AVENGING ANGEL

„I ain’t no angel, pal.“

Avenging Angel (Angel kehrt zurück) ~ USA 1985
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Nachdem Molly Stewart (Betsy Russell) von ihrem alten Beschützer Lieutenant Andrews (Robert F. Lyons) quasiadoptiert wurde und Jura studiert hat, liegt ihre Kiezvergangenheit weit hinter ihr. Als Andrews jedoch bei einem Einsatz auf dem Hollywood Boulevard ermordet wird, holt Molly die alten Stilletos und den Minirock aus dem Schrank und kehrt als „Angel“ zurück auf die Straße. Um die Mörder ihres väterlichen Freundes zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, benötigt sie allerdings noch die Unterstützung ihrer früheren Freunde. Daher gilt es zunächst, den alten Kit (Rory Calhoun) aus dem Seniorenheim zu entführen…

Obschon nur ein Jahr später entstanden, muss man als Kenner des Originals zunächst einige Zäsuren in Kauf nehmen – nicht nur, dass der zeitliche Abstand zu den Ereignissen im Vorgänger deutlich gedehnter ausfällt, wird die pfiffige Molly jetzt von Betsy Russell gespielt, die zwar vier Jahre jünger ist als ihre Vorgängerin Donna Wilkes, im Gegenzug jedoch auch vier Jahre älter aussieht. Auch Lt. Andrews, der als initiierendes Mordopfer ohnehin nur einen vergleichsweise kurzen Auftritt absolviert, unterliegt einem Personalwechsel. Was jedoch viel wichtiger ist – das liebgewonnene Kiezensemble, sprich Susan Tyrell, Rory Calhoun und Steven M. Porter, kehrt (natürlich mit Ausnahme des in „Angel“ heldenhaft geopferten Dick Shawn)  geschlossen zurück und unterstützt seine alte Freundin, die diesmal nur zum Schein auf den Strich geht, um ein Gangsternest auszuheben, hinter dem der reiche Geschäftsmann Gerrard (Paul Lambert) steht. Die alte Clique erweist sich als schlagfertiger denn je und greift Gerrards Männer mit ungewohnter Feuerkraft an. Doch auch die Helden haben eine Schwäche – ein verwaistes Baby, das Solly unter ihre Fittiche genommen hat und sich bestens als Kidnappingopfer eignet.
„Avenging Angel“ findet nach dem Original sehr viel flüssiger und vor allem umwegloser zu sich selbst. Schon die von Bronski Beat stampfend untermalte Eingangssequenz vergewissert sich eines ganz anderen formalen Qualitätsstandards, bevor das Sequel sich unter cleverer Verwendung des bereits etablierten Personal auf den Selbstjustiz- und Vigilanten-Konvoi der Achtziger schwingt, sehr viel gewaltigere Feuerkraft bemüht und dabei keine Scheu hat, bei stark angezogenem pacing immer wieder den Bogen hin zu lustvoll überdrehten Albernheiten zu überspannen. „Avenging Angel“ hat von allem etwas mehr: Action, Humor, Spannung, Übertreibungen, Exploitation, Entertainment. Außerdem gefällt mir Betsy Russell wesentlich besser als Donna Wilkes, die ich nebenbei schon seit „Jaws 2“ als schlimme, weil unsäglich kreischende Nervensäge im Hinterkopf habe. Ich dürfte ergo wohl ziemlich allein dastehen mit der Ansicht, dass „Avenging Angel“ zu den wenigen Forsetzungen gehört, die ihren Vorgänger vorbehaltlos übertreffen. Andererseits ist das ja nichts Schlimmes.

