APOSTLE

„This island is our paradise.“

Apostle ~ UK/USA 2018
Directed By: Gareth Evans

Das Vereinte Königreich im Jahre 1905: Der vormalige Missionar Thomas Richardson (Dan Stevens) hat Gott und seinem Glauben entsagt, nachdem er während des Boxer-Aufstandes in China an seine physischen und psychischen Grenzen getrieben wurde. Zurück daheim erhält er eine Nachricht seines Vaters, derzufolge seine Schwester Jennifer (Elen Rhys) von einem auf einer walisischen Insel ansässigen, aus Gesetzlosen bestehenden Naturkult um eine Lösegeldforderung gefangengehalten wird. Thomas, mittlerweile schwer laudanumsüchtig, bereist die Insel in cognito und schließt sich vorgeblich dem Kult an. Dieser, angeführt von Malcolm Howe (Michael Sheen), Quinn (Mark Lewis Jones) und Frank (Paul Higgins), einem Trio einstmals Schiffbrüchiger, verehrt einen weiblichen Naturdämon (Sharon Morgan), der sich von Blut ernährt und im Gegenzug Pflanzen sprießen lässt und den die Drei gefangenhalten. Da der Geist jüngst jedoch seine Kraft zu verlieren scheint, benötigen die Kultisten andere Mittel und Wege, um sich über Wasser halten zu können. Mit der Ankunft von Thomas bahnt sich schließlich zugleich eine Katastrophe an: Der blutrünstige Quint will um jeden Preis die Herrschaft über das Eiland an sich reißen…

Nachdem mir „Serbuan Maut“ von Gareth Evans nicht gefallen hat, ich seine Sekten- und Teufels-Episode in „V/H/S/2“ dafür jedoch umso beeindruckender fand, war ich durchaus gespannt auf „Apostle“, von dem ich mir meiner höchst oberflächlichen Annahme gemäß ein dem Embedded-Filming-Segment thamtisch ähnliches, nur eben auf abendfüllende Länge ausgeweitetes Werk versprach. Von apokalyptischem Ambiente jedoch keine Spur; vielmehr müht sich Evans, dem einst von der Tigon British kultivierten, klassischen Folk-Horrorfilm Marke „The Wicker Man“ seine Ehrerbietung zu erweisen und reichert seine Mär um konkrete phantastische Elemente, ein wenig körperbetonte Action und zwei, drei fiese Gore-Sequenzen an, die jedoch sehr lange auf sich warten lassen und aufgrund ihrer Loslösung vom Rest sowieso eher willkürlich bis unpassend daherkommen. Auch sonst wirkt der von Evans selbst geschriebene Film trotz manch guter Ansätze und immer wieder eingeflochtener, poetischer Momente (wie etwa der letzten, als Erfüllungsmoment zu begreifenden Einstellung) größenteils unausgewogen, verworren und unverständig zerdehnt. Dan Stevens in der Hauptrolle, der eigentlich als zerrissener Held wider Willen die Zuschaueremotionen binden soll, bleibt, zumal im Vergleich mit einigen deutlich interessanter angelegten, leider aber mit wesentlich weniger inhaltlicher Bedeutung bedienten Nebencharakteren in den allermeisten Phasen des Films erschreckend blass und egal, der Kult und auch die Dämonen jagen einem, trotz Mark Lewis Jones‘ finalem Amoklauf weder Respekt noch Angst ein und wirken eher wie Schmuckwerk aus einem larmoyanten Achtziger-Fantasyfilm.
Das war mir dann insgesamt eine allzu irrlichternde und inkonsistente Veranstaltung und besagter, positiver Aspekte entgegen blasser Durchschnitt.

4/10

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SUMMER OF 84

„Even serial killers live next door to somebody.“

Summer Of 84 ~ USA/CA 2018
Directed By: François Simard/Anouk Whissell/Yoann-Karl Whissell

Im Sommer 1984 entwickelt der im Städtchen Cape May, Oregon lebende, 15-jährige Davey (Graham Verchere) den dringenden Verdacht, dass sein Nachbar, der allein lebende Polizist Wayne Mackey (Rich Sommer), jener Serienkiller ist, der in der Gegend sein Unwesen treibt und auf dessen Konto vermutlich bereits mehrere vermisste Jungen in Daveys Alter gehen. Zusammen mit seinen drei Freunden Woody (Caleb Emery), Eats (Judah Lewis) und Curtis (Cory Gruter-Andrew), die Davey bald mit seinen detektivischen Umtrieben ansteckt, macht sich der Junge daran, Mackey zu entlarven. Doch dieser erweist sich als deutlich cleverer denn zunächst angenommen…

