THE BANISHING

„Amen.“

The Banishing ~ UK 2020
Directed By: Christopher Smith

Essex, 1938. Der immens gottesfürchtige Vikar Linus Forster (John Heffernan) zieht mit seiner Gattin Marianne (Jessica Brown Findlay) und deren unehelicher Tochter Adelaide (Anya McKenna-Bruce) in das berüchtigte Landhaus Morley Hall, in dem sich drei Jahre zuvor Schreckliches ereignet hat, was der ortsansässige Bischof Malachi (John Lynch) jedoch wohlfeil unter den Teppich gekehrt hat. Einzig der als Scharlatan verschrieene, in Morley wohnhafte Okkultismusforscher Harry Reed (Sean Harris) ahnt um die dämonische Gefahr, in der vor allem Marianne und die kleine Addie schweben. Morley Hall wurde nämlich auf den Ruinen eines Klosters bigotter Mönche erbaut, die dort einst grausige Taten verantworteten und einen besonders unruhigen Geist in den Katakomben hinterließen…

Im Horrorfilm und besonders im Haunted-House- und Exorzismus-Subgenre bieten vermeintlich authentische Lokalitäten oder Begebenheiten sowie entsprechende, paranormale Phänomene mit angeblich realen Wurzeln seit jeher eine immens dankbare Projektionsfläche für mannigfaltige Revision und eifrige Fabulierung. „The Banishing“, originär veröffentlicht beim einschlägigen VOD-Service Shudder, greift jenes Element wiederum auf, um einen einserseits stark traditionsverhafteten und andererseits doch recht postmodernistisch gefärbten Gattungsbeitrag zu liefern. Handlungsort und Personen wurzeln durchweg auf historischen Vorbildern, jeweils unter geringfügigen, für Faktenvertraute jedoch offensichtlichen Namensänderungen, wobei erwartungsgemäß auch der Fall des realen Borley Rectory, dem berühmtesten Spukhaus Englands, nebst den Berichten des damals dort unnachgiebig um Aufmerksamkeit heischenden Spiritualisten Harry Price im Nachhinein als barer Humbug entlarvt wurde. Ihre Funktionalität als Inspirationstableau für kleine Schauergeschichten haben die alten Geschichten jedoch nie wirklich eingebüßt, wie „The Banishing“ nunmehr demonstriert.
Smiths Film erfuhr bis dato vornehmlich Widerwillen und Ablehnung; er wolle allzuviel und offeriere dabei doch vornehmlich Albernheiten, misslungene Details und campigen Versatz. So einfach finde ich es nicht. Gewiss, es lässt sich nicht leugnen, dass „The Banishing“ recht unverfroren auf die sich ihm darbietende Kolportageklaviatur eindrischt. Zur Orientierung ~ all dies kommt im Film vor: ein verfluchtes Haus mit noch verfluchteren Kellergewölben, eine Familie mit unheilvoller, an ihrer Stabilität nagender Vorgeschichte, ein spirituell begabtes Kind, das sich zusehends merkwürdig verhält, ein in seinen Glaubensgrundsätzen extrem geprüfter Gottesmann, ein sinistrer Bischof, welcher mit den Nazis kooperiert, die sich wiederum okkulte Mächte anzueignen trachten, ein unerlöster weiblicher Geist mitsamt totem Baby, böse Mönchsdämonen in Kapuzenkutten, Zeit- und Dimensionsverschiebungen, beidseitig aktive Spiegel, albtraumhafte Visionen, ein exzentrischer Bohèmien, der schließlich den Tag rettet und natürlich der heraufdämmernde Zweite Weltkrieg mitsamt der Frage der moralisch korrekten britischen Reaktion auf den kontinentalen Faschismus. Keine schlechte Agenda für knappe 100 Minuten Erzählzeit und dabei erstaunlicherweise doch unter steter Bemühung der traditionell ehrwürdigen, sepiafarbenen Kontemplation englischer Genreerzählungen dargeboten. Obschon das Ganze durchaus etwas von einem eklektischen Gemüseeintopf besitzt, habe ich mich gut darin zurechtgefunden; ich mochte die Darsteller, allen voran den unglaublich an einen jungen Derek Jacobi erinnernden Sean Harris, wie er ungezwungen tanzt, säuft, sich lachend zusammenschlagen lässt und scheinheiliger Frömmelei trotzt.
„The Banishing“ ist tatsächlich ein recht erhabener Film, an dem mir besonders gefällt, der er sich allem Konsensuellem ganz bewusst fernhält und es weiten Publikumsteilen bewusst schwer macht, andererseits aber recht genau zu wissen scheint, was er wie tut.

7/10

TRESPASS

„We can all die, cause I don’t give a fuck anymore!“

Trespass ~ USA/BG 2011
Directed By: Joel Schumacher

Die dreiköpfige, wohlhabende Familie Miller wird zum Opfer eins erpresserischen Überfalls, in dessen Zuge sie ein Quartett Krimineller (Ben Mendelsohn, Cam Gigandet, Dash Mihok, Jordana Spiro) in ihrer heimischen Villa festsetzt mit dem Plan, Ehemann und Vater Kyle (Nicolas Cage) Diamanten und Bares abzutrotzen. Doch die nur vordergründig glücklichen Millers haben schon selbst mit diversen Problemchen zu hantieren…

