NO TIME TO DIE

„When her secret finds its way out – and it will – it’ll be the death of you.“

No Time To Die (Keine Zeit zu sterben) ~ UK/USA 2021
Directed By: Cary Joji Fukunaga

Nachdem er dem MI6 den Rücken gekehrt hat, um mit seiner Madeleine Swann (Léa Seydoux) glücklich zu werden, gilt es für den emotional gebeutelten James Bond (Daniel Craig), letzte offene Fäden zu vernähen. Dazu gehört auch der endgültige Abschied von seiner einstigen großen Liebe Vesper Lynd an deren Grabstätte. Doch dort fällt Bond beinahe einem Sprengstoffattentat zum Opfer, mit dem Madeleine zumindest in indirekter Verbindung zu stehen scheint. Kurzerhand setzt Bond sie in den Zug und verabschiedet sich endgültig von ihr, um danach auf Jamaika ins Exil zu gehen. Fünf Jahre später kommt es in London zu einem ernsten Zwischenfall: Der biologische Kampfstoff „Herakles“, der, aus Nanobots bestehend, gezielt mit der DNA seiner potenziellen Opfer programmiert werden kann, wird gestohlen und mit ihm dessen Entwickler Valdo Obruchev (David Dencik). Während M (Ralph Fiennes) längst eine neue 007 (Lashana Lynch) beschäftigt, lässt sich Bond von seinem alten CIA-Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright) überreden, den Kopf hinter dem brisanten Diebstahl ausfindig zu machen. Dahinter steckt keinesfalls wie zunächst vermutet SPECTRE [dessen Kopf Blofeld (Christoph Waltz) selbst vom Sicherheitsgefängnis aus noch die Strippen zieht], sondern ein der Organisation ebenbürtiger Konkurrent, der größenwahnsinnige Lyutsifer Safin (Rami Malek)…

Nachdem Daniel Craig eigentlich beschlossen hatte, mit „Spectre“ seinen Bond-Schwanengesang zu begehen, ließ er sich gegen ein beträchtliches Entgelt doch noch zu einem weiteren, letzten Einsatz überreden; diesmal jedoch gewissermaßen mit eingeschriebener Anti-Rückkehr-Versicherung. Runde 58 Jahre nach dem ersten 007-Kino-Abenteuer „Dr. No“ wurden die Karten für den 25. offiziellen Film des Franchise abermals neu gemischt, bewusste Produktionsquerelen inbegriffen: Dass Craigs fünfteiliger Bond-Zyklus im Gegensatz zum vorherigen Konzept der Serie inhaltlich dicht zusammenhängen, was eine bis 2005 noch ungewohnte, dezidiertere (Film-)Typisierung des Superagenten gestattete, wäre hinlänglich bekannt, nunmehr geht es um eine noch privatere (und somit gleichermaßen noch intimere) Involvierung des Protagonisten in die ihn umtosenden Ereignisse. Eigentlich eklatantes Bond-Fremdvokabular wie „Wokeness“, „Familie“, „Vulnerabilität“ ploppt geradezu inflationär auf und findet sich verquirlt mit einer Vielzahl von Reminiszenzen an klassische Beiträge zur Reihe, die sich zu einem nicht immer allzu originellen Suchspiel für Aficionados und solche, die es werden wollen, verflechten. Viel Altes und viel Neues also, samt und sonders allerdings im probaten Rahmen und hinreichend dualistisch entgegenkommend, um weder eherne Kalte Krieger noch potenziellen Agentennachwuchs zu vergrätzen. Bond – oder wie auch immer sich sein zukünftiger Epigone nennen mag – findet sich auf sanfte Weise neuarrangiert und fitgemacht für die kommenden Dekaden. Dazu bedarf es andererseits freilich mancher Zäsur: M, distinguierter Gentleman hochenglischer Formvollendung, benutzt Vierbuchstaben-Wörter; Q (Ben Whishaw) entpuppt sich als homosexuell; 007s Nachfolgerin ist eine afrobritische Superfrau und der neue Endboss eher ein bemitleidenswerter, therapiebedürftiger Wirrkopf denn die bedrohliche, globale Nemesis von dereinst. Bond selbst wird, wenn schon nicht als Influencer, so doch in seiner bejahrten Maskulinität nachhaltig geschwächt – er bleibt weiterhin stockverliebt, demzufolge monogam und bekommt zu allem Überfluss eine bezaubernde, kleine Tochter (Lisa-Dorah Sonnet) – welcher erklärte Junggesellenmacho soll da einen klaren Kopf bewahren? Nicht zuletzt wird mit Felix Leiter, der einst selbst den heftigsten Anschlag auf seine Person überlebte, ein elementarer Charakter aus dem Spiel genommen, vom abschließenden Heldentod der Titelfigur einmal ganz abgesehen. Nichtsdestotrotz heißt es zum Abspannende wie eh und je „James Bond will return“, nicht jedoch die Figur, denn das ist diesmal wirklich unmöglich, sondern vielmehr das Konzept. Die Welt scheint noch nicht bereit, einer ihrer hartnäckigsten, vor allem aber gewinnträchtigsten Kino-Marken endgültig Adieu zu sagen.

