THE ACCOUNTANT

„I like incongruity.“

The Accountant ~ USA 2016
Directed By: Gavin O’Connor

Der mit einer Autismus-Störung hadernde Christian Wolff (Ben Affleck) ist gar kein leicht angeknackster Steuerberater, wie die meisten Leute glauben, sondern in Wahrheit ein incognito arbeitender Buchhalter für extrem exklusive Kunden, darunter auch etliche Schweinehunde von der Mafia sowie milliardenschwere Drogen- und Waffenhändler. Und doch folgt Wolff in Wahrheit einer streng moralischen Agenda: Seine Klienten kommen keinesfalls ungeschoren davon, wenn sie wirklich Dreck am Stecken haben. Wolff ist nämlich nicht nur ein verbissenes Zahlen- und Rechengenie, sondern auch ein vollendet ausgebildeter Einzelkämpfer und Waffenexperte, der seine Gegner mit ebensolcher Präzision vom Erdboden tilgt wie er Zinsaufgaben löst. Wolffs aktueller Auftrag führt ihn zu der Firma „Living Robotics“, deren Buchführung einige Löcher aufweist. Hinter den abgezwackten Geldsummen steckt jedoch viel mehr als Wolff zunächst erkennt. Als problematisch erweisen sich zudem der Steuerfahnder King (J.K. Simmons) und seine zwangsrekrutierte Assistentin Marybeth Medina  (Cynthia Addai-Robinson), die sich an Wolffs Fersen heften.

Während Marvel und DC in Kino und Serienformaten ihre kostümierten Comichelden antreten lassen, bildet sich klammheimlich ein weiteres, ununiformiertes Superhelden-Subgenre heraus, das mit dem Punisher Frank Castle und, weiter zurück, in dem grenzmythischen „Shane“ gewissermaßen zumindest auch eine gemeinsame, popkulturelle Genealogie aufweist: Die der im Untergrund operierenden Rächer, Superprofis, Geraderücker. Denzel Washington konnte man als bezeichnenden „Equalizer“ genießen, Keanu Reeves als „John Wick“ und Tom Cruise als „Jack Reacher“, wobei die letzteren beiden mittlerweile bereits Zweiteinsätze auf der Leinwand verbuchen können. Ben Affleck gesellt sich als „The Accountant“ heuer als neuestes Familienmitglied hinzu. All diesen Figuren ist eine ziemlich deutliche charakterliche Schnittmenge gemein. Da wäre zunächst ihre kombattante Qualität. Vollprofis in jedweder Methode, den Gegner auszuschalten sind sie. Ob mit Schuffwaffen, Schlag- oder Stechwerkzeug spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Alle gehen sie leise, unspektakulär und blitzschnell zu Werk. Alle sind hochintelligente, dabei jedoch einsame und wortkarge Solisten, die sich am wohlsten fühlen, wenn sie von der Öffentlichkeit unbemerkt agieren können. Alle sind Ex-Profis mit militärischer und/oder polizeilicher Ausbildung, die nunmehr jedoch, von der sie zuvor beschäftigenden Organisation enttäuscht oder zumindest zurückgezogen, als eigene Faust agieren. Alle teilen eine hochpreisige Privatagenda, seien es persönlicher Verlust, Traumata oder psychische Unebenheiten. Alle kommen, helfen, siegen, verschwinden wieder. Bis zum nächsten Mal. Superhelden, wenngleich ohne Metafähigkeiten und Maske. Ben Affleck als Christian Wolff weist von jenem Quartett das bislang signifikanteste Problem auf; er ist gleichfalls Autist und damit unfähig zu romantischer Bindung, algebraisches und logisches Superhirn, Kunstliebhaber, Zwangsneurotiker und Killermaschine. Logisch, dass ihm seine Defizite im Ernstfall nicht in die Quere kommen und er trotz seiner vermeintlichen „Schwächen“ (die ja gerade seine besonderen Qualitäten bedingen und ausbalancieren) jedem Widersacher stets einen Schritt voraus ist.
Dies gilt weniger für O’Connors Film. Dieser verliebt sich über weite Strecken  allzu sehr in seinen semi-gehandicapten Protagonisten und baut für ihn eine sehr viel umfangreichere narrative Basis auf als notwendig. Das Script hätte ein deutliches Plus an Strenge respektive Ökonomie vertragen und die eine oder andere Enthüllung vielleicht für ein (vermutlich ohnhein längst designiertes) Sequel aufheben sollen. Ich hätte mir mehr John Lithgow gewünscht und dafür etwas weniger introspektive Vergangenheitsaufbereitung, zumal die zuweilen an „American Ninja“ erinnernden Rückblicke nicht zwangsläufig glücklich geraten sind. Auch wenn die wahrscheinlich zufällige Tatsache, dass Wolffs Bruder vom aktuellen Punisher Jon Bernthal gespielt wird, einen netten Querverweis ergibt, reicht „The Accountant“, zumal in seinem augenfälligen Bestreben nach emotionaler Publikumsinvolvierung, keinesfalls an „Warrior“ heran.

