SEANCE

„That must be the ghost again.“

Seance ~ USA 2021
Directed By: Simon Barrett

Am exklusiven Edelvine-Internat für Mädchen treibt eine Clique unter der Führung von Oberbiest Alice (Inanna Sarkis) allerlei Schabernack. Eine Geisterbeschwörung mit inszenierter Pointe führt schließlich dazu, dass Kerrie (Megan Best), eine der Schülerinnen aus der Gruppe, aus ihrem Zimmerfenster in den Tod stürzt. Ihren nunmehr frei gewordenen Platz nimmt die resolute Camille (Suki Waterhouse) ein, die auf die Provokationen von Alice und ihrem Tross mit Gegenwehr reagiert und zumindest in der Schülersprecherin Helina (Ella-Rae Smith) eine aufrichtige Freundin erhält. Die Todesfälle reißen jedoch nicht ab; es verschwinden und sterben dabei ausschließlich Mädchen aus Alices Umfeld. Ist dafür gar der sagenumwobene Edelvine-Geist verantwortlich, der rachsüchtige Wiedergänger einer ehemaligen Schülerin (Alexis Erickson-Sliboda), oder doch ein höchst irdischer Verursacher?

Seine erste eigenen Regiearbeit, nachdem er einige Scripts für den mittlerweile in Hollywoods Blockbuster-Liga angekommenen Adam Wingard verfasst hatte, ist zugleich Hommage an und Reaktivierung des klassischen slasher movie, freilich nicht, ohne auf mancherlei, vielleicht ein wenig bemüht wirkende Wokeness-Ingredienzien zu verzichten. Setting und Sujet jedoch könnten, auf das Subgenre bezogen, traditionsverbundener kaum sein, was gleichfalls für die schlussendliche Entlarvung der Täter gilt, deren Motiv einmal mehr so albern wie üblich hanebüchen daherkommt. Der Titel „Seance“ stellt sich in diesem Zuge vielleicht als etwas hilflos gewählter Platzhalter heraus – es gibt zwar ein paar (Pseudo-)Beschwörungssequenzen und sogar ein übersinnliches Element in Form eines Geistes, das jedoch in recht unerwarteter und subtiler Form auftritt. Insgesamt und mit rückblickendem Abstand empfinde ich „Seance“ aber doch als ganz schönen und brauchbaren Film. Ein wenig erscheint er mir, zumal im Epilog, wie eine komplexitätsreduzierte Genrevariation von Emerald Fennells „Promising Young Woman“, freilich ohne dessen ganz große, sozialkritische Ambitionen zu verfolgen, geschweige denn, zu erreichen. Aber das vorliegende Sujet ist auch nur ein – wenn überhaupt – mittelbar feministisches.
Barrett beweist als Regisseur in jedem Falle Gespür für Ambiente und Atmosphäre. Das winterliche Internat in altehrwürdigen Mauern bildet einen trefflichen Schauplatz für sein murder mystery, das am Anfang recht harmlos zu Werke geht, im finalen, von selbstjustiziabler Rache motorisierten Duell dann aber noch gehörigst die Splatterkeule kreisen lässt. Und mir hat Suki Waterhouse als vergeltende leading lady außerordentlich gut gefallen.

7/10

THE BROWNING VERSION

„Just once I’ll say ‚No‘.“

The Browning Version (Schrei in die Vergangenheit) ~ UK 1994
Directed By: Mike Figgis

