PARIS, BRÛLE-T-IL?

„What’s going on with that Paris?“

Paris, Brûle-T-Il? (Brennt Paris?) ~ USA/F 1966
Directed By: René Clement

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 schmilzt Hitlers (Billy Frick) Vertrauen in seine führenden Wehrmachtsoffiziere rapide dahin. Er ernennt daher den linientreuen Dietrich von Choltitz (Gert Fröbe) zum Kommandierenden General des besetzten Groß-Paris mit der ausrücklichen Order, die Stadt im Zweifelsfalle besser zu zerstören, als sie dem Feind in die Hände fallen zu lassen. Vor Ort ist die Situation bereits extrem gespannt; Gestapo und SS agieren typisch kopflos und schüren den Hass der Zivilbevölerung immer mehr. Als trotz Insistierung durch den schwedischen Botschafter Nordling (Orson Welles) ein führendes Résistance-Mitglied (Tony Taffin) erschossen wird und kurz darauf eine größere Gruppe junger Widerständler von der Gestapo in die Falle gelockt und erschossen wird, bündeln die vormals zerstrittenen Lager der Kommunisten und Gaullisten ihre Kräfte und gehen entschieden gegen die Nazis vor. Dem linken Major Gallois (Pierre Vaneck) obliegt schließlich die schwierige Mission, zu den Alliierten durchzudringen und sie zum Einmarsch in Paris und zur Unterstützung der Résistance zu bewegen, bevor die Stadt dem Erdboden gleichgemacht werden kann…

Die sechziger Jahre, das Jahrzehnt der monumentalen Kriegsfilme. Auch „Paris, Brûle-T-Il?“, international verliehen und co-produziertt von der Paramount und entstanden unter französischer Produktionsägide, zählt zu der umfangreichen Gruppe überlanger, stargespickter Historienaufbereitungen, deren logistischer Aufwand noch heute repräsentativ dasteht für die Ausstellung des damals technisch Machbaren.
Besonders in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts kamen auch europäische Financiers auf den Geschmack und kollaborierten mit den großen Hollywood-Studios, um gewaltige Spektakel rund um die Invasion aus dem Boden zu stampfen. Clements Film bildet dafür ein vorzügliches Exempel. Nach dem strukturellen Beispiel des fünf Jahre zuvor entstandene D-Day-Prestigefilm „The Longest Day“, den immerhin noch drei Regisseure gemeinsam stemmen durften, widmet sich „Paris, Brûle-T-Il?“ der Befreiung und Rettung der vier Jahre lang besetzten Metropole, die zugleich ein markiges Symbol für die dräuende deutsche Niederlage und den zusehends schwindenden Einfluss Hitlers auf seinen vormaligen Machtradius bildete. Wie bei Wicki, Annakin und Marton setzt sich auch das Narrativ dieses Films aus vielen episodisch gehaltenen Momentaufnahmen zusammen, deren Vorteile auf der Hand lagen – zum einen gestattete diese Erzählsweise einen multiperspektivische, auch historisch umfassendere Einblicke in die vielen beteiligten Gruppen, Lager und Einzelschicksale, zum anderen ermöglichte sie den gorreichen Einsatz des gewaltigen, internationalen Staraufgebots, ohne die geballte (und vor allem teuere) Prominenz für allzu viele Drehtage an das Projekt zu ketten. Gewissermaßen bildet General von Choltitz, dessen Rolle im Rahmen der Befreiung stark umnstritten ist, den charakterlichen Roten Faden des Films. Vor allem für den gewohnt wundervoll aufspielenden Gert Fröbe dürfte diese Tatsache ein besonderes Geschenk gewesen sein – er spielt jenen zwischen Pflichterfüllung und Menschlichkeit changierenden Wehrmachtsoffizier, wie er seit eh und je vor allem im (internationalen) Gattungsfilm immer wieder anzutreffen ist; jenen Typus Soldaten, der in späteren Kriegstagen längst darüber im Bilde befindlich war, dass der Führer verrückter war als eine Scheißhausratte, darüber hinaus jedoch mit dem militärischen Treueeid zu hadern hatte. „Schadensbegrenzung“ lautete die obliegende Devise, die Choltitz/Fröbe zum ausgesprochenen Gegner der SS macht und ihn sogar insgeheim mit der Résistance verhandeln lässt.
Obschon es 1966 noch nicht ungewöhnlich war, selbst von großem Publikumserfolg abhängige Großproduktionen wie diese in Schwarzweiß ins Kino zu bringen, hatte auch jene technische Entscheidung sehr konkrete Gründe: Clément nutzte etliche authentische Archivaufnahmen von relativ lädierter Qualität, deren zäsurischer Gebrauch sonst allzu stark ins Auge gefallen wäre. Zudem wurde nur der Einsatz farbverfremdeter Hakenkreuzflaggen am Drehort Paris gestattet, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen.
„Paris, Brûle T-Il?“ gliedert sich relativ nahtlos ein in die Formation seiner zeitgenössischen Kriegsfilme und teilt deren Habitus ebenso behende. Wer also eine Vorliebe für martialischen Kinomilitarismus pflegt, gern viele Stars an und zwischen Panzern, Waffen und Explosionen betrachtet und es zudem mag, zu sehen, wie Nazis verlieren, der ist mit der Wahl von Clements prallem Werk bestens aufgehoben.