7/10

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SMOKEY AND THE BANDIT

„For the good old American life. For the money, for the glory, for the fun and… mostly for the money.“

Smokey And The Bandit (Ein ausgekochtes Schlitzohr) ~ USA 1977
Directed By: Hal Needham

Die beiden Kumpel Cledus (Jerry Reed) und Bandit (Burt Reynolds), absolute Spitzenleute am Steuer und legendäre Profis, wenn es darum geht, verblödete Highway-Polizisten an der Nase herumzuführen, lassen sich anheuern, um eine illegale LKW-Ladung Bier von Texas nach Georgia zu transportieren. Auf dem Weg sackt Bandit die Beinahe-Braut Carrie (Sally Field) ein, was deren designierten Schwiegervater Sheriff Buford T. Justice (Jackie Gleason) auf die Palme bringt. Gemeinsam mit seinem lieben, aber hoffnungslos verblödeten Sohn Junior (Mike Henry) jagt er dem rasenden Trio nach…

Die im Süden beheimateten US-Amerikaner lieben ihre Regionen teilweise noch immer dermaßen unbeeinträchtigt, als habe es die letzten 160 Jahre nicht gegeben. Hin und wieder schafft es die Popkultur dann sogar, jener verqueren Heimatromantik ein gemeinhin akzeptiertes Denkmal zu setzen – wenn es besonders gut läuft, sogar eines, das auch abseits der primären Zielgruppe Liebhaber findet. Die „Smokey And The Bandit“-Filme, zumindest die ersten, von Hal Needham inszenierten beiden, zählen zu diesen exotischen Ausnahmeerscheinungen. Die Kunst liegt darin, heimliche Bögen zu spannen und fast unmerklich feine Verbindungsstricke zu den Yankees zu knüpfen. Burt Reynolds und Jerry Reed sind zwar durch und durch Rebellen der alten Schule, die das Hemd in der Jeans tragen, große Gürtelschnallen, Cowboystiefel und ihren Stetson nur in Ausnahmefällen ablegen und ausschließlich Country’n Western hören, sie leisten sich jedoch auch recht moderne Extravaganzen. Zum Beispiel sind sie weder Rassisten, noch durch inzestuöse Hillbilly-Gene allzu intelligenzgetrübt. Zu Hal Needhams Überzeugungsarbeit gehört, dass er solche Dinge wenn schon nicht allzu deutlich überbetont, so doch zweifelsfrei in sein im Prinzip völlig inhaltsloses road movie einfließen lässt. Ein anderes Kaliber ist da schon Jackie Gleason als vollgefressener Redneck-Cop mit Schweinevisage: Dass der Texaner ist, nimmt man ihm umgehend ab, er repräsentiert Berufsstand und Herkunft qua mustergültig. Er reiht sich nahtlos ein in seine schikanierende Ahngalerie von J.W. Pepper bis hin zu Lyle Wallace. Umso schelmischer erfreut man sich daran, wie er unentwegt reingelegt wird und den Kürzeren zieht, ohne jemals zu einer veritablen Bedrohung für die Helden zu werden. Tatsächlich entpuppen sich Sheriff Justice und sein Sohn, der seine stoisch dämliche Freundlichkeit selbst im Angesicht der unablässigen Beleidigungskanonaden seines Dads wahrt, sogar als wesentlichster Motor für den Humor des Films, ähnlich wie später Kirk Douglas in „The Villain“, der dasselbe Konzept unter umgekehrten Voraussetzungen verfolgt.
Dennoch bleibt meine unumstößliche, innige Verbundenheit mit Needhams beiden „Cannonball Run“-Filmen von dem ach so tollen Hecht Bandit völlig unbedroht. Da gibt’s mal nix.