Joel Schumachers letzter Film geriert sich als de facto wenig substanzielles, aber zumindest schick ausgestaltetes Home-Invasion-Thrillerdrama für den gradlinigen Alltagsgebrauch. Mit Cage und Kidman konnte Schumacher auf zwei ihm aus voherigen Kollaborationen bekannte HauptdarstellerInnen zurückgreifen, deren jeweilige Karrieren sich zum gegebenen Zeitpunkt in (altersbedingtem?) Talkurs befanden. Wie in William Wylers „The Desperate Hours“, der ehrwürdigen Mutter aller Subgenre-Filme, entwickelt sich die repressive Situation zur psychosanitären Belastungsprobe für die Belagerten: Unausgesprochene, jedoch längst akut dräuende Wahrheiten kommen auf den Tisch – die keinesfalls mehr so rosige Finanzsituation, unbestätigte Verdachtsmomente im Hinblick auf die mögliche Untreue von Mutter und Gattin Sarah (Kidman), die Entfremdung der pubertierenden, sich abgehängt wähnenden Tochter Avery (Liana Liberato). Den Millers gegenüber stehen die vier mit allen Klischeewassern gewaschenen Ganoven: Anführer Elias (Mendelsohn), der keineswegs so souverän ist, wie er tut, seine Freundin, die drogensüchtige und depressive Petal (Spiro), Elias‘ jüngerer Bruder Jonah (Gigandet), ein Psychotiker, der ständig „seine Pillen“ nehmen muss und schließlich der rigorose Ty (Mihok), der gewissermaßen für den glatten Ablauf des Coups sorgen soll. Nachdem den Figuren ihre Ausgangsstellung zugewiesen ist, entbrennt ein dialogintensives sich sukzessive zuspitzendes Hickhack, im Zuge dessen das Script (Karl Gajdusek) sich nach Kräften bemüht, die Spannung auf einem konstanten Level zu halten, was durch die Unentschlossenheit aller Beteiligten jedoch eher suboptimal gelingt. Insbesondere den Verbrechern, die infolge ihrer eigenen, immens fragilen Beziehungskonstellationen und ihres jeweils von situativer Unprofessionalität zu keinem Zeitpunkt als wirklich bedrohlich durchgehen, mangelt es an der für ein wirklich intensives Gattungsstück an der gebotenen Intensität, derweil ausgerechnet mit der sich als am stabilsten innerhalb des allseitigen Widersachrreigens erweisenden Avery die jüngste Beteiligte den kühlsten Kopf behält und für die maßgeblichen Wendungen sorgt. So geht auch sie als erfolgreiche Verteidigerin der proamerikanischen Trutzburg „Familie“ am Ende als Gewinnerin hervor, derweil die Gangster sich zur Hälfte bereits selbst dezimiert haben. Auf der Asche eines verlogenen und somit glücklicherweise verlorenen Lebenstraums können die Millers hernach wieder zu sich selbst finden.
Schumacher bedient diese schlussendlich doch recht bieder, in Teilen gar republikanisch-reaktionär auslaufende Americana mit der ihm zueigenen Routine als langjährig profilierter Meister ästhetisch reizvoller Bildkomposita und versteht es zumindest auf diese Weise, dem auf den zweiten Blick als galliger, aber doch ziemlich hausbacken konnotierter Kommentar zur damaligen Immobilienkrise lesbaren Drama seine Insignien zu verabreichen.
Für sein Finalwerk wäre ihm dennoch ein deutlich gravitätischerer Stoff vergönnt gewesen.

6/10

UNDER THE SHADOW

ZItat entfällt.

Under The Shadow ~ UK/JO/QA 2016
Directed By: Babak Anvari

Teheran, in den achtiger Jahren. Während der Erste Golfkrieg tobt, ist es der jungen Ehefrau und Mutter Shideh (Narges Rashidi) unmöglich, ihr Medizinstudium wieder aufzunehmen. Im Zuge der Kulturrevolution war sie als Linksaktivistin umtriebig, was der auch sonst durchweg progressiven Shideh unter dem Chomeini-Regime als Subversion ausgelegt wird. Frustriert nimmt sie darüber hinaus zur Kenntnis, dass sich ihr Mann Iraj (Bobby Naderi), ein ausgebildeter Arzt, für den lebensgefährlichen Fronteinsatz meldet. Shideh bleibt mit ihrer kleinen Tochter Dorsa (Avin Manshadi) allein in der Mehrfamilienhauswohnung zurück. Als Bagdad die Bombadierung Teherans beginnt, schlägt eine Rakete ins Dach des Hauses, ein Stockwerk über Shidehs Appartment, ein ohne zu explodieren. Dorsa steht derweil heimlich im Kontakt mit dem Flüchtlingsjungen Mehdi (Karam Rasjayda), der beide Eltern verloren hat. Das Mädchen berichtet Shideh, Mehdi habe sie vor einem Djinn gewarnt, der angeblich das Haus heimsuchen soll. Tatsächlich verschwinden urplötzlich Mutter und Tochter wichtige Dinge – eine Puppe, ein geerbtes Medizinlexikon. Während sämtliche anderen Hausbewohner aus Sorge vor den immer frequentierteren Bombardierungen das Gebäude verlassen, weigert sich Shideh, die selbst zunehmend in den Konflikt zwischen Raison und Aberglauben gerät, weiterhin standhaft, zu den Schwiegereltern zu ziehen…

