BOHEMIAN RHAPSODY

„We’re all legends.“

Bohemian Rhapsody ~ UK/USA 2018
Directed By: Bryan Singer

London, 1970. Als Farrokh Bulsara (Rami Malek), 23-jähriger Sohn parsischer Einwanderer, das Rocktrio Smile in einem Club sieht, ist sein illustres Schicksal besiegelt: Gitarrist Brian May (Gwilym Lee) und Drummer Roger Taylor (Ben Hardy) nehmen kurz darauf Farrokhs Bewerbung zum neuen Sänger an. Komplettiert durch Bassman John Deacon (Joseph Mazzello) nennt sich die Combo fortan Queen, ergattert einen Plattenvertrag bei EMI und erlebt eine beispiellose Erfolgskarriere, wobei das exzessive Privatleben des homosexuellen, sich mittlerweile Freddie Mercury nennenden Frontmanns deutlich von den vergleichsweise biederen, aber eben auch vom kreativen Wahnsinn gemiedenen Lebensentwürfen der verbleibenden drei Bandviertel unterscheidet. Nach einer kleinen Krise nebst Arbei an einem Soloalbum versöhnt sich Freddie wieder mit Brian, Roger und John und akzeptiert Bob Geldofs Einladung, im Juli 85 beim Live Aid in Wembley aufzutreten. Ihr kleiner 20-Minuten-Gig wird legendär.

Etwas verwunderlich ist der meinerseits unerwartet gigantische Erfolg dieser recht biederen, vorhersehbaren Rockstar-Bio dann ja doch. Oder vielleicht auch wieder nicht, denn wahrscheinlich ist es genau das: Durch seine Kantenlosigkeit und garantiert unanstrengende Konsumierbarkeit macht Bryan Singers „Bohemian Rhapsody“ es seinem Pulikum stets leicht und hübsch. Nun, im Grunde passt der oberflächlichenglänzende, vor allzu unwägbaren Untiefen sichere Film genau zu dem Image, das Queen zeit ihrer Bandhistorie in der Öffentlichkeit pflegten – mit ebenso radio- wie stadiontauglichem Powerpop/Hardrock-Mix wussten sie als Single- wie als Albumband zu überzeugen, mal hymnisch, mal Prog, mal Disco, zwischen genialisch und albern, von allem ein bisschen und doch nichts ganz durchgängig, kann man ihnen eins nicht absprechen: Eine in dieser Form rare, charakteristische Unverkennbarkeit, die zu bestimmt 75 Prozent Freddie Mercurys Persona zu verdanken ist. Ohne den gockelhaften Geck nebst seiner gewaltigen Stimme und der unvergleichlichen Bühnenpräsenz hätten Queen ihren nunmehr bekleideten Status gewiss niemals erreicht. Da Bulsara/Mercury zugleich ein immens komplexer Mensch mit diversen, tragischen Schattenseiten war, verwundert demnach die lange Wartezeit bis zu einem biographischen Spielfilm. Nun also ist er da, und vielfach optimierungsbedürftig dazu. „Bohemian Rhapsody“ hetzt relativ atemlos durch 15 Jahre Queen- und Mercury-Geschichte, schneidet an, wirft Häppchen ins Publikum und bleibt dabei betont kommensurabel. Er ist durchaus elegant inszeniert, bemüht sich, Denunzationen auszusparen und dabei einen Status als unterhaltsames Anschauungsmaterial für den Musikunterricht in der Sekundarstufe ja nicht aufs Spiel zu setzen. Kurzum: Er geht auf Nummer Sicher. Die erfolgreichsten Singles inklusive kurzer Entstehungsgeschichte (im Falle des Titelstücks freilich etwas ausführlicher) werden hastig angespielt; auf authentische Chronologie indes pfeift man mehr denn einmal. Das bestes Beispiel dafür dürfte Freddies Kenntnis um seine HIV-Erkrankung sein und der Zeitpunkt, wann er seine Bandgenossen darüber informierte. Wichtige Bezugspersonen und Lebensstationen werden (bewusst?) umgangen, darunter vor allem seine Münchener Jahre, Barbara Valentin oder Winnie Kirchberger. Das wohl überzeugendste Häkchen des Films auf der Habenseite, nämlich die ja ohnehin überall groß gefeaturte, tatsächlich ungeheure physiognomische Ähnlichkeit der Queen-Darsteller mit ihren realen Vorbildern, wetzt diese Scharten nur unzureichend aus. Gegen wesentlich tiefschürfendere, atmosphärischere Band-/Musiker-Biopics wie Oliver Stones „The Doors“, Anton Corbijns „Control“ oder aus jüngerer Zeit „Love & Mercy“ von Bill Pohlad und F. Gary Grays „Straight Outta Compton“ kann „Bohemian Rhapsody“ jedenfalls nicht anstinken.
Insbesondere für einen Queen-Liebhaber markiert insbesondere diese Tatsache ein nicht immer glücklich umrahmtes Ereignis verpasster Möglichkeiten. Was bleibt, ist die Musik. Die ist glücklicherweise unzerstörbar.

