THE WILBY CONSPIRACY

„In a police state, the police are always busy.“

The Wilby Conspiracy (Die Wilby Verschwörung) ~ UK 1975
Directed By: Ralph
Nelson

Eine Flasche Champagner steht bereits kühl- der südafrikanischen Anwältin Rina van Niekirk (Prunella Gee) ist es gelungen, den Bantu-Freiheitsaktivisten Shack Twala (Sidney Poitier) aus der politischen Haft auf Robben Island herauszuboxen. Gemeinsam mit Rinas englischem Galan Jim Keough (Michael Caine) macht man sich schon zum Feiern bereit, als die Drei in eine Polizei-Straßensperre geraten. Die rassistischen Beamten verwickeln das Trio in einen Konflikt, so dass Keough und Twala zur Flucht gezwungen sind. Twala überredet den Briten, mit ihm nach Johannesburg zu fahren, wo Anil Mukerjee (Saeed Jaffrey), ein Sympathisant der Anti-Apartheids-Bewegung, im indischen Viertel lebt. Mukerjee wiederum weiß um das Versteck einiger Diamanten, die Twala dem Untergrundführer Wilby Xaba (Joe de Graft) zukommen lassen will. Was keiner der Beteiligten ahnt: Der ketterauchende Major Horn (Nicol Williamson) verfolgt sie auf Schritt und Tritt und ist über sämtliche ihrer Vorhaben bestens informiert.

Eine Art durch den Wolf gedrehte Variante von Kramers „The Defiant Ones“, in der abermals Sidney Poitier, diesmal in Handschellen, dazu gezwungen ist, gemeinsam mit einem verständnislosen, ihm nur wenig wohlgesonnenen Weißen durch eine von ehernem Rassismus geprägte Welt zu fliehen. Ralph Nelson, der hier bereits zum dritten (und letzten) Mal mit Poitier zusammenarbeitete, machte das Sujet allerdings behende zu seinem eigenen: Die Transponierung des Doppel-Flucht-Plots auf das südafrikanische Apartheidsregime gerinnt hier relativ zügig zu einem frühen, schwarz-/weißen buddy movie mitsamt einigen komisch angelegten Nebenanekdötchen und beeinflusst zudem von amerikanischer Blaxploitation. Natürlich muss Caines Charakter Keogh stellvertretend für das mutmaßliche Gros des Publikums eine ideologische Wandlung durchleben – als politisch unbedarfter Ingenieur auf Montage nimmt er, typisch westeuropäisch, lediglich die exotische, äußere Schönheit der Region wahr, die so hübsch ausgestellte, wirtschaftlich florierende Fassade der weißen Minoritätenregierung. Was es indes bedeutet, hier als person of colour zu leben, lernt er in letzter Konsequenz erst ganz zum Schluss, als ihm klar wird, mit welch konsequenter Perfidie das Regime seinen Status quo präserviert. Keoghs Wandlung zum Aktivisten vollendet sich mit der eiskalt vorgenommenen Exekution des den Polizeistaat repräsentierenden Offiziers Horn – ein beeindruckendes und nachhallendes Finale dieses zwischenzeitlich immer wieder so merkwürdig unangebracht leichtherzig wirkenden Films. Blitzlichtartige Assoziationen zu „Soldier Blue“ brechen sich da kurz Bahn, in dem Nelson ja bereits zeigte, dass bestimmte Topoi ihre genuin notwendige Wirkmacht ausschließlich unter Befleißigung einer ausgesuchten Gnadenlosigkeit entfalten können.
Kleine filmhistorische Randnotiz: Sieben Jahre vor Bruce Malmuths „Nighthawks“ waren hier erstmals Rutger Hauer und die schöne indische Aktrice Persis Khambatta gemeinsam in einem Film zu sehen, jedoch ohne gemeinsame Szene und beide in seltsamen supporting parts als jeweils abtrünnige EhepartnerInnen.

7/10

CAPTAIN FROM CASTILE

„God’s love is a heavy burden.“

Captain From Castile (Der Hauptmann von Kastilien) ~ USA 1947
Directed By: Henry King

Kastilien im Jahre 1518. Der Edelmann Pedro De Vargas (Tyrone Power) gerät in einen Konflikt mit seinem Nachbarn Diego De Silva (John Sutton), einem ruchlosen Emporkömmling. Um einem Duell aus dem Wege zu gehen, nutzt De Silva seine Verbindungen zur Inquisition und lässt Pedros gesamte Familie wegen Ketzerei einkerkern. Seine kleine Schwester Mercedes (Dolly Arriaga) stirbt den Foltertod und er selbst schwört blutige Rache. Mithilfe eines neuen Freundes, des Schurken Juan Garcia (Lee J. Cobb) können Pedro und seine Eltern (Antonio Morena, Virginia Brissac) dem Gefängnis entfliehen. Pedro, Juan und das arme Waisenmädchen Catana (Jean Peters) gelingt es, sich nach Kuba abzusetzen, wo sie sich dem Eroberer Hernán Cortés (Cesar Romero) anschließen, der just einen Eroberungszug in Mexiko plant. Nur sehr zögerlich gewinnt Pedro das Vertrauen Cortés‘, das auf eine neuerlich harte Probe gestellt wird, als der totgeglaubte De Silva in Mexiko auftaucht, um auch dort die Santa Hermandad voranzutreiben…

