NO SUDDEN MOVE

„Sometimes when people lie, they tend to over-explain.“

No Sudden Move ~ USA 2021
Directed By: Steven Soderbergh

Detroit, 1954. Die beiden Kleinganoven Curt Goynes (Don Cheadle) und Ronald Russo (Benicio Del Toro) erhalten gegen ordentliche Bezahlung einen vermeintlich simplen Job: Sie sollen gemeinsam mit einem weiteren Partner namens Charley (Kieran Culkin) die Familie des GM-Mitarbeiters Matt Wertz (David Harbour) in ihrem Haus bewachen und selbigen dazu nötigen, ein brisantes Dokument aus dem Safe seines Chefs Forbert (Hugh Maguire) zu stehlen. Als Wertz in seiner Not die falsche Akte beibringt, registrieren Goynes und Russo, dass sie weitaus weniger über ihren Auftrag wissen, als notwendig wäre und retten Wertz und dessen Familie, bevor Charley sie erschießen kann. Nunmehr selbst auf der Flucht vor ihren Auftraggebern und stets bereit, sich gegenseitig zu übervorteilen, treten die beiden Gangster die Flucht nach vorn an. Dabei bekommen sie es nicht nur mit unterschiedlichen Mafia-Ablegern und dem FBI zu tun, sondern auch mit dem mächtigen Boss (Matt Damon) eines konkurrierenden Autoherstellers…

Steven Soderberghs Ankündigungen, kürzer zu treten oder sich vorübergehend ganz aus dem Filmgeschäft zu verabschieden, erwiesen sich im Laufe der Jahre längst als zuverlässiger running gag. Seit 1989 kommt er auf ganze 32 Langfilm-Regiearbeiten, was durchschnittlich einem Werk pro Jahr entspricht – von seinen (Neben-)Tätigkeiten als Dokumentarist, Produzent oder der Arbeit fürs Fernsehen ganz abgesehen. Wenngleich gewiss nicht jeder Film Soderberghs zum instant classic taugt, so ist doch eine beträchtliche Zahl gelungener bis exzellenter darunter. Der etwa zeitgleich von Warner ins Kino gebrachte und von HBO Max als VOD angebotene „No Sudden Move“ bewegt sich dabei nonchalant im oberdurchschnittlichen Qualitätssektor.
Angedenk früherer von ihm inszenierter Gangsterfilme oder Thriller mit kriminalistischer Thematik kann (oder muss) man Soderbergh zunächst attestieren, heuer deutlich unaufgeregter und auch unspektakulärer zu Werke zu gehen. Auf formale Spielereien und exaltierte Montagen, wie sie sich noch vor zwanzig Jahren en gros etwa in extremen Farbfiltern, close ups, Überblendungen oder nervöser handycam veräußerten, verzichtet er nunmehr fast zur Gänze und verlässt sich stattdessen auf die Wirkung eines wendungsreichen und ausgefeilten Scripts sowie seine wie gewohnt bestens aufgelegten Besetzung, die mit den beiden Protagonisten-Darstellern einmal mehr auf langjährige Kollaborateure zählen darf. Dass „No Sudden Move“ es in der sich nach diversen Ränkespielen entfaltenden conclusio vielleicht ein klein wenig übertreibt, wenn er seinen großen Macguffin als frühen Schadstoffkatalysator outet, dessen Existenz die Autoindustrie wohlweislich vor Politik und Öffentlichkeit geheimzuhalten trachtet, kann man dem sich stellenweise wie ein thematisches „Best Of“ aus früheren Soderbergh-Werken ausnehmendem Film dabei durchaus nachsehen. Ein wenig antikapitalistische Relevanz hat ja noch keinem Genrestück geschadet.

7/10

MOBSTERS

„This ain’t money, Tommy. This is friendship.“

Mobsters (Die wahren Bosse) ~ USA 1991
Directed By: Michael Karbelnikoff

New York in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Ihrer unterschiedlichen ethnischen Abstammung zum Trotz werden die vier Nachwuchsgangster Charlie Luciano (Christian Slater), Meyer Lansky (Patrick Dempsey), Benny Siegel (Richard Grieco) und Frank Costello (Costas Mandylor) eingeschworene Freunde und Partner. Protegiert von dem Alkoholschmuggler Arnold Rothstein (F. Murray Abraham) gelingt ihnen der Aufstieg zu ernstzunehmenden Konkurrenten der beiden alteingesessenen Mafiabosse Don Faranzano (Michael Gambon) und Don Masseria (Anthony Quinn), die sich zuvor stets bloß gegenseitig bekriegt haben und nun versuchen, Luciano jeweils für ihre Familie zu instrumentalisieren. Dass sie dabei jedoch alles andere als zimperlich vorgehen, wird den beiden Altpatriarchen bald zum blutigen Verhängnis.