Nach 18 Jahren im Schuldienst wird Andrew Crocker-Harris (Albert Finney), Lehrer für klassische Sprachen an einem altehrwürdigen englischen Internat für Jungen, von der Leitung geschasst, vorgeblich wegen seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung. Die wahren Gründe sind nicht ganz eindeutig, könnten aber vielerlei Natur sein. Crocker-Harris wird nebst seinem Unterrichtsfach vom zumeist deutlich jüngeren, sportlich aktiven Kollegium eher als trauriges Fossil betrachtet, seine Unter-Sekunda-Schüler mögen ihn nicht sonderlich und begegnen seiner trocken-resoluten, überstrengen Art mit einer Mischung aus Furcht und Respekt.
Crocker-Harris‘ deutlich jüngere Frau Laura (Greta Scacchi) erträgt indes das stets gefasste, kontrollierte Wesen ihres Gatten nicht und betrügt ihn, auch das ein mehr oder werniger offenes Geheimnis, mit Frank Hunter (Matthew Modine), einem amerikanischen Austauschlehrer für Chemie, der auch bei den Kids extrem beliebt ist.
Am Vortag seiner Verabschiedung erhält Crocker-Harris von Taplow (Ben Silverstone), einem der wenigen Schüler, die Sympathien für ihn hegen, eine antiquarische Ausgabe von Aischylos‘ „Agamemnon“ in der Übersetzung eines gewissen Robert Browning, mitsamt persönlicher Widmung des Jungen. Dieses Geschenk rührt Crocker-Harris zutiefst und zwingt ihn zur Reflexion.

„The Browning Version“ ist die neunte und bis dato jüngste von insgesamt neun filmischen Adaptionen des 1948 uraufgeführten Bühnenstücks nach Terence Rattigan. Zusammen mit der zeitgenössisch entstandenen 1951er-Version von Anthony Asquith dürfte Figgis‘ Arbeit zudem die populärste unter den zumeist fürs Fernsehen umgesetzten Verfilmungen bilden.
Da ich Asquiths Werk leider noch nicht kenne, kann ich diesbezügliche Vergleiche nicht anstellen, was Figgis und sein Autor Ronald Harwood jedoch aus Rattigans Vorlage herausholen, liefert in rund 90 Minuten eine ebenso messerscharfe wie vielschichtige Charakterisierung des Protagonisten. Andrew Crocker-Harris ist in vielerlei Hinsicht das, was man als „erhern britisch“ bezeichnen möchte: ein stets auf die Sekunde pünktlicher, steifer, immens pflichtbewusster Lehrer, der Emotionalität und vor allem deren Zurschaustellung verabscheut und die Widernisse seines Lebens an sich abperlen lässt wie ein Fels die Brandung. Seine Liebe zu latein und altgriechisch wirkt analog zu Crocker-Harris‘ ganzem Wesen aus der Zeit gefallen. Im Prinzip verkörpert er zwar genau jenen Ausbund an Tradition, für den seine Schule seit rund dreihundert Jahren steht, muss sich jedoch längst von der (post-)modernen Realität überholt wähnen (ein Faktum, das Figgis/Harwood besonders gut prononcieren, indem sie den mutigen Schritt gingen, die Geschichte kurzerhand in die Jetztzeit zu transponieren). Die „toten“ Sprachen und ihr rundum klassizistischer Impetus haben keinen Platz mehr in der Lebenswirklichkeit der Schüler, die jetzt viel lieber die jüngeren Kollegen anhimmeln, die erfolgreiche Cricket-Spieler sind, oder, wie Frank Hunter mit seinen chemikalischen „Zaubertricks“, zumindest Unterrichtsstoffe behandeln, die den Jungs etwas bedeuten. Crocker-Harris muss sich die bittere Wahrheit eingestehen, versagt zu haben. Nicht nur als Lehrer, der sowohl methodisch-didaktisch als auch erzieherisch seit Jahren an seinen Schülern „vorbeiunterrichtet“ hat, sondern zudem als Ehegatte, der stets, bewusst oder unbewusst, die Bedürfnisse seiner Frau überhörte und schließlich als Mann, der nicht die Integrität besitzt, sich gegen die Ungerechtigkeiten wider seine Person zu behaupten. Dennoch vollzieht Albert Finney das bravouröse Kunststück, diesem intellektuellen Lebensverlierer sämtliche Sympathien zufliegen zu lassen. Man spürt seine Traurigkeit und seine Enttäuschung mit jeder Faser und vergegenwärtigt sich gemeinsam mit ihm, dass individuelles Glück nicht in stoischer Verwegerungshaltung liegt, sondern darin, Liebe, Freundschaft und Sympathie zu geben und zu empfangen. Damit erzählt „The Browning Version“ zugleich weitaus mehr über den Lehrerberuf und seine persönliche Tragweite als es viele „aktuellere“ Stoffe vermögen.

