BRIMSTONE

„I am as God. He is as I am.“

Brimstone ~ USA/UK/NL/BE/F/S/D 2016
Directed By: Martin Koolhoven

Für die stumme Farmerfrau Liz (Dakota Fanning) kehrt ein längst begraben geglaubter Albtraum zurück, als ein neuer Prediger (Guy Pearce) in ihrem Heimatstädtchen auftaucht. Bei dem Fremden handelt es sich um Liz‘ Vater, einen wahnsinnigen, perversen, religiösen Fanatiker, vor dem sie seit ihrer Jugend auf der Flucht ist und der sie immer wieder aufspürt, um ihr das Leben aufs Neue zur Hölle zu machen.

Martin Koolhovens infernalische Passionsgeschichte um eine junge Frau, die den langen, unverwüstlich scheinenden Klauen ihres teuflischen Vaters nicht entkommen kann, ist gewiss kein eitles Zuckerschlecken für den Rezipienten. Vielmehr findet sich dieser als hilfloser Zeuge eines streng in vier Akte unterteilten, rund zweieinhalbstündigen Höllenritts, der uns die Biographie einer Heldin darlegt, wie sie trauriger und erschütternder kaum sein könnte. Von frühester Kindheit an ist Liz, die eigentlich Joanna heißt und die Tochter niederländischer Emigranten ist, daran gewöhnt, dass ihre Mutter (Carice van Houten) unter den unerträglichen Züchtigungen und Erniedrigungen ihres erzpuritanischen Vaters zu leiden hat. Als ihre Mutter sich ihren „ehelichen Pflichten“ mehr und mehr entzieht und Joanna mit dreizehn Jahren das Pubrtätsalter erreicht, schickt sich der Prediger an, sich die eigene Tochter sexuell gefügig zu machen und später zu ehelichen. Joanna kann jedoch fliehen und landet völlig erschöpft in der Prärie bei reisenden Chinesen, die sie in der nächsten Stadt an einen Bordellbetreiber (Paul Anderson) verschachert, unter dessen „Fittichen“ sie die nächsten Jahre verbringt. Doch der Prediger macht sie ausfindig und mithilfe ihrer schwesterlichen Freundin und Leidensgenossin Elizabeth (Carla Juri) kann Joanna dem Wahnsinnigen abermals entkommen. Joanna nimmt die Identität der getöteten Elizabeth an und heiratet, so, wie ihre Freundin es ursprünglich heimlich geplant hatte, den entfernt lebenden, verwitweten Farmer Eli (William Houston). Doch auch hierher folgt der Prediger ihr nach ein paar Jahren, wobei die sich nun Liz nennende Joanna heuer nicht mehr allein um ihr eigenes  Leben fürchten muss, sondern auch um das ihrer kleinen Tochter Sam (Ivy George).
Gegenwart, Vergangenheit, Vorvergangenheit und Gegenwart: Koolhovens Erzählweise seines mit den abgründigen Schrecknissen der menschlichen Seele arbeitenden Dramas ist nicht nur inhaltlich von komplexer Morbidität. Vielmehr nutzt er das traditionelle Format des Westerngenres, um sein stark von Laughtons „Night Of The Hunter“, Campions „The Piano“ und einigen anderen Werken um Leidensgeschichten zwischen zertrümmerter Unschuld, Angst, Flucht, Emanzipation und Blutrache beeinflusstes, kraftvolles Horrormärchen um Bigotterie und multiple Höllenkreise zu lancieren. Die immer wieder an Bruegel und Bosch erinnernden, krassen Naturalismus nicht scheuenden Bilder sind gewiss nicht für jeden; Koolhovens derbe Visionen von einem toten Baby mit zertrümertem Schädel über einen Stall voller abgeschlachtete Schafe, erhängte Menschen, Misshandlung, Pädophilie, Feuer und Verdammnis machen es einem nicht eben leicht, die finstere Schönheit von „Brimstone“ einzuzingeln und herauszufiltern. Und dennoch ist er genau das: ein ebenso gewaltiges wie gewalttätiges Beispiel großer unbequemer Kinokunst, ein apokalyptisches Menetekel, dessen Wirkmacht einen auch nach Tagen noch verfolgt und fest im Griff hat.

