THE SISTERS BROTHERS

„We have enough money to stop for good.“

The Sisters Brothers ~ F/E/RO/BE/USA 2018
Directed By: Jacques Audiard

Oregon, 1851. Die beiden Sisters-Brüder Eli (John C. Reilly) und Charlie (Joaquin Phoenix) betätigen sich als Laufburschen für den reichen Geschäftsmann „Commodore“ (Rutger Hauer), der sie stets dann mobilisiert, wenn es besonders dreckige Jobs ohne Nachfragen zu erledigen gilt. Aktuell sollen sie einen Chemiker namens Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed), der just auf dem Weg nach San Francisco ist, in die Zange nehmen. Der sich privat gern in melancholischer Schreiberei ergehende Privatdetektiv John Morris (Jake Gyllenhaal) wurde ebenfalls engagiert, um die Vorarbeit zu leisten, Warm also ausfindig zu machen und den Sisters seinen Aufenthaltsort zu übermitteln. Während die Brüder einen beschwerlichen Ritt voller Zwischenfälle in Richtung Kalifornien auf sich nehmen, schließen Warm und Morris Bekanntschaft und freunden sich an. Morris erfährt von Warm den tatsächlichen Grund für das Interesse des Commodore an seiner Person: Er hat eine stark ätzende Säure entwickelt, die Gold in Gewässern sichtbar macht. Warm ist jedoch mitnichten daran interessiert, sich mittels der Formel privat zu bereichern; sein eigentlicher Traum sieht vor, mit dem zu erwartenden Erlös in Texas eine Enklave zivilisierter Liberaler aufzubauen, die als Musterbeispiel für eine zukünftige Gesellschaftsform dienen könnte. Als die Sisters die beiden bereits auf Goldsuche befindlichen Partner treffen, lassen sie sich auf deren Seite ziehen und entscheiden sich gegen ihren vormaligen Auftraggeber. Der zögert nicht lange und hetzt ihnen seine Killer auf den Hals…