Dieses ausufernde, kostbare Epos, eine der vielen Kollaborationen des dream team King/Power für die Fox, zählt zugleich zu den schönsten Arbeiten des Regisseur-Hauptdarsteller-Gespanns. Unter Befleißigung crispen Technicolors und überlanger Fabulierkunst erzählt „Captain From Castile“ die erste Hälfte des gleichnamigen Erfolgsromans von Samuel Shellabarger nach, das den Eroberungszug des Konquistadoren Cortés gegen den Aztekenkönig Moctezuma aus der Sicht eines unfreiwilligen religiösen Flüchtlings schildert. In der seinen Filmen nicht selten üblichen Mischung aus wildromantischem Abenteuer und pathetischem Schicksalsbericht entwirft King ein erlesen photographiertes, glänzend ausgestattetes Imperialismuspanorama, das einerseits gegen die Willkür der Inquisition wettert und auf der anderen Seite den Eroberungsdurst der Conquista romantisiert. Cesar Romero spielt den goldgierigen Cortés als breit grinsenden, flamboyanten Abenteurerburschen, dessen unbeugsamer Siegeswille auf dem Terrain der Neuen Welt, so in etwa die Metathese, langfristig mit dazu führte, dass Kings Film runde vierhundert Jahre später überhaupt entstehen konnte. Power als Protagonist und strahlender Titelheld trägt das Ganze souverän über die volle Erzähldistanz, doch erst schillernde Nebencharaktere wie der von Cobb glänzend dargebotene Garcia, der eherne Padre Romero (Thomas Gomez) oder der bucklige Glücksritter Professor Botello (Alan Mowbray) reichern den Film um seinen wahren Charme an.
Ein Bravourstück alter Schule, das den verblassten Glanz goldener Hollywoodtage auf das Formidabelste präserviert.

9/10

DUNE: PART ONE

„Dreams make good stories, but everything important happens when we’re awake.“

Dune: Part One ~ USA/CA 2021
Directed By: Denis
Villeneuve

In ferner Zukunft hat die Menschheit Teile des Weltalls besiedelt. Ein Feudalsystem, geführt von einem allmächtigen Imperator, vereint mehrere Adelshäuser und dienende Instanzen. Die wichtigste Wirtschaftsressource ist das „Spice“, das sowohl als gesundheitsspendes und bewusstseinserweiterndes Halluzinogen genutzt wird als auch als Grundelement für einen Antriebsstoff, der interstellare Raumfahrt ermöglicht. Spice kann ausschließlich auf dem Wüstenplaneten Arrakis gewonnen werden, einer unwirtlichen Welt, auf der neben riesigen Sandwürmern die Fremen leben, ein perfekt an die Bedingungen angepasstes Volk. Wer Arrakis kontrolliert, verfügt über gewaltigen Reichtum und damit über gewaltige Macht. Der Imperator beruft aus Gründen der Balance offiziell Herzog Leto Atreides (Oscar Isaac) und die Seinen nach Arrakis, um die dortige, Jahrzehnte währende Vorherrschaft durch das Haus Harkonnen abzulösen. Letos Sohn Paul (Timothée Chalamet), von dem man bereits munkelt, er sei ein lang erwartete Erlöser, der ein goldenes Zeitalter einleiten könnte, träumt derweil von seiner möglichen Zukunft bei den Fremen. Kaum auf Arrakis angekommen, muss Herzog Leto feststellen, dass er zum Opfer einer Intrige wurde: Mit dem Segen des Imperators und der Hilfe der kriegerischen Sardaukar überfallen die Truppen des Barons Harkonnen (Stellan Skarsgård) seinen Palast. Nur Paul und seine Mutter Jessica (Rebecca Ferguson) können dem Gemetzel entkommen und treffen in der Wüste auf den Fremenclan der Sietch Tabr, der sie als Flüchtlinge anerkennt und mit sich nimmt.

Die nunmehr rund fünf Jahrzehnte währende Geschichte der realisierten und nichtrealisierten Filmadaptionen von Frank Herberts berühmtem Science-Fiction-Epos schreibt mit der aktuellen Verfilmung durch Denis Villeneuve ihr jüngstes Kapitel. Da sein „Dune“, um der Komplexität der Vorlage annähernd Herr werden zu können, auf zwei Teile angelegt ist, fällt eine Beurteilung dieses ersten, bereits recht stattlich ausgefallenen Segments nicht eben leicht. Immerhin wird der Zuschauer quasi mitten im Geschehen im Stich gelassen, was andererseits jedoch im Zeitalter vieler auf mehrere Kapitel ausgedehnter Franchises kein Novum darstellt und gewissermaßen feste Rezeptionsprämisse sein sollte. Solitär betrachtet kann man sich „Dune“ also weniger fruchtbar auf inhaltlicher Ebene nähern, was Villeneuves Version ironischerweise trotz völlig anders gearteter Paradigmen mit David Lynchs 36 Jahre zurückliegender Adaption verbindet. Immerhin wird dessen chaotisch anmutende Narration hier in sehr viel greif- und konsumierbarere Bahnen gelenkt, was jedoch zugleich auf Kosten der spezifizierten Gesamtgestaltung geht. Lynchs Film war mit seiner sperrigen, unzugänglichen Form etwas Außergewöhnliches, Villeneuves Variante ist es nicht. Was man zu sehen bekommt, ist ohne Frage ein audiovisuell reizvolles, äußerlich perfekt gestaltetes Kinoabenteuer, dem man, wie etwa Armond White in seiner wie gewohnt recht tendenziösen Review, auf Verlangen allerlei polithistorische Implikationen entnehmen kann, das nach „Star Wars“, „Lord Of The Rings“ oder „Harry Potter“ – um nur die populärsten Beispiele zu nennen – jedoch keinen echten kulturellen Impact mehr aufweisen kann. Die im Nukleus stehende Geschichte eines jugendlichen Helden, der innerhalb eines phantastischen Kontexts seinen ihm vorgezeichneten, verlustreichen Weg zum Retter antritt, ist dafür, wenngleich in zeitlich und örtlich alternierenden Ausprägungen, allzu hinlänglich bekannt und vielfach durchexerziert worden. Dabei gilt es zu bedenken, dass gerade Pulp-Geschichten wie beispielsweise die einst von George Lucas erdachte, sich in weiten Teilen eklatant auf Herberts Geisteswelten beziehen; die omnimediale Geschichte von „Dune“ und seinen Verfilmungen reziproziert sich also kulturell betrachtet fortwährend und tut dies auch weiterhin. Nur hilft jenes Faktum Villeneuves sich hochernst nehmendem Werk auch nicht wesentlich weiter. Für den flüchtigen Augenblick seiner Betrachtung ist es hübsch anzuschauen und gliedert sich dem bisherigen Œuvre des Regisseurs ästhetisch nahtlos an – viel mehr bleibt gegenwärtig aber nicht.

