LE CHOIX DES ARMES

Zitat entfällt.

Le Choix Des Armes (Wahl der Waffen) ~ F 1981
Directed By: Alain Corneau

Zwei Verbrecher, der junge, soziopathische Mickey (Gérard Depardieu) und der alternde Serge Oivier (Pierre Forget), brechen aus dem Gefängnis aus. Nachdem Mickeys heroinsüchtiger Kumpel Ricky (Jean-Claude Dauphin) sie verrät, wird Serge durch eine Kugel schwer verletzt. Unterschlupf finden sie auf dem Gestüt des alternden Noel Durieux (Yves Montand), einst selbst eine Unterweltgröße, die sich jedoch schon vor längerer Zeit mit Gattin Nicole (Catherine Deneuve) zur Ruhe gesetzt hat. Serge stirbt bald darauf und Mickey ist nicht Willens, Noels weitere Unterstützung anzunehmen. Vielmehr empfindet er dessen stoischen, altersweisen Gestus als Provokation und kehrt zurück nach Paris, um sich selbst durchzuschlagen und seiner kleinen, unehelichen Tochter nahe sein zu können. Den impulsiven Nachwuchspolizisten Sarlat (Gérard Lanvin) stets auf den Fersen, führt eine Kette unglücklicher Umstände dazu, dass der Konflikt zwischen Mickey und Noel sich immer weiter verschärft, bis es zur Katastrophe kommt…

Corneaus 81er Polar ist ein vergleichsweise spät entstandenes Schmuckstück des Genres, das gewissermaßen eine Schnittstelle zwischen dem altehrwürdigen Gangsterfilm von Veteranen wie Melville, Clement oder Jacques Becker und den realitätsverpflichteten, asphaltglitzernden Beiträgen des aufdämmernden Jahrzehnts darstellt. Auf der einen Seite gibt es da die ergrauten Ganoven von einst, denen, obschon teilweise inaktiv, Ehrbegriffe und Freundschaftskodizes über alles gehen und die immer zur Stelle sind, wenn ihre Unterstützung vonnöten ist. Dazu zählen neben dem zu Beginn eingeführten Serge Olivier und Noel Durieux auch deren partenaires en crime Jean (Christian Marquand) und Roland (Etienne Chicot), mit Verstecken und geheimen Waffenarsenalen nach wie vor bestens organisiert. Auf Mickeys Seite stehen ein paar verlotterte, eher trottelige Jugendfreunde aus den Banliueues; Junkie Ricky oder der kleine Gelegenheitsgauner Dany (Richard Anconina). Vor zwanzig, dreißig Jahren hätte ein Typ wie Mickey Noel höchstens ein kurzes Lächeln gekostet, heute, da er der Gewalt abgeschworen hat und sich gerade mit dem Gedanken trägt, mit Nicole nach Irland zu migrieren, treibt er ihm Sorgenfalten auf die Stirn. Die endgültige Dysbalance ruft schließlich Mickeys auf der anderen Gesetzesseite stehendes Pendant Sarlat hervor. Nicht zuletzt durch dessen Ungeduld und stete Weigerung, die althergebrachten Arrangements zwischen Polizei und Unterwelt zu akzeptieren, eskaliert der Konflikt. Menschen und Pläne bleiben auf der Strecke, doch eine höchst unerwartete, neue Konstellation sorgt bei aller Tragik am Ende für neue Hoffnung und Erlösung. Corneau gewährt uns und seinem Helden Durieux einen Notausgang aus der zuvor dick getünchten Nachtschwärze. Dafür darf man ihm und seinem formidablen Film dankbar sein.

9/10

LA TRAQUE

„Help!“

La Traque ~ F/I 1975
Directed By: Serge Leroy

Die an der Uni von Caen tätige Engländerin Helen Wells (Mimsy Farmer) plant, sich für ein paar Herbsttage auf ein entlegenes Grundstück in der Normandie zurückzuziehen. Ihre Ankunft vor Ort fällt auf ein Treibjagdwochenende, zu dem der wohlhabende Pächter Sutter (Michael Lonsdale) eingeladen hat. Zu dessen ausschließlich männlichen Gästen zählen auch die rüpelhaften Danville-Brüder Albert (Jean-Pierre Marielle) und Paul (Philippe Léotard), die sogleich ein Auge auf Helen werfen. Als sie ihnen bei einem Spaziergang im Wald begegnet, vergewaltigt Paul die junge Frau mithilfe Alberts. Eine kurz darauf stattfindende, weitere Begegnung mit der angsterfüllten Helen endet für Paul mit einer Gewehrkugel im Bauch. Stillschweigend und unausgesprochen beschließt der Jagdtross, einen Skandal zu vermeiden. Das bedeutet, dass Helen verschwinden muss…

