UN DETECTIVE

Zitat entfällt.

Un Detective (Die Klette) ~ I 1969
Directed By: Romolo Guerrieri

Stefano Belli (Franco Nero), Commissario bei der römischen Fremdenministerium, nimmt hier und da gern lukrative Jobs abseits des offiziellen Dienstwegs an. Aktuell beauftragt ihn der reiche Advokat Fontano (Adolfo Celi) damit, einerseits Sandy Bronson (Delia Boccardo), der offenbar leichtlebigen aus England stammenden Freundin seines Sohnes Mino (Maurizio Bonuglia), den Aufenthalt zu erschweren und andererseits untersuchen, warum Fontanas Gattin Vera (Florinda Bolkan) ausgerechnet den schmierigen Musikproduzenten Romanis (Marino Masé) mit einer großzügigen Geldinvestition unterstützen möchte. Belli findet umgehend nicht nur einen bereits erschossenen Romanis vor, sondern zudem heraus, dass beide Fälle direkt zusammenhängen und ausschließlich jede/r der Beteiligten, darunter auch der Fotograf Claudio (Roberto Bisacco) und das drogensüchtige Schlagersternchen Emmanuelle (Susanna Martinková) auf die eine oder andere Weise Dreck am Stecken hat, oder nur die halbe Wahrheit sagt.

Guerrieris nach seiner eigenen Einschätzung gelungenste Regiearbeit erweist in allererster Instanz den harboiled noirs von Hammett, Chandler und Spillane Reverenz, indem er einen profitgierigen Schnüffler durch ein unentwirrbares Spinnennetz aus Intrigen stolpern und sich darin verheddern lässt. Wie oftmals auch ein Philip Marlowe müht sich der stets cool und situationsbestimmend bleibende Belli dabei, ebenso wie der Zuschauer den Überblick zu wahren, häufig jedoch umsonst: Die meisten seiner Spekulationen erweisen sich als unzutreffend und hinter jeder vermeintlich klärenden Wendung steckt nur wieder ein neues Rätsel. Das hat zur zwangsläufigen Folge, dass das Narrativ sich nur allzu häufig selbst zu verheddern droht, was jedoch, man denke nur an „The Big Sleep“, eine zunehmend untergeordnete Rolle spielt. Was vielmehr stets den Mittelpunkt einnimmt, ist die jeweils aktuelle Szene, deren Setting, deren Dialogwitz, deren inhärente Spannung und gegebenenfalls auch deren erotische Aufladung – als MacGuffin gibt es etwa eine Nacktaufnahme einer wohlgeformten Dame, auf der der identitätsstiftende Kopf weggerissen wurde. Vordringliche Agenda Bellis ist es demzufolge, über weite Strecken der Geschichte herauszubekommen, um welche der drei beteiligten femmes fatales es sich auf der hier abgelichteten wohl handeln möge. Am Ende erweist sich jedoch auch dieses symbolträchtige Bild als für die finale Aufklärung, die dann auch weniger überraschend denn lediglich mit noch mehr Fragezeichen behaftet daherkommt, als weitgehend unerheblich.
Guerrieri erweist sich als Regisseur dennoch als geschickt genug, den Plot eben Plot bleiben zu lassen und sich ganz auf die Kreierung von Atmosphäre zu verlagern, Räumen und urbanen Schauplätzen den Vorzug zu geben und sein erstklassiges Ensemble glaubhaft durch seine dramaturgischen Wirrnisse zu führen.
Erst gestern habe ich – rein zufällig – ein Werksinterview mit Walter Hill geschaut, in dem der Meister einmal die Aufgaben von Darstellern und Regisseur voneinander abgrenzt: Die Aufgabe des Regisseurs sei es, so Hill, den Film zu verstehen, die des Akteurs hingegen, seine Figur zu verstehen. Da musste ich gleich unwillkürlich an „Un Detective“ denken, anhand dessen sich just dieses Maxime geradezu exemplarisch nachzeichnen lässt.

8/10

LIBERI ARMATI PERICOLOSI

Zitat entfällt.

