SEVERANCE

„Are you still tripping?“

Severance ~ UK/D/HU 2006
Directed By: Christopher Smith

Eine siebenköpfige Gruppe der englischen Rüstungsfirma „Palisade Defence“ befindet sich auf dem Weg zu einer Teambildungsmaßnahme im ruralen Osteuropa. Statt in der als „luxuriös ausgestattet“ angekündigten Jagdhütte landet das Septett jedoch, nachdem der unwirsche Busfahrer (Sándor Boros) es mitten im Wald aussetzt, in einem abbruchreifen Gebäude unbekannter Provenienz. Bald wird auch dem letzten der Angestellten klar, dass sie nicht allein in der Gegend sind; vielmehr scheinen ein paar durchgedrehte, vetsteckt in der Gegend hausende Bürgerkriegsverbrecher größtes Interesse daran zu haben, dass ihr Überleben weiterhin geheim bleibt und knöpfen sich daher die überrumpelten Damen und Herren vor.

Christopher Smiths angenehm satirisch aufgezogene Splattergroteske tanzt gleich auf mehreren thematischen Hochzeiten und dies glücklicherweise weitgehend behende. Dabei muss man allerdings anmerken, dass das erste Drittel des Films, in dem die Firmenmitarbeiter mit all ihren bewusst einschlägige Klischees echoenden Charakteristika vorgestellt werden, zugleich den gelungensten Part des Films darstellt: Abteilungsleiter Richard (Tim McInnerny) hätte gern ein wesentliches autoritäreres Auftreten, wird von den Übrigen jedoch insgeheim bloß belächelt. Seine Nemesis ist der smarte Harris (Toby Stephens), ein kerniger Zyniker, der Richard allzeit spüren lässt, für was für ein Weichei er ihn hält. Auf die hübsche, anorexische Maggie (Laura Harris) sind sämtliche Männer der Gruppe scharf, obschon keiner von ihnen bei ihr landet. Die andere Dame der lustigen Equipe, die alternativ angehauchte, tierliebende Jill (Claudie Blakeley), könnte gar nichts Falscheres machen als für einen Waffenproduzenten zu arbeiten. Der etwas nervöse Gordon (Andy Nyman) ist Richards einziger echter Untergebener und tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste, derweil der rauschaffine Steve (Danny Dyer) sich zuallererst einmal folgenreich an einer Portion halluzinogener Pilze delektiert. Billy (Babou Ceesay), der Quotenfarbige, ist zugleich der Sympathischste und Vernünftigste im Team, der als Einziger den Überblick wahrt. Hinreichend Kanonenfutter also für die zahlreich vertretenen, blutrünstigen Veteranen, die sich über alles und jeden freuen, an denen sie ihre Kriegstraumata abreagieren können. Unnötig zu erwähnen, dass lediglich zwei der TeilnehmerInnen am Ende halbwegs ungeschoren davon kommen, zusammen mit zwei einheimischen Callgirls (Julianna Drajkó, Judit Viktor), die noch eher zufällig ins Geschehen gemischt werden.
Dass man sich besser nicht unbedarft hinter den nunmehr unsichtbaren, aber doch noch kopfpräsenten Eisernen Vorhang begeben sollte, weiß zumindest der Freund deftigerer Genrediät nicht erst seit Eli Roths „Hostel“-Filmen, „Ils“ oder dem später entstandenen „The Seasoning House“. Seien es machtvolle Verbrechersyndikate, pervertierte Oligarchen oder einfach nur desaströse humane Relikte der krisengeschüttelten, letzten Jahrzehnte: Mit der im Schatten florierenden Blutrunst der (Süd-)Ost(block)europäer ist, jene Erkenntnis lässt sich aus obigen medialsozialen Erfahrungen destillieren, garantiert nicht gut Kirschenessen. Auch „Severance“ greift dieses bärbeißig-lustige Westklischee abermals auf und spielt es mit einem genüsslichen Augenzwinkern aus.
Als weniger treffend empfand ich die auf die Waffenindustrie anspielende Satiredimension – dass ausgerechnet die Repräsentanten eines moralisch ohnehin letztklassigen Rüstungsunternehmens zu Opfern der eigenen Produkte werden, erscheint dann doch als eine etwas allzu offensichtlich gezogene Äquivalenz. Ebenso wäre zu bemäkeln, dass der erfrischend komische Tonus vom Beginn von „Severance“ zum Ende hin zugunsten hinlänglich bekannter Slasher- und Manhunt-Strukturen bis auf wenige Blitzlichter nahezu völlig mit Füßen getreten wird. Hier wäre gewiss mehr drin gewesen. Dennoch ein alles in allem überaus spaßiges Unterfangen.

