MOST DANGEROUS GAME

„Give me your hand, my friend.“

Most Dangerous Game ~ USA 2020
Directed By: Phil Abraham

Der junge Detroiter Ehemann und werdende Vater Dodge Tynes (Liam Hemsworth) ist nicht nur hochverschuldet, sondern muss eines Tages zudem erfahren, dass er an einem inoperablen Hirntumor leidet. Die ihm durch einen Krankenpfleger überreichte Kontaktkarte eines karitativen Unternehmens für Unversicherte namens „Tiro Found“ führt Dodge zu dessen Geschäftsführer Miles Sellars (Christoph Waltz). Dieser offeriert dem Verzweifelten ein überraschendes Angebot: Wenn es Dodge gelingt, fünf Menschenjägern vierundzwanzig Stunden lang auf dem Stadtterrain zu entgehen, wird er Multimillionär – im Falle seines Ablebens würden zumindest Dodges Frau Val (Sarah Gadon) und ihr ungeborener Sohn von der bis dahin von ihm „erwirtschafteten“ Summe profitieren. Nach seiner ersten Empörung und einigem Überlegen geht Dodge auf Sellars‘ Angebot ein…

Die jüngste Adaption von Richard Connells klassischer, gleichnamiger Kurzgeschichte erlebte ihre Premiere vor rund eineinhalb Jahren in Form einer aus fünfzehn Siebenminütern bestehenden Webserie beim bald rasch wieder stillgelegten Portal Quibi. Gesehen habe ich allerdings den auf Spielfilmlänge und -format montierten Zusammenschnitt des Ganzen, der der uneigentlichen Form dann auch nicht immer zur Gänze gerecht wird und dem bereits so häufig variierten Manhunt-Topos keinerlei frische Impulse hinzuzusetzen vermag. Regisseur Abrahams und sein Autor Nick Santora versuchen allenthalben zwar, eine wohlfeile Portion Sozialkritik unterzumischen, diese bleibt jedoch bloßer Zierrat und verliert sich ebenso häufig wie sie aufblitzt wieder in der völlig konventionellen Dramaturgie. Der Einfall, die Jagd in einer modernen Großstadt anzusiedeln, geht zwar in Ordnung und bietet zudem pittoreske set pieces, muss jedoch vor den Querelen mangelhaft ausgearbeiteter Logik nicht selten die Waffen strecken. Das zweifellos überschaubare Budget und die ja für ihre Häppchenform aufbereitete Dramaturgie sorgen schließlich dafür, dass „Most Dangerous Game“ (warum der ursprünglich vorangehende, bestimmte Artikel ausgespart wurde, erschließt sich nicht) im Ganzen geradezu unfilmisch und daraus resultierend auch unbefriedigend im Gedächtnis bleibt. Schließlich die Besetzung: Liam Hemsworth gelingt es zu keiner Sekunde, die Verzweiflung eines Todgeweihten im Angesicht groben Schabernacks überzeugend zu transportieren; er spielt – in Ermangelung weniger klischeebehafteter Attribuierung – schlicht hölzern, derweil Waltz als Strippenzieher im Hintergrund den charismatischen Diabolus wie gewohnt auf Autopilot darbietet. Da er selbiges allerdings nach wie vor wunderbar beherrscht, gehen Waltz‘ Auftritte zumindest für ein seiner noch nicht überdrüssiges Publikum in Ordnung. Das Übrige mag man sich schenken – oder auch nicht.

4/10

VUELVEN

Zitat entfällt.

Vuelven (Tigers Are Not Afraid) ~ MEX 2017
Directed By: Issá López

Die kleine Estrella (Paola Lara) lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter (Viviana Amaya) in einem der Stadtbezirke von Mexico City. Als es eines Vormittags eine der üblichen Schießereien zwischen den rivalisierenden Narcos gibt, endet die Schule früher. Doch Estrellas Mutter ist nicht zu Hause und sie wird auch nie mehr kommen. Die Wohnung bleibt verlassen und das Mädchen ist von nun an auf sich gestellt. Jedoch scheint der Geist von Estrellas toter Mutter sie fortan überallhin zu verfolgen. In vier obdachlos lebenden Jungen, Shine (Juan Ramón López), Tucsi (Hanssel Casillas), Pop (Rodrigo Cortes) und Morro (Nery Arredondo), die ähnliche Schicksale wie Estrella durchleben, findet Estrella zunächst zögerliche Freunde. Für ihre jeweiligen Verluste machen die Kinder die Huascas verantwortlich, ein von mehreren Brüdern geleitetes Menschenhändler-Syndikat, dessen Kopf Caco (Ianis Guerrero) der Schlimmste von ihnen sein soll. Um den mittlerweile ebenfalls gekidnappten Morro zu befreien und sich der Mitgliedschaft in der Jungenbande als würdig zu erweisen, soll Estrella Caco in seinem Haus erschießen – mit dessen eigener Pistole, die Shine ihm ein paar Nächte zuvor mitsamt seinem Handy gestohlen hat. Estrella findet Caco bereits ermordet vor, kann Morro jedoch nebst ein paar anderen Kindern herausholen. Durch die Aktion ziehen die Kinder nunmehr erst Recht die Aufmerksamkeit der Huascas auf sich, denn auf dem gestohlenen Handy findet sich ein Video, das den in der Politik aufstrebenden Chino (Tenoch Huerta) beim Foltermord an einer Frau zeigt – wie sich herausstellt, Estrellas Mutter…

