RICHARD JEWELL

„When the government says someone’s guilty, it’s how you know they’re innocent.“

Richard Jewell (Der Fall Richard Jewell) ~ USA 2019
Directed By: Clint Eastwood

Atlanta, Georgia 1996: Während der Olympischen Spiele drapiert ein zunächst Unbekannter eine Nagelbombe in der Nähe einer Konzertbühne. Der Wachmann Richard Jewell (Paul Walter Hauser) entdeckt den Rucksack, in dem sich die Bombe befindet, unter einer Tribüne und schlägt Alarm. Zwar reicht die verbleibende Zeit nicht, um den gesamten Platz rechtzeitig zu evakuieren, durch Jewells Einsatz können aber doch diverse Verletzungen verhindert und Menschenleben gerettet werden. Nachdem die Medien Jewell zunächst spontan zum Alltagshelden deklarieren, verkehrt eine Kette von Ereignissen die Entwicklung rasch ins Gegenteil. Als einsamer, stark übergewichtiger und zudem wenig gebildeter Mann, der zusammen mit seiner Mutter (Kathy Bates) lebt und ferner ein starkes Interesse für Feuerwaffen aller Art hegt, glaubt man bald, in ihm den wahren Täter gefunden zu haben. Sein logisches Motiv: Einmal als öffentlich umjubelte Retterfigur dastehen zu können. Ferner wäre mit ihm ein passender Sündenbock gefunden und könnte der Fall somit flugs ad acta gelegt werden. Der ermittelnde FBI-Agent Shaw (Jon Hamm) erfasst schnell Jewells Naivität und blinde Systemtreue und versucht, ihn mit verschiedenen Methoden zu überrumpeln, doch Jewell kann rechtzeitig den ihm von früher bekannten Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) kontaktieren, dem es schließlich gelingt, ihn freizuboxen.

Mit Clint Eastwood, der in fünf Wochen seinen neunzigsten Geburtstag feiern wird, darf weiterhin gerechnet werden. Sein im gesamten letzten Jahrzehnt erarbeitetes Spät-Spätwerk (so darf man es wohl bezeichnen) befasst sich ausschließlich mit mehr oder weniger prominenten US-Amerikanern, die in ebenso mehr oder minder eminenter Weise die nationalen Geschicke mitprägten oder gar beeinflussten. Seine Protagonisten sind dabei meist relativ alltägliche, zumeist gutgläubige Individuen, die durch nachhaltige Aktionen den Weg ins Rampenlicht vollzogen, darin um ihre Integrität gebracht werden, um sich dann von dem an ihnen verübten, moralischen und/oder systemischen Unrecht wieder mehr oder weniger erfolgreich zu emanzipieren. Zusammengenommen ergeben seine (jüngeren) Filme eine formvollendete, von großer Kompetenz und Anbindung an traditionelles Regiehgandwerk geprägte, dabei jedoch keinesfalls simplifizierte, amerikanische Chronik, wie sie in dieser zwischen gemächlich und hochspannend oszillierenden Perfektion gegenwärtig vermutlich niemand außer jenem Großmeister des Erzählkinos mehr vorlegen könnte. „Richard Jewell“ exerziert die erwähnte Formel vermutlich gar nochmals deutlich konsequenter durch als seine Vorgänger: Mit dem 1996 in die Schlagzeilen eingegangen Mann wählte Eastwood eine Titelfigur, die es niemanden sonderlich schwer machte, sie zu deskreditieren. Von seinem äußeren Erscheinungsbild über seinen Lebenswandel bis hin zu seinen Gewohnheiten und Hobbys lieferte Richard Jewell das Ideal des ebenso knuffigen wie hassenswerten Durchschnittstypen, auf den von links wie rechts jeder einmal einprügeln durfte. Gewiss wurde Jewell dabei vor allem zum strukturalisierten Opfer; down by media, down by law. Mit dem beeindruckend aufspielenden Paul Walter Hauser verschaffte sich Eastwood zudem einen Hauptdarsteller, der weder ein attraktives Äußeres noch erwähnenswerte Prä-Meriten als Star genießt; keinen Matt Damon, Leo DiCaprio, Bradley Cooper, Tom Hanks und – natürlich – auch nicht sich selbst. Im Gegenzug demonstriert er als auteur eine umso exquisitere Inspirationskette. Von den Arbeiten (wie ohnehin stets) Fords über denen Capras bis hin zu jenen von Hitchcock reichen seine klassizistischen Einflüsse und, soviel kann fürderhin gelten, er reiht sich mit „Richard Jewell“ abermals in ebendiese Phalanx großer (anglo-)amerikanischer Filmemacher ein und verteidigt diese Position selbst noch bis ins hohe Alter. Wunderbar.

