HUMONGOUS

„What are you doing? What do you have in mind?“

Humongous ~ CAN 1982
Directed By: Paul Lynch

Eric (David Wysocki), Nick (John Wildman) und Carla (Janit Baldwin), drei jugendliche Kinder wohlhabender Eltern, und ihre Freundinnen Sandy (Janet Julian) und Donna (Joy Boushel) unternehmen mit der Familienyacht einen Törn auf dem Lake Michigan. Der ältere, vernünftige Eric und der aufbrausende Nick sind sich nicht wirklich grün. An einem nebligen Abend nehmen sie den schiffbrüchigen Angler Bert (Layne Colman) an Bord, der ihnen von der auf einer Insel im See hausenden Ida Parsons (Shay Garner) berichtet, die dort mit ihren Hunden das Dasein einer verschrobenen, ältlichen Einsiedlerin führen soll. Ein handfester Streit von Eric und Nick sorgt dafür, dass die Yacht in der Nähe jener „Hundeinsel“ kentert. Das Sextett kann sich an Land retten und macht alsbald die unangenehme Bekanntschaft eines ungeschlachten Gesellen, der sich als geistig wie physisch deformierter Sohn (Garry Robbins) der längst verstorbenen Ida Parsons herausstellt und der nie zuvor mit anderen Menschen in Berührung geraten ist…

Paul Lynchs kostengünstig hergestellter Slasher „Humongous“ teilt sich mit dem etwa ein Jahr zuvor gestarteten „The Unseen“ von Danny Steinmann den vergleichsweise unbepflügten Topos des „Kaspar-Hauser-Monsters“, eines fernab jedweder zivilisatorischen Einflussnahme aufgewachsenen und obendrein einer bestialischen Vergewaltigung entstammenden Kindes also, das sich zu einer Art hünenhaftem Mutanten ohne moralische Bremsen entwickelt hat und dessen urwüchsig-animalisches Naturell sich im jungfräulichen Kontakt mit unvorbereiteten Großstädtern umgehend als todbringend erweist. Auch deutliche Anklänge an Joe D’Amatos berüchtigten „Anthropophagus“ und dessen Motiv der entvölkerten Insel, auf der das Grauen im Verborgenen lauert, lassen sich bei Lynch ziehen. Mit Ausnahme des diesmal aus naheliegenden Gründen also kaum psychologisch unterfütterten Killers und des vergleichsweise ungewohnten Schauplatzes des einsamen Eilands hält sich „Humongous“ allerdings weitgehend an die Spielregeln des just fröhlich aufploppenden Subgenres; von den jugendlichen, fast gänzlich unsympathischen Protagonisten über die das Grauen vorbereitende und prologisierende campfire tale, den trägen Spannungsaufbau sowie die sich in rascher Folge abspielende Dezimierung der Gruppe bis hin zum final girl (Janet Julian, eine sehr nette Aktrice, die man später noch zweimal bei Abel Ferrara bewundern konnte) und dessen diverse nur scheinbar erfolgreiche Versuche, dem widerborstigen Unhold endgültig den Garaus zu machen, wurde die Grundrezeptur bald sklavisch eingehalten. Was Lynchs Film dann zumindest noch einen kleinen Exklusivitätsbonus beschert, ist seine oftmals über das gewohnte Maß hinaus reichende, abseitig wirkende und – das darf und muss man wohlwollend konstatieren – gekonnt evozierte Grundstimmung, die recht geschickt die eine oder andere Urangst des WASP-Amerikaners vor brutaler Archaik und unberechenbaren Atavismen widerspiegelt, wie sie üblicherweise dem Backwood-Sektor zu eigen ist.