Durch ihre Aufnahme in das Portfolio des US-Horror-Streaming-Anbieters Shudder konnte Issá López mit bescheidenen Mitteln hergestellte Indie-Produktion „Vuleven“ zwar noch nicht die ihr gebührende, globale Aufmerksamkeit erzielen, sich jedoch zumindest einen kleineren Bekanntheitsgrad auch im anglophonen Raum erschließen. Das traurige, höchst sozialrelevante Thema spurlos verschwindender und/oder auf sich selbst gestellter Kinder in Mexiko diente der üblicherweise im bekömmlicheren Komödienfach tätigen López nach eigenem Bekunden dabei als Aufhänger, um auch persönliche Traumata aufarbeiten zu können. Dass etwa ihr Landsmann Guillermo del Toro „Vuelven“ besonders schätzt (dies wird in einem von ihm mit der Regisseurin geführten Podiumsinterview beim TIFF deutlich, das auf der unbedingt empfehlenswerten US-Blu-ray-Veröffentlichung enthalten ist), verwundert dabei kaum – auch in seinen Filmen „El Espinazo Del Diablo“ und „El Laberinto Del Fauna“ ging es um die Konfrontation kindlicher Seelenwelten mit dem überaus realen Horror erwachsener Gewalt und wie sie diese mittels Realitätsfluchten unbewusst zu bewältigen versuchen. Mit der Gewissheit darüber, dass sie ihre Mutter nie wiedersehen und sich fortan niemand aus der Welt der Schutzbefohlenen mehr um sie kümmern wird, nimmt Estrella Kontakt mit dem Übersinnlichen auf; bald ist es nicht nur ihre Mutter, sondern auch die vielen anderen ungesühnten Opfer von Cacos Entführungen und Chinos Perversionen, die sie als Medium anflehen: „Bring ihn zu uns!“ Estrella vertraut auf die Macht von Wünschen und Märchen, ist jedoch am Ende, nachdem zunächst der kleine Morro und schließlich auch Shine zu Opfern der omnipräsenten Gewalt geworden sind, gezwungen, ihr Kindsein und ihre moralische Unschuld für immer aufzugeben und selbst zu einer Hauptakteurin im ewigen Zirkel des Tötens zu werden.
Issá López nutzt als Narrativ für ihr hochdramatisches Stück klugerweise die reine Kinderperspektive und schildert die Ereignisse durch die Augen von Estrella sowie des sensiblen Shine, die mit ihren etwa zehn Lebensjahren noch die Abstraktionsfähigkeit besitzen, das Ungeheuerliche, dem sie ausgeliefert sind, in Form von Mutproben und Abenteuerspielen zu abstrahieren. Doch sie sind und bleiben Kinder und somit der brachialen, erwachsenen Gewalt, die sie ihrer Menschlichkeit entledigt und zu lästigem Ungeziefer degradiert, weitestgehend schutzlos ausgeliefert. López scheut sich nicht, diese Tatsache kompromisslos zu bebildern und erreicht damit trotz Estrellas poetisch visualisierten Übergängen in parallele Wahrnehmungsdimensionen mit Sühne fordernden Geistern und lebendig werdenden Stofftieren einen überaus harten, tragischen Realismus. Es ist schon ungerecht: Wo nur ein Jahr nach der Entstehung von López‘ Coming-of-Age-Manifest die Feuilletons der Welt und sogar die Academy breitgefächert über Alfonso Cuarons gewiss meisterhaften „Roma“ sprachen, wurde und wird ersterer geflissentlich ignoriert. Dabei hätte er zweifellos denselben Aufmerksamkeitsgrad verdient.

9/10

SENZA RAGIONE

Zitat entfällt.

Senza Ragione (Blutrausch) ~ I/UK 1973
Directed By: Silvio Narizzano

Drei Ganoven, der soziopathische Amerikaner Memphis (Telly Savalas), der kaum minder aufgedrehte Mosquito (Franco Nero) sowie dessen devote Freundin Maria (Ely Galleani), überfallen einen Juwelier (Giuseppe Mattei) in Rom. Auf der anschließenden Flucht durch ein paar enge Gassen schrotten sie ihren Wagen und stehlen stattdessen kurzerhand den Mercedes der Diplomatengattin Margaret Duncan (Beatrice Clary), auf dessen Rückbank sich Lennox (Mark Lester), der halbwüchsige Filius der Duncans, versteckt hält. Erst später registriert das Trio die Anwesenheit Lennox‘, womit die sich ohnehin planlos verlaufende, gen französische Grenze richtende Odyssee der Gangster vollends in eine Reise geradewegs ins verschneite Inferno verwandelt.

