DOCTOR SLEEP

„We’re all dying. The world’s just one big hospice with fresh air.“

Doctor Sleep (Doctor Sleeps Erwachen) ~ USA 2019
Directed By: Mike Flanagan

Rund 30 Jahre nach den schrecklichen Erlebnissen im Overlook-Hotel ist aus dem damals noch kleinen Danny Torrance (Roger Dale Floyd) ein Erwachsener (Ewan McGregor) mit diversen Problemen geworden. Die einstigen Ereignisse hat Danny nie ganz überwinden können und ist zum Alkoholiker geworden wie einst sein Vater Jack (Henry Thomas). Noch immer erscheint Danny an kritischen Wendepunkten seines Lebens der seinerzeit ermordete Hausmeister Hallorann (Carl Lumbly) und erteilt ihm weise Ratschläge. Aus zunächst unerfindlichen Gründen zieht es Danny nach New Hampshire, wo er Freundschaft mit Billy Freeman (Cliff Curtis) schließt. Weitere acht Jahre vergehen, in denen Danny mit Billys Hilfe seine Sucht erfolgreich überwinden kann und dabei immer wieder mentalen Kontakt mit einem einige Meilen entfernt lebenden Mädchen namens Abra Stone (Kyliegh Curran) pflegt, das wie er über das Shining verfügt. Eines Tages besucht Abra Danny persönlich, um ihn über einen kleinen Geheimzirkel, den „True Knot“ zu informieren. Bei diesem handelt es sich um eine Gruppe untoter Seelenvampire, die mit Campingwagen durch Amerika ziehen und sich von der Essenz von Kindern ernähren, die allesamt das Shining besitzen und auf die besonders starke Abra aufmerksam geworden sind. Nach anfänglichem Zögern verbündet sich Jack mit Abra. Gemeinsam können sie fast alle Mitglieder des True Knot ausschalten bis auf dessen Anführerin Rose The Hat (Rebecca Ferguson). Jack und Abra locken sie zum längst verlassenen Overlook Hotel, um ihr dort endgültig den Garaus zu machen.

Mike Flanagans im Director’s Cut immerhin dreistündiger Film bildet nach der Netflix-Produktion „Gerald’s Game“ die zweite King-Adaption des Regisseurs. Als Sequel zu Stanley Kubricks Meisterwerk „The Shining“ vollzieht „Doctor Sleep“ dabei immerhin das kleine Kunststück, sowohl King, der Kubricks Arbeit wie viele Fans seines Romans bekanntermaßen ablehnt, zu beschwichtigen, als auch „The Shining“, dem Film, vielfach Reverenz zu erweisen. „Immerhin“, weil „Doctor Sleep“ sich zwar im Ganzen nett ausnimmt, der monumentalen Kunst Kubricks aber in überhaupt keiner Weise das Wasser reichen kann. Dessen Film vermochte es, Wahnsinn als psychische Macht zu transzendieren und ihn auf vielen Ebenen spürbar zu machen – den Wahnsinn nicht nur seiner Hauptfigur, sondern auch den seines (filmischen) Schöpfers. Vielleicht ist genau dies einer der primären Gründe, warum King sich mit Kubricks epochalem Werk nie anfreunden mochte; weil er sich wie kein anderer Filmemacher von einer seiner Vorlagen emanzipieren konnte und etwas derart Eigenständiges schuf, dass der Roman nurmehr zum inhaltlichen Stichwortgeber anstelle einer kongenialen Inspirationsquelle degradiert wurde. Bei Flanagan, einem, soweit ich dies nach nunmehr vier gesehenen Filmen beurteilen kann, fleißigen, soliden Genreregisseur, der bis dato allerdings noch keine bedeutsame Signatur entwickeln konnte, kann von derlei Maßstabssetzendem nicht die Rede sein. Ich kenne das Buch, wie die allermeisten von King, nicht, weil ich die Prosa des Autors nie sonderlich mochte. Mit den allermeisten Adaptionen ergeht es mir da anders, diese pointieren seine ohnehin oftmals a priori kinoaffinen Ideen häufig und verdichten sie zu einer medial passgenauen Essenz. Wobei mir auch diesbezüglich auffällt, dass wirklich überragende Arbeiten, wie sie einst noch Usus waren, als Regisseure wie De Palma, Cronenberg, Carpenter oder Reiner sich Kings Literatur annahmen, de facto nicht mehr nachgereicht werden. Vielleicht liegt das ja nicht zuletzt auch an Kings höchsteigener Art der Verstofflichung seiner Imagination. Im Falle von „Doctor Sleep“ scheint mir dies durchaus signifikant: Hier haben wir keine Horrorgeschichte, die innere Welten nach außen kehrt, sondern vielmehr einen relativ ordinären Fantasyplot, der eben zufällig die Geschehnisse von „The Shining“ aufgreift und weiterspinnt. Selbiges vollzieht Flanagans Film auf eine rundum bequeme und versöhnliche Art. Die diversen Reminiszenen an das fast vier Dekaden alte, ungebrochen magische Vorbild sind ausnahmslos liebevoll gestaltet, die von neuen Darstellern besetzten Rollen finden sich so gut revisioniert, wie es eben möglich scheint. Doch dann gibt es da noch diese einfältige, narrative Kinderschreck-Ebene um die scheinbar aus Grimms Märchen entsprungenen (leider überhaupt nicht bedrohlich wirkenden) True-Knot-Gypsies, allen voran die leider nie wirklich unheimliche Rebbeca Ferguson, und die sich ihnen tapfer widersetzende, kleine Alba, in der Danny Torrance nebst seiner traumatischen Vorgeschichte zu einem relativ austauschbaren Sidekick-Element avanciert. Die Crux des Ganzen verdeutlicht sich vielleicht besonders in jener Szene, in der Danny und sein Kumpel Billy die Seelenvampire in einen Wald locken und nach und nach erledigen, wobei diese sich mittels mäßiger CGI in staubiges Wohlgefallen auflösen. Diese in dem ja doch recht ausufernden „Doctor Sleep“ einzige Sequenz, die mit ein wenig Kinetik aufwartet, liefert beinahe antiklimaktische Vampiraction, wie sie (ausgerechnet) seit „From Dusk Till Dawn“ doch längst visueller Usus ist.
„Doctor Sleep“ ist, und darin liegt vielleicht der größte Kritikpunkt, ein Film ohne echte Geheimnisse – und damit ganz gewiss denkbar weit entfernt von dem, was er, so nehme ich an, nur allzu gern wäre.