Liberi Armati Pericolosi (Bewaffnet und gefährlich) ~ I 1976
Directed By: Romolo Guerrieri

Ein etwas gestresster Mailänder Commissario (Tomas Milian) erfährt von der verzweifelten jungen Lea (Eleonora Giorgi), dass ihr Freund Luigi (Max Delys) gemeinsam mit seinen beiden besten Kumpels Mario (Stefano Patrizi), genannt „Blondie“ und Giovanni (Benjamin Lev), genannt „Joe“, plant, eine Tankstelle zu überfallen und auszurauben – mit Spielzeugpistolen. Die Waffen erweisen sich jedoch als höchst echt und der kurzerhand anberaumte Polizeieinsatz als Fiasko mit Toten. Für das juvenile Trio bedeutet dies lediglich den Beginn einer Amokfahrt quer durch die Stadt und die umliegende Provinz, in deren Zuge noch viele Opfer zu beklagen sein werden. Vor allem Blondie und Joe erweisen sich im Laufe der sich überschlagenden Ereignisse als immer gewaltaffineres Soziopathenduo, dem gegenüber Luigi nicht den Mut findet, sich von ihm loszusagen…

Und noch ein Thrillerdrama italienischer Provenienz rund um ein paar junge, delinquente Gewaltverbrecher auf großer Amoktour, den anderen anverwandten, just genossenen Genrevertretern in keiner Weise nachstehend. Im Vergleich zu Petrinis ein Jahr später entstandenem und von dem vorliegenden Werk fraglos stark beeinflussten „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ entfällt der unmittelbare Sleazefaktor in diesem von Fernando Di Leo ersonnenen Katz-und-Maus-Spiel weitgehend und es verzichtet zugunsten seiner zum Scheitern verurteilten Fluchtgeschichte nebst einer Vielzahl wechselnder Schauplätze auf die räumliche Geschlossenheit eines hermetischen Kidnapping-Szenarios. Stattdessen verheddern sich die drei jungen, wiederum aus bourgeoisem Hause stammenden Männer immer weiter in ihrer einmal losgetretenen Gewaltspirale, die im Laufe ihrer Reise, zu deren Partizipation sie irgendwann auch die eigentlich unbeteiligte Lea (auf die der emotional schwer gestörte Mario offenbar ein Auge geworfen hat) zwingen, beinahe grotesk eskaliert – unter anderem erschießen sie im Zuge eines gemeinsam geplanten Überfalls auf einen Supermarkt kurzerhand die Handvoll weiterer beteiligter Freunde, die ihnen offenbar schon seit Längerem Dornen im Auge sind. Später müssen neben diversen poliziotti unter anderem noch zwei unkooperative Dokumentenfälscher (Salvatore Billa, Carmelo Reale) oder ein überrumpelter deutscher Camper (Peter Berling) nebst seinem Filius (n.n.) dran glauben.
Vergleichsweise ungewöhnlich und dabei ein ebenso rarer wie schöner Indikator für dessen mimische Wandlungsfähigkeit bildet der Einsatz Tomas Milians, der hier einmal nicht als greller Gangster oder wilder Strickmützen-Bulle überagieren muss, sondern seinen (namenlos bleibenden) Kriminalen zurückhaltend und, ordentlich bezwirnt, gediegen interpretiert. Sorgenvoll mahlen seine Kiefer, wenn er von den neuesten Schandtaten der Gewaltverbrecher erfahren muss. Einmal hält er den versammelten Erziehungsberechtigten (u.a. Venantino Venantini) des trio infernale sogar eine harte Standpauke über verhängnisvolle Vernachlässigung und versemmelte Pädagogik, deren furchtbares Resultat Milano nunmehr mit einer Blutspur überzieht und für die der Kommissar den Alten die direkte moralische Verantwortung auferlegt.

8/10

DOGMAN

Zitat entfällt.