Amerika und damit auch Hollywood lieben ihren historischen Gangster und die ihn umspannende Mythologie. Die entsprechende Figur bildet einen Archetypus des Films und avancierte seit dessen Anfängen zugleich zum steten Dauergast und damit elementarem Baustein des Kinos. Insbesondere die Ära der Prohibition und daran anschließend die der Großen Depression haben dabei die größten und dankbarsten Milieugrößen hervorgebracht, darunter die in „Mobsters“ ziemlich semiauthentisch porträtierten New Yorker Tommy-Gun-Legenden. Die erste von nur zwei Regiearbeiten von Michael Karbelnikoff bildet dabei einen eher halbherzigen Versuch der produzierenden Universal, sich ein Stückchen vom Kuchen der großen Doppel-Gangsterfilm-Saison 90/91 zu sichern. Allein 1991 wurden nebenbei gleich drei Filme produziert, in denen Benjamin „Bugsy“ Siegel eine mehr oder weniger elementare Rolle spielte, darunter der vorliegende.
Im Gegensatz zu den meisten überaus gelungenen und teilweise längst zu Klassikern avancierten Unterweltepen seiner Ära muss man „Mobsters“ allerdings bescheinigen, ziemlich krachend gescheitert zu sein, wenn auch in nicht uninteressanter Weise. Das rund vierzehn Jahre (von 1917 bis 1931, dem Gründungsjahr der „Commission“, des Dachverbands der Cosa Nostra) währende, ebenso komplexe wie ereignisreiche golden age des Aufstiegs von Luciano, Costello, Lansky und Siegel quetscht der Film in ein hundertminütiges Erzählkorsett und kann damit freilich nur scheitern. Für die Interpretationen der vier tatsächlichen, mit Ausnahme vielleicht von Siegel physiognomisch tatsächlich allen Klischees entsprechenden Protagonisten, zog man ausgerechnet die bildhübschen Sonnyboys Slater, Dempsey, Grieco und Mandylor heran, damals alle Anfang bis Mitte 20 und gewiss bestens dazu angetan, als Brecher flatternder Mädchenherzen anzutreten, nicht aber unbedingt als verschlagene Könige des organisierten Verbrechens. Damit nicht genug, vergaloppiert sich der Film permanent in seinem unbeholfenen Bemühen, sich strukturell konsumierbar zu machen. Wichtige Momente finden sich als hilfloser Kurzabriss, redundanten Liebessequenzen wird im Gegenzug mindestens soviel Platz eingeräumt wie unabdingbaren Actionszenen. Im Grunde wirkt „Mobsters“ trotz keinesfalls weniger schöner Momente meist rein fragmentarisch, ein wenig, wie ein Trailer für einen wesentlich ausufernderen Film, den es am Ende nie gab, da das vorliegende Material nie zum einem konzisen Ganzen finden mag. Dennoch lässt sich sein so häufig im Verborgenen verharrendes Potenzial immer wieder erahnen, so etwa in Aspekten des sorgfältigen Produktionsdesigns und der fraglos vorhandenen Ambition, Zeitkolorit spürbar werden zu lassen. Selbst die Chemie zwischen den ihre Rollen sichtlich ernst nehmenden Slater und Dempsey stimmt soweit. Die erfahrenen Recken Abraham, Gambon und vor allem Quinn (der mit dem echten Frank Costello gut befreundet war) machen sich im Gegenzug jedoch einen Spaß daraus, ihre teils vor einfältigen Klischees nur so strotzenden Dialogzeilen durch vorsätzliches overacting noch mehr hochzujizzen, was dann wiederum alle Versuche in Richtung Ernsthaftigkeit gehörigst unterminiert.
Trotz alldem nehme ich „Mobsters“ nicht als Ärgernis war, sondern als durchaus spaßigen, wohlmeinenden, obschon rasant vor die Wand gesteuerten Versuch, dem arrivierten Genrefilm durch gezielte Modernisierung in Form und Dramaturgie etwas Juvenilität hinzuzusetzen. Dass die Kids dann allerdings eher zu Flottem wie „New Jack City“ oder „Bound By Honor“ tendierten, überrascht allerdings kaum.

6/10

THE BANK JOB

„This robbery’s pissed off some local villains.“

The Bank Job ~ UK/USA/AUS 2008
Directed By: Roger Donaldson

London, 1971. Der MI5 findet heraus, dass der militante, selbsternannte Londoner Black-Power-Führer Michael X (Peter De Jersey) kompromittierende Fotos eines Mitglieds des Königshauses besitzt und damit nach Belieben sämtliche staatlichen Autoritäten erpressen kann. Man findet heraus, dass jene Bilder in einem Tresorschließfach der Bank Lloyd’s lagern. Um ihrer auf inoffiziellem Wege habhaft zu werden, beschließt man, über komplizierte Wege ein paar Kleinganoven zu einem Einbruch anzustiften und die Fotos dann später zu sichern. Der „Bank Job“ geht über die kleinkriminelle Martine Love (Safron Burrows) an den hochverschuldeten Luxuswagenverkäufer Terry Leather (Jason Statham), der mit vier weiteren Beteiligten den Bruch plant und trotz einiger Faux-pas erfolgreich durchführt. Von den belastenden Aufnahmen ahnen Terry und seine Männer im Gegensatz zu Martine zunächst nichts, ebensowenig davon, dass sich neben Geld und Schmuck nunmehr noch ganz andere, höchst brisante Objekte in ihrem Besitz befinden…