6/10

GOOD TIME

„You’re cold? Let’s get to Virginia, man!“

Good Time ~ USA 2017
Directed By: Benny Safdie/Josh Safdie

Der ewig klamme Herumtreiber Connie Nikas (Robert Pattinson) will seinem geistig behinderten Bruder Nick (Benny Safdie) ein Leben abseits von Heimen und Therapeuten ermöglichen. Also entwickelt Connie kurzerhand den Plan, gemeinsam mit Nick eine Bank zu überfallen. Der mit heißer Nadel gestrickte Coup geht schief; Nick landet im Gefängnis, während Connie entkommen kann. Nun gilt es für ihn, die nötige Kaution aufzutreiben oder seinen Bruder notfalls selbst zu befreien. Die folgende, bizarre Odyssee durch die New Yorker Nacht bringt Connie mehr oder weniger zufällig mit allerlei seltsamen Zeitgenossen zusammen, darunter mit dem Kleinpusher Ray (Buddy Duress), der um ein LSD-Versteck im Freizeitpark „Adventureland“ weiß…

Ob es für meine persönliche Bewertung von „Good Time“ förderlich ist, dass ich zuvor dessen Nachfolger „Uncut Gems“ gesehen habe und im Prinzip eigentlich erst über diesen überhaupt auf die Safdies aufmerksam geworden bin, wage ich zu bezweifeln, denn jenes absolut formvollendete Thrillerdrama mit Adam Sandler variiert seinen Vorgänger nicht nur motivisch. Beide Filme zentrieren sich um einen rücksichtslos agierenden Protagonisten, der um die Durchsetzung eigener Träume und Wünsche Willen Kausalitätsketten in Gang setzt, die seine Mitmenschen, respektive zumindest die, die naiv genug sind, ihn zu unterstützen, ins kleine oder große Verderberben stürzt. Das Ganze vollzieht sich jeweils in einem sehr hohen Erzähltempo, unter Verwendung halsbrecherischer Script-Volten, vermittels einer wilden Photographie und Montage, sowie unter Einbeziehung eines ganzen Kaleidoskops schräger Nebencharaktere. (Das nächtliche) New York avanciert dabei zum urbanen, planen Stellvertrer der Reise durch das psychische und geistigen Labyrinth der Leitfigur. Auch „Good Time“ greift somit bereits vorhandene Erzählmuster auf; so erinnert er zumindest streckenweise etwa zwangsläufig an Scorseses „After Hours“ und infolge dessen an den klassischen film noir. Anders als später Sandler als semilegaler Traumverkäufer Howard Ratner vermag es der (nichtsdestotrotz hervorragend spielende) Robert Pattinson jedoch nicht, die Em- und Sympathie des Rezipienten zu evozieren. Während Ratner ja seine gesamte Existenz in die Waagschale wirft und sich damit den Status eines tragikomischen Antihelden erarbeitet, lassen einen die von vornherein irrationalen Motive Connie Nikas‘ relativ gleichgültig zurück. Man sieht seinem irrlichternden Trip durch die Eingeweide der Stadt und ihrer Institutionen zwar interessiert zu, mag sich aber nie wirklich auf seine Seite schlagen und insofern auch nicht nachhaltig mit seinem Schicksal zu hadern. Am Ende kommt es für die meisten Beteiligten so, wie es kommen muss; nichts existenziell wirklich Gravierendes geschieht. Während „Uncut Gems“ eine konsequente Fallgeschichte erzählt, nimmt „Good Time“ somit eher den Status einer wilden Momentaufnahme ein. Wie oben suggeriert, kann „Good Time“ unter dem massiven Eindruck von „Uncut Gems“ im Zuge einer achronologischen Betrachtung allso nur verlieren. Das macht ihn keinesfalls zu einem künstlerischen Fehlschlag, andererseits wird die rückwärts gewandte Ordinalbetrachtung ihm vermutlich nicht gerecht.