8/10

LE CERVEAU

Zitat entfällt.

Le Cerveau (Das Superhirn) ~ F/I 1969
Directed By: Gérard Oury

Der englische Edelganove Colonel Carol Matthews (David Niven), in Fachkreisen berühmt und berüchtigt als „Das Superhirn“, plant seinen nächsten großen Coup, den Raub zwischenlagernder Barvermögen der NATO-Staaten, die per Zug von Paris nach Brüssel transportiert werden sollen. Just auf dieselbe Idee kommt der Kleingauner Arthur Lespinasse (Jean-Paul Belmondo), der, zusammen mit seinem widerwilligen Kumpel Anatole (Bourvil), Matthews „anzapft“, um ihm ein paar Details seines sorgfältig ausgearbeiteten Plans zu entlocken und zuvorkommen zu können. Matthews seinerseits verbündet sich mit dem Mafioso Frankie Scannapieco (Eli Wallach), der eifersüchtig die Jungfräulichkeit seiner zügellosen Schwester Sofia (Silvia Monti) bewacht, die wiederum mit Matthews anbändelt. Die Jagd nach der Millionenbeute kann beginnen…

Diese bravourös gelaunte Caper-Komödie mit internationalem Aufgebot läuft sich einfach nicht tot. Immer wieder aufs Neue lässt sich die wunderbare, von Bébel, Niven, Bourvil und Wallach in Bestform ausgespielte Feindschaft an: „Le Cerveau“ transportiert nämlich exemplarisch die zu seiner Entstehungsperiode noch alltäglich gegebene Praxis, europäisches Kino international herzustellen und zu vermarkten. Nicht nur eine im ökonomischen Sinne, also hinsichtlich Budgetierung und Gewinnmaximierung, überaus sinnvolle Herangehensweise, sondern, wie ganz speziell in diesem Falle, zudem oftmals eine Gelegenheit, kreative Gipfelstürme zu entfesseln.
„Le Cerveau“ sprüht vor Zeitgeist und jeweiligem Lokalkolorit, verbindet hemmungslos Eleganz und Albernheit und lebt ganz besonders von der Chemie der Protagonisten, deren Geschichten zunächst episodisch entworfen werden, um sich dann, analog zum in Zentrum und Aktionsklimax stehenden Überfall auf den Geldwagon, einander mehr und mehr anzunähern. Dabei erlaubt man sich ein paar teure Scherze und Extravaganzen wie etwa Bébels formidables „Duell“ mit Nivens Hausleopardin, dem ein gigantisches Aquarium zum Opfer fällt. Ganz herrlich auch Wallachs cholerische Anfälle in Verbindung mit seiner mannstollen Filmschwester, die für allerlei Turbulenzen sorgt in Kontrastierung mit dem gemütlichen Provinzcharme, den wiederum der erzfranzösische Komiker Bourvil transportiert.
Oury ist mit „Le Cerveau“ ein ebenso luxuriöser wie luftig schwebender, urkomischer Film gelungen, der eine bleibende Lektion in gescheit arrangiertem Entertainment symbolisiert und selbst in unittelbarer Gegenüberstellung mit dem atemlos montierten Hetzkino unserer Tage rein gar nichts von seinem Tempo und seiner Energie eingebüßt hat.

