EDGE OF HONOR

„These damn trees!“

Edge Of Honor (Slayer) ~ USA 1991
Directed By: Michael Spence

Seit die Holzverarbeitungsindustrie auf der Olympic-Halbinsel im Nordwesten des Staates Washington kaum mehr Gewinne einbringt, widmen sich die zunehmend verzweifelten Einheimischen krummen Geschäften vom Drogenhandel bis zum Waffenschmuggel. Eine kleine Gruppe von vor Ort befindlichen Pfadfindern (u.a. Corey Feldman, Scott Reeves) kommt den beiden Dubs-Brüdern Bo (Ken Jenkins) und Ritchie (Don Swayze) ins Gehege, die gerade einen dicken Coup mit gestohlenen Raketenwerfern landen wollen. Besonders der brutale Ritchie kennt kein Pardon und so sind die Jungs bald gezwungen, sich ihrer Haut mit nicht minder endgültigen Mitteln zu erwehren. Unerwartete Hilfe erhalten sie von der netten Alex (Meredith Salenger), die selbst noch einen Rechnung mit den Dubsens offen hat.

Diese ziemlich krude geratene Mixtur aus Hillbilly-Action und erdnaherem „Goonies“-Abenteuer weiß nicht recht, wo sie eigentlich hingehört, also prescht sie einfach umso rüder querfeldein, mitten durchs Gehölz, sozusagen. Corey Feldman, der in Sachen aufregender Kinder- und-Jugend-Kinogeschichten bereits hinlänglich Erfahrung besaß (und nebenbei denselben Rollennamen wie in „The ‚Burbs“ trägt – Zufall, Fügung oder gar Absicht…?) und „Edge Of Honor“ mitproduzierte, hat in selbigem nach einem schicksalhaften Fund in einer Waldhütte die etwas einfältige Idee, den keinen Spaß verstehenden Hinterwäldlern ihre Präzisionsraketen zu klauen und zu verstecken, um dann bei der Polizei den Helden spielen zu können. Ein verhängnisvoller Plan, denn die skrupellosen und vorzüglich organisierten Ganoven rotten zunächst mal fast das gesamte, nächtliche Pfadfindercamp mit allen zeltenden Kindern und Betreuern aus (hier fühlte ich mich unwillkürlich und ziemlich ungut an das Breivik-Massaker von vor ein paar Jahren erinnert), um das überlebende Quintett durchs Gebirge zu jagen. Nachdem die Kids bereits den ersten Gangster eher versehentlich überwältigen und erschießen, ist die weitere Richtung endgültig vorgezeichnet. Die Verbrecher indes geraten selbst unter Druck, den ihr potenzieller Abnehmer in Seattle, Mr. Sweet (William Crossett) und dessen Hauskiller Blade (Christopher Neame), haben noch weniger Sinn für Humor als sie. So reist Letzterer mit einigem Explosivmaterial an und es kommt zur finalen Konfrontation, in der sich die unterdessen hinzugestoßene Herzdame Alex und ihre fünf Herzbuben als deutlich fintenreicher erweisen als ihre flugs dezimierten Gegner ihnen zutrauen mögen.
Während nun die grundierende Atmosphäre des Ganzen einem typischen Jugendroman ähnelt, passt sich ansonsten gewalttätige Habitus handelsüblicher Waldaction an; es werden etliche Menschen abgeknallt und am Ende eine unfassbare Menge einfallsreicher Fallen aus dicken Baumstämmen, Dynamit und Holzspießen kreiert, die zuvor höchstens Stallone und Schwarzenegger in ähnlicher Vollendung konstruiert haben und die sechs Jugendliche natürlich problemlos binnen ein paar nächtlicher Stunden austüfteln und aufbauen können. Ein bisschen Selbstjustiz (Patrick Swayzes ihm wie aus dem Gesicht geschnittener Bruder Don bekommt von der Salenger kaltblütig eine Kugel zwischen die Augen) obendrauf und fertig ist das gewohnheitsmäßig eben gern kaltservierte Gericht, das hier ausnahmsweise einmal etwas andere Formen annimmt als gewohnt. Seein‘ is believin’…