7/10

TRAPPED

„Up here, I am the law!“

Trapped ~ USA 1982
Directed By: William Fruet

In einem kleinen Appalachen-Dorf hat der Trapper und Schwarzbrenner Henry Chatwill (Henry Silva) uneingeschränkt das Sagen. Dass sein Mini-Regime längst despotische Züge angenommen hat und er sich selbst über eine eigene Rechtsprechung stellt, nehmen seine Nachbarn mehr oder weniger zähneknirschend hin. Als seine Frau (Gina Dick) ihn ausgerechnet mit einem lokalen Polizisten betrügt, begeht Chatwill mit der volltrunkenen Hilfe einiger der Dörfler wutentbrannt Lynchjustiz. Davon werden wiederum der auf einem Ausflug befindliche Student Roger (Nicholas Campbell) und seine Freunde Zeugen. Für Chatwill ist umgehend klar: Wenn er die jungen Leute laufen lässt, geht es ihm an den Kragen…

Überraschend amtlich geratener und straight erzählter Backwoods-Thriller mit einer schönen Hauptrolle für den kantigen Henry Silva, der mit allerlei diebischem Genuss das – natürlich sämtliche denkbaren Klischees durchlaufende – Hinterwäldlerarschloch gibt. Tatsächlich beherrscht er allein durch seine bedrohliche Präsenz den gesamten Film und Fruet, der Silva entsprechend inszeniert, weiß auch sehr wohl darum. Überhaupt gelingt es ihm, aus der im Prinzip auf ein eher unbehauenes Terrorszenario setzenden Storyprämisse einen durchweg packenden Ausflug in die filmisch bereits damals hinlänglich porträtierte amerikanische Para-Zivilisation der Hillbillys zu unternehmen. Dass man sich aus kleinen, stadtfernen Ansiedlungen, speziell solchen in den wilden Appalachen, als aufgeklärtes Gesellschaftsmitglied besser fernhält; diese Lektion erteilt „Trapped“ dennoch mit einiger frischer Vehemenz. Zusätzliche Spannung bezieht die Geschichte aus dem familiären Konflikt Chatwills – der Gute hat nämlich noch zwei Geschwister: eine durchaus bodenständige Schwester (Barbara Gordon), die den zunehmenden Kaiserwahn ihres Blutsverwandten mit wachsendem Argwohn beobachtet sowie einen Bruder (John Rutter), der als ortsamtierender Sheriff Henrys Machenschaften abseits der Legalität zuverlässig deckt. Dass aus dieser dysfunktionalen Familienkonstellation langfristig nichts Gutes erwachsen kann, wird recht schnell offensichtlich und damit auch die alsbald um sich greifende Explosivität der Situation.

7/10

THE ANNIHILATORS

„Those guys are meaner than I thought.“

The Annihilators (City Commando) ~ USA 1985
Directed By: Charles E. Sellier Jr.