9/10

DEAD AIM

„Put the gun down, young man. I’m a diplomat.“ – „No.“

Dead Aim (Mace) ~ USA 1987
Directed By: William VanDerKloot

Weil Malcom „Mace“ Douglas (Ed Marinaro) bei der Mordkommission des Atlanta P.D. permanent angeeckt ist, hat man ihn zur Sitte versetzt. Es dauert nicht lange, bis er auch dort den ersten toten Verdächtigen auf dem Konto hat. Der neue Partner Cain (Darrell Larson) und eine mysteriöse Todesserie kommen ihm da sogar halbwegs gelegen: Diverse Striptänzerinnen, die allesamt in einem Nachtclub namens „Fool’s Paradise“ auftraten, sind an einer Überdosis Heroin gestorben. Zusätzlich fanden sich bei ihnen allen Spuren von Äther im Blut. Eine heiße Fährte führt Mace und Cain zu den konkurrierenden Drogenbossen Jamal (Isaac Hayes) und Alvarez (Michael Russo) sowie einem von Interpol gesuchten KGB-Auftragskiller (Rick Washburn)…

Dass „Mace“ William VanDerKloots einzige Kino-Regiearbeit blieb, verwundert wenig: Mit dem soliden, ihm zur Verfügung stehenden Material wusste der vornehmlich für ein langlebiges Kinderinfo-Format zuständige Mann nämlich kaum etwas anzufangen. Dabei nimmt sich „Dead Aim“ als typischer Bullenfilm seiner Ära durchaus gediegen aus: Die urbane Kulisse Atlanta ist mal etwas anderes, die beiden ermittelnden, von Marinaro und Larson gespielten Cops werden vergleichsweise bodenständig und realistisch gezeichnet. In der Darstellung des Striperinnenmilieus, respektive der des „Fool’s Paradise“-Clubs erarbeitet sich der Film seine hauptsächlichen Meriten, denn die dort spielenden Szenen sind die mit Abstand interessantesten. Als sich der Plot dann irgendwann einem hoffnungslos konstruierten Spionage-Sujet widmet, mit Kaltem Krieg, lotterlebigen, bösen Botschaftern aus Osteuropa, einem KGB-Killer und übereifrigen FBI-Agenten (u.a. Terry Beaver) kokettiert, wird es unübersichtlich bis dämlich. Isaac Hayes‘ wenige Auftritte (darunter eine schlecht choreographierte Schießerei) haben die einzige Funktion, den charismatischen Herrn überhaupt irgendwie im Film unterzubringen und wirken völlig verschenkt. Von auch nur halbwegs elaboriert zu inszenierender Kinetik versteht VanDerKloot leider nicht das Geringste, so dass er im Prinzip sämtliche Actionsequenzen mehr oder weniger vergeigt, sei es in Form der mitunter albernen Montage oder durch den unbeholfenen Einsatz von SloMo- oder Strobe-Effekten. Lichtblicke wiederum bietet die bis in die Nebenrollen hinein vor sympathischen Darstellern strotzende Besetzung und die angenehm zeitgemäße Musik. Mehr wäre leider nicht zu holen.