5/10

Werbeanzeigen

COLDBLOODED

„I’ve tried everything. Glug, glug, glug – that’s what works for me.“

Coldblooded ~ USA 1995
Directed By: Wallace Wolodarsky

Der einsame, etwas einfältige Cosmo Reif (Jason Priestley) arbeitet als treuer, kleiner Buchmacher für ein Gangstersyndikat. Als sein früherer Boss das Zeitliche segnet und mit dem arrivierten Gordon (Robert Loggia) eine neue Nummer 1 die Befehle gibt, wird Cosmo unversehens und zunächst wider Willen zum Auftragskiller „befördert“. Der erfahrene Steve (Peter Riegert) soll ihn anlernen, ist schon bald äußerst beeindruckt von Cosmos naturgegebenen Schießkünsten und wird von seinem Mündel im Gegenzug zu einer Art Ersatzvater gekürt. Da Steve seine wachsende Verzweiflung mehr und mehr in Alkohol ertränkt und somit unzuverlässig wird, steht auch er bald auf Gordons Abschussliste, derweil Cosmo den Auftrag durchführen soll und gleichsam Steves designierter Nachfolger ist. Doch der schüchterne Junge ist gleichsam frisch verliebt – in die Yogalehrerin Jasmine (Kimberly Williams)…

Eine der wenigen wirklich ordentlichen, im Tarantino-Fahrwasser entstandenen Killergrotesken der Mitt- und Spät-Neunziger ist dieses Kinodebüt des vormaligen und hauptberuflichen TV-Show-Produzenten Wallace Wolodarsky geworden. Mit leisem Humor, statischer Kamera und auf wenige Handlungsorte beschränkt, präserviert „Coldblooded“ einen verschrobenen Humor, der als gezielt eingesetztes Gegengewicht zu dem ansonsten recht gewalttätigen Gestus der Killerstory halbwegs elegant aushebelt.
Zentriert findet man den mit der Tennie-Soap „Beverly Hills, 90210“ zu Erfolg gekommenen Mädchenschwarm Jason Priestley in einer unerwartet nunancierten Darstellung als eine Art Simplicissimus des Profikiller-Subgenres. Cosmo Reif ist ein vermutlich unter dem Asperger Syndrom leidender Midtwen, dessen einziger körperlicher Kontakt zu einer in derselben „Firma“ wie er selbst beschäftigten Prostituierten (Janeane Garofalo) besteht, die wiederum zufällig in jenem Seniorenheim diverse Klienten bedient, in dessen kargem Keller Cosmo haust. Sein Alltag besteht aus leeren, öden Ritualen, bis er dann von jetzt auf gleich Leute erledigen soll. Damit erhält Fosmos Existenz eine Wende, der der durchaus sensible junge Mann emotional langfristig natürlich nicht gewachsen ist. Bis seine Erlösung wartet und seine eigentlich vorab zum Scheitern verurteilte Romanze durch eine ebenso unerwartete wie bizarre Wendung erblühen kann, gilt es zunächst jedoch, einen kleinen Leichenberg aufzutürmen – immerhin müssen sämtliche Spuren in diese merkwürdige biographische Episode Cosmos restlos verwischt werden.
Glücklicherweise sind die (von Wolodarsky selbst ersonnenen) Dialoge des Films ähnlich wortkarg und pointiert wie der langsame Habitus seines Protagonisten und erliegen nicht der Versuchung, die bekokste Geschwätzigkeit des hyperaktiven Vorbilds zu plagiieren. Dieser kluge Weg verhindert zwar nicht gänzlich die eindeutige Identifizierbarkeit der hauptsächlichen Einflussquelle von „Coldblooded“, lässt ihn jedoch eigenständig genug erscheinen, um innerhalb seiner eingeengten Laufbahn zu überzeugen.