Im neowoken Zeitalter von #MeToo kommt die Wiederentdeckung von Serge Leroys „La Traque“ gewissermaßen der Hebung eines kleinen, vergessenen Schatzes galliger, filmischer Gesellschaftskritik gleich. Fast gänzlich ohne die explotativen Elemente zeitgenössischer, wütend-berüchtiger Rape-&-Revenge-Filme wie Cravens „The Last House On The Left“, Lados quasi-analogem „L’Ultimo Treno Della Notte“, Collinsons „Open Season“ oder Zarchis „I Spit On Your Grave“ auskommend, gleicht Leroys Drama eher einer bitterbösen Sozialstudie inmitten ähnlich konnotierter Arbeiten von Chabrol oder Buñuel, dabei jedoch ohne den Einsatz stilistischer Extravaganzen oder Surrealismen. Vielmehr erzählt Leroy so straight, irden und schmucklos wie irgend möglich vom heimlichen Überleben ruraler Feudalismusstrukturen in der französischen Provinz, die, geprägt von einem gleichermaßen ständischen wie maskulinem Selbstverständis, bis in die Gegenwart reichen und ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Die Jagdgesellschaft besteht ausschließlich aus wohlhabenden Männern mittleren Alters, deren heimlicher Kopf mit David Sutter zugleich der Reichste und gesellschaftlich Höchststehende von ihnen ist. Doch auch der Rest der Gruppe hat ihre wohlfeil zugewiesenen Plätze – Mansart (Jean-Luc Bideau), aufstrebender Lokalpolitiker ist einerseits von der Gunst Sutters abhängig setzt ihm auf der anderen Seite jedoch Hörner mit dessen Frau Françoise (Françoise Brion) auf; der alternde Rollin (Paul Crauchet) sucht als trockener Alkoholiker, der einst eine schwere, ungesühnte Bürde auf sich geladen hat, sein Heil im Katholizismus; für Kriegsveteran Nimier (Michel Constantin) gehen Ehrenkodex und Gruppenzusammenhalt über alles; der nervöse, unbeholfene Chamond (Michel Robin) gilt dem Rest eher als Spottzielscheibe. Aufseher Maurois (Gérard Darrieu) gibt ganz den untertänigen Knecht. Die Danvilles schließlich, ihres Zeichens Altmetallhändler, wissen um jeden Dreck, den die Übrigen am Stecken haben und vervollständigen als laut krakeelende Proletarier das durchweg unsympathische Kränzchen. Wie ein unangepasster Fremdkörper platzt die zierliche Britin Helen in diesen festgefahrenen Mannesfilz, wird gnadenlos missbraucht, gejagt und ausgespien. Dass weder Moral noch irgendeine andere Form von Gerechtigkeit soweit ab von der Zivilisiertheit der Großstadt einen Platz haben kann oder gar darf, wird auch im Gefüge des vom Script sorgfältig aufgebauten Personengefüges rasch offenbar – der als Opfer eines übermächtigen Mikrokosmos designierten Helen Wells werden weder Gnade, noch Flucht oder gar Gegenwehr zuteil.

8/10

HUSTLE

„Guys in their 50’s don’t have dreams- they have nightmares.“

Hustle ~ USA 2022
Directed By: Jeremiah Zagar

Stanley Sugarmans (Adam Sandler) Herz schlägt für den Basketball und die NBA. Als Talentscout für die Philadelphia 76ers jettet er permanent durch die ganze Welt und sichert dem Team zuverlässig seinen Top-Nachwuchs. Mit dem überraschenden Dahinscheiden des langjährigen Besitzers der 76ers, Rex Merrick (Robert Duvall), büßt Stanley zugleich seinen eigenen Mentor und eine Art heimlichen Ersatzvater ein. Merricks leiblicher Sohn und Nachfolger Vince (Ben Foster), seit jeher eifersüchtig auf den nichtfamiliären Nebenbuhler, verbaut Stanley die zuvor versicherte Zusage, Assistant Coach zu werden und somit endlich mehr Zeit mit seiner familie verbringen zu können. Eines Tages entdeckt Stanley auf Mallorca den Gelegenheitsspieler Bo Cruz (Juancho Hernangomez) und versucht, ihn mit allen Mitteln in den Kader zu bekommen. Dafür bedarf es einiger Tricks und eines intensiven Trainingsprogramms, das Stanley im Alleingang organisiert. Doch auch diese Pläne torpediert Merrick Junior beständig, was den ohnehin recht launischen Bo zusehends demoralisiert. Doch Stanley gibt nicht auf…

Philadelphia, Stadt der brüderlichen Liebe, und mehr noch als andere Ostküstenmetropolen historisches Wahrzeichen des Amerikanischen Traums, die Rocky-City. Auch für Stanley Sugarman, eines der vielen funktionalen Zahnrädchen im Profi-Basketball außerhalb des Rampenlichts, ist Philly Dreh- und Angelpunkt aller erfüllten und unerfüllten Lebensträume. Die eigene Sportlerkarriere musste Stanley schon vor vielen Jahren am College ad acta legen, als er betrunken einen Autounfall verursachte, der seine rechte Hand unbrauchbar machte. Seine Frau Teresa (Queen Latifah) und seine Tochter Alex (Jordan Hull) sind derweil alles für ihn, was seine Tätigkeit als fast unentwegt durch die Weltgeschichte reisender Talentsucher zunehmend zur Bürde werden lässt. Der Verlust des alten Merrick verheißt nurmehr weitere karrieristischen Stillstand. In dem wortkargen Mallorquiner Bo Cruz personifizieren und konzentrieren sich schließlich alle noch verbliebenen Hoffnungen Stanleys, seiner festgefahren Existenz als Mittfünfziger nochmal eine letzte Wendung angedeihen lassen zu können; ein Traum, der mit vielen äußeren Hürden einhergeht.
Seine jüngste Netflix-Produktion treibt den Sandman abermals ein Stück weit weg von seiner über Jahrzehnte installierten und etablierten Comedy-Persona, natürlich nie, ohne diese je gänzlich zu verleugnen oder gar zu denunzieren. Auch Stanley Sugarman bildet am Ende eine weitere der vielen Facetten der vehement nunancierter kultivierten Filmidentität Sandlers aus. Den wie üblich einem zutiefst traditionsverbundenen Capra-Paralleluniversum entsteigenden, liebenden Familienvater in seinem ewigen Kampf um die zweite Chance, um Anerkennung und den verzweifelten Wunsch, allen zuvor gemachten Fehlern zum Trotz ernst genommen zu werden, erlebt man auch in „Hustle“, nebenei eine von Sportlercameos gespickte NBA-Liebeserklärung, aufs abermalig Neue. Die Wahl von Queen Latifah als kongenialer Ehegattin ist dabei so luzid wie konsequent; eine Frau, in Bezug auf die ein Sandler-Protagonist vor zwanzig Jahren noch kaum mehr denn komödiantisch verbrämte Ängste kolportiert hätte, symbolisiert nunmehr liebevolle Stabilität und gleichberechtigtes, familiäres powerhouse. Dass „Hustle“ im Übrigen en gros eine typologisch exakte Americana markiert, darf und sollte nicht verwundern; Sandler und sein noch relativ unbeschriebener Nachwuchsregisseur Jeremiah Zagar fischen geradezu nonchalant im großen Teich der hollywoodschen Filmmythen um Freundschaft, Erfolg und moralischen Triumph. Unübersehbare Vorbilder wie der natürlich allgegenwärtige „Rocky“ und dessen Nachfolger oder auch der urkomische „The World’s Greatest Athlete“ finden sich dabei freilich niemals rigoros abgerippt, sondern sitzen als Ehren-Logengäste auf der höchsten Empore.