Für die mit Psychotikern ja geradezu gesäumten Flucht- und Amokgeschichten des italienischen Gangsterfilms der anni di piombo bildet „Senza Ragione“, dessen akurat übersetzter Titel eigentlich (und deutlich passender zudem) „Ohne Vernunft“ zu lauten hätte, nochmal einen kleinen Sonderfall dar. Das in Kooperation mit den Briten entstandene, wilde Road Movie kombiniert mit den Darstellern des Protagonistentrios ein lediglich auf den ersten Blick extravagant erscheinendes, für seine Entstehungszeit dann aber wiederum doch gar nicht mal so außerordentliches Antihelden-Kleeblatt. Selbst für das damalige darstellerische Œuvre Mark Lesters, des just auf seinem Zenit als Kinderstar befindlichen Filius des mitproduzierenden Michael Lester, bildet der psychologisch differenziert angelegte Part des zusehends aus seiner angestammten gesellschaftlichen Rolle fallenden Kidnapping-Opfers keine allzu spezifische Ausnahme.
Das zunächst noch als Quartett gleicht rasch einer dysfunktionalen Familie, die durch die unberechenbaren gewaltvollen Ausbrüche ihres schwärzesten Schafs zunächst um ihren weiblichen Bestandteil dezimiert wird und dann immer weiter auf direktem Verderbniskurs navigiert. Ausnahmslos alles läuft von Anfang an schief für Mosquito und Memphis – insbesondere infolge der affektgesteuerten Unbeherrschtheit von letzterem, der im Laufe der Geschichte immer mehr unschuldige Opfer anhäuft, darunter einen Hirtenjungen und eine fünfköpfige deutsche Camperfamilie. Selbst eine dreibeinige Hündin, die Memphis treu nachläuft, bleibt nicht von ihm verschont. Dessen in direkter Folge fast immer höchst theatralisch geäußertes Bedauern über die jeweilige Gewalttat gehört gewissermaßen obligatorisch zum mörderischen Gesamtprocedere seines kopflosen Aktionismus. Ein verzweifelter Versuch von Mosquito und Lennox, sich von Memphis‘ abgründigem Weg zu emanzipieren, bleibt auf der Strecke, die (maskuline) Kernfamilie bleibt unweigerlich beisammen, bis zum bitterenden Ende. Dabei bevölkert sie ihre eigene Parallelwelt; sämtliche Personen außerhalb ihres Zirkels wirken wie Fremndkörper: die nur als phantomeske Staatsentität präsente Polizei, Lennox‘ desinteressierte Eltern, eine verblichene Adelige (Maria Michi), deren ruinöser, einsamer Palast Mosquito und Lennox nur sehr kurzzeitig als Sanktuarium dient.
Der ein ebenso überschaubares wie ungewöhnliches Regiewerk aufweisende Italo-Kanadier Narizzano inszeniert sein Werk analog zum chaotischen Trip seiner Figuren durchweg ruppig, ungeschliffen und teils sogar improvisiert scheinend. Wenn „Senza Ragione“ überhaupt eine wie auch immer geartete Form von „Schönheit“ aufweist, dann nimmt sich diese so vorsätzlich unelegant wie morbid aus. Dass der Film anders als viele seiner weitaus weniger prominent besetzten, zeitgenössisch entstandenen Gattungsgenossen sich irgendwie krampfhaft jeder hochgejubelten Wiederentdeckung sperrt, spricht Bände – zu unbequem, zu abstrakt, zu böse vielleicht, scheint er mir.
So wird in den meisten deutschsprachigen Reviews zu „Senza Ragione“ zudem gern und leidenschaftlich wider dessen Synchronfassung kolportiert, für die ich an dieser Stelle einmal ausnahmsweise in die Bresche springen möchte. Der erst 1983 anlässlich der hiesigen Videopremiere angefertigten Berliner Brunnemann-Vertonung von Michael Richter (der unter anderem auch für das legendäre „Söldnerkommando“ verantwortlich zeichnete, was den wiederkehrenden Begriff „Bratenbengel“ erklärt) wird vorgeworfen, sie kalauere unentwegt daher und zerstöre dadurch die melancholische Grundstimmung des Geschehens. In der Tat trägt feuert insbesondere der auf Savalas besetzte Edgar Ott seine oftmals monologischen Zeilen vor allem zu Beginn ab, als befände er sich in einem absurden Theaterstück. Das ist, zumal anfänglich, in dieser Form gewiss gewöhnungsbedürftig, ergänzt „Senza Ragione“ aber vielmehr nochmals um jene ganz besondere, eigene Kunstform des Synchronfachs, die sich dann im weiteren Verlauf irgendwann doch der zusehends nihilistischen Atmosphäre unterwirft und trotz aller halsbrecherischen Verbaldrescherei den Film niemals zur befürchteten, albernen Komödie degradiert.

8/10

A QUIET PLACE PART II

„Breathe.“

A Quiet Place Part II ~ USA 2020
Directed By: John Krasinski

Nach dem Opfertod ihres Mannes Lee (John Krasinski) macht sich Evelyn Abbott (Emily Blunt) gemeinsam mit ihren drei Kindern, der taubstummen Regan (Millicent Simmonds), dem etwas jüngeren Marcus (Noah Jupe) und dem Neugeborenen, auf eine Reise ins Ungewisse, stets auf der Flucht vor den blinden Monsteraliens. In den angrenzenden Bergen stoßen sie auf eine verlassene Stahlfabrik, in der sich Emmett (Cillian Murphy), ein früherer Freund der Abbotts, der seine gesamte Familie verloren hat, verschanzt hält. Durch Zufall empfängt Marcus ein Radiosignal, das den Oldie „Beyond The Sea“ in Dauerschleife ausstrahlt. Regan ahnt, dass sich dahinter Überlebende verbergen müssen, die den Song als Hinweis auf ein mögliches Inselrefugium vor der Küste senden. Auf eigene Faust macht sie sich heimlich auf, ihre Vermutung zu beweisen. Die darüber entsetzte Evelyn kann Emmett überreden, ihr zu folgen.

