HIT LIST

„Where’s my kid?“

Hit List (Mörderischer Irrtum) ~ USA 1989
Directed By: William Lustig

Nachdem Frank DeSalvo (Leo Rossi), einer der vielen Handlanger des Mafiabosses Vic Luca (Rip Torn), nebst seinem Filius Joey (Felice Orlandi) dem FBI in die Hände gefallen ist, versteckt Agent Tom Mitchum (Charles Napier) Vater und Sohn in einem Vorstadt-Bungalow. Mitchums Ziel ist es, DeSalvo als Kronzeugen im just laufenden Prozess gegen Luca zu gewinnen, doch dieser weigert sich beharrlich zu „plaudern“. Luca ist derweil nicht untätig und lässt alle potenziellen Gefährder von seinem brutalen Hitman Caleek (Lance Henriksen) beseitigen. Auch Frank und Joey stehen auf Lucas Liste, doch Caleek sucht infolge eines dummen Zufalls die falsche Adresse auf: Er attackiert die Familie des gerade abwesenden Jack Collins (Jan-Michael Vincent), tötet dabei dessen besten Freund (Harold Sylvester) und entführt Collins‘ Sohn Kenny (Junior Richard). Mitchum bekommt Wind von der misslungenen Aktion und will Collins vorsorglich in Haft nehmen, doch dieser greift sich DeSalvo und spürt Kenny mit dessen Hilfe auf eigene Faust nach.

Leider ist William Lustigs (von zwei Pornos in den Siebzigern abgesehen) vierte Regiearbeit im Laufe der Jahre überaus unberechtigterweise zur Fußnote im Gesamtschaffen des sympathischen Filmemachers geworden. Bis heute gibt es kein offizielles digitales Home-Release von „Hit List“, dabei ist ja gerade Lustig bekannt dafür, auf diesem Sektor weit über sein eigenes Œuvre hinaus Pionierarbeit geleistet zu haben.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – möglicherweise verfügt Lustig nicht über die Rechte an dem Film (er wurde weltweit von großen Majors verliehen), möglicherweise verbindet er auch einfach unerfreuliche Erinnerungen mit ihm. Im exzellenten Interview-Band „Dark Stars“ etwa lässt sich, zumal im Vergleich zu „Maniac“, merklich wenig von ihm über „Hit List“ entlocken, mit Ausnahme des Faktums, dass der ja unlängst verstorbene Jan-Michael Vincent zu jener Zeit höchst unzuverlässig gewesen und permanent sturzbetrunken gewesen sei. Zudem war der Film der erste, für den Lustig das vertraute Umfeld seiner vormaligen, geliebten Spielwiese New York verließ und an die Westküste tingelte und dort, unter Beschwerden über die Wetterlage, häufig von einer Limousine aus Regie führte. So oder so – alles Mutmaßungen.
Man muss jedenfalls ein wenig Aufwand betreiben, um eine ansehbare Version des Films zu erhalten, doch dieser zahlt sich umgehend aus: „Hit List“ ist ein rundum sympathischer filmischer Repräsentant seiner Entstehungszeit, dem man, auch wenn es diverse Animositäten gab (und zu geben scheint), selbige nicht anmerkt und der Lustig als auch in kommerzieller Hinsicht grundsätzlich durchaus tragfähigen Regisseur ausweist, dem der verdiente Erfolg leider nicht hold genug war. Gut, der einen nicht unbedingt einfallsreichen Hybriden aus Gangster- und Actionfilm präservierende Plot mag keine Originalitätsmedaille ergattern, aber dafür ist die Ausführung umso sauberer. Die vorzüglich besetzten Darsteller legen durchweg großen Enthusiasmus und Spielfreude an den Tag (gut, Vincent wirkt stellenweise tatsächlich etwas langsam, aber wer wirklich besoffene On-Screen-Auftritte sehen möchte, der sollte eher zu manchen Performances von Dino Martin oder Richard Burton tendieren), es gibt ein paar kernige Actionsequenzen (insbesondere natürlich die im Parkhaus, bei der Vincent und Rossi sich in mühevoller Kleinarbeit des unverwüstlich scheinenden Henriksen entledigen) und die offenkundige Sympathie des Scripts für den zu Beginn des Films als kriecherischen villain eingeführten, von Lustigs künftigem standard actor gespielten Kleingangster DeSalvo nimmt sich unerwartbar, dafür aber umso liebenswerter aus. Zudem überrascht das Finale, mit dem sich zuvor nicht unbedingt rechnen lässt.
Ein wirklich schöner Film, dem ich unbedingt noch eine gerechtere Zukunft wünschen möchte.

