SOLO: A STAR WARS STORY

„Everything you’ve heard about me is true.“

Solo: A Star Wars Story ~ USA 2018
Directed By: Ron Howard

Der junge Corellianer Han (Alden Ehrenreich) träumt davon, gemeinsam mit seiner Freundin Qi’ra (Emilia Clarke) von seinem finsteren Ganovenplaneten und somit den Fängen der Gangsterkönigin Lady Proxima zu entkommen. Zumindest ihm gelingt eines Tages die Flucht, derweil Qi’ra zurückbleiben muss. Nachdem er sich jetzt Han Solo nennt, führt ihn sein folgender, mehrjähriger Werdegang über eine kurze Karriere bei den imperialen Streitkräften bis hin in die anfangs turbulente Kumpanei mit dem Wookie Chewbacca (Joonas Suotamo) und in die Gesellschaft des Kleingangsters Tobias Beckett (Woody Harrelson), der mit seiner kleinen Clique wiederum für den weitaus mächtigeren Syndikatsboss Dryden Vos (Paul Bettany) arbeitet. Auch Qi’ra befindet sich mittlerweile im engeren Dunstkreis von Vos – wobei ihr Interesse an Han merklich abgekühlt scheint. Um eine offene Rechnung zu begleichen, müssen Beckett und Han eine größere Menge des raren Raumschifftreibstoffs Coaxium erbeuten und es zudem noch raffinieren lassen. Mithilfe des Spielers Lando Calrissian (Donald Glover) und seines rasanten Schiffs gelingt der Coup unter einigen Turbulenzen. Als Han schließlich auf dem ausgebeuteten Planeten Savareen feststellen muss, dass die intergalaktischen Verbrechersyndikate um keinen moralischen Deut besser agieren als das Imperium, dass sie vielmehr sogar mit der Diktatur paktieren, wendet er sich gegen Becket, Vos und Qi’ra…

Der zweite außerchronologische filmische „Star Wars“-Ableger seit der Übernahme des Franchise durch den Disney-Konzern erlebte bereits während seiner Produktionsphase mehr Stolpersteine als die Titelfigur während des gesamten Films: Ron Howard übernahm die Regie, nachdem die zunächst inszenierenden Phil Lord und Chris Miller zu höchster Unzufriedenheit der Produktionsleitung gearbeitet hatten. Diverse Nachdrehs, die das zuvor stark komödiantisch basierten Timbre auszugleichen hatten und sogar teilweise Umbesetzungen nötig machten, oblagen nun Howard, der erstaunlicherweise einen trotz aller vormaligen Pannen homogen wirkenden „Star Wars“-Film vorzulegen vermochte. Freilich wird bei Produktionen dieser Größenordnung kaum etwas dem Zufall überlassen sein, so dass zumindest ein halbwegs befriedigendes Resultat zwingend zu erwarten war. Das Script von Lawrence Kasdan und seinem Sohn Jonathan entspricht dabei in Grundzügen einer deutlich erkennbaren Variation von Robert Louis Stevensons „Treasure Island“, mit Han Solo als Ersatz für deren Erzähler Jim Hawkins und Tobias Beckett als seinem hassgeliebten Ersatzvater Long John Silver. Die übrigen Figuren, die bereits seit der Urtrilogie relativ zwingend mit Solos Biographie verwoben sind, also vor allem Chewbacca und Lando Calrissian, finden sich relativ geschickt in den Plot eingeflochten. Auch den zumindest an Jabba The Hutt gemahnden Hinweis vergaß man gegen Ende nicht, wie überhaupt diverse lose Enden die breite Option für ein „Solo“-Sequel gewährleisten. Darüber hinaus versäumen Regisseur Howard und sein alter Freund George Lucas es nicht, zahlreiche fankitzelnde Reminiszenen an frühere Gemeinschafts- und Einzelarbeiten unterzubringen, deren Ausfindigmachen dazu angetan ist, jedem wahren Geek das eine oder andere Freudentränchen zu entlocken.
Als im Prinzip überaus klassisch konnotiertes, buntes Piratenkino vor dem universellen Hintergrund der beliebten space opera „Star Wars“ und ihrer immer weiter ziehenden Kreise bietet „Solo“ insgesamt absolut solides, handwerklich zumeist auf der Höhe befindliches und phasenweise sogar schönes Handwerk der monetären Luxusklasse, das zwar hier und da über den Wert und Sinn derart gewaltig budgetierter Filme grübeln lässt, seine nichtsdestotrotz zahlreichen Versprechen aber immer wieder tosend einzulösen pflegt.

