SEVERANCE

„Are you still tripping?“

Severance ~ UK/D/HU 2006
Directed By: Christopher Smith

Ein siebenköpfiges Team der englischen Rüstungsfirma „Palisade Defence“ befindet sich auf dem Weg zu einer Teambildungsmaßnahme im ruralen Osteuropa. Statt in der als „luxuriös ausgestattet“ angekündigten Jagdhütte landet das Septett jedoch, nachdem der unwirsche Busfahrer (Sándor Boros) es mitten im Wald aussetzt, in einem abbruchreifen Gebäude unbekannter Provenienz. Bald wird auch dem letzten der Angestellten klar, dass sie nicht allein in der Gegend sind; vielmehr scheinen ein paar durchgedrehte, vetsteckt in der Gegend hausende Bürgerkriegsverbrecher größtes Interesse daran zu haben, dass ihr Überleben weiterhin geheim bleibt und knöpfen sich daher die überrumpelten Damen und Herren vor.

Christopher Smiths angenehm satirisch aufgezogene Splattergroteske tanzt gleich auf mehreren thematischen Hochzeiten und dies glücklicherweise weitgehend behende. Dabei muss man allerdings anmerken, dass das erste Drittel des Films, in dem die Firmenmitarbeiter mit all ihren bewusst einschlägige Klischees echoenden Charakteristika vorgestellt werden, zugleich den gelungensten Part des Films darstellt: Abteilungsleiter Richard (Tim McInnerny) hätte gern ein wesentliches autoritäreres Auftreten, wird von den Übrigen jedoch insgeheim bloß belächelt. Seine Nemesis ist der smarte Harris (Toby Stephens), ein kerniger Zyniker, der Richard allzeit spüren lässt, für was für ein Weichei er ihn hält. Auf die hübsche, anorexische Maggie (Laura Harris) sind sämtliche Männer der Gruppe scharf, obschon keiner von ihnen bei ihr landet. Die andere Dame der lustigen Equipe, die alternativ angehauchte, tierliebende Jill (Claudie Blakeley), könnte gar nichts Falscheres machen als für einen Waffenproduzenten zu arbeiten. Der etwas nervöse Gordon (Andy Nyman) ist Richards einziger echter Untergebener und tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste, derweil der rauschaffine Steve (Danny Dyer) sich zuallererst einmal folgenreich an einer Portion halluzinogener Pilze delektiert. Billy (Babou Ceesay), der Quotenfarbige, ist zugleich der Sympathischste und Vernünftigste im Team, der als Einziger den Überblick wahrt. Hinreichend Kanonenfutter also für die zahlreich vertretenen, blutrünstigen Veteranen, die sich über alles und jeden freuen, an denen sie ihre Kriegstraumata abreagieren können. Unnötig zu erwähnen, dass lediglich zwei der TeilnehmerInnen am Ende halbwegs ungeschoren davon kommen, zusammen mit zwei einheimischen Callgirls (Julianna Drajkó, Judit Viktor), die noch eher zufällig ins Geschehen gemischt werden.
Dass man sich besser nicht unbedarft hinter den nunmehr unsichtbaren, aber doch noch kopfpräsenten Eisernen Vorhang begeben sollte, weiß zumindest der Freund deftigerer Genrediät nicht erst seit Eli Roths „Hostel“-Filmen, „Ils“ oder dem später entstandenen „The Seasoning House“. Seien es machtvolle Verbrechersyndikate, pervertierte Oligarchen oder einfach nur desaströse humane Relikte der krisengeschüttelten, letzten Jahrzehnte: Mit der im Schatten florierenden Blutrunst der (Süd-)Ost(block)europäer ist, jene Erkenntnis lässt sich aus obigen medialsozialen Erfahrungen destillieren, garantiert nicht gut Kirschenessen. Auch „Severance“ greift dieses bärbeißig-lustige Westklischee abermals auf und spielt es mit einem genüsslichen Augenzwinkern aus.
Als weniger treffend empfand ich die auf die Waffenindustrie anspielende Satiredimension – dass ausgerechnet die Repräsentanten eines moralisch ohnehin letztklassigen Rüstungsunternehmens zu Opfern der eigenen Produkte werden, erscheint dann doch als eine etwas allzu offensichtlich gezogene Äquivalenz. Ebenso wäre zu bemäkeln, dass der erfrischend komische Tonus vom Beginn von „Severance“ zum Ende hin zugunsten hinlänglich bekannter Slasher- und Manhunt-Strukturen bis auf wenige Blitzlichter nahezu völlig mit Füßen getreten wird. Hier wäre gewiss mehr drin gewesen. Dennoch ein alles in allem überaus spaßiges Unterfangen.

