BLACK ’47

„Beauty would be held in much higher regard, Sir, if it could be eaten.“

Black ’47 ~ IE/LU 2018
Directed By: Lance Daly

Irland, 1847. Während der großen Hungersnot kehrt der Militärveteran und Deserteur Martin Feeney (James Frecheville) nach Hause zurück und findet Mutter und Bruder tot vor. Nur seine Schwägerin Ellie (Sarah Greene) trotzt mit ihren Kindern noch verzweifelt dem Hungertod. Feeney, der plant, mit dem Rest seiner Familie nach Amerika zu emigrieren, bringt Ellie und deren Sprösslinge in eine der noch stehenden Hausbaracken unter, doch einige Lakaien des hiesigen Großgrundbesitzers Kilmichael (Jim Broadbent) verweigern ihnen unter Berufung auf die geltende Rechtslage den dortigen Aufenthalt. Beim anschließenden Scharmützel gerät die Ruine in Brand, Feeney wird gefangen genommen und weggebracht und sein Neffe getötet. Nachdem es ihm gelingt, sich zu befreien, hat Feeney auch Ellie und seine kleine Nichte zu beklagen, die unterdessen vor Kälte und Erschöpfung gestorben sind. Feeney begibt sich auf einen beispiellosen Rachefeldzug gegen sämtliche Verantwortlichen, derweil die Polizei ihm nachstellt: Eine kleine Abordnung um den arroganten Karrieristen Pope (Freddie Fox), den jungen Hobson (Barry Keoghan), Feeneys früheren Soldatenfreund Hannah (Hugo Weaving), der durch seine Bezeiligung an der Jagd der Aussetzung der eigenen Todesstrafe entgegensieht sowie dem gewitzten Tagedieb Conneely (Stephen Rea) begibt sich auf Feeneys blutige Spur, bekommt ihn jedoch nicht zu fassen, bis dieser schließlich Kilmichaels persönlich habhaft werden kann.

Es gibt australische, japanische, sogar einen österreichischen Western. Warum also nicht auch einmal einen irischen? Just einen solchen legt der landeseigene Filmemacher Lance Daly mit „Black ’47“ vor, dessen Titel sich auf das schlimmste Jahr der infolge von Kartoffel-Missernten grassierenden Hungersnot bezieht. Inmitten dieses historischen Katastrophen-Zustands versetzen Daly und sein Coautor P.J. Dillon ihre gleichermaßen reduzierte wie verschärfte „Michael- Kohlhaas“-Variation: Am persönlichen Verderben des Titelhelden, den den gesamten Film über ein nahezu gespenstisch-mystischer Hauch des biblischen Racheengels umweht, tragen einmal mehr der fette Geldadel und seine übervorteilende Gier Schuld, die das kleine Gemeinvolk unter ihren hochglänzenden Stiefeln zertreten. Dass es sich dabei in diesem Falle zudem um die verhassten Besatzer von der englischen Nachbarinsel und deren einheimische Abschöpfer handelt, überträgt dem wütenden Martin Feeney noch eine weitere Dimension des gerechtfertigten Hasses, die ihn als eine Art frühen IRA-Partisanen agieren lässt. Daly verleiht dem grausamen Zustand der Hungersnot mitsamt all ihren fürchterlichen humanitären Folgen die gräuliche Visualisierung postapokalyptischer Desolation: Das spätherbstliche Wetter ist grau und dürr und lässt die zerklüftete, karge und zeitweise unfruchtbare Landschaft nur noch lebensfeindlicher erscheinen. In diesen Zeiten heißt es nurmehr „Flucht oder Tod“, vermutlich auch der Grund, warum Feeney, über den wir später erfahren werden, dass er ein brillanter Soldat ist, der Hannah sogar einst das Leben gerettet hatte, seinen Einsatz für die Krone im fernen Afghanistan aufgegeben hat und zu seiner darbenden Familie zurückgekehrt ist. Doch in der Heimat begegnen ihm nurmehr Tod und noch mehr Verzweiflung, denen er mit dem Zorn des Guerillakämpfers begegnet.
„Black ’47“ hat dabei etwas Mühe, sich eindeutig zu einem Genre zu bekennen und setzt sich geflissentlich unsicher zwischen die Stühle. Für einen harten Veteranen- und Selbstjustiz-Actionfilm mit Vergeltungsthematik vor historischem Setting, der charakterliche Züge der „Rambo“-Filme oder der diversen „Punisher“-Inkarnationen trägt, ist er allzu gemächlich und zurückhaltend inszeniert; für ein intimes Ensemble-Drama indes sind seine Grundstimmung zu ruppig und seine Aggressionsfurchen zu tief.
Dennoch lohnt der Blick, schon allein im Hinblick auf die interessante, ungewöhnliche Melange des Films aus zeit- und kinohistorischem Abriss.