7/10

ENIGMA

„I think these two go together.“

Enigma ~ UK/F 1982
Directed By: Jeannot Szwarc

Der Kalte Krieg brodelt vor sich hin. Ausgerechnet am Weihnachtstag will der KGB als abschreckendes Exempel für potenzielle Überläufer fünf aus der Sowjetunion geflohene Dissidenten liquidieren, die überall auf der Welt verteilt sind. Im Gegenzug plant die CIA, ein jenseits der Mauer befindliches Modul zu stehlen, das für die Funktion der berühmten „Enigma“-Dechiffriermaschine von entscheidender Bedeutung ist. Damit will man schließlich die Aufenthaltsorte und Identitäten der fünf Anschlagsopfer herausbekommen und die geplanten Morde so verhindern. Für die waghalsige Aktion heuert der US-Geheimdienst den aus Ostberlin stammenden Systemflüchtling Alex Holbeck (Martin Sheen) an, der mittlerweile in Paris einen antikommunistischen Radiosender leitet. Holbeck willigt ein, da er sich von dem Engagement nicht zuletzt ein Wiedersehen mit seiner verflossenen Liebe Karen (Brigitte Fossey) erhofft, die in der DDR als Anwältin einen tapferen Kampf gegen die regierenden Windmühlen kämpft. Die Gegenseite bekommt von Holbecks Einsatz Wind und versucht, des mittlerweile in Berlin-Ost angelangten Amateurspions mithilfe des ebenso systemtreuen wie narzisstischen KGB-Agenten Dimitri Vasilikov (Sam Neill) habhaft zu werden. Wovon weder Holbeck noch Vasilikov etwas ahnen: Die Amerikaner sind längst im Besitz des Enigma-Moduls und kalkulieren die Festsetzung Holbecks, der tatsächlich ausschließlich als Lockvogel fungiert, fest ein…

Jeannot Szwarcs in seiner Gesamtheit schönes Spionagedrama hat mir in mehrerlei Hinsicht sehr gut gefallen, wenngleich – so viel vorweg – sich einige berechtigte Kritikpunkte gewiss nicht ohne Weiteres wegdiskutieren lassen.
Zunächst einmal wird die Atmosphäre des Kalten Kriegs bestens passend zu seiner Nomenklatur gleich in einen kalten, grauen DDR-Dezember versetzt. So und nur so stellt man sich Spionageeinsätze hinter den damals feindlichen Linien vor, was nicht minder für die westlichen Fantasien vom Arbeiter- und Bauernstaat gilt (tatsächlich wurde in Frankreich gedreht, was allerdings bestens durchgeht). Vor dieser Kulisse gibt es ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen den intellektuell ebenbürtigen Duellanten Sheen und Neill, in dem der pro-westliche Überläufer Sheen allerdings stets (und bis zum Finale) eine Nasenlänge voraus ist, eine tiefromantische, involvierende Dreiecksgeschichte, die besonders gegen Ende (gewiss als solche intendierte) Erinnerungen an „Casablanca“ weckt, damit direkt verknüpft ein vorzüglich ausbuchstabiertes Figurenensemble und eine Besetzung auf der Höhe ihrer Kunst.
Auf der anderen Seite nimmt sich die Darstellung des einstigen Ostblocks allgemein und die der DDR im Besonderen extrem undifferenziert aus: Mit dem Moment, in dem Holbeck in Ostberlin anlangt, rutscht man gemeinsam mit ihm in ein von Sonnenlicht übersehenes, förmlich lebensfeindliches, zutiefst faschistisches Loch fauliger Korruption und Boshaftigkeit, das jedweden Anflug von autonomem Denken sofort entdeckt und gnadenlos ahndet. Nicht selten musste ich an ZAZs „Top Secret“ denken (in dem Nebendarsteller Warren Clarke ebenfalls auftritt). Im Gegenzug stellt die sozialistische Hierarchie sich durch ihre diversen Wadenbeißer permanent selbst ein Bein nach dem anderen, weshalb Holbeck sie infolge seiner freigeistigen Cleverness auch stets erfolgreich ausbooten kann. Um diese „Überlegenheit“ darzustellen, wählt das Script allerlei Volten, die zuweilen ins Irreale bis Lächerliche ausarten und „Enigma“ dann wiederum doch eher zu einem Märchenfilm als einem ernstzunehmenden Politthriller formen. Den Gipfel erreicht das Geschehen in einer Szene, in der Holbeck die mittlerweile als zersetzend denunzierte, seedierte Karen im Alleingang aus einer Irrenanstalt befreit und mit ihr entkommt, die halbe Stasi auf den Fersen. Der Schluss wiederum, für den sich speziell diese Episode dann doch wieder als immanent wesentlich erweist, rührt zu Tränen und steht den vorhergehenden Ereignissen geradezu diametral entgegen. Man muss sich also gewissermaßen entscheiden, ob man all die dramaturgischen Übertreibungen des Plots gewillt ist, um der ebenso vorhanden Qualitäten des Films Willen zu übersehen. Ist man dazu bereit, mag man „Enigma“ sehr mögen. Ist man’s nicht, wird man in ihm vielleicht auch vorsätzlich verursachten, groben Unfug ausmachen. Wie so oft gilt: Entscheiden Sie selbst.

8/10

CRITTERS

„We’re here for the crites.“

Critters ~ USA 1986
Directed By: Stephen Herek

Ein paar Crites, höchst gefräßige, kleine Aliens mit einigen gemeinen physischen Eigenschaften, fliehen aus der Quarantäne, kapern ein Raumschiff und setzen Kurs auf die Erde. Ihnen auf den Fersen sind zwei außerirdische Kopfgeldjäger mit der Fähigkeit zur Gestaltwandlung. Die Crites landen schließlich in Kansas, auf der Farm der Browns, wo sie sich zuallererst durch ein paar Rinder fressen. Ausgerechnet Brad (Scott Grimes), der lausbübische Filius der Browns, der ein Herz für allerlei Geschosse und Knallkörper hat, bewahrt den kühlsten Kopf und kann mit der etwas ungestümen Hilfe der beiden mittlerweile aufgetauchten und zu Menschen (Don Keith Opper, Terrence Mann) getunten Weltraumpistoleros (fast) alles zum Guten wenden.