8/10

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VILLAIN

„It’s not our game, is it Vic. We’re playing away.“

Villain (Die alles zur Sau machen) ~ UK 1971
Directed By: Michael Tuchner

Der soziopathische Gangster Vic Dakin (Richard Burton) interessiert sich hauptsächlich für dreierlei: Sein höchstpersönliches Geriebenes, seine alte Mutter (Cathleen Nesbitt) und seinen Privatgalan Wolfe Lissner (Ian McShane). Für Inspector Matthews (Nigel Davenport) gilt derweil nur eines: Dakin endlich dingfest zu machen und einbuchten zu können. Doch Dakin pflegt jeden potenziellen Denunzianten unumwunden mundtot zu machen, was die Angst unter den Polizeispitzeln regelmäßig in luftige Höhen treibt. Matthews‘ lange herbeigesehnte Chance scheint sich schließlich doch noch zu ergeben, als Dakin plant, einen Geldtransport mit Lohngehältern zu überfallen…

Ein (zumindest hierzuland) von den Jahren geflissentlich vergessener britischer Gangsterfilm, der mit Michael Caine in Richard Burtons Rolle vielleicht eine prominentere Rolle bekleiden würde. Auch Malcolm McDowell, Oliver Reed oder Terence Stamp könnte man sich trefflich in der Rolle des selbstgefälligen Vic Dakin vorstellen. Burton, eine eher wenig offensichtliche Wahl für einen solchen Part, überrascht dann umso mehr als gieriger Narziss von einem Gewaltkriminellen, der die Ausübung von Brutalität sichtlich genießt und bei dem man selbst als Zuschauer irgendwann die cholerischen Ausbrüche respektvoll zu antizipieren beginnt. „Villain“ entwirft ein hübsch umfassendes Psychogramm von Dakin: Wie es sich (spätestens seit Cagney) für echte Ganovenkönige ziemt, bemüht er ein aufopferungsvolles Verhältnis zu seinem Mütterlein, dass er allsonntäglich zum Krabbenessen nach Brighton chauffiert. Seine (von ihm selbst wohl zeitweilig als „unmännlich“ gewertete) Homosexualität pflegt er dadurch zu kompensieren, dass er seinem Geliebten, jedesmal, bevor er ihn zu sich kommen lässt oder ihn gleich selbst aufsucht, einen gezielten Schlag in die Magengrube zu verpassen (es lässt sich davon ausgehen, dass auch der nachfolgende Sex nicht ohne Blessuren für den sich selbst und alle um sich herum prostituierenden Wolfe abgeht). Seinen ihm treu ergebenen, kleinen Kreis von Vertrauten hält er vermutlich nur deshalb so dicht bei sich, weil jeder einzelne von ihnen ein ähnlich sadistischer Misanthrop ist wie er selbst. Schließlich, auch das gewissermaßen „typisch britisch“, kultiviert Dakin einen geradezu religiös ausgewalzten Hass auf Arbeiterklasse, Spießertum und Armut, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit verächtlich macht.
Doch auch Dakins Antagonisten, die Bullen Matthews und Binney (Colin Welland), sind alles andere als sympathische Typen und gehen gewissermaßen über Leichen, wenn es darum geht, ihre Ziele zu erreichen. Somit macht „Villain“ es einem nicht eben einfach, inmitten des umfänglich arrangierten Räuber-&-Gendarm-Spiels einen humanistischen Lichtblick zu erhaschen – am Besten dafür geeignet dürften noch die (allerdings auf kleine Nebenrollen reduzierten) frauen sein, die in die Mühlen von Dakins und Lissners Umtrieben geraten, so etwa Wolfes von ihm ausgenutzte Freundin Venetia (Fiona Lewis), die er jedoch ohne zu zögern von sich stößt, sobald Dakin auf der Bildfläche erscheint, oder die junge Patti (Elizabeth Knight), die von beiden bei Bedarf instrumentalisiert wird. „Villain“, dessen gleichermaßen famoser wie kaum fassbarer deutscher Titel „Die alles zur Sau machen“ natürlich nicht unerwähnt bleiben darf, präserviert das Bild einer ausgesprochenen „man’s world“ – und das einer in toto überaus unliebenswerten dazu.

