CERTAIN FURY

„I want you away from me!“

Certain Fury (In der Hitze von New York) ~ USA 1985
Directed By: Stephen Gyllenhaal

Scarlet McGinnis (Tatum O’Neal) und Tracy Freeman (Irene Cara), zwei komplett gegensätzlichen Milieus entstammende junge Frauen, landen wegen unterschiedlicher Delikte vor dem Haftrichter. Als im Gerichtssal eine weitere Delinquente (Dawnlea Tait) plötzlich Amok läuft und diverse Beamte erschießt, bleibt Scarlet und Tracy nurmehr die Flucht nach vorn. Nachdem sie zunächst in der Kanalisation landen, kommt ein weiterer Polizist (Gene Hartline) unfällig zu Tode. Nur sehr zögerlich entwickelt das nunmehr unfreiwillig aufeinander angewiesene Paar eine aus der Not geborene Freundschaft, die sie auf der Flucht vor der Polizei durch diverse Institutionen der urbanen Unterwelt führt.

Dieser kleine, in Vancouver gedrehte (und demzufolge gut sichtbar mitnichten, wie der deutsche Titel es zu suggerieren versuchte, in New York spielende) Indie-Exploiter kombiniert Motive des schwarzweißen buddy movie von Stanley Kramers „The Defiant Ones“ bis zu Walter Hills „48 Hrs.“ mit dem zeitgenössisch angesagten Subgenre des nächtlich angesiedelten Großstadt-Odysse-Films und feminisiert diese kurzerhand.
Soweit, so gut: Atmosphärisch und auch formal geht Gyllenhaals durch allerlei Stationen urbaner Halbwelten mäanderndes Krimidrama durchaus in Ordnung und auch die Darstellerriege kann sich von den Haupt- bis in die Nebenrollen hinein sehen lassen. Gleich zu Beginn gibt es einen prall choreographierten Shootout, der die Zuschauererwartungen nochmals immens schürt und die Berliner Synchro versucht mit teils kecken Sprüchen, das Beste aus dem ihr Überlassenen zu machen. Dennoch war es „Certain Fury“ nie vergönnt, auch nur ansatzweise den Status selbst eines Kleinstklassikers zu erobern. Zurecht. Denn der Grund dafür ist flugs eingekreist und liegt evident auf der Hand: Das von (dem anschließend nurmehr zweimal in Erscheinung getretenen) Michael Jacobs entwickelte Script erweist sich von vorn bis hinten eine einzige Katastrophe. Abgesehen von einem bestenfalls auf Minimalebene erkennbaren groben roten Faden, der sich auch nur per ganz viel good will mit Mühe und Not identifizieren lässt, wirken sowohl Narration als auch Dramaturgie mit zunehmendem Verlauf hoffnungslos zerfahren. Vor allem die beiden Protagonistinnen ändern ihre Pläne und wechselseitigen Sympathien praktisch ohne nachvollziehbare Kausalitätsschemata im Sekundentakt, wobei insbesondere die Motivlage von Tatum O’Neals Figur trotz all ihrer darstellerischen Bemühungen völlig nebulös bleibt. Potenziell interessante Nebenfiguren wie der Pornofilmer Sniffer (Nicholas Campbell) oder der Zuhälter Rodney (Peter Fonda) werden erbarmungslos verschenkt und verheizt; die regelmäßig zwischengeschalteten Szenen mit George Murdock als die beiden Mädels verfolgender Cop und Moses Gunn als Tracys Vater (peinlich klischiert als erfolgreicher Chirurg, dessen Sorge um seine Tochter sich mit reichlicher Verspätung einstellt) folgen ebenfalls keinem plausiblen Fortgang. Die gleich mehrere mit heißer Nadel dahergestrickte Macguffins bemühende Episodenhaftigkeit gleitet bald in die Beliebigkeit ab. Diese fatale Inkonsistenz schmerzt besonders, weil „Certain Fury“ eben auch über die eingangs erwähnten Qualitäten verfügt und somit grundsätzlich ein schöner Film hätte werden mögen. So taugt er nurmehr als revisionistisches Beispiel dafür, dass auch im schillernden Genrekino der Achtziger nicht alles Gold ist, was scheinbar attraktiv durch die Annalen hindurchschimmert.

4/10

TAKEN 3

„Finish me! I deserve it!“ – „Yes. You do.“

Taken 3 (96 Hours – Tak3n) ~ F/USA/E 2014
Directed By: Olivier Megaton

Während Bryan Mills (Liam Neeson) noch ohne sein Wissen im Begriff ist, Großvater zu werden, nähert sich ihm seine Ex Lenore (Famke Janssen) wieder an, zumal dieser der Dauerstress mit ihrem zweiten Gatten, dem Geschätsmann Stuart St. John (Dougray Scott), ziemlich zu schaffen macht. Die Katastrophe stellt sich ein, als Bryan Lenore in seinem Appartment mit durchschnittener Kehle vorfindet und höchstselbst als Täter verdächtigt wird. Anstatt sich zu stellen, taucht er ab und knöpft sich die wahren Schuldigen selbst vor. Eine heiße Spur führt zum russischen Profikiller Oleg Malankov (Sam Spruell)…