7/10

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DEN 12. MANN

„Mir geht niemand durch die Lappen.“

Den 12. Mann (The 12th Man – Kampf ums Überleben) ~ NO 2017
Directed By: Harald Zwart

Norwegen, März 1943. Im Zuge der „Operation Martin Red“, die die gezielten Sprengungen mehrerer militärisch bedeutsamer Ziele der deutschen Besatzer umfasst, landen zwölf in England zu Saboteuren ausgebildete, einheimische Widerstandskämpfer der „Company Linge“ in der Nähe von Tromsø, wo sie bereits von Gestapo und SS in Empfang und in Haft genommen werden. Nur einem von ihnen, Jan Baalsrud (Thomas Gullestad), gelingt die Flucht in den vereisten Fjord. Die übrigen werden gefoltert und exekutiert. Baalsruds einzige Chance besteht darin, die Grenze zum neutralen Schweden zu erreichen. Eine zweimonatige Odyssee, die ihn an die äußersten Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit treiben wird, liegt vor ihm.

Die entbehrungsreiche Flucht Jan Baalsruds, den die Geschichtsschreibung längst zu einem der skandinavischen Helden der Résistance erklärt hat, basiert auf authentischen Geschehnissen, die Harald Zwarts Film unter der Prämisse, dass „die folgenden Ereignisse, so unglaublich sie auch scheinen mögen, sich so zugetragen haben“ nachzeichnet. Wenngleich Baalsrud immer wieder die unterstützende Hilfe der Einheimischen in Anspruch nehmen kann, hängt der Löwenanteil seines Überlebens dennoch von der eigenen Willenskraft und Zähigkeit ab, die ihn diverse Leiden überstehen lassen. Immer wieder entkommt Baalsrud der SS, in vorderster Front seinem (ebenfalls norwegischen) verbissenen Hauptverfolger Kurt Stage (Jonathan Rhys Meyers) nur ganz knapp oder infolge oftmals obskurer Zufälle, die manchmal auch aus dem bloßen Hochmut des stolzen Nazis heraus erwachsen. Dennoch gleicht Baalsruds Pfad einer Passionsgeschichte: Er gerät in eine (von seiner Verfolgern ausgelöste) Lawine, muss Knochenbrüche, Erfrierungen, Schneeblindheit, Fieber und Wundbrand ertragen und ist schließlich gezwungen, sich selbst die Zehen zu amputieren um nicht seine Beine zu verlieren. Nicht nur die den Okkupanten fast durchweg feindlich gesinnte Zivilbevölkerung unterstützt ihn, sondern, kurz vor dem Ziel noch eine Gruppe Samen und sogar ein kluges Rentier.
Zwart zieht, was ihm wohl auch mehrfach zur Kritik gereichte, diese spektakuläre Geschichte als Überlebensabenteuer auf, vor dem der historische Hintergrund oftmals sich zur im Prinzip austauschbaren Beliebigkeit degradiert findet. Die Nazis werden durchweg als jene unmenschlichen Klischeebestien gezeichnet, die ja in der (genre-)spielfilmischen Parallel-Geschichtsschreibung seit eh und je greift und sind vor allem als größenteils diffuse, äußere Bedrohung im Hintergrund präsent, so dass „Den 12. Mann“ häufig mehr als Actionfilm denn als akkurate historische Aufarbeitungslektion zu rezipieren ist.
Auch wenn nun Zwarts Film gewiss nicht frei von Schwächen unds Unebenheiten ist, gibt es doch an mancherlei Tatsachen, so meine ich, wenig zu rütteln: „Den 12. Mann“ besorgt den Abriss des zunehmend persönlich gefärbten Hergangs einer ganz individuellen Widerstandsaktion und hat trotz seiner ausgedehnten Spielzeit überhaupt nicht die Aufgabe, fanatischen SS-Offizieren ein differenziertes Persönlichkeitsbild zu verschaffen – warum auch? Es geht nicht um verschissene Nazis, sondern um den Widerständler Jan Baalsrud und um die ohnehin im Falle jedes einzelnen kleinen oder großen Rebellen gegen das Deutsche Reich unabdingbar wichtige Tatsache, seine spezifische Geschichte populärer zu machen und ihm, obschon mit den evidenten Mitteln des Unterhaltungsmediums, ein verdientes Denkmal zu setzen. Diese Mission erfüllt „Den 12. Mann“ hinreichend zuverlässig.

