TENET

„Lying is the Standard Operational Procedure.“

Tenet ~ USA/UK 2020
Directed By: Christopher Nolan

Nach einem vermeintlich gescheiterten Einsatz in Kiew erwacht ein CIA-Agent (John David Washington) auf einem Schiff vor der dänischen Küste, wo er für eine mysteriöse Geheimoperation namens „Tenet“ eingeschworen wird. Der Agent erfährt kurz darauf, dass eine brandgefährliche Technologie aus der Zukunft es ermöglicht, physikalische Kausalitäten zeitlich umzukehren, also zu invertieren. Dies funktioniert sowohl mit Gegenständen als auch mit lebenden Objekten. Einige vom Geheimdienst aufgefundene Pistolenkugeln etwa weisen eine invertierte Charakteristik auf; sie werden nicht abgefeuert, sondern fliegen, nachdem sie ihre tödliche Wirkung hinterlassen habe, zurück in die Waffe. Man befürchtet, dass die invertierten Funde auf nichts Geringeres denn die bald zu erwatende Vernichtung der Welt hindeuten. Die erste Spur führt den Agenten über Mumbai, von wo aus die mächtige Waffenhändlerin Priya (Dimple Kapadia) operiert, und dann zu dem russischen Oligarchen Sator (Kenneth Brannagh) respektive dessen unglücklicher Gattin, der Kunsthändlerin Kat (Elizabeth Debicki). Wie sich bald herausstellt, hat Sator das Geheimnis um die Invertierungen bereits gelöst und er führt nicht Gutes damit im Schilde. Der Agent erhält indes wertvolle Hilfe von dem Physiker Neil (Robert Pattinson)…

Mit jedem neuen Film empfinde ich das Phänomen Christopher Nolan als immer sonderbarer. Vermutlich kann Nolan sich als jener Filmemacher erachten, der von seinem Hausstudio Warner die größtmöglichen Budgets in Kombination mit absoluter kreativer Narrenfreiheit erhält, weil sich etliche Kinoliebhaber auf ihn einigen können. Einzig das Warum ist mir bislang schleierhaft geblieben. Was die Inhalte der meisten seiner Filme anbelangt, so fällt zunächst einmal überdeutlich ins Auge, wie sehr sie sich in ihrer umständlich ausgewalzten Narration und vermeintlichen Plot-Cleverness suhlen. Das macht sie mir nicht eben sympathisch und „Tenet“ bildet diesbezüglich alles andere als eine Ausnahme. Nolan sucht geradezu krampfhaft nach innovativen Konzepten und biedert sich zugleich in eklatanter Weise dem Zeitgeist an, indem er reaktionäre und somit bornierte wokeness platziert. Der Held ist a person of colour, seine love interest (die stets freilich bloße interest bleibt) nicht, dafür aber zwei Köpfe größer als er. Potenziellen Beschwerden aus diesen Ecken hat man also wohlweislich vorgebeugt. Und erneut wechselt Nolan auf ebenso willkürliche wie fragwürdige Art und Weise zwischen den Bildformaten und müht sich, neben Spannung auch Kinetik und Publikumsinvolvierung zu erzeugen – doch nichts davon gelingt ihm zur Gänze. Mit der sich gewiss brillant wähnenden Idee, Entropien umzukehren, erreicht die verwendete Bildsprache zugleich auf paradoxe Weise das Gegenteil ihrer eigenen Intention: Aktion, die umgekehrt abgespult wird, sich also der kausalitätsgeschulten Wahrnehmung des Rezipienten diametral zuwider entblättert, wirkt in der schlussendlichen Realisierung schlicht unbeholfen, stumpf, befremdlich, kaltlassend. Besonders der Showdown des Films, ein wildes Gepöhle aus invertierten und nichtinvertierten Schießereien und Explosionen, verliert sich hoffnungslos in der Unübersichtlichkeit und wirkt flugs nur noch drög und langweilig.
Der Film ist Ganzes bietet indes nicht mehr als eine aufgemotzte Bond-Variation mit SciFi-Content als eher mäßig positioniertem MacGuffin. Der namenlose, als „Protagonist“ seiner eigenen Geschichte (der „Clou“: er selbst wird die Rettung der Welt dereinst als künftiger Invertierungskünstler arrangieren) verkaufte Agentenheld jettet rund um die Welt und durch alle möglichen Gelegenheiten exotischen und luxuriösen Ambientes und schaukelt das Kind mithilfe seiner teilweise bereits in wohlfeiler Kenntnis befindlichen Partner. „Memento“ lässt grüßen, nur dass der wirklich noch interessant war.
„Tenet“ hat bereits jetzt den hochexklusiven Status inne als jener Film, der sich den Status als erster wider die Pandemie lancierter Blockbuster ans Revers heften kann. Der große Blender Nolan hat’s also – zumindest in dieser Hinsicht – mal wieder geschafft. Ich hätte eine solche Ehre zig anderen Werken gegönnt – diesem hier nicht.