7/10

Werbeanzeigen

SLAUGHTER HIGH

„We’ll take my car. It starts every time.“

Slaughter High (Die Todesparty) ~ UK/USA 1986
Directed By: George Dugdale/Mark Ezra/Peter Mackenzie Litten

Ein böse endender „Aprilscherz“ der üblichen Bullies sorgt dafür, dass der belächelte High-School-Nerd und Naturwissenschaftsgenius Marty Rantzen (Simon Scuddamore) durch Säure schwer entstellt wird. Jahre später erhalten die mittlerweile im Berufsleben stehenden Täterinnen und Täter von einst eine anonyme Einladung zu einem Jahrestreffen im mittlerweile leerstehenden Schulgebäude. Hinter dem Event steckt jedoch niemand Geringerer als der rachedurstige Marty, der, mit einer Narrenmaske verkleidet und mithilfe seiner technischen Kenntnisse, den damaligen Übeltätern das volle Pfund zurückzahlt.

Dieser ziemlich ruppige und nicht minder witzige Slasher der zweiten Generation lebt neben seinen exzessiv (und deutlich übertrieben) ausgespielten Morsequenzen und seinem ungewöhnlich hohen bodycount vor allem von den vielen, kleinen Anekdötchen, die seine Entstehungsgeschichte umwabern – so starb der den genazten Marty spielende Simon Scuddamore unmittelbar nach dem Shooting an einer Drogen-Überdosis, spielte Genrekönigin Caroline Munro mit 36 Jahren einen Schülerin und heiratete später einen der drei Regisseure (George Dugdale), eine ausnahmsweise sehr stabile Businessehe, die noch immer anhält. Gedreht wurde vornehmlich in England, wo sich damals, zur Zeit der berüchtigten Video Nasties, eine kleine Slasher-Parallelkultur entwickelte, sich jedoch ebenso rasch wieder in Wohlgefallen auflöste. Der motivspendende „April Fool’s Day“ entsprach der damals beliebten Praxis, Genrebeiträge nach Feiertagen zu benennen und an selbigen spielen zu lassen. Tatsächlich sollte der Titel entsprechend lauten, musste jedoch zugunsten einer fast zeitgleich von Fred Walton inszenierten Konkurrenzproduktion der Paramount abgegeben werden. Viel an gattungsinternen Referenzbekundungen und an Hommage steckt besonders im ersten Viertel von „Slaughter High“, das in Weichzeichneroptik ausführlich die origin story um Marty Rantzens späteren, ausgeklügelten Vergeltungsfeldzug erzählt. Besonders De Palmas „Carrie“, Maylams „The Burning“ und Eric Westons „Evilspeak“ scheinen intensive Eindrücke hinterlassen zu haben, deren Nachhall sich hier teils überdeutlich widerspiegelt. Richtig zur Sache geht es dann im Zuge der eigentlichen, vom vergrätzten Marty inszenierten „Todesparty“: Unter anderem sorgen ein mit auflösenden Zusätzen versetztes Dosenbier, ein unfreiwilliges Säurevollbad, ein unter Strom gesetztes Bett, auf dem just koitale Ekstasen stattfinden oder ein herabfallendes Auto für all jene spektakulären Augenblicke, die die geneigten Rezipientenschaft frohlocken lassen. Der Schlussgag, in dessen Zuge sich das zuvor Bezeugte quasi als erst noch stattzufindende Traumvision des tatsächlich noch immer in chirurgischer Behandlung befindlichen Marty herausstellt, ist genau von jener redundanten, hinlänglich bekannten Tonart, die viele Horrorfilmer als etwas hilflosen, wenngleich lauten Abschluss ihrer doch längst auserzählten Story wählten und somit verzichtbar bis überflüssig. Den zuvor erlebten Spaß schmälert dieses Vorgehen glücklicherweise überhaupt nicht.

6/10

CLIMAX

Zitat entfällt.