7/10

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THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10

THE GLASS KEY

„You’re gonna die laughing.“

The Glass Key (Der gläserne Schlüssel) ~ USA 1942
Directed By: Stuart Heisler

Mit etwas Besorgnis sieht Ed Beaumont (Alan Ladd), rechte Hand und bester Freund des gesellschaftlichen Emporkömmlings und Salonlöwen Paul Madvig (Brian Donlevy), wie sein Boss sich einerseits den Unterweltkönig Nick Varna (Joseph Calleia) zum Feind macht und andererseits eine ungesunde Beziehung zur Familie des Senators Ralph Henry (Moroni Olsen) pflegt. Während Madvig dem Senator buckelnd in den Hintern kriecht, hat er es auf dessen aparte Tochter Janet (Veronica Lake) abgesehen und möchte andererseits, das Henrys Sohn Taylor (Richard Denning), ein notorischer Spieler und Schuldenvogel, sich von der eigenen, kleinen Schwester Opal (Bonita Granville) fernhält, die mit Henry jr. anbendelt. Als Taylor Henry tot vor dem Haus seines Vaters aufgefunden wird, ist die Liste der Verdächtigen nicht kurz – Beaumont, der sich seinerseits ebenfalls in Janet verguckt hat, verdächtigt Madvig und gerät darüberhinaus in einen gewaltigen Streit mit ihm. Varnas Einladung, zu seiner Gang zu stoßen und Madvig zu verraten, lehnt Beaumont jedoch ab und wird daraufhin über mehrere Tage von Varnas Handlangern gefoltert. Nachdem er entkommen kann, macht Beaumont reinen Tisch.

Diese bereits zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans binnen sieben Jahren dient, wie ich erst im Laufe der Betrachtung gewahr wurde, als inhaltlicher Haupteinfluss für das Coen-Meisterwerk „Miller’s Crossing“, eine der schönsten und vollendetsten Arbeiten der Brüder. Heislers „The Glass Key“ hat mir zugegebenermaßen bei Weitem sich so gut gefallen, dafür wirkte mir der Film in mehrerlei Hinsicht zu theatralisch, konstruiert und emotionsentledigt. Will sagen: Ich habe eine gewisse Form von „Herz“ vermisst, die gerade die ansonsten wunderbare Chemie zwischen dem Kurzzeit-Traumpaar Lake/Ladd üblicherweise präservierte. Zudem sitzt der Film in mehrfacher Hinsicht zwischen den Stühlen; allein die mangelnde Entscheidungsgewalt des Scripts, zwischen Donlevy und Ladd als optionalen Protagonisten wählen zu können (was meines Erachtens dringend erforderlich gewesen wäre, um eine klarere, persönliche Gewichtung zu erzielen), wirkt sich bereits spürbar hinderlich aus. William Bendix als sadistischen Killer mit doppeltem Dachschaden fand ich eher gruslig als lustig, so wie eigentlich das gesamte Figureninventar mir weder Zugang noch Schlupfwinkel gestattete. Dem Plot folgt man mit mäßiger Begeisterung. Die wie immer wunderschöne 1,51-Meter-Blondine Veronica Lake, damals gerade zwanzig und schon bald darauf eines der tragischen Beispiele für Hollywoods negativen Einfluss und seine zerstörerische Kraft, überstrahlt den gesamten Film und macht ihn erst sehenswert. Ansonsten wundert mich sein doch ziemlich überragender Leumund, zumal im Noir-Segment, etwas. Mir fallen da auf Anhieb zig schönere und erhebendere Exempel ein.