7/10

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THE PUNISHER: SEASON 1

„Welcome home, Frank.“

The Punisher: Season 1 ~ USA 2017
Directed By: Tom Shankland/Andy Goddard/Antonio Campos/Kevin Hooks/Marc Jobst/Jim O’Hanlon/Kari Skogland/Stephen Surjik/Dearbhla Walsh/Jeremy Webb/Jet Wilkinson

Nachdem Frank Castle (Jon Bernthal) die mutmaßlich letzten der an der Ermordung seiner Familie beteiligten Gangster erledigt hat, fristet er erin tristes, einsames Leben als Bauarbeiter „Peter Castiglione“. Es dauert jedoch nicht lang, bis er neuerlich in Reichweite des organisierten Verbrechens gerät und das zu tun gezwungen ist, was er am Besten beherrscht. Durch seine Aktion wird der im Untergrund lebende Hacker David Lieberman (Ebon Moss-Bachrach) auf ihn aufmerksam und Frank damit mit ganz neuen, unbekannten Fakten über den gewaltsamen Tod seiner Lieben aufgeklärt: Offenbar ist er während seiner Zeit als US-Marine bei einem verdeckten Einsatz in Kandahar Zeuge höchst illegaler Militäroperationen geworden und sollte als unliebsamer Mitwisser beseitigt werden. Doch nicht nur sein bald von Franks Überleben in Kenntnis gesetzter, früherer Vorgesetzter Rawlins (Paul Schulze) wird zu einem Problem, auch die umtriebige Militärpolizistin Madani (Amber Rose Revah) und ein durchgedrehter Veteran (Daniel Webber) machen dem Punisher zu schaffen. Zeit, das Totenkopf-Symbol zu reaktivieren…

Den Punisher, eine von Marvels beliebtesten Figuren, zum Hauptcharakter einer eigenen Serie zu machen, erweist sich rückblickend als mäßig dankbarer und sehr viel mehr rein kommerziellen Erwägungen geschuldeter Einfall. Das sich ferner als problematisch herausstellende Formgerüst der sich auf dreizehn Episoden kaprizierenden MCU-Serien versagt hier zudem noch mehr als ohnehin schon. Dennoch lässt sich mit „The Punisher“ insgesamt wieder ein wenn auch kleiner Aufschwung im Vergleich zu den jüngsten, entsprechenden Formaten verzeichnen.
Die eine große Schwäche des Netflix-Projekts, und diesbezüglich haben alle drei Kinofilme die Nase eindeutig vorn, liegt darin, Frank Castle ein psychologisch facettenreiches Fundament zu verschaffen. Das jedoch hatte der Autor Garth Ennis im Zuge seiner kürzeren und längeren „Punisher“-Strecken bereits allumfassend besorgt: Bei ihm zeigte sich, dass Castle ein prinzipiell grundgestörter Mensch war, der nicht erst durch die Ermordung seiner Frau und der beiden Kinder zum Killer wurde, sondern der sich bereits im Kriegskontext, einer Situation also, die Massenmord gewissermaßen legitimiert, als viehischer Schlächter erwiesen hatte und für den das heimatliche Verlusterlebnis lediglich eine finale Sollbruchstelle darstellte, um seinen beispiellosen Vigilantenkrieg zu entfesseln. Das organisierte Verbrechen hat Frank Castle erst gar nicht zu suchen, um mit ihm auf Konfrontationskurs zu gehen; das besorgt er nunmehr seit langem selbst. Des Punishers langfristiges Ziel besteht nicht in privater Rache, sondern in nichts weniger als darin, das Verbrechen auf globaler Ebene auszurotten; eine Mission, die gezwungenermaßen mit Bergen von Leichen einhergeht. Der Serien-Punisher pflegt ein solches Denken nicht – oder zumindest noch nicht, wie die eine oder andere Ableitung es nahelegt. Hierin sind die Motive für Frank Castles mörderischen Aktionismus (ähnlich wie in Jonathan Hensleighs 04er-Adaption) noch rein persönlicher Natur. Hinter der tödlichen Eiseskälte verbirgt sich noch immer ein menschliches, verletzliches Wesen, das Nähe begreift, zulässt und einstigen Emotionen und Intimitäten zumindest noch in Geist und Herzen nachhängt. Mit Ausnahme einer grandiosen Schlüsselsequenz in der dritten Episode, die während des Afghanistan-Einsatzes den schlummernden Psychopathen hinter der Fassade des Familienvaters zeigt und weiteren, kleineren hints, die das zunehmende Übergewicht einer längst latent vorhandenen PTBS (ohnehin ein zentrales Thema der Reihe) pronocieren, lässt hier noch vergleichsweise wenig auf die wortkarge Killermaschine schließen, zu der der Comic-Punisher (und übrigens auch der bei Goldblatt und Alexander) längst geworden ist.
Die Subplots um Agent Madani, Franks einbeinigen Mitveteranen Curtis Hoyle (Jason R. Moore), Franks merkwürdige Annäherung an Liebermans permanent von ihm überwachte Familie und vor allem jener um den verwirrten Bombenleger Lewis Walcott verlangsamen indes das pacing beträchtlich, rauben ihm einen Großteil seiner Konzentration und Wirkmacht. Ganze Episoden bleiben blass bis fad, während andere zum Besten zählen, was das Netflix-MCU bis dato überhaupt zu bieten hat. Erst gegen Ende, wenn sich die schwelenden Konfrontationen endlich entladen, Frank sich „seinen“ neuen Jigsaw (Ben Barnes) kreiert, der ihm dann wohl in Season 2 das Leben schwermachen dürfte und der Punisher endlich zu sich und seiner ursprünglichen Mythologisierung findet, entwickelt das Format eine Sogkraft, die man sich in dieser Intensität schon sehr viel früher gewünscht hätte. Glücklicherweise nehmen die entsprechenden Höhepunkte in der etwas distanzierten Erinnerung die überwältigende Majorität ein und lassen „The Punisher“ schlussendlich und unter dem Strich als überzeugend dastehen. Dennoch bleibt die Serie in der Summe recht weit unter ihren Möglichkeiten, die sich eben nur in Form einzelner gesetzter Spitzen äußern. Etwas schade ist das schon.