7/10

COPYCAT

„I’m not on duty. Neither is my brain.“

Copycat (Copykill) ~ USA 1995
Directed By: Jon Amiel

Nachdem die Psychologin und Serienkiller-Spezialistin Helen Hudson (Sigourney Weaver) kurz nach einer Vorlesung trotz Polizeischutzes von dem wirren Daryll Lee Cullum (Harry Connick Jr.) attackiert und beinahe getötet wird, verschanzt sie sich in ihrer Wohnung. Fortan leidet sie unter Agoraphobie und heftigen Panikattacken, die sie mit Alkohol, Medikamenten und der Unterstützung ihres treuen Faktotums Andy (John Rothman) in Schach zu halten versucht. Ein gutes Jahr nach ihrem Erlebnis – Cullum sitzt mittlerweile in der Todeszelle – macht ein neuer Serienmörder namens Peter Foley (William McNamara) San Francisco unsicher. Trotz ihrer Handicaps fühlt Helen sich in der Verantwortung, sich bei der Polizei zu melden, um ihre Profiling-Expertise abzugeben, was das Ermittlerduo MJ Monahan (Holly Hunter) und Ruben Goetz (Dermot Mulroney) veranlasst, Helen wider Willen auch zur weiteren Zusammenarbeit zu nötigen. Bald findet man gemeinsam heraus, dass der Nachwuchskiller sich als emsiger Epigone populärer Vorbilder von Albert de Salvo bis hin zu Jeffrey Dahmer befleißigt und es längst auch auf Helen abgesehen hat…

Experimenteller Revisionismus bei der Filmbetrachtung ist zuweilen, eigentlich sogar meistens, eine lohnenswerte Angelegenheit, denn mit der Rezeption von Kunst im Allgemeinen und Film im Besonderen ist es ja wie mit dem sprichwörtlichen Fluss: so wie man nie zweimal in denselben springt, sieht auch dieselbe Persönlichkeit nie zweimal dasselbe Artefakt. Allzu viele Einflüsse verhindern diese Option, das eigene Älterwerden und Altern; die zahllosen äußeren und inneren Umstände der Wahrnehmung. Oftmals gewährt einem die Erfahrung neue, andere, tiefere Einblicke und Verständnisebenen, was gleichsam eine differenziertere Auseinandersetzung ermöglicht. Ebenso kommt es jedoch vor, dass vermeintlich obsolete Urteile sich nochmals manifestieren. Jon Amiels „Copycat“, nach 25 Jahren nun zum zweiten Mal geschaut, ist und bleibt ein hoffnungslos unterprivilegiertes, um nicht zu sagen: zutiefst unsympathisches Unterfangen. Das Script kokettiert mit seiner sich offenbar „brillant“ wähnenden Prämisse, den Killer als emsigen Studenten und Fan prominenter Vorgänger zu Werke gehen zu lassen. Amerika liebt ja seit eh und je seine Serienmörder und damit einhergehend deren kulturellen Impact, was sich nicht allein anhand breit gefächerter literarischer Abhandlungen, sondern vor allem diverser, häufig biographisch angelegter Kino- und TV-Filmproduktionen sowie mehr oder weniger reißerischer Dokumentarformate ablesen lässt. So dürfte das Wissen um Menschen wie David Berkowitz, Ted Bundy, Henry Lee Lucas oder John Wayne Gacy und auch deren Modi Operandi insbesondere beim potenziellen Zielpublikum von Filmen wie „Copycat“ zur Weltbildung gehören. Wohl als zusätzliches Insider-Bonmot pflegte man noch den Namen des deutschen Peter Kürten ein. Soweit die inhaltliche Konstruktion, vor der eine ganze Riege von Protagonisten bar jeder Inspiration agiert. Jede einzelne Figur wirkt wie ein gewaltiger Klischeefokus, allen voran die ebenso geniale wie psychisch gebeutelte Helen Hudson, die unentwegt mit einem halbgefüllten Cognac-Schwenker durch ihre schnieke Wohnung tigert. Holly Hunter als selbstbewusste Polizistin MJ Monahan muss sich indes permanent gegen ein sie schon von Berufswegen unterschätzende und geringschätzende Patriarchat zur Wehr setzen, wobei ihr Partner, der von Dermot Mulroney gespielte, smarte ladies‘ man Ruben Goetz sie durchaus auch erotisch attrahiert (wie übrigens auch die sexuell darbende Helen) , schließlich aber durch ihre Teilschuld das Zeitliche zu segnen hat. Komplett aus ist der Ofen jedoch in Anbetracht der Charakterisierungen der beiden Serienmörder – der eine ein hässlicher, perverser und gar nicht mal allzu bildungsentlehnter Hillbilly mit Gottkomplex, der andere ein hübscher, jedoch von tiefer pathologischer Misogynie gebeutelter Computernerd, der bereits das Machtpotenzial des Internet ausreizt, bevor die meisten überhaupt wussten, was das ist. Thomas Harris‘ Hannibal-Romane (oder deren Adaptionen?) ferner wurden offenbar nicht nur einmal durchgeackert; so findet sich der einsitzende Cullum, der nicht nur mit Foley brieflich korrespondiert, wie weiland Dr. Lecter zum großen Killerpaten stilisiert, der immer weiter fleißig danach trachtet, seine reziproke Nemesis Helen Hudson noch vor sich selbst tot zu sehen.
Viel gestohlen, viel plagiiert ergo, „Copycat“ eben. Das Ganze auch noch ohne jedweden Witz oder Esprit, ohne jemals einen Hauch echter Originalität zu entwickeln; ein gleichsam geradezu aggressiv spannungsloser Beitrag zu seinem Subgenre, der zumindest mich auch beim Wiedersehen weitaus mehr verägert hat als zufriedenzustellen.