9/10

Advertisements

VOLUNTEERS

„We must all do what we must do, for if we do not, then what we must do does not get done.“

Volunteers (Alles hört auf mein Kommando) ~ USA 1985
Directed By: Nicholas Meyer

Wenngleich sich Laurence Bourne III (Tom Hanks) als Millionenerbe und frisch gebackener Akademiker glücklich schätzen könnte, bringen ihn Spielsucht und schnöselige Arroganz arg in die Bredouille. Da sein Vater (George Plimpton) ihm diesmal nicht aushelfen mag, muss Laurence vor den Schuldnern fliehen. Kurzerhand tauscht er die Identität mit seinem Zimmergenossen Kent Sutcliffe (Xander Berkeley) und reist an dessen Statt nach Thailand, wo er als Vertreter des Internationalen Friedenskorps eine Brücke für ein paar abgeschnitten lebende Dörfler bauen soll. Trott diverser Unwägbarkeiten vor Ort, darunter ein durchgeknallter Opiumboss (Ernest Harada), kommunistische Infiltratoren und ein wirrer CIA-Agent (Tim Thomerson), fühlt sich Laurence mitten im südostasiatischen Schlamassel bald wohler, als er zunächst gedacht hätte…

Noch auf dem Weg zum richtigen, echten stardom spielte Tom Hanks in den Mittachtzigern hier und da in Filmen mit, denen selbst beinharte Bewunderer heutzutage nurmehr einen ganz speziellen Obskuritätenstatus zudenken mögen. „Volunteers“ von Zweimal-„Star-Trek“-Regisseur Nicholas Meyer ist so ein kleiner Exot. Was als relativ zeittypischer Post-Pennäler-Spaß beginnt, entwickelt sich ziemlich rasch zu einer nicht immer ins Schwarze treffenden Groteske und Hommage an David Leans großen „The Bridge On The River Kwai“, die Hanks ins Goldene Dreieck führt, wo er jedem regionalen Klischee begegnet, das nicht bei Drei auf den Bäumen ist – angefangen bei der einfältigen Landbevölkerung nebst vorlautem Dorf-Eulenspiegel (Gedde Watanabe) und blindem, weisen Ratsältesten (n.a.). Selbst der gute, alte Dschungeltiger ist nicht fern. Müßig insofern zu erwähnen, dass mit Professor Toru Tanaka und Clyde Kusatsu neben dem erwähnten Watanabe gleich drei einprägsame Hollywood-Gesichter für ostasiatisches type casting Einzug in die Besetzung hielten. Man fragt sich schon bald unwillkürlich, wo denn wohl Mako oder Cary Hiroyuki-Tagawa abgeblieben sind. Unterstützung für Hanks gibt es nach „Splash“ fürderhin bereits zum wiederholten Male vom Comedy-Kollegen John Candy, der einige der witzigeren Szenen abbekommt als ebenso von sich selbst überzeugter wie leicht beeinflussbarer, amerikanischer Trottel. Am meisten mag ich an „Volunteers“ jedoch Tim Thomerson, der mit seinem Fahrtenmesser „Mike“ spricht wie mit einem imaginären Freund und eine der schönsten Personalsatiren auf die US-Außenpolitik unter Reagan zum Besten gibt. Thomerson hat tatsächlich ein gewaltiges, komisches Talent, das, zumal aufgrund seines sehr viel langlebigeren Status‘ als kleiner Star und /oder Nebendarsteller etlicher Genreproduktionen durch die Jahrzehnte leider nur allzu selten erkannt und ausgeschöpft wurde. Ein sehr sympathischer Akteur, der gewiss viele hochinteressante geschichten zum Besten geben kann.

6/10

SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM

Zitat entfällt.

Sandokan, La Tigre Di Mompracem (Sandokan) ~ I/F/E 1963
Directed By: Umberto Lenzi

Malaysia im 19. Jahrhundert. Während die Briten ihre Kolonialherrschaft auf der Halbinsel mit eiserner Härte durchsetzen, schwelt unter den geknechteten Ureinwohnern das Verlangen nach Widerstand. Der ursprünglich aus adligem Hause stammende Pirat Sandokan (Steve Reeves) arbeitet mit wenigen engen Vertrauten und Guerilla-Methoden gegen die arroganten Eroberer, allen voran gegen den bösen Lord Guillonk (Leo Anchóriz), der droht, Sandokans Vater hinrichten zu lassen. Im Gegenzug entführt Sandokan Guillonks Nichte Mary Ann (Geneviève Grad), die sich bald in den stattlichen Malayen verliebt. Als Sandokan schließlich vom Tode seines Vaters erfährt, stellt er sich Guillonk.