In Vietnam waren sie die besten Freunde: Die fünf G.I.s „Sarge“ Bill (Christopher Stone), Garrett (Lawrence Hilton-Jacobs), Ray (Gerrit Graham), Woody (Andy Wood) und Joe (Dennis Redfield). Über die Jahre ist der Kontakt dann eingerostet. Woody, der damals zum Krüppel geschossen wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt, hilft seinem Vater (Sid Conrad) bei der Führung seines kleinen Gemischtwarenladens in einem Slum von Atlanta. Dort reißen die Gangs nach und nach alles an sich, vor allem der superfiese Jagger (Paul Koslo) und seine Truppe, die „Royboys“. Als Joe eines Tages kurzerhand von Roy Boy erschlagen wird, weil er sich weigert, das fällige Schutzgeld zu bezahlen, wird Sarge hellhörig. Er trommelt die alte Truppe zusammen, bildet vor Ort eine Bürgerwehr und zeigt den Royboys, wo der Hammer hängt.

Nicht nur fast zeitgleich zu Michael Winners drittem Film der „Death Wish“-Reihe entstanden, sind auch die sonstigen Analogien der beiden Filme mehr denn augenfällig: Ein Kriegsveteran rächt den Tod eines wehrlosen, ermordeten Kameraden, dessen Viertel, in dem vornehmlich brave Senioren leben, von skrupellosen Banden drangsaliert wird. Es entsteht ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, den die Polizei stillschweigend abnickt in der Gewissheit, dass hier eine Miliz schlicht mehr auszurichten vermag denn die an ihre Paragraphen gebundenen Ordnungskräfte. Wer hat hier wohl bei wem abgeschaut? Dass die deutsche Synchronbesetzung zudem beinahe exakt dieselbe ist, hebt beide Filme in ihren hiesigen Fassungen nochmals auf eine eminente Parallelebene.
Immerhin datiert der US-Start von „The Annihilators“ ganze zehn Monate vor „Death Wish 3“. Letzten Endes spielt das aber keine große Rolle, Winner ist ohnehin der lautere, grellere, überzogenere und letztlich wesentlich nachhaltigere Film gelungen, in dessen seltsamer Parallelwelt die Mär vom Racheengel fürderhin noch sehr viel konsequenter durchgespielt und zu Ende fabuliert wird. Bis nach Korea reicht die Freundschaft der in „The Annihilators“ reaktivierten Herren zudem nicht zurück, sondern „lediglich“ bis Vietnam, zudem müssen hier ein ganzes Quartett an der Ausrottung der asozialen Elemente arbeiten (immerhin mit Christopher Stone als federführendem Organisator), wo Bronson ja längst gewohnheitsmäßig und nunmehr bloß in größerem Stil als bis dato zu vigilantieren hat. Die gewalttätigen Elemente werden in „The Annihilators“ vergleichsweise moderat im Zaum gehalten, wobei sich dies primär auf deren offene Visualisierung bezieht. Ansonsten ist die Bedrohung, die von Paul Koslo und seiner Clique ausgeht, schon recht vehement spürbar und insofern  der Motivation der Veteranen zweckdienlich. Somit alles in allem ein recht ordentliches companion piece zu einem ohnehin populären Klassiker.

