I GUAPPI

Zitat entfällt.

I Guappi (Die Rache der Camorra) ~ I 1974
Directed By: Pasquale Squitieri

Neapel um die Jahrhundertwende. Der ehemalige Straßenganove Nicola Bellizzi (Franco Nero) hat erkannt, dass nur Bildung das wahre Fundament für den Wunsch darstellt, etwas zu ändern und studiert heimlich Jura. Zurück in seinem alten Viertel macht er schon bald die Bekanntschaft des hiesigen Don Gaetano Fungillo (Fabio Testi), eines vergleichsweise jungen Mitgliedes und „Guappo“ aus dem Geheimbund der Camorra, der neapolitanischen Mafia. Nach ersten Reibereien schließen Nicola und Gaetano bald Freundschaft, wovon insbesondere der wenig wohlhabende Nicola und dessen Karriere profitieren. Derweil müht sich der Polizist Aiossa (Raymond Pellegrin) nach Kräften, Gaetano einen Fehltritt nachweisen zu können, um ihn endlich dingfest zu machen. Dabei überschreitet er selbst bald die Grenzen der Moral…

Nicht bloß ein prachtvolles Sittengemälde ist dieser blendend ausgearbeitete Film von Pasquale Squitieri, welcher sich im Zuge seines vergleichsweise überschaubaren Œuvre immer wieder in der einen oder anderen Form mit der Mafia und ihren Bestrebungen, sich als ergänzende, inoffizielle Staatsgewalt zu etablieren, beschäftigt hat. Selbst gebürtiger Neapolitaner, hat es ihm dabei thematisch besonders die Camorra angetan, deren Entwicklung und Strukturen zur Zeit des frühen zwanzigsten Jahrhunderts Squitieri hier eingehend nachzeichnet. Dies vollbringt er mit der annähernden Verve eines Bertolucci oder Leone bei zwar nicht ganz so teurer, aber doch famoser Besetzung, macht sich epische Erzählstrukturen ebenso zunutze wie berückendes Zeitkolorit, in dem Kulissen und Requisiten zusätzliche Hauptrollen bekleiden. Bei diversen Innenraumsequenzen nutzt er unbedingte Authentizität vermittelndes Chiaroscuro und allein Fabio Testis Backenbart rechtfertigt es, sich diesem mitreißenden Erlebnis zu weihen. Claudia Cardinale ist wie so oft anbetungswürdig als hochmütige und doch immens dedizierte Gangsterbraut, die ihrem Don sogar um den Preis der eigenen Ehre die unbedingte Treue hält und Franco Nero perfekt als idealistischer Liberaler zwischen Korruption und Paragraphentreue. Überhaupt sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihn und Testi einmal gemeinsam zu erleben.
Hervorzuheben ist ferner die exzellente Synchronfassung, die zeigt, dass die DEFA sich auf diesem Sektor mancherlei Meriten erarbeiten konnte.

9/10

BLOOD ON THE MOON

„I’ve met dogs that wouldn’t claim you for a son.“

Blood On The Moon (Nacht in der Prärie) ~ USA 1948
Directed By: Robert Wise

Nachdem eine nächtliche Stampede ihn sein Hab und Gut gekostet hat, macht der ohnehin klamme Cowboy Jim Garry (Robert Mitchum) die Bekanntschaft des Ranchers John Lufton (Tom Tully). Dieser steht im Konflikt mit Garrys altem Bekannten Tate Riling (Robert Preston), der sich mit den Farmern der Gegend gegen Lufton verbündet hat, mit dem einzigen Ziel, dass dieser am Ende gezwungen ist, sein Vieh billig herzugeben. Unterstützt wird Riling zudem von dem Indianeragenten Pindalest (Frank Faylen). Garry beginnt bald, seine Rolle als käuflicher Ganove in Rilings Spiel zu hinterfragen, zumal er sich in Luftons Tochter Aly (Barbara Bel Geddes) verliebt. Schließlich stellt er sich auf Luftons Seite und gegen Riling, was diesem überhaupt nicht zupass kommt.