8/10

LE MAGNIFIQUE

Zitat entfällt.

Le Magnifique (Belmondo – Der Teufelskerl) ~ F/I 1973
Directed By: Philippe de Broca

Der heruntergekommene Schundautor François Merlin (Jean-Paul Belmondo) sitzt Kette rauchend in seiner maroden Pariser Altbauwohnung und denkt sich Abenteuer für seinen Romanhelden Bob Saint-Clair (Jean-Paul Belmondo) aus, einen Superagenten, der alles kann und jede Frau ins Bett bekommt. Die seine Ergüsse lesende Massenkundschaft erwartet dabei nur möglichst viel Blut und Sex, der Rest wiederholt sich mehr odder weniger in Endlosschleife. Die Personen und Begebenheiten seines Alltags sublimiert Merlin dabei stets via Schreibmaschine, so dass er sich umgehend und auf subtilste Weise an allen Nervensägen rächen kann. Als ihm die schöne Soziologiestudentin Christine (Jacqueline Bisset) ins Auge fällt, die prompt auch Merlins schmieriger Verleger Charron (Vittorio Caprioli) umgarnt, muss Merlin endlich auch im realen Leben und als er selbst aktiv werden…

Gelangweilte Autoren, die ihre Romanhelden als alter ego begreifen und stellvertretend für sich selbst die wundersamsten Abenteuer erleben lassen – das bietet seit eh und je feinen Komödienstoff. Nach achtjähriger Pause begegneten sich auch Bébel und Philippe de Broca zu einem entsprechenden Stelldichein wieder, wobei „Le Magnifique“ der prallen Überdrehtheit der vormaligen Kollaborationen in nichts nachsteht. Vielmehr tobt der Regisseur sich auf geradezu entfesselte Weise aus, wenn er den Supermann Bob Saint-Clair seine imaginären Feinde auf der Leinwand gleich in legionärer Anzahl und auf blutigste Art und Weise niedermähen lässt. Durch die fiktive Doppelbödigkeit des Ganzen kommt der Film natürlich auch breit grinsend davon mit dieser eigentlich unerhörten Gewaltaufbietung, die in ähnlicher Textur erst Paul Verhoeven wieder beleben sollte. Einer der narrativen Kniffe besteht darin, den Zuschauer erst nach guten zwanzig Minuten Erzählzeit überhaupt darauf hinzuweisen, dass die just gesehene Farce lediglich den Hirnwindungen eines dem vormals eingeführten Protagonisten verblüffend ähnlich sehenden, jedoch weitaus weniger glanzvoll auftretendem Normalbürger entfleucht ist. Fortan weiß man die Verrücktheiten rund um Saint-Clair natürlich in korrekter Weise zu deuten und sitzt dem Schmarren nicht weiter auf. Stattdessen rücken sich der wesentlich alltagsangebundenere François Merlin und dessen Geschicke ins Zentrum des Interesses, wobei die direkte Gegenüberstellung von trivialer Spionagewelt und ordinärer Pariser Großstadt-Tristesse natürlich ganz bewusst zugunsten zweiterer entschieden wird. Am Ende emanzipiert sich Merlin endgültig von seiner erfolgreichen Romanfigur – und damit auch ein Stück weit von sich selbst. Gut für ihn, unsereiner jedoch stiert in die Röhre… als hätte die Welt plötzlich keine Bob Saint-Clairs mehr nötig!

7/10

LES TRIBULATIONS D’UN CHINOIS EN CHINE

Zitat entfällt.

