THE NATURE OF THE BEAST

„You can’t kill the devil.“

The Nature Of The Beast (Bad Heat – Highway des Todes) ~ USA 1995
Directed By: Victor Salva

Der biedere Firmenangestellte Jack Powell (Lance Henriksen) befindet sich auf dem Heimweg nach San Diego, quer über die Highways der kalifornischen Wüste. Dort treibt zeitgleich ein Serienkiller, der überall sein Signet „Hatchet Man“ hinterlässt, sein Unwesen. Ein ihm mysteriös vorkommender Anhalter (Eric Roberts) heftet sich alsbald an Jacks Fersen. Der sich als Adrian vorstellende Fremde glaubt, in Jack einen ebenfalls gesuchten Casino-Räuber zu entlarven, der zudem von der Mafia verfolgt wird, derweil sich im Gegenzug der Eindruck manifestiert, dass Adrian der Hatchet Man sein könnte. Adrian nutzt die Angst, die der spießige Familienvater vor ihm hat, wohlfeil aus und lässt ihn fortan nicht mehr vom Haken. Ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel ist die Folge.

Der einst durch einige unappetitliche Enthüllungen von sich reden machende Regisseur Victor Salva, dem just jene Ereignisse einen empfindlichen Strich durch die Karriere versetzten, hat mit „The Nature Of The Beast“ den ersten Film nach jenen Ereignissen und der darauf folgenden Gefängnisstrafe inszeniert. Salva hatte seine Strafe gerechterdings und ordnungsgemäß verbüßt, weshalb es der Produktionsfirma New Line durchaus hoch anzurechnen ist, dass man ihm für und mit „The Nature Of The Beast“ eine Chance offerierte. Der Film selbst ist recht ordentlich geraten, wenn auch mit Ausnahme des cleveren plot twists am Ende nichts wirklich Besonderes. Wähnt man sich zunächst über längere Strecken in einer Art eher nachteilig modifizierten Neuauflage von Robert Harmons ganz wunderbarem „The Hitcher“, relativiert sich jener Eindruck schlussendlich auf angenehme Weise, wobei der Weg dorthin eben nicht immer erquicklich gepflastert ist. Allzu breit ausgespielt wirkt Eric Roberts‘ Charakterisierung des bad guy, der tatsächlich ein wenig zu sehr überdimensioniert daherkommt, als dass man sie ihm bereitwillig abnähme. Zudem gerät die hier und da hilflos erscheinende Episodenhaftigkeit dem Ganzen eher zum Nachteil. Man erhält im Nachhinein den Eindruck, als hätte Salva seinen Film rein für die abschließende Überraschung geschrieben und inszeniert und nicht umgekehrt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Immerhin erhebt diese „The Nature Of The Beast“ nochmal auf eine neue Ebene und sorgt dafür, dass der revisionistische Gesamteindruck ein (wenngleich verhalten) positiver bleibt.

6/10

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UN HOMME EST MORT

„You should go back.“

Un Homme Est Mort (Brutale Schatten) ~ F/USA/I 1972
Directed By: Jacques Deray

Auftragskiller Lucien Bellon (Jean-Louis Trintignant) kommt aus Paris nach Los Angeles, um den Mafiapaten Victor Kovacs (Ted de Corsia) zu ermorden. Kaum, dass er seine Mission erfolgreich erfüllt hat, sieht Lucien sich dann plötzlich selbst als Zielscheibe eines eifrigen Kollegen (Roy Scheider), dem er nur mit Mühe und Not entkommen kann. Lucien holt sich Hilfe bei der GoGo-Tänzerin Nancy (Ann-Margret) und findet bald heraus, dass sein Auftraggeber, Kovacs Sohn Alex (Umberto Orsini), auch ihn als unliebsamen Mitwisser aus dem Weg haben möchte. Anstatt zurück nach Paris zu fliegen, bis wohin auch Kovacs‘ Hand reicht, entschließt Lucien sich zur Flucht nachvorn…