Robert Wises achte Regiearbeit und erster Western weist noch einige gut sichtbare Analogien zu seinem bis dato bevorzugten Genre auf, dem film noir. Man muss allerdings dazu sagen, dass solche Parallelisierungen in jenen Tagen nichts Ungewöhnliches waren; viele Western zehrten von der formalen Konzentriertheit und dem psychologischen Facettenreichtum des hartgekochten Kriminalfilms. Mit Jim Garry, von Mitchum wie üblich mit wunderbarem Understatement dargeboten, betritt ein angemessen zerrissener Held die Szenerie. Einsam ist er nächtens unterwegs, sucht Schutz vor einem starken Unwetter und kann sich nur knapp vor eine Herde panischer Rinder retten. Gleich hier verdeutlicht sich Garrys desolate Situation, die später auch sein Gewissen heimsuchen wird, wenn er sich nämlich entscheiden muss zwischen der gut entlohnten Unterstützung der Machenschaften eines langjährigen, aber moralisch skrupellosen Freundes und dem, was doch eindeutig richtig ist. Von ebendiesem inneren Konflikt berichtet Wises Film in aller gebotenen Präzision und lässt den äußerlich so souverän erscheinenden Mitchum dabei ganz schön straucheln. Immerhin: bei aller ansonsten recht finsteren, humorlosen Gestalt gestattet „Blood On The Moon“ Garry sein (wenn auch etwas überhastet und abrupt wirkendes) happy end; er bekommt das Mädchen, einen zugeneigten Schwiegervater gleich dazu und darf sesshaft werden, ohnehin stets das große „Ankommen“, das große Ziel eines jeden Helden im Western.

8/10

WONDER WOMAN

„What I do is not up to you!“

Wonder Woman ~ USA/CN/HK/UK/I/CAN/NZ 2017
Directed By: Patty Jenkins

Die Amazone Diana (Gal Gadot) wächst auf der vom Rest der Welt abgeschotteten Insel Themyscira auf, deren Bewohnerinnen eine enge Verbindung zur griechischen Sagenwelt pflegen. Ihren ersten Mann bekommt Diana 1918 zu Gesicht, als der US-Pilot Steve Trevor (Chris Pine) durch Zufall vor ihrer Insel notwassert. Als die idealistische, friedliebende Diana von ihm erfährt, was sich soeben in der Außenwelt abspielt, entschließt sie sich in der Überzeugung, der Kriegsgott Ares sei für jene Schrecknisse verantwortlich, Trevor zu folgen und den mythologischen Unhold zu stellen. Bevor sie Ares tatsächlich gegenübersteht, hat Diana noch einige Abenteuer zu bestehen.

Mit „Wonder Woman“ geht DC in die vierte Filmrunde und liegt damit noch immer meilenweit hinter der Konkurrenz von Marvel zurück. Ob sich dahinter eine Strategie verbirgt, das Publikum nicht zu übersättigen, oder ob es schlicht der zurückhaltenderen Qualität der Resultate anzulasten ist, dass sie wesentlich geringer frequentiert zu Tage treten, mag Spekulationssache sein. „Wonder Woman“, um den ja wieder recht großes Trara veranstaltet wurde, von wegen „erster von einer Regisseurin inszenierter Superheldenfilm“ etc.pp. bewegt sich ziemlich eindeutig auf der von „Man Of Steel“ und „Batman V Superman“ vorgerodeten Schneise, den etwas schmalhirnigen „Suicide Squad“ eimal außen vorgelassen. Die Titel-Heroine, neben Superman und Batman seit jeher die Dritte im Bunde von DCs „Big Three“, hatte ihr aktuelles Debüt ja bereits inmitten der beiden alliierten Muskelprotze bei Zack Snyder gegeben und eine  dementsprechend sanft eingeleitete Kinogeburt. Innerhalb der Rahmenhandlung erhält sie von niemand Geringerem als dem alten Flederfuchs Bruce Wayne ein altes Foto aus dem Ersten Weltkrieg, das die seither um keinen Tag gealterte Heldin mit ihrem damaligen Galan Steve Trevor an der belgischen Front zeigt. Die hernach präsentierte origin wird also im Zuge einer Erinnerung abgespielt. Wonder Womans Herkunftsgeschichte ist im Rahmen ihrer Comic-Historie wohl so oft umgeschrieben und neu interpretiert worden wie die keiner anderen DC-Figur; mal ist sie aus einem Lehmklumpen heraus entstanden, dann wieder das Resultat eines schwachen, fleischlichen Moments, mal gibt es zwei Wonder Women (Dianas Mutter Hippolyta ist eigentlich ihre Vorgängerin). Was also eine wie auch immer geartete, direkte Anbindung an das gezeichnete Vorbild anbelangt, konnte der Film praktisch so gut wie nichts falsch machen. Die Idee, Diana erstmals vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs aktiv werden zu lassen ihr hernach gleich auch noch dessen Beendigung zuzuschreiben, erweist sich als durchaus charmant. Dass bei den betagteren Vertretern der Superheldenzunft auch historische Szenarien funktionieren, wissen wir bereits von „Captain America: The First Avenger“. Das Schützengrabengetümmel der Westfront bietet der Heldin allerlei rustikale Gelegenheiten, ihre noch nicht zur Gänze entdeckten Fähigkeiten auszuschöpfen und ordentlich kaiserliche Soldaten von der Platte zu putzen. Mir hat’s gefallen. Gal Gadot geht als nahezu perfekte Realinkarnation der schönen Amazone durch, Chris Pine erschien mir indes austauschbar. Subsummiert ist „Wonder Woman“ durchaus okay und phasenweise vergnüglich, wozu auch eine gepflegte Leichtigkeit im Umgang mit dem Sujet beiträgt. Dennoch freue ich für meinen Teil mich nach wie vor wesentlich mehr auf „Infinity War“ als auf den „Justice League“-Film…