Sein Sequel zu dem erfolgreichen „A Quiet Place“ legt Regisseur und Autor Krasinski in dessen unmittelbare Chronologie. Die angeschlagene Familie Abbott verfolgt die Fortsetzung dabei weiter auf ihrem Weg durch das nunmehr hinlänglich etablierte Endzeit-Szenario und gibt einen etwas genaueren Überblick über die veränderten Zustände und Überlebensmodi innerhalb jener auf absolute Stille angewiesenen Albtraumrealität. Als (offenbar unerlässliches) männliches Substitut für Krasinskis heldenhaft gestorbenen Familienvater bemüht der Plot den von dem in punkto apokalyptische Sujets hinlänglich erfahrenen Cillian Murphy als psychisch angeschlagenen Emmett, dem im Laufe der Ereignisse eine zunehmend tragende Rolle zuteil wird. Ansonsten lernt und erfährt man noch einiges mehr über die invadierte Welt von „A Quiet Place“, wobei diese sich nicht wesentlich von hinlänglich bekannten, klassischen Vorbildern unterscheidet: Es gibt marodierende und plündernde Outlaws, deren regressive Atavismen sich bereits physisch manifestieren, derweil sich Regans Vermutung der eiländischen Flüchtlingsenklave als tatsächlich zutreffend erweist: Auf einer recht geräumigen Insel lebt eine Gruppe Überlebender unter der Führung eines weißbärtigen Patriarchen (Djimon Hounsou) ein zivilisatorisch relativ ungetrübtes, autarkes Idyll. man ist dort sicher, weil die Monster nicht schwimmen können. Mit Emmett und Regan kommt jedoch auch hierher der Tod – eine der Kreaturen befindet sich an Bord eines kleines Schiffes, das in eine der Inselbuchten getrieben wurde und beginnt vor Ort sogleich ihr blutiges Werk.
Bis hierher besitzt „A Quiet Place Part II“ seiner multipel ausgewalzten Elemente und Konstruiertheiten zum Trotz eine dem Original oftmals ebenbürtige Stringenz, die sich vor allem in Krasinskis unbestreitbarer Fähigkeit, formidable Suspense-Momente zu kreieren und zu forcieren, niederschlägt. Im als klimaktische Trias angelegten, extrem verdichteten Showdown, der mittels einer bravourös arrangierten Parallelmontage gleich drei zueinander in kausaler Abhängigkeit stehende Überlebenskämpfe zeigt, erreicht seine Mise-en-scène dann sogar annähernde Meisterschaft. Leider lassen Regisseur und Film unmittelbar hernach im Stich; der Film endet auf höchst unbefriedigende Weise mit losen Handlungsfäden, was in Zeiten des parforce kultivierten, seriellen Erzählens wohl am ehesten dem Cliffhanger am Ende irgendeiner halbgaren Reihenstaffel entspricht – ohne Ankündigung einer weiteren Fortsetzung wohlgemerkt. Auf die knappe Erzählzeit bezogen wäre da, mutmaßlich ebenso anbetreffs der monetären Mittel, gewiss durchaus noch Luft gewesen, so dass sich der Schluss als wahlweise unbefriedigendes oder gar manieristisches Nasedrehen ohne ersichtliche Ursache niederschlägt. Ein Spin-Off sei angekündigt, mit einer regulären Weiterführung des bereits als „Franchise“ gehandelten Epos frühestens in ein paar Jahren zu rechnen. Das muss man zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl nicht verstehen und beschränkt den potenziellen Wiederholungsgenuss bereits von vornherein empfindlich.

7/10

THOSE WHO WISH ME DEAD

„No one makes it through that, baby.“

Those Who Wish Me Dead (They Want Me Dead) ~ CAN/USA 2021
Directed By: Taylor Sheridan

Als er bemerkt, dass ihm Auftragsmörder auf den Fersen sind, flüchtet der in eine Korruptionsaffäre verstrickte Buchhalter Owen (Jake Weber) mit seinem Sohn Connor (Finn Little) aus Florida zu seinem Schwager Ethan (Jon Bernthal), der als Sheriff in Montana arbeitet. Die beiden Killer Jack (Aidan Gillen) und Patrick (Nicholas Hoult) erwischen Owen vor Ort, verpassen jedoch Connor, dem, mittlerweile im Besitz eines brisanten Enthüllungsschreibens, die Flucht in die Wälder gelingt. Dort trifft er auf die seit einem missglückten Einsatz psychisch labile Ex-Feuerspringerin Hannah (Angelina Jolie), die sich des Jungen annimmt und ihn gegen das Killerpaar verteidigt.

In Anbetracht von „Those Who Wish Me Dead“ fällt es schwer zu glauben, dass dessen Regisseur und Co-Autor Taylor Sheridan einst so brillante Scripts wie die zu „Sicario“ und „Hell Or High Water“ verfasst haben soll. Die naheliegendste Erklärung wäre wohl, dass Sheridan die Konzentration auf reine Autorentätigkeit wesentlich besser und/oder näher liegt denn die komplexe Aufgabe der Inszenierung. Schon sein letzter Film „Wind River“ bekleidet diesbezüglich einen recht evidenten Status. Immerhin: den grundierenden Topos des frontier epic, der Sheridans kreativen Output nach wie vor umtreibt, beinhaltet zwar auch „Those Who Wish Me Dead“, dafür versagt er jedoch an diversen anderen, ebenso empfindlichen wie entscheidenden Stützpunkten.
Die Story, die auf einen noch recht jungen Roman von 2014 (Michael Koryta) zurückgeht, würde man eher in den Neunzigern verorten, als das zugrunde liegende Sujet, in dem urbane Kriminelle irgendwo in den Weiten der amerikanischen Wildnis ihr Unwesen treiben, ohne mit der Cleverness der regional ansässigen locals zu rechnen, noch schwer en vogue war und entsprechende Vertreter in schöner Regelmäßigkeit die Leinwände enterten. Auch der Plotbaustein des von Killern gejagten Kindes, das wahlweise als unerwünschter Zeuge oder als Besitzer hochsensibler Informationen sterben soll und von einer/einem mündigen HeldIn mit möglicherweise unfreiwilligen Ersatzeltern-Ambitionen beschützt wird, geht hauptsächlich auf jene filmhistorische Ära zurück. Während jedoch die retrospektiven Bestrebungen der Film- und Serienindustrie, nostalgische Stoffe aus den siebziger und achtziger Jahren zu bedienen und ihnen mannigfaltige Revivals zu spendieren, immer noch halbwegs aufgehen, bietet der kernmediokre Genremainstream der Neunziger derlei Anknüpfungspunkte in keinster Weise. Falls ein analoger Gedankengang Sheridan oder einen der übrigen Beteiligten umgetrieben haben sollte, muss sich über das enttäuschende Resultat niemand wundern. An „Those Who Wish Me Dead“ ist nichts, was man als rundheraus gelungen bezeichnen möchte. Das Buch klafft vor ebenso eklatanten wie redundanten Logiklöchern, die es paradoxerweise teilweise sogar selbst entlarvt. Die beiden Killer, augenscheinlich ein Bruderpaar, das immerhin auf ausgereifteste logistische Mittel zurückgreifen kann, stellen sich phasenweise so dämlich an, dass man sie nie als wirkliche Bedrohung empfindet, was wiederum das gesamte Konstrukt a priori atmosphärisch unterminiert. Mit Ausnahme ausgerechnet des vierzehnjährigen Australiers Finn Little, der überaus positiv heraussticht, befindet sich das komplette übrige, ja doch recht namhaft besetzte Ensemble (allen voran die Jolie) im tagträumerischen StandBy-Modus. Schließlich bestehen die immer wieder als gottgleiche Naturgewalt motivisch bedienten Flammensbrünste aus kläglichen CGIs, die somit auch keine echte Gefahr zu suggerieren vermögen. Was somit hier alles bereitwillig der offenen Verhunzung anheim gestellt wird, sucht schon seinesgleichen.

