THE BEAST IN THE CELLAR

„He can see in the dark!“

The Beast In The Cellar (Der Keller) ~ UK 1971
Directed By: James Kelley

Auf einem ländlich gelegenen, englischen Militärstützpunkt kommt es zu einem nächtlichen Mord an einem der Soldaten. Der wackere Corporal Alan Marlow (John Hamill) warnt sogleich die einzigen beiden zivilen Anwohnerinnen, die beiden betagten, liebenswürdigen Schwestern Ellie (Beryl Reid) und Joyce Ballantyne (Flora Robson), zu denen er im Laufe der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hat. Die Ermittler vermuten, dass angesichts der Spuren an der Leiche eine entflohene Raubkatze verantwortlich sein muss. Doch die Ballantyne-Schwestern wissen es besser. Als es zu weiteren Todesfällen kommt, ziehen sie aus einem jahrzehntelang gehüteten Familiengeheimnis die letztmögliche Konsequenz…

Neben dem Vorreiter Hammer waren in den Sechzigern und telweise Frühsiebzigern noch die vor allem für ihre Episodenfilme renommierte Amicus, die breiter gefächerte Anglo-Amalgamated und schließlich die Tigon British die wesentlichen Lieferanten für britischen gothic horror und natürlich auch dessen spätere, zeitgemäßere Ablösungen. Die Tigon wurde 1966 von Tony Tenser, einem Londoner Geschäftsmann  litauisch-jüdischer Abstammung, gegründet, nachdem dieser die bescheiden begonnene, dann nach und nach reüssierende Gesellschaft Compton Films verlassen hatte, um eigene Wege zu gehen. In Tensers bzw. Tigons Portfolio befindet sich mit „The Beast In The Cellar“ einer der schönsten Repräsentanten des englischen Horrorfilms in den angehenden Siebzigern. Über Umwege der damaligen, eher amerikanisch geprägten Welle des hag horror oder Hagsploitation-Films zuzurechnen, sind die beiden ältlichen Ballantyne-Schwestern (jeweils brillant dargeboten von Beryl Reid und Flora Robson) dabei eigentlich bloß mittelbare Verursacher des geschilderten Übels. In ihrem ebenso tragischen wie furchtbaren Falle greift die alte Weise vom Gegenteil des Guten, nämlich des gut Gemeinten. Das Mysterium um den Verursacher der blutigen Morde und die damit zusammenhängende Vorgeschichte enthüllt Ellie/Beryl Reid eigentlich erst gegen Ende des Films in einer wunderschön vorgetragenen und inszenierten Befragung durch den zuständigen Polizisten (T.P. McKenna): Nachdem ihr Vater einst mit einer schweren PTBS aus dem Frankreich des Ersten Weltkriegs heimgekehrt und später als psychisch und körperlich zertrümmerter Mensch verstorben war, wollten Ellie und ganz besonders Joyce mit allen Mitteln verhindern, dass auch ihr jüngerer Bruder Stephen (Merlyn Ward/Davydd Havard) dem Ruf des Militärs folgte und entschieden sich für das aus ihrer Logik einzig Richtige: Stephen wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von ihnen sediert und in einem Kellerverlies des Hauses eingemauert. Dort blieb er, sich selbst überlassen und mit dem Nötigsten versorgt, bis er einen Weg heraus entdeckte und seinen über die Jahrzehnte aufgestauten Wahnsinn an jenen kanalisierte, auf die er nunmehr all seinen Hass projizierte – uniformierten Soldaten. Rasch kristallisiert sich vor allem in der Revision  heraus, dass „The Beast In The Cellar“ somit weitaus weniger Horrorfilm denn Drama ist. James Kelley benötigt tatsächlich nur wenige exploitative Elemente, um seine Kellerkind-Story zu entfalten und zur Wirkung zu bringen und selbst diese erweisen sich als reines Publikumszugeständnis und somit nahezu redundant. Mit der zunächst penibel umschifften, visuellen Offenbarung des derangierten Stephen Ballantyne ganz zum Schluss fällt gewissermaßen auch das letzte Suspense-Element – wir sehen die traurige Gestalt eines geistig umnachteten, verwitterten Kauzes, der selbst ein Opfer ungeheuerlicher Umstände wurde und dessen Schicksal sich möglicherweise nur um 27 Jahre Hölle verzögert hat. Dennoch mag und kann man den Schwestern nicht wirklich böse sein. Die eigentliche, ewig lauernde, ewig schwelende Bestie, die „The Beast In The Cellar“ anklagt und der wohlverdienten Angst preisgibt, ist der Krieg.