7/10

CRY FREEDOM

„I just expect to be treated like you expect to be treated.“

Cry Freedom (Schrei nach Freiheit) ~ UK 1987
Directed By: Richard Attenborough

East London, Südafrika, in den frühen siebziger Jahren: Der liberale Journalist Donald Woods (Kevin Kline) trifft sich auf Initiative der Bürgerrechtlerin Dr. Mamphela Ramphele (Josette Simon) hin mit dem unter Bann stehenden BCM-Aktivisten Steve Biko (Denzel Washington), den der trotz allem vorurteilsbehaftete Woods als schwarzen Rassisten verurteilt. Die beiden Männer lernen sich gegenseitig schätzen, kommen sich bald näher und sie und ihre Familien werden gute Freunde. Als Biko, der ohnehin permanent von den Repräsentanten der Apartheidsregierung schikaniert wird, ankündigt, zu einem BCM-Treffen in Kapstadt zu reisen, wird er unterwegs von uniformierten Ordnungshütern gestellt und in der nachfolgenden Gefangenschaft fast zu Tode gefoltert. Der polizeilich angeordnete Transport in ein weit entferntes Hospital kostet ihn schließlich das Leben. Der zutiefst empörte Woods, der sich zuvor infolge seiner Sympathiebekundungen für Biko bereits den Polizeipräsidenten Kruger (John Thaw) zum persönlichen Feind gemacht hat, plant eine Vortragsreihe in den USA, wird jedoch an der Ausreise gehindert und selbst unter Bann gestellt. Als ein offensichtlich von radikalen Beamten initiierter Säureanschlag auf Woods Kinder stattfindet, beschließt der Journalist, mit seiner gesamten Familie am Silvestertag 1977 die Flucht aus Südafrika anzutreten.