7/10

UNDERVERDEN

Zitat entfällt.

Underverden (Darkland) ~ DK 2017
Directed By: Fenar Ahmad

Zaid (Dar Salim) ist das, was der hellhäutige Westeuropäer gemeinhin gern als „erfolgreich angekommen“ bezeichnet: Er ist erfolgreicher Chirurg in einem Kopenhagener Krankenhaus, hat die einheimische Stine (Stine Fischer Christensen) geheiratet und sich von seinen nahöstlichen Flüchtlingswurzeln beinahe krampfhaft losgelöst. Doch die Vergangenheit ruht nicht: Während er und die schwangere Stine mit Freunden bei gutem Rotwein und gepflegter Konversation erlesen dinnieren, taucht Zaids jüngerer Bruder Yasin (Anis Alobaidi) auf und bittet ihn verzweifelt um Hilfe; es ginge um sein Leben. Zaid wiegelt entnervt ab und verweist Yasin der Tür – mit tatsächlich tödlichen Folgen für den Jungen, der am nächsten Tag mit irreparablen Hirnschäden auf der Intensivstation landet. Zwischen Selbstvorwürfen und Familienehre macht sich Zaid auf ins alte Viertel, erfährt rasch von Gangstergröße Semion (Ali Sivandi) nebst dessen Miniregime und hat damit auch gleich den an Yasins Tod Schuldigen. Körperlich ertüchtigt setzt sich Zaid einen schwarzen Motorradhelm auf und pflügt sich durch die Kopenhagener Unterwelt…

Spürbar nachhaltig beeinflusst von Michael Winners „Death Wish“ transponiert Fenar Ahmad das Sujet des sich von jedweder Vernunft loslösenden und damit zerreißenden Vigilanten in die Gegenwart und die dänische Hauptstadt. Dass diese eine hervorragende Kulisse für an die Nieren gehende Thriller- und Gangsterdramen bereithält, ist nun schon seit längerem kein Geheimnis mehr. Auch bei Ahmad gerät die 600.000-Einwohner-Metropole zu einem finsteren Schmelztiegel der Klassen und Kulturen, in dem nicht nur Migranten und Biodänen, sondern auch upper class und Prekariat mögliche soziale Berührungspunkte um jeden Preis vermeiden. Zaid repräsentiert da denkbar generisch den berühmten Wanderer zwischen den Welten – als Kind aus dem Irak hierhergelangt, gelang es ihm, sich von seinen Ghettowurzeln zu lösen und einen mehr denn respektablen gesellschaftlichen Status zu erlangen, was ihn wiederum zwangsläufig von seiner Herkunft wegtreibt. Job, Ehe und ein sündhaft teures Hochhaus-Appartement symbolisieren jene bewusste Abkehr auf das Deutlichste. Erst mit Yasins Tod wird ihm bewusst, dass Herz und Blut sich jedoch nicht so einfach verleugnen lassen und seine mäandernde Biographie treibt ihn zurück in dunkle, lange ignorierte Sphären. Die sich nun überaus gewalttätig und unter gezielter Zuhilfenahme von Steroiden entladenden Aggressionen, bezeichnenderweise praktiziert hinter der Tarnung einer Art selbstanonymisierenden „Superhelden-Kostüms“, entfremden ihm wiederum von allem, was er sich so mühselig vor Ort aufgebaut hat. Dennoch führt er seinen einmal eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende.
Dass Ahmads ebenso schöner wie dunkler, durchaus vielschichtiger Film sich längst nicht allein als reines Genrewerk begreift, sondern zudem als eine soziokulturelle Bestandsaufnahme, die ebensogut auch in den meisten anderen mittelwesteuropäischen Großstädten Platz fände, verleiht ihm eine besondere Zusatznote.

