SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10

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VICTOR CROWLEY

„We are so dead.“

Victor Crowley ~ USA 2017
Directed By: Adam Green

Nach Jahren der trügerischen Ruhe brodelt es wieder im Honey Island Swamp – ein dulles Trio von Amateurfilmern (Katie Booth, Chase Williamson, Laura Ortiz) sorgt durch seine Unachtsamkeit dafür, dass der mutierte Massenmörder Victor Crowley (Kane Hodder) die längste Zeit im Jenseits schlummerte. Zudem stürzt das Flugzeug eines Fernsehteams, das den damaligen Überlebenden Andrew Yong (Parry Shen) vor Ort interviewen möchte, vor Ort ab. Der alte Victor bekommt einiges zu tun…

Wie es sich für standesgemäße boogy men ziemt, war auch die Reaktivierung des Sumpfmonsters Victor Crowley, standesgemäß wieder von Kane Hodder interpretiert, bloß eine Frage der Zeit bis zur ohnehin überfälligen Rückkehr zum blutigen Aktionismus. Nachdem Kollege BJ McDonnell ihn im dritten Teil auf dem Regiestuhl ablöste, überraschte Adam Green seine Fangemeinde beim Frightfest UK im Herbst letzten Jahres mit der Eröffnung, dass ein neuer „Hatchet“ nicht nur in Planung, sondern bereits fertig sei und itzo auch gleich angeschaut werden könne. Die Reaktionen der Anwesenden sollen höchst euphorisch ausgefallen sein, was man ihnen angesichts der Überraschung kaum verdenken kann.
Nachdem bereits die Vorgänger keinen Hehl aus ihrer unbedingten Affinität zur Selbstironie und Transzendierung des gesamten Genres machten, ist „Victor Crowley“ nun endgültig reine Comedy, die sich jedoch durch dermaßen fiese (handgemachte!) Pampereien und matschiges Blutgesuhle angereichert findet, dass das Ganze natürlich trotzdem weiterhin seinem ganz exklusiven Publikum vorbehalten bleibt. Greens kernige Witze zünden zwar nicht immer, erweisen im besten Falle aber Humor-Großtätern wie Adam Sandler und Will Ferrell Reverenz, wobei die Rolle des schmierigen, am Ende aber doch aufopfernd-heldenhaften Touri-Führers Dillon (David Sheridan) besonders letzterem perfekt auf den Leib geschrieben gewesen wäre. Auch sonst ist Green ein ganzes Konglomerat aus Reminiszenzen und Hommages aus der Feder geflossen, die freilich auch wieder mit einigen netten cameos einhergeht.
Den Hut ziehen muss man diesmal ganz im Ernst vor der sich immer zeitgemäßer und liberaler gebenden FSK, die das gnadenlose Überspitzungspotenzial des Films völlig durchblickt und ihn ungeschnitten mit einer 18er-Freigabe durchgewunken hat. Vor dreißig Jahren wäre das Ding einkassiert worden, bevor der erste bundesdeutsche Filmvorführer auch nur ein Spitze von Victor Crowleys zauseligem Haupthaar zu Gesicht bekommen hätte. Humor muss man haben, dann klappt’s auch mit dieser Spaßgranate.

7/10

JIGSAW

„You have a choice. Scream or don’t.“

Jigsaw ~ USA/CAN 2017
Directed By: Michael Spierig/Peter Spierig

Ganze zehn Jahre nach dem Tod des Jigsaw-Killers John Kramer (Tobin Bell) beginnt ein Unbekannter, dessen etwas perverse Moralagenda aufs Neue in die Tat umzusetzen. Der hartgesottene Cop Halloran (Callum Keith Rennie) und seine Mitarbeiter, darunter der Kriminalpathologe Logan Nelson (Matt Passmore), setzen sich auf die Spur des Mörders und entwickeln Verdachtsmomente in ganz unterschiedliche Richtungen. Eine davon geht sogar so weit, in Erwägung zu ziehen, dass Kramer mitnichten in seinem Grab schlummert, sondern sein früheres Treiben auf wundersame Weise fortsetzt…