8/10

OUTLAW/KING

„I’m done with running and I’m sick of hiding.“

Outlaw/King ~ UK/USA 2018
Directed By: David Mackenzie

England im Jahre 1302. Nachdem die schottischen Edelleute König Edward (Stephen Dillane) im Gegenzug für die Garantie, ihre Lehen behalten zu dürfen ihre Waffen zu Füßen gelegt und ihm Treue geschworen haben, soll der Frieden durch eine Heirat des Adligen Robert Bruce (Chris Pine) mit Edwards Patentochter Elizabeth Burgh (Florence Pugh) besiegelt werden. Doch die Waffenstille bleibt trügerisch: Als der Aufrührer William Wallace getötet und seine Leiche vöffentlich zur Schau gestellt wird, sieht sich Bruce gezwungen, eine neuerliche Revolte gegen die Engländer anzuzetteln. Nachdem er einige Vertraute von seinem Vorhaben überzeugen kann, wird er zum schottischen König gekrönt. Der mittlerweile todkranke Edward veranlasst seinen Sohn (Billy Howle), gegen die Rebellion vorzugehen, doch dieser wird Bruces nicht habhaft und kann stattdessen bloß Elizabeth und Marjorie (Josie O’Brien), Bruces Tochter aus erster Ehe in Geiselhaft nehmen. Derweil schart Bruce – mittlerweile als Guerillero unterwegs – immer mehr Gefolgsleute um sich und kann trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Armee Edwards II in der Schlacht von Loudoun Hill vernichtend schlagen.

Man muss kein ausgesprochen historisch bewanderter Filmfreund sein, um sich den Namen „Robert Bruce“ oder auch „Robert The Bruce“ flugs ins Gedächtnis zu rufen: Der Figur des späteren schottischen Königs wurde bereits in Mel Gibsons (bekanntermaßen eine sehr unpopuläre Meinung in cinephilen Kreisen, aber ich bleibe, excusez-moi, tapferen Herzens dabei:) wunderbarem „Braveheart“ ein kleines Kinodenkmal gesetzt. Darin spielte Angus Mcfayden den schottischen Earl, dessen von seinem leprösen Vater gelenkte, staatsräsonistische Flatterhaftigkeit und verräterische Haltung schließlich das Ende des Titelhelden bedeuteten, nicht allerdings, um danach doch noch eine kleine Ehrenrettung für The Bruce bereitzuhalten, der dann wiederum gegen die Engländer ins Feld zieht. In seinem jüngsten, von Netflix produzierten Film nimmt sich nunmehr der schottische Filmemacher David Mackenzie der Figur des Robert Bruce an; freilich nicht mit der grobkantigen Wucht, Fabulierfreude und Flamboyanz eines Mel Gibson, aber doch auch zumindest ein wenig geschichtsklitternd. Dass sich historisch eingebundenes Genrekino jedoch Freiheiten erlaubt und unbedingt erlauben darf, gehört seit der Geburtsstunde des Films zu seinem basalen Wesen; dies ist allein auf die Unvereinbarkeit von Erzählzeit und erzählter Zeit zurückzuführen.
William Wallace nun bekommt man in „Outlaw/King“ nicht zu Gesicht und auch die Beziehung zwischen ihm und Robert Bruce bleibt weithin nebulös. Zudem hat letzterer hier auch indirekt nichts mit Wallaces Festsetzung und Hinrichtung zu tun; im Gegenteil ist die Rache für dessen unrühmlichen Tod eine Hauptantriebsfeder für Bruces finalen Entschluss, sich doch gegen König Edward zu stellen (das reale Vorbild unterwarf sich tatsächlich mehrmals, nur, um sich dann doch immer wieder aufs Neue seiner patriotischen Wurzeln zu besinnen). Mackenzie umgreift den Stoff in einer Mischung aus klassischem Mittelalter-Abenteuer und Gegenwartsstil. Sein von Chris Pine wohltuend gediegen interpretierter, jedoch durchweg edler Held passte charakterlich ebensogut in einen Ritterfilm der fünfziger Jahre, während die Abbildung der Ära des frühen 14. Jahrhunderts klar naturalistisch erfolgt. Diese Kombination funktioniert überraschend gut, wie auch die schöne Romanze zwischen Pine und Pugh sowie die Darstellung des ebenso schurkischen wie unfähigen Edward II, den Gibson durch Peter Hanly noch  höhnisch als tuckigen Firlefanz porträtiert hatte.
Als potenzielles aftermath zu „Braveheart“ (ein Wiedersehen mit James Cosmo gibt’s außerdem) für alle, die danach noch Luft und Lust haben, also eine schöne Ergänzung und ein durchaus ansehnlicher Film, wenngleich wie erwähnt ohne den lustvollen steinerweichenden Irrwitz eines Mel Gibson.