Um den Baker Street Robbery am 11. September 1971, dessen Täter nie gefasst wurden und dessen Beute größenteils unentdeckt blieb, ranken sich, ähnlich wie um Jack The Ripper, einige bunte Verschwörungstheorien, die Mitglieder der allerhöchsten britischen Kreise beinhalten. Eine recht populäre davon behandelt dieser von Roger Donaldson, der sich im Falle seiner period pieces ja stets authentisch verwurzelter Sujets annimmt, wie üblich brillant inszenierte Heist-Thriller. Darin wird die – durchaus sympathische – Einbrecherclique von niemand Geringerem als dem Geheimdienst MI5, respektive dessen Aktivposten Tim Everett (Richard Lintern) auf das schmutzige Geschäft angesetzt, was die Beteiligten erst nach dem eigentlichen, auf verblüffende Weise gelungenen Bruch in die Bredouille versetzt. In den ausgeraubten Schließfächern befinden sich neben den heiklen X-Fotos, die Prinzessin Margaret beim flotten Dreier zeigen, nämlich unter anderem noch ein Notizbuch des Sohoer Pornokönigs Lew Vogel (David Suchet), in dem minutiös sämtliche seiner Schmierungen von Londoner Polizisten aufgeführt sind, sowie ein Fotographie-Portfolio der Puffmutter Sonia Bern (Sharon Maugham), das diverse Unter- und Oberhausmitglieder in ziemlich prekären Situationen dokumentiert. Mit seiner reichhaltigen Beute wird das Sextett zunächst also alles andere als glücklich; vor allem Vogel und einige seiner Mittelsleute bei der Polizei gehen alles andere als zimperlich vor, um ihren Besitz zurückzuerlangen.
Einige historische Fakten werden noch mitverwurstet, so die Flucht des zeitweiligen John-Lennon-Protegés Michael X nach Tobago, der, nachdem er die Freundin (Hattie Morahan) seines Adlatus Hakim Jamal (Colin Salmon) ermoden lässt aufgrund des Verdachts, sie sei eine Spionin (wiederum eine fiktionalisierte Facette des Filmscripts), gefasst und später in Port of Spain hingerichtet wurde. Was nun wahr ist und was Erfindung, scheint in Anbetracht des lustvoll ausgebreiteten Ränke-Tableaus, das „The Bank Job“ durchaus vortrefflich arrangiert, geradezu nebensächlich. Die Verwicklungen von Staatsräson, illegalen Aktionen, Unterwelt und Korruption, an deren losen Enden sich ausgerechnet die Einbrecherbande noch als die Unschuldigsten aller Beteiligten erweist, geben ein sehr schickes, oftmals bitterbös karikierendes Empire-Bild ab. Dass ein paar Details verbesserungswürdig bleiben, verleidet Donaldsons sechzehnter Regiearbeit allerdings das letzte i-Tüpfelchen: So sehen sowohl Statham mit seinem üblichen Dreitagebart als auch Safron Burrows kein bisschen aus wie zwei Londoner zu Beginn der siebziger Jahre, sondern wie zwei modelhafte Schauspieler von 2008, die in einem period piece auftreten. Ähnliches gilt für den Score (J. Peter Robinson), der, im Gegensatz zu den Songeinspielern, leider ebenfalls keierlei periodische Anbindung aufweist. Derlei Nachlässigkeiten führen leider dazu, dass man allenthalben aus der Illusion des Zeitkolorits herausgerissen wird, was in Anbetracht der sonstigen Qualitäten von „The Bank Job“ zwar verschmerzbar ist, aber dennoch unnötig gewesen wäre. Ich habe mich während des Films häufiger gefragt, wie wohl Guy Ritchie, für den der Stoff sich ja eigentlich geradezu prototypisch ausnimmt, das Ganze dirigiert hätte. No pun intended.
Sein übliches Happy End jedenfalls gönnt Donaldson entgegen allen Wahrscheinlichkeiten wiederum auch Terry Leather und seiner Familie. So schließt sich dann auch dieser Kreis.

8/10

WRATH OF MAN

„Strange things happen to men when they smell that much cash.“

Wrath Of Man (Cash Truck) ~ UK/USA 2021
Directed By: Guy Ritchie

Der aus England stammende Patrick Hill (Jason Statham) heuert bei dem privaten Geldtransport-Unternehmen „Fortico Security“ als Fahrer an. Sein neuer Kollege Bullet (Holt MCallany) verpasst ihm den Spitznamen „H“ und nimmt ihn kurzerhand unter seine erfahrenen Fittiche. Als bald darauf ein von den beiden begleiteter Geldtransport überfallen wird, straft H seinen eher durchschnittlichen Einstellungstest Lügen und erschießt seelenruhig sämtliche beteiligten Ganoven. Sowohl bei Fortico als auch bei der Polizei wird man wegen Hs kaltblütiger Aktion hellhörig. Wer ist dieser Mann wirklich? Tatsächlich handelt es sich bei H um einen Mann namens Mason Hargreaves, den Kopf eines kleinen, jedoch wohlfeil geölten und seit vielen Jahren effektiv arbeitenden Gangstersyndikats, der auf der Suche nach dem Mörder seines Sohnes Dougie (Eli Brown) ist. Mit dem inoffiziellen Segen von FBI-Agent King (Andy Garcia) fräsen H und seine Männer sich bereits seit Monaten eine Schneise durch die Unterwelt von L.A., um den Täter ausfindig zu machen. Die heißeste Spur führt ausgerechnet zu Fortico, auf die Hs Leute ursprünglich selbst einen Überfall geplant hatten. Wie sich herausstellt, sind er und Dougie infolge einer Kurzobservation an jenem verhängnisvollen Tag einer konkurrierenden, aus inaktiven Soldaten um den Veteran Jackson (Jeffrey Donovan) bestehenden Gruppe während deren Raubzug in die Quere gekommen. Zudem muss es bei Fortico einen Maulwurf geben, der Jacksons Truppe entscheidende Hinweise zukommen lässt…

Dass der ja regelmäßig auf mainstreamigen Irrpfaden wandelnde Guy Ritchie immer dann am effektivsten zu Werke geht, wenn er verschachtelte Gangster-Geschichten erzählt, muss man mittlerweile als evident bezeichnen. Darin liegen seine Wurzeln, darin ist er gut. Wie ich erst im Nachhinein erfuhr, ist „Wrath Of Man“, Ritchies vierte Zusammenarbeit mit Jason Statham, das modifizierte Remake eines recht renommierten, französischen Originals namens „Le Convoyeur“ von 2004, was natürlich zugleich dessen nachträgliche Betrachtung bedingt. Davon unabhängig lässt sich der Film recht gut als Werk seines Dirigenten identifizieren: in mehreren, achronologisch erzählten Kapiteln entblättert sich das zunächst stark elliptisch scheinende Gesamtbild dem Rezipienten nur peu à peu und erweist sich schließlich als lupenreine, etwas kompliziert erzählte Rachegeschichte, die trotz ihres westamerikanischen Schauplatzes zugleich die eherne Tradition des britischen Gangsterfilms pflegt. Mit seinem üblicherweise kutivierten, lakonischen Humor geizt Ritchie diesmal; analog zu Stathams Figur und ihrer Motivation geht auch der Regisseur eher bärbeißig zu Werke. Ob die im Grunde durchaus luzide Struktur des Plots allerdings zu einer derart verschlungenen Narration berechtigt oder diese eher auf Ritchies inszenatorischen Manierismus zurückgeht, mag derweil ein valider Diskussionspunkt sein. Des comichaft-exalzierten Gewaltduktus ähnlich gelagerter Vigilanten-, Selbjustiz- und/oder Killerfilme der jüngern Zeit enthält sich „Wrath Of Man“ weitgehend. Allein der Showdown-Heist, in dem Jacksons Gang mit martialischen, kugelsicheren Superuniformen zu Werke geht, nimmt sich diesbezüglich doch sehr viel zahmer aus als etwa das Finale von Ilya Naishullers ohnehin gelungenerem „Nobody“. Für Jason Statham bedeutet seine Rolle jedenfalls ein relativ bequemes Engagement, in dessen Zuge er seiner persönlichen Ikonogrpahie nichts Neues hinzuzusetzen hat. Mit der üblich versteinerten Miene, wortkarg und sich bei aller Härte dennoch nie ganz dem allzeit dräuenden Racheamok hingebend, pflügt er sich durch die Reihen seiner Widersacher bis hin zu jenem Oberfiesling, der seinem Filius einst die tödlichen Kugeln verabreicht hat. Dabei handelt es sich um einen gewissen Jan, den gierigsten und unberechenbarsten von Jacksons Untergebenen, gespielt von Clint-Filius Scott Eastwood. Jener, frische 35 Jahre jung, besitzt eine unglaubliche, beinahe kloneske Ähnlichkeit zu seinem legendären Dad, was sich nicht nur in der Physiognomie, sondern auch in Mimik und Gestik manifestiert. Man meint wirklich, den auf wundersame Weise verjüngten Meister gegenüberzusitzen. Das wollte ich dann doch gern noch erwähnt haben.