Climax ~ F/BE 2018
Directed By: Gaspar Noé

Um die Mitte der neunziger Jahre bereitet sich ein rund zwanzigköpfiges, vornehmlich aus jungen Französinnen und Franzosen bestehendes Tanzensemble unter der Choreographin Selva (Sofia Boutella) und dem auf Elektronisches spezialisierten DJ Daddy (Kiddy Smile) auf eine erfolgversprechende Tournee in den Staaten vor. Eine finale Probe findet in einem winterlichen, entlegenen Schullandheim statt, gefolgt von einer kleinen After-Party. Während die TänzerInnen noch im Bewegungsrausch sind, bemerken einige von ihnen, dass etwas nicht stimmt und ihre psychischen Aktionen und Reaktionen kollektiv beeinträchtigt. Die Ursache dafür ist bald gefunden: Jemand hat die Sangria mit LSD versetzt. Da nahezu jede/r der Anwesenden mehr oder weniger davon getrunken hat, verfallen bald alle in sich auf unterschiedlichste Arten kanalisierende Trips. Irrationalität, Paranoia, Aggressionen, Hemmungslosigkeiten brechen sich Bahn, bloße Instinktbedürfnisse übernehmen die Handlungsmotivation und es kommt inmitten des zusehends unübersichtlichen Chaos bald zu katastrophalen Ereignissen.

Für seinen jüngsten Film nahm Gaspar Noé sich ein über zwanzig Jahre zurückliegendes, authentisches Ereignis zur inhaltlichen Prämisse, bei dem sich tatsächlich eine Tanzgruppe unversehens unter LSD gesetzt fand, ohne dass die prekäre Situation der Anwesenden jedoch zu einem derart klaustrophobischen Schreckensszenario eskalierte, wie Noé es darstellt. Wie man es von dem Filmemacher erwarten darf, interessieren ihn stattdessen sehr viel mehr die (hypothetisch denkbaren) Auswirkungen einer entsprechenden „Versuchsanordnung“. Die Beteiligten mitsamt ihrer psychischen Grundkonstellationen, ihr soziales Netzwerk, die lokalen Bedingungen sowie der Raum selbst nebst seiner audiovisuellen Konstruktion, der spärlichen Beleuchtung und der unablässigen,  treibenden Musik werden zu unwägbaren Bestandteilen einer soziopsychologischen Experiments unter teils markerschütternden individuellen Auswirkungen. Diffuse Antipathien bis hin zu offenem Hass brechen sich Bahn, Verdachtsmomente, wer von den Beteiligten für den üblen Drogenscherz verantwortlich sein könnte, führen zu massenhysterischen, jedweder Logik entbehrenden Schlussfolgerungen. Einer der Tänzer (Adrien Sissoko) wird kurzerhand in die nächtliche Kälte ausgesperrt und dort vergessen; eine Mutter (Claude Gajan Maull) schließt ihren kleinen Sohn (Vince Galliot Cuman) zu dessen „Sicherheit“ in den Stromverteilerraum ein, verliert jedoch den Schlüssel und dreht vollends durch, als der zunächst panische Junge kein Lebenszeichen mehr von sich gibt; eine sich als schwanger outende Frau (Souheila Yacoub) wird misshandelt und verstümmelt sich dann selbst; die Haare einer anderen (Sarah Belala) fangen Feuer; ein eifersüchtiger Entfesselter (Taylor Kastle) vergewaltigt die eigene Schwester (Giselle Palmer).
Im Interview gab Noé zu Protokoll, er habe sich ein paar der megalomanischen Katastrophenfilme der siebziger Jahre angesehen, um sich von der atavistischen Anarchie der den Extremsituationen ausgesetzten Charaktere inspirieren zu lassen. Die Wahl seiner Form gestaltet sich wie üblich kongenial zum transgressiven Geschehen; zu Beginn etwa rollen die Endcredits in umgekehrter Folge durchs Bild, lange, durch ein Mindestmaß an Schnitten durchbrochene Einstellungen zeigen zunächst die ekstatische Tanzchoreographie und später dann die zunehmend infernalischen, immer irrealer anmutenden Wendungen innerhalb der bizarren Hermetik des Gebäudes als einen unablässigen Strom befremdlicher Eindrücke und Momentaufnahmen. Hier und da leistet sich Noé sogar (offenbar ironisierte) Godardismen, wenn er etwa urplötzliche, seltsame Titeleinblendungen liefert wie „un film français et fier de l’être“.
Als kultisch verehrtes und bemühtes trip movie etwa im Sinne von „Fear And Loathing In Las Vegas“ wird „Climax“ vermutlich nicht in die Annalen halluzinogener Kinokultur einziehen, dafür ist er schlicht zu unbequem und vermutlich auch allzu inkommensurabel; es gibt – im Sinne drogenaffiner Filmrezeption zumindest – gewiss zu wenig her, sich dem durchaus als „Horrortrip“ empfindbaren Werk zu widmen. Andererseits nimmt sich „Climax“ in seiner Gesamtgestaltung glücklicherweise als allzu komplex aus, um als stiefmütterliche Warnung vor freiwilligem und unfreiwilligem Rauschmittelmissbrauch durchzugehen – wenngleich niemand im direkten Anschluss an ihn den Drang verspüren wird, sich auf hofmannsche Reisen zu begeben.