Richard Attenboroughs erste Regiearbeit nach „Gandhi“ packt wiederum ein heißes historisches Eisen an: das – damals noch existente – Apartheidssystem Südafrikas. Für den dramaturgischen Überbau seines Films ließen sich Attenborough und sein Scriptautor John Briley von den später erschienen Sachbüchern Donald Woods‘ inspirieren und der Autor selbst nebst seiner Frau Wendy ließ es sich nicht nehmen, dem Projekt als enger Berater zur Seite zu stehen.
„Cry Freedom“ ist ein kluger, episch ausladender Film der gerechten Empörung, ein aufrichtiges Plädoyer für Verständigung und Freundschaft. Ich erinnere mich an (zeitgenössische) Kritiken, die ihm vorwarfen, im letzten Viertel (das primär die Fluchtumstände Donald Woods‘ und seiner Familienangehörigen schildert) Konventionen zu bedienen und „Cry Freedom“ somit stark in seinem ursprünglichen Ansinnen abzuschwächen. Dem halte ich entgegen, was ich den meisten Verurteilern von humanistischen Stoffen im westlichen Mainstreamkino (die Beispiele dafür sind ja Legion) entgegenhalte: Jeder einzelne (junge?) Zuschauer, der sich, vielleicht erstmals in seinem Leben überhaupt, infolge der Betrachtung eines Films wie diesem mit derlei dunklen Menschheitskapiteln auseinandersetzt und sich vielleicht von persönlichen Studien im Anschluss daran weiterführen lässt, sie vertieft, intensiviert; jeder Zuschauer, dessen Verstand und Seele, und sei es nur ein kleines bisschen, infolge eines Films wie „Cry Freedom“ in Bewegung gerät, jeder, der sich, wenngleich möglicherweise zunächst zaghaft, Reflexion und Diskussion öffnet, dessen späteres Engagement oder dessen Haltung vielleicht in der Rezeption dieses Films wurzelt, rechtfertigt nicht nur seine bloße Existenz, sondern bestätigt zugleich auch die Berechtigung der gewählten Form. Natürlich erzählt Attenborough auch eine dramatische, spannende Geschichte und wählt dafür die klassische Dramaturgie des Unterhaltungskinos. Natürlich gibt es kalkulierte Suspense-Momente, wenn man mit dem als Geistlicher verkleideten Woods/Kline bangt bei seinen Grenzübertritten. Was aber soll daran bitte verwerflich sein? Wo steht geschrieben, dass Betroffenheitskino (ich wähle diesen anrüchig konnotierten Terminus ganz bewusst und ohne Anführungszeichen, denn ich habe seine ja sehr käsige Konnotation eh noch nie begriffen) dröge, langweilig und elliptisch-verschwurbelt erzählt daherkommen muss? Aus „Cry Freedom“ kann man lernen. Man kann lernen, dass es großartige Menschen wie Bantu Stephen Biko gab, von dem, mit Ausnahme von Peter Gabriel vielleicht, etliche Allerweltsleute zuvor nie gehört hatten und ohne Attenboroughs Film auch nie gehört hätten? Menschen, die unter widrigsten Umständen gelebt und gelämpft haben und die für ihre gerechte Überzeugung sterben mussten, auch wenn sie später in Biopics von reichen und berühmten Hollywoodstars wie Denzel Washington dargestellt werden. Das enthebt sie keinesfalls ihres historischen Status‘, sondern verschafft ihnen im Gegenteil weitflächigere, höchst verdiente Reputation. Ein eminentes – ich sage das nicht leichtfertig – Meisterwerk.

10/10

THE CUT

Zitat entfällt.

The Cut ~ D/F/I/RU/PL/CA/TR/JO 2014
Directed By: Fatih Akin

Acht Jahre, ein Weltkrieg, ein Genozid, vier Länder, zwei Kontinente und eine lange Reise.
Die Familie des in Mardin lebenden armenischen Schmieds Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) fällt wie viele andere 1915 den ethnischen Säuberungsaktionen der Türken zum Opfer. Nazaret wird von Frau Rakel (Hindi Zahra) sowie seinen kleinen Zwillingstöchtern Arsinée (Zein Fakhoury) und Lucinée (Dina Fakhoury) getrennt und als Zwangsarbeiter in die Wüste verschleppt. Dort wird er Zeuge des desolaten Schicksals vieler Armenier und Andersgläubiger, kommt fast um vor Hunger und Durst und soll schließlich von dem gefangenen türkischen Kleinkriminellen Mehmet (Bartu Küçükçağlayan) auf Anordnung einiger Soldaten hin die Kehle durchschnitten bekommen. Dieser bringt den Mord jedoch nicht fertig und zersticht stattdessen Nazarets Stimmbänder. Später rettet Mehmet den Schwerverletzten und bittet ihn um Vergebung. Nach langer Wanderung gelangt der nunmehr stumme Nazaret in ein unter entsetzlichen Bedingungen geführtes Flüchtlingslager vor Ra’s al-‚Ain, wo er seiner im Sterben liegenden Schwägerin (Arevik Martirosyan) wiederbegegnet, die ihn bittet, sie zu erlösen. Daraufhin gelangt Nazaret nach Aleppo und unter die Fittiche des Seifenmachers Nasreddin (Makram Khoury), der ihm Obdach und Arbeit gewährt. Nach Kriegsende erfährt Nazaret dann, dass seine beiden Töchter noch leben sollen. Die folgende Reise führt ihn über den Libanon bis nach Havanna und schließlich über Florida und Minnesota bis nach North Dakota, wo er Lucinée (Lara Heller) zu guter Letzt endlich wiedersieht.