7/10

SENZA RAGIONE

Zitat entfällt.

Senza Ragione (Blutrausch) ~ I/UK 1973
Directed By: Silvio Narizzano

Drei Ganoven, der soziopathische Amerikaner Memphis (Telly Savalas), der kaum minder aufgedrehte Mosquito (Franco Nero) sowie dessen devote Freundin Maria (Ely Galleani), überfallen einen Juwelier (Giuseppe Mattei) in Rom. Auf der anschließenden Flucht durch ein paar enge Gassen schrotten sie ihren Wagen und stehlen stattdessen kurzerhand den Mercedes der Diplomatengattin Margaret Duncan (Beatrice Clary), auf dessen Rückbank sich Lennox (Mark Lester), der halbwüchsige Filius der Duncans, versteckt hält. Erst später registriert das Trio die Anwesenheit Lennox‘, womit die sich ohnehin planlos verlaufende, gen französische Grenze richtende Odyssee der Gangster vollends in eine Reise geradewegs ins verschneite Inferno verwandelt.

Für die mit Psychotikern ja geradezu gesäumten Flucht- und Amokgeschichten des italienischen Gangsterfilms der anni di piombo bildet „Senza Ragione“, dessen akurat übersetzter Titel eigentlich (und deutlich passender zudem) „Ohne Vernunft“ zu lauten hätte, nochmal einen kleinen Sonderfall dar. Das in Kooperation mit den Briten entstandene, wilde Road Movie kombiniert mit den Darstellern des Protagonistentrios ein lediglich auf den ersten Blick extravagant erscheinendes, für seine Entstehungszeit dann aber wiederum doch gar nicht mal so außerordentliches Antihelden-Kleeblatt. Selbst für das damalige darstellerische Œuvre Mark Lesters, des just auf seinem Zenit als Kinderstar befindlichen Filius des mitproduzierenden Michael Lester, bildet der psychologisch differenziert angelegte Part des zusehends aus seiner angestammten gesellschaftlichen Rolle fallenden Kidnapping-Opfers keine allzu spezifische Ausnahme.
Das zunächst noch als Quartett gleicht rasch einer dysfunktionalen Familie, die durch die unberechenbaren gewaltvollen Ausbrüche ihres schwärzesten Schafs zunächst um ihren weiblichen Bestandteil dezimiert wird und dann immer weiter auf direktem Verderbniskurs navigiert. Ausnahmslos alles läuft von Anfang an schief für Mosquito und Memphis – insbesondere infolge der affektgesteuerten Unbeherrschtheit von letzterem, der im Laufe der Geschichte immer mehr unschuldige Opfer anhäuft, darunter einen Hirtenjungen und eine fünfköpfige deutsche Camperfamilie. Selbst eine dreibeinige Hündin, die Memphis treu nachläuft, bleibt nicht von ihm verschont. Dessen in direkter Folge fast immer höchst theatralisch geäußertes Bedauern über die jeweilige Gewalttat gehört gewissermaßen obligatorisch zum mörderischen Gesamtprocedere seines kopflosen Aktionismus. Ein verzweifelter Versuch von Mosquito und Lennox, sich von Memphis‘ abgründigem Weg zu emanzipieren, bleibt auf der Strecke, die (maskuline) Kernfamilie bleibt unweigerlich beisammen, bis zum bitterenden Ende. Dabei bevölkert sie ihre eigene Parallelwelt; sämtliche Personen außerhalb ihres Zirkels wirken wie Fremndkörper: die nur als phantomeske Staatsentität präsente Polizei, Lennox‘ desinteressierte Eltern, eine verblichene Adelige (Maria Michi), deren ruinöser, einsamer Palast Mosquito und Lennox nur sehr kurzzeitig als Sanktuarium dient.
Der ein ebenso überschaubares wie ungewöhnliches Regiewerk aufweisende Italo-Kanadier Narizzano inszeniert sein Werk analog zum chaotischen Trip seiner Figuren durchweg ruppig, ungeschliffen und teils sogar improvisiert scheinend. Wenn „Senza Ragione“ überhaupt eine wie auch immer geartete Form von „Schönheit“ aufweist, dann nimmt sich diese so vorsätzlich unelegant wie morbid aus. Dass der Film anders als viele seiner weitaus weniger prominent besetzten, zeitgenössisch entstandenen Gattungsgenossen sich irgendwie krampfhaft jeder hochgejubelten Wiederentdeckung sperrt, spricht Bände – zu unbequem, zu abstrakt, zu böse vielleicht, scheint er mir.
So wird in den meisten deutschsprachigen Reviews zu „Senza Ragione“ zudem gern und leidenschaftlich wider dessen Synchronfassung kolportiert, für die ich an dieser Stelle einmal ausnahmsweise in die Bresche springen möchte. Der erst 1983 anlässlich der hiesigen Videopremiere angefertigten Berliner Brunnemann-Vertonung von Michael Richter (der unter anderem auch für das legendäre „Söldnerkommando“ verantwortlich zeichnete, was den wiederkehrenden Begriff „Bratenbengel“ erklärt) wird vorgeworfen, sie kalauere unentwegt daher und zerstöre dadurch die melancholische Grundstimmung des Geschehens. In der Tat trägt feuert insbesondere der auf Savalas besetzte Edgar Ott seine oftmals monologischen Zeilen vor allem zu Beginn ab, als befände er sich in einem absurden Theaterstück. Das ist, zumal anfänglich, in dieser Form gewiss gewöhnungsbedürftig, ergänzt „Senza Ragione“ aber vielmehr nochmals um jene ganz besondere, eigene Kunstform des Synchronfachs, die sich dann im weiteren Verlauf irgendwann doch der zusehends nihilistischen Atmosphäre unterwirft und trotz aller halsbrecherischen Verbaldrescherei den Film niemals zur befürchteten, albernen Komödie degradiert.

