NON HO SONNO

Zitat entfällt.

Non Ho Sonno (Sleepless) ~ I 2001
Directed By: Dario Argento

Siebzehn Jahre nachdem in Turin der sogenannte „Zwergenkiller“ sein Unwesen trieb, der mehrere Frauen auf dem Gewissen hatte, beginnt eine neue Mordserie nach analogem Muster. Der mittlerweile retirierte Polizeibeamte Moretti (Max von Sydow), der den von ihm untersuchten, damaligen Fall abgeschlossen glaubte und mit einer beginnenden Demenz sowie Herzproblemen zu kämpfen hat, nimmt sich eher zum Unwohlsein der Offiziellen erneut an. Gemeinsam mit dem jungen Giacomo (Stefano Dionisi), dessen Mutter (Francesca Vittori) zu den einstigen Opfern des Mörders zählt, kommt er dem offenbar mitnichten toten Gewaltverbrecher immer dichter auf die Fersen.

Sein erster Film im neuen Jahrtausend führte Dario Argento wieder weg vom barocken Überschwang seiner zuletzt inszenierten Leroux-Verfilmung „Il Fantasme Dell’Opera“ und zurück zu alten Giallo-Leisten, wie sie ihm in den siebziger Jahren, so etwa im Zuge seiner „Tier-Trilogie“, seine mit erfolgreichsten Meriten eintrugen. Entsprechend vielleicht seiner eigenen, wachsenden Anzahl an Lebensjahren zentriert Argento als Haupthelden einen körperlich wie geistig etwas angeschlagenen Kriminaler, den Max von Sydow absolut maßgeschneidert als leicht kauzigen, grauen Fuchs mit Papagei als privatem Ansprechpartner und Lebensgefährten interpretiert. Das übrige Darstellerpersonal lässt sich derweil relativ problemlos vernachlässigen, wie auch die gewohntermaßen etwas umständliche (und, seien wir ehrlich: mäßig interessante) Auflösung, die von Sydows Charakter leider erst gar nicht mehr miterleben darf, kein unbedingtes Qualitätstopping markiert.
Doch, und auch das hat bei Argento Tradition, ist ohnedies der Weg das eigentliche Ziel: Der ruchlos-brutale Aktionismus des Killers, gleich mehrere psychologische Aufarbeitungen der Vergangenheit, ein zu Unrecht beschuldigter Haupttäter. Für das anno 01 im Vergleich zu den Siebzigern deutlich langweiliger ausfallende Zeitkolorit kann Signore Argento nichts, damit hat er sich ebenso zu arrangieren wie sein Publikum. Dass derweil zahlreiche seiner glühendsten Verehrer den Maestro nach „Non Ho Sonno“ bereits abzuschreiben gedachten, mag ich nicht begreifen. Urplötzlich erging man sich in akribischer Suche nach Logiklöchern, monierte Zähig- und Beliebigkeiten, als sei Argento in der Vergangenheit der ungeschlagene Schwergewichtsweltmeister plausibler Narration gewesen. Vor Meisterwerken wie „Tenebre“ müsse „Non Ho Sonno“ zu Staube kriechen, hieß es da etwa – was ich für keine faire Einordnung halte, sondern lediglich als einen weiteren Beweis dafür erachte, dass gerade die selbsternannten „größten Genrefans“ oftmals Ewiggestrige sind.

7/10

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LA FIGLIA DI FRANKENSTEIN

„Here on Earth, man is God!“

La Figlia Di Frankenstein (Lady Frankenstein) ~ I 1971
Directed By: Mel Welles

Kurz bevor Baron Frankenstein (Joseph Cotten) und sein Helfer Dr. Marshall (Paul Muller) ihr glorreiches Experiment zur Erschaffung künstlichen Lebens aus rekomponierten Leichenteilen fertigstellen können, kehrt des Burgherrn schöne, frisch medizinexaminierte Tochter Tania (Rosalba Neri) nach Hause zurück, die insgeheim schon seit langem um die Bestrebungen ihres alten Herrn weiß und nun daran teilhaben möchte. Die bald darauf tatsächlich zum Leben erweckte Kreatur (Peter Whiteman) ist jedoch gar nicht mit ihrer unfreiwilligen Neugeburt einverstanden und geht sogleich auf Mordzug, dem Baron als erstes Opfer das Leben aus der Brust quetschend. Während der übereifrige Polizist Harris (Mickey Hargitay) dem Monster auf der Spur ist, gibt es für die langsam aus dem psychischen Ruder laufende Tania nur einen Weg, das Ungeheuer zu stoppen – eine zweite Kreatur muss her, mit dem Gehirn Marshalls im Körper des imbezilen Stallknechts Thomas (Joshua Sinclair)…