7/10

DOGMAN

Zitat entfällt.

Dogman ~ I/F 2018
Directed By: Matteo Garrone

Marcello (Marcello Fonte), ein unscheinbarer, schmalschultriger Geselle, führt einen Hundesalon in dem Küstenort Magliana, nahe Roms. Jeder kennt hier jeden, man vertraut und schätzt sich. Krumme Geschäfte unter der Hand gehören zum Alltag wie alles andere. Dummerweise hat Marcello jedoch das Pech, mit dem brutalen, cholerischen Gangster Simone, genannt Simoncino (Edoardo Pesce), „befreundet“ zu sein, vor dem alle in der Gegend Angst haben und der den kleinen Hundefrisör immer wieder für seine kriminellen Aktionen missbraucht. Zudem bezieht Simone über Marcello sein Koks, das ersterer in hohen Mengen konsumiert. Eines Tages nötigt Simone Marcello, ihm sein Ladenlokal für einen nächtlichen Bruch bei einem direkt angrenzenden Juwelier zur Verfügung zu stellen. Gezwungenermaßen willigt der Simone hoffnungslos unterlegene Marcello ein und nimmt im Nachhinein die Schuld und die damit zusammenhängende Gefängnisstrafe für Simone auf sich. Damit wird Marcello in seiner ansonsten von existenzwichtiger Solidarität geprägten Nachbarschaft zur persona non grata, alle meiden ihn nach seiner Entlassung. Nur seine heißgeliebte Tochter Alida (Alida Baldali Calabria) hält ihm unverdrossen die Treue. Als sich Simone schließlich weigert, Marcello an der Beute zu beteiligen und ihn noch öffentlich zusammenschlägt, gibt es für den Gebeutelten nur noch einen letzten Ausweg, sein Gesicht wiederzuerlangen.

Genau zehn Jahre nach „Gomorra“ handelt Matteo Garrones jüngstes, involvierendes Gangsterdrama wiederum vom schwächsten Kettenglied, von Angst, von Omerta, von falscher Solidarität und damit auch auf symbolischer Ebene von all dem, was das organisierte Verbrechen und die darin zwangsinvolvierten Kleinbüger in Italien nunmehr seit Jahrhunderten prägt. Daran, dass Marcello, ein kleiner, kriecherischer, aber herzlicher Typ, der vor vierzig, fünfzig Jahren als Spottapfel in jeder commedia all’italiana zu Haus gewesen wäre, eigentlich höchste humane Integrität besitzt, lässt der Film von Beginn an keinerlei Zweifel. Der alleinstehende Marcello vergöttert seine bei ihrer Mutter (Laura Pizzirani) lebende Tochter, investiert sein sauer gespartes Geld für Kurzurlaube und Tauchtrips mit ihr. Und er liebt „seine“ Hunde über alles; einmal rettet er einem kleinen Chihuahua das Leben, den der sadistische Simone zuvor bei einem Wohnungseinbruch in ein Tiefkühlfach gesperrt hat. Eine geradezu sinnbildliche für das einseitig überhängende Verhältnis der so beiden unterschiedlichen Männer; der eine pflügt, einer Dampfwalze gleich, rücksichtslos alles nieder, der andere, der das Leben noch anerkennt, schaut empathisch nach links und rechts und betreibt Schadensbegrenzung. Es ist eine bittere existenzielle Spielart, dass niemals (oder selten) die Dampfwalze die Konsequenzen zu tragen hat. So ist es auch bei Marcello und Simone. Doch: wie jedem unter Druck stehenden Kesselchen platzt auch Marcello irgendwann der Deckel ab, da ist es aber schon längst zu spät; der an Körper und Seele Geschundene und Ausgrenzte zeigt seine brutale Entschlossenheit (die ihn keinesfalls zu einem ausgeglicheneren Menschen machen wird) erst, als die Sackgasse, in der längst steckt, sich nach beiden Seiten geschlossen hat. Am Ende, als er, nachdem er Simone zunächst brutal gefangengesetzt und dann ermordet hat, buhlt Marcello lautstark um den früheren Respekt und die alte Anerkennung seiner Nachbarn. Doch niemand mag ihm, dem kleinen Straßenköter jetzt mehr zuhören. Es bleiben nurmehr Einsankeit, Eiseskälte, Fatalismus und der Verlust auch des letzten Rests von Menschlichkeit, den Simone mit ins Jenseits genommen hat.