7/10

THE FOUNTAINHEAD

„I do not care to work or live on any others. My terms are a man’s right to exist for his own sake.“

The Fountainhead (Ein Mann wie Sprengstoff) ~ USA 1949
Directed By: King Vidor

Der Architekt Howard Roark (Gary Cooper) eckt mit seinen kühnen Plänen für streng funktionalistische, schnörkellose Gebäude schon während der Studienzeit überall an. Sein erster Arbeitgeber Henry Cameron (Henry Hull), der sich wie Roark dem Internationalismus verbunden fühlt, zerbricht schließlich an den immergleichen Maßgaben seiner Auftraggeber und stirbt an gebrochenem Herzen. Roark jedoch weigert sich weiterhin beständig, seine Visionen aufzugeben und klassizistische Elemente in seine Entwürfe einfließen zu lassen. Nachdem er sich aufgrund eine Zeitlang als Steinbrucharbeiter durchschlägt, gelingt es ihm endlich, sich in der Branche ganz allmählich einen Namen als Innovator zu machen. Während der für das meinungsstiftende Boulevardblatt „The Banner“ arbeitende Architekturkritiker Ellsworth Toohey (Robert Douglas) mit Segnung seines Verlegers Gail Wynand (Raymond Massey) alles daran setzt, den genialischen Roark in der Szene unmöglich zu machen, verliebt sich die kühle Bauherrentochter Dominique Francon (Patricia Neal) unsterblich in Roark, heiratet an seiner Statt jedoch Wynand, weil sie Howards prädestinierten, tiefen Fall infolge der gegen ihn gerichteten Schmutzkampagne jedoch nicht ertragen mag. Roark jedoch kämpft weiter und entwirft für seinen früheren Kommilitonen Peter Keating (Kent Smith) eine Wohnsiedlung, die jedoch mit diversen Fremdelementen angereichert wird. Als Roark, der seine persönliche Schöpfung abermals korrumpiert wähnt, des fast fertigen Projekts ansichtig wird, sprengt er es als dessen wahrer Urheber in die Luft und muss sich vor Gericht dafür verantworten.