Eine Migrantengeschichte von Hunderttausenden in den globalen Kriegsnachwehen bildet den Abschluss von Fatih Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Den für den Regisseur mit ungewohnt großem Aufwand und vergleichsweise gewaltiger Logistik entstandene Reisebericht darf man wohlfeil als „Weltkino“ bezeichnen, wobei andererseits die entbehrungs- und wendungsreiche Dramaturgie zu Lasten der vormals so intimen Figurenpsychologie verläuft. Während die Charaktere aus „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ und auch aus Akins früheren drei Filmen noch mit einem geradezu exemplarischen Persönlichkeitspolster versehen wurden und gerade ihre fein herausgeschliffenen Ecken und Kanten ihnen eine oftmals schon beängstigende Realitätsanbindung verlieh, hat derlei Intimität in „The Cut“ kaum mehr Platz. Natürlich steht der Protagonist Nazaret Manoogian im Zentrum des Geschehens und wird auch sorgsam motivatorisch unterfüttert, ihn überragt jedoch der gewaltige, teils schon monumental wirkende Charakter der historischen Einbettung. Das besonders von den Türken nach wie vor nur sehr vorsichtig und delikat angepackte Thema des systematisch durchgeführten Genozids der Osmanen an den Armeniern treibt Akin sehr viel mehr um als Hauptbelastungstopos, ebenso wie die daraus resultierenden Folgen der zwangsweisen Migration, der Flüchtlingsströme und der Versprengung und Zusammenführung von Familien. Um Zeit- und Lokalkolorit adäquat und kongenial zu präservieren, eine Herausforderung, an der der Filmemacher in formaler Hinsicht sichtlich wächst, musste Akin seine Perspektive zwangsläufig vom Individuum fort- und stattdessen zur Gesamterscheinung hinlenken, eine Gratwanderung, die sich interessant ausnimmt, ihm aber nicht immer zum Vorteil gereicht. „The Cut“ entfaltet seinen Sehenswert vor allem als historisches Kaleidoskop, das einem Vergleich etwa mit Elia Kazans Meisterwerk „America America“ allerdings nicht Stand zu halten vermag. Dabei ist er jedoch auch keinesfalls die große Enttäuschung, von der viele FeuilletonistInnen, vermutlich in Erwartung einer kammerspielartig-vollendeten Trilogieerfüllung, klagten: Fatih Akin zeigt im Gegenteil, dass er auch und selbst  in der Handhabung solch herausfordernder Projekte noch immer ein Regisseur von hohem internationalen Rang ist, wenngleich – soviel Ehrlichkeit muss dann bei aller berechtigten Schwärmerei doch sein – seine wahre Kraft an anderer Stelle reüssiert. In der vielleicht schönsten Sequenz in „The Cut“, einer sehr intimen zudem, besucht Nazaret kurz nach der Vertreibung der sieglosen Türken aus Aleppo zufällig eine Filmvorführung des mittlerweile vor Ort befindlichen Internationalen Roten Kreuzes. Projiziert an eine Hauswand und gänzlich ohne tonale Untermalung wird Chaplins „The Kid“ gezeigt. Erstmals verspürt hier ein verzweifelter Mann die Kraft der bewegten Bilder. Lachen und Weinen mit Chaplin als Tramp und Jackie Coogan als sein Adoptivsohn. Hier erfährt Nazaret auch vom Überleben seiner Töchter und schöpft somit neue Lebenskraft. Zeitlich betrachtet ist das eigentlich völlig unpassend, aber Akin konnte, vielleicht zurecht, der Versuchung nicht widerstehen. Das Kino ist frei und es darf (fast) alles.