8/10

BABA YAGA

Zitat entfällt.

Baba Yaga (Foltergarten der Sinnlichkeit 2) ~ I/F 1973
Directed By: Corrado Farina

Auf dem Rückweg von einer Party gerät die Fotokünstlerin Valentina Rosselli (Isabella De Funès) an eine aparte Dame, die sich ihr unumwunden als Baba Yaga (Carroll Baker) vorstellt. Von diesem Moment an gerät Valentina in den mystischen Bann jener lasziven, rätselhaften Frau, doch dieser ist nicht ungefährlich. Valentinas Lieblingskamera ist bald verhext und führt ihren lebenden Motiven körperlichen Schaden zu; eine rätselhafte S/M-Puppe, die Baba Yaga Valentina als vermeintlichen Talisman schenkt, scheint Böses im Schilde zu führen. Erst mit der Hilfe ihres Freundes Arno Treves (George Eastman), eines Gelegenheitsfilmemachers, kann Valentina sich schließlich dem Zugriff der Hexe entziehen.

Die zweite und bereits letzte abendfüllende Kinoarbeit des Turiner Autors und ansonsten vornehmlich auf dokumentarischer Ebene aktiven Autors und Filmemachers Corrado Farina basiert auf der „Baba Yaga“-Strecke eines zu jener Zeit beliebten fumetto nero (oder auch fumetto per adulti): „Valentina“ von Guido Crepax, der mit Farina befreundet war und an dem Film mitarbeitete. Bei Crepax‘ Figur Valentina Rosselli handelt es sich um eine politisch stark linksorientierte Mailänder Fotografin und Bohèmienne, die zunächst als Freundin des mit Superkräften ausgestatteten Helden Philip Rembrandt alias „Neutron“ in Erscheinung trat und sich dann im Laufe ihrer folgenden, rund dreißig Jahre währenden Veröffentlichungsgeschichte zur Hauptfigur ihrer eigenen, sich zunehmend erotisch gestaltenden Abenteuer entwickelte. Sie basierte hinsichtlich ihrer visuellen Gestaltung auf Crepax‘ Vorliebe für die in den zwanziger und dreißiger Jahren aktive Schauspielerin Louise Brooks und geriet im weiteren Verlauf ihrer Geschichten in zusehends surreal arrangierte, oftmals mit eindeutigen Fetischelementen angereicherte Storys, die mit unterschiedlichen diegetischen Ansätzen spielten, dem stream of consciousness etwa.
Ganz so weit geht Farinas Film nicht, obschon er in seinen erotisch konnotierten Sequenzen nicht den offensichtlichsten Pfad des blanken Voyeurismus einschlägt, sondern stattdessen hart kontrastierte, ineinander fließende Schwarzweiß-Einzelbilder von Isabella De Funès‘ Gesichtspartien einflechtet. Ansonsten ist „Baba Yaga“ (deren von Carroll Baker interpretierte Entsprechung weniger dem folkloristischen slawischen Vorbild der knorrigen Waldhexe in ihrem Haus auf Hühnerbeinen entspricht denn vielmehr dem, was man sich im Westen als lesbische, stark sexualisierte femme fatale mit übersinnlichen Fähigkeiten vorstellen mag) vor allem als repräsentativ-exemplarisches, zeitkoloriertes Fest der Dekors und Interieurs interessant, das einige wenige (jedoch, das muss man einräumen: oberflächliche) Diskurse in Richtung bildender Kunst verhandelt und das mit seinem, dem jazzigen Score (Piero Umiliani) angelehnten Rhythmus eher wie die gepflegtere, feuilletonistisch goutierbarere Variation eines Jess-Franco-Werks daherkommt. Sein phantastisches Timbre vulgarisiert der Film dann auch keineswegs durch halbgare Effekte, sondern durch die geschickte Evokation eines allgegenwärtigen Mystizismus‘, der derkurz auf paraphilen Abwegen befindlichen Heldin offenbar durchaus libertinäre Freude und Lust bereitet, sie am Ende aber dann doch wieder aufatmend in ihren vertrauten sozialen Mikrokosmos zurückspeit.