5/10

THE ACCOUNTANT

„I like incongruity.“

The Accountant ~ USA 2016
Directed By: Gavin O’Connor

Der mit einer Autismus-Störung hadernde Christian Wolff (Ben Affleck) ist gar kein leicht angeknackster Steuerberater, wie die meisten Leute glauben, sondern in Wahrheit ein incognito arbeitender Buchhalter für extrem exklusive Kunden, darunter auch etliche Schweinehunde von der Mafia sowie milliardenschwere Drogen- und Waffenhändler. Und doch folgt Wolff in Wahrheit einer streng moralischen Agenda: Seine Klienten kommen keinesfalls ungeschoren davon, wenn sie wirklich Dreck am Stecken haben. Wolff ist nämlich nicht nur ein verbissenes Zahlen- und Rechengenie, sondern auch ein vollendet ausgebildeter Einzelkämpfer und Waffenexperte, der seine Gegner mit ebensolcher Präzision vom Erdboden tilgt wie er Zinsaufgaben löst. Wolffs aktueller Auftrag führt ihn zu der Firma „Living Robotics“, deren Buchführung einige Löcher aufweist. Hinter den abgezwackten Geldsummen steckt jedoch viel mehr als Wolff zunächst erkennt. Als problematisch erweisen sich zudem der Steuerfahnder King (J.K. Simmons) und seine zwangsrekrutierte Assistentin Marybeth Medina  (Cynthia Addai-Robinson), die sich an Wolffs Fersen heften.

Während Marvel und DC in Kino und Serienformaten ihre kostümierten Comichelden antreten lassen, bildet sich klammheimlich ein weiteres, ununiformiertes Superhelden-Subgenre heraus, das mit dem Punisher Frank Castle und, weiter zurück, in dem grenzmythischen „Shane“ gewissermaßen zumindest auch eine gemeinsame, popkulturelle Genealogie aufweist: Die der im Untergrund operierenden Rächer, Superprofis, Geraderücker. Denzel Washington konnte man als bezeichnenden „Equalizer“ genießen, Keanu Reeves als „John Wick“ und Tom Cruise als „Jack Reacher“, wobei die letzteren beiden mittlerweile bereits Zweiteinsätze auf der Leinwand verbuchen können. Ben Affleck gesellt sich als „The Accountant“ heuer als neuestes Familienmitglied hinzu. All diesen Figuren ist eine ziemlich deutliche charakterliche Schnittmenge gemein. Da wäre zunächst ihre kombattante Qualität. Vollprofis in jedweder Methode, den Gegner auszuschalten sind sie. Ob mit Schuffwaffen, Schlag- oder Stechwerkzeug spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Alle gehen sie leise, unspektakulär und blitzschnell zu Werk. Alle sind hochintelligente, dabei jedoch einsame und wortkarge Solisten, die sich am wohlsten fühlen, wenn sie von der Öffentlichkeit unbemerkt agieren können. Alle sind Ex-Profis mit militärischer und/oder polizeilicher Ausbildung, die nunmehr jedoch, von der sie zuvor beschäftigenden Organisation enttäuscht oder zumindest zurückgezogen, als eigene Faust agieren. Alle teilen eine hochpreisige Privatagenda, seien es persönlicher Verlust, Traumata, psychische Unebenheiten. Alle kommen, helfen, siegen, verschwinden wieder. Bis zum nächsten Mal. Superhelden, gewissermaßen, wenngleich ohne Metafähigkeiten und Masken. Ben Affleck als Christian Wolff weist innerhalb jenen Quartetts das bislang signifikanteste Problem auf; er ist gleichfalls Autist und damit unfähig zu romantischer Bindung, algebraisches und logisches Superhirn, Kunstliebhaber, Zwangsneurotiker und Killermaschine. Naheliegend dass ihm seine Defizite im Ernstfall nicht in die Quere kommen und er trotz seiner vermeintlichen „Schwächen“ (die ja gerade seine besonderen Qualitäten bedingen und ausbalancieren) jedem Widersacher stets einen Schritt voraus ist.
Dies gilt weniger für O’Connors Film. Jener verliebt sich über weite Strecken  allzu sehr in seinen semi-gehandicapten Protagonisten und baut für ihn eine sehr viel umfangreichere narrative Basis auf als notwendig. Das Script hätte ein deutliches Plus an Konzentriertheit respektive Ökonomie vertragen und die eine oder andere Enthüllung vielleicht für ein (vermutlich ohnhein längst designiertes) Sequel aufheben sollen. Ich hätte mir mehr John Lithgow gewünscht und dafür etwas weniger introspektive Vergangenheitsaufbereitung, zumal die zuweilen an „American Ninja“ erinnernden Rückblicke nicht zwangsläufig glücklich geraten sind. Auch wenn die wahrscheinlich zufällige Tatsache, dass Wolffs Bruder vom aktuellen Punisher Jon Bernthal gespielt wird, einen netten Querverweis ergibt, reicht „The Accountant“, zumal in seinem augenfälligen Bestreben nach emotionaler Publikumsinvolvierung, keinesfalls an O’Connors „Warrior“ heran.