Les Tribulations D’Un Chinois En Chine (Die tollen Abenteuer des Monsieur L.) ~ F/I 1965
Directed By: Philippe de Broca

Der superreiche Arthur Lempereur (Jean-Paul Belmondo) hat so ziemlich alles, was man vom Leben verlangen kann – außer Spaß an selbigem. Darum inszeniert er immer wieder spektakuläre Suizide, die er dann am Ende doch nicht recht finalisieren mag. Seine Verlobte (Valérie Lagrange) langweilt ihn noch zusätzlich zu Tode. Als die Nachricht kommt, dass Arthur urplötzlich ruiniert ist, entwickelt sein väterlicher Freund Mr. Goh (Valéry Inkijinoff) einen Plan, dem geliebten Mündel die Freude am Dasein zurückzuverschaffen: Eine befristete Lebensversicherung soll Monsieur L. davon überzeugen, dass die irdische Existenz durchaus etwas ist, an dem zu hängen sich lohnt. Die Folge ist ein gewaltiges Tohuwabohu aus Missverständnissen, Liebes- und Geldgierbekundungen, währen dessen Arthur immerhin die Bekanntschaft der reizenden Striptänzerin Alexandrine (Ursula Andress) macht…

Lose basierend auf einer Vorlage von Jules Verne nimmt sich dieses dritte farbenprächtige Abenteuer, das Philippe de Broca ganz auf seinen Hauptdarsteller zuschneidet, mindestens ebenso kregel und hyperaktivistisch aus wie der direkte Vorgänger „L’Homme De Rio“. Auch noch etwas alberner und mit deutlich erhöhtem Personal angereichert präsentiert sich der Film, der den etwas befremdlichen Titel der Tatsache verdankt, dass die Yacht Arthur Lempereurs gerade im Hafen von Hong Kong vor Anker liegt und die Kronkolonie somit den Haupt-Handlungsort stellt. Dennoch gibt es Ausflüge nach Indien und Nepal, die Bébel einige spektakuläre Szenen mit Bergen, Schnee, Religionsfanatikern und einem Heißluftballon verfügbar machen sowie ins südchinesische Meer nebst Insel-Showdown. Die Figuren-Ménagerie umfasst neben dem anfangs mit einer bescheuerten Tolle auftretenden Bébel, seinem exotischen Mentor und der Andress noch einen erztreuen Butler (Jean Rochefort), zwei tölpelhafte Versicherungsangestellte (Mario David, Paul Préboist), eine fiese Schwiegermutter in spe (Maria Pacôme), deren verblödeten Hofmacher (Jess Hahn) und, als Krönung sozusagen, einen fetten Gangsterboss (Joe Saïd), der Monieur L. unbedingt das Lebenslicht ausblasen will. Hinzu kommt wiederum ein Dauerfeuerwerk aus teilweise albernsten Gags und Stunts, einige betörende Einstellungen rund um die in Bestform befindliche Ursula Andress und diverse andere Zwangsmethoden, dem Publikum nur ja kein Sekündchen der Langeweile zu gönnen. Diese Mission dürfte dann wohl als geglückt zu verbuchen sein.

7/10

L’HOMME DE RIO

Zitat entfällt.

L’Homme De Rio (Abenteuer in Rio) ~ F/I 1964
Directed By: Philippe de Broca

So hat sich der Gefreite Adrien Dufourquet (Jean-Paul Belmondo) seinen einwöchigen Heimurlaub nicht vorgestellt: Anstatt wie geplant mit seiner geliebten Agnès (Françoise Dorléac) herumzuturteln, findet er sich unversehens in einem filmreifen Abenteuer wieder, das den Raub wertvoller maltekischer Statuetten, einen riesigen Schatz sowie ein Doppel-Kidnapping beinhaltet und ihn nach Rio verschlägt.