Dieser insbesondere seiner illustren internationalen Besetzung (s. Tags) wegen interessante Killerthriller hat zudem den großen Vorzug, von einem Franzosen in den Staaten gefilmt worden zu sein. Die Erfahrung zeigt, dass der Blick europäischer Filmemacher auf US-Großstädte stets ein ungewöhnlicher, manchmal auch absonderlicher ist. Anders als etwa ein in L.A. beheimateter Regisseur bewahrt sich Deray somit die filmisch ungewohnte Perspektive des Exoten. Trintignants eher ziellose Streifzüge durch den unwirtlichen, urbanen Moloch erhalten so eine ganz spezielle Note; die Stadt wirkt plötzlich sehr viel planer, anonymer, unfreundlicher und unaufgeräumter als üblich. Ziemlich gute Voraussetzungen also für die Erzählung dieser Geschichte eines Franzosen in L.A., dessen mörderisches Geschäft ihn durch eine blutige Mafiaintrige führt und dabei vor allem hübsch unvorhersehbar bleibt. Ein besonders schönes Moment ist dabei das „kollegiale“ Verhältnis zwischen Trintignants Lucien und seinem Verfolger Lenny, gespielt von Roy Scheider. Während Lucien sich bemüht, Lenny auf seine Seite zu ziehen und zur Zusammenarbeit gegen Kovacs Junior zu bewegen, bewahrt dieser sich sein Misstrauen und damit gewissermaßen auch seine Professionalität, was ihn jedoch schließlich teuer zu stehen kommt. Ganz am Ende, fünf Fuß unter der Erdoberfläche, sind wir ja ohnehin alle – auch die Profikiller – wieder gleich.

8/10

LOST HIGHWAY

„We’ve met before, haven’t we?“

Lost Highway ~ USA/F 1997
Directed By: David Lynch

Die Welt des Jazz-Saxophonisten Fred Madison (Bill Pullman) gerät in zunehmende Unordnung. Jeden Morgen findet er eine Videocassette auf seiner Treppe, die zunehmen intime Aufnahmen seiner Wohnung zeigt. Seine Frau Renee (Patricia Arquette) ist ihm dabei ebensowenig entlastende Hilfe wie zwei zur Hilfe gerufene Polizisten. Auf einer Party begegnet Fred einem blassen Mann (Robert Blake), der ihm zusätzliche Rätsel aufgibt. Eine letztes Videotape zeigt Fred schließlich bei der bestialischen Ermordung Renees. Der seine Unschuld Beteuernde wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Eines Nachts verwandelt sich Fred nach heftigen Migräne-Attacken in seiner Zelle in einen Anderen. Da gegen den jungen KFZ-Mechaniker Pete Dayton (Balthazar Getty), der da jetzt in Freds Zelle hockt, nichts vorliegt, wird dieser entlassen. Auf der Arbeit buckelt Pete vor allem für seinen Hauptkunden, den ihm gewaltigen Respekt einflößenden Gangsterboss Mr. Eddy (Robert Loggia). Als dieser eines Tages eines Tages seine Freundin Alice (Patricia Arquette) mitbringt, eine blonde Schönheit, beginnt Pete eine wilde Affäre mit ihr. Die Angst vor Mr. Eddy wird bald so groß, dass Pete und Alice beschließen, durchzubrennen und zuvor einen weiteren Liebhaber von Alice, den Playboy Andy (Michael Massee) zu berauben. Erneut beginnt die Realität für Pete/Fred zu bröckeln…