3/10

ETERNALS

„When you love something, you protect it.“

Eternals ~ USA 2021
Directed By: Chloé Zhao

Zehn nicht alternde, außerirdische Superwesen – Ajak (Salma Hajek), Ikaris (Richard Madden), Sersi (Gemma Chan), Thena (Angelina Jolie), Kingo (Kumail Nanjiani), Phastos (Bryan Tyree Henry), Gilgamesh (Dong-seok Ma), Druig (Barry Keoghan), Makkari (Lauren Ridloff) und die ewig in einem Kinderkörper gefangene Sprite (Lia McHugh) – die Eternals, wurden vor 7000 Jahren auf die Erde gesandt, um die Menschen vor den Deviants, ebenfalls extraterrestrischen, monströsen Kreaturen zu beschützen und so die ungestörte Entwicklung des homo sapiens zu gewährleisten – zumindest glauben die meisten von ihnen das. Tatsächlich, so müssen die verbliebenen Eternals in der Gegenwart nach dem unerwarteten Tod ihrer Anführerin Ajak erfahren, dient ihre Anwesenheit auf dem Planeten einem ganz anderen Zweck: Geschaffen als künstliche Handlanger der gottgleichen Celestials, kosmischer Entitäten, die die Geschicke des Universums lenken, liegt die heimliche Aufgabe der Eternals darin, die Geburt eines weiteren Celestials, Tiamut, der seit Äonen im Erdinneren seiner Erweckung harrt, vorzubereiten. Die ebenfalls von den Celestials kreierten Deviants dienen dabei eigentlich als reines Ablenkungsmanöver, doch auch einer von ihnen, Kro (Bill Skarsgård), durchlebt eine rasche Evolution, indem er sich die Essenz der toten Ajak einverleibt. Als die heuer in London lebende Sersi durch eine telepathische Brücke von Ajak und den hernach folgenden Kontakt zum Celestial Arishem die Wahrheit über ihr Hiersein erfährt, beginnt eine verlustreiche Schlacht um das Schicksal der Welt.