Your monthly retro piece. Bereits vor längerer Zeit losgetreten von Richard Kellys „Donnie Darko“ und später dann endgültig erodierend ausgelöst durch Filme wie J.J. Abrams‘ „Super 8“ und natürlich das Netflix-Serial „Stranger Things“ scheint die Nostalgie-Welle, die vor allem die romantisierten Kleinstadt-Sozietätsbilder der vielen Spielberg-Produktionen der achtziger Jahre, der von ihm gesteuerten Produktionsfirma Amblin und all derer vielen großen und kleinen Epigonen beschwört, noch nicht gesättigt. Das Regie-Trio Simard/Whissell/Whissell, dessen eingeschworene Allianz sich auch „Roadkill Superstar“ (RKSS) nennt und dessen Debüt „Turbo Kid“ ich beizeiten nachholen werde, hat sich offenbar ganz dieser Form des atmosphärischen Retro-Chic verschrieben – durchaus erfolgreich, wie der weitgehend gelungene „Summer Of 84“ vorsichtig bestimmen lässt. Auf (semi-)phantastische Elemente wie verlorene Schätze, Aliens, kleine Monster oder postapokalyptische Abenteuerszenarien wird diesmal gänzlich verzichtet zugunsten eines sich mit zunehmendem Filmverlauf ernster gestaltenden Serienkiller-Topos, der im letzten Fünftel ein im Verhältnis zur trügerischen Basis des Plots geradezu eklektisch ausformuliertes Ende einläutet. Darin schieben die AutorInnen sämtlichen eben noch sehr in der Vorbilderzeit verankerten Coming-of-Age-Klischees, die von Außenseiter-Freundschaft über Familienidyll bis hin zu erster Liebe und unterstützender, sommerlicher Lichtdurchflutung diverse Pflichtelemente akribisch abhaken, einen finster-realistischen Riegel vor. Erwachsenwerden bedeutet in „Summer Of 84“ zugleich die höchst destruktive Konfrontation mit Verlust, Angst und Tod, garantiert ohne erlösendes Element. Davey muss seine juvenile Neugier, die ihn und seine Freunde anfangs wie die übliche, abenteuerlustige Kinderclique der Ära blind macht für die tödliche Gefahr, in die sie sich begeben, teurer bezahlen als ihm lieb sein kann. Mit der Entlarvung des Mörders folgt zugleich die Erkenntnis der totalen Ohnmacht; gegen die viehische Brutalität des psychopathischen Lebenssammlers Mackey, der so ganz ohne identitätsverschleiernde Maskerade auftritt und sein Werk mitten im Herzen trauter Nachbarschaft praktiziert, kann Davey es nicht aufnehmen. Diese Erkenntnis kommt für ihn viel zu spät – nachdem er sich kurz im Glanze öffentlicher Heldenverklärung sonnen darf, heißt es Abschied nehmen, nicht nur von der Naivität der Kindheit, sondern auch vom besten Freund, dessen gewaltsamen Tod mittelbar auch Davey verschuldet, von den anderen Kumpels und ihren fragilen Elternhäusern, von der Angebeteten, die die Stadt verlässt und vor allem von der im Teenageralter noch unantastbaren Sicherheit der Unsterblichkeit.
Anders als zuletzt noch in ersten Teil des „It“-Neuverfilmung lässt sich das Ungeheuer in „Summer Of 84“ auch mit vereinten Kräften nicht in die Schranken weisen. Der Grund dafür ist so simpel wie einleuchtend: Hierin ist das Monster keine übernatürliche Wesenheit, sondern, viel schlimmer – ein Erwachsener.

7/10

AFTER DEATH

Zitat entfällt.