7/10

T2 TRAINSPOTTING

„World changes. Even if we don’t.“

T2 Trainspotting ~ UK 2017
Directed By: Danny Boyle

Über zwanzig Jahre, nachdem er einst seine Freunde über den Tisch gezogen hatte, kommt Mark Renton (Ewan McGregor) zurück nach Edinburgh. Zwischenzeitlich hat er in Amsterdam gelebt, eine Ehe in den Sand gesetzt und kürzlich einen Herzinfarkt überlebt. Immerhin den Drogen hat er seit Langem entsagt. Nun sind erwartungsgemäß weder Spud (Ewen Bremner), noch „Sick Boy“ Simon (Johnny Lee Miller) und schon gar nicht der just aus dem Knast geflohene Begbie (Robert Carlyle) gut auf Renton zu sprechen, ganz im Gegenteil. Zumindest Spud, noch immer Junkie und mittlerweile Vater, kann Renton vor dem Suizid retten. Simon hält es mittlerweile mit dem Kokain und sich selbst mit allerlei krummen, aber wenig erfolgreichen Geschäften über Wasser. Seine wesentlich jüngere Freundin Veronika (Anjela Neldyakova) indes gefällt auch Renton ganz gut. Begbie muss zu seinem Leidwesen erkennen, dass sein erwachsener Sohn (Scot Greenan) leider so gar nichts von der kriminellen Energie seines alten Herrn geerbt hat und hat schwer daran zu knabbern. Als dieser mitbekommt, dass Renton zurück in Leith ist, sinnt er auf tödliche Rache für die einstige Schmach.