8/10

AUF DER ANDEREN SEITE

„Das ist Deutschland.“

Auf der anderen Seite ~ D/TR/I 2007
Directed By: Fatih Akin

Zwei tote Frauen, drei mit ihnen verknüpfte Biographien:
Yeter (Nursel Köse) arbeitet in Bremen als Hure, sehr zum Unwillen der türkischstämmigen, religionstreuen Community. Einer ihrer Kunden, der alte Ali (Tuncel Kurtiz), bietet ihr an, ihn gegen entsprechendes Entgelt zu heiraten. Sie dürfe dann allerdings nurmehr mit ihm ins Bett gehen. Alis Sohn Nejat (Baki Davrak), Germanistikprofessor, akzeptiert die Entscheidung seines Vaters, der jedoch, mittlerweile genesen von einem schweren Herzinfarkt, nach einem Streit Yeter schlägt und damit unfällig ihren Tod verursacht. Während Ali ins Gefängnis geht, sagt Nejat sich von ihm los, geht nach Istanbul und übernimmt dort einen deutschen Buchladen.
Yeters Tochter Ayten (Nurgül Yesilçay) muss wegen ihrer linksaktivistischen Tätigkeit aus der Türkei nach Deutschland fliehen. Nach der vergeblichen Suche nach ihrer lange von ihr getrennten Mutter lernt sie die Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) kennen und kommt im Hause von deren Mutter Susanne (Hanna Schygulla) unter. Die beiden jungen Frauen verlieben sich ineinander, doch Ayten wird bald von der Polizei aufgegriffen, abgeschoben und in Istanbul in ein Gefängnis gesteckt. Lotte folgt Ayten und will sie um jeden Preis aus der Haft herausholen, doch Ayten missbraucht sie für politische Zwecke: Lotte soll eine einst von Ayten versteckte Pistole an deren Genossen übergeben, wird während der Aktion jedoch von einem Straßenjungen erschossen.
Susanne kommt nach Istanbul und kommt als Untermieterin bei Nejat unter, in jenem Zimmer, das zuvor auch Lotte bewohnt hatte. Die beiden „Hinterbliebenen“ lernen sich kennen und verstehen. Susanne nimmt Kontakt zu Ayten auf und Nejat entscheidet sich, die Beziehung zu seinem mittlerweile ebenfalls zurück in der Türkei befindlichen Vater ins Reine zu bringen.

„Liebe, Tod und Teufel“ nennt Fatih Akin seine zwischen den Jahren 2004 und 2014 entstandene Trilogie um tragisch verlaufende Schicksale auf die eine oder Weise entwurzelter Menschen. Nach „Gegen die Wand“, vielleicht Akins bislang vollendetstem Meisterwerk, folgte mit „Crossing The Bridge“ zunächst eine Dokumentation über die vielgestaltige Musikszene Istanbuls (nebenbei jene Stadt, die beim Regisseur immer wieder selbst zu einem eminenten Narrativ wird) und dann mit „Auf der anderen Seite“ der mit „Tod“ überschriebene Mittelteil der späteren Anthologie.
In seinem insgesamt fünften Spielfilm entwirft der Altonaer wiederum ein in vielerlei Hinsicht komplexes Bild des auch seit Dekaden noch längst nicht ausgepegelten culture clash zwischen türkischen Migranten und Deutschstämmigen. Akins „Türken“ sind Wanderer zwischen den Welten, was auch den Titel des Films, der sich jeweils reziprok begreifen lässt, nachvollziehbar macht. Der Regisseur und Autor greift wiederum die Mehrakter-Struktur der griechischen Tragödie aus „Gegen die Wand“ auf, diesmal allerdings ohne musikalisch untermalenden Chor und „beschränkt“ auf drei, mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander stehende Segmente, von denen die ersten beiden die Geschichten (und Tode) Yeters und Lottes behandeln und das letzte, das schließlich den Filmtitel für sich beansprucht, den Überlebenden Verständnis und somit Erlösung gönnt. „Auf der anderen Seite“ erinnert nicht zuletzt durch die Mitwirkung einer ungebrochen starken Hanna Schygulla an die (zunehmend politisierte) Phase des Neuen Deutschen Film der Spätsiebziger und weniger an Akins oftmals ruppigeres, grelleres Vorwerk. Vor allem der sich a priori aufdrängende Vergleich zu „Gegen die Wand“ fällt signifikant aus, zumal die oftmals herausgeschrieenen, herzzereißenden emotionalen Spitzen des um zwei in absoluten psychischen Grenzzuständen befindliche Menschen kreisenden Vorgängers in dem weitaus stilleren, um nicht zu sagen kontemplativeren „Auf der anderen Seite“ vermutlich auch unpassend erschienen. Man könnte dies auch als ein leichtes Einknicken der jauchzenderen, vitaleren Seite Akins eruieren, wollte man dem Film einen Vorwurf machen. Ich empfinde die atmosphärische Kehrtwende zur Ruhe hin eher als den gelungenen Versuch, andere Dramatiken zu erkunden und auszuleuchten.

