SCHLAF

„Kennst du das, wenn du wach bist und der Traum ist noch da?“

Schlaf ~ D 2020
Directed By: Michael Venus

Marlene (Sandra Hüller), Stewardess und alleinerziehende Mutter der Teenagerin Mona (Gro Swantje Kohlhof), leidet unter schweren Albträumen, derer sie mittels akribischer Aufzeichnungen in einer mittlerweile umfangreichen Sammlung von Traumtagebüchern Herrin zu werden versucht. Eines Tages entdeckt sie eine Anzeige des Hotels „Sonnenhügel“ in dem Mittelgebirgsörtchen Stainbach. Marlene reist kurzentschlossen dort hin und verbringt eine Nacht in dem Gasthaus. Kurz darauf erfährt Mona, dass ihre Mutter mit einem katatonischen Stupor in ein nahegelegenes Krankenhaus eingeliefert wurde. Mona will den Grund für Marlenes Zustand in Erfahrung bringen und checkt ebenfalls im Sonnenhügel ein – wegen der nebensaisonalen Flaute und diverser Renovierungsarbeiten als einziger Gast. Schon bald suchen auch sie bizarre Albträume ein, deren höchst reale Wurzeln offenbar in der unrühmlichen Vergangenheit Stainbachs liegen..

Immerhin ist das deutsche Genrekino bemüht, sein Lager um interessante, national und auch international relevante Beiträge zu bereichern; bemühter jedenfalls als noch vor zehn, zwanzig oder gar dreißig Jahren. Dennoch empfand ich „Schlaf“, das Regiedebüt von Michael Venus, keineswegs als durchgängig überzeugend. Venus und sein Coautor Thomas Friedrich wollen allzu viel auf einmal; auf der bloßen Gattungsebene soll ihr Film Unbehagen und Spannung auslösen und zugleich als Vergangenheitsaufbereitung – es geht im Kern um die tiefen Spuren, die polnische Zwangsarbeiterinnen während der NS-Zeit hinterlassen haben und deren Niederschlag im Verhältnis zu gegenwärtigen Reichsbürgergruppierungen – fungieren. Wie ihre einst als Findelkind angenommene Mutter und ihre Großmutter Trude (Agata Buzek) zuvor verfügt auch Mona über eine Art „zweites Gesicht“, das sich via an die Bewusstseinsoberfläche tretenden Träumen manifestiert. Mona findet heraus, dass in Stainbach einst eine Sprengstofffabrik befand, in der Zwangsarbeiterinnen aus Polen beschäftigt wurden. Ihre Mutter Marlene erweist sich als das Resultat einer späteren, außerehelichen Liaison zwischen der ebenfalls abseits des Dorfes hausenden Trude und dem Ortspatriarchen Otto (August Schmölzer), zugleich Bewirtschafter des Sonnenhügel-Hotels. Nachdem Otto Trude ermordet hat, sucht ihr rachsüchtiger Geist nicht nur ihn und seine Mitwisser heim, sondern auch die Traumwelten ihrer überlebenden Leibesfrucht in erster und zweiter Generation. Der Sühnetribut ist jedoch erst zur Gänze gezollt, wenn auch Otto das Zeitliche gesegnet haben wird. Der Weg dorthin ist jedoch gepflastert mit allerlei Mysteriösem, dass Venus/ Friedrich in vorsätzlicher Unübersichtlichkeit verquirlen: Träume werden zu Trips und ein Ortstreffen unter Führer Otto und seinen willfährigen Vasallen verwandelt sich durch einen anarchischen K.O.-Tropfen-Streich seines Sohnes (Max Hubacher) in eine ekstatische, ein wenig an Noés „Climax“ erinnernde Chaosorgie. Überhaupt schimmern Venus‘ Vorbilder nicht selten überdeutlich durch die gekonnt arrangierte Oberfläche seines zwischen Traumhorror und Aufarbeitungsthriller oszillierenden Films, seien es Steiners „Sennentuntschi“ oder AKIZ‘ „Der Nachtmahr“. Für kommende Projekte wünscht man dem zum jetzigen Zeitpunkt gewiss noch vielversprechenden Filmemacher insofern mehr thematische Innovation sowie den Mut zu luziderer Konsequenz, gepaart mit der Absage an die etwas irrational scheinende Verpflichtung, der Historie wie auch immer geartete Rechnung tragen zu müssen.

5/10

EVE’S BAYOU

„To a certain type of woman, I am a hero.“

Eve’s Bayou ~ USA 1997
Directed By: Kasi Lemmons

In den 1960ern lebt die zehn Jahre junge Eve Batiste (Jurnee Smollett) mit ihren Eltern Louis (Samuel L. Jackson) und Roz (Lynn Whitfield), ihren beiden Geschwistern, dem jüngeren Bruder Poe (Jake Smollett) und der älteren Schwester Cisely (Meagan Good) sowie der Großmutter (Ethel Ayler) in einem von Creolen-Nachfahren besiedelten, sumpfnahen Ort in Louisiana. Auch Eves bereits dreifach verwitwete Tante Mozelle (Debbi Morgan), die übersinnliche Fähigkeiten hat, ist ein festes Mitglied des Hausstands. Den Batistes geht es in materieller Hinsicht gut; Louis gilt als ein anerkannter Landarzt in der Region und wird von der afroamerikanischen Community vor Ort sehr respektiert. Doch binnen der eigenen vier Wände bröckelt das Idyll beträchtlich, Louis ist nämlich auch ein unverbesserlicher Schürzenjäger und Gigolo, der nicht allein medizinische „Behandlungen“ an seinen Patientinnen vornimmt. Eines Abends ertappt Eve ihn in der Scheune mit seiner Geliebten (Lisa Nicole Carson) und beginnt von diesem Tage an, den zuvor vergötterten Vater in einem anderen Licht zu sehen. Als die pubertierende Cisely später von einem ungeheuerlichen, nächtlichen Erlebnis mit Louis berichtet und zu Verwandten abreist, beschließt Eve, dem Leben ihres Vaters mittels Voodoo-Magie ein Ende zu setzen und wendet sich an die Hexe Elzora (Diahann Carroll)…

