UNCUT GEMS

„You gamble and it’s about to pay off.“

Uncut Gems (Der schwarze Diamant) ~ USA 2019
Directed By: Benny Safdie/Josh Safdie

Zu konstatieren, Howard Ratner (Adam Sandler) sei ein Mann mit Problemen, wäre in etwa so untertrieben wie den Olympus Mons als Kieselsteinchen zu bezeichnen. Der jüdischstämmige New Yorker hat gewissermaßen ein Händchen dafür, potenzielles Gold in Scheiße zu verwandeln. Ratner lebt im wahrsten Sinne des Wortes „auf Pump“. Sein halbseidenes Juwelierlädchen geht gerade so mittelmäßig und bei Buchmachern und Pfandleihern geht er häufiger ein und aus als bei der eigenen Vorstadtvilla. Dort leben seine Frau (Idina Menzel), die sich nichts sehnlicher wünscht als den ihr mit seiner Angestellten Julia (Julia Fox) Hörner aufsetzenden Schwerenöter endlich loszusein und seine drei Kinder (Jacob Igielski, Jonathan Aranbayev, Noa Fisher), von denen sich Ratner systematisch entfremdet. Bei seinem Schwager Arno (Eric Bogosian) ist er hoch verschuldet, seinem Schwiegervater (Judd Hirsch) spielt er den Erfolgsmann mehr schlecht als recht vor. Das Schlimmste jedoch: Ratner ist ein hoffnungsloser Zocker. Als eines Tages der Basketball-Star Kevin Garnett (Kevin Garnett) und ein Paket mit einem unverschnittenen schwarzen Opal aus Äthiopien gleichzeitig in Ratners Büro auftauchen, beginnt der Anfang vom Rest seines Lebens.

Es wird mir langsam etwas unheimlich und auch unangenehm, aber die besten aktuellen Filme, die ich in den letzten Monaten gesehen habe, sind Netflix-Produktionen. Dazu gehört seit gestern auch das unfassbare Meisterwerk „Uncut Gems“ der mir dato zu meiner Schande noch fremden Safdie-Brüder Benny und Josh.
Einer der vielen Clous, die diesen exzellenten Film flankieren, besteht dabei in der Besetzung des Protagonisten Howard Ratner mit Adam Sandler, der ja mit seinem eigenen Comedy-Kosmos bereits eine wunderbare Nische als einer der denkwürdigsten Künstler der amerikanischen Gegenwartskultur auskleidet, sein eigentliches schauspielerisches Talent aber vor allem unregelmäßig dann zur Geltung bringt, wenn er unter Fremdägide Ernst macht. Seine stets melancholischen Typen sind dann zugleich allenthalben auch Vollneurotiker, deren psychische Untiefen sie an biographische Wegscheiden führen, hinter denen wahlweise tiefer Fall oder Erlösung warten.
Filme über Spieler können, wenn sie gut sind, beinahe körperliche Schmerzen bei mir auslösen, ich denke da spontan an Jewison, Reisz, Altman, Ferrara oder Dahl. Das höchste Risiko, der entscheidende Schritt über jedwede Vernunft hinaus, das Alles oder Nichts, obwohl bereits der Schwefelgestank des Fegefeuers in die Nase weht, das kann wahrhaft Angst und Bange machen. Ich selbst war und bin kein Spielertyp, da ich nicht an Glück glaube und mir der Reiz optionaler Gewinnmaximierung stets fremd blieb. Umso leid- und lustvoller beobachte ich seit jeher den Glücksspieler im Film, der mit leuchtenden Augen und fließendem Speichel sein Leben mit Füßen tritt. Howard Ratner ist so einer; einer, der vorsätzlich mit verbundenen Augen und breitem Grinsen die Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung hinabrast.
Das Finale von „Uncut Gems“ in Ratners Büro fügte mir allein unter diesem Gesichtspunkt diverse Nadelstiche geradewegs in die inneren Organe zu – man ist phasenweise sogar gewillt, sich von Ratners euphorischem Gezappel vor dem Fernseher anstecken zu lassen, bis die Erde ihn dann doch unweigerlich zurückruft. Die Episoden davor, die manchmal bitterbös komische und manchmal bloß bitterböse Fallstudie eines Typen, den man gern unablässig ohrfeigen würde, führen mit ungeheurer inszenatorischer Präzision, bizarr besetzten Nebenparts und brillantem Spiel zielgerade darauf zu. Umso befremdlicher im Gegenzug Ratners Hang dazu, die doch immer größere Niederlagen ankündigenden Schatten schlicht zu ignorieren, einem Junkie gleich unverbesserlich weiterzumachen als sei nichts und die oberflächlichen Glücksmomente auszukosten, gerade so, als wären diese überhaupt noch irgendetwas wert.

10/10

THE IRISHMAN

„Back then, there wasn’t nobody in this country who didn’t know who Jimmy Hoffa was.“

The Irishman ~ USA 2019
Directed By: Martin Scorsese

Pennsylvania in den Fünfzigern. Per Zufall lernt der irischstämmige Truckfahrer Frank Sheeran (Robert De Niro) den Mobster Russell Bufalino (Joe Pesci) kennen. Bald begegnet man sich abermals und es erwächst allmählich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern. Sheeran übernimmt erste Aufträge für Bufalino und die Mafia, die bald auch Morde an unliebsamen „Familienmitgliedern“ beinhalten. Der „Irishman“ steigt in der Gangsterhierarchie nach und nach soweit auf, wie es einem Nichtitaliener möglich ist; unter anderem macht Bufalino ihn mit dem Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (Al Pacino) bekannt, mit dem und dessen Familie sich Sheeran nebst seiner eigenen Frau und deren Kinder sich wiederum innig befreunden. Als die Kennedys Hoffa wegen seiner zwielichtigen Aktivitäten und Kontakte ins Visier nehmen, unterstützen Sheeran und die Mafia ihn soweit als möglich; eine sich während Hoffas Gefängnisaufenthalt in den Sechzigern entzündende Intimfeindschaft mit dem ebenfalls einsitzenden Gangster „Tony Pro“ Provenzano (Stephen Graham) jedoch bringt den Teamsterchef selbst auf die langfristige Abschlussliste des Mob. Mehrfach versuchen Bufalino und Sheeran zu intervenieren und Hoffa zum Rücktritt zu bewegen – zwecklos. Als Hoffa im Juli 1975 spurlos verschwindet, ahnt Sheerans Tochter Peggy (Anna Paquin), die mit dem Freund ihres Dads stets eine innigere Beziehung verband als mit ihrem eigenen Vater, dass dieser in direktem Zusammenhang mit jenem Ereignis steht. Sie wechselt nie wieder ein Wort mit ihm.