9/10

MARROWBONE

„Nothing,… nobody will separate us.“

Marrowbone (Das Geheimnis von Marrowbone) ~ E 2017
Directed By: Sergio G. Sánchez

1969 kommen die schwerkranke Rose Fairbairn (Nicola Harrison) und ihre vier Kinder Jack (George McKay), Billy (Charlie Heaton), Jane (Mia Goth) und Sam (Matthew Stagg) auf das abgelegene, leerstehende und insofern stark vernachlässigte Familiengut Marrowbone an der Küste Neuenglands. Die Familie ist auf der Flucht vor Simon (Tom Fisher), Roses Ehemann und Vater der Kinder, einem mehrfachen Raubmörder und Schwerkriminellen, der auf der britischen Insel sein Unwesen getrieben hat, dort verurteilt wurde und aus dem Gefängnis geflohen ist. Zudem hat Rose die Reste von Simons Beutezügen in ihrem Besitz. Die vier Kinder lernen die liebenswerte Allie (Anya Taylor-Joy) kennen, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, und verbringen mit ihr einen fröhlichen Sommer. Die Idylle trübt sich, als Rose an ihrer Krankheit stirbt und Jack, der noch nicht 21 ist, inoffiziell für seine drei Geschwister sorgen muss. Im Haus scheint ein Geist umzugehen, der hinter den Spiegeln wohnt. Allie, in die sich Jack verliebt hat, sieht er mittlerweile nurmehr selten und der auf ihn eifersüchtige und geschäftlich erfolglose Notar Porter (Kyle Soller) versucht, Jack um das Diebesgut seines Vaters zu erpressen. Ein brieflicher Hilferuf von Jane konfrontiert Allie schließlich mit der unfassbaren Wahrheit um Marrowbone House.

Dass Sergio G. Sánchez, dessen gelungenes Langfilm-Regiedebüt „Marrowbone“ darstellt, einst das Script zu J.A. Bayonas „El Orfanato“ verfasst hat, lässt sich im Zuge der Betrachtung des vorliegenden Werks recht umweglos nachvollziehen. Auch „Marrowbone“ gibt sich geradezu musterexemplarisch darin, eine mysteriöse, spannende Grundstimmung aufzubauen und diese auch über weite Strecken erfolgreich zu tragen. Als strikt zeitgebundenes period piece [in einer Szene erlebt Jack auf dem Fernseher einer Krämerin (Laura Brook) zufällig die Mondlandung von Apollo 11 mit], dessen entrückte, oftmals märchenhaft wirkende Atmosphäre wiederum überall ein Plätzchen finden würde – außer in der Gegenwart, findet der Film just in der gezielten Evozierung von Irrealis, Mysterium und Unzuverlässigkeit zu seiner besonderen Stärke. Ziemlich grandios auch die Idee, die asturische Küste Nordspaniens als Drehort-Substitut für Neuengland zu nutzen und den regionalen Überbau damit nochmals zusätzlich zu verwirren. Schließlich geht es in „Marrowbone“ zuallererst um Trugbilder, um imaginierte Wirklichkeit und, letzten Endes, um eine aus höchster Not heraus geborene, schwere psychische Störung. Dieser Conclusio arbeitet von Beginn an gewissermaßen alles in und an dem Film zu, so dass ein am Ende glücklicherweise logisch tragfähiges, sorgfältig ausgearbeitetes Realitätskonstrukt entsteht, dessen finale Darlegung (zugegebenermaßen erinnert der unumgängliche twist relativ stark an jenen aus „Shutter Island“ und ähnliche narratologische filmische Finten) dann alle zuvor vollzogenen Andeutungen Richtung Geisterspuk Lügen straft.
Wie ja eigentlich jeder Genrefilm blickt auch „Marrowbone“ somit auf eine lange, traditionsreiche Genealogie zurück. Ich musste etwa häufig an „Psycho“ denken und sein damals noch völlig frisches, brillantes Konzept, den Zuschauer unbewusst mit zwei Realitätsebenen zu konfrontieren – nämlich der (unbewusst verzerrten) von Norman Bates und der perspektivisch sehr viel „objektiveren“ von Lila Crane und Sam Loomis, die investigativ Marions Spur folgen, gegen Ende, quasi stellvertretend für den Rezipienten, beide Wahrnehmungskanäle zusammenführen und den „falschen“ damit auflösen. „Marrowbone“ verfährt nach einem ganz ähnlichen Prinzip und wird seine Vorbilder dabei bewusst in hohen Ehren halten. Dass am Ende zumindest ein großer Sieg für die Liebe steht, macht Sánchez‘ Film nochmals ein Quäntchen schöner.