Amerikanische southern gothic tales haben, wenn sie mit dem nötigen Maß an Regionalromantik und Charakterempathie erzählt sind, stets etwas zutiefst Magisches. Klassischerweise von renommierten weißen Dichtern wie Bierce, Faulkner oder Williams ersonnen, fristen derweil die vornehmlich oder gar ausschließlich von people of colour berichtenden Geschichten – Toni Morrisons „Beloved“ kommt einem sofort in den Sinn – nach wie vor ein unverdientes Nischendasein. Eine ebenso prächtige wie berückende Filmausnahme bildet dieses Regiedebüt der zuvor als Nebenrollenschauspielerin aufgefallenen Kasi Lemmons, das, zugleich von ihr geschrieben, als elementares Spätwerk der New-Black-Cinema-Welle erachtet werden muss. Als eine Art afroamerikanisches Gegenstück zu Harper Lees „To Kill A Mockingbird“ und gleichermaßen ein Heimatfilm, zentriert „Eve’s Bayou“ die rückblickend aus ihrer sich sukzessive entzaubernden Kindheit erzählende Protagonistin Eve Batiste, deren Name auf den von der lokalen community verehrten Gründervater der Ortschaft zurückgeht. Wie einst die kleine Scout Finch hat auch Eve im Zuge eines schicksalhaften Sommers einige bittere Lektionen zu lernen, die sie auf Ab- und Umwegen ins unschuldsberaubte Erwachsenendasein tragen werden. Hier sind diese allerdings allerhöchstens indirekt mit Vorurteilen und Rassismus verknüpft. Zwar leben die Batistes ein wenig nach dem Vorbild weißer Dynastien des vorvergangenen Jahrhunderts, indem sie ihren Wohlstand außenwirksam leben und genießen, weißhäutige Menschen kommen in ihrem Mikrokosmos jedoch nicht vor, zumindest nicht, soweit es Eves kindliche Wahrnehmung anbelangt. Eve pendelt zwischen Frauen, zwischen ihrer gehörnten Mutter, ihrer mysteriösen, als verschroben geltenden Tante, ihrer alles zerredenden Großmutter und ihrer Schwester. Während Eve in ihrem Vater bislang ein von ihr abgöttisch idealisiertes Mannsbild sah, zerbricht diese Projektionsfläche bald in tausend Scherben, eine Erkenntnis, die sie auf zerstörerische Weise langfristig mit Desorientierung und Gewissenschuld belasten wird. Denn seine gesellschaftliche Stellung ist Louis Batiste wie vielen erfolgreichen Männern längst zu Kopf gestiegen. Von der Hybris übermannt, erachtet er seine permanenten außerehelichen Fehltritte, darunter selbst die offen zur Schau getragene Affäre mit der Gattin seines besten Freundes (Roger Guenveur Smith), als die lässlichen Streiche eines unverbesserlichen Filous, derweil zu Hause die Seelen seiner Liebsten bersten.
Lemmons nutzt diese Grundkonstellation zur Erzählung einer zu Herzen gehenden Coming-of-Age-Geschichte, die mit ihrer betont entklischierten Aufbereitung zig etablierte Hollywood-Klischees mit Füßen tritt und somit fast wie ein Stück aus einer Parallelrealität wirkt. Jede Figur erhält ihre Zeit, flankiert von verschrobenen Wegbegleitern wie der Voodoo-Magierin Elzora oder Mozelles mysteriösem, jüngsten Galan Julian Grayraven (Vondie Curtis-Hall), die vor allem den latenten, sanften magischen Realismus des Geschehens verstärken. Ein wunderbarer Film, der, nunmehr vierundzwanzig Jahre alt, einen Samuel L. Jackson noch ohne den typologischen Ballast der späteren Ära offeriert und auch sonst kein bisschen betagt wirkt.

8/10

SUKKUBUS – DEN TEUFEL IM LEIB

„Hol den Stier!“

Sukkubus – Den Teufel im Leib ~ BRD 1989
Directed By: Georg Tressler

Die Schweizer Alpen im 19. Jahrhundert: Drei Männer, der Senn (Peter Simonischek), der Hirt (Giovanni Früh) und ein Lehrlingsjunge (Andy Voß) treiben Milchkühe auf. Das eintönige Tagesgeschäft macht dem gleichfalls gottesfürchtigen wie abergläubischen Trio zu schaffen; vor allem die zur Brachlage gezwungene Libido gilt es immer wieder zu zäumen. Eines Abends steht der Schnaps auf dem Tisch. Der zunächst noch gradlinige Senn lässt sich im Suff vom Hirten überreden, einen „Tuntsch“ zu fertigen, einen weiblichen Fetisch, der aus Stroh und Lumpen besteht. Das heidnische Konstrukt erwacht, als Senn und Hirt sich an ihm vergehen, kurz zu fleischlichem Leben (Pamela Prati), verschwindet jedoch unmittelbar darauf wieder. Am nächsten Tag, die Männer schieben das unheimliche Ereignis stillschweigend beiseite, taucht der Tuntsch wieder auf und jagt ihnen eine Todesangst ein. Und tatsächlich müssen die beiden Älteren ihren Frevel teuer bezahlen…

Die traditionsreiche Alpensage um das Sennentuntschi, dessen gottlose Erweckung grauenvolle Ereignisse nach sich zieht, stand Pate für Georg Tresslers mit einigem Abstand entstandene, elfte und letzte Kinoregie, bevor er nurmehr Episoden für maue TV-Serien inszenierte. Franz Seitz schrieb das Drehbuch, er und Luggi Waldleitner produzierten. Der große kommerzielle Erfolg war dem phantastisch-morbiden Heimatdrama erwartungsgemäß nicht beschieden, als rares Genrestück blieb er eigentlich ein Apokryph der (west-)deutschen Filmhistorie. Allzu merkwürdig und sperrig wird „Sukkubus“ dem damals von diversen Hollywood-Blockbustern überfluteten Publikum vorgekommen sein; ich selbst, damals dreizehn Jahre alt und scharf auf alles, was ich an eigentlich nicht jugendfreiem Horror- oder Actionstoff in die Finger bekommen konnte, erinnere mich noch an die Besprechungen und Werbeanzeigen in den eingängigen Filmblättern (die spätere VHS-Veröffentlichung wurde dann nochmal deutlich intensiver beworben) und dass ich daraufhin beschloss, den Film doch lieber nicht sehen zu wollen. Gut, die sich auf dem Kinoposter und den Programmfotos nackt bleckende, archaisch wirkende Pamela Prati mit ihren bleichen Augenlinsen war da für mich auch noch nicht hinreichend reizvoll – ein Umstand, der sich in den Folgejahren ändern sollte. Heute erscheint mir vor allem jene Sequenz einprägsam, in der sich die Männer daran machen, eine vom Hang gestürzte Kuh zu häuten.
Tatsächlich gestaltet „Sukkubus“ sich primär auf einer sehr erwachsenen, sinnlichen Ebene unheimlich. Die alte Fabel warnt vor der Übermannung durch unmäßige, vor allem jedoch unkontrollierte Geilheit, davor, dass man den Herrgott zugunsten der im tiefen Inneren lauernden Instinktivität vergessen und daraufhin nie wieder gut zu machende Fehler begehen könnte. Tatsächlich ist es die ewig lauernde Libido, die vor allem die zwei älteren Viehhirten nicht loslassen mag – während der Senn seine Bedürfnisse unter einem kalten Gebirgswasserfall abtötet, vergreift sich der mit schwarzmagischer Folklore liebäugelnde Hirt einmal beinahe an dem Jungen und ist dann auch der Initiator der Tuntsch-Erweckung. Im festen Glauben, dass die Menschen in ihrem Tun bloß Spielzeuge zwischen Himmel und Hölle sind, ertönt allabendlich der Gebetsspruch des Sennen über der Alp, bis er sich, benebelt vom Hochprozentigen, eines nachts zu einer bösen Verballhornung alles Christlichen umformiert. Damit ist zugleich der Untergang besiedelt.