Als leiser, an Polanskis Mietshaus-Trilogie angelehnter Horrorfilm ist „Under The Shadow“ weniger interessant. Die „Auftritte“ des Djinn, also eines im islamischen Glauben verankerten Dämons, finden sich mit standesgemäßen, leidlich überzeugenden Mitteln wie jump scares aufbereitet und bieten somit kaum Innovation. Als deutlich involvierender gestaltet sich indes der Diskurs hinsichtlich der äußeren historischen und sozialpolitischen Implikationen des Mittachtziger-Iran und deren Reziprozität mit dem intradiegetischen Geschehen: Shideh lebt und leidet als selbstbewusste Frau in einem Albtraum systemischer Repression. Für die geringsten Regelübertretungen drohen drakonische Strafen, der unbeirrbare Glaube bildet die oberste, existenzielle Maßgabe. Ohne Hijab und schwarzes Gewand ist kein Schritt in der Öffentlichkeit möglich, ein verbotenes Jane-Fonda-Aerobic-Video, Shidehs kleines, tägliches Fenster zur Selbstbestimmtheit, wird gehütet wie ein Kleinod. Selbst dafür, dass sie Auto fährt, sieht man Shideh allerorten schief an. Dass sie infolge der eigenen, biographischen Erfahrungen, die sich bis in die Gegenwart hinein aus Unterdrückung und Unfreiheit speist, im Grunde längst überzeugte Atheistin ist, muss unter allen Umständen ein Geheimnis bleiben. Das Höchste der Gefühle besteht darin, ihrer affirmativen Nachbarin (Aram Ghasemy) entnervt zu bedeuten, dass sie den Glauben an Djinn und ähnliche Höllenwesen für Unsinn halte. Jene Überzeugung sieht sich alsbald allerdings einer harten Prüfung unterworfen, indem sich die unerklärlichen Phänomene häufen, zumindest in der Wahrnehmung Shideh und ihrer Tochter Dorsa, deren Beziehung infolge dessen ebenfalls auf eine schwere Probe gestellt wird.
Zwar lässt Anvari offen, ob Mutter und Kind tatsächlich zu Opfern einer übernatürlichen Entität werden oder sich lediglich ihre Wahrnehmung infolge ihrer immens belastenden Lebensumstände verschiebt (letzteres wäre in diesem speziellen Fall wünschenswert) – an einer Tatsache jedoch kann kein Zweifel bestehen: Wenn das Böse einen Fuß in die Tür zwischen seiner eigenen, mystischen und unserer realen Welt bekommt, dann liegt das stets daran, dass wir jene Pforte zuvor geöffnet haben, sei es durch religiösen Fanatismus, diktatorisches Gebahren, Unterdrückung oder Krieg. Die Hölle ist stets da, wo Menschen sind.

7/10

HIS HOUSE

„It has followed us here.“

His House ~ UK 2020
Directed By: Remi Weekes

Das aus dem Südsudan stammende Ehepaar Rial (Wunmi Mosaku) und Bol (Sope Dirisu) lebt nach seiner Ankunft in England in einer Flüchtlingsunterkunft. Nyagak (Malaika Wakoli-Abigaba), die Tochter der beiden, ist zuvor während der Schiffspassage ertrunken. Ihr Verlust hat tiefe Risse bei Bol und Rial hinterlassen. Schließlich wird dem Paar unter strikten Aufenthaltsauflagen ein verwahrlostes Reihenhaus in einer anonymen Vorstadtsiedlung zugewiesen. Es dauert nicht lange, bis Bol, dem der Verbleib in der neuen Heimat über alles geht, Geister zu sehen beginnt. Vor allem Nayagaks unruhige Seele scheint voller Wut auf ihn und treibt Bol mit ihren ebenso aggressiven wie anklagenden Erscheinungen an die Grenzen des Wahnsinns. Auch Rial nimmt die Gespenster wahr. Für sie handelt es sich um einen Apeth, einen Dämon, der mit Schuld beladene Opfer bis aufs letzte Haar verschlingt, bevor er wieder Ruhe gibt. Während Bols und Rials Betreuer (Matt Smith) sich Sorgen zu machen beginnt, gilt es für die beiden, den Apeth irgendwie wieder los zu werden…

Dass der jüngere Horrorfilm sich, wie es den Wurzeln des Genres ja ohnehin seit eh und je entspricht, einer der kulturell bedeutsamsten Indikatoren für diverse gesamtgesellschaftlich geführte Diskurse zeigt, sollte keinem halbwegs aufmerksamen Genrebetrachter entgangen sein. Remi Weekes‘ „His House“ nun ist wohl einer der ersten Beiträge der Gattung zur Flüchtlingsthematik, und ein gleichermaßen sensibler wie berückender dazu. Ohne den Haunted-House-Topos seiner fest eingeschriebenen Ingredienzien zu berauben oder diese gar formal zu innovieren, erzählt Weekes wie beiläufig, was es heißt, eine krisengeschüttelte Heimat um Leibes und Lebens Willen hinter sich lassen und all die weiteren Entbehrungen auf sich nehmen zu müssen, die damit einhergehen, in das so sicher scheinende Mittel- bzw. Westeuropa zu migrieren. Denn die diversen, psychobiographisch versiegelten Traumata, die Albträume und möglicherweise auch auf sich geladene Schuldkomplexe bleiben – auch wenn der neu betretene Grund und Boden nicht von sichtbarem Blut getränkt sein mag. Der Apeth, die symbolische Manifestation all des Zurückgelassenen, ist längst nicht die einzige unnehmbar scheinende Hürde zur Sorgenfreiheit. Da sind auch noch die fremde Sprache, die andersartige Kultur, die hässliche, graue Zubetoniertheit der westlichen Urbanität, die Despektierlichkeit der hiesigen, weißen Ureinwohner mit all ihren kleinen und großen alltagsrassistischen Ressentiments, die aus ihrem Widerwillen und ihrem Unverständnis größenteils erst gar keinen Hehl machen. Ein schmuckloses, verkommenes Haus ohne Leben mit Müll, Dreck und Ungeziefer, Nachbarn ohne zwischenmenschliche Regungen, ein paar Pfund zum (Über-)Leben, dumme Bemerkungen, Verbote und Einschränkungen allerorten. Rial und Bol kommt das gepriesene, sichere England vor wie eine Teildiktatur mit ihnen selbst als humanem Bodensatz. Als ob all das nicht ausreichte, sind da noch die Schreie der Ertrunkenen, Ermordeten, Zurückgebliebenen, die in jeder ruhigen Minute ihr unablässiges Echo platzieren. Welcher Weg der richtige ist, müssen Rial und Bol erst herausfinden, wo „His House“ ihn stellvertretend für sie bereits gepflastert hat und nun mit ihnen beschreitet. Die einzige Option muss (und kann nur) lauten: weitermachen, kämpfen, niemals aufgeben.