Dieser kleine Evergreen aus der noch aufstrebenden New-Line-Schmiede hat sich nach einer viel zu langen Betrachtungspause wieder zielsicher sein Plätzchen in der mir besonders preziosen Nostalgiekammer meines Filmherzens zurückerobert. Ich weiß noch, dass „Critters“ damals relativ zügig nach seinem Kino- und Videoeinsatz auch im TV ausgestrahlt wurde, was eine Aufzeichnung und damit besonders viele Begegnungen nach sich zog. Warum, das ist noch heute so evident wie vor 33 Jahren: „Critters“ ist ein rundum liebevoll gefertigtes Genrestück, das besonders Kids anspricht, ohne in weichspülerische Spielberg-Sphären abzugleiten. Vielmehr zeigt es genau diesen den weit ausgestreckten Mittelfinger, atmet den Geist ironischer Connaisseure wie John Landis und Joe Dante, versteht sich gewissermaßen als optionaler Appetizer für zukünftige Fans deftiger Erwachsenenunterhaltung und ist damit ebenso witzig wie fies. Regisseur Stephen Herek spielt gekonnt mit diversen popkulturellen Zeitklischees und verarbeitet sie im besten Wissen, dass er deren kommerziellen Horizont ohnehin nie erreichen wird oder könnte. Stattdessen setzt er auf ein tolles Vorzugsensemble; Dee Wallace, M. Emmet Walsh oder Billy Green Bush stellen natürlich klingende Namen, die jedem etwas belichteteren Liebhaber des US-Kinos der siebziger und achtziger Jahre prompt ein wohliges Lächeln auf die Wangen zaubern dürften. Wie die übrigen Darsteller sind sie hier mit viel Spaß und offensichtlich im professionellen Wissen, etwas Bleibendes zu liefern, bei der Sache.
„Critters“ gehört zudem genau zu jenen unerlässlichen Artefakten, aus denen sich die seit einigen Jahren grassierende Retrowelle um „Stranger Things“ und ähnliche Derivate speist, nur dass man hier eben ein waschechtes Original statt Klonkalkül erhält.

8/10

THE MANDALORIAN: SEASON 1

„That’s the way.“

The Mandalorian: Season 1 ~ USA 2019
Directed By: Deborah Chow/Rick Famuyiwa/Dave Filoni/Bryce Dallas Howard/Taika Waititi

Nach dem Fall des Imperiums versucht die Neue Republik, Frieden und Freiheit in der Galaxis zu reetablieren. Doch viele Wegbegleiter ubd Befürworter der alten Ordnung verstecken sich noch in den entlegensten Flecken des Universums, schmieden im Geheimen Pläne und warten auf jede Gelegenheit, den Spieß wieder zu ihren Gunsten umzudrehen. Inmitten dieser unaufgeräumten Verhältnisse arbeitet die „Kopfgeldjäger-Gilde“ unter ihrem Boss Greef Karga (Carl Weathers) für jeden, der sie nur gut genug bezahlt. Als einer der besten unter ihnen gilt „der Mandalorianer“ (Pedro Pascal), ein hervorragend ausgebildeter, permanent behelmter Krieger, der seine Aufträge absolut emotionslos und dafür umso erfolgreicher ausführt. Seine jüngste Mission erhält er von einem auf dem Außenposten Nevarro wartenden Klienten (Werner Herzog), der noch mit dem Imperium in Verbindung steht: Der Mandalorianer, wie sich später herausstellen wird, einst ein Findelkind namens Din Djarin, soll ein kleines, fremdweltliches Wesen aus seiner Gefangenschaft befreien und dem Klienten bringen. Der Auftrag gelingt unter einigen Strapazen, doch als der Mandalorianer feststellt, dass der Klient mit der freundlichen, kleinen Kreatur nichts Gutes im Sinn hat, entscheidet er sich gegen ihn und damit zugleich gegen seinen Ehrenkodex als Kopfgeldjäger. Er flieht mit seinem neuen Schützling und hat einige Abenteuer mit neuen Freunden und Gegnern zu bestehen, bevor er nach Nevarro zurückkehrt und sich seinem weiteren Schicksal stellt.

Nachdem ich bereits dem gedanklichen Entwurf einer Adaption des Konzepts „Star Wars“ an das Serienformat zunächst eher skeptisch gegenüberstand und mich darin auch im Zuge der Betrachtung der ersten drei Episoden bestätigt fand, muss ich nach dem Gesamtgenuss von „The Mandalorian“, der ersten Web-Reihe des neuen Streamingdienstes Disney+ überhaupt, doch einräumen, dass Jon Favreau, der Ersinner des Ganzen, durchaus sehr genau wusste, was er da deichselte. Gut, die episch-pathetischen Partituren von John Williams muss man leider entbehren (und sie fehlten mir angesichts der sonstigen Referenzialität, die „The Mandalorian“ zu großen Teilen ausmacht, recht schmerzlich), dafür tendiert das Serial vor allem in visuellen Bahnen sehr viel mehr zur Ur-Trilogie als alles, was im Kino danach kam. Und nicht nur „Star Wars“ selbst findet sich nostalgisch gebauchpinselt, im Prinzip rauscht – einmal mehr – faktisch das Gros der Genreästhetik der Achtziger am Betrachter vorbei. Die Episodenhaftigkeit, die sich inhaltlich vor allem dergestalt indiziert, dass der Mandalorianer auf der Flucht ist und überlebensnotwendige Credits (= Geld) benötigt, gemahnt derweil an alte Western-Serials, wie auch die vielfach bemühte Staubigkeit der Wüstenszenarios nebst der diversen Shoot-outs (eine Episode heißt gar „The Gunslinger“) wiederum eklatant zu jenem Fach hinüberschielt. „The Mandalorian“ zapft somit vor allem den filmmedialen Grundwortschatz an und speist sich somit primär aus ausgestellter Traditionalität, womit die Serie ja wiederum ganz im Zeichen ihrer ästhetischen Gegenwart steht. Dass es trotz dieser wenig innovativen Blaupausen vor allem im weiteren Verlauf der acht Episoden immer wieder gelingt, wirklich schöne Augenblicke zu generieren, spricht für die zu erwartende Halbwertszeit. Zudem bietet „The Mandalorian“ auch in Bezug auf die vom Franchise ja höchstselbst so emsig kreierte Mythologie ansprechendes fanbait – immerhin taucht man mit den Erläuterungen um das „Volk“ der Mandalorianer, zu denen ja einst auch Nerd-Liebling Boba Fett zählte, sowie der für künftige Staffeln bereits angedeuteten Enträtselung um Yodas (noch namenlose) Rasse in bisher unerforschte Geheimgefilde ein.