7/10

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DIE JÄGER

„Ein herzliches Waidmanns Dank.“

Die Jäger ~ BRD 1982
Directed By: Károly Makk

Der wohlhabende Diplomat Stephan Mathiesen (Mel Ferrer) reist mit seiner jungen Frau Daniela (Barbara Sukowa) auf ein kleines Jagdschloss jenseits des Eisernen Vorhangs in der herbstlichen Tatra, um dort ein paar Tage lang der waidmännischen Passion osteuropäischer Jagdtradition zu frönen. Besonders Bären haben es dem arrivierten Mathiesen als nervenkitzelnde Beute angetan. Erst nach und nach bemerkt Mathiesen, dass Daniela und der Jagdführer Boris (Helmut Berger) sich offensichtlich von früher kennen und ein unheiliges Geheimnis teilen, das auch den Verwaltern des Chalais (Karin Baal, Jozef Kroner) nachhaltiges Kopfzerbrechen bereitet…

Produziert von Dieter Geissler und inszeniert und geschrieben von dem ungarischen Filmemacher Károly Makk kam 1982 dieses behäbige Äquivalent zu einem Kitschroman in die bundesdeutschen Kinos. Zu bieder für ein ausgesprochenes Stück Kolportage reizt nunmehr lediglich die illustre Besetzung zu einer revisionistischen Beschau des zwischen Wildromanze und konsalikscher Dramaturgie eingerichteten Stücks, in dem, offensichtlich im Zuge einer echten Jagdsaison vor Ort, etliche kleine und größere Tiere abgeknallt werden in Bildern, die dem passionierten westdeutschen Nimrod anno dunnemals vermutlich die Freudentränen kullern ließen – und nicht nur diese.
Die zur Aufpeppung der gleichförmig-trägen Narration immer wieder bemühte On/Off-Affäre zwischen Berger und Sukowa, zu der standesgemäß auch ein lauwarmes  Techtelmechtel inmitten weißer Felle in einer abgelegenen Hütte gehört, lockt da wenig, zumal dem Zuschauer recht bald egal ist, wie das Dreieck der unseligen Lüste nun enden mag. Um meinen Beitrag auf Länge zu bringen, verrate ich’s trotzdem: Die Sukowa dreht durch, nachdem Berger sie mit ihrem gemeinsamen, alten Geheimnis (er hat sie einst per Meineid vor Gericht gedeckt, nachdem sie ihren grobschlächtigen, ersten Ehemann im Zuge eines angeblichen „Jagdunfalls“ erschossen hatte) erpresst, damit sie wieder zu ihm zurückkehrt und knallt nunmehr auch ihn ab. Danach ist sie reif für die Klappse und der sich über den gesamten Film ignorant gebende Ferrer steht mit einem Nervenwrack da. Hätte er nur zuvor auf sie gehört und wäre flugs wieder mit ihr abgereist – die ganze Unbill wäre ihm und ihr erspart geblieben. Gisela Hahn ist noch toll als versoffene, Ketten rauchende und um koitale Gefälligkeiten bettelnde Establishment-Schlampe und eigentlich das Beste am ganzen Film. Roland Baumgartners Musik wäre derweil dazu angetan, eine zeitgenössische „Traumschiff“-Folge zu veredeln, sonst gibt’s wie gesagt nicht viel zu holen. Für Komplettisten und Masochisten.