7/10

THE INVASION

„We’re still evolving.“

The Invasion ~ USA/AU 2007
Directed By: Oliver Hirschbiegel

Die Psychiaterin Carol Bennell (Nicole Kidman) wird Zeugin, wie außerirdische Sporen, die nach dem Absturz eines Space Shuttle entweichen, sich diverser Menschen im Schlaf bemächtigen und sie nach einer Metamorphose zu seelenlosen Marionetten eines Gedankenkollektivs assimiliert. Eine Befriedung der Menschheit um den Verlust der Individualität scheint das großflächige Ziel der Aliens zu sein, die aufblitzendem humanen Widerstand mit Gewalt und Oppression begegnen. Gemeinsam mit ihrem Söhnchen Oliver (Jackson Bond), das immun gegen den extraterrestrischen Angriff zu sein scheint, flieht Carol vor den immer zahlreicher werdenden Verwandelten mit dem obersten Ziel, bloß nicht einzuschlafen.

Leider nichts, worüber man nach Hause schreiben müsste: Oliver Hirschbiegels Hollywood-Debüt, die vierte Adaption von Jack Finneys Geschichte „The Body Snatchers“ in rund 50 Jahren, blickt auf einen gewohnt unebenen Entstehungsprozess zurück. Dem produzierenden Studio Warner gefielen etliche der von dem Newcomer inszenierten Strecken nicht und so holte man die hauseigen etablierten Wachowskis sowie James McTeigue als Notsanitäter an Bord und veranlasste diverse Nachdrehs, die unter anderem formale „Glättungen“ sowie ein positiver gestimmtes Ende beinhalteten. Inwieweit diese Modifikationen den Film verschlimmbesserten, bleibt fürs Erste reine Mutmaßung, dass Studiobosse einen hilflosen Regisseur durch die nachträgliche Veruntreuung seiner Arbeit traumatisieren, bildet indes kein Novum.
„The Invasion“ verfährt im Großen und Ganzen wie die ersten beiden Body-Snatchers-Filme von Don Siegel und Philip Kaufman von 1956 bzw. 1978; Abel Ferraras auf einen Militärstützpunkt als Handlungsort umgelagerte Variation bildete bereits für sich betrachtet eine Ausnahmeerscheinung.
Neue oder gar innovative Impulse vermag „The Invasion“ zumindest in der nunmehr zu begutachtenden Fassung dem bereits hinlänglich verhandelten Sujet nicht hinzuzusetzen. Der plotinhärente, philosophische Diskurs, demzufolge nur die Gleichschaltung aller Menschen und somit gleichermaßen die Aufgabe jedweder individueller Persönlichkeit mit einem friedlichen, enbehrungslosen und nachhaltigen Humanexistenz einher gehen kann, wird, anders als die Ängste vor der kommunistischen Bedrohung des Ostblocks in der Ära des Kalten Krieges revisionistisch, aber auch vollkommen oberflächlich abgehandelt. Im Grunde blitzt dieser ideell durchaus reizvolle Ansatz