DUNKIRK

„Seeing home doesn’t help us get there.“

Dunkirk ~ UK/USA/NL/F 2017
Directed By: Christopher Nolan

Dünkirchen, Ende Mai 1940. Rund 370.000 britische und französische Soldaten sitzen in der französischen Hafenstadt fest, hoffnungslos eingekesselt von der deutschen Wehrmacht. Als einziger Fluchtweg bleibt nurmehr der Weg über den Ärmelkanal, der hier die englische Küste über rund vierzig Luftkilometer vom europäischen Festland trennt. Während die Männer am Strand ausharren und um ihr Leben bangen, initiiert die britische Kommandatur ihre Evakuierung, die „Operation Dynamo“. Dabei soll vor allem die Zivilbevölkerung behilflich sein, die die Soldaten mit allen möglichen Wasserfahrzeugen an die Küste von Dover überzusetzen angehalten ist. Während der junge Gefreite Tommy (Fionn Whitehead) sich durch die Wirren am Strand von Dünkirchen schlägt und dabei gleich mehrere Fluchtfehlversuche erlebt, setzt der Zivilist Dawson (Mark Rylance) gemeinsam mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan) mit einer kleinen Yacht über. Unterwegs nehmen sie einen havarierten, schwer traumatisierten Soldaten (Cillian Murphy) an Bord, der gar nicht mit der Fahrtrichtung einverstanden ist. Der RAF-Pilot Farrier (Tom Hardy) unterstützt derweil mit seiner Spitfire die Evakuierungsoperation aus der Luft heraus.

Die Schlacht um Dünkirchen und die anschließende Massenevakuierung, die sich auf wundersame Weise deutlich erfolgreicher gestaltete als zunächst abzusehen war, kommentierte Winston Churchill in seiner berühmten Kampfesrede „We shall fight on the beaches“ vom 4. Juni 1940 mit den Worten „Wars are not won by evacuations„, was den faktisch erzwungenen Rückzug der Briten in einem eher zweifelhaften Licht dastehen ließ. Dabei wäre den Männern als Alternative nur der Tod geblieben – bis heute sind sich Kriegshistoriker uneins darüber, warum Hitler nicht den Befehl zum Losschlagen seiner geschlossen aufgebotenen Panzer gegeben hat, gegen die die feindlichen Armeen keine Chance gehabt hätten. Dünkirchen hat dem Zweiten Weltkrieg insofern einen seiner entscheidenden Wendepunkte versetzt, indem es die Kampfesmoral vor allem der Briten trotz des militärstrategisch als Fehlschlag zu betrachtenden Ausganges der Schlacht gewissermaßen revitalisierte.
Christopher Nolan, most beloved darling der allermeisten selbsternannten Cineasten mit Überhangsliebe zum Gegenwartskino, machte daraus das Thema seines jüngsten Films, des mittlerweile zehnten von ihm geschriebenen und inszenierten, und schon jetzt ist der Beifall seiner umfangreichen Fangemeinde wieder inkommensurabel. Nüchtern betrachtet zeigt „Dunkirk“ allerdings primär aufs Neue die grenzenlose Affektiertheit und Selbstverliebtheit seines Vordenkers. Selbstverständlich ist Nolan ein beachtenswerter Regisseur, daran besteht wohl kein Zweifel. Andererseits scheint es mir, als wolle er gleichfalls diffuse Erwartungshaltungen erfüllen, von denen er die meisten wahrscheinlich selbst an sich richtet. Warum sollte er auch sonst mit zig verschiedenen Kameras und Formaten arbeiten und seinem Film je nach Art der Vorführung eine spezielle Betrachtungs-Exklusivität verleihen? IMAX, 70mm, Röhrenkiste, ja was denn nun? Hans Zimmer wird plötzlich hochgejubelt, weil er noch was Anderes kann als flötige Ethnoklänge und instrumentalen Hurrapatriotismus – sowas schafft derzeit außer Quentin Tarantino, dem man ja ebenfalls unentwegt alles abkauft, was er liefert wohl nur Christopher Nolan. Ein frahwürdiges Phänomen. Und natürlich wäre eine strunzgewöhnliche, straighte Narration gleichfalls viel zu gewöhnlich gewesen. Nein, drei Geschichten, drei Chronologien, drei Perspektiven müssen es sein, mehr oder weniger sinnstiftend gegeneinandermontiert, auf jeden Fall aber ungewöhnlich und extrapoliert. Demnächst dann vielleicht komplett auf links gedreht? Ach nee, das hatten wir ja schonmal. Nolan ist gewiss nicht der erste, der danach trachtet, aus Krieg Kunst zu machen, aber bei ihm wirkt das dann doch deutlich gefälliger und anbiedernder als üblich. Wenn es darum geht, aufrichtig Intimität und Empathie beim Zuschauer zu erzeugen, versagt Hundenschnauze Christopher jedoch. Man schaut seinem Film in etwa so zu, wie das Kleinkind der laterna magica, kurzfristig affiziert aber ohne besonderen Nachhall.
Selbstverständlich überwiegen bei „Dunkirk“ aller Kritik zum Trotze die positiven Aspekte. Der gesamte Aufzug des Films ist gewaltig, laut und höchst perfektionistisch. Er sieht phantastisch aus und klingt auch so, ein paar britische Erster-Klasse-Akteure (darunter zwei Nolan-Standards) gibt’s quasi gratis obendrauf. Er bemüht mancherlei Erzählfaktoren des klassischen Kriegsfilms, was man ihm gut und gern als gelungene Hommage auslegen darf. Nur ein Meisterwerk, das ist er eben nicht.