8/10

RAVENOUS

„Bon appétit.“

Ravenous ~ UK/USA/CZ/MEX 1999
Directed By: Antonia Bird

Sierra Nevada, Kalifornien, 1847: Nach einer Auszeichnung, die Captain John Boyd (Guy Pearce) infolge einer eher unfällig vollzogenen Heldentat in den letzten Tagen des Amerikanisch-Mexikanischen Krieges zuteil wird, entsendet man ihn nach Fort Spencer, einen kleinen, militärischen Außenposten am Fuß des Gebirges, der von dem gesetzten, sympathischen Colonel Hart (Jeffrey Jones) kommandiert wird. Eines Abends taucht ein halberfrorener Fremder (Robert Carlyle) in Spencer auf, der sich als Siedler namens Colqhoun vorstellt und eine furchtbare Geschichte erzählt: Er sei mitsamt fünf Mitreisenden infolge eines Schneesturms wochenlang in einer Höhle in den Bergen gefangen gewesen, wo der Hunger sie schließlich in den Kannibalismus gedrängt hat. Colqhoun habe noch fliehen können, bevor der wahnsinnig gewordene Colonel Ives auch ihn hatte töten und verspeisen können. Ives und eine Witwe seien noch vor Ort. Eine kleine Abordnung macht sich auf den Weg, der Frau zur Hilfe zu eilen, doch in der Höhle finden sich nurmehr die abgenagten Gerippe von fünf Leichen. Colqhoun entpuppt sich als der Hauptübeltäter und tötet bis auf Boyd alle Soldaten. Boyd kann sich mit gebrochenem Bein verstecken und ist schließlich selbst zum Verzehr eines seiner toten Kameraden (Neal McDonough) gezwungen, um zu überleben. Wie durch ein Wunder meistert er den Weg zurück nach Fort Spencer, wo sich just ein neuer Kommandeur vorstellt: Colonel Ives alias Colqhoun…

„Ravenous“, die vierte von bislang fünf Kino-Regiearbeiten der Londoner Filmemacherin Antonia Bird, könnte man als die groteske, mit Horrorelementen hybridisierte Paraphrase eines klassischen frontier western bezeichnen. Die Storyprämisse ist dieselbe wie sieben Jahre zuvor bei Kevin Costners Meisterwerk „Dances With Wolves“ – ein dem Tode geweihter Offizier rettet sich selbst durch einen mirakulösen Akt des Heldentums doch noch selbst das Leben, wird dafür perplexerweise ausgezeichnet und in westliches Niemandsland entsandt, wo er das Grauen einer barbarisierten Zivilisation erlebt. Indianische Kultur und Mystizismen nehmen in „Ravenous“ allerdings lediglich eine periphere Rolle ein: Boyd hört die Geschichte des „Wendigo“, eines gierigen Geistes, der, einmal dem Kannibalismus verfallen, einen unstillbaren, suchtartigen Hunger auf Menschenfleisch entwickelt, sich jeweils die Kraft des verzehrten Opfers aneignet und so selbst immer stärker wird. Jene Legende erweist sich im weiteren Verlauf als nur allzu zutreffend. Ives berichtet später, selbst von ihr gehört und sich hernach gezielt der Anthropophagie zugewandt zu haben, um seine Schwindsucht und seine Depressionen zu überwinden – höchst erfolgreich, wie er hinzufügt. Auch Boyd und Hart lernen die unheimliche, heilsame (und lebensspendende) Kraft kennen, die das Verspeisen von humanen Artgenossen mit sich bringt. Beiden gelingt es, dem sicheren Tod von der Schippe zu bringen. Ives hat derweil längst den Plan entwickelt, Fort Spencer zum Zentrum einer aus auserwählten (damit sind ranghohe Offiziere des Militärs gemeint) Mitgliedern bestehenden, kannibalischen Subkultur zu machen und sich dort künftig an Richtung Westen durchreisenden Siedlern zu delektieren. Die Symbolik dahinter ist so trefflich wie evident: Der Imperialismus frisst sich selbst. Den Wendigo könnte man ebensogut auch als Rachewerkzeug der im Rückzug befindlichen, indigenen Bevölkerung am Weißen Mann erachten; wenn schon die unrechtmäßige Landnahme stattfinden muss, dann zumindest nur unter grauenvollsten Entbehrungen. Den Kannibalismus schaltet Antonia Bird infolge dessen gewissermaßen gleich mit dem Vampirismus: Wie Blutsauger durch den Lebenssaft ihrer Opfer Unsterblichkeit und Unverletzlichkeit um den Preis der Entseelung erlangen, scheint auch die Anthropophagie (zumindest in den unerschlossenen Gefilden des amerikanischen Westens) einen ganz ähnlichen Effekt auf ihre Nutznießer auszuüben. Und doch lässt sich nicht abschließend klären, wo die Grenze zwischen Wahn und Spiritualität verläuft, denn gänzlich unsterblich, mit dieser beruhigenden Erkenntnis entlassen Antonia Bird und ihr Autor Ted Griffin uns aus ihrem ebenso schönen wie gewitzten Film, sind selbst Kannibalen nicht. Dafür können vermeintliche Feiglinge immer auch Helden sein.