7/10

DIRECT CONTACT

„Hold on.“

Direct Contact ~ USA/BG/D 2009
Directed By: Danny Lerner

Der in Ungnade gefallene US-Elitesoldat Mike Riggins (Dolph Lundgren) sitzt im Knast eines kleinen Balkanstaates, wo seine Zukunftsaussichten eher schlecht stehen. Umso erfreulicher erscheint da das Angebot des vermeintlichen Regierungsabgeordneten Connelly (Michael Paré): Riggins erhält seine Freiheit zurück und dazu eine überaus ordentliche Bezahlung, wenn er die Amerikanerin Ana Gale (Gina May), die von dem ex-jugoslawischen Warlord Vlado Karadjov (Vladimir Vladimirov) gefangen gehalten wird, befreit und in Connellys Obhut überstellt. Der Auftrag gelingt relativ problemlos, doch Ana beteuert, keineswegs gekidnappt worden zu sein, sondern sich aus freien Stücken bei Vladov aufzuhalten. Zudem scheint Connelly gar nicht der zu sein, den er vorgibt. Eine wilde Jagd quer durch das vormalige Kriegsgebiet beginnt…

Die fiktive, ehemals jugoslawische Republik Gorna nebst Hauptstadt Luka, in dem „Direct Contact“ spielt, gibt es natürlich mitnichten in der Realität: Der schwedische Kleiderschrank schießt und prügelt sich hier vielmehr aufs Neue durch das zu ebenjenen Zwecken immer wieder gern befleißigte, kostengünstige Bulgarien, das in seiner Mischung aus wirtschaftlicher Dauerrezession und Renovierungsbestrebungen nicht nur allerlei pittoreske Schauplätze bietet, sondern auch Diverses, was man für wenig Geld effektiv zersieben und/oder in die Luft jagen kann. Das verschwindend geringe Budget der Nu-Image-DTV-Produktion, hinter der unter anderem die nimmermüden Boaz Davidson und Avi Lerner (dessen jüngerer, mittlerweile verstorbene Bruder Danny mit der Inszenierung betraut war) stehen, konnte so also zeitweilig übertüncht werden. Zudem griff man dem Vernehmen nach auch auf stock footage zurück, eine spätestens seit Roger Corman durchaus gängige Methode, um am Ende schwarze Zahlen schreiben zu können und etwaige Schneewehen hinter der Kamera zu kaschieren. Entsprechend weichhirnig gestaltet sich der an die seligen Italoachtziger erinnernde Plot, der eines fertigen Drehbuchs ziemlich sicher entbehrt, ohne Hand und Fuß daherkommt und seine auf Vorschulniveau ersonnene Story dem baffen Zuschauer mit der Sorglosigkeit des garstigen Hofnarren um den Latz knallt. Tatsächlich nimmt „Direct Contact“ sich spürbar selbst überhaupt nicht ernst, er konglomeriert eine von wenigen, albernen Dialogsequenzen mühsam unterbrochene Abfolge aus Verfolgungsjagden und Schießereien, bei denen die immergleichen Requisiten und Mangeltechniken zum Tragen kommen und die selbst noch bar des Mindestmaßes an existenzieller Logik daherkommt. Der trotz allem absolut präsente Lundgren wirkt mit damals 52 Jahren zwar ein wenig hüftsteif, dafür hüpft die siebenundzwanzig Jahre jüngere Heldin nonchalant mit ihm ins Stroh und verspricht dem alten, freiheitsliebenden Knochen Mike Riggins am Ende zudem einen in mehrerlei Hinsicht vitalisierenden Lebensabend. Passend dazu fährt das Paar gemeinsam mit der Stretchlimo einem auffallend künstlichen Sonnenuntergang entgegen. Das perfekte Ende für diesen kleinen, bezaubernd dämlichen Film, der doch viel zu selbstberauscht und authentisch infantil ist, um ihm ernsthaft Böses zu wollen.