Dogman ~ I/F 2018
Directed By: Matteo Garrone

Marcello (Marcello Fonte), ein unscheinbarer, schmalschultriger Geselle, führt einen Hundesalon in dem Küstenort Magliana, nahe Roms. Jeder kennt hier jeden, man vertraut und schätzt sich. Krumme Geschäfte unter der Hand gehören zum Alltag wie alles andere. Dummerweise hat Marcello jedoch das Pech, mit dem brutalen, cholerischen Gangster Simone, genannt Simoncino (Edoardo Pesce), „befreundet“ zu sein, vor dem alle in der Gegend Angst haben und der den kleinen Hundefrisör immer wieder für seine kriminellen Aktionen missbraucht. Zudem bezieht Simone über Marcello sein Koks, das ersterer in hohen Mengen konsumiert. Eines Tages nötigt Simone Marcello, ihm sein Ladenlokal für einen nächtlichen Bruch bei einem direkt angrenzenden Juwelier zur Verfügung zu stellen. Gezwungenermaßen willigt der Simone hoffnungslos unterlegene Marcello ein und nimmt im Nachhinein die Schuld und die damit zusammenhängende Gefängnisstrafe für Simone auf sich. Damit wird Marcello in seiner ansonsten von existenzwichtiger Solidarität geprägten Nachbarschaft zur persona non grata, alle meiden ihn nach seiner Entlassung. Nur seine heißgeliebte Tochter Alida (Alida Baldali Calabria) hält ihm unverdrossen die Treue. Als sich Simone schließlich weigert, Marcello an der Beute zu beteiligen und ihn noch öffentlich zusammenschlägt, gibt es für den Gebeutelten nur noch einen letzten Ausweg, sein Gesicht wiederzuerlangen.

Genau zehn Jahre nach „Gomorra“ handelt Matteo Garrones jüngstes, involvierendes Gangsterdrama wiederum vom schwächsten Kettenglied, von Angst, von Omerta, von falscher Solidarität und damit auch auf symbolischer Ebene von all dem, was das organisierte Verbrechen und die darin zwangsinvolvierten Kleinbüger in Italien nunmehr seit Jahrhunderten prägt. Daran, dass Marcello, ein kleiner, kriecherischer, aber herzlicher Typ, der vor vierzig, fünfzig Jahren als Spottapfel in jeder commedia all’italiana zu Haus gewesen wäre, eigentlich höchste humane Integrität besitzt, lässt der Film von Beginn an keinerlei Zweifel. Der alleinstehende Marcello vergöttert seine bei ihrer Mutter (Laura Pizzirani) lebende Tochter, investiert sein sauer gespartes Geld für Kurzurlaube und Tauchtrips mit ihr. Und er liebt „seine“ Hunde über alles; einmal rettet er einem kleinen Chihuahua das Leben, den der sadistische Simone zuvor bei einem Wohnungseinbruch in ein Tiefkühlfach gesperrt hat. Eine geradezu sinnbildliche für das einseitig überhängende Verhältnis der so beiden unterschiedlichen Männer; der eine pflügt, einer Dampfwalze gleich, rücksichtslos alles nieder, der andere, der das Leben noch anerkennt, schaut empathisch nach links und rechts und betreibt Schadensbegrenzung. Es ist eine bittere existenzielle Spielart, dass niemals (oder selten) die Dampfwalze die Konsequenzen zu tragen hat. So ist es auch bei Marcello und Simone. Doch: wie jedem unter Druck stehenden Kesselchen platzt auch Marcello irgendwann der Deckel ab, da ist es aber schon längst zu spät; der an Körper und Seele Geschundene und Ausgrenzte zeigt seine brutale Entschlossenheit (die ihn keinesfalls zu einem ausgeglicheneren Menschen machen wird) erst, als die Sackgasse, in der längst steckt, sich nach beiden Seiten geschlossen hat. Am Ende, als er, nachdem er Simone zunächst brutal gefangengesetzt und dann ermordet hat, buhlt Marcello lautstark um den früheren Respekt und die alte Anerkennung seiner Nachbarn. Doch niemand mag ihm, dem kleinen Straßenköter jetzt mehr zuhören. Es bleiben nurmehr Einsankeit, Eiseskälte, Fatalismus und der Verlust auch des letzten Rests von Menschlichkeit, den Simone mit ins Jenseits genommen hat.