lediglich zweimal kurz im Film auf und wird durch die situative Aggressivität und Bedrohlichkeit der von den Aliens modifizierten Menschenhülsen auch gleich wieder ad absurdum geführt. Die Fremden bekotzen einen mit ihrem grünlichen Schleim, sind deutlich kräftiger als ihre menschlichen Vorgänger und töten mit bloßer Hand süße Hunde, die sich als instinktive Widersacher der Fremden einmal mehr als bester Freund des Menschen erweisen. Zudem scheute man sich, auch das offenbar im Nachhinein, dem Zuschauer einen pessimistischen Abschluss „zuzumuten“, wie er bei Siegel und Kaufman noch zum guten und vor allem richtigen Ton gehörte. Stattdessen gibt es hier einen Impfstoff (!) sowie ein Heilmittel (!!) gegen das extraterrestrische „Virus“, was auch dem mittlerweile als James Bond verpflichteten Daniel Craig (der hier – hoho, haha – rein zufällig den jüngsten Felix Leiter Jeffrey Wright an die Buddy-Seite gestellt bekam) ermöglicht, trotz seines vermeintlich zwischenzeitlichen Abgangs vor den end credits wieder gut gelaunt und rekonvalesziert bei der Heldin am Frühstückstisch zu hocken. Hübsch bieder, wohlsortiert und vor allem: halb so wild, sofern man das große Erbe außer Acht lässt und sich mit einem schnellen Imbiss zufrieden gibt. Aber auch nur dann.

5/10

HOLD THE DARK

„We’ll take care of this, I promise.“

Hold The Dark (Wolfsnächte) ~ USA 2018
Directed By: Jeremy Saulnier

Alaska, 2004. Der Wolfsexperte und Buchautor Russell Core (Jeffrey Wright) kommt auf briefliches Bitten einer jungen Frau namens Medora Slone (Riley Keough) in die verschneite Ödnis des Dörfchens Keelut. Während Medoras Mann Vernon (Alexander Skarsgård) im Irak stationiert ist, hat offenbar ein Wolf ihren kleinen Sohn (Beckam Crawford) verschleppt und getötet. Core soll das Tier finden und töten. Er spürt ein Wolfsrudel auf, verschont die Tiere jedoch. Als derweil Vernon Slone im Gefecht schwer verwundet wird, bedeutet dies seine Heimreise. Vor Ort angekommen erfährt er vom Tod seines Sohnes und den wahren Umständen dessen Ablebens, von denen mittlerweile auch Core weiß: Tatsächlich hat Melora den Jungen stranguliert und die Leiche im Keller ihres Hauses versteckt. Sie selbst ist mittlerweile geflohen. Vernon begibt sich an die amokartige Verfolgung seiner Frau, flankiert von seinem alten Freund, dem Indianer Cheeon (Julian Black Antelope), dessen Sohn ebenfalls getötet wurde und der es allein mit einer polizeilichen Übermacht aufnimmt. Gemeinsam mit Sheriff  Marium (James Badge Dale) folgt Core wiederum der Spur Vernons.