4/10

HIS HOUSE

„It has followed us here.“

His House ~ UK 2020
Directed By: Remi Weekes

Das aus dem Südsudan stammende Ehepaar Rial (Wunmi Mosaku) und Bol (Sope Dirisu) lebt nach seiner Ankunft in England in einer Flüchtlingsunterkunft. Nyagak (Malaika Wakoli-Abigaba), die Tochter der beiden, ist zuvor während der Schiffspassage ertrunken. Ihr Verlust hat tiefe Risse bei Bol und Rial hinterlassen. Schließlich wird dem Paar unter strikten Aufenthaltsauflagen ein verwahrlostes Reihenhaus in einer anonymen Vorstadtsiedlung zugewiesen. Es dauert nicht lange, bis Bol, dem der Verbleib in der neuen Heimat über alles geht, Geister zu sehen beginnt. Vor allem Nayagaks unruhige Seele scheint voller Wut auf ihn und treibt Bol mit ihren ebenso aggressiven wie anklagenden Erscheinungen an die Grenzen des Wahnsinns. Auch Rial nimmt die Gespenster wahr. Für sie handelt es sich um einen Apeth, einen Dämon, der mit Schuld beladene Opfer bis aufs letzte Haar verschlingt, bevor er wieder Ruhe gibt. Während Bols und Rials Betreuer (Matt Smith) sich Sorgen zu machen beginnt, gilt es für die beiden, den Apeth irgendwie wieder los zu werden…

Dass der jüngere Horrorfilm sich, wie es den Wurzeln des Genres ja ohnehin seit eh und je entspricht, einer der kulturell bedeutsamsten Indikatoren für diverse gesamtgesellschaftlich geführte Diskurse zeigt, sollte keinem halbwegs aufmerksamen Genrebetrachter entgangen sein. Remi Weekes‘ „His House“ nun ist wohl einer der ersten Beiträge der Gattung zur Flüchtlingsthematik, und ein gleichermaßen sensibler wie berückender dazu. Ohne den Haunted-House-Topos seiner fest eingeschriebenen Ingredienzien zu berauben oder diese gar formal zu innovieren, erzählt Weekes wie beiläufig, was es heißt, eine krisengeschüttelte Heimat um Leibes und Lebens Willen hinter sich lassen und all die weiteren Entbehrungen auf sich nehmen zu müssen, die damit einhergehen, in das so sicher scheinende Mittel- bzw. Westeuropa zu migrieren. Denn die diversen, psychobiographisch versiegelten Traumata, die Albträume und möglicherweise auch auf sich geladene Schuldkomplexe bleiben – auch wenn der neu betretene Grund und Boden nicht von sichtbarem Blut getränkt sein mag. Der Apeth, die symbolische Manifestation all des Zurückgelassenen, ist längst nicht die einzige unnehmbar scheinende Hürde zur Sorgenfreiheit. Da sind auch noch die fremde Sprache, die andersartige Kultur, die hässliche, graue Zubetoniertheit der westlichen Urbanität, die Despektierlichkeit der hiesigen, weißen Ureinwohner mit all ihren kleinen und großen alltagsrassistischen Ressentiments, die aus ihrem Widerwillen und ihrem Unverständnis größenteils erst gar keinen Hehl machen. Ein schmuckloses, verkommenes Haus ohne Leben mit Müll, Dreck und Ungeziefer, Nachbarn ohne zwischenmenschliche Regungen, ein paar Pfund zum (Über-)Leben, dumme Bemerkungen, Verbote und Einschränkungen allerorten. Rial und Bol kommt das gepriesene, sichere England vor wie eine Teildiktatur mit ihnen selbst als humanem Bodensatz. Als ob all das nicht ausreichte, sind da noch die Schreie der Ertrunkenen, Ermordeten, Zurückgebliebenen, die in jeder ruhigen Minute ihr unablässiges Echo platzieren. Welcher Weg der richtige ist, müssen Rial und Bol erst herausfinden, wo „His House“ ihn stellvertretend für sie bereits gepflastert hat und nun mit ihnen beschreitet. Die einzige Option muss (und kann nur) lauten: weitermachen, kämpfen, niemals aufgeben.

8/10

UNHINGED

„All I have is violence and retribution… because that’s all I’ve got left.“

Unhinged ~ USA/UK 2020
Directed By: Derrick Borte

Als die in mehrerlei Hinsicht gestresste Rachel (Caren Pistorius) sich mit einem übellaunigen, voluminösen Pick-Up-Fahrer (Rusell Crowe) im morgendlichen Straßenverkehr anlegt, kann sie nicht ahnen, dass der Unbekannte nächtens zuvor seine geschiedene Frau sowie deren neuen Partner erschlagen und außerdem einen massiven Cocktail aus diversen Psychopharmaka intus hat. Der Fremde kürt Rachel zu seinem Opfer und macht ihr und ihrem Sozialumfeld die kommenden Stunden zur Hölle.