Viel wurde bereits im Vorhinein um und über Scorseses jüngstes Epos, sein bisher erzählzeitintensivstes Werk und seinen dritten großen Mafiafilm, diskutiert und beiden in jenen Zügen diverse Vorhaltungen gemacht. Zunächst bildete die Tatsache, dass binnen der langwierigen Produktionsgeschichte von „The Irishman“ der Maestro schließlich von Paramount zu Netflix wechselte, die die Veröffentlichungsrechte für eine immens hohe Summe erworben hatten und sich zudem bereit zeigten, die eingeforderten Budgeterhöhungen zu übernehmen, für mancherorts barsche Kritik. Ausgerechnet Scorsese, großer Liebhaber des Kinos und seiner Geschichte, Preservateur des Mediums und erst zuletzt wegen seiner abfälligen Äußerungen zu einer jüngeren Mainstreamspielart der Leinwand, nämlich den Superhelden-Adaptionen wie denen des MCU, umfassend zitiert, verkaufte sich, sein Talent und gewissermaßen auch seine künstlerische Integrität an einen der großen Streaming-Dienste. Wie als flüchtige Apologie gab es kurzbefristete, internationale Kinoaufführungen, was Scorsese damit kommentierte, dass doch auch frühere seiner Filme wie „The King Of Comedy“ wegen allgemeiner Publikumsmissachtung schon nach zwei Wochen wieder aus den Lichtspielsälen flogen. Ferner strafte man den besonders teuren visual effect um das sogenannte „De-Aging“ der Darsteller ab, der tasächlich große Teile der Nachproduktionskosten verschlang. Statt per Make-Up wurden De Niro, Pesci und die anderen aufwendig via CGI kunstverjüngt, eine Maßnahme, von der häufig zu lesen ist, sie wirke allzu artifiziell, sichtlich misslungen und kaschiere bei aller Liebe dann doch nicht die Motorik der tatsächlich in ihren Siebzigern befindlichen Akteure. Einmal habe ich sogar gelesen, „The Irishman“ funktioniere als Hoffa-Biographie überhaupt nicht, von diversen anderen mehr oder minder relevanten Makulaturen erinmal ganz abgesehen.
Die stillere, weitaus größere Majorität jedoch scheint „The Irishman“ zu mögen, teils gar aufrichtig zu lieben, und in ihm ein starkes Alterswerk des großen Regiekünstlers auszumachen.
Zunächst einmal halte auch ich den Film für ein spätes Monument im Schaffen Scorseses und für seinen vielleicht gelungensten und geschlossensten seit der Jahtausendwende („Hugo“ bin ich mir allerdings immer noch schuldig). Vieles an ihm ist Zeugnis abgeklärter Perfektion und der Gewissheit, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Anders als „Goodfellas“ und „Casino“, die sich darin gefielen, die glamouröse Seite des Wise-Guy-Lebens auszustellen, mit ihrem wahnwitzigen Tempo, ausgestellter Brutalität, Musik, Schnitt und rauschhaften Farbpaletten vor allem audiovisuelle Meisterschaft erreichten, ist „The Irishman“ exakt das, womit er sich selbst einführt: Ein geriatrischer, ein Senioren-Gangsterfilm. Das einstmals von Scorsese gewohnte, flotte pacing, das etwa der koksbeseelte „The Wolf Of Wall Street“ noch vorschützte, weicht einem nachgerade melancholischen Biopic, das es sich zudem leistet, seine großen Topoi von zwischenmenschlichem Verrat im Gegenzug zu stoischem Pflichtbewusstsein, von Schuld und Sühne, gänzlich entgrellt und auf einer rein introvertierten Ebene zu verhandeln. Dass es in „The Irishman“ trotz Pacinos (tollem!) exaltierten Spiel keinesfalls um Jimmy Hoffa geht, sondern um den titelgebenden Frank Sheeran, scheint dabei mancherorts vergessen zu werden. Für De Niro ist Sheeran vielleicht die letzte, große Rolle seines Lebens nachdem er sich in den vielen Jahren zuvor meist vornehmlich als kauziger Komödiant oder in anderweitig lauen Parts hat verheizen lassen, die von der frühen Grandezza seines fesselnden method acting kaum mehr etwas erkennen ließen. Weder Scorsese noch er selbst begehen in ihrer achten Zusammenarbeit (und der ersten seit rund dreiundzwanzig Jahren) dabei jedoch den naheliegenden Fehler, Frank Sheeran den spaßigen, Szenenapplaus evozierenden Nimbus des ovationsträchtigen Antihelden-Mafioso zu verehren, wie ihn ehedem vielleicht der paranoide Ray Liotta oder der flirrende Joe Pesci (der hier als ungewohnt selbstkontrollierter Pate in einem bewussten Gegenentwurf zu seinen früheren, cholerischen personae zu sehen ist) ausfüllten. Frank Sheeran ist, nicht nur wegen De Niros tatsächlichem Alter, bereits in jüngeren Jahren gewissermaßen frühvergreist. Er lässt sich widerstandslos zum willfährigen Instrument machen, dessen „Fähigkeit“, moralische und gesetzliche Grenzen zu übertreten, neben seiner hündischen Obrigkeitsergebenheit seine einzige, große Qualität darstellt. Weder ist Sheeran sonderlich intelligent, noch in der Lage, über ein eng begrenztes Maß hinaus Empathie entwickeln. Als es darum geht, seinen besten Freund zu ermorden, befolgt er auch diesen Auftrag ohne große Gegenwehr – er wollte es ja nicht anders. Doch zahlt auch Sheeran seinen Preis. Im hohen Alter steht er allein da, die anderen seiner Generation längst weggestorben, von der eigenen Familie, der aus Fleisch und Blut, wohlweislich abgestraft und ignoriert. Die finale Erlösung, den (Film-) Tod, enthält Scorsese ihm und uns vor. Frank Sheeran muss mit der Hölle seines Gewissens, dem Rückblick auf eine erbärmliche Existenz als affirmativer Sklave, weiterleben.