5/10

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APOSTLE

„This island is our paradise.“

Apostle ~ UK/USA 2018
Directed By: Gareth Evans

Das Vereinte Königreich im Jahre 1905: Der vormalige Missionar Thomas Richardson (Dan Stevens) hat Gott und seinem Glauben entsagt, nachdem er während des Boxer-Aufstandes in China an seine physischen und psychischen Grenzen getrieben wurde. Zurück daheim erhält er eine Nachricht seines Vaters, derzufolge seine Schwester Jennifer (Elen Rhys) von einem auf einer walisischen Insel ansässigen, aus Gesetzlosen bestehenden Naturkult um eine Lösegeldforderung gefangengehalten wird. Thomas, mittlerweile schwer laudanumsüchtig, bereist die Insel in cognito und schließt sich vorgeblich dem Kult an. Dieser, angeführt von Malcolm Howe (Michael Sheen), Quinn (Mark Lewis Jones) und Frank (Paul Higgins), einem Trio einstmals Schiffbrüchiger, verehrt einen weiblichen Naturdämon (Sharon Morgan), der sich von Blut ernährt und im Gegenzug Pflanzen sprießen lässt und den die Drei gefangenhalten. Da der Geist jüngst jedoch seine Kraft zu verlieren scheint, benötigen die Kultisten andere Mittel und Wege, um sich über Wasser halten zu können. Mit der Ankunft von Thomas bahnt sich schließlich zugleich eine Katastrophe an: Der blutrünstige Quint will um jeden Preis die Herrschaft über das Eiland an sich reißen…

Nachdem mir „Serbuan Maut“ von Gareth Evans nicht gefallen hat, ich seine Sekten- und Teufels-Episode in „V/H/S/2“ dafür jedoch umso beeindruckender fand, war ich durchaus gespannt auf „Apostle“, von dem ich mir meiner höchst oberflächlichen Annahme gemäß ein dem Embedded-Filming-Segment thamtisch ähnliches, nur eben auf abendfüllende Länge ausgeweitetes Werk versprach. Von apokalyptischem Ambiente jedoch keine Spur; vielmehr müht sich Evans, dem einst von der Tigon British kultivierten, klassischen Folk-Horrorfilm Marke „The Wicker Man“ seine Ehrerbietung zu erweisen und reichert seine Mär um konkrete phantastische Elemente, ein wenig körperbetonte Action und zwei, drei fiese Gore-Sequenzen an, die jedoch sehr lange auf sich warten lassen und aufgrund ihrer Loslösung vom Rest sowieso eher willkürlich bis unpassend daherkommen. Auch sonst wirkt der von Evans selbst geschriebene Film trotz manch guter Ansätze und immer wieder eingeflochtener, poetischer Momente (wie etwa der letzten, als Erfüllungsmoment zu begreifenden Einstellung) größenteils unausgewogen, verworren und unverständig zerdehnt. Dan Stevens in der Hauptrolle, der eigentlich als zerrissener Held wider Willen die Zuschaueremotionen binden soll, bleibt, zumal im Vergleich mit einigen deutlich interessanter angelegten, leider aber mit wesentlich weniger inhaltlicher Bedeutung bedienten Nebencharakteren in den allermeisten Phasen des Films erschreckend blass und egal, der Kult und auch die Dämonen jagen einem, trotz Mark Lewis Jones‘ finalem Amoklauf weder Respekt noch Angst ein und wirken eher wie Schmuckwerk aus einem larmoyanten Achtziger-Fantasyfilm.
Das war mir dann insgesamt eine allzu irrlichternde und inkonsistente Veranstaltung und besagter, positiver Aspekte entgegen blasser Durchschnitt.

4/10

AFTER DEATH

Zitat entfällt.

After Death (Das Böse ist wieder da – After Death) ~ I 1989
Directed By: Claudio Fragasso

Rund zwanzig Jahre, nachdem ein rachsüchtiger Voodoo-Priester (James Sampson) die Toten auf einer Karibik(?)-Insel zum Leben erweckt hat, um den Leukämie-Tod seiner Tochter zu ahnden, für den er eine Gruppe weißer Wissenschaftler verantwortlich macht, kehrt Jenny (Candice Daly), die einzig Überlebende von damals und ehedem noch ein kleines Mädchen (n.a.) auf das Eiland zurück. Auch die zufällig in ihrer Gesellschaft befindliche Gruppe von Vietnam-Veteranen, Söldnern und Glücksrittern können ihr nicht gegen die alsbald aufwallenden Zombie-Horden helfen, die ein ebenfalls die Insel bereisendes Trio durch das Verlesen einer Zauberformel zu unheiligem neuen Leben erweckt.

