THE MUMMY

„You can’t run. You can’t escape.“

The Mummy (Die Mumie) ~ USA 2017
Directed By: Alex Kurtzman

Die Antiquitätenschmuggler und Regierungsangestellten Nick Morton (Tom Cruise) und Chris Vail (Jake Johnson) entdecken im Irak eher zufällig das Grab der ägyptischen Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella), die vor rund dreitausend Jahren versucht hatte, ihr Erbrecht mithilfe des Totengottes Seth durchzusetzen, dann jedoch ertappt und ebenso eilends wie weit weg von daheim (in Mesopotamien nämlich) bestattet wurde. Die flugs herbeieilende Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis), auf die Morton bereits ein Auge geworfen hat, ist Feuer und Flamme für den Sensationsfund. Nachdem die Gruft geöffnet ist, gelingt es Ahmanet natürlich, ihrem Gefängnis zu entfleuchen und Nick, Jenny und Chris, der sich infolge eines Spinnenbisses zombifiziert, bis nach London nachzustellen. Während Ahmanet plant, Nick zur irdischen Inkarnation ihres geliebten Seth umzufunktionieren, erfährt dieser, dass es eine Geheimorganisation namens „Prodigium“ gibt, die sich mit der Bedrohung durch übernatürliche Mächte befasst. Vorsitzender von Progidium ist Dr. Henry Jekyll (Russell Crowe), er allenthalben mit seinem alter ego Edward Hyde (Russell Crowe) zu kämpfen hat. Es gelingt, Ahmanet vorübergehend festzusetzen, doch sie kann entkommen und Nick wie geplant unter Seths Besetzung stellen. Dieser wehrt sich jedoch nach Kräften, wendet sich schließlich gegen Ahmanet und verschwindet nach gewonnenem Duell.