7/10

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LE PACTE DES LOUPS

Zitat entfällt.

Le Pacte Des Loups (Der Pakt der Wölfe) ~ F 2001
Directed By: Christophe Gans

Während der Erstürmung der Bastille schreibt der Aristokrat Thomas d’Apcher (Jacques Perrin) an seinen Memoiren. Besonders das umfangreiche Kapitel über die Bestie vom Gévaudan beansprucht seine Erinnerungskraft: Etwa zweiundzwanzig Jahre zuvor machte d’Apcher als junger Mann (Jérémie Reinier) die Bekanntschaft des Kriegsveteranen und Wissenschaftlers Grégoire de Fronsac (Samuel Le Bihan), der eigens vom Hofe König Ludwigs XVI. in die südfranzösische Region entsandt wurde, um den Gräueltaten eines mysteriösen Raubtiers auf die Spur zu kommen. Im Schlepptau hat de Fronsac seinen treuen Begleiter Mani (Mark Dacascos), einen Irokesen aus der Neuen Welt mit schamanischen Fähigkeiten. Fronsac und Mani wohnen bei der adligen Familie Morangias, in deren Tochter Marianne (Èmilie Dequenne) sich Fronsac flugs verliebt, derweil Mariannes Bruder Jean-François (Vincent Cassel) indes ein höchst eigenwilliger Typ ist. Fronsac findet bald eindeutige Beweise dafür, dass es sich bei der immer wieder zuschlagenden Bestie weder um einen einheimischen Wolf, noch um ein, wie die Leute vor Ort glauben, übernatürliches Monster handeln kann. Derweil sorgt auch eine gewaltige, öffentlichkeitswirksam abgehaltene Treibjagd nicht dafür, dass das Tier sein mörderisches Treiben einstellt. Um die Bevölkerung im Zaum zu halten, wird Fronsac dazu gezwungen, einen erlegten Wolf zu präparieren und in Paris bei Hofe vorzuführen. Heimlich reisen er und Mani trotz anderslautender Direktiven wieder zurück ins Gévaudan und versuchen auf eigene Faust, das echte Biest zu fangen. Tatsächlich schnappt die gestellte Falle zu, doch das Monster kann entkommen. Mani wird von einer Gruppe Waldläufer gefangen und getötet. Fronsacs Rache ist grausam und er kommt zudem mithilfe der Hure Sylvia (Monica Bellucci) einer verschwörerischen, zutiefst aufklärungsfeindlichen Geheimloge auf die Spur, deren Vorsitzender der wahnsinnige Jean-François Morangias ist. Dieser hat einst  einen jungen Löwen aus Afrika mitgebracht, ihn in ein schmerzhaftes Metallkorsett gezwängt, abgerichtet und sich zuwillen gemacht. Eine von Fronsac mitgebrachte Gruppe von Soldaten kann dem „Pakt der Wölfe“ endlich den Garaus machen.