5/10

ZARAK

„Take my son and flog him to death!“

Zarak (Zarak Khan) ~ UK/USA 1956
Directed By: Terence Young

Um die vorletzte Jahrhundertwende, im Grenzgebiet zwischen Indien und Afghanistan: Hier treibt der gefürchtete Bandit Zarak Khan (Victor Mature) sein Unwesen mitsamt seiner wilden Horde aus Galgenstricken. Einst von seinem Vater wegen seiner Liebe zu dessen schöner Nebenfrau Salma (Anita Ekberg) verstoßen, lebt Zarak seither als Outlaw, der durchziehende Karawanen oder Viehhirten ausraubt, mit Vorliebe jedoch die britischen Kolonialisten. Mit dem englischen Offizier Ingram (Michael Wilding) erhält Zarak einen erbitterten Gegner. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen der beiden Widersacher, die Zarak meist mit der ihm eigenen List und Tücke für sich entscheidet. Mit dem Plan, den machthungrigen Ahmad Khan (Peter Illing) gegen Ingrams Garnison auszuspielen, verhebt sich Zarak aber schlussendlich.

Ein Gangsterepos am Hindukusch inszenierte Terence Young als zweiten Abenteuerfilm mit dem zu jener Zeit vornehmlich in England arbeitenden Victor Mature in der Hauptrolle gleich nach „Safari“ und wiederum für die Warwick Film. Diesmal ging es also in das krisengeplagte Ostindien; als Protagonisten wählte man eine authentische Figur, versetzte diese jedoch in ein alternatives historisches Setting und ging mit deren Biographie auch sonst überaus freigiebig um. Der echte Zarak Khan war zwischen den 1920ern und 1940ern aktiv, zog ebenfalls vornehmlich gegen die westlichen Besatzer ins Feld und kämpfte im Zweiten Weltkrieg, nachdem er sich der Krone ergeben hatte, sogar für die Briten und gegen die Japaner in Burma. Soviel Komplexität mochte man Youngs hübsch campigem Anderthalb-Stunden-Eskapismus dann doch nicht zumuten und beschränkte sich stattdessen auf eine lose zusammenhängende, episodische Schilderung von Zaraks Streichhöhepunkten, die sich immer wieder von kleinen Schäferstündchen zwischen Mature und der als wollüstige Tänzerin besetzten Anita Ekberg unterbrochen finden. Die teils durchaus beeindruckenden Massen- und Kampfszenen können ebensowenig darüber hinwegtäuschen, dass sich „Zarak Khan“ en gros alles andere als perfektionistisch aufstellt: Die Zeichnung der muslimischgläubigen Einheimischen als ebenso zurückgebliebene wie verschlagene Barbaren im Schatten des zivilisierten Commonwealth gibt sich offen rassistisch; Matures Stuntdouble ist mehrmals unverschämt groß im Kamerafokus und als solches problemlos erkennbar; die Unentschlossenheit zwischen Schelmenstück und pathetisch-religiös verbrämtem Heldenepos schließlich spiegelt die ganze Ambivalenz des Projekts wieder. Einige spätere Verantwortliche der Bond-Serie arbeiteten daran übrigens bereits zusammen: Neben Regisseur Young waren das Albert R. Broccoli als Produzent und Richard Maibaum als Autor.
Dass „Zarak Khan“ aller berechtigten Kritik zum Trotz mancherlei Vergnügen bereitet, liegt vorenehmlich an der unbeirrten Flamboyanz, mit der Produktionen wie diese in den Fünfzigern ihre im Grunde zutiefst sleazige Agenda dem Publikum anzudienen pflegten; so naiv und intellektuell schwachbrüstig jene aufwendig gefertigten Filme dastanden, so unerschütterlich war ihr Glaube an sich selbst und die Treue des Publikums.