8/10

Вий

Zitat entfällt.

Вий (Wij) ~ CCCP 1967
Directed By: Konstantin Yershov/Georgi Kropachyov

Während einer sommerlichen Prozessionsreise übernachtet der Theologie-Student Khoma (Leonid Kuravlyov) auf dem Hof einer knarzigen Alten (Aleksei Glazyrin), die sich bald als Hexe herausstellt. Als Khoma sich ihr nicht gefügig macht, reitet sie auf dem angsterfüllten Überrumpelten wie auf einem fliegenden Besen durch die weißrussische Nacht. Endlich gelingt es ihm, die Alte zur Landung zu zwingen, worauf er sie halbtotschlägt. Als Khoma von ihr ablässt, hat sie die Gestalt eines schönen jungen Mädchens (Natalya Varley). Am nächsten Tag wird Khoma zum Gutsbesitz eines reichen Kosaken (Vadim Zakharchenko) gerufen. Dessen Tochter Pannochka (Natalya Varley) liegt im Sterben und hat namentlich nach Khoma verlangt, um ihr die letzte Ölung zu geben. Als der widerwillig folgende Khoma vor Ort anlang, ist das Mädchen bereits gestorben. Der Kosak nötigt ihn, drei nächtliche Totenwachen bei der Verblichenen zu halten, die Khoma als die erschlagene Hexe wiedererkennt. Drei Nächte des Grauens stehen ihm bevor.

Basierend auf Nikolai Gogols 1835 erstveröffentlichen, gleichnamigen Erzählung gilt „Вий“ gemeinhin als Musterbeispiel des in der Sowjetunion entstandenen phantastischen bzw. Horrorfilms. Tatsächlich erweist sich die Verfilmung in der Verwendung von Bild und Ton als den ebenfalls um diese Ära entstandenen Ausflügen eines Mario Bava (dessen sieben Jahre älterer „La Maschera Del Demonio“ ja selbst als sehr freie Adaption von „Вий“ firmiert) in die gotische Mythen- und Sagenwelt als nicht nur thematisch, motivisch und stilistisch sehr anverwandt, sondern ebenbürtig. Es ist der Grenzgang zwischen dem noch kindlichen sense of wonder mit eher spielerischer denn schockierender visueller Effektarbeit einerseits und dem eindeutig als Erwachsenenmärchen identifizierbaren, philosophisch unterbauten Surrealismus auf der anderen Seite, der jenen Werken ihre ganz spezielle, heute noch ebensogut wie damals atembare Magie verleiht. Zwar wird man Bavas spätere, charakteristisch-expressive Farbgestaltung bei „Вий„vergebens suchen; die Seele vieler seiner Arbeiten findet man hier jedoch auch ohne Gebrauch einer Lupe wieder.
Вий“ erzählt davon, wie ein Gott kaum zugewandter, lauter Student unter Aufbietung des höchsten aller Preise letzten Endes zum Glauben findet (und am Ende gegen Geister und Dämonen doch scheitert). Der Protagonist Khoma Brut, ein Waisenjunge, ist vor allem stolz auf sein kosakisches Erbe und auf seine stets großzügig ausgereizte Trinkfestigkeit. Das Jenseitige, Spirituelle existiert für ihn höchstens im Geiste des Vodka, ansonsten reizen ihn höchstens noch die anderen, irdischen Genüsse. Nach der nächtlichen Begegnung mit der Hexe, die sich an dem ihren Schabernack mit panischer Gewalt begegnenden Khoma umgehend zu rächen trachtet, wird der junge Mann binnen drei schlafloser Nächte zum Teufel gejagt und verschwindet schließlich spurlos. Die eilends und ängstlich bemühten Bannkreise, Beschwörungszauber und Gottanrufe, die er wider den verjüngten Sukkubus anwendet, können ihm am Ende, da die Hexe den „Wij“, den König der Erdgeister mit seinen schaurigen Vasallen des Schreckens herbeiruft, nicht helfen. Ob sein Glaube zu schwach, seine Furcht zu groß, sein Frevel zu despektierlich oder möglicherweise auch die Hölle mächtiger ist als der Himmel, bleibt ein Mysterium.