Der einst als recht vielversprechender Filmemacher begonnene Franzose Christophe Gans, der sich anscheinend sehr leidenschaftlich dem Genrekino verschrieben hatte, erweist sich heuer leider als spärlicher Arbeiter, von dem zumindest ich gern mehr sehen würde. Seine bisherigen Filme (wobei ich den jüngsten, eine „La Belle Et La Bête“-Adaption, noch nicht gesehen habe) gefallen mir nämlich durch die Bank gut, zumal sein Faible für visuellen Pomp und Schwulst etwas heutzutage überaus selten Gewordenes ist. „Le Pacte Des Loups“ dürfte wohl sein bisheriges opus magnum sein. Hierfür stand ihm nicht nur ein sichtbar großzügiges Budget zur Verfügung, sondern vor allem auch eine zündende Idee: Die Mär von der „Bestie des Gévaudan“ ist nämlich mitnichten eine solche, sondern beschreibt vielmehr eine historisch verbriefte Verkettung schrecklicher Ereignisse, die sich in einem Zeitrahmen von etwa drei Jahren in der entsprechenden, südfranzösischen Region abspielten. Eine Vielzahl von Menschen aus der dortigen Landbevölkerung, vor allem Frauen und Kinder, fielen dort einem niemals erlegten Tier zum Opfer, dessen Aussehen und Größe je nach Augenzeugenberichten stark variierte und das unglaubliche Kräfte gehabt haben muss. Eine ideale Voraussetzung also für eine prächtige, filmische Kopfgeburt, die „Le Pacte Des Loups“ dann auch tatsächlich wurde.
Natürlich ist der Film hoffnungslos überladen und sein Nährgehalt entspricht in etwa dem eines barocken Fünfzehn-Gänge-Menüs bei Hofe, nach dessen Dessert die Kniehose zu explodieren droht. Vielleicht haben der gute Gans und sein Mitautor Stéphane Cabel selbst ein wenig zu großzügig am Absinth genascht oder ein Tröpfchen Laudanum zu viel verköstigt; die mit „Pacte Des Loups“ herausgekommene, wilde Mixtur spricht jedenfalls gewiss dafür. Von der chromblitzenden Manga-Adaption „Crying Freeman“ hat Gans sich deren Hauptdarsteller Mark Dacascos gleich mitgebracht und ihn infolge seiner exotischen Erscheinung als Indianer (und Blutsbruder des Haupthelden) mit natürlich exorbitanten Karatefähigkeiten in die Geschichte hineingeschrieben. Cassel als widerlicher, verrückt gewordener Sektenchef mit inzestuösem Begehren, Monica Bellucci als dralle Hure in samtroten Laken, ein geheimnisvolles CGI-Ungeheuer und deftige Gewaltexzesse –  vermissen wird man hier garantiert nichts davon. Das übliche Historiengebräu aus Authentizitäts-Phantasie-Gemischen, Standesdünkel, Involvierung von Staat und Klerus und Korruption bis in die höchsten Etagen, dazu eine schwülstige Liebesgeschichte und Gans hat wirklich alles mit drin in seinem protzigen Kostümstück. Natürlich hat „Le Pacte Des Loups“ demzufolge von allem viel zu viel, um wirklich gut zu sein oder sich seinem Thema auch nur halbwegs ernsthaft zu stellen. Man sollte ihn eher als das nehmen und betrachten, was er ist: als pures, rauschhaftes Kino nämlich, wie es in dieser voluminösen Kompilierung aus allem Möglichen schon vor sechzehn Jahren einen farbenfrohen, frechen Anachronismus darstellte.

8/10

TO HELL AND BACK

„Man, that’s the first time I ever seen a Texan beat himself to the draw.“

To Hell And Back (Zur Hölle und zurück) ~ USA 1955
Directed By: Jesse Hibbs

Texas, 1941. Nach dem Tod der Mutter (Mary Field) sieht der Farmerjunge Audie Murphy (Audie Murphy) keinen anderen Weg, für seine verwaisten Geschwister zu sorgen, als sich zum Miltärdienst zu melden. Zu jung und zu klein, wird er zunächst mehrfach abgelehnt, landet dann aber schlussendlich in der Army und, nach der Grundausbildung, in Nordafrika, von wo ihn der Weg über Sizilien, Anzio und Südfrankreich bis zum Elsass führt. Murphy gilt bald als Mustersoldat, wird mehrfach befördert und trotz seiner fehlenden Schulbildung für eine Offizierslaufbahn in West Point vorgeschlagen, was er jedoch immer wieder ablehnt. Mit dem Ende des Krieges endet für ihn der aktive Dienst.

