THE VISIT

„I never liked you anyway.“

The Visit ~ USA 2015
Directed By: M. Night Shyamalan

Damit die gebeutelte Mama (Kathryn Hahn) einmal bei einer Kreuzfahrt entspannen kann, entschließen sich ihre beiden Kids, die Teenager Becca (Olivia De Jonge) und Tyler (Ed Oxenbould), eine Woche lang ihre Großeltern in der Provinz zu besuchen, die sie Zeit ihres Lebens noch nie gesehen haben. Becca, eine Hobbyfilmerin, die zudem das schwierige Verhältnis ihrer Mom zu ihren Großeltern psychologisch aufdröseln möchte, hält den Trip dokumentarisch mit ihrer Kamera fest. Bei Oma (Deanna Dunagan) und Opa (Peter McRobbie) angekommen, scheinen das alte Paar zunächst sehr putzig und nett zu sein, dann jedoch entdecken die Kinder nach und nach immer mehr sonderbare Verhaltensweisen bei den beiden, die ihnen den Aufenthalt zunehmend unangenehm gestalten…

Spätestens wenn die „Großmutter“ Becca zum ersten Mal bittet, komplett in den riesigen Küchenofen zu krabbeln, um ihn zu säubern, wird klar, woher M. Night Shyamalan die wesentliche Inspiration für sein vielerseits als „Comeback-Werk“ erachtetes, düsterhumoriges Werk bezog: „Hänsel und Gretel“ stand eindeutig Pate für „The Visit“, wenngleich die böse Prämisse der Originalgeschichte, in der die Kinder aus wirtschaftlichen Gründen im Wald ausgesetzt werden, um zu verhungern, hier einem in soziologischer Hinsicht sehr viel moderateren Kontext weichen durfte. Zudem wird aus der kannibalisch veranlagten Hexe ein psychopathisches Substitutspärchen, das sein wahres Gesicht erst im Zuge des typisch shyamaln’schen twist zum Ende hin offenbart und den Kindern gleich im Doppelpack zu schaffen macht. Dazwischen ist allerlei Zeit für ein paar fiese, geschmacksunsichere Gags um einen Jahjresvorrat vollgeschissener Inkontinenzwindeln und einer blitzschnell unter der Veranda umherkrabbelnden „Nana“. Dennoch, und auch das ist ein stetes Werksmerkmal des Regisseurs, hält sich „The Visit“ in punkto allzu graphischer Ausprägung seiner in einen ziemlich handfesten Showdown mündenden Inszenierung zurück. Recht interessant ist ferner, wie Shyamalan, der ja ebenso traditionell mit langen, bisweilen aufreizend lakonisch wirkenden Einstellungen eine bildinhärente Dynamik zu erzeugen weiß, dass Konzept des embedded filming handhabt. Denn obwohl wir alles durch das subjektive Auge von Beccas Kamera sehen, fällt der Regisseur nie der Versuchung anheim, sich durch Hektik oder Unübersichtlichkeit aus der stoischen Ruhe bringen zu lassen. Insofern bietet „The Visit“ auch einen durchaus als innovativ zu bezeichnenden Beitrag zu jener ja längst etablierten, formalen Spielart.

7/10

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THE EVIL

„YOU did all that?“

The Evil ~ USA 1978
Directed By: Gus Trikonis

Der Psychiater C.J. Arnold (Richard Crenna) hat den ehrgeizigen Plan, ein noch aus Bürgerkriegszzeiten stammendes, leerstehendes Landhaus, das er erworben hat, in ein Therapiezentrum für Suchtkranke umzufunktionieren. Bei der anstehenden Renovierung unterstützen ihn an einem ersten Wochende seine Frau Caroline (Joanna Pettet), ein paar Freunde und Stammpatienten. Das Haus jedoch birgt ein schreckliches Geheimnis: Sein einstiger Erbauer Emilio Vargas (Galen Thomson), der Caroline immer wieder als Geist erscheint, hat den Bau zu dem einen Zwecke errichtet, ein unter ihm befindliches Höllentor zu sichern und vor der Außenwelt zu verbergen. Im Keller befindet sich jene ominös versiegelte Falltür, unter der es heftig rumort. Als der strenge Rationalist C.J. die Luke öffnet, entweicht erwartungsgemäß das höllische Böse und knöpft sich einen nach dem anderen der unversehens im Hause gefangenen Besucher vor…

Für einen Film, der sich großspurig ankündigend selbst „The Evil“ tituliert, gibt Gus Trikonis‘ kleiner Teufelshausschocker ein eher possierliches Unterfangen ab. Was zunächst keine besondere Rolle spielt: Die Prämisse ist diesmal etwas fabulierfreudiger als in populäreren Repräsentanten des Subgenres, es geht nämlich weder um eine Gruppe unverdrossener Parapsychologen, die ausziehen, das wahre Fürchten zu lernen, noch um ein unbedarftes Ehepaar nebst optionaler Familie, dem bald das durch die Neuankömmlinge herausgeförderte Böse tüchtig die Wände erzittern lässt. Stattdessen haben wir einen erklärten Atheisten mitsamt achtköpfigem Anhang (auch ein Hund ist dabei, der als erster zum Bessenen wird). Hinreichend Futter und Gelegenheit also für die bereits in den Startlöchern befindlichen, infernalischen Kräfte, ihr schwefeliges Wirken zu demonstrieren und sich, nach hermetischer Verriegelung aller Wege aus dem Bau hinaus, einen nach dem anderen der hilflosen Probanden auf illustre Weise vorzuknöpfen. Es slashert also auch ein bisschen, eine Methodik, die anno 78 im Genre des haunted house noch nicht wirklich großflächig etabliert und somit recht neu war. Die nicht immer als HerrInnen ihrer Sinne wild und unorganisiert durch die Räume rennenden Leute zerlegt es dann auch auf teils hübsche Art und Weise, was der ansonsten nicht immer zugkräftigen Dramaturgie einige willkommene Wachmacherschläge auf den Hinterkopf versetzt.
Der immer sehr seriös wirkende Richard Crenna bürgt dann auch dafür, dass es niemals allzu albern wird, bis zum Schluss, der mir auch mit gebührendem Abstand nicht ganz in den Kopf hineinwill und von dem ich nicht recht weiß, ob er vielleicht einer der bizarrsten Fälle von vorsätzlicher Selbstdemontage der gesamten Filmgeschichte darstellt: Unterhalb des Hauses begegnet C.J. Arnold nämlich niemand Geringerem als Satan persönlich. Dieser sitzt in Gestalt des wohlbeleibten Victor Buono lustig feixend und ganz in Weiß (aber ohne Blumenstrauß) auf einem Thron und konfrontiert den Mann des Geistes mit seinem steten Glaubensverzicht. Dieser obskure Aufzug erschien mir weder bedrohlich noch sonstwie unheimlich, sondern eben nur eines: grotesk. Ob Gus Trikonis mit jenem Antifinale nun seinen Sinn für Situationskomik unter Beweis stellen, Genremechanismen aushebeln oder seinem Publikum schlicht einen Tritt in den Arsch versetzen wollte, weiß ich nicht – ich für meinen Teil nehme es einfach, wie es sich wohl am Besten nimmt: mit Humor.

6/10

BOAR

„They’re all dead!“

Boar ~ AUS 2017
Directed By: Chris Sun

Ein gewaltiger Keiler, der auf alles los geht, was sich bewegt, macht den australischen Outback unsicher. Selbst die härtesten Typen scheitern an ihm. Es bedarf erst dreier tapferer Frauen (Simone Buchanan, Christie Lee-Britten, Melissa Tkautz), um das Riesenvieh in die Schranken zu weisen.

Von räudigen Schweinen und reanimierter Ozploitation: Gern hätte ich frohgemut verkündet, dies sei der bessere „The Meg“ – leider ist er es nicht.
„Boar“, der vierte Film des australischen Horrorauteurs Chris Sun, bildet erwartungsgemäß eine kleine Hommage an Russell Mulcahys 35 Jahre alten „Razorback“, freilich ohne dessen visuelle Kraft und delirierende Atmosphäre und stattdessen offenkundig konzipiert als lustiges event movie für Splatterfans und Festivals. Als solches funktioniert „Boar“ dann auch leidlich, krankt zugleich jedoch ebenso nachhaltig daran, dass er seine titelgebende Naturgewalt als veritables Schrecknis zu veräußern versäumt und sich stattdessen mit einem Status als derbe Komödie zufrieden gibt. Anders als Mulcahy, der seinem SUV-formatigen Borstentier seinerzeit noch den schmutzigen, mystifizierten Hauch eines präapokalyptischen Endzeitboten zu verleihen wusste, lässt Sun den Eber einfach ungebremst von links nach rechts und umgekehrt durchs Bild preschen und den Leuten, die das Pech haben, sich in seiner Nähe aufzuhalten, die Köpfe abbeißen. Als Fanvehikel indes ist „Boar“ zumindest mäßig sinnstiftend: John Jarratt aus dem „Wolf Creek“-Franchise lässt sich blicken, es gibt ein Wiedersehen mit Roger Ward und Steve Bisley (mit letzterem freilich nur ein sehr kurzes in Cameo-Form) und auch der massige Aussie-Wrestler Nathan Jones stellt seine beeindruckende Physis zur Schau – Genre-Veteran Bill Moseley nicht zu vergessen. Dass sie alle jedoch unwesentlich mehr als Staffage sind und Sun letzten Endes kaum etwas wirklich Sinnstiftendes mit ihnen anzufangen weiß, stimmt nicht eben milde. Immerhin, was viele ihm zugute halten, will auch ich nicht außer Acht lassen: Dass Sun weitgehend auf CGI verzichtet und das Wildschwein zumindest in Halbtotalen und Nahaufnahmen als animatronisches Untier präsentiert, weiß zu gefallen, ebenso wie die hervorhebenswerte Tatsache, dass er seine alten, zauseligen Buschveteranen um Jarratt und Ward ihre Dialoge zumindest teilweise mutmaßlich in derbstem Kaugummidialekt improvisieren ließ. Der kontinentalen Atmosphäre ist dies durchaus zuträglich und ein Grund mehr, die deutsche Synchronfassung zu meiden wie der Teufel das Weihwasser, denn diese entpuppte sich bereits nach einer Minute als gänzlich fürchterlich und unbrauchbar und könnte „Boar“ zumindest diesbezüglich weitaus ungenießbarer machen, als er es schlussendlich verdient.

4/10

MIENTRAS DUERMES

Zitat entfällt.

Mientras Duermes (Sleep Tight) ~ E 2011
Directed By: Jaume Balagueró

César (Luis Tosar) ist Hauswart in einem Mehrfamilienhaus in Barcelona. Seine Mutter (Margarita Roset) liegt, unfähig, sich zu artikulieren, in einem Krankenhaus. Sie weiß, dass mit César Manches nicht stimmt, zumal er ihr  regelmäßig von sich berichtet. César ist einsam, hat keine Freunde und kompensiert seine Isolation damit, die Bewohner „seines Hauses“ zu manipulieren. Am Schlimmsten trifft es die junge Journalistin Clara (Marta Etura): César hat es sich zur Angewohnheit gemacht, sich allabendlich unter ihrem Bett zu verstecken, sie nach dem Einschlafen per Narkotikum zu betäuben und dann unbemerkt neben ihr zu nächtigen. Parallel dazu schreibt er Clara erniedrigende Briefe und SMS. Eigentlich sucht César jedoch keine Liebe oder Zuneigung. Eigentlich möchte er nur eins: Dass Clara nie wieder lächelt…

Privatsphärenphobiker obacht: Jaume Balaguerós trefflich sarkastische, schwarze Komödie steht ganz in der Tradition von Polanskis Mietshaus-Trilogie oder von Schlesingers „Pacific Heights“, wobei diesmal keine MieterIn, sondern der Hauswart unwägbare innere Abgründe vorweist. Auch verrückte Hausmeister pflegen eine kleine, aber beständige Genretradition, der Luis Tosars César einen besonders bösartigen, schillernden Vertreter hinzusetzt. Der Akteur entwirft das geschlossene Bild eines waschechten Psychopathen, dessen boshafte Natur sowohl verhindert, dass er enge zwischenmenschliche Kontakte pflegen kann, als auch, dass er längerfristig eine Arbeitsstelle behält. César ist ein Berufsnomade in Barcelona, der immer wieder aneckt und dann woanders neu anfangen muss. Doch geht auch sein solipsistisches Dasein nicht spurlos an ihm vorbei; allabendlich steht er auf dem Dachfirst, um sich herunterzustürzen. Doch seine diabolische Kreativität und manchmal auch das Schicksal selbst verhindern jedesmal aufs Neue den erlösenden Sprung. Man weiß nicht, was César zuvor schon alles angestellt hat; seine durchtriebenen Einmischungen in die Lebensläufe der Hausbewohner und Mitangestellten lassen allerdings hinreichend spekulieren. Ganz wunderbar finde ich, wie einserseits zentral und andererseits lapidar Balagueró Césars Charakteristik entwirft. Wenn der so schwer gestörte Mann tatsächlich einmal die Contenance einbüßt, dann garantiert allein und lediglich unter Beobachtung des Zuschauers. Auch, wenn sein kriminelles Potenzial noch weit davon entfernt ist, das Prädikat „genial“ auferlegt zu bekommen, so wahrt er selbst in der Gegenwart seiner Verdächtiger und Ankläger stets augenscheinliche Ruhe und Gelassenheit, mit zwei Ausnahmen: Einem kleinen Mädchen (Iris Almeida), das ihm mit Erpressereien zusetzt, demonstriert er nachhaltig, was wirkliche Bösartigkeit ist und einem Angreifer (Alberto San Juan), der sein Treiben durchschaut hat, muss er im offenen Zweikampf beikommen. Ein – recht gemeiner – Verdienst des hervorragend ausgearbeiteten Scripts liegt dann in der seltenen Chuzpe, den so bösen Antihelden auch im Epilog noch ein letztes Mal reüssieren zu lassen.
Als galliges Porträt einer zutiefst vulnerablen, von allseitigem Misstrauen und Paranoia geprägten, modernen Gesellschaft gehört „Mientras Duermes“ zum Besten, was ich in jüngster Zeit zu sehen bekommen habe. Klasse!

9/10

OVERLORD

„Welcome to France, boys.“

Overlord (Operation: Overlord) ~ USA 2018
Directed By: Julius Avery

Am 5. Juni 1944, dem Vorabend des D-Day respektive der „Operation Overlord“, soll eine kleine Schar alliierter Fallschirmjäger den Sonderauftrag ausführen, einen deutschen Störsender auszuschalten, der sich in der Kirche eines kleinen Provinzdorfs befindet. Nachdem bereits die nächtliche Landung einige Opfer gekostet hat, gelingt es vier überlebenden Soldaten, Corporal Ford (Wyatt Russell) und den Privates Boyce (Jovan Adepo), Tibbet (John Magaro), Chase (Iain De Castecker) und Dawson (Jacob Anderson), Kontakt zu der jungen Französin Chloe (Mathilde Ollivier) aufzunehmen, die die Männer in ihrem Haus versteckt. Doch in dem Dörfchen und insbesondere der Kirche geht es nicht mit rechten Dingen zu, wie Boyce, dem es gelingt, in das Tunnelsystem unterhalb des Gotteshauses zu gelangen, bald herausfindet: Der Nazi-Wissenschaftler Schmidt (Erich Redman) ist dort auf eine teerartige Substanz im Erdreich gestoßen, die, mittlerweile diversen unfreiwilligen Versuchspersonen injiziert, Schmidts Probanden zu ebenso wahnsinnigen wie superstarken Zombies mutieren lässt. Boyce und die anderen haben bald alle Hände voll zu tun, die SS und ihre Nazimonster aufzuhalten…

Aus J.J. Abrams‘ „Bad Robot“-Manufaktur stammt dieser gelungene Ansatz, dem Naziploitation-Genre abermals neues Leben einzuhauchen. Hitler, dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich wurde in der Trivialkultur im Grunde bereits seit den Tagen ihrer kläglichen Existenz (man denke nur an das ikonische Cover der ersten „Captain America“- Ausgabe von Timely Comics im März 1941, das den patriotisch gewandeten Superhelden zeigt, wie er dem Führer persönlich einen kräftigen Kinnhaken verabreicht und dessen lustvolle Realitätsverzerrung auch „Overlord“ präserviert)  immer wieder versucht, durch popkulturelle Überhöhungen beizukommen. Dies geschah in mal mehr, mal weniger akzeptabler Form, wobei häufig mad scientists und Okkultismus eine bedeutsame Rolle bei den phantastischer geprägten Exkursen der Gattung spielten. So erinnert „Overlord“ nicht von ungefähr an den erst sechs Jahre alten „Frankenstein’s Army“, in dem niemand Geringerer als der Enkel Dr. Frankensteins Monstersoldaten für die darbende Wehrmacht der letzten Kriegstage erschafft. Ganz so grotesk nimmt sich Julius Averys Film zwar nicht aus, seine Fabulierfreude entpuppt sich aber als dennoch ansteckend, zumal es im Zusammenhang mit den entseelten Kreaturen auch zu mancherlei deftigen Aufzügen kommt.
Das Ganze ist bei allem geschmäcklerischen Wagemut (der freilich wiederum gar nichts ist im Vergleich zu den italienischen Kloppern aus den Siebzigern von Sergio Garrone, Bruno Mattei oder Mario Caiano) zudem überaus sauber und enthusiastisch gefertigt, so dass es bei einer gekonnt aufgerichteten Spannungskurve allenthalben für diverse kinetische, actionreiche Sequenzen reicht. Wenn Nazis plattgemacht werden, dann ist das ja sowieso immer was Schönes und Avery hat seine diesbezüglichen Lektionen ausgiebig gelernt.

8/10

HUMONGOUS

„What are you doing? What do you have in mind?“

Humongous ~ CAN 1982
Directed By: Paul Lynch

Eric (David Wysocki), Nick (John Wildman) und Carla (Janit Baldwin), drei jugendliche Kinder wohlhabender Eltern, und ihre Freundinnen Sandy (Janet Julian) und Donna (Joy Boushel) unternehmen mit der Familienyacht einen Törn auf dem Lake Michigan. Der ältere, vernünftige Eric und der aufbrausende Nick sind sich nicht wirklich grün. An einem nebligen Abend nehmen sie den schiffbrüchigen Angler Bert (Layne Colman) an Bord, der ihnen von der auf einer Insel im See hausenden Ida Parsons (Shay Garner) berichtet, die dort mit ihren Hunden das Dasein einer verschrobenen, ältlichen Einsiedlerin führen soll. Ein handfester Streit von Eric und Nick sorgt dafür, dass die Yacht in der Nähe jener „Hundeinsel“ kentert. Das Sextett kann sich an Land retten und macht alsbald die unangenehme Bekanntschaft eines ungeschlachten Gesellen, der sich als geistig wie physisch deformierter Sohn (Garry Robbins) der längst verstorbenen Ida Parsons herausstellt und der nie zuvor mit anderen Menschen in Berührung geraten ist…

Paul Lynchs kostengünstig hergestellter Slasher „Humongous“ teilt sich mit dem etwa ein Jahr zuvor gestarteten „The Unseen“ von Danny Steinmann den vergleichsweise unbepflügten Topos des „Kaspar-Hauser-Monsters“, eines fernab jedweder zivilisatorischen Einflussnahme aufgewachsenen und obendrein einer bestialischen Vergewaltigung entstammenden Kindes also, das sich zu einer Art hünenhaftem Mutanten ohne moralische Bremsen entwickelt hat und dessen urwüchsig-animalisches Naturell sich im jungfräulichen Kontakt mit unvorbereiteten Großstädtern umgehend als todbringend erweist. Auch deutliche Anklänge an Joe D’Amatos berüchtigten „Anthropophagus“ und dessen Motiv der entvölkerten Insel, auf der das Grauen im Verborgenen lauert, lassen sich bei Lynch ziehen. Mit Ausnahme des diesmal aus naheliegenden Gründen also kaum psychologisch unterfütterten Killers und des vergleichsweise ungewohnten Schauplatzes des einsamen Eilands hält sich „Humongous“ allerdings weitgehend an die Spielregeln des just fröhlich aufploppenden Subgenres; von den jugendlichen, fast gänzlich unsympathischen Protagonisten über die das Grauen vorbereitende und prologisierende campfire tale, den trägen Spannungsaufbau sowie die sich in rascher Folge abspielende Dezimierung der Gruppe bis hin zum final girl (Janet Julian, eine sehr nette Aktrice, die man später noch zweimal bei Abel Ferrara bewundern konnte) und dessen diverse nur scheinbar erfolgreiche Versuche, dem widerborstigen Unhold endgültig den Garaus zu machen, wurde die Grundrezeptur bald sklavisch eingehalten. Was Lynchs Film dann zumindest noch einen kleinen Exklusivitätsbonus beschert, ist seine oftmals über das gewohnte Maß hinaus reichende, abseitig wirkende und – das darf und muss man wohlwollend konstatieren – gekonnt evozierte Grundstimmung, die recht geschickt die eine oder andere Urangst des WASP-Amerikaners vor brutaler Archaik und unberechenbaren Atavismen widerspiegelt, wie sie üblicherweise dem Backwood-Sektor zu eigen ist.

5/10

100 FEET

„You wouldn’t believe me anyhow…“

100 Feet ~ USA 2008
Directed By: Eric Red

Die letzten Monate ihrer dreijährigen Freiheitsstrafe darf die Witwe Marnie Watson (Famke Janssen) unter strengem Hausarrest in jener Immobilie verbringen, in der sie zuvor ihren Ehemann, den Polizisten Mike (Michael Paré) in Notwehr erstach – Mike hatte sie während ihrer Ehe permanent geschlagen und Marnie nach Einreichung der Scheidung gedroht, sie endgültig umzubringen, weswegen ihr einzig dieser letzte Ausweg blieb. Nunmehr muss Marnie eine Fußfessel tragen, die ihr nicht erlaubt, sich für einen längeren Zeitraum mehr als 100 Fuß von einem im Haus angebrachten Sender zu entfernen. Mikes früherer Partner Shanks (Bobby Cannavale) ist zudem der festen Überzeugung, dass Marnie etwas verbirgt und beschattet sie daher nahezu pausenlos. Was er nicht ahnen kann: Mikes Geist wandelt noch immer durchs Haus und vergreift sich trotz seines Ablebens weiter an Marnie, deren nunmehr einziger zwischenmenschlicher Kontakt zu dem Botenjungen Joey (Ed Westwick) sich mehr und mehr intensiviert – eine Entwicklung, die Mikes Geist so gar nicht schmeckt…

Marnie’s late revenge: Eric Reds bis dato letzte Regiearbeit fürs Kino (ihrerseits nach einer Pause von 12 Jahren) ist ein angesichts seiner Doppelbödigkeit nicht uncleveres und zugleich an pulpige EC-Wurzeln erinnerndes Spuk-Kammerspiel mit einem ungewohnt aktiven und zu überaus manifesten Aktionen im Stande befindlichen Rachegeist, den Michael Paré (der bereits in „Bad Moon“ als übellauniger Werwolf reüssierte) leider nur schemenhaft mit seiner Präsenz bereichert. Sehr viel mehr zu tun hat da die dauerpräsente Famke Janssen in einer ihrer, wie ich finde, dankbarsten Rollen als zu dessen Lebzeiten und eben auch darüber hinaus von ihrem Gatten geplagte Ehefrau, die, von ihrem gesamten Umfeld missverstanden und geächtet, aller Verzweiflung zum Trotze immer neue Gipfel emanzipatorischer Wehrhaftigkeit erklimmen muss. Ihr dabei zuzusehen, wie sie zunächst bemüht ist, sich aller Relikte ihres früheren, undankbaren Ehelebens zu entledigen, nur um dann umso härter von dem toten Mike für ihre fortwährende „Untreue“ bestraft zu werden, das wird von Red, der sich selbst den singulären Schauplatz als Handlungsträger auferlegt, sehr einnehmend und spannend inszeniert. Subtile Gespensterattacken sind des Regisseurs Sache nicht; sein wutschnaubender Poltergeist geht in die Vollen wie kaum einer seiner bekannten Artgenossen, bis er, nach einem vermeintlichen kathartischen koitalen Intermezzo mit seiner Witwe, den juvenilen Nebenbuhler Joey im Zuge einer recht heftigen Sequenz praktisch jeden Knochen einzeln umdreht. Es erweist sich als im Sinne klimaktischen Turmbaus durchaus erfreulich, dass Red sich diese gewaltvolle Entladung und Demonstration von Mikes tatsächlichen Fähigkeiten für eine späte Handlungsminute aufbewahrt und darauf dann sogleich den Showdown folgen lässt, anstatt sein F/X-Pulver allzu früh zu verballern, aber das ist ja stets eines seiner Markenzeichen geblieben. Allzu ernst nehmen sollte man diese Mär am Ende des Tages jedenfalls nicht. Red arbeitet just an einem Bigfootploitation movie, dem ich nach der Betrachtung von „100 Feet“ und somit der Bestätigung, dass mit Red immer noch zu rechnen ist, durchaus frohgemut entgegensehe.

7/10