THE SEVENTH SIGN

„I used to think the world would change. But it hasn’t.“

The Seventh Sign (Das Siebte Zeichen) ~ USA 1988
Directed By: Carl Schultz

Just als sich die auf eine biblische Apokalypse hindeutenden Zeichen in Form diverser, global auftretender Naturkatstrophen häufen, zieht der geheimnisvolle David Bannon (Jürgen Prochnow) als Untermieter ins Haus des jungen Ehepaars Abby (Demi Moore) und Russell Quinn (Michael Biehn). Der grundsympathische, aber sehr still auftretende Fremde jagt der hochschwangeren, jedoch bereits unter mehreren Fehgeburten leidenden Abby zunehmend Schauer über den Rücken. Schließlich muss sie den Tatsachen ins Auge sehen: David ist niemand Geringerer als der auf seit seiner Wiederauferstehung auf Erden wandelnde Messias, der das heraufziehende Ende der Welt zu bezeugen hat und ihr bald geborener Sohn symbolisiert das Siebte Zeichen – er wird ein Kind ohne Seele sein. Während Abby verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, die Ereigniskette zu unterbrechen, zieht allerdings noch ein weiterer, sinistrer Mitspieler seine Fäden im Hintergrund…

Als apokalyptischer Horrorfilm, der das heraufziehende Ende der Menschheit als Strafe Gottes für die beständigen Freveleien an seiner ureigenen Schöpfung thematisiert, hätte „The Seventh Sign“ eigentlich noch besser in die Reihe ähnlich gelagerter millenial movies gepasst, die um die Jahrtausendwende und auch noch danach mit den Ängsten vorm dräuenden Y2K-Armageddon kokettierten. So könnte man ihn gewissermaßen als antizipatorischen Vorläufer jener Welle erachten, der im Gegensatz zu okkultistisch eingefassten Genreklassikern wie Friedkins „The Exorcist“ oder Donners „The Omen“ nicht Dämonen oder gar Luzifer selbst, sondern die Gegenseite als mindestens ebenso naheliegenden Verursacher für das buchstäbliche Jüngste Gericht in Augenschein nimmt. In Anbetracht der (alt-)testamentarischen Charakterisierung Gottes, der seine enttäuschend verantwortungslose Kreation immer wieder mit Menetekeln, Strafen und Auslöschungsszenarien überzieht, eigentlich eine schon damals überfällige Variation der Gattung. Tatsächlich scheinen gerade Horrorfilmhistoriker sich mit der Einordnung von „The Seventh Sign“, der sechsten und vorletzten Kinoregie des aus Ungarn über England nach Australien emigrierten Filmemachers Carl Schultz, seit jeher schwer zu tun – Kategorisierungen von Mystery bis hin zu Fantasy lagen aus mutmaßlich traditionsverbundenen Gründen offenbar näher. Dabei erscheint die Vorstellung einer allmächtigen, launischen Entität, die mit dem sich selbst gegenüber immer wölfischer gebahrenden Menschengeschlecht ein für allemal tabula rasa macht, doch ziemlich unbequem. Nun, mit den ausgewalzt exploitativen, gewissermaßen eine infantile Lust an der Zerstörung fütternden Katastrophenszenarien, wie sie später etwa Emmerich oder Bay zum Besten geben sollten, kann der vergleichsweise geradezu kammerspielartig wirkende „The Seventh Sign“ gewiss nicht mithalten; dafür mangelte es zum einen an Budget und zum anderen an der entsprechenden Ausprägung der Story. So muss sich Demi Moore zwar einmal mit einem kräftigen Hagelschauer und bald darauf noch mit einem Erdbeben herumplagen, der geneigte Cineast weiß jedoch längst, dass Los Angeles noch mit ganz anderen Sachen fertigwerden kann. Es sind also die eher unspektakulären, leiseren Nuancen, die Schultz‘ Arbeit am Ende bedingt sehenswert machen – allem voran der unbedingte Wille, das potenziell hämegefährliche Sujet nie der Lächerlichkeit preiszugeben, aber auch die unablässig grandiose Kameraarbeit von Juan Ruiz Anchía sowie die durchweg erfrischende Besetzung nebst einer in jenen Tagen tatsächlich noch sympathisch wirkenden Hauptdarstellerin, dem noch angesagten Michael Biehn und natürlich Prochnow, der als in die Weltgegenwart katapultierter, bartloser Jesus Christus vielleicht eines der besten Leinwandporträts der ikonischen Figur liefert. Doch auch die Nebenfiguren, der kecke Kabbala-Student Avi (Manny Jacobs), der mit Trisomie 21 geborene Todeszellenkandidat Jimmy Szaragosa (John Taylor) oder der Torwächter und ewige Wanderer Cartaphilus (Peter Friedman), der nunmehr als Vater Lucci für den Vatikan arbeitet und sein Ende herbeisehnt, bereichern.

7/10

LICORICE PIZZA

„I love you, Gary.“

Licorice Pizza ~ USA/CA 2021
Directed By: Paul Thomas Anderson

San Fernando Valley im Frühsommer 1973. Während die Porträts fürs High-School-Jahrbuch aufgenommen werden, entdeckt der fünfzehnjährige, extrovertierte Gary Valentine (Cooper Hoffman) die zehn Jahre ältere Alana Kane (Alana Haim). Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick, sie verschmäht jedoch die offenen Avancen des frechen Teenagers. Dennoch werden sich ihre wege in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder kreuzen und eine enge Freundschaft entstehen. Gary, der sich, ähnlich wie die lebensunentschlossene Alana, allenthalben mit kleinen Schauspielengagements über Wasser hält und dabei stets vom großen Durchbruch träumt, schreckt vor keiner verrückten Marketingidee zurück. So versucht er, unterstützt von Alana, im großen Stil Wasserbetten zu verkaufen und eröffnet später eine der ersten Flipper-Spielhallen in der Region. Ohne es wahrhaben zu wollen, kommen Gary und Alana sich immer näher, derweil alle Flirts und Versuche der beiden, anderweitige Liebesbeziehungen aufzubauen, regelmäßig scheitern.