8/10

COLDBLOODED

„I’ve tried everything. Glug, glug, glug – that’s what works for me.“

Coldblooded ~ USA 1995
Directed By: Wallace Wolodarsky

Der einsame, etwas einfältige Cosmo Reif (Jason Priestley) arbeitet als treuer, kleiner Buchmacher für ein Gangstersyndikat. Als sein früherer Boss das Zeitliche segnet und mit dem arrivierten Gordon (Robert Loggia) eine neue Nummer 1 die Befehle gibt, wird Cosmo unversehens und zunächst wider Willen zum Auftragskiller „befördert“. Der erfahrene Steve (Peter Riegert) soll ihn anlernen, ist schon bald äußerst beeindruckt von Cosmos naturgegebenen Schießkünsten und wird von seinem Mündel im Gegenzug zu einer Art Ersatzvater gekürt. Da Steve seine wachsende Verzweiflung mehr und mehr in Alkohol ertränkt und somit unzuverlässig wird, steht auch er bald auf Gordons Abschussliste, derweil Cosmo den Auftrag durchführen soll und gleichsam Steves designierter Nachfolger ist. Doch der schüchterne Junge ist gleichsam frisch verliebt – in die Yogalehrerin Jasmine (Kimberly Williams)…

Eine der wenigen wirklich ordentlichen, im Tarantino-Fahrwasser entstandenen Killergrotesken der Mitt- und Spät-Neunziger ist dieses Kinodebüt des vormaligen und hauptberuflichen TV-Show-Produzenten Wallace Wolodarsky geworden. Mit leisem Humor, statischer Kamera und auf wenige Handlungsorte beschränkt, präserviert „Coldblooded“ einen verschrobenen Humor, der als gezielt eingesetztes Gegengewicht zu dem ansonsten recht gewalttätigen Gestus der Killerstory halbwegs elegant aushebelt.
Zentriert findet man den mit der Tennie-Soap „Beverly Hills, 90210“ zu Erfolg gekommenen Mädchenschwarm Jason Priestley in einer unerwartet nunancierten Darstellung als eine Art Simplicissimus des Profikiller-Subgenres. Cosmo Reif ist ein vermutlich unter dem Asperger Syndrom leidender Midtwen, dessen einziger körperlicher Kontakt zu einer in derselben „Firma“ wie er selbst beschäftigten Prostituierten (Janeane Garofalo) besteht, die wiederum zufällig in jenem Seniorenheim diverse Klienten bedient, in dessen kargem Keller Cosmo haust. Sein Alltag besteht aus leeren, öden Ritualen, bis er dann von jetzt auf gleich Leute erledigen soll. Damit erhält Fosmos Existenz eine Wende, der der durchaus sensible junge Mann emotional langfristig natürlich nicht gewachsen ist. Bis seine Erlösung wartet und seine eigentlich vorab zum Scheitern verurteilte Romanze durch eine ebenso unerwartete wie bizarre Wendung erblühen kann, gilt es zunächst jedoch, einen kleinen Leichenberg aufzutürmen – immerhin müssen sämtliche Spuren in diese merkwürdige biographische Episode Cosmos restlos verwischt werden.
Glücklicherweise sind die (von Wolodarsky selbst ersonnenen) Dialoge des Films ähnlich wortkarg und pointiert wie der langsame Habitus seines Protagonisten und erliegen nicht der Versuchung, die bekokste Geschwätzigkeit des hyperaktiven Vorbilds zu plagiieren. Dieser kluge Weg verhindert zwar nicht gänzlich die eindeutige Identifizierbarkeit der hauptsächlichen Einflussquelle von „Coldblooded“, lässt ihn jedoch eigenständig genug erscheinen, um innerhalb seiner eingeengten Laufbahn zu überzeugen.

8/10

DOM ZA VEŠANJE

Zitat entfällt.