After Death (Das Böse ist wieder da – After Death) ~ I 1989
Directed By: Claudio Fragasso

Rund zwanzig Jahre, nachdem ein rachsüchtiger Voodoo-Priester (James Sampson) die Toten auf einer Karibik(?)-Insel zum Leben erweckt hat, um den Leukämie-Tod seiner Tochter zu ahnden, für den er eine Gruppe weißer Wissenschaftler verantwortlich macht, kehrt Jenny (Candice Daly), die einzig Überlebende von damals und ehedem noch ein kleines Mädchen (n.a.) auf das Eiland zurück. Auch die zufällig in ihrer Gesellschaft befindliche Gruppe von Vietnam-Veteranen, Söldnern und Glücksrittern können ihr nicht gegen die alsbald aufwallenden Zombie-Horden helfen, die ein ebenfalls die Insel bereisendes Trio durch das Verlesen einer Zauberformel zu unheiligem neuen Leben erweckt.

Claudio Fragasso, Freund, Kreativmündel und oftmaliger Kollaborateur des seligen Bruno Mattei, schaffte es sogar, die enthusiastische Albernheit, die sein Mentor oftmals walten ließ, mühelos in den Schatten zu stellen. Sein Selbstverständnis als Auteur und Künstler zeugt dabei bis heute von ungebrochenem Stolz und wird zudem stets flankiert von seiner tapferen Gattin, Gesinnungsgenossin und Hausautorin Rossella Drudi, die auch für „After Death“ frohgemut in die Schreibmaschinentasten langte.
Wie todesmutig nun „After Death“, der auch unter dem Titel „Oltre La Morte“ („Mehr als der Tod“) firmiert und der bei uns ferner gern als „Zombie IV“ vermarktet wurde, auf den immerwährenden Grat zwischen inszenatorischem Anarchismus und hoffnungsloser Imbezilität herumhüpft, das kann nur begreifen und nachvollziehen, wer den Mut aufbringt, diesen schier unglaublichen Film selbst einmal in Augenschein zu nehmen. Ringt man bereits bei dem Versuch, dem Plot so etwas wie Stringenz oder Kausalität abzutrutzen, erfolglos mit dem hehren Vokabular der Geistesräson, so offenbart sich in Anbetracht von Dramaturgie, Dialog (die deutsche Synchronfassung, die unter anderen immerhin mit Wolfgang Kühne und Michael Pan aufwartet, offenbart lieblichsten Schwachsinn) und, Himmel, hilf, rudimentärster Logik, erst der volle künstlerische Anarchismus Fragassos. Sämtliche der Untoten erinnern an Lepraopfer und sind in graue Lumpen gewandet, schlurfen bisweilen, können sich aber auch ebensogut grazil wie Ninjas bewegen, ballern und sogar dämlich dahersalbadern, dass es eine inkonsistente Lust ist. Die Besetzung schließlich, die diese einzigartig melangierte Versuchsanordnung aus Söldneraction und karibischem Zombiespuk, kongenial flankiert, reitet auch noch den letzten Rappen in den Stinkesumpf: Die Protagonistin Candice Daly, eine Kalifornierin, die mit nur 38 Jahren an polytoxischer Vergiftung verstarb, kann man nicht wirklich als Schauspielerin bezeichnen. Ihr Konterpart, der muskulöse Chuck Peyton, reüssierte ansonsten vorrangig unter dem Pseudonym Jeff Stryker in Schwulenpornos und verfügt über eine ähnlich mattierte Strahlkraft wie die Daly. Die eigentliche Schau bietet der tolle Nick Nicholson, eine Art Hippie mit Struppelbart, der ein wenig aussieht wie der Zwillingsbruder von Al Cliver mit Karies. Wahres method acting, bleibt da nur festzuhalten. Kleine, stets mit viel Wiedersehensfreude empfangene Lieblinge wie Massimo Vanni, Ottaviano Dell’Acqua, Romano Puppo, Don „The Dragon“ Wilson und natürlich Jim Gaines vervollständigen die illustre Schar darbender Geschäftsaufstrebender, die die allseits dräuende Entscheidungsfrage „Bullshit or not?“ für sich längst voller Selbstbewusstsein entschieden haben.
Träumschen.

5/10

THE BLOOD BEAST TERROR

„Electroplating! Interesting idea!“

The Blood Beast Terror (Das Blutbiest) ~ UK 1968
Directed By: Vernon Sewell

Eine furchtbare Mordserie, bei der die Opfer völlig blutleer aufgefunden werden, erschüttert das Viktorianische Königreich im Umfeld Londons. Inspector Quennell (Peter Cushing) vom Scotland Yard konzentriert seine Ermittlungen auf den Dunstkreis des Entomologen Dr. Mallinger (Robert Flemyng), der sich besonders auf die Erforschung exotischer Schmetterlingsarten spezialisiert hat. Tatsächlich könnte Quennell gar nicht richtiger liegen: Mallinger hat bereits einen Totenkopfschwärmer in Menschengröße erschaffen, der zur Lebenserhaltung frisches Blut benötigt und außerordentliche Tarneigenschaften besitzt. Dieser soll nun auch noch einen Gefährten erhalten!