Dissoziation, Dekonstruktion, Labyrinth. Mit „Lost Highway“ legte David Lynch vor zwanzig Jahren den ersten Film einer zunehmend verqueren Spielfilmtrilogie, die mit dem Realität, oder, besser gesagt, der subjektiven Wahrnehmung ihrerselbst, radikal Schlitten fährt und die damit eine Klammer schließt zum Langfilmdebüt des Regisseurs, „Eraserhead“.
Nicht zuletzt von Lynch selbst kam ein ums andere Mal der Hinweis, jedweder Versuch schlüssiger Interpretation sei hier zwecklos; es ginge ihm auch gar nicht um so etwas wie ein konsequentes Narrativ, sondern um die Schaffung reinster Assoziativität beim Publikum, kurzum: „Lost Highway“ und seine Nachfolger wollen nicht „verstanden“, sondern schlicht „gesehen“, bzw. „erfahren“ sein. Man kann „Lost Highway“ insofern auch als Provokation begreifen, als qua typisch lynchesken Mittelfinger in Richtung etablierter Erzählstrukturen, wobei dieser freundliche Mann tatsächlich niemals einen Mittelfinger erheben, geschweige denn ein Vier-Buchstaben-Wort gebrauchen würde. Dafür hat er ja auch seine Filme, die sein der Sonnenseite abgekehrtes Innenleben in Bilder fassen. Die Dramaturgie von „Lost Highway“ als elliptisch zu bezeichnen, wäre stark untertrieben. Zu Beginn erhält man die beunruhigende Einführung in ein fremdelndes Eheverhältnis, das nochmals auf den Kopf gestellt wird, weil da plötzlich deprivatisierende Videocassetten auftauchen. Deren Inhalt gestaltet sich zunehmend bedrohlich, bis er sich schließlich in einem blutigen Exzess entlädt. Doch damit nicht genug, verwandelt sich der mutmaßliche Täter in eine komplett andere Version, schlüpft vielleicht in eine ganz andere Individualität, weg vom exzessiven free jazz hin zur geradlinigeren Rockmusik sozusagen. Doch die beiden Leben sind, aller differenten Anlagen zum Trotze, untrennbar miteinander verbunden und parallelisiert; durch dieselbe femme fatale, von der wir nicht recht wissen, ob sie ein Zwilling ist, durch denselben Bösewicht und vor allem durch denselben, fahlgesichtigen „Mystery Man“, der alles Mögliche kann und weiß und als einziger hier den völligen Durchblick hat.
Raum und Zeit verlieren da längst zunehmend an Bedeutung, ein Stelzenhaus inmitten der Wüste explodiert rückwärts und der gesamte Film endet mit seinem Anfang: Fred Madison klingelt bei sich selbst und gibt sich den „entscheidenden“ Hinweis per Gegensprechanlage: „Dick Laurent is dead“. Konsequenterweise müsste man „Lost Highway“ jetzt wieder von vorn beginnen, denn ebenso wie Fred und Pete schickt David Lynch damit auch sein Publikum in eine endlose Zeitschleife. Oder ging es vielleicht doch um eine Art faustischen Pakt, dazu ersonnen, sämtliche Störfaktoren aus einer kriselnden Beziehung zu entfernen? Aber wie erwähnt sind solcherlei Gedankenspiele ohnehin müßig. Rauschzustände, auch filmische, bedürfen nicht a priori allzu intensiver Aufklärung. Sie verweigern sich ihr gar manchmal geradezu.

9/10

DRUM BEAT

„Peace is going to be awfully hard to get.“

Drum Beat (Der einsame Adler) ~ USA 1954
Directed By: Delmer Daves

Washington D.C., 1871: Der ehemalige Indianerjäger Johnny McKay (Alan Ladd) wird von Präsident Grant (Hayden Rorke) persönlich ins Weiße Haus bestellt, um sich mit seiner künftigen Mission als Friedensstifter in Oregon vertraut zu machen. Ein Teil des Stammes der Modoc-Indianer unter Führung des rebellischen Kintupash alias Captain Jack (Charles Bronson) ist aus dem Reservat geflohen und proklamiert das Siedler-Territorium um den Lost River für sich. McKay und Captain Jack sind alte Bekannte, die sich zwar als Rivalen im Feld respektieren, ansonsten jedoch nichts füreinander übrig haben. So setzen Captain Jacks Attacken gegen unschuldige Farmerfamilien nur ein blutiges Zeichen für seinen Unwillen, sich dem Willen der Weißen zu beugen. Nachdem alle Bemühungen, ihn zur Vernunft zu bringen, versagen, gelingt es McKay schließlich, Captain Jack im Zweikampf zu bezwingen und festzusetzen.

Vier Jahre nach seinem Parlamentärswestern und tieftraurigen Meisterwerk „Broken Lance“, einem der ersten Filme, die eine prononciert proindianische Position einnahmen, betrachtet Delmer Daves die Dinge in „Drum Beat“ von einer anderen Warte. Obschon die von Alan Ladd gespielte Figur des Johnny McKay fiktiver Natur ist, gibt der Film die übrigen Ereignisse um die Modoc-Kriege und ihren Aufrührer Kintupash relativ authentizitätsbewusst wieder. So wie Kintupash der einzige Indianer war, der von der US Army wegen Kriegsverbrechen angeklagt und hingerichtet wurde, war der zu diplomatischen Zwecken eingesetzte General Canby (Warner Anderson), der einzige Offizier dieses hohen Rangs, der im Zuge der Indianerkonflikte getötet wurde. Ebenso wie der mit ihm zu einer Friedensverhandlung entsandte Reverend Thomas (Richard Gaines) wurde Canby im Zuge eines vorab beschlossenen Plans von Kintupash und seinen Leuten erschossen. Diese letzte Aktion, also sozusagen die völlige Ignoranz diplomatischer Traditionen, brachte Kintupash schließlich an den Galgen. Alan Ladd fungiert dabei für Daves nicht nur als Indianeragent, sondern zugleich auch als Agent für das Publikum, das einen populären Star auf der Leinwand benötigte, um sich in einem Film wie diesem zurechtfinden zu können. Dabei ist sein Charakter etwas zwiespältig gezeichnet: Johnny McKay hat einst seine gesamte Familie – Vater, Mutter und drei Geschwister – bei einem Indianerüberfall verloren und gilt seitdem als potenter Schlächter des Roten Mannes. Durch die Betrauung mit seiner Aufgabe von höchster politischer Stelle wandelt sich seine Natur dann urplötzlich und er wird zu einer ähnlichen Figur wie Tom Jeffords in „Broken Lance“, nur dass Charles Bronson eben kein Jeff Chandler ist und Kintupash kein Cochise. Captain Jacks Männer morden und brandschatzen ohne Gnade und Daves scheut sich nicht, dies mehrfach zu demonstrieren. Ironischerweise verliert man dennoch nie ganz Verständnis und Sympathie für die Aufrührer, denn immerhin ist man mit ihnen zuvor kaum anders verfahren, ihnen ihr Land abgenommen, sie zu einseitigen Verträgen genötigt und ihnen vorgeschrieben, wo sie fortan zu bleiben haben. Zwar verzichtet Daves auf eine explizite diesbezügliche Erinnerung, sie ist jedoch durch den von Bronson tatsächlich exzellent gespielten, sich seiner moralischen Rechte durchaus bewussten Revoluzzer omnipräsent. Bronson, der schon infolge seiner ihn dafür prädestinierenden Physis, häufig stolze Indianer spielte, ist hier in der vielleicht schönsten Interpretation eines solchen zu bewundern. Und eine kleine, feine Anekdote um ihn gibt es vor dem Hintergrund von „Drum Beat“: Gegen Ende des Drehs entschied sich der (nebenbei auf dem Höhepunkt seiner Stattlichkeit befindliche) Charles Buchinsky nämlich, sich fortan Charles Bronson zu nennen, um seinem wachsenden Popularitätsgrad mit einem prägnanteren Namen zu begegnen. Delmer Daves berichtet, dass seine Frau Mary Buchinsky den Rat gegeben habe, sich doch „Charles Modoc“ rufen zu lassen, nach dem im Film porträtierten Indianerstamm. Angesichts der allgemeinen Belustigung über seine dennoch stur von ihm durchgeboxte „Bronson“-Wahl, meinte Charles empört, er habe diesen Namen ganz bewusst gewählt, auch auf die Gefahr hin, dadurch sein Image als harter Kerl zu unterminieren. Ich denke, man kann behaupten, die Zeit hat ihm mehr als Recht gegeben.