7/10

SMOKEY AND THE BANDIT

„For the good old American life. For the money, for the glory, for the fun and… mostly for the money.“

Smokey And The Bandit (Ein ausgekochtes Schlitzohr) ~ USA 1977
Directed By: Hal Needham

Die beiden Kumpel Cledus (Jerry Reed) und Bandit (Burt Reynolds), absolute Spitzenleute am Steuer und legendäre Profis, wenn es darum geht, verblödete Highway-Polizisten an der Nase herumzuführen, lassen sich anheuern, um eine illegale LKW-Ladung Bier von Texas nach Georgia zu transportieren. Auf dem Weg sackt Bandit die Beinahe-Braut Carrie (Sally Field) ein, was deren designierten Schwiegervater Sheriff Buford T. Justice (Jackie Gleason) schwer auf die Palme bringt. Gemeinsam mit seinem lieben, aber hoffnungslos dämlichen Filius Junior (Mike Henry) jagt er dem rasenden Trio nach…

Die im Süden beheimateten US-Amerikaner lieben ihre Regionen teilweise noch immer dermaßen unbeeinträchtigt, als habe es die letzten 160 Jahre nicht gegeben. Hin und wieder schafft es die Popkultur dann sogar, jener verqueren Heimatromantik ein gemeinhin akzeptiertes Denkmal zu setzen – wenn es besonders gut läuft, sogar eines, das auch abseits der primären Zielgruppe Liebhaber findet. Die „Smokey And The Bandit“-Filme, zumindest die ersten, von Hal Needham inszenierten beiden, zählen zu diesen exotischen Ausnahmeerscheinungen. Die Kunst liegt darin, heimliche Bögen zu spannen und fast unmerklich feine Verbindungsstricke zu den Yankees zu knüpfen. Burt Reynolds und Jerry Reed sind zwar durch und durch Rebellen der alten Schule, die das Hemd in der Jeans tragen, große Gürtelschnallen, Cowboystiefel; ihren Stetson nur in Ausnahmefällen ablegen und ausschließlich Country’n Western hören, sie leisten sich jedoch auch recht moderne Extravaganzen. Zum Beispiel sind sie weder Rassisten, noch durch inzestuöse Hillbilly-Gene allzu kognitionsgetrübt. Zu Hal Needhams Überzeugungsarbeit gehört, dass er solche Dinge wenn schon nicht allzu deutlich überbetont, so doch zweifelsfrei in sein im Prinzip völlig inhaltsloses road movie einfließen lässt. Ein anderes Kaliber ist da schon Jackie Gleason als vollgefressener Redneck-Cop mit Schweinsvisage: Dass der Texaner ist, nimmt man ihm umgehend ab, er repräsentiert Berufsstand und Herkunft qua mustergültig. Er reiht sich nahtlos ein in seine schikanierende Ahngalerie von J.W. Pepper bis hin zu Lyle Wallace. Umso schelmischer erfreut man sich daran, wie er unentwegt reingelegt wird und den Kürzeren zieht, ohne jemals zu einer veritablen Bedrohung für die Helden zu werden. Tatsächlich entpuppen sich Sheriff Justice und sein Sohn, der seine stoisch stupide Freundlichkeit selbst im Angesicht der unablässigen Beleidigungskanonaden seines Dads wahrt, sogar als wesentlichster Motor für den Humor des Films, ähnlich wie später Kirk Douglas in „The Villain“, der dasselbe Konzept unter umgekehrten Voraussetzungen verfolgt.
Dennoch bleibt meine unumstößliche, innige Verbundenheit mit Needhams beiden „Cannonball Run“-Filmen von dem ach so tollen Hecht Bandit völlig unbedroht. Da gibt’s mal nix.