6/10

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REGRESSION

„I am starting to use my head again.“

Regression ~ E/CAN 2015
Directed By: Alejandro Amenábar

Ländliches Minnesota, 1990. Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke) soll im Falle Gray ermitteln, in dessen Zuge der religiös verbrämte Vater John Gray (David Dencik) offenbar seine Tochter Angela (Emma Watson) sexuell missbraucht haben soll, sich an die Tat jedoch nicht mehr erinnern kann. Mithilfe des Psychologen Kenneth Raines (David Thewlis) will Kenner den Ereignissen auf die Spur gehen: Täuscht Gray seine Amnesie nur vor oder haben die zugrunde liegenden Geschnisse sich womöglich ganz anders zugetragen? Kenner, der von zunehmend bizarren Albträumen heimgesucht wird und sich von merkwürdigen Gestalten verfolgt sieht, beginnt bald an die Theorie eines Satanskults zu glauben, dessen Opfer Angela wurde…

Viel Rauch um Nichts in diesem doch recht enttäuschenden Pseudo-Horror- und Familiendrama des Spaniers Alejandro Amenábar, dessen Erste-Klasse-Spukhausfilm „The Others“ damit weiterhin seinen Status des unangefochtenen Schaffensjuwels in seiner Regisseurskrone präserviert. Diese Geschichten, in denen ein vermeintlicher Unschuldsengel treudoofe Ermittler, seien es Polizisten, Anwälte oder sonstwie naive Naturen, an der Nase herumführt bis zum bitteren Ende der Erkenntnis, die kennt man. Zumeist haben diese ganz speziellen Mimen der Innozenz aber ja ihre ureigenen Gründe, die weltlichen Vertreter von Recht und Gesetz an der Nase herumzuführen und diese sind dann auch nicht immer ganz unverständlicher Natur. Die aparte Emma Thompson verfügt in „Regression“ selbst über einen solchen; sie ist als nicht ganz unverdorbenes Früchtchen nämlich schlichtweg der einengenden Schranken ihres kleinbürgerlichen Landeierdaseins überdrüssig, das aus biederem Spießertum, Vorhaltungen, Unterdrückung und anderem Althergebrachten besteht. Den früheren Unfalltod ihrer Mutter lastet sie nämlich ebenfalls den Umständen an und selbst so enden will sie verständlicherweise nicht. Eine kurzerhand aus dem Hut gezauberte Missbrauchsstory, so die zwingende Logik, könnte da bald schon für einseitige Erleichterung zu sorgen und die gute Angela soll Recht behalten.
Tatsächlich gab es in den Achtzigern und Frühneunzigern eine ganze Kette von angeblichen Vergewaltigungen von Schutzbefohlenen, deren Angeklagte sich im Nachhinein oftmals wahlweise als völlig unschuldig erwiesen oder die zum Opfer  komplett tendenziöser Verhandlungsführung wurden, so etwa im Falle des berüchtigten Oak Hill satanic ritual abuse trial, in dessen Zuge das texanische Ehepaar Keller 1991 wegen satanistisch motivierten Kindesmissbrauchs zu jeweils 48 Jahren Haft verurteilt wurde. Erst im November 2013 kamen sie aufgrund möglicher Verfahrensfehler frei und wurden im Sommer letzten Jahres nach hinreichender Aufarbeitung der tatsächlichen Ereignisse, die vor vor allem Resultate einer abstruse Formen annehmenden Massenhysterie der beteiligten Ankläger widerspiegelten, endgültig für unschuldig erklärt.
„Regression“ macht sich ein paar Fakten dieses und anderer Fälle zunutze, entwickelt jedoch bei Weitem nicht die Tragweite, derer dieses kaum fassbare Sujet eigentlich bedürfte. Eine wirklich ordentliche Aufbereitung der tatsächlichen Ereignisse in Filmform steht weiterhin aus, aber stattdessen begnügt man sich lieber mit seicht Angesetztem wie dem hier oder verwurstet gleich angeblich authentische Fälle von Dämonenaustreibungen irgendwo in hillbilly country.

