BAD TIMES AT THE EL ROYALE

„I think, it’s some kind of a pervert hotel.“

Bad Times At The El Royale ~ USA 2018
Directed By: Drew Goddard

Das „El Royale“, ein altehrwürdiges Motel mit architektonisch reizvoller Inneneinrichtung, liegt genau an der Grenze von Kalifornien zu Nevada und hat seine besten Tage bereits hinter sich. Einst stiegen hier berühmte Vegas-Stars und Politiker ab, um ihre geheimen Schäferstündchen in einem der gleichsam auf beide Staaten verteilten Zimmer zu verbringen. An einem Sommertag im Jahre 1969 kommen dort jedoch lediglich vier Gäste an – und das nahezu gleichzeitig: Der redselige Klinkenputzer Sullivan (Jon Hamm), die betrogene Soulsängerin Darlene Sweet (Cynthia Efro), der Geistliche Father Flynn (Jeff Bridges) und das rotzige Hippiemädchen Emily (Dakota Johnson). Bald wird sich herausstellen, dass weder das Hotel, noch seine Gäste wirklich das sind, was sie vorzugeben scheinen.

Nach dem brillanten, ein ganzes Kinosegment transzendierenden „Cabin In The Woods“ ließ sich Drew Goddard ganze fünf Jahre Zeit, um seine nächste Regiearbeit zu präsentieren. Diese ließ nach dem selbstgesetzten, hohen Qualitätsmaßstab des phantastischen Vorgängers die Erwartungshaltungen recht wohlgenährt dastehen. Das Resultat jedoch ernüchtert: Eine vertraut erscheinende Grundkonstellation, ganz ähnlich der von James Mangolds „Identity“ und filmhisorisch fußend auf Archie Mayos „The Petrifies Forest“ gibt den Ton an. Eine Schar zwielichtiger, sich wechselseitig unbekannter Gestalten muss eine sturmumtoste Nacht in einem entlegenen Gasthaus verbringen. Bald gibt es den ersten Toten, bei dem es freilich nicht bleibt, und dazu eine Enthüllung nach der anderen: Der Staubsaugervertreter erweist sich als direkt J. Edgar Hoover unterstehender FBI-Agent mit brisantem Auftrag, der liebenswerte, Pfarrer als demenzkranker Ex-Knacki auf der Suche nach hier versteckter Beute und die Hippie-Hippe als Flüchtige, die ihre jüngere Schwester (Cailee Spaney) vor dem Einfluss eines ebenso charismatischen wie gewalttätigen Sektengurus namens Billy Lee (Chris Hemsworth) zu schützen sucht. Selbst der schüchterne Concierge (Lewis Pullman) hat ein deutlich schlechteres Gewissen als man ihm anfangs zutraut und weiß wesentlich mehr, als er vorgibt zu wissen. Einzig die stimmgewaltige Vokalistin entpuppt sich als moralisch einwandfrei. Leider sind all die kleinen, via Rückblenden ausgeschmückten Geschichtchen weder sonderlich sensationell noch sonstwie aufregend. Man meint, einen zigmal heruntergespulten Song als mediokren, überlangen 12″-Remix aufgetischt zu bekommen. Störend wirkt abei, dass Goddard offenbar glaubt, er habe abermals einen ganz dicken erzählerischen Fisch an der Angel, was sich natürlich keinesfalls bestätigt findet. Zwischenzeitlich hatte ich noch die Hoffnung, dass sich die Andeutungen um ein mysteriöses „Management“, das offenbar eine ganze Menge an Rückhaltlosem im El Royale angestellt hat, im diffusen Hintergrund zu einer überraschend platzenden Bombe herangezüchtet wird, doch Pustekuchen: Dieser Strang wird ersatzlos fallengelassen. Stattdessen viel Rauch um Nichts, tarantinoeske Geschwätzigkeit und eine unsägliche Überdosis Hemsworth-Sixpack-Porn. Letztlich symbolisiert die zurückbleibende Enttäuschung über jenes verpuffende Scheitern zugleich die ganze Geschichte dieses vormals so vielversprechend antizipierten Films.