8/10

SNOW FALLING ON CEDARS

„Stay away from white boys. Marry one of your own kind, whose heart is strong and gentle.“

Snow Falling On Cedars (Schnee, der auf Zedern fällt) ~ USA 1999
Directed By: Scott Hicks

San Piedro, eine der Küste von Washington State vorgelagerte Insel, im Jahre 1950. Der allseits beliebte Jungfamilienvater und Fischer Carl Heine (Eric Thal) wird zum allgemeinen Entsetzen der Bewohner des kleinen Eilands tot aus dem eiskalten Pazifikwasser geborgen. Eine Kopfwunde lässt den Schluss zu, dass Heine möglicherweise einem Gewaltakt zum Opfer gefallen ist, wofür dann auch der potenzielle Täter und sein Motiv rasch bei der Hand sind: Der japanischstämmige Kazuo Miyamoto (Rick Yune) ist der letzte, der Heine lebend an Bord seines Schiffes gesehen hat; zudem hat Heine Miyamoto ein Stück Ackerland vorenthalten, das von Rechts wegen längst seiner Familie gehörte. Natürlich erweist sich der gesamte nachfolgende Gerichtsprozess als heimlicher Symbolakt des seit 1941 grassierenden Rassismus gegen alle in den USA lebenden Japaner, deren Leidesweg bereits mit der Einpferchung in die Internierungslager begann und weiterhin unterschwellig grassiert. Den jungen, liberale Lokaljournalist Ishmael Chambers (Ethan Hawke), dessen verstorbener Vater (Sam Shepard) sich zeitlebens leidenschaftlich gegen Vorurteile und Hass eingesetzt hatte, hat ferner eine ganz persönliche Beziehung zu der Verhandlung: Miyamotos Frau Hatsue (Yûki Kudô) ist die große Liebe seines Lebens…

Diese Bestseller-Verfilmung von Scott Hicks nach David Gutersons fünf Jahre zuvor erschienenem Bestseller befasst sich mit einem der vielen unschönen Historienaspekte, die die USA unauslöschlich am dreckigen Stecken kleben haben, nämlich die Behandlung der im Lande lebenden japanischen Migranten und ihrer Nachfolgegenerationen nach dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941. Bekanntermaßen markierte dieses Ereignis zugleich den Kriegseintritt Amerikas und ihre anschließende Truppenkonzentration auf Europa und den Westpazifikraum. Doch fand der Krieg auch innerstaatlich seinen Niederschlag: Um die 120.000 japanischstämmige US-Amerikaner wurden unter konspirativen Generalverdacht gestellt, teilenteignet und ein Großteil von ihnen in Internierungslager verbracht; die öffentliche Stimmung gegen sie, die von Politik und Medien gezielt lanciert wurde, ähnelte bald frappierend dem offen gelebten Antisemitismus in Europa.
Im Kino erfuhr das unrühmliche Thema ein bis dato nur sehr verhaltenes Echo, anders als diverse andere außen- und innenpolitischen Schweinereien der US-Regierung seit ihrem Bestehen. Tatsächlich sind mir lediglich drei Exempel bekannt: Das erste, John Sturges‘ meisterlicher „Bad Day At Black Rock“ von 1955, befasst sich mit einem Fall japanophob motivierter Lynchjustiz und wirkt vielleicht gerade deshalb so nach, weil es strikt darauf verzichtet, Opfer, Tathergang oder überhaupt nur einen Japaner zu zeigen. In der Wüstenei von Black Rock ist mit dem einsam Farmer Komoko auch der letzte Japaner einer Art idealisiertem Genozid zum Opfer gefallen. Dann gibt es noch Alan Parkers „Come See The Paradise“, den ich mir Kürze nochmal anschauen werde und eben „Snow Falling On Cedars“.
Das offenkundig schwierige Thema wird in Hicks‘ formidabel besetztem Film aufrüttelnd, umfassend und integer verhandelt. Er zeigt diverse Aspekte der schwierigen, durchaus von reziproken Ressentiments geprägte Koexistenz zweier grundverschiedener Kulturen auf einer in der Juan-de-Fuca-Straße liegenden (fiktiven) Insel auf. Im Nukleus findet sich die an „Romeo und Julia“ gemahnende Geschichte einer unmöglichen, weil verbotenen Romanze zwischen dem jungen Zeitungsmacherfilius Ishmael (Reeve Carney) und der Farmerstochter Hatsue Imada (Anne Suzuki), die sich bis ins junge Erwachsenenälter der beiden hält, dann jedoch von Hatsue abgebrochen wird, weil sie dem innerfamiliären, vor allem von ihrer Mutter (Ako) ausgeübten Druck nicht länger standzuhalten vermag. Parallel dazu wird in Rückblenden die Geschichte der heraufziehenden antijapanischen Aggressionen geschildert: Das ohnehin auf sehr fragilen Beinen stehende Zusammenleben kippt nach Pearl Harbor endgültig und wird sich bis in die Gegenwart der filmischen Erzählzeit auch alles andere als wieder erholen. Stattdessen muss ausgerechnet der nach seinem Kriegseinatz in Europa hochdekorierte Veteran Kazuo Miyamoto, dem sich während der Internierungszeit ausgerechnet Hatsue zugewandt und ihn geheiratet hat, als Sündenbock für eine recht diffuse Anklage herhalten. Dass dieser wiederum keine konkreten Beweise zugrunde liegen, spielt eine untergeordnete Rolle; einmal mehr ist es blanker Rassismus, der allem und allen als Motivationsmotor dient. Hicks erzählt die Geschichte ein einem umfangreichen, schön arrangierten Mosaik aus Rückblenden, das insbesondere von der ausnehmend prächtigen Scope-Photographie (Robert Richardson) des Nordwest-Pazifik-Territoriums zehrt und die visuelle Entsprechung seiner melancholischen Grundstimmung in der von Nebelschwaden gesäumten und schließlich tiefverschneiten, winterlichen Inselwelt findet. Traditionesbewusste courtroom clichés scheut Hicks zudem keineswegs. Max von Sydow als liebenswerter, betagter Anwalt des angeklagten Miyamoto erinnert unumwunden an Spencer Tracy in Stanley Kramers Filmen, derweil die japanische Community am Ende so vor Ethan Hawke aufsteht und ihm ihre Ehrerbietung erweist, wie es einst die Afroamerikaner für Gregory Peck in „To Kill A Mockingbird“ taten.
Natürlich geht am Ende alles gut aus; Ishmael kann berechtigte Zweifel an der staatsanwaltlichen Mordthese säen, was dazu führt, dass der (glücklicherweise objektive) Richter (James Cromwell) dafür sorgt, dass die Anklage fallengelassen wird. Zudem kann der unglückliche, seit dem Krieg einarmige Liebesgeprellte endlich mit der persönlichen Vergangenheit abschließen, denn eines, das lehrt uns hollywood’sches Qualitätskino seit eh und je, ist doch sonnenklar: Wenn es keine Hoffnung für Amerika gibt, dann gibt es auch keine für die Menschheit.

7/10

SENNENTUNTSCHI

„Das isch der Dämon!“

Sennentuntschi ~ CH 2010
Directed By: Michael Steiner

In den Schweizer Alpen. Birgit (Birgit C. Krammer) und ihre kleine Tochter Bibi (Paula Marija) finden beim Pilzesammeln eine skelettierte Leiche. Den herbeigerufenen, skeptischen Polizisten berichtet Birgit dann von einer mysteriösen Kette von Ereignissen, die sich hier vor 35 Jahren abgespielt hat: Damals tauchte eine verwahrloste und stumme junge Frau (Roxane Mesquida) im naheliegenden Dorf auf, das der hiesige Pfarrer (Ueli Jäggi) sogleich in aller Öffentlichkeit für den just zuvor stattgefundenen Suizid seines Messners verantwortlich machte – das Mädchen wäre nämlich ein vom Teufel gesandter Dämon. Die abergläubische Dorfgemeinschaft stellt sich umgehend auf die Seite des Geistlichen, wobei einzig der Ortsgendarm Reusch (Nicholas Ofczarek) sich der verstörten Frau annimmt, ihre Herkunft zu recherchieren und sie zu beschützen versucht. Im angrenzenden Gebirge taucht derweil der junge Romand Martin (Carlos Leal) bei dem Ziegenhirten Erwin (Andrea Zogg) und seinem geistig behinderten Adlatus Albert (Joel Basman) auf, vorgeblich, um sich als Senn anlernen zu lassen. In Wahrheit hat Martin jedoch aus krankhafter Eifersucht heraus seine Freundin ermordet und befindet sich nun auf der Flucht. Im abendlichen Absinthrausch besinnt sich Erwin dann der alten Sage um das „Sennentuntschi“, derzufolge ein paar einsame Sennen eine Kunstfrau aus Lumpen hergestellt haben, in die dann unheiliges Leben fuhr. Später rächte sich das Sennentuntschi grausam für die an ihm begangene Unzucht. Nachdem Erwin das entsprechende „Ritual“ durchgeführt hat, taucht tatsächlich eine junge Frau in der Hütte auf – das stumme Mädchen aus dem Dorf…

Alpenhorrorgeschichten als finstere Variante des (klassischen) Heimatkinos bilden leider noch immer eine rare Ausnahmererscheinung im deutschsprachigen Filmgeschehen. Vornehmliche Exempel wären Georg Tresslers ebenfalls auf der Sennentuntschi-Sage basierender „Sukkubus“, dem wohl dem Vernehmen nach bald endlich eine adäquate Veröffentlichung zuteil wird, Ralf Huettners berückend schönen „Der Fluch“ sowie, aus der jüngeren Geschichte, Marvin Krens „Blutgletscher“ und natürlich Lukas Feigelfelds „Hagazussa“. Die unwegsame und somit gewissermaßen auch undurchdringliche Gebirgswelt beflügelt seit eh und je die Phantasie ihrer Einwohner, wobei insbesondere die oftmals wesentlichen Elemente der Abgeschiedenheit und Einsamkeit vortreffliche Motive für Mysterie, Spuk oder Wahnsinn liefern. Geheimnisse bleiben hier zumeist Geheimnisse, Tote verschwinden in tiefen Schluchten oder tiefem Eis und tauchen nie wieder auf, es sei denn, als rächende Geister. Die Mär vom Sennentuntschi markiert in diesem folkloristischen Nährboden eine besonders berühmte Sage in der Schweizer Alpenregion.
Der unter etlichen finanziellen Querelen entstandene, schlussendlich aber glücklicherweise doch noch realisierte „Sennentuntschi“ von Michael Steiner bietet nicht nur innerhalb des eingangs erwähnten, kleinen Filmzirkels einen unbedingt sehenswerten Beitrag, bei dessen Betrachtung man alledings die (ggf. untertitelte), orginiale schwyzerische Tonspur der hochdeutschen Nachsynchronsation den Vorzug geben sollte. Steiner erzählt seine inmitten der 1970er Jahre spielende Story als Rückblick mittels zwei parallel erzählter Handlungsstränge, die, wie sich später herausstellen wird, der eigentlichen Chronolgie der Ereignisse zuwider laufen und erst am Ende zusammengeführt werden. Die daraus zunächsten resultierenden, leichten Unsicherheiten im Zuge der Erstrezeption erfordern zunächst einiges an konzentrierter Deduktion, erweisen sich dann aber im weiteren Verlauf als absolut sinnfälliges narratives Mittel und nicht etwa als naseweiser Formaffekt. Auf diese Weise spitzen sich nämlich die beiden Ungeheuerlichkeiten, in deren jeweiligem Zentrum das arme, „titelgebende“ und von der eh stets formidablen Roxane Mesquida ganz wunderbar interpretierte Mädchen steht, gleichrangig zu und ergänzen sich im Verlauf der dann umso erschüttertender wirkenden Doppel-Conclusio. Tatsächlich bleibt dieses Geheimnis noch nicht einmal das einzige – der abgelegene Mikrokosmos von „Sennentuntschi“ steckt voller ungesühnter Schuld. Dass diesbezüglich und wie nebenbei noch abgergläubisches Hinterwäldlertum, kleinprovinzielle Unreflektiertheit und klerikale Bigotterie aufs Korn genommen werden, zeichnet Steiners absolut sehenswerten Film nur umso mehr aus.

8/10

L’EAU DES COLLINES

Zitat entfällt.

L’Eau Des Collines, Première Partie: Jean De Florette (Jean Florette) ~ F/I/CH 1986
Directed By: Claude Berri

L’Eau Des Collines, Deuxième Partie: Manon Des Sources (Manons Rache) ~ F/I/CH 1986
Directed By: Claude Berri

Bastides, ein provenzalisches Dorf, im Jahre 1925. Der junge Bauer Ugolin (Daniel Auteuil), letzter Nachkomme der ursprünglich umfassenden Sippe der Soubreyans, kehrt zu seinem Onkel César (Yves Montand) zurück, den alle in der Gegend ehrfürchtig „Papet“ nennen. Ugolin hält wenig von Wein- und Gemüseanbau, sondern überzeugt Papet stattdessen, dass mit Zuchtnelken ein ordentliches Auskommen zu machen ist. Dafür benötigt Ugolin allerdings eine eigene Bewässerungsquelle. Papet hat das benachbarte Grundstück des alten Marius (Marcel Champel) im Auge, auf dem sich eine sprudelnde Quelle befindet. Ein provozierter Streit führt zum Tode Marius‘, doch dessen Erbe, der bucklige Steuerbeamte Jean Cadoret (Gérard Depardieu), ist mitnichten gewillt, das Stück Land zu verkaufen. Stattdessen plant der sich als intellektueller Träumer herausstellende Sohn von Césars verflossener Jugendliebe Florette, gemeinsam mit Frau Aimée (Elisabeth Depardieu) und Töchterchen Manon (Ernestine Mazurowna), eine Hasen- und Kürbiszucht aufzubauen und sich vor Ort niederzulassen. Der alte Papet und Ugolin beginnen, gegen die Cadorets zu intrigieren. Zunächst verschließen sie die Jean unbekannte Quelle mit Zement. Ugolin spielt sich hernach als Gönner und hilfsbereiter Freund Jeans auf, heimlich durchschaut von der kleinen Manon. Was später der fehlende Sachverstand Jeans und der heiße Sommer nicht besorgen, durchkreuzen die Soubreyans. Nachdem Jean sich bereits halb zu Tode geschuftet hat, will er, von Alkohol gezeichnet und halbwahnsinnig, verzweifelt eine eigene Quelle freisprengen und kommt dabei zu Tode. Papet kauft der bedürftigen Witwe das Grundstück ab, derweil Manon zufällig erfährt, dass die Soubreyans die Wasserquelle verstopft und ihren Vater damit in Ruin und Tod getrieben haben.

Einige Jahre später hat Ugolin auf dem ehemaligen Land der Cadorets seine erfolgreiche Nelkenzucht aufgebaut. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist die mittlerweile zu einer wunderschönen jungen Frau gereifte Manon (Emmanuelle Béart), die sich nie mit dem Schicksal ihres Vaters hat arrangieren wollen, in der Region geblieben, betätigt sich als Ziegenhirtin und schult autodidaktisch den von Jean ererbten Intellekt. Als Ugolin sie erstmals erblickt, verliebt er sich unsterblich in sie, Manon jedoch interessiert sich für den jungen Dorfschullehrer Bernard (Hippolyte Girardot). Als Ugolin ihr lauthals seine Liebe gesteht, wendet sie sich angewidert ab. Ein zufällig belauschtes Gespräch zwischen zwei älteren Dörflern aus Bastides eröffnet Manon, dass die gesamte Gemeinschaft um Papets damalige Verstopfung der Quelle wusste. Manon, die den Quellort für die gesamte Wasserversorgung von Bastides in den Bergen kennt, verschließt nun aus Rache ihrerseits die Zufuhr, so dass das gesamte Dorf zu darben hat. In diesem Zusammenhang wird Papets und Ugolins verbrecherische Übervorteilung endlich öffentlich. Ugolin, der endgültig begreift, dass Manon ihn niemals nehmen wird, erhängt sich an einem Baum. Von Bernard überzeugt, gibt Manon die Quelle schließlich wieder frei. Die alte Schuld scheint beglichen, doch auf Papet wartet noch eine letzte, furchtbare Wahrheit…