8/10

TERMINATOR: DARK FATE

„I won’t be back.“

Terminator: Dark Fate ~ USA/E/HU/CN 2019
Directed By: Tim Miller

Nachdem Sarah Connor (Linda Hamilton) vor einigen Jahren das Schicksal der Menschheit ändern und den „Tag des Jüngsten Gerichts“ zunächst abwenden konnte, verlor sie ihren Sohn John durch einen abermals aus der Zukunft zurückgeschickten T-800 (Arnold Schwarzenegger). Seit jenem schicksalhaften Tag erhält sie verschlüsselte Nachrichten auf ihrem Handy, wann und wo als nächstes eine Maschine aus der Zukunft auftauchen wird und widmet ihre ganze Existenz der gezielten Vernichtung der Terminators. 2020 erscheinen erneut zwei zeitreisende Missionsträger in Mexiko: Der weibliche Cyborg Grace (Mackenzie Davis), eine umfunktionierte Widerstandskämpferin, sowie ein technologisch hochenentwickelter Terminator, der REV-9 (Gabriel Luna). Letzterer hat die Aufgabe, die zukünftige Resistance-Anführerin Dani Ramos (Natalie Reyes) zu töten, Grace indes soll sie beschützen. Natürlich ahnt die noch jugendliche Dani nichts von ihrem Schicksal und wird wie weiland die ebenfalls bald auftauchende Sarah Connor in den Strudel der schwer fassbaren Ereignisse gerissen. Es stellt sich heraus, dass Sarah ihre Messages von jenem T-800 erhält, der einst John ermordete. Dieser hat seitdem eine menschliche Persönlichkeit und ein Gewissen eintwickelt, nennt sich nunmehr „Carl“ und lebt in der Nähe der texanischen Grenze. Zum Quartett angewachsen, stellen sich die Helden gegen den unbesiegtbar scheinenden REV-900.

A bright fate. Dass innerhalb eigentlich auch inhaltlich etablierter Filmreihen Storylines ignoriert und bei geradezu ostentativem Selbstverständnis rebootet werden, ist de facto schon lange nichts Neues mehr. Bereits die „Highlander“-Fortsetzungen ignorierten in den Neunzigern regelmäßig ihre unmittelbaren Vorgänger, innerhalb der „Spider-Man“- und „Halloween“-Serials wurden bereits jeweils zweimal komplette Neuanknüpfungspunkte gesetzt. Dies erweist sich weitaus seltener als sinnstiftender Fan-Service denn als bloße kommerzielle Notwendigkeit, um sich zwecks Komplexitätsreduktion wahlweise intradiegetischen Ballasts zu entledigen oder um neue Zuschauergenerationen zu rekrutieren. Da mit „Dark Fate“ erstmals seit dem von ihm noch selbstinszenierten Erstsequel James Cameron wieder seine Signatur als Produzent zur Verfügung stellte und in diesem Zusammenhang auch Linda Hamilton zurück an Bord kam, wurden beginnend mit „Terminator 3: Rise Of The Machines“ sämtliche Fotsetzungen nebst ihrer Storys beiseite geschoben, um unmittelbar an die in „Terminator 2: Judgment Day“ geschilderten Ereignisse anknüpfen zu können. Die Qualität des weitestgehend belanglosen Resultats profitiert davon nicht in nennenswertem Maße. Der Film verharrt einiger netter Actionsequenzen zum Trotz im vorhersehbar mediokren Genresektor, also im Grunde dort, wo der höchst publikumsverwöhnte Cameron das von ihm selbst zum Multi-Millionen-Dollar-Franchise aufgeblähte, einmalige und unerreichbare Original vor knapp drei Dekaden höchstselbst hinführte. Die „Erfolgsprämisse“, jene schwarze, technophobische Quasi-Dystopie aus der Ära des Kalten Krieges in ein mit unangebrachtem Positivismus, familienfreundlichem Humor und den immergleichen, weil mit garantiertem Wiederekennungwsert selbst für Laien und somit hinlaänglich etablierten Floskeln „angereichertes“ Mainstream-Spektakel zu überführen, greift auch heuer noch. Oder zumindest rechnet man damit, dass siew greift. Daran ändern auch die ins Script eingepflegten, zwar zeitgemäßen, aber natürlich eiskalt kalkulierten Seitenhiebe auf die gegenwärtige Regierungspolitik der USA oder die zwangsläufig immer gläserner werdende Unfreiheit des Individuums kaum etwas. Aus „Skynet“ wird „Legion“, eine K.I. zur Cyber-Kriegsführung, die dereinst auf Knopfdruck alle Lichter ausgehen lassen wird. Der äußerlich gealterte Terminator Arnold ist jetzt noch liebenswerter, sympathischer und humaner als je zuvor und Linda Hamilton eine graubekoppte, zynische alte powerbitch. Die hero(in)e’s four bilden ein Paradebeispiel für zeitgenössische Diversifikation: zu drei Vierteln weiblich, zur Hälfte überreif, mitsamt Latina und körperbehindertem (aber nichtsdestotrotz augenschmeichelndem) Supergirl würden die drei Damen vom Stahlgrill vermutlich auch ohne den letztlich wie immer als Obendrein-Bonus beigesteuerten Schwarzenegger am Ende siegreich reüssiert haben. Der von Gabriel Luna gespielte böse Terminator REV-9 schließlich kann ales, was seine Vorgänger auch konnten und natürlich noch mehr, er ist nämlich in der Lage sein metallenes, schwarzes (!) Endoskelett von seiner Flüssigummantelung zu trennen und damit von zwei Seiten zugleich angreifen zu können. Ansonsten kann er, wie alle anderen Nachfolger auch, dem originalen 84er-Killer hinsichtlich seiner bedrohlichen Unbeiirbarkeit nicht das Wasser reichen. Es bleibt also alles beim Alten beim traditionsreichen Blick in unsere Schredderzukunft und dies ist auch der einzige Grund, sich neue „Terminator“-Filme überhaupt noch anzusehen- die liebgewonnene Sicherheit purer Mittelmäßigkeit und die kaum minder garantierte Gewissheit, sich ohnehin als Teil einer gläsernen Zuschauerschaft zu wähnen.