In „L’Homme De Rio“ und dessen Quasi-Nachfolger „Les Tribulations D’Un Chinois En Chine“ versetzte Philippe De Broca und Autor Daniel Boulanger ihren Superstar Bébel jeweils in exotische Gefilde und ein Dauerfeuerwerk turbulenter Situationen, die es für den verdutzten Tausendsassa zu meistern gilt. Besonders „L’Homme De Rio“ erfreut sich dabei am Lokalkolorit des Zuckerhuts, gewährt europäisch-romantisierte Einblicke in die mit Folklore und Samba angefüllten Favelas von Rio, die feudale Petrópolis und die unglaubliche Architektur des frisch aus dem Boden gestampften Distrito Federal der Planhauptstadt Brasilia. Besonders von diesen Hintergründen zehrt der gepflegt überhastete und gemäß seiner Entstehungszeit hübsch überdrehte Film. Die Narration derweil zeichnet sich durch ihre Unvorhersehbarkeit aus sowie durch ihre multiplen Volten: alles kann immer und überall passieren; nichts, außer vielleicht dem angesichts der luftigen Atmosphäre versprochenen Happy-Ends scheint zu irgendeinem Zeitpunkt sicher festlegbar. Slapstickhafte Zeitraffer lösen dramatische Aufholjagden ab, einer der Helden erweist sich als Bösewicht, derweil der vormals gezielt als solcher avisierte Schurke nicht den an ihn gerichteten Erwartungen entspricht. Fraglos verstehen sich darüberhinaus beide Filme von de Broca als vom französischen savoir vivre sowie der hiesigen Art des Filmemachens geprägte Variationen der just in Mode befindlichen Bond-Abenteuer, da großzügig mit ebenso überlebensgroßer wie halsbrecherischer Aktion, wie gewohnt zumeist vom Hauptdarsteller selbst dargeboten, nicht gegeizt wird. Schlägereien mit superstarken Indio-Killern und Verfolgungen in schwindelerregender Höhe bilden da lediglich eine Facette. Vom Urwald-Showdown schließlich dürften, neben etlichen anderen Abenteuerfilmern der Folgejahre, nicht zuletzt auch die Köpfe hinter den „Indiana Jones“-Filmen zutiefst beeindruckt gewesen sein, da sich hier diverse Motive mehr oder weniger stark variiert wiederfinden.

7/10

CARTOUCHE

Zitat entfällt.

Cartouche (Cartouche, der Bandit) ~ F/I 1962
Directed By: Philippe de Broca

Paris im frühen 18. Jahrhundert: Nach einem Zwischenspiel bei der kaiserlichen Armee schwingt sich der listige Tagedieb Louis-Dominique Bourguignon (Jean-Paul Belmondo) zum Räuberhauptmann „Cartouche“ auf, der mit seinen ihm treu ergebenen Männern auschließlich reiche Adlige ausplündert und mit diesen seine subversiven Scherze treibt. Besonders der Polizeipräfekt Ferrussac (Philippe Lemaire), auf dessen schöne Gattin Isabelle (Odile Versois) der auch als gehöriger Filou umtriebige Cartouche ein Auge geworfen hat, fühlt sich von den kostspieligen Streichen des Banditen brüskiert. So nutzt er seine Frau, um Cartouche eine Falle zu stellen, die letztlich dessen Geliebte Vénus (Claudia Cardinale) mit dem Leben bezahlen muss.

„Cartouche“ markierte die erste von insgesamt fünf Kollaborationen zwischen Regisseur Phillipe de Broca und Jean-Paul Belmondo und richtete dem im Aufstieg begriffenen Star zugleich dessen zweites, später dominierendes Standbein als gewitzter, romantischer Abenteurer und Actionheld ein, nachdem er bis dahin vornehmlich als dramatischer Darsteller in Nouvelle-Vague-Filmen aufgefallen war. De Brocas Film nimmt sich der bereits a priori cinephilen Geschichte des gleichnamigen Pariser Herumtreibers und Ganoven an, der in unmittelbar postnapoeleonischer Zeit sein Unwesen in der Metropole trieb und als einer Art „französischer Robin Hood“ die Annalen beflügelte. Bébel entpuppt sich umgehend als außerordentlicher Glückstreffer für die Rolle des Cartouche; allein sein allenthalben sarkastischer Gesichtsausdruck, der ihm den unnachahmlichen Hauch des Überheblichen, bisweilen stets etwas besser Informierten verleiht, ist die halbe Miete. Dass die Gratwanderung zwischen Verletzlichkeit und Ernst von ihm nicht minder trefflich gemeistert wid, untermauert noch den ikonographischen Status von Film und Figur. Die Inszenierung und dramaturgische Dichte vermag allerdings nicht mit den großen US-Vorbildern aus dem Swashbuckler- und Kostümfilmsegment Schritt zu halten. Besonders in der ersten Hälfte zerfällt de Brocas Narration immer wieder ins Episodenhafte und nimmt sich zuviel Zeit für letztlich Unerhebliches. Claudia Cardinales Figur der Vénus, die ich als eine der interessantesten des Films wahrnahm und deren Part sich ja im Nachhinein auch als stark motivatorisch für den Titelhelden entpuppt, wird derweil zu gering vertieft, zumal die Cardinale, jung und schön, vor aufregender Vitalität nur so sprüht.
Ein nicht ganz makelloser Abenteuerfilm also, der zumindest für jeden, der sich halbwegs intensiv mit Belmondos filmischem Schaffen befasst, eine allerdings unerlässliche Vorstellung impliziert.