Dass Jeremy Saulnier ein Guter ist, daran gibt es für mich spätestens jetzt keinerlei Zweifel mehr. Seinen ersten Film habe ich noch nicht gesehen, der zweite, „Blue Ruin“, ist eine nahezu brillante Studie um eine sich emporschwingende Gewaltspirale – ein Thema, dass auch sein komplexitätsreduzierter und insofern geflissentlich nachlassender, dritter Film „Green Room“ aufgreift, der nebenbei recht erfolgreich mit der Gattung des Terrorfilms liebäugelt. Die Literaturverfilmung „Hold The Dark“ entstand nun als Netflix-Produktion, ein Umstand, der die internationale Cinephilie grundsätzlich etwas scheel dreinblicken lässt. Netflix bedeutet nämlich in aller Regel die absatzbedingte Vorenthaltung eines Leinwandeinsatzes und stattdessen die ungleich breitere, faktisch allgemeine Verfügbarkeit für ein grundsätzlich zu misstrauendem Massenpublikum. So oder ähnlich dürften etliche der Ressentiments gegen den Netzriesen verwurzelt sein und ich muss zugeben, dass sie auch aus meiner Sicht eine gewisse immanente Berechtigung in sich tragen. Auch ich genieße Netflix weiterhin grundsätzlich mit Vorsicht, wenngleich ich darin weniger einen medialen Beelzebub noch die allgemeine Negation des Kinos vermuten möchte. Was „Hold The Dark“ anbelangt, so glaube ich sogar, dass Saulnier und seinem treuen Autoren Macon Blair die künstlerische Freiheit, die ihnen für ihren Film zuteil wurde, einem kreativen Freischwimmer gleichkommt. Sein jüngstes, bislang faszinierendstes Werk erinnerte mich, wohl nicht ganz von ungefähr, in mehrerlei Beziehung an Taylor Sheridans ebenfalls noch recht frische Regiearbeit „Wind River“, die ich mit wachsendem Abstand als – wenngleich kleine – Enttäuschung empfinde. Analoges Motiv wäre allen voran der nordwestliche Schauplatz Alaska als final frontier, der die Pseudozivilisation des weißen Mannes noch immer nicht Herr werden kann, parallel dazu der sich unter größter Verzweiflung auch hier fortsetzende Identitätsverlust der natives. Hier wie dort geht es um einsame Jäger und deren persönlichen Moralkodex, um Verschwundene und furchtbare Wahrheiten. „Hold The Dark“ jedoch macht es sich nicht leicht. Er folgt keinerlei probaten, antizipatorischen Schemata und zieht es stattdessen vor, sich vorsätzlich enigmatisch zu geben. Etliche Fragen werden gestellt, ohne je eine eindeutige oder auch befriedigende Antwort zu erhalten; die Motivation und sogar der Weg fast aller Protagonisten gestaltet sich größenteils rätselhaft. Dabei enthält er sich der Gefahr, seine stets präsente, innere Flamme wie auch immer gearteter Vorhersehbarkeit zu opfern und zieht es vor, Stimmungen um der reinen Atmosphäre Willen zu erzeugen. Selbst die immer wieder hervortretenden Gewaltspitzen wirken noch entschleunigend und bestenfalls für Sekundenbruchteile aufregend, bevor der Film sich wieder seinen strikt kontemplativen, sperrigen Innenwelten zuwendet. Auch an Michael Wadleighs wunderbaren „Wolfen“ fühlte ich mich immer wieder erinnert: Was sich im Vordergrund und somit unmittelbar ersichtlich abspielt, ist lediglich das ferne Echo eines rational nicht fassbaren, sich jeder physikalischen Analyse verweigernden Mystizismus‘. Und so wie einst Albert Finney ist hierin auch Jeffrey Wright (wiederum gemeinsam mit dem Publikum), dessen wesentlichste dramaturgische Funktion letztlich im „Bezeugen“ besteht, allerhöchstens ein winziger Eindruck dessen vergönnt, was sich als unfassbare Wahrheit jenseits der Oberfläche jedweder konkreten Manifestation verweigert. Zurück bleiben lediglich körperliche Versehrtheit, eine Ahnung von Unendlichkeit – und ein Eindruck tiefer Ehrfurcht.
Meisterwerk.

9/10