8/10

SUSPIRIA

„Are you this pale all the time?“

Suspiria ~ I/USA 2018
Directed By: Luca Guadagnino

Berlin, Herbst 1977. Während die junge Amerikanerin Patricia Hingle (Chloë Grace Moretz), Elevin der international renommierten Helena-Markos-Tanzakademie für Mädchen, spurlos verschwunden ist, kommt mit ihrer Landsmännin Susie Bannion (Dakota Johnson) just eine neue Schülerin dort an. Als Tochter einer mennonitischen Farmersfamilie aus Ohio hat sich Susie, die sich seit frühester Kindheit magisch von der Mauerstadt angezogen fühlt, ihren Weg hierher auf eigene Faust bewältigt. Madame Blanc (Tilda Swinton), die Leiterin der Akademie, ist von Susies Fähigkeiten begeistert und setzt sie schon bald für die Hauptrolle der geplanten Aufführung des Stücks „Volk“ ein. Susies Mitschülerin Sara (Mia Goth), die sich mit ihr rasch angefreundet hat, bemerkt derweil bald schon seltsame Wesensveränderungen bei der Neuen. Zudem nimmt der alte Psychiater Dr. Klemperer (Tilda Swinton), bei dem zuvor Patricia in Behandlung war und der sich um den Verbleib seiner Patientin sorgt, Kontakt zu Sara auf. Offenbar war Patricia der Meinung, die Belegschaft der Akademie bestünde aus einem Hexenzirkel, der einer uralten, dämonischen Entität, Mater Suspiriorum, oder auch der „Mutter der Seufzer“, huldigte. Unter den Lehrerinnen schwelt darüberhinaus bald ein Konflikt darum, wer künftig ihren Vorstand innehaben soll: Weiterhin die uralte Helena Markos (Tilda Swinton), die noch irgendwo in den Eingeweiden des labyrinthischen Gebäudes (dem „Mütterhaus“) verborgen lebt, oder doch die vitale Madame Blanc…