5/10

THE LAST RUN

„In the old days, before the fall, I owned a few shares.“

The Last Run (Wen die Meute hetzt) ~ USA 1971
Directed By: Richard Fleischer

Seit dem Tod seines kleines Sohnes und seit seine Frau ihn daraufhin sitzen ließ, lebt der Amerikaner Harry Garmes (George C. Scott) an der portugiesischen Algarve. Früher im Halbweltmilieu als Auftragskurier unterwegs, möchte Garmes es neuen Jahre nach seinem letzten Einsatz noch einmal wissen: Er lässt sich für einen Job in Spanien anheuern, bei dem es darum geht, den Knacki Paul Rickard (Tony Musante) zu befreien und ihn danach über die französische Grenze zu eskortieren. Zunächst funktioniert alles beinahe wie am Schnürchen, doch nicht nur dass der sich sehr unreif gebende Rickard zusätzlich noch seine Freundin Claudie (Trish Van Devere) mit ins Boot holt, stellen sich die Auftraggeber als Gangster heraus, die mit Rickard noch eine alte Rechnung offen haben und ihn beseitigen wollen. Garmes hilft Claudie und Rickard aus der Patsche und hat die beiden nun am Hals…

Die Geschichten von der pre production und vom Dreh von „The Last Run“ weisen George C. Scott, der, kurz nach seinem für „Patton“ gewonnenen und öffentlichkeitswirksam abgelehnten Oscar, am Zenit seiner Popularität stand, als enfant terrible aus, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Mit dem zunächst als Regisseur vorgesehenen John Boorman überwarf sich Scott wegen Uneinigkeiten über das Script noch vor Produktionsbeginn. Boormans Nachfolger John Huston, mit dem Scott zuvor bereis zweimal gearbeitet hatte, geriet wiederum in akute Streitigkeiten mit Scott, der zudem nicht mit seiner Partnerin Tina Aumont auskam. Schließlich setzte die MGM ihren Hausregisseur Richard Fleischer ein, der mit Trish Van Devere (die hernach Scotts Gattin wurde) als Ersatz für die Aumont das Blatt zum Guten wendete. Die zeitgenössische Kritik, die von den Querelen Wind bekommen hatte, gab sich jedoch unfair bräsig und enttäuscht von dem Resultat, was im Nachhinein sehr unberechtigt erscheint. Man bemängelte, dass die Actionsequenzen (vor allem eine zentrale Autoverfolgungsjagd über die nordspanischen Serpentinen) behäbig und spannungsarm ausfielen und dass Alan Sharps sehr an Hemingways existenzialistischen Duktus angelehntes Drehbuch einem Meisterakteur wie Scott nicht die verdiente Bühne bot – er solle stattdessen doch besser eine wirkliche Hemingway-Figur spielen (was er sechs Jahre später in Schaffners „Islands In The Stream“ dann tatsächlich noch einlöste). Wie sehr hier auf hohem Niveau gejammert wurde, zeigt sich in Anbetracht des trotz aller Stolpersteine flüssigen und homogenen Films, der ganz im Gegensatz zu dem, was etwa Roger Ebert zu monieren hatte, eben doch sehr stimmig daherkam.
„The Last Run“ ist, ganz seinem Titel entsprechend, die finale Reise eines alternden, depressiven Gangsters, der noch ein letztes Mal das „Einzige tun möchte, was [er] kann“, einen letzten Kick, einen letzten Adrenalinrausch, den letzten Sex mit einer schönen Frau erleben will. Dabei geht es ihm keinesfalls darum, zu überleben – im Gegenteil. Der Tod ist fest eingeplant, er wird gewissermaßen sogar sehnsüchtig forciert, was angesichts Garmes‘ überkommenen Platzes in der Welt (der Generationskonflikt wird immer wieder thematisiert) nur konsequent erscheint. Von nunmehr einzigem Belang ist einzig und allein die Erfüllung der Mission, die später, nachdem sich die ursprünglichen Auftraggeber als Lügner herausgestellt haben, sogar zu einer höchst persönlichen wird.
Wirklich bedeutsam ist für Garmes im Grunde bloß sein Auto, ein besonderes BMW-Coupé aus exklusiver Stückzahl, das für ihn das letzte Relikt aus früheren, glücklichen Tagen ist und von Rickard am Ende mit höchster Symbolkraft rücksichtslos zu Schrott gefahren wird. Dazwischen liegen herrlich leuchtende High-Key-Bilder von den dörrigen Pyrenäen, von Galicien und von Albufeira, einmal hin und wieder zurück. Eine lohnenswerte Reise, mit vorhersehbarem Ausgang.

8/10

IL PREFETTO DI FERRO

Zitat entfällt.