8/10

TWO WEEKS IN ANOTHER TOWN

„I don’t lie to the press! I never have.“ – „You lie to yourself, Mr. Kruger. That’s worse.“

Two Weeks In Another Town (Zwei Wochen in einer anderen Stadt) ~ USA 1962
Directed By: Vincente Minnelli

Nach mehreren Jahren Aufenthalt in einem Sanatorium, in dem er sich wegen eines während einer Mischung aus Depressionen und Alkoholsucht verübten Suizidversuchs befindet, erhält der Hollywoodstar Jack Andrus (Kirk Douglas) eine postalische Offerte eines alten Freundes, des egozentrischen Regisseurs Maurice Kruger (Edward G. Robinson). Dieser dreht zur Zeit in Cinecittá einen europäischen Film mit dem Nachwuchsschauspieler Davie Drew (George Hamilton). Andrus soll gegen kleines Entgelt eine Nebenrolle übernehmen – ein möglicher Neuanfang. Zögerlich wagt Andrus den Ausflug nach Rom und wird prompt mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Seine Exfrau, die promiske Carlotta (Cyd Charisse), der Anlass für Andrus‘ miserables Los, ist ebenfalls in der Stadt. Kruger steht indes unter dem Druck des Produzenten (Mino Doro), keine Zeit für die Postsynchronisation aufwenden zu dürfen und überredet Andrus, die Arbeit daran für ihn zu übernehmen. Dieser findet derweil in der jungen Römerin Veronica (Daliah Lavi), eigentlich Drews Freundin, neuen Halt. Als Kruger einen fast tödlichen Herzinfarkt erleidet, bitter er Andrus, den Film für ihn zu übernehmen, doch der eigentlich im Aufwind befindliche Jack dreht eigenmächtig einige von Krugers Szenen nach, woraufhin dieser die Fassung verliert und Andrus feuern lässt. Abermals verzweifelt, trifft Andrus auf Carlotta…

Genau zehn Jahre nach ihrem gemeinsamen Hollywood-Drama „The Bad And The Beautiful“ fanden Vincente Minnelli und Kirk Douglas abermals zusammen, um sich neuerlich der zerstörerischen Seite des Filmbiz anzunehmen, diesmal natürlich in Scope und Farbe. Gab Douglas vormals mit dem schmierigen Jonathan Shields noch den opportunistischen Verführer, der seine Vasallen – sprich Darsteller – wie Schachfiguren nach Belieben zu manipulieren wusste, steht er nun auf der anderen Seite. Als psychisch schwer angegriffener, aber weitgehend austherapierter Ex-Star unterzieht er sich einer harten Konfrontationstherapie, die ihn nach einer abermaligen, schweren Krise aufrecht aus dem Ring steigen lässt. Interessant ist „Two Weeks In Another Town“ vor allem in seiner Funktion als Porträt der Ära „Hollywood On The Tiber“ der fünfziger und sechziger Jahre, die zahlreiche Filmschaffende aus den USA nach Cinecittá lotste, um dort unter europäischer Produktinsägide und mit internationalen Stäben und Besetzungen Kino zu machen. Den arrivierten Regisseur, der, freilich ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, seinen kreativen Zenit hinter sich hat und daher mehr oder weniger gezwungen ist, in Rom zu arbeiten gibt Edward G. Robinson in einer makellosen Darbietung, die im Prinzip Douglas‘ Figur aus „The Bad And The Beautiful“ (der sogar einmal im Film vorgeführt wird) transzendiert. Als großer Betrüger und Egomane ist Kruger es gewohnt, nach eigenen Maßgaben zu arbeiten, beißt bei seinem italienischen Produzenten Tucino, der stattdessen die einheimische, launische Diva Barzelli (Rosanna Schiaffino) hofiert, jedoch auf Granit. Ausgerechnet Jack Andrus, in der Vergangenheit von Kruger stets ausgenutzt und im Gegenzug oftmals in den Staub getreten gestoßen, soll für ihn den Karren aus dem Dreck ziehen, ein Plan, der beinahe aufgeht, schließlich jedoch mit Krugers ungebrochener Selbstüberhöhung und der Unnachgiebigkeit seiner tief frustrierten Gattin Clara (Claire Trevor) kollidiert. Nichtsdestotrotz überlebt Andrus auch diese Krise und geht am Ende gestärkt und mit juveniler Unterstützung (in Veronica und dem nicht minder krisengeschüttelten Davie Drew findet er zwei neue Freunde und Unterstützer) zurück nach Hollywood, um dort eine zweite Karriere als Regisseur zu begehen. Minnelli frönt hier einem für seinen Dramen ungewöhnlichen Positivismus, der für seinen gebrochenen Helden am Ende Heilung und Salbung bereithält. Neben der liebevollen Photographie Roms und seiner prominenten Zentren ein weiterer, guter Grund, sich diesen manchmal geflissentlich blasiert wirkenden, insgesamt aber doch schönen Film anzusehen.