Sage und schreibe ganze sieben Jahre ist es nun schon her, dass mit „Saw 3D“ der bis dato letzte Beitrag zu der denkwürdig ausufernden Killerchronik erschienen war. Der damals so inflationär genutzte Terminus „torture porn“ hat sich analog zum Verschwinden der vormals so regelmäßig reüssierenden Reihe mittlerweile wieder weitgehend aus dem ohnehin unzulänglichen Definitionsvokabular vieler mehr oder minder empörter Betrachter verabschiedet. Doch gibt auch diese alte Kuh immer noch ordentlich fette Milch, wie die Spierig-Brüder mit „Jigsaw“, der nunmehr achten filmischen Installation um John Kramer und seine Epigonen sich anschickten unter Beweis zu stellen. Wer mit den früheren Serienbeiträgen sein persönliches Auskommen fand, der sollte zwangsläufig auch „Jigsaw“ zugeneigt sein; mit einem sich zum Ende hin  sturzbachartig entleerenden Füllhorn aus bis dato zurückgehaltenen Informationen findet der geneigte Rezipient sich wieder einmal vortrefflich verarscht und an der Nase herumgeführt – sämtliche zuvor gestreuten Indizien zur Schürung detektivischer Anstrengungen erweisen sich abermals als schmackhaft ausgelegte Attrappen zugunsten wirrer Volten. Doch ist man „Jigsaw“, zumal in traditioneller Kenntnis dieser bereits traditionellen Irrführungsnarration, diesbezüglich keinesfalls böse – dazu bleibt in Anbetracht des immens straffen Vortrags und der gewohnt sadistischen Einfälle (mein persönlicher Lieblingskill und zugleich einer der grandiosesten des gesamten Franchise ist natürlich der letzte) ohnehin kaum Zeit.
Das vormals etablierte Grundkonzept um den selbsternannten Scharfrichter, der am Ende dann doch zigmal abartiger ist als jedes seiner Opfer auch nur zu träumen wagt, bleibt bestehen, allerdings mit einem neuen Drahtzieher, der sich von Stund an anschicken darf, den losen Faden neu aufzunehmen. Mir soll’s recht sein, ich bin (und bleibe) dabei.

7/10

ANNIHILATION

„You really have no idea what it was.“

Annihilation (Auslöschung) ~ UK/USA 2018
Directed By: Alex Garland

Eher infolge einer zufälligen Fügung – ihr lange vermisster Ehemann (Oscar Isaac) kehrte urplötzlich sehr verändert zu ihr zurück und kollabierte dann – nimmt die Biologin Lena (Natalie Portman) als letzte von fünf Frauen an einer streng geheimen Expedition teil. Ein ganzer Sumpflandstrich an der südlichen Atlantikküste der USA unterliegt einer seltsamen, sich ausbreitenden Anomalie, die die ratlosen Wissenschaftler und Militärs als „Schimmer“ bezeichnen. Umgeben von der streng abgeschotteten Zone „Area X“ ist das gesamte Gebiet, aus dem bisher noch niemand der zu Erforschungszwecken entsandten Soldaten zurückgekehrt ist, mittlerweile menschenleer. Lena, die Psychologin Ventress (Jennifer Jason Leigh), die Physikerin Radeck (Tessa Thompson), die Anthropologin Shepard (Tuva Novotny) und die Medizinerin Thorensen (Gina Rodriguez) betreten den Schimmer und stellen darin höchst Seltsames fest: Eine unbekannte Kraft, die die Atmosphäre in flimmernden Farben erleuchtet, hat begonnen, die Genpoole von Menschen, Tieren und Pflanzen zu vermischen und daraus chaotische, neue Spezies zu formen. Auch das Zeitempfinden und die Psyche der Frauen beginnt bald durcheinanderzugeraten. Ausgangspunkt der bizarren Vorkommnisse ist ein Leuchtturm an der Küste…