Dom Za Vešanje (Die Zeit der Zigeuner) ~ YU/I/UK 1988
Directed By: Emir Kusturica

Eine Roma-Siedlung über der Stadt Skopje: Der sanftmütige Perhan (Davor Dujmovic) lebt zusammen mit seiner jüngeren, gehbehinderten Schwester Danira (Elvira Sali) und ihrem Onkel Merdžan (Husnija Hasimović) in der Baracke der Perhan über alles liebenden Großmutter (Ljubica Adzović). Dieser wiederum, mit leichten, telekinetischen Kräften ausgestattet, macht Nachbarin Azra (Sinolička Trpkova) den Hof, bei der er wegen ihrer herrischen Mutter (Bedrije Halim), die Azra ausschließlich an einen liquiden Schwiegersohn herzugeben gedenkt, jedoch keine Chance hat. Daher nimmt Perhan die Offerte des sich gönnerhaft gebenden Ahmed (Bora Todorović) an, ihn und seinen Tross nach Mailand zu begleiten, wo angeblich das große Geld wartet. Danira soll unterwegs in einem Krankenhaus in Ljubljana abgesetzt werden, wo Ahmed ihr großmütig eine Behandlung zu finanzieren verspricht. In Mailand angekommen registriert Perhan rasch, dass Ahmed ein gemeiner Krimineller ist, der sein Geld mit Prostitution und kleinen Räubereien macht und Kinder zum Betteln auf die Straße schickt. Dennoch avanciert Perhan nach einem Schlaganfall Ahmeds zu dessen rechter Hand. Als der Junge schließlich – ohne Erlaubnis Ahmeds – nach Skopje zurückkehrt, muss er erfahren, dass Azra hochschwanger ist – gerüchtehalber von Merdžan, was Perhan in tiefe Verzweiflung stürzt. Dennoch nimmt er Azra, die beteuert, es handle sich um Perhans eigenes Kind, eilends zur Frau und kehrt mit ihr nach Mailand zurück, wo Azra unter dem Druck, den vermeintlichen „Bastard“ verkaufen zu müssen, bei der Niederkunft stirbt. Perhan erkennt nun endgültig, welchen schlechten Einfluss Ahmed auf ihn hatte. Dieser verschwindet jedoch spurlos mit Perhans Sohn. Auch Danira ist nicht mehr aufzufinden. Perhan wird nunmehr einzig von dem Gedanken an Rache getrieben.

Im ersten Teil seiner „Zigeuner-Trilogie“ verfeinert der serbische Regisseur Emir Kusturica seine ihm ohnedies in der Filmkunst so spezifiziert zugeschriebene Methode des realismo mágico und führt diese zur Perfektion: Einer sehr beherzt und emotional erzählten, moralträchtigen und zugleich relativ einfachen Geschichte steht ein sehr viel komplexerer, oft traumnaher Erzählstil gegenüber, in dem im Grunde alles möglich ist. Kusturica meinte, dass die Parallelkultur der Roma und ihre sehr unterschiedlichen, regionalen Ausprägungen ihn seit frühester Kindheit faszinierten und er dort, wo sich ihre Ansiedlungen konzentrierten, das Leben stets um sehr Vieles vitaler wahrnahm als andernorts. Diese Faszination überträgt sich nahtlos schwebend auf „Dom Za Vešanje“, der, besetzt mit einer Kombination aus Laiendarstellern und Profis, einen tiefen Einblick in das Roma-Leben gewährt und dabei jedweden Voyeurismus oder Denunziantentum ausspart. Selbst die Originaldialoge sind in romanes belassen, einer Sprache, die der in den letzten Jahren immer wieder wegen nationalistischer Zugeständnisse aufgefallene Kusturica kaum zureichnend beherrscht. Dabei dividiert sich „Dom Za Vešanje“ im Groben in zwei Teile: Die Zeit, die Perhan im bettelarmen, aber lebensfrohen Heimatdorf verlebt und später dann jene, die ihn unter seinem neuen Paten gen Westen führt, moralisch zutiefst korrumpiert und einen garstigen Misanthropen aus ihm formt, dessen blutiger Rachefeldzug ihm am Schluss selbst den gewaltsamen Tod bringen und aus seinem kleinen Sohn eine Vollwaise machen wird. Schnittstelle bildet eine zutiefst poetische Aufbereitung der von den Roma ausgiebig gefeierten St.-Georgs-Nacht, die als eher heidnisches denn religiöses Frühlingsfest begangen wird und in der Perhan seine Unschuld verliert (und Azra schwängert). Symbolisch wird sein „Erwachsenwerden“ ihn nicht nur körperlich einer entzärtlichten Form der Männlichkeit zuführen, sondern den einstigen Tagträumer darüberhinaus auch brutalisieren. Nach seinem traurigen, vorhersehbaren Ende bleibt nurmehr ein letzter Trost – Hatidža, die tapfere, stets lebenbejahende Großmutter, ewige Fackel- und Hoffnungsträgerin der Sippe, wird sich des Jungen annehmen so wie sich einst schon Perhan angenommen hat. Das Leben – es geht weiter.