Im dritten und wohl auch letzten Teil der kleinen „Taken“-Reihe muss Vollprofi Bryan Mills buchstäblich vor der eigenen Haustür kehren, nachdem er zuvor die Gesindelquote von Paris und Istanbul um gefühlte 80 Prozent dezimiert hat. Diesmal sieht sein Aktionsradius zudem zum ersten Mal keine Animositätsprophylaxe vor, sondern zutiefst persönliche Nachsorge, denn kurz, bevor er zu aller Zufriedenheit mit seiner „Lenny“ wieder zusammkommen kann, wird diese eiskalt ermordet. Das wiederum von Luc Besson verfasste Script nutzt diese Prämisse, um die erwartungsgemäß simple Rachestory mit offenkundigen „The Fugitive“-Anleihen zu versetzen, nur dass Forest Whitaker in einer gewohnt erratischen Rolle (nebst Schachfigürchen als Talisman) anstelle von Tommy Lee Jones zu sehen ist und Bryan Mills, der sich zudem der freundschaftlichen Unterstützung seiner drei „Personenschutz“-Kollegen (Leland Orser, David Warshofsky, Jon Gries) versichern kann, die Cops noch wesentlich gekonnter und gelassener neppt als jeder Dr. Kimble. Immerhin bringt Besson „seinen“ Film damit auf eine stattlichere Lauflänge als die beiden ersten Filme sie aufwiesen, wobei das „immerhin“ in diesem Satz sich nicht unbedingt ernst lesen sollte. Qualitativ setzt „Taken 3“ im Vorgleich zum direkten Vorgänger keinerlei innovative Impulse; vielmehr scheint er sich zu bemühen, den ansonsten ja wenig zimperlichen Bryan Mills ein wenig zu „rehumanisieren“. Oftmals sind dessen kombattante Gegner nunmehr (kalifornische) Polizisten, die aus den für sie wenig erfreulichen Begegnungen mit Mills zwar erwartungsgemäß samt und sonders mit gebrochenen Extremitäten oder Prellungen, aber doch zumindest mit dem nackten Leben hervorgehen; seine härtesten kriminellen Widersacher wählen indes den Frei- und somit Ehrentod oder bitten höflich um ihre Exekution. Der Oberhundsfott ist diesmal allerdings weder ein albanischer Mafiapatriarch noch ein fetter, pädophiler Scheich und selbst nicht der russische Auftragskiller (der wurde nämlich genauso gelinkt wie Mills himself), nein, Lenores neuer Ehemann ist’s, den wir bereits seit dem seligen Original kennen, wo er noch vergleichsweise sympathisch herüberkam, obwohl ihn seinerzeit sogar der eigentlich stets etwas etwas ominös umwehte, zudem deutlich ältere Xander Berkeley gab. Leider stand Berkeley hier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr zur Verfügung, was ich angesichts Dougray Scotts eher profilloser Darstellung ziemlich schade finde. Es wird also alles etwas privater und häuslicher für Bryan Mills, wobei all das „Taken 3“ proportional um diverse potenzielle Punkte bringt, die Morels Erstling noch auszeichneten.
Mein ganz privates Resümee nimmt sich jedenfalls dergestalt aus, dass ich nach künftigen Betrachtungen des Originals die beiden Sequels nicht a priori mit in die Folgeselektion setzen werde müssen.

5/10

THE INVASION

„We’re still evolving.“

The Invasion ~ USA/AU 2007
Directed By: Oliver Hirschbiegel

Die Psychiaterin Carol Bennell (Nicole Kidman) wird Zeugin, wie außerirdische Sporen, die nach dem Absturz eines Space Shuttle entweichen, sich diverser Menschen im Schlaf bemächtigen und sie nach einer Metamorphose zu seelenlosen Marionetten eines Gedankenkollektivs assimiliert. Eine Befriedung der Menschheit um den Verlust der Individualität scheint das großflächige Ziel der Aliens zu sein, die aufblitzendem humanen Widerstand mit Gewalt und Oppression begegnen. Gemeinsam mit ihrem Söhnchen Oliver (Jackson Bond), das immun gegen den extraterrestrischen Angriff zu sein scheint, flieht Carol vor den immer zahlreicher werdenden Verwandelten mit dem obersten Ziel, bloß nicht einzuschlafen.