Audie Murphy war ein amerikanisches Original, für das man am Besten Zahlen und Fakten sprechen lässt: Er ist der höchstdekorierte US-Soldat des Zweiten Weltkriegs und wurde, zum Teil mehrfach, mit sämtlichen möglichen militärischen Auszeichnungen seines Landes ausgezeichnet. Insgesamt 33 Ehrungen konnte er verbuchen, hat in Europa rund 240 gegnerische Soldaten getötet und etliche weitere verwunden oder gefangen nehmen können sowie nachweislich sechs feindliche Panzer zerstört. Knappe drei Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Feld wurde er von Hollywood entdeckt und zum Star etlicher, zumeist kleinerer Westernproduktion, vornehmlich bei seinem Stammstudio Universal. Privat litt Murphy derweil unter extremen, posttraumatischen Belastungen, wurde medikamentenabhängig und setzte sich später für unter ähnlichen Symptomen leidende Veteranen aus Korea und Vietnam ein.
Von Murphys späteren Jahren und Meriten, die eine durchaus andere Sprache sprechen als die des heldenhaften Schlachtfeld-Hasardeurs, wie ihn der Film praktisch unentwegt zeigt, berichtet „To Hell And Back“ nichts. Tatsächlich ist er die weithin unkritische Beschreibung einer im rein militärischen Sinne tadellosen und vorbildhaften Soldatenlaufbahn. Der besondere Clou des Films liegt nun natürlich darin, den seinerzeit stets alterslos erscheinenden, etwas milchgesichtigen Murphy die Hauptrolle in der Adaption seiner Autobiographie spielen zu lassen, obschon dieser sich erst mehrfach bitten lassen musste und eigentlich viel lieber Tony Curtis als Audie Murphy gesehen hätte, um nur ja nicht in den Verdacht der Selbstbeweihräucherung zu geraten. Schlussendlich war und ist Murphy der bis heute einzige Hollywoodstar, der sich selbst in einem um seine Person kreisenden Spielfilm darstellte.
Der unter mancherlei redundantem, dramaturgischem Durchhänger ächzende, für ein Studio-Kriegsabenteuer gar nicht mal so sehr spektakulär wirkende „To Hell And Back“ war trotz seiner unleugbaren Mittelmäßigkeit ein Film, den seine Zuschauer ganz besonders liebten (was sie heute, angesichts der imdb-Durchschnittswertung, wohl immer noch tun) und bis zum knapp zwanzig Jahre später folgenden „Jaws“ der erfolgreichste Film der Universal. Welch mannigfaltige, nicht eben vorteilhafte Schlussfolgerungen dies im Hinblick auf sein Publikum und dessen Kritikfähigkeit suggeriert, muss nicht extra erwähnt werden. Auch infolge dessen ein (film-)historisches Faszinosum.

6/10

TREASURE OF THE GOLDEN CONDOR

„This time I’ll stay!“

Treasure Of The Golden Condor (Im Reiche des goldenen Condor) ~ USA 1953
Directed By: Delmer Daves

Frankreich im 18. Jahrhundert: Nachdem ihm sein Geburtsrecht als unehelicher Sproß eines Adligen aberkannt wurde, verlebt Jean-Paul von St. Malo (Jerry Hunter) die ersten Jahre seines Lebens bei seinem Großvater mütterlicherseits, einem armen Büchsenmacher (Walter Hampden), bis ihn sein raffgieriger Onkel Edouard (George Macready) auf das Familiengut holt und Jean-Paul dort als Stallknecht arbeiten lässt. Dennoch wächst er zu einem kräftigen Klassenfeind (Cornel Wilde) heran, der sich nichts gefallen lässt. Die Liebe zu seiner Cousine Marie (Anne Bancroft) wird von Edouard schließlich entdeckt und Jean-Paul fürchterlich verprügelt und nebst seinem Großvater an die Justiz verraten. Auf Rache sinnend, erhält Jean-Paul seine Chance, als er den alten Schatzsucher MacDougal (Finlay Currie) kennenlernt, der hinter einem alten Maya-Schatz in Tikal her ist. Jean-Paul schließt sich MacDougal und seiner Tochter (Constance Smith) an, um gemeinsam mit ihnen in Guatemala nach dem Schatz zu suchen. Nach einer abenteuerlichen Odyssee kehrt Jean-Paul in cognito in die alte Heimat zurück, versichert sich der Sympathien des Advokaten Dondel (Leo G. Carroll) und bereitet sich darauf vor, sich sein Eigentum zurückzuholen.