8/10

BELOVED INFIDEL

„This time it’s different. I never promised myself.“

Beloved Infidel (Die Krone des Lebens) ~ USA 1959
Directed By: Henry King

Hollywood, 1939: Die britischstämmige Klatschreporterin Sheilah Graham (Deborah Kerr) wird von ihrem Schirmherrn John Wheeler (Philip Ober) in die Filmmetropole geschickt, um dort mit Kolumnen über die Glitzerwelt groß heraus zu kommen. Bald lernt sie den Schriftsteller F. Scott Fitzgerald (Gregory Peck) kennen, der sich seit seinem letzten Roman „Tender Is The Night“ eher schlecht denn recht als Drehbuchautor verdingt. Man verliebt sich heftig ineinander, als der Literat jedoch aus seinem aktuellen Engagement herausgekündigt wird,erlebt Sheilah erstmals die dunkle Seite des Genies: Fitzgerald neigt nämlich zu heftiger Trunksucht, die ihn dann oft tagelang in delirösen Zuständen gefangenhält und ihn zu einem nervenstrapazierenden Misanthropen mutieren lässt. Nachdem jener Zwischenfall durchgestanden ist, rauft man sich wieder zusammen und zieht in ein Strandhaus in Malibu, wo Fitzgerald seinen Schlüsselroman „The Last Tycoon“ in Angriff nimmt. Schon die ersten Kapitel werden von seinem Verlag als „unlesbar“ abgekanzelt, was erneut eine tiefe Krise bei dem Autoren auslöst. Die zutiefst verletzte Sheilah trennt sich von ihm und ignoriert zunächst als sein Flehen, bis sie doch zu ihm zurückgeht. Da hat Fitzgerald jedoch nur noch wenige Wochen zu leben.

Henry Kings vorletzter Film – der letzte ist eine Adaption von Fitzgeralds „Tender Is The Night“ -, zugleich das Finale mit „seinem“ Sechsfachstar Gregory Peck, gibt ein wundervolles Kitsch-Melodram ab, das in geradezu exemplarischer Weise zeigt, wie routiniert die Hollywoodstudios zur Zeit der Fünfziger und Frühsechziger Herzschmerz mit Edelschimmel, Goldstaub und Sahnehäubchen zu produzieren pflegten: Zwei der größten (Vertrags-)Darsteller ihrer Ära, Kalifornien nebst seinen sozialen Eigenheiten und malerischen Küstenstreifen; Trunksucht als Beziehungskiller und Hochemotionen; dazu noch die authentische Biographie eines amerikanischen Helden im Zwielicht – das zerschnitt die Herzen des willfährigen Publikums gleich reihenweise. Peck und Kerr sind erwartungsgemäß traumhaft; er hat eine der wenigen Gelegenheiten seiner langen Schauspielkarriere, zumindest zeitweise (sprich in den zwei Sequenzen, in denen er stockbesoffen ist) ein mieses Arschloch zu proklamieren, das zwischen Fremdscham, Bedrohlichkeit und Mitleidsevozierung umhertaumelt, sie tut das was, sie stets am Besten konnte – eine gleichermaßen selbstbewusst-feministische, wie verletztliche Frau mitsamt enigmatischer Psyche zu interpretieren, für die der große, arme F. Scott Fitzgerald zu egalten Teilen Pygmalion und Sorgenkind darstellt. Einige wildromantische, dramatische Szenen am wellenumtosten Strand erinnern in ihrer bombastischen Inszenierung wohl nicht ganz von ungefähr an die analogen, legendären Momente aus „From Here To Eternity“, in denen sich die Kerr nur fünf Jahre zuvor mit Burt Lancaster in der Brandung wälzte; dazu spielt eine gewaltig orchestrierte „Ave Maria“-Variation von Franz Waxman. Bildliche und tonale Repräsentation eines im Ganzen repräsentativen Films, mit dem Hollywood sich und seine Arbeistsweise auf merkwürdig-perplexe Art gleichfalls selbst feiert und als Kreativdrossler denunziert.