Leider nichts, worüber man nach Hause schreiben müsste: Oliver Hirschbiegels Hollywood-Debüt, die vierte Adaption von Jack Finneys Geschichte „The Body Snatchers“ in rund 50 Jahren, blickt auf einen gewohnt unebenen Entstehungsprozess zurück. Dem produzierenden Studio Warner gefielen etliche der von dem Newcomer inszenierten Strecken nicht und so holte man die hauseigen etablierten Wachowskis sowie James McTeigue als Notsanitäter an Bord und veranlasste diverse Nachdrehs, die unter anderem formale „Glättungen“ sowie ein positiver gestimmtes Ende beinhalteten. Inwieweit diese Modifikationen den Film verschlimmbesserten, bleibt fürs Erste reine Mutmaßung, dass Studiobosse einen hilflosen Regisseur durch die nachträgliche Veruntreuung seiner Arbeit traumatisieren, bildet indes kein Novum.
„The Invasion“ verfährt im Großen und Ganzen wie die ersten beiden Body-Snatchers-Filme von Don Siegel und Philip Kaufman von 1956 bzw. 1978; Abel Ferraras auf einen Militärstützpunkt als Handlungsort umgelagerte Variation bildete bereits für sich betrachtet eine Ausnahmeerscheinung.
Neue oder gar innovative Impulse vermag „The Invasion“ zumindest in der nunmehr zu begutachtenden Fassung dem bereits hinlänglich verhandelten Sujet nicht hinzuzusetzen. Der plotinhärente, philosophische Diskurs, demzufolge nur die Gleichschaltung aller Menschen und somit gleichermaßen die Aufgabe jedweder individueller Persönlichkeit mit einem friedlichen, enbehrungslosen und nachhaltigen Humanexistenz einher gehen kann, wird, anders als die Ängste vor der kommunistischen Bedrohung des Ostblocks in der Ära des Kalten Krieges revisionistisch, aber auch vollkommen oberflächlich abgehandelt. Im Grunde blitzt dieser ideell durchaus reizvolle Ansatz lediglich zweimal kurz im Film auf und wird durch die situative Aggressivität und Bedrohlichkeit der von den Aliens modifizierten Menschenhülsen auch gleich wieder ad absurdum geführt. Die Fremden bekotzen einen mit ihrem grünlichen Schleim, sind deutlich kräftiger als ihre menschlichen Vorgänger und töten mit bloßer Hand süße Hunde, die sich als instinktive Widersacher der Fremden einmal mehr als bester Freund des Menschen erweisen. Zudem scheute man sich, auch das offenbar im Nachhinein, dem Zuschauer einen pessimistischen Abschluss „zuzumuten“, wie er bei Siegel und Kaufman noch zum guten und vor allem richtigen Ton gehörte. Stattdessen gibt es hier einen Impfstoff (!) sowie ein Heilmittel (!!) gegen das extraterrestrische „Virus“, was auch dem mittlerweile als James Bond verpflichteten Daniel Craig (der hier – hoho, haha – rein zufällig den jüngsten Felix Leiter Jeffrey Wright an die Buddy-Seite gestellt bekam) ermöglicht, trotz seines vermeintlich zwischenzeitlichen Abgangs vor den end credits wieder gut gelaunt und rekonvalesziert bei der Heldin am Frühstückstisch zu hocken. Hübsch bieder, wohlsortiert und vor allem: halb so wild, sofern man das große Erbe außer Acht lässt und sich mit einem schnellen Imbiss zufrieden gibt. Aber auch nur dann.

5/10

GOOD TIME

„You’re cold? Let’s get to Virginia, man!“

Good Time ~ USA 2017
Directed By: Benny Safdie/Josh Safdie

Der ewig klamme Herumtreiber Connie Nikas (Robert Pattinson) will seinem geistig behinderten Bruder Nick (Benny Safdie) ein Leben abseits von Heimen und Therapeuten ermöglichen. Also entwickelt Connie kurzerhand den Plan, gemeinsam mit Nick eine Bank zu überfallen. Der mit heißer Nadel gestrickte Coup geht schief; Nick landet im Gefängnis, während Connie entkommen kann. Nun gilt es für ihn, die nötige Kaution aufzutreiben oder seinen Bruder notfalls selbst zu befreien. Die folgende, bizarre Odyssee durch die New Yorker Nacht bringt Connie mehr oder weniger zufällig mit allerlei seltsamen Zeitgenossen zusammen, darunter mit dem Kleinpusher Ray (Buddy Duress), der um ein LSD-Versteck im Freizeitpark „Adventureland“ weiß…

Ob es für meine persönliche Bewertung von „Good Time“ förderlich ist, dass ich zuvor dessen Nachfolger „Uncut Gems“ gesehen habe und im Prinzip eigentlich erst über diesen überhaupt auf die Safdies aufmerksam geworden bin, wage ich zu bezweifeln, denn jenes absolut formvollendete Thrillerdrama mit Adam Sandler variiert seinen Vorgänger nicht nur motivisch. Beide Filme zentrieren sich um einen rücksichtslos agierenden Protagonisten, der um die Durchsetzung eigener Träume und Wünsche Willen Kausalitätsketten in Gang setzt, die seine Mitmenschen, respektive zumindest die, die naiv genug sind, ihn zu unterstützen, ins kleine oder große Verderberben stürzt. Das Ganze vollzieht sich jeweils in einem sehr hohen Erzähltempo, unter Verwendung halsbrecherischer Script-Volten, vermittels einer wilden Photographie und Montage, sowie unter Einbeziehung eines ganzen Kaleidoskops schräger Nebencharaktere. (Das nächtliche) New York avanciert dabei zum urbanen, planen Stellvertrer der Reise durch das psychische und geistigen Labyrinth der Leitfigur. Auch „Good Time“ greift somit bereits vorhandene Erzählmuster auf; so erinnert er zumindest streckenweise etwa zwangsläufig an Scorseses „After Hours“ und infolge dessen an den klassischen film noir. Anders als später Sandler als semilegaler Traumverkäufer Howard Ratner vermag es der (nichtsdestotrotz hervorragend spielende) Robert Pattinson jedoch nicht, die Em- und Sympathie des Rezipienten zu evozieren. Während Ratner ja seine gesamte Existenz in die Waagschale wirft und sich damit den Status eines tragikomischen Antihelden erarbeitet, lassen einen die von vornherein irrationalen Motive Connie Nikas‘ relativ gleichgültig zurück. Man sieht seinem irrlichternden Trip durch die Eingeweide der Stadt und ihrer Institutionen zwar interessiert zu, mag sich aber nie wirklich auf seine Seite schlagen und insofern auch nicht nachhaltig mit seinem Schicksal zu hadern. Am Ende kommt es für die meisten Beteiligten so, wie es kommen muss; nichts existenziell wirklich Gravierendes geschieht. Während „Uncut Gems“ eine konsequente Fallgeschichte erzählt, nimmt „Good Time“ somit eher den Status einer wilden Momentaufnahme ein. Wie oben suggeriert, kann „Good Time“ unter dem massiven Eindruck von „Uncut Gems“ im Zuge einer achronologischen Betrachtung allso nur verlieren. Das macht ihn keinesfalls zu einem künstlerischen Fehlschlag, andererseits wird die rückwärts gewandte Ordinalbetrachtung ihm vermutlich nicht gerecht.