Lange dauert’s manchmal bis zur Erkenntnis und noch länger vielleicht bis zum Geständnis. Umso schöner, wenn sich dann affirmative Gegenseitigkeit einstellt. Paul Thomas Andersons neunter und neuer Film „Licorice Pizza“, der Titel gleichfalls Slang-Terminus für eine Vinyl-Schallplatte und Name einer zeitgenössischen Record-Store-Kette, erzählt seine ostentativ unspektakuläre Liebesgeschichte als Sommermärchen jener Ära so luftig-leicht und unverschroben und entsperrt wie keine seiner anderen Regiearbeiten zuvor. Nachdem die Pynchon-Adaption „Inherent Vice“ und die bizarre Romanze „Phantom Thread“, wie alle seine Werke seit „There Will Be Blood“ von großer Akkuratesse getragene period pieces, bereits vermuten ließen, dass Andersons Eigenwilligkeit immer geraumer geschlagene Pfade beansprucht, liebäugelt „Licorice Pizza“ eher mit thematisch anverwandten Arbeiten von Amy Heckerling, Richard Linklater oder Cameron Crowe. Es langt also doch noch zu der einen oder anderen Überraschung in einem hoffentlich noch lange fortschreitenden Œuvre. Beinahe alles an diesem gewiss nicht eben erzählzeitknappen, jedoch keinerlei Szenenredundanz aufweisenden Zeitporträt besteht dabei aus gleichermaßen augenzwinkernden wie eherbietigen Reminiszenzen an Ära- und Lokalkolorit. Ein paar alternde, allmählich verblassende Hollywood- und Showgrößen wie Lucille Ball und William Holden (der von Tom Waits gespielte „Rex Blau“ scheint eine Art Mixtur aus John Huston und Sam Peckinpah abzugeben) erleben augenzwinkernde, nominell teils kaum abgewandelte Auftritte; der ehemalige Starfriseur und spätere Filmproduzent Jon Peters (Bradley Cooper) und der Lokalpolitiker Joel Wachs (Benny Safdie) erhalten sogar „unverfälschte“, nichtsdestotrotz höchst augenzwinkernde Hommages an ihre ehedem schillernde Präsenz. Analog dazu erfreuen sich auch die Arrangements vermeintlich sublimer Details von Innenraumdekors über Architekturen und Autos bis hin zu der sorgfältig getroffenen Songauswahl höchster Perfektion. Hinsichtlich all dieser Facetten nimmt „Licorice Pizza“ sich dann am Ende vielleicht doch wieder komplexer aus, als es zunächst den Anschein hat, obschon zumindest seine Narration und seine von handverlesenen Newcomern interpretierten Protagonisten doch so ungewohnt liebenswert und zugänglich daherkommen. Ein Film somit, der in seiner aufrichtigen Schönheit und Pracht noch häufig gesehen sein will.

9/10

MODERN VAMPIRES

„With a good commercial lubricant we could go for hours…“

Modern Vampires (Revenant – Sie kommen in der Nacht) ~ USA 1998
Directed By: Richard Elfman

Im Hollywood der Gegenwart kreuzen sich die Wege von Graf Dracula (Robert Pastorelli), der hier mit seiner Vampir-Community dekadente Clubpartys feiert, dem letzten Van-Helsing-Spross Frederick (Rod Steiger), dem eigensinnigen Nachwuchsvampir Dallas (Casper Van Dien), mit dem Van Helsing eine private Rechnung offen hat, und Dallas‘ amnesischen Opfer Nico (Natasha Gregson Wagner), die seit einiger Zeit auf der Straße lebt und einsame Freier aussaugt. Da der Graf das entfesselte Treiben im Sinne einer geordneten Vampir-Subkultur nicht gut heißt, will er die mittlerweile zu Dallas‘ Schützling gewordene Nico aus dem Weg haben, was wiederum Dallas, Van Helsing und vier Crips-Mitglieder (Gabriel Casseus, Victor Togunde, Cedrick Terrell, Flex Alexander) zur Zweckallianz gegen den Obervampir zusammenführt.