Prächtiger Camp aus den letzten Tagen des golden age of gothic horror, als Schnellschuss finanziert und von Regisseur Welles doch höchst ambitioniert hergestellt. Der Gute machte das Beste aus den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, hatte schöne Kulissen (ein umbrisches Schloss nebst Interieur, ein schickesa Monsterlabor mit allerlei eingelegten Leichenteilen und brodelnden, rot lumineszierenden Reagenzien) zur Verfügung und ein knackiges Ensemble, wie es für jene Ära und diese Art Produktion nebst Standort geradezu repräsentativ ist. Vor allem Rosalba Neri glänzt in der Titelrolle als selbstbestimmte Frau: In einer patriarchalisch dominierten Zeit besitzt sie die Chuzpe, nicht nur einen akademischen Abschluss vorweisen zu können, sondern dazu noch völlige sexuelle Autarkie. Weil das an sich gut gewachsene Faktotum Thomas ihr einserseits zu flachgeistig ist, der sie begehrende Dr. Marshall andererseits aber zu hässlich und altersschwasch, kommt sie kurzerhand auf die blitzgescheite Idee, ihres Vaters Errungenschaften für eine Kombination des Besten beider Welten zu missbrauchen – ein schönes Gehirn in einem leistungsstarken Körper, das wär’s doch überhaupt! Dass Tania F. nebenbei ziemlich paraphile Gelüste ihr Eigen nennt, wird in der Szene deutlich, als sie lustvoll orgasmierend den erstickenden Thomas buchstäblich ins Jenseits reitet. Dem wasserköpfigen Monster mit Triefauge wird leider etwas wenig screentime zugedacht, wie auch schade ist, dass Joseph Cotten bereits nach knapp der Hälfte aus der Geschichte scheidet. Aber sei’s drum, „La Figlia Di Frankenstein“ ist alles in allem ein schöner Film und eine Zierde seiner Gattung sowieso.
Was die Herrschaften von Buio Omega für ihre just erschienene Liebhaberedition des Films, ein absolutes Referenzobjekt für Liebhaber und Sammler psychotronischer, apokrypher Kinofrüchte, auf die Beine gestellt haben, ist nebenbei die absolute Obersahne: Der Film erstrahlt komplett restauriert und wieder vervollständigt in leuchtenden Farben und knackscharf, von den witzigen Extras einmal ganz abgesehen. So, und eigentlich nur so sollte optimalerweise das Heimstudium von schillernden Werken wie diesem erfolgen.

7/10

LA SETTA

Zitat entfällt.

La Setta (The Sect) ~ I 1991
Directed By: Michele Soavi

Auf dem Nachhauseweg fährt die junge Hessener Grundschullehrerin Miriam Kreisl (Kelly Curtis) beinahe einen alten Mann (Herbert Lom) an, der mitten auf der Straße steht. Sorgenvoll nimmt sie den mysteriösen Alten mit zu sich nach Hause, wo er augenscheinlich bald stirbt. Jedenfalls kann Miriams eilends herbeigerufener Nachbar, der junge Arzt Frank (Michel Adatte), auch nurmehr den Tod des zerzausten Herrn feststellen. Zeitgleich mehren sich seltsame Ereignisse: Miriam empfängt einen merkwürdigen Traum, enteckt im Keller ihres Hauses einen verborgenen Raum mit einem tiefen Brunnen, in dem leuchtend-blaues Wasser steht und eine Kollegin (Mariangela Giordano) Miriams stirbt auf höchst unerwartete Weise einen gewaltsamen Tod. Dass diese Begebenheiten nur Vorboten einer sehr viel schrecklicheren Wahrheit sind, wird Miriam bald schmerzlich bewusst…