Il Prefetto Di Ferro (Der eiserne Präfekt) ~ I 1977
Directed By: Pasquale Squitieri

Im Oktober 1926 wird der vormals entlassene Präfekt Cesare Mori (Giuliano Gemma) in den Dienst zurückberufen und von Mussolini persönlich nach Palermo geschickt, von wo aus er mit dem Einfluss der Cosa Nostra auf das politische Leben Siziliens Schluss machen soll. Nur mit Mühe und Not gelingt es Mori und seinem treuen Unterstützer Spano (Stefano Satta Flores), ganz allmählich das Vertrauen der in permanenter Angst vor den Grundbesitzern und Briganten lebenden Landbevölkerung zu gewinnen und erste Erfolge gegen die Kriminalität zu verbuchen. Mit der Belagerung und anschließenden Besetzung der befestigten Briganten-Hochburg Gangi gelingt Mori ein strategischer Coup, der bald darauf auch die Verhaftungen der einflussreichsten Insel-Patriarchen nach sich zieht. Damit jedoch beginnt Mori zugleich, empfindlich an der sensiblen Balance des Machtgefüges zu kratzen, dem korrupte Repräsentanten des Faschismus ebenso angehören und unterliegen wie die dingfest gemachten, adligen Bosse. Nachdem mehrere Anschläge gegen den wehrhaften Mori fehlschlagen, wird er 1929 zum Senator befördert, und, ohne dass seine vormaligen Erfolge sich als von wirklich  nachhaltigem Erfolg gekrönt erweisen, zurück in den Norden beordert.

Angesichts der Leidenschaft, mit der Squitieri in „Il Prefetto Di Ferro“ und auch dem nachfolgenden „Corleone“ die Machtverhältnisse im historischen Sizilien sezierte und sich als unbedingter Sympathisant der unterdrückten Landarbeiter offenbarte, mutet es etwas ernüchternd an, dass sich der Filmemacher um die Mitte der Neunziger für die erzkonservative Alleanza Nazionale zum Senator wählen ließ. Gute siebzehn Jahre zuvor, zur Entstehungszeit von „Il Prefetto Di Ferro“, galt Squitieri noch als einer der vehementen Repräsentanten der erlauchten, nationalkritischen Gemeinde linker Regisseure um Damiani, Rosi, Petri oder Questi. Wenngleich Squitieri seine heimliche Faszination für die harten Methoden seines historischen Vorkämpfers gegen die gesetzten Strukturen der sizilianischen Mafia nicht verhehlt und Mori eines uns andere Mal einem Western-Marshall gleich, der sich unbeirrt seiner Widersacher entledigt, porträtiert und idealisiert, lässt er ebenso wenig Zweifel daran, dass er den Duce und seine faschistischen Schergen als ausweglose Stolpersteine auf dem Wege in ein gerechtes, emanzipiertes Italien erachtete. Letzten Endes, so nicht bloß die Hypothese von „Il Prefetto Di Ferro“, sondern wohl auch ein gutes Stück weit realistische Einschätzung, verhinderte die Faschistische Partei durch ihre Klüngel mit den alteingesessenen, sizilianischen Gutsherren sowie die vollständige Korrumpierung der hiesigen Gewalten einen dauerhaften Sieg gegen das organisierte Verbrechen. Moris Versetzung und damit Mundtotmachung bildete einen wichtigen Mosaikstein für dieses ungeheuerliche Vorgehen.
Giuliano Gemma spielt das historische Vorbild mit einer Ernsthaftigkeit und einem bedrohlich-verbissenen Habitus, der zumindest dem imaginierten Bild Moris gehörig Zunder gibt. Es fällt tatsächlich alles andere als schwer, Gemma den Gerechtigkeitsfanatiker auf unbeirrtem Kurs abzunehmen. In der obligatorischen Nebenrolle kredenzt Squitieri uns seine damalige Gattin Claudia Cardinale als beherzte Landfrau und tragische Augenweide inmitten der spröden Hitze Siziliens, die zwar realistisch genug ist, ihre eigene Existenz zu entwerten, jedoch eine streng platonische Romanze mit Mori pflegt und am Ende zumindest für die Sicherheit ihres unehelichen Söhnchens Sorge trägt.