Claudio Fragasso, Freund, Kreativmündel und oftmaliger Kollaborateur des seligen Bruno Mattei, schaffte es sogar, die enthusiastische Albernheit, die sein Mentor oftmals walten ließ, mühelos in den Schatten zu stellen. Sein Selbstverständnis als Auteur und Künstler zeugt dabei bis heute von ungebrochenem Stolz und wird zudem stets flankiert von seiner tapferen Gattin, Gesinnungsgenossin und Hausautorin Rossella Drudi, die auch für „After Death“ frohgemut in die Schreibmaschinentasten langte.
Wie todesmutig nun „After Death“, der auch unter dem Titel „Oltre La Morte“ („Mehr als der Tod“) firmiert und der bei uns ferner gern als „Zombie IV“ vermarktet wurde, auf dem immerwährenden Grat zwischen inszenatorischem Anarchismus und hoffnungsloser Imbezilität herumhüpft, das kann aber ohnehin nur begreifen und nachvollziehen, wer den Mut aufbringt, diesen schier unglaublichen Film selbst einmal in Augenschein zu nehmen. Ringt man bereits bei dem Versuch, dem Plot so etwas wie Stringenz oder Kausalität abzutrutzen, erfolglos mit dem hehren Vokabular der Geistesräson, so offenbart sich in Anbetracht von Dramaturgie, Dialog (die deutsche Synchronfassung, die unter anderen immerhin mit Wolfgang Kühne und Michael Pan aufwartet, offenbart lieblichsten Schwachsinn) und, Himmel, hilf, rudimentärster Logik, erst der volle künstlerische Anarchismus Fragassos. Sämtliche der Untoten erinnern an Lepraopfer und sind in graue Lumpen gewandet, schlurfen bisweilen, können sich aber auch ebensogut grazil wie Ninjas bewegen, ballern und sogar dämlich dahersalbadern, dass es eine inkonsistente Lust ist. Die Besetzung schließlich, die diese einzigartig melangierte Versuchsanordnung aus Söldneraction und karibischem Zombiespuk, kongenial flankiert, reitet auch noch den letzten Rappen in den Stinkesumpf: Die Protagonistin Candice Daly, eine Kalifornierin, die mit nur 38 Jahren an polytoxischer Vergiftung verstarb, kann man nicht wirklich als Schauspielerin bezeichnen. Ihr Konterpart, der muskulöse Chuck Peyton, reüssierte ansonsten vorrangig unter dem Pseudonym Jeff Stryker in Schwulenpornos und verfügt über eine ähnlich mattierte Strahlkraft wie die Daly. Die eigentliche Schau bietet der tolle Nick Nicholson, eine Art Hippie mit Struppelbart, der ein wenig aussieht wie der kariöse Zwillingsbruder von Al Cliver. Wahres method acting, bleibt da nur festzuhalten. Kleine, stets mit viel Wiedersehensfreude empfangene Lieblinge wie Massimo Vanni, Ottaviano Dell’Acqua, Romano Puppo, Don „The Dragon“ Wilson und natürlich Jim Gaines vervollständigen die illustre Schar darbender Geschäftsaufstrebender, die die allseits und allzeit dräuende Entscheidungsfrage „Bullshit or not?“ für sich längst voller Selbstbewusstsein entschieden haben.
Träumschen.

5/10

SEQUESTRO DI PERSONA

Zitat entfällt.