9/10

DARLIN‘

„There can be no after without a before.“

Darlin‘ ~ USA 2019
Directed By: Polyanna McIntosh

Jahre nachdem die kleine Darlin‘ Cleek den Klauen ihres perversen Vaters entkommen konnte und in der von ihm gekidnappten Frau (Polyanna McIntosh) aus den Wäldern ihre Ersatzmutter gefunden hat, wird sie, nunmehr selbst ein Teenager (Lauryn Canny), von der Frau zu einem Hospital geleitet. Dort kümmert sich zunächst der homosexuelle Krankenpfleger Tony (Cooper Andrews) rührend um das verwilderte Mädchen, muss seine wohlausgefüllte Verantwortung jedoch erzwungenermaßen bald an den eine katholische Mädchenschule namens ‚St. Philomena’s‘  leitenden Bischof (Bryan Batt) abgeben. Dieser verspricht sich von der (sorgsam dokumentierten) Resozialisierung Darlin’s eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit. Nach und nach adaptiert sich Darlin‘ an die strengen Erziehungsmethoden der Schule und des Bischofs, blickt jedoch alsbald hinter dessen saubere Fassade. Der daraus folgende, innere, seelische Widerstreit zwischen (forciertem) christlichem Gewissen und den blutigen Erinnerungsfetzen an das frühere Leben harrt seiner Entscheidung, derweil die Frau sich auf die Suche nach ihrer „verschleppten“ Darlin‘ macht…