4/10

SEVERANCE

„Are you still tripping?“

Severance ~ UK/D/HU 2006
Directed By: Christopher Smith

Eine siebenköpfige Gruppe der englischen Rüstungsfirma „Palisade Defence“ befindet sich auf dem Weg zu einer Teambildungsmaßnahme im ruralen Osteuropa. Statt in der als „luxuriös ausgestattet“ angekündigten Jagdhütte landet das Septett jedoch, nachdem der unwirsche Busfahrer (Sándor Boros) es mitten im Wald aussetzt, in einem abbruchreifen Gebäude unbekannter Provenienz. Bald wird auch dem letzten der Angestellten klar, dass sie nicht allein in der Gegend sind; vielmehr scheinen ein paar durchgedrehte, vetsteckt in der Gegend hausende Bürgerkriegsverbrecher größtes Interesse daran zu haben, dass ihr Überleben weiterhin geheim bleibt und knöpfen sich daher die überrumpelten Damen und Herren vor.

Christopher Smiths angenehm satirisch aufgezogene Splattergroteske tanzt gleich auf mehreren thematischen Hochzeiten und dies glücklicherweise weitgehend behende. Dabei muss man allerdings anmerken, dass das erste Drittel des Films, in dem die Firmenmitarbeiter mit all ihren bewusst einschlägige Klischees echoenden Charakteristika vorgestellt werden, zugleich den gelungensten Part des Films darstellt: Abteilungsleiter Richard (Tim McInnerny) hätte gern ein wesentliches autoritäreres Auftreten, wird von den Übrigen jedoch insgeheim bloß belächelt. Seine Nemesis ist der smarte Harris (Toby Stephens), ein kerniger Zyniker, der Richard allzeit spüren lässt, für was für ein Weichei er ihn hält. Auf die hübsche, anorexische Maggie (Laura Harris) sind sämtliche Männer der Gruppe scharf, obschon keiner von ihnen bei ihr landet. Die andere Dame der lustigen Equipe, die alternativ angehauchte, tierliebende Jill (Claudie Blakeley), könnte gar nichts Falscheres machen als für einen Waffenproduzenten zu arbeiten. Der etwas nervöse Gordon (Andy Nyman) ist Richards einziger echter Untergebener und tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste, derweil der rauschaffine Steve (Danny Dyer) sich zuallererst einmal folgenreich an einer Portion halluzinogener Pilze delektiert. Billy (Babou Ceesay), der Quotenfarbige, ist zugleich der Sympathischste und Vernünftigste im Team, der als Einziger den Überblick wahrt. Hinreichend Kanonenfutter also für die zahlreich vertretenen, blutrünstigen Veteranen, die sich über alles und jeden freuen, an denen sie ihre Kriegstraumata abreagieren können. Unnötig zu erwähnen, dass lediglich zwei der TeilnehmerInnen am Ende halbwegs ungeschoren davon kommen, zusammen mit zwei einheimischen Callgirls (Julianna Drajkó, Judit Viktor), die noch eher zufällig ins Geschehen gemischt werden.
Dass man sich besser nicht unbedarft hinter den nunmehr unsichtbaren, aber doch noch kopfpräsenten Eisernen Vorhang begeben sollte, weiß zumindest der Freund deftigerer Genrediät nicht erst seit Eli Roths „Hostel“-Filmen, „Ils“ oder dem später entstandenen „The Seasoning House“. Seien es machtvolle Verbrechersyndikate, pervertierte Oligarchen oder einfach nur desaströse humane Relikte der krisengeschüttelten, letzten Jahrzehnte: Mit der im Schatten florierenden Blutrunst der (Süd-)Ost(block)europäer ist, jene Erkenntnis lässt sich aus obigen medialsozialen Erfahrungen destillieren, garantiert nicht gut Kirschenessen. Auch „Severance“ greift dieses bärbeißig-lustige Westklischee abermals auf und spielt es mit einem genüsslichen Augenzwinkern aus.
Als weniger treffend empfand ich die auf die Waffenindustrie anspielende Satiredimension – dass ausgerechnet die Repräsentanten eines moralisch ohnehin letztklassigen Rüstungsunternehmens zu Opfern der eigenen Produkte werden, erscheint dann doch als eine etwas allzu offensichtlich gezogene Äquivalenz. Ebenso wäre zu bemäkeln, dass der erfrischend komische Tonus vom Beginn von „Severance“ zum Ende hin zugunsten hinlänglich bekannter Slasher- und Manhunt-Strukturen bis auf wenige Blitzlichter nahezu völlig mit Füßen getreten wird. Hier wäre gewiss mehr drin gewesen. Dennoch ein alles in allem überaus spaßiges Unterfangen.