8/10

THE FLIM-FLAM MAN

„You’d be amazed at the hundreds of satisfied students I’ve matriculated over the last 50 years!“

The Flim-Flam Man (Der tolle Mr. Flim-Flam) ~ USA 1967
Directed By: Irvin Kershner

Der desertierte und auf der Flucht vor der M.P. befindliche Private Curley (Michael Sarazzin) trifft zufällig auf den alternden Trickbetrüger Mordecai Jones (George C. Scott), im Süden des Landes auch als „Flim-Flam Man“ berüchtigt. Jones ernennt Curley kurzerhand zu seinem Partner und versichert dem immer wieder an den üblen Neppereien des Alten zweifelnden, jungen Mann, dass die Leute der heutigen Wohlstandsgesellschaft es in ihrer Gier und Verblendung gar nicht besser verdient haben, als öfter mal eine harte Lebenslektion zu lernen. Eine zeitlang schlagen sich die beiden gemeinsam durch allerlei waghalsige Abenteuer, stets auf der Flucht vor der Polizei, doch als Curley sich in die hübsche Farmerstochter Bonnie Lee (Sue Lyon) verliebt, ist er entschlossen, sich zu stellen.

Down by law: Was ein wenig an dieser durchaus hübschen Gaunerkomödie und Vater-Sohn-Allegorie stört, ist ihre Unentschlossenheit, einen klaren Weg einzuschlagen. Nicht, dass ich prinzipiell etwas gegen Filme hätte, die sich eindeutiger Richtungen bewusst enthalten, im Gegenteil. Nur ist dann gleichfalls eine entsprechend herausgestellte Haltung wünschenswert. „The Flim-Flam Man“, der eigentlich vorzüglich in der historischen Rahmen der Depressionszeit gepasst hätte (nichtsdestotrotz aber in der Gegenwart angesiedelt ist), liefert ein Porträt der Südstaaten ohne wirklich in medias res zu gehen. Er macht einen erklärten Gauner zum Protagonisten, verschließt sich jedoch moralischer Zweideutigkeit. Er baut einerseits auf die Leichtigkeit und den Chaosslapstick der Disney-Komödien von Robert Stevenson, findet aber dann doch nicht recht den Mut, sich konsequent auf ebendieses atmosphärische Federpolster zu verlassen. Als störend erweist sich in diesem Zusammenhang vor allem die Zerrissenheit des ausgehöhlt wirkenden Charakters von Sarazzin, der hier sein Filmdebüt gibt und der eigentlich einer luziden Psychologisierung entbehrt. Die Agenda von Mordecai Jones, den George C. Scott unter einigem Makeup gewohnt bravourös durch die Geschichte trägt, ist zwar komplex, aber unkompliziert: Der Mann hat die Gesellschaft offenbar hinreichend kennengelernt und verweigert sich seither bewusst jedweder Adaption. Curley indes ist mehr der rebel without a cause, der darüberhinaus auch gar kein rebel sein will. Sämtliche Versuche von Jones, den jungen Mann davon zu überzeugen, dass Freiheit, und sei sie selbstgemacht und umstandshalber sogar forciert, das höchste individuelle Gut ist, scheitern schlussendlich, so dass das happy end eigentlich gar keines ist. Der Flim-Flam Man, ein sanftkrimineller hobo, der der Naseweisheit der Justiz stets einen Schritt voraus ist, erweist sich als aus der Zeit gefallener, sozialer Dinosaurier, als aussterbende Art, die keinen reellen Erben mehr findet. Eine ziemlich traurige, reaktionäre Haltung, die Mordecai Jones, im Gegensatz zu einem veritablen Nachfolger, so nicht verdient.

6/10