8/10

BRAWL IN CELL BLOCK 99

„Prison will give me plenty ‚o time on guys that I don’t like.“

Brawl In Cell Block 99 ~ USA 2017
Directed By: S. Craig Zahler

Um die Ehe mit seiner frustrierten Gattin Lauren (Jennifer Carpenter) zu retten, lässt sich der faustmächtige Bradley Thomas (Vince Vaughn) auf die Lohnliste des Dealers Gil (Marc Blucas) setzen. Das Arrangement geht eine zeitlang gut, bis eine Transaktion zwischen Gil und dem undurchsichtigen Eleazar (Dion Mucciacito) im Hafen gründlich schief läuft und Thomas in der Folge einwandert. Im Knast wird er flugs erpresst – von Eleazar, der die schwangere Lauren entführt hat und droht, sie zu töten, wenn Thomas nicht dafür sorgt, in das Hochsicherheitsgefängnis Redleaf verlegt zu werden, um dort einen Insassen namens Christopher Bridge zu ermorden. Dafür muss Thomas wiederum zunächst in das Kellergeschoss von Redleaf, Cell Block 99, gelangen. Über Umwege dort angelangt, stellt Thomas fest, dass man ihn schwer gelinkt hat.

Nach dem Kannibalenwestern „Bone Tomahawk“ erweist sich S. Craig Zahler neuerlich als das, was ich gern als „Referentialregisseur“ bezeichnen möchte und setzt sich damit endgültig in direkte Genealgie zum Schaffen eines Quentin Tarantino. Die (Re-)Aktivierung arrivierter Altstars, die Bedienung klassischer Genresujets und die unablässige Liebäugelei mit Grindhouse und Exploitation sprechen Bände.
Freilich gibt es jedoch auch eindeutige Differenzen, respektive Eigenheiten, die Zahler in diversen Nuancen vom großen Vorbild abheben. Zunächst ist er sehr viel mehr Freund von visueller Kommunikation denn von unablässig stattfindendem Dialog, was seine rein filmische Sprache um Einiges bestimmender erscheinen lässt. Dann erweist sich Zahler als sehr viel aufrichtiger, was seinen Einsatz von visuellen Bräsigkeiten anbelangt – für den Mainstream, mit dem Tarantino insgeheim ja spätestens seit seinem zweiten Film liebäugelt, sind Zahlers Filme schlicht zu deftig und zu underground-affin. Damit ist er jedoch gewissermaßen auch ehrlicher zu seinen kreativen Wurzeln, die nicht nur im amerikanischen Drive-In-Kino liegen, sondern auch bei den europäischen Exporteuren der Spätsiebziger und Frühachtziger, die die Grenzen zwischen körperlicher Auflösung und Grand Guignol in blutigem Schmodder zerfließen ließen. „Brawl In Cell Block 99“ wird nur selten hart, aber wenn, dann richtig und ohne Kompromissbereitschaften.
Die Idee, den staturisch ja überaus beeindruckenden Vince Vaughn in die Ahnenreihe der neuen Selbstjustiz-Superhelden zu setzen, die durch fast nichts aufzuhalten sind und ihre Gegner ebenso fachgerecht wie mit stoischer Miene in überwältigender Zahl ins Jenseits schicken, erweist sich bereits in den ersten Minuten des Films als zwingend. Man ist, spätestens, wenn er seine Wut über ihren Betrug am Auto seiner Frau auslässt, gar geneigt, zu fragen, warum Vaughn überhaupt so lange im Comedy-Fach verweilte, wo doch eine ähnlich sublime Aggressivität in ihm zu schlummern scheint wie in seiner Filmfigur.
Einen Originalitätspreis wird man „Brawl In Cell Block 99“ nun nicht zugestehen können, dafür assimiliert er sich dann doch zu sehr und zu willfährig an gängige Strukturen und Schemata. Aber er ist ein knackiges, vitales Stück Kino, das fesselt und Spaß macht, wenn man sich zumindest eine kleine Affinität zu stürmisch aufbrausenden Gewaltfantasien mit gepflegtem Horrortouch bewahrt hat.