„Darlin'“ bildet nach zehn Jahren den (vorläufigen) Abschluss einer Trilogie um eine aus einer verwilderten Kannibalensippe New Englands stammende, von Polyanna McIntosh gespielte Frau und ihre seltsamen Berührungspunkte mit einer hoffnungslos entmenschlichten „Zivilisation“. Die literarischen Wurzeln der Geschichte gehen auf den 1981 erstveröffentlichten Roman „Off Season“, das Debüt des vor rund zwei Jahren verstorbenen Horrorautors Dallas William Mayr alias Jack Ketchum, zurück. Darin wird eine Gruppe New Yorker Wochenenurlauber zu Opfern jenes in Maine beheimateten Kannibalenstamms. Ketchum schrieb bis 2010 noch zwei Fortsetzungen, „Offspring“ und „The Woman“, die im Gegensatz zum Auftaktroman beide 2009 bzw. 2011 adaptiert wurden. Letzterer der beiden Filme, inszeniert von Lucky McKee, avancierte zu einem Genre-Meisterwerk, einer tiefschwarzen, feministischen Groteske, einem buchstäblich wilden Pamphlet gegen das patriarchalische Selbstverständnis unserer gobalen Sozietät. Nachdem es nach dem recht zufriedenstellenden Showdown jenes wilden Ritts vorübergehend still um die titelgebende Frau und ihre neuadoptierte Familie wurde, nahm sich Polyanna McIntosh höchstselbst ein weiteres Mal ihres Erzählkosmos an und schrieb und inszenierte, unter produzierender Flankierung der früheren Mitstreiter Andrew van den Houten, McKee und Ketchum (dessen Andenken „Darlin'“ erwartungsgemäß gewidmet ist), ein Coming-of-Age-Drama. Vom letzthin übriggebliebenen Personal sind nurmehr die Frau und Darlin‘ übrig, letztere vor allem in der Funktion als Stammhalterin. Die junge Frau ist nämlich schwanger und dies zugleich der Grund, warum überhaupt die Geschichte um ihre Konfrontation mit der Kirche stattfinden kann. Das Baby soll nämlich unter sanitär-hospitalitären Umständen zur Welt kommen, aber dann verläuft alles doch ganz anders. Darlin‘ landet nämlich beim Bischof, einem weiteren Widerling maskuliner Austriebe, dem sein theologisches Gewissenspolster lediglich als Feigenblatt für die eigene, tiefverwurzelte Niedertracht fungiert. „Darlin'“ reitet also wiederum zu Kreuze, diesmal gegen den Klerus und sein (glücklicherweise) ohnehin im Bröckeln befindliches Antlitz. Das macht ihn schonmal nachgerade und wesentlich sympathisch. Die transgressive Kraft von „The Woman“ kann das Quasi-Sequel indes nicht mehr präservieren, daran ist ihm aber auch nicht gelegen. Der Plot dient McIntosh vielmehr dazu, ihre (ja nun doch sehr karriereeminenten) Geschichte als wilde Frau mit der ihr offenbar dräuenden Agenda der Kirchenkritik zu polstern. Das Resultat entspricht in etwa einer Melange aus „The Woman“ und Schraders „First Reformed“, der vor allem dem angemessen groben Finale bewusst oder unbewusst Pate steht. Als Regiedebüt beachtlich, solitär betrachtet sehens- und als conclusio seiner losen Trilogie anerkennswert.

7/10

SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK

„Stories hurt, stories heal.“

Scary Stories To Tell In the Dark ~ USA/CA 2019
Directed By: André Øvredal

Mill Valley, Pennsylvania 1968: Ein folgenreicher Halloween-Streich endet für die drei befreundeten Teenager und Horrorliebhaber Stella (Zoe Margaret Colletti), Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur) sowie den just dazugestoßenen Chicano Ramón (Michael Garza) im verlassenen Anwesen der Familie Bellows – einer einst wohlhabenden Dynastie von Textilunternehmern, der Mill Valley die Hauptursache seiner Existenz verdankt. Doch wie die meisten reichen Sippen umweht auch die Bellows‘ ein dunkles Geheimnis – einst wurde deren Tochter Sarah (Kathleen Pollard) zunächst von der Außenwelt isoliert und versteckt gehalten, um dann später in einer unweit entfernten Irrenanstalt mit Elektroschocks „therapiert“ zu werden. Sarah, die seit damals in dem alten Haus ihr gespenstisches Unwesen treiben soll, ist auch die Autorin eines seltsamen Geschichtenbuchs, das die von irrationalen Schuldgefühlen geplagte Stella findet und mit sich nimmt. Mit jenem Buch hat es Mysteriöses auf sich – es schreibt seine Gruselgeschichten selbst unumwunden mit blutiger Tinte, derweil das Niedergeschriebene sich parallel in der Realität abspielt und die jungen Leute ins Verderben reißt. Da das Buch sich nicht vernichten lässt, muss Stella nun seiner Autorin auf die Spur kommen…