4/10

MOST DANGEROUS GAME

„Give me your hand, my friend.“

Most Dangerous Game ~ USA 2020
Directed By: Phil Abraham

Der junge Detroiter Ehemann und werdende Vater Dodge Tynes (Liam Hemsworth) ist nicht nur hochverschuldet, sondern muss eines Tages zudem erfahren, dass er an einem inoperablen Hirntumor leidet. Die ihm durch einen Krankenpfleger überreichte Kontaktkarte eines karitativen Unternehmens für Unversicherte namens „Tiro Found“ führt Dodge zu dessen Geschäftsführer Miles Sellars (Christoph Waltz). Dieser offeriert dem Verzweifelten ein überraschendes Angebot: Wenn es Dodge gelingt, fünf Menschenjägern vierundzwanzig Stunden lang auf dem Stadtterrain zu entgehen, wird er Multimillionär – im Falle seines Ablebens würden zumindest Dodges Frau Val (Sarah Gadon) und ihr ungeborener Sohn von der bis dahin von ihm „erwirtschafteten“ Summe profitieren. Nach seiner ersten Empörung und einigem Überlegen geht Dodge auf Sellars‘ Angebot ein…

Die jüngste Adaption von Richard Connells klassischer, gleichnamiger Kurzgeschichte erlebte ihre Premiere vor rund eineinhalb Jahren in Form einer aus fünfzehn Siebenminütern bestehenden Webserie beim bald rasch wieder stillgelegten Portal Quibi. Gesehen habe ich allerdings den auf Spielfilmlänge und -format montierten Zusammenschnitt des Ganzen, der der uneigentlichen Form dann auch nicht immer zur Gänze gerecht wird und dem bereits so häufig variierten Manhunt-Topos keinerlei frische Impulse hinzuzusetzen vermag. Regisseur Abrahams und sein Autor Nick Santora versuchen allenthalben zwar, eine wohlfeile Portion Sozialkritik unterzumischen, diese bleibt jedoch bloßer Zierrat und verliert sich ebenso häufig wie sie aufblitzt wieder in der völlig konventionellen Dramaturgie. Der Einfall, die Jagd in einer modernen Großstadt anzusiedeln, geht zwar in Ordnung und bietet zudem pittoreske set pieces, muss jedoch vor den Querelen mangelhaft ausgearbeiteter Logik nicht selten die Waffen strecken. Das zweifellos überschaubare Budget und die ja für ihre Häppchenform aufbereitete Dramaturgie sorgen schließlich dafür, dass „Most Dangerous Game“ (warum der ursprünglich vorangehende, bestimmte Artikel ausgespart wurde, erschließt sich nicht) im Ganzen geradezu unfilmisch und daraus resultierend auch unbefriedigend im Gedächtnis bleibt. Schließlich die Besetzung: Liam Hemsworth gelingt es zu keiner Sekunde, die Verzweiflung eines Todgeweihten im Angesicht groben Schabernacks überzeugend zu transportieren; er spielt – in Ermangelung weniger klischeebehafteter Attribuierung – schlicht hölzern, derweil Waltz als Strippenzieher im Hintergrund den charismatischen Diabolus wie gewohnt auf Autopilot darbietet. Da er selbiges allerdings nach wie vor wunderbar beherrscht, gehen Waltz‘ Auftritte zumindest für ein seiner noch nicht überdrüssiges Publikum in Ordnung. Das Übrige mag man sich schenken – oder auch nicht.

4/10

VUELVEN

Zitat entfällt.

Vuelven (Tigers Are Not Afraid) ~ MEX 2017
Directed By: Issá López

Die kleine Estrella (Paola Lara) lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter (Viviana Amaya) in einem der Stadtbezirke von Mexico City. Als es eines Vormittags eine der üblichen Schießereien zwischen den rivalisierenden Narcos gibt, endet die Schule früher. Doch Estrellas Mutter ist nicht zu Hause und sie wird auch nie mehr kommen. Die Wohnung bleibt verlassen und das Mädchen ist von nun an auf sich gestellt. Jedoch scheint der Geist von Estrellas toter Mutter sie fortan überallhin zu verfolgen. In vier obdachlos lebenden Jungen, Shine (Juan Ramón López), Tucsi (Hanssel Casillas), Pop (Rodrigo Cortes) und Morro (Nery Arredondo), die ähnliche Schicksale wie Estrella durchleben, findet Estrella zunächst zögerliche Freunde. Für ihre jeweiligen Verluste machen die Kinder die Huascas verantwortlich, ein von mehreren Brüdern geleitetes Menschenhändler-Syndikat, dessen Kopf Caco (Ianis Guerrero) der Schlimmste von ihnen sein soll. Um den mittlerweile ebenfalls gekidnappten Morro zu befreien und sich der Mitgliedschaft in der Jungenbande als würdig zu erweisen, soll Estrella Caco in seinem Haus erschießen – mit dessen eigener Pistole, die Shine ihm ein paar Nächte zuvor mitsamt seinem Handy gestohlen hat. Estrella findet Caco bereits ermordet vor, kann Morro jedoch nebst ein paar anderen Kindern herausholen. Durch die Aktion ziehen die Kinder nunmehr erst Recht die Aufmerksamkeit der Huascas auf sich, denn auf dem gestohlenen Handy findet sich ein Video, das den in der Politik aufstrebenden Chino (Tenoch Huerta) beim Foltermord an einer Frau zeigt – wie sich herausstellt, Estrellas Mutter…