9/10

THE MULE

„I could buy everything, but I couldn’t buy time.“

The Mule ~ USA 2018
Directed By: Clint Eastwood

Eher durch ganz alltägliche Koinzidenz gerät der alte Blumenzüchter Earl Stone (Clint Eastwood) an die mexikanische Drogenmafia. Ein lukrativer Job, in dessen Zuge Earl nichts anderes zu tun hat, als mit seinem rostigen Pick-up eine Ladung Kokain von Texas nach Illinois zu transportieren und dort abzuliefern, lässt den rüstigen Rentner Blut lecken. Er wird zu einem „mule“, einem interstaatlichen Drogenkurier der mexikanischen Kartelle, der sich durch seine ruhige und unaufgeregte Art schon bald die Sympathie seiner Mittelsmänner sichern kann und immer mehr Geld verdient. Derweil kriselt es an allen sonstigen Fronten: Die DEA in Form des umtriebigen Agent Bates (Bradley Cooper) wird auf Earl aufmerksam und heftet sich an seine Fährte; die Beziehung Earls zu seiner Familie kriselt heftigst. Als ein Emporkömmling (Clifton Collins Jr.) aus der eigenen Organisation Earls obersten Boss, den Kartellchef Laton (Andy Garcia), aus dem Weg räumt, fangen Earls Schwierigkeiten jedoch erst richtig an.

Und erneut liefert der große alte Mann des amerikanischen Kinos ab, folgt seinem Stil als lakonischer auteur, der um sich selbst als Protagonisten immer noch die wahrscheinlich schönsten Storys inszeniert und vermag selbst als greiser 88-jähriger noch seine Anhängerschaft zu rühren, ohne sich Weinerlichkeiten hinzugeben. Den Vorschutz von lauter Aggressivität, wie ihn der oftmals wütende Eastwood der siebziger und achtziger Jahre noch befleißigte, ist längst passé und selbst ein paar unumgängliche Gewaltmomente, wie die Ermordung des druglord Laton oder eine Tracht Prügel, die Earl Stone von zwei mexikanischen Gorillas bezieht, spielen sich entweder in beinahe humoristisch geprägtem Kontext ab bzw. werden erst gar nicht onscreen dargestellt. Stattdessen frönt Eastwood ganz lässig jenem Topos, der ihn bereits seit rund drei Dekaden und mit zunehmender Vehemenz vornehmlich umtreibt – der Melancholie des würdevollen Alterns. Auch das damit eng verbundene Motiv der entfremdeten Familie, die über die Jahre hinweg zum Opfer des autobiographisch in der Hauptsache mit sich selbst und seinen Angelegenheiten befassten, alternden Eigenbrötlers wird, geriert erneut zum wesentlichen Stoff von Eastwoods nach wie vor uramerikanischer Geschichtsschreiberei. Earl Stone ist alles andere als ein Mensch mit kriminellem Potenzial. Vielmehr möchte man ihn als typischen Südstaatensenior vom alten Schlag – Korea-Veteran, Charmeur, leidenschaftlicher Blumenfreund und eben lausiger Familienvater, der er ist – bezeichnen, einen, der Afroamerikaner noch so unbedarft wie freundlich als „negroes“ anspricht und den die vergessene Hochzeit seiner Tochter (Alison Eastwood) zugunsten des Besuchs einer Blumenmesse auch deren letzte Sympathien kostet. Der Einsatz seiner realen Tochter in dieser Rolle spricht Bände. Zwölf Jahre später hat der Online-Handel den hoffnungslos technikfremden Ewiggestrigen, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Internet und Mobiltelefone schimpft, in den Ruin getrieben. Hier setzt dann der Kernplot ein, der Earl Stone als zumindest geistig noch wendigen Lebenskünstler zeigt, der sich von dem Geld für seine Koksfahrten noch ein paar schöne Dinge gönnt. Wie zuletzt stets befleißigt sich Eastwood aufs Neue der treuen Weise „the best stories are written by life itself“ und erzählt die wahre Geschichte des Horikulturisten und Drogenkuriers Leo Sharp nach, der über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg quer durch die USA Kokain für das Sinaloa-Kartell transportierte und mit 87 Jahren verhaftet wurde. Nach einem Jahr der abzusitzenden Strafe wurde der nette, alte Herr wieder entlassen und starb dann wiederum zwei Jahre später. Seinen Film lässt Eastwood nicht mit dem Tod des Protagonisten enden. Er zeigt seinen Earl Stone vielmehr da, wo er glücklicher nicht sein könnte – bei der Blumenhege. Dass dieser sich dabei im Knast befindet, trübt seine sympathische Geschichte keinesfalls ein, im Gegenteil. Der Mythos darf vielmehr noch ein paar Jahre weiterleben.