8/10

AMERICAN MADE

„I’m the gringo who always delivers.“

American Made (Barry Seal: Only In America) ~ USA/J 2017
Directed By: Doug Liman

Der etwas einfältige TWA-Pilot Barry Seal (Tom Cruise) wird in den frühen Achtzigern eines Tages überraschend von einem CIA-Agenten namens Monty Schafer (Domhnall Gleeson) rekrutiert. Seal soll heimlich illegale Erkundungsflüge über Nicaragua durchführen und dabei Fotos von Sandinisten-Camps schießen. Vor Ort kommt er bald in Kontakt mit dem Medellín-Kartell und lässt sich von diesem als Kokainschmuggler anheuern. Die CIA bekommt bald Wind von Seals Doppeltätigkeit. Anstatt ihn jedoch fallenzulassen, verschafft ihm die Behörde einen abgelegenen Flughafen in Arkansas, den Seal ganz bequem als Umschlags-Hauptquartier für Escobars Kokain nutzen kann. Im Gegenzug für seine Schmuggelaktivitäten muss Seal Contra-Guerilleros aus Nicaragua zur militärischen Ausbildung in die Staaten und danach wieder zurückbringen. Es dauert nicht lange, bis Seal und seine Familie im Geld schwimmen. Als das Weiße Haus vorschnell von Seal gemachte Photos veröffentlicht, die eine klare Verbindung zwischen Medellín-Kartell und den Contras offenlegen, steht der einstige Schmuggelkönig auf der Abschussliste von Escobar. Trotz zunächst erfolgreicher Fluchtmaßnahmen wird Seal bald aufgespürt…

„American Made“ lohnt sich vor allem im Doppelpack mit dem zuvor aufgefrischten „Blow“ von Ted Demme; die beiden Filme weisen nicht nur eine starke thematische Konnexion zueinander auf, sondern sind auch strukturell recht eng miteinander verwandt. Wie George Jung war auch Barry Seal nicht nur Familienvater, sondern auch einer der national erfolgreichsten Kokain-Importeure der frühen achtziger Jahre; wie Jung scheffelte Seal Millionen und Abermillionen, die er teils in Panama deponierte, teils bar zu Hause hortete und nach seiner Dingfestmachung verlor. Beide Filme funktionieren nach dem etablierten „Rise-&-Fall“-Prinzip; typische Handlungsraffungen und Überblendungssequenzen werden, auch das längst Standard, mit exquisit kompilierten, zeitgenössischen Musikstücken unterlegt und es bereitet natürlich insgeheim diebische Freude, den beiden Antihelden jeweils beim Scheffeln, Anhäufen und Ausgeben ihrer Koksmillionen zuzuschauen. Allerdings gibt es ebenso klare Unterschiede, die vor allem in der direkten Verwebung Seals in die illegalen Interventionsaktivitäten der Reagan-Administration liegen. Während Jung sich quasi völlig autark und aus eigenem Antrieb zum Koksbaron hochgearbeitet hatte, waren Seals Anstrengungen in diesem Metier nicht nur eine indirekte Folge seiner vom Geheimdienst eingeforderten Aufklärungsflüge, sondern wurden zudem noch geduldet und stellenweise sogar forciert. Dass Seal schließlich ein eher typisches zeitnahes, gewaltsames Ende erwartete, zeigt indes, wieviel Glück im Unglück sein „Kollege“ Jung eigentlich hatte.
Wie man es von Liman gewohnt ist, bereitet er seine stark satirisch gefärbte Geschichte ferner hübsch temporeich, angemessen poppig und mit hoher Schnittfrequenz auf. Seine zweite Kollaboration mit Scientology-Sunnyboy Cruise verzichtet demzufolge auf die „Blow“ inhärente Tragik des kriminellen Irrläufers wider Willen – Barry Seal hat keine Zeit zur Reue, er betrachtet sich selbst vielmehr als unkonventionellen Dienstleister in einer moralisch ohnehin übersättigten Welt. Da gibt es dann doch noch die nötige Trennschärfe, die Limans Werk ihren für einen wirklich durchweg sehenswerten Film notwendigen, unikalen Status sichert – sofern man bereit ist, über die historisch nicht immer akkurate Legendenbildung, derer sich „American Made“ befleißigt, großzügig hinwegzusehen, zumindest.