Keinesfalls von auch nur annähernd ähnlicher philosophischer oder formaler Grandezza wie das mutmaßliche Vorbild „2001: A Space Odyssey“ scheint mir „Annihilation“ dennoch seit längerem endlich mal wieder ein vorbehaltlos sehenswerter SciFi-Film zu sein. Nachdem mir auf jenem Sektor zuletzt nur noch mäßig einfallsreicher bis pathetischer Weltraumkrempel untergekommen ist (jedenfalls wirkt das gesammelte Konglomerat im oberflächlichen Rückblick genau so auf mich), finde ich es recht erfreulich, mal wieder eine rundum erwachsene, Story präsentiert zu bekommen, die noch einen gewissen Mystizismus zu präservieren weiß und nicht alles in Form eines ohnehin völlig willkürlich gewählten, pseudowissenschaftlichen Terminismus erläutern muss, die sich andererseits auch nicht allzu elliptischer Schwurbelei hingibt. „Annihilation“ erzählt alles Notwendige, behält jedoch manche Geheimnisse für sich. Die ihm inhärenten Horrorelemente sind gut austariert und gerade sorgfältig genug eingeflochten, um den Film weder zur einen noch zur anderen Seite kippen zu lassen, die Rückblenden, die der psychologischen Untermauerung der Protagonistin dienen, wirken halbwegs sinnstiftend, wie auch ihre Handlungsmotivation eine ordentlich Erläuterung erfährt. Die vielen Fallstricke, die ein Plot wie der in „Annihilation“ verhandelte a priori bereithält, umgeht Garland geschickt – man hätte auch eine gewaltige Monster- und Mutantenparade daraus machen können, was den Film ganz fix zu billigem Sideshow-Kino hätte verkommen lassen. So bleibt ein meditatives, fast kontemplatives Genrestück nebst offenkundig spürbarer Affinität zu bewusstseinserweiterndem Unterstützungsmaterial, das sich nicht scheut, die Intelligenz des Rezipienten auf unprätentiöse Weise zu beanspruchen. Sehr gut!

8/10

THE RITUAL

„If the shortcut was a shortcut, it wouldn’t be called a shortcut, it would be called a route.“

The Ritual ~ UK 2017
Directed By: David Bruckner

Eine Wanderung vierer Londoner Freunde (Rafe Spall, Sam Troughton, Robert James-Collier, Arsher Ali) durch die schwedische Bergwelt wird von einem finsteren Ereignis überschattet, das bereits einige Monate zurückliegt: Damals wurde ihr Kumpel Robert (Paul Reid) während des Überfalls zweier Krimineller (Matthew Needham, Jacob James Beswick) auf einen Getränkeladen erschlagen, ohne dass der ebenfalls anwesende Luke (Spall) das Unglück verhindert hätte. Luke leidet immens unter seinen Schuldgefühlen, was weder er noch einer der anderen zur Sprache bringt. Als Dom (Sam Troughton) sich ein Knie verstaucht, entschließt man sich, eine Abkürzung durch die Wälder zu nehmen – ein verhängnisvoller Fehler, denn nachdem sich das Quartett verlaufen hat, wird man gewahr, dass eine unheimliche, monströse Entität ihr Unwesen im Dickicht treibt…

„The Ritual“ zehrt, wie ja eigentlich jeder jüngere Horrorfilm, von etlichen Vorbildern, die das Genre teils bereits vor Jahrzehnten, aber auch erst vor deutlich kürzerer Zeit hervorgebracht hat. So lassen sich neben motivischen Versatzstücken aus „The Wicker Man“ oder „The Blair Witch Project“ auch jüngere Vorbilder wie „Trolljegeren“ und der wiederum bereits selbst an Robin Hardys Klassiker rekurrierende „Kill List“ wiederfinden. Dabei findet Bruckners im ungewöhnlichen 2,00:1-Bildkader gefilmte Netflix-Produktion ziemlich gemächlich und erst nach und nach zu sich sowie seinen zumindest ansatzweise vorhandenen Stärken, wenn nämlich nach dem üblichen Brimborium um die langsam um sich greifende Angst und damit verbundene Unruhe unter den Freunden, die langsame Erkenntnis der Ausweglosigkeit ihrer Situation und ihres Ausgeliefertseins sowie die erste Dezimierung der Gruppe gesetzt sind, die dramaturgischen Obligos also abgehakt sind und der eigentlichen Originalität Raum geschlagen werden kann. Diese formiert sich im letzten Drittel in Form eines heidnischen Kults, dessen Handvoll Anhänger versteckt in den Wäldern und offenbar seit Äonen ein gottähnliches Wesen, einen Jötunn, anbeten und ihm regelmäßig Opfer darbringen. Diesen Jötunn, so wie „The Ritual“ in visualisiert, muss man sich in etwa als eine Art gigantischen Elch mit skeletthaftem Äußeren und gestaltwandlerischen Fähigkeiten vorstellen, der sich grunzend und blökend durchs Gehölz pflügt. Seine Opfer spießt er wie Mahnmale an kahle Äste, wo sie dann verenden und vor sich hinhängen. Im Gegenzug für ihre Treue erhalten seine Anbeter offenbar eine verlängerte Lebensspanne. Für den schuldgeplagten Luke erweist sich der Jötunn am Ende natürlich als sehr viel mehr – ihm bietet sich durch die unausweichliche Konfrontation mit dem Biest nämlich die Möglichkeit zu symbolischer Wiedergutmachung; indem er das kleine Dorf der Paganisten niederbrennt, erfüllt er seinem kurz zuvor geopferten Freund Dom dessen letzten Wunsch. Auch erweist sich Luke als stark genug, dem Jötunn zu trotzen, nicht etwa, indem er ihn besiegt, sondern indem er ihm sich nicht als Opfer darbietet, sprich: Widerstand zeigt. Das ganze Abenteuer erweist sich für Luke also als eine Art Konfrontationstherapie – unter Einbeziehung der Tatsache, dass selbige jedoch auch seine drei letzten Freunde das Leben kostet, eine recht kostspielige Angelegenheit.