8/10

GHOSTS OF WAR

„This war will not end.“

Ghosts Of War ~ USA 2020
Directed By: Eric Bress

Frankreich, 1944. Eine kleiner, fünfköpfiger G.I.-Stoßtrupp zieht durch die Provinz mit dem Auftrag, eine Villa aufzusuchen, die vormals der wohlhabenden Helwig-Familie (Shaun Toub, Laila Banki, Yanitsa Mihailova, Kaloyan Hristov) gehört hat und diese bis zum Eintreffen der Admiralität zu halten. Die Helwigs hatten offenbar Juden versteckt und sind dann von einer SS-Einheit grausam hingerichtet worden. Als das Soldaten-Quintett eintrifft, ist die abzulösende Vorhut froh, eilends verschwinden zu können. Schnell erfährt man auch, warum: In der Villa spuken die Geister der ermordeten Helwigs. Das vergessene Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten gibt scheinbar Aufschluss über die Ereignisse, die abermals kulminieren, als eine weitere SS-Einheit eintrifft und es zu einem Feuergefecht kommt. Die nunmehr um ein Mitglied (Alan Ritchson) dezimierten G.I.s beschließen, das unheimliche Gebäude zurückzulassen und sich in den Wäldern zu verschanzen, doch es gibt kein Entkommen vor ihrem Schicksal…

Daraus, dass Eric Bress, der Autor und Regisseur von „Ghosts Of War“, Ambrose Bierces berühmte Kurzgeschichte „Incident At Owl Creek“ gelesen hat und auch sonst mit dem Autor vertraut ist, macht er keinen Hehl, wird auf den Klassiker doch direkt im Film Bezug genommen, als die Männer eine Ahnung beschleicht, dass doch wesentlich mehr an Illusion um sie herum konstruiert ist als es zunächst den Anschein hat. Auch Lynes „Jacob’s Ladder“ dürfte Bress insofern keinesfalls fremd sein. Der in Bulgarien gefilmte „Ghosts Of War“, immerhin Bress‘ erste Regiearbeit seit dem sechzehn Jahre zurückliegenden „The Butterfly Effect“, weist ebenso zu jenem gewisse Parallelen auf, indem er Zeitfluss, Kausalität und subjektive Wahrnehmungserfahrungen wiederum als Topoi für ein das Publikum sukzessive verunsicherndes Vexierspiel nutzt.
Glücklicherweise habe ich mich mit dem Inhalt zuvor nicht weiter auseinandergesetzt und den Film vorrangig deshalb geschaut, weil mir die lancierte Kombination aus WWII- und Spukhaus-Elementen durchaus attraktiv erschien.
So einfach ist es aber dann bei Weitem doch nicht, wie ein überraschender twist im letzten Erzählviertel beweist. Hier begibt sich „Ghosts Of War“ urplötzlich in zuvor kaum erahnbare, aber doch recht schlüssig implizierte Science-Fiction-Gefilde, indem er alles bis dato Gezeigte kurzerhand auf den Kopf stellt und zu einer Meditation über das Wesen des Krieges selbst gerinnt. Bress ist gewiss ein zu geschickter Autor als dass er diese doch eine gerüttelte Menge an Zuschauer-Akzeptanz einfordernde Wendung vollendes der Unplausibilität überlässt, dennoch konnte ich mich des diffusen Gefühls, behende überrumpelt worden zu sein und einen doch recht feisten Bären aufgebunden bekommen zu haben, nicht gänzlich erwehren. Was Bress zudem nicht sonderlich liegt ist die Handhabung der unspektakulären Elemente, so etwa die involvierende Ausarbeitung seiner Charaktere und deren Beziehungsgeflechte. Die fünf von Brenton Thwaites, Kyle Gallner, Theo Rossi, Skylar Astin und Alan Ritchson gespielten G.I.s bleiben eigentlich durchweg bloße Skizzen oder Silhouetten, zu denen sich keine Beziehung einstellen mag. Insofern bleibt ihr Schicksal dann auch weitgehend akademischer Natur und lediglich ein kleines Zahnrädchen im dramaturgischen Getriebe. Dass dem Film, der ja vor allem die Passionsgeschichte(n) seiner Figuren widerzuspiegeln trachtet, dies nicht eben gut bekommt, bleibt leider nicht aus.
Schlussendlich trägt „Ghosts Of War“ seine nicht ungeschickt entrollte Rahmenprämisse und ein paar schöne Ideen, die wie Blitzlichter aus dem ansonsten wenig tragfähigen Ganzen herausstechen, dann jedoch immer wieder durch ärgerliche Stolpersteine trüber Einfallslosigkeit neutralisiert werden. Recht schade ist das.