7/10

ENIGMA

„I think these two go together.“

Enigma ~ UK/F 1982
Directed By: Jeannot Szwarc

Der Kalte Krieg brodelt vor sich hin. Ausgerechnet am Weihnachtstag will der KGB als abschreckendes Exempel für potenzielle Überläufer fünf aus der Sowjetunion geflohene Dissidenten liquidieren, die überall auf der Welt verteilt sind. Im Gegenzug plant die CIA, ein jenseits der Mauer befindliches Modul zu stehlen, das für die Funktion der berühmten „Enigma“-Dechiffriermaschine von entscheidender Bedeutung ist. Damit will man schließlich die Aufenthaltsorte und Identitäten der fünf Anschlagsopfer herausbekommen und die geplanten Morde so verhindern. Für die waghalsige Aktion heuert der US-Geheimdienst den aus Ostberlin stammenden Systemflüchtling Alex Holbeck (Martin Sheen) an, der mittlerweile in Paris einen antikommunistischen Radiosender leitet. Holbeck willigt ein, da er sich von dem Engagement nicht zuletzt ein Wiedersehen mit seiner verflossenen Liebe Karen (Brigitte Fossey) erhofft, die in der DDR als Anwältin einen tapferen Kampf gegen die regierenden Windmühlen kämpft. Die Gegenseite bekommt von Holbecks Einsatz Wind und versucht, des mittlerweile in Berlin-Ost angelangten Amateurspions mithilfe des ebenso systemtreuen wie narzisstischen KGB-Agenten Dimitri Vasilikov (Sam Neill) habhaft zu werden. Wovon weder Holbeck noch Vasilikov etwas ahnen: Die Amerikaner sind längst im Besitz des Enigma-Moduls und kalkulieren die Festsetzung Holbecks, der tatsächlich ausschließlich als Lockvogel fungiert, fest ein…

Jeannot Szwarcs in seiner Gesamtheit schönes Spionagedrama hat mir in mehrerlei Hinsicht sehr gut gefallen, wenngleich – so viel vorweg – sich einige berechtigte Kritikpunkte gewiss nicht ohne Weiteres wegdiskutieren lassen.
Zunächst einmal wird die Atmosphäre des Kalten Kriegs bestens passend zu seiner Nomenklatur gleich in einen kalten, grauen DDR-Dezember versetzt. So und nur so stellt man sich Spionageeinsätze hinter den damals feindlichen Linien vor, was nicht minder für die westlichen Fantasien vom Arbeiter- und Bauernstaat gilt (tatsächlich wurde in Frankreich gedreht, was allerdings bestens durchgeht). Vor dieser Kulisse gibt es ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen den intellektuell ebenbürtigen Duellanten Sheen und Neill, in dem der pro-westliche Überläufer Sheen allerdings stets (und bis zum Finale) eine Nasenlänge voraus ist, eine tiefromantische, involvierende Dreiecksgeschichte, die besonders gegen Ende (gewiss als solche intendierte) Erinnerungen an „Casablanca“ weckt, damit direkt verknüpft ein vorzüglich ausbuchstabiertes Figurenensemble und eine Besetzung auf der Höhe ihrer Kunst.
Auf der anderen Seite nimmt sich die Darstellung des einstigen Ostblocks allgemein und die der DDR im Besonderen extrem undifferenziert aus: Mit dem Moment, in dem Holbeck in Ostberlin anlangt, rutscht man gemeinsam mit ihm in ein von Sonnenlicht übersehenes, förmlich lebensfeindliches, zutiefst faschistisches Loch fauliger Korruption und Boshaftigkeit, das jedweden Anflug von autonomem Denken sofort entdeckt und gnadenlos ahndet. Nicht selten musste ich an ZAZs „Top Secret“ denken (in dem Nebendarsteller Warren Clarke ebenfalls auftritt). Im Gegenzug stellt die sozialistische Hierarchie sich durch ihre diversen Wadenbeißer permanent selbst ein Bein nach dem anderen, weshalb Holbeck sie infolge seiner freigeistigen Cleverness auch stets erfolgreich ausbooten kann. Um diese „Überlegenheit“ darzustellen, wählt das Script allerlei Volten, die zuweilen ins Irreale bis Lächerliche ausarten und „Enigma“ dann wiederum doch eher zu einem Märchenfilm als einem ernstzunehmenden Politthriller formen. Den Gipfel erreicht das Geschehen in einer Szene, in der Holbeck die mittlerweile als zersetzend denunzierte, seedierte Karen im Alleingang aus einer Irrenanstalt befreit und mit ihr entkommt, die halbe Stasi auf den Fersen. Der Schluss wiederum, für den sich speziell diese Episode dann doch wieder als immanent wesentlich erweist, rührt zu Tränen und steht den vorhergehenden Ereignissen geradezu diametral entgegen. Man muss sich also gewissermaßen entscheiden, ob man all die dramaturgischen Übertreibungen des Plots gewillt ist, um der ebenso vorhanden Qualitäten des Films Willen zu übersehen. Ist man dazu bereit, mag man „Enigma“ sehr mögen. Ist man’s nicht, wird man in ihm vielleicht auch vorsätzlich verursachten, groben Unfug ausmachen. Wie so oft gilt: Entscheiden Sie selbst.