8/10

NOBODY

„I’m nobody.“

Nobody ~ USA/J 2021
Directed By: Ilya Naishuller

Hutch Mansell (Bob Odenkirk) lebt ein biederes, gleichförmiges und nahtlos durchgetaktetes Vorstadtleben als Ehemann und Vater zweier Kinder. Als Zweitverdiener arbeitet er in einem Bürojob der Metallwarenfabrik seines Schwiegervaters (Michael Ironside). Als eines Nachts ein Räuberpärchen (Humberly González, Edsson Morales) bei ihm einbricht, handelt er die Situation besonnen und gewaltfrei, ganz zur Enttäuschung seines Sohnes (Gage Munroe).
Dennoch scheint ein Schalter bei Hutch umgelegt. Am folgenden Abend macht er sich, nachdem er über seinen mysteriösen Halbbruder Harry (RZA) die Identitäten der beiden Ganoven und die alte FBI-Marke seines Vaters (Christopher Lloyd) ausgeborgt hat, auf den Weg sie zu stellen – vorgeblich, um die verschwundene Kitty-Spange seiner kleinen Tochter (Paisley Cadorath) wiederzubeschaffen. Das Pärchen entpuppt sich als arme Sozialempfänger mit krankem Baby, woraufhin Hutch zähnkenirschend wieder verschwindet. Doch er hat im Folgenden noch ausgiebig Gelegenheit, sich Satisfaktion zu verschaffen: Eine Gruppe betrunkener, aggressiver russischer Gangster steigt just in in den Bus, der Hutch nach Hause befördert. Der folgende Konflikt befördert die Russen durchweg ins Krankenhaus – Hutch ist offenbar etwas wesentlich anderes denn der ordinäre Spießbürger, der er zu sein vorgibt. Einer der Gangster (Aleksandr Pal) stellt sich hernach als jüngerer Bruder von Yulian Kuznetsov (Aleksey Serebryakov) heraus, ein soziopathischer Krimineller, der darüberhinaus die Aufsichtsgewalt über den Obtshak, das Barvermögen weiter Teile der Russenmafia innehat. Kuznetsov will Rache für die Schmach und entfesselt damit eine unabsehbare Gewaltspirale…

Eines der wesentlichsten Kreativelemente im (post-)modernen Genrefilm besteht darin, längst etablierte Storyprämissen zu variieren, zu restrukturieren und gegebenenfalls auch zu ironisieren, um sie so sukzessiv einer immer feineren Zuspitzung zuzuführen – so lang vermutlich, bis sich die zugrundeliegende Konzeption allmählich zurückbildet, um dann irgendwann abzunutzen und wieder stumpf zu werden; gewissermaßen also der immerwährende Vitalzirkel.
Der überraschend funktionale „Nobody“ bildet dafür ein recht herausragendes Exempel. Das von Derek Kolstad gescriptete Buch des Films ist eine unschwer identifizierbare Paraphrase seiner eigenen Arbeit zu „John Wick“: Ein ehemaliger Superkiller, der eigentlich seit Jahren aus dem „Spiel“ ist, um in cognito ein adrenalin- und gewaltfreies Leben als liebender Normbürger zu führen, wird durch ein unverschuldetes Ereignis zurück in alte Fahrwasser gelotst, um darin dann die noch immer schlummernden, tödlichen Fertigkeiten zu reaktivieren und unter seinen Gegnern ein wahres Inferno zu entfesseln. Von jenem Vorbild unterscheidet sich „Nobody“ letzten Endes nur durch Nuancen; Bob Odenkirk als Hutch Mansell liefert ein etwas geerdeteres, psychologisch leicht ausgefeilteres Alias von John Wick. Mansell bekleidet keinen dem Zirkel einer global operierenden Geheimloge angehörigen Superkiller, sondern einen von der US-Regierung herangezüchteten und ausgebildeten „auditor“, der sich zwar ebenfalls als überaus harter und skrupelloser Knochen ausweist, im direkten Duell gegen Super-Wick jedoch mutmaßlich keine Chance hätte. Als frustrierter Familienvater erinnert Mansell eher an eine Vorstufe des seligen Lester Burnham nebst dessen entseelte, suburbane Biedermännlichkeit. Mansell tauscht schon lange keine Zärtlichkeiten mehr mit seiner Frau Becca (Connie Nielsen) aus; sein heranwachsender Sohn Blake sieht in ihm keinerlei Vorbildfunktion mehr. Einzig Töchterchen Abby ist noch jung genug, um den merkwürdig passiv wirkenden Papa noch wirklich gernzuhaben. Hinzu kommt eine existenzielle Unzufriedenheit, die Mansell bereits in die ersten Ausläufer einer handfesten Mittlebensdepression treibt. Der Trigger in Form des nächtlichen Einbruchs und der daraus erwachsende Konflikt mit der Russenmafia bietet für Mansell also eine im Endeffekt durchaus positiv konnotierte Zäsur, die schlafende Lebensgeister zurückbeschwört und somit ironischerweise zugleich sein Familienleben bewahrt. Anders als der vornehmlich solitär operierende Wick ist Mansell im leichengesäumten Finale zudem auf die Hilfe seiner wiederum höchst wehrhaften, früheren Familie angewiesen: Halbbruder Harry und Vater David mischen gehörig mit bei der wohlfeil vorbereiteten, von (möglicherweise von „Rambo: Last Blood“ inspirierten?) booby traps gesäumten Privatschlacht gegen die osteuropäische Übermacht. Die videospielhafte Leichtigkeit, mit der ganze Armeen von Gegnern wie beiläufig ins Jenseits befördert werden, behält letztlich auch „Nobody“ einem entsprechend freigiebigem (oder derart geschulten) Publikum vor; ansonsten transportiert er eine liebenswerte, luftig schwebende Metagravitas, die im Subgenre der neuen Superkiller so bisher nicht vorkam, fortan aber gewiss ein weiteres Vorbild bekleiden wird.