Sequestro Di Persona (Die Mafia-Story) ~ I 1968
Directed By: Gianfranco Mingozzi

Francesco Marras (Pierluigi Aprà), dessen Vater (Ennio Balbo) auf seiner Heimatinsel Sardinien große Ländereien besitzt, wird eines Tages im Beisein seiner Freundin Christina (Charlotte Rampling) von einer Gruppe Briganten entführt. Während Christina, die von außerhalb kommt und mit den Verhältnissen auf Sardinien nicht vertraut ist, sich an die Polizei wenden will, halten der alte Marras und Francescos bester Freund Gavino Surgiu (Franco Nero), ebenfalls Sohn eines Großgrundbesitzers, sie an, die Füße stillzuhalten. Dennoch reagiert sie überstürzt, natürlich, ohne ein entscheidendes Ergebnis zu erzielen. Bevor Marras das geforderte Lösegeld zahlen kann, stirbt Francesco schließlich bei einem Unfall. Für Gavino, der längst an einen mächtigen Drahtzieher im Hintergrund glaubt, gibt es nurmehr einen Weg, diesen zu entlarven – er muss sich selbst kidnappen lassen…

Ausnahmsweise nicht in Neapel oder Sizilien angesiedelt, wird in „Sequestro Di Persona“, einem recht früh entstandenen Vertreter des italienischen Politthrillers auch keine der gängigen Bezeichnung für die diversen Mafia-Clans erwähnt. Deren Arbeitsweise und das Machtgefüge mitsamt seiner wohlfeil orchestrierten Hierarchie jedoch verdeutlicht Mingozzis Film von der Pike auf. Als Marionettenspieler gibt sich relativ rasch der saubere Bankier Osilo (Frank Wolff) zu erkennen; ein ehrenwerter Herr, der sich weder durch seinen Habitus noch durch undurchdachte Bemerkungen verrät, obwohl jeder um seine Praktiken weiß. Osilo arbeitet mit den Briganten zusammen, die sich naiverweise wiederum selbst als Klassenkämpfer und moderen Robin Hoods wähnen: Während diese für ihren Auftraggeber, organisierte Verbrecher, die Drecksarbeit übernehmen, die Kidnapping-Aktionen durchführen, als Sündenböcke fungieren und anschließend einen Bruchteil der eigentlich überantworteten Werte erhalten (die eben wesentlich in den für Dumpingpreise an Osilo verschleuderten Ländereien bestehen), macht der feine Geschäftsmann, der das große Geschäft in der Tourismusbranche wittert, den wesentlichen Reibach. Allerdings geht „Sequestro Di Persona“, der noch ein wenig dem Duktus des Italowestern huldigt, die realistischere, resignante Perspektive der späteren, linken Systemkritiker von Damiano bis Rosi ab: Hier holen sich die Betrogenen und Geschändeten am Ende ihr Recht zurück, verbünden sich gegen den Feind und servieren diesen im Zuge einer ganz puristisch geplanten Lynchjustizaktion ab. Dass oder ob Osilo Teil einer weiterreichenden Befehlskette war, der Krieg also weitergehen wird, erfahren wir nicht mehr.
Charlotte Rampling, damals gerade süße 22 und schön wie der junge Morgen, hat derweil als unbedarfte Christina den Auftrag, gemeinsam mit uns, dem Publikum, als Außenstehende die regionalen Strukturen zu erforschen und zu begreifen, nebst der ernüchternden Erkenntnis, dass diese in ihrer archaischen Kausalität bereits seit Jahrhunderten Bestand und Wirksamkeit haben. Dass sie damit nicht besonders gut zurechtkommt, sei ihr zugestanden.

7/10

SUNTAN

Zitat entfällt.

Suntan (Nacktbaden – Manche bräunen, andere brennen) ~ GR/D 2016
Directed By: Argyris Papadimitropolous

Kostis (Makis Papadimitriou), der neue Allgemeinarzt der kleinen griechischen Urlaubsinsel Antiparos, hat Probleme. Er steht zwischenmenschlich völlig isoliert da, ist mit seinem etwas klobigen und unbehenden Auftreten so ziemlich das Gegenteil des mediterranen Salonlöwen und sehnt sich insgeheim nach Nähe und Zuwendung. Eine Tages lernt Kostis die nur halb so alte Anna (Elli Tringou) und ihre Clique, die ihren Sommer auf Antiparos verbringen, kennen. Von der Unbefangenheit der jungen Leute, die tagsüber ihre schönen Körper nackt am Strand präsentieren und nächtens Alkohol, Drogen und Disco durchexerzieren, ist Kostis bald gefangen, zumal von Anna, für die er bald eine regelrechte Besessenheit entwickelt. Er spendiert den Tweenies Drinks und hält sie aus, bis Anna ihm mit einem eindeutig pflichtbewusst durchgeführten Sexualakt den symbolischen Abschiedskuss zuwirft. Doch für Kostis, der über sein neues Lotterleben hinaus langsam vergisst, wer und was er eigentlich ist, ist die ganze Sache sehr viel ernster…