7/10

DOM ZA VEŠANJE

Zitat entfällt.

Dom Za Vešanje (Die Zeit der Zigeuner) ~ YU/I/UK 1988
Directed By: Emir Kusturica

Eine Roma-Siedlung über der Stadt Skopje: Der sanftmütige Perhan (Davor Dujmovic) lebt zusammen mit seiner jüngeren, gehbehinderten Schwester Danira (Elvira Sali) und ihrem Onkel Merdžan (Husnija Hasimović) in der Baracke der Perhan über alles liebenden Großmutter (Ljubica Adzović). Dieser wiederum, mit leichten, telekinetischen Kräften ausgestattet, macht Nachbarin Azra (Sinolička Trpkova) den Hof, bei der er wegen ihrer herrischen Mutter (Bedrije Halim), die Azra ausschließlich an einen liquiden Schwiegersohn herzugeben gedenkt, jedoch keine Chance hat. Daher nimmt Perhan die Offerte des sich gönnerhaft gebenden Ahmed (Bora Todorović) an, ihn und seinen Tross nach Mailand zu begleiten, wo angeblich das große Geld wartet. Danira soll unterwegs in einem Krankenhaus in Ljubljana abgesetzt werden, wo Ahmed ihr großmütig eine Behandlung zu finanzieren verspricht. In Mailand angekommen registriert Perhan rasch, dass Ahmed ein gemeiner Krimineller ist, der sein Geld mit Prostitution und kleinen Räubereien macht und Kinder zum Betteln auf die Straße schickt. Dennoch avanciert Perhan nach einem Schlaganfall Ahmeds zu dessen rechter Hand. Als der Junge schließlich – ohne Erlaubnis Ahmeds – nach Skopje zurückkehrt, muss er erfahren, dass Azra hochschwanger ist – gerüchtehalber von Merdžan, was Perhan in tiefe Verzweiflung stürzt. Dennoch nimmt er Azra, die beteuert, es handle sich um Perhans eigenes Kind, eilends zur Frau und kehrt mit ihr nach Mailand zurück, wo Azra unter dem Druck, den vermeintlichen „Bastard“ verkaufen zu müssen, bei der Niederkunft stirbt. Perhan erkennt nun endgültig, welchen schlechten Einfluss Ahmed auf ihn hatte. Dieser verschwindet jedoch spurlos mit Perhans Sohn. Auch Danira ist nicht mehr aufzufinden. Perhan wird nunmehr einzig von dem Gedanken an Rache getrieben.