8/10

MESSAGE FROM THE KING

„I’m in trouble. I need your help.“

Message From The King ~ USA/UK/F/BE 2016
Directed By: Fabrice du Welz

Der aus Kapstadt stammende Jacob King (Chadwick Boseman) kommt mit 600 Dollar in der Tasche nach Los Angeles. Er sucht seine Schwester Bianca (Sibongile Mlambo), die bereits vor Jahren hierher gezogen ist und zuvor einen telefonischen Hilferuf abgesetzt hatte. Seine Recherchen führen Jacob umgehend in Unterweltskreise und zu zwielichtigen Typen, als er verzweifelt registrieren muss, dass es bereits zu spät ist. Bianca liegt anonym im Leichenschauhaus, gefoltert und ermordet. Ohne sie offiziell zu identifizieren begibt sich Jacob auf die Suche nach den Schuldigen und stößt in ein Wespennest aus Perversion und Erpressung.

Wie etliche andere internationale Premiumregisseure in den letzten Jahren verschlug es auch Fabrice du Welz irgendwann zu Netflix, wo er seinen ersten englischsprachigen Film, eine Reminiszenz an die Klassiker „Get Carter“ von Mike Hodges und „The Limey“ von Steven Soderbergh, inszenierte. Wie in diesen begibt sich ein zunächst enigmatisch gezeichneter, sorgenvoller Verwandter in unbekannte urbane Gefilde, um die Umstände um das Ableben eines geliebten Familienmitglieds zu klären und, nachdem er die ersten Schichten der betreffenden Affäre offengelegt hat, das kriminelle Hornissennest von innen nach außen zu kehren. Dass Chadwick Boseman als Jacob King im Gegensatz zu Michael Caine und Terence Stamp erst nach den ersten Filmminuten und bereits in seinem Ermittlungsterrain angelangt vom Tod seiner Schwester erfährt, ist dabei im Prinzip reine Makulatur. Sein anschließender Weg jedoch ist nicht minder beschwerlich: Jacobs detektivische Anstrengungen reichen von einer drogenabhängigen Freundin (Natalie Martinez) Biancas über einen südosteuropäischen Mafiaableger, einen kriminellen Zahnarzt (Luke Evans), einen korrupten, stadtoberen Politiker (Chris Mulkey) und sich als Auftragskiller verdingenden Cops bis hin zu einem als Päderast umtriebigen Filmproduzenten (Alfred Molina). Seine einzige Hilfe bezieht Jacob derweil von seiner sich nebenbei prostituierenden Nachbarin (Teresa Palmer). Zunächst nur mit einer Fahrradkette bewaffnet macht sich der cape-flats-gestählte Held daran, ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen – mit erwartungsgemäß beachtlichem Erfolg und eine kleine, unerwartete Eröffnung zum Abschluss inbegriffen.
Namhaft gecastet und vergleichsweise ordentlich budgetiert empfand ich „Message From The King“ nichtsdestotrotz als Fabrice du Welz‘ bis dato schwächsten Film. Wiederum scheint er als Auftragsregisseur einiges an seiner vormaligen Signifikanz einzubüßen und sich damit zu begnügen, reine Genreware zu liefern, die er routiniert, aber ohne besondere Überraschungen vorträgt. Üblicherweise ist der unverstellte bis faszinationsgesäumte Blick europäischer Filmemacher auf das amerikanische Lokalkolorit stets ein Zugewinn, du Welz scheint Los Angeles indes eher zu langweilen. Was er dem flächigen Großstadtmoloch abtrotzt, zeugt jedenfalls kaum von der sonst üblichen Begeisterung des Exoten. Potenziell vielversprechende Augenblicke wie ein an Michael Mann erinnernder Dialog zwischen Boseman und Palmer in einem nächtlichen Diner versanden gar in klischeebehafteter Bedeutungslosigkeit. Tatsächlich lebt „Message From The King“ primär von seinen Darstellern, was keineswegs als Kompliment an einen fähigen Regisseur gewertet werden mag.

6/10

I CONTRABBANDIERI DI SANTA LUCIA

Zitat entfällt.

I Contrabbandieri Di Santa Lucia (Der große Kampf des Syndikats) ~ I 1979
Directed By: Alfonso Brescia

Um eine enorme, aus dem Iran kommende Heroinlieferung nach New York auszubremsen, setzt der emsige Zollbeamte Ivano Radovich (Gianni Garko) alles auf eine Karte: Er versucht, die tödliche Fracht in ihrer letzten Zwischenstation Neapel aufzuhalten. Zu diesem Zweck sucht er die Bekanntschaft des hiesigen Tabakschmuggler-Paten Don Francesco Antiero (Mario Merola) und schließt einen Deal mit ihm ab: Wenn Don Francesco Radovich hilft, die Drahtzieher des Drogentransfers zu finden, so dessen Zusicherung, lässt der Zoll die kleinen Zigarettenverkäufer des Hafenviertels Santa Lucia vorübergehend gewähren. Was Don Francesco nicht ahnt – niemand Geringerer als sein Berufsgenosse, der offiziell als Süßwarenfabrikant tätige Don Michele Vizzini (Antonio Sabato), den Francesco blauäugig in Radovichs Pläne einweiht, ist im Auftrag des New Yorker Syndikats unter dessen Boss Don Avallone (Rik Battaglia) für den Weitertransport des Heroins verantwortlich. Vizzini spielt die Polizei und Don Francesco gegeneinander aus, doch als ein kleines Mädchen (Letizia D’Adderio) beinahe an einer Überdosis Rauschgift stirbt, zieht Francesco die richtigen Schlüsse. Er folgt Vizzini bis nach Manhattan, um ihn dort zu stellen…