Der Amerikaner Steve Reeves zählte zur Entstehungsperiode von „Sandokan, La Tigre Di Mompracem“, einem von mehreren Filmen, die Umbert Lenzi um diese Zeit im südostasiatischen Raum herstellte, zu den beliebtesten und kassenträchtigsten Stars in Europa. Nachdem ihm der ersehnte Erfolg in den Staaten verwehrt geblieben war, versuchte Reeves wie viele andere US-Schauspieler auch, sein Glück in Cinecittà, wo seine beeindruckende Bodybuilder-Physis und sein allgemein gutes Aussehen sich als hinlängliche Attribute erwiesen, um doch noch eine stattliche, wenn auch vergleichsweise kurzfristige Karriere hinzulegen. Während Reeves zunächst vornehmlich gewaltige Muskelhelden in Pepla spielte, also dem, was die Italiener in den fünfziger und sechziger Jahren in rauen Mengen als oftmals mit Fantasy-Elementen bestückte, vor antiker Kulisse spielende Sandalenfilme produzierten, ließ man ihn bald auch in anderen Abenteurerrollen auftreten, so eben als besonders mannhaften „Sandokan“, ursprünglich ein beliebter Romanheld aus der Feder des aus Verona stammenden Trivialliteraten Emilio Salgari. Die Abenteuer Sandokans, eines edlen, malayischen Rebellen im Widerstreit gegen die englischen Kolonialbesatzer, waren noch mehrfach Stoff für Verfilmungen, am populärsten im Rahmen einer von Sergio Sollima inszenierten TV-Mini-Serie aus den Siebzigern, die den Inder Kabir Bedi in der Titelrolle zum Star machte.
Lenzis Film, der noch eine direkte Fortsetzung nach sich zog, ist indes noch richtig pures Leinwandspektakel, breit, bunt und mit dem Anspruch, der übermächtigen Konkurrenz aus Übersee zu trotzen. Wie viel Budget der Produktion zur Verfügung stand, weiß ich nicht, aber zumindest das doch recht hohe Statistenkontingent, die hübschen Kostüme und Interieurs, bezeugen eine Zeit im italienischen Kino, in der noch Geld im Fluss war. So naiv und verspielt „Sandokan“ sich auch ausnehmen mag, es macht viel Freude, ihm beizuwohnen. Alles wirkt auf eine beinahe erhabene Weise von klassizistischem Abenteuer und veritablem Edelmut beseelt, Eindrücke also, die ein Film wie dieser ganz gezielt zu hinterlassen beabsichtigt. Insofern ist die entsprechende Mission absolut geglückt. Fein!

8/10

THE SHAPE OF WATER

„If we do nothing, neither are we.“

The Shape Of Water ~ USA 2017
Directed By: Guillermo del Toro

Baltimore, in den frühen 1960ern. Die stumme Elisa Esposito (Sally Hawkins), die in einer Laboreinrichtung der Regierung als Reinigungskraft arbeitet, pflegt einen streng durchgeplanten Tagesablauf. Dieser gerät ins Wanken, als ein am Amazonas gefangen genommener Amphibienmensch (Doug Jones) in einen der Untersuchungssäle gebracht und dort festgehalten wird. Während der finstere Agent Strickland (Michael Shannon) das angekettete Wesen mit Vorliebe quält und für seine baldige Sezierung eintritt, fühlt Elisa sich zu der Kreatur hingezogen und baut heimlich eine Beziehung zu ihm auf. Als der Amphibienmann dann tatsächlich der Forschung geopfert werden soll, befreit Elisa ihn mithilfe ihres Nachbarn Giles (Richard Jenkins) und ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer). Doch Strickland ist ihnen bereits auf den Fersen.

Man befleißige sich des Mythologiepools von Arnolds „The Creature From The Black Lagoon“, und Howards „Splash“, des philanthropischen savoir-vivre und der luftigen Audiovisualität von Jeunets „Le Fabuleux Destin D’Amélie Poulain“, ergänze es um eine kleine Prise „E.T.“, verquirle das Ganze und schon hat man den selten Fall eines „Best Picture“-Gewinners aus dem umfangreichen Genresegment „Phantastischer Film“! Hätte jemand vor Guillermo del Toro geahnt, dass es so einfach sein könnte, er hätte ihm die goldene Statuette sicher längst früher weggeschnappt. Doch im Ernst – natürlich ist „The Shape Of Water“ der erwartungsgemäß liebenswerte Film, als den man ihn einschätzen kann; tatsächlich entspricht er sogar ziemlich exakt der von mir im Vorhinein antizipierten Vorstellung von ihm. Del Toro geht seinen Kurs als Regisseur, mit dem zu rechnen sein muss, unbeirrt weiter: Er steckt jede Menge aufrichtiges Herzblut in seine Filme und das merkt man ihnen an. In „The Shape Of Water“ erweist er, neben vielen anderen Vintage-Elementen (das Kino in Elisas Haus zeigt Kosters semiprächtige Scope-Fabel „The Story Of Ruth“, Musical und Tanz sind allgegenwärtig) vor allem dem legendären Kiemenmann aus Universals „Creature“-Trilogie seine Eherbietung. Dass der Filmemacher sich gern mit Wasser-/Mensch-Hybriden beschäftigt, lässt sich zudem anhand seiner beiden „Hellboy“-Filme nachvollziehen, in denen ja die Figur des dem in „The Shape Of Water“ recht anverwandt erscheinenden Abe Sapien vorkommt. Wohl nicht ganz von ungefähr steckt in beiden Verkleidungen der hagere Darsteller Doug Jones, ein ähnlich zuverlässiger Typ für die Verkörperung phantastischer Filmwesen wie sein Kollege Andy Serkis.
Selbstredend hätte die Academy nicht einfach jeden Fantasy-Film zum Jahressieger gekürt, und mag er noch so reichhaltig inszeniert sein: Zentrales (und gleichfalls wichtiges wie aktuelles) Element von del Toros Film ist die unabdingbare Notwendigkeit von Toleranz und Akzeptanz. Sämtliche Sympathieträger der Geschichte repräsentieren gesellschaftliche Minoritäten. Elisa ist ein stummes (zu Beginn noch etwas verhuscht) wirkendes) Waisenkind, ihr bester Freund Giles ein alternder Homosexueller, Octavia eine Afroamerikanerin, der Elisa überraschend zur Hilfe kommende Dr. Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) ein sowjetischer Doppelagent, der genug hat vom Kalten Krieg. Sie alle müssen erniedrigende bis vernichtende Erfahrungen machen, hinter denen oftmals der staatstreue Strickland steckt, der sich recht bald als erbarmungswürdiger, nach oben buckelnder und nach unten tretender, sadistischer Psychopath ohne Lebensglück erweist. Inmitten dieser Ménagerie findet sich jenes übernatürliche Wasserwesen, hinter dessen nicht selten herausgekehrter Befremdlichkeit (er hat gewaltige Kräfte, macht merkwürdige Geräusche, frisst eine Katze und ist nur auf den zweiten oder dritten Blick schön) sich etwas ganz Besonderes verbirgt, ein Märchenprinz, vielleicht sogar eine elementare Gottheit. Die immergültige Lektion heißt, dass Ausgrenzung, Hass und Hetze zerstörerisch sind, Toleranz, Liebe und Courage indes das Leben erst lebenswert machen. Und weil man das nicht oft genug in die Welt hinausschreien kann, ist „The Shape Of Water“ genau das: Besonders wertvoll!

8/10

FATE IS THE HUNTER

„Some kind of… coincidence perhaps.“

Fate Is The Hunter (Bezwinger des Todes) ~ USA 1964
Directed By: Ralph Nelson

Nach dem Absturz einer Passagiermaschine an der Küste von L.A., bei dem sämtliche Insassen mit Ausnahme einer Stewardess (Suzanne Pleshette) sterben, werden rasch posthume Beschuldigungen durch Presse und FBI gegen Jack Savage (Rod Taylor), den Piloten des Fliegers, laut. Er habe getrunken, sei allgemein unzuverlässig und ein loser Typ. Für den Geschäftsführer der Airline, Sam McBane (Glenn Ford), der mit Savage in Korea gedient hat, steht derweil felsenfest, dass andere Gründe für den Crash verantwortlich waren. Um Savage nachträglich zu entlasten, entschließt sich McBane, den Flug mit allen damaligen Gegebenheiten nachzustellen…