4/10

SMOKEY AND THE BANDIT

„For the good old American life. For the money, for the glory, for the fun and… mostly for the money.“

Smokey And The Bandit (Ein ausgekochtes Schlitzohr) ~ USA 1977
Directed By: Hal Needham

Die beiden Kumpel Cledus (Jerry Reed) und Bandit (Burt Reynolds), absolute Spitzenleute am Steuer und legendäre Profis, wenn es darum geht, verblödete Highway-Polizisten an der Nase herumzuführen, lassen sich anheuern, um eine illegale LKW-Ladung Bier von Texas nach Georgia zu transportieren. Auf dem Weg sackt Bandit die Beinahe-Braut Carrie (Sally Field) ein, was deren designierten Schwiegervater Sheriff Buford T. Justice (Jackie Gleason) auf die Palme bringt. Gemeinsam mit seinem lieben, aber hoffnungslos verblödeten Sohn Junior (Mike Henry) jagt er dem rasenden Trio nach…

Die im Süden beheimateten US-Amerikaner lieben ihre Regionen teilweise noch immer dermaßen unbeeinträchtigt, als habe es die letzten 160 Jahre nicht gegeben. Hin und wieder schafft es die Popkultur dann sogar, jener verqueren Heimatromantik ein gemeinhin akzeptiertes Denkmal zu setzen – wenn es besonders gut läuft, sogar eines, das auch abseits der primären Zielgruppe Liebhaber findet. Die „Smokey And The Bandit“-Filme, zumindest die ersten, von Hal Needham inszenierten beiden, zählen zu diesen exotischen Ausnahmeerscheinungen. Die Kunst liegt darin, heimliche Bögen zu spannen und fast unmerklich feine Verbindungsstricke zu den Yankees zu knüpfen. Burt Reynolds und Jerry Reed sind zwar durch und durch Rebellen der alten Schule, die das Hemd in der Jeans tragen, große Gürtelschnallen, Cowboystiefel und ihren Stetson nur in Ausnahmefällen ablegen und ausschließlich Country’n Western hören, sie leisten sich jedoch auch recht moderne Extravaganzen. Zum Beispiel sind sie weder Rassisten, noch durch inzestuöse Hillbilly-Gene allzu intelligenzgetrübt. Zu Hal Needhams Überzeugungsarbeit gehört, dass er solche Dinge wenn schon nicht allzu deutlich überbetont, so doch zweifelsfrei in sein im Prinzip völlig inhaltsloses road movie einfließen lässt. Ein anderes Kaliber ist da schon Jackie Gleason als vollgefressener Redneck-Cop mit Schweinevisage: Dass der Texaner ist, nimmt man ihm umgehend ab, er repräsentiert Berufsstand und Herkunft qua mustergültig. Er reiht sich nahtlos ein in seine schikanierende Ahngalerie von J.W. Pepper bis hin zu Lyle Wallace. Umso schelmischer erfreut man sich daran, wie er unentwegt reingelegt wird und den Kürzeren zieht, ohne jemals zu einer veritablen Bedrohung für die Helden zu werden. Tatsächlich entpuppen sich Sheriff Justice und sein Sohn, der seine stoisch dämliche Freundlichkeit selbst im Angesicht der unablässigen Beleidigungskanonaden seines Dads wahrt, sogar als wesentlichster Motor für den Humor des Films, ähnlich wie später Kirk Douglas in „The Villain“, der dasselbe Konzept unter umgekehrten Voraussetzungen verfolgt.
Dennoch bleibt meine unumstößliche, innige Verbundenheit mit Needhams beiden „Cannonball Run“-Filmen von dem ach so tollen Hecht Bandit völlig unbedroht. Da gibt’s mal nix.