7/10

3 WOMEN

„There’s gotta be somethin‘ wrong with you.“

3 Women (3 Frauen) ~ USA 1977
Directed By: Robert Altman

Palm Springs. Die junge Pinky Rose (Sissy Spacek) lässt sich als Betreuerin in Heilbad für Senioren anstellen. Sie ist fasziniert von ihrer exzentrischen Kollegin Millie Lammoreux (Shelley Duvall), die ein völlig verqueres Selbstbild hat, sich von aller Welt geliebt fühlt, wegen ihres schmerzfrei-anstrengenden bis aufdringlichen Auftretens tatsächlich von den meisten ihrer Mitmenschen geringgeschätzt und sogar ignoriert wird. Dennoch frisst Pinky mehr und mehr einen Narren an ihr und ist umso glücklicher, als Millie sie einlädt, bei ihr als Mitbewohnerin einzuziehen. Rasch beginnt Millie, Pinky wie ein dummes, kleines Anhängsel zu behandeln. Es kommt zur Katastrophe, als Millie eines Abends den betrunkenen, seine schwangere Frau Willie (Janice Rule) betrügenden Cowboy Edgar (Robert Fortier) mit nach Haus bringt und Pinky aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausquartiert. Pinky verübt einen Suizidversuch und erwacht erst nach Tagen, stark verändert und teilamnesisch, aus dem Koma. Ihre Eltern (Ruth Nelson, John Cromwell) mag sie nicht mehr erkennen, siw will nicht mehr bei ihrem Spitznamen gerufen werden und bendelt nun ihrerseits mit Edgar an. Als die einsame, stille Willie eine Fehlgeburt erleidet, konstituiert sich die seltsame Konstellation der drei Frauen ein letztes Mal neu.

Neben seinen von überlappenden Dialogen überbordernden Komödien, neben seinen doppeldeutigen Western, Sozialsatiren und Ensemblestücken, pflegte Robert Altman auch immer wieder seine dunkle, bizarre Seite als Filmemacher. Zwar sind diese Arbeiten ganz offensichtlich seine engagiertesten und persönlichsten, bezeichnenderweise aber zugleich jene, die in Kanonisierungsversuchen gern übersehen oder zumindest stiefmütterlich behandel werden. „3 Women“ demonstriert recht eindrucksvoll, woran das liegen könnte, denn leicht macht es dieser ebenso faszinierende wie hermetische Film eigentlich niemandem. Ironischerweise habe ich ihn etwa eine Woche vor dem bereits besprochenen „The Neon Demon“ geschaut, ohne von den offensichtlichen Parallelen zwischen beiden Werken auch nur Leisestes zu ahnen. Tatsächlich verdankt Winding Refns Jüngster „3 Women“ thematisch eine ganze Menge. Da wäre zunächst die Symbolik des Triangulären, die in „The Neon Demon“ ja ganz konkret und sogar bildlich ausgearbeitet wird: Auch die titelgebenden drei Frauen Pinky, Millie und Willie geben sich ein immer wieder aufs Neue variiertes Stelldichein, bei dem sie sich jeweils an anderen Enden eines nicht leicht zu dekodierenden Beziehungsdreiecks konstituieren, bis jenes über die Stationen Irrsinn, Tod und Gewaltakt seine endgültige Form angenommen hat. Auch Pinky kommt aus dem ländlichen Osten Hals über Kopf und unerfahren ins gelobte Kalifornien, um hier einen unbestimmten Neuanfang zu wagen. Und auch sie übertrumpft irgendwann ihren persönlichen Stabilisierungshaken Millie und tauscht mit ihr die Plätze. Höchst mysteriös nimmt sich derweil die zunächst stumm erscheinende Willie aus, die älteste und verschlossenste der drei. Von ihrem Mann, einem biertrinkenden, promisken Idioten, der sich gern in Schießübungen ergeht, völlig allein gelassen, entwickelt sie eine Obsession, die sich in der Gestaltung von Swimmingpoolkacheln mit seltsamen, mythologisch bis außerweltlich anmutenden Kreaturen entlädt. Während Pinky zunächst davon fasziniert ist, vergisst sie Willie und ihre Einsamkeit nach ihrer eigenen, komatösen Episode völlig, um Millies Idendität anzunehmen, die derweil einen starken Schuldkomplex entwickelt. Soweit die inhaltlichen Grundzüge von Altmans Frauenporträt, die mit der gewohnt erlesenen, breiten Bildsprache des Filmemachers einhergeht und ein weiteres Beispiel seiner widerspenstigen, höchst unikalen Arbeitsweise als Künstler und auteur liefert. Unumstößliche Tatsache scheint mir: Wer „3 Women“ nicht kennt, kennt auch Altman nicht zur Gänze. Und nach Letzterem sollten wir alle streben.

