RECKLESS

„I don’t want to calm down. I’m sick of calming down. I’m sick of everything being okay!“

Reckless (Jung und rücksichtslos) ~ USA 1984
Directed By: James Foley

Eine stinkende, grau in graue Schwerindustriestadt in Ohio: Zwei High-School-Teenager, der aus einer Arbeiterfamilie stammende Johnny Rourke (Aidan Quinn) und die Upper-Class-Schönheit Tracey Prescott (Daryl Hannah), verlieben sich heftig ineinander. Obwohl der allzeit omnipräsente Standesdünkel ihnen alle möglichen Steine in den Weg legt, gelingt ihnen nach allerlei Irrungen und Wirrungen doch noch die gemeinsame Flucht aus dem miefigen Kleinstadtmilieu.

Love conquers all: James Foleys Regiedebüt lädt dazu ein, die vielversprechend anmutenden ersten Schritte eines jungen Filmemachers zu beobachten, der, ähnlich wie seine Protagonisten, einst eine Menge romantischer Wut im Bauch trägt. Im (amerikanischen) Teenager-Film des Jahrzehnts nimmt „Reckless“ dann auch eine vergleichsweise (obschon nicht solitäre) gesonderte Position ein: Nicht nur, dass komödiantische Elemente darin keinerlei Rolle spielen, geht es zwar auch hier um eine bestimmte Form des Sieges; diese formuliert sich allerdings nicht wie üblich in Form karrieristischer Bestrebungen und Gewinne oder gar einer Eingliederung in Establishment-Strukturen. Wo üblicherweise Sportevents, Schulabschlüsse oder Prüfungen, die Manifestierung von Individualität innerhalb einer bourgeois-gleichgeschalteten Jugend oder die umwegsgesäumte Erkenntnis der wahren Liebe im Vordergrund standen, sieht sich „Reckless“ eher als rückwärtsgewandte Hommage an die Juvenile-Delinquent-Dramen der fünfziger Jahre. So steht Aidan Quinns Figur nicht nur als Motorradliebhaber eindeutig in der Tradition der grenzverzweifelten angry young men, die Brando und Dean in jener Ära gaben, als Aufbegehrer gegen einen dem Suff und der Desillusionierung verfallenen Vater (Kenneth McMillan), dessen Malochertod schließlich die letzte noch existente Vernabelung zwischen Johnny und seiner Heimstatt kappt. Obwohl einem gänzlich diametralen Haushalt entstammend, erkennt durch seinen mittelbaren Einfluss auch Tracey, dass ihr ausschließlich aus zu befriedigenden Erwartungshaltungen bestehendes Erwachsenwerden sie alles andere als glücklich macht. Gegen alle Widerstände schafft das Paar es schließlich, sich nicht nur zusammenzuraufen, sondern auch den gemeinsamen Schritt in die Unabhängigkeit und weg von den Wurzeln zu meistern, ein verdientes, auch den Zuschauer glücklich stimmendes happy end inbegriffen.
Wie im Falle des Regisseurs bildet „Reckless“ zugleich ebenso die Leinwandpremiere Quinns wie auch das Scriptdebüt des späteren Spielberg-Adlatus und Familien-Mainstream-Regisseurs Chris Columbus, der nachträglich gegen den Foley wetterte, meinte, dieser habe sein Drehbuch massakriert und er selbst fände sich im fertigen Werk nicht mehr wieder. Über die Ausprägung Columbus‘ ursprünglicher Zeilen muss zumindest in der oberflächlichen Frage nach Gelungenheit allerdings kaum weiter nachgedacht werden, denn „Reckless“ ist auch ohnedies ein beachtliches, mitreißendes Coming-of-Age-Drama, dessen diverse Qualitätsfacetten – darunter Michael Ballhaus‘ exzellente Photographie, die hübsche Song-Zusammenstellung oder, ganz profan, Daryl Hannahs atemberaubende Sexyness zu einem durchaus geschlossenen Ganzen finden.

8/10

CERTAIN FURY

„I want you away from me!“

Certain Fury (In der Hitze von New York) ~ USA 1985
Directed By: Stephen Gyllenhaal

Scarlet McGinnis (Tatum O’Neal) und Tracy Freeman (Irene Cara), zwei komplett gegensätzlichen Milieus entstammende junge Frauen, landen wegen unterschiedlicher Delikte vor dem Haftrichter. Als im Gerichtssal eine weitere Delinquente (Dawnlea Tait) plötzlich Amok läuft und diverse Beamte erschießt, bleibt Scarlet und Tracy nurmehr die Flucht nach vorn. Nachdem sie zunächst in der Kanalisation landen, kommt ein weiterer Polizist (Gene Hartline) unfällig zu Tode. Nur sehr zögerlich entwickelt das nunmehr unfreiwillig aufeinander angewiesene Paar eine aus der Not geborene Freundschaft, die sie auf der Flucht vor der Polizei durch diverse Institutionen der urbanen Unterwelt führt.

Dieser kleine, in Vancouver gedrehte (und demzufolge gut sichtbar mitnichten, wie der deutsche Titel es zu suggerieren versuchte, in New York spielende) Indie-Exploiter kombiniert Motive des schwarzweißen buddy movie von Stanley Kramers „The Defiant Ones“ bis zu Walter Hills „48 Hrs.“ mit dem zeitgenössisch angesagten Subgenre des nächtlich angesiedelten Großstadt-Odysse-Films und feminisiert diese kurzerhand.
Soweit, so gut: Atmosphärisch und auch formal geht Gyllenhaals durch allerlei Stationen urbaner Halbwelten mäanderndes Krimidrama durchaus in Ordnung und auch die Darstellerriege kann sich von den Haupt- bis in die Nebenrollen hinein sehen lassen. Gleich zu Beginn gibt es einen prall choreographierten Shootout, der die Zuschauererwartungen nochmals immens schürt und die Berliner Synchro versucht mit teils kecken Sprüchen, das Beste aus dem ihr Überlassenen zu machen. Dennoch war es „Certain Fury“ nie vergönnt, auch nur ansatzweise den Status selbst eines Kleinstklassikers zu erobern. Zurecht. Denn der Grund dafür ist flugs eingekreist und liegt evident auf der Hand: Das von (dem anschließend nurmehr zweimal in Erscheinung getretenen) Michael Jacobs entwickelte Script erweist sich von vorn bis hinten eine einzige Katastrophe. Abgesehen von einem bestenfalls auf Minimalebene erkennbaren groben roten Faden, der sich auch nur per ganz viel good will mit Mühe und Not identifizieren lässt, wirken sowohl Narration als auch Dramaturgie mit zunehmendem Verlauf hoffnungslos zerfahren. Vor allem die beiden Protagonistinnen ändern ihre Pläne und wechselseitigen Sympathien praktisch ohne nachvollziehbare Kausalitätsschemata im Sekundentakt, wobei insbesondere die Motivlage von Tatum O’Neals Figur trotz all ihrer darstellerischen Bemühungen völlig nebulös bleibt. Potenziell interessante Nebenfiguren wie der Pornofilmer Sniffer (Nicholas Campbell) oder der Zuhälter Rodney (Peter Fonda) werden erbarmungslos verschenkt und verheizt; die regelmäßig zwischengeschalteten Szenen mit George Murdock als die beiden Mädels verfolgender Cop und Moses Gunn als Tracys Vater (peinlich klischiert als erfolgreicher Chirurg, dessen Sorge um seine Tochter sich mit reichlicher Verspätung einstellt) folgen ebenfalls keinem plausiblen Fortgang. Die gleich mehrere mit heißer Nadel dahergestrickte Macguffins bemühende Episodenhaftigkeit gleitet bald in die Beliebigkeit ab. Diese fatale Inkonsistenz schmerzt besonders, weil „Certain Fury“ eben auch über die eingangs erwähnten Qualitäten verfügt und somit grundsätzlich ein schöner Film hätte werden mögen. So taugt er nurmehr als revisionistisches Beispiel dafür, dass auch im schillernden Genrekino der Achtziger nicht alles Gold ist, was scheinbar attraktiv durch die Annalen hindurchschimmert.

4/10

TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

LIBERI ARMATI PERICOLOSI

Zitat entfällt.

Liberi Armati Pericolosi (Bewaffnet und gefährlich) ~ I 1976
Directed By: Romolo Guerrieri

Ein etwas gestresster Mailänder Commissario (Tomas Milian) erfährt von der verzweifelten jungen Lea (Eleonora Giorgi), dass ihr Freund Luigi (Max Delys) gemeinsam mit seinen beiden besten Kumpels Mario (Stefano Patrizi), genannt „Blondie“ und Giovanni (Benjamin Lev), genannt „Joe“, plant, eine Tankstelle zu überfallen und auszurauben – mit Spielzeugpistolen. Die Waffen erweisen sich jedoch als höchst echt und der kurzerhand anberaumte Polizeieinsatz als Fiasko mit Toten. Für das juvenile Trio bedeutet dies lediglich den Beginn einer Amokfahrt quer durch die Stadt und die umliegende Provinz, in deren Zuge noch viele Opfer zu beklagen sein werden. Vor allem Blondie und Joe erweisen sich im Laufe der sich überschlagenden Ereignisse als immer gewaltaffineres Soziopathenduo, dem gegenüber Luigi nicht den Mut findet, sich von ihm loszusagen…

Und noch ein Thrillerdrama italienischer Provenienz rund um ein paar junge, delinquente Gewaltverbrecher auf großer Amoktour, den anderen anverwandten, just genossenen Genrevertretern in keiner Weise nachstehend. Im Vergleich zu Petrinis ein Jahr später entstandenem und von dem vorliegenden Werk fraglos stark beeinflussten „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ entfällt der unmittelbare Sleazefaktor in diesem von Fernando Di Leo ersonnenen Katz-und-Maus-Spiel weitgehend und es verzichtet zugunsten seiner zum Scheitern verurteilten Fluchtgeschichte nebst einer Vielzahl wechselnder Schauplätze auf die räumliche Geschlossenheit eines hermetischen Kidnapping-Szenarios. Stattdessen verheddern sich die drei jungen, wiederum aus bourgeoisem Hause stammenden Männer immer weiter in ihrer einmal losgetretenen Gewaltspirale, die im Laufe ihrer Reise, zu deren Partizipation sie irgendwann auch die eigentlich unbeteiligte Lea (auf die der emotional schwer gestörte Mario offenbar ein Auge geworfen hat) zwingen, beinahe grotesk eskaliert – unter anderem erschießen sie im Zuge eines gemeinsam geplanten Überfalls auf einen Supermarkt kurzerhand die Handvoll weiterer beteiligter Freunde, die ihnen offenbar schon seit Längerem Dornen im Auge sind. Später müssen neben diversen poliziotti unter anderem noch zwei unkooperative Dokumentenfälscher (Salvatore Billa, Carmelo Reale) oder ein überrumpelter deutscher Camper (Peter Berling) nebst seinem Filius (n.n.) dran glauben.
Vergleichsweise ungewöhnlich und dabei ein ebenso rarer wie schöner Indikator für dessen mimische Wandlungsfähigkeit bildet der Einsatz Tomas Milians, der hier einmal nicht als greller Gangster oder wilder Strickmützen-Bulle überagieren muss, sondern seinen (namenlos bleibenden) Kriminalen zurückhaltend und, ordentlich bezwirnt, gediegen interpretiert. Sorgenvoll mahlen seine Kiefer, wenn er von den neuesten Schandtaten der Gewaltverbrecher erfahren muss. Einmal hält er den versammelten Erziehungsberechtigten (u.a. Venantino Venantini) des trio infernale sogar eine harte Standpauke über verhängnisvolle Vernachlässigung und versemmelte Pädagogik, deren furchtbares Resultat Milano nunmehr mit einer Blutspur überzieht und für die der Kommissar den Alten die direkte moralische Verantwortung auferlegt.

8/10

OPERAZIONE KAPPA: SPARATE A VISTA

Zitat entfällt.

Operazione Kappa: Sparate A Vista (Kidnapping …ein Tag der Gewalt) ~ I 1977
Directed By: Luigi Petrini

Paolo (Mario Cutini), ein junger römischer Tagedieb, der die Oberklasse vor allem dafür hasst, dass er selbst nichts im Portemonnaie hat, freundet sich am Morgen nach einer für beide frustrierenden Luxusparty mit dem irrlichternden Professorensohn Giovanni (Marco Marati) an. Ein brüderlich geteilter Joint – und Giovanni weicht Paolo nicht mehr von der Seite. Das Paar bildet eine explosive Mischung, wie sich umgehend zeigt. Infolge einer kurzerhand exerzierten, zweifachen Vergewaltigung, deren eines Opfer (Linda Sini) die Tat nicht überlebt, werden die beiden von der Polizei gesucht. Nachdem sie sich über Umwege Waffen besorgt haben, nehmen sie die Gäste eines Nobelrestaurants als Geiseln – eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Aktion.

Marodierende Kids oder gemeinhin jüngere Leute zwischen Gammlertum, psychischer Labilität und wütender Perspektivlosigkeit bildeten eine beliebte Zielscheibe der späteren, zunehmend reaktionärer werdenden Ausprägung des italienischen Genre- und Sleaze-Fachs. Ähnlich dem letzthin in Augenschein genommenen, allerdings wesentlich differenzierter zu Werke gehenden „Fango Bollente“ zentriert sich auch „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ um zwei „gemischtschichtige“ Taugenichtse, die das Schicksal zusammenführt, um sie eine blutige Spur der Gewalt zeichnen zu lassen. Inhaltliches Herzstück ist die kopflose Kidnapping-Operation der beiden sich mit Drogen bei Laube haltenden Burschen, die sich, abseits von ihrer gemeinsamen Aggression wider das Establishment, dann doch ein wenig unterscheiden. Zumindest in seiner, wenngleich armseligen, Rebellion gegen die Gesellschaft bewahrt Paolo gewissermaßen ein authentisches Wesen; Giovanni derweil ist ein angesichts seines ewig fordernden Elternhauses deprimierter, zudem sexuell gehemmter Hänfling, der in Paolo ein lang herbeigesehntes Idol und somit eine personifizierte Sublimierungsoption für seine Minderwertigkeitskomplexe findet. Erst ihr fataler Schulterschluss ermöglicht die spätere Eskalation.
Luigi Petrini, der ansonsten eher im Komödien- und Romantik-Segment umtriebig war, hat sich mit „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ offensichtlich selbst ein gehöriges Maß an Frust von der Seele geschrieben. Der Film entpuppt sich als ziemlich offensiver Exploiter mitsamt recht unappetitlichen Sexszenen und einem analog dazu wenig schmeichelhaften Frauenbild, das sogar in einen ziemlich wilden „Stockholm-Syndrom“-Strang mündet – eine der Geiseln (Maria Pia Conte) entdeckt Gefühle für den rüpelhaften Paolo (der im Laufe der Geiselaffäre natürlich doch noch manch weichen Zug offenbart). Ein veritabler italienischer Kidnapping-Reißer wäre ferner nichts ohne wackeren, natürlich immens coolen Ispettore, hier gegeben von keinem Geringeren als dem sonst vornehmlich höchstselbst als Regisseur tiefenschmieriger Sleaze- und Pornokost umtriebigen Mario Bianchi als ziemlich armseligem Maurizio-Merli-Substitut. Die offenbar Bianchi zu Gefallen ins Script gesetzten Sequenzen, in der der Inschpektor seiner höchst besorgten Freundin (Maria Francesca) erläutert, warum vor allem kernige Typen wie er diesen beschissenen Job auszuüben haben, sollten offenbar als kleine Atempausen von dem zerberstend spannenden Restaurant-Szenario fungieren, sind aber bloß völlig alberne Bremsklötze.
Absolut und unbedingt hervorzuheben wäre schließlich noch die exorbitante Berliner Synchronfassung um die zwei Stimmenstars Ulrich Gressieker und Michael Nowka, die nicht nur diese beiden mittels eines Gossensprechs parlieren lässt, der in jenen Tagen sonst nur im übelriechendsten Saal des Bahnhofskinos zu hören war.
Ergo ein ganz großer Lumpenfeudel allerbester, leuchtender filmischer Schimmelpilzkultur!

7/10

HIGH SCHOOL CONFIDENTIAL!

„Tomorrow is a king-sized drag.“

High School Confidential! (Mit Siebzehn am Abgrund) ~ USA 1958
Directed By: Jack Arnold

Tony Baker (Russ Tamblyn) ist der Neue an der städtischen High School und er macht sogleich keinen Hehl daraus, was für ein Zahn er ist: Der Obermotz will er werden, der heißeste Typ der Schule und vor allem neuer Chef der hiesigen Gang „Wheelers & Dealers“, die mit allerlei krummen Aktionen wie etwa Drogenhandel ihr Taschengeld aufbessert. Tony kennt sich aus in der Szene. Wenn von „Gesundheitstee“, „Mary Jane“, einer „Fahrt ins Grüne“ oder „Erfischungsstäbchen“ die Rede ist, dann weiß er als Insider genau, wovon er spricht. Tatsächlich gelingt es Tony, der bei seiner ebenso üppig ausgestatteten wie nymphomanen Cousine Gwen (Mamie Van Doren) eingezogen ist, bald, Fuß in der Szene zu fassen. Er macht sich bei den Lehrern der Schule unmöglich und gewinnt damit den Respekt der anderen Kids, arrangiert sich mit seinem „Vorgänger“ J.I. (John Drew Barrymore), bendelt mit der marihuanasüchtigen Joan (Diane Jergens) an und knüpft bald Kontakt zum heimlichen Oberdealer Mr. A (Jackie Coogan) und dessen florierendem Heroingeschäft. Dass Tony in Wahrheit der Undercover-Cop Mike Wilson ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand…

Beware the Reckless Youth! Noch vor seinem letzten phantastischen Universal-Film „Monster On The Campus“ inszenierte Akkordfilmer Jack Arnold dieses weniger bekannte Kleinod für Albert Zugsmith und die MGM. Darin greift er mit Unterstützung einer exemplarischen Besetzung den in jenen Tagen vor allem dem B-Film vorbehaltenen Themenkomplex der lotterlebigen juvenile delinquents auf, der zuvor vor allem von den notorischen Klassikern des Subgenres wie „Rebel Without A Cause“ oder „The Blackboard Jungle“ aus der Kinotaufe gehoben und bravourös kultiviert worden war. Jenes Filmsegment, zu dem entsprechend seiner Topoi unweigerlich auch der Schau- bzw. Kampfplatz „High School“ obligatorisch zählte, bot sich an, um einerseits die Kids in den Drive-In-Kinos jubeln und knutschen zu lassen und andererseits die Elterngeneration darüber aufzuklären, wie weit es mit ihren suf das Furchtbarste gefährdeten Sprösslingen bereits gekommen war. Dieser Zielpublikums-Maxime entsprechend bedient „High Schoolm Confidential!“ jeden einzelnen erforderlichen Stereotypen mit laut kolportierender Grandezza. Wir erleben sie alle: das noch nicht zur Gänze verlorene, Marihuana-Zigaretten rauchende Mädchen (Sterling) aus bourgeoisem Hause nebst ihrem verblendeten, gleichgültigen Vater (James Todd), den greisen, überforderten Schulrektor, die erziehungsberechtigte Sexbombe ohne Übersicht (Van Doren), den Schuldealer (Barrymore), den Möchtegern-Mitläufer (Michael Landon), den diffusen Boss (Coogan) und sogar die Vertreter der existenzialistischen Gegenkultur (u.a. Philippa Fallon), die moralisch entrückten Vorboten von sozialer Zersetzung und Gammlertum! Jerry Lee Lewis kommt persönlich mitsamt Piano vorbei, um das Titelstück zu schmettern und Russ Tamblyn überrascht im weiteren Verlauf als unvermuteter verdeckter Ermittler, der das ganze Wespennest von innen aushebt.
Es muss kaum extra erwähnt werden, dass ein schmissiges Camp-Spektakel das wohlschmeckende Resultat aus all dieser biederen Kleingeistigkeit ist, die die porträtierten Rauschmittel kaum besser denn vom Hörensagen kennt und in all den Klischees badet, denen man sechzig Jahre später nurmehr mit herzhaftem Gelächter zu begegnen angetan ist. Unbedingt hörenswert auch die (authentische) deutsche Kino-Synchronisation, die mit den Starsprechern der damaligen Zeit aufwartet und verkrampft versucht, alles Mögliche zu teutonisieren, um das Dargestellte mit bundesdeutschen Verhältnissen zu analogisieren. Da wird aus Tony Baker ein „Tony Becker“ und aus „Mr. A“ – natürlich – ein „Herr X“. Wirklich formidabelst, das alles.

7/10

CLASS OF 1984

„You can’t stop me, teacher. I am the future.“

Class Of 1984 (Die Klasse von 1984) ~ CA 1982
Directed By: Mark Lester

Der aus dem ruhigen Nebraska an die in einem urbanen Slum liegende Lincoln High School versetzte Lehrer Andy Norris (Perry King) hält es mit seinem pädagogischen Berufsethos eine ganz lange Zeit gut durch. Und das, obwohl ihm eine Vielzahl renitenter Schüler, allen voran der bösartige Rotzlöffel Stegman (Timothy Van Patten), den Alltag zur Hölle machen. Irgendwann kocht das Kesselchen dann aber doch über und Rache ist Blutwurst.

Lesters berüchtigter Schulexploiter gefällt mir trotz mittlerweile geschätzter zehn, zwölf Betrachtungen gleichbleibend gut. Das fängt schon bei Alice Coopers vielsagendem Titelsong an. Absolut mitreißend und spannend entwirft Lester in seinem mit dickem Schwarz getünchtem Quasi-Remake von Richard Brooks‘ wegweisendem Klassiker „Blackboard Jungle“ das (damalige) Zerrbild einer amerikanische High School mit böswilligen Jugendlichen, die um ’82 eben wohl zwangsläufig der auffälligen Subkultur der Punks zugerechnet werden mussten. Im Prinzip ist das Weltbild, das der Film transportiert natürlich überreaktionär, darf aber andererseits auch nicht bierernst ernst genommen, sondern will als überspitzt-zynische Karikierung soziologischer Bestandsaufnahmen begriffen werden. Wenn man „Class“ genregenealogisch gewichtet als Exploitation-Thriller sieht, funktioniert er sogar erstaunlich gut als etwas abgewandelte „Death Wish“-Variante. Darstellerisch solide (King) bis brillant (McDowall) kann man einem perfiden, bis auf die Spitze getriebenen Hassvehikel beiwohnen, das unangenehmere Emotionen in einem auslöst, als man wahrhaben möchte und gerade deswegen so interessant ist. Insbesondere in meinem Berufsstand.
Ein schätzenswertes, bitterböses Werk.

8/10

BLACKBOARD JUNGLE

„Don’t you ever turn your back on them!“

Blackboard Jungle (Die Saat der Gewalt) ~ USA 1955
Directed By: Richard Brooks

Der frisch examinierte, idealistische Lehrer Richard Dadier (Glenn Ford) erhält eine Stelle an einer High School mitten in der Bronx. Die ihm zugewiesene Klasse besteht aus durchweg undisziplinierten, renitenten Haudegen unterschiedlichster ethnischer Herkunft. Während Dadier aber nach und nach das Vertrauen und den Respekt der meisten Schüler, allen voran des intelligenten Miller (Sidney Poitier) gewinnen kann, schraubt sich der Konflikt mit dem hasserfüllten, verbohrten West (Vic Morrow) empor bis zur Eskalation.

Richard Brooks‘ neben der Williams-Verfilmung „Cat On A Hot Tin Roof“ beste und aufwühlendste Kinoarbeit zeichnete schon vor über fünfzig Jahren ein dermaßen pessimistisches Porträt sozialer Zukunft, dass es sämtlichen Nachziehern und Quasi-Remakes, die besonders in den Achtzigern und Neunzigern beliebt waren, trotz größerer äußerer Tragik („187“), bemühterer Szenarien („Dangerous Minds“) und drastischerer Bilder („Class Of 1984“) nicht gelang, seine Intensität aufzugreifen. Glenn Ford gibt als Dadier einen bewusst naiven didaktischen Simplicissimus, der nicht annähernd mit dem rechnen kann, was ihn da erwartet – ein Dschungel, wie der Originaltitel des Films es bereits signalisiert. Delinquente Jugendliche, denen man mit offenen Armen begegnet, strafen einen dafür mit Verschlossenheit und Missachtung, im schlimmsten Fall sogar mit offensiver Aggression. Zu demonstrieren, dass es trotz dieser Unwegsamkeiten möglich ist, seine berufliche und vor allem ethische Integrität zu wahren, ist vielleicht das größte Verdienst von Brooks‘ Film und bewahrt ihn im Gegensatz zu sämtlichen anderen Vertretern seiner Gattung vor der Hilflosigkeit, am Ende althergebrachte Genreformeln bemühen zu müssen. Nach wie vor ein nicht nur brillantes, sondern darüber hinaus ein immens wichtiges Kunstwerk.

10/10

DON’T BREATHE

„Get out of my house.“

Don’t Breathe ~ USA 2016
Directed By: Fede Alvarez

Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto) sind drei in Detroit lebende Kids, die sich ihren Weg aus der Spröderie des grauen Alltags mit Kleindiebstählen und Trickbetrügereien bahnen wollen. Durch den Job seines Dads hat Alex Zugang zu den Informationen einer Sicherheitsfirma. Er ermittelt die Adresse eines in einem ansonsten gänzlich verlassenen Vorort lebenden Golfkriegs-Veteranen (Stephen Lang), der seine Tochter bei einem Unfall verloren hat und in seinem Haus offenbar die Versicherungssumme für ihren Tod hortet. Gemeinsam bricht das Trio bei dem älteren Herrn ein, der sich zudem als blind herausstellt. Nachdem Herr und Hund betäubt sind, scheint die Sache schon zu einem profitablen Ende zu kommen, doch der Hausbesitzer erwacht sehr viel früher als erhofft. Nun müssen die Einbrecher nicht zur Kenntnis nehmen, dass der Ex-Soldat trotz seiner Behinderung noch brandgefährlich ist, sondern zudem, dass ihm sein trauriges Schicksal das Hirn verdreht hat…

„Don’t Breathe“ lief recht gut im Kino und hat bei einem relativ kleinen Budget ordentlich Umsatz gemacht. Dabei bietet Fede Alvarez‘ Zweiter letzten Endes bloß Solides. Die oftmals exerzierte Prämisse des „Home Invasion“-Konzepts findet sich darin quasi um 180 Grad gedreht, ähnlich wie in Marcus Dunstans „The Collector“. Hier sind, anders als üblich, die Einbrecher die Gelackmeierten, denn sie legen sich – ohne es im Vorhinein zu ahnen – mit einem Psychopathen an, der sich nicht nur gegen sie zu verteidigen, sondern zudem noch ein paar sprichwörtliche eigene Leichen im Keller hat und daher jedwede Aufmerksamkeit von außerhalb vermeiden möchte. Das bedeutet für die drei eher sanftkriminellen Kids [das Mädchen stammt – natürlich – aus prekären Verhältnissen und will ihrer kleinen Schwester (Emma Bercovici) mit dem ergaunerten Erlös ein besseres Leben an der kalifornischen Küste ermöglichen] zugleich, dass sie unerwünschte Zeugen einer sehr fiel finstereren Sache sind und daher flugs aus dem Weg müssen. Es geht also bald um nichts Geringeres denn ums nackte Überleben, und dass Stephen Lang ziemlich gut darin ist selbiges gegen allerlei Widerstände zu verteidigen, weiß man schon seit „Band Of The Hand“. So weit, so ordentlich. Nun ist Alvarez ein Nachwuchsregisseur der 184. Generation und zielt auf ein vornehmlich dem Alter seiner ProtagonistInnen entsprechendes Publikum ab, dass vielleicht noch auf keinen allzu ausgeweiteten filmischen Background zurückgreifen kann. Jüngere Mitmenschen dürften allenthalben also ihren Spaß haben an dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen jenem überaus zähen, blinden Hundsfott und seinen potenziellen Opfern. Der etwas (genre-)affinere und erfahrenere Zuschauer allerdings wird an dem mäßig spannenden, versatzstückhaft gefertigten „Don’t Breathe“ wenig Überraschendes oder gar Aufregendes finden und sich nach der halbwegs passabel vertriebenen Zeit, die er dem Film verdankt, relativ rasch wesentlicheren Dingen zuwenden.

6/10

THE INCIDENT

„Where were you, buddy?“

The Incident ~ USA 1967
Directed By: Larry Peerce

Späte Sonntagnacht in New York. Während die meisten Einwohner der Stadt sich schlafend auf die kommende Arbeitswoche einstellen, fährt eine kleine, bunt zusammengewürfelte Gruppe von Bürgern mit der Bahn Richtung Grand Central Station. Normalerweise würde keiner der größenteils missgelaunten Passagiere den anderen auch nur von oben herab ansehen, heute Nacht jedoch verbindet sie alle etwas: Als letzte Fahrgäste steigen nämlich die zwei Schwerdelinquenten Artie (Martin Sheen) und Joe (Tony Musante) zu, die nichts anderes im Sinn haben, als ihre Mitmenschen „fertigzumachen“…