7/10

TRAPPED

„Up here, I am the law!“

Trapped ~ USA 1982
Directed By: William Fruet

In einem kleinen Appalachen-Dorf hat der Trapper und Schwarzbrenner Henry Chatwill (Henry Silva) uneingeschränkt das Sagen. Dass sein Mini-Regime längst despotische Züge angenommen hat und er sich selbst über eine eigene Rechtsprechung stellt, nehmen seine Nachbarn mehr oder weniger zähneknirschend hin. Als seine Frau (Gina Dick) ihn ausgerechnet mit einem lokalen Polizisten betrügt, begeht Chatwill mit der volltrunkenen Hilfe einiger der Dörfler wutentbrannt Lynchjustiz. Davon werden wiederum der auf einem Ausflug befindliche Student Roger (Nicholas Campbell) und seine Freunde Zeugen. Für Chatwill ist umgehend klar: Wenn er die jungen Leute laufen lässt, geht es ihm an den Kragen…

Überraschend amtlich geratener und straight erzählter Backwoods-Thriller mit einer schönen Hauptrolle für den kantigen Henry Silva, der mit allerlei diebischem Genuss das – natürlich sämtliche denkbaren Klischees durchlaufende – Hinterwäldlerarschloch gibt. Tatsächlich beherrscht er allein durch seine bedrohliche Präsenz den gesamten Film und Fruet, der Silva entsprechend inszeniert, weiß auch sehr wohl darum. Überhaupt gelingt es ihm, aus der im Prinzip auf ein eher unbehauenes Terrorszenario setzenden Storyprämisse einen durchweg packenden Ausflug in die filmisch bereits damals hinlänglich porträtierte amerikanische Para-Zivilisation der Hillbillys zu unternehmen. Dass man sich aus kleinen, stadtfernen Ansiedlungen, speziell solchen in den wilden Appalachen, als aufgeklärtes Gesellschaftsmitglied besser fernhält; diese Lektion erteilt „Trapped“ dennoch mit einiger frischer Vehemenz. Zusätzliche Spannung bezieht die Geschichte aus dem familiären Konflikt Chatwills – der Gute hat nämlich noch zwei Geschwister: eine durchaus bodenständige Schwester (Barbara Gordon), die den zunehmenden Kaiserwahn ihres Blutsverwandten mit wachsendem Argwohn beobachtet sowie einen Bruder (John Rutter), der als ortsamtierender Sheriff Henrys Machenschaften abseits der Legalität zuverlässig deckt. Dass aus dieser dysfunktionalen Familienkonstellation langfristig nichts Gutes erwachsen kann, wird recht schnell offensichtlich und damit auch die alsbald um sich greifende Explosivität der Situation.

7/10

LEVIATÁN

„He’s back, at last. He will command the hounds. And all of you – all of you will die!“

Leviatán (Monster Dog) ~ E/PR/USA 1984
Directed By: Claudio Fragasso

Vincent Roberts (Alice Cooper), als Rockstar „Vince Raven“ zu Weltpopularität gelangt, kommt mit seiner Freundin, der Videokünstlerin Sandra (Victoria Vera), und ihrer Crew nach vielen Jahren zurück zu seinem Haus in der tiefsten kalifornischen Provinz, um vor der gruseligen Kulisse einen Clip für seine neueste Single zu filmen. Bereits die Ankunft der kleinen Gruppe vor Ort verläuft unheimlich: Der Sheriff (Ricardo Palacios) warnt sie vor einer Meute außer Kontrolle geratener Hunde, die wahllos Menschen attackiert. Im Gebüsch sichtet man dann ein merkwürdiges Wesen, das mehr nach Monster denn nach Kläffer ausschaut. Daheim vermisst Vincent sein altes Hausfaktotum Jos, derweil die mitgereiste Angela (Pepita James) merkwürdige Visionen durchleidet. Am nächsten Tag taucht eine Gruppe brutaler, bewaffneter Hillbillies auf, die Vincent bezichtigen, den Werwolffluch seines bereits vor zwanzig Jahren gelynchten Vaters ererbt zu haben und bald selbst zum Monster zu werden. Vincent kann sich gegen die Verbrecher zur Wehr setzen, doch die unheimliche Kreatur zieht noch immer heulend ihre Kreise durchs Unterholz…