Diese vierte Produktion des kurzlebigen Hammer-Epigonen Tigon British, die gelegentlich als Dublette mit Michael Reeves‘ „The Witchfinder General“ aufgeführt wurde, beweist nachdrücklich, dass und inwieweit Tony Tensers kleine Filmschmiede der großen Konkurrenz zumindest dann unterlegen war, wenn der Produktion weder ein außergewöhnlicher Regisseur noch ein findiger Autor zur Verfügung standen.
Freilich bemüht die gesamte Gestaltung von Sewells Film wohlbewusste Vorbilder: Das kostüm- und ausstattungsintensive Setting der Viktorianischen Ära gibt es hier ebenso wie den mad scientist und seine ebenso schöne wie verderbte Kreatur, deren Ursprung natürlich in den unzivilisierten Teilen der Welt zu finden ist. So fühlt man sich betreffs jener recht offensichtlichen Emulsion etwa nicht selten an John Gillings schönen (und wesentlich ausgereifteren) „The Reptile“ erinnert. Allerdings lässt sich „The Blood Beast Terror“ zugleich eine durchaus offenherzige Selbstironie nicht absprechen; diese äußert sich beispielsweise anhand einer breit ausgespielten Szene, in der Dr. Mallinger und seine Studenten sich ein hübsches Grand-Guignol-Stück ansehen, das unzweideutige Motive aus Mary Shelleys „Frankenstein“ und der West-Port-Morde vermengt und den Professor zu weiteren, galvanisch basierten Experimenten anregt. Selbiger sollte ursprünglich von Basil Rathbone gespielt werden – durchaus ein kleiner Besetzungscoup, der jedoch durch das überraschende Ableben des arrivierten Akteurs durchkreuzt wurde. Seinen Ersatz bildete Robert Flemyng, der wiederum in einer nicht unähnlichen Rolle sechs Jahre zuvor in Riccardo Fredas wunderbarem „L’Orribile Segreto Del Dr. Hichcock“ zu sehen gewesen war.
Letzten Endes lohnt sich „The Blood Beast Terror“ wohl primär für ausgesprochene Chronisten des britischen Genrekinos dieser Ära und/oder tapfere Cushing-Enthusiasten. Damit wäre ihm jedoch sein Stammpublikum reserviert.

6/10

HAGAZUSSA

„Um den Glauben einer aufrechten Gemeinde zu stärken, braucht es der strengen Bereinigung aller frevelhaften Dinge.“

Hagazussa ~ AT/D 2017
Directed By: Lukas Feigelfeld

Die österreichen Alpen im Spätmittelalter. Die kleine Albrun (Celina Peter) lebt allein mit ihrer Mutter (Claudia Martini) ein einsames, ereignisloses Leben in einer kleinen Berghütte. Als die Mutter infolge einer seuchenartigen Krankheit verstirbt, steht Albrun allein da. Als erwachsene, schweigsame Frau (Aleksandra Cwen) hat sie selbst eine kleine Tochter, von der sie selbst nicht recht zu wissen scheint, wer der Vater ist. Albruns Tagesgeschäft besteht im Hüten und Melken ihrer paar Ziegen. Bei der verstreuten Nachbarschaft ist sie als Heidin und Hexe verschrieen und selbst das, was sich in Person der sich sympathisch gebenden Swinda (Tanja Pertovsky) als mögliche Freundschaft offenbart, findet sich bald brutal entwertet. Für die nun noch frustriertere Albrun bedeutet dies den letzten Schritt in die psychische Isolation.