Leider musste Richard Elfmans verrückte kleine Horrorkomödie im Status eines TV-Films produziert werden, dabei wäre ihr ein Kinoeinsatz so sehr vergönnt gewesen. Wobei sich die berechtigte Frage stellt, ob überhaupt – und wenn ja, wie – ein von lahmen Blockbustern eingenordetes Endneunziger-Mainstream-Publikum „Modern Vampires“ wohl rezepiert hätte. Auf Anbiederungen jedweder Art verzichtet das gute Stück nämlich überaus vorsätzlich. Danny Elfmans Bruder Richard, vornehmlich als exaltierter Musiker (Oingo Boingo), Journalist und im Bühnenfach tätig, hatte sich nach seinem bizarren Musical und Midnight Movie „Forbidden Zone“ erstmal lange Jahre aus dem Filmgeschäft ferngehalten und kam erst in den Neunzigern wieder dazu, einige Off-Studio-Projekte zu inszenieren, zuletzt das vorliegende.
Für den sich als ebenso eigensinnige wie geschmacklose Satire begreifenden „Modern Vampires“ konnte er eine überaus stattliche Besetzung vor der Kamera versammeln, die durchweg mit einigem Einsatz ans Werk geht und somit ihr Herz und Engagement für Elfman und sein Werk transparent werden lässt. Im zunehmenden Verlauf seiner Spielzeit spitzt sich die Absurdität des Geschehens immer weiter zu und spätestens, wenn der altehrwürdige Van Helsing mit den vier zugedopten Crips im Fond seines Vans über den Sunset Boulevard tuckert und von der Polizei angehalten wird, weiß man endgültig, in welchem Hause man hier zu Gast ist. Zudem erfährt der Zuschauer mancherlei Dinge betreffs des altehrwürdigen Vampirmythos, die er sich vorher nie zu erfragen wagte (oder wollte), so etwa, dass man sich durch koitalen Verkehr mit einer Vampirin selbst zum Blutsauger wird. Eine freidrehende Vergewaltigungsszene, in der sich das Gangmitgliederquartett über die hässlich mutierte Kim Cattrall hermacht und im Nachhinein erstmal das große Kotzen kriegt, dient zur diesbezüglichen Illustration. Überhaupt hat „Modern Vampires“ nicht nur ein großes Herz fürs erlesen Abjekte, sondern auch für seine zähnebleckenden GesellInnen, zumindest für jene, die auf verkrustete aristokratische Strukturen zu verzichten und sich stattdessen als lebensbejahende Libertins einzurichten pflegen.

7/10

LETHAL WEAPON 4

„Flied lice? It’s fried rice, you plick.“

Lethal Weapon 4 ~ USA 1998
Directed By: Richard Donner

Im Zuge eines Einsatzes gegen einen verrückten Pyromanen verraten sich die beiden best buddies und LAPD-Sergeants Martin Riggs (Mel Gibson) und (Roger Murtaugh) gegenseitig, dass ersterer in Bälde Vater wird und letzter Großvater, wobei der Vater des Enkels noch unbekannt ist. Kurz vor der Niederkunft der werdenden Mütter bekommen die zwei Helden es mit einer Triade zu tun, die Menschenschmuggel betreibt, Blüten herstellt und gleich vier gefangenen Bossen aus Hong Kong zur Freiheit verhelfen will.

Ihr vierter und vorerst letzter gemeinsamer Einsatz vereint die zusehends größer werdende Freundesfamilie um die zwei Haudegen Riggs und Murtaugh zum ersten Mal gegen einen veritablen Superbösewicht, den Triadenboss Wah Sing Ku, gespielt vonChina-Haubitze Jet Li. Nachdem die uninteressante Figur ihres letzter Widersachers im dritten Teil des Franchise, ein recht profilloser und langweiliger Immobilienbetrüger, bereits den beständigen Wechsel der Filme hin vom harten Actionfilm zur Buddy-Komödie personell untermauerte, geht Donner diesmal zumindest wieder im knüppligen Showdown in die Vollen, der die beiden alternden Herren abermals nur via echtem Teamwork reüssieren lässt. Ansonsten setzt sich jedoch breitpfadig der bereits mit dem Erstsequel etablierte und manifestierte, überkandidelte Stil der Reihe fort: Der dauerquasselnde, von den zwei Protagonisten großherzig tolerierte, aber stets gefoppte Leo Getz (Joe Pesci) betätigt sich nunmehr als Privatdetektiv in spe, der wie gewohnt etwas anstrengende Chris Rock muss als zusätzliches comic relief herhalten und diverse, wie beiläufig erzählte Miniepisödchen aus der screwball facility, darunter die (späte) Eröffnung, dass Rogers Gatin Trish (Darlene Love) ein Vermögen als heimliche Kitschromancière verdient (die plötzliche Wohlfahrt der Familie legt man dem ehernen, sich wie üblich schämenden Bullen bereits als Korruption aus) und eine völlig entfesselte Zahnarztsequenz mit Lachgas-Impact, sorgen neben den abermals spektakulären Actionszenen für Tempo. Spielte der makellose Erstling noch periodisch in der Weihnachtszeit, ist „Lethal Weapon 4“ mit seinem ausgesprochenen Zuckerguss-Finale nebst Doppel-Baby-Bescherung und der choralen Versicherung „We are family!“ der eigentliche Weihnachtsfilm der Serie und als solcher zugleich ein wohlfeiler Abschluss. Mit Donners Tod im Sommer diesen Jahres sollte ein weiteres potenzielles, immer wieder diskutiertes Sequel eigentlich endgültig passé geworden sein, was der mit dem vorliegenden Film auf mehrerlei Ebenen vollendeten Tetralogie ihres bestehenden Gesamteindrucks betreffs vermutlich ohnehin zupass käme. Tatsächlich jedoch vermeldete Mel Gibson, wie ich just erfuhr, dass er die Regie einer weiteren Fortsetzung zu übernehmen trachte, abermals mit sich selbst (65) und Danny Glover (75) in ihren vielgeliebten Rollen.