5/10

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SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Ihre Motivlage so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10

AMERICAN GRAFFITI

„Sneakin‘ around with the Wolfman, baby. This is gonna strike a raw nerve, Mama. Here’s The Platters.“

American Graffiti ~ USA 1973
Directed By: George Lucas

September 1962: Während in dem Städtchen Modesto zu den allseits tönenden Klängen des Radio-DJ Wolfman Jack (Wolfman Jack) das Ende der Sommerferien eingeläutet wird, bedeutet diese Nacht für Curt Henderson (Richard Dreyfuss) und Steve Bolander (Ron Howard) womöglich den Abschied von ihrem bisherigen, wohlvertrauten Leben. Die jungen Männer erwartet ein College-Platz an der Ostküste. Während Curt sich nicht sicher ist, ob er überhaupt aus Modesto raus will, versucht Steve unbeholfen, seiner Sandkastenfreundin Laurie (Cindy Williams) den nahenden Abschied zu erleichtern. Als Curt eine attraktive Blondine in einem Ford Thunderbird erspäht, setzt er sich in den Kopf, sie unbedingt kennenzulernen. Curts und Steves zwei Kumpel John Milner (Paul Le Mat), seines Zeichens ungekrönter König der lokalen Straßenrennszene, und der nerdige Terry Fields (Charles Martin Smith) haben derweil ganz andere Sorgen. Während John eine frühpubertierende Göre (Mackenzie Phillips) an den Hacken hat, versucht Terry, bei der einfältigen Debbie (Candy Clark) Eindruck zu schinden.

Wie sein bös kassengecrashter Vorgänger „THX 1138“ erwies sich George Lucas‘ wiederum von Coppolas Zoetrope produzierte, zweite Regiearbeit „American Graffiti“ als nachhaltig stil- und gattungsprägend Von den etlichen Schul- und College-Komödien der Spätsiebziger und Achtziger über die „Lemon Popsicle“-Serie bis hin zu Linklaters zwei Zeitpopträts reicht die sich über die Folgedekaden hinziehende Abschöpfungsspanne.
Hatte zwei Jahre zuvor im Kontext der New-Hollywood-Bewegung bereits Peter Bogdanovich mit „The Last Picture Show“  einen nostalgischen Rückblick auf vergangene Jugendtage und unvermeidliche Coming-of-Age-Schwermut vollzogen, so versetzte Lucas mittels teils autobiographisch geprägter Detailversessenheit dem Topos seine unverwechselbaren, bis heute gültigen Ingredienzien. Statt der depressiven Ödnis des zutefst lebensunlustigen, schwarzweißen Texas-Settings von Larry McMurtry erwarteten das Publikum hier Scope, leuchtende Farben, schicke Drive-In-Diners, Highschool-Schwoof, Autokult und natürlich eine erlesene, vor Gassenhauern strotzende Rock ’n‘ Roll-Tonspurrille, die das Geschehen, immer wieder eingeleitet von der (tatsächlichen) DJ-Legende Wolfman Jack, nahezu pausenlos untermalt (und kommentiert). In heuer typischer Ensemble-Film-Manier spult Lucas die Erlebnisse seiner vier Protagonisten in stetem, episodischen Wechsel ab. From dusk till dawn wird jeder von ihnen auf seine Weise mit persönlichen Schwächen und Stärken konfrontiert und vollzieht einen wesentlichen, gleichfalls nicht unbedingt liebenswerten Schritt in Richtung Erwachsenwerden: Curt lernt, dass es sich nicht auszahlt, ohnehin unerreichbaren Träumen hinterherzujagen, Steve hingegen, dass das kleine Glück nicht zwangsläufig in der Ferne wartet. Milner lässt durchblicken, dass der regionale Kult um seine Person in eigentlich mehr enerviert als stolz macht und Terry begreift am Ende seiner turbulenten Nacht, dass er es nicht nötig hat, sich als jemand aufzuspielen, der er gar nicht ist.
Eine epilogisch angefügte Schrifttafel in Jahrbuch-Optik klärt uns schließlich über die recht unromantischen, künftigen Schicksale der Helden auf. Vietnam lauert bereits dräuend in der Ferne und den ohnehin an Jimmy Dean erinnernden, aus der Zeit gefallenen Outcast John Milner erwartet ein zutiefst unrühmlicher Unfalltod. Curt und Steve, gewissermaßen die bodenständigere, bourgeoise Hälfte des Kleeblatts, werden in gutbürgerlichen Berufen landen. Das gibt’s nur einmal (, das kommt nicht wieder).