5/10

GOD’S LITTLE ACRE

„I’m gonna pull a switch and light up the whole world!“

God’s Little Acre (Gottes kleiner Acker) ~ USA 1958
Directed By: Anthony Mann

Für den alternden Farmer Ty Ty Walden (Robert Ryan), Witwer und Vater von fünf erwachsenen Kindern, ist die Jagd nach seinem großen Traum zugleich das Himmelreich: Weil ihm sein Großpapa einst auf dem Sterbebett von einem vergrabenen Goldschatz auf dem Farmgelände erzählte, ist Ty Ty fest davon überzeugt, das Edelmetall eines Tages auch finden zu müssen. Anstatt seine Felder landwirtschaftlich zu nutzen, gräbt er tagtäglich ein Riesenloch nach dem anderen auf dem Grundstück, unermüdlich unterstützt von seinen beiden jüngsten Söhnen Buck (Jack Lord) und Shaw (Vic Morrow). Bucks Frau Griselda (Tina Louise) schwärmt derweil für ihren Schwager, den versoffenen Will Thompson (Aldo Ray), der nicht verkraften kann, dass die Baumwollspinnerei, in der er jahrelang arbeitete, dicht gemacht hat. Eifersucht und Aggression entzweien die Kinder und Schwiegerkinder Ty Tys zusehends, bis eine unvermeidliche Katastrophe den Alten von seinen Träumereien ab- und wieder zur Raison bringt.

Beinahe jeder der großen amerikanischen Filmemacher des letzten Jahrhunderts stellte sich irgendwann der künstlerisch beinahe obligatorischen Aufgabe, sein persönliches Südstaatenepos auf die Beine zu stellen. Dabei wurden zwecks Vorlagenanbindung häufig die entsprechenden Autorenklassiker bemüht, allen voran Tennessee Williams, William Faulkner oder Einmal-Erfolgsschreiber wie Ross Lockridge Jr., Harper Lee und später John Berendt. Zu jenem reichhaltigen Literatenfundus zählt auch der aus Georgia stammende Erskine Caldwell, dessen „Tobacco Road“ John Ford bereits 1941 in die Kinos gebracht hatte. Caldwells Erzählungen zeichneten sich oftmals durch ironische Brechungen aus, dichteten dem etwas hinterwäldlerischen Völkchen seiner Geburtsstätte gern höchst spezifische Verhaltensmuster an, die den Süden, mehr noch als es bei seinen Fachkollegen der Fall war, zu einer Parallelkultur innerhalb der Staaten verklärten. Sein besonderer Kniff lag darin,seine Figuren bei aller sophistischen Observierung durch das auktoriale Auge des schreibenden Bildungsbürgers niemals zu denunzieren oder der Lächerlichkeit preiszugeben. So verhält es sich auch mit der in „God’s Little Acre“ im Zentrum stehenden Familie Walden. Das einzige Familienmitglied, das sich durch Entfremdung und Nestbeschmutzung unmöglich und unsympathisch macht, ist der fortgezogene Älteste Jim Leslie (Lance Fuller), der mit dem ländlichen, bodenständigen Leben seiner Familie nichts zu tun haben will und als Jungwitwer von einer großzügigen Erbschaft leben kann. Vater Ty Ty derweil ist wie seine übrigen vier Kinder ein Herzensmensch. Stehend vor Schmutz und Lumpen kann ihm keine noch so bittere Fügung weder Lebensfreude noch Gottesfurcht nehmen und er ist sogar naiv genug, die Suche nach seinem Gold einmal zwangsweise einem Albino zu übertragen, einem jungen Mann namens Dave Dawson (Michael Landon) aus den benachbarten Sümpfen, dem man allein aufgrund seiner physischen Andersartigkeit übersinnliche Kräfte nachsagt und den Ty Ty daher kurzerhand auf seine Farm entführt. Tatsächlich ist Dave wacker genug, die für ihn unangenehme Situation mit Ty Tys mannstoller Tochter Darlin‘ Jill (Fay Spain) zum Besten umzukehren. Als intelligentester und vernünftigster Mensch auf der Walden-Farm erweist sich schließlich der alte, farbige Vorarbeiter Uncle Felix (Rex Ingram), an dem es letzten Endes ist, seinem Boss wieder Vernunft einzubläuen. Damit sagt Caldwell eine Menge darüber, wie es war und ist, im Süden.