Weder sollte man von dem kleinen Subgenre-Exoten „Leviatán“ eine bahnbrechende Motivvariation des alten Lykanthropie-Topos erwarten, noch überhaupt einen sonderlich innovativen Film. Der Beginn, ein nettes Musikvideo zu dem herrlich minimalistischen, poppigen Stück „Identity Crisises“, deutet bereits an, womit man es im Folgenden zu tun bekommen wird: Einem auf kurze Spielfilmlänge gedehnten Promostück für seinen ungehemmt zentrierten Star Alice Cooper, dessen musikalische Karriere zu jener Zeit bestenfalls im unteren kommerziellen Mittelfeld verharrte und der sich just von den Folgen einer Leberzirrhose sowie der Scheidung von seiner Frau Sheryl zu erholen hatte, in seiner ersten und einzigen Hauptrolle. Fragasso macht sich für seinen tatsächlich bei Madrid entstandenen Heuler in allererster Instanz einen Spaß daraus, über den Schockrocker par excellence verfügen zu können und pfeift zugunsten diverser arrivierter Kintoppeffekte (vom übermäßigen Gebrauch der Nebelmaschine über knarzende Türen bis hin zum alten Landhaus als gar schröcklichem Schauplatz) auf eine möglichst schlüssig oder gar zusammenhängend erzählte Kontinuität und jedweden stilsicheren Dialog. „Leviatán“ hinterlässt somit selbst zur Gänze den Eindruck eines überlangen Musikvideos, nur, dass es eben bloß wenig Musik darin gibt. Die überzeugendsten Momente erreicht der Film beim Kampf Vincents gegen die geradewegs aus einem alten Eurowestern entsprungenen Lynchjustizler, denen er mit einer Schrotflinte zuleibe rückt. Das sich hernach entspinnende, konfuse Finale, der Kampf gegen den amtierenden Werwolf, dessen einziges Ziel es ist, seinen Nachfolger „einzuweisen“ und das natürlich nicht auf die obligatorische Erlösung durch das geliebte Wesen verzichten mag, bleibt so unsubstanziell, dass man den bereits zu Beginn vorgestellten Song gleich nochmal repriset. Immerhin, der Ohrwurm ist somit garantiert, ebenso wie die Erkenntnis, dass Alice Cooper, der im Studio und auf der Bühne stets höchst verlässlich ist, einen Langfilm als Protagonist auf seinen schmalen Schultern kaum zu stemmen vermag, besonders wenn die übrige Besetzung so schamlos vor sich her dilettiert wie im vorliegenden Fall.

5/10

A FACE IN THE CROWD

„A guitar beats a woman every time.“

A Face In The Crowd (Ein Gesicht in der Menge) ~ USA 1957
Directed By: Elia Kazan