Durch ihre Aufnahme in das Portfolio des US-Horror-Streaming-Anbieters Shudder konnte Issá López mit bescheidenen Mitteln hergestellte Indie-Produktion „Vuleven“ zwar noch nicht die ihr gebührende, globale Aufmerksamkeit erzielen, sich jedoch zumindest einen kleineren Bekanntheitsgrad auch im anglophonen Raum erschließen. Das traurige, höchst sozialrelevante Thema spurlos verschwindender und/oder auf sich selbst gestellter Kinder in Mexiko diente der üblicherweise im bekömmlicheren Komödienfach tätigen López nach eigenem Bekunden dabei als Aufhänger, um auch persönliche Traumata aufarbeiten zu können. Dass etwa ihr Landsmann Guillermo del Toro „Vuelven“ besonders schätzt (dies wird in einem von ihm mit der Regisseurin geführten Podiumsinterview beim TIFF deutlich, das auf der unbedingt empfehlenswerten US-Blu-ray-Veröffentlichung enthalten ist), verwundert dabei kaum – auch in seinen Filmen „El Espinazo Del Diablo“ und „El Laberinto Del Fauna“ ging es um die Konfrontation kindlicher Seelenwelten mit dem überaus realen Horror erwachsener Gewalt und wie sie diese mittels Realitätsfluchten unbewusst zu bewältigen versuchen. Mit der Gewissheit darüber, dass sie ihre Mutter nie wiedersehen und sich fortan niemand aus der Welt der Schutzbefohlenen mehr um sie kümmern wird, nimmt Estrella Kontakt mit dem Übersinnlichen auf; bald ist es nicht nur ihre Mutter, sondern auch die vielen anderen ungesühnten Opfer von Cacos Entführungen und Chinos Perversionen, die sie als Medium anflehen: „Bring ihn zu uns!“ Estrella vertraut auf die Macht von Wünschen und Märchen, ist jedoch am Ende, nachdem zunächst der kleine Morro und schließlich auch Shine zu Opfern der omnipräsenten Gewalt geworden sind, gezwungen, ihr Kindsein und ihre moralische Unschuld für immer aufzugeben und selbst zu einer Hauptakteurin im ewigen Zirkel des Tötens zu werden.
Issá López nutzt als Narrativ für ihr hochdramatisches Stück klugerweise die reine Kinderperspektive und schildert die Ereignisse durch die Augen von Estrella sowie des sensiblen Shine, die mit ihren etwa zehn Lebensjahren noch die Abstraktionsfähigkeit besitzen, das Ungeheuerliche, dem sie ausgeliefert sind, in Form von Mutproben und Abenteuerspielen zu abstrahieren. Doch sie sind und bleiben Kinder und somit der brachialen, erwachsenen Gewalt, die sie ihrer Menschlichkeit entledigt und zu lästigem Ungeziefer degradiert, weitestgehend schutzlos ausgeliefert. López scheut sich nicht, diese Tatsache kompromisslos zu bebildern und erreicht damit trotz Estrellas poetisch visualisierten Übergängen in parallele Wahrnehmungsdimensionen mit Sühne fordernden Geistern und lebendig werdenden Stofftieren einen überaus harten, tragischen Realismus. Es ist schon ungerecht: Wo nur ein Jahr nach der Entstehung von López‘ Coming-of-Age-Manifest die Feuilletons der Welt und sogar die Academy breitgefächert über Alfonso Cuarons gewiss meisterhaften „Roma“ sprachen, wurde und wird ersterer geflissentlich ignoriert. Dabei hätte er zweifellos denselben Aufmerksamkeitsgrad verdient.

9/10

SENZA RAGIONE

Zitat entfällt.

Senza Ragione (Blutrausch) ~ I/UK 1973
Directed By: Silvio Narizzano

Drei Ganoven, der soziopathische Amerikaner Memphis (Telly Savalas), der kaum minder aufgedrehte Mosquito (Franco Nero) sowie dessen devote Freundin Maria (Ely Galleani), überfallen einen Juwelier (Giuseppe Mattei) in Rom. Auf der anschließenden Flucht durch ein paar enge Gassen schrotten sie ihren Wagen und stehlen stattdessen kurzerhand den Mercedes der Diplomatengattin Margaret Duncan (Beatrice Clary), auf dessen Rückbank sich Lennox (Mark Lester), der halbwüchsige Filius der Duncans, versteckt hält. Erst später registriert das Trio die Anwesenheit Lennox‘, womit die sich ohnehin planlos verlaufende, gen französische Grenze richtende Odyssee der Gangster vollends in eine Reise geradewegs ins verschneite Inferno verwandelt.