Nachdem das „Suspiria“-Remake, nebenbei die erste Neuinterpretation eines Films von Dario Argento, bereits jahrelang in der Präproduktionsphase steckte, wurde es letzthin schlussendlich doch noch realisiert. Der Regisseur Luca Guadagnino schien dabei nicht unbedingt die offensichtlichste Wahl für einen Genrefilm zu sein, dessen Original sich allerorten nicht nur höchster Beliebtheit erfreut, sondern zudem einer vergleichsweise extrem ergebenen Liebhaberschaft zu versichern weiß, deren Mitgliederschaft sich über die Jahrzehnte immer tiefer und bis hinein in die sogenannte „anerkannte“ Filmkritik und unter renommierten Filmhistorikern und – Analytikern zu verwurzeln wusste.
Dass Argentos „Suspiria“ weit über das übliche horrornerd-fandom einen Status als immens einflussreiches Gesamtkunstwerk genießt, beweist auch Guadagninos Ansatz, den Stoff auf- und umzubereiten. Anders als ehedem Argento und seine Gattin Daria Nicolodi, deren Grundwerk sich als erster Teil einer (mittlerweile vollendeten) Trilogie um die „Drei Mütter“ begriff und das vor allem im Hinblick auf seine formale Ausgestaltung (saftige Primärfarbkompositionen, Architektur und Raumkonstruktion) sowie die Schaffung einer eher diffusen, kaum greifbaren Atmosphäre des Unheils und Schreckens reüssierte, setzt Guadagnino andere Schwerpunkte, die das Vorbild einerseits ergänzen, es andererseits aber auch bewusst diametralisieren. Dem trägt insbesondere die Entscheidung Rechnung, den neuen „Suspiria“ zur gleichen Zeit spielen zu lassen wie den alten, 1977 also, allerdings nicht im württembergischen Freiburg, sondern im geteilten Berlin, rückblickend die ultimative (gegen-)kulturelle Keimzelle der gesamten Republik. 1977, das war auch das Jahr des „Heißen Herbsts“, in dem die RAF implodierte, nachdem die zweite Generation Schleyer entführt, die sympathisierende PFLP die Landshut gehijackt und die in Stammheim einsitzende Führungsspitze Kollektivsuizid verübt hatte. Alle diese Ereignisse finden, mal am Rande, mal zentralisierter und gezeichnet in bleiernen Pastell- und Sepiatönen auch bei Guadagnino Platz (die verschwundene Patricia wird mehrfach als RAF-Sympathisantin exponiert). Nicht von ungefähr tauchen mit Angela Winkler und Ingrid Caven zwei wichtige Protagonistinnen des Neuen Deutschen Films als Hexen auf. Die Hexen, das sind in „Suspiria“ 2018 zugleich dedizierte Feministinnen; Frauen, die für Selbstbestimmung, die Abschottung vor dem Patriarchat und seinen politischen Auswüchsen stehen und die vor allem die Autonomie ihres Geschlechts zu stärken trachten. Doch gibt es freilich wie überall so auch hier den schwelenden Generationskonflikt, der sich schlussendlich im Duell entscheiden soll. Im Gegenzug findet sich ergänzend dazu die Schuldfrage der (maskulinen) Kriegsgeneration inhaltlich eingewoben in der Person des zwischen West- und Ost-Berlin umherpendelnden Dr. Klemperer, dessen Frau Anke (Jessica Harper) 1943 auf der Flucht von den Nazis gefasst und in Theresienstadt ermordet wurde und der am Ende, nach einem finalen Martyrium, endlich Freiheit und Erlösung vom lebenslangen Gram finden darf.
Der neue „Suspiria“ ist somit weniger Horrorfilm denn phantastisch konnotiertes Zeit- und Landes- (bzw- Stadt-) Porträt mit einigen gattungsgerechten Einsprengseln. Nicht jede inszenatorische Entscheidung wirkte dabei auf mich auf Anhieb zuträglich, so etwa die, Tilda Swinton in gleich drei Rollen auftreten zu lassen (wobei besonders die Maskerade als Dr. Klemperer, die ich ohne Vorwissen unmittelbar durchschaut habe und über deren vormaliges Verschleierungsgewese ich erst im Nachhinein las, mir missglückt erscheint). Dennoch scheint mir das Experiment als künstlerisch potente Versuchsanordnung in seiner Gesamtheit durchaus gelungen und honorabel. Vor allem, zumal hier wirklich kreative Fruchtbarkeit zu spüren ist und nicht der bloße, öde Ansatz, einen populären Traditionstitel einer nachwachsenden Generation von leicht affizierbaren Popcornfressern konsumierbar zu machen.