8/10

FEBRUARY

„You had your chance.“

February (Die Tochter des Teufels) ~ USA/CA 2015
Directed By: Oz Perkins

Für die Schülerinnen des katholischen Bramford-Mädcheninternats stehen im winterlichen Februar heimische Kurzferien auf dem Programm. Die etwas sonderliche Kat (Kiernan Shipka) hat unmittelbar zuvor eine nächtliche Vision von einem tödlichen Autounfall ihrer Eltern und ist sich somit sicher, dass diese sie nicht werden abholen können. Die deutlich selbstbewusstere und erwachsenere Rose (Lucy Boynton) hat indes einen ganz anderen Anlass, ihren Aufenthalt in Bramford zu verlängern – sie glaubt nämlich, sie sei schwanger und will ihren Lover (Peter Gray) mit den bad news konfrontieren. Zusammen mit zwei Nonnen (Elana Kausz, Heather Tod Mitchell) sind die beiden Mädchen ganz allein in Bramford und Kat verhält sich zunehmend seltsam. Derweil nimmt das offenbar nicht ganz glückliche Ehepaar Bill (James Remar) und Linda (Lauren Holly) eine junge, schweigsame Tramperin (Emma Roberts), die sich als Joan vorstellt, mit. Bills und Lindas Ziel ist Bramford…

Auch bei „February“, der ursprünglich den weitaus passenderen, wenngleich deutlich mysteriöseren Titel „The Blackcoat’s Daughter“ trug, wird wieder ausgiebig wild mit Narration und Dramaturgie umgesprungen und von Oz Perkins, der sowohl für die Regie als auch das Buch verantwortlich ist, penibel darauf geachtet, bloß kein Gramm Fett zuviel anzusetzen, oder besser gesagt: Kein Wörtchen mehr denn nötig zu verlieren. Zwei Handlungsstränge, die sich später als auf den Tag exakt neun Jahre auseinander liegende Zeitebenen entpuppen, entspinnt Perkins mehr oder weniger parallel, doch erst nach und nach offenbaren sich die direkten Zusammenhänge zwischen den zuvor fälschlich parallel stattfindend gewähnten Ebenen. Tatsächlich entpuppt sich die seltsame „Joan“ schließlich als um neun Jahre gealterte Kat, die, damals offenbar besessen von einem Dämon (ob dies zutrifft oder Kat/Joan lediglich eine psychotische Mörderin ist, bleibt bis zum Ende offen, obschon letztere Variante mir sinniger erscheint), in Bramford mehrere Morde, darunter den an Rose, begangen und ihre Opfer enthauptet hat, dann von dem Schulgeistlichen (Greg Ellwand) exorziert wurde und eben neun Jahre später aus der psychiatrischen Obhut flieht, um nach Bramford zurückzukehren und dort wieder ihrem früheren Herrn und Meister (dem sie noch immer nicht abgeschworen hat und den sie im häuslichen Heizofen vermutet) zu huldigen. Als sie feststellt, dass Bill und Linda die nach wie vor trauernden Eltern der von ihr damals ermordeten Rose sind, betrachtet sie es als ihre Mission, auch diesen die Köpfe abzuschneiden. Gesagt, getan, doch der Dämon zeigt sich nicht – oder Kats Therapie war zumindest in Teilen erfolgreich.
Der Überbau der Story wäre somit, ganz im Kontrast zu Perkins‘ Präsentation, recht simpel, lässt sich in vier Sätzen umreißen und entspricht in punkto Komplexität einer nostalgischen Lagerfeuergeschichte, nur ohne rechte Pointe. Dass „February“ sich dennoch ganz ordentlich ausnimmt, liegt an seiner verschachtelten, das Interesse des Zuschauers permanent wachhaltenden Struktur, die eben sehr viel weniger konventionell daherkommt als das, wonach der Grundplot prinzipiell verlangte. Besonders gefallen hat mir, James Remar und Lauren Holly fast genau dreißig Jahre nach „Band Of The Hand“ nochmal vereint bewundern zu dürfen. Die zur Detailfreude geradezu einladenden Mord- und Köpfungsszenen hätten indes durchaus expliziter sein dürfen. Da war mir Pekins‘ innere Schere schlicht zu autoritär.