„Scary Stories To Tell In The Dark“, inszeniert von dem vielversprechenden norwegischen Regisseur André Øvredal und produziert von Guillermo del Toro basiert auf einer Serie von Gruselgeschichten-Anthologien, die der Autor Alvin Schwartz in den Achtzigern und Frühneunzigern speziell für eine jüngere Leserschaft verfasst und veröffentlicht hat. Mit dem verbindenden Plot der sich aus dem Jenseits rächenden Sarah Bellows fand der Film einen passenden narrativen Überbau, um seinen Episoden um einige, eine Teenagergruppe heimsuchende, grauslige Ereignisse inhaltliche Kohärenz zu verleihen und seine monströsen Gestalten und Segmente um die lebende Vogelscheuche Harold, einen Zombie auf der Suche nach einem fehlenden Zeh, eine fiese Spinnenschwangerschaft, die aufdringliche Pale Lady und den verwachsenen Jangly Man miteinander verquicken zu können. Dabei erweist sich der Release-Termin von „Scary Stories“ nicht eben klug gewählt, um nicht zu sagen ungünstig in einer Zeit, in der Retro-Geschichten um juvenile Freunde in Kleinstädten beileibe kein innovatives Sujet mehr abgeben. Doch genau auf diesen ausgetrampelten Pfaden wandeln Øvredal und del Toro abermals, wenngleich sie immerhin bis in die Sechziger zurückblicken, die sich im Filmkontext allerdings bestenfalls durch spezifische Details wie etwa das in der Ferne spukende Vietnam von den in jener Subgattung üblicherweise abgefrühstückten achtziger Jahren unterscheiden. „Scary Stories“ greift als vergleichsweise harmlos gewebter PG-13-Halloween-Grusler auf einige hübsche Einfälle zurück, die im Ansatz den fruchtbaren Ideenpool seiner Kreativköpfe erahnen lässt, bleibt am Ende aber dann doch zu gewöhnlich, vorhersehbar und beliebig für ein Publikum jenseits des fünfzehnten Lebensjahrs, das mit Episodenhorror und teenage angst seine hinlänglich lieben, langjährigen Erfahrungen sammeln konnte. Der bereits unzweideutig auf ein vorgeplantes Sequel verweisende Epilog versagt dann auch weitgehend in seinem Bestreben, diesbezügliche Neugier zu schüren. Nett, nicht mehr.

6/10

3 FROM HELL

„All hail the man behind the grease paint!“

3 From Hell ~ USA 2019
Directed By: Rob Zombie

Entgegen allen Erwartungen haben Baby Firefly (Sheri Moon Zombie), Otis Driftwood (Bill Moseley) und Captain Spaulding (Sid Haig) ihre bleihaltige Konfrontation mit den Staatsbediensteten überlebt und harren nunmehr im Gefängnis ihrer Todesstrafen. Nachdem einige Zeit später der Captain bereits auf dem Schmorstuhl gelandet ist, gelingt dem Halbbruder der beiden Verbliebenen, Winslow Foxworth „Foxy“ Coltrane (Richard Brake), auch „Midnight Wolfman“ genannt, die Befreiung Otis‘, die dieser gleich noch zur spontanen Rache an einem alten Erzfeind, dem ebenfalls einsitzenden Kopfgeldjäger Rondo (Danny Trejo), nutzt. Später pressen Otis und Foxy noch Baby frei. Gemeinsam flieht das Trio über die mexikanische Grenze, wo just der Día de Muertos begangen wird. Ein schmieriger, lokal ansässiger Kneipenwirt namens Carlos Perro (Richard Edlund) verpfeift derweil die Drei an Rondos vergeltungsbedürftigen Sohn Aquarius (Emilio Rivera), der mit diversen henchmen in Catchermasken und schwerem Geschütz anrückt, um die „3 from Hell“ in ihre nominelle Heimat zurückzuschicken.