8/10

BLOODY MAMA

„We’re gonna take what’s ours!“

Bloody Mama ~ USA 1970
Directed By: Roger Corman

Während der Depressionszeit entwickelt sich die „Barker-Gang“, bestehend aus Kate „Ma“ Barker (Shelley Winters), ihren vier Söhnen Herman (Don Stroud), Lloyd (Robert De Niro), Fred (Robert Walden), Arthur (Clint Kimbrough) und Freds Freund Kevin Dirkman (Bruce Dern), zu den berüchtigsten Gangstern im Südwesten des Landes. Nach Jahren der Flucht mitsamt etlichen Raubüberfällen und einer spektakulären Kidnapping-Aktion um den millionenschweren Unternehmer Pendlebury (Pat Hingle), gelingt es dem FBI, die Bande in Florida zu stellen und unschädlich zu machen.

Roger Cormans in den Spätsechzigern und Frühsiebzigern entstandene Regiearbeiten werden vermutlich nur deshalb beständig von New-Hollywood-Kanonisten übergangen, weil Corman bis heute mit dem stets augenzwinkernd konnotierten Image des unermüdlich umtriebigen Billigproduzenten, der sich für kein noch so albernes Projekt zu schade ist, anhaftet. Dabei sollte Cormans künstlerische Integrität bei etwas eingehenderer Beleuchtung vor allem seines späteren Werks als Regisseur außer Frage stehen. Zudem bilden Filme über Gangster in der Depressions- und Prohibitionsära ein eminentes Segment New Hollywoods und eines der wenigen letzten, von der Strömung weiterhin regelmäßig bedienten, klassischen Genres, das nicht zuletzt durch Arthur Penns „Bonnie & Clyde“ zugleich einen bedeutsamen Initiationsschuss der bis heuer stilistisch nicht eindeutig umreißbaren „Bewegung“ beinhaltet. Entsprechende Beiträge folgten unter anderem von Aldrich, Altman, Milius und eben Corman sowie seinem Schüler Steve Carver.
Die authentische Kate „Ma“ Barker bildet neben den vielen anderen schillernden Kriminellen ihrer Zeit eine besondere Projektionsfläche für hauseigene Mythen und deren blumige Ausgestaltung; sie gilt als personifiziertes Matriarchat, als Albtraum selbstbestimmter, sexuell libertiner Weiblichkeit in einem ansonsten ausschließlich von Männern dominierten Milieu. Corman trägt dieser Legendenbildung willfährig Rechnung und macht sie sich zunutze, indem er trotz eingangs formulierter Ähnlichkeitsbeteuerung wenig Notiz von den historischen Fakten nimmt und sein eigenes Süppchen um Kate Barker und ihre Söhne anrührt. „Bloody Mama“ entwickelt sich gleich von der ersten Einstellung an zu einem Festival der Abseitigkeiten, des anti-bourgeoisen, akzeptanznegierten Lebensstils. Zu Beginn wird die junge Kate Barker (Lisa Linsky) einmal mehr zum Opfer einer Vergewaltigung durch Vater und Brüder, offenbar eine nicht unwichtige Motivationsgrundlage für ihre spätere Karriere. Nachdem sie und die vier Jungs ihren Ehemann und Vater (Alex Nicol), einen weinerlichen, affirmativen Schwächling, verlassen haben, beginnt ihre Tobestrecke quer durch den Mittel- und Südwesten des Landes. Zu ihren Söhnen plegt Kate ein ebenso autoritatives wie inniges Verhältnis, das auch regelmäßige inzestuöse Zuwendungen nicht ausspart. Jeder der Vier wiederum trägt derweil nochmals (s)ein ganz spezifisches „Problem“ spazieren: Herman ist ein sadistischer Soziopath und Mörder, Lloyd bindungsunfähig und heroinsüchtig, Fred ein homosexueller Masochist und Arthur das bloße Anhängsel. Corman porträtiert diese komplexen Charaktere so weit als möglich wertfrei und nüchtern; selbst für Ma findet er bei aller Gewaltaffinität immer wieder Momente sehnsuchtsvoller Zärtlichkeit und Träumerei. Die Kamera entfesselt sich immer wieder und vollführt radikale Schwenks nebst dazu passender Montage; auch hier macht sich eine Emanzipation von der Konvention bemerkbar.
„Bloody Mama“ lädt zu einer unbedingt lohnenswerten Reise ein; als Mosaikstück einer auch nur halbwegs vollständigen Chronologie des amerikanischen Gangsterfilms scheint er mir darüber hinaus unverzichtbar.