8/10

ROCKNROLLA

„Beauty is a cruel mistress, is it not?“

RocknRolla ~ UK/USA/F 2008
Directed By: Guy Ritchie

Der gefürchtete Londoner Gangster und Immobilienhai Lenny Cole (Tom Wilkinson) gerät in ungewohnte Verlegenheiten, als ein Millionengeschäft mit dem russischen Oligarchen Uri Omovich (Karel Roden) durch unablässige Zwischenfälle gestört wird. So versucht Rodens Buchhalterin Stella (Thandie Newton), ihren Boss ohne es ihn merken zu lassen, gleich mehrfach um sein Geld zu erleichtern, und so verschwindet ein wertvolles Gemälde, an dem Uris ganzes Herzblut hängt. Inmitten des sich auftürmenden Schlamassels: die drei Kleinganoven One Two (Gerard Butler), Mumbles (Idris Elba) und Bob (Tom Hardy).

Nach dem recht kläglichen Kassenversagen seines gewiss leicht verworrenen, aber nicht uninteressanten „Revolver“ schien Guy Ritchie endgültig abgeschrieben, zog sich mit seinem bis dato letzten Gangsterfilm „RocknRolla“ dann jedoch nochmal am eigenen Schopf aus der Sparte Kassengift. So ungelenk sein Titel, so mittelmäßig wurde dann auch das dazugehörige Werk – ein routiniertes Abspulen hinlänglich bekannter Stilismen, in seiner vergleichsweisen Betulichkeit weit weg vom quirligen Anarcho-Habitus, den Ritchie in seinen beiden sehr viel besser gelungenen Erstlingswerken kultivierte. Als habe die just in Scheidung begriffene Ehe mit Madonna ihn kreativ ausgelaugt, drückt Ritchie zwar wiederum hinlänglich benutzte Knöpfe, vermag jedoch nicht mehr, die wesentlichste Ingredienz vormaliger Großtaten zu reaktivieren – die sympathischen Loserfiguren nämlich, die miesen, kleinen Cockney-Gauner, Großkotze und Sprücheklopfer, denen man so passioniert auf ihrem Weg Rolltreppe abwärts zuzuschauen liebte. Hinzu kommt, dass Tom Wilkinson, so sehr es sich auch abmüht, keinerlei Ersatz für einen P.H. Moriarty oder Alan Young abgibt, denen man jederzeit abnahm, dass sie eines ihrer zuvor übervorteilten Opfer schneller strecken, rädern, und vierteilen konnten als es dauert, ein Tässchen Tee zu trinken. Die einstmals schnittigen oneliner weichen oftmals müdem bis beliebigem Geplänkel, die Auftritte und Monologe von  Toby Kebbell als titelgebendem Junkie-Rocker nerven eher als dass sie die Story weitertreiben und selbst einen als kapital vorhersehbaren Fehler verkneift sich Ritchie nicht: Er wirft mit der aparten Thandie Newton eine femme fatale als Protagonistin ins Spiel, eine Figur, die in den prollig-testosteron-geschwängerten Mikrokosmen der Londoner Unterwelten so überhaupt nicht hereinpassen mag und, als habe Ritchie dies später noch erkannt, dann auch ein klägliches Ende für ihre verräterische Intrigenspinnerei findet. Da „RocknRolla“ aber von Pokertischen und schummrigen Boxringen zu Hochfinanz, Milliardären und Politik überwechselt, musste offenbar auch eine exquisite Frauenfigur her. Sogar Polizisten kommen jetzt vor (wenn auch nur beiläufig). Die zwei Russenkiller (Alex Kovas, Mario Woszcycki) derweil entbieten kaum mehr denn einen mauen Vinnie-Jones-Ersatz und eine geflissentlich interessante Figur wie den Knowitall Tank (Nonso Anozie) verspielt das Script leichtfertig.
Trotz all meinem Gemaunze bleibt zumindest immer noch ein immerhin formal hochglänzender Gangsterfilm mit ein paar wenigen guten Szenen und einer zumindest gewohnt hervorragenden Songauswahl, letztere das Beste am ganzen Kuchen.

5/10

SNATCH

„You should never underestimate the predictability of stupidity.“

Snatch ~ UK/USA 2000
Directed By: Guy Ritchie

Die Londoner Unterwelt gerät in ein heilloses Durcheinander, das um einen gestohlenen Diamanten, getürkte Boxkämpfe und einen gefräßigen Hund kreist.

Mit dem famosen, bis zur Schmerzgrenze stilisierten „Lock, Stock & Two Smoking Barrels“, der in der Post-„Pulp-Fiction“-Ära auf fruchtbaren Publikumsboden stieß, holte Guy Ritchie das ultracoole Gangsterkino zurück auf sein diebezüglich traditionsbeflissenes Londoner Terrain. Irgendwo zwischen bekiffter Entspanntheit und montagebedingter Hektik entwarf Ritchie darin ein quietschfideles, launiges Panoptikum ebenso komischer wie brutal zu Werke gehender Ganoven, die allesamt um einen MacGuffin in Form zweier wertvoller, antiker Gewehre herumtänzelten und sich dabei beinahe durch die Bank die nervösen Pfoten verbrannten.
Der zwei Jahre später unter US-Beteiligung entstandene „Snatch“ ist zunächst rein strukturell betrachtet ein nochmals gepimptes Rip-off derselben Geschichte, mit einem nochmals unübersichtlicherem Sammelsurium an unterschiedlichen Interessensgruppen, motivischen Gemengelagen und inhaltlichen Wendungen, das das oberflächlich chaotische, in Wahrheit aber natürlich höchst ausgefuchste Resultat dicht an die klassische screwball comedy rückt. Wieder gibt es, der zumindest halbwegs geordneten Übersicht geschuldet, einen Off-Erzähler, den diesmal der aus dem Vorgänger übernommene Jason Statham (in einer im Prinzip analog gestalteten Rolle) mimt, zugleich einer der Protagonisten des Tohuwabohus. In „Lock, Stock“ hatte diese Funktion noch Alan Ford als eher im Hintergrund agierender Kneipier inne, der wiederum diesmal eine weitaus größere und schöne Rolle als ebenso bärbeißiger wie (zu Recht) gefürchteter Unterweltboss „Brick Top“ abbekommt. Auch Jason Flemyng (als sehr anders geartete Figur) und Vinnie Jones (wiederum in nahezu identischem Part) leisten abermals ihre Aufwartung. Eine höhere internationale und kommerzielle Reichweite sichert „Snatch“ allerdings sich durch die Beteiligung mehrer US-Stars, allen voran der seine prompt legendär gewordene „Fight-Club“-Beteiligung persiflierende Brad Pitt. Dennoch möchte macht die alte „The bigger, the better“-Weise sich am Ende nicht so gänzlich bezahlt machen – sein Wegbereiter ist und bleibt gegenüber „Snatch“ schon allein infolge seines frischen Originalitätsstatus der etwas schönere Film.
Szenenwechsel, Erzähltempo und Montage sind hier ferner von nochmals erhöhter, manchmal beinahe enervierender Frequenz, die Songzusammenstellung wiederum toll, wenngleich nicht mehr ganz so exquisit. Die ebenso logische wie zwingende Konsequenz war, dass Guy Ritchie sein nunmehr zweifach bedientes Konzept restlos ausgereiz hatte und, nach der unglückseligen Heirat mit Madonna das gänzlich anders geartete Lina-Wertmüller-Remake „Swept Away“ (das ich allerdings nicht kenne und ebensowenig vorhabe, diesen scheinbar glückseligen Zustand zu ändern) dem allgemeinen Vernehmen nach gnadenlos vor die Wand setzte. Sein jüngerer Weg als Filmemacher ist dann vor allem angedenk jener ersten beiden, durchaus signifikanten Werke eher uninteressant bis beklagenswert.