7/10

LAURIN

Zitat entfällt.

Laurin ~ D/HU 1989
Directed By: Robert Sigl

Irgendwo in Deutschland, kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende, in einem kleinen Städtchen mit Meerzugang: Die Mutter (Kati Sir) der kleinen Laurin (Dóra Szinetár) muss sterben, weil sie Zeugin des Mordes an einem Jungen wurde. Für das Mädchen, dessen Vater (Barnabás Tóth) wie viele der Männer hier zur See fährt, beginnt eine Zeit der Unsicherheit und Einsamkeit. Mit der Rückkehr des Pfarrersohns Van Rees (Károly Eperjes) vom Militär mehren sich seltsame Zeichen, die nur Laurin wahrzunehmen im Stande ist.

Infolge der jüngst stattgefundenen Restaurierung, Neuveröffentlichung und kleinen Kino-Tournee von Robert Sigls fast schon dreißig Jahre altem Film ist „Laurin“ urplötzlich wieder in aller Munde zumindest der deutschen Cinephilie. Fast unmöglich, dem Ausnahmewerk momentan nicht allenthalben zu begegnen, dabei war es doch eigentlich nie ganz weg. Gern wird angeführt, dass „Laurin“ vor allem deshalb eine wesentliche Position in der jüngeren hiesigen Filmgeschichte einnimmt, weil er sich als Genrestück zumindest im zeitgenössischen Kino einen höchst spezifischen Ausnahmestatus sichert.
Auch für den Regisseur Robert Sigl, der „Laurin“ mit 26 Jahren fertigstellte und der in der Folge bislang ausschließlich fürs Fernsehen arbeitete, bleibt das vielschichtige, düsterromantische Kleinod ein Ausnahmetriumph. Mir selbst fiele aus dem zeitlichen Kontext nur noch Ralf Huettners „Der Fluch“ (bezeichnenderweise eine TV-Produktion) ein, wenn ich eine sich annähernd ähnlich beklemmend ausnehmende, emotional involvierende Arbeit nennen müsste.
„Laurin“ zeigt sich von vielerlei Einflüssen geprägt; die Geschichte eines Mädchens an der Grenze zur Pubertät (oder kurz darüber hinaus), dass auf eine phantastische, unter Umständen morbide Entdeckungssuche geschickt wird, hat etliche literarische und auch filmische Wurzeln. Lewis Carrolls „Alice“-Romane wären da zu nennen, „The Wizard Of Oz“ und, später im Film, „Valerie A Týden Divu“, „Lemora – A Child’s Tale Of The Supernatural“ und später noch „The Company Of Wolves“ und „Phenomena“. Aus all diesen Quellstoffen bezieht Sigls Film – ob bewusst oder unbewusst – seinen exquisiten Treibstoff. Ein wenig Herzog scheint noch drinzustecken, an dessen im historischen Ambiente angesiedelte Werke man sich hier und da erinnert fühlt. Trotzdem ist „Laurin“ immer noch eigenwillig genug, um als etwas Neues und Besonderes gewertet werden zu können und seinen besagten Exklusivstatus zu sichern. Mit ungarischen DarstellerInnen gedreht und in deutscher Sprache nachsynchronisiert, ergibt sich bei der Betrachtung zunächst der nicht zu unterschätzende Vorteil, sich nicht nur zeitlich, sondern auch demoskopisch entrückt zu wähnen. Wo genau das Städtchen liegt, in dem „Laurin“ spielt, lässt sich ferner kaum bestimmen; Ostsee und Donauufer schießen einem durch die assoziativen Verschaltungen. Das „Zweite Gesicht“ des Mädchens bringt dann ein dezidiert phantastisches Element mit in das sich bald entspinnende Mördermysterium, das sich später um brodelnde, seit langem schwelende Abgründe ergänzt findet: Der alternde Pastor (Endre Kátay) erweist sich als weitaus weniger enthaltsam als sein Stand ihm gestattet; er hat wenigstens ein uneheliches Kind und scheint, nicht zuletzt in Anbetracht der tiefen Verstörtheit seines Sohnes, der sich schließlich als Kindsmörder entpuppt, noch ganz andere, sehr viel dunklere Obsessionen zu hegen. Symbolische Vorboten – ein Flugdrachen, der wie ein schwarzes Herz durch die Luft flattert und ein nicht minder schwarzer Schäferhund – leiten Laurin bis hin zur Entlarvung und Unschädlichmachung der finsteren Wolken über dem ohnehin bereits dämmernden k.u.k.-Schmuck der sich neigenden Epoche.