9/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10

ROMAN J. ISRAEL, ESQ.

„An act doesn’t make the person guilty unless the mind is guilty as well.“

Roman J. Israel, Esq. ~ USA/CAN/UAE 2017
Directed By: Dan Gilroy

Als sein Partner und Boss William Jackson infolge eines Herzinfarkts auf der Intensivstation landet, steht der verschrobene Anwalt Roman J. Israel (Denzel Washington) nach Jahrzehnten plötzlich alleine da. Die ohnedies rote Zahlen schreibende Kanzlei geht an den Konsortienboss George Pierce (Colin Farrell). Anstatt Roman wie geplant abzufinden, zeigt sich Pierce von dessen enzyklopädischem Wissen und seiner Unbeirrbarkeit beeindruckt und bietet ihm eine Stelle an. Zunächst angewidert von der gänzlich dem Establishment verhafteten Firma, sorgen ein paar frustrierende, persönliche Erfahrungen dafür, dass der ehemals glühende Aktivist und Menschrenrechtsvorkämpfer Roman sich korrumpieren lässt und einen schweren moralischen Fehltritt vollzieht. Als er nach ein paar Tagen der haltlosen Prasserei wieder zur Räson kommt, heißt es Farbe bekennen…

Film ist immer auch ein Spiegel seiner Zeit. Nach knapp zwei Jahren Donald Trump sind Werke vom Schlage „Roman J. Israel, Esq.“ somit alles andere als verwunderlich und werden noch in Jahrzehnten als Thesenmaterial Bestand beweisen.
Auch seine zweite Regiearbeit nach der satirisch grundierten Medienschelte „Nightcawler“ weist Dan Gilroy wiederum als ehernen Wächter und Vertreter moralischer Grundsätze aus. Nach eigenem Bekunden gezielt für Denzel Washington geschrieben, gibt „Roman J. Israel, Esq.“ unzweideutigen oscar bait ab, eine Geschichte, die für Lumet zu offensichtlich und geradlinig gewesen wäre und für, sagen wir, Mike Nichols, wiederum zu sperrig und fatalistisch.
Washington präsentiert sich hier abermals als einer der besten Schauspieler im Mainstream-Kino Hollywoods. Wie er seine höchst komplexe Figur, nebenbei eine Traumrolle für den heranwachsenden Altstar, anlegt und ausagiert – ehemaliger Bürgerrechtler, mental in den Siebzigern verharrend, unter dem Asperger Syndrom leidend, voller kleiner Tics und Zwanghaftigkeiten – das bildet das unweigerliche Herz dieses Films. Etwas weniger aufregend kommt da schon Israels temptation journey daher: Der Frust über den unabwendbaren Verlust seines Mentors wirft den Sonderling mitten ins Haifischbecken. Er, der schon seit etlichen Jahren heimlich eine Reform des gesamtstaatlichen Strafrechts plant, muss dahin, wo er nie hinwollte; zu den big players, den geschniegelten Yuppies und Erfolgstypen, die ihre Mandaten einzig und allein deshalb verteidigen, um Geld mit ihnen zu verdienen, und nicht etwa, weil es ihre moralische Pflicht wäre. Einem Brandungsfels gleich versucht Israel zunächst, seine gewohnte Praxis in den neuen, hochdotierten Job zu integrieren – eine Unmöglichkeit, wie sich rasch zeigt. Die urbane Gesellschaft vermag einen wie Roman J. Israel nicht zu verdauen. Der Frust wächst weiter und wandelt sich in einen emotionalen Protest, der zum ganz privaten Sündenfall führt. Dass dieser Israel zunächst erst den ersehnten sozialen Respekt verschafft, gleicht der puren Ironie. Doch kein Fehltritt bleibt ohne Strafe. Dass Gilroy am Ende den steinreichen, aalglatten Pierce zum legitimen geistigen Erben Romans überhöht, hat nicht nur etwas capraeskes, sondern scheint mir auch höchst streitbar. Andererseits: Wir leben in Zeiten, da der Abkehr vom allumfassenden Zynismus ein kaum zu unterschätzender Stellenwert zukommt. Es ist wieder an der Zeit, das Richtige zu zeigen und das Richtige zu tun.