9/10

THE WALKING HILLS

„I’d rather like to listen to some chords.“

The Walking Hills (Treibsand) ~ USA 1949
Directed By: John Sturges

In einer kleiner Cantina hinter der mexikanischen Grenze kommt es zu einem zufälligen, seltsamen Zusammentreffen von acht Männern: Einer von ihnen (Jerome Courtland) berichtet von einem aus dem Sand heraus ragenden Wagenrad, das er in der Wüste jenseits des Grenzgebiets gesehen haben will. Für den alten Willy (Edgar Buchanan) ist klar: Dies kann nur einer der Wagen eines vor vielen Jahren verschollen Trecks sein, der einen gewaltigen Goldschatz transportierte. Sofort sind alle Anwesenden Feuer und Flamme und gemeinsam begibt man sich, gefolgt von der schönen Chris (Ella Raines), die gleich mit zweien der Mitreitenden eine spezielle Beziehung verbindet, zu jenen „wandernden Hügeln“, um das Gold ausfindig zu machen. Dabei kommt es bald zu Spanungen innerhalb der Gruppe.

Das Frühwerk von John Sturges bis etwa zur Mitte der fünfziger Jahre hin, als er begann, seine großen Western zu drehen und sich in die vordere Riege der großen Hollywood-Regisseure vorzuarbeiten, ist mit rund zwanzig Filmen gar nicht mal gering besetzt und lohnt die Aufbereitung. Mittendrin auf diesem eher unbesungenen Kerbholzteil des sturges’schen Œuvre findet sich etwa ein matt schimmernder Rohdiamant wie „The Walking Hills“; ein reduzierter, extrem verdichteter Ensemblefilm, der sich als Kammerspiel unter freiem Himmel irgendwo zwischen Hustons „The Treasure Of The Sierra Madre“ und der langsam abebbenden Welle der films noirs einordnen lässt. Keiner der an der Schatzsuche Beteiligten gibt unmittelbar ein klares Bild seiner Person ab und die Beziehungen der neun ProtagonistInnen zu- und untereinander kristallisieren sich erst nach und nach heraus, respektive ergeben neue Geflechte. Mit Randolph Scott verfügte Sturges immerhin über einen Darsteller, der ein gewissermaßen verlässliches Image mitbrachte, doch auch der von ihm gespielte Charakter des Glücksjägers und Pferdenarren Jim Carey bleibt über weite Strecken undurchschaubar. Dann gibt es noch die Geschichte einer privaten Vendetta; ein verdeckter Ermittler (John Ireland) ist unter den Männern, dann gleich drei, die Dreck am Stecken haben und natürlich Ella Raines als ebenso schöne wie selbstbestimmte Dame, die ihrer eigenen Wege geht. Edgar Buchanan mimt in weiter Bedienung eines klassischen Archetypen den knötternden, alten Schürfer, der irgendwo zwischen komischer Senilität und erhabener Weisheit allen überlegen ist und mit Josh White ist sogar ein Afroamerikaner vertreten, der, für die Entstehungsperiode löblich extravagant, kein unterwürfiges comic relief repräsentiert, sondern ein paar erstklassige Blues-Stücke zum Besten gibt. Kein Film wie viele andere also, sondern ein wie beiläufig aus dem Hemdsärmel geschütteltes Minimeisterwerk, das sich nicht nur in punkto Sturges unbedingt zur Revision empfiehlt.

9/10