Ein Film der gepflegten Resignation. So wie sich seit dem abrissbirnenartig-rasanten Original von 1995 die Außenwelt gewandelt hat, ist mit seinen Erfindern auch der Figurenkosmos von Irvine Welsh und Danny Boyle gealtert. Der relativ beliebige Effekt ist eine im Vergleich zur literarischen Fortschreibung leicht verjährte Fortsetzung, die eben so aussieht, wie sie jetzt aussieht, ebenso gut aber auch völlig anders hätte arten können – was man ihr, und darin liegt ein gewisser Knackpunkt, permanent anmerkt. Die einstige Wildheit, der Lebens- und Todeshunger, der ständige Tanz auf der Rasiermesserklinge mitsamt allerlei mehr oder weniger appetitlichen Fügungen, den schlimmen Verlusten und dem stampfenden Sound ist, analog zum fortgeschrittenen Alter der Protagonisten einer sehr viel gemächlicheren Gangart gewichen. So wie Renton nach seinem Herzinfarkt kürzer tritt, entschleunigt sich auch die „Trainspotting“-Realität, mit dem etwas leidigen Effekt der offensiv praktizierten Demystifizierung der „neuen Helden“. Der Nebenplot um einen von Simon geplanten Saunaclub, sprich, ein Bordell, der ihn und Renton mit der hiesigen Mafia konfrontiert, begleitet von einem allseitigen Dahinplätschern, wirkt da wie ein recht erzwungenes Füllsel. Die einstige, in ihrer Destruktivität immerhin konsequent gelebte Subkultur ist großen Fragezeichen des Wohins gewichen, einer etwas ziellosen Reise durch den biographischen Spätsommer gewissermaßen. Diese versöhnt eigentlich nur insofern, als dass man jetzt eben weiß wo es seit damals hingegangen ist mit Renton, Spud, Sick Boy und Begbie, deren Schicksale jetzt, auch das ein Nebeneffekt des Älterwerdens, nurmehr lose miteinander verbunden sind und dementsprechend sehr viel episodischer berichtet werden. Immerhin die Geschichte um Begbie, der als einziger der damaligen Clique seinen delinquenten, gewalttätigen Weg unbeirrt weiter gegangen ist, birgt noch emotionale Ankerhaken. Wie er sich völlig unfähig zeigt, zu akzeptieren, dass nicht nur er (zumindest körperlich), sondern auch die Zeiten sich geändert haben und dass sich selbst mit seinen hilflos-brachialen Lösungsversuchen diese Tatsachen nicht umstoßen lassen, das hat etwas zutiefst Rührendes, ebenso wie die als recht schöner Kreisschluss angelegte conclusio.

7/10

THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

„If I had a box of bad things I’d put you in it and close the lid.“

The Girl With All The Gifts ~ UK/USA 2016
Directed By: Colm McCarthy

Nachdem eine Zombie-Seuche die Welt weitgehend entvölkert hat, arbeiten überlebende Wissenschaftler, allen voran Dr. Caldwell (Glenn Close), fieberhaft daran, ein Gegenmittel zu finden. Dabei behilflich sind ihnen Kinder von vor der Niederkunft infizierten Müttern, die sie gefangennehmen und zu Untersuchungszwecken eingesperrt haben. Eines dieser Kinder ist die etwa zehnjährige Melanie (Sennia Nanua), ein sehr liebenswertes, überaus intelligentes Mädchen, das mit dem Makel leben muss, von einem tödlichen Fressinstinkt heimgesucht zu werden, sobald es lebendes Fleisch riecht. Melanie kennt nur die Abschottung ihres kargen Gefängnisses, ihre Kontakte sind die sie bewachenden Soldaten, die emotionale Lehrerin Helen (Gemma Arterton) und die sie rein als Objekt wahrnehmende Caldwell. Als die Forschungsbasis von den Zombies überrannt wird, kann ein kleine Gruppe fliehen, darunter Caldwell, Helen, der Soldat Parks (Paddy Considine) und Melanie. Während das Mädchen mehr und mehr das Vertrauen der Gruppe gewinnen kann, bleibt Caldwell ihr gegenüber skeptisch. Als sie in London auf die Ursache der Seuche stoßen, eine gewaltige Pflanze, die infiziöse Sporen absondert, findet Melanie ihre wahre Bestimmung.