6/10

KIM

„The sky is the same color wherever you go.“

Kim ~ USA 1950
Directed By: Victor Saville

Indien in den 1890ern. In den Slums von Lahore schlägt sich Kim (Dean Stockwell), ein irischstämmiger Waisenjunge, mit allerlei Keckheit und Finesse durchs Straßenleben. Stark angepasst an die landeseigene Kultur spielt sein Erbe als Sohn weißer Eltern nurmehr eine untergeordnete Rolle für ihn. Zwei besondere Freundschaften zu erwachsenen Männern bestimmen bald seine künftige Existenz: Die zu dem rotbärtigen, für die Briten arbeitenden Agent Mahbub Ali (Errol Flynn), der Kim als Spitzel anlernt und die zu einem alten tibetanischen Lama (Paul Lukas), der zu Kims spirituellem Ersatzvater wird. Nachdem Kim seine wahre Herkunft – sein verstorbener Vater stand als Soldat im Dienste der Armee – sowie seinen echten Namen Kimball O’Hara jr. entschlüsselt hat, kommt er an ein renommiertes Internat. Die Ferien jedoch verbringt er wieder mit seinen alten Freunden, wobei ein gefährliches Abenteuer mit zwei russischen Spionen (Roman Toporow, Ivan Triesault) auf ihn wartet…

Die nach Rudyard Kiplings berühmtem Roman entstandene Adaption ist einer der schönsten und prächtigsten Abenteuerfilme seiner Ära und wohl auch überhaupt. Das Verfilmungsprojekt schlummerte bereits Jahre zuvor in der development hell bei MGM, bis es dann schließlich unter der Regie des Engländers Victor Saville zum Leben erweckt werden konnte. Unter anderem sorgte der Zweite Weltkrieg nebst seiner politischen Ausgangssituation dafür, dass die antirussische Haltung von Roman und Film, deren Geschichte der stark imperialistisch geprägte Kipling zwischen dem zweiten und dritten afghanischen Krieg angesiedelt hatte, sich zuvor nicht komplikationslos hätte umsetzen lassen. Mit dem nunmehr beginnenden Kalten Krieg hatten sich die Verhältnisse bekanntermaßen gedreht. Freilich verzichtet Savilles Werk auf einige der episodisch angelegten Nebenmstränge des Buchs und setzt ganz auf Technicolor-Pracht und einen sehr romantisierenden, durch subjektive Kinderaugen eingefangenen sense of wonder in Anlehnung an Alexander Kordas Produktionen mit dem jungen Sabu. Dennoch bleibt er vornehmlich für erwachsene Betrachter interessant, indem er die durch seinen Autoren geprägte, kolonialistische Historizität präserviert. Darin verweben sich das vormalige Indien, die britische Vormacht, die exotischen Mysterien und die Multireligiosität Südasiens zu einem Abenteuerwundeland, das sich eben am Vortrefflichsten durch eine unschuldige Protagonistenperspektive examinieren lässt.
Seine vordringliche emotionale Spannkraft bezieht der Film zudem aus der Dreiecksgeschichte Kim – Mahbub Ali – Lama, dreier ja vollkommen unterschiedlicher Protagonisten, die sich spirituell immer weiter annähern. Vor allem die Beziehung zwischen dem Jungen und dem einerseits weltfremd erscheinenden und doch so weisen Alten rührt zu Tränen, zumal der Film letzterem kein so hoffnungsvolles (oder besser: ein endgültigeres) Finale gönnt wie der Roman.
Victor Saville, der bald darauf mit dem Großprojekt „The Silver Chalice“ dermaßen crashte, dass seine Karriere abrupt beendet war, erlangte niemals das Renommee vergleichbarer Regisseure seiner Ära, was man zumindest in Anbetracht der Formvollendung von „Kim“ nur als höchst bedauerlich bezeichnen kann.

9/10

BENGAL BRIGADE

„A man belongs to those with whom he has eaten his first salt.“

Bengal Brigade (Gewehre für Bengali) ~ USA 1954
Directed By: Laslo Benedek

Britisch-Indien, 1857. Um sein aus kronloyalen einheimischen Soldaten bestehendes Regiment zu retten, verweigert der Offizier Jeffrey Claybourne (Rock Hudson) einen Gefechtsbefehl seines Vorgesetzten und Schwiegervaters in spe, Colonel Morrow (Torin Thatcher). Vor dem Militärgericht steht Claybourne in Gänze zu seiner Verantwortung und verlässt sowohl das Regiment als auch seine geliebte Vivian (Arlene Dahl). Einige Zeit später versucht der revolutionäre Radscha Karam (Arnold Moss), Claybourne als Ausbilder für sein Rebellenherr zu gewinnen. Doch während Claybourne zum Schein auf das Angebot des Radschas eingeht, hält er England insgeheim weiterhin tapfer die Treue. In den Wirren des bald folgenden Aufstandes der Inder findet Claybourne zurück zu Vivian und ihrem Vater.