Internationaler als zuvor wurde Jacques Audiard bereits mit seiner letzten Regiearbeit „Dheepan“, in der es um tamilische Migranten in Frankreich ging. Für „The Sisters Brothers“, seinen achten Film und den ersten, dessen Script in englischer Sprache verfasst ist, konnte er nunmehr auf eine recht eindrucksvolle US-Besetzung zurückgreifen, mit der im Schlepptau er sich naheliegenderweise eines uramerikanischen Stoffes annahm – eines Western. Ausschließlich gedreht an europäischen Schauplätzen (wie es diverse kontinentale Regisseure auch in jüngerer Zeit, die sich dem Genre widmen, ebenfalls zu praktizieren pflegen), vornehmlich in Rumänien und Spanien, spiegelt „The Sisters Brothers“ dennoch diverse klassische Gattungstopoi in teils immens metaphorisierter Form wider. Allgegenwärtig zeichnet sich etwa der akuter werdende Konflikt ab zwischen dem abenteurlichen, maskulinen Hang, die atavistische Wildheit der frontier towns zu bewahren und dem der Zivilisation des Ostens entspringenden Bedürfnis, eine sichere Existenzgrundlage in Form einer streng demokratisch organisierten Gesellschaftsreform zu errichten. Hermann Kermit Warm, Wissenschaftler, Philosoph, Pazifist und Träumer, steht symbolisch für einen möglichen Aufbruch in eine solche Utopie. Er hat bereits konkrete Pläne entwickelt, wie diese zu realisieren wäre und dem eigenen Bekunden nach bereits eine umfassende Loge aus Geistesverwandten mobilisiert. Sein Schlüssel ist jene chemische Formel, um Gold zu finden, wohl eine Art Königswasser. Auf Warms Weg ins Sozialparadies liegen jedoch die unwägbaren Stolpersteine der von außen heranströmenden Gier und Gewalt; man will seiner Erfindung unter Anwendung von Gewalt zunächst habhaft werden und weiß später nicht, adäquat mit ihr Maß zu halten. Auftritt Sisters Brothers. Die beiden nicht gänzlich ungebildeten (sie sind immerhin alphabetisiert), aber doch recht tumben Brüder stecken voller psychischer Untiefen. Charlie hat einst den prügelnden, dauerbesoffenen Vater getötet und ist nun selbst halber Alkoholiker, dem Mord und Gewalt zur zweiten Natur wurden. Eli, der Ältere der beiden, einer verflossenen Liebe tief nachtrauernd, sehnt sich insgeheim nach Sesshaftwerdung und Bürgerlichkeit, fühlt sich jedoch für Charlie verantwortlich. Die Begegnung mit Warm und Morris, die bereits in langen Gesprächen ihrer mittlerweile gemeinsamen Vision nachhängen, wird für sie zu einer biographischen Zäsur. Tatsächlich entwickeln die Brüder Verständnis und Sympathie für die beiden Gewalt verabscheuenden Männer und sind bereit, zu ihren Gunsten der vormaligen Loyalität zu entsagen. Eine ganz wunderbare Szene zeigt Eli und Morris, wie sie sich bei der morgendlichen Zahnpflege begegnen. Eli hat seine Zahnbürste nebst Fluorpulver erst vor kurzem in einem Krämerladen erworben und ist noch ganz verzückt von der ungewohnten, neuen Oralhygiene. Seine Reaktion, als er Morris ebenfalls beim Zähneputzen erblickt, spricht Bände – er fühlt sich, überglücklich lächelnd, dem traurigen Poeten nun inniglich verbunden, während jener lediglich ein kurzes Kopfnicken für Eli erübrigt.
Charlies Gier durchkreuzt schließlich alle Träume und mündet in ein humanes und ökologisches Fiasko, als er die Indikatorsäure maßlos in das gestaute Flussbett kippt. Nach dieser schlimmen Schlappe bleiben zudem noch die Häscher des Commodore, die den Sisters keine ruhige Minute mehr lassen. Ironischerweise führt sie am Ende, nach getaner Arbeit, der Weg wieder zurück ins heimische Nest, zur Mutter (Carol Kane), wo ein letztes kleines Sanktuarium des Friedens und der Harmonie wartet.
So wandelt „The Sisters Brothers“ leicht, sanft ironisch und behende zwischen finsterem Humor und Tragödie, wenn er seine beiden liebens- zugleich aber zutiefst bemitleidenswerten Protagonisten durch eine mit Irrwegen gepflasterte Welt schickt, zu deren nachhaltiger Mitbestimmung sie trotz aller ungestümen Versuche keine noch so winzige Nuance beitragen können.

8/10

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RAVENOUS

„Bon appétit.“

Ravenous ~ UK/USA/CZ/MEX 1999
Directed By: Antonia Bird

Sierra Nevada, Kalifornien, 1847: Nach einer Auszeichnung, die Captain John Boyd (Guy Pearce) infolge einer eher unfällig vollzogenen Heldentat in den letzten Tagen des Amerikanisch-Mexikanischen Krieges zuteil wird, entsendet man ihn nach Fort Spencer, einen kleinen, militärischen Außenposten am Fuß des Gebirges, der von dem gesetzten, sympathischen Colonel Hart (Jeffrey Jones) kommandiert wird. Eines Abends taucht ein halberfrorener Fremder (Robert Carlyle) in Spencer auf, der sich als Siedler namens Colqhoun vorstellt und eine furchtbare Geschichte erzählt: Er sei mitsamt fünf Mitreisenden infolge eines Schneesturms wochenlang in einer Höhle in den Bergen gefangen gewesen, wo der Hunger sie schließlich in den Kannibalismus gedrängt hat. Colqhoun habe noch fliehen können, bevor der wahnsinnig gewordene Colonel Ives auch ihn hatte töten und verspeisen können. Ives und eine Witwe seien noch vor Ort. Eine kleine Abordnung macht sich auf den Weg, der Frau zur Hilfe zu eilen, doch in der Höhle finden sich nurmehr die abgenagten Gerippe von fünf Leichen. Colqhoun entpuppt sich als der Hauptübeltäter und tötet bis auf Boyd alle Soldaten. Boyd kann sich mit gebrochenem Bein verstecken und ist schließlich selbst zum Verzehr eines seiner toten Kameraden (Neal McDonough) gezwungen, um zu überleben. Wie durch ein Wunder meistert er den Weg zurück nach Fort Spencer, wo sich just ein neuer Kommandeur vorstellt: Colonel Ives alias Colqhoun…