Auf den vergleichsweise wilden, etwas konfus aufbereiteten Dämonen-Horror „La Chiesa“ ließ der seinerzeit vielversprechende Michele Soavi zwei Jahre später „La Setta“ folgen, eine umgearbeitete Version der aus „Rosemary’s Baby“ bekannten Geschichte um eine junge Frau, die realisieren muss, dass sie in die Fänge einer Satanssekte geraten ist, deren Pläne vorsehen, sie zur irdischen Mutter des inkarnierten Antichristen zu machen. Wie Soavi und sein Autor Gianni Romoli diese Story renovieren, das hat durchaus Hand und Fuß und ist stellenweise geschickter umgesetzt als im großen Vorbild: Miriams komplette Biographie erweist sich als von den Satansjüngern arrangiert; kein einiger Tag in ihrem bisherigen Leben war dem Zufall überlassen. Bei dem alten Mann, der offenbar die Identität des als verschollen geltenden Satanistengurus Moebius Kelly besitzt, handelt es sich ferner um Miriams leiblichen Vater, der ihree Geschicke seit jeher aus der Entfernung steuert.
Es ist Soavis Verdienst, das Naheliegendste umgangen und darauf verzichtet zu haben, eine effektvolle, grelle Geisterbahnfahrt vom Kaliber eines Lucio Fulci vom Stapel zu lassen. Der Bluteffekte hat es für ein italienisches Genrewerk tatsächlich nur höchst wenige, stattdessen setzt Soavi vornehmlich auf die Kreierung einer rätselhaft-irrealen Stimmung sowie auf die ungeheuer ausdrucksstarke Bildsprache seines vollendet arbeitenden dp Raffaele Mertes, mit dem er leider nur dieses eine Mal zusammenarbeitete. Soavi zeigt sich von einem ganzen Fundus übernatürlicher Schriften und Ereignisse beeinflusst; seine (literarische) Reise führt ihn von Poe über Gustav Meyrink und Lovecraft bis hin eben zu Ira Levin und reale Gestalten wie Crowley, LaVey und sogar Charles Manson, den er beinahe ebenbildlich von Tomas Arana spielen lässt. Aus diesem großen Inspirationspool also keltert der leider so spärlich für das Kino arbeitende Regisseur sein schönes Werk, das (trotz der Namensnennung des Meisters) nicht ganz der halluzinatorisch geprägten Transzendentallogik der übernatürlich geprägten Argento-Filme folgt, gerade darum jedoch seine Eigenständigkeit verteidigt. Der versöhnliche Abschluss, der uns mit der Gewissheit aus dem Film entlässt, dass selbst die Essenz des Bösen im Kern ein gutes Herz besitzt, rundet „La Setta“ nochmal adäquat ab. Dass Soavi mit dem bald darauf folgenden Meisterwerk „Dellamorte Dellamore“ seinen persönlichsten, endgültigen Horrorfilm inszenierte, erscheint angesichts solch seltener Geschlossenheit nurmehr konsequent. Den chronologischen Patzer betreffs des eingehenden Einsatzes von Americas „A Horse With No Name“ (das Stück wurde anno 72 veröffentlicht und konnte somit 1970 nicht gespielt werden) verzeihe man nachsichtig.

8/10

BANSHEE CHAPTER

„It will be an experience you won’t forget.“

Banshee Chapter ~ USA 2013
Directed By: Blair Erickson

Anne (Katia Winter) und James (Michal McMillian) sind dem Wahrheitsgehalt von Gerüchten um geheime Drogenexperimente auf der Spur, die die US-Regierung und die CIA über Jahre hinweg an mehr oder weniger freiwilligen Probanden durchgeführt haben soll. Nachdem James in einem Selbstversuch das geheimnisvolle Serum DMT-19 testet, verschwindet er bald darauf spurlos. Anne folgt James‘ Quelle und stößt auf den psychotischen Autor Thomas Blackburn (Ted Levine), der in Arizona lebt und Erfahrungen mit unterschiedlichsten Rauschmitteln hat. Gemeinsam stellen die ungleichen Partner fest, dass die Einnahme von DMT-19 die Wahrnehmungskanäle seiner Konsumenten erweitert und sie, ähnlich einem Radioempfänger, Frequenzen empfängen lässt, die den normalen Sinnen verborgen bleiben. Tatsächlich scheinen jedoch nicht nur die User des DMT-19 diese geheimnisvolle Sensibilisierung zu erfahren, sondern über kurz oder lang auch die Menschen, die mit ihnen in engem Kontakt stehen…