8/10

AVENGEMENT

„Maybe I don’t wanna come back.“

Avengement ~ UK 2019
Directed By: Jesse V. Johnson

Der Knastinsasse und MMA-Fighter Cain Burgess (Scott Adkins) nutzt den Krebstod seiner Mutter (Jane Thorne) zur Flucht und zu einem längst überfälligen Rachefeldzug gegen seinen Bruder Lincoln (Craig Fairbrass) und dessen Gang. Lincoln, der seine schmutzigen Pfründe mit Kreditwucherei und Immobilenraub macht, sorgte einst mittels einer geschickt eingefädelten Intrige dafür, dass Cain, nachdem dieser einen getürkten Kampf doch für sich entschieden hatte, zunächst einwandern musste und dann im Gefängnis tagtäglich um sein Leben zu kämpfen hatte. Der kurze Freigang bietet Cain nun die Chance, sich für das Erlittene zu revanchieren. Er nistet sich in in Lincolns Stammkneipe ein, nimmt seine Leute als Geiseln und wartet auf den großen Boss…

Wenn (der von mir leider noch längst nicht hinreichend gewürdigte, was ich aber zu ändern gedenke) DTV-Auteur Jesse V. Johnson und Prügelgott Scott Adkins kollaborieren, kann es mitunter deftig zugehen – so auch in ihrem aktuellen Action-, Knast- und Gangsterdrama, das das allerbeste aus sich herausholt. Häufig musste ich während der Betrachtung von „Avengement“ an das berühmte, auch Milius‘ „Conan The Barbarian“ vorangestellte Nietzsche-Zitat aus „Ecce Homo“ denken: ‚Was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker“, passt jenes hier doch wie die buchstäbliche Faust aufs Auge: Mit Cain Burgess‘ Überweisung in die Staatsobhut beginnt nämlich zugleich eine entbehrungsreiche Passionsgeschichte. Nach dem schmerzlichen Verlust der allermeisten Zähne, einer Napalmattacke, unzähligen Schlägen und Stichverletzungen, hinter denen durch die Bank Cains Bruder Lincoln steckt, der sich des unliebsamen Quertreibers „von draußen“ her entledigen will, ist Cain an Leib und Seele stahlgepanzert und lebt nurmehr für den Tag der Abrechnung. Dieser wird ausgerechnet greifbar, als das arme Mütterlein stirbt – im irrigen Glauben, Lincoln wäre ein guter Samariter und Cain das schwarze Schaf. Hernach gilt es für Cain, seinem biblischen Namen die Entsprechung zu weisen.
Johnson lässt Vieles an Inspiration durchscheinen – sein musikalisches Hauptthema ist Morricone entlehnt und dass er sowohl das klassische und jüngere britische Gangsterkino wie auch die großen Knastfilme emsig studiert hat, daran braucht kein Zweifel zu bestehen. Seine signifikante Meisterschaft entwickelt er dann allerdings darin, aus jenen Elementen etwas ganz eigenes, Neues zu machen, einen furztrockenen, harten Rachethriller, der mit verschiedenen Zeitebenen und achronologisch gemixten Rückblenden geradezu virtuos zu spielen versteht und seinem Hauptdarsteller eine Bühne für dessen grandioses, wie gewohnt höchst energetisches Können zu bieten. Dass Adkins‘ Spiel seinen körperlichen Fertigkeiten nunmehr kaum nachsteht, lässt sich anhand seiner grandiosen Leistung in „Avengement“ auf das Erfreulichste ablesen. Wie er seinem Bruder und dessen Handlangern mit amalgamiertem Oberkiefer all seine Wut und seinen Hass entgegenrotzt, das hat große, rohe Klasse.
Im Nachhinein bin ich, kurze Randnotiz, zudem froh, in Ermangelung einer ungekürzten, deutschen Blu-ray gewissermaßen gezwungen gewesen zu sein, „Avengement“ importiert und somit im Original sehen zu müssen. Adkins‘ Cockney-Slang ist unersetzlich.

8/10

HOLIDAY

Zitat entfällt.