It’s just a dirty black summer: Der mit zunehmender Spielzeit zunehmend unbequeme „Suntan“ kommt mir im Nachhinein vor wie ein Konglomerat verschiedenster literarischer Einflüsse von Carroll über Ende, von Kafka und Nabokov bis hin zu Houellebecq. Kostis, obschon bereits 42 Jahre und damit gewissermaßen physiologisch „überreif“, bewegt sich auf der emotionalen Ebene eines Pubertierenden, der zwei bis drei sexualpsychologische Entwicklungsstufen übersprungen hat. Obschon kein Versager im Rahmen seiner beruflichen Profession, fehlen ihm doch entscheidende Verhaltenskarten, um ein altersgemäßes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit dem Sommer, mit dem heißen Klima und den Touristen, speziell mit der hübschen, sexuell aktiven Anna, die Kostis‘ brüchige Persönlichkeitsstruktur zwar erkennt, aber, ihrem eigenen Alter entsprechend, völlig falsch interpretiert, wird der vermeintlich gesetzte Herr zum Spielball. Und warum nicht? Der unbedarfte Kostis ist in mancherlei Hinsicht mehr Kind als sie, und lustig in seiner dicklichen Tapsigkeit ist er außerdem. Er finanziert der ganzen Clique die Disco-Abende, übersieht dabei, dass sein Stoffwechsel keine 20 mehr ist und beginnt körperlich und seelisch zu verlottern. Dabei entwickelt Kostis jedoch eine gefährliche Obsession für Anna, die ihn nebst ihren Freunden irgendwann, nachdem sie den schlimmsten Fehler begangen und mit dem ihr sexuell natürlich überhaupt nicht gewachsenen Kostis geschlafen hat, wie ein ausgereiztes Spielzeug einfach entsorgen möchte. Kostis, dessen Verhalten nicht unbeobachtet bleibt und der nach einigen derben beruflichen Fehltritten auf Antiparos zur sozialen persona non grata wird, steht immer mehr mit dem Rücken zur Wand und lässt sich das nicht gefallen. Wie die Geschichte von Kostis und Anna letzten Endes ausgeht, bleibt offen, aber dass sie kein gutes Ende nehmen kann, enthält uns Papadimitropolous nicht vor.
Seine bewusst und inflationär mit den häufig besonders perfiden, dramaturgischen Mitteln der Fremdscham hantierende, zumindest in hypothetischer Hinsicht durchaus allgemeinwertgültige Tragödie des Mannes in mittleren Jahren, der sich verzweifelt dagegen wehrt, sich seinem Alter zu stellen und dabei sein Gesicht verliert, funktioniert auch ohne Darstellungen allzu grober Derbheiten als gemächlich schockierendes Porträt einer abgehängten Generation im psychischen Niemandsland.  Ein Film, der zielgenau dahin langt, wo’s richtig weh tut.

8/10

JURASSIC WORLD: FALLEN KINGDOM

„Genetic power has now been unleashed. You can’t put it back in the box!“

Jurassic World: Fallen Kingdom (Jurassic World – Das gefallene Königreich) ~ USA 2018
Directed By: J.A. Bayona