Rein zufällig entdeckt die Radiomoderatorin Marcia Jeffries (Patricia Neal), für ihre Morgensendung „A Face In The Crowd“ stets auf der Suche nach außergewöhnlichen Interviewpartnern, in einem kleinen Knast in Arkansas den Tagedieb Larry Rhodes (Andy Griffith), der vor Ort die Nacht zwecks Ausnüchterung verbracht hat. Larry, dem Marcia flugs den Spitznamen ‚Lonesome‘ verpasst, ist im Grunde bloß ein ordinäres Landei: Keinen Cent in der Tasche, abgerissen und versoffen, vermag er es dennoch, sich mit seiner Gitarre, seinem lauten Lachen und seiner ausnehmend großen Südstaatenklappe Gehör zu verschaffen. Als Mann der Massen wird Lonesome Rhodes, von der faszinierten Marcia gepuscht, bald auf lokaler Ebene zum Star. Die Leute hören ihm zu und befolgen seine Ratschläge, so löst ein kleiner, improvisierter Spendenaufruf für eine arme Witwe einen regelrechten Erdrutsch aus. Bald flattern hochdotierte Werbeaufträge ins Haus und die großen Fernsehanstalten im Norden werden, durch den geschickten Support von Larrys Agenten DePalma (Anthony Franciosa) auf ‚Lonesome Rhodes‘ aufmerksam. Dessen rustikaler Hillbilly-Charme hat auch in New York Erfolg und mit dem großen Geld erweitern sich auch Einfluss und Macht, so fungiert Larry bald als personifizierte PR-Maschine für einen alternden Senator (Marshall Neilan). Larry beginnt, zunehmend größenwahnsinnig zu werden und sich zur ultimaten vox populi zu verklären. Als Marcia, die auf privater Ebene längst grob von Larry enttäuscht wurde, einsieht, dass sie da ein sich verselbstständigendes Monster geschaffen hat, sieht sie sich gezwungen, zu handeln…

Aufstieg und Fall des Larry ‚Lonesome‘ Rhodes: eine feine, sich dramatisch zuspitzende Americana, wie „On The Waterfront“ nach einer Idee von Budd Schulberg entstanden. Andy Griffith, der später als TV-Anwalt Matlock zu einigen Seniorenehren kommen und damit auch bei uns Popularität scheffeln sollte, ist unglaublich als mittelloser Tramp, der, als sich ihm die Chance bietet, Manipulation und Demagogie zu seinen vordringlichen Instrumenten macht. In Griffiths Spiel liegt ein Maß an Identifikation und Authentizität, wie man es sonst höchstens bei den frühen method actors dieser Jahre bewundern kann. Zudem muss man dem Akteur ein gerüttelt‘ Maß an Mut zusprechen, in einer Phase als relativer Neuling in der Branche (er war zuvor lediglich als Vortragskünstler und bei einer TV-Show aufgetreten) mit solcher Chuzpe einen Part übernommen zu haben, der ihn schlussendlich fernab von jeder dankbaren Sympathie verortete. Auch Patricia Neal als Lonesome Rhodes‘ Entdeckerin und Förderin ist großartig: Sie repräsentiert sozusagen die öffentlichen Massen, die sich von Larry und seinem so betont naturbelassenen Auftreten einfangen und Honig ums Maul schmieren lassen. Voller Bewunderung himmelt sie Larry an und entwickelt gleichfalls ein immenses erotisches Interesse für ihn. Einzig der Autor Mel Miller (Walter Matthau) blickt recht früh hinter Larrys breit grinsende Maske und entdeckt den wahren Menschen darunter: Einen egozentrischen, vom Leben enttäuschten und ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachten Misanthropen, dessen Anhimmelung durch die Menschen keinesfalls auf aufrichtiger Gegenseitigkeit beruht, sondern von Verachtung und Instrumentalisierungsgedanken geprägt ist. Fast unmittelbar nach einem Heiratsantrag lässt er Marcia schließlich für eine siebzehnjährige Cheerleaderin (Lee Remick) sitzen. Endlich ist auch seine vormalige Gönnerin bereit, den „wahren“ Lonesome Rhodes hinter der von ihr gepushten Fassade zu erblicken. So ist es dann an ihr, ihm vor aller Welt den Stöpsel zu ziehen.
Einmal mehr wird Elia Kazan mit „A Face In The Crowd“ seinem spezifischen Renommee als actor’s director gerecht, der als einer der wenigen großen amerikanischen Filmemacher seine Inszenierung dem von ihm selbst zum Optimum getriebenen Spiel der Darsteller unterordnete und damit seiner Arbeit als Regisseur eine besondere Subtilität verlieh.
Ein weiteres Meisterwerk in einer Reihe von Meisterwerken.