Larry Peerces „The Incident“ ist leider noch immer ein nur recht rar verfügbarer Film, dabei verdankt ihm das in den siebziger Jahren vielfach ausstaffierte Terrorszenario einer von wenigen Kriminellen drangsalierten, an Ort und Stelle festgehaltenen Personen so ziemlich alles. Ich selbst habe ihn einmal in den frühen Neunzigern im Nachtprogramm des ZDF gesehen, erlebte ihn damals zwar bereits als involvierend, aber auch recht karg und befremdlich und habe ihn dann, trotz eigentlich steter Präsenz im cineastischen Hinterkopf, bis dato ad acta gelegt. Umso begeisternder fiel die aktuelle Betrachtung aus.
Berühmte, spätere Titel wie „The Last House On The Left“, „Fight For Your Life“ oder „La Casa Sperduta Nel Parco“ bahnen sich während der Rezeption und danach unweigerlich den notorischen Weg zurück ins Gedächtnis des Zuschauers; Filme, deren dräuende Unbequemlichkeit sich vor allem durch herbe psychologische Attacken auf Protagonisten wie Zuschauer niedersetzt; wirkmächtige Werke, bei denen der Zuschauer wie seine „Leidensgenossen“ auf Leinwand oder Mattscheibe zur Passivität gezwungen ist, die Zähne knirschend aufeinandergepresst, die Fäuste bis zum Zerbersten in der Tasche geballt. Mehr noch als seine Nachfolger zeichnet „The Incident“ allerdings ein vielschichtiges Personenbild, indem er ein nicht weniger als sechzehn Personen umfassendes Charakter-Kaleidoskop feilbietet, von denen alle ohnehin gewaltige existenzielle Probleme mit sich herumschleppen: Das ewige Thema von Familie Wilks (Ed McMahon, Diana Van der Vlis, Kathleen Smith) ist das beklagenswerte, zu wenig Geld in der Hauskasse zu haben, um so freigiebig leben zu können wie andere; die befreundeten Privates Teflinger (Beau Bridges) und Carmatti (Robert Bannard) besuchen die Staaten – mutmaßlich im Zuge eines Fronturlaubs von Vietnam; Arnold Robinson (Brock Peters) ist ein afroamerikanischer Rassist, der am liebsten jeden Weißen  standrechtlich erschießen würde, was seine liberal positionierte Frau Joan (Ruby Dee) zunehmend abstößt; Senior Sam Beckerman (Jack Gilford) jammert seiner geduldigen Gattin Bertha (Thelma Ritter) unentwegt vor, wie verkommen und egozentrisch die junge Generation doch sei; Harry Purvis (Mike Kellin) leidet unter den hasserfüllten Beleidigungen seiner luxussüchtigen Frau (Jan Sterling), die ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterbreitet, einen Loser geheiratet zu haben; Douglas McCann (Gary Merrill) steht als arbeitsloser Alkoholiker kurz vor der Obdachlosigkeit; Kenneth Otis (Robert Fields) kommt mit seiner Homosexualität nicht zurecht; Der halbstarke Tony (Victor Arnold) ist stolz darauf, just die hübsche, etwas zugeknöpfte Alice (Donna Mills) erobert zu haben. Und ein volltrunkener Penner (Henry Proach) schläft seinen Rausch aus. Soweit der figurale Aufzug. Einmal in dem ausfluchtslosen Waggon zusammengepfercht sind sie alle den Repressalien und Attacken ihrer beiden, mit einem Stilett bewaffneten, zunehmend entfesselten Peiniger ausgeliefert. Niemand von ihnen bringt die Zivilcourage oder den Mut auf, die Gemeinschaft zur Gegenwehr aufzubringen, allzu groß die Misanthropien, Despektierlichkeiten und wechselseitig grassierenden Ressentiments. Dabei wird jeder zielgerichtet bei seiner jeweiligen, spezifischen Schwäche gepackt. Artie und Joe quetschen sämtliche der Kurzreisenden öffentlich und durch entwertende Beleidigungen gnadenlos aus, um sie entkräftet ihrer Pein zu überlassen. Erst als bei einem der beiden Soldaten sein Kriegstrauma ausbricht, ist es mit der asozialen Herrlichkeit vorbei – eine unnötige Wendung, die lediglich  durch ein wenig Demonstration gemeinschaftlicher Stärke hätte verhindert werden können, deren Mobilisierung jedoch, wie sich am Ende zeigt, ebenso undenkbar gewesen wäre wie eine vernünftige Diskussion mit den beiden ausgewiesenen Unruhestiftern.
„The Incident“ hat nach annähernd vierzig Jahren kein Gran seiner zerreißenden, anklagenden und betroffen machenden Wirkung eingebüßt, er ist und bleibt eines Mindestmaßes physischer Gewaltaufwendung zum Trotze ein resignatives, schwarzes Meisterwerk des transgressiven Films. Stilistisch stark beeinflusst vom Cinéma vérité und vom frühen Cassavetes verweist er außerdem genealogisch betrachtet klar in Richtung des am Firmament aufziehenden New Hollywood.

10/10