Im ersten Teil seiner „Zigeuner-Trilogie“ verfeinert der serbische Regisseur Emir Kusturica seine ihm ohnedies in der Filmkunst so spezifiziert zugeschriebene Methode des realismo mágico und führt diese zur Perfektion: Einer sehr beherzt und emotional erzählten, moralträchtigen und zugleich relativ einfachen Geschichte steht ein sehr viel komplexerer, oft traumnaher Erzählstil gegenüber, in dem im Grunde alles möglich ist. Kusturica meinte, dass die Parallelkultur der Roma und ihre sehr unterschiedlichen, regionalen Ausprägungen ihn seit frühester Kindheit faszinierten und er dort, wo sich ihre Ansiedlungen konzentrierten, das Leben stets um sehr Vieles vitaler wahrnahm als andernorts. Diese Faszination überträgt sich nahtlos schwebend auf „Dom Za Vešanje“, der, besetzt mit einer Kombination aus Laiendarstellern und Profis, einen tiefen Einblick in das Roma-Leben gewährt und dabei jedweden Voyeurismus oder Denunziantentum ausspart. Selbst die Originaldialoge sind in romanes belassen, einer Sprache, die der in den letzten Jahren immer wieder wegen nationalistischer Zugeständnisse aufgefallene Kusturica kaum zureichnend beherrscht. Dabei dividiert sich „Dom Za Vešanje“ im Groben in zwei Teile: Die Zeit, die Perhan im bettelarmen, aber lebensfrohen Heimatdorf verlebt und später dann jene, die ihn unter seinem neuen Paten gen Westen führt, moralisch zutiefst korrumpiert und einen garstigen Misanthropen aus ihm formt, dessen blutiger Rachefeldzug ihm am Schluss selbst den gewaltsamen Tod bringen und aus seinem kleinen Sohn eine Vollwaise machen wird. Schnittstelle bildet eine zutiefst poetische Aufbereitung der von den Roma ausgiebig gefeierten St.-Georgs-Nacht, die als eher heidnisches denn religiöses Frühlingsfest begangen wird und in der Perhan seine Unschuld verliert (und Azra schwängert). Symbolisch wird sein „Erwachsenwerden“ ihn nicht nur körperlich einer entzärtlichten Form der Männlichkeit zuführen, sondern den einstigen Tagträumer darüberhinaus auch brutalisieren. Nach seinem traurigen, vorhersehbaren Ende bleibt nurmehr ein letzter Trost – Hatidža, die tapfere, stets lebenbejahende Großmutter, ewige Fackel- und Hoffnungsträgerin der Sippe, wird sich des Jungen annehmen so wie sich einst schon Perhan angenommen hat. Das Leben – es geht weiter.

10/10

LA LEGGENDA DI ENEA

Zitat entfällt.

La Leggenda Di Enea (Äneas – Held aus Troja) ~ I/F/YU 1962
Directed By: Giorgio Venturini

Sieben Jahre nach dem Tode seiner geliebten Krëusa, der Flucht aus dem von den Spartanern niedergebrannten Troja und einer anschließenden, entbehrungsreichen Odyssee landet Aeneas (Steve Reeves) mit seinen Leuten in Latium, wo er eine neue Heimat errichten will. Während der Segen des regierenden Königs Latinus (Mario Ferrari) ihm sicher ist, sieht der machthungrige Despot Turnus (Gianni Garko) in Aeneas einen lästigen Konkurrenten, den es flugs zu vertreiben gilt. Doch Aeneas‘ Pläne stehen bereits auf festem Boden und so bedarf es einiger Intrigen des bösen Turnus, sich der Neuankömmlinge zu entledigen. Der nachfolgende Konflikt kostet Aeneas viele Verbündete, doch beschert er ihm zugleich die Liebe einer neuen Zukünftigen, Latinus‘ Tochter Lavinia (Carla Marlier). Schließlich gelingt es Aeneas mithilfe der Etrusker, die feindlichen Heere zu vernichten und Turnus im Zweikampf zu besiegen. Der Grundstein für seine erste Stadt Lavinium kann gelegt werden.