Und wieder eine terrorfilmische Variation von Altbekanntem, diesmal eine frisch aufgebrühte Melange aus „Cape Fear“ (neu und alt), Schumachers „Falling Down“ und – in Ansätzen – Roger Michells „Changing Lanes“. Dass es Derrick Borte gelingt, die zumindest den etwas älteren und „beseheneren“ Filmsemestern hinlänglich geläufigen Motive der erwähnten Werke aufs Neue schmackhaft zu machen und spannend aubzuliefern, würde ich vornehmlich seiner Gelassenheit zuschreiben. Borte versucht gar nicht erst, etwas bahnbrechend Neues vorzustellen, sondern konzentriert sich in aller Ruhe auf sein kleines, gemeines Straßenduell und dessen berserkernden Fortlauf. Ein absoluter Garant für dessen Funktionieren ist der um sein Dreifaches angewachsene Russell Crowe, dessen physische Ausmaße insbesondere im Vergleich zu früher an einen Marlon Brando erinnern. Mit seiner Körpermasse scheint auch eine ganze Menge schwitzendes Wutpotential Einzug gehalten zu haben, jedenfalls spielt er den namenlosen Entgleisten mit einer tatsächlich beängstigenden, bedrohlichen Wucht, die Crowes Darbietung zu einer seiner denkwürdigsten und besten macht. Gut, das gemeine Logiktierchen ist bei Szenarien wie dem vorliegenden niemals fern und man fragt sich schon, wieso der bullige rampage man, abgesehen davon, dass ihm ohnehin alles scheißegal ist und er sowieso frontal auf ein gewaltsames Ende seiner Ein-Mann-Stampede zusteuert, überhaupt soviel Unheil anrichten kann, ohne dass ihn jemand (z.B. die Polizei?) rechtzeitig ausbremst. Aber die moderne Kommunikastionstechnik mit Smartphones, Tablets, GPS und sonstigem Pipapo erlaubt diverse mehr oder weniger erwartbare Wendungen und Zufälle bis zum erwartbar bösen, freilich aber happyendenden Showdown.
Und letzten Endes will man ja auch gar nicht Drehbuchdetektiv spielen, sondern sich reichhaltig daran ergötzen, welche Kollateralschäden der mithin ungebremste Amoklauf eines irrlichternden Russell Crowe denn so mit sich bringt. Und in dieser Beziehung bekommt man bei „Unhinged“ einiges an Holz.

7/10

MORTAL

„Fire“

Mortal ~ NO/USA/UK 2020
Directed By: André Øvredal

Ein junger Amerikaner namens Eric (Nat Wolff) zieht einsam, halbverwildert und obdachlos durch die norwegische Provinz. Ein Zwischenfall mit ein paar jugendlichen Bullys führt dazu, dass einer von ihnen (Arthur Hakhalati) auf geheimnisvolle Weise zu Tode kommt. Eric landet auf der nächsten Polizeiwache, wo sich die Psychologin Christine (Iben Akerlie) zunächst erfolgreich um sein Vertrauen bemüht. Während bereits der US-Geheimdienst, repräsentiert durch die besorgte Agentin Hathaway (Priyanka Bose), längst auf Eric aufmerksam geworden ist und ihn in Gewahrsam nehmen will, scheitern entsprechende Versuche – Eric setzt das Polizeirevier in Brand und bringt anschließend einen Helikopter zum Absturz. Wiederum sucht er Christine auf, um mit ihrer Hilfe das Geheimnis um die in ihm schlummernden, übernatürlichen Gewalten zu ergründen, die Verfolger stets auf den Fersen…