7/10

CLASSE TOUS RISQUES

Zitat entfällt.

Classe Tous Risques (Der Panther wird gehetzt) ~ F/I 1960
Directed By: Claude Sautet

Der Schwerverbrecher Abel Davos (Lino Ventura) ist in Frankreich zum Tode verurteilt worden. Daher flieht er mit seiner Familie ins europäische Ausland unter ständiger Verfolgung von Interpol und anderen Behörden – ein Leben ohne Ruhepause. Nach Jahren der Flucht wagt Davos zusammen mit seiner Frau Thérèse (Simone France) sowie seinen beiden Jungen Pierrot (Robert Desnoux) und Daniel (Thierry Lavoye) schließlich die Rückkehr nach Frankreich, wo er sich Unterstützung von seinen früheren Freunden erhofft. Schon bei der nächtlichen Ankunft an der Côte d’Azur wird Thérèse von zufällig auftauchenden Polizisten erschossen und Davos muss sich mit den beiden Kindern allein durchschlagen. Zwar gelingt mithilfe des Nachwuchsgauners Stark (Jean-Paul Belmondo) die Weiterreise nach Paris, vor Ort jedoch zeigen sich Davos‘ frühere Freunde Vintran (Michel Ardan) und Fargier (Claude Cerval) aus Angst vor der Polizei wenig kooperativ. Die Schlinge um Davos‘ Hals zieht sich immer enger…

Der clevere Gangster auf der Flucht, das war ein stetes Hauptmotiv des traditionellen, französischen Genrefilms, wie er in all seiner Pracht, Eleganz und Herzensbrecherei das internationale Kino der fünfziger und sechziger Jahre veredelte. Allein Ventura spielte jene Rolle mehrfach, in Sautets „Classe Tous Risques“ als verzweifelter Familienvater allerdings von einer besonderen emotionalen Schwere niedergedrückt. Wie gewohnt steht und fällt auch hier das Überleben des Gesuchten mit den Vetrauensbanden und komplizierten Ehrenkodexen, die ihn mit Milieu und Genossen verbindet. Spätestens im Angesicht höchster Brisanz zeigt sich nämlich, was Kameradschaft und Vertrauensvorschuss wirklich wert sind. Was Abel Davos anbelangt, so sind seine ehemaligen Partner keine ausgesprochenen Denunzianten. Ihre Wankelmut unterliegt vor allem der Herrschsucht respektive der gesundheitlichen Instabilität ihrer Ehefrauen, die mit der Rückkehr des polizeilich intensivst gesuchten Davos‘ unwillkürlich den Verzug allerhöchster Gefahr assoziieren. Vintrans Gattin (France Asselin) verriete Davos am liebsten gleich an die Behörden, um ihre Ruhe ja nicht zu gefährden; Fargiers Frau (Michèle Méritz) leidet an einer Herzschwäche, die ihren Mann veranlasst, ihr erst gar nichts über Davos zu erzählen, um sie zu schonen. So spitzt sich die Lage zu: Davos, der bald mittellos dasteht, sieht sich gezwungen, den berüchtigten Juwelenschieber Gibelin (Marcel Dalio) auszuplündern, der sich wiederum auf die Suche nach Davos macht. Der Einzige, dem der müde Gangster am Ende noch vollends vertrauen kann, ist ausgerechnet der Jungspund Stark, der als wackligstes Element eher zufällig in die Affäre hineingerutscht ist. Und ganz im ewigen Gefüge klassischer Kinomoral mit ihrer poetic justice darf der Zuschauer niemals mit der Erlösung für Davos rechnen, der am Ende sogar den Verräter Vintran laufen lässt, einfach, weil er „genug hat“. Sein persönliches Kerbholz findet sich nichtsdestotrotz längst in allzu frequentiertem Gebrauch.