Für die mit Psychotikern ja geradezu gesäumten Flucht- und Amokgeschichten des italienischen Gangsterfilms der anni di piombo bildet „Senza Ragione“, dessen akurat übersetzter Titel eigentlich (und deutlich passender zudem) „Ohne Vernunft“ zu lauten hätte, nochmal einen kleinen Sonderfall dar. Das in Kooperation mit den Briten entstandene, wilde Road Movie kombiniert mit den Darstellern des Protagonistentrios ein lediglich auf den ersten Blick extravagant erscheinendes, für seine Entstehungszeit dann aber wiederum doch gar nicht mal so außerordentliches Antihelden-Kleeblatt. Selbst für das damalige darstellerische Œuvre Mark Lesters, des just auf seinem Zenit als Kinderstar befindlichen Filius des mitproduzierenden Michael Lester, bildet der psychologisch differenziert angelegte Part des zusehends aus seiner angestammten gesellschaftlichen Rolle fallenden Kidnapping-Opfers keine allzu spezifische Ausnahme.
Das zunächst noch als Quartett gleicht rasch einer dysfunktionalen Familie, die durch die unberechenbaren gewaltvollen Ausbrüche ihres schwärzesten Schafs zunächst um ihren weiblichen Bestandteil dezimiert wird und dann immer weiter auf direktem Verderbniskurs navigiert. Ausnahmslos alles läuft von Anfang an schief für Mosquito und Memphis – insbesondere infolge der affektgesteuerten Unbeherrschtheit von letzterem, der im Laufe der Geschichte immer mehr unschuldige Opfer anhäuft, darunter einen Hirtenjungen und eine fünfköpfige deutsche Camperfamilie. Selbst eine dreibeinige Hündin, die Memphis treu nachläuft, bleibt nicht von ihm verschont. Dessen in direkter Folge fast immer höchst theatralisch geäußertes Bedauern über die jeweilige Gewalttat gehört gewissermaßen obligatorisch zum mörderischen Gesamtprocedere seines kopflosen Aktionismus. Ein verzweifelter Versuch von Mosquito und Lennox, sich von Memphis‘ abgründigem Weg zu emanzipieren, bleibt auf der Strecke, die (maskuline) Kernfamilie bleibt unweigerlich beisammen, bis zum bitterenden Ende. Dabei bevölkert sie ihre eigene Parallelwelt; sämtliche Personen außerhalb ihres Zirkels wirken wie Fremndkörper: die nur als phantomeske Staatsentität präsente Polizei, Lennox‘ desinteressierte Eltern, eine verblichene Adelige (Maria Michi), deren ruinöser, einsamer Palast Mosquito und Lennox nur sehr kurzzeitig als Sanktuarium dient.
Der ein ebenso überschaubares wie ungewöhnliches Regiewerk aufweisende Italo-Kanadier Narizzano inszeniert sein Werk analog zum chaotischen Trip seiner Figuren durchweg ruppig, ungeschliffen und teils sogar improvisiert scheinend. Wenn „Senza Ragione“ überhaupt eine wie auch immer geartete Form von „Schönheit“ aufweist, dann nimmt sich diese so vorsätzlich unelegant wie morbid aus. Dass der Film anders als viele seiner weitaus weniger prominent besetzten, zeitgenössisch entstandenen Gattungsgenossen sich irgendwie krampfhaft jeder hochgejubelten Wiederentdeckung sperrt, spricht Bände – zu unbequem, zu abstrakt, zu böse vielleicht, scheint er mir.
So wird in den meisten deutschsprachigen Reviews zu „Senza Ragione“ zudem gern und leidenschaftlich wider dessen Synchronfassung kolportiert, für die ich an dieser Stelle einmal ausnahmsweise in die Bresche springen möchte. Der erst 1983 anlässlich der hiesigen Videopremiere angefertigten Berliner Brunnemann-Vertonung von Michael Richter (der unter anderem auch für das legendäre „Söldnerkommando“ verantwortlich zeichnete, was den wiederkehrenden Begriff „Bratenbengel“ erklärt) wird vorgeworfen, sie kalauere unentwegt daher und zerstöre dadurch die melancholische Grundstimmung des Geschehens. In der Tat trägt feuert insbesondere der auf Savalas besetzte Edgar Ott seine oftmals monologischen Zeilen vor allem zu Beginn ab, als befände er sich in einem absurden Theaterstück. Das ist, zumal anfänglich, in dieser Form gewiss gewöhnungsbedürftig, ergänzt „Senza Ragione“ aber vielmehr nochmals um jene ganz besondere, eigene Kunstform des Synchronfachs, die sich dann im weiteren Verlauf irgendwann doch der zusehends nihilistischen Atmosphäre unterwirft und trotz aller halsbrecherischen Verbaldrescherei den Film niemals zur befürchteten, albernen Komödie degradiert.

8/10

A QUIET PLACE PART II

„Breathe.“

A Quiet Place Part II ~ USA 2020
Directed By: John Krasinski

Nach dem Opfertod ihres Mannes Lee (John Krasinski) macht sich Evelyn Abbott (Emily Blunt) gemeinsam mit ihren drei Kindern, der taubstummen Regan (Millicent Simmonds), dem etwas jüngeren Marcus (Noah Jupe) und dem Neugeborenen, auf eine Reise ins Ungewisse, stets auf der Flucht vor den blinden Monsteraliens. In den angrenzenden Bergen stoßen sie auf eine verlassene Stahlfabrik, in der sich Emmett (Cillian Murphy), ein früherer Freund der Abbotts, der seine gesamte Familie verloren hat, verschanzt hält. Durch Zufall empfängt Marcus ein Radiosignal, das den Oldie „Beyond The Sea“ in Dauerschleife ausstrahlt. Regan ahnt, dass sich dahinter Überlebende verbergen müssen, die den Song als Hinweis auf ein mögliches Inselrefugium vor der Küste senden. Auf eigene Faust macht sie sich heimlich auf, ihre Vermutung zu beweisen. Die darüber entsetzte Evelyn kann Emmett überreden, ihr zu folgen.