5/10

ESCORT WEST

„The war is over.“

Escort West (Patrouille westwärts) ~ USA 1959
Directed By: Francis D. Lyon

Kurz nach dem Sezessionskrieg ist der vormalige Konföderierten-Captain Ben Lassiter (Victor Mature) mit seiner kleinen Tochter Abbey (Reba Waters) quer durch Nevada unterwegs gen Westen. Man begegnet einem Kavalleristenregiment, das Beth (Elaine Stewart) und Martha Drury (Faith Domergue), zwei Schwestern von der Ostküste, in die selbe Richtung eskortiert. Beth ist mit dem Offizier Poole (William Ching) verlobt, zu dem sie gebracht werden soll. Zeitgleich treibt eine Gruppe marodierender Modocs unter dem Renegaten Tago (X Brands) ihr Unwesen in der Region. Während Poole und seine Leute bereits von den Indianern eingekesselt sind, werden auch die die Schwestern geleitenden Soldaten überfallen und aufgerieben. Lassiter nimmt sich der beiden überlebenden Frauen und des alten Scouts Walker (Rex Ingram) an. Während Beth sogleich Sympathien für den Ex-Rebellen entwickelt, lässt Martha, die ihren Mann während des Krieges verloren hat, ihn ihren ganzen Hass spüren. Zwei weitere überlebende Kavalleristen (Leo Gordon, Ken Curtis) interessieren sich derweil vornehmlich für die ebenfalls in Sicherheit gebrachte Regimentskasse…

Ein sehr schöner, wenngleich sehr kurz geratener Scope-Western ist dem vornehmlich im B-Film-Sektor tätigen Regisseur Francis D. Lyon mit „Escort West“ geglückt. Das Script schützt ein klassisches Genreszenario mit nicht mit minder klassisch angelegten Genrefiguren vor, das ganz bewusst gegen einige mehr oder weniger etablierte Klischees angeht: Im Mittelpunkt steht der mit allen Wassern gewaschene Südstaatler Lassiter, dem die ganze Sympathie der Geschichte gehört. Lassiter ist natürlich ein mit allen Wassern gewaschener Profi, der sich rührend-liebevoll um seine zehnjährige Tochter kümmert. Ihre Frau und Mutter ist offenbar ein Opfer des Krieges geworden, weshalb man die verbrannte Erde im Osten gemeinsam verlässt. Dennoch hat Lassiter jedweden (berechtigten) Hass gegen die Menschheit abgelegt – im Gegensatz zu den Unionisten, die ihm mit weiterhin Aggression und Häme begegnen. Seinen eigentlichen Konterpart findet Lassiter allerdings in der ebenfalls verwitweten Nordstaatlerin Martha Drury, einer hasserfüllten, verhärmten Frau, die auf Lassiter ihren gesamten (Über-)Lebenszorn projiziert. Überhaupt genießt „Escort West“ seine Aushebelungen und ironischen Verkehrungen – während Lassiter alles daran setzt, den wiederum alles Vergangene vergebenden, ihm freundschaftlich zugetanen, farbigen Walker zu retten, besteht Martha darauf, den verletzten Scout zurückzulassen, da dieser sie nur aufhalte. Selbst die natives stehen in keinem grundsätzlich negativen Licht da: Tago und seine Leute sind lediglich ordinäre Verbrecher, die ihrem Stamm entsagt haben und auf eigene Faust morden und brandschatzen. In eigentlich anachronistischen, dafür umso eindrucksvoller genutzten Schwarzweißbildern lässt Lyon seine vorzügliches Ensemble – neben Victor Mature (mit jedem weiteren Film, den ich mit ihm genießen darf, ohnehin zunehmend einer meiner Lieblingsschauspieler) sind auch einige Ford-Usuals darunter, durch seine Außensets. Auch die biestige Faith Domergue ist toll, während Elaine Stewart und ihr Verhältnis zu Mature eher blass bleiben. Hier wäre ein wenig mehr Schürung emotionaler Brandentfachung sicher nützlich gewesen, doch der Film, dem ein paar Minuten mehr durchaus gut getan hätten, begnügt sich eben mit seiner wie knapp bemessenen Erzählzeit, in der er dann doch alles Wesentliche berichten kann.