7/10

BLOW

„Everything I love in my life goes away.“

Blow ~ USA 2001
Directed By: Ted Demme

Gemeinsam mit seinem besten Freund Tuna (Ethan Suplee) geht der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende George Jung (Johnny Depp), angewidert von den banalen Spießerstreitigkeiten seiner Eltern (Ray Liotta, Rachel Griffiths) und besonders der herrischen Art seiner Mutter gegen Ende der sechziger Jahre von Massachusetts nach Kaliofornien. Dort lernt er bald die Stewardess Barbara Buckley (Franka Potente) und die Vorzüge von cannabinoiden Rauschmitteln kennen. Mit der Unterstützung des ortskundigen Derek Foreal (Paul Reubens) entwickelt George sich rasch zu einem der führenden Grasdealer der Westküste und fährt gewaltige Gewinne ein. Doch mit der Idylle iust es bald vorbei: Barbara stirbt an Krebs und George landet im Knast, wo er Freundschaft mit seinem Zellengenossen Diego Delgado (Jordi Mollà) schließt. Dieser pflegt wiederum Kontakte zum Medellín-Kartell und damit zu Pablo Escobar (Cliff Curtis). Nach seiner Entlassung zieht George gemeinsam mit Delgado und Foreal als geheimem Verteiler eine Kokain-Connection für Escobar auf, die ihm und seiner neuen Frau Mirtha (Penélope Cruz) und Töchterchen Kristina (Emma Roberts) immense Gewinne bescheren. Doch auch dieser flüchtige Traum vom sorglosen Leben endet jäh…

Der noch immer lebende, reale George Jung ist einer der zahlreichen Repräsentanten des glamourösen Lebensstils und anschließenden, tiefen Falls, den anfällige US-Kriminelle, die in den siebziger und achtziger Jahren in den Dunstkreis des Medellín-Kartells gerieten und für Escobar Kokain in die USA schafften beziehungsweise dort verkauften, zu durchleben hatten. Jungs spezieller Fall als vermutlich arbeitsamster Koksschmuggler seiner Ära wird dabei von der Tragik überschattet, ein im Grunde herzlicher Charakter zu sein, der bis zu einem gewissen Grad auch ein Opfer seiner persönlichen Disposition wurde: Die Kleingeistigkeit seines Elternhauses, die Verlockungen des schnellen Geldes und schließlich der eigene Drogenkonsum in Verbindung mit falsch gelagerter Vertrauensseligkeit brachte ihn schließlich für Jahrzehnte ins Gefängnis und kostete ihn die Liebe seiner Tochter. Anders als frühere große Filmepen um Kokainzaren und allgemein drogenaffine Gangster wie „Scarface“ oder „Goodfellas“, deren gesetzter Typologien und Formalia sich „Blow“ als einer ihrer späten Erben recht behende bedient, rückt „Blow“ die Vulnerabilität und Fragilität seines Protagonisten durchweg überproportional in den Mittelpunkt. Schicksalsschläge wie der Krebstod Barbara Buckleys oder der der Verlust guter Freunde, den George Jung im Laufe seines Lebens aus unterschiedlichsten Gründen immer wieder durchlebt machen ihn psychisch anfällig, depressiv und zum Opfer seines zunehmenden, eigenen Unvermögens, Kausalitäten abzuwägen. Schneller Reichtum und Erfolgslügen erweisen sich indes als die maßgeblichen Motivationsfaktoren seiner Lebensgestaltung. Demme und Co-Autor Nick Cassavetes, die, ebenso wie Depp vor, während und nach der Entstehung seines letzten Films permanent intensive Gespräche mit Jung führten und versuchten, zum Menschen hinter den vielen, reizvollen Geschichten und Anekdoten vorzustoßen, können zwar der Verlockung zeitweiligen Enthusiasmus‘ angesichts Jungs Geldscheffeleien und dreister Schmuggelaktionen nicht ganz widerstehen, tragen im letzten Viertel des Films jedoch ebenso seinem Versagen auf ganzer Linie Rechnung, wenn sie den immer weiter Scheiternden am Boden liegend zeigen. Nach der Absetzung Noriegas verliert Jung sein bei einer panamaischen Bank liegendes Millionenvermögen; er wird zum ärmlichen Schatten seiner Selbst, versucht, mit Mühe und Not einen Neuanfang für sich und Kristina möglich zu machen, geht dem FBI ins Netz und verliert darüber hinaus Freiheit und das letzte Quäntchen Zuneigung seiner Tochter. Jung überlebt als einer der Wenigen seine Zeit, ist jedoch ein gebrochener Mann.
Insofern ist „Blow“ trotz seiner höchst kinetischen, ersten drei Akte wahrscheinlich ein sehr viel moralischerer Gangsterfilm als es das Gros der Gattung von sich behaupten darf.

7/10