10/10

NUR GOTT KANN MICH RICHTEN

„Das is Business, Dicker.“

Nur Gott kann mich richten ~ D 2017
Directed By: Özgür Yildirim

Nach fünf Jahren im Knast wegen eines vergeigten Bruchs kommt der Kriminelle Ricky (Moritz Bleibtreu) raus. Für seinen Traum, seinen dementen Vater (Peter Simonischek) aus Frankfurt rauszuholen und ein Café auf Cabrera zu eröffnen, braucht er allerdings Startkapital. Dies erhofft er sich durch einen von seinem alten Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) vermittelten Coup für den Albaner Branko (Cem Öztabakci) zusammenklauben zu können. Rickys jüngerer Bruder Rafael (Edin Hasanovic), selbst auf Bewährung und von eigenen Problemen gebeutelt, steigt widerwillig als dritter Mann ein. Natürlich geht alles schief; Ricky und Rafael werden von der Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) gestellt und verlieren das gestohlene Heroin, das wiederum Diana, die dringend Geld für eine Herzoperation ihrer kleinen Tochter benötigt, an sich bringt, um es auf dem Schwarzmarkt abzustoßen. Dabei gerät sie über Umwege an Latif…

Bevor Özgür Yildirim zwei Episoden für die zweite Staffel der sehr einnehmenden Serie „4 Blocks“ inszenierte, ließ er diesen von ihm selbst gescripteten, nachtschwarzen Gangsterfilm vom Stapel, der der nunmehr ergiebigen Tradition des ins ethnische Milieu abtauchenden, deutschen Genrestücks folgt und ihr ein neues, matt schimmerndes Juwel hinzufügt. Dass die hierin vorkommenden Araber, Albaner und auch deutschstämmigen Szenegestalten keinesfalls über den eleganten Habitus ihrer globaler operierenden Berufskollegen verfügen, sondern viel eher dem kulturmuslimisch konnotierten Asisprech und Choleriker-, Bedrohungs- und Beleidigungsmachsismo Marke deutsches Großstadtghetto frönen, gilt es wie stets in diesen Fällen zu schlucken, auch, wenn es sich als nicht immer einfach erweist. Jedwede alternative Darstellung wäre aber vermutlich auch gestelzt bis unrealistisch. Ohne „Wallah!“ und Gangsterrap geht’s nicht.
Um einen pädagogischen Zeigefinger ist Yildirim kaum (weiter) bemüht. Seine Figuren stehen da, wo sie stehen, nämlich an der Wand. Sie können nichts anderes und sind durch ihren sozialen Mikrokosmos und die unweigerliche, permanente Konfrontation mit dem Rechtsstaat bereits einschlägig geprägt und können nur auf ihre Eins-zu-Einer-Million-Chance hoffen, die ihnen, das wissen wir schon seit Cagney und Robinson, am Ende sowieso verwehrt bleiben wird. Doch ist „Nur Gott kann mich richten“ nicht bloß eine weitere Rise-and-Fall-Studie. Er geht tiefer, entspinnt ein komplexes Geflecht aus Koninzidenzen, Schuld, Sühne und Gewaltkausalität, dass in seinen besten Momenten an den klassischen französischen Gangsterfilm gemahnt.
Jeder getane Schritt, zumal vom Protagonisten Ricky, führt eine Sprosse weiter abwärts, zum Privatschafott. So sehr er sich auch bemühen mag; Unbeherrschtheit, Gewaltbereitschaft und Boshaftigkeit zählen unweigerlich zu seinem Naturell. Im Gegensatz zu seinem Bruder Rafael, dessen Abwärtsspirale eher seiner postpubertären Unbeholfenheit zuzurechnen, der jedoch kein wirklich schlechter Kerl ist und selbst zu seinem Kumpel Latif und dessen mangelndem Durchblick, bleibt Ricky ein auch moralisch perspektiviert hoffnungsloser Kapitalverbrecher, der einen Fehler begeht, um den nächsten zu machen. Als interessantester Charakter erweist sich allerdings die Polizistin Diana. Selbst von teilweisen migrantischen Wurzeln geprägt, ist ihr gegenwärtiges Leben eine Müllhalde: Verlassen vom hochverschuldeten Mann und Vater des Kindes, das wiederum herzkrank ist und dringend ein Spenderorgan benötigt, vollzieht auch sie den Schritt auf die dunkle Seite, ein Changieren, das sie kaum minder als Ricky am Ende beinahe alles kosten wird.
Stark.