Der stilprägende Autor und Zeichner Jack Kirby, vielleicht etwas vollmundig auch als „William Blake der Neunten Kunst“ hofiert, der gemeinsam mit Stan Lee im Silver Age für einige der wichtigsten Kreationen der Marvel Comics verantwortlich zeichnete, genoss nicht zuletzt aufgrund seines überwältigenden Renommees in der Szene in den Siebzigern umfassende künstlerische Narrenfreiheit, wenngleich er selbst sich von seinem Hausverlag zwischenzeitlich unfair behandelt wähnte. Diese gestattete es ihm, sowohl für die Konkurrenz von DC als später dann auch für Marvel, einige höchst eigenwillige, überbordernde high concept cosmic operas mit psychedelischem Anstrich zu schaffen, die zunächst jeweils kommerziell erfolglos blieben, in beiden Comic-Universen jedoch ein bis in die Gegenwart reichendes Echo hinterließen. Im Falle Marvel handelte es sich dabei um die Eternals, weithin in cognito lebende, uralte Beschützer aus dem All, die wiederum von den übermächtigen Celestials geschaffen wurden. Die wahren Hintergründe ihrer Existenz wurden dabei in den Folgejahrzehnten von anderen Autoren unregelmäßig immer wieder aufgegriffen, erweitert und ausgebaut. Es erstaunt nicht wenig, dass ausgerechnet diese inhaltlich sperrigen, wenig zeitgemäßen Figuren für ein Werk der jüngsten MCU-Phase adaptiert wurden und auch das dazugehörige, filmische Resultat vermag jene Verwunderung auf den ersten Blick kaum auszuhebeln. Die Bezüge zwischen den Eternals/Celestials und dem restlichen Marvel-Universum dürften vonehmlich emsigen Comicphilologen geläufig sein und wirken hinsichtlich des zwar zunehmend komplexer werdenden, aber noch überschaubaren MCU-Narrativs vermutlich eher befremdlich. Für die Regisseurin Chloé Zhao dürften derlei akademische Spitzfindigkeiten allerdings ohnehin bestenfalls nebensächlich gewesen sein; sie bemüht sich redlich, ihren inszenatorischen Einstieg ins big business halbwegs amtlich über die Runden zu bringen und schafft dies nach meinem Dafürhalten auch in zufriedenstellender Weise zumindest für Zuschauer, die der optionalen, mythologischen Geräumigkeit des Konzepts MCU offen gegenüberstehen. Zhao als Co-Scriptorin interessiert sich vornehmlich für gesellschaftsrelevante Gegenwartsbezüge in Form gezielt installierter Diversität und die philosophischen Dimensionen, die die Eternals umwabern: bei ihr nimmt sich der kosmische Genpool ostentativ multiethnisch aus, Ajak, Makkari und Sprite wechseln ihr Geschlecht von männlich zu weiblich (womit das ursprüngliche Geschlechterverhältnis der Gruppe von 8:2 zu 50/50 changiert) und zumindest Phastos (im Film zudem kein muskulös gezeichneter Adonis, sondern unglamourös übergewichtig) lebt heuer offen homosexuell. Der strahlend-engelsgleich erscheinende Ikaris, ein unzweideutiges Pendant zu DCs Superman, entpuppt sich als der im Kern misanthropische, sein determiniertes „Schicksal“ als willfähriger Wegbereiter der Apokalypse ungerührt ausführender Holzkopf (ein Image, mit dem das Original ja seit eh und je konfrontiert wird), Kingo genießt seinen etwas albern anmutenden, popkulturellen Ruhm als Bollywood-Ikone und Druig pflegt die offene Rebellion gegen sein zur Passivität verdammtes Schicksal. Erstaunlicherweise gelingt es Zhao binnen der zweieinhalb Stunden Erzählzeit recht gut, fast all diesen Charakteren (einzig Gilgamesh und Makkari, zwei eigentlich doch sehr interessante Mitglieder der Eternals, bleiben bedauernswert unterentwickelt) eine hinreichend greifbare Basis nebst Weiterentwicklung zu verschaffen. Keinesfalls unintelligent strukturiert, vermag der Film ferner, die von steten Selbstzweifeln überlagerte, millenienlange Anwesenheit der Eternals auf der Erde mittels kompakt gefasster, welthistorischer Stationen zusammenzufassen. Außerdem wird endlich Dane Whitman (Kit Harrington) aka der zweite (gute) „Black Knight“ eingeführt, einer meiner Lieblingshelden seit Kindertagen, der hoffentlich in Kürze komplett berüstet und mit seinem geflügelten Ross Aragorn durch die MCU-Lüfte segeln wird. Die naturgemäß vornehmlich um Scharmützel mit den Deviants kreisenden Actionsequenzen bieten mediokren MCU-Standard und besitzen freilich nicht den choreographischen Schmiss einer perfekt inszenierten Avengers-Schlacht, aber auch das dürfte Chloé Zhao am Allerwertesten vorbeigehen. Für semiorgiastisch-geekige Glücksmomente sorgen natürlich wieder die Abspann-Einsprengsel: Thanossens diametral orientierter Bruder Eros/Starfox (Harry Styles) und Pip, der Troll (Patton Oswalt) vollziehen ihre überraschende Premiere; den neuen Blade (Mahershala Ali) kann man ganz zum Ende wenigstens schonmal akustisch genießen.
Nach „Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings“ hält die Qualitätsdemarkation jedenfalls ihr Niveau und euer Chronist ist, wenn schon nicht vollends begeistert, so doch (wiederum) satt und zufrieden.

7/10

DON’T LOOK UP

„Shit’s all fucked up. Don’t forget to like and subscribe.“

Don’t Look Up ~ USA 2021
Directed By: Adam McKay

Durch Zufall entdecken die beiden Astronomen Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) und Randall Mindy (Leoardo DiCaprio) einen Kometen, der in rund sechs Monaten auf die Erde prallen und dessen Einschlag hier annäherend sämtliches Leben auslöschen wird. Die ebenso pr-geile wie intellektuell eingeschränkte US-Präsidentin Orlean (Meryl Streep) und ihr Stab zeigen sich von der apokalyptischen Hiobsbotschaft wenig beeindruckt, immerhin gilt es just, einen innerpersonellen Skandal auszubügeln. Auch der daraufhin eingeschlagene Weg, die Öffentlichkeit über eine populäre TV-Talkshow aufzurütteln, verpufft sang- und klanglos – die Leute interessieren sich sehr viel mehr für die Beziehungskrise eines prominenten Musikerpärchens (Ariana Grande, Kid Cudi). Als sich Wochen später die zerstörerische Existenz des mittlerweile nach seiner Erstsichterin Diabiasky getauften Kometen zumindest vulgärwissenschaftlich doch nicht mehr leugnen lässt, tut das Gros der Menschheit, was es eben so tut im Angesicht unverrückbarer Tatachen – leugnen, protestieren, ausweichen, verleumden, weg-, vor allem aber: bloß nicht nach oben sehen. Eine Zerstörungsmission wird im allerletzten Augenblick abgeblasen, denn Dibiasky besteht aus wertvollen Rohstoffen, die der Kommunikationselektronikindustrie ein Multibillionengeschäft bescheren würde. Leider misslingt ebenso der Alternativplan, den kosmischen Brocken in ungefährlichere Einzelteile aufzusprengen. Somit heißt es am Ende völlig zu Recht: Bye bye, humanity.