Holiday ~ DK/NL/S 2018
Directed By: Isabella Eklöf

Sascha (Victoria Carmen Sonne) begeht mit ihrem Galan Michael (Lai Yde) und dessen Freundestross einen mondänen Sommerurlaub im türkischen Bodrum. Für Michael, der sein beträchtliches Vermögen mit Drogenhandel und Rücksichtslosigkeit erworben hat, ist die junge Frau nicht mehr als ein Vorzeigeobjekt, das mit kostbaren Geschenken bei Laune gehalten wird, sich ansonsten jedoch zur allzeitigen, sexuellen Verfügbarkeit zu halten hat. Entsprechend harsch beschnitten nimmt Saschas individuelle Freiheit aus; weder darf sie selbst über Geld verfügen, noch den Mund zu weit auftun und sich schon gar nicht zu weit aus Michaels Beobachtungsradius entfernen. Als sie den Holländer Thomas (Thijs Römer) kennenlernt, fühlt sie sich zu dem sanften Aussteiger hingezogen. Michael bekommt bald Wind  davon und schiebt der drohenden Liaison mit den ihm eigenen Druckmitteln einen beiderseitigen Riegel vor.

Sommer, Sonne, Strand, und Helligkeit markieren in Isabella Eklöfs „Holiday“ zwar einen allgegenwärtigen visuellen Geleitdienst, erweisen sich jedoch als bloße, vergängliche Konsumgüter und reflektieren vielmehr das diametrale Gegenteil der psychischen Befindlichkeit der Protagonistin. Die Welt, die ihr Michael offeriert, ist zugleich barbarischer Albtraum und chiques Gefängnis. Hinter Michaels sonnenbebrillter Fassade des charmanten Bonvivant verbirgt sich nämlich nichts anderes als ein ordinärer Gangster der unangenehmsten Sorte. Statt Freunden besitzt er einen devoten Hofstaat, in dem, wer nicht vernünftig spurt, härteste Konsequenzen zu spüren bekommt. Anstelle einer ihn aufrichtig liebenden Frau hält sich Michael mit Sascha eine hilflose Mätresse, die irgendwann in der Vergangenheit naiv genug gewesen muss, auf Michaels Geldscheinwedeleien hereingefallen zu sein und heuer immer wieder aufs Neue zu lernen hat, dass jedes weitere Bestreben des Aufbegehrens in nur noch schlimmeren Erniedrigungen mündet.
Die schwedische Regiedebütantin Isabella Eklöf präsentiert mit „Holiday“ einen starken feministischen Film , der im Rahmen seiner eindeutigen ideologischen Gesinnung gewissermaßen eine ganz private Apokalypse zeigt, ein psychologisches Armageddon, vielleicht auch, reduziert auf seinen dramaturgischgen Mikrokosmos, ein minimiertes Abbild des ewig gestrigen, nordwestlichen Zivilisationspatriarchats. In Michaels misogyner Welt aus despotischer Gewalt lernen bereits Kinder alles über Hierarchien und angemessene Folgsamkeit, während Sascha in einer der einprägsamsten und unbequemsten Szenen des Films (aus der mittleren Distanz gefilmt, aber erschreckend unsimuliert und von Sonne und Yde extrem mutig gespielt) mittels einer sexuellen Attacke von Michael auf die denkbar schlimmste Weise erniedrigt wird.
Zärtlichkeit, Aufrichtigkeit, Liebe und vor allem Wertschätzung erweisen sich für die materiell so verwöhnte Sascha als die wirklichen, wahrhaft unerreichbaren Luxusgüter. Als ihr (augenscheinlich) letzter Versuch des Ausbruchs aus Michaels Tretmühle von selbigem mit dem vielleicht höhnischsten aller möglichen Paukenschläge schal grinsend und sozusagen im Keim erstickt wird, entlädt sich all ihre Verzweiflung in einem kurzen Akt der Aggression, einem unerwarteten, finalen blutigen Aufschrei, dem nurmehr die endgültige Resignation zu folgen scheint.
Sommer, Sonne, Strand und Helligkeit sind bloße Lügen. Die Hölle ist genau hier. Und vielleicht in uns allen.

8/10

DRAGGED ACROSS CONCRETE

„We have the skills and the right to acquire proper compensation.“

Dragged Across Concrete ~ USA/CA 2018
Directed By: S. Craig Zahler

Weil die beiden Police Officers Brett Ridgeman (Mel Gibson) und Anthony Lurasetti (Vince Vaughn) mit einem zu observierenden Verdächtigen allzu hart umspringen und sich dabei versehentlich filmen lassen, werden sie kurzerhand ohne weitere Bezahlung vom Dienst suspendiert. Dabei sind beide dringend auf ihre Liquidität angewiesen; Lurasetti, weil er sich just verloben will und einen allgemein kostspieligen Lebensstil pflegt und Ridgeman, damit er seiner kranken Frau (Laurie Holden) und der Teenagertochter (Jordyn Ashley Olsen) endlich den Wegzug aus ihrem immer weiter herunterkommenden Viertel ermöglichen kann. Auch der just aus dem Knast entlassene Henry Johns (Tory Kittles) benötigt dringend Geld – sein kleiner Bruder (Myles Truitt) sitzt im Rollstuhl, die Mutter (Vanessa Bell Calloway) ist gezwungen, sich zu prostituieren.
Ridgeman wählt derweil einen abseitigen Weg zur Geldbeschaffung: Über den mysteriösen Geschäftsmann Friedrich (Udo Kier) ermittelt er eine Adresse, die als Ausgangspunkt für einen größeren Coup fungieren soll. Gemeinsam mit Lurasetti beobachtet er die betreffende Wohnung ohne Unterlass, bis klar ist: Hier hat eine Gruppe Gangster unter dem Vorsitz eines gewissen Lorentz Vogelmann (Thomas Kretschmann) einen Bankraub in der Mache. Auch Henry entpuppt sich als einer der Ganoven. Nach dem durchgeführten Überfall gilt es nunmehr, den Räubern ihre Beute zu rauben…