7/10

GOODBYE, MR. CHIPS

„I’m not going to retire, you can do what you like about it.“

Goodbye, Mr. Chips (Auf Wiedersehen, Mr. Chips) ~ UK 1939
Directed By: Sam Wood

Mr. Charles Edward Chipping (Robert Donat), ehemaliger Latein- und Geschichtsehrer, Hausvater und Direktor, zählt mit 83 Jahren zum Humaninventar des altehrwürdigen Jungeninternats Brookfield. Generation von jungen Menschen hat er in über sechzig Jahren Schuldienst unterrichtet, erzogen, motiviert und betreut. Doch was zeichnet den Menschen Chipping eigentlich aus?
Mit knapp 20 Jahren fängt er in Brookfield an und hat es wie jeder beginnende Lehrer schwer, sich den Respekt und das Vertrauen der nicht wesentlich jüngeren Eleven zu erobern. Trotz mancher Krisensituation „überlebt“ er und wird zu einem stillen, aber geachteten Kollegen, der bei Beförderungen nur allzu gern übergangen wird. Auf einer Österreichreise, zu der ihn der deutschstämmige Kollege Max Staefel (Paul Henreid) mehr oder weniger nötigt, lernt Chipping dann seine Zukünftige Katherine Ellis (Greer Garson) kennen, die ihm erst seine wahre Standfestigkeit und eine elementare Portion Selbstvertrauen verschafft. Doch schon im Kindbett stirbt die arme Katherine mitsamt dem Baby. Chips, wie ihn seine kurzzeitige Gattin liebevoll zu nennen pflegte und wie sein Name prompt in den Schülerjargon eingeht, wird nie wieder einer Frau lieben. Der erste Weltkrieg dezimiert gleichermaßen Lehrer- und Schülerschaft, doch Chips hält als eilends eingesetzter „Ersatzdirektor“ Brooksfield aufrecht. Sein Heim bleibt auch nach der Pensionierung stets die Schule. Auf einen Kommentar des neuen Rektors an seinem Sterbebett, demzufolge Chips bedauerlicherweise nie Kinder gehabt hätte, entgegnet dieser mit gebrochener Stimme: „Sie irren sich. Ich hatte Tausende – und alles Jungs!“

Blendend schönes Biopic von Sam Wood, einem biestigen alten, unsympathischen Hollywood Professional von ganz rechts außen, der sehr viel feinere Filme zu machen pflegte als er selbst charakterliche Qualitäten besaß und dem man Humanistisches wie „Goodbye, Mr. Chips“ kaum zutrauen sollte.
Die fiktive Persona des Charles Edward Chipping schließt einen bewegten historischen Bogen: Er beginnt sein Lehramt in Brookfield vor dem geschichtlichen Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges, „erlebt“ aus der Ferne den Zweiten Burenkrieg und auch den Ersten Weltkrieg. 1933, nachdem er ganze 63 Jahre mit Brookfield verbandelt ist, strirbt Chipping, während Hitler sich in Deutschland zum Diktator aufschwingt. Drei Monarchen begleiten Chippings Lebens- und Berufsweg ebenso wie diverse politische Strömungen, Spannungen und Entspannungen. Und Chips? Der tut stoisch und goldenen Herzens seine Arbeit. Denn jene liebt er wie nichts Anderes auf der Welt, dafür ist er hier und einer der besten zurzeit. Generationen von Schülern lernen unter ihm, Fakten und Lebenslektionen; manch einem kann er später Anekdoten von dessen Großvater im Lausejungenalter erzählen. Sein Status ähnelt schließlich dem eines lebenden Denkmals, einer Legende. Mit zerzaustem, weißen Haar, Nickelbrille, löchrigem Talar und ungleichmäßig rasiertem Schnauzbart ist er manch jungem Schulleiter, der die Institution bereits als Wirtschaftsunternehmen begreift, ein Dorn im Auge, doch die Jungen wissen tief im Herzen, was sie an ihm haben. Alle Jahreszeiten eines Lebens durchwächst Chips und zerbricht trotz schlimmster persönlicher Tragödien nicht an ihnen. Fast jeder Mensch, der ihm etwas bedeutet, muss vor ihm gehen wegen Krankheit oder Krieg und er wirkt derweil wie eine Art Statthalter der Menschlichkeit.
„Goodbye, Mr. Chips“, im Kino-Superjahr 1939 uraufgeführt, ist zeitlos, auch wenn sein Ambiente hier und da leicht muffig erscheint. Er sollte eigentlich jedem angehenden Kollegen, egal welcher Schulform er sich zuwendet, spätestens zum Ende des Vorbereitungsdienstes vorgeführt werden, denn selten wurden Essenz, Liebenswürdigkeit und die gewaltige Entlohnung unseres schönen Berufs in 114 kurzen Kinominuten so pointiert zusammengefasst.

9/10

LA RESIDENCIA

Zitat entfällt.

La Residencia (Das Versteck) ~ E 1969
Directed By: Narciso Ibáñez Serrador

Die vertrocknete Madame Fourneau (Lili Palmer) betreut im späten 19. Jahrhundert mit eiserner Hand ein abgelegenes, französisches Internat für renitente Mädchen zwischen 15 und 21 Jahren. In ihrem Hause sollen sich die jungen Damen der traditionellen Gepflogenheiten ihres Geschlechts erinnern und, im besten Falle wieder „gerade gebogen“ der Gesellschaft zurück übergeben werden können. Seit Jüngstem verschwinden von Zeit zu Zeit jedoch immer wieder Elevinnen, was Madame Fourneau kurzerhand mit deren Flucht heimwärts abtut.
Die just im Internat angemeldete Teresa (Cristina Galbó) bekommt somit bald nicht nur die sadistischen Obsessionen ihrer älteren Mitschülerin und Madame Fourneaus Erfüllungsgehilfin Irene (Mary Maude) zu spüren, sondern auch die grausame Realität hinter den altehwürdigen Mauern.

Serradors Kleinod bedient die absolute Königsklasse innerhalb der quantitativ verhältnismäßig begrenzt bestückten Gruppe des Internats- und Privatschul-Subgenres, zumal sich nachfolgende, berühmter gewordene Epigonen wie etwa Peter Weirs „Picnic At Hanging Rock“ gewiss auch von der staubig-berückenden Atmosphäre von „La Residecia“ inspiriert haben lassen dürften.
Aus der Gattungstypologie weiß man, dass Internate stets einem streng hierarchischen System unterliegen, an dessen Spitze eine zwischen Altehrwürdigkeit und Despotismus changierende Leitung steht. Diese findet sich in der Regel gefolgt von Lehrkörper und Hauspersonal. Eine weitere gehobene Stellung nehmen dann jene SchülerInnen ein, die es verstehen, sich ihre opportunistische Natur – möglicherweise als Überlebensstrategie – zunutze zu machen, indem sie wahlweise mit dem Rektoriat paktieren oder sich mit gleichgesinnten Mitschülern zu einer starken, oftmals tyrannisch auftretenden Allianz verbinden. Die im Regelfalle affirmativ-gehorsame Schülerschaft bildet dann den größten Teil des Sozialgefüges, an dessen unterstem Ende dann oftmals körperlich schwache und/oder besonders sensible Außenseiter stehen, die den ganzen Druck von oberhalb zu spüren bekommen. Jene Grundzüge finden sich im Wesentlichen auch bei Serrador wieder, der für seine Geschichte nicht nur eine wunderbar diesig-marode Herrenhauskulisse gefunden hat, sondern sein Ensemble auch gleich noch um einen verstörten jungen Mann, den Sohn (John-Moulder Brown) der Rektorin nämlich, ergänzt hat. Dessen sonderbare Beziehung zu seiner Mutter, die von einem wiederum dominanten, bizarren Matriarchatskomplex bestimmt ist, führt schließlich die Katastrophe herbei. Dabei gelingt Serrador der Spagat zwischen höchst stilbeflissenem, gotischem Horrorkino und historisch gefärbter, emotionaler Dramatik, ohne jemals in vordergründig-geschmacklose Exploitationniederungen zu verfallen. Der dringlich geheimgehaltene, mit einiger Genrekenntnis jedoch relativ vorhersehbare Ausgang fällt da nicht weiter negativ ins Gewicht.