7/10

THE REINCARNATION OF PETER PROUD

„Most people in this world don’t even know who they are – and you wanna know who you were!“

The Reincarnation Of Peter Proud (Die Re-Inkarnation des Peter Proud) ~ USA 1975
Directed By: J. Lee Thompson

Der College-Professor Peter Proud (Michael Sarrazin) wird von bizarren Träumen heimgesucht, in denen er, im Körper eines anderen Mannes (Tony Stephano) steckend, offenbar Jahrzehnte zuvor im Oldtimer durch irgendeine neuenglische Stadt braust, mit verschiedenen Frauen Sex hat und schließlich von einer von ihnen, einer gewisse Marcia (Margot Kidder), während eines nächtlichen Schwimmgangs mit einem Bootsruder erschlagen wird. Da diese Schlaferlebnisse immer intensiver werden, ihn nicht loslassen und Peter sogar beginnt, im Schlaf mit einer fremden Stimme zu sprechen, sucht er sich prfessionelle Unterstützung unter anderem bei dem PSI-Forscher Samuel Goodman (Paul Hecht), der zwar ein offenes Ohr für Peters Nöte hat, ihm jedoch auch keine wirkliche Hilfe ist. Ein Fernsehbericht über Massachusetts liefert schließlich nähere Hinweise: Peter erkennt darin Gebäude aus seinen Träumen wieder. Deren reale Entsprechung findet er nach intensiver Suche vor Ort schließlich in dem Städtchen Massachusetts, das ihm dann auch den unheimlichen Rest offenbart: In Peters Seele hat sich der Geist des vor rund dreißig Jahren von seiner Gattin ermordeten Jeff Curtis eingenistet. Als Peter sowohl dessen Witwe Marcia als auch Curtis‘ Tochter Ann (Jennifer O’Neill) kennenlernt, bahnt sich ein Drama an…

Auf den Spuren von Hitchcock und zugleich ironischerweise den Hitchcocks Motive später wiederum vielfach aufgreifenden De Palma antizipierend wandelt „The Reincarnation Of Peter Proud“, einer der letzten Filme mit phantastischem Überbau des wie gewohnt bunt genreübergreifend arbeitenden J. Lee Thompson. Der um die obsessive Aufdeckung eines Wiedergänger-Mysteriums kreisende „Vertigo“-Topos spiegelt sich darin, variiert und auf nicht unspannende Weise alterniert: Diesmal findet der von seiner Suche zunehmend Besessene nicht die Doppelgänger-Entsprechung einer (durch ein Komplott) zu Tode gekommenen Liebschaft, sondern eine vormals von ihm selbst gelebten Existenz. Da wir uns im Horror-/Thriller-Fach bewegen, spielt auch in Peter Prouds dramatische Geschichte ein ungeklärter und vor allem ungesühnter Mordfall hinein, wenngleich ohne solch geschickte Verschleierungstaktiken wie im großen Vorbild.
Peters Suche nach seinem früheren Ich gestaltet sich zunächst dennoch ebenso assoziativ und zufallsabhängig wie die von Scottie Ferguson nach „seiner“ Madeleine; es erfordert eine Menge investigativer Aufwändungen, darunter eine Reise einmal quer über den Kontinent, vom sonnigen Kalifornien geradewegs in die Heimstatt des ehernen Puritanismus, um Konkretes über das vormals gelebte Leben des Jeff Curtis zu erfahren. Pikant wird es schließlich, als Peter sich in Curtis‘ und damit zumindest im metaphysischen Sinne zugleich in die eigene Tocher verliebt, mit ihr schläft und sie schließlich heiraten will; ein unheiliges, inzestuöses und moralisch unmögliches Band wird geknüpft. Was nicht sein darf, geschieht – und wiederum nicht ohne kosmische Konsequenz. De Palma untersuchte das Ganze nur ein Jahr später mehr oder weniger repetitiv auf ähnliche Weise in seinem – allerdings sehr viel kunstvoller, barocker und komplexer inszenierten – „Obsession“. Freilich schläft das Karma als universeller Rechtssprecher, womit wir nebenbei erneut bei Hitchcock wären, auch in „The Reincarnation Of Peter Proud“ nicht: In seinem Bestreben, den unseligen Geist des zu Lebzeiten promisken Ehebrechers und Erbschleichers Jeff Curtis ein für allemal loszuwerden, sucht Peter sämtliche Orte aus seinen Träumen auf, woraufhin diese ihn dann nicht länger heimsuchen. Als er mit jenem Ansinnen jedoch Curtis‘ verhängnisvolle Schwimmaktion nachstellt, ist die psychisch labile Marcia, die längst geblickt hat, dass der einst von ihr ermordete Jeff sie gewissermaßen in Peters Körper heimsucht und ihn nunmehr für die Blutschande an der gemeinsamen Tochter zu bestrafen trachtet, nicht fern. Der Schicksalskreis schließt sich unvermeidlich und der Rezipient wird hernach mit einem schön abgründigen Finale ins große Sinnieren entlassen.
Dass die Kidder drei Jahre zuvor in De Palmas „Sisters“ gespielt hatte und der Scriptautor Ehrlich sich den Vornamen mit „Homo Faber“-Autor Max Frisch teilt, sind übrigens bloß reine Koinzidenzen.

7/10

THE WORLD’S FASTEST INDIAN

„Dirty old men need love too!“

The World’s Fastest Indian (Mit Herz und Hand) ~ NZ/USA/J 2005
Directed By: Roger Donaldson

Invercargill, Neuseeland, 1962. Burt Munro (Anthony Hopkins), ein recht betagter Herr, gilt zwar als etwas kauzig, ist mit seinem stets freundlichen Wesen jedoch bei jedermann in der kleinen Stadt beliebt. Sein ganzes Herz hängt an einem alten, 1920er Indian-Scout-Motorrad, an der er tagaus, tagein herumschraubt und das ein beachtliches Tempo erreicht. Burts größter Traum, die Spitzengeschwindigkeit seiner Maschine beim Bonneville Salt Flats in Utah zu testen, wird schließlich Wirklichkeit, als er dank einer Hypothek auf sein Häuschen, die finanziellen Mittel für den Trip beisammen hat. Eine billig ergatterte Schiffspassage bringt ihn und seine Indian Scout nach Kalifornien, ein günstig erstandener Gebrauchtwagen von dort aus beide nach Utah, wo Burt allen Vorbehalten zum Trotz nur den ersten von vielen noch folgenden Schnelligkeitsrekorden aufstellt.

Mit „The Worlds Fastest Indian“ stellte Roger Donaldson ein großes Herzensprojekt auf die Beine, an dem er zuvor bereits seit zwanzig Jahren gearbeitet hatte und dessen finale Produktion er schließlich in kompletter Eigeninitiative auf die Beine stellte. Nach diversen Filmen für die großen Hollywood-Studios bildet diese manifestierte Definition eines feel good movies ergo die persönlichste Arbeit des Regisseurs, dessen eigentlich so typisch unpassende deutsche Betitelung sich gewissermaßen als self fulfilling prophecy lesen lässt. Wie seine authentische Hauptfigur Burt Munro machte Donaldson damit vielleicht ein Stück unmöglich Gewähntes möglich. Das wunderbare Resultat, anders als seine teuren Auftragsarbeiten im weniger breiten 1,85:1-Format kadriert, erinnert ein wenig an die kontemplative Gelassenheit von David Lynchs „The Straight Story“ mit dem er manch basalen Zug teilt. Wie Alvin Straight ist auch Burt Munro ein innerlich ausgeglichener Mann, der trotz seiner hohen Jahre nicht allzu viel von der Welt außerhalb des alltäglichen Trotts gesehen hat, nunmehr jedoch seinen existenziellen Mikrokosmos aufbricht, um mit bescheidenen Mitteln ein weit entferntes Ziel zu erreichen. Natürlich kommt im vorliegenden Fall noch hinzu, dass dieses eine sportliche Herausforderung darstellt, die wiederum allerdings umso größer ist, als dass man sie ihrem Akteur aus Altersgründen nicht zutrauen mag. Doch wie jedes andere Problem beseitigt Burt Munro letzten Endes auch dieses durch sein gewinnendes Wesen – möglicherweise gerade bedingt durch seine Herkunft vom „Ende der Welt“ ist er ist das, was man einen Philanthropen nennen mag. Vorurteilsfrei beurteilt er die Menschen, die er trifft, nicht nach Ethnie, Sozialstatus oder sexueller Orientierung, sondern einzig nach ihrer Persönlichkeit. Diese simple Eigenschaft gewährt ihm allerorten Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit und macht ihn zum Gewinner der Herzen, wohin er auch kommt. Erwartbar, dass Burt Munro damit am Ende auch die private Herausforderung des speed record meistert.
Donaldson erzählt sein road movie mit einer rar gewordenen Gelassenheit, gibt jeder einzelnen, noch so aklimaktisch scheinenden Episode auf Burts Reise ausreichend Raum und hält im Herzen von „The World’s Fastest Indian“ für jeden einzelne seiner vielen Figuren ein Zimmer frei, ganz ohne sarkastische Brechungen. Vielleicht ist das alles dem einen oder anderen zu weichgespült, nicht hinreichend zynisch oder ermangelt eines gegenwärtig unerlässlichen, harten Realismus. Ich kann das nicht sagen. Mir und meinem Bauch hat dieser ziemlich wunderbare Film gut getan.

8/10

PALM SPRINGS

„Its one of those infinite time loop situations you might have heard about.“

Palm Springs ~ USA/HK 2020
Directed By: Max Barbakow

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit ist Nyles (Andy Samberg) in einer Zeitschleife gefangenen, die dazu führt, dass er den 9. November bewusst immer wieder und wieder erleben muss. Dabei handelt es sich gleichfalls um den Hochzeitstag von Tala (Camila Mendes), der besten Freundin seiner enervierenden Partnerin Misty (Meredith Hagner), der in einem kleinen Hotel im sonnendurchfluteten Palm Springs stattfindet. Die Erklärung für die quantenphysische Extravaganz: In einem nahegelegenen Felsengebirge gibt es eine Höhle nebst mysteriösem Energiefeld, das jede Person, die sich ihm nähert, zu ebenjener Endlosrepetierung der immerselben letzten 24 Stunden verdammt. Nachdem Nyles bereits vor längerem während eines ausgiebigen, gemeinsamen Drogentrips den aus Irvine stammenden Hochzeitsgast Roy (J.K. Simmons) mit zur Höhle und somit in die Zeitschleife genommen hat, landet auch die Brautschwester Sarah (Cristin Milioti) eines Nachts versehentlich darin. Während für Nyles, der insgeheim schon seit längerem in Sarah verliebt ist, die unverhofft eingeweihte Begleitung eine willkommene Abwechslung vom alltäglichen Einerlei darstellt, mag sich seine neue Gespielin nie ganz mit der ausweglosen Situation abfinden. Zwar verliebt sich auch Sarah irgendwann in Nyles, doch gewisse Gründe veranlassen sie trotz ihrer Gefühle dazu, nach einer wissenschaftlich probaten Lösung für ihr Problem zu suchen…

Der Zeitschleifen-Topos stellt bereits länger, als man gemeinhin vermuten möchte, ein festes SciFi-Subgenre dar, dessen literarische und filmische Umsetzungen in der Regel noch eine zusätzliche, untergeordnete Erzählgattung bedienen, seien es die (romantische) Komödie, Thriller- und/oder Action-Storys. Weltberühmt wurde das Sujet natürlich endgültig durch Harold Ramis‘ unsterblichen Klassiker „Groundhog Day“, in dem es für Bill Murray als Hauptfigur Phil Connors gilt, über den Schatten seines unermüdlichen, lakonischen Zynismus‘ zu springen und jenen einen, ausnahmslos idealen Tag zu verbringen, um sich ins reale Morgen retten zu können. Derlei moralinsaure Metaphysik spielt in Max Barbakows „Palm Springs“ ebensowenig eine (allzu eminente) Rolle wie wahlweise die Aufklärung eines Kriminalfalles oder irgendwelche Mindfuck-Volten, wie sie andere Exempel vor ihm längst mit diesbezüglich deutlich intensiverem Interesse durchgespielt haben. „Palm Springs“, der mir mit etwas Sichtungsabstand etwas wie eine westgewandte, weniger kantige und weichere, philanthropischere Behauung der letzten beiden Korine-Filme vorkommt, könnte man vielmehr als postmodernistische time loop romcom bezeichnen: er wähnt seine mündige Zuschauerschaft als in bester Kenntnis befindlich um die zahllosen Möglichkeiten und Fallstricke, die das Erlebnis des sich permanent wiederholenden Tages beinhaltet und gibt sich erst gar keine Mühe damit, das, was Bill Murray einst noch als existenzielle Besonderheiten erlebte, auch nur im Mindesten sensationalistisch wieder aufzurollen. Dass jede noch so vermeintlich grenzwertige Aktion keinerlei nachhaltigen Effekt aufweist, da der nächste Morgen (im vorliegenden Fall) pünktlich um 9.01 a.m. wieder „auf Null“ schaltet, haben auch Nyles und der ihn völlig zu Recht als seine ultimative Nemesis wähnende Roy bereits zu Beginn des Films längst internalisiert.
Das Publikum derweil wird an die Seite der mit ihm frisch in der pikanten Situation befindlichen Sarah gestellt, einer sympathischen, aber etwas lose vor sich hin lebenden Mittdreißigerin, die, ebenso, wie der sich seiner besonderen Lage längst ergebende Nyles, bis dato noch nicht die wahre existenzielle Erfüllung gefunden hat. Am Ende rettet sie beide schließlich der unbedingte Wille zur Konsequenz und dazu, sich der persönlichen Zukunft emotional wohlgerüstet zu stellen, freilich mit Sarah als initiierendem Faktor. Zuvor gibt es allerlei Gelegenheiten sowohl zum aufrichtigen Verlieben als auch zu mal mehr, mal weniger schwarzem Humor mit – auch das freilich ein beliebtes traditionelles Element – multipler Todesfolge; mal mehr, mal weniger einkalkuliert. Besonders liebenswert daran sind die überaus schöne Paarung Samberg – Milioti, dazu passend einige typisch SNL-lastige Bonmots und eine exzellente Songauswahl. Könnte mit mehrfacher Betrachtung noch wachsen.

8/10

THE FOUNDER

„One word: persistence.“

The Founder ~ USA/GR 2016
Directed By: John Lee Hancock

Um die Mitte der 50er Jahre verkauft der emsige Klinkenputzer Ray Kroc (Michael Keaton) mit eher mäßigem Erfolg Milchshake-Automaten an Drive-In-Restaurants. Als eine ungewöhnlich große Bestellung aus San Bernadino bei ihm eingeht, macht er sich auf den Weg nach Kalifornien, um sich vor Ort ein Bild des offenbar überaus gut gehenden Schnellrestaurants zu machen. Die Inhaber desselben, die Brüder Richard (Nick Offerman) und Maurice McDonald (John Carroll Lynch) wiederum sind angetan von der Bewunderung Krocs betreffs ihres speziellen Konzepts und weihen ihn in ihre innovative Geschäftsidee ein: Höchste Effektivität in Form von blitzschneller Bedienung, stabiler Qualität, einer schmalen Produktpalette und steter Kundenfreundlichkeit haben „McDonald’s“ in der Region ein besonderes Renommee verschafft. Kroc ist der Überzeugung, dass diese Idee auch andernorts Erfolg haben muss und überredet die Brüder trotz einiger Bedenken ihrerseits dazu, ihr Restaurant zu einem Franchise-Unternehmen zu machen. Krocs nachfolgende Anstrengungen, Investoren zu finden, laufen zunächst nicht ganz problemlos vom Stapel; die Voraussetzung, das Konzept „McDonald’s“ unverändert und im Sinne seiner Begründer zu übernehmen, irritiert die Franchisenehmer teilweise. Dock Kroc setzt seine Pläne mit unbeirrbarem Stoizismus und bald gigantischem Erfolg durch. Dass dabei die zusehends besorgten Urheber ddes Ganzen auf der Strecke bleiben und irgendwann sogar das Recht an der Verwendung ihres eigenen Familiennamens einbüßen, nimmt Kroc mit dem gelassenen Habitus des selbstberauschten Großunternehmers billigend in Kauf.