7/10

THE SATAN BUG

„Psychotics don’t generally engage in teamwork, Lee.“

The Satan Bug (Geheimagent Barrett greift ein) ~ USA 1965
Directed By: John Sturges

Station 3 ist ein strenggeheimes, abgesichertes Forschungslabor für biologische Kriegsführung in der kalifornischen Wüste. Dort wurde der tödliche und hochinfiziöse Kampfstoff Botulinus und noch ein weiteres, sogar noch weitaus gefährlicheres und unberechenbareres Nervengift, „die Zellenpest“, hergestellt. Als eine Gruppe Krimineller in Station 3 einbricht und Proben beider B-Waffen stiehlt, gerät die Regierung in höchste Alarmbereitschaft. Der fähige Agent Lee Barrett (George Maharis) wird mit der Aufgabe der Wiederbeschaffung beider Mittel betraut. Zunächst gilt es jedoch, die Tarnidentität des Drahtziehers des Anschlages aufzudecken, eines gewissen Charles Reynolds Ainsley,  der sich in cognito auf Station 3 eingeschlichen hat und der die Zellenpest über Los Angeles freisetzen will.

Mit „The Satan Bug“, einer Alistair-MacLean-Adaption, wagte sich John Sturges 1965 ungewöhnlich nah an einen lupenreinen Camp-Stoff heran. Geschichten um Superagenten und überqualifizierte G-Men zählten zu jener Zeit, als die Bond-Filme just dabei waren, das globale Actionkino zu revolutionieren, zu einer vergleichsweise sicheren Bank, was zur Folge hatte, das etliche Spoofs und Nachzieher, die den Kalten Krieg zur Basis oftmals hoffnungslos überhöhter fiktionaler Ausschweifungen benutzten, die Leinwände in aller Welt fluteten. Aus dem britischen Spezialisten der Vorlage, einem gewissen Pierre Clavell, wurde bei Sturges der Ex-Agent und Privatdetektiv Lee Barrett, der von dem vergleichsweise unbeschriebenen TV-Darsteller George Maharis besetzt wurde. Maharis‘ wesentliche Qualität bestand darin, gut auszusehen und dem Protagonisten (der der Komplexitätsreduktion halber im deutschen Titel gleich eine prominente Nennung erfuhr und von Connery-Stammsprecher Gert-Günther Hoffmann synchronisiert wurde) ein markantes, möglicherweise serientaugliches Antlitz zu verleihen. Über seine tatsächlichen Qualitäten als Akteur darf man jedoch getrost das Mäntelchen des Schweigens ausbreiten. Für diese waren ohnehin sehr viel mehr die prominent besetzten Nebenfiguren zuständig, von Richard Basehart als verrücktem Superbösewicht über Dana Andrews als graue Eminenz im Hintergrund und Mentor des Helden bis hin zu Anne Francis als dessen Teilzeitkonkubine und Andrews‘ Tochter.
Primär aufsehenerregend an „The Satan Bug“ nimm sich allerdings dessen Kameraarbeit von Robert Surtees aus, die die felsige Wüste Kaliforniens kurzerhand zum zusätzlichen Hauptdarsteller ernennt und ihr ganz wunderhübsche, leuchtende Bilder abtrotzt.
Der mysteriöse B-Kampfstoff „Satan Bug“, für die deutsche Fassung, wie erwähnt, überaus einfallsreich „Zellenpest“ getauft, kann ferner als Vorläufer unzähliger MacGuffins von auffallend ähnlicher Provenienz gewertet werden.
Damit jedoch begnügt sich das Innovationspotenzial dieses allzu gewschwätzigen und in Anbetracht seiner Substanzlosigkeit deutlich zu langen Films bereits. Heuer lässt sich „The Satan Bug“ immerhin noch als schickes Kuriosum innerhalb der Werksvita seines Regisseurs goutieren oder zumindest konsumieren, zumal die just erschienene, wie gewohnt erlesene Edition aus dem Hause Anolis sich dem willfährigen Betrachter nochmals gesondert attraktiv präsentiert.