5/10

AMULET

„What is happening to me?“

Amulet ~ UK/AE 2020
Directed By: Romola Garai

Der Veteran Tomaz (Alec Secareanu) hat seinen Kriegsdienst einst als Grenzposten auf irgendeinem osteuropäischen Konfliktschauplatz verrichtet. Nun lebt er als Flüchtling und Tagelöhner in London. Als das Heim, in dem er schläft, abbrennt, nimmt sich die Nonne Schwester Claire (Imelda Staunton) seiner an. Tomaz soll der in einem halbverfallenen Haus mit ihrer gebrechlichen Mutter lebenden, Magda (Carla Juri) helfen, notdürftig das Gebäude instand zu halten. Dafür bekommt er Kost und Logis. Die eigenbrötlerische Magda fasziniert den immer wieder von traumatischen Flashbacks heimgesuchten Ex-Soldaten und obwohl er ahnt, dass die kaum menschlich erscheinende Gestalt auf dem Dachboden, die Magdas Mutter sein soll, ein schreckliches Geheimnis umgibt, verliebt er sich in die junge Frau. Zwischenzeitliche Entschlüsse, dem Haus und den Frauen den Rücken zuzukehren, revidiert Tomaz immer wieder, bis er schließlich die grauenhafte Wahrheit erkennen muss und auch, dass seine Rolle in einem schicksalhaften, übernatürlichen Gefüge schon lange determiniert ist.

Das grandiose Regiedebüt der bislang ausschließlich als Darstellerin in Erscheinung getretenen Romola Garai reiht sich thematisch in die Garde des feministisch geprägten, jungen Horrorkinos ein und bereichert dieses um einen weiteren, ebenso hochinteressanten wie sehenswerten Beitrag. Garai, die auch als eine der vielen Anklägerinnen im Weinstein-Prozess fungierte (und somit nochmal eine zutiefst persönliche Agenda in diese Arbeit einfließen ließ), erweist sich als erstaunlich stilsichere Filmemacherin, die sich nicht davor scheut, ein extrem gemächliches Erzähltempo vorzulegen, in stark artifizialisierte Bereiche vorzudringen, Ellipsen einzusetzen oder mit kräftigen Formalia wie ausgeprägtem Chiaroscuro, von denen andere DebütantInnen eher wohlweislich die Finger ließen, zu arbeiten. Das komplexe Resultat ist ein mutiges, fabulierfreudiges, wenngleich sich betont sperrig und unzugänglich gebendes Genrestück, das das Unverständnis, mit dem ihm ein Großteil des unterhaltungsbedürftigen Publikums begegnen dürfte, nicht nur bereitwillig in Kauf nimmt, sondern a priori tapfer einkalkuliert. Dabei lohnt es sich immens, sich auf „Amulet“ einzulassen, da seine Mehrdimsionalität, seine labyrinthische Struktur und vor allem die fabulierfreudigen Bilderwelten sich erst im letzten Drittel zur Gänze erschließen. Dass unter den gleichermaßen geschmackvollen wie entgleisten Schichten ferner ein dezidiert antipatriarchalischer Thesenfilm lauert, der Motive um paganistische Entitäten mit feministischer Kraft auflädt, wird manch männlichem Zuschauer nachhaltig befremden. Gut so!

8/10

KYNODONTAS

Zitat entfällt.

Kynodontas (Dogtooth) ~ GR 2009
Directed By: Yorgos Lanthimos

Irgendwo in der griechischen Provinz lebt eine Familie, bestehend aus Vater (Christos Stergioglou), Mutter (Michele Valley), einem Sohn (Hristos Passalis), einer älteren (Angeliki Papoulia) sowie einer jüngeren Tochter (Mary Tsoni). Der einzige, der das großzügige Grundstück verlässt, um arbeiten und einzukaufen, ist der Vater. Gemeinsam mit seiner Frau erzieht er die drei bereits erwachsenen Kinder nach einem völlig autarken Konzept, das durch die totale Abkapselung von der gesamten Außenwelt funktioniert. Das Resultat bildet einen pervers-idiosynkratischen, durch Lügenkonstrukte kultivierten, soziologisierten Mikrokosmos, der sich aus einer unablässigen, peniblen Pflege von Ritualen, Fleißpunktevergaben und Märchen speist. So leben die Kinder etwa im festen Glauben daran, dass man jenseits des Gartenzauns nur überlebt, wenn man ein Auto fahren kann. Dies wiederum bedingt das Nachwachsen eines zuvor ausgefallen Eckzahns (eines „Hundezahns“, wie er im wiederum spezifiziert-abgewandelten Sprachuniversum der Familie genannt wird). Auch ihr Weltwissen und die physikalischen Grundkenntnisse setzt sich aus dem zusammen, was die Eltern den Kindern beibringen: Hauskatzen sind die gefährlichsten Tiere und Menschenfresser, Flugzeuge am Himmel nur wenige Zentimeter groß und stürzt eines ab, so findet man es in Spielzeuggröße irgendwo im Garten. Der Medieneinsatz beschränkt sich auf selbstaufgenommene „Quiz-“ und Aufgabencassetten, selbstaufgenommene Videofilme und alte Schallplatten. Die Idee des Vaters, die sexuellen Bedürfnisse des Sohnes entgeltlich mithilfe von Christina (Anna Kalaitzidou), einer Sicherheitsmitarbeiterin seiner Firma zu befriedigen, führt schließlich über Umwege in die Abkapselung der älteren Tochter. Diese gerät über Christina an ein paar Videos und sieht heimlich „Rocky“ und „Jaws“. Der Anfang vom Ende.