7/10

TRAPPED

„Up here, I am the law!“

Trapped ~ USA 1982
Directed By: William Fruet

In einem kleinen Appalachen-Dorf hat der Trapper und Schwarzbrenner Henry Chatwill (Henry Silva) uneingeschränkt das Sagen. Dass sein Mini-Regime längst despotische Züge angenommen hat und er sich selbst über eine eigene Rechtsprechung stellt, nehmen seine Nachbarn mehr oder weniger zähneknirschend hin. Als seine Frau (Gina Dick) ihn ausgerechnet mit einem lokalen Polizisten betrügt, begeht Chatwill mit der volltrunkenen Hilfe einiger der Dörfler wutentbrannt Lynchjustiz. Davon werden wiederum der auf einem Ausflug befindliche Student Roger (Nicholas Campbell) und seine Freunde Zeugen. Für Chatwill ist umgehend klar: Wenn er die jungen Leute laufen lässt, geht es ihm an den Kragen…

Überraschend amtlich geratener und straight erzählter Backwoods-Thriller mit einer schönen Hauptrolle für den kantigen Henry Silva, der mit allerlei diebischem Genuss das – natürlich sämtliche denkbaren Klischees durchlaufende – Hinterwäldlerarschloch gibt. Tatsächlich beherrscht er allein durch seine bedrohliche Präsenz den gesamten Film und Fruet, der Silva entsprechend inszeniert, weiß auch sehr wohl darum. Überhaupt gelingt es ihm, aus der im Prinzip auf ein eher unbehauenes Terrorszenario setzenden Storyprämisse einen durchweg packenden Ausflug in die filmisch bereits damals hinlänglich porträtierte amerikanische Para-Zivilisation der Hillbillys zu unternehmen. Dass man sich aus kleinen, stadtfernen Ansiedlungen, speziell solchen in den wilden Appalachen, als aufgeklärtes Gesellschaftsmitglied besser fernhält; diese Lektion erteilt „Trapped“ dennoch mit einiger frischer Vehemenz. Zusätzliche Spannung bezieht die Geschichte aus dem familiären Konflikt Chatwills – der Gute hat nämlich noch zwei Geschwister: eine durchaus bodenständige Schwester (Barbara Gordon), die den zunehmenden Kaiserwahn ihres Blutsverwandten mit wachsendem Argwohn beobachtet sowie einen Bruder (John Rutter), der als ortsamtierender Sheriff Henrys Machenschaften abseits der Legalität zuverlässig deckt. Dass aus dieser dysfunktionalen Familienkonstellation langfristig nichts Gutes erwachsen kann, wird recht schnell offensichtlich und damit auch die alsbald um sich greifende Explosivität der Situation.