Die Saurierinsel Isla Nublar droht von einer Vulkankatastrophe vollständig vernichtet zu werden. Um ein paar letzten Dino-Exemplaren das Überleben zu sichern, finanziert der Multimilliardär Benjamin Lockwood (James Cromwell), einst bester Freund und Kollege von John Hammond, eine Expedition nach Isla Nublar, an der auch die „Jurassic World“-Experten Owen Grady (Chris Pratt) und Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) teilnehmen sollen. Der bettlägerige, todkranke Lockwood rechnet jedoch nicht mit der Hinterfotzigkeit seines Managers Eli Mills (Rafe Spall). Dieser plant nämlich mitnichten, den eingefangenen und zum Festland transportierten Urzeittieren ein verdientes Gnadenbrot zu verschaffen, sondern will sie im Zuge einer Sonderauktion an höchstbietende Halbwelt-Subjekte aus aller Welt verscherbeln. Zudem hat er mithilfe des abtrünnigen Genetikers Dr. Wu (BD Wong) eine neue Saurierspezies geklont, den „Indoraptor“, der als strategisch perfekte biologische Waffe eingesetzt werden kann. Lockwoods kleine Enkeltochter Maisie (Isabella Sermon), die ebenfalls ein dunkles Geheimnis umgibt, wittert jedoch Lunte und kann Owen und Claire hinsichtlich Mills‘ Plänen informieren. Leider nicht ganz rechtzeitig…

Ich will mich gewiss nicht zum Propheten stilisieren, aber in meinem Eintrag zum Vorgänger „Jurassic World“ von vor gut drei Jahren vermutete ich bereits, dass der bereits angedeutete Handlungsstrang um die missbräuchliche „Verwendung“ der immer wieder unterschätzten Klonechsen im kommenden Film eine tragende Rolle würde zu spielen haben. So kam es nun tatsächlich; nach einer kurzen Präambel und einem flugs durchgespielten Szenario auf der nunmehr endgültig untergehenden Isla Nublar erreichen die Dinos rasch das Festland im Zeichen der wohl ungewöhnlichsten Versteigerung aller Zeiten. Sotheby’s würde einem kollektiven Herzinfarkt anheim fallen angesichts dessen, was der (natürlich ultraböse) Eli Mills und sein Kompagnon Eversol (Toby Jones) da auffahren! Zumindest die gute alte T.-Rex-Dame (von der ich just irgendwo gelesen habe, dass es sich immer noch um dieselbe handeln soll wie im Original) kennt sich dort seit dem ersten Sequel (zu dem „Jurassic World: Fallen Kingdom“ ohnehin einige Analogien aufweist) bereits aus. Die Übrigen werden in Nordamerika ebenfalls ihr Nahrungsauskommen haben, wie der Epilog des Films mehrfach andeutet. Stoff zur abermaligen Weiterbelebung des Franchise gibt es somit nunmehr jedenfalls hinreichend.
Doch zum vorliegenden Teil: Dieser gefiel mir wieder etwas besser als der von Colin Trevorrow inszenierte, unmittelbare Vorgänger. Als ordentlicher Monsterabenteuerfilm mit einer Menge an campigem impact und Mut zur naiven Phantasterei ist er zwar erwartungsgemäß nicht von so perfekter Gestaltung wie die beiden spielbergschen Urknallereien, kommt in meiner persönlichen Dino-Hitparade jedoch gleich danach. Trotz mancher fresstechnischer Deftigkeiten besitzt „Fallen Kingdom“ insgesamt ein großes Herz für ein kindliches Publikum, also das ohnehin primär avisierte, setzt mit der kleinen Maisie Lockwood zudem eine überaus interessante Neben- und Identifikationsfigur mit einigem Zukunftspotenzial hinzu und deklariert die bereits eingeführte Velociraptoren-Lady Blue nun endgültig zur unverzichtbaren Partnerin im Kampf gegen bösartigere Artgenossen. Die großzügige Lockwood-Küstenvilla nebst unterirdischem Labor gibt einen ungewohnten, aber umso reizvolleren Hauptaktionsschauplatz ab. Jeff Goldblums groß angekündigter recht magerer Auftritt in Form von zwei kurzen cameos zu Beginn und Schluss als biedere Moralinstanz entsprachen dann aber doch eher einem müßigen Unterfangen. Geflissentlich enttäuschend Da hat seine wesentlich tatkräftigere Einsatzfreude in „Independence Day: Resurgence“ mir deutlich besser gefallen. Insgesamt ein durchaus launiger Beitrag zum unweigerlich weiter anwachsenden Franchise, das eigentlich mit jeder Faser suggeriert, es doch bitteschön nicht allzu ernst zu nehmen und mir gerade deswegen so sympathisch ist.