Lukas Feigelfelds Abschlussfilm an der DFFB fügt dem deutschsprachigen Genrekino nichts Geringeres denn eines seiner schönsten, jüngeren Kleinode hinzu.
Die notorische Tatsache, dass die Alpen und ihre wortwörtliche topographische Undurchsichtigkeit Geheimnisse bergen, die genau solche besser bleiben, zählt seit jeher zu den Weisen des finsterer angehauchten Heimatfilms und wurde später von Regisseuren wie Argento, Ralf Huettner oder Georg Tressler für ihre oftmals mysteriös erscheinenden Arbeiten wohlfeil genutzt. Auch genreträchtige Coming-of-Age-Storys wie „Carrie“ oder jüngst „The VVitch“ erleben ihre von viel filmemacherischer Zuwendung geprägte Reverenz.
Feigelfelds Film sieht sich bewusst jener durchaus klassizistischen, gotischen Genealogie zugehörig. Er stößt tief in die von Irrationalität und Urangst geprägte Vergangenheit zurück, als just hier, fernab von der Bildung und Beurkundung von Stadtgemeinschaften, Hexenwahn und Aberglaube, aber auch Paganismus und Heidentum im übermächtigen Schatten der Kirche für fatale Schicksalswendungen sorgen konnten. Die Biographie der armen Albrun entspricht einem lebenslangen Albtraum. Zu ihrer ohnehin von lokaler Abgeschiedenheit geprägten Existenz, die keinerlei Abwechslung oder intellektuelle Herausforderung beinhaltet, gesellt sich noch die soziale Ausgrenzung durch die umliegend lebende Nachbarschaft. Ihr Baby könnte, wie möglicherweise sie selbst, das Kind des hiesigen Geistlichen (Haymon Maria Buttinger) sein; jedenfalls gibt es entsprechende Hinweise. Da das Unaussprechliche unaussprechlich zu bleiben hat, wachsen Tratsch, Verachtung und Ausgrenzung sogar noch weiter an. Eine gezielt geplante und herbeigeführte Vergewaltigung führt Albrun schließlich über die letzte Klippe der geistigen Gesundheit: Sie vergiftet mittels einer toten Ratte die örtliche Wasserzufuhr und riskiert somit eine Pestepidimie, schließlich nimmt sie halluzinogene Pilze zu sich, etränkt ihr Baby und verbrennt sich im finalen Wahn selbst – das legitime Schicksal einer Hexe, zu der sie sich, forciert durch die inneren und äußeren Umstände, am Ende selbst gemacht hat.
Diese gleichermaßen traurige wie schwarzromantische Geschichte erzählt Feigelfeld in kontemplativen, hypnotischen und symbolbeladenen Bildern der urwüchsigen Landschaft, in der sie spielt. Es gibt lediglich kargste Dialogpassagen, die zwangsläufige Inwendigkeit der Geschehnisse gipfelt, getragen von der hypnotischen Begleitmusik (Mmmd) mehr und mehr in Ellipsen und Surrealismus, die in dieser Kombination an Werner Herzogs beste Zeiten erinnern.
Gewiss kein Film für den schnellen Verzehr, aber im Gegenzug einer, der sich eingräbt und bleibt und der hoffentlich noch viele dedizierte Liebhaber finden wird. Junges, frisches und nachhaltiges Kino zum Angewöhnen.

8/10

HOLD THE DARK

„We’ll take care of this, I promise.“

Hold The Dark (Wolfsnächte) ~ USA 2018
Directed By: Jeremy Saulnier

Alaska, 2004. Der Wolfsexperte und Buchautor Russell Core (Jeffrey Wright) kommt auf briefliches Bitten einer jungen Frau namens Medora Slone (Riley Keough) in die verschneite Ödnis des Dörfchens Keelut. Während Medoras Mann Vernon (Alexander Skarsgård) im Irak stationiert ist, hat offenbar ein Wolf ihren kleinen Sohn (Beckam Crawford) verschleppt und getötet. Core soll das Tier finden und töten. Er spürt ein Wolfsrudel auf, verschont die Tiere jedoch. Als derweil Vernon Slone im Gefecht schwer verwundet wird, bedeutet dies seine Heimreise. Vor Ort angekommen erfährt er vom Tod seines Sohnes und den wahren Umständen seines Ablebens, derer sich mittlerweile auch Core überzeugen konnte: In Wahrheit hat Melora den Jungen stranguliert und die Leiche im Keller ihres Hauses versteckt. Sie selbst ist mittlerweile geflohen. Vernon begibt sich an die amokartige Verfolgung seiner Frau, flankiert von seinem alten Freund, dem Indianer Cheeon (Julian Black Antelope), dessen Sohn ebenfalls getötet wurde und der es allein mit einer polizeilichen Übermacht aufnimmt. Gemeinsam mit Sheriff  Marium (James Badge Dale) folgt er wiederum der Spur Vernons.