„Ravenous“, die vierte von bislang fünf Kino-Regiearbeiten der Londoner Filmemacherin Antonia Bird, könnte man als die groteske, mit Horrorelementen hybridisierte Paraphrase eines klassischen frontier western bezeichnen. Die Storyprämisse ist dieselbe wie sieben Jahre zuvor bei Kevin Costners Meisterwerk „Dances With Wolves“ – ein dem Tode geweihter Offizier rettet sich selbst durch einen mirakulösen Akt des Heldentums doch noch selbst das Leben, wird dafür perplexerweise ausgezeichnet und in westliches Niemandsland entsandt, wo er das Grauen einer barbarisierten Zivilisation erlebt. Indianische Kultur und Mystizismen nehmen in „Ravenous“ allerdings lediglich eine periphere Rolle ein: Boyd hört die Geschichte des „Wendigo“, eines gierigen Geistes, der, einmal dem Kannibalismus verfallen, einen unstillbaren, suchtartigen Hunger auf Menschenfleisch entwickelt, sich jeweils die Kraft des verzehrten Opfers aneignet und so selbst immer stärker wird. Jene Legende erweist sich im weiteren Verlauf als nur allzu zutreffend. Ives berichtet später, selbst von ihr gehört und sich hernach gezielt der Anthropophagie zugewandt zu haben, um seine Schwindsucht und seine Depressionen zu überwinden – höchst erfolgreich, wie er hinzufügt. Auch Boyd und Hart lernen die unheimliche, heilsame (und lebensspendende) Kraft kennen, die das Verspeisen von humanen Artgenossen mit sich bringt. Beiden gelingt es, dem sicheren Tod von der Schippe zu bringen. Ives hat derweil längst den Plan entwickelt, Fort Spencer zum Zentrum einer aus auserwählten (damit sind ranghohe Offiziere des Militärs gemeint) Mitgliedern bestehenden, kannibalischen Subkultur zu machen und sich dort künftig an Richtung Westen durchreisenden Siedlern zu delektieren. Die Symbolik dahinter ist so trefflich wie evident: Der Imperialismus frisst sich selbst. Den Wendigo könnte man ebensogut auch als Rachewerkzeug der im Rückzug befindlichen, indigenen Bevölkerung am Weißen Mann erachten; wenn schon die unrechtmäßige Landnahme stattfinden muss, dann zumindest nur unter grauenvollsten Entbehrungen. Den Kannibalismus schaltet Antonia Bird infolge dessen gewissermaßen gleich mit dem Vampirismus: Wie Blutsauger durch den Lebenssaft ihrer Opfer Unsterblichkeit und Unverletzlichkeit um den Preis der Entseelung erlangen, scheint auch die Anthropophagie (zumindest in den unerschlossenen Gefilden des amerikanischen Westens) einen ganz ähnlichen Effekt auf ihre Nutznießer auszuüben. Und doch lässt sich nicht abschließend klären, wo die Grenze zwischen Wahn und Spiritualität verläuft, denn gänzlich unsterblich, mit dieser beruhigenden Erkenntnis entlassen Antonia Bird und ihr Autor Ted Griffin uns aus ihrem ebenso schönen wie gewitzten Film, sind selbst Kannibalen nicht. Dafür können vermeintliche Feiglinge immer auch Helden sein.

8/10

US

„Who are you people?“ – „We’re Americans.“

Us (Wir) ~ USA/J 2019
Directed By: Jordan Peele

Der Sommerurlaub der vierköpfigen Familie Wilson im kalifornischen Santa Cruz bedeutet für Mutter Adelaide (Lupita Nyong’o) zugleich die Rückkehr in ein altes Vergangenheitstrauma: im Mai 1986, zur Zeit des „Hands Across America“-Charity-Events, stieß Adelaide als Kind in einem Spiegelkabinett des Freizeitparks am Strand von Santa Cruz auf eine exakte Doppelgängerin ihrer selbst, ein Erlebnis, das sie über längere Zeit apathisch und stumm zurückließ und von dem sie sich nur schwer erholte. Umso unwohler fühlt sie sich nun, da sie hierher zurückkehrt und würde am liebsten gleich wieder umkehren. Ein neuerlicher Ausflug in den Themenpark kostet Adelaide wiederum einiges an Nerven, da sie ihren Sohn Jason (Evan Alex) bereits kurz entführt glaubt. Doch es kommt noch viel schlimmer: Am Abend tauchen vier physiognomische, jedoch psychisch und geistig offenbar derangierte Ebenbilder der Wilsons in der Einfahrt ihres Sommerhauses auf und demonstrieren bald ihre gewalttätigen Absichten. Die Wilsons können sich zur Wehr setzen, doch der Albtraum betrifft nicht nur sie: Landesweit erscheinen überall ebenso gewaltbereite wie wahnsinnige Doppelgänger, die ihre Gegenstücke attackieren und hernach eine riesige Menschenkette bilden…