Gewiss hat man Yorgos Lanthimos schon seit Jahren als feste Größe auf der cinephilen Weltkarte, doch ging es mir in seinem Fall wie mit vielen anderen bestimmt exzellenten Filmemachern und ihren Werken, die mir noch „fehlen“: Mit wachsender Werkzahl, analog zu den hier und da immer wieder aufblitzenden Vernehmlichkeiten in der Filterbubble, steigt der heimliche Respekt vor ihnen und bilden sich irrationale Ängste vor ihrem Schaffen.
Wenn ich an das griechische Kino denke, fallen mir spontan drei Filme ein: Michael Cacoyannis‘ „Alexis Sorbas“, Nico Mastorakis‘ „Ta Paidia Tou Diavolou“ sowie Niko Nikolaidis‘ „Singapore Sling: O Anthropos Pou Agapise Ena Ptoma“, darunter also zwei auf ihre jeweilige Art immens transgressive Werke. Zumindest „Kynodontas“, mit dem es anzufangen galt, versprach ein ebensolches zu sein. Eine korrekte Vermutung. Dennoch oder gerade deshalb – ein jeder setze sein individuelles Kreuzchen – zählt er gleich nach der (wie so oft verspätet erfolgten) Erstbetrachtung für mich ab sofort zu den innovativsten und mutigsten Filmen der letzten zwei Jahrzehnte.
Lanthimos kreierte für seinen dritten Film eine dystopische, soziologische Versuchsanordnung, bis in winzigste Details bravourös durchdacht und bestenfalls durch kleinere, unlogische Zugeständnisse angekratzt. Das Publikum schubst er ohne Vorwarnung, einerseits mit akribischer Genauigkeit und doch wie von einer dokumentarischen Gleichmut befleißigt, mitten in hinein in die Unfassbarkeit. In langen Einstellungen und oftmals bewegungslosen Bildrahmungen wechseln sich Groteske, schwarzer Humor und blanker Horror ab, wenn man dem hochpathologischen Alltag der drei weltentlehnten „Kinder“ hinter ihrem Gartenzaun und den entsprechenden Bemühungen des sich als unfasbarerweise immer noch geisteskranker zu werden scheinenden Vater folgt. Dessen motivische Gemengelage offenbart sich nur einmal ganz kurz, als er der „entlassenen“ Christina zur Strafe ihren VHS-Recorder über den Schädel zieht: Er wolle seine Kinder vor den Verderbnissen der Außenwelt beschützen, ihnen die obligatorische „Persönlichkeitsstörung“ (offenbar spricht er da aus eigener Erfahrung) ersparen. Der Rest ergibt sich dann durch die einmal (mittelbar ausgerechnet durch Filmklassiker) ausgelöste Dynamik des familiären Zusammenbruchs – oder wahlweise des unheimlichen „coming of age“ der ältesten Tochter, die, zusätzlich zu allen anderen lebenslangen Entbehrungen auch noch zum inzestuösen Vergewaltigungsopfer degradiert, endlich zum verzweifelten Aufbegehren schreitet. Den kathartischen Epilog überlässt Lanthimos dann seinem geradezu als aufreizend mündig deklarierten Rezipienten. Dafür kann man nurmehr „Danke“ sagen, wie für diesen ganzen, wunderbaren Film.

9/10

RELIC

„Who are you?“

Relic ~ AUS/USA 2020
Directed By: Natalie Erika James

Edna (Robyn Nevin), die Mutter von Kay (Emily Mortimer) und die Großmutter von Sam (Bella Heathcote), verschwindet urplötzlich aus ihrem geräumigen Haus in der Naähe von Melbourne. Auch als Kay und Sam vor Ort erscheinen und nach der alten Dame, die schon seit einiger Zeit Anzeichen von Demenz zeigt, suchen, taucht sie zunächst nicht auf. Man rechnet bereits mit dem Schlimmsten, als Edna eines Morgens in der Küche steht als sei nichts gewesen. Ihre schmutzigen, baren Füße deuten darauf hin, dass sie im Freien umhergeirrt sein muss, obwohl sie jedem Gesprächsansatz über ihren zwischenzeitlichen Verbleib ausweicht. Die kommenden Tage sind geprägt von Zweifeln und Ängsten. Was soll mit Edna geschehen? Allein beiben kann sie offenkundig nicht; Kay ist hin- und hergerissen zwischen einer geriatrischen Unterbringung und der Option, ihre Mutter bei sich aufzunehmen. Sam erwägt, bei ihrer Großmutter einzuziehen und sie zu pflegen, was durch das zusehends irrationale Verhalten der Seniorin jedoch bald unvernünftig erscheint. Erst eine unheimliche Zuspitzung der Ereignisse hilft den jüngeren Generationen zu verstehen.