Sein Sequel zu dem erfolgreichen „A Quiet Place“ legt Regisseur und Autor Krasinski in dessen unmittelbare Chronologie. Die angeschlagene Familie Abbott verfolgt die Fortsetzung dabei weiter auf ihrem Weg durch das nunmehr hinlänglich etablierte Endzeit-Szenario und gibt einen etwas genaueren Überblick über die veränderten Zustände und Überlebensmodi innerhalb jener auf absolute Stille angewiesenen Albtraumrealität. Als (offenbar unerlässliches) männliches Substitut für Krasinskis heldenhaft gestorbenen Familienvater bemüht der Plot den von dem in punkto apokalyptische Sujets hinlänglich erfahrenen Cillian Murphy als psychisch angeschlagenen Emmett, dem im Laufe der Ereignisse eine zunehmend tragende Rolle zuteil wird. Ansonsten lernt und erfährt man noch einiges mehr über die invadierte Welt von „A Quiet Place“, wobei diese sich nicht wesentlich von hinlänglich bekannten, klassischen Vorbildern unterscheidet: Es gibt marodierende und plündernde Outlaws, deren regressive Atavismen sich bereits physisch manifestieren, derweil sich Regans Vermutung der eiländischen Flüchtlingsenklave als tatsächlich zutreffend erweist: Auf einer recht geräumigen Insel lebt eine Gruppe Überlebender unter der Führung eines weißbärtigen Patriarchen (Djimon Hounsou) ein zivilisatorisch relativ ungetrübtes, autarkes Idyll. man ist dort sicher, weil die Monster nicht schwimmen können. Mit Emmett und Regan kommt jedoch auch hierher der Tod – eine der Kreaturen befindet sich an Bord eines kleines Schiffes, das in eine der Inselbuchten getrieben wurde und beginnt vor Ort sogleich ihr blutiges Werk.
Bis hierher besitzt „A Quiet Place Part II“ seiner multipel ausgewalzten Elemente und Konstruiertheiten zum Trotz eine dem Original oftmals ebenbürtige Stringenz, die sich vor allem in Krasinskis unbestreitbarer Fähigkeit, formidable Suspense-Momente zu kreieren und zu forcieren, niederschlägt. Im als klimaktische Trias angelegten, extrem verdichteten Showdown, der mittels einer bravourös arrangierten Parallelmontage gleich drei zueinander in kausaler Abhängigkeit stehende Überlebenskämpfe zeigt, erreicht seine Mise-en-scène dann sogar annähernde Meisterschaft. Leider lassen Regisseur und Film unmittelbar hernach im Stich; der Film endet auf höchst unbefriedigende Weise mit losen Handlungsfäden, was in Zeiten des parforce kultivierten, seriellen Erzählens wohl am ehesten dem Cliffhanger am Ende irgendeiner halbgaren Reihenstaffel entspricht – ohne Ankündigung einer weiteren Fortsetzung wohlgemerkt. Auf die knappe Erzählzeit bezogen wäre da, mutmaßlich ebenso anbetreffs der monetären Mittel, gewiss durchaus noch Luft gewesen, so dass sich der Schluss als wahlweise unbefriedigendes oder gar manieristisches Nasedrehen ohne ersichtliche Ursache niederschlägt. Ein Spin-Off sei angekündigt, mit einer regulären Weiterführung des bereits als „Franchise“ gehandelten Epos frühestens in ein paar Jahren zu rechnen. Das muss man zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl nicht verstehen und beschränkt den potenziellen Wiederholungsgenuss bereits von vornherein empfindlich.

7/10

THOSE WHO WISH ME DEAD

„No one makes it through that, baby.“

Those Who Wish Me Dead (They Want Me Dead) ~ CAN/USA 2021
Directed By: Taylor Sheridan

Als er bemerkt, dass ihm Auftragsmörder auf den Fersen sind, flüchtet der in eine Korruptionsaffäre verstrickte Buchhalter Owen (Jake Weber) mit seinem Sohn Connor (Finn Little) aus Florida zu seinem Schwager Ethan (Jon Bernthal), der als Sheriff in Montana arbeitet. Die beiden Killer Jack (Aidan Gillen) und Patrick (Nicholas Hoult) erwischen Owen vor Ort, verpassen jedoch Connor, dem, mittlerweile im Besitz eines brisanten Enthüllungsschreibens, die Flucht in die Wälder gelingt. Dort trifft er auf die seit einem missglückten Einsatz psychisch labile Ex-Feuerspringerin Hannah (Angelina Jolie), die sich des Jungen annimmt und ihn gegen das Killerpaar verteidigt.

In Anbetracht von „Those Who Wish Me Dead“ fällt es schwer zu glauben, dass dessen Regisseur und Co-Autor Taylor Sheridan einst so brillante Scripts wie die zu „Sicario“ und „Hell Or High Water“ verfasst haben soll. Die naheliegendste Erklärung wäre wohl, dass Sheridan die Konzentration auf reine Autorentätigkeit wesentlich besser und/oder näher liegt denn die komplexe Aufgabe der Inszenierung. Schon sein letzter Film „Wind River“ bekleidet diesbezüglich einen recht evidenten Status. Immerhin: den grundierenden Topos des frontier epic, der Sheridans kreativen Output nach wie vor umtreibt, beinhaltet zwar auch „Those Who Wish Me Dead“, dafür versagt er jedoch an diversen anderen, ebenso empfindlichen wie entscheidenden Stützpunkten.
Die Story, die auf einen noch recht jungen Roman von 2014 (Michael Koryta) zurückgeht, würde man eher in den Neunzigern verorten, als das zugrunde liegende Sujet, in dem urbane Kriminelle irgendwo in den Weiten der amerikanischen Wildnis ihr Unwesen treiben, ohne mit der Cleverness der regional ansässigen locals zu rechnen, noch schwer en vogue war und entsprechende Vertreter in schöner Regelmäßigkeit die Leinwände enterten. Auch der Plotbaustein des von Killern gejagten Kindes, das wahlweise als unerwünschter Zeuge oder als Besitzer hochsensibler Informationen sterben soll und von einer/einem mündigen HeldIn mit möglicherweise unfreiwilligen Ersatzeltern-Ambitionen beschützt wird, geht hauptsächlich auf jene filmhistorische Ära zurück. Während jedoch die retrospektiven Bestrebungen der Film- und Serienindustrie, nostalgische Stoffe aus den siebziger und achtziger Jahren zu bedienen und ihnen mannigfaltige Revivals zu spendieren, immer noch halbwegs aufgehen, bietet der kernmediokre Genremainstream der Neunziger derlei Anknüpfungspunkte in keinster Weise. Falls ein analoger Gedankengang Sheridan oder einen der übrigen Beteiligten umgetrieben haben sollte, muss sich über das enttäuschende Resultat niemand wundern. An „Those Who Wish Me Dead“ ist nichts, was man als rundheraus gelungen bezeichnen möchte. Das Buch klafft vor ebenso eklatanten wie redundanten Logiklöchern, die es paradoxerweise teilweise sogar selbst entlarvt. Die beiden Killer, augenscheinlich ein Bruderpaar, das immerhin auf ausgereifteste logistische Mittel zurückgreifen kann, stellen sich phasenweise so dämlich an, dass man sie nie als wirkliche Bedrohung empfindet, was wiederum das gesamte Konstrukt a priori atmosphärisch unterminiert. Mit Ausnahme ausgerechnet des vierzehnjährigen Australiers Finn Little, der überaus positiv heraussticht, befindet sich das komplette übrige, ja doch recht namhaft besetzte Ensemble (allen voran die Jolie) im tagträumerischen StandBy-Modus. Schließlich bestehen die immer wieder als gottgleiche Naturgewalt motivisch bedienten Flammensbrünste aus kläglichen CGIs, die somit auch keine echte Gefahr zu suggerieren vermögen. Was somit hier alles bereitwillig der offenen Verhunzung anheim gestellt wird, sucht schon seinesgleichen.