Als hauseigene Remake eines elf Jahre älteren Fox-Abenteuerklassikers mit Tyrone Power, nebst allerdings historisch und regional verändertem Setting begeistert „Treasure Of The Golden Condor“ das jung gebliebene Technicolorherz, dass es eine Art hat. In diesem von Delmer Daves ausladend und ausnehmend schön gefertigten Meisterstück gibt es tatsächlich nichts, was nicht stimmte, bis hin zum letzten i-Tüpfelchen. Seien es die erwartungsgemäß herrlichen Kostüme und Kulissen, die zur damaligen Zeit seltene, aber umso lohnenswertere Entscheidung, Außenszenen vor Ort zu drehen, die Fabulierlust der im Grunde hausbackenen, stark von Dumas beeinflussten Rache-Story oder schlicht Daves‘ verlässliches Erzähltalent: Es passt einfach. Von den Darstellern ganz zu schweigen; Cornel Wilde als Held ging immer, George Macready als Bösewicht nicht minder; Finlay Currie als alter Zausel bürgte stets für hohe darstellerische Qualität bis in die Nebenrollen, Leo G. Carroll als verschrobener, zunächst recht undurchsichtiger Rechtsgelehrter; Constance Smith als ebenso schöne wie intelligente Heroine ist toll, Anne Bancroft als intrigante Aristokratenschlampe noch toller. Der Plot schlägt viele Wendungen, so, dass es sich als immens vorteilhaft erweist, wenn man möglichst wenig über den Inhalt weiß und der Geschichte somit umso gebannter folgt.
Richtig, richtig schön. Ernsthaft.

9/10

LA FEMME NIKITA

Zitat entfällt.

La Femme Nikita (Nikita) ~ F/I 1990
Directed By: Luc Besson

Nachdem das völlig fertige Junkie-Mädchen Nikita (Anna Parillaud) beim Überfall auf eine Apotheke einen wehrlosen Polizisten erschossen hat, nimmt eine streng geheime Staatsorganisation sie in ihre Obhut. Unter den Fittichen von Agent Bob (Tchéky Karyo) wird die Widerspenstige domestiziert und zu einer effektiven Killerin ausgebildet. Nach vielen Monaten der „Umschulung“ wird Nikita unter ihrem neuen Namen Marie Clement zurück in die Freiheit entlassen, hat sich für eingehende Aufträge jedoch stets zur Verfügung zu halten. Derweil lernt sie den kleinen Kassierer Marco (Jean-Hugues Anglade), der nichts von Maries Zweitidentität ahnt, kennen und lieben. Als dann ein Auftrag zur Sicherstellung geheimer Diplomatenpapiere in einem Blutbad endet, ist Marie klar, dass sie diesem Teufelskreis ein für allemal entkommen muss.

Mit Luc Besson ist es ja so eine Sache; als Filmemacher hat er neben Beineix und Carax mit dem cinéma du look die wesentlichste Kinobewegung Frankreichs in den Achtzigern geprägt, als Mann, der ein offensichtliches Faible für knabenhaft-androgyne Frauen und/oder minderjährige Gespielinnen wie seine zweite Lebensabschnittsgefährtin Maïwenn Le Besco hinterließ er hier und da Fragezeichen. Sein Inszenierungsstil, zumal in Kombination mit der oftmals artifiziell klingenden Musik von Eric Serra, ist derweil unbestritten unverkennbar: alles andere als subtil geht Besson mit zunehmender Schaffenszeit unbekümmert laut, exaltiert und betont naiv zu Werke; exponierte, bald verwilderte Frauen- bzw. Mädchenfiguren und diametral angelegte, ruhig-besonnen Helden sind ebenso Markenzeichen wie unberechenbare und großmäulige Psychopathen. „La Femme Nikita“, von dem John Badham drei Jahre später ein US-Remake anfertigte und dem noch zwei umfangreiche TV-Serials nachfolgten, weist jene Merkmale vermutlich so schnittmengenartig auf wie kein anderer Film Bessons und ist damit quasi sein Signaturwerk. Dabei macht der Film es einem nicht immer leicht: Parillaud, zum damaligen Zeitpunkt Bessons Muße, macht es einem mit ihrer ausgestellten Kratzbürstigkeit nicht immer leicht und überhaupt ist mit ihrem stillen Galan Anglade letztlich bloß ein Charakter vorhanden, der eine gewisse Kompassnadel in dem wilden Wust symbolisiert. Als charmant erweist sich indes der Auftritt der grande dame Jeanne Moreau als eine Art genealogischer Vorläuferin Nikitas und Stiefmutterfigur während Besson-Standard Jean Reno als „Cleaner“ (sprich: berserkernder, maschinenhafter Auftragskiller) mir mit seinem comichaften Gastauftritt stets verschenkt schien. Ich bin überhaupt kein Freund von den Kategorisierungen „gut“ oder „schlecht gealtert“. Jeder Film ist als Gesamtkunstwerk nicht zuletzt immer auch ein Repräsentant seiner Entstehungszeit. Alles andere wäre ja auch prätentiös. Dennoch ist die ausgehende Dekade gerade im Falle „La Femme Nikita“ fast schon ungewöhnlich eklatant spürbar und sorgt mit zunehmendem Abstand für eine gewisse Befremdlichkeit, der sich eben am Besten Herr werden lässt, wenn man ihn zu entscheidenden Teilen als portrait de l’âge wahrnimmt.

7/10

SAINT ANGE

Zitat entfällt.

Saint Ange (Haus der Stimmen) ~ F 2004
Directed By: Pascal Laugier

Die französischen Alpen, 1958: Saint Ange, ein Heim für Kriegswaisen, soll nach vielen Jahren geschlossen werden. Die hochschwangere Anna Jurin (Virginie Ledoyen), die sich mit ihrem Zustand nicht arrangieren mag und das Kind lieber nicht bekäme, flüchtet sich als Arbeitskraft in das weit abgelegene Gebäude. Einzig die Hausmutter Ilinca (Dorina Lazar) und die etwas „merkwürdige“ Insassin Judith (Lou Doillon) befinden sich nun außer Anna noch in dem Komplex. Seltsame Träume und Visionen sowie Geschichten von „unheimlichen Kindern“, die noch irgendwo im Hause leben sollen, machen der infolge ihrer ungewollten Schwangerschaft ohnehin gequälten Anna zu schaffen. Der Schlüssel zum Geheimnis liegt offenbar im Waschraum…

Laugiers Erstling nimmt sich ziemlich kryptisch aus in zunehmendem Verlauf und „Auflösung“, die für mein Dafürhalten etwas zu mysteriös und interpretationsbedürftig daherkommt. Vermutlich ist es hier jedoch mit einer Betrachtung ohnehin nicht getan, begibt man sich auf die Spur der ultimativen Wahrheit um Anna Jurins Schicksal.
Genrefilme um betagte Waisenheime und/oder gespenstische Kinder hatten zur Entstehungszeit von „Saint Ange“ ja gewissermaßen Hochsaison und fairerweise muss man konstatieren, dass Laugier der Subgattung durchaus gerecht wird betreffs der Schaffung einer unheimlichen bis desolaten Atmosphäre. Das figurale Hauptgewicht liegt bei der von Virginie Ledoyen sensibel interpretierten Protagonistin, die offenbar ein schweres Schicksal hinter sich hat, das bis auf die Sichtbarkeit körperlicher Narben (Narben von Peitschenhieben, Spuren ausgedrückter Zigaretten und ihre offensichtlich von einer Vergewaltigung herrührende Schwangerschaft) keiner weiteren Indizien entbehrt. Auch das sich in den Untergewölben des Hauses abspielende Finale bereitete mir geflissentliches Kopfzerbrechen: Vermutlich mit den Nazis in Zusammenhang stehende Experimente an Kinder oder auch Euthanasie könnte hier einst stattgefunden haben – nur sind deren noch an Leben befindliche Relikte nun tatsächlich existent, bloße Ausgeburten von Annas gebeutelter Phantasie oder gar Gespenster, die keine Ruhe finden? Zumindest der von einer möglichen Erlösung erzählende Epilog engt die Lesmöglichkeiten ein wenig ein, wenn auch die enigmatische Rätselhaftigkeit des Ganzen nie wirklich vollständig aufgelöst wird.