Dass nunmehr zwei der klügsten und schönsten Horrorfilme der letzten Jahre jungen australischen Regisseurinnen zu verdanken sind – neben „Relic“ spreche ich natürlich von Jennifer Kents „The Babadook“ empfinde ich als höchst erfrischend und fände es höchst erfreulich, wenn ihre Beispiele noch weiter Schule machten. Überhaupt treten Filmemacherinnen auf dem Genresektor ja auch auf globaler Ebene – man denke an Katrin Ebbe oder Veronika Franz – just aus dem Schattensektor ans finstere Licht, wo man sie früher mit der Lupe suchen musste – Kathryn Bigelows oder Jackie Kongs entsprechende Arbeiten liegen ja nunmehr bereits Dekaden zurück. Bitte noch viel mehr davon.
„Relic“ bietet sich als generationsverschobenes companion piece zu „The Babadook“ an: Im vorliegenden Fall obliegt es zwei Frauen jüngeren Jahrgangs, mit einer sich radikal verändernden, familiären Beziehungssituation auseinandersetzen und zurechtkommen zu müssen, die sich diesmal nicht auf den Nachwuchs, sondern auf das Alter fokussiert.
Dem Zuschauer machen sowohl Kent als auch James es da deutlich leichter als ihren Protagonistinnen – wir finden jeweils sogleich die aktuelle Lage vor, und damit den auf sinistre Weise prekarisierten, sich sogar noch stetig verschlimmernden Ist-Zustand. Für den Kreuzweg, der den allermeisten erwachsenen Kindern im Laufe ihrer späteren Biographie irgendwann bevorsteht, nämlich jenen, sich um die in buchstäblicher Auflösung befindlichen Eltern kümmern zu müssen, wählt Natalie Erika James eine besonders zum Ende des Films hin vortreffliche Bildsprache nebst einer durchaus streitbaren conclusio, die im innerdiegetischen Kontext allerdings absolut sinnstiftend daherkommt. Gewiss ist „Relic“ in der Ausprägung seiner verwandten Stilmittel fraglos ein lupenreiner Gattungsfilm; sein besonderes Verdienst – und damit wären wir auch gleich wieder bei Jennifer Kent – liegt jedoch darin, den Horror als humanistischen Stolperstein zu gebrauchen, den Horror von unüberwindbarem Miss- bzw. Unverständnis, den Horror unmöglicher Empathie, eine Form des intimen Grauens, die sich umso schrecklicher ausnimmt, wenn es um geliebte Menschen geht-, die eigene Familie zudem.
„Relic“ wählt keinesfalls einfache oder offensichtliche Wege betreffs seiner Agenda, die die rigorose Veranschaulichung dieser Art Lebenszäsur umrahmt. Seine Mittel sind vielmehr paraphrasiert, hochkomplex, klug und, am wichtigsten, sensibel, und somit auf berückende Weise vereinnahmend.

8/10

YOU SHOULD HAVE LEFT

„I tried to run, but for no purpose.“

You Should Have Left (Du hätest gehen sollen) ~ USA 2020
Directed By: David Koepp

Abgesehen von ihrem doch immensen Altersunterschied müssen die Ehepartner Susanna (Amanda Seyfried) und Theo Conroy (Kevin Bacon) mit noch ein paar anderen unausgesprochenen Divergenzen umgehen. Was sie zusammenschweißt, ist die bedingungslose Liebe zu Töchterchen Ella (Avery Tiiu Essex). Um wieder mehr zu sich selbst zu finden, mietet man kurzerhand eine moderne Villa in der walisischen Provinz an, die einem gewissen Stetler gehört. Vor Ort angekommen, plagen nicht nur dräuende Albträume die kleine Familie; auch das Haus selbst scheint ein höchst sonderbares Eigenleben zu führen. Als die schwelenden Konflikte zwischen Theo und Susanna schließlich aufbrechen, demonstriert endgültig auch Stetlers Haus ersterem, dass die eine oder andere teure Lebensrechnung noch offen ist…