Der gegenwärtige, dystopisch gefärbte (Mainstream-)Horrorfilm transportiert politische und sozialkritische Dimensionen in einer Form, die dem Genre (mit Ausnahme von einzelnen Blitzlichtern wie „They Live“) seit den Achtzigern weitgehend abhanden gekommen zu sein schienen. Tragfähige Exempel dafür sind mittlerweile Legion: Jennifer Kents „The Babadook“ untersucht die psychologischen Erfordernisse des modernen Mutterdaseins, Jeremy Saulniers „Green Room“ exerziert die Auswüchse provinziellen Rassismus‘ durch, Fede Alvarez‘ „Don’t Breathe“ geht in die sozial desolierten Vorstädte, und die „The Purge“-Serie nimmt sich auf wenig subtile Weise der unterschwelligen Gewaltbereitschaft der Wohlstandsgesellschaft an.
Jordan Peele, dessen „Get Out“ bereits eine treffende Reflexion darüber bot, wie rigoros das weiße WASP-Establishment die afroamerikanische Kulturkraft anzapft und damit eine ganz moderne Form des privilegierten, rassistischen Parasitarismus lanciert, verleiht nun in „Us“ dem Subprekariat ein buchstäbliches Kollektivantlitz. Seine wiederum symbolträchtige Geschichte entwirft diesmal die (nicht immer ganz ausgegoren wirkende) Prämisse eine Langzeitexperiments der US-Regierung, in dessen Zuge von sämtlichen Bürgern der Staaten jeweils Klone erstellt wurde, die in einem unterirdisch ausgebauten Tunnelsystem ihr Dasein isoliert, weithin sich selbst überlassen und unter anarchischen Zuständen zu fristen haben. Ohne Sonnenlicht schlafen die Klone in Sälen mit Etagenbetten, erhalten Einheitskleidung, Wasser und Nahrung, die einzig und allein aus lebenden Stallkaninchen besteht. Mit der unfälligen Begegnung der kleinen Adelaide mit ihrem Gegenstück wird jedoch eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die rund 33 Jahre später eskaliert: Die Klone finden ihren Weg ins Freie und fordern ihr Recht ein, sich an die Plätze ihrer „normal“ lebenden Ebenbilder zu setzen. Darin eingebettet präserviert Peele zunächst ein klassisches Home-Invasion-Szenario, das im weiteren Verlauf mit den Versatzstücken des Zombiefilms (Flucht vor den „Besessenen“) hantiert, um dann ein paar mehr oder weniger sinnstiftende twists zu liefern. Dabei füttert Peele sein von ihm als popkulturbeflissen und diesbezüglich mündig vorausgesetztes Publikum mit diversen in-jokes und Reminiszenzen, die passabel bei Laune halten und zieht die Gewaltschraube nicht weiter an als unbedingt nötig. Zudem installiert er unzweideutige narrative Widerhaken als Reminder für ein potenzielles Sequel oder gar für ein kommendes Franchise, was in Anbetracht der eigentlich doch hinreichend auserzählten Geschichte um Adelaide und ihren Widerpart wiederum recht fragwürdig erscheint. Als Nachfolger zu „Get Out“ enttäuscht „Us“ somit nicht, schafft es andererseits jedoch auch ebensowenig, die Jordans Kinoerstling umspielende, rotzige Keckheit zu revitalisieren. So oder so: man freut sich bereits auf kommende Attraktionen dieses vielversprechenden Genre-Auteurs.