Basierend auf dem von der exzentrischen Erzkapitalistin Ayn Rand verfassten, gleichnamigen Erfolgsroman, der zu Teilen dem Vorbild Frank Lloyd Wright gewidmet ist, musste „The Fountainhead“ wegen des Zweiten Weltkriegs von Warner Bros. für mehrere Jahre auf Eis gelegt werden, konnte dann jedoch, unter zahlreichen, teils unerfüllten Maßgaben Rands doch noch seine Realisierung erleben. Die Autorin bestand etwa auf King Vidor als Regisseur und sorgte dafür, dass Gary Cooper anstelle des designierten Humphrey Bogart die Hauptrolle erhielt. Bogarts für die Figur der Dominique Francon ausersehene Gattin Lauren Bacall stieg infolge dessen ebenfalls aus dem Projekt aus, zugunsten Patricia Neals, für die sich Warner – vergebens – einen gloriosen Karriere-Start-Up erhoffte. Der von Ayn Rand für die Toohey-Rolle bevorzugte Clifton Webb wurde zudem durch Robert Douglas ersetzt und ihre Insistierung, dass allein Wrights Baustil zur filmischen Visualisierung von Roarks Plänen herangezogen werden dürfe, verlief, nicht zuletzt aufgrund von des Meisters Absage einer Zusammenarbeit mit der Produktion, gemächlich im Sande.
Was King Vidors Inszenierung anbelangt, so lässt sich in Anbetracht dieser einmal mehr anmerken, dass der Regisseur es wie nur wenige seiner Berufsgenossen verstand, Camp, Kitsch und Kunst zu einer unverhohlen flamboyanten Einheit zusammenzuschweißen; signifikant vor allem die rückhaltlos wildromantischen Szenen, in der die auf ihrem Pferd umherreitende, zuvor als grenzfrigide porträtierte Patricia Neal  zunächst der bloßen, anonymen Physis des im Steinbruch malochenden und schwitzenden Roark mit Haut und Haaren verfällt und ihn um jeden Preis im Bett haben möchte, nur um dann später auch noch gewahr zu werden, dass ausgerechnet dieser mannesprächtige Kerl auch noch das von ihr bewunderte Architektengenie ist. Ganz so, wie die Neal in Coopers Arme sinkt, baut der gesamte Film ihm ein gewaltiges Pantheon: Cooper, der wie kein anderer zu jener Zeit amerikanische Ideale und Idealmänner verkörperte, wird zum Sinnbild schöpferischer Kraft und uneingeschränkter Brillanz überhöht; zu einem unaufhaltsamen Individuum, der wie ein strahlender Heros aus der dumpfen, grauen Masse hervorsticht, die er in seinem abschließenden, flammenden Selbstplädoyer vor Gericht (das ihm – natürlich – den Freispruch beschert) als „Parasiten“ bezeichnet. Diese grenzenlose, dem Individualismus zuscheffelnde Genieverehrung Roarks, die in der marmorierten Mimik Coopers ihre vollkommene Entsprechung findet, ist in ihrem kongenial zur McCarthy-Politik entworfenen, antikollektivistischen Duktus nicht immer leicht zu ertragen und gewinnt siebzig Jahre später nurmehr durch eine primär filmhistorische Perspektivierung. Um Coopers Ikonographie nachvollziehen zu können, ist „The Fountainhead“ somit ebenso unerlässlich, wie im Rahmen einer vidorschen Werksbetrachtung. Den Film gernzuhaben oder ihn gar aufrichtig zu lieben, erweist sich indes als nachgerade unmöglich.

6/10

FIRST REFORMED

„Somebody’s got to do something.“

First Reformed ~ USA/UK/AUS 2017
Directed By: Paul Schrader

Der 46-jährige Ernst Toller (Ethan Hawke) ist Reverend einer kleinen First-Reformed-Church-Gemeinde in Snowbridge, Upstate New York. Seit sein Sohn im Irak gefallen ist, hinterfragt Toller, der außerdem Alkoholiker ist und an Krebs leidet, immer vehementer den Wert seiner eigenen Mission sowie das gegenwärtige Verhältnis von Gott zu den Menschen und seiner gesamten Schöpfung. Die First Reformed  wird von der Megachurch „Abundant Life“ und deren Kopf Reverend Jeffers (Cedric the Entertainer) verwaltet, der wiederum einen wesentlichen Teil seines Budgets von dem Großindustriellen Balq (Michael Gaston) bezieht. Beiden ist der schwermütige Toller ein Dorn im Auge. Ein Hilferuf der jungen, schwangeren Mary Mensana (Amanda Seyfried) betreffs ihres offenbar in einer extremen Lebenskrise befindlichen Mannes Michael (Philip Ettinger) erweist sich auch für Toller als harte Prüfung: Wenige Tage nach einem ersten Gespräch, in dem Michael seine tiefe Besorgnis über den ökologischen Zustand der Welt beschreibt, nimmt der zutiefst verstörte Mann sich das Leben und lässt Toller seine Leiche finden. Dass Michael offenbar damit geliebäugelt hatte, ein Sprengstoffattentat zu verüben, behalten Toller und Mary, die sich bald in ihrer gemeinsamen Sehnsuch nach Trost näherkommen, für sich. Als auch Toller betreffs der größten globalen Umweltsünder recherchiert, stößt er auf Balqs Unternehmen und fasst einen ungeheuerlichen Plan…