6/10

THE ENDLESS

„You were always here.“

The Endless ~ USA 2017
Directed By: Justin Benson/Aaron Moorhead

Vor einigen Jahren haben die beiden Brüder Justin (Justin Benson) und Aaron Smith (Aaron Moorhead) auf Justins Insistieren hin eine nahe der kalifornischen Wüste beheimatete Esoterikergruppe verlassen, bei der sie seit Kindheitstagen lebten. Ihre Eltern hatten dort einst einen tödlichen Autounfall und Hal (Tate Ellington), der geistige Führer der Aussteiger, hatte sich ihrer angenommen. Der bodenständigere Justin war dann jedoch irgendwann der Meinung, die sich angeblich durch Bierbrauerei selbst finanzierende Gruppe sei gefährlich, glaube an außerirdischen Humbug und plane mittelfristig einen kollektiven Selbstmord, woraufhin er und Aaron Richtung L.A. verschwanden. Dort gestaltet sich das Leben jedoch als materiell prekär und insgesamt allzu diffizil, weshalb Justin sich zähneknirschend von Aaron überreden lässt, nach „Camp Arcadia“, wie die Aussteiger ihren Hort nennen, zurückzukehren. Vor Ort angekommen zeigt sich, dass Justin Aaron zwar einige Lügengeschichten über die Leute aufgetischt hat, es in der ruralen Gegend jedoch nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Zwei Monde scheinen des Nachts und ein dritter geht gerade auf, irgendwo hoch am Firmament lauert eine offenbar überirdische, unsichtbare Kraft, seltsame Menschen geistern um das Camp herum. Schließlich finden die Brüder vereint die haarsträubende Wahrheit über das Areal heraus…

Fünf Jahre nach dem um Einiges kärglicher gestalteten „Resolution“ konnten Justin Benson und Aaron Moorhead auf ein sichtbar großzügigeres Budget zurückgreifen und den damals kreierten Mythos um eine (oder mehrere) obskure Entität(en) im kalifornischen backcountry weiterspinnen. Die Installation und sukzessive Ausweitung umfassender filmischer Universen erfreuen sich aktuell spätestens seit des Milliarden-Erfolgs des MCU vor allem bei Genrefans überaus intensiver Beliebtheit; man denke nur an die „Cloverfield“-Reihe, die bereits drei auf direkter Narrationsebene völlig unterschiedliche Geschichten hervorbrachte, die lediglich den gemeinschaftlichen Nenner besitzen, alle in derselben Realität spielen. Legendarys MonsterVerse erhält demnächst seinen dritten Ableger und Universal feilt weiterhin eifrig an seinem Dark Universe um die großflächige Revitalisierung der klassischen, vornehmlich viktorianischen Filmmonster. Warum nicht ein entsprechendes Äquivalent im kostengünstigen und vor allem studiounabhängigen Indie-Sektor aus dem Boden stampfen? Nun, hieraus könnte, bei anhaltendem Erfolg (und genau nach solchem schnuppert es justament) Entsprechendes werden. Was haben wir da nun genau? Eine (oder wie erwähnt gar eine Gruppe von) übermächtige(n) Wesenheit(en) unbekannter Herkunft (sie könnten außerirdischen Ursprungs sein oder uralte, auf der Erde beheimatete Kreaturen ähnlich den „Großen Alten“, vielleicht auch indianische Gottheiten), die in der Lage sind, Bannkreise zu erschaffen, in denen Raum und Zeit außer Kraft gesetzt sind, in denen Realität und Kausalitätszusammenhänge sich nach dem Zufallsprinzip immer wieder neu zusammensetzen und deren menschliche „Opfer“, also Personen, die zum passenden Zeitpunkt freiwillig oder unfreiwillig in einen der Bannzirkel geraten, durch gezielte Hinweise in Form übersandter Medien und Datenträger sich nach und nach ihrer Situation gewahr werden. Manch einer wird darüber wahnsinnig (James Jordan), andere [bester und eigentlich einziger wirklich creepiger Einfall des Films: der Typ im Zelt (Ric Sarabia)] sind im Bruchteil weniger Sekunden gefangen, offenbar je nach der momentanen Konstellation der ebenfalls metaphysischen Gestirne. Welches Ziel die Kultisten (sind es überhaupt welche?) genau verfolgen, bleibt wiederum etwas schleierhaft; wollen sie das ewige Leben oder suchen sie gerade davon Erlösung? Fest steht, dass der Einfluss der Wesen mit der Erfindung digitaler Vernetzung nicht mehr auf das Wüstenