DON’T BREATHE

„Get out of my house.“

Don’t Breathe ~ USA 2016
Directed By: Fede Alvarez

Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto) sind drei in Detroit lebende Kids, die sich ihren Weg aus der Spröderie des grauen Alltags mit Kleindiebstählen und Trickbetrügereien bahnen wollen. Durch den Job seines Dads hat Alex Zugang zu den Informationen einer Sicherheitsfirma. Er ermittelt die Adresse eines in einem ansonsten gänzlich verlassenen Vorort lebenden Golfkriegs-Veteranen (Stephen Lang), der seine Tochter bei einem Unfall verloren hat und in seinem Haus offenbar die Versicherungssumme für ihren Tod hortet. Gemeinsam bricht das Trio bei dem älteren Herrn ein, der sich zudem als blind herausstellt. Nachdem Herr und Hund betäubt sind, scheint die Sache schon zu einem profitablen Ende zu kommen, doch der Hausbesitzer erwacht sehr viel früher als erhofft. Nun müssen die Einbrecher nicht zur Kenntnis nehmen, dass der Ex-Soldat trotz seiner Behinderung noch brandgefährlich ist, sondern zudem, dass ihm sein trauriges Schicksal das Hirn verdreht hat…

„Don’t Breathe“ lief recht gut im Kino und hat bei einem relativ kleinen Budget ordentlich Umsatz gemacht. Dabei bietet Fede Alvarez‘ Zweiter letzten Endes bloß Solides. Die oftmals exerzierte Prämisse des „Home Invasion“-Konzepts findet sich darin quasi um 180 Grad gedreht, ähnlich wie in Marcus Dunstans „The Collector“. Hier sind, anders als üblich, die Einbrecher die Gelackmeierten, denn sie legen sich – ohne es im Vorhinein zu ahnen – mit einem Psychopathen an, der sich nicht nur gegen sie zu verteidigen, sondern zudem noch ein paar sprichwörtliche eigene Leichen im Keller hat und daher jedwede Aufmerksamkeit von außerhalb vermeiden möchte. Das bedeutet für die drei eher sanftkriminellen Kids [das Mädchen stammt – natürlich – aus prekären Verhältnissen und will ihrer kleinen Schwester (Emma Bercovici) mit dem ergaunerten Erlös ein besseres Leben an der kalifornischen Küste ermöglichen] zugleich, dass sie unerwünschte Zeugen einer sehr fiel finstereren Sache sind und daher flugs aus dem Weg müssen. Es geht also bald um nichts Geringeres denn ums nackte Überleben, und dass Stephen Lang ziemlich gut darin ist selbiges gegen allerlei Widerstände zu verteidigen, weiß man schon seit „Band Of The Hand“. So weit, so ordentlich. Nun ist Alvarez ein Nachwuchsregisseur der 184. Generation und zielt auf ein vornehmlich dem Alter seiner ProtagonistInnen entsprechendes Publikum ab, dass vielleicht noch auf keinen allzu ausgeweiteten filmischen Background zurückgreifen kann. Jüngere Mitmenschen dürften allenthalben also ihren Spaß haben an dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen jenem überaus zähen, blinden Hundsfott und seinen potenziellen Opfern. Der etwas (genre-)affinere und erfahrenere Zuschauer allerdings wird an dem mäßig spannenden, versatzstückhaft gefertigten „Don’t Breathe“ wenig Überraschendes oder gar Aufregendes finden und sich nach der halbwegs passabel vertriebenen Zeit, die er dem Film verdankt, relativ rasch wesentlicheren Dingen zuwenden.

6/10

THE INCIDENT

„Where were you, buddy?“

The Incident ~ USA 1967
Directed By: Larry Peerce

Späte Sonntagnacht in New York. Während die meisten Einwohner der Stadt sich schlafend auf die kommende Arbeitswoche einstellen, fährt eine kleine, bunt zusammengewürfelte Gruppe von Bürgern mit der Bahn Richtung Grand Central Station. Normalerweise würde keiner der größenteils missgelaunten Passagiere den anderen auch nur von oben herab ansehen, heute Nacht jedoch verbindet sie alle etwas: Als letzte Fahrgäste steigen nämlich die zwei Schwerdelinquenten Artie (Martin Sheen) und Joe (Tony Musante) zu, die nichts anderes im Sinn haben, als ihre Mitmenschen „fertigzumachen“…

Larry Peerces „The Incident“ ist leider noch immer ein nur recht rar verfügbarer Film, dabei verdankt ihm das in den siebziger Jahren vielfach ausstaffierte Terrorszenario einer von wenigen Kriminellen drangsalierten, an Ort und Stelle festgehaltenen Personen so ziemlich alles. Ich selbst habe ihn einmal in den frühen Neunzigern im Nachtprogramm des ZDF gesehen, erlebte ihn damals zwar bereits als involvierend, aber auch recht karg und befremdlich und habe ihn dann, trotz eigentlich steter Präsenz im cineastischen Hinterkopf, bis dato ad acta gelegt. Umso begeisternder fiel die aktuelle Betrachtung aus.
Berühmte, spätere Titel wie „The Last House On The Left“, „Fight For Your Life“ oder „La Casa Sperduta Nel Parco“ bahnen sich während der Rezeption und danach unweigerlich den notorischen Weg zurück ins Gedächtnis des Zuschauers; Filme, deren dräuende Unbequemlichkeit sich vor allem durch herbe psychologische Attacken auf Protagonisten wie Zuschauer niedersetzt; wirkmächtige Werke, bei denen der Zuschauer wie seine „Leidensgenossen“ auf Leinwand oder Mattscheibe zur Passivität gezwungen ist, die Zähne knirschend aufeinandergepresst, die Fäuste bis zum Zerbersten in der Tasche geballt. Mehr noch als seine Nachfolger zeichnet „The Incident“ allerdings ein vielschichtiges Personenbild, indem er ein nicht weniger als sechzehn Personen umfassendes Charakter-Kaleidoskop feilbietet, von denen alle ohnehin gewaltige existenzielle Probleme mit sich herumschleppen: Das ewige Thema von Familie Wilks (Ed McMahon, Diana Van der Vlis, Kathleen Smith) ist das beklagenswerte, zu wenig Geld in der Hauskasse zu haben, um so freigiebig leben zu können wie andere; die befreundeten Privates Teflinger (Beau Bridges) und Carmatti (Robert Bannard) besuchen die Staaten – mutmaßlich im Zuge eines Fronturlaubs von Vietnam; Arnold Robinson (Brock Peters) ist ein afroamerikanischer Rassist, der am liebsten jeden Weißen  standrechtlich erschießen würde, was seine liberal positionierte Frau Joan (Ruby Dee) zunehmend abstößt; Senior Sam Beckerman (Jack Gilford) jammert seiner geduldigen Gattin Bertha (Thelma Ritter) unentwegt vor, wie verkommen und egozentrisch die junge Generation doch sei; Harry Purvis (Mike Kellin) leidet unter den hasserfüllten Beleidigungen seiner luxussüchtigen Frau (Jan Sterling), die ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterbreitet, einen Loser geheiratet zu haben; Douglas McCann (Gary Merrill) steht als arbeitsloser Alkoholiker kurz vor der Obdachlosigkeit; Kenneth Otis (Robert Fields) kommt mit seiner Homosexualität nicht zurecht; Der halbstarke Tony (Victor Arnold) ist stolz darauf, just die hübsche, etwas zugeknöpfte Alice (Donna Mills) erobert zu haben. Und ein volltrunkener Penner (Henry Proach) schläft seinen Rausch aus. Soweit der figurale Aufzug. Einmal in dem ausfluchtslosen Waggon zusammengepfercht sind sie alle den Repressalien und Attacken ihrer beiden, mit einem Stilett bewaffneten, zunehmend entfesselten Peiniger ausgeliefert. Niemand von ihnen bringt die Zivilcourage oder den Mut auf, die Gemeinschaft zur Gegenwehr aufzubringen, allzu groß die Misanthropien, Despektierlichkeiten und wechselseitig grassierenden Ressentiments. Dabei wird jeder zielgerichtet bei seiner jeweiligen, spezifischen Schwäche gepackt. Artie und Joe quetschen sämtliche der Kurzreisenden öffentlich und durch entwertende Beleidigungen gnadenlos aus, um sie entkräftet ihrer Pein zu überlassen. Erst als bei einem der beiden Soldaten sein Kriegstrauma ausbricht, ist es mit der asozialen Herrlichkeit vorbei – eine unnötige Wendung, die lediglich  durch ein wenig Demonstration gemeinschaftlicher Stärke hätte verhindert werden können, deren Mobilisierung jedoch, wie sich am Ende zeigt, ebenso undenkbar gewesen wäre wie eine vernünftige Diskussion mit den beiden ausgewiesenen Unruhestiftern.
„The Incident“ hat nach annähernd vierzig Jahren kein Gran seiner zerreißenden, anklagenden und betroffen machenden Wirkung eingebüßt, er ist und bleibt trotz einem Mindestmaß physischer Gewaltaufwendung ein resignatives, schwarzes Meisterwerk des transgressiven Films. Stilistisch stark beeinflusst vom Cinéma vérité und vom frühen Cassavetes verweist er außerdem genealogisch betrachtet klar Richtung des aufziehenden New Hollywood.

10/10

LA BATTAGLIA DEI MODS

Zitat entfällt.

La Battaglia Dei Mods (Siebzehn Jahr, blondes Haar) ~ I/BRD 1966
Directed By: Franco Montemurro

Wie jeden Abend spielt der Beat-Gitarrist Ricky (Ricky Shayne) in einer Liverpooler Mod-Kneipe, um sich ein paar Brötchen zu verdienen und wie so oft kreuzen die gegnerischen „Rockers“ auf, um die rivalisierende Subkultur aufzumischen. Diesmal wird jedoch ein Messer gezückt, das versehentlich im Unterleib von Rickys Freundin Mary (Cristina Gaioni) landet. aus Angst vor einer Mordanklage flieht der junge Mann über London, Paris und Genua nach Rom, wo sein gesellschaftlich etablierter Vater Robert Fuller (Joachim Fuchsberger) als Ingenieur in gehobener Stellung tätig ist und kurz davor steht, seine Verlobte Sonia (Elga Andersen) zu ehelichen, die ihrerseits sogleich ein Auge auf den rebellischen Ricky wirft. Dieser bevorzugt jedoch Sonias nicht halb so verruchte, jüngere Schwester Martine (Eleonora Brown), die eine verfängliche Situation zwischen Sonia und Ricky natürlich falsch interpretiert. Ricky spielt sich seinen Frust bei einem Non-Stop-Rekord-Versuch in einem Beatclub von der Seele, als Martine dort auftaucht. Ricky lässt die Gitarre Gitarre sein und verfolgt Martine und ihre elitären Freunde bis zu Martines Haus, wo man sie gerade zu einem Striptease nötigt, als Ricky im letzten Moment auftaucht und die ganze Bande verprügelt. Der Weg in eine rosige Zukunft steht ihm und Martine nun endgültig offen.