Die wirklich relevanten, bleibenden Filmsatiren bilden seit eh und je eines der geschmacksintensivsten Gewürze nicht allein im Comedysektor, zumal, wenn sie eine elementare gesellschaftspolitische Relevanz aufweisen. Man denke, um nur ein paar persönliche Lieblinge anzuführen, an Jahrhundertwerke wie „The Great Dictator“, „Dr. Strangelove“, „Network“, „Trading Places“ , „Natural Born Killers“ und „Fight Club“, allesamt bleibende Spiegelbilder besimmter Facetten der Verlorenheit ihrer jeweiligen Ära, allesamt brillant arrangiert, zutiefst gallig und doch urkomisch. „Don’t Look Up“ zieht nonchalant in jenen Olymp ein, er ist DER Film (zu) unserer Zeit. Und wie es sich für kontroverse Meisterwerke geziemt, ist das (angesichts der Verkaufsmechanismen und des gewaltigen Staraufgebots des Films bloß naturgemäße) Echo ein Panoptikum der Überforderung und bestätigt bloß, was McKay in seinem omnipotenten Rundumschlag wider ein Amerika des freidrehend pervertierten Wert- und Selbstverständnisses ohnehin zu jeder Sekunde durchblitzen lässt – unsere schöne Menschenwelt war und ist noch mehr eine der entgrenzten Borniertheit, der glattpolierten Oberflächenreize und der totalen Selbsträson. Zu uneingeschränkt positiven Stimmen zu McKays Königsgroteske mag sich scheibt’s keiner hinreißen lassen. Ein wenig Google spricht Bände: Die „Fans“ seien wütend, dass Matthew Perry herausgeschnitten wurde, dabei wäre dies doch sein überfälliges Comeback gewesen. Irrlichternde Parallelen zu Michael Bays „Armageddon“ (!) werden gezogen, und das nichtmal selten, der Klamauk moniert und die schlecht getimte Dramaturgie, die ihr Feuer ja allzu verfrüht verschieße. Die Realität habe den für einen früheren Starttermin und wegen Covid verschobenen „Don’t Look Up“ wiederholt und seine satirische Sprengkraft dadurch entscheidend entwertet.
Mir fällt in Anbetracht solcher völlig am Objekt vorbeischießender Aussagen (oder gehen sie alle vielleicht bloß McKay in die Falle?) nurmehr die Kinnlade herunter, aber bis auf den Boden, quasi Tex-Avery-mäßig. Tatsächlich liefert „Don’t Look Up“ nach meinem Dafürhalten nicht nur ein unfassbar passgenaues Zeitporträt, er ist vor allem auch ein formidabler Autorenfilm, mit dem Adam McKay endlich ganzheitlich zu sich selbst findet, nachdem er in den beiden hervorragenden Bale-Vehikeln „The Big Short“ und „Vice“ eine Abkehr von den Albernheiten seiner bis 2013 abgefeuerten Ferrell-Komödien hin zu mehr Respektabilität und vor allem Ernsthaftigkeit vollzogen hatte. „Don’t Look Up“ kombiniert gewissermaßen das Beste beider Welten – den anarchischen, genrebelassenen Humor der frühen Tage und die spätere, scharf sezierende Pespektivierung auf ein Amerika, das diesseits der Jahrtausendwende auch noch seinen letzten Rest Menschenverstand eingebüßt zu haben scheint. Dass dies nicht nur funktioniert, sondern sich vielmehr als überaus weise und durchaus ausgewogene Stilmixtur präsentiert, die auch mal den Mut zur Inkonsequenz aufweist, lässt sich anhand beinahe jeder Szene dieses unglaublich gelungenen Films ablesen. We’ll meet again…

10/10

THEY CALL ME MISTER TIBBS!

„A case is never solved until a judge says it is.“

They Call Me Mister Tibbs! (Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs) ~ USA 1970
Directed By: Gordon Douglas

Die junge Prostituierte Joy Sturges (Linda Towne) ist in ihrem Appartment erschlagen worden. Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) vom SFPD wird mit dem Fall betraut. Ein anonymer Anrufer, hinter dessen Identität sich der schmierige, halbseidene Hausbewohner Rice Weedon (Anthony Zerbe) verbirgt, behauptet gegenüber der Polizei, Tibbs‘ Freund, den auch politisch engagierten, liberalen Reverend Logan Sharpe (Martin Landau) in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben. Dieser versichert Tibbs, mitten im Endspurt eines Wahlkampfes steckend, die Ermordete zwar gut gekannt, mit ihrem Tod jedoch nichts zu tun zu haben. Tibbs ermittelt dennoch in alle Richtungen, derweil ihm privat sein renitenter Sohn Andy (George Spell) zunehmende Sorgen bereitet…

Drei Jahre nach Norman Jewisons ausgezeichnetem Südstaaten-Polizeifilm „In The Heat Of The Night“ schlüpfte Sidney Poitier erneut in die Rolle des so überaus nüchtern agierenden Ermittlers Virgil Tibbs. Das archaische Milieu des ewig gestrigen Südens hinter sich lassend, hat der stets besonnene Detective sein Einsatzgebiet nunmehr in der Westküsten-/Hippie-Metropole San Francisco, in der Rassismus und Segregation zumindest keine wesentliche Alltagsrolle mehr bekleiden. Analog dazu weicht Quincy Jones‘ vormals bluesige, schwitzige Musik zeitgenössischeren Funk- und Soul-Klängen. Zumindest Tibbs‘ unverwechselbarer Charakter wird jedoch aus dem Orginal mit herübergetragen; Professionalität und Ratio prägen nicht nur seinen beruflichen Werdegang, sondern erschweren ihm auch den Umgang mit den Wogen des Lebens. Filius Andy, just in einer unleidigen Sturm- und Drang-Phase, versucht mit allen Mitteln, sich von der elterlichen Autorität zu emanzipieren, was allenthalben zu scharfen Vater-/Sohn-Konflikten führt und Tibbs seine ohnehin schwierigen Untersuchungen nicht eben erleichtert. Bezeichnenderweise ist die dramaturgisch mit Abstand stärkste Szene jene, in der Tibbs zu einer drakonischen Erziehungsmaßnahme greift und daran selbst verzweifelt.
Der ein berühmtes Dialogzitat des Vorgängers titulär aufgreifende „They Call Me Mister Tibbs!“ hat trotz der versierten Inszenierung Gordon Douglas‘ nicht mehr den durchschlagenden Impact von „In The Heat Of The Night“, der seine historische Geltung nicht nur als wesentlicher Markstein des antirassistischen Films hält, sondern auch dem buddy movie unerlässliche Impulse verlieh. Douglas‘ gediegene Arbeit bietet derweil nicht mehr und nicht weniger als einen für seine Ära weitgehend repräsentativen Polizeifilm, der zwischen Peter Yates‘ „Bullitt“ und Don Siegels „Dirty Harry“ einen weiteren unbestechlichen San-Francisco-Cop bei der protagonistischen Arbeit zeigt, der im Vergleich zu seinen archetypischen „Kollegen“ allerdings eine weitaus ehernere Systemtreue an den Tag legt und – unverwechselbares Kennzeichen – eben Afroamerikaner ist. Das wichtigste Verdienst des Films liegt darin, ebendieses Faktum als völlig normal und gegeben hinzunehmen und keinerlei Aufhebens darum zu machen; anno 1970 leider noch keine Selbstverständlichkeit.