8/10

CRITTERS

„We’re here for the crites.“

Critters ~ USA 1986
Directed By: Stephen Herek

Ein paar Crites, höchst gefräßige, kleine Aliens mit einigen gemeinen physischen Eigenschaften, fliehen aus der Quarantäne, kapern ein Raumschiff und setzen Kurs auf die Erde. Ihnen auf den Fersen sind zwei außerirdische Kopfgeldjäger mit der Fähigkeit zur Gestaltwandlung. Die Crites landen schließlich in Kansas, auf der Farm der Browns, wo sie sich zuallererst durch ein paar Rinder fressen. Ausgerechnet Brad (Scott Grimes), der lausbübische Filius der Browns, der ein Herz für allerlei Geschosse und Knallkörper hat, bewahrt den kühlsten Kopf und kann mit der etwas ungestümen Hilfe der beiden mittlerweile aufgetauchten und zu Menschen (Don Keith Opper, Terrence Mann) getunten Weltraumpistoleros (fast) alles zum Guten wenden.

Dieser kleine Evergreen aus der noch aufstrebenden New-Line-Schmiede hat sich nach einer viel zu langen Betrachtungspause wieder zielsicher sein Plätzchen in der mir besonders preziosen Nostalgiekammer meines Filmherzens zurückerobert. Ich weiß noch, dass „Critters“ damals relativ zügig nach seinem Kino- und Videoeinsatz auch im TV ausgestrahlt wurde, was eine Aufzeichnung und damit besonders viele Begegnungen nach sich zog. Warum, das ist noch heute so evident wie vor 33 Jahren: „Critters“ ist ein rundum liebevoll gefertigtes Genrestück, das besonders Kids anspricht, ohne in weichspülerische Spielberg-Sphären abzugleiten. Vielmehr zeigt es genau diesen den weit ausgestreckten Mittelfinger, atmet den Geist ironischer Connaisseure wie John Landis und Joe Dante, versteht sich gewissermaßen als optionaler Appetizer für zukünftige Fans deftiger Erwachsenenunterhaltung und ist damit ebenso witzig wie fies. Regisseur Stephen Herek spielt gekonnt mit diversen popkulturellen Zeitklischees und verarbeitet sie im besten Wissen, dass er deren kommerziellen Horizont ohnehin nie erreichen wird oder könnte. Stattdessen setzt er auf ein tolles Vorzugsensemble; Dee Wallace, M. Emmet Walsh oder Billy Green Bush stellen natürlich klingende Namen, die jedem etwas belichteteren Liebhaber des US-Kinos der siebziger und achtziger Jahre prompt ein wohliges Lächeln auf die Wangen zaubern dürften. Wie die übrigen Darsteller sind sie hier mit viel Spaß und offensichtlich im professionellen Wissen, etwas Bleibendes zu liefern, bei der Sache.
„Critters“ gehört zudem genau zu jenen unerlässlichen Artefakten, aus denen sich die seit einigen Jahren grassierende Retrowelle um „Stranger Things“ und ähnliche Derivate speist, nur dass man hier eben ein waschechtes Original statt Klonkalkül erhält.

8/10

THE MANDALORIAN: SEASON 1

„That’s the way.“

The Mandalorian: Season 1 ~ USA 2019
Directed By: Deborah Chow/Rick Famuyiwa/Dave Filoni/Bryce Dallas Howard/Taika Waititi

Nach dem Fall des Imperiums versucht die Neue Republik, Frieden und Freiheit in der Galaxis zu reetablieren. Doch viele Wegbegleiter ubd Befürworter der alten Ordnung verstecken sich noch in den entlegensten Flecken des Universums, schmieden im Geheimen Pläne und warten auf jede Gelegenheit, den Spieß wieder zu ihren Gunsten umzudrehen. Inmitten dieser unaufgeräumten Verhältnisse arbeitet die „Kopfgeldjäger-Gilde“ unter ihrem Boss Greef Karga (Carl Weathers) für jeden, der sie nur gut genug bezahlt. Als einer der besten unter ihnen gilt „der Mandalorianer“ (Pedro Pascal), ein hervorragend ausgebildeter, permanent behelmter Krieger, der seine Aufträge absolut emotionslos und dafür umso erfolgreicher ausführt. Seine jüngste Mission erhält er von einem auf dem Außenposten Nevarro wartenden Klienten (Werner Herzog), der noch mit dem Imperium in Verbindung steht: Der Mandalorianer, wie sich später herausstellen wird, einst ein Findelkind namens Din Djarin, soll ein kleines, fremdweltliches Wesen aus seiner Gefangenschaft befreien und dem Klienten bringen. Der Auftrag gelingt unter einigen Strapazen, doch als der Mandalorianer feststellt, dass der Klient mit der freundlichen, kleinen Kreatur nichts Gutes im Sinn hat, entscheidet er sich gegen ihn und damit zugleich gegen seinen Ehrenkodex als Kopfgeldjäger. Er flieht mit seinem neuen Schützling und hat einige Abenteuer mit neuen Freunden und Gegnern zu bestehen, bevor er nach Nevarro zurückkehrt und sich seinem weiteren Schicksal stellt.