Mit Zombie-Filmen, insbesondere mit den im Shutter-Modus flitzenden Wutzombies, wie sie einst Danny Boyle mit „28 Days Later“ eingeführt hat, ist das so eine Sache. Spätestens mit jener forcierten Kinetisierung hat der Zombie als mediale Sagengestalt den endgültigen Sprung ins Videospielzeitalter vollzogen und sich seither durch eine gewaltige Schwemme unterschiedlichster Subgenre-Variationen so dermaßen exponiert, dass der gesamte Topos bis in seine letzten Winkel ausgeleuchtet und so um jedwedes finale Geheimnis beraubt wurde. Der Zombie der Ära Romero, ehedem ein Symbol für garantiert nicht jugendfreies Nischenkino, ist nach seinen finalen Kulminationspunkten in den Neunzigern mit Jacksons „Braindead“ und Soavis „Dellamorte Dellamore“ längst zum familienkompatiblen Massenkulturgut avanciert, das sich selbst in TV-Serials großflächiger Beliebtheit erfreut, sogar bei Menschen, die in seinem Angesicht vor dreißig Jahren noch verächtlich die Mundwinkel verzogen hätten. Zombie darf heute jeder. Umso schwieriger scheint es angesichts dieses Exklusivitätsverlusts, dem Sujet noch interessante Seiten zu entlocken. Den ersten Domestizierungsversuch eines Zombies gab es bereits 1985 in „Day Of The Dead“, einem der Meisterwerke des just verstorbenen George A. Romero. Darin versuchte ein über seine ehrbaren Ambitionen hinaus durchgedrehter Wissenschaftler, einen gefangengenommenen Untoten zu rezivilisieren, verschaffte ihm sogar einen Namen („Bub“) und damit zugleich eine Persönlichkeit. Freilich forderten jene Anstrengungen gleich mehrere hohe Preise. Melanie in „The Girl With All The Gifts“ ist eine direkte Nachfahrin von Bub, wenn man so will, seine Enkeltochter. Als freundliches, kleines Mädchen mit einem gewaltigen Handicap ist sie die Vorbotin einer neuen Zombie-Generation, pränatal infiziert, vernunftbegabt, vor physischen Verfallserscheinungen geschützt, trägt sie die Fackel ihrer Spezies in eine neue Ära und dreht den unsäglichen Spieß, unter dem sie ihr bisheriges, kurzes Leben zu leiden hatte, schließlich im wahrsten Sinne des Wortes um. Dass dies in McCarthys Film nicht nur symbolisch geschieht, verschafft ihm einen zusätzlichen Wert, insbesondere auf der Subgenreebene. Und das ist heuer durchaus ein Verdienst.

8/10

LIVE BY NIGHT

„We’re all going to hell.“

Live By Night ~ USA 2016
Directed By: Ben Affleck

Boston, 1926. Seine blauäugige Affäre mit dem Gangsterliebchen Emma Gould (Sienna Miller) wird dem Ganoven Joe Coughlin (Ben Affleck) zum Verhängnis: Mafiaboss White (Robert Glenister) kommt hinter den Seitensprung seiner Mätresse und rächt sich, was Joe zwar nicht wie geplant das Leben, aber doch die Freiheit kostet – er landet nämlich im Gefängnis. Um sich an White zu rächen, läuft Joe zur italienischen Mafia über, deren Boss Pescatore (Remo Girone) ihn nach Tampa schickt, um dort die regionalen Geschäfte zu verwalten. Joe verliebt sich dort in die schöne Exilkubanerin Graciela Corrales (Zoe Saldana) und heiratet sie, derweil er zur lokalen Unterweltgröße aufsteigt und eigene Pläne für ein Casino entwickelt. Schwierigkeiten mit dem Ku-Klux-Klan und dem hiesigen Polizeichef Figgis (Chris Cooper) bringen Joe mehr und mehr in Bedrängnis, bis Boss Pescatore schließlich höchstselbst in Tampa erscheint und Joe mit einer unangenehmen Neuigkeit konfrontiert…

Ein wenig eitel geraten ist er wiederum schon, der aktuelle Affleck (damit meine ich ausdrücklich seine Regiearbeit), den er abermals kräftig um die eigene Person herum inszeniert. Dennoch darf man ihm durchaus bescheinigen, als Filmemacher mittlerweile ein wesentlich höheres  Niveau erreicht zu haben denn in seiner ursprünglichen Tätigkeit als Schauspieler. Damit wandelt er ein wenig auf den Spuren von Vorbildern wie Eastwood, Beatty oder Redford, die einst und bis heute ja höchst erfolgreich durchaus analoge Wege beschritten. Angesichts seiner bisherigen Ausbeute wünscht man Affleck durchaus, dass er in zwei Dekaden mal auf ganz ähnliche Meriten wird zurückblicken können.
„Live By Night“ liefert formelhaftes Gangsterkino der gehobenen Klasse, was sich bereits auf seine Darbietung als period piece zurückführen lässt: Die Prohibition bietet stets ein dankbares Zeitkolorit, die damit einhergehende Periode der Zwanziger entsprechend viele Möglichkeiten, Chic in der Wahl von Garderobe, Musik und Interieurs auszustellen. Audiovisuell geschmackvoll kommt Afflecks Film also ohne Frage daher, und die bislang eher selten geschilderte Konfrontation „Mafia vs. KKK“ gibt ihm gleichfalls inhaltlichen Auftrieb. Etwas blass dagegen bleibt – offensichtlich anderer Pläne zum Trotze – die Hauptfigur des Joe Coughlin. Seine phasenweise immer wieder hervortretenden Skrupel, die sich insbesondere in seiner Verbindung zu Figgis‘ gebeutelter Tochter Loretta (Elle Fanning) und den entsprechenden Szenen manifestieren, lenken ein klein wenig vom Wesen des Verbrechertums ab, das eben, um erfolgreich zu funktionieren, echte Schweinehunde benötigt. Vielleicht braucht Affleck noch ein paar Jahre, um sich selbst einmal als wirklich fiesen Patron ins Bild zu rücken. Auch das gehört gewissermaßen zur ganzheitlichen Emanzipation des veritablen actordirector.

7/10

SUBURRA

Zitat entfällt.

Suburra ~ I/F 2015
Directed By: Stefano Sollima

Der multimillionenschwere Plan des alternden Mafiachefs Samurai (Claudio Amendola), die unterschiedlichen römischen Clans in ruhiger Gelassenheit zu vereinen und mit deren allseitiger Unterstützung, respektive der korrupter Lokalpolitiker ein gigantisches Spielerparadies bei Ostia zu errichten, erlebt sein großes Scheitern. Allzu viele Ungelegenheiten und hitzköpfige Nachwuchsgangster sorgen stattdessen für ein großes Blutbad, an dessen Ende nichts mehr wartet denn die Hölle selbst.

Vin „Sieben Tage(n) bis zur Apokalypse“ kündet „Suburra“ vom Sohnemann des dritten großen Sergio des italienischen Kinos, Sollima nämlich. Sieben Tage, die der ausufernden Geschichte zudem einen formschönen Rahmen verabreichen, in dem er sich fast zweieinhalb Stunden bequemer Erzählzeit nimmt für die sorgfältige Charakterisierung diverser inhaltlich Beteiligter, was wiederum ein umfassendes Ensemble-Fresko ermöglicht. In jenem finden von dem versauten, drogenkonsumierenden Parlamentarier (Filippo Malgradi), über die angsterfüllte Hure (Giulia Gorietti), den erschütterten Kardinal (Jean-Hugues Anglade), den unschuldig hineingezogenen Schuldnersohn (Elio Germano) und den asozialen, cholerischen Patriarchen einer Zigeunerfamilie (Adamo Dionisi) bis hin zu dem von Drogen und neuem Gangsterchic korrumpierten Mafioso-Erben (Alessandro Borghi) eine Vielzahl von Protagonisten Raum, deren Schicksale durch ein komplex entworfenes Beziehungsgeflecht allesamt miteinander verwoben sind. Allianzen und Konfrontationen, vor allem jedoch das sich bis zum großen, finalen Rundumschlag zuspitzende Spannungsfeld der unterschiedlichen aufeinander prallenden Motivlagen ergibt ein drahtiges Gangsterepos, das seinen klassischen Vorbildern mühelos das Wasser reichen kann. Ganz schön auch, dass Sollima sich mit der dramaturgisch eigentlich naheliegenden, rein moralisch betrachtet jedoch ungerechten Vergabe von Sympathieboni für die eine oder andere Figur zurückhält – irgendwann stellt jede/r der Involvierten im Kampf ums persönliche Überleben oder aus schierer Angst heraus höchst unangenehme Eigenschaften vor. Es wird allerseits gelogen, bestochen, verraten, erpresst, hintergangen, gekidnappt, gefoltert, gemordet, was das Zeug hält. Keine Spur mehr von den altehrwürdigen Ehrenkodexen von Camorra und Cosa Nostra. Heuer regieren nur mehr die Stärke des Kokains und der zuckende Finger am Abzug. Dass Stefano Sollima justament damit beschäftigt ist, „Soldado“, die Fortsetzung zu „Sicario“, fertigzustellen, erscheint angesichts der Qualitäten von „Suburra“ als ebenso folgerichtige wie hocherfreuliche Fügung.

8/10