Trotz letztmaligem Pompösreinfall hat die Universal rein gar nichts dazugelernt, was die Reaktivierung ihrer alten Monsterfilme anbelangt. Nach 1932 und 1999 ist dies der dritte Film des Studios, der den Titel „The Mummy“ trägt und wie der vorangehende Versuch, das von Karl Freund vor nunmehr 85 Jahren meisterhaft inszenierten Original massentauglich aufzufrischen, ein einziger, gewaltiger Faux-pas. Ähnlich wie im Falle „Van Helsing“, der wie die 99er-Mumie und dessen Erstsequel unter der Ägide von Stephen Sommers erstellt wurde, versucht man sich heuer an der Etablierung eines neuen, monsterübergreifenden Franchise. Dieses befindet sich nach Verlautbarung bereits in fortgeschrittener Planung und schimpft sich – clever, clever – „Dark Universe“ und wird zu Beginn auf der Rückseite des Universal-Globus enthüllt. Nach der Betrachtung dieser bereits im Aufbaustadium schwerstkariösen Suspension kann ich dessen „Versprechen“ nurmehr als waschechte Drohung interpretieren. In Kurtzmans Film (ein Blick auf dessen vor allem aus Produktions- und Scriptjobs bestehenden Werkes verrät bereits, aus welcher Richtung der Hase gehoppelt kommt) walten erwartungsgemäß vor allem CGIs rund um eine Titelfigur, die vom maßgebenden Genre in etwa so weit entfernt ist, wie Papst Franziskus vom nächsten Puffbesuch. Stattdessen kristallisiert sich heraus, dass man neidisch zur profitablen Konkurrenz von Disney und Warner schielt, die derzeit Milliardengewinne mit ihren Superhelden-Universen einfahren. Und die Jungs von Legendary haben bereits ihr MonsterVerse am Start.
Der blitzgescheite Umkehrschluss nach einem Blick in den Giftschrank mit den vergilbten Titelrechten: Das können wir auch. Nehmen wir doch einfach abermals die klassischen Schauerfiguren von Shelley über Stoker, Stevenson, Wells etc. pp. und machen daraus unsere eigene, dufte Kinoreihe! Zwar ist auch diese Idee nicht ganz neu – hauseigene monster mashups gab es bereits in den 1940ern und auch der Einfall, viktorianische Mythen unter ein und demselben inhaltlichen Dach zu vereinen, kam Alan Moore bereits vor knapp zwei Jahrzehnten (und wurde bereits, vor allem in künstlerischer Hinsicht, mäßig erfolgreich adaptiert) – doch das dürfte die Kids von heute eh nicht jucken. Also kommen in „The Mummy“ gleich einmal Dr. Jekyll & Mr. Hyde zum Zuge, mit denen zweifelsohne auch weiterhin zu rechnen sein wird. Folgetreffen mit Frankensteins Monster (respektive dessen Braut), Dracula, dessen Erzfeind Dr. Van Helsing, dem Wolfsmenschen, dem Unsichtbaren, dem Phantom der Oper und, man höre und staune, sogar mit dem Glöckner von Notre-Dame sind bereits in der Planung. Sicherlich darf man sich bei halbwegs anständigem Einspiel gleich auch noch auch auf den Kiemenmann, Dr. Moreau und Dorian Gray gefasst machen.
Die Tatsache, dass allerdings gleich der Starschuss gleich so dermaßen nach hinten losgehen muss, lässt eher besorgt auf die Zukunft des Dark Universe blicken. Flauer Humor, rabiat geklaute Gags (oder soll Chris Vail als zunehmend verwesender, sprüchekloppender hero’s guide aus dem Jenseits etwa eine Hommage an „An American Werewolf In London“ sein?), ein „Monster“, das eher in feuchte denn in Albträume gehört und ein wie immer supersonnig aufgelegter Tom Cruise in seinem nächsten Part als Serienheld (wenn ich richtig gezählt habe, der mittlerweile dritte) und gepflegte Langeweile jedenfalls keine Garanten für gute Gelingen. Aber man soll nicht immer alles vorverurteilen. Vielleicht wird der für Februar 19 avisierte „Frankenstein’s Bride“ (immerhin von Bill Condon inszeniert) ja richtig scary!

4/10

ALIEN: COVENANT

„I think if we are kind, it will be a kind world.“

Alien: Covenant ~ USA/UK/AUS/NZ/CN 2017
Directed By: Ridley Scott

Im Jahre 2104 reist das Kolonistenschiff „Covenant“ zum Planeten Origae-6, auf dem es lebensfreundliche Bedingungen gibt. Ein Raumsturm sorgt schließlich dafür, dass einige Crewmitglieder aus dem Hyperschlaf geholt werden. An Bord befindet sich zudem der Android Walter (Michael Fassbender), seinem einstigen Vorbild David (Michael Fassbender) zumindest äußerlich stark nachempfunden. Ein zufällig aufgefangener Funkspruch lässt sie auf einen nicht allzu weit entfernten Planeten aufmerksam werden, der ebenfalls für die Besiedlung durch Menschen geeignet scheint. Ein dorthin entsandter Expeditionstrupp muss diesen Eindruck jedoch bald revidieren: Es gibt keinerlei Tiere; stattdessen findet sich das Wrack eines außerirdischen Raumschiffs, das Hinweise auf einen früheren Kontakt mit der zehn Jahre zuvor verschwundenen „Prometheus“ enthält. Der zunächst unbemerkte Kontakt mit Killersporen, die in den von ihnen befallenen Wirtskörpern eine Frühform der aggressiven Xenomorphe heranwachsen lassen, versetzt die Raumfahrer schließlich in Panik. Für eine Flucht ist es jedoch bereits zu spät. Stattdessen eilt ihnen der hier vor langem gestrandete David zur scheinbaren Hilfe, der jedoch weitaus finsterere Pläne hat, als es zunächst den Anschein hat.

Grundsätzlich finde ich einen neuen „Alien“ eigentlich immer begrüßenswert. Ich mag die Reihe seit jeher, finde die Monster genuin toll und schätze die mannigfaltigen Möglichkeiten, die sich hinter dem scheinbar simpel strukturierten Originalplot auftun. Ridley Scotts Originalfilm, den ich mittlerweile auswendig mitsprechen kann und allein in den letzten sechs Monaten zweimal gesehen habe, erfreut sich meiner persönlichen, ungebrochenen, eigentlich sogar stetig steigenden Beliebtheit. Seit Scott das Franchise mit dem Prequel „Prometheus“ quasi zurückerobert hat, droht er damit, dass er im Erfolgsfalle Ideen für etliche weitere Serienbeiträge im Ärmel hätte. Dieser Jüngste davon lässt angesichts solch hochtrabender Pläne allerdings nicht unbedingt frohlocken. Längst stehen die Xenomorphe überhaupt nicht mehr im Fokus, sondern bekleiden eher die Rolle bejubelnswerter Gaststars, angesichts deren rarer Auftritte man sich dann wohl noch erfreuen zeigen soll. Das Zentrum von „Alien: Covenant“ bildet vielmehr Michael Fassbender in seiner Doppelrolle als guter und als böser Androide mit leidlich genutztem Konfusionsfaktor.
Wenn man so will, vollzieht die Geschichte einen Brückenschlag zwischen dem „Alien“-Kosmos und Scotts anderer filmischen Großerrungenschaft, „Blade Runner“. Daran lässt bereits der Prolog keine Zweifel, der einen todkranken Peter Weyland (Guy Pearce) im prononciert „wagneresken“ Dialog mit seiner Großschöpfung David zeigt: Das ätherische, artifizielle Geschöpf hat seinen Vater an Perfektion längst übertroffen. Wie der weitere Verlauf zeigt, wird es darüberhinaus dereinst zum Wolf seiner Konstrukteure werden; es hat in einem Jahrzehnt des einsamen Sinnierens längst erkannt, dass der homo sapiens gewissermaßen „überholt“ ist, voll von Schwächen, und auf den Schrotthaufen der Evolution gehört. Die Aliens, wie wir sie seit anno ’79 (respektive die beängstigend pluralistische Ausprägung ihrer insektenatigen Organisation seit ’86) kennen, verdanken ihre endgültige Form als Waffe wider die Menschheit also einem von Menschen geschaffenen Androiden. Ob diese Kausalitätsenthüllung so brillant ist, wie Scott sie uns zu verkaufen trachtet, möchte ich dahingestellt lassen; immerhin war es einst ja gerade das die Xenomorphe umgebende, mysteriöse Element, das ihnen einen Großteil ihrer Originalität, Faszination und Bedrohlichkeit bescherte.
Da das Gegenwartskino sich aber nicht erst seit gestern innerhalb der gewaltigen Zwangsneurose bewegt, stets alles bis zum Erbrechen zu erklären und immer wieder aufs Neue durchdeklinieren zu müssen, sind Werke wie dieses wohl schlicht unvermeidbar. Immerhin ist „Covenant“ alles in allem kein dummer Film und hält zudem ein paar angemessen inszenierte Aktionsszenarien bereit. Doch reicht das?
Wie in vielen Präzdenzfällen, s. „Star Wars“, sollte man, so man sich „Covenant“ überhaupt ausliefern will, sich der Bereitschaft vergewissern, das Gestrige in Frieden ruhen zu lassen, die alte Weise, dass „früher sowieso alles besser“ war, geflissentlich beiseite schieben zu können und (vielleicht) zähneknirschend das fressen, was man vorgesetzt bekommt. Frei nach dem Motto: ein leerer Magen tut einem auch keinen Gefallen.

6/10

THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

„If I had a box of bad things I’d put you in it and close the lid.“

The Girl With All The Gifts ~ UK/USA 2016
Directed By: Colm McCarthy

Nachdem eine Zombie-Seuche die Welt weitgehend entvölkert hat, arbeiten überlebende Wissenschaftler, allen voran Dr. Caldwell (Glenn Close), fieberhaft daran, ein Gegenmittel zu finden. Dabei behilflich sind ihnen Kinder von vor der Niederkunft infizierten Müttern, die sie gefangennehmen und zu Untersuchungszwecken eingesperrt haben. Eines dieser Kinder ist die etwa zehnjährige Melanie (Sennia Nanua), ein sehr liebenswertes, überaus intelligentes Mädchen, das mit dem Makel leben muss, von einem tödlichen Fressinstinkt heimgesucht zu werden, sobald es lebendes Fleisch riecht. Melanie kennt nur die Abschottung ihres kargen Gefängnisses, ihre Kontakte sind die sie bewachenden Soldaten, die emotionale Lehrerin Helen (Gemma Arterton) und die sie rein als Objekt wahrnehmende Caldwell. Als die Forschungsbasis von den Zombies überrannt wird, kann ein kleine Gruppe fliehen, darunter Caldwell, Helen, der Soldat Parks (Paddy Considine) und Melanie. Während das Mädchen mehr und mehr das Vertrauen der Gruppe gewinnen kann, bleibt Caldwell ihr gegenüber skeptisch. Als sie in London auf die Ursache der Seuche stoßen, eine gewaltige Pflanze, die infiziöse Sporen absondert, findet Melanie ihre wahre Bestimmung.

Mit Zombie-Filmen, insbesondere mit den im Shutter-Modus flitzenden Wutzombies, wie sie einst Danny Boyle mit „28 Days Later“ eingeführt hat, ist das so eine Sache. Spätestens mit jener forcierten Kinetisierung hat der Zombie als mediale Sagengestalt den endgültigen Sprung ins Videospielzeitalter vollzogen und sich seither durch eine gewaltige Schwemme unterschiedlichster Subgenre-Variationen so dermaßen exponiert, dass der gesamte Topos bis in seine letzten Winkel ausgeleuchtet und so um jedwedes finale Geheimnis beraubt wurde. Der Zombie der Ära Romero, ehedem ein Symbol für garantiert nicht jugendfreies Nischenkino, ist nach seinen finalen Kulminationspunkten in den Neunzigern mit Jacksons „Braindead“ und Soavis „Dellamorte Dellamore“ längst zum familienkompatiblen Massenkulturgut avanciert, das sich selbst in TV-Serials großflächiger Beliebtheit erfreut, sogar bei Menschen, die in seinem Angesicht vor dreißig Jahren noch verächtlich die Mundwinkel verzogen hätten. Zombie darf heute jeder. Umso schwieriger scheint es angesichts dieses Exklusivitätsverlusts, dem Sujet noch interessante Seiten zu entlocken. Den ersten Domestizierungsversuch eines Zombies gab es bereits 1985 in „Day Of The Dead“, einem der Meisterwerke des just verstorbenen George A. Romero. Darin versuchte ein über seine ehrbaren Ambitionen hinaus durchgedrehter Wissenschaftler, einen gefangengenommenen Untoten zu rezivilisieren, verschaffte ihm sogar einen Namen („Bub“) und damit zugleich eine Persönlichkeit. Freilich forderten jene Anstrengungen gleich mehrere hohe Preise. Melanie in „The Girl With All The Gifts“ ist eine direkte Nachfahrin von Bub, wenn man so will, seine Enkeltochter. Als freundliches, kleines Mädchen mit einem gewaltigen Handicap ist sie die Vorbotin einer neuen Zombie-Generation, pränatal infiziert, vernunftbegabt, vor physischen Verfallserscheinungen geschützt, trägt sie die Fackel ihrer Spezies in eine neue Ära und dreht den unsäglichen Spieß, unter dem sie ihr bisheriges, kurzes Leben zu leiden hatte, schließlich im wahrsten Sinne des Wortes um. Dass dies in McCarthys Film nicht nur symbolisch geschieht, verschafft ihm einen zusätzlichen Wert, insbesondere auf der Subgenreebene. Und das ist heuer durchaus ein Verdienst.

8/10

ANTICHRIST

„I love you.“ – „You don’t.“

Antichrist ~ DK/D/F/S/I/PL 2009
Directed By: Lars von Trier

Der Unfalltod ihres kleinen Sohnes (Storm Acheche Sahlstrøm) während ihres eruptiven Koitus stürzt ein Ehepaar in eine tiefe Sinnkrise. Sie (Charlotte Gainsbourg) erleidet einen Nervenzusammenbruch, gefolgt von einer akuten Angststörung, woraufhin er – seines Zeichens Psychiater – sich ihrer annimmt, obschon eines seiner professionellen Dogmen vorsieht, dass Patient und Therapeut sich privat nicht nahestehen sollten. Um sie direkt mit ihren seelischen Wunden zu konfrontieren, reist er mit ihr in eine abgelegene Waldhütte genannt „Eden“, in der sie im Vorjahr im Beisein des Kindes an ihrer Dissertation gearbeitet hat und die im Rahmen ihrer Erkrankung offenbar eine besondere Sollbruchstelle einnimmt. Als er herausfindet, dass ihre Arbeit zum Thema „Hexenverfolgung“, einhergehend mit expliziten Studien zu Folter- und Exekutionsmethoden sie ehedem offenbar schwerer tangiert hat als zuvor angenommen, eskaliert die Situation.

Als Auftakt einer „Depressions-Trilogie“, die von Trier nach einer ihn höchstselbst betreffenden, entsprechenden Phase schuf, verfehlt „Antichrist“ – wenn auch nur knapp – die von ihm intendierte, niederschmetternde Wirkmacht. Kunstanspruch und surreale Überhöhungen stehen der notwendigen Erdung des ansonsten durchaus wagemutigen und phasenweise durchaus starken Stoffs im Wege. Der eigentliche Nukleus des in vier Akte unterteilten Ganzen, nämlich die thetische Unmöglichkeit einer langfristigen, glücklichen Beziehung zwischen Mann und Frau, verwischt sich durch seine Einbettung in eine wesentlich unschärfere Gemengelage, in der sich die zusätzlichen Motive Wahnsinn, Natursymbolik, Paganismus und Hexerei sich quasi die Kolinke reichen. Ich glaube, dass, hätte von Trier es bei dem inhaltlichen Grundstock der infolge barscher Schuldgefühle entgleisenden Ehe belassen, der Film also straighter und weniger verwinkelt geworden wäre, ein kohärenteres und vor allem konsequenteres Resultat hätte entstehen können. Mit Dafoe und vor allem der Gainsbourg stehen dem Filmemacher jedenfalls zwei Protagonisten zur Seite, die für ihn durchs Feuer gehen und die beide auf der absoluten Höhe ihrer Kunst agieren. Die gegen Ende durch ihre extremen Darstellungen beschwerten Bilder graben sich infolge ihrer erfreulichen Kompromisslosigkeit zudem tief ein beim Zuschauer und auch, dass von Trier zumindest auf formale Spielchen verzichtet, tut „Antichrist“ gut. Bleibt also der nach meinem Dafürhalten eine, große Makel der metaphorischen Verwässerung, über dessen Ursachen sich nur spekulieren lässt. Möglicherweise war die Angst davor ausschlaggebend, dass eine „begradigtere“, nahbarere Version dem Publikum allzu viel abverlangt hätte; möglicherweise wurde die Wahl der kombinierten Topoi auch einfach bloß als passend empfunden. Es könnte aber auch sein, dass der Film so ist, wie er ist, weil er von Lars von Trier stammt.

7/10

A CURE FOR WELLNESS

„I’m feeling much better now!“

A Cure For Wellness ~ USA/D 2016
Directed By: Gore Verbinski

Der bei einer New Yorker Bank arbeitende Yuppie Lockhart (Dane DeHaan) wird von der Firmenleitung damit knebelbeauftragt, vor Ort dem in einem exklusiven Kur-Ressort in den Schweizer Alpen weilenden Vorstandsmitglied Pembroke (Harry Groener) nachzuspüren und ihn zurück in die Staaten zu holen. Vor Ort angekommen, hat Lockhart einen Autounfall, der ihn mit einem gebrochenen Bein zurücklässt und ihn wider Willen selbst zu einem ungeplanten Aufenthalt in der Klinik nötigt. Alles dort ist seltsam – der mittlerweile aufgetauchte Pembroke, die anderen Patienten, der Chefarzt Volmer (Jason Isaacs), die junge, geheimnisvolle Hannah (Mia Goth), vor allem jedoch Volmers Therapiemethoden, die insbesondere den permanenten Genuss des angeblich heilsamen Quellwassers der Region vorsehen. Je länger Lockhart im Hause verwelt, desto mehr verschwimmen Halluzinationen und Realität. Was ist noch echt, was schon Albdruck?

Ein durchaus schöner, aktueller, von genießerischer Visualisierung getragener Horrorfilm und somit keine Selbstverständlichkeit. Irgendwo angesiedelt ist das inmitten von Guillermo del Toros „Crimson Peak“, dem erst kürzlich gesehenen „Saint Ange“ und ganz besonders Thomas Manns monumentalem „Zauberberg“, der vor allem eine nicht unwesentliche Rolle bei der Ersinnung der Geschichte um den marionettenhaft in de Ereignisstrudel geschubsten Banker Lockhart gespielt haben dürfte. Wie weiland vor rund einem Centennium für den Hamburger Hans Castorp in Davos verschwimmen für Lockhart irgendwann Zeit und Raum, wechseln realis und irrealis sich ab, wird sein Aufenthalt zu einer obskuren Mausefalle, von der man zunächst nicht recht weiß, ob sie einen Schutz vor der kapitalistisch pervertierten Außenwelt bietet oder doch wesentlich Sinistereres mit ihren Insassen vorhat. Große Finanzhaie und Manager verkehren in der Klinik des Dr. Volmer, allesamt nicht mehr die Jüngsten und alle trinken sie das Heilwasser aus der Zisterne unterhalb des Kurgebäudes, das seltsamerweise den Aal zu seinem Sinnbild ausersehen hat und weit oben auf einer nur höchst umständlich zu erreichenden Bergspitze ruht. Nach einigen höchst entsichernden Erlebnissen weiß man auch als kaum minder orientierungsloser Rezipient noch immer nicht recht, ob der sich verlierende Lockhart ein Opfer seiner persönlichen Traumata, die direkt dem Kannibalismus der internationalen Hochfinanz entspringen, ist oder ob die wirren Eindrücke tatsächlich realen Ursprungs sind. Die etwas campige, aber nichtsdestotrotz gut passende Auflösung verheißt schließlich Gewissheit. Dass sich davor eine der fiesesten „Zahnbehandlungen“ im Kino findet seit „The Marathon Man“ (Yuznas zwei „Dentist“-Filme sind dagegen geradezu Waisenknaben), sei an dieser Stelle ausdrücklich als Warnung verstanden.

8/10

DIE WEIBCHEN

„Ihr werdet schon sehen…“

Die Weibchen ~ BRD/I/F 1970
Directed By: Zbyněk Brynych

Eve (Usch Glas) bekommt eine sechswöchige Erholungskur verabreicht – in Bad Marein, das bis auf wenige Ausnahmen völlig bevölkert scheint von weiblichen Bewohnern und Kurgästen. Ferner gibt sich die Damengemeinde mit ihren vielfach exaltierten bis exzentrischen Vertreterinnen, allen voran die Kurchefin Dr. Barbara (Gisela Fischer) durchweg eigenartig. Zufällig durchreisende Männer verschwinden urplötzlich und bald erfährt Eve auch, warum: Nach einem kurzen koitalen Intermezzo werden sie ermordet. Der dauerbesoffene Kommissar (Hans Korte) ist Eve keine Hilfe und auch der lebenslustige Aussteiger Johnny (Alain Nouri), der Eve ganz gut gefallen könnte, hält ihre Beobachtungen für überspannte Phantastereien. Von der malignen Passivität der Herren abgestoßen, fügt Eve sich in den allgemeinen, Femininkonsens von Bad Marein…

Der dritte von drei deutschsprachigen Kinofilmen des Exil-Tschechen Zbyněk Brynych ist wie seine beiden Vorgänger ein deliranter Traum überspannt-anarchischen Filmemachens wider die Konventionen. „Die Weibchen“ als böse Feminismus-Satire zu bezeichnen, trifft zwar zu, den Nagel jedoch nur bedingt auf den Kopf. In allererster Linie ist er ein grandioses Lehrstück darüber, was dereinst im (deutschen) Kino möglich war, welch überbordende Blüten die Kreativität eines (mittlerweile zumindest von Teilen der Filmwissenschaft) anerkannten Künstlers wie Brynych zu treiben befugt war, ohne von gar zu wohlmeinenden Interferenzlern zurückgestutzt zu werden. Die Kamera von Charly Steigenberger, dem der deutsche Film ohnehin viel Großartiges verdankt, nimmt sich passend zum Inhalt angemessen entfesselt aus: Eine Fischaugen-Perspektive als Rahmengestaltung, Traumlogik und Barbarei. Dass „Die Weibchen“ als Aufnahme levin’scher, soziale Albtraumphantasien seinen Platz eigentlich auch in jeder ernstzunehmenden Genre-Kanonisierung seinen festen Platz einnehmen müsste, wird spätestens dann zur akuten Gewissheit, wenn man einen aktuellen Film wie „Get Out“ betrachtet, der sich zumindest thematisch in ganz ähnlichen Kreisen bewegt, wenngleich unter umgekehrten Vorzeichen.
Man sollte sich von Manfred Purzers phantastischem „Entwurf“ einer kannibalischen Emanzengemeinde in der Tarnung eines spießigen Kurbades ferner nicht etwa dazu hinreißen lassen, den „Weibchen“ reaktionäre Tendenzen zu unterstellen, im Gegenteil. Der Film geht trotz diverser augenzwinkernder Momente wie der öffentlichen BH-Verbrennung, vielmehr so weit, dem selbstsicheren Patriarchat seine verdiente Abenddämmerung zu prophezeien: Das Zeitalter testosterongesteuerter Arroganz und Selbstsicherheit nährt sich seinem schwarzwitwigen Ende. Typen wie das von George Ardisson, Kurt Zips und Klaus Dahlen vorgestellte Trio von Wochenend-Playboys jedenfalls sind gesellschaftsintern gerade so obsolet, wie ihr Fleisch noch halbwegs schmackhaft und bissfest ist. Die Amazonen übernehmen. Was sollen sie auch sonst tun? Dass nebenbei Filme wie „Die Weibchen“ (und zuletzt natürlich auch „Blutiger Freitag“) mittlerweile in solch vorbildlichen Editionen von hiesigen Labeln wie Bildstörung und Subkultur zu haben sind, schafft Raum für neue Hoffnung und verweist all die langweiligen Streaming-Dienste so sehr auf die Plätze, dass es eine Art hat. Vielen Dank dafür. Mit Sahnehäubchen.

9/10

LIFE

„Don’t open!“

Life ~ USA 2017
Directed By: Daniel Espinosa

Mit großen Erwartungen nimmt die internationale, sechsköpfige Crew der im Erdorbit schwebenden ISS eine vom Mars zurückkehrende Sonde entgegen, die nicht nur Bodenproben, sondern offenbar auch einen von dort stammenden Kleinstorganismus mit sich führt. Das winzige, von via Satellit zugeschalteten Schulkindern „Calvin“ getaufte Wesen entpuppt sich jedoch als wesentlich komplexer denn zunächst vermutet: Rasch wächst die amorphe, entfernt an einen Polypen erinnernde Kreatur heran und attackiert mit blitzartiger Geschwindigkeit die Crew – mit tödlichen Folgen. Schließlich bleibt den beiden letzten Überlebenden Jordan (Jake Gyllenhaal) und North (Rebecca Ferguson) nur die Enntscheidung, wie man Calvin am Effektivsten von der Erde fernhält.

Life on Mars? – But yes! Sich explizit an Ridley Scotts Original orientierende „Alien“-Rip-Offs gab es bis in die Neunziger hinein wie Sand am Meer, dann folgte eine kleinere Welle von Genrefilmen, in denen der Menschheit begegnende Extraterrestrier die Erde in invasorischer Größenordnung attackierten, gefolgt von oftmals vulgärphilosophischem Mystizismus-Quark, der die Außerirdischen als unfassbare, uns Erdbewohnern wahre Evolutionsschübe verabreichende Entitäten porträtierte. Ein possierliches Einzelmonster, das eine überschaubare Raumschiff- oder Raumstationscrew in Spielfilmlänge bis zum unausweichlichen Finalduell dezimiert, gab es indes schon seit Längerem nichtmehr im größer budgetierten Science-Fiction-Film. Der recht prominent besetzte „Life“ greift also ein zuletzt eher vernachlässigtes Genre-Segment auf, das sich seit jeher durch seine große Schnittmenge mit dem Horrorkino auszeichnet: Der künstliche, von der Erde losgelöste Himmelskörper tauscht seine Funktion als von Menschen geschaffenes, futuristisches Wunderwerk mit der des klaustrophobischen Gefängnisses, das für den ultra-anpassungsfähigen, mörderischen Fremdling gleichermaßen zum Jagdrevier avanciert. Calvin, so der durchaus niedliche Name des Marssprösslings, entpuppt sich dabei als wahrer Überlebenskünstler, der sogar den guten, alten Xenomorphen noch etwas vormachen könnte: Mithilfe seiner wirbellosen, wabernden Gestalt flutscht und huscht er in Windeseile durch alle Röhren und Gänge der ISS und hält es sogar längere Zeit im Vakuum des Alls aus, ohne weiteren Schaden zu nehmen. Entsprechend verständlich die Sorge der recht willkürlich zusammengestellten Multikulti-Astronautengruppe um die eigenen Existenzen und schließlich, nach der bitteren Erkenntnis, dass diese sowieso keinen Pfifferling mehr wert sind, um die Erde als Ganzes. Leider baut „Life“ mit zunehmender Erzählzeit etwas ab und fügt sich in die unausweichliche Vorhersehbarkeit: Während die ersten Studien rund um Calvin und vor allem sein erster Angriff, der dem keinesfalls unvorsichtig vorgehendeen Wissenschaftler Derry (Ariyon Bakare) gilt und dessen Hand in Mitleidenschaft zieht, noch vor gekonnten Spannungsschüben strotzen, wird es dann irgendwann beliebig und altbekannt. Dennoch finde ich es grundsätzlich erfreulich, dass im Stellaren spielendes Science-Fiction-Kino heuer doch nicht wie befürchtet zwangsläufig mit geistesblitzendem Krimskrams wie „Interstellar“ oder „Arrival“ assoziiert werden muss, sondern dass blood’n guts auch hier noch ihren Platz haben. Wenngleich ein paar Übungszüge bis zum wahrlich properen Freischwimmer zumindest in diesem Falle gewiss noch Not getan hätten.

7/10