8/10

SAFARI

„Memsahib be careful! Bwana no longer dumbhead!“

Safari (König der Safari) ~ UK/USA 1956
Directed By: Terence Young

Kenia, während der Mau-Mau-Aufstände: Der landeskundige Amerikaner Ken Duffield (Victor Mature) leitet trotz der Unruhen weiterhin Safaris für reiche Weiße. Während einer seiner Touren ins Landesinnere wird Duffields Farm überfallen. Sein Hausangestellter Jeroge (Earl Cameron) entpuppt sich als Mau-Mau-Offizier und ermordet kaltblütig Duffields kleinen Sohn Kenny (Christopher Warbey). Als Duffield davon erfährt, schwört er blutige Rache an Jeroge, wird jedoch von der Polizei in seinem aufgebrachten Tatendurst gebremst. Da kommt ihm der Zufall zuhilfe: Der reiche Engländer Sir Vincent Brampton (Roland Culver) will Duffield unbedingt als Führer für eine Löwenjagd, was diesem wiederum die Chance eröffnet, näher an den sich versteckenden Jeroge heranzukommen. Begleitet wird Brampton von seinem Faktotum Sinden (John Justin) und seiner Verlobten, dem Showgirl Linda (Janet Leigh), die bald ein Auge auf Duffield wirft…

66 Jahre nach seiner Entstehung lässt sich Terence Youngs „Safari“ nurmehr als einen Film „mit G’schmäckle“ konsumieren. Gewiss, er verfügt über all die Attribute, die man am klassischen Abenteuerkino so sehr schätzt: Zwei liebenswerte Hollywood-Stars in Hochform, ausladende, bunte CinemaScope-Bilder, schickes on-location-shooting nebst allerlei exotischem Wildgetier, wilde Romantik, sorglosen Umgang mit Alkohol und einen stark angefilzten Humor. Gleich die Anfangssequenz weist jedoch die ideologische Richtung des Films: Ein prächtiger Elefantenbulle wird per Kopfschuss erlegt. Kolonialistische Arroganz und Sorglosigkeit setzen sich dann stetig fort, sei es im Transport der stereotypen Rollenbilder oder im nicht minder latenten Rassismus. Janet Leigh verfällt als dralles, amerikanisches Blondchen natürlich umgehend dem kernigen Testosteroncharme Victor Matures (in den Fünfzigern mehrfach unter Young im Einsatz), der wiederum als Amerikaner vor Ort eine heroisch-imperialistische Exklusivposition einnimmt. Die beiden beteiligten Briten sind ein dekadenter, eitler Fatzke (Culver), der der Ortsfremdheit insgeheim mit unmäßigem Pillenkonsum beizukommen versucht und sein unterfuchtelter, duckmäuseriger Adlatus (Justin), dem es zum Glück mit Duffields Hilfe gelingt, sich mehr und mehr zu emanzipieren. Dem stets gern gesehenen John Justin ist es dann auch vergönnt, den interessantesten Charakter des Films darzubieten. Die Eingeborenen derweil sind wahlweise, im sympathischen Falle, lustige, laute, herzensgute Gesellen, die gern singen, Musik machen, ihre Unbildung zur Schau stellen und den Weißen den Arsch nachtragen, oder, in der Rolle als antiimperialistische Rebellen, blutrünstige Kindermörder und Fanatiker, die berechtigterweise in hoher Quantität als Kanonenfutter enden dürfen. Dazu gibt es als comic relief den debil lachenden, sansibarischen Knaben Odongo (Juma), der am Ende immerhin den Tag retten darf. Käme noch ein schlecht als Gorilla kostümierter Statist vor, könnte man „Safari“ als Exploiter insgesamt weniger ernst nehmen, so jedoch muss er sich als formal patent gestaltete, gelackte A-Produktion die gewiss nicht allein revisionistisch zu formulierende Kritik gefallen lassen, ein unangenehm tradiertes Weltbild zu transportieren.
Dennoch muss ichletzten Endes zugeben, mich aufgrund eingangs genannter Attribute trotz aller Unbill nett unterhalten zu haben. Gut, dass man das Ding heuer wohlwollend als gesinnungsbezogen unseriöses Zeitdokument ablegen kann.

6/10

MORT D’UN POURRI

Zitat entfällt.

Mort D’Un Pourri (Der Fall Serrano) ~ F 1977
Directed By: Georges Lautner

Eines frühen Morgens erhält der betuchte Manager Xavier Maréchal (Alain Delon) überraschend einen Besuch seines besten Freundes, des Abgeordneten Philippe Dubaye (Maurice Ronet). Dieser gesteht Xavier, ein paar Stunden zuvor seinen Kollegen Serrano (Charles Moulin) erschlagen zu haben. Serrano war im Besitz einer Akte voller kompromittierender Informationen über diverse Personen des Öffentlichen Lebens bis hin in höchste Staatsämter, darunter auch über Philippe, der Xavier gesteht, die Akte entwendet und bei seiner Freundin Valérie (Ornella Muti) versteckt zu haben. Als kurz darauf auch Philippe getötet wird, will Xavier, der sich kurz zuvor selbst in den Besitz der Akte gebracht hat, unbedingt herausfinden, wer hinter dem Mord steckt. Dieser Stich ins Wespennest sorgt dafür, dass sich Xavier umgehend von diversen Interessengruppen, darunter die Polizei und eine Art Freimaurerloge, belagert findet, die allesamt die Akte Serrano haben wollen. Während immer weitere Menschen aus seinem Umfeld Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, wächst der Druck auf Philippe, bis er endgültig mit dem Rücken zur Wand steht…