Nachdem ich bereits dem gedanklichen Entwurf einer Adaption des Konzepts „Star Wars“ an das Serienformat zunächst eher skeptisch gegenüberstand und mich darin auch im Zuge der Betrachtung der ersten drei Episoden bestätigt fand, muss ich nach dem Gesamtgenuss von „The Mandalorian“, der ersten Web-Reihe des neuen Streamingdienstes Disney+ überhaupt, doch einräumen, dass Jon Favreau, der Ersinner des Ganzen, durchaus sehr genau wusste, was er da deichselte. Gut, die episch-pathetischen Partituren von John Williams muss man leider entbehren (und sie fehlten mir angesichts der sonstigen Referenzialität, die „The Mandalorian“ zu großen Teilen ausmacht, recht schmerzlich), dafür tendiert das Serial vor allem in visuellen Bahnen sehr viel mehr zur Ur-Trilogie als alles, was im Kino danach kam. Und nicht nur „Star Wars“ selbst findet sich nostalgisch gebauchpinselt, im Prinzip rauscht – einmal mehr – faktisch das Gros der Genreästhetik der Achtziger am Betrachter vorbei. Die Episodenhaftigkeit, die sich inhaltlich vor allem dergestalt indiziert, dass der Mandalorianer auf der Flucht ist und überlebensnotwendige Credits (= Geld) benötigt, gemahnt derweil an alte Western-Serials, wie auch die vielfach bemühte Staubigkeit der Wüstenszenarios nebst der diversen Shoot-outs (eine Episode heißt gar „The Gunslinger“) wiederum eklatant zu jenem Fach hinüberschielt. „The Mandalorian“ zapft somit vor allem den filmmedialen Grundwortschatz an und speist sich somit primär aus ausgestellter Traditionalität, womit die Serie ja wiederum ganz im Zeichen ihrer ästhetischen Gegenwart steht. Dass es trotz dieser wenig innovativen Blaupausen vor allem im weiteren Verlauf der acht Episoden immer wieder gelingt, wirklich schöne Augenblicke zu generieren, spricht für die zu erwartende Halbwertszeit. Zudem bietet „The Mandalorian“ auch in Bezug auf die vom Franchise ja höchstselbst so emsig kreierte Mythologie ansprechendes fanbait – immerhin taucht man mit den Erläuterungen um das „Volk“ der Mandalorianer, zu denen ja einst auch Nerd-Liebling Boba Fett zählte, sowie der für künftige Staffeln bereits angedeuteten Enträtselung um Yodas (noch namenlose) Rasse in bisher unerforschte Geheimgefilde ein.

8/10

TERMINATOR: DARK FATE

„I won’t be back.“

Terminator: Dark Fate ~ USA/E/HU/CN 2019
Directed By: Tim Miller

Nachdem Sarah Connor (Linda Hamilton) vor einigen Jahren das Schicksal der Menschheit ändern und den „Tag des Jüngsten Gerichts“ zunächst abwenden konnte, verlor sie ihren Sohn John durch einen abermals aus der Zukunft zurückgeschickten T-800 (Arnold Schwarzenegger). Seit jenem schicksalhaften Tag erhält sie verschlüsselte Nachrichten auf ihrem Handy, wann und wo als nächstes eine Maschine aus der Zukunft auftauchen wird und widmet ihre ganze Existenz der gezielten Vernichtung der Terminators. 2020 erscheinen erneut zwei zeitreisende Missionsträger in Mexiko: Der weibliche Cyborg Grace (Mackenzie Davis), eine umfunktionierte Widerstandskämpferin, sowie ein technologisch hochenentwickelter Terminator, der REV-9 (Gabriel Luna). Letzterer hat die Aufgabe, die zukünftige Resistance-Anführerin Dani Ramos (Natalie Reyes) zu töten, Grace indes soll sie beschützen. Natürlich ahnt die noch jugendliche Dani nichts von ihrem Schicksal und wird wie weiland die ebenfalls bald auftauchende Sarah Connor in den Strudel der schwer fassbaren Ereignisse gerissen. Es stellt sich heraus, dass Sarah ihre Messages von jenem T-800 erhält, der einst John ermordete. Dieser hat seitdem eine menschliche Persönlichkeit und ein Gewissen eintwickelt, nennt sich nunmehr „Carl“ und lebt in der Nähe der texanischen Grenze. Zum Quartett angewachsen, stellen sich die Helden gegen den unbesiegtbar scheinenden REV-900.

A bright fate. Dass innerhalb eigentlich auch inhaltlich etablierter Filmreihen Storylines ignoriert und bei geradezu ostentativem Selbstverständnis rebootet werden, ist de facto schon lange nichts Neues mehr. Bereits die „Highlander“-Fortsetzungen ignorierten in den Neunzigern regelmäßig ihre unmittelbaren Vorgänger, innerhalb der „Spider-Man“- und „Halloween“-Serials wurden bereits jeweils zweimal komplette Neuanknüpfungspunkte gesetzt. Dies erweist sich weitaus seltener als sinnstiftender Fan-Service denn als bloße kommerzielle Notwendigkeit, um sich zwecks Komplexitätsreduktion wahlweise intradiegetischen Ballasts zu entledigen oder um neue Zuschauergenerationen zu rekrutieren. Da mit „Dark Fate“ erstmals seit dem von ihm noch selbstinszenierten Erstsequel James Cameron wieder seine Signatur als Produzent zur Verfügung stellte und in diesem Zusammenhang auch Linda Hamilton zurück an Bord kam, wurden beginnend mit „Terminator 3: Rise Of The Machines“ sämtliche Fotsetzungen nebst ihrer Storys beiseite geschoben, um unmittelbar an die in „Terminator 2: Judgment Day“ geschilderten Ereignisse anknüpfen zu können. Die Qualität des weitestgehend belanglosen Resultats profitiert davon nicht in nennenswertem Maße. Der Film verharrt einiger netter Actionsequenzen zum Trotz im vorhersehbar mediokren Genresektor, also im Grunde dort, wo der höchst publikumsverwöhnte Cameron das von ihm selbst zum Multi-Millionen-Dollar-Franchise aufgeblähte, einmalige und unerreichbare Original vor knapp drei Dekaden höchstselbst hinführte. Die „Erfolgsprämisse“, jene schwarze, technophobische Quasi-Dystopie aus der Ära des Kalten Krieges in ein mit unangebrachtem Positivismus, familienfreundlichem Humor und den immergleichen, weil mit garantiertem Wiederekennungwsert selbst für Laien und somit hinlaänglich etablierten Floskeln „angereichertes“ Mainstream-Spektakel zu überführen, greift auch heuer noch. Oder zumindest rechnet man damit, dass siew greift. Daran ändern auch die ins Script eingepflegten, zwar zeitgemäßen, aber natürlich eiskalt kalkulierten Seitenhiebe auf die gegenwärtige Regierungspolitik der USA oder die zwangsläufig immer gläserner werdende Unfreiheit des Individuums kaum etwas. Aus „Skynet“ wird „Legion“, eine K.I. zur Cyber-Kriegsführung, die dereinst auf Knopfdruck alle Lichter ausgehen lassen wird. Der äußerlich gealterte Terminator Arnold ist jetzt noch liebenswerter, sympathischer und humaner als je zuvor und Linda Hamilton eine graubekoppte, zynische alte powerbitch. Die hero(in)e’s four bilden ein Paradebeispiel für zeitgenössische Diversifikation: zu drei Vierteln weiblich, zur Hälfte überreif, mitsamt Latina und körperbehindertem (aber nichtsdestotrotz augenschmeichelndem) Supergirl würden die drei Damen vom Stahlgrill vermutlich auch ohne den letztlich wie immer als Obendrein-Bonus beigesteuerten Schwarzenegger am Ende siegreich reüssiert haben. Der von Gabriel Luna gespielte böse Terminator REV-9 schließlich kann ales, was seine Vorgänger auch konnten und natürlich noch mehr, er ist nämlich in der Lage sein metallenes, schwarzes (!) Endoskelett von seiner Flüssigummantelung zu trennen und damit von zwei Seiten zugleich angreifen zu können. Ansonsten kann er, wie alle anderen Nachfolger auch, dem originalen 84er-Killer hinsichtlich seiner bedrohlichen Unbeiirbarkeit nicht das Wasser reichen. Es bleibt also alles beim Alten beim traditionsreichen Blick in unsere Schredderzukunft und dies ist auch der einzige Grund, sich neue „Terminator“-Filme überhaupt noch anzusehen- die liebgewonnene Sicherheit purer Mittelmäßigkeit und die kaum minder garantierte Gewissheit, sich ohnehin als Teil einer gläsernen Zuschauerschaft zu wähnen.

5/10

3 FROM HELL

„All hail the man behind the grease paint!“

3 From Hell ~ USA 2019
Directed By: Rob Zombie

Entgegen allen Erwartungen haben Baby Firefly (Sheri Moon Zombie), Otis Driftwood (Bill Moseley) und Captain Spaulding (Sid Haig) ihre bleihaltige Konfrontation mit den Staatsbediensteten überlebt und harren nunmehr im Gefängnis ihrer Todesstrafen. Nachdem einige Zeit später der Captain bereits auf dem Schmorstuhl gelandet ist, gelingt dem Halbbruder der beiden Verbliebenen, Winslow Foxworth „Foxy“ Coltrane (Richard Brake), auch „Midnight Wolfman“ genannt, die Befreiung Otis‘, die dieser gleich noch zur spontanen Rache an einem alten Erzfeind, dem ebenfalls einsitzenden Kopfgeldjäger Rondo (Danny Trejo), nutzt. Später pressen Otis und Foxy noch Baby frei. Gemeinsam flieht das Trio über die mexikanische Grenze, wo just der Día de Muertos begangen wird. Ein schmieriger, lokal ansässiger Kneipenwirt namens Carlos Perro (Richard Edlund) verpfeift derweil die Drei an Rondos vergeltungsbedürftigen Sohn Aquarius (Emilio Rivera), der mit diversen henchmen in Catchermasken und schwerem Geschütz anrückt, um die „3 from Hell“ in ihre nominelle Heimat zurückzuschicken.