Ein in leuchtenden Farben getünchter Abenteuerfilm, wie er typisch war für den umfangreichen Genre-Ausstoß der Universal jener Tage, der in ebenso reichhaltiger Form auch Western, Melodram, RomCom und Phantastisches umfasste. Sein professionelles Routinement atmet „Bengal Brigade“ aus jeder Pore und hält gerade deswegen auch genau der Art von Antizipation Stand, die an ihn gerichtet ist. Wenngleich Laslo Benedeks Film, daraus muss man erst gar keinen Hehl machen, ein nahtlos durchkalkulierter, für vergleichsweise kleines Geld entstandenes Kommerzprodukt ist, so spricht er doch für die spezifische Charakteristik, die kleine Studioarbeiten wie ihn in den Frühfünfzigern auszeichneten: Gedreht natürlich auf dem Universal-Backlot mit einem Auftragsregisseur und einem Vertragsstar hatte man so ein Ding binnen weniger Tage und Wochen im Kasten und für ein stabiles Zielpublikum dann auch flugs auf der Leinwand.
Dass „Bengal Brigade“ dennoch viel Freude macht, liegt an der Flamboyanz und der trotz ihres Gedinges jederzeit spürbaren Herzlichkeit, mit der Stab und Besetzung hier aufzutreten pflegten. Rock Hudson etwa ist allein durch sein sympathisches wie heroisches Auftreten und das persönliche Wissen um seinen stardom ein wunderbar zuverlässiger leading man; er konnte einen Film wie diesen mühelos auf den eigenen Schultern tragen. Ansonsten hat es die üblichen Ingredienzien: Wenige, aber schicke Interieurs und Kostüme, eine Ballszene, drei, vier unspektakuläre Actionsequenzen, einen hervorragenden Bösewicht, psychologische Nulllinie und natürlich viel obsoletes, imperialistisches Tamtam, das man nicht ernstzunehmen braucht.
Genau die rechte, herzerwärmend gesunde Mischung für die nahende, etwas außergewöhnliche Feiertagssession quasi.

7/10

EXTRACTION

„You drown not by falling into the river, but by staying submerged in it.“

Extraction ~ USA 2020
Directed By: Sam Hargrave

Der Privatkrieg zwischen dem einsitzenden indischen Drogenbaron Ovi Mahajan (Pankaj Tripathi) und seinem in Dhaka wirkenden Intimfeind Amir Asif (Priyanshu Painyuli) erklimmt eine neue Stufe, als Asif Mahajans Sohn Ovi Jr. (Rudhraksh Jaiswal) kidnappen lässt. Da Mahajan Sr. die Verantwortung für die Geiselaffäre vornehmlich Ovis Leibwächter Saju Rav (Randepp Hooda) anlastet und nun seinerseits dessen Familie bedroht, muss sich Saju etwas einfallen lassen: Er lässt den Söldner Tyler Rake (Chris Hemsworth) rekrutieren, ohne ihn bezahlen zu können. In Dhaka angelangt, gelingt Rake zwar Ovis Befreiung, mit der massiven Gegenwehr Asifs, der den gesamten, korrupten Polizeiapparat in der Tasche hat, rechnet Rake allerdings nicht. Nachdem Rake sich mit seinem Schützling angefreundet und mit Saju verbündet hat, steht ihm ein letzter, gewaltiger Kampf bevor.