8/10

BAD TIMES AT THE EL ROYALE

„I think, it’s some kind of a pervert hotel.“

Bad Times At The El Royale ~ USA 2018
Directed By: Drew Goddard

Das „El Royale“, ein altehrwürdiges Motel mit architektonisch reizvoller Inneneinrichtung, liegt genau an der Grenze von Kalifornien zu Nevada und hat seine besten Tage bereits hinter sich. Einst stiegen hier berühmte Vegas-Stars und Politiker ab, um ihre geheimen Schäferstündchen in einem der gleichsam auf beide Staaten verteilten Zimmer zu verbringen. An einem Sommertag im Jahre 1969 kommen dort jedoch lediglich vier Gäste an – und das nahezu gleichzeitig: Der redselige Klinkenputzer Sullivan (Jon Hamm), die betrogene Soulsängerin Darlene Sweet (Cynthia Efro), der Geistliche Father Flynn (Jeff Bridges) und das rotzige Hippiemädchen Emily (Dakota Johnson). Bald wird sich herausstellen, dass weder das Hotel, noch seine Gäste wirklich das sind, was sie vorzugeben scheinen.

Nach dem brillanten, ein ganzes Kinosegment transzendierenden „Cabin In The Woods“ ließ sich Drew Goddard ganze fünf Jahre Zeit, um seine nächste Regiearbeit zu präsentieren. Diese ließ nach dem selbstgesetzten, hohen Qualitätsmaßstab des phantastischen Vorgängers die Erwartungshaltungen recht wohlgenährt dastehen. Das Resultat jedoch ernüchtert: Eine vertraut erscheinende Grundkonstellation, ganz ähnlich der von James Mangolds „Identity“ und filmhisorisch fußend auf Archie Mayos „The Petrifies Forest“ gibt den Ton an. Eine Schar zwielichtiger, sich wechselseitig unbekannter Gestalten muss eine sturmumtoste Nacht in einem entlegenen Gasthaus verbringen. Bald gibt es den ersten Toten, bei dem es freilich nicht bleibt, und dazu eine Enthüllung nach der anderen: Der Staubsaugervertreter erweist sich als direkt J. Edgar Hoover unterstehender FBI-Agent mit brisantem Auftrag, der liebenswerte, Pfarrer als demenzkranker Ex-Knacki auf der Suche nach hier versteckter Beute und die Hippie-Hippe als Flüchtige, die ihre jüngere Schwester (Cailee Spaney) vor dem Einfluss eines ebenso charismatischen wie gewalttätigen Sektengurus namens Billy Lee (Chris Hemsworth) zu schützen sucht. Selbst der schüchterne Concierge (Lewis Pullman) hat ein deutlich schlechteres Gewissen als man ihm anfangs zutraut und weiß wesentlich mehr, als er vorgibt zu wissen. Einzig die stimmgewaltige Vokalistin entpuppt sich als moralisch einwandfrei. Leider sind all die kleinen, via Rückblenden ausgeschmückten Geschichtchen weder sonderlich sensationell noch sonstwie aufregend. Man meint, einen zigmal heruntergespulten Song als mediokren, überlangen 12″-Remix aufgetischt zu bekommen. Störend wirkt abei, dass Goddard offenbar glaubt, er habe abermals einen ganz dicken erzählerischen Fisch an der Angel, was sich natürlich keinesfalls bestätigt findet. Zwischenzeitlich hatte ich noch die Hoffnung, dass sich die Andeutungen um ein mysteriöses „Management“, das offenbar eine ganze Menge an Rückhaltlosem im El Royale angestellt hat, im diffusen Hintergrund zu einer überraschend platzenden Bombe herangezüchtet wird, doch Pustekuchen: Dieser Strang wird ersatzlos fallengelassen. Stattdessen viel Rauch um Nichts, tarantinoeske Geschwätzigkeit und eine unsägliche Überdosis Hemsworth-Sixpack-Porn. Letztlich symbolisiert die zurückbleibende Enttäuschung über jenes verpuffende Scheitern zugleich die ganze Geschichte dieses vormals so vielversprechend antizipierten Films.

5/10