7/10

DEN 12. MANN

„Mir geht niemand durch die Lappen.“

Den 12. Mann (The 12th Man – Kampf ums Überleben) ~ NO 2017
Directed By: Harald Zwart

Norwegen, März 1943. Im Zuge der „Operation Martin Red“, die die gezielten Sprengungen mehrerer militärisch bedeutsamer Ziele der deutschen Besatzer umfasst, landen zwölf in England zu Saboteuren ausgebildete, einheimische Widerstandskämpfer der „Company Linge“ in der Nähe von Tromsø, wo sie bereits von Gestapo und SS in Empfang und in Haft genommen werden. Nur einem von ihnen, Jan Baalsrud (Thomas Gullestad), gelingt die Flucht in den vereisten Fjord. Die übrigen werden gefoltert und exekutiert. Baalsruds einzige Chance besteht darin, die Grenze zum neutralen Schweden zu erreichen. Eine zweimonatige Odyssee, die ihn an die äußersten Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit treiben wird, liegt vor ihm.

Die entbehrungsreiche Flucht Jan Baalsruds, den die Geschichtsschreibung längst zu einem der skandinavischen Helden der Résistance erklärt hat, basiert auf authentischen Geschehnissen, die Harald Zwarts Film unter der Prämisse, dass „die folgenden Ereignisse, so unglaublich sie auch scheinen mögen, sich so zugetragen haben“ nachzeichnet. Wenngleich Baalsrud immer wieder die unterstützende Hilfe der Einheimischen in Anspruch nehmen kann, hängt der Löwenanteil seines Überlebens dennoch von der eigenen Willenskraft und Zähigkeit ab, die ihn diverse Leiden überstehen lassen. Immer wieder entkommt Baalsrud der SS, in vorderster Front seinem (ebenfalls norwegischen) verbissenen Hauptverfolger Kurt Stage (Jonathan Rhys Meyers) nur ganz knapp oder infolge oftmals obskurer Zufälle, die manchmal auch aus dem bloßen Hochmut des stolzen Nazis heraus erwachsen. Dennoch gleicht Baalsruds Pfad einer Passionsgeschichte: Er gerät in eine (von seiner Verfolgern ausgelöste) Lawine, muss Knochenbrüche, Erfrierungen, Schneeblindheit, Fieber und Wundbrand ertragen und ist schließlich gezwungen, sich selbst die Zehen zu amputieren um nicht seine Beine zu verlieren. Nicht nur die den Okkupanten fast durchweg feindlich gesinnte Zivilbevölkerung unterstützt ihn, sondern, kurz vor dem Ziel noch eine Gruppe Samen und sogar ein kluges Rentier.
Zwart zieht, was ihm wohl auch mehrfach zur Kritik gereichte, diese spektakuläre Geschichte als Überlebensabenteuer auf, vor dem der historische Hintergrund oftmals sich zur im Prinzip austauschbaren Beliebigkeit degradiert findet. Die Nazis werden durchweg als jene unmenschlichen Klischeebestien gezeichnet, die ja in der (genre-)spielfilmischen Parallel-Geschichtsschreibung seit eh und je greift und sind vor allem als größenteils diffuse, äußere Bedrohung im Hintergrund präsent, so dass „Den 12. Mann“ häufig mehr als Actionfilm denn als akkurate historische Aufarbeitungslektion zu rezipieren ist.
Auch wenn nun Zwarts Film gewiss nicht frei von Schwächen unds Unebenheiten ist, gibt es doch an mancherlei Tatsachen, so meine ich, wenig zu rütteln: „Den 12. Mann“ besorgt den Abriss des zunehmend persönlich gefärbten Hergangs einer ganz individuellen Widerstandsaktion und hat trotz seiner ausgedehnten Spielzeit überhaupt nicht die Aufgabe, fanatischen SS-Offizieren ein differenziertes Persönlichkeitsbild zu verschaffen – warum auch? Es geht nicht um verschissene Nazis, sondern um den Widerständler Jan Baalsrud und um die ohnehin im Falle jedes einzelnen kleinen oder großen Rebellen gegen das Deutsche Reich unabdingbar wichtige Tatsache, seine spezifische Geschichte populärer zu machen und ihm, obschon mit den evidenten Mitteln des Unterhaltungsmediums, ein verdientes Denkmal zu setzen. Diese Mission erfüllt „Den 12. Mann“ hinreichend zuverlässig.

7/10

VIVRE POUR SURVIVRE

Zitat entfällt.

Vivre Pour Survivre (White Fire – Der Todesdiamant) ~ F/TR/UK 1984
Directed By: Jean-Marie Pallardy

Nachdem Bo (Robert Ginty) und Ingrid Donnelly (Belinda Mayne) als kleine Kinder den gewaltsamen Tod ihrer Eltern mit ansehen müssen, nimmt sie der Partisan Sam (Jess Hahn) unter seine wohlmeinenden Fittiche. Zwanzig Jahre später arbeiten sie noch immer für ihren liebevollen Ersatzvater und stehlen in der Gegend um Istanbul vornehmlich Diamanten aus der Mine des skrupellosen Olaf (Gordon Mitchell), mit dem im Entdeckungsfalle wenig gut Kirschen essen ist und der ein schmieriges Auge auf Ingrid geworfen hat. Doch auch das italienische Ganovenpaar Sophia (Mirella Banti) und Barbossa (Benito Stefanelli) interessiert sich übermäßig für die Klunkern und wird daher zu erbitterten Rivalen der Geschwister. Einer von Olafs Arbeitern findet derweil in einer freigelegten Höhle den legendären „White Fire“, einen riesigen, lumineszierenden Diamanten, von dem allerdings auch eine tödliche Strahlung ausgeht und hinter dem urplötzlich alle her sind.
Als Ingrid von den Italienern im Zuge einer Racheaktion umgebracht wird, ist Bo am Boden zerstört. Bei der Ex-Prostituierten (?) Olga (Diana Goodman) findet er dann vorübergehenden Trost. Dem alten Sam fällt prompt die verblüffende Ähnlichkeit Olgas mit Ingrid auf und er entwickelt die grandiose Idee, Olga von einer mysteriösen, lesbischen (?) Chirurgin (n.n.) endgültig in Ingrids Ebenbild verwandeln zu lassen, wozu Olga denn auch prompt bereit ist, denn sie hat sich längst unsterblich in Bo verliebt. Dummerweise ist ihr zugleich ihr früherer Arbeitgeber Noah Barclay (Fred Williamson) mit seinen Vasallen auf den Fersen und bildet eine vierte Interessenspartei. Olga nimmt derweil Ingrids Identität (Belinda Mayne) an und verwirrt alle, die glaubten, sie sei tot. Im Abbaugebiet von Olaf kommt es schließlich zur finalen Schlacht um den White Fire und auch um Olga/Ingrid II.

„Vivre Pour Survivre“ ist ein schier unglaubliches, unikales, apokryphes Stück Film aus den seligen Achtzigern, dessen Wiederentdeckung (und, was noch schöner wäre, qualitativ adäquate Digitalisierung) einer Menge geneigter Cinephiler ganz gewiss große Freude bereitete. Bei der Betrachtung dieses völlig wahnwitzigen Stücks exaltierter Loslösung von allem Räsonablen musste ich mich jedenfalls permanent der sicheren Bodenhaftung versichern, so gänzlich abgefuckt ist diese Preziose. Bereits die oben abgerissene Synopse sollte einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, was der vormalige Pornofilmer und Ex-Dressman Jean-Marie Pallardy, mutmaßlich entweder komplett vom wilden Affen gebissen oder ein heimliches Genie, da in geistiger Alleinarbeit vom Stapel gelassen hat. Mit offenbar vornehmlich türkischer Finanzierung drehte Pallardy seinen enzigartigen Exploiter am und um den Bosporus, wofür die ständige, penible Abfilmung der Hagia Sophia ebenso garantiert wie die Besetzung ausnahmslos sämtlicher bit parts mit schnauzbärtigen Repräsentanten der lokalen Laiendarstellergewerkschaft. Dazwischen tummeln sich der ebenso unablässig wie meist unpassend eingespielte „Titelsong“, Robert Ginty, der sich zu jener Zeit ja immer mal wieder Gast im internationalen Filmgeschäft blicken ließ, (der wie immer bestens aufgelegte) Fred „The Hammer“ Williamson, bis heute ebenfalls cineastischer Kosmopolit, der bereits über sechzigjährige Gordon Mitchell und die wohlgeformte, den schattigeren Seiten des Kinos ebenfalls stets zugeneigte Londonerin Belinda Mayne.
Nicht nur dieser illustren Besetzung wegen ist „Vivre Pour Survivre“ allerdings eine Schau; es gibt wohltemperierte, splattrige Gewaltspitzen, so unter anderem eine bereits legendäre Szene gleich im ersten Viertel, in der die wehrhaften Geschwister ihren Widersachern mit Kettensäge und Enterhaken zu Leibe rücken, Belinda Mayne bekam eine ausgiebige Nacktszene am Swimming-Pool und Olaf (Mitchell) nebst seinen henchmen erhielten ihre lustig ausschauenden Kostüme fraglos allesamt aus dem Verbleibsfundus deine der diversen italienischen „Star-Wars“-Rip-Offs.
Doch markiert all das noch nichteinmal der Gipfel der bereitwillig-ostentativ ausgestellten Absurdität; Pallardy entblödet sich nicht, eine unverhohlene Inzestromanze als emotionalen Hauptmotivator für den Aktionismus seines Protagonisten zu installieren. Daraus, dass Bo Donnelly seine Schwester weit über die familiäre Verbindung hinaus „werschätzt“, stellen sich spätestens angesichts o.a. Pool-Sequenz (Zitat Bos angesichts der von ihm geifernd bewunderten, entkleideten Figur Ingrids: „Warum musst du bloß meine Schwester sein?“) keinerlei Zweifel mehr ein und auch die bei „Vertigo“ entlehnte, morbide Ummodelung der später kennengelernten Olga, die sich willfährig in Ingrids Ebenbild verwandeln lässt und die darüberhinaus keinerlei Besorgnis hegt angesichts der Tatsache, dass Bo sie hernach noch viel geiler findet als vorher (was Pallardy wiederum ganz unumwunden darstellt) trägt dieser wenig subtil veräußerten Form der Paraphilie mehr denn hinreichend Rechnung. Die Einpflegung von Williamsons Figur in den ohnehin wirren Plot ist derweil ganz offensichtlich der bloßen Tatsache geschuldet, dass der Akteur eben just zur Verfügung stand und unter Vertrag genommen werden konnte.
Ein abschließendes Wort noch zur deutschen Veröffentlichungsphilologie: Das originär veröffentliche Videotape (Constantin) mit Münchener Synchronisation ist um satte 14 Minuten gekürzt. Zwei Jahre später erschien in der Schweiz (bzw. in Österreich, je nach Quelleninformation) eine ungekürzte Cassette mit Hamburger Synchronisation. Dieser Fassung ist ganz ohne Frage der Vorzug zu geben, denn jedes zusätzliche Frame Wahnsinn dieses Ausnahmewerks macht es umso kostbarer.

6/10

HIT LIST

„Where’s my kid?“

Hit List (Mörderischer Irrtum) ~ USA 1989
Directed By: William Lustig

Nachdem Frank DeSalvo (Leo Rossi), einer der vielen Handlanger des Mafiabosses Vic Luca (Rip Torn), nebst seinem Filius Joey (Felice Orlandi) dem FBI in die Hände gefallen ist, versteckt Agent Tom Mitchum (Charles Napier) Vater und Sohn in einem Vorstadt-Bungalow. Mitchums Ziel ist es, DeSalvo als Kronzeugen im just laufenden Prozess gegen Luca zu gewinnen, doch dieser weigert sich beharrlich zu „plaudern“. Luca ist derweil nicht untätig und lässt alle potenziellen Gefährder von seinem brutalen Hitman Caleek (Lance Henriksen) beseitigen. Auch Frank und Joey stehen auf Lucas Liste, doch Caleek sucht infolge eines dummen Zufalls die falsche Adresse auf: Er attackiert die Familie des gerade abwesenden Jack Collins (Jan-Michael Vincent), tötet dabei dessen besten Freund (Harold Sylvester) und entführt Collins‘ Sohn Kenny (Junior Richard). Mitchum bekommt Wind von der misslungenen Aktion und will Collins vorsorglich in Haft nehmen, doch dieser greift sich DeSalvo und spürt Kenny mit dessen Hilfe auf eigene Faust nach.

Leider ist William Lustigs (von zwei Pornos in den Siebzigern abgesehen) vierte Regiearbeit im Laufe der Jahre überaus unberechtigterweise zur Fußnote im Gesamtschaffen des sympathischen Filmemachers geworden. Bis heute gibt es kein offizielles digitales Home-Release von „Hit List“, dabei ist ja gerade Lustig bekannt dafür, auf diesem Sektor weit über sein eigenes Œuvre hinaus Pionierarbeit geleistet zu haben.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – möglicherweise verfügt Lustig nicht über die Rechte an dem Film (er wurde weltweit von großen Majors verliehen), möglicherweise verbindet er auch einfach unerfreuliche Erinnerungen mit ihm. Im exzellenten Interview-Band „Dark Stars“ etwa lässt sich, zumal im Vergleich zu „Maniac“, merklich wenig von ihm über „Hit List“ entlocken, mit Ausnahme des Faktums, dass der ja unlängst verstorbene Jan-Michael Vincent zu jener Zeit höchst unzuverlässig gewesen und permanent sturzbetrunken gewesen sei. Zudem war der Film der erste, für den Lustig das vertraute Umfeld seiner vormaligen, geliebten Spielwiese New York verließ und an die Westküste tingelte und dort, unter Beschwerden über die Wetterlage, häufig von einer Limousine aus Regie führte. So oder so – alles Mutmaßungen.
Man muss jedenfalls ein wenig Aufwand betreiben, um eine ansehbare Version des Films zu erhalten, doch dieser zahlt sich umgehend aus: „Hit List“ ist ein rundum sympathischer filmischer Repräsentant seiner Entstehungszeit, dem man, auch wenn es diverse Animositäten gab (und zu geben scheint), selbige nicht anmerkt und der Lustig als auch in kommerzieller Hinsicht grundsätzlich durchaus tragfähigen Regisseur ausweist, dem der verdiente Erfolg leider nicht hold genug war. Gut, der einen nicht unbedingt einfallsreichen Hybriden aus Gangster- und Actionfilm präservierende Plot mag keine Originalitätsmedaille ergattern, aber dafür ist die Ausführung umso sauberer. Die vorzüglich besetzten Darsteller legen durchweg großen Enthusiasmus und Spielfreude an den Tag (gut, Vincent wirkt stellenweise tatsächlich etwas langsam, aber wer wirklich besoffene On-Screen-Auftritte sehen möchte, der sollte eher zu manchen Performances von Dino Martin oder Richard Burton tendieren), es gibt ein paar kernige Actionsequenzen (insbesondere natürlich die im Parkhaus, bei der Vincent und Rossi sich in mühevoller Kleinarbeit des unverwüstlich scheinenden Henriksen entledigen) und die offenkundige Sympathie des Scripts für den zu Beginn des Films als kriecherischen villain eingeführten, von Lustigs künftigem standard actor gespielten Kleingangster DeSalvo nimmt sich unerwartbar, dafür aber umso liebenswerter aus. Zudem überrascht das Finale, mit dem sich zuvor nicht unbedingt rechnen lässt.
Ein wirklich schöner Film, dem ich unbedingt noch eine gerechtere Zukunft wünschen möchte.

8/10

FANTÔMAS

Zitat entfällt.

Fantômas ~ F/I 1964
Directed By: André Hunebelle

Der geniale, stets maskierte Superverbrecher Fantômas (Jean Marais) hat zwei erklärte Gegner: den ehrgeizigen, leider aber hoffnungslos überforderten Commissaire Juve (Louis de Funès) und den zynischen Journalisten Fandor (Jean Marais). An beiden rächt sich der brillante Erzschurke, indem er täuschend echte Masken ihrer Gesichter anfertigt und in diesen diverse Coups verübt. Erst als Juve und Fandor sich notgedrungen zusammenschließen, können sie Fantômas – vorübergehend – ins Schwitzen bringen.

Die Figur des „Fantômas“ geht zurück auf eine Serie von Trivialromanen der französischen Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst in den 1910er Jahren und später dann nochmal bis in die Sechziger hinein (von Souvestre allein verfasst) erschienen. Immer wieder wurde Fantômas im Kino und für das Fernsehen adaptiert, zuletzt 1980 als deutsch-französich coproduzierter TV-Vierteiler. Die möglicherweise populärste Version bildete zugleich die am wenigsten kongeniale: Zwischen 1964 und 1967 machte Fantômas im Zuge einer von André Hunebelle inszenierten Kriminalkomödien-Trilogie und als eine von Jean Marais in ikonischer blauer Maske gebener Art Kreuzung aus Dr. Mabuse und Bond-Überantagonist Louis de Funès das Leben schwer. Von den oftmals sadistischen Gewaltverbrechen des literarischen Vorbilds blieb hier faktisch nichts mehr übrig; vielmehr ging es um den kunterbunt und familiengerecht aufbereiteten Gegensatz des cholerischen Erzkomödianten und seiner Nemesis, die in ihrer lustvollen Überzeichnung eher etwas von den legionär erschienen, zeitgenössischen (Euro-)Spy-Filmen oder jenen pulpigen Schurkengeschichten, die der Brite Harry Alan Towers produzierte, mitbrachte. Natürlich muss ebenso Erwähnung finden, dass der ehedem höchst beliebte Abenteuerdarsteller Jean Marais stets in einer Doppelrolle antrat als Journalist Fandor und Fantômas, die immer wieder aneinandergeraten und sich bekriegen. De Funès fungierte (ebenso wie sein ebenfalls stets präsenter, vertrottelter Adlatus Jacques Dynam als Inspecteur Bertrand) eher als zusätzliches comic relief, das für nochmalige Auflockerung des ursprünglich finsteren Geschehens zu sorgen hatte. Kernstück dieses ersen „Fantômas“-Films von Hunebelle durfte, nach etwas gemächlichem Beginn, eine umfangreiche Verfolgungsjagd im Finaldrittel sein, in deren Zuge Fandor und Juve dem Tausendsassa-Ganoven per Auto, Motorrad, Zug und Rennboot stets dicht auf den Fersen sind, bis er ihnen doch noch entwischt (mit einem Mini-U-Boot). Ansonsten präserviert „Fantômas“ vor allem ein gepflegt-nostalgisches Amüsement, ohne, dass er je in den Verdacht geriete, sich zur Hochkultur aufzuschwingen. Als ob er das denn aber auch gewollt haben mochte.

7/10