Ein wenig wie eine Abrechnung in eigener Sache kommt mir Øvredals fünfte Langfilm-Regiearbeit vor, als habe der Norweger versucht, einen zu seinem ganz persönlichen Leidwesen durch die Mainstreamkultur vulgarisierten Mythos heimzuholen. Der aus der nordischen Göttermythologie stammende Gott Thor, Sohn des asgardianischen Göttervaters Odin, Herr über Blitz und Donner sowie Beschützer der Menschenwelt Midgard, ist dem jüngeren globalen Publikum vor allem durch seine Inkarnation in den Marvel-Filmen des MCU, gespielt von Chris Hemsworth, bekannt. Darin gestaltet sich der altehrwürdige Nimbus der germanischen Gottheit zunehmend als comic relief; spätestens seit Taika Waititi den dritten nominellen „Thor“-Film (der vierte ist just in Arbeit) als buntes, selbstironisches Spektakel inszenierte und der Donnergott hernach zum biertrinkenden, fetten Konsolespielfan mit Dreadlocks mutierte, derweil die allermeisten seines ehrwürdigen Geschlechts Ragnarök zum Opfer gefallen waren, schien es endgültig vorbei mit der jahrtausendealten Hochachtung.
André Øvredal scheint diese Entwicklung nunmehr zumindest ein klein wenig umkehren zu wollen. Wie schwer es die alten Götter spätestens in der gegenwärtigen Zeit, eigentlich jedoch beginnend mit der Erschließung der Neuen Welt haben, wissen wir bereits seit Neil Gaimans „American Gods“. In „Mortal“ schickt sich nun ein junger, norwegischstämmiger US-Amerikaner an, dem unwiderstehlichen Ruf zu seinen Wurzeln zu folgen und erweist sich, auf dem Grund und Boden seiner Vorväter angelangt, als niemand Geringerer denn die Reinkarnation Thors selbst. Da jedoch aller Anfang schwer ist, begreift er zunächst weder, was mit ihm geschieht, noch welche Bedeutungen die sich immer konkreter manifestierenden Visionen der Weltenesche Yggdrasil vor seinem geistigen Auge besitzen. Seine ungeheure Macht kann Eric zunächst nicht kontrollieren, zudem fehlt ihm sein obligatorischer Hammer Mjölnir, der ja gewissermaßen auch als Katalysator seiner Kräfte fungiert. Und da der moderne Mensch, oder zumindest seine regierenden Repräsentanten und Machthaber, seine alten Götter mit Füßen zu treten pflegt, steht die nahende Katastrophe nicht lange aus. Øvredals Eric-Thor steht insofern auch in der Tradition von De Palmas Filmfiguren Carrie White und Gillian Bellaver (bzw. der kleinen Charlie McGee aus Mark Lesters King-Adaption „Firestarter“), deren Fähigkeiten wahlweise nicht erkannt und nicht ernstgenommen wurden oder missbraucht werden sollten, was sie jeweils mittels mörderischer Ausbrüche der ihnen inneschlummernden Gewalten quittierten. Die Reise bis zu jenem sich leider im Off ereignenden Ein-Mann-Kataklysmus nimmt sich teils irrwegig und teils einfältig aus, stellt jedeoch einmal mehr eine Hommage an das phantastische Kino der achtziger Jahre dar, in dem es ja ebenfalls häufig um die Flucht vor begriffsstutzigen, staatlichen Autoritäten ging. So ist das eigentliche Potenzial, das „Mortal“ birgt, durchaus präsent, wird aber nie zur Gänze eingelöst, was vielerlei Ursachen haben mag – ein zu geringes Budget für die tatsächliche Vision vielleicht; möglicherweise mangelndes Entscheidungsvermögen, welche Richtung „Mortal“ schlussendlich einschlagen sollte. Am Ende bleibt ein im Ansatz interessanter Film und die sich nach „Scary Stories To Tell In The Dark“ abermals einstellende Mutmaßung, dass die Qualität von Øvredals Arbeit abhängig von der Auswahl seiner Stoffe steht und fällt.

5/10

AFTER DARK, MY SWEET

„You see, I’m not at all stupid. I may sound like I am, but I’m really not.“

After Dark, My Sweet ~ USA 1990
Directed By: James Foley

Der von einer trüben Vergangenheit gezeichnete Drifter Kevin Collins (Jason Patric) zieht ziel- und obdachlos durch das kalifornische Hinterland. Zufällig begegnet er der zynischen Witwe Fay Anderson (Rachel Ward), die wiederum in engem Kontakt mit dem alternden Kleingauner Uncle Bud (Bruce Dern) steht. Fay und Bud planen schon seit längerem einen Kidnapping-Coup – sie wollen Jack (Corey Carrier), den kleinen Filius einer Millionärsfamilie entführen und dafür im großen Stil abkassieren. Obwohl sich Kevin, den alle „Collie“ nennen, zwischenzeitlich die wohlmeinende Unterstützung des einsamen Hausarztes Doc Goldman (George Dickerson) sichern kann, kehrt er zu Fay zurück und unterstützt sie und Uncle Bud schließlich bei der Umsetzung ihrer Aktion. Der Junge erweist sich als Diabetiker und stirbt beinahe, wiewohl noch weitere Unwägbarkeiten den reibungslosen Ablauf des Plans stören. Schließlich bleibt Kevin nurmehr ein letzter Ausweg, um Jack und Fay zu retten…

James Foleys vierte Regiearbeit verzeichnet ihn ausnahmsweise zugleich als Autor – bei „After Dark, My Sweet“ handelt es sich um die Adaption eines gleichnamigen Romans des mehrfach verfilmten Hardboiled-Schriftstellers Jim Thompson und somit folgerichtig um ein Neo-Noir-Stück. Inhaltlich, formal, psychologisch und bezüglich der Figurenanordnung findet man sich gleich mit Beginn in ebenjener filmliterarischen Gattung wieder – von dem instabilen, per kargem Voiceover durch die Geschicke führenden Protagonisten über die lose femme fatale und das entlegene Wüstensetting bis hin zum scheiternden Kriminalakt findet sich kein Element ausgelassen. In den Frühneunzigern und bis in die Mitte des Jahrzehnts hinein erlebte der neo noir nicht nur im amerikanischen Kino ja ohnehin nochmal eine schöne, diverse sehenswerte Exempel beinhaltende Renaissance, im Zuge derer Foleys Film sich durchaus auf die Fahne schreiben kann, jene Phase entscheidend miteingeläutet zu haben.
In „After Dark, My Sweet“ gibt es keinen wirklich sympathischen oder zur Rezipienten-Identifikation taugenden (oder gar vorgesehenen) Charakter. Collins, der einst als Boxer „Kid“ die Kontrolle über sein Gewaltpotenzial verlor, einen Gegner im Ring totschlug, dann in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde und aus dieser floh, wird als etwas geistesträger Typ eingeführt, der irgendwo zwischen leichter Beeinflussbarkeit, tiefschlummernder Aggression und ethischen Grundprinzipien oszilliert und somit jederzeit völlig unberechenbar bleibt; Fay wirkt wie eine von Wüstensonne und Rotwein ausgedorrte, bereits in frühem Welken begriffene Schönheit, der die Einsamkeit der Szenerie längst sämtlicher hormoneller Begehrlichkeiten entledigt hat; Uncle Bud ist der Prototyp des erfolglosen, leicht schmierigen Kleinganoven, den jeder kennt und schon lange keiner mehr ernst nimmt und Doc Goldman schließlich gelingt es auch mit Befleißigung allerlei behelfender Druckmittel nicht, seine latente Homosexualität ausleben zu können. Am Ende wird nurmehr ein Viertel jenes losen Ensemble-Quartetts am Leben bleiben, nämlich das, dem noch eine letzte (diesseitige) Erlösungsoption angedeihen kann.
„After Dark, My Sweet“ ist damit buchstäblich so schwarz wie die Nacht von Palm Springs und, wenngleich nicht sein Hauptwerk (diese Ehre gebührt dem exorbitanten „At Close Range“ ebenso wie der brillanten Mamet-Adaption „Glengarry Glen Ross“), so doch einer von Foleys schönsten und interessantesten Filmen.
In den letzten Jahren legte der Regisseur die letzten beiden Teile der „Fifty Shades“-Trilogie vor und inszenierte diverse Serien-Episoden. No need to say more (or less).