Ralph Nelsons vierter Film, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Ernest K. Gann, greift erneut die vom Regisseur bereits beackerten Themen Freundschaft und Ohnmacht auf. Für die Fox in Scope gedreht, stand Nelson eine deutlich umfangreichere Budgetierung zur Verfügung als bisher, was ihm teurere Stars und production values gestattete, die inszenatorischen und dramaturgischen Qualitäten, wie sich zeigen sollte, jedoch nicht nennenswert aufstockte. „Fate Is The Hunter“ ist primär die Geschichte einer ehrgeizigen Ehrenrettung, die in etwas umständlicher Metaphorik von der Allmacht von schicksalhaften Zufallsketten berichtet: Was letzten Endes zum Absturz des Flugzeugs führte, so erweist sich am Ende, lässt sich mitnichten auf die Inkompetenz oder gar das Unvermögen des Piloten Savage (der sich im Zuge von McBanes Recherchen vielmehr als absolut integrer Mensch, als rundum verlässlicher und liebenswerter Zeitgenosse, dessen enge Vertraute ihn tatsächlich durchweg über den grünen Klee loben) zurückführen, sondern ganz lapidar auf eine engmaschige Verkettung unglücklicher Umstände, zu der neben der Überlastung des Flughafens und technischem Versagen im Cockpit noch andere Faktoren beitrugen. Der tragische Unfall, so scheint es, war in seiner Gänze vom Schicksal inszeniert.
Dass der Plot, so wie er sich hier präsentiert findet, eigenartig verwässert wirkt, liegt, zumindest habe ich diesen Eindruck, an seiner grunndsätzlich unfilmischen Natur; was im gedruckten Wort für emotionalen Druck und Spannung sorgen mag, erscheint im Film beinahe unmotiviert heruntererzählt. Nelson scheint trotz der in ihr angerissenen Motive kein besonderes persönliches Interesse an der Abwicklung seiner Geschichte gehabt zu haben, anders kann ich mir die plätschernde Teilnahmslosigkeit seiner Regie nicht erklären. Immerhin macht Hauptdarsteller Ford als zweifelnder Wahrheitssuchender eine gute Figur. Das ist leidlich mehr als sich vom Rest dieses merkwürdigen Films behaupten lässt.

5/10

DIRTY GRANDPA

„Party till you’re pregnant!“

Dirty Grandpa ~ USA 2016
Directed By: Dan Mazer

Nach dem Tod seiner Großmutter und kurz vor der eigenen Hochzeit soll der erfolgreiche Nachwuchsadvokat Jason Kelly (Zac Efron) seinen Opa Dick (Robert De Niro) nach Florida chauffieren. Der betagte Herr erweist sich jedoch mitnichten als greiser Trauerkloß, sondern als höchst alkoholaffiner, verbalviriler Frechdachs, der auf seine alten Tage nochmal die Party seines Lebens feiern will und ausgerechnet den spießigen Enkelsohn als partner in crime auserkoren hat. Bei den diversen Fettnäpfchen, in die Jason und Dick im Zuge ihrer turbulenten Reise treten, ist die beinharte CIA-Ausbildung des Letzteren den beiden nicht selten behilflich. Zudem steckt hinter Dicks Roadtrip natürlich ein handfester Plan für seinen biederen Übersprungsspross.

„Dirty Grandpa“ ist wohl die Art von Film, die De Niro heute macht. „Wohl“, weil ich mit dem jüngeren output dieses einstmals als Speerspitze seines Fachs geltenden Schauspielers kaum mehr vertraut bin. Den Film habe ich mir tatsächlich auch nicht seines Hauptdarstellers wegen angesehen, sondern weil ich eine Partykomödie sehen wollte. Als solche funktioniert „Dirty Grandpa“ innerhalb seiner ihm inhärenten Einfalt eigentlich auch ganz gut. Und selbst De Niro geht als buchstäblicher Titelcharakter völlig in Ordnung, auch wenn sein inflationärer Gebrauch von Vier-Buchstaben-Wörtern zunächst etwas übertrieben, um nicht zu sagen albern wirkt. Aber dies entpuppt sich ja am Ende als Teil seiner von seiner Film-Persona höchstselbst entwickelten Erweckungskur und geht daher halbwegs in Ordnung.
Ansonsten haben wir hier ein ausgewiesenes Fast-Food-Produkt, das die Welt sich weder schneller drehen lässt, noch nie sie verlangsamt. Die Script-Prämisse, die Witze vor allem aus der Perspektive des dezidiert aus seiner sozialen Rolle fallenden Senioren politisch unkorrekt dastehen zu lassen, wirkt nach einer Weile allerdings leicht verkrampft und gibt eher insofern Anlass zur Besorgnis, dass vermutlich ein Großteil der avisierten Zuschauerschaft, die sich primär fraglos durch die verspießte, verhuschte, entpolitisierte Generation Smartphone repräsentiert finden dürfte, tatsächlich mild schockiert auf den im Film präservierten, libertinen Lebensgeist reagiert. Insofern bildet „Dirty Grandpa“ vor allem einen Film für Zeitgenossen, deren Arschbacken vom vielen Zusammenkneifen bereits erstarrt sind. Das geht einerseits in Ordnung, gibt aber andererseits Anlass zur Besorgnis: Menschen, die sich eine optionale Realität über Werke wie dieses erschließen, können einem leid tun. Macht mal lieber selber.