„I Contrabbandieri Di Santa Lucia“ ist einer von mehreren Gangsterfilmen, die der Schnellschießer Alfonso Brescia gegen Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre mit Mario Merola in der jeweiligen Hauptrolle sowie unter Verwendung anderer StammschauspielerInnen in rascher Folge vom neapolitanischen Stapel ließ und von denen es leider nur wenige bis nach Deutschland geschafft haben. Die den handwerklich eher grobmotorischen, dabei sympathischen kleinen Werken zugrunde liegende moralische Formel kennt man selbst als weitgehend uneingeweihter Mitteleuropäer jedoch aus den „Piedone“-Filmen mit Bud Spencer: die Menschen der rustikalen Vesuv-Metropole sind arm, aber herzlich, oftmals kleinkriminell, aber beseelt von einem umso größeren Ehr- und Zusammengehörigkeitsgefühl. Mit diesen wohlbewussten Karten spielt auch Brescia, respektive das von Ciro Ippolito mitverfasste Script. Merola als sympathischer Ganove steht im stetigen Kontakt zu den kleinen Straßengaunern und hat eher was von einem Sozialarbeiter denn von einem Gangster oder gar Mafioso. Er leistet sich kein dickes Auto und verdingt als einziges persönliches Faktotum den leicht vertrottelten Chauffeur Cassio (Lucio Montanaro als etwas unbeholfenes comic relief). Ganz im antagonistischen Gegensatz dazu sein schmieriger, sich mit Protz und freizügigen Damen umgebender Konkurrent Vizzini, der prototypische Mafia-Emporkömmling, der als gewohnheitsmäßiger Opportunist ebenso wohlfeil den Speichel der in der Hierarchie über ihm stehenden Bosse leckt wie er Mordaufträge verteilt. Inmitten dieser doch recht durchschaubaren Halbweltkonstellation wirkt Gianni Garko als Zollbeamter schließlich nicht von ungefähr wie ein Fremdkörper, dem es tatsächlich geflissentlich an Durchblick mangelt und dem sowohl die Entschlusskraft als auch die kombattante Überlegenheit eines Maurizio Merli oder Luc Merenda abgeht. Gleich mehrere Male wird er verprügelt, angeschossen oder sonstwie situativ übervorteilt – immerhin lässt ihn dies zugleich recht menschlich erscheinen. Dass ein Großteil des im Übrigen saumäßig montierten, in New York spielenden Finales nebenbei kurzerhand etliche Einstellungen aus Ferdinando Baldis mehrere Jahre zurückliegendem „Afyon Oppio“ recycelt, sieht man Brescias insgesamt doch recht liebenswertem schnellen Brüter durchaus nach.

6/10

SONNY BOY

„You’re truly a man of vision, Slue.“

Sonny Boy (Satanic – Ausgeburt des Wahnsinns) ~ USA/I 1989
Directed By: Robert Martin Carroll

Der Psychopath Slue (Paul L. Smith) hat die gesamte Wüsten-Gemeinde Harmony unter seiner Fuchtel. Zusammen mit seinen beiden Liebhabern Pearl (David Carradine) und Weasel (Brad Dourif) bewohnt er eine kleine Farm unweit des Ortskerns, von der aus das Trio seine miesen Hehlereigeschäfte organisiert. Stets behilflich dabei ist ihnen der nicht minder abgründige Charlie P. (Sydney Lassick). Als Weasel eines Tages ein junges Ehepaar ermordet und unwissentlich dessen Baby mitnimmt, kann Pearl Slue nur mit Mühe überreden, den Kleinen nicht gleich zu entsorgen. Stattdessen komplettiert „Sonny Boy“, wie der Junge getauft wird, bald das dysfunktionale Familienleben. Zu einer Art Kampfhund-Ersatz trainiert und seiner Zunge entledigt, haust Sonny Boy fortan zeitlebens in einem Getreidesilo und wird, zum jungen Mann (Michael Boston) herangewachsen, nur herausgelassen, wenn Slue ihn für spezielle Killerjobs benötigt. Als Sonny Boy eines Tages entwischt und mit einem ungehalten reagierenden Rockerpärchen (Christopher Bradley, Samantha Phillips) konfrontiert wird, wollen die Leute von Harmony Slues Treiben nicht länger zusehen und bilden, unter der Führung der resoluten Sandy (Savina Gersak), einen Lynchmob um der Clique ein für allemal den Garaus zu machen. Einzig der versoffene Doc Bender (Conrad Janis) und die junge Rose (Alexandra Powers) haben ein Herz für Sonny Boy.