Obschon das Sequel zu Giorgio Ferronis „La Guerra Di Troia“ sich augenscheinlich noch etwas kostengünstiger als der Vorgänger ausnimmt, die Kulissen (so etwa Aeneas‘ Ansiedlung, die aus ein paar notdürftig zusammengekloppten Holzverschlägen und einem ziemlich albernen Wehrzaun besteht) noch ein wenig billiger erscheinen und eine geringere Anzahl an Komparsen zur Verfügung stand, ist „La Leggenda Di Enea“ der eindeutig schönere Film der beiden. Steve Reeves rückt als Titelheld weiter ins Zentrum und spielt – freilich wieder mit derselben neckischen Bartfrisur ausgestattet – tatsächlich um Einiges dedizierter denn im Original; mit der aparten Carla Marlier steht ihm eine ausgesprochen reizende Gespielin zur Seite und mit Gianni Garko ein hervorragender, seine Diabolik genüsslich ausspielender Antagonist gegenüber. Vor allem Venturinis Regiekunst ist es jedoch, die „La Leggenda Di Enea“ zugleich zu einem der schönsten Reeves-Filme und damit folglich zugleich auch zu einem der schönsten mir bekannten Pepla macht: Der Mann bewies hier ein ausgezeichnetes Gespür für die Inszenierung von Schauplätzen, Räumen und Atmosphäre; allein die finale Konfrontation zwischen Aeneas und Turnus, die die beiden Kontrahenten auf ihren Streitwagen unter anderem durch ein pollengesäumtes Wäldchen führt, weit eine geradezu poetische visuelle Qualität auf und steckt jeden Aufzug aus Ferronis Film locker in die Tasche. Witzige trivia: Der zehnjährige Charles Band, dessen zu jener Zeit in Italien weilende Vater Albert an Script und Produktion mitwerkelte, spielt (unkreditiert) Aeneas‘ Sohnemann Ascanius.
Da die den Brückenlag zwischen griechischer und römischer Mythologie wagende Aeneas-Sage über einige Generationsumwege schließlich zu dessen Nachkommen Romulus und Remus führt, bietet sich der gleichnamige Film von Sergio Corbucci, der eigentlich noch vor „La Leggenda Di Enea“ entstanden ist, bestens zur weiteren Beschau an. Dem werde ich unlängst Rechnung tragen müssen.

8/10

ALL THE MONEY IN THE WORLD

„We look like you, but we’re not like you.“

All The Money In The World (Alles Geld der Welt) ~ USA/UK/I 2017
Directed By: Ridley Scott

1973 gilt der Ölmilliardär John Paul Getty (Christopher Plummer) als der reichste Mann der Welt. Während sein beinahe lebenslang von ihm vernachlässigter, zwischenzeitlich als europäischer Repräsentant der Dynastie eingesetzter Sohn (Andrew Buchan) seit ein paar Jahren im Drogenrausch vor sich hinvegetiert, lebt dessen geschiedene Frau Gail Harris (Michelle Williams) mit Gettys sechzehnjährigem Enkel (Charlie Plummer) in Rom. John Paul Getty III genießt das ausschweifende Nachtleben in der ewigen Stadt, bis er von der Mafia entführt wird. Da Gail völlig außer Stande ist, das Lösegeld in Millionenhöhe zu bezahlen, wendet sie sich an den alten Getty, der die Kidnapping-Geschichte für eine reine Erfindung hält, um ihm sein Bares aus der Tasche zu leiern und nicht auf die Forderungen eingeht. Es dauert ganze fünf Monate und kostet etliche Nerven und Schmerzen, bis sich der Magnat zu besonderen Konditionen auf die Zahlung einer wesentlich geringeren Summe als ursprünglich verlangt eringeht.