8/10

DER UNHEIMLICHE MÖNCH

„Erlauben Sie mal, mein Fräulein – wer verhört eigentlich wen?“

Der unheimliche Mönch ~ BRD 1965
Directed By: Harald Reinl

Ein als Mönch maskierter Irrer verschreckt die über die Ferien im Hause verbliebenen Schülerinnen des Mädcheninternats Darkwood. Mit einer genickbrechenden Peitsche rückt er seinen Opfern zuleibe. Doch wer verbirgt sich unter der finsteren Kutte? Einige Lumpen kämen dafür in Frage, denn dass etwa die hübsche, junge Gwendolin (Karin Dor) als Alleinerbin des verstorbenen Schlossherrn eingesetzt wurde, wurmt ihre beiden Onkel (Siegfried Lowitz, Dieter Eppler) sowie ihren schmierigen Vetter Ronny (Hartmut Reck) ungemein. Doch dann ist da noch ein Mädchenhändlerring, der seine gekidnappten Opfer nach Südamerika verschifft und mit dem der mentalkrause Schlossmieter Alfons Short (Rudolf Schündler) in Verbindung steht. Sir John (Siegfried Schürenberg) und Inspektor Bratt (Harald Leipnitz) haben alle Hände voll zu tun…

Etwas weniger albern als der zuletzt geschaute „Grüne Bogenschütze“ mit seiner hier und da übertriebenen Selbstreferenzialität gab es hier, passend zu den sich diesbezüglich zuspitzenden sechziger Jahren, einiges mehr an Kolportage zu bewundern. Der perversen bis misogynen Irren hat es hier gleich mehrere; Menschenhändler, die hübsche, junge Damen entführen, um sie in exotische, für den bundesdeutschen Wirtschaftswunderbiedermann in etwa mit fernen Planeten gleichzusetzende Kulturkreise zu verschachern, bildeten seinerzeit eine vielfach benutzte Erscheinung im Kriminalfilmgenre. Ein paar in London angefertigte on-location-shots beschwerten das wie bei der Wallace-Serie üblich angestrebte, britische Flair und ein ungewöhnlich brutal und offensiv vorgehender Gruselmörder schlug nette Brücken zum internationalen gothic horror. Die Entlarvung des Mönchs kommt schließlich relativ überraschend und unvorhersehbar daher, wobei der Titelverbrecher trotz seiner Opferliste vermutlich noch derjenige ist, der von allen sich im Film tummelnden Gaunern den geringsten Dreck am Stecken hat. Aber so war es ja häufiger mal beim „Wallatze“. Neben Reinls versiert-flotter Inszenierung, deren in Farbe kredenzte Titelsequenz gewissermaßen bereits die kommende Richtung vorweg nahm, darf man vor allem die Herren Schündler und Lowitz sowie die imposante Ilse Steppat hervorheben – ganz exzellentes Personal war da am Werke.