9/10

THE CLOVERFIELD PARADOX

„Logic doesn’t apply to any of this.“

The Cloverfield Paradox ~ USA 2018
Directed By: Julius Onah

In nicht allzu ferner Zukunft: Versorgungsengpässe und eine neuerliche gobale Energiekrise führen die Menschheit abermals an den Abgrund. Im All soll die Aktivierung eines neu entwickelten Teichenbeschleunigers namens „Shepard“ künftige Energieversorgung sichern, wobei einige Theoretiker diesbezüglich vor Folgen unabsehbaren Ausmaßes für die Erde warnen. Nach diversen Fehlversuchen gelingt der Besatzung der zuständigen  Raumstation die Zündung, jedoch mit höchst unerwarteten Folgen: Man landet jenseits der Sonne und in einer alternativen Realität, die etliche Parallelen, aber auch gravierende Unterschiede zu der der Astronauten aufweist, so steht die „andere Welt“ bereits kurz vor dem endgültigen Aus. Derweil fällt die zurückgelassene Erde tatsächlich in das antizipierte Chaos durch das Auftauchen fremdweltlicher Monster. Schließlich gelingt den Raumfahrern nach der Bewältigung einiger Unwägbarkeiten der Rücksprung in die eigene, monströs veränderte Dimension.

Wenn ich erst keinerlei Motivation habe, zu einem gesehenen Film etwas zu schreiben, ist das kein besonders gutes Zeichen. Nachdem „The Cloverfield Paradox“, der nunmehr dritte filmische Eintrag in das von J.J. Abrams‘ Produktionsfirma „Bad Robot“ flankierte, bis dato sehr lose dargebrachte „Cloverfield“-Franchise erst gar keinen Kinostart erlebte, sondern unangekündigt auf Netflix landete, ließ sich bereits der eine oder andere Dämpfer in punkto Fruchtbarkeit erahnen. Und tatsächlich – mit der Verlegung der Geschichte in den Weltraum, die als eine Art Prequel wohl davon berichten soll, wie das Riesenmonster in „Cloverfield“ respektive die Aliens in „10 Cloverfield Lane“ ihre Wege zur Erde fanden, machen sich Bequemlich- und Beliebigkeit breit. Ein Raumschiff bzw. eine Raumstation, auf der infolge naiver Spielchen mit gottgleicher Technologie nicht mehr alles in Butter ist und die Besatzung durch eine unerwartete Ausnahmesituation dezimiert wird, das ist gewissermaßen schon lange ziemlich kalter Kaffee. Auf monsters on a rampage muss man weitgehend verzichten und dennoch sind die auf der Erde spielenden Szenen, die von dem flüchtenden Neben-Protagonisten (Roger Davies) nebst dem von ihm in Obhut genommenen Mädchen (Clover Nee) berichten, die deutlich involvierenderen und interessanteren. Der Rest bleibt solides Sci-Fi-Entertainment zum alleinigen Zwecke kurzgegarten Entertainments, garantiert ohne Innovationen oder gar besondere Prägnanz.

5/10