Paul Schraders im Wesentlichen auf Ingmar Bergmans „Nattvardsgästerna“ basierendes Psychogramm eines zweifelnden, zutiefst erschütterten Geistlichen bildet die nunmehr zwanzigste Regiearbeit des writer/director in knapp vierzig Jahren. Seit „Adam Resurrected“ und damit seit rund neun Jahren habe ich mir keinen von Schraders seitdem entstandenen Filmen mehr angesehen, zugegebenermaßen, weil ich den eigentlich immens geschätzten auteur teils aus den Augen verloren hatte und dann, weil seine drei seither entstandenen Werke, insbesondere der von Produktionsseite herb entstellte „Dying Of The Light“, mehr schlecht als recht beleumundet sind und ich infolge dessen auch eine ziemliche Angst vor potenzieller Geringschätzung meinserseits entwickelte. Diese Sorge erweist sich mit der komplexen, religiöseh Meditation „First Reformed“ im Rücken als zumindest aktuell unbegründet. Unabhängig produziert und mit bescheidenen finanziellen Mitteln und Formalia (4:3-Kadrage, starre, lange Einstellungen) hergestellt, steht „First Reformed“, auch wenn Schrader zunächst behauptete, der Film stünde sehr viel eher in der Tradition europäischer Vorbilder, thematisch völlig im intertextuellen Gebinde der meisten seiner Geschichten seit „Taxi Driver“: Ein vom Leben ohnehin stark in Mitleidenschaft gezogener, von Einsamkeit und Kommunikationsmangel gebeutelter Mann droht angesichts einer weiteren, katastrophalen Zäsur, auch das letzte bisschen Bodenhaftung einzubüßen und trifft einen folgenschweren Entschluss, der sich in einer amokartigen, gewalttätigen Explosion zu entladen droht. Reverend Toller (von Ethan Hawke in einer seiner vollendetsten Darstellungen gegeben), permanent auf der Suche nach innerer Katharsis, erfährt nurmehr Tiefschläge. Er trinkt zu viel, sein just begonnenes Tagebuch erweist sich lediglich als verstärkender Widerhall seiner Verstimmung und die ewige Bevormundung durch seinen Obmann Jeffers parallel dazu als unerträglich. Die ihn mütterlich umsorgende Chorleiterin Esther (Victoria Hill) empfindet Toller als Klotz am Bein und der Krebs frisst sich immer tiefer in seine Eingeweide. Als Toller sich dann nach Michael Mensanas Suizid zudem noch intensiv mit dem Abgrund, auf den die Erde unweigerlich zusteuert, befasst, reißt der letzte Faden – der Neuweihe der First Reformed zum 250-jährigen Jubiläum plant Toller, mit dem von Michael stammenden Sprengstoffgürtel ein explosives Fanal zu setzen. Erst das ungeplante Erscheinen Marys kann ihm, nachdem er sich den nackten Oberkörper in Selbstgeißelung mit Stacheldraht umwickelt hat, in letzter Minute Einhalt gebieten. Der abrupte, mitten in der Szene erfolgte Schlussschnitt beinhaltet indes nur eine fadenscheinige Erlösungsformel. Vielleicht kann Toller gerettet werden – die Welt, und mit ihr Marys Baby, das, wenn es nicht gerade der neue Messias ist, kann es nicht mehr.