9/10

LES MORFALOUS

Zitat entfällt.

Les Morfalous (Die Glorreichen) ~ F 1984
Directed By: Henri Verneuil

Tunesien, im April 1943: Ein Batallion der Fremdenlegion kommt in El Ksour an, um die milliardenschweren Goldreserven der hiesig angesessenen Nationalbank in Sicherheit zu bringen. Die Truppe wird jedoch von der wohlfeil versteckten Wehrmacht gnadenlos aufgerieben. Bis auf drei Soldaten, Augagneur (Jean-Paul Belmondo), Mahuzard (Michel Constantin) und Boissier (Michel Creton), fallen alle übrigen Legionäre. Ergänzt um den nervösen Regelarmisten Béral (Jacques Villeret) fasst Augagneur den Plan, das Gold aus der Bank an sich zu bringen, zu teilen und mit dem gewonnenen Reichtum zu desertieren. Mahuzard weigert sich jedoch, darauf einzusteigen und es kommt zum Duell zwischen ihm und Augagneur. Der Bankdirektor Laroche-Fréon (François Perrot), seine Frau (Caroline Sihol) und deren deutscher Liebhaber Karl (Matthias Habich) tanzen bald mit im goldgierigen Reigen, den nach wechselnden Allianzen und einigem Hin und Her nur der ausgebuffte Augagneur unbeschadet übersteht. Doch Reichtum und Luxus sind auch ihm nicht vergönnt – dafür jedoch Ruhm und Ehre.

Der freche Kriegs-Actioner „Les Morfalous“ fand nicht durchweg regen Zuspruch. Mit einem zeittypischen Casaro-Kinoplakat garniert, das Belmondo im Zuge seiner achten und letzten Zusammenarbeit mit Henri Verneuil als muskelbepackten Heroen mit riesigem MG im Anschlag porträtierte, suchte man offenbar, sich auf den Zug der militaristischen, langsam die Videotheken flutenden, exotischen Schießprügelabenteuer zu schwingen. Zudem umgibt den gesamten Film eine ätzend-zynische Aura, geprägt von eher unangenehmen Charakterfacetten wie Misogynie, latentem Rassismus und ethischer Desorientiertheit, die in der brandtschen Synchronfassung – jene im Übrigen ein weiteres Meisterstück ihrer Zunft – wohl nochmal potenziert wird. Nun mag man man mit dem Abstand der Jahrzehnte vielleicht reflektionsbegabt genug sein, um Verneuils dreckigen Galgenhumor als durchaus passend zur Gattung zu eruieren und die Figur des Augagneur, ohnehin passend zu Bébels Rollenschema dieser späten Phase seines Schaffens, als eine Art Eulenspiegel der Fremdenlegion zu betrachten, der nach Ansicht von Tod und Zerstörung in all ihren abartigen Variationen genug von der Institution Krieg hat und sich mit dem in Griffbereitschaft befindlichen Goldschatz aus dem Staube machen möchte. Doch selbst wenn man gar kein Held mehr sein und bloß noch weg will, ist man gezwungen, einer zu werden. So war, so ist der Krieg. Er erreicht stets das Gegenteil von dem, was man eigentlich will. In dieser Aussage liegt doch ein ordentliches Pfund Wahrheit, wenngleich „Les Morfalous“ ganz sicher nicht das schlecht gelaunte Werk darstellt, das ein ernstzunehmender Kriegsfilm bitt’schön abgeben sollte. Im Gegenteil, er maßt sich Komik, Spannung und Pyromanie an und ist daher auch garantiert und gänzlich ungeeignet, jedweden Kriegsfilmkanon zu bestücken. Dabei macht gerade das doch seinen höchst ungehörigen Reiz aus.