6/10

THE WEEK OF

„Why the giggling?“

The Week Of ~ USA 2018
Directed By: Robert Smigel

Für den Familien- und Brautvater Kenny Lustig (Adam Sandler) wird’s eng: In einer knappen Woche steht die Hochzeit seiner Ältesten (Allison Strong) auf dem Plan. Bei dem Schwiegerpapa in spe handelt es sich um Kirby Cordice (Chris Rock), Promi-Chirurg und Societylöwe aus L.A. mit etwa dem hundertfachen Vermögen von Kenny, der dennoch darauf besteht, die Heirat, wie es die Tradition nunmal gebietet, selbst auszurichten. Bereits deren Prolog artet zum Riesendebakel aus: Weil das von Kenny ausgewählte Hotel alles andere als luxuriösen Ansprüchen genügt und dort zudem eine Panne nach der anderen um sich greift, muss Kenny sämtliche der von auswärts anreisenden Hochzeitsgäste in seinem doch recht beengten Haus unterbringen. Turbulenzen und Konflikte sind vorprogrammiert, zumal Kenny und Kirby sich ganz allmählich einen latenten Konkurrenzkampf zu liefern beginnen…

Des Sandmans neuester Netflix-Streich, der seine alten Eidgenossen Chris Rock und Steve Buscemi wieder ins Boot holt, fügt sich nicht nur völlig organisch und nahtlos in das mittlerweile wohl tatsächlich beispiellose Œuvre des Hauptdarstellers ein, sondern ist auch sonst eine formvollendete Komödie, die zu den besten Werken Sandlers zählt und ein veritables Geschenk für jeden erklärten Freund des Künstlers darstellt. Gut, als innovativ darf sich der Aufzug nicht eben bezeichnen, dafür sind die großen Vorbilder von Minnellis „Father Of The Bride“ bis hin zu Altmans „A Wedding“ dann doch zu präsent, und das nicht allein in ihrer inhaltlichen Grundierung. Man darf sich „A Week Of“ vielmehr so vorstellen, dass der entsprechende Inspirationsfundus kreativ genutzt wird, um sich in Sandlers seit eh und je etabliertes, amerikanisch-jüdisches Mittelklasse-Parallel-Universum zu assimilieren und gänzlich darin aufzugehen. Ein gewaltiges, liebenswertes Chaos mit etlichen, noch liebenswerteren Fremdschämmomenten entspinnt sich daraus, das zwar recht keck, aber niemals über Gebühr unappetitlich oder auch nur im Entferntesten misanthropisch daherkommt. Für jede einzelne Figur dieses an Charakteren alles andere als armen Kaleidoskops ist viel Liebe und/oder aufrichtige Sympathie vorhanden, die am Ende der Geschichte selbst noch die vermeintlichen Verlierer als Gewinner dastehen lässt. Die Gagdichte ist enorm und, was noch schöner ist, die allermeisten sitzen auch, und zwar am rechten Fleck.
Das Finale ist dann wie es sich ja letzten Endes ziemt, ein klein wenig weinerlich geraten – die zwei Antagonisten respektive (Schwieger-)Väter raufen sich zusammen und erkennen jeweils an, was der Konterpart dem Gegenüber voraus hat und dürfen die gewaltige Erkenntnis für sich in Anspruch nehmen, dass der materiell Unvermögendere keinesfalls der Ärmere der beiden ist. Diese kleine, nicht unbedingt weise umrahmte Sozialfabel gehört jedoch zwingend zum Gesamtbild, ebenso wie das in gegenwärtigen Zeiten scheinbar wieder nötige Versprechen von der interethnischen Verständigung. Dass ein weißes, jüdisches Mädchen den Spross eines reichen Afroamerikaners heiratet, sollte eigentlich längst eine Selbstverständlichkeit sein. Dass „The Week Of“ diese Kernprämisse als ebendies wahrnimmt, macht ihn nur noch schöner.

8/10