8/10

BAD TIMES AT THE EL ROYALE

„I think, it’s some kind of a pervert hotel.“

Bad Times At The El Royale ~ USA 2018
Directed By: Drew Goddard

Das „El Royale“, ein altehrwürdiges Motel mit architektonisch reizvoller Inneneinrichtung, liegt genau an der Grenze von Kalifornien zu Nevada und hat seine besten Tage bereits hinter sich. Einst stiegen hier berühmte Vegas-Stars und Politiker ab, um ihre geheimen Schäferstündchen in einem der gleichsam auf beide Staaten verteilten Zimmer zu verbringen. An einem Sommertag im Jahre 1969 kommen dort jedoch lediglich vier Gäste an – und das nahezu gleichzeitig: Der redselige Klinkenputzer Sullivan (Jon Hamm), die betrogene Soulsängerin Darlene Sweet (Cynthia Efro), der Geistliche Father Flynn (Jeff Bridges) und das rotzige Hippiemädchen Emily (Dakota Johnson). Bald wird sich herausstellen, dass weder das Hotel, noch seine Gäste wirklich das sind, was sie vorzugeben scheinen.

Nach dem brillanten, ein komplettes Kinosegment transzendierenden „Cabin In The Woods“ ließ sich Drew Goddard ganze fünf Jahre Zeit, um seine nächste Regiearbeit zu präsentieren. Diese ließ nach dem selbstgesetzten, hohen Qualitätsmaßstab des phantastischen Vorgängers die Erwartungshaltungen recht wohlgenährt dastehen. Das Resultat jedoch ernüchtert: Eine vertraut erscheinende Grundkonstellation, ganz ähnlich der von James Mangolds „Identity“ und filmhistorisch fußend auf Archie Mayos „The Petrified Forest“ gibt den Ton an. Eine Schar zwielichtiger, sich wechselseitig unbekannter Gestalten muss eine sturmumtoste Nacht in einem entlegenen Gasthaus verbringen. Bald gibt es den ersten, bei diesem freilich nicht bleibenden Toten und dazu eine Enthüllung nach der anderen: Der Staubsaugervertreter erweist sich als direkt J. Edgar Hoover unterstehender FBI-Agent mit brisantem Auftrag, der liebenswert anmutende Pfarrer als demenzkranker Ex-Knacki auf der Suche nach hier versteckter Beute und die Hippie-Hippe als Flüchtige, die ihre jüngere Schwester (Cailee Spaney) vor dem Einfluss eines ebenso charismatischen wie gewalttätigen Sektengurus namens Billy Lee (Chris Hemsworth) zu schützen sucht. Selbst der schüchterne Concierge (Lewis Pullman) hat ein deutlich schlechteres Gewissen als man ihm anfangs zutraut und weiß somit wesentlich mehr, als er vorgibt zu wissen. Einzig die stimmgewaltige Vokalistin entpuppt sich als moralisch einwandfrei. Leider sind all die kleinen, via Rückblenden ausgeschmückten Geschichtchen weder sonderlich sensationell noch sonstwie aufregend. Man meint, einen zigmal heruntergespulten Song als mediokren, überlangen 12″-Remix aufgetischt zu bekommen. Zusätzlich störend wirkt dabei, dass Goddard offenbar glaubt, er habe abermals einen ganz dicken erzählerischen Fisch an der Angel, was sich in letzter Konsequenz keinesfalls bestätigt findet. Zwischenzeitlich hatte ich noch die Hoffnung, dass sich die Andeutungen um jenes mysteriöse „Management“, das offenbar eine ganze Menge an Rückhaltlosem im El Royale angestellt hat, im diffusen Hintergrund zu einer überraschend platzenden Bombe herangezüchtet wird, doch Pustekuchen: Dieser Strang findet sich ersatzlos fallengelassen. Stattdessen viel Rauch um Nichts, tarantinoeske Geschwätzigkeit und eine nervende Überdosis Hemsworth-Sixpack-Porn. Letztlich symbolisiert die zurückbleibende Enttäuschung über jenes verpuffende Scheitern zugleich die ganze Geschichte dieses vormals so vielversprechend antizipierten Films.