9/10

MOONFLEET

„Jeremy! Why do you keep lying to the boy?“

Moonfleet (Das Schloss im Schatten) ~ USA 1955
Directed By: Fritz Lang

Dorset, 1757. Der kleine Waisenjunge John Mohune (Jon Whiteley) wird nach dem Tode seiner Mutter zu ihrem Verflossenen, dem Edelmann Jeremy Fox (Stewart Granger) auf das von ihm bewohnte, halbverfallene Anwesen Moonfleet geschickt. Fox, der sich äußerlich standesgemäß gibt, in Wahrheit jedoch ein schurkischer Schmuggler ist, findet zwar Gefallen an dem jungen John, mag sich aber keine Verantwortung auferlegen. Als John durch Zufall den Hinweis zum Versteck eines verschollen geglaubten Diamanten entdeckt, wähnt Fox darin seine letzte Chance, aus England und somit seinen ihn mittlerweile auch steckbrieflich verfolgenden Häschern zu entkommen. Dafür müsste er sich jedoch zugleich endgültig des Kindes entledigen…

„Cinemascope – it’s only good for snakes and funerals!“ ließ Godard in seinem „Le Mépris“ Fritz Lang zum Besten geben. Inwieweit darin tatsächlich persönliche Erfahrungen des legendären Regisseurs einflossen, lässt sich lediglich mutmaßen – die MGM-Produktion „Moonfleet“ bildet jedenfalls Langs einziges Projekt, in dem er sich des superbreiten Formats (Robert H. Planck) bediente. Der Film stand während seiner Entstehung und auch bei seiner Veröffentlichung unter keinem besonders guten Stern – die Hauptfigur des Jeremy Fox kommt in der literarischen Vorlage, J. Meade Falkners gleichnamigem Jugend- und Abenteuerroman, überhaupt nicht vor und war lediglich als swashbuckelndes Vehikel für Vertragsschauspieler Stewart Granger angelegt; der Junge – im Film vielleicht acht Jahre alt, ist im Buch bereits fünfzehn. Granger und Lang kamen nicht sonderlich gut miteinander aus und überhaupt passen Ambiente und Sujet des Films nicht allein infolge ihrer bedürftigen Formalia und selbst bei oberflächlicher Betrachtung kaum zum restlichen Œuvre Langs, dessen lange Hollywood-Phase langsam ihrem Ende entgegenging. „Moonfleet“ floppte dann auch unverdient herb an den Kinokassen.
Dennoch hat Langs eigenwilliges Werk über die Jahre hinweg viele treue Liebhaber und Wertschätzer gefunden. Und tatsächlich gefällt die nunmehr stark an Stevensons „Treasure Island“ angelehnte Falkner-Adaption vor allem als märchenhaftes, dunkles gothic drama, das sich weitaus weniger für Pomp und Flamboyanz interessiert als die üblichen Vertreter des Mantel- und Degenfilms und stattdessen sehr viel mehr an der Schaffung einer überaus unikalen Atmosphäre interessiert ist. Der unschuldige, gutgläubige und sehr liebenswerte Junge John Mohune gerät in eine ihm fremde Halbwelt der Schmuggler und des amoralischen Ruch, in der ausgerechnet sein durch Johns Erscheinen überrumpelter Mentor der schlimmste aller Ganoven ist. Düstere, wunderhübsch-schaurig gestaltete Atelierkulissen, darunter ein mit leuchtenden Augen augestatteter, steinerner Todesengel auf dem Moonfleet-Friedhof und dämmrige matte paintings, setzen den kleinen John einer vor allem für Kinder kaum verdaulichen Albtraumstimmung aus. Dass der Knabe im weiteren Verlauf oftmals um sein Leben fürchten muss und von Fox vorübergehend für dessen Zwecke eingespannt und ausgenutzt wird, macht sein von ihm mit aller gebührenden Tapferkeit empfangenes, trauriges Los kaum erträglicher. Natürlich besinnt sich der vormalige outlaw Fox, nunmehr bereits tödlich verwundet, am Ende seiner früheren, stolzen Werte und seines im Grunde edlen Charakters und überantwortet John einer sehr viel lichteren Zukunft.
Dass dies einen von Langs seltsamsten, zugleich jedoch tatsächlich bezauberndsten Filmen ergibt, muss im Nachhinein als kaum minder schicksalhafte Fügung betrachtet werden.

9/10

NUR GOTT KANN MICH RICHTEN

„Das is Business, Dicker.“

Nur Gott kann mich richten ~ D 2017
Directed By: Özgür Yildirim

Nach fünf Jahren im Knast wegen eines vergeigten Bruchs kommt der Kriminelle Ricky (Moritz Bleibtreu) raus. Für seinen Traum, seinen dementen Vater (Peter Simonischek) aus Frankfurt rauszuholen und ein Café auf Cabrera zu eröffnen, braucht er allerdings Startkapital. Dies erhofft er sich durch einen von seinem alten Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) vermittelten Coup für den Albaner Branko (Cem Öztabakci) zusammenklauben zu können. Rickys jüngerer Bruder Rafael (Edin Hasanovic), selbst auf Bewährung und von eigenen Problemen gebeutelt, steigt widerwillig als dritter Mann ein. Natürlich geht alles schief; Ricky und Rafael werden von der Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) gestellt und verlieren das gestohlene Heroin, das wiederum Diana, die dringend Geld für eine Herzoperation ihrer kleinen Tochter benötigt, an sich bringt, um es auf dem Schwarzmarkt abzustoßen. Dabei gerät sie über Umwege an Latif…

Bevor Özgür Yildirim zwei Episoden für die zweite Staffel der sehr einnehmenden Serie „4 Blocks“ inszenierte, ließ er diesen von ihm selbst gescripteten, nachtschwarzen Gangsterfilm vom Stapel, der der nunmehr ergiebigen Tradition des ins ethnische Milieu abtauchenden, deutschen Genrestücks folgt und ihr ein neues, matt schimmerndes Juwel hinzufügt. Dass die hierin vorkommenden Araber, Albaner und auch deutschstämmigen Szenegestalten keinesfalls über den eleganten Habitus ihrer globaler operierenden Berufskollegen verfügen, sondern viel eher dem kulturmuslimisch konnotierten Asisprech und Choleriker-, Bedrohungs- und Beleidigungsmachsismo Marke deutsches Großstadtghetto frönen, gilt es wie stets in diesen Fällen zu schlucken, auch, wenn es sich als nicht immer einfach erweist. Jedwede alternative Darstellung wäre aber vermutlich auch gestelzt bis unrealistisch. Ohne „Wallah!“ und Gangsterrap geht’s nicht.
Um einen pädagogischen Zeigefinger ist Yildirim kaum (weiter) bemüht. Seine Figuren stehen da, wo sie stehen, nämlich an der Wand. Sie können nichts anderes und sind durch ihren sozialen Mikrokosmos und die unweigerliche, permanente Konfrontation mit dem Rechtsstaat bereits einschlägig geprägt und können nur auf ihre Eins-zu-Einer-Million-Chance hoffen, die ihnen, das wissen wir schon seit Cagney und Robinson, am Ende sowieso verwehrt bleiben wird. Doch ist „Nur Gott kann mich richten“ nicht bloß eine weitere Rise-and-Fall-Studie. Er geht tiefer, entspinnt ein komplexes Geflecht aus Koninzidenzen, Schuld, Sühne und Gewaltkausalität, dass in seinen besten Momenten an den klassischen französischen Gangsterfilm gemahnt.
Jeder getane Schritt, zumal vom Protagonisten Ricky, führt eine Sprosse weiter abwärts, zum Privatschafott. So sehr er sich auch bemühen mag; Unbeherrschtheit, Gewaltbereitschaft und Boshaftigkeit zählen unweigerlich zu seinem Naturell. Im Gegensatz zu seinem Bruder Rafael, dessen Abwärtsspirale eher seiner postpubertären Unbeholfenheit zuzurechnen, der jedoch kein wirklich schlechter Kerl ist und selbst zu seinem Kumpel Latif und dessen mangelndem Durchblick, bleibt Ricky ein auch moralisch perspektiviert hoffnungsloser Kapitalverbrecher, der einen Fehler begeht, um den nächsten zu machen. Als interessantester Charakter erweist sich allerdings die Polizistin Diana. Selbst von teilweisen migrantischen Wurzeln geprägt, ist ihr gegenwärtiges Leben eine Müllhalde: Verlassen vom hochverschuldeten Mann und Vater des Kindes, das wiederum herzkrank ist und dringend ein Spenderorgan benötigt, vollzieht auch sie den Schritt auf die dunkle Seite, ein Changieren, das sie kaum minder als Ricky am Ende beinahe alles kosten wird.
Stark.

8/10