S. Craig Zahler – mittlerweile der „bessere Tarantino“? Solche Kategorisierungen finde ich gemeinhin ja ziemlich spekulativ, doof und boulevardisch, aber es blitzte mir während der Betrachtung von „Dragged Across Concrete“ regelmäßig unwillkürlich durch die Synapsen. Man kommt bei Licht betrachtet um einen zwangsläufigen Vergleich der beiden Regisseure mittlerweile ja tatsächlich kaum mehr herum, obschon sie unter anderem knappe zehn Lebensjahre und immerhin fast zwei Dekaden als Filmschaffende trennen. Dennoch sind einige Parallelen und Analogien mehr denn offensichtlich: Beide eint eine klare Affinität zum exploitativen Genre- und Grindhousekino, die sich überdeutlich in ihrem jeweilen Œuvre widerspiegelt – sei es in Form des Gebrauchs oftmals überzogener, graphischer Gewalt; in der steten Reaktivierung vergangener, betagterer Kinogrößen oder im starken Hang zu 60s- und 70s-Sounds, der Tarantino mit sorgsam ausgewählten Song-Compilations Rechnung trägt, derweil Zahler neue Stücke für das klassische R’n’B-Trio O-Jays schreibt. Sowohl Tarantino als auch zahler befleißigen sich, jeweils beginnend mit der zweiten Regiearbeit, überdurchschnittlich langer Erzählzeiten, die sie an und über die Zweieinhalb-Stunden-Grenze hinaus tragen und lange Einstellungen, ausgedehnte Dialoge und besagte, pointierte Gewalteruptionen mit sich führen. Zahler, dessen Popularitätsgrad hierzulande allerdings noch längst nicht den Tarantinos erreicht hat, geht allerdings, insbesondere auf den letzteren Aspekt bezogen, deutlich radikaler zu Werke. Sein Ensemble bleibt sehr viel überschaubarer und von wenigen Protagonisten getragen; dazu weiß er zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch, mit den bärbeißigeren Überraschungen aufzuwarten. So kann es durchaus passieren, dass eine Figur vergleichsweise zeitaufwändig eingeführt wird, nur, um sie dann kurz darauf überaus brutal und ohne weiteres narratives Echo wieder aus dem Spiel zu nehmen. Wohin der Weg seine (Anti-)Helden zum Ende hin führt, lässt sich nunmehr auch tendenziell zuverlässiger bestimmen, jedenfalls zeichnet sich bereits eine diesbezügliche Tradition ab. Dass Zahler häufig eine über die Maßen hinausschießende coolness in seine Scriptführung einfließen lässt, empfinde ich stellenweise als redundant; auch, dass er zudem gern bewusste political incorrectnesses walten lässt, erscheint mir nicht eben notwendig. Der aus rein logischer Warte betrachtet ziemlich unbefriedigende Epilog nach dem ausgiebig zelebrierten Stand-Off-Szenario bietet zudem Diskussionsanlässe.
Abseits von alldem bleibt „Dragged Across Concrete“ unter seinem manchmal ziemlich dick aufgetragenen Make-up der befriedigende Drittfilm eines Regisseurs, dem vielleicht noch manche Großtat bevorsteht, wo sein etabliertes Pendant ja bereits beständig nach dem Ausgang schielt.

8/10

HIT LIST

„Where’s my kid?“

Hit List (Mörderischer Irrtum) ~ USA 1989
Directed By: William Lustig

Nachdem Frank DeSalvo (Leo Rossi), einer der vielen Handlanger des Mafiabosses Vic Luca (Rip Torn), nebst seinem Filius Joey (Felice Orlandi) dem FBI in die Hände gefallen ist, versteckt Agent Tom Mitchum (Charles Napier) Vater und Sohn in einem Vorstadt-Bungalow. Mitchums Ziel ist es, DeSalvo als Kronzeugen im just laufenden Prozess gegen Luca zu gewinnen, doch dieser weigert sich beharrlich zu „plaudern“. Luca ist derweil nicht untätig und lässt alle potenziellen Gefährder von seinem brutalen Hitman Caleek (Lance Henriksen) beseitigen. Auch Frank und Joey stehen auf Lucas Liste, doch Caleek sucht infolge eines dummen Zufalls die falsche Adresse auf: Er attackiert die Familie des gerade abwesenden Jack Collins (Jan-Michael Vincent), tötet dabei dessen besten Freund (Harold Sylvester) und entführt Collins‘ Sohn Kenny (Junior Richard). Mitchum bekommt Wind von der misslungenen Aktion und will Collins vorsorglich in Haft nehmen, doch dieser greift sich DeSalvo und spürt Kenny mit dessen Hilfe auf eigene Faust nach.