7/10

THE MIGHTY QUINN

„I put a curse on you!“ – „Believe me, I already got a curse on me.“

The Mighty Quinn (Big Bad Man) ~ USA 1989
Directed By: Carl Schenkel

Xavier Quinn (Denzel Washington), Polizeichef auf einer Karibikinsel, gerät in Anbetracht der ohnehin brüllend heißen Sommertemperaturen sogar noch mehr ins Schwitzen, als Maubee (Robert Townsend), sein bester Freund seit Kindertagen, des Mordes an dem übel zugerichteten Amerikaner Prater verdächtigt wird und seither auf der Flucht im Hinterland ist. Der englische Luxushotelier Thomas Elgin (James Fox) und der ihm hündisch ergebene Gouverneur Chalk (Norman Beaton) unterstützen den Verdacht bezüglich Maubee und wollen eine Obduktion Praters verhindern. Unbeeindruckt von dem politischen Klüngel setzt sich Quinn durch und kommt einer Verschwörung von US-Militärberatern auf die Spur, bei der Zehntausend-Dollar-Scheine, eine uneheliche Schwangerschaft, Giftschlangen und ein CIA-Profikiller (M. Emmet Walsh) jeweils tragende Rollen spielen.

Carl Schenkels erste Arbeit für das Hollywood-Kino (nach dem TV-Film „Bay Coven“) ist ein gut gelaunter, bunter neo noir vor Karibikkulisse, der das Allermeiste richtig macht. Obschon der Name der handlungsortspendenden Insel nicht genannt wird, handelt es sich unschwer erkennbar um Jamaika; nicht nur, dass der Dreh dort stattfand, sprechen auch die breit ausgestellte, spezifische Inselkultur mit diversen Reggae-Songs sowie die Commonwealth-Administration eine deutliche Sprache. Für Denzel Washington darf „The Mighty Quinn“, noch vor Zwicks „Glory“ und seinem ersten Einsatz bei Spike Lee als unverhohlenes Starvehikel gelten – sämtliche Attribute und Qualitäten, die Washingtons späteres stardom ausmachen, treten in diesem Film bereits deutlich zu Tage. In der Rolle des Chief Xavier Quinn ist der Akteur ein Übermann, der beinahe alles im Griff hat – bis auf sein Privatleben, das unter seiner beruflichen Emsigkeit leidet, das er am Ende aber natürlich auch wieder fixen kann. Er ist körperlich bestens in Schuss, bewandert in Capoeira, kann Klavier spielen und saufen, ist ein ebenso breit lächelnd-charmanter wie intelligenter, strikt unbestechlicher Polizist, der auf scheinheilige Autoritäten pfeift und dem schöne Frauen gleich welcher Hautfarbe scharenweise nachlaufen; er hat einen untrüglichen Sinn für die soziale Balance auf der Insel, für Gerechtigkeit und Schweinehundereien aller Art. Eigentlich ein Typ, der locker in Serie hätte gehen können, blieb es leider bei diesem einen Auftritt (zumal der bereits 1971 verstorbene Autor der Romanvorlage wohl nichts Weiteres zu Papier gebracht hatte). Die wenigen im Zuge des Plots auftretenden Weißen sind ausnehmend böse oder zumindest höchst unsympathisch, womit zugleich noch ein wenig verjährter Blaxploitation-Zauber beschworen wird. Auf der Tonspur sind mehrere modernisierte Coverversion von Bob-Marley-Klassikern zu hören sowie natürlich das ursprünglich von Bob Dylan stammende Titelstück in Offbeat-Bearbeitung mit weiblichem Gesang. Zudem gibt es noch eine hübsche, unschwer identifizierbare Hommage an „Dr. No“.

7/10