Die Erwartungen waren nicht eben gering, als sich abzeichnete, dass das einstige winning team Koepp/Bacon rund zwanzig Jahre nach seinem schönen Geisterfilm „Echoes“ zu einem möglichen Revial ansetzte. Beinahe schon obligatorisch unter der omnipräsent scheinendenen Genreägide von Blumhouse griff Regisseur und Autor Koepp abermals, wie schon beim „Vorgänger“, dessen altehrwürdige Ideenschmiede Richard Matheson verantwortet hatte, auf eine bestehende literarische Vorlage zurück. Koepps Meriten als Veredler vorgefertigter Plots schienen mir bislang unbestritten, nun, da er, dem Vernehmen nach eher infolge reiner kreativer Koinzidenz, eine Novelle von Daniel Kehlmann umfrisierte, trübt sich die diesbezügliche Sicherheit ein wenig.
„You Should Have Left“ bedient sich auf den ersten Blick ähnlicher Topoi und Strukturen wie „Echoes“. Hier wie dort geht es um eine sukzessiv vom Auseinanderbrechen bedrohte Kleinfamilie, deren emotionale Sollbruchstellen primär von einem durch zunächst irrational erscheinende Manien besessenen Ehemann und Vater verursacht werden, wobei in beiden Fällen das Kind eher seine Perspektive bestärkt. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch ebenso deutliche Differenzen. Während „Echoes“ eine Menge seiner spezifischen Zugkraft aus der Ansiedlung im kleinbürgerlichen Vorstadtmilieu bezieht, wechselt „You Should Have Left“ in die eher distanzbetonte Welt der upper class – sie eine Hollywood-Schauspielerin, er ein schwerreicher Banker. Ferner bedingt die teils vorgeprägte, teils selbstgewählte Isolation der Conroys eine unweigerliche Konzentration auf den familiären Mikrokosmos und somit deutliche Beschränkungen des sich bei „Echoes“ noch als besonders vital erweisenden (und letzten Endes ja sogar motivstiftenden), nachbarschaftlichen Interaktionismus. „You Should Have Left“ bewegt sich sehr viel dichter entlang verwandter kingscher Psychostudien wie „The Shining“, „The Dark Half“ oder „The Secret Window“ (den Koepp ja sogar selbst inszeniert hat) und verspielt damit zugleich ein gerütteltes Maß an notwendiger Innovation. Die faszinierendsten Einfälle, die sich vor allem auf die Unzuverlässigkeit physikalischer Gesetzmäßigkeiten stützen, erweisen sich tatsächlich mitnichten als solche, sondern belegen lediglich ein aufmerksames Studium von Gattungsbeiträgen aller Richtungen, deren Aufzählung ich mir an dieser Stelle ersparen möchte. Besser gut geklaut als schlecht erfunden wäre da noch die eheste Weise, um die paar zumindest leidlich unterhaltsamen Facetten des Films in ein halbwegs positives Licht zu rücken.
Typische Blumhouse-Kost aus dem leicht angehobenen Mittelsektor, als Quasi-Nachfolger von „Echoes“ jedoch – bedauerlicherweise – bass enttäuschend.

6/10

THE CARPENTER

„You have to be crazy to come to a place like this.“

The Carpenter ~ CA 1988
Directed By: David Wellington

Alice Jarrett (Lynne Adams) führt keine sehr befriedigende Ehe mit ihrem sie allenthalben betrügenden, herablassenden Mann Martin (Pierre Lenoir). Umso weniger verwunderlich, dass sie eines Tages durchklinkt und seine besten Anzüge zerschnippelt. Alices daraufhin folgenden Aufenthalt in der Psychiatrie nutzt Martin derweil, um ein altes Häuschen im Grünen zu erwerben und renovieren zu lassen. Wieder entlassen, genießt Alice das neue Domizil, trotz der billig angeworbenen, faulen Bauarbeiter. Den Löwenanteil der Erledigungen vollbringt ohnehin ein ausschließlich des Nachts hämmernder Zimmermann (Wings Hauser), der ebenso höflich wie mysteriös auftritt und sich bald zu Alices persönlichem Schutzengel entwickelt. Sie gerät immer mehr in den Bann des sie umgarnenden Handwerkers; selbst die durch den schmierigen Sheriff Johnston (Ron Lea) erfolgende Eröffnung, dass es sich bei ihm um den Geist des früheren, wahnsinnig gewordenen Häuslebauers Edward handeln muss, bereitet ihr keine besonderen Sorgen. Erst Alices bodenständige Schwester Rachel (Barbara Jones), die Alice angesichts des zunehmend blutigen Treibens Edwards wieder notdürftig erden kann, bereitet dem Treiben ein Ende.

„The Carpenter“, eine schöne, dunkelromantische Splatterkomödie mit erwachsenenmärchenhaftem Touch, könnte durchaus als Blaupause für spätere, wesentlich populärer gewordenen Genrevertreter wie Bernard Roses „Candyman“ oder die beiden „The Dentist“-Filme von Brian Yuzna hergehalten haben, die jeweils vorrangige Erzählmotive von Wellingtons Debüt aufgriffen und weiterverarbeiteten; sei es das ja bereits seit Stokers „Dracula“ rekurrierende Thema der von einer verführerischen, unweltlichen Macht attrahierten, unzufriedenen Ehegattin auf der einen oder das für derbe Verstümmelungen unglücklicher Opfer zweckentfremdete Arbeitsmaterial auf der anderen Seite. Zudem pflegt „The Carpenter“ einen sehr hübschen, wenn auch eigenwilligen schwarzen Humor, der sich insbesondere in der Gestaltung der liebevoll eingeflochtenen, zahlreichen skurrilen Nebencharaktere äußert. Von dem leider nur zu Beginn auftretenden Therapeuten (Griffith Brewer) über das übelriechend-kriminelle Arbeitervolk und Alices neuen Arbeitgeber (Richard Jutras) bis hin zu Ron Leas wunderbarem Auftritt als kaugummischmatzender Sheriff hält der Film eine ganze Armada an nahezu surreal anmutendem Personal bereit, das die schwebende Abseitigkeit des Geschehens hervorragend unterstützt. Zudem sind Lynne Adams und vor allem der wie stets verlässliche Wings Hauser, der das freidrehende Potenzial seiner Rolle beinahe brillant zu nutzen weiß, jeweils famos in ihren Hauptrollen.
Einer kritischeren Perspektive mag „The Carpenter“ in vielen Punkten möglicherweise nicht standhalten: Wer ein auch nur halbwegs regelkonformes slasher movie erwartet, dürfte enttäuscht sein; das pacing erweist sich als wenig dynamisch und so etwas wie Spannung oder Zug kommt im traditionellen Sinne auch nicht auf. Der Film taugt eher zu einem eigenwilligen Exempel, wie sich Gattungsmechanismen auf intelligente Weise aushebeln und ironisieren lassen. Als solches allerdings lohnt er die vertrauensvolle Begegnung.

7/10