4/10

HIS HOUSE

„It has followed us here.“

His House ~ UK 2020
Directed By: Remi Weekes

Das aus dem Südsudan stammende Ehepaar Rial (Wunmi Mosaku) und Bol (Sope Dirisu) lebt nach seiner Ankunft in England in einer Flüchtlingsunterkunft. Nyagak (Malaika Wakoli-Abigaba), die Tochter der beiden, ist zuvor während der Schiffspassage ertrunken. Ihr Verlust hat tiefe Risse bei Bol und Rial hinterlassen. Schließlich wird dem Paar unter strikten Aufenthaltsauflagen ein verwahrlostes Reihenhaus in einer anonymen Vorstadtsiedlung zugewiesen. Es dauert nicht lange, bis Bol, dem der Verbleib in der neuen Heimat über alles geht, Geister zu sehen beginnt. Vor allem Nayagaks unruhige Seele scheint voller Wut auf ihn und treibt Bol mit ihren ebenso aggressiven wie anklagenden Erscheinungen an die Grenzen des Wahnsinns. Auch Rial nimmt die Gespenster wahr. Für sie handelt es sich um einen Apeth, einen Dämon, der mit Schuld beladene Opfer bis aufs letzte Haar verschlingt, bevor er wieder Ruhe gibt. Während Bols und Rials Betreuer (Matt Smith) sich Sorgen zu machen beginnt, gilt es für die beiden, den Apeth irgendwie wieder los zu werden…

Dass der jüngere Horrorfilm sich, wie es den Wurzeln des Genres ja ohnehin seit eh und je entspricht, einer der kulturell bedeutsamsten Indikatoren für diverse gesamtgesellschaftlich geführte Diskurse zeigt, sollte keinem halbwegs aufmerksamen Genrebetrachter entgangen sein. Remi Weekes‘ „His House“ nun ist wohl einer der ersten Beiträge der Gattung zur Flüchtlingsthematik, und ein gleichermaßen sensibler wie berückender dazu. Ohne den Haunted-House-Topos seiner fest eingeschriebenen Ingredienzien zu berauben oder diese gar formal zu innovieren, erzählt Weekes wie beiläufig, was es heißt, eine krisengeschüttelte Heimat um Leibes und Lebens Willen hinter sich lassen und all die weiteren Entbehrungen auf sich nehmen zu müssen, die damit einhergehen, in das so sicher scheinende Mittel- bzw. Westeuropa zu migrieren. Denn die diversen, psychobiographisch versiegelten Traumata, die Albträume und möglicherweise auch auf sich geladene Schuldkomplexe bleiben – auch wenn der neu betretene Grund und Boden nicht von sichtbarem Blut getränkt sein mag. Der Apeth, die symbolische Manifestation all des Zurückgelassenen, ist längst nicht die einzige unnehmbar scheinende Hürde zur Sorgenfreiheit. Da sind auch noch die fremde Sprache, die andersartige Kultur, die hässliche, graue Zubetoniertheit der westlichen Urbanität, die Despektierlichkeit der hiesigen, weißen Ureinwohner mit all ihren kleinen und großen alltagsrassistischen Ressentiments, die aus ihrem Widerwillen und ihrem Unverständnis größenteils erst gar keinen Hehl machen. Ein schmuckloses, verkommenes Haus ohne Leben mit Müll, Dreck und Ungeziefer, Nachbarn ohne zwischenmenschliche Regungen, ein paar Pfund zum (Über-)Leben, dumme Bemerkungen, Verbote und Einschränkungen allerorten. Rial und Bol kommt das gepriesene, sichere England vor wie eine Teildiktatur mit ihnen selbst als humanem Bodensatz. Als ob all das nicht ausreichte, sind da noch die Schreie der Ertrunkenen, Ermordeten, Zurückgebliebenen, die in jeder ruhigen Minute ihr unablässiges Echo platzieren. Welcher Weg der richtige ist, müssen Rial und Bol erst herausfinden, wo „His House“ ihn stellvertretend für sie bereits gepflastert hat und nun mit ihnen beschreitet. Die einzige Option muss (und kann nur) lauten: weitermachen, kämpfen, niemals aufgeben.

8/10