7/10

THE WILBY CONSPIRACY

„In a police state, the police are always busy.“

The Wilby Conspiracy (Die Wilby Verschwörung) ~ UK 1975
Directed By: Ralph
Nelson

Eine Flasche Champagner steht bereits kühl- der südafrikanischen Anwältin Rina van Niekirk (Prunella Gee) ist es gelungen, den Bantu-Freiheitsaktivisten Shack Twala (Sidney Poitier) aus der politischen Haft auf Robben Island herauszuboxen. Gemeinsam mit Rinas englischem Galan Jim Keough (Michael Caine) macht man sich schon zum Feiern bereit, als die Drei in eine Polizei-Straßensperre geraten. Die rassistischen Beamten verwickeln das Trio in einen Konflikt, so dass Keough und Twala zur Flucht gezwungen sind. Twala überredet den Briten, mit ihm nach Johannesburg zu fahren, wo Anil Mukerjee (Saeed Jaffrey), ein Sympathisant der Anti-Apartheids-Bewegung, im indischen Viertel lebt. Mukerjee wiederum weiß um das Versteck einiger Diamanten, die Twala dem Untergrundführer Wilby Xaba (Joe de Graft) zukommen lassen will. Was keiner der Beteiligten ahnt: Der ketterauchende Major Horn (Nicol Williamson) verfolgt sie auf Schritt und Tritt und ist über sämtliche ihrer Vorhaben bestens informiert.

Eine Art durch den Wolf gedrehte Variante von Kramers „The Defiant Ones“, in der abermals Sidney Poitier, diesmal in Handschellen, dazu gezwungen ist, gemeinsam mit einem verständnislosen, ihm nur wenig wohlgesonnenen Weißen durch eine von ehernem Rassismus geprägte Welt zu fliehen. Ralph Nelson, der hier bereits zum dritten (und letzten) Mal mit Poitier zusammenarbeitete, machte das Sujet allerdings behende zu seinem eigenen: Die Transponierung des Doppel-Flucht-Plots auf das südafrikanische Apartheidsregime gerinnt hier relativ zügig zu einem frühen, schwarz-/weißen buddy movie mitsamt einigen komisch angelegten Nebenanekdötchen und beeinflusst zudem von amerikanischer Blaxploitation. Natürlich muss Caines Charakter Keogh stellvertretend für das mutmaßliche Gros des Publikums eine ideologische Wandlung durchleben – als politisch unbedarfter Ingenieur auf Montage nimmt er, typisch westeuropäisch, lediglich die exotische, äußere Schönheit der Region wahr, die so hübsch ausgestellte, wirtschaftlich florierende Fassade der weißen Minoritätenregierung. Was es indes bedeutet, hier als person of colour zu leben, lernt er in letzter Konsequenz erst ganz zum Schluss, als ihm klar wird, mit welch konsequenter Perfidie das Regime seinen Status quo präserviert. Keoghs Wandlung zum Aktivisten vollendet sich mit der eiskalt vorgenommenen Exekution des den Polizeistaat repräsentierenden Offiziers Horn – ein beeindruckendes und nachhallendes Finale dieses zwischenzeitlich immer wieder so merkwürdig unangebracht leichtherzig wirkenden Films. Blitzlichtartige Assoziationen zu „Soldier Blue“ brechen sich da kurz Bahn, in dem Nelson ja bereits zeigte, dass bestimmte Topoi ihre genuin notwendige Wirkmacht ausschließlich unter Befleißigung einer ausgesuchten Gnadenlosigkeit entfalten können.
Kleine filmhistorische Randnotiz: Sieben Jahre vor Bruce Malmuths „Nighthawks“ waren hier erstmals Rutger Hauer und die schöne indische Aktrice Persis Khambatta gemeinsam in einem Film zu sehen, jedoch ohne gemeinsame Szene und beide in seltsamen supporting parts als jeweils abtrünnige EhepartnerInnen.

7/10

LETHAL WEAPON 4

„Flied lice? It’s fried rice, you plick.“

Lethal Weapon 4 ~ USA 1998
Directed By: Richard Donner

Im Zuge eines Einsatzes gegen einen verrückten Pyromanen verraten sich die beiden best buddies und LAPD-Sergeants Martin Riggs (Mel Gibson) und (Roger Murtaugh) gegenseitig, dass ersterer in Bälde Vater wird und letzter Großvater, wobei der Vater des Enkels noch unbekannt ist. Kurz vor der Niederkunft der werdenden Mütter bekommen die zwei Helden es mit einer Triade zu tun, die Menschenschmuggel betreibt, Blüten herstellt und gleich vier gefangenen Bossen aus Hong Kong zur Freiheit verhelfen will.