High Octane Action bietet das Regiedebüt des vormalig als stunt coordinator tätigen Sam Hargrave, der sein Können insbesondere für diverse Marvel-Produktionen unter Beweis stellen konnte. Die Hauptfigur des Films, Tyler Rake, sowie die Grundzüge der Story verdankt Hargrave der 2014 erschienenen Graphic Novel „Ciudad“, die neben Ande Parks auch die Russo-Brüder Joe und Anthony ersonnen haben. Darin muss Rake ein junges Mädchen aus der paraguayischen Ciudad del Este heraushauen. Den Reviews zum Comic lässt sich entnehmen, dass sich darin bereits diverse klare Bezüge und Avancen zu respektive für eine(r) mögliche(n) Filmadaption auftun, die ja nun tatsächlich existiert. Rake gesellt sich in typologischer Hinsicht zu den schießenden und prügelnden Kino-Killersupermännern der jüngeren Zeit, von Robert McCall über Jack Reacher und Christian Wolff bis hin zu John Wick, die die Genicke ihrer multipel einfallenden Gegnerschaften quasi im Vorbeigehen brechen und jede Feuerwaffe als naturgegebene Armprothese zu nutzen wissen. Chris Hemsworths beeindruckende Physis gemahnt wiederum stark an die körperbetonten Action-Heroen der Achtziger. Eine vielversprechende Mixtur, die sich dann auch tatsächlich als höchst funktional erweist. Anders als in der Vorlage die bezüglich der Beziehung der beiden Hauptcharaktere zueinander dem Vernehmen nach wiederum von Luc Bessons „Léon“ und insbesondere den beiden „Man On Fire“-Verfilmungen zehrt wurde nun aus dem Mädchen ein teenage boy und aus Südamerika Südasien, im Speziellen Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Dieser im Hinblick auf einen westlich produzierten Genrefilm doch recht ungewohnte Schauplatz erweist sich immer wieder als grandiose Kulisse für die brillant choreographierten Sequenzen in „Extraction“, in deren Zentrum neben dem bleihaltigen Finale auf einer der Brücken über den die Metropole flankierenden Dhaleshwari-Mündungsarm eine atemlos montierte Plansequenz von elfeinhalb Minuten Länge steht, die so geschickt geschnitten ist, dass selbst die wenigen cuts kaum auffallen, unter anderem eine Verfolgungsjagd im Auto und per pedes beinhaltet und die andererseits wesentlich bodenständiger inszeniert ist als die mich grundsätzlich enervierenden Zirkusnummern asiatischer Produktionen.
Man darf annehmen, dass dies trotz einiger physiologischer Entbehrungen seitens unseres neuen Helden nicht Tyler Rakes letzter Filmauftritt gewesen sein dürfte; darauf lässt einerseits die letzte, sich ein wenig eingmatisch ausnehmende aber doch erwartungsgemäße Einstellung schließen und andererseits die sich a priori seriell gestaltende Einführung und Kultivierung Rakes, der als „zeitgenössischer Rambo“ (auch dies ist hier und da immer mal wieder nachlesbar) für ein solitäres Abenteuer viel zu schade wäre. Ich bin jetzt schon bereit für alles, was da in der development pipeline liegen mag…

8/10

THE DECEIVERS

„I won’t kill for Kali.“

The Deceivers (Die Täuscher) ~ UK/IN 1988
Directed By: Nicholas Meyer

Indien, 1825. Kurz nach seiner Hochzeit mit der Offizierstochter Sarah Wilson (Helena Michell) besucht der im Dienste der East India Company stehende Captain William Savage (Pierce Brosnan) den Radscha Chandra Singh (Shashi Kapoor) in seinem Palast. Rein zufällig entdeckt er des Nachts, wie ein Gruppe Reisender von Meuchelmördern überfallen und grausam aufgerieben wird. Der Tatort entpuppt sich als Massengrab. Savage kann Hussein (Saeed Jaffrey), einen der mutmaßlichen Mörder, gefangennehmen und mit Mühe und Not zum Reden bringen. Hussein berichtet ihm von den Thugs, einer seit Jahrhunderten umtriebigen Sekte von Kali-Anbetern, deren Tagesgeschäft die Ermordung Ungläubiger ist. Da Savage nicht auf die Unterstützung seines skeptischen Schwiegervaters (Keith Michell) hoffen kann, entschließt er sich, gemeinsam mit Hussein die Thugs als Inder verkleidet auf eigene Faust zu infiltrieren. Im Laufe der Zeit verfällt er schließlich selbst beinahe dem dunklen Zauber der Sekte.

Nicholas Meyer erwies sich im Laufe seiner Karriere immer wieder als ein eher biederer Regisseur, der zumindest mit einigen Beiträgen zum Science-Fiction-Genre, darunter zwei „Star Trek“-Filmen, entsprechend geneigte Zuschauer zufriedenstellen konnte. „The Deceivers“ indes, eine Merchant-Ivory-Produktion, präsentiert sich als geflissentlich aus der Zeit gefallen. Wo die arrogante Kolonialpolitik der Briten längst große Teile ihrer filmischen Romantisierung eingebüßt und sich spätestens mit Attenboroughs „Gandhi“ auch beim Mainstreampublikum deren alten Abenteuerkino-Meriten weitgehend  in Wohlgefallen aufgelöst hatten, pflegt „The Deceivers“ stoisch einen höchst obsoleten Umgang mit dem Thema. Er basiert vornehmlich auf einem bereits 1959 erschienen Roman, der wiederum Bestandteil eines ganzen Raj-Zyklus war. Als sympathischer, jedoch vom Taumeln bedrohter Held gibt Pierce Brosnan einen vortrefflichen englischen Gentleman ab, der bei der Aufdeckung und Zerschlagung des Thug-Kultes eine wesentliche Rolle spielt. Diese Geschichte ist keineswegs uninteressant, mag sich der eher auf Fernseh-Niveau befindlichen Inszenierung Meyers jedoch kaum unterordnen. „The Deceivers“ hätte auf rein thematischer Ebene hinreichend Gelegenheit für einen hübsch sleazigen oder campigen, lustvoll aus dem geradlinigen Ruder laufenden Parforceritt geboten, hinreichend Ansätze, das zeigt der Film häufig, wären zur Genüge vorhanden gewesen. Doch Meyer wählt den ebenso bequemen wie mediokren Pfad der Überraschungsarmut und weithin grassierenden Spannungslosigkeit zugunsten einer bewussten Andienung an eine gesetzte Rezipientenschaft. Da holen selbst die grandiosen Originalschauplätze kaum noch etwas heraus.
In jeder Hinsicht sehr viel spaßiger und, wenn auch nicht so pittoresk grundiert, mit dem notwendigen Sinn für Kolportage angereichert, wäre da die exaltierte Hammer-Produktion „The Stranglers Of Bombay“, die ich „The Deceivers“ gegenüber jederzeit klar den Vorzug gäbe.