7/10

THE ANNIHILATORS

„Those guys are meaner than I thought.“

The Annihilators (City Commando) ~ USA 1985
Directed By: Charles E. Sellier Jr.

In Vietnam waren sie die besten Freunde: Die fünf G.I.s „Sarge“ Bill (Christopher Stone), Garrett (Lawrence Hilton-Jacobs), Ray (Gerrit Graham), Woody (Andy Wood) und Joe (Dennis Redfield). Über die Jahre ist der Kontakt dann eingerostet. Woody, der damals zum Krüppel geschossen wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt, hilft seinem Vater (Sid Conrad) bei der Führung seines kleinen Gemischtwarenladens in einem Slum von Atlanta. Dort reißen die Gangs nach und nach alles an sich, vor allem der superfiese Jagger (Paul Koslo) und seine Truppe, die „Royboys“. Als Joe eines Tages kurzerhand von Roy Boy erschlagen wird, weil er sich weigert, das fällige Schutzgeld zu bezahlen, wird Sarge hellhörig. Er trommelt die alte Truppe zusammen, bildet vor Ort eine Bürgerwehr und zeigt den Royboys, wo der Hammer hängt.

Nicht nur fast zeitgleich zu Michael Winners drittem Film der „Death Wish“-Reihe entstanden, sind auch die sonstigen Analogien der beiden Filme mehr denn augenfällig: Ein Kriegsveteran rächt den Tod eines wehrlosen, ermordeten Kameraden, dessen Viertel, in dem vornehmlich brave Senioren leben, von skrupellosen Banden drangsaliert wird. Es entsteht ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, den die Polizei stillschweigend abnickt in der Gewissheit, dass hier eine Miliz schlicht mehr auszurichten vermag denn die an ihre Paragraphen gebundenen Ordnungskräfte. Wer hat hier wohl bei wem abgeschaut? Dass die deutsche Synchronbesetzung zudem beinahe exakt dieselbe ist, hebt beide Filme in ihren hiesigen Fassungen nochmals auf eine eminente Parallelebene.
Immerhin datiert der US-Start von „The Annihilators“ ganze zehn Monate vor „Death Wish 3“. Letzten Endes spielt das aber keine große Rolle, Winner ist ohnehin der lautere, grellere, überzogenere und letztlich wesentlich nachhaltigere Film gelungen, in dessen sonderbarer Parallelwelt die Mär vom Racheengel fürderhin noch sehr viel konsequenter durchgespielt und zu Ende fabuliert wird. Bis nach Korea reicht die Freundschaft der in „The Annihilators“ reaktivierten Herren chronologisch nicht zurück, sondern „lediglich“ bis nach Vietnam, zudem muss hier ein ganzes Quartett an der Ausrottung der asozialen Elemente arbeiten (immerhin mit Christopher Stone als federführendem Organisator), wo Bronson ja längst gewohnheitsmäßig und nunmehr bloß in größerem Stil als bis dato zu vigilantieren hat. Die gewalttätigen Elemente hält „The Annihilators“ vergleichsweise moderat im Zaum, wobei sich dies primär allerdings auf deren offene Visualisierung bezieht. Ansonsten ist die Bedrohung, die von Paul Koslo und seiner Clique ausgeht, schon recht vehement spürbar und insofern  der Motivation der Veteranen zweckdienlich. Somit alles in allem ein recht ordentliches companion piece zu einem ohnehin populären Klassiker.