9/10

THE BUTCHER

„Isn’t everyhing that’s great in life unfortunately temporary?“

The Butcher ~ USA 2009
Directed By: Jesse V. Johnson

Ex-Boxer Merle „The Butcher“ Hench (Eric Roberts) arbeitet bereits seit etlichen Jahren und ohne zu murren als „Mädchen für alles“ für den Gangsterboss Murdoch (Robert Davi). Als Murdoch glaubt, Hench habe seinen Biss verloren und gehöre zum alten Eisen, will er ihn im Zuge eines Coups gegen die Konkurrenz verheizen. Doch Merle kann mit einem gehörigen Kontingent an Beutegeld entkommen und beschließt, gemeinsam mit der Bardame Jackie (Irina Björklund) aus der Stadt zu verschwinden und irgendwo neu anzufangen. Zuvor heißt es jedoch, zwei Unterweltpatriarchen und ihre gesammelte Killergilde aus dem Weg zu räumen. Merle muss seinem alten Alias gezwungenermaßen alle Ehre machen…

Stunt-Koordinator und DTV-Regisseur Jesse V. Johnson ist – zumindest in eigener Sache – ein nicht eben zimperlich vorgehende, ruppiger Bursche, dessen Geschichten es sich zwar augenscheinlich in komplexitätsreduziertem, pulpigen Ambiente gemütlich machen, einer Klapperschlange gleich jedoch immer wieder und unerwartet blitzeschnell hervorschießen und zubeißen. So wiegt auch „The Butcher“ sich zu Beginn in wortreichem, unleugbar von Tarantinos Gangsterkino beeinflusstem und kostengünstig aufgezogenen Neo-Noir-Chic, dessen Verlauf sich hier und da noch allzu gemächlich ausnimmt, entwickelt sich zum Showdown hin jedoch zu einer alles niederwalzenden Blei- und Blutorgie, die die vormalige Inspirationsquelle zugunsten eiskalter Hill-Kanonaden fallenlässt wie eine glühend heiße Bowlingkugel und „The Butcher“ zu einem arschharten Abschluss mit vielen Uffs führt, der den gesamten Film zugleich deutlich runder und klassizistischer dastehen lässt, als es zunächst noch den Anschein machte. Für den in Ehren ergrauten Eric Roberts in der Titelrolle erweist sich Johnsons Script als spätes Geschenk, das er demzufolge auch zu nutzen versteht und dem er durch sein ausgezeichnetes Spiel Rechnung trägt, derweil sich weitere betagte Legenden aus dem Spotlight-Abseits, namentlich Davi, Geoffrey Lewis, Keith David, Michael Ironside oder Vernon Wells in Nebenparts und Cameos für ihr Engagement erkenntlich zeigen. Dass der rohdiamantene „The Butcher“ sich somit als ein kleines Reminiszenz-Event für den etwas aufmerksameren Filmdetektiv erweist, darf man wiederum als Kompliment an sich selbst als Rezipienten begreifen.