Manche Toten sollte man besser ruhen lassen. Das gilt auch für die Firefly-Sippe, der Rob Zombie nach ihrem und seinem wüsten Filmdebüt „House Of 1000 Corpses“ im kurz darauf folgenden, herrlich garstigen Sequel „The Devil’s Rejects“ einen der denkwürdigsten Abgänge der Filmgeschichte verehrt hatte. Doch kennt Zombie, dessen Budgets beständig schmaler sowie Zuschauerzahlen beständig geringer werden und dessen Filme auch qualitativ einem sukzessiven Abwärtstrend zu folgen scheinen („31“ wartet bislang noch ungesehen in meinem Regal), kein Erbarmen – weder mit seinem Publikum noch mit den Fireflys. Andererseits scheint deren buchstäbliche Reanimation im Rahmen seines höchsteigenen Fanboy-Werks dann doch wiederum eine folgerichtige Entwicklung. Erwartungsgemäß mangelt es dem dritten Part der Redneck-Rampage-„Saga“ (weitere dürften folgen, daran lässt das Finale wenig Zweifel) an den herausragenden Qualitäten des Vorgängers. „3 From Hell“ ergeht sich in wenig gelungenen Selbstzitaten, rekapituliert Elemente wie das Home-Invasion-Szenario des Vorgängers nebst dessen Racheelement durch verärgerte Familienmitglieder und orientiert sich abermals deutlich am großen Vorbild „Natural Born Killers“, der neben wildwüchsigen Formalia auch durch einen sich um die Fireflys entspinnenden Medienkult rezitiert findet. Dabei mangelt es dem Film vor allem an schlüssigen Kausalitätsschemata; den Figuren wird anders als noch in „The Devil’s Rejects“ kaum Weiterentwicklung gegönnt. Dass sie sich als Antihelden durch eine ekelerregende Welt zu metzeln haben und sich dabei eher als lustige Psychopathen denn als beängstigende Naturgewalt in die Umarmung einer gezielt antizipierten Rezipientenschaft schmiegen, wird als naturgegeben vorausgesetzt. So dürfen sich die Drei aus der Hölle spätestens nach ihrer Ankunft in Mexiko und der zweiten, ein wenig an „The Wild Bunch“ angelehnten Hälfte des Films der nachgeraden Sympathie des Zuschauers erfreuen, der nur allzu gern vergessen darf, kann und soll, dass er es doch eigentlich mit Massen- und Serienmörderabschaum aus der untersten Schublade zu tun hat. Auch diese Ambivalenz hat Zombie im Vorgänger noch ganz wunderbar auzulösen verstanden, während er sich in „3 From Hell“, einem Durchschnittswerk in jedweder Hinsicht, eher auf einem faulen, trägen Narrativ ausruht, dessen exaltiert ausgestellte grindhouse motherfucker attitude irgendwie nicht mehr die rechte Zugkraft entwickeln mag.

5/10

LIBERI ARMATI PERICOLOSI

Zitat entfällt.

Liberi Armati Pericolosi (Bewaffnet und gefährlich) ~ I 1976
Directed By: Romolo Guerrieri

Ein etwas gestresster Mailänder Commissario (Tomas Milian) erfährt von der verzweifelten jungen Lea (Eleonora Giorgi), dass ihr Freund Luigi (Max Delys) gemeinsam mit seinen beiden besten Kumpels Mario (Stefano Patrizi), genannt „Blondie“ und Giovanni (Benjamin Lev), genannt „Joe“, plant, eine Tankstelle zu überfallen und auszurauben – mit Spielzeugpistolen. Die Waffen erweisen sich jedoch als höchst echt und der kurzerhand anberaumte Polizeieinsatz als Fiasko mit Toten. Für das juvenile Trio bedeutet dies lediglich den Beginn einer Amokfahrt quer durch die Stadt und die umliegende Provinz, in deren Zuge noch viele Opfer zu beklagen sein werden. Vor allem Blondie und Joe erweisen sich im Laufe der sich überschlagenden Ereignisse als immer gewaltaffineres Soziopathenduo, dem gegenüber Luigi nicht den Mut findet, sich von ihm loszusagen…

Und noch ein Thrillerdrama italienischer Provenienz rund um ein paar junge, delinquente Gewaltverbrecher auf großer Amoktour, den anderen anverwandten, just genossenen Genrevertretern in keiner Weise nachstehend. Im Vergleich zu Petrinis ein Jahr später entstandenem und von dem vorliegenden Werk fraglos stark beeinflussten „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ entfällt der unmittelbare Sleazefaktor in diesem von Fernando Di Leo ersonnenen Katz-und-Maus-Spiel weitgehend und es verzichtet zugunsten seiner zum Scheitern verurteilten Fluchtgeschichte nebst einer Vielzahl wechselnder Schauplätze auf die räumliche Geschlossenheit eines hermetischen Kidnapping-Szenarios. Stattdessen verheddern sich die drei jungen, wiederum aus bourgeoisem Hause stammenden Männer immer weiter in ihrer einmal losgetretenen Gewaltspirale, die im Laufe ihrer Reise, zu deren Partizipation sie irgendwann auch die eigentlich unbeteiligte Lea (auf die der emotional schwer gestörte Mario offenbar ein Auge geworfen hat) zwingen, beinahe grotesk eskaliert – unter anderem erschießen sie im Zuge eines gemeinsam geplanten Überfalls auf einen Supermarkt kurzerhand die Handvoll weiterer beteiligter Freunde, die ihnen offenbar schon seit Längerem Dornen im Auge sind. Später müssen neben diversen poliziotti unter anderem noch zwei unkooperative Dokumentenfälscher (Salvatore Billa, Carmelo Reale) oder ein überrumpelter deutscher Camper (Peter Berling) nebst seinem Filius (n.n.) dran glauben.
Vergleichsweise ungewöhnlich und dabei ein ebenso rarer wie schöner Indikator für dessen mimische Wandlungsfähigkeit bildet der Einsatz Tomas Milians, der hier einmal nicht als greller Gangster oder wilder Strickmützen-Bulle überagieren muss, sondern seinen (namenlos bleibenden) Kriminalen zurückhaltend und, ordentlich bezwirnt, gediegen interpretiert. Sorgenvoll mahlen seine Kiefer, wenn er von den neuesten Schandtaten der Gewaltverbrecher erfahren muss. Einmal hält er den versammelten Erziehungsberechtigten (u.a. Venantino Venantini) des trio infernale sogar eine harte Standpauke über verhängnisvolle Vernachlässigung und versemmelte Pädagogik, deren furchtbares Resultat Milano nunmehr mit einer Blutspur überzieht und für die der Kommissar den Alten die direkte moralische Verantwortung auferlegt.

8/10