5/10

THE STRANGLERS OF BOMBAY

„Whoever rules decides the truth.“

The Stranglers Of Bombay (Die Würger von Bombay) ~ UK 1959
Directed By: Terence Fisher

Bombay in den 1830er Jahren. Captain Harry Lewis (Guy Rolfe), aufrechter Offizier der Britischen Ostindien-Kompanie, wird immer wieder mit unerklärlichen Fällen von spurlosem Verschwinden konfrontiert: Nicht nur Hunderte von Einheimischen, selbst ganze Handelskarawanen sind urplötzlich unauffindbar. Nähere Nachforschungen Lewis‘, die immer wieder von seinem schnöseligen Rivalen Connaught-Smith (Allan Cuthbertson) torpediert werden, führen ihn zu einer Sekte fanatischer Kali-Anbeter, die Andersgläubige mit Seidentüchern erdrosseln und deren Gefolgsleute selbst noch in höchsten Kreisen aktiv sind.

Das Phänomen der Thuggees oder kurz Thugs, einer umfassend tätigen, fanatischen  Mörderbande, die in der ersten Hälfte des 19 Jahrhunderts Indien unsicher machte, bildet den historischen Hintergrund dieser erwartungsgemäß tollen Hammer-Produktion, in der man neben Christopher Lee allerhöchstens noch die Farbe vermisst, die – und ich bin bekanntlich sonst überhaupt kein Vertreter solcher Andeutungen – diesem Abenteuerfilm ganz bestimmt wohl getan hätte. In diesem Falle dürften allerdings weniger kreative Freiheit denn budgetbedingte Einschränkungen für die entsprechende „künstlerische“ Entscheidung Sorge getragen haben. Was einmal mehr nach exotischer Ferne ausschaut, wurde komplett in den Bray Studios respektive in Surrey auf Zelluloid gebannt und in denkbar knapper Erzählzeit von rund 80 Minuten abhgehandelt – und doch präserviert auch dieser Hammer-Film die speziell jenem Studio zueigene, britische Erhabenheit und seine rundum seriös wirkende Herangehensweise, die es etwa von weniger sorgfältig arbeitenden Konkurrenten wie Harry Alan Towers abhob.
Manchmal ging es mit Hammer nun nicht nur in historische, sondern zudem noch in kolonialistische Sphären, so in „The Stranglers Of Bombay“, die der authentischen Figur William Henry Sleemans, der ehedem hauptverantwortlich war für die Zerschlagung der Thuggee-Bruderschaft, ein inoffizielles Denkmal setzt. Große Massenszenen darf man natürlich nicht erwarten; was man bekommt, macht solche jedoch ohnehin mehr als wett: Den hochgewachsenen Guy Rolfe in der Heldenrolle nämlich, eigentlich ein klassischer Darsteller übler Bösewichte, der in späten Jahren noch einen dritten Frühling bei Full Moon als Vize-Vize-Andre Toulon bzw. „Puppet Master“ erleben sollte. Dazu hat es gleich zwei Fieslinge: Marne Maitland und George Pastell, infolge ihrer südländischen Physiognomie beide immer wieder gern von der Hammer als hundsföttische Spitzbuben an den Start gebracht und auch sonst ganz tolle Schauspieler. Den obligatorischen Fight zwischen Mungo und Kobra gibt’s noch obendrauf, ebenso wie ein klein wenig spitze Imperialismuskritik, so in allen Ehren quasi. Eine durchweg runde Sache somit.

8/10

NORTH WEST FRONTIER

„Be thankful you’re living and trust your luck, march to your front like a soldier.“

North West Frontier (Brennendes Indien) ~ UK 1959
Directed By: J. Lee Thompson

Indien, 1905: Ein Maharadscha (Frank Olegario) sieht sich mit muslimischen Aufständischen konfrontiert, die sein Hoheitsgebiet in ihre Gewalt bringen. Es gilt nun, den sechsjährigen Sohn und Nachfolger des Fürsten, Prinz Kishan (Govind Raja Ross), vor den Rebellen in Sicherheit zu bringen, die den Jungen als Symbol der ihnen verhassten Regentschaft lynchen wollen. Der britische Captain Scott (Kenneth More), Catherine Wyatt (Lauren Bacall), die amerikanische Gouvernante des Jungen und eine kleine Reisegemeinschaft brechen mit einer alten Dampflok aus der von Flüchtigen übersäten Stadt Haserabad aus, um das nordwestlich gelegene Kalapur zu erreichen, wo der Prinz in Sicherheit wäre. Auf ihrer gefährlichen Fahrt werden sie mit immer neuen Gefahren konfrontiert und ein Teilnehmer der Reise entpuppt sich als Saboteur der Gegegenseite.

Vortreffliches Abenteuerkino, das sich gleichsam als besondere Empfehlung des Briten J. Lee Thompson für seine bald darauf beginnende Hollywoods-Karriere begreifen lässt. Mit Ausnahme des weiblichen Stars Lauren Bacall sind daher vornehmlich in England tätige Darsteller vertreten, darunter die charismatischen Gesichter Herbert Loms, Wilfrid Hyde-Whites sowie der alternden Ursula Jeans, die selbst noch aus dem kolonialistischen Indien stammt. Das ursprünglich von Frank S. Nugent, einem von John Fords späteren Hausautoren, verfasste Script zieht eine ganze Anzahl an Spannungsregistern, die dafür Sorge tragen, dass das mit einer recht stattlichen Erzählzeit begüterte, bunte Werk sein Publikum konstant bei der Stange hält und man immer ganz bei den liebevoll charakterisierten Figuren bleibt. Heimlicher Star des Films dürfte tatsächlich der wie immer brillante Lom sein, den Thompson bereits relativ früh als muslimischen Attentäter preisgibt, der es, getarnt als liberaler Journalist Van Leyden, auf das unschuldige Leben des Prinzen abgesehen hat. Insbesondere jene Situationen, in denen Van Leyden mit dem Kind allein ist und versucht, ihn zum Opfer eines „zufälligen“ Unfalltodes zu machen, ziehen die Suspensekurve immer wieder mächtig an, wobei speziell eine berühmte, auf einer maroden Eisenbahnbrücke über einer Schlucht lokalisierte Sequenz sich als meisterlich inszenierter Nägelkauer erweist.
„North West Frontier“ soll ferner eine thematische Variation des im Vorjahr entstandenen Kriegsfilms „Ice Cold In Alex“ sein, den ich noch nicht kenne, und jetzt mal ganz flugs auf meine akute watchlist gesetzt habe. Nicht zuletzt deshalb freilich, weil „North West Frontier“ mir rundum ausgezeichnet gefallen hat.

9/10

LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE

Zitat entfällt.

Les Tribulations D’Un Chinois En Chine (Die tollen Abenteuer des Monsieur L.) ~ F/I 1965
Directed By: Philippe de Broca

Der superreiche Arthur Lempereur (Jean-Paul Belmondo) hat so ziemlich alles, was man vom Leben verlangen kann – außer Spaß an selbigem. Darum inszeniert er immer wieder spektakuläre Suizide, die er dann am Ende doch nicht recht finalisieren mag. Seine Verlobte (Valérie Lagrange) langweilt ihn noch zusätzlich zu Tode. Als die Nachricht kommt, dass Arthur urplötzlich ruiniert ist, entwickelt sein väterlicher Freund Mr. Goh (Valéry Inkijinoff) einen Plan, dem geliebten Mündel die Freude am Dasein zurückzuverschaffen: Eine befristete Lebensversicherung soll Monsieur L. davon überzeugen, dass die irdische Existenz durchaus etwas ist, an dem zu hängen sich lohnt. Die Folge ist ein gewaltiges Tohuwabohu aus Missverständnissen, Liebes- und Geldgierbekundungen, währen dessen Arthur immerhin die Bekanntschaft der reizenden Striptänzerin Alexandrine (Ursula Andress) macht…

Lose basierend auf einer Vorlage von Jules Verne nimmt sich dieses dritte farbenprächtige Abenteuer, das Philippe de Broca ganz auf seinen Hauptdarsteller zuschneidet, mindestens ebenso kregel und hyperaktivistisch aus wie der direkte Vorgänger „L’Homme De Rio“. Auch noch etwas alberner und mit deutlich erhöhtem Personal angereichert präsentiert sich der Film, der den etwas befremdlichen Titel der Tatsache verdankt, dass die Yacht Arthur Lempereurs gerade im Hafen von Hong Kong vor Anker liegt und die Kronkolonie somit den Haupt-Handlungsort stellt. Dennoch gibt es Ausflüge nach Indien und Nepal, die Bébel einige spektakuläre Szenen mit Bergen, Schnee, Religionsfanatikern und einem Heißluftballon verfügbar machen sowie ins südchinesische Meer nebst Insel-Showdown. Die Figuren-Ménagerie umfasst neben dem anfangs mit einer bescheuerten Tolle auftretenden Bébel, seinem exotischen Mentor und der Andress noch einen erztreuen Butler (Jean Rochefort), zwei tölpelhafte Versicherungsangestellte (Mario David, Paul Préboist), eine fiese Schwiegermutter in spe (Maria Pacôme), deren verblödeten Hofmacher (Jess Hahn) und, als Krönung sozusagen, einen fetten Gangsterboss (Joe Saïd), der Monieur L. unbedingt das Lebenslicht ausblasen will. Hinzu kommt wiederum ein Dauerfeuerwerk aus teilweise albernsten Gags und Stunts, einige betörende Einstellungen rund um die in Bestform befindliche Ursula Andress und diverse andere Zwangsmethoden, dem Publikum nur ja kein Sekündchen der Langeweile zu gönnen. Diese Mission dürfte dann wohl als geglückt zu verbuchen sein.

7/10

THE RIVER

„You made it real. I didn’t want it to be real.“

The River (Der Strom) USA/F/IND 1951
Directed By: Jean Renoir

Mit der Ankunft des innerlich wie äußerlich kriegsversehrten, beinamputierten Soldaten John (Thomas E. Breen) beginnt für drei westlichstämmige Mädchen, die in behüteten Verhältnissen am Ufer des Ganges aufwachsen, der Weg in die Erwachsenenwelt: Harriet (Patricia Walters) lebt in einer Welt der romantischen Märchen und Mythen und pflegt ihre Gefühle beim Tagebuchschreiben auszudrücken. Valerie (Adrienne Corri) ist etwas älter, wilder und ungestümer als Harriet und bekundet ihre Gefühle für „Captain“ John in deutlich aggressiverer Art und Weise; Melanie (Radha) schließlich, deren Mutter, eine Einheimische, bereits verstorben ist, müht sich noch, ihre Identität zwischen den Welten zu finden. John schließlich profitiert von dieser „femininen Dreifaltigkeit“, indem er den Weg ins Leben zurückfindet.

Renoir hat sein spätes Meisterwerk, zudem seine erste Farbregie, im Alter als seinen liebsten, wichtigsten Film bezeichnet. Der Grund ist einleuchtend: „The River“ ist definitives Kino, ‚a movie to end all movies‘. Mit nichts weniger als dem Lebenszyklus selbst beschäftigt sich die nach (und mit der Unterstützung von) Rumer Godden entstandene Geschichte, dem ewigen Kommen und Gehen. Die Menschen von Bengalen leben am Fluss, mit und von ihm; für sie ist er existenzielles Symbol und Kraft zugleich. Harriet, obschon eben erst in der Pubertät angelangt, begreift dieses Kausalitätsschema bereits auf ihre eigene, spätkindlich-poetische Art, profitiert doch ihr Vater (Esmond Knight) selbst als Fußmattenfabrikant, der Jute weiterverarbeitet, von dem Fluss und „seinen“ Menschen (was ihn jedoch keinesfalls zum kolonialistischen Ausbeuter stempelt; er ist im Gegenteil ein absoluter Philanthrop). Hier, am Strom, folgt seit Jahrtausenden alles dem unumstößlichen Regelwerk der Natur, unbelastet von weltlichen Problemen wie Politik und Ökonomie. In einem umfangreichen, unbedingt sehenswerten Videoessay berichtet Jean Collet, Renoir habe sich geleistet, „sich irgendwann nicht mehr für Politik interessieren zu müssen“: obwohl Indien zu jener Zeit immense strukturelle Umwälzungen zu durchleiden hatte, bleibt in „The River“ alles am Platze und gehorcht basalsten Daseinsregeln. Für jeden Tod entsteht ein neues Leben und jeder Verlust ist zugleich ein Neubeginn. Dabei plätschert der Film sanft, sacht und magisch dahin, kommt, getragen von geheimnisvoller Sitarmusik einer hypnotischen, bald bewusstseinserweiternden Erfahrung gleich. Mittels minimalster Aktion wird alles gesagt, was es zu sagen gibt und ergibt alles ein vollendetes Ganzes. Symbol- und Bedeutungsebene verschmelzen bis hin zur vollkommenen, wechselseitigen Identifikation und am Ende bleibt ein Film, kostbar und reichhaltig wie das Leben selbst.

10/10