9/10

ROSEWOOD

„Gonna catch that train.“

Rosewood ~ USA 1997
Directed By: John Singleton

Florida, 1923: Der Weltkriegsveteran Mann (Vingh Rhames) kommt in das abgelegene, mitten in den Sümpfen liegende Hüttenörtchen Rosewood, um hier möglicherweise ein paar Morgen Land zu erwerben und sich anzusiedeln. Rosewood wird – im Gegensatz zum angrenzenden Sumner – vornehmlich von Farbigen bewohnt, darunter der Familie Carrier, deren Backfischtochter Scrappie (Elise Neal) rasch ein Auge auf den stattlichen Mann wirft. Als eines Tages die promiske weiße Fannie Taylor (Catherine Kellner) von einem Gelegenheitsliebhaber (Robert Patrick) grün und blau geprügelt wird, behauptet sie, ein fremder Schwarzer habe sie so zu zugerichtet. Es dauert nicht lange, bis sich ein immer mehr anschwellender rassistischer Mob bildet und die „Herausgabe“ eines Flüchtigen fordert, der gar nicht existiert. Bald gibt es die ersten Akte von Lynchjustiz, doch der Blutdurst der blindwütigen Selbstjustizler ist damit noch lange nicht gestillt.

Das Rosewood-Massaker hat vor exakt 98 Jahren tatsächlich stattgefunden, wenngleich John Singleton und der Scriptautor Gregory Poirier sich eingestandenerweise einiger erzählerischer Freiheiten bedienten, um dieses eine von vielen unsäglichen US-Kapiteln um Rassismus, Hetze und Unterdrückung dramaturgisch tragfähig respektive leinwandtauglich aufzubereiten. Wer sich ein wenig mit dem leider viel zu früh verstorbenen Singleton und seinem Werk befasst, wird rasch registrieren, dass er weder je ein Filmemacher der leisen Töne, noch dass er gezielt eingesetzten Genremechanismen abhold gewesen wäre. Tatsächlich verließ er das Terrain politischer Relevanz jedoch spätestens mit dem Serienbeitrag „2 Fast 2 Furious“ und fertigte danach mit der „Katie-Elder“-Variation „Four Brothers“ und „Abduction“ nurmehr zwei reine Actionfilme.
„Rosewood“ ist – dem absolut wunderbaren „Boyz N The Hood“ zum Trotze – möglicherweise Singletons aggressivstes, berückendstes Werk, in dem er völlig zu Recht auch tendenziöse Mittel nicht ausspart. Singleton ist nicht etwa an einer sozialpsychologischen Analyse der Umstände interessiert. Er zeigt, so emotional und subjektiv, wie es dem Sujet eben gebührt, eine südstaatliche Explosion des Rassenhasses rund sechzig Jahre nach dem Ende des Sezessionskrieges, zu der eine im Grunde alltägliche, um nicht zu sagen beliebige Ausgangsituation führt. Selbige kennt man als Connaisseur großen Kinos im Prinzip bereits aus Robert Mulligans „To Kill A Mockingbird“: Ein hinterwäldlerisch gepflanztes, mageres Sumpfdotterblümchen mag die schamhafte Schmach, von einem unflätigen (und zudem arg „unpassenden“) white trasher vermöbelt worden zu sein, nicht öffentlich eingestehen und wählt den für sie einfachsten Weg, fälschlich einen rundheraus unschuldigen Schwarzen zu denunzieren. Daraus erwachsen binnen kürzester Zeit ein Pulverfass ungefilterter Wut und Mord. In Rosewood bedeutete dies 1923, dass am Ende eine komplett verlassene, niedergebrannte Kleinstadt nebst durchweg vertriebenen Überlebenden sowie eine inoffizielle Zahl von bis zu 150 Toten, deren Leichname möglicherweise kurzerhand in einem Massengrab beseitigt wurden. Rasch nach den Ereignissen wurde das Ganze über fast sechzig Jahre hinweg totgeschwiegen, bis ein Enthüllungsjournalist eher durch Zufall die Wahrheit ans Tageslicht beförderte.
Singleton/Poirier dichten einen fiktiven, von dem bulligen Rhames gespielten Blaxploitation-Helden hinzu, der auf etwas naive, aber doch wirkungsvolle Weise als wesentlicher, weil selbstbestimmter Frontcharakter im Stile der Eastwood-Western eingesetzt wird. Der Rest ist wohl so faktenbasiert wie möglich, muss sich zwangsläufig jedoch auf mitunter Folkloristisches berufen, was letzten Endes aber keine Rolle spielt. Der Horror darf und kann nur dargestellt werden als das, was er war, ist und bleiben wird.
Dass „Rosewood“, obwohl er sich sowohl als Film wie auch als unerlässliche Geschichtslektion doch so prominent besetzt, so packend, schlimm und enorm wichtig ausnimmt, schon nach 23 Jahren annähernd vergessen scheint beziehungsweise nie zu seinem ihm zustehenden Recht als flammendes Kinofanal wider südstaatlichen Rassismus kommen konnte, ist nur ein weiterer, trauriger Skandal in einer niemals abreißen wollenden Kette von Skandalen.

9/10