8/10

LE CORPS DE MON ENNEMI

Zitat entfällt.

Le Corps De Mon Ennemi (Der Körper meines Feindes) ~ F 1976
Directed By: Henri Verneuil

Nach sieben Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen, kehrt François Leclercq (Jean-Paul Belomondo) in seine Heimatstadt zurück. Damals wurde er zum Opfer einer Intrige der wirtschaftspolitischen Führungsclique der Stadt. Dass das dereinst von dem gesellschaftlichen Aufsteiger gegründete Nachtlokal nämlich als Drogenumschlagsplatz ausgenutzt werden sollte, wollte der zwar stets unbequeme, aber dennoch gewissen Grundsätzen zugetane Leclercq nämlich nicht akzeptieren. So schob man ihm einen Doppelmord zu, für den er verurteilt und weggesperrt wurde. Gekaufte Protestler und hochgestellte Persönlichkeiten sorgten für den reibungslosen Ablauf des Alibiprozesses. Nun ist Leclercq, zum allgemeinen Unwohlsein sämtlicher damals Beteiligten, wieder da und begibt sich auf die Suche nach den Drahtziehern seiner Misere.

Die Grundprämisse des Stoffs ist nicht unbedingt innovativ und lehnt sich an ein bereits mehrfach durchgespieltes Noir- und Westernmotiv an – ein vormals zu Unrecht geschasster Bürger kehrt an den Ort des einstigen Ränkespiels zurück, um sich an dessen Urhebern zu rächen. Eine solche Story gibt, so sie nur ansprechend genug umgesetzt ist, in der Regel viel her, so auch im Falle „Le Corps De Mon Ennemi“. Mithilfe verschachtelter Rückblenden entspinnt Verneuil eine komplexe Narrationsform, die auf mehreren Zeitebenen ein lückenloses biographisches Bild des Protagonisten entwirft. Von seiner proletarischen Herkunft entwickelt sich Leclercq zum Charmeur der Hochgesellschaft, wickelt Gilberte (Marie-France Pisier), die Tochter des hiesigen Textilmagnaten Liégard (Bernard Blier) um den Finger und erwirbt, trotz seiner unstandesgemäßen Herkunft, den zögerlichen Respekt der Reichen und Schönen. Von Liégard eingestellt, strebt Leclercq allerdings bald nach beruflicher Autonomie und zieht zusammen mit dem Ganoven Di Massa (François Perrot) einen Club auf, der bald zum Anziehungspunkt der „feinen“ Gesellschaft avanciert: Anwälte, Ärzte und andere hochgestellte Persönlichkeiten lassen allabendlich in Leclercqs Etablissement die Kuh fliegen und amüsieren sich bei nackter Haut und Hochprozentigem. Als Leclercq von Di Massas Dealereien erfährt und sein diesbezügliches Missgefallen äußert, muss er „weg“. Ein in seinem Lokal verübter Doppelmord, dessen eines Opfer ein prominenter Fußballprofi ist, wird ihm in die Schuhe geschoben, Zeugen gekauft und Leclercq weggesperrt. Seine sieben Jahre später erfolgende Suche nach den Architekten seiner damaligen Entthronung ist bald von Erfolg gekrönt, seine Rache ebenso geschickt wie gnadenlos.
Mit „Le Corps De Mon Ennemi“ gelingt Verneuil auch eine treffende Satire auf bourgeoise Scheinheiligkeit und den Hang des Großbürgertums dazu, seine Macht auszuspielen, indem es potenzielle Störfaktoren hinsichtlich Renommee und Einfluss rigoros aus dem Weg räumt. Doch nicht mit Bébel, der nicht ganz so rigoros zu Werke geht, wie vielleicht ein Clint Eastwood, dessen Aufgebrachtheit jedoch immerhin ausreicht, einen unliebsamen Störenfried mit einem gezielten Schlag ins Jenseits zu befördern. Für die Hintermänner, das gebietet die Spielregel, müssen allerdings etwas subtilere Methoden befleißigt werden.

8/10