Im Zuge eines ebenso aufwändigen wie umfassenden Projekts nahm sich Claude Berri mit der bravourösen Unterstützung Gérard Brachs Marcel Pagnols rund dreißig Jahre zuvor in zwei Teilen veröffentlichten Roman vor und schuf daraus einen prachtvollen, wiederum als Diptychon angelegten Heimatfilm, der die von wunderschönen Primärfarben lebenden Bilder kontrastiert mit einer tieftraurigen, von Habsucht, Hybris, moralischen Fehlentscheidungen und verschlossenen Wahrheiten geprägte Familiengeschichte. Spätestens auf den zweiten Blick werden noch mehrere inhaltliche Ebenen offenkundig, die sich erst ganz am Ende der Betrachtung dieses ingesamt knapp vierstündigen Mammutwerks erschließen – wieder einmal sind es der Krieg und die mit ihm einhergehenden Entfrendungen und Missverständnisse, die Familien auseinanderreißen; die einen alternden Mann verhärten und zum gierigen Egoisten werden lassen. Immer wieder rekurriert die Frage des eigentlich grundgütigen, von Papet jedoch unentwegt negativ beeinflussten Ugolin, warum der Alte denn nie geheiratet habe und er denn nun seinerseits für die Dynastienachfolge sorgen solle. Dass Papet in der Vergangenheit das Herz herausgerissen wurde und ebendies ihn zum verbitterten, missgünstigen Zyniker hat werden lassen, lässt sich über lange Zeit lediglich erahnen. Welch bösen Schabernack das Schicksal wirklich mit ihm treibt, in Unkenntnis elementarer Fakten und durch eine Verkettung unglücklicher Fügungen, dessen wird sich der durch den verzweifelten Freitod seines Neffen (an dem Papet indirekt ebenfalls die Schuld trägt) bereits empfindlich Getroffene erst bewusst, als es längst zu spät ist. Wie eine Kerze verlischt der einstmals stolze Patriarch – und mit ihm der Name einer Familie, die die Region geprägt hat wie kaum eine andere.
„L’Eau Des Collines“ – das titelgebende Wasser will auch in seiner Symbolträchtigkeit als Lebensspender begriffen werden – ist somit gewissermaßen auch der finale Teil einer Chronik des Familienzerfalls, eines traditionellen literarischen Motivs somit. Und obschon alles auf das erschütternde Finale zusteuert, verzichtet Berri nie ganz auf sanfte, immer wieder eingeflochtene Ironiespitzen, die zumeist im Zusammenhang mit der Schlichtheit der Provinzbevölkerung stehen. In diesem Zusammenhang muss man jedoch keine Denunziation befürchten, sondern vielmehr liebevolle Beobachtungsdetails, deren Verzicht ebenso wie die eingangs erwähnte, überwältigende Naturphotographie, dem Drama vielleicht eine allzu bleierne Schwere überantwortet hätten. So, in dieser Ausgewogenheit, ist es jedoch perfekt.

10/10

HAGAZUSSA

„Um den Glauben einer aufrechten Gemeinde zu stärken, braucht es der strengen Bereinigung aller frevelhaften Dinge.“

Hagazussa ~ AT/D 2017
Directed By: Lukas Feigelfeld

Die österreichen Alpen im Spätmittelalter: Die kleine Albrun (Celina Peter) lebt allein mit ihrer Mutter (Claudia Martini) ein einsames, ereignisloses Leben in einer kärglichen Berghütte. Als die Mutter infolge einer seuchenartigen Krankheit verstirbt, steht Albrun schließlich ganz allein da. Jahre später hat sie, als mittlerweile erwachsene, schweigsame Frau (Aleksandra Cwen) eine eigene kleine Tochter, von der sie selbst nicht recht zu wissen scheint, wer der Vater ist. Albruns Tagesgeschäft besteht im Hüten und Melken ihrer paar Ziegen. Bei der verstreuten Nachbarschaft ist sie als Heidin und Hexe verschrieen und selbst das, was sich in Person der sich sympathisch gebenden Swinda (Tanja Pertovsky) als mögliche Freundschaft offenbart, findet sich bald brutal entwertet. Für die nun noch frustriertere Albrun bedeutet dies den letzten Schritt in die psychische Isolation.

Lukas Feigelfelds Abschlussfilm an der DFFB fügt dem deutschsprachigen Genrekino nichts Geringeres denn eines seiner schönsten jüngeren Kleinode hinzu.
Die notorische Tatsache, dass die Alpen und ihre wortwörtliche topographische Undurchsichtigkeit Geheimnisse bergen, die genau solche besser bleiben, zählt seit jeher zu den Weisen des finsterer angehauchten Heimatfilms und wurde später von Regisseuren wie Argento, Ralf Huettner oder Georg Tressler für ihre oftmals mysteriös erscheinenden Arbeiten wohlfeil genutzt. Auch genreträchtige Coming-of-Age-Storys wie „Carrie“ oder jüngst „The VVitch“ erleben ihre von viel filmemacherischer Zuwendung geprägte Reverenz.
Feigelfelds Film sieht sich sehr selbstbewusst jener durchaus klassizistischen, gotischen Genealogie zugehörig. Er stößt tief in die von Irrationalität und Urangst geprägte Vergangenheit zurück, als just hier, fernab von der Bildung und Beurkundung von Stadtgemeinschaften, Hexenwahn und Aberglaube, aber auch Paganismus und Heidentum im übermächtigen Schatten der Kirche für fatale Schicksalswendungen sorgen konnten. Die Biographie der armen Albrun entspricht einem lebenslangen Albtraum. Zu ihrer ohnehin von lokaler Abgeschiedenheit geprägten Existenz, die keinerlei Abwechslung oder intellektuelle Herausforderung beinhaltet, gesellt sich noch die soziale Ausgrenzung durch die umliegend lebende Nachbarschaft. Ihr Baby könnte, wie möglicherweise sie selbst, das Kind des hiesigen Geistlichen (Haymon Maria Buttinger) sein; jedenfalls gibt es entsprechende Hinweise. Da das Unaussprechliche unaussprechlich zu bleiben hat, wachsen Tratsch, Verachtung und Ausgrenzung sogar noch weiter an. Eine gezielt geplante und herbeigeführte Vergewaltigung führt Albrun schließlich über die letzte Klippe der geistigen Gesundheit: Sie vergiftet mittels einer toten Ratte die örtliche Wasserzufuhr und riskiert somit eine Pestepidimie, schließlich nimmt sie halluzinogene Pilze zu sich, etränkt ihr Baby und verbrennt sich im finalen Wahn – das ehedem legitime Schicksal einer Hexe, zu der sie sich, forciert durch die inneren und äußeren Umstände, am Ende selbst gemacht hat.
Diese gleichermaßen traurige wie schwarzromantische Geschichte erzählt Feigelfeld in kontemplativen, hypnotischen und symbolbeladenen Bildern der urwüchsigen Landschaft, in der sie spielt. Es gibt lediglich kargste Dialogpassagen, die zwangsläufige Inwendigkeit der Geschehnisse gipfelt, getragen von der hypnotischen Begleitmusik (Mmmd) mehr und mehr in Ellipsen und Surrealismus, die in dieser Kombination an Werner Herzogs beste Zeiten erinnern.
Gewiss kein Film für den schnellen Verzehr, aber im Gegenzug einer, der sich eingräbt und bleibt und der hoffentlich noch viele dedizierte Liebhaber finden wird. Junges, frisches und nachhaltiges Kino zum Angewöhnen.

8/10

RUNDSKOP

Zitat entfällt.

Rundskop (Bullhead) ~ BE/NL 2011
Directed By: Michaël R. Roskam

Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts) arbeitet auf dem alten Familienhof auf der flämischen Seite Belgiens als Rinderbauet. Dabei ist er mit der inoffiziellen, eher unschönen Seite seines Berufs bestens vertraut: Das Vieh wird nämlich mit allerlei Hormonpräparaten und anderen Aufbaumitteln gespritzt, um ordentliche Verkaufserlöse zu erzählen. Da die entsprechenden Medikamente auf illegalem Wege ins Land gebracht und verkauft werden, hat sich um den dazugehörigen Industriezweig bereits eine kleine, mafiös strukturierte Organisation gebildet, die just einen ihnen hinterher schnüffelnden Polizisten liquidiert hat. Jackys Kindheitsfreund Diederik (Jeroen Perceval) arbeitet zudem als Informant für eine diesbezüglich ermittelnde Sonderabteilung der Behörden. Dass Jacky zu aggressiven Ausbrüchen neigt, hat einen konkreten Grund: Seit einem schrecklichen Ereignis in Kindertagen nimmt er selbst Hormone und Steroide zu sich, um seine Männlichkeit „instand“ zu halten. Als er sich seiner Jugendliebe Lucia (Jeanne Dandoy) anzunähern versucht, zieht sich zugleich die kriminelle Schlinge um seinen Hals immer enger zu…

Roskams karg erzähltes Langfilmdebüt oszilliert auf merkwürdig fruchtbarem Wege zwischen Heimat- und Gangsterfilm, indem er seine narrativen Zelte in einem im internationalen Kino weithin unbeackerten Feld aufschlägt – dem der Hormonmafia nämlich. Dass er zudem den Weg in die belgische Provinz wählt, wo die Landwirte sich ihrer ganz spezifischen Methoden bedienen, um sich über Wasser zu halten, fährt „Rundskop“ noch weitere Bonuspunkte ein. Matthias Schoenaerts als Titelcharakter ist dabei eine extrem ambivalent gezeichnete Figur. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, wie er dieser klobige, schweigsame und zugleich angsteinflößende Hüne geworden ist, den er heuer darstellt: Nachdem er als Kind (Robin Valvekens) seinem heimlichen Schwarm Lucia (Jeanne Remy) nachstellte, der Tochter des Steroid-Lieferanten (Renaud Rutten) seines Vaters (Kris Cuppens), zertrümmerte ihm Lucias gestörter Bruder Bruno (David Murgia) die Hoden. In der Folge gewöhnten ihn seine Eltern bereits früh an die ihm später zum Tagesgeschäft gewordenen Hormon-Aufbaustoffe, die ihm zwar seine massive Statur und sein aggressives Wesen bescherten, seine Potenz jedoch nicht zu retten vermochten. Jacky muss mitansehen, wie sein Bruder (Kristof Renson) eine Familie gründet und glücklich wird, während ihm nichts geblieben ist. Sein Schicksal hütet Jacky wie ein Geheimnis: Während seine Freunde sich nächtens im Lütticher Rotlichtmilieu bei den Strichmädchen amüsieren, kann Jacky nurmehr Sehnsucht und Einsamkeit pflegen. Natürlich hinterlassen die inflationär konsumierten Chemikalien irgendwann auch ihr psychisches Echo: Jacky wagt die Rolle rückwärts und beschließt, wieder dort anzuknüpfen, wo sein Leben vor zwanzig Jahren zum Teil in der Stase verblieb. Dass dieser Weg in die Vergangenheit, schon angesichts der sonstigen Situation um ihn herum, niemals wird gangbar sein können, kann Jacky für sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr realisieren.
Schoenaerts insbesondere für einen aufstrebenden Darsteller überaus dankbar angelegter, innerlich wie physisch gewaltiger Part folgt natürlich einer ganzen Legion figuraler Ahnherren, wobei ich mich am Ehesten an den entfesselten Prügelkämpfer „Temmink“ aus den benachbarten Niederlanden, an Scorseses „Taxi Driver“ Travis Bickle und an Ferraras „Bad Lieutenant“ erinnert fühlte; allesamt nicht greifbare, seelisch schwerstinfizierte Menschenmonster vor tragischen Hintergründen, die ihren Weg mal weniger, mal mehr erfolgreich zu bestreiten haben und dabei nie die Selbsttreue einbüßen.
„Rundskop“ ist zudem ein weiteres, schwer beeindruckendes Beispiel dafür, dass und wie sehr mit dem Kino unserer Nachbarn zu rechnen ist. Klasse.

8/10

FERIEN AUF IMMENHOF

„Ruhe! Du verscheuchst mir ja die Fischchen!“

Ferien auf dem Immenhof ~ BRD 1957
Directed By: Hermann Leitner

Das Pony-Hotel Immenhof ist eröffnet! Leider bleiben noch die Gäste aus, also kurbeln die findigen Youngster um Dalli (Heidi Brühl), Dick (Angelika Meissner), Ethelbert (Matthias Fuchs) und Ralf (Raidar Müller) das Geschäft mit einigen Guerillaaktionen an, darunter dem Entwurf eines hoffnungslos übertriebenen Werbeflyers, einem PR-Ritt mit den Kindern der Gegend durch Lübeck und gezielten Alkoholvergiftungen sowohl des Postboten (Herbert Weißbach) als auch des armen Hein Daddel (Josef Sieber). Trotz der berechtigten Schelte durch den zunächst ungehaltenen Jochen von Roth (Paul Klinger) bringt das Hotelgewerbe sich alsbald in Schwung. Besonders gespannt ist man auf die Bewertung durch den demnächst anreisenden Firmenmogul Westkamp (Hubert von Meyerinck)…

Mit „Ferien auf Immenhof“ fand die Ur-Trilogie um das gleichnamige Pony-Gestüt ihren verdienten Abschluss. Die Rezeptur des direkten Vorgängers – mehr Spaß, weniger Herzschmerz – fand sich nochmals intensiviert. Als einziges „dramatisches“ Story-Elemente finden sich ein (folgenloser) Streit zwischen Paul Klinger und Raidar Müller sowie ein kurzer Irr-Flirt des nach wie vor schmucken Ralf (wiederum Müller) mit einem aparten Fräulein Gisela (Christiane Jansen mit dem rotesten Lippenstift des gesamten Jahrzehnts), worauf die diesmal selbst verarschte Dick etwas bedröppelt reagiert („Das ist gemein!“). Jetzt weiß sie wenigstens mal, wie sowas ist. Etwas over the top kommt der damalige Kinderstar Roland Kaiser (nicht identisch mit dem unter Pseudonym arbeitenden Schlageraffen), der als zuckersüßer Waisenknabe Fritzchen alles und jeden auf Immenhof um den Finger wickelt. Da möchte man dann hier und da doch mal den Schmalztopf unter dem Fernseher drapieren.
Für Hans Nielsen fand sich leider kein Plätzchen mehr, dafür schenkt uns „Ferien“ den nochmals tolleren Hubert von Meyerinck. Der aus einer altehrwürdigen Militärdynastie stammende, ebenso begeisternde wie bekennend frontalschwule Akteur gehörte zum Allerbesten, was das klassische deutsche Schauspiel zu bieten hatte. Als (von den NS-Herrschaften als Paradiesvogel tolerierter und wohl nicht ganz ernstgenommener) Widerständler verzichtete von Meyerinck dereinst auf die Emigration nach 33, lebte seine Homosexualiät offenkundig und unbehelligt weiter aus und lief in der Reichskristallnacht über den Ku’Damm, um verfolgten Juden in seinem Hause Schutz zu gewähren. Von seinem individualistischen Schlage hätte es mehr gebraucht und braucht es sowieso immer. Als ewiger Meyerinck-Fan freue ich mich über jeden Film, in dem ich ihn genießen darf, eine Liebe, die im Grunde bereits mit „Ferien“, den ich wie die anderen „Immenhof“-Filme wohl zuvorderst dank meiner selbst seit Kindesbeinen von ihnen infizierten Mama bereits sehr früh kennengelernt habe, begann und die seither nie mehr abgeebbt ist. Den Typen hätte ich gern im wahren Leben kennengelernt. Wie viele ansonsten möglicherweise nicht ganz so gloriose Filme dieser Jahrzehnte adelt und beherrscht Meyerinck auch „Ferien“ in ganz besonderer Weise; umso bedauerlicher, dass er (wie mir just erstmals aufgefallen ist), erst im letzten Filmviertel auftritt.

6/10

DIE MÄDELS VOM IMMENHOF

„Ich will nicht mehr allein sein!“

Die Mädels vom Immenhof ~ BRD 1955
Directed By: Wolfgang Schleif

Der schnöselige Stadtjunge Ethelbert Grabenhorst (Matthias Fuchs) kommt in den Ferien zu entfernten Verwandten, den Jantzens, aufs holsteinsche Land. Mit Abstrichen läuft auf deren Ponygestüt „Immenhof“ alles gepflegt idyllisch ab – Oma Henriette (Margarete Haagen) hält mit altpreußischer Strenge und noch viel mehr Liebe ihre drei verwaisten Enkeltöchter Angela (Christiane König), Dick (Angelika Meissner) und Dalli (Heidi Brühl) bei der Stange, Veterinär Pudlich (Paul Henckels) steht ihnen mit mancherlei humorvollem Rat zur Seite. Die Nachbarn der Jantzens, Jochen von Roth (Paul Klinger) und sein Faktotum Hein Daddel (Josef Sieber), bewirtschaften derweil ein ordentlich gehendes Hotel rund um Großpferde, das bald einer professionellen Zucht weichen soll. Dass Jochen und Angela miteinander anbendeln, sieht Oma Jantzen mit gemischten Gefühlen, erweist sich am Ende jedoch als Rettung für Immenhof, da Jochen durch die schließlich stattfindende Hochzeit verhindern kann, dass das Gut gepfändet wird. Als viel härter erweist sich die „Kurierung“ Ethelberts, der sich nach und nach von einem unausstehlichen Fatzken zu einem patenten Wald- und Wiesenburschen mausert und sich in Dick verliebt.

„Die Mädels vom Immenhof“, Romanverfilmung nach der auch an der Filmherstellung beteiligten Ponynärrin Ursula Bruns durch die Arca-Film des Berliner Verleihers und Produzenten Gero Wecker, lässt sich kinohistorisch als mustergültiger Wirtschaftswunder- und Heimatfilm kategorisieren, mit der kleinen Ausnahme, dass er nicht vor alpiner Kulisse in Bayern und Österreich spielt, sondern in direkter Nähe zur Ostsee bei Lübeck auf dem platten Land. Für Wecker bedeutete die „Immenhof“-Trilogie einen seiner größten kommerziellen Erfolge, mit der er rund zehn Jahre nach Kriegsende ein von allen weltlichen Problemen befreites, familienfreundliches und vor allem rundum liebenswertes Bild der wiederstarkenden (Bundes-)Republik schuf. Dass Wecker selbst ein kleiner Schlimmfinger war, der seine Patte immer wieder gern mit abgelichteten Schlüpfrigkeiten oder revisionistischen Militärstoffen einfuhr, merkt man der grundguten Atmosphäre der „Mädels“ jedenfalls nicht an. Als repräsentative Anekdote für Weckers „Arbeitsweise“ gilt jene um sein Verhältnis zur Angela-Darstellerin Christiane König. Ursprünglich war König als weibliches Star-Aushängeschild der Arca geplant und hatte unter anderem die (hernach mit Marion Michael neubesetzte) Titelrolle in „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“ übernehmen sollen. Nachdem König Weckers zunehmend zudringlicher werdenden Annäherungsversuchen tapfer standgehalten hatte, ließ er sie kurzerhand fallen und löste einen Vertrag mit ihr, was zur Folge hatte, dass für sie trotz des in der Folge gewonnenen Rechtsstreits ihre angestrebte Schauspielkarriere im Sande verlief und ihre Figur aus den weiteren „Immenhof“-Filmen kurzerhand herausgeschrieben wurde.
Der einfachen, aber von Herzlichkeit bestimmten Perspektive von Schleifs Arbeit in leuchtenden Farben merkt man derlei Schindluder nicht an. „Die Mädels vom Immenhof“ haben sich über die Jahrzehnte hinweg einen verdienten Evergreen-Status im Bereich des deutschen Films sichern können, der sich gerade aufgrund seiner sonnigen Naivität und seines ebenso liebevoll gezeichneten wie bespielten Ensembles kaum gebrochener Beliebtheit erfreut.

7/10