9/10

ALTERED

„I’m gonna move back to my mum’s.“

Altered (Vergeltung – Sie werden dich finden) ~ USA 2006
Directed By: Eduardo Sánchez

Die drei Freunde Duke (Brad William Henke), Otis (Michael C. Williams) und Cody (Paul McCarthy Boyington) haben in der Vergangenheit Erfahrungen mit feindseligen Aliens gemacht, die in ihrer Gegend immer wieder Personen kidnappen und als Versuchskaninchen für ihre Experimente missbrauchen. Als es dem Trio gelingt, einer der Kreaturen zu fangen, bringt es diese zum Grundstück ihres gemeinsamen Kumpels Wyatt (Adam Kaufman), der einst selbst von den Extraterrestriern entführt und von ihnen genetisch modifiziert wurde. Obwohl der Außerirdische in Ketten liegt, gelingen ihm immer wieder offene und telepathische Attacken gegen die Freunde und auch den bald auftauchenden Sheriff (James Gammon). Dabei warnt Wyatt die Anderen inständig davor, das Wesen zu töten, da sonst eine Invasion über die Erde hereinbrechen könnte…

Eduardo Sánchez‘ erste und zugleich erste solitäre Langfilmarbeit nach „The Blair Witch Project“ fiel innerhalb seines Zeitkontextes sicherlich unerwartet konventionell aus. Nach der annähernden formalen Revolution des Found-Footage-Klassikers bemühten Sánchez und sein Scriptautor Jamie Nash für ihren kammerspielartig angelegten Alien-Horror „Altered“ offensichtlich vor allem persönliche Vorbilder, deren Bandbreite sich von Genrestücken wie „X-Tro“, „The Fly“ oder „Communion“ bis hin zu den jüngeren „Fire In The Sky“ und natürlich „Signs“ erstreckt. All diesen Beiträgen ist, im Gegensatz zum Effekt-Bombast des klassischen Invasions-Film, gemein, dass das Fremde, Bedrohliche auf leisen Sohlen um die Ecke geschlichen kommt, seine Präsenz nur einigen wenigen Eingeweihten überhaupt mitteilt und sich ansonsten vornehmlich im Verborgenen hält. Diejenigen, die das Unglück haben, sich ihm stellen zu müssen, bekommen seine häufig grausamen Ausprägungen jedoch zumeist auf nicht selten höchst unangenehme Weise am eigenen Leibe zu spüren. So ist es auch in „Altered“, der beinahe wie eine Art Quasi-Sequel zum erwähnten „Fire In The Sky“ daherkommt: Einige wenige Betroffene des sich höchst privat abspielenden Alienterrors greifen auf undurchdachte und unbeholfene Art zum einzigen Instrument, das ihnen als Replik zum Erlebten bleibt – der Rache an ihren Peinigern. Da diese ein paar Hillbilly-Boys aus dem tiefen Süden nicht nur technologisch haushoch überlegen sind, ist die ganze Aktion von vornherein zu großflächigem Scheitern verurteilt – der intelligenteste unter ihnen, zugleich jener, der die „intimste“ Beziehung zu den Außerirdischen pflegt, einst von ihnen operiert und zu einer Art humanem Repräsentanten ihrer Art umfunktioniert wurde, weiß sogleich um die Sinnlosigkeit jener Gegenmaßnahme. Dass er gleichfalls der einzige ist, der am Ende bestehen kann und um die höchstwahrscheinlich apokalyptischen Folgen der letzten Nacht ahnt, macht den Ausgang des Ganzen für ihn nicht eben leichter.
Kein eben als innovativ zu bezeichnender Sci-Fi-Horror, jedoch ein geschickt und gescheit gefertigter, mit ordentlicher, handgemachter Effektarbeit nebst einigen schön ekligen Spitzen versehen. Lohnt.

7/10