Daraus, dass „Banshee Chapter“ sich an H.P. Lovecrafts Idee zu der Kurzgeschichte „From Beyond“ orientiert, die ja von Stuart Gordon auch verfilmt wurde, macht er erst gar kein großes Mysterium, sondern gibt dies im letzten Drittel als Inhaltsbestandteil selbst preis. Die Kenntnis des entsprechenden Werks ist daher durchaus hilfreich, wenn es um das Verständnis des inhaltlich durchaus spannenden, formal jedoch etwas allzu wirr gewobenen „Banshee Chapter“ geht. In „From Beyond“ erfindet ein Wissenschaftler eine Maschine, die die Zirbeldrüse im menschlichen Gehirn aktiviert und den Empfänger damit in eine Art Paralleldimension versetzt, die von merkwürdigen Kreaturen bewohnt ist. Das in Ericksons Film als MacGuffin bemühte DMT-19 existiert indes tatsächlich – es handelt sich um ein synthetisierbares Halluzinogen, das, je nach Dosis, das visuelle Erleben des Konsumenten modifiziert. In „Banshee Chapter“, das decken Anna und James auf, wird in Geheimlabors die Droge aus der Zirbeldrüse menschlicher Leichen extrahiert und den Probanden dann injiziert, woraufhin diese zunächst Geräusche (eine Spieluhr, zählende Kinderstimmen, Radiorauschen) wahrnehmen, sodann die Annäherung irgendwelcher diffuser Kreaturen, um sich bald darauf selbst in gespenstische Zerrbilder zu verwandeln, die fortan in einer Art Zwischendimension umherirren.
Daraus spinnt der Film eine überaus interessante Verwurzelung im verschwörungstheoretischen Spektrum, die ergänzend recht geschickt in ein paar dokumentarische Interviewszenen eingebettet wird. Eine echte Schau ist der leider in den letzten Jahren etwas rar gewordene Ted Levine, der als unverhohlene Hunter-S.-Thompson-Hommage durch den Film wankt, stets Kippchen und Flachmann in Reichweite und oftmals unverständlich daherlallend. Levines Performance hebt den Film auf eine Ebene, die er als rein investigativ angelegtes Schauermärchen sonst nie erreicht hätte. Überhaupt muss man wie bereits erwähnt Ericksons Regie, die auf die Prononcierung von Wirrnis und Chaos setzt, statt etwas mehr Mut zur Stringenz zu zeigen, als hauptsächlichen Schwächefaktor von „Banshee Chapter“ identifizieren. Die jump scares sind schlecht inszeniert, die Kamera allzu vorsätzlich verwackelt und die viel zu vertrauensselig in diffusen Verhältnissen schwelgende Beleuchtung ist mithin eine Katastrophe. Hätte Ericksson sich hier und da etwas mehr Vertrauen in klassischere, dramaturgische Strukturen und schnörkellose Klarheit gestattet – „Banshee Chapter“ hätte das Zeug gehabt zu einem regelrechten Genre-Meilenstein. So aber langt es leider nur zur Mittelpracht.

6/10

THE MIDNIGHT MAN

„He likes to cheat.“

The Midnight Man ~ USA/CAN 2016
Directed By: Travis Zariwny

Die junge Alex (Gabrielle Haugh), die ihre halbdemente Großmutter Anna (Lin Shaye) in deren großem, verwinkelten Haus pflegt, und ihr Jugendfreund Miles (Grayson Gabriel) entdecken eines Abends auf dem Dachboden ein altes Spiel in einer Kiste. Dabei geht es darum, den „Midnight Man“ (Kyle Strauts) freizusetzen, einen gespenstischen Dämon, und ihm dann für den Rest der Nacht nicht ins Netz zu gehen. Natürlich überwiegt die Neugier und als auch noch Alex‘ und Miles‘ Freundin Kelly (Emily Haine) auftaucht, reibt sich der Midnight Man richtig schön die Hände. Doch auch Omi Anna ist keineswegs so harmlos, wie es sich für eine alte, bettlägrige Dame mit schwindendem Hirnschmalz geziemt…

Dass sich dermaßen löchrig gescriptete, buchstäblich dumme Genreware heuer noch im vergleichsweise großen Stil produzieren und verkaufen lässt, dürfte einer Menge untalentiertem Filmemachernachwuchs berechtigte Hoffnungen auf einen möglichen Durchbruch verschaffen. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, eine Liste der inflationär en Don’ts aufzuzählen, die Travis Zariwny und sein Co-Autor Rob Kennedy vorschützen, nur, um ihre dünne Hauptidee, die vielleicht gerade ausreichend gewesen wäre für einen Achtminüter auf YouTube, auszuwalzen. Infolge dessen verzichte ich im Folgenden auch darauf.
Hier stimmt ganz einfach hinten und vorne nichts, angefangen bei der dullen Story-Prämisse um das zentrale Spiel, dass von vornherein darauf angelegt ist, von allen Mitspielern außer dem Midnight Man selbst verloren zu werden und daher von keinem bei Vernunft und Verstand befindlichen Menschen losgetreten würde, über die völlig hirnrissigen Wendungen im weiteren Verlauf bis hin zur mäßig überraschenden „Auflösung“. Da holen auch die alten New-Line-Veteranen Lin Shaye und Robert Englund, die sich hier abermals ein Stelldichein geben, nicht mehr die Kastanien aus dem Feuer. Man mag bestenfalls annehmen, dass eine Zielgruppe von zwölf- bis dreizehnjährigen, kreischenden Girlies im Zuge einer verruchten Pyjamaparty „The Midnight Man“ etwas abgewinnen können, denn genau dort sucht und findet das Ding seine mutmaßliche Zielgruppe. Gattungserfahrenere Zeitgenossen indes dürften sich mit einem Grausen, das diese Hohlgurke in dieser Form gewiss nicht beabsichtigt, abwenden und die neunzig Minuten investierter Rezeptionszeit im Nachhinein eher bedauern. Mir zumindest geht es jedenfalls genau so.