Lautners und Delons in Ehren gescheiterter Versuch, der 1977 bereits stattlich angewachsenen Gruppe systemkritischer, linker französischer Politthriller um einen gemeinsamen Genreentwurf zu bereichern. Als ordinärer Kriminalfilm bleibt „Mort D’Un Pourri“ allzu gleichmütig und entschleunigt, als politisches Statement zu verwaschen. Nie erfährt man wirklich, wer oder was genau sich hinter mysteriösen Figuren wie dem reichen Fondari (Julien Guiomar) oder dem larmoyanten Ausländer Tomski (Klaus Kinski) verbirgt, oder welches konkrete Interesse sie an der als MacGuffin fungierenden Serrano-Akte haben, deren Inhalt wiederum ominös bleibt: „Ein Album der Korruption, eine Chronologie der Verfilzung“ soll sie sein. Dem Rezipienten wird ein hohes Maß an reger Phantasie zugemutet, was es entsprechend schwer macht, der sich so gewichtig gebenden Geschichte zu folgen. Maréchal, einen etwas öligen Bourgeois erster Klasse, ist man gezwungen, trotz seiner verwaschenen Agenda als Sympathie- und Identifikationscharakter in Kauf zu nehmen, wirklich sympathisch wird er einem jedoch nie. Die diversen Anschläge und inszenierten Autounfälle, die den zunehmend an ostentativer Gleichgültigkeit krankenden Volten innerhalb des Plots etwas Aktion verleihen sollen, überlebt er samt und sonders ohne weitere Blessuren und selbst die insgeheim wachsende Hoffnung, dass seine mächtigen Gegner am Ende doch noch die Überhand gewinnen, zerschlägt sich schließlich. Was „Mort D’Un Poulle“ schlussendlich dann doch noch potenziell sehenswert macht, sind Lokal- und Zeitkolorit des Paris der Spätsiebziger, die charmanten Verweise auf Delons und Ronets frühere Kollaborationen, die vortreffliche Besetzung und Philippe Sardes jazzige Musik. Eine spannendere, konkretere und vor allem involvierendere Geschichte – und somit Herz und Motor – bleibt der Film jedoch schuldig.

6/10

LIBERI ARMATI PERICOLOSI

Zitat entfällt.

Liberi Armati Pericolosi (Bewaffnet und gefährlich) ~ I 1976
Directed By: Romolo Guerrieri

Ein etwas gestresster Mailänder Commissario (Tomas Milian) erfährt von der verzweifelten jungen Lea (Eleonora Giorgi), dass ihr Freund Luigi (Max Delys) gemeinsam mit seinen beiden besten Kumpels Mario (Stefano Patrizi), genannt „Blondie“ und Giovanni (Benjamin Lev), genannt „Joe“, plant, eine Tankstelle zu überfallen und auszurauben – mit Spielzeugpistolen. Die Waffen erweisen sich jedoch als höchst echt und der kurzerhand anberaumte Polizeieinsatz als Fiasko mit Toten. Für das juvenile Trio bedeutet dies lediglich den Beginn einer Amokfahrt quer durch die Stadt und die umliegende Provinz, in deren Zuge noch viele Opfer zu beklagen sein werden. Vor allem Blondie und Joe erweisen sich im Laufe der sich überschlagenden Ereignisse als immer gewaltaffineres Soziopathenduo, dem gegenüber Luigi nicht den Mut findet, sich von ihm loszusagen…

Und noch ein Thrillerdrama italienischer Provenienz rund um ein paar junge, delinquente Gewaltverbrecher auf großer Amoktour, den anderen anverwandten, just genossenen Genrevertretern in keiner Weise nachstehend. Im Vergleich zu Petrinis ein Jahr später entstandenem und von dem vorliegenden Werk fraglos stark beeinflussten „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ entfällt der unmittelbare Sleazefaktor in diesem von Fernando Di Leo ersonnenen Katz-und-Maus-Spiel weitgehend und es verzichtet zugunsten seiner zum Scheitern verurteilten Fluchtgeschichte nebst einer Vielzahl wechselnder Schauplätze auf die räumliche Geschlossenheit eines hermetischen Kidnapping-Szenarios. Stattdessen verheddern sich die drei jungen, wiederum aus bourgeoisem Hause stammenden Männer immer weiter in ihrer einmal losgetretenen Gewaltspirale, die im Laufe ihrer Reise, zu deren Partizipation sie irgendwann auch die eigentlich unbeteiligte Lea (auf die der emotional schwer gestörte Mario offenbar ein Auge geworfen hat) zwingen, beinahe grotesk eskaliert – unter anderem erschießen sie im Zuge eines gemeinsam geplanten Überfalls auf einen Supermarkt kurzerhand die Handvoll weiterer beteiligter Freunde, die ihnen offenbar schon seit Längerem Dornen im Auge sind. Später müssen neben diversen poliziotti unter anderem noch zwei unkooperative Dokumentenfälscher (Salvatore Billa, Carmelo Reale) oder ein überrumpelter deutscher Camper (Peter Berling) nebst seinem Filius (n.n.) dran glauben.
Vergleichsweise ungewöhnlich und dabei ein ebenso rarer wie schöner Indikator für dessen mimische Wandlungsfähigkeit bildet der Einsatz Tomas Milians, der hier einmal nicht als greller Gangster oder wilder Strickmützen-Bulle überagieren muss, sondern seinen (namenlos bleibenden) Kriminalen zurückhaltend und, ordentlich bezwirnt, gediegen interpretiert. Sorgenvoll mahlen seine Kiefer, wenn er von den neuesten Schandtaten der Gewaltverbrecher erfahren muss. Einmal hält er den versammelten Erziehungsberechtigten (u.a. Venantino Venantini) des trio infernale sogar eine harte Standpauke über verhängnisvolle Vernachlässigung und versemmelte Pädagogik, deren furchtbares Resultat Milano nunmehr mit einer Blutspur überzieht und für die der Kommissar den Alten die direkte moralische Verantwortung auferlegt.

8/10