7/10

SIEBEN TAGE FRIST

„Ein schönes Internat, dieses Internat.“

Sieben Tage Frist ~ BRD 1969
Directed By: Alfred Vohrer

In einem elitären Jungeninternat an der Nordseeküste läuft einiges quer zum Unterrichtsalltag: Der renitente, aufmüpfige Kurrat (Arthur Richelmann), Sohn eines einflussreichen, hiesigen Großindustriellen (Otto Stern), betreibt am Strand einen kleinen Privatclub mitsamt Alkohol und Stripaktionen für seine exzessbedürftigen Mitprimaner. Was dem jungen Lehrer Hendriks (Joachim Fuchsberger) etwas seltsam vorkommt, ist für den alteingesessenen Kollegen Fromm (Konrad Georg) derweil längst nichts Aufregendes mehr. Dennoch gerät er eines Tages mit Kurrat aneinander, als er diesen fälschlich verdächtigt, seinen Hund gequält zu haben, und versetzt ihm öfentlich ein paar Ohrfeigen. Daraufhin folgt ein ernstes Gespräch mit der Schulleitung und Kurrat Senior, worin sich jedoch die Konsequenz für Fromm erschöpft. Kurze Zeit später verschwindet Kurrat spurlos und die Leiche des Lehrers Stallmann (Paul Albert Krumm) wird am Strand gefunden. Für Hendriks und en ermittelnden Inspektor Klevenow (Horst Tappert) ein Mysterium, dass sich erst mit Kurrats baldigem Wiederauftauchen lösen lassen wird…

Ein überaus feiner Kriminalfilm, der sich irgendwo zwischen die Stühle atmosphärisch verkehrter „Pauker“-Filme, der späten Wallace-Adaptionen und Verangenheitsbewältigung setzt und dort ein recht exklusives Plätzchen belegt. Nicht von ungefähr mutet das Handlungskonstrukt an wie stark von „Fünf unter Verdacht“ beeinflusst, wenngleich eine unmittelbare Beziehung, etwa als inoffizielles Remake, sich nicht herstellen lässt, da beide Filme auf unterschiedlichen literarischen Vorlagen fußen. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich stark an Hoffmanns Film erinnert, denn auch hier geht es um eine Privatschule in Küstennähe, an der er zu kalter Jahreszeit brodelt und rumort und wo sich hinter den Kulissen wesentlich Ärgeres abspielt als postpubertäre, bourgeoise Unflätigkeiten. Zudem lehnt sich Tapperts Figur des Zigarrenstummel spuckenden, belesenen Ermittlers sehr direkt an die des einst von Hans Nielsen gespielten Kriminalers an.
Doch wie dem auch sei, „Sieben Tage Frist“ katapultiert des Publikum in mehrfacher Hinsicht in die Gegenwart. Eine homosexuelle Schüler-Lehrer-Beziehung gibt es da und unter der Internatsschülerschaft wundersamerweise (jedoch von der Produktion mit Sicherheit gezielt dort platziert) einen Farbigen. Die Auflösung bzw. Aufdeckung und Motivation des Täters sind in „Sieben Tage Frist“, dessen Titel sich am Ende als eminent für die Lösung des Falles erweist, ferner gänzlich anderer Natur und begeistern in ihrem Einfallsreichtum, abseits von der vortrefflichen Photographie von hochnordwinterlicher Küste nebst Hafenstädtchen (Ernst W. Kalinke) nochmal zusätzlich. Der Lehrer Fromm, der einem mit seinem kleinen Hund und als in die Jahre gekommener Zyniker so gar nicht unsympathisch vorgezeichnet ist, muss sich also als eines unserer ungeliebten Vergangenheitsphantome entpuppen lassen. Ganz schön perfid, ganz schön progressiv in jedem Falle aber: ganz schön! Deutscher Kino-Kanon, nichts darunter!

9/10