8/10

THE THREE FACES OF EVE

„When I spend eight bucks on a dame, I don’t just go home with the morning paper, y’know what I mean?“

The Three Faces Of Eve (Eva mit 3 Gesichtern) ~ USA 1957
Directed By: Nunnally Johnson

Dr. Luther (Lee J. Cobb), Psychiater in Georgia, wird eines seltsamen Falles gewahr: Seine Patientin Eve White (Joanne Woodward) leidet unter einer gespaltenen Persönlichkeit. Eve White ist eine eher schüchterne Hausfrau, unterwürfig gegenüber ihrem Ehemann Ralph (David Wayne), aufopfernd gegenüber ihrem Töchterchen (Terry Ann Ross). Zuweilen jedoch ändert sich urplötzlich ihr Verhalten und „Eve Black“ kommt zum Vorschein, eine feierwütige Stimmungskanone, die gern in Soldatenspelunken verkehrt und all das auslebt, was Eve White sich versagt. Trotz etlicher Therapieversuche über mehrere Jahre, darunter Aufenthalte in Sanatorien, Hypnose und etliche Gesprächssitzungen, bleibt Eves Zustand unverändert. Dann, Ralph und Eve sind mittlerweile geschieden, weil der eher tumbe Ehemann das nötive Verständnis für den Zustand seiner Gattin nicht aufzubringen vermag, taucht eines Tages noch eine dritte Persönlichkeitsfacette auf: Jane, eine mental gesunde, selbstbewusste und liebenswerte Frau, die die „Schwächen“ von Eve White und Eve Black – also Unterwürfigkeit und provozierendes Verhalten – nicht teilt. Dr. Luther schafft es, bis tief in Eves Vergangenheit vorzudringen und die einstige Sollbruchstelle für Eves multiple Persönlichkeit hervorzulocken. Nach heftigen Ausbrüchen bleibt schließlich nurmehr Jane als singuläre Person übrig und endlich kann die junge Frau ein unbeschwertes Leben führen.

Wenngleich eine gewisse Liebäugelei mit reißerischer Kolportage und auch manch eher hilflos wirkender Versuch, das Geschehen durch komödiantische Sprenkler aufzulockern, dem Gesamtresultat eher weniger gut tun, ist Johnsons „The Three Faces Of Eve“ doch ein wichtiger Beitrag zur Gattung um psychische Störungen und Erkrankungen kreisender Spielfilme. Gerade in den fünfziger Jahren gewannen Psychologie und Psychotherapie als medizinische Disziplinen viel an Aufmerksamkeit, Hinwendung und Akzeptanz, die sich eben auch in unterhaltungsmedialer Aufbereitung niederschlug. Dramatiker wie Tennessee Williams waren plötzlich Stammgäste in Hollywood-Scripts und selbst Genrefilme wie der Western zeigten sich durchdrungen von fundierten, psychologischen Charakterisierungsansätzen. Vor diesem Hintergrund war „The Three Faces Of Eve“ einer der Beiträge, die sich wagten, sogar noch etwas unverschleierter in medias res zu gehen. Script und Film basierten auf einem authentischen Fall, der erst Jahre später von der betroffenen Dame selbst (Christine Costner-Sizemore) adäquater in Buchform aufbereitet wurde. Der Film besorgte dramaturgisch entschlackende Vereinfachungen; so besaß die echte Eve noch wesentlich mehr voneinander abgespaltene Persönlichkeiten, erlebte keinesfalls die gegen Ende des Films geschilderte Radikalkur und auch der tiefenpsychologische Anlass für ihre Erkrankung war in Wahrheit deutlich facettenreicher. An der Brauchbarkeit von Johnsons Film, dessen Komplexitätsreduktion ihm zumindest nicht wesentlich schadet, ändert dies glücklicherweise wenig. Ferner ist der Film darstellerisch über jeden Zweifel erhaben. Wie bereits in Nunnally Johnsons ebenfalls psychologisch konnotierten „The Man In The Grey Flannel Suit“  erlebt man auch in „The Three Faces Of Eve“ den eher auf unsympathische Figuren abonnierten Lee J. Cobb in einer durchweg liebenswerten Rolle und ganz besonders Joanne Woodwards Darstellung bleibt als mehr denn beeindruckend haften.

7/10