Die Gründerväter des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Pioniere des global funktionierenden Kapitalismus und eines dessen größter Sinnbilder sind die goldenen Bögen. McDonald’s steht wie keine andere weltweit operierende Marke mit Ausnahme vielleicht von Coca Cola für Vertrauen, Sicherheit und zivilisatorische Anbindung. Wer eine der weltweit knapp 40.000 McDonald’s-Filialen betritt, weiß im Regelfall, was er dort bekommt und was ihn erwartet und auch wenn milliarden von Menschen den Multi und seine rigoros ausbeuterische Funktionalität zurecht verdammen, lässt sich eine andere Milliarde tagtäglich von ihm ernähren. Das Biopic „The Founder“ berichtet mit sanfter Ironie und ansonsten völlig unaufgeregt davon, wie es rund sechzig Jahre zuvor dazu kommen konnte, dass „McDonald’s“ zu dem wurde, als das es heute die allermeisten Kinder kennen und lieben. Dafür sind zwei Faktoren von Bedeutung: zum einen Ray Kroc und zum anderen dessen gleichermaßen zündende wie verderbliche Mixtur aus Gier und Unternehmergeist. Gewiss erzählt „The Founder“ zuallererst auch eine exemplarische Kapitalismusstory, wie sie in dieser Form wohl annähernd originär für das Amerika der Nachkriegsära sein dürfte: aus einem kleinen Vertreter mit gesteigerter Tendenz zum Alkoholismus wird ein Selfmade-Millionär, dessen Vorgehensweise in Relation zu seiner Vermögensmehrung zunehmend rigoros wird. Greed is good. Am Anfang stehen zwei naive Brüder als stolze Existenzgründer mit ihrer sorgsam gehüteten, gleichsam uramerikanischen Idee, am Ende stehen sie als lachhaft abgespeiste Verlierer da. Der Gewinner indes hat ihr Baby zu einem Monster herangezüchtet, das die einstigen Väter nicht mehr begreifen.
Dass der in seiner Rolle exzellent aufspielende Michael Keaton Ray Kroc keineswegs als Ritter in schimmernder Rüstung bespielt, steht angesichts einer derartigen Prämisse wohl außer Frage. Obgleich praktisch keine Szene des Films ohne seine Präsenz auskommt, macht der Protagonist sich auch das Publikum nicht zu Freunden. Sein Narzissmus und seine Egozentrik wachsen parallel zu Einfluss und Geld, wobei auch Krocs Privatleben genau diese Entwicklung widerspiegelt. Seine erste Frau Ethel (Laura Dern) verliert den Bezug zu ihm, da sie weder fähig noch Willens ist, seiner selbstauferlegten Mission zu folgen; an ihre Stelle tritt die von Krocs machthungrigem Charme faszinierte Joan Smith (Linda Cardellini), die wiederum ihren vormaligen Gatten (Patrick Wilson) für ihn verlässt. Ein Schelm, wer darin den Verlust von Integrität zugunsten persönlicher Korruption reflektiert gefunden glaubt.

8/10

THE LITTLE THINGS

„It’s the little things that get you caught.“

The Little Things ~ USA 2021
Directed By: John Lee Hancock

John „Deke“ Deacon (Denzel Washington), alternder Deputy-Sheriff in Bakersfield, muss wegen einiger Formalia zu seiner früheren Wirkungsstätte Los Angeles zurückkehren. Deke war bis vor ein paar Jahren als Detective in der Großstadt tätig und galt als Legende seines Fachs, hatte dann jedoch seinen Dienst dort quittieren müssen und auch alle privaten Wurzeln zurückgelassen. Zufällig bekommt Deke vor Ort mit, dass sein junger Nachfolger Jim Baxter (Rami Malek) in einem Mordfall ermittelt, der sich als das Werk eines Serientäters entpuppt. Da sich unweigerliche Analogien zu Dekes letztem, ungelösten Fall in L.A. ergeben, nimmt dieser kurzerhand Urlaub, um Baxter inoffiziell bei dessen Ermittlungen zu unterstützen. Das Duo stößt auf einen exzentrischen Wäschereiarbeiter namens Albert Sparma (Jared Leto), gegen den zwar mehr und mehr Indizien, aber keine wirklichen Beweise sprechen. Sparma wird verhört, muss jedoch wieder freigelassen werden und treibt fortan ein boshaftes Katz-und-Maus-Spiel mit den beiden ihn beschattenden Cops, dem sich Baxter psychisch nicht gewachsen zeigt…

Zum zweiten Mal nach „The Bone Collector“ begibt sich der nunmehr gesetztere Denzel Washington als arrivierter, wegen beruflicher Versehrtheit jedoch kaltgestellter Cop auf die Jagd nach einem Serienmörder im (sub-)urbanen Großstadtdschungel. Diesmal geht es in die Westküstenmetropole und zumindest ist Deke Deacon trotz eines dazumal erlittenen, schweren Herzinfarkts immer noch mobiler als der querschnittsgelähmte Lincoln Rhyme, wenngleich ihn die Geister ungesühnter Gewalt nicht in Ruhe lassen mögen.
John Lee Hancock, der das Script zu „The Little Things“ bereits in den frühen Neunzigern, nach seiner Arbeit an Eastwoods „A Perfect World“, verfasst hatte und es konsequenterweise auch im dazugehörig gegenwärtigen Zeitkolorit spielen lässt, gelingt es, seinem Werk eine wesentlich engmaschiger gewebte Atmosphäre angedeihen zu lassen als dies bei Noyces Film der Fall war. Abermals stützt sich das Resultat zu großen Teilen auf Denzel Washingtons schauspielerische Brillanz. Die Rolle des ausgebrannten John Deacon erweist sich als echtes Geschenk für den alternden Akteur, dem es erwartungsgemäß behende gelingt, die inneren Abgründe seines Charakters stets kristallin werden zu lassen. Weniger zuverlässig zu rechnen war da schon mit seinem Co-Star Rami Malek, der es zudem a priori etwas schwerer hat – seine Rolle des Detective Jim Baxter ist zumindest zu Beginn etwas schnöselig und arrogant angelegt, was es entsprechend erschwert, der Figur Sympathien abzuringen. Erst später, wenn seine Vunlnerabilität und damit verbundene Menschlichkeit eklatant werden, mag man ihn in sein Herz schließen. Jared Leto indes hat seinen bisher lediglich zweimal in der Peripherie auftauchenden Joker scheinbar gänzlich internalisiert zu haben; egal, ob Albert Sparma am Ende schuldig ist oder nicht, Leto lässt keinen Zweifel an seinem diabolischen Wesen und bewegt sich somit tatsächlich zur Gänze auf dem figuralen Terrain des beliebten comic villain. Die sich nicht zuletzt in Anbetracht des sich verdichtenden Wüstenfinales aufdrängenden und offenbar bereits mehrfach kolportierten Analogien zu „Se7en“ drängen sich zwar unweigerlich auf, sind meines Erachtens aber zu vernachlässigen – zum einen des tatsächlichen Scriptalters wegen, zum anderen weil Albert Sparma trotz all seiner gewiss vorhanden, psychischen Untiefen nie ganz den infernalischen Nimbus eines John Doe erreicht.

7/10

NOMADLAND

„What’s remembered lives.“

Nomadland ~ USA/D 2020
Directed By: Chloé Zhao

Das Städtchen Empire, Nevada stirbt mit der Schließung der hiesig ansässigen Gipsfabrik. Fern (Frances McDormand) hat zuvor bereits ihren Mann Bo, der ebenfalls dort arbeitete, an eine Krebserkrankung verloren. Mit einem kleinen Van, der ihr zudem als Wohnstatt dient, setzt sie sich in Bewegung, um fortan Teilzeitjobs anzunehmen und sich so finanziell über Wasser zu halten. Fern zählt damit zu den „nomads“, nicht-sesshaften, permanent auf Reisen befindlichen US-Bürgern, die, oftmals bereits im Rentenalter, ihr Leben „on the road“ verbringen. Auf ihrer Fahrt, die sie durch mehrere Staaten des Mittelwestens führt, begegnet Fern allerlei liebenswerten ExistenzgenossInnen, die sich nach Kräften bemühen, das Beste aus ihrem zumeist sehr entbehrungsreichen Alltag zu machen und ihm aller Widerstände zum Trotz die schönen Seiten abzugewinnen.

Leben und Sterben auf der Straße: Das sozialökonomische Phänomen der nomads ist für den ordinären Mitteleuropäer kaum nachvollziehbar oder gar bekannt, in den USA jedoch nicht so ungewöhnlich, wie man zunächst vermuten würde. Den klassischen Nomaden gleich ziehen aus unterschiedlichsten Gründen entwurzelte, nicht selten ältere AmerikanerInnen mit ihren zu mobilen Wohnungen umfunktionierten Kleinlastern über Land und vollziehen dabei im Jahrestakt zirkulierende Bewegungen, um sich immer wieder für einen begrenzten Zeitraum als Saison- und Teilzeitarbeiter zu betätigen und dann weiterzureisen. Die Filmemacherin Chloé Zhao findet für die Schilderung des Alltags der fiktiven Nomadin Fern dabei ein sehr passendes Timbre, indem sie den Verlockungen des Offensichtlichen komplett entsagt und sich einem wenig ereignisreichen, jedoch nie langweiligen Erzählfluss hingibt. Zhao hätte sich einer Vielzahl optionaler Versatzstücke und Klischees befleißigen können, um Ferns etwa ein erzähltes Jahr währenden Lebensausschnitt möglichst dramatisch oder melancholisch zu zeichnen, doch sie übt sich stattdessen in vergleichsweiser Askese. Fern wird zur Heldin ihres eigenen, sich zunehmend autark gestaltenden Seins. Ihr Weg bleibt konstant, ihre Straße trotz kleiner Umleitungen hier und da gerade. Der Film zieht in diesem Zusammenhang die als gewiss nicht gänzlich unproblematisch zu betrachtende Parallele zu den historischen Pionieren und Entdeckern; Menschen, die Unverbindlichkeit, Unabhängigkeit und die Abwesenheit von Verpflichtung als Freiheiten begriffen und sich stets dort zu Hause fühlten, wo ihr Hut am Abend lag. Dass nomads durchaus auch als durchs soziale Raster gefallene Verlierer des kapitalistischen Systems begriffen werden können und müssen, verschweigt „Nomadland“ zwar nicht, schreibt sich dessen kritische Würdigung jedoch auch nicht auf die Agenda. Fern, deren Geschichte das Zentrum des Films bildet, bieten sich nämlich auch andere Optionen. Um wieder „auf die Füße zu fallen“ könnte sie zur Vorstadtfamilie ihrer Schwester ziehen oder auch zu der von Dave (David Strathairn), der beschließt, sich vom Nomad-Dasein zu verabschieden und wieder seßhaft zu werden. Fern jedoch hält es nirgends länger als ein paar Tage, der Drang weiterzuziehen ist zur stärksten Antriebsfeder ihres Lebens geworden. Insofern ist Chloé Zhao vorgeworfen worden, das Leben der nomads auf unverhältnismäßige Weise zu romantisieren und ihre oftmals prekäre Lebensweise mit selbstgewählter Freiheit zu verwechseln. Dabei spielen fast alle in „Nomadland“ auftretenden nomads sich selbst und das mit spürbarem Enthusiasmus. Die letztgültige Wahrheit, so es eine solche überhaupt gibt, liegt hier vermutlich – wie so oft – irgendwo im Grau der Zwischenplätze. Oder, um im Bild des Films zu bleiben, in den pastellenen Windungen eines Prärie-Sonnenuntergangs.

8/10