Der Kapitalismus fabriziert seine ihm eigenen Monster. Die spektakuläre Geschichte um die Entführung John Paul Gettys III beweist dies nachdrücklich. Sein Großvater war der erste Mensch, dessen Vermögen die Milliarden-Schallgrenze durchbrach, ein Geizkragen und Liebhaber von wertvollen Kunstgegenständen und allem, was sein ohnehin schier unmenschliches Vermögen noch vergrößerte. Mit der Affäre um die Entführung seines Enkelsohnes präsentierte er sich dann vor den Augen der Welt als ausgewiesener Misanthrop. Sämtliche Forderungen der Kidnapper ließ er unter einer Vielzahl an Ausflüchten an sich abprallen, so dass John Paul III fünf Monate in den Händen seiner Kidnapper, Mitgliedern der ‚Ndrangheta, unter höchst entbehrungsreichen Konditionen darben musste. Die Situation kulminierte schließlich in der Amputation eines Ohrs, das die Mafiosi dann einer römischen Tageszeitung zukommen ließen. Erst zu diesem Zeitpunkt ließ sich Getty überreden, das mittlerweile auf etwa ein Sechstel der ursprünglichen Forderung reduzierte Lösegeld zu bezahlen, jedoch unter den Bedingungen, dass Gail ihrem zu jenem Zeitpunkt psychisch derangierten Ex-Mann das Sorgerecht überschrieb, sowie den Betrag, der über den steuerlich absetzbaren Ablösungssatzatz hinausging, lediglich als verzinstes Darlehen zu stellen. Großvater und Enkel hatten nie wieder miteinander Kontakt; der alte Getty verstarb etwa zweienhalb Jahre später und John Paul III bekämpfte bald nach seiner Heirat (mit Gisela Zacher, des Exfrau von Rolf Zacher), der Geburt seines Sohnes Balthazar und dem Umzug der kleinen Familie nach Los Angeles mit den Auswirkungen seiner Traumata, die er mit allerlei Rauschmitteln bekämpfte. Ein daraus resultierender Schlaganfall machte ihn bis zu seinem Tode pflegebedürftig.
Ridley Scotts Faszination für das südliche/mediterrane Europa und seine landschaftlich bzw. architektonisch reizvollen Seiten kam bereits mehrfach in seiner Arbeit zum Tragen. Entsprechend lassen sich die bei aller erzählerischen Tragik überaus ästhetischen Bilder Lazios, die Scotts aktueller Stamm-dp Dariusz Wolski für ihn bannte, erklären. Abgesehen davon, hervorragend auszusehen, reduziert sich die Nachhaltigkeit seines jüngsten Films allerdings auf einzelne Augenblicke, darstellerische Blitzlichter sowie jenen streitbaren Miniskandal, der die Produktion dazu veranlasste, den wegen sich verdichtender Missbrauchswürfe in die Negativschlagzeilen geratenen Kevin Spacey durch Christopher Plummer zu ersetzen. Dass Scott im Nachhinein meinte, Plummer sei ohnehin seine erste Besetzungswahl gewesen und er habe lediglich wegen Spaceys höheren Bekanntheitsgrades auf seinen Favoriten verzichten müssen, gereicht der ganzen eher unrühmlichen Geschichte nicht eben zum Vorteil. Unleugbar macht jedoch der noch immer bestens beschäftigte Kino-Grandseigneur eine grandiose Figur in seiner Rolle als bemitleidenswerter Geldadliger und trägt den Film auf seinen fast neunzigjährigen Schultern. Seine Szenen sind die mit Abstand stärksten des Films, da er die berüchtigte Mischung des Ölpatriarchen aus Narzissmus und notorischer Gefühlsarmut so brillant transportiert, wie es eben nur ein gestandener Akteur wie er vermag. Daneben einen doch recht limitierten Typen wie Mark Wahlberg zu besetzen, der als zweifelnder, langer Arm des Alten für ein wenig Kinetik innerhalb der sich mehr und mehr festfahrenden Situation zu sorgen, hat umso weniger von einem Coup. Auch den Sequenzen mit Charlie Plummer und seinen Entführern, allen voran Cinquanta (Romain Duris), der ein beinahe fürsorgliches Verhältnis zu John Paul III aufbaut, hat man in den etlichen um Kidnapping-Fälle kreisenden Filmen schon ähnlich tangiert, wenn nicht gar ergriffener, beiwohnen dürfen. Ridley Scott, mittlerweile selbst stolze 80, ist nach wie vor ein Garant für sehenswertes Kino. Dass er sich innerhalb jener doch sehr freigiebigen Bahnen mit der ihm eigenen Routine begnügt, sei ihm angesichts seiner früheren Sternstunden vergönnt.

7/10