Dass Jeremy Saulnier ein Guter ist, daran gibt es für mich spätestens jetzt keinerlei Zweifel mehr. Seinen ersten Film habe ich noch nicht gesehen, der zweite, „Blue Ruin“, ist eine nahezu brillante Studie um eine sich emporschwingende Gewaltspirale – ein Thema, dass auch sein komplexitätsreduzierter und insofern geflissentlich nachlassender, dritter Film „Green Room“ aufgreift, der nebenbei recht erfolgreich mit der Gattung des Terrorfilms liebäugelt. Die Literaturverfilmung „Hold The Dark“ entstand nun als Netflix-Produktion, ein Umstand, der die internationale Cinephilie grundsätzlich etwas scheel dreinblicken lässt. Netflix bedeutet nämlich in aller Regel die absatzbedingte Vorenthaltung eines Leinwandeinsatzes und stattdessen die ungleich breitere, faktisch allgemeine Verfügbarkeit für ein grundsätzlich zu misstrauendes Massenpublikum. So oder ähnlich dürften etliche der Ressentiments gegen den Netzriesen verwurzelt sein und ich muss zugeben, dass sie auch aus meiner Sicht eine gewisse immanente Berechtigung in sich tragen. Auch ich genieße Netflix weiterhin grundsätzlich mit Vorsicht, wenngleich ich darin weniger einen medialen Beelzebub noch die allgemeine Negation des Kinos vermuten möchte. Was „Hold The Dark“ anbelangt, so glaube ich sogar, dass Saulnier und seinem treuen Autoren Macon Blair die künstlerische Freiheit, die ihnen für ihren Film zuteil wurde, einem kreativen Freischwimmer gleichkommt. Sein jüngstes, bislang faszinierendstes Werk erinnerte mich, wohl nicht ganz von ungefähr, in mehrerlei Beziehung an Taylor Sheridans ebenfalls noch recht frische Regiearbeit „Wind River“, die ich mit wachsendem Abstand als – wenngleich kleine – Enttäuschung empfinde. Analoges Motiv wäre allen voran der nordwestliche Schauplatz Alaska als final frontier, der die Pseudozivilisation des weißen Mannes noch immer nicht Herr werden kann, parallel dazu der sich unter größter Verzweiflung auch hier fortsetzende Identitätsverlust der natives. Hier wie dort geht es um einsame Jäger und deren persönlichen Moralkodex, um Verschwundene und furchtbare Wahrheiten. „Hold The Dark“ jedoch macht es sich nicht leicht. Er folgt keinerlei probaten, antizipatorischen Schemata und zieht es stattdessen vor, sich vorsätzlich enigmatisch zu geben. Etliche Fragen werden gestellt, ohne je eine eindeutige oder auch befriedigende Antwort zu erhalten; die Motivation und sogar der Weg fast aller Protagonisten gestaltet sich größenteils rätselhaft. Dabei enthält er sich der Gefahr, seine stets präsente, innere Flamme wie auch immer gearteter Vorhersehbarkeit zu opfern und zieht es vor, Stimmungen um der reinen Atmosphäre Willen zu erzeugen. Selbst die immer wieder hervortretenden Gewaltspitzen wirken noch entschleunigend und bestenfalls für Sekundenbruchteile aufregend, bevor der Film sich wieder seinen strikt kontemplativen, sperrigen Innenwelten zuwendet. Auch an Michael Wadleighs wunderbaren „Wolfen“ fühlte ich mich immer wieder erinnert: Was sich im Vordergrund und somit unmittelbar ersichtlich abspielt, ist lediglich das ferne Echo eines rational nicht fassbaren, sich jeder physikalischen Analyse verweigernden Mystizismus‘. Und so wie einst Albert Finney ist hierin auch Jeffrey Wright (wiederum gemeinsam mit dem Publikum), dessen wesentlichste dramaturgische Funktion letztlich im „Bezeugen“ besteht, allerhöchstens ein winziger Eindruck dessen vergönnt, was sich als unfassbare Wahrheit jenseits der Oberfläche jedweder konkreten Manifestation verweigert. Zurück bleiben lediglich körperliche Versehrtheit, eine Ahnung von Unendlichkeit – und ein Eindruck tiefer Ehrfurcht.
Meisterwerk.

9/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10