8/10

THE TRAP

„Ain’t nothin‘ left to stand up for.“

The Trap (Die Falle von Tula) ~ USA 1959
Directed By: Norman Panama

Anwalt Ralph Anderson (Richard Widmark) kehrt nach langen Jahren zurück in das kleine, kalifornische Nest Tulsa, in dem sein alternder, hartherziger Vater Lloyd (Carl Benton Reid) nach wie vor als Sheriff aktiv ist und sein versoffener Bruder Tippy (Earl Holliman) den Deputy spielt. Tippy hat zudem Ralphs Jugendliebe Linda (Tina Louise) geheiratet. Für Ralph gibt es somit wenige Gründe zu nostalgischen Gefühlen, doch sind seine Motive auch höchst praktikabler Natur: Er soll dem steckbriefich gesuchten Mafiaboss Victor Massonetti (Lee J. Cobb) eine störungsfreie Flucht ins Ausland über Tulas kleinen Flughafen ermöglichen und seinen Vater zu entsprechenden Maßnahmen anstiften. Der Vernunft halber lässt der Sheriff sich überreden, wird jedoch wegen eines Missverständnisses erschossen, an dem Tippy, der das Kopfgeld für Massonetti einfahren will, erschossen. Ralph bleibt nurmehr die Flucht nach vorn, er nimmt Massonetti gefangen und flieht mit Tippy und Linda, die sich mittlerweile zu Ralph bekannt hat, in die nächste Stadt. Doch der Wagen überhitzt bald und Massonettis Leute sind ihnen dicht auf den Fersen…

Einen leicht verspäteten noir in bleichen Farben hat der als Gelegenheitsregisseur und vornehmlich als Drehbuchautor tätige Norman Panama, der üblicherweise vornehmlich im Komödienfach aktiv war, mit „The Trap“ geschaffen. Das staubige Wüstensetting der sich mehr und mehr verdichtenden Geschichte lässt zudem Anklänge an die „Countdown-Western“ der Dekade im Gefolge von Zinnemanns „High Noon“ eminent werden, in denen ein einsamer Held gegen die Zeit zu kämpfen hat und wahlweise eine brisante Situation auszusitzen oder einen Gauner einem regional distanzierten Ziel zuzuführen hat. Am Anfang glaubt man in Unkenntnis der kommenden Ereignisse noch, Widmark mit seinem wie üblich kurzkrempigen Stetson sei ein G-Man, der in dem Prärienest einen Auftrag zu erledigen hat, doch weit gefehlt. Die rasch erfolgende Belehrung des Besseren offenbart einen tief verwurzelten Familienkonflikt, der sich Jahre zuvor zwischen Anderson, seinem Vater und seinem Bruder entsponnen hat: Einst hatte Tippy betrunken einen Wagen gestohlen und Ralph heldenhaft die Schuld auf sich genommen. Der Vater verstieß seinen eigentlichen Lieblingssohn daraufhin aus Herz und Leben, was Ralph, dessen erfolgreich verlaufende Anwaltskarriere (wie er selbst zugibt) vor allem ein großer Befreiungsschlag ist gegen das stets präsente Gefühl der Nutzlosigkeit, selbst nie verwinden kann. In dieser Hinsicht greift „The Trap“ das biblische Gleichnis des verlorenen Sohns auf und gemahnt insofern an Kazans „East Of Eden“-Adaption; der Vater selbst zerbricht unmerklich an seiner einseitigen Sicht der Dinge, derweil die Söhne hilflos daneben stehen. Doch erhält der von Holliman ziemlich eindrucksvoll gespielte Tippy keine Gelegenheit zur Bewährung; vielmehr vergrößert sich sein Hass auf den älteren, sehr viel charakterstärkeren Bruder stattdessen noch mit jedem ihm selbst zuzuschreibenden Fehltritt. Das psychologische Fundament der Geschichte darf sich also mithin komplex rufen lassen, was dem sukzessive hermetischer werdenden Film überaus gut zu Gesicht steht. Am Ende stellte sich mir noch kurz die Frage, was ein Regisseur wie Sturges oder Dmytryk aus dem Stoff gemacht hätte. Selbige vermochte ich infolge allgemeiner Zufriedenheit mit dem Dargebotenen dann aber doch recht flugs wieder zu verwerfen.

7/10