3/10

TESIS

Zitat entfällt.

Tesis ~ E 1996
Directed By: Alejandro Amenábar

Die Madrider Filmstudentin Ángela (Ana Torrent) plant, ihre Magisterarbeit zum Thema „Gewalt im Film“ zu schreiben, einem Gebiet, mit dem sie bislang kaum Erfahrungen hat. Über ihren nerdigen Kommilitonen Chema (Fele Martínez), einen ausgewiesenen Splatter- und Horror-Aficionado, ergeben sich erste Berührungspunkte mit dem Sujet, doch Ángela will mehr. Ihre Recherchen führen sie ins Videoachiv der Universität, wo sie auf eine geheime Sektion mit speziellen Cassetten stößt. Darauf befinden sich offenbar Snufffilme, in denen verschwundene Studentinnen zu sehen sind. Gemeinsam mit Chema, der seinerseits nicht immer mit offenen Karten spielt, geht Ángela dem abseitigen Treiben auf die Spur. Der attraktive Bosco (Eduardo Noriega), in den sich Ángela verliebt, und auch ihr Professor Figueroa (Miguel Picazo) spielen darin entscheidende Rollen…

„Tesis“ hat viele Freunde und Anhänger und genießt seit seiner Premiere vor 22 Jahren ein stolzes Renommee. Ich selbst würde Amenábars Langfilmdebüt eher im oberdurchschnittlichen Qualitätssegment einordnen, da ich ihn zwar für grundsätzlich immer noch sehenswert halte (zumal als spanischen Genrefilm und gewiss sehr ambitioniertes Projekt eines erst 23-jährigen Nachwüchslers), er mich jedoch auch nach mehrfachen Betrachtungen nie wirklich da zu packen vermochte, wo ich es mir insgeheim gewünscht hätte. Wenn es im Kino um das Thema Snuff und Snuff-Filme geht, dann versuchen die entsprechenden Autoren und Regisseure immer wieder, jenen alten Underground-Mythos zur abartigsten und verruchtesten Perversionssparte der gesamten Menschheitsgeschichte zu deklarieren; etwas, dass es zwar gibt, über das aber niemand spricht, der nicht lebensmüde ist; etwas, über das sich allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand ausgetauscht werden darf; die magnetbandgewordene Hölle auf Erden quasi! Ich weiß nicht, ob ich mich für die Ausmaße meiner Phantasie entschuldigen muss, aber mir fallen da auf Anhieb diverse weitaus schrecklichere Dinge ein, die Menschen sich aus ganz anderen Gründen gegenseitig antun, und das unter oftmals rechtsstaatlicher oder religiöser Ägide. Im Grunde ist Snuff letzten Endes doch „auch bloß“ eine Spielart menschlichen Mordtreibens, wobei es dem Opfer schließlich egal sein kann, ob sein (mögliches) Martyrium von einem späteren Rezipienten zu wie auch immer gearteten Befriedigungszwecken herangezogen wird. Um es kurz zu machen: Was mich bei Filmen wie „Tesis“ implizit stört, ist der unbedingte, immanente Hang zum Sensationalismus. Ohne diesen bleibt, wie im vorliegenden Falle, spannendes, aber letztlich gängiges Handwerk, das für ein entsprechend sensibilisiertes Publikum funktionieren wird, aber eben nicht für jeden. In diesem Falle ist es außerdem deutlich zu spiellang und ausufernd geraten, nebst etlichen, unausgelassenen Fettnäpfchen logischer Ersparnisse.
Immerhin bleibt uns der heilige, amerikanische Zorn des gerecht wütenden Rächers, wie der von Nicolas Cage in „8MM“, erspart.

6/10

SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10