8/10

US

„Who are you people?“ – „We’re Americans.“

Us (Wir) ~ USA/J 2019
Directed By: Jordan Peele

Der Sommerurlaub der vierköpfigen Familie Wilson im kalifornischen Santa Cruz bedeutet für Mutter Adelaide (Lupita Nyong’o) zugleich die Rückkehr in ein altes Vergangenheitstrauma: im Mai 1986, zur Zeit des „Hands Across America“-Charity-Events, stieß Adelaide als Kind in einem Spiegelkabinett des Freizeitparks am Strand von Santa Cruz auf eine exakte Doppelgängerin ihrer selbst, ein Erlebnis, das sie über längere Zeit apathisch und stumm zurückließ und von dem sie sich nur schwer erholte. Umso unwohler fühlt sie sich nun, da sie hierher zurückkehrt und würde am liebsten gleich wieder umkehren. Ein neuerlicher Ausflug in den Themenpark kostet Adelaide wiederum einiges an Nerven, da sie ihren Sohn Jason (Evan Alex) bereits kurz entführt glaubt. Doch es kommt noch viel schlimmer: Am Abend tauchen vier physiognomische, jedoch psychisch und geistig offenbar derangierte Ebenbilder der Wilsons in der Einfahrt ihres Sommerhauses auf und demonstrieren bald ihre gewalttätigen Absichten. Die Wilsons können sich zur Wehr setzen, doch der Albtraum betrifft nicht nur sie: Landesweit erscheinen überall ebenso gewaltbereite wie wahnsinnige Doppelgänger, die ihre Gegenstücke attackieren und hernach eine riesige Menschenkette bilden…

Der gegenwärtige, dystopisch gefärbte (Mainstream-)Horrorfilm transportiert politische und sozialkritische Dimensionen in einer Form, die dem Genre (mit Ausnahme von einzelnen Blitzlichtern wie „They Live“) seit den Achtzigern weitgehend abhanden gekommen zu sein schienen. Tragfähige Exempel dafür sind mittlerweile Legion: Jennifer Kents „The Babadook“ untersucht die psychologischen Erfordernisse des modernen Mutterdaseins, Jeremy Saulniers „Green Room“ exerziert die Auswüchse provinziellen Rassismus‘ durch, Fede Alvarez‘ „Don’t Breathe“ geht in die sozial desolierten Vorstädte, und die „The Purge“-Serie nimmt sich auf wenig subtile Weise der unterschwelligen Gewaltbereitschaft der Wohlstandsgesellschaft an.
Jordan Peele, dessen „Get Out“ bereits eine treffende Reflexion darüber bot, wie rigoros das weiße WASP-Establishment die afroamerikanische Kulturkraft anzapft und damit eine ganz moderne Form des privilegierten, rassistischen Parasitarismus lanciert, verleiht nun in „Us“ dem Subprekariat ein buchstäbliches Kollektivantlitz. Seine wiederum symbolträchtige Geschichte entwirft diesmal die (nicht immer ganz ausgegoren wirkende) Prämisse eine Langzeitexperiments der US-Regierung, in dessen Zuge von sämtlichen Bürgern der Staaten jeweils Klone erstellt wurde, die in einem unterirdisch ausgebauten Tunnelsystem ihr Dasein isoliert, weithin sich selbst überlassen und unter anarchischen Zuständen zu fristen haben. Ohne Sonnenlicht schlafen die Klone in Sälen mit Etagenbetten, erhalten Einheitskleidung, Wasser und Nahrung, die einzig und allein aus lebenden Stallkaninchen besteht. Mit der unfälligen Begegnung der kleinen Adelaide mit ihrem Gegenstück wird jedoch eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die rund 33 Jahre später eskaliert: Die Klone finden ihren Weg ins Freie und fordern ihr Recht ein, sich an die Plätze ihrer „normal“ lebenden Ebenbilder zu setzen. Darin eingebettet präserviert Peele zunächst ein klassisches Home-Invasion-Szenario, das im weiteren Verlauf mit den Versatzstücken des Zombiefilms (Flucht vor den „Besessenen“) hantiert, um dann ein paar mehr oder weniger sinnstiftende twists zu liefern. Dabei füttert Peele sein von ihm als popkulturbeflissen und diesbezüglich mündig vorausgesetztes Publikum mit diversen in-jokes und Reminiszenzen, die passabel bei Laune halten und zieht die Gewaltschraube nicht weiter an als unbedingt nötig. Zudem installiert er unzweideutige narrative Widerhaken als Reminder für ein potenzielles Sequel oder gar für ein kommendes Franchise, was in Anbetracht der eigentlich doch hinreichend auserzählten Geschichte um Adelaide und ihren Widerpart wiederum recht fragwürdig erscheint. Als Nachfolger zu „Get Out“ enttäuscht „Us“ somit nicht, schafft es andererseits jedoch auch ebensowenig, die Jordans Kinoerstling umspielende, rotzige Keckheit zu revitalisieren. So oder so: man freut sich bereits auf kommende Attraktionen dieses vielversprechenden Genre-Auteurs.

8/10