Leider ist William Lustigs (von zwei Pornos in den Siebzigern abgesehen) vierte Regiearbeit im Laufe der Jahre überaus unberechtigterweise zur Fußnote im Gesamtschaffen des sympathischen Filmemachers geworden. Bis heute gibt es kein offizielles digitales Home-Release von „Hit List“, dabei ist ja gerade Lustig bekannt dafür, auf diesem Sektor weit über sein eigenes Œuvre hinaus Pionierarbeit geleistet zu haben.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – möglicherweise verfügt Lustig nicht über die Rechte an dem Film (er wurde weltweit von großen Majors verliehen), möglicherweise verbindet er auch einfach unerfreuliche Erinnerungen mit ihm. Im exzellenten Interview-Band „Dark Stars“ etwa lässt sich, zumal im Vergleich zu „Maniac“, merklich wenig von ihm über „Hit List“ entlocken, mit Ausnahme des Faktums, dass der ja unlängst verstorbene Jan-Michael Vincent zu jener Zeit höchst unzuverlässig gewesen und permanent sturzbetrunken gewesen sei. Zudem war der Film der erste, für den Lustig das vertraute Umfeld seiner vormaligen, geliebten Spielwiese New York verließ und an die Westküste tingelte und dort, unter Beschwerden über die Wetterlage, häufig von einer Limousine aus Regie führte. So oder so – alles Mutmaßungen.
Man muss jedenfalls ein wenig Aufwand betreiben, um eine ansehbare Version des Films zu erhalten, doch dieser zahlt sich umgehend aus: „Hit List“ ist ein rundum sympathischer filmischer Repräsentant seiner Entstehungszeit, dem man, auch wenn es diverse Animositäten gab (und zu geben scheint), selbige nicht anmerkt und der Lustig als auch in kommerzieller Hinsicht grundsätzlich durchaus tragfähigen Regisseur ausweist, dem der verdiente Erfolg leider nicht hold genug war. Gut, der einen nicht unbedingt einfallsreichen Hybriden aus Gangster- und Actionfilm präservierende Plot mag keine Originalitätsmedaille ergattern, aber dafür ist die Ausführung umso sauberer. Die vorzüglich besetzten Darsteller legen durchweg großen Enthusiasmus und Spielfreude an den Tag (gut, Vincent wirkt stellenweise tatsächlich etwas langsam, aber wer wirklich besoffene On-Screen-Auftritte sehen möchte, der sollte eher zu manchen Performances von Dino Martin oder Richard Burton tendieren), es gibt ein paar kernige Actionsequenzen (insbesondere natürlich die im Parkhaus, bei der Vincent und Rossi sich in mühevoller Kleinarbeit des unverwüstlich scheinenden Henriksen entledigen) und die offenkundige Sympathie des Scripts für den zu Beginn des Films als kriecherischen villain eingeführten, von Lustigs künftigem standard actor gespielten Kleingangster DeSalvo nimmt sich unerwartbar, dafür aber umso liebenswerter aus. Zudem überrascht das Finale, mit dem sich zuvor nicht unbedingt rechnen lässt.
Ein wirklich schöner Film, dem ich unbedingt noch eine gerechtere Zukunft wünschen möchte.

8/10

VILLAIN

„It’s not our game, is it Vic. We’re playing away.“

Villain (Die alles zur Sau machen) ~ UK 1971
Directed By: Michael Tuchner

Der soziopathische Gangster Vic Dakin (Richard Burton) interessiert sich hauptsächlich für dreierlei: Sein höchstpersönliches Geriebenes, seine alte Mutter (Cathleen Nesbitt) und seinen Privatgalan Wolfe Lissner (Ian McShane). Für Inspector Matthews (Nigel Davenport) gilt derweil nur eines: Dakin endlich dingfest zu machen und einbuchten zu können. Doch Dakin pflegt jeden potenziellen Denunzianten unumwunden mundtot zu machen, was die Angst unter den Polizeispitzeln regelmäßig in luftige Höhen treibt. Matthews‘ lange herbeigesehnte Chance scheint sich schließlich doch noch zu ergeben, als Dakin plant, einen Geldtransport mit Lohngehältern zu überfallen…

Ein (zumindest hierzuland) von den Jahren geflissentlich vergessener britischer Gangsterfilm, der mit Michael Caine in Richard Burtons Rolle vielleicht eine prominentere Rolle bekleiden würde. Auch Malcolm McDowell, Oliver Reed oder Terence Stamp könnte man sich trefflich in der Rolle des selbstgefälligen Vic Dakin vorstellen. Burton, eine eher wenig offensichtliche Wahl für einen solchen Part, überrascht dann umso mehr als gieriger Narziss von einem Gewaltkriminellen, der die Ausübung von Brutalität sichtlich genießt und bei dem man selbst als Zuschauer irgendwann die cholerischen Ausbrüche respektvoll zu antizipieren beginnt. „Villain“ entwirft ein hübsch umfassendes Psychogramm von Dakin: Wie es sich (spätestens seit Cagney) für echte Ganovenkönige ziemt, bemüht er ein aufopferungsvolles Verhältnis zu seinem Mütterlein, dass er allsonntäglich zum Krabbenessen nach Brighton chauffiert. Seine (von ihm selbst wohl zeitweilig als „unmännlich“ gewertete) Homosexualität pflegt er dadurch zu kompensieren, dass er seinem Geliebten, jedesmal, bevor er ihn zu sich kommen lässt oder ihn gleich selbst aufsucht, einen gezielten Schlag in die Magengrube zu verpassen (es lässt sich davon ausgehen, dass auch der nachfolgende Sex nicht ohne Blessuren für den sich selbst und alle um sich herum prostituierenden Wolfe abgeht). Seinen ihm treu ergebenen, kleinen Kreis von Vertrauten hält er vermutlich nur deshalb so dicht bei sich, weil jeder einzelne von ihnen ein ähnlich sadistischer Misanthrop ist wie er selbst. Schließlich, auch das gewissermaßen „typisch britisch“, kultiviert Dakin einen geradezu religiös ausgewalzten Hass auf Arbeiterklasse, Spießertum und Armut, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit verächtlich macht.
Doch auch Dakins Antagonisten, die Bullen Matthews und Binney (Colin Welland), sind alles andere als sympathische Typen und gehen gewissermaßen über Leichen, wenn es darum geht, ihre Ziele zu erreichen. Somit macht „Villain“ es einem nicht eben einfach, inmitten des umfänglich arrangierten Räuber-&-Gendarm-Spiels einen humanistischen Lichtblick zu erhaschen – am Besten dafür geeignet dürften noch die (allerdings auf kleine Nebenrollen reduzierten) frauen sein, die in die Mühlen von Dakins und Lissners Umtrieben geraten, so etwa Wolfes von ihm ausgenutzte Freundin Venetia (Fiona Lewis), die er jedoch ohne zu zögern von sich stößt, sobald Dakin auf der Bildfläche erscheint, oder die junge Patti (Elizabeth Knight), die von beiden bei Bedarf instrumentalisiert wird. „Villain“, dessen gleichermaßen famoser wie kaum fassbarer deutscher Titel „Die alles zur Sau machen“ natürlich nicht unerwähnt bleiben darf, präserviert das Bild einer ausgesprochenen „man’s world“ – und das einer in toto überaus unliebenswerten dazu.

7/10