Manche Tote sollte man besser ruhen lassen. Das gilt auch für die Firefly-Sippe, der Rob Zombie nach ihrem und seinem wüsten Filmdebüt „House Of 1000 Corpses“ im kurz darauf folgenden, herrlich garstigen Sequel „The Devil’s Rejects“ einen der denkwürdigsten Abgänge der Filmgeschichte verehrt hatte. Doch kennt Zombie, dessen Budgets beständig schmaler sowie Zuschauerzahlen beständig geringer werden und dessen Filme auch qualitativ einem sukzessiven Abwärtstrend zu folgen scheinen („31“ wartet bislang noch ungesehen in meinem Regal), kein Erbarmen – weder mit seinem Publikum noch mit den Fireflys. Andererseits scheint deren buchstäbliche Reanimation im Rahmen seines höchsteigenen Fanboy-Werks dann doch wiederum eine folgerichtige Entwicklung. Erwartungsgemäß mangelt es dem dritten Part der Redneck-Rampage-„Saga“ (weitere dürften folgen, daran lässt das Finale wenig Zweifel) an den herausragenden Qualitäten des Vorgängers. „3 From Hell“ ergeht sich in wenig gelungenen Selbstzitaten, rekapituliert Elemente wie das Home-Invasion-Szenario des Vorgängers nebst dessen Racheelement durch verärgerte Familienmitglieder und orientiert sich abermals deutlich am großen Vorbild „Natural Born Killers“, der neben wildwüchsigen Formalia auch durch einen sich um die Fireflys entspinnenden Medienkult rezitiert findet. Dabei mangelt es dem Film vor allem an schlüssigen Kausalitätsschemata; den Figuren wird anders als noch in „The Devil’s Rejects“ kaum Weiterentwicklung gegönnt. Dass sie sich als Antihelden durch eine ekelerregende Welt zu metzeln haben und sich dabei eher als lustige Psychopathen denn als beängstigende Naturgewalt in die Umarmung einer gezielt antizipierten Rezipientenschaft schmiegen, wird als naturgegeben vorausgesetzt. So dürfen sich die Drei aus der Hölle spätestens nach ihrer Ankunft in Mexiko und der zweiten, ein wenig an „The Wild Bunch“ angelehnten Hälfte des Films der nachgeraden Sympathie des Zuschauers erfreuen, der nur allzu gern vergessen darf, kann und soll, dass er es doch eigentlich mit Massen- und Serienmörderabschaum aus der untersten Schublade zu tun hat. Auch diese Ambivalenz hat Zombie im Vorgänger noch ganz wunderbar auzulösen verstanden, während er sich in „3 From Hell“, einem Durchschnittswerk in jedweder Hinsicht, eher auf einem faulen, trägen Narrativ ausruht, dessen exaltiert ausgestellte grindhouse motherfucker attitude irgendwie nicht mehr die rechte Zugkraft entwickeln mag.

5/10

THE DEAD DON’T DIE

„Fashion!“

The Dead Don’t Die ~ USA/S 2019
Directed By: Jim Jarmusch

Nachdem die Erdrotationsachse sich verschoben hat, spielt nicht nur die Natur verrückt, auch die Toten steigen zombifiziert aus ihren Gräbern und attackieren fleischeslustig ihre lebenden Opfer. Chief Robertson (Bill Murray) und Officer Peterson (Adam Driver), Polizisten im Kleinstadtkaff Centerville, Pennsylvania, nehmen die Ereignisse mit der gebotenen Gelassenheit zur Kenntnis.

Was Jim Jarmusch bewogen haben mag, seinen jüngstes, leidlich komisches Werk auf den ja nun wirklich hinlänglich ausgetreten Pfaden des Zombie-Subgenres anzusiedeln, bleibt auch nach der Betrachtung von „The Dead Don’t Die“ diffus. Da mit dem entsprechenden Sujet in Film und Fernsehen mittlerweile ja wirklich alles an Denkbarem angestellt wurde, vermag auch Jarmusch, diesmal unter dem Universal-Banner und somit unter Studioägide unterwegs, ihm nur wenig Originelles hinzuzufügen, schon gar nicht, Bill Murray in seiner bereits zweiten Zombie-Komödie (nach dem unsäglichen „Zombieland“) antreten zu lassen. Natürlich darf (und muss) man von „The Dead Don’t Die“ eine Groteske in gewohnt lakonischer Jarmusch-Manier erwarten. Sie via Kurzdialogen kommunizieren lassend, erspart er den meisten seiner Figuren und Akteure (mit Ausnahme von Chloë Sevigny) emotionale Grenzzustände und konfrontiert sein Ensemble erwartungsgemäß stoisch mit der just heraufziehenden Zombie-Apokalypse. Dabei macht sich Jarmusch ein Späßchen daraus, die durch die Popkultur etablierten Charakterisierungen der untoten Horden zu ironisieren, indem er so gezielt wie ausgiebig die klassische Romero-Trilogie, insbesondere „Night Of The Living Dead“ und „Dawn Of The Dead“, referenzialisiert bzw. ihnen seine Ehrerbietung erweist: Die allesamt im selben Verfalls- bzw. Verwesungszustand befindlichen Zombies schlurfen langsam durchs Areal, vertilgen am liebsten die Eingeweide ihrer Opfer und hängen auch post mortem allesamt noch ihren früheren (Konsum-) Gewohnheiten nach, die sich in vierzig Jahren leicht, aber nicht wesentlich verändert haben. In einer bedeutungsvollen Einstellung etwa stieren sämtliche im Bildkader befindlichen Zombies auf Smartphone-Displays; eine Perspekive, die sich im Prinzip nicht wesentlich von dem Blick in ein x-beliebiges Zugabteil irgendwo auf der Welt unterscheidet. Der dulle Country-Titelsong eines gewissen Sturgill Simpson (der auch selbst im Film als Zombie auftritt) wird zum zynischen Leitmotiv der sich zunehmend selbst entoriginalisierenden US-Alltagskultur, diegetische Spielereien mit Metalepsen und scheinbar unsinnige Storyzusätze wie eine sich als Alien entpuppende, ein Samuraischwert schwingende Tilda Swinton genehmigt Jarmusch sich und seinem Publikum als verschmitzte Extravaganzen. Am Ende ist Tom Waits als naturverbundener, zauseliger Waldschrat (und allgegenwärtiger Kommentator der Geschehnisse) natürlich der einzige Überlebende, der uns allen zudem nochmal versichert, dass die Welt nunmehr gehörig am Arsch ist. Dass und ob Jarmusch mit „The Dead Don’t Die“ (s)ein persönliches Statement zur Regierung Trump und all den anderen globalen Krisen und Sorgen, denen die Menschheit sich derzeit so ausgesetzt sieht, abzugeben trachtete, mag schließlich jede/r RezipientIn selbst schlussfolgern. Nahe liegt selbiges gewiss, näher jedenfalls als eine Zombie-Apokalypse.

7/10

DER FLUCH DER GRÜNEN AUGEN

„Sie nix glauben an Vampire? Ich schon!“

Der Fluch der grünen Augen ~ BRD/YU 1964
Directed By: Ákos Ráthonyi

Der kriminalistische Tausendsassa Inspektor Frank Dorin (Adrian Hoven) wird zu einem kleinen Balkandorf beordert, in dem sechs junge Frauen auf mysteriöse Weise ihr Leben lassen mussten. Vor Ort angelangt, gibt es gleich in der ersten Nacht von Dorins Anwesenheit eine weiteres Opfer. Der ängstliche Hotelwirt (n.n.) insistiert, zumal in Anbetracht der zwei typischen Bisswunden am Hals der Toten, dass dahinter nur Vampire stecken können, die tagsüber in einer unterirdischen Grotte hausen sollen. Dorin hält das zunächst für abergläubisches Geschwätz, doch die alte Kräuterhexe Nani (n.n.) und eine Begegnung mit dem mysteriösen Professor von Adelsberg (Wolfgang Preiss), der auf einem nahegelegenen Schloss Experimente mit Blut veranstaltet, lassen ihn seine Meinung bald ändern…