Die Ersinner von „La Battaglia Dei Mods“ hatten wohl eine mäßige Ahnung von den in England keimenden, jugendlichen Subkulturen und versuchten, diese für ihr etwas wirres Jugenddrama auszubeuten. Da auch Luggi Waldleiners Roxy-Film ihre produzierenden Finger mit im Spiel hatte, wurde sogleich der Versuch unternommen, einen möglichst breiten, international zugkräftigen „Zielgruppen“-Konsens zu erzwingen, was dazu führte, dass man gleich zwei bei den Kids angesagt Schlagerträllerer für den Film verpflichtete: Ricky Shayne, ein französisch-libanesischer Rock’n’Roll-Rebell und Mädchentraum mit wildem Schopf (von dem meine Mutter mir berichtete, mit 14 einen BRAVO-Starschnitt in Lebensgröße an der Kinderzimmerwand gehabt zu haben), der just dabei war, in der Bundesrepublik mit englisch-, italienisch- und natürlich deutschsprachigen Schmalzrockern die Erfolgsleiter zu erklimmen, bekleidete die (freilich von Claus Jurichs nachsynchronisierte) Hauptrolle und Udo Jürgens stand für zwei Auftritte (als reisender Barde Udo) bereit, in denen er keinen Sprechtext aufzusagen, sondern lediglich zwei Ohrwürmer zum Besten zu geben hatte: das deutsche Titelstück natürlich und „Merci, Chérie“. Wie es im deutschen Unterhaltungsfilm jener Tage üblich war, werden diverse noch so hanebüchene Drehbuchstellen als Anlass missbraucht, einen weiteren Schlager zu präsentieren. Dass Ricky Shaynes Akustikklampfe dabei plötzlich unter Strom steht oder eine ganze Band zu hören ist, wo man gar keinen sieht, dürfte das unbedarfte Publikum ebensowenig gestört haben, wie Shaynes oftmals asynchroner und im Verhältnis zum Tonspurgebrüll völlig emotionsentleerter Gesang. Herrlich sind auch die Annäherungsversuche zwischen Ricky und seinem von Blacky Fuchsberger gespielten Vater, die den tiefen Keil zwischen den Generationen widerspiegeln sollen und aus denen natürlich der pfeiferauchende, alte Spießer regelmäßig als intellektueller Gewinner hervorgeht. Dass der Film trotzdem ganz schön ist, verdankt er vor allem zwei Tatsachen:  darin, dass er, wenn auch lediglich extrem rudimentär und zur Alibifunktion, ausnahmsweise einmal alternative Jugendkulturen porträtiert (auch für Hippies, Gammler und Bohémiens hat der Film ein großes Herz), liegt bereits ein progressiv zu nennendes Ansinnen; dass er seinen Helden außerdem ohne den moralinsauren Zeigefinger gewähren und sein Glück finden lässt, ein Weiteres.

6/10

NEBELMÖRDER

„Die waren alle bloß neidisch auf Erwin.“

Nebelmörder ~ BRD 1964
Directed By: Eugen York

Der bedrohliche Schatten eines Serienmörders schwebt über dem beschaulichen Kleinstädtchen Hainsberg in Hessen. Bereits nach dem ersten Opfer, einer jungen Frau, schlägt Kommissar Hauser (Hansjörg Felmy) vom Morddezernat seine Zelte in Hainsberg auf und sucht fieberhaft nach dem Täter. Doch können auch er und seine eifrigen Leute ein zweites Verbrechen nicht verhindern. Dabei läuft in Hainsberg noch so Manches schief: Einige Pennäler rund um den altklugen Heinz Auer (Ralph Persson) feiern insgeheim verruchte Scheunenpartys, wobei der schüchterne Erwin Lindemann (Lutz Hochstrate) mehr und mehr ausgegrenzt wird. Als Erwin Kommissar Hauser einen Verdacht bezüglich Hauser anträgt, nehmen dieser und seine Kumpel Erwin böse in die Mangel. Möglicherweise weiß auch Erwins Kumpel, der zurückgebliebene Schundromanleser Franz Ritzel (Jürgen Janza), mehr als er sagt…

Skandalöses in Hainsberg: Ein vermeintlich sozial kontrollierter Mikrokosmos gerät aus den Fugen, als ein offenbar gestörter Gewaltverbrecher beginnt, seine Obsessionen auszuleben. Besonders in nebligen Nächten schlägt der Täter mit Vorliebe zu und neblige Nächte gibt es einige in und um Hainsberg. Allerdings werden diese nicht nur für willkürliche Mordtaten genutzt, die Jugendlichen treffen sich außerdem privat, um Jazzmusik zu hören, Alkohol zu trinken und ungeschützte koitale Kontakte zu betreiben. Dabei kommt es, wie es kommen muss – ausgerechnet Franziska (Elke Arendt), die Tochter des aufrechten Gymnasialrektors Hillebrand (Wolfgang Büttner), „erwählen“ der Klapperstorch respektive der zwielichtige Heinz Auer, um, höchst unfreiwilligst versteht sich, für die Ankündigung von Nachwuchs zu sorgen. Natürlich soll Franziska zu einem Arzt, der sich „des Problems annimmt“.
Damit nicht genug verprügelt man den als Denunzianten verschrieenen Lindemann und flößt ihm massenhaft Hochprozentiges ein, was dessen schmaler Körperbau nicht verpackt: ein weiterer Toter, diesmal aufgrund reiner juveniler Willkür. Der leicht schwachsinnige Gartenarbeiter Ritzel versteckt derweil indizierte Groschenheftchen rund um sex & crime („Schüsse aus Puerto Rico“ und ähnlich Zersetzendes) in einem Geheimfach, was ihn für Hauser zwischenzeitlich zum Hauptverdächtigen macht. Immer wieder in den Bildkader gerückte Kakerlaken dienen als metaphorisches Vexierspiel und liefern Hauser schließlich doch noch den entscheidenden Hinweis. Allerhand los also im „Nebelmörder“, einem ausnahmsweise nicht von den vorherrschenden Moguln Wendlandt oder Brauner produzierten Reißer mit liebenswert-verfilzt populistischer Glasur, für dessen gegenwärtige Verfügbarkeit man nurmehr dem Zufall danken kann. Schön.

8/10

BAD BOYS

„One way or the other, I’m going to get to the bottom of this.“

Bad Boys ~ USA 1983
Directed By: Rick Rosenthal

Nachdem er bei der Flucht vor der Polizei versehentlich einen kleinen Jungen überfahren hat, wird der bereits einschlägig vorbestrafte Mick O’Brien (Sean Penn) zu einer Haftstrafe im Jugendgefängnis verurteilt. Dort arbeitet er sich in der Hackordnung mehr oder weniger gezwungenermaßen flugs nach oben, genießt jedoch die Sympathie des Sozialarbeiters Herrera (Reni Santoni). Derweil verlangt es Paco Moreno (Esai Morales), den Bruder des Jungen, den Mick auf dem Gewissen hat, nach Rache. Er verprügelt und vergewaltigt Micks Freundin J.C. (Ally Sheedy) und muss bald darauf selbst in den Jugendarrest, wegen Platzmangels in dieselbe Anstalt, in der auch Mick einsitzt. Eine Konfrontation der beiden Widersacher ist unausweichlich.

Ein finsterer, unerbittlicher Film, wie es seiner in den noch weniger materialistisch orientierten, frühen Achtzigern, der Prä-Yuppie-Ära sozusagen, einige gab. Der urbane Moloch, Chicago im vorliegenden Falle, findet sich darin oftmals abgebildet als lebensfeindliches, hässliches, schmutziges Areal voller Slums, über dem wahlweise kalte Regenwolken oder Nachthimmel hängen, in denen sich jeder selbst der Nächste ist und in der Zuneigung und Sympathie bestenfalls als letzte Zivilisationsrelikte auftreten. Exakt jene Welt bildet auch Rosenthals „Bad Boys“ ab. Mick O’Brien geht noch zur High-School und kennt dennoch bereits all die unangenehmen Seiten, die das Leben einem Minderjährigen nur bieten kann. Die alleinerziehende Mutter bringt allenthalben einen anderen „Onkel“ mit nach Hause, Kriminalität und äußere Härte bergen die einzigen Erfolgserlebnisse. Als es darum geht, den Latino Paco Moreno und seine Freunde um einen gut bestückten Koffer voller Drogen zu erleichtern, stirbt nicht nur Micks einziger Freund Carl (Alan Ruck) im Kugelhagel, es kommt auch noch zu einer weiteren Katastrophe, der ein Achtjähriger zum Opfer fällt. Dann geht es von der Straße in den Strafvollzug und der ist keinen Deut besser. Au contraire, hier spiegeln sich die Machtverhältnisse in hemmungsloser Gewaltbereitschaft und sexueller Gewaltausübung wider. Wer überleben will, muss die miesesten Typen noch an Bosheit überflügeln – nur so erntet man großflächigen Respekt. Dass Mick O’Brien trotz all jenem noch zur Identifikationsfigur und zum Helden der Story taugt, verdankt man seinem immer noch guten Herzen und Sean Penns nuancierter Interpretation. Wenn Mick mit seiner Freundin zusammen ist oder die Freundschaft zu seinem nerdigen Knastkumpel Horowitz (Eric Gurry) verteidigt, erahnt man den weichen Kern in seinem Inneren, schließlich überwindet er sogar den situativ übermächtigen Todestrieb. Diese Mehrdimensionalität gilt übrigens nicht allein für Sean Penns Figur: Selbst die von Esai Morales und Clancy Brown gespielten Oberekel und Bösewichte erleben eine vergleichsweise differenzierte Charakterisierung. Insofern und wegen der besagten, zeitgebundenen Zeichnung vom großstädtischen Makrokosmos zählt „Bad Boys“ in jedem Falle zum Besseren, das das Genre aufbietet.

8/10

SIEBEN TAGE FRIST

„Ein schönes Internat, dieses Internat.“

Sieben Tage Frist ~ BRD 1969
Directed By: Alfred Vohrer

In einem elitären Jungeninternat an der Nordseeküste läuft einiges quer zum Unterrichtsalltag: Der renitente, aufmüpfige Kurrat (Arthur Richelmann), Sohn eines einflussreichen, hiesigen Großindustriellen (Otto Stern), betreibt am Strand einen kleinen Privatclub mitsamt Alkohol und Stripaktionen für seine exzessbedürftigen Mitprimaner. Was dem jungen Lehrer Hendriks (Joachim Fuchsberger) etwas seltsam vorkommt, ist für den alteingesessenen Kollegen Fromm (Konrad Georg) derweil längst nichts Aufregendes mehr. Dennoch gerät er eines Tages mit Kurrat aneinander, als er diesen fälschlich verdächtigt, seinen Hund gequält zu haben, und versetzt ihm öfentlich ein paar Ohrfeigen. Daraufhin folgt ein ernstes Gespräch mit der Schulleitung und Kurrat Senior, worin sich jedoch die Konsequenz für Fromm erschöpft. Kurze Zeit später verschwindet Kurrat spurlos und die Leiche des Lehrers Stallmann (Paul Albert Krumm) wird am Strand gefunden. Für Hendriks und en ermittelnden Inspektor Klevenow (Horst Tappert) ein Mysterium, dass sich erst mit Kurrats baldigem Wiederauftauchen lösen lassen wird…

Ein überaus feiner Kriminalfilm, der sich irgendwo zwischen die Stühle atmosphärisch verkehrter „Pauker“-Filme, der späten Wallace-Adaptionen und Verangenheitsbewältigung setzt und dort ein recht exklusives Plätzchen belegt. Nicht von ungefähr mutet das Handlungskonstrukt an wie stark von „Fünf unter Verdacht“ beeinflusst, wenngleich eine unmittelbare Beziehung, etwa als inoffizielles Remake, sich nicht herstellen lässt, da beide Filme auf unterschiedlichen literarischen Vorlagen fußen. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich stark an Hoffmanns Film erinnert, denn auch hier geht es um eine Privatschule in Küstennähe, an der er zu kalter Jahreszeit brodelt und rumort und wo sich hinter den Kulissen wesentlich Ärgeres abspielt als postpubertäre, bourgeoise Unflätigkeiten. Zudem lehnt sich Tapperts Figur des Zigarrenstummel spuckenden, belesenen Ermittlers sehr direkt an die des einst von Hans Nielsen gespielten Kriminalers an.
Doch wie dem auch sei, „Sieben Tage Frist“ katapultiert des Publikum in mehrfacher Hinsicht in die Gegenwart. Eine homosexuelle Schüler-Lehrer-Beziehung gibt es da und unter der Internatsschülerschaft wundersamerweise (jedoch von der Produktion mit Sicherheit gezielt dort platziert) einen Farbigen. Die Auflösung bzw. Aufdeckung und Motivation des Täters sind in „Sieben Tage Frist“, dessen Titel sich am Ende als eminent für die Lösung des Falles erweist, ferner gänzlich anderer Natur und begeistern in ihrem Einfallsreichtum, abseits von der vortrefflichen Photographie von hochnordwinterlicher Küste nebst Hafenstädtchen (Ernst W. Kalinke) nochmal zusätzlich. Der Lehrer Fromm, der einem mit seinem kleinen Hund und als in die Jahre gekommener Zyniker so gar nicht unsympathisch vorgezeichnet ist, muss sich also als eines unserer ungeliebten Vergangenheitsphantome entpuppen lassen. Ganz schön perfid, ganz schön progressiv in jedem Falle aber: ganz schön! Deutscher Kino-Kanon, nichts darunter!

9/10

ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN

„Ich stehe stets zu Ihrer Verfügung.“

Engel, die ihre Flügel verbrennen ~ BRD 1970
Directed By: Zbyněk Brynych

Die frustrierte Ehefrau Hilde Susmeit (Nadja Tiller) pflegt ihre regelmäßigen Tête-a-Têtes mit wechselnden Partnern in der Wohnung des Studenten Kirr (Jochen Busse) abzuhalten – gegen entsprechendes Entgelt, versteht sich. Eines Abends jedoch wird ihr aktueller Lover nach einem Bad im hauseigenen Swimming-Pool erschlagen – von niemand Geringerem als Hildes eigenem Sohn Robert (Jan Koester), der von den Umtrieben seiner Mutter längst Wind bekommen und sie verfolgt hat. Robert flüchtet sich in die im selben Haus gelegene Wohnung der nicht minder verstörten, ebenfalls allein gelassenen Moni (Susanne Uhlen), derweil zwei Kommissare (Siegfried Rauch, Karl-Otto Alberty) der Wahrheit vor Ort immer näher kommen.

Was im Prinzip den Stoff für ein ganz ordinäres Kriminaldrama abgegeben hätte (und bei Scriptautor Herbert Reinecker vielleicht sogar auch noch hat), wird bei Zbyněk Brynych zu einem Höhepunkt des zeitgenössisch-psychotronischen deutschen Kinos. Der Regisseur lässt keine sich darbietende Skurrilität aus; diverse ungewöhnliche bis merkwürdige Einstellungen, groteskeste Dialogsequenzen, Eklektizismen aller Arten auch sonst allerorten. Da wird bloße Kolportage kurzerhand und, wie es sich sowieso ziemt, zur konfrontativen Filmkunst erhoben. Schon der sonderbare Münchener Apartment-Komplex, in dem sich mit einer kurzen Ausnahme die gesamte Szenerie ansiedelt, meldet surreale Tangenten an: Das riesige Gebäude, das seiner Bewohnerschaft offenbar völlige Autarkie von der Außenwelt ermöglicht, erinnert nicht zuletzt unwillkürlich an den tragenden Handlungsort aus Cronenbergs Parasiten-Dystopie „Shivers“, wobei man beinahe wetten möchte, dass der kanadische Meister sich hinsichtlich der Schauplatzwahl nicht unwesentlich von Brynych hat beeinflussen lassen. Denn nicht nur die Lokalität selbst weist frappante Analogien zu Cronenberg auf, auch die Mieter sind hüben wie drüben durchweg von einigem exzentrischem Gebahren. Student Kirr ist ein widerwärtig-aalglatter Fatzke hinter Zynikerfassade, Monis Mutter (Ellen Umlauf) versucht auf peinlichste Art und Weise, ihre vergangene Jugend zurückzuerobern, die alte Frau Kuhn (Hertha von Walther) ist eine Person pathologischer Neugier und Intriganz, der Reporter Stein (Wolfgang Völz) scheint jedweden Realitätsbezug eingebüßt zu haben. Die beiden Kinder Robert und Moni wirken in dieser wahnwitzigen Welt wie Verlorene, deren einzige Option darin bestet, sich angsterfüllt aneinander zu klammern. Doch reicht ihnen bald verständlicherweise auch das nicht mehr, die Aggressionen müssen raus, und wohin besser damit denn in gezielte Richtung der langfristig nachkriegs- und wirtschaftswundergeschädigten, promisken Elterngeneration, respektive zu den jeweiligen Bel-Amis ihrer überreifen, wiederum einsamen Mütter? Am Ende, die Kids sind als Täter entlarvt, verwandeln sich die Einwohner des Apartmenthauses in einen blutrünstigen Lynchmob. Da weiß man dann spätestens: die Kinder sind hier am unschuldigsten, wenngleich Blut an ihren Händen klebt. Oder, um im ja vollends intendiert blumigen Sprachduktus des Films zu bleiben: es sind zwar Engel, die beim Höhenflug ihre Flügel verbrannt haben, aber gerade sie müssen danach umso tiefer fallen. Peter Thomas hat dazu den entsprechenden Ohrwurm besorgt.

8/10