Ihr vierter und vorerst letzter gemeinsamer Einsatz vereint die zusehends größer werdende Freundesfamilie um die zwei Haudegen Riggs und Murtaugh zum ersten Mal gegen einen veritablen Superbösewicht, den Triadenboss Wah Sing Ku, gespielt vonChina-Haubitze Jet Li. Nachdem die uninteressante Figur ihres letzter Widersachers im dritten Teil des Franchise, ein recht profilloser und langweiliger Immobilienbetrüger, bereits den beständigen Wechsel der Filme hin vom harten Actionfilm zur Buddy-Komödie personell untermauerte, geht Donner diesmal zumindest wieder im knüppligen Showdown in die Vollen, der die beiden alternden Herren abermals nur via echtem Teamwork reüssieren lässt. Ansonsten setzt sich jedoch breitpfadig der bereits mit dem Erstsequel etablierte und manifestierte, überkandidelte Stil der Reihe fort: Der dauerquasselnde, von den zwei Protagonisten großherzig tolerierte, aber stets gefoppte Leo Getz (Joe Pesci) betätigt sich nunmehr als Privatdetektiv in spe, der wie gewohnt etwas anstrengende Chris Rock muss als zusätzliches comic relief herhalten und diverse, wie beiläufig erzählte Miniepisödchen aus der screwball facility, darunter die (späte) Eröffnung, dass Rogers Gatin Trish (Darlene Love) ein Vermögen als heimliche Kitschromancière verdient (die plötzliche Wohlfahrt der Familie legt man dem ehernen, sich wie üblich schämenden Bullen bereits als Korruption aus) und eine völlig entfesselte Zahnarztsequenz mit Lachgas-Impact, sorgen neben den abermals spektakulären Actionszenen für Tempo. Spielte der makellose Erstling noch periodisch in der Weihnachtszeit, ist „Lethal Weapon 4“ mit seinem ausgesprochenen Zuckerguss-Finale nebst Doppel-Baby-Bescherung und der choralen Versicherung „We are family!“ der eigentliche Weihnachtsfilm der Serie und als solcher zugleich ein wohlfeiler Abschluss. Mit Donners Tod im Sommer diesen Jahres sollte ein weiteres potenzielles, immer wieder diskutiertes Sequel eigentlich endgültig passé geworden sein, was der mit dem vorliegenden Film auf mehrerlei Ebenen vollendeten Tetralogie ihres bestehenden Gesamteindrucks betreffs vermutlich ohnehin zupass käme. Tatsächlich jedoch vermeldete Mel Gibson, wie ich just erfuhr, dass er die Regie einer weiteren Fortsetzung zu übernehmen trachte, abermals mit sich selbst (65) und Danny Glover (75) in ihren vielgeliebten Rollen.

7/10

CAPTAIN FROM CASTILE

„God’s love is a heavy burden.“

Captain From Castile (Der Hauptmann von Kastilien) ~ USA 1947
Directed By: Henry King

Kastilien im Jahre 1518. Der Edelmann Pedro De Vargas (Tyrone Power) gerät in einen Konflikt mit seinem Nachbarn Diego De Silva (John Sutton), einem ruchlosen Emporkömmling. Um einem Duell aus dem Wege zu gehen, nutzt De Silva seine Verbindungen zur Inquisition und lässt Pedros gesamte Familie wegen Ketzerei einkerkern. Seine kleine Schwester Mercedes (Dolly Arriaga) stirbt den Foltertod und er selbst schwört blutige Rache. Mithilfe eines neuen Freundes, des Schurken Juan Garcia (Lee J. Cobb) können Pedro und seine Eltern (Antonio Morena, Virginia Brissac) dem Gefängnis entfliehen. Pedro, Juan und das arme Waisenmädchen Catana (Jean Peters) gelingt es, sich nach Kuba abzusetzen, wo sie sich dem Eroberer Hernán Cortés (Cesar Romero) anschließen, der just einen Eroberungszug in Mexiko plant. Nur sehr zögerlich gewinnt Pedro das Vertrauen Cortés‘, das auf eine neuerlich harte Probe gestellt wird, als der totgeglaubte De Silva in Mexiko auftaucht, um auch dort die Santa Hermandad voranzutreiben…

Dieses ausufernde, kostbare Epos, eine der vielen Kollaborationen des dream team King/Power für die Fox, zählt zugleich zu den schönsten Arbeiten des Regisseur-Hauptdarsteller-Gespanns. Unter Befleißigung crispen Technicolors und überlanger Fabulierkunst erzählt „Captain From Castile“ die erste Hälfte des gleichnamigen Erfolgsromans von Samuel Shellabarger nach, das den Eroberungszug des Konquistadoren Cortés gegen den Aztekenkönig Moctezuma aus der Sicht eines unfreiwilligen religiösen Flüchtlings schildert. In der seinen Filmen nicht selten üblichen Mischung aus wildromantischem Abenteuer und pathetischem Schicksalsbericht entwirft King ein erlesen photographiertes, glänzend ausgestattetes Imperialismuspanorama, das einerseits gegen die Willkür der Inquisition wettert und auf der anderen Seite den Eroberungsdurst der Conquista romantisiert. Cesar Romero spielt den goldgierigen Cortés als breit grinsenden, flamboyanten Abenteurerburschen, dessen unbeugsamer Siegeswille auf dem Terrain der Neuen Welt, so in etwa die Metathese, langfristig mit dazu führte, dass Kings Film runde vierhundert Jahre später überhaupt entstehen konnte. Power als Protagonist und strahlender Titelheld trägt das Ganze souverän über die volle Erzähldistanz, doch erst schillernde Nebencharaktere wie der von Cobb glänzend dargebotene Garcia, der eherne Padre Romero (Thomas Gomez) oder der bucklige Glücksritter Professor Botello (Alan Mowbray) reichern den Film um seinen wahren Charme an.
Ein Bravourstück alter Schule, das den verblassten Glanz goldener Hollywoodtage auf das Formidabelste präserviert.

9/10