7/10

STEINER – DAS EISERNE KREUZ, 2. TEIL

„Who ought to belive this anyway?“

Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil ~ BRD 1979
Directed By: Andrew V. McLaglen

Nach seinem desaströsen Einsatz in Russland wird Feldwebel Steiner (Richard Burton) flugs an die Westfront beordert, wo die Alliierten soeben dabei sind, die Operation Overlord einzuleiten. Auch Steiners alter Rivale von Stransky (Helmut Griem) ist wiederum nicht fern. Nach einem kurzen Fronturlaub in Paris muss Steiner zurück ins Kampfgebiet, um ein strategisch wichtiges Dörfchen in der Provinz zu verteidigen. Sein alter Freund General Hoffmann (Curd Jürgens) eröffnet ihm derweil insgeheim, dass einige ohe Offiziere der Wehrmacht eine Verschwörung gegen Hitler planen und Steiner dazu auserkoren ist, dem gegnerischen General Webster (Rod Steiger) diese Nachricht zukommen zu lassen, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Die US-Admiralität glaubt jedoch an eine Finte und schickt dennoch eine Panzerbrigade in das von den Deutschen gehaltene Dörfchen. Zeitgleich scheitert der Putsch und Hoffmann nimmt sich das Leben. Stransky, der von alldem nichts ahnt und nach wie vor ein Fanatiker ist, plant, die ganze Panzerdivision mittels unterirdischer Sprengladungen zu vernichten…

Die Filmhistorie vergisst gern, dass der unverwüstliche Wolf C. Hartwig, der wusste, wie man eine Kuh adäquat bis auf den letzten Tropfen zu melken hat, seinem von Sam Peckinpah inszenierten Riesenerfolg „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ eine wiederum immens kostspielige Fortsetzung folgen ließ. Warum dieser amnesische Mantel? Darum: Nicht nur, dass „Steiner 2“ gnadenlos an den Kinokassen crashte, unterscheiden sich Original und Sequel hinsichtlich ihres Niveaus in etwa so, wie sich Peckinpah und McLaglen als Filmemacher unterscheiden. Eine philosophische Metaebene um preußische Arroganz und Gernegroßtum unter aristokratischen Wehrmachtsoffizieren, wie sie den Vorgänger auszeichnete, wird man hier vergeblich suchen. Vielmehr ist der zweite Teil, den nurmehr Klaus Löwitsch und Dieter Schidor in ihren vormaligen Rollen erlebten, nicht mehr oder weniger als ein kerniges Landser-Abenteuer, dass die schuldbelastete deutsche Seele  durch seine knuffigen Heldenakzente sogar ein klein wenig einzubalsamieren wusste. Mit Richard Burton, der im Prinzip viel eher seine Rolle als Söldner-Colonel Faulkner aus „The Wild Geese“ repetiert als auch nur im Mindesten den Versuch zu machen, seinen Vorgänger James Coburn anklingen zu lassen, stand McLaglen nur einer von mehreren vormaligen Kollaborateuren zur Seite. Ohnehin ist die Besetzung mindestens so erlesen und illuster wie die des Erstlings und rechtfertigt allein die Betrachtung des Films. Auch ist dieser keineswegs langweilig oder gar öde, obschon natürlich in seiner Struktur und Erzählweise überaus vorhersehbar und weitgehend überraschungsarm. Die düstere, bleierne, vom Wahnsinn infizierte Grundstimmung des Peckinpah-Films weicht hier eher der Betrachtung des Krieges als luftig-leichtes Männergeschäft, bei dem es auch mal was zu lachen gibt. Sicherlich zerfällt die Narration hier und da ferner ins seltsam Episodische, was möglicherweise auf diverse Straffungen und/oder Kürzungen zurückzuführen ist, doch dies nur mutmaßlich.
Als kleiner, kinohistorisch letzten Endes wohl tatsächlich „unbedeutender“ Beitrag zu der Gruppe vor allem logistisch abenteuerlicher Filme über den Zweiten Weltkrieg kann sich, so sehe ich das, „Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil“ dennoch durchaus sehen lassen.

7/10