Der Horrorfilm bildete im leinwandlich von „Opas Kino“ geprägten Wirtschaftswunder-Deutschland eine absolute Ausnahmeerscheinung, das Publikumsgros verlangte vielmehr zunächst nach Heimatfilmen, dann musikalischen Komödien und wurde hernach genrediätetisch mit Wallace-Krimis und den Karl-May-Filmen von Wendlandt und Brauner abgespeist. Natürlich gab es auch die im Nachhinein eher im apokryphen Sektor anzusiedelnden, mutigeren Filmemacher, die ihrem Metier mit klugen, ansprechenden Geschichten und stilistisch unkoventionellerem Eigensinn frönten. Waschechten Horrorfilmen aus deutschsprachiger Produktion jedoch blieben eben absoluter Exklusivitätsstatus vorbehalten. Neben Victor Trivas‘ absolut wunderbarem „Die Nackte und der Satan“ gab es noch Fritz Böttgers lustigen „Ein Toter hing im Netz“ und später dann Harald Reinls „Die Schlangengrube und das Pendel“. Dazwischen lag/liegt noch „Der Fluch der grünen Augen“, ein rares Quartett, womit der deutsche Gruselliebhaber sich dann binnen zehn Jahren auch zu bescheiden hatte.
Nach einem schillernden Vorleben unter anderem als Priester und Missionar in Indien landete der gebürtige Ungar Ákos (von) Ráthonyi beim Film, wo er in unterschiedlichen Funktionen zunächst in England, dann in Hollywood und schließlich wieder in Ungarn tätig wurde. Sein Freund Alexander Korda verschaffte ihm dann nach dem Krieg Zugang zum deutschen Film, wo er bis zu seinem Tod 1969 aktiv blieb, und, anders als man es von einem studierten Theologen erwarten mag, zunehmend und vornehmlich Unterhaltungs- sowie Sleazekino inszenierte. Eines der entsprechenden Exponate ist „Der Fluch der grünen Augen“, eine mit Kriminalfilm-Elementen „angereicherte“ Dracula-Variation, in der der in jener Ära omnipräsente Wolfgang Preiss den Obervampir gab und Adrian Hoven, in Ermangelung eines Van-Helsing-Pendants, eine Art Superpolizist, der seinen Widersacher am Ende mit überaus konventionellen Mitteln den Garaus macht. Dabei zieht Ráthonyi alle der wenigen, ihm obliegenden Formregister vom wabernden Vollmond über wehende Vorgänge bis hin zu expressionistischen Schattenspielen. Als wunderbare set pieces fungieren unter anderem eine Tropfsteinhöhle und ein angebliches Schloss, das von innen eher einem in rohen Fels gehauenen Verlies gleicht.
Rückblickend problematisch fällt indes der (einmal mehr) rassistische Einsatz von John Kitzmiller als von Adelsbergs farbiger Diener John aus. Wie üblich hat Kitzmiller (kurz darauf als Titelfigur in Géza von Radványis „Onkel Toms Hütte“-Adaption zu sehen) den radebrechenden, leicht dümmlichen Neger im schlecht sitzenden Livree zu geben, der aber natürlich herzensgut ist und dem Inspektor und seiner neuen Freundin (Erika Remberg) die Flanke hält. Immerhin setzt Ráthonyi eine schöne Szene hinzu, die verdeutlicht, dass die provinziell vorgeschädigten Dorfrednecks, allen voran ein tumber, tauber Grobian (n.n.) als weltverschlossene Rassisten noch weitaus tiefer in der menschlichen Hierarchie anzusiedeln sind. Nun muss man solcherlei Unbill verknusen können, wenn man sich mit betagteren Filmpreziosen wie dieser auseinandersetzen möchte – umso reicher wird man von all dem, was an diesem Film stimmt und ihn in seiner selbstbewussten, trivialen Gestaltung so liebenswert macht.

7/10