Ein hübsch verrücktes, dabei sehr poetisches Stück Film, so abseitig und zielgenau am Massengeschmack vorbei, dass es ihm nie leicht fiel, sich irgendwo dauerhaft setzen zu können. Herstellungsgeleitet von Ovidio G. Assonitis, bevor dieser kurz darauf CEO bei Cannon wurde und versuchte, sich mit oftmals etwas seltsamen, italienisch-amerikanischen Co-Produktionen für den US-Markt zu empfehlen, ist „Sonny Boy“ ein Film, der mit breit ausgestelltem Selbstbewusstsein zwischen allen Stühlen Platz nimmt und sich folglich auch einer eindeutigen Genre-Kategorisierung verweigert. Western, Horror, Terror- Gangsterfilm gar? Spielt keine Rolle. Ein bisschen was von allem findet man ohne es zu suchen in dieser bizarren Kaspar-Hauser-Paraphrase, wobei man sie wohl noch am ehesten als Groteske oder auch als schwarze Komödie bezeichnen könnte. New Hollywood blitzt hier und da auf; Dennis Hopper oder Carl Reiner, derwel Philip Ridley und Rob Zombie antizipiert zu werden scheinen. Carrolls Werk spielt in einer Art gegenwärtigem, nichtsdestotrotz aber postapokalyptischem Metaamerika, in dem der dicke, schwitzende Protagonist Paul Smith, den man als Second-Hand-Bud-Spencer aus den Siebzigern kennt, als widerwärtigen Gefängnisboss in „Midnight Express“ und aus zig anderen, sonderbaren Nebenrollen, wiederum wirkt wie ein aus seiner Zeit gerissener Al Swearengen, ein frontier badman, der sich bequem in seinem kleinen, vom Rest der Welt losgelösten Mikrokosmos eingerichtet hat. So, wie sie es sich machen, gestaltet sich das Leben durchaus idyllisch für Slue und seine Transgender-Frau Pearl, die David Carradine mit ganz viel abgründiger Hingabe interpretiert. Mit Pearl, dem vom wie immer zuverlässigen Brad Dourif gespielten, tatsächlich wieselhaften Wüstenpunk Weasel und ergänzt um den nicht minder unverkennbaren Sydney Lassick als verschlagenem Gernegroß Charlie P. ergibt sich ein anarchisches quartet infernal, das keinerlei gesellschaftliche Normen und Dogmen für sich gelten lässt. Slue betätigt sich nebenbei als Maler interessanter Gemälde wie überhaupt das Meiste auf der Farm, die Türme alter Schwarzweiß-Fernseher oder eine Plastikpyramide, in der die Männer ihr Zeug horten, etwas von Installationskunst besitzt. Die den Plot begründende Tatsache, dass die kleine Gang mal ebenso nebenbei den Lebensweg eines Babys umleitet, den Jungen hernach einer lebenslangen psychischen und physischen Tortur aussetzen und ihn zum Killer machen, hindert den Film allerdings nicht, ihnen verquere Sympathien zu lassen, was es ihm zusätzlich schwer gemacht haben wird. Auf die Titelfigur fokussiert „Sonny Boy“ sich dann erst mit zunehmender Erzählzeit, wobei auch das im Prinzip völlig nebensächlich, weil nicht minder entrückt ist als andere in Carrolls Film. Am Ende, wenn der trotz seines Martyriums stets hübsch gebliebene Sonny Boy eine neue Zunge erhält und die verbale Kommunikation zurückgewinnt, erhält das Ganze sogar noch märchenhaftere Züge als ohnehin schon. Nicht das Ziel zählt hier, sondern der behaglich-wahnsinnige Weg dorthin. Der wunderbare, von David Carradine geschriebene und gesungene Titelsong beschreibt das eigentlich schon ganz passend.

7/10

CON LA RABBIA AGLI OCCHI

Zitat entfällt.

Con La Rabbia Agli Occhi (Höllenhunde bellen zum Gebet) ~ I 1976
Directed By: Antonio Margheriti

Der in seinen Berufskreisen längst legendäre Profikiller Peter Marciani (Yul Brynner) erhält den Auftrag, den für die New Yorker Mafia zum Problem gewordenen Neapeler Paten Gennaro Gallo (Giancarlo Sbraglia) zu beseitigen. Mit dem Hinweis, Gallo habe vor einiger Zeit seinerseits den Mord an Marciani und dessen erschossenem, jüngeren Bruder befohlen, nimmt der zunächst ablehnende Marciani den Job schließlich doch an. In Neapel angekommen, lernt er den jungen Nachwuchsganoven Angelo (Massimo Ranieri) kennen, der sich dem alten professional andient, verliebt sich in die Striptänzerin Anny (Barbara Bouchet) und gerät mit dem hiesigen Commissario (Martin Balsam) aneinander. Sein eigentliches Ziel jedoch verliert Marciani nie aus den wütenden Augen…

Der Multigenre-Arbeiter Antonio Margheriti hat sein Näschen ähnlich vielen seiner Kollegen irgendwann einmal in nahezu jede von den Italienern vereinnahmte Filmgattung mit Exploitation-Charakter gesteckt. Das von zeitgenössischen Mitstreitern wie Umberto Lenzi, Stelvio Massi oder Sergio Martino (um nur einige wenige wesentliche zu nennen) reichhaltig beackerte Terrain des Poliziottesco bzw. Gangsterfilms jedoch sparte der ja auch gern unter seinem knackigen Pseudonym Anthony M. Dawson firmierende Margheriti auf seiner knapp 60 Werke umfassenden Reise durch die Leinwandgestade weitgehend aus. Eine recht hübsche Ausnahme von jener Regel bildet „Con La Rabbia Agli Occhi“, zugleich der letzte Leinwandauftritt des Hauptdarstellers Yul Brynner, bevor er sich mit vergleichsweise jungen 56 Jahren vom Kino verabschiedete. Die Rolle des abgeklärten, stets schwarz gekleideten Hitman, der unter der Brooklyn Bridge zum Angeln geht, eigentlich doch ein verschmitztes Wesen sein Eigen nennt und nur allzu gern häufiger von den angenehmeren Dingen des Lebens gekostet hätte, bildete aber auch ein schönes Geschenk für Brynner, der den Part dann auch mit sehr viel guter Laune absolvierte.
Mit der wie immer überaus freizügigen, als sehr liebe Tänzerin Anny zu sehenden Barbara Bouchet verbindet ihn bald eine zarte Romanze, die das nur selten ins Deftigere abgleitende Timbre des Films immer wieder hebt. Überhaupt überlässt Margheriti düsteren Zynismus und schwarzen Fatalismus lieber anderen; wie die meisten seiner Werke findet auch „Con La Rabbia Agli Occhi“ von einer – gerade in Anbetracht des gezeichneten Milieus – sehr unbeschwerten Müßigkeit getragen, die allzu trübsinnige Emotionen lieber ausspart. Zu genießen sind derweil die Impressionen Napolis, die hier, anders als aus den Mafia- und Gangsterprügeln jener Tage gewohnt, sogar ausnahmsweise mal betont tourismusaffin daherkommen.

7/10