5/10

GOD’S LITTLE ACRE

„I’m gonna pull a switch and light up the whole world!“

God’s Little Acre (Gottes kleiner Acker) ~ USA 1958
Directed By: Anthony Mann

Für den alternden Farmer Ty Ty Walden (Robert Ryan), Witwer und Vater von fünf erwachsenen Kindern, ist die Jagd nach seinem großen Traum zugleich das Himmelreich: Weil ihm sein Großpapa einst auf dem Sterbebett von einem vergrabenen Goldschatz auf dem Farmgelände erzählte, ist Ty Ty fest davon überzeugt, das Edelmetall eines Tages auch finden zu müssen. Anstatt seine Felder landwirtschaftlich zu nutzen, gräbt er tagtäglich ein Riesenloch nach dem anderen auf dem Grundstück, unermüdlich unterstützt von seinen beiden jüngsten Söhnen Buck (Jack Lord) und Shaw (Vic Morrow). Bucks Frau Griselda (Tina Louise) schwärmt derweil für ihren Schwager, den versoffenen Will Thompson (Aldo Ray), der nicht verkraften kann, dass die Baumwollspinnerei, in der er jahrelang arbeitete, dicht gemacht hat. Eifersucht und Aggression entzweien die Kinder und Schwiegerkinder Ty Tys zusehends, bis eine unvermeidliche Katastrophe den Alten von seinen Träumereien ab- und wieder zur Raison bringt.

Beinahe jeder der großen amerikanischen Filmemacher des letzten Jahrhunderts stellte sich irgendwann der künstlerisch beinahe obligatorischen Aufgabe, sein persönliches Südstaatenepos auf die Beine zu stellen. Dabei wurden zwecks Vorlagenanbindung häufig die entsprechenden Autorenklassiker bemüht, allen voran Tennessee Williams, William Faulkner oder Einmal-Erfolgsschreiber wie Ross Lockridge Jr., Harper Lee und später John Berendt. Zu jenem reichhaltigen Literatenfundus zählt auch der aus Georgia stammende Erskine Caldwell, dessen „Tobacco Road“ John Ford bereits 1941 in die Kinos gebracht hatte. Caldwells Erzählungen zeichneten sich oftmals durch ironische Brechungen aus, dichteten dem etwas hinterwäldlerischen Völkchen seiner Geburtsstätte gern höchst spezifische Verhaltensmuster an, die den Süden, mehr noch als es bei seinen Fachkollegen der Fall war, zu einer Parallelkultur innerhalb der Staaten verklärten. Sein besonderer Kniff lag darin,seine Figuren bei aller sophistischen Observierung durch das auktoriale Auge des schreibenden Bildungsbürgers niemals zu denunzieren oder der Lächerlichkeit preiszugeben. So verhält es sich auch mit der in „God’s Little Acre“ im Zentrum stehenden Familie Walden. Das einzige Familienmitglied, das sich durch Entfremdung und Nestbeschmutzung unmöglich und unsympathisch macht, ist der fortgezogene Älteste Jim Leslie (Lance Fuller), der mit dem ländlichen, bodenständigen Leben seiner Familie nichts zu tun haben will und als Jungwitwer von einer großzügigen Erbschaft leben kann. Vater Ty Ty derweil ist wie seine übrigen vier Kinder ein Herzensmensch. Stehend vor Schmutz und Lumpen kann ihm keine noch so bittere Fügung weder Lebensfreude noch Gottesfurcht nehmen und er ist sogar naiv genug, die Suche nach seinem Gold einmal zwangsweise einem Albino zu übertragen, einem jungen Mann namens Dave Dawson (Michael Landon) aus den benachbarten Sümpfen, dem man allein aufgrund seiner physischen Andersartigkeit übersinnliche Kräfte nachsagt und den Ty Ty daher kurzerhand auf seine Farm entführt. Tatsächlich ist Dave wacker genug, die für ihn unangenehme Situation mit Ty Tys mannstoller Tochter Darlin‘ Jill (Fay Spain) zum Besten umzukehren. Als intelligentester und vernünftigster Mensch auf der Walden-Farm erweist sich schließlich der alte, farbige Vorarbeiter Uncle Felix (Rex Ingram), an dem es letzten Endes ist, seinem Boss wieder Vernunft einzubläuen. Damit sagt Caldwell eine Menge darüber, wie es war und ist, im Süden.

8/10