5/10

SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Ihre Motivlage so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10

AMERICAN GRAFFITI

„Sneakin‘ around with the Wolfman, baby. This is gonna strike a raw nerve, Mama. Here’s The Platters.“

American Graffiti ~ USA 1973
Directed By: George Lucas

September 1962: Während in dem Städtchen Modesto zu den allseits tönenden Klängen des Radio-DJ Wolfman Jack (Wolfman Jack) das Ende der Sommerferien eingeläutet wird, bedeutet diese Nacht für Curt Henderson (Richard Dreyfuss) und Steve Bolander (Ron Howard) womöglich den Abschied von ihrem bisherigen, wohlvertrauten Leben. Die jungen Männer erwartet ein College-Platz an der Ostküste. Während Curt sich nicht sicher ist, ob er überhaupt aus Modesto raus will, versucht Steve unbeholfen, seiner Sandkastenfreundin Laurie (Cindy Williams) den nahenden Abschied zu erleichtern. Als Curt eine attraktive Blondine in einem Ford Thunderbird erspäht, setzt er sich in den Kopf, sie unbedingt kennenzulernen. Curts und Steves zwei Kumpel John Milner (Paul Le Mat), seines Zeichens ungekrönter König der lokalen Straßenrennszene, und der nerdige Terry Fields (Charles Martin Smith) haben derweil ganz andere Sorgen. Während John eine frühpubertierende Göre (Mackenzie Phillips) an den Hacken hat, versucht Terry, bei der einfältigen Debbie (Candy Clark) Eindruck zu schinden.

Wie sein bös kassengecrashter Vorgänger „THX 1138“ erwies sich George Lucas‘ wiederum von Coppolas Zoetrope produzierte, zweite Regiearbeit „American Graffiti“ als nachhaltig stil- und gattungsprägend Von den etlichen Schul- und College-Komödien der Spätsiebziger und Achtziger über die „Lemon Popsicle“-Serie bis hin zu Linklaters zwei Zeitpopträts reicht die sich über die Folgedekaden hinziehende Abschöpfungsspanne.
Hatte zwei Jahre zuvor im Kontext der New-Hollywood-Bewegung bereits Peter Bogdanovich mit „The Last Picture Show“  einen nostalgischen Rückblick auf vergangene Jugendtage und unvermeidliche Coming-of-Age-Schwermut vollzogen, so versetzte Lucas mittels teils autobiographisch geprägter Detailversessenheit dem Topos seine unverwechselbaren, bis heute gültigen Ingredienzien. Statt der depressiven Ödnis des zutefst lebensunlustigen, schwarzweißen Texas-Settings von Larry McMurtry erwarteten das Publikum hier Scope, leuchtende Farben, schicke Drive-In-Diners, Highschool-Schwoof, Autokult und natürlich eine erlesene, vor Gassenhauern strotzende Rock ’n‘ Roll-Tonspurrille, die das Geschehen, immer wieder eingeleitet von der (tatsächlichen) DJ-Legende Wolfman Jack, nahezu pausenlos untermalt (und kommentiert). In heuer typischer Ensemble-Film-Manier spult Lucas die Erlebnisse seiner vier Protagonisten in stetem, episodischen Wechsel ab. From dusk till dawn wird jeder von ihnen auf seine Weise mit persönlichen Schwächen und Stärken konfrontiert und vollzieht einen wesentlichen, gleichfalls nicht unbedingt liebenswerten Schritt in Richtung Erwachsenwerden: Curt lernt, dass es sich nicht auszahlt, ohnehin unerreichbaren Träumen hinterherzujagen, Steve hingegen, dass das kleine Glück nicht zwangsläufig in der Ferne wartet. Milner lässt durchblicken, dass der regionale Kult um seine Person ihn eigentlich deutlich mehr enerviert als mit Stolz zu erfüllen und Terry begreift am Ende seiner turbulenten Nacht, dass er es nicht nötig hat, sich als jemand aufzuspielen, der er gar nicht ist.
Eine epilogisch angefügte Schrifttafel in Jahrbuch-Optik klärt uns schließlich über die recht unromantischen, künftigen Schicksale der Helden auf. Vietnam lauert bereits dräuend in der Ferne und den ohnehin an Jimmy Dean erinnernden, aus der Zeit gefallenen Outcast John Milner erwartet ein zutiefst unrühmlicher Unfalltod. Curt und Steve, gewissermaßen die bodenständigere, bourgeoise Hälfte des Kleeblatts, werden in gutbürgerlichen Berufen landen. Das gibt’s nur einmal (, das kommt nicht wieder).

9/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10