern wie Eastwood, Beatty oder Redford, die einst und bis heute ja höchst erfolgreich durchaus analoge Wege beschritten. Angesichts seiner bisherigen Ausbeute wünscht man Affleck durchaus, dass er in zwei Dekaden mal auf ganz ähnliche Meriten wird zurückblicken können.
„Live By Night“ liefert formelhaftes Gangsterkino der gehobenen Klasse, was sich bereits auf seine Darbietung als period piece zurückführen lässt: Die Prohibition bietet stets ein dankbares Zeitkolorit, die damit einhergehende Periode der Zwanziger entsprechend viele Möglichkeiten, Chic in der Wahl von Garderobe, Musik und Interieurs auszustellen. Audiovisuell geschmackvoll kommt Afflecks Film also ohne Frage daher, und die bislang eher selten geschilderte Konfrontation „Mafia vs. KKK“ gibt ihm gleichfalls inhaltlichen Auftrieb. Etwas blass dagegen bleibt – offensichtlich anderer Pläne zum Trotze – die Hauptfigur des Joe Coughlin. Seine phasenweise immer wieder hervortretenden Skrupel, die sich insbesondere in seiner Verbindung zu Figgis‘ gebeutelter Tochter Loretta (Elle Fanning) und den entsprechenden Szenen manifestieren, lenken ein klein wenig vom Wesen des Verbrechertums ab, das eben, um erfolgreich zu funktionieren, echte Schweinehunde benötigt. Vielleicht braucht Affleck noch ein paar Jahre, um sich selbst einmal als wirklich fiesen Patron ins Bild zu rücken. Auch das gehört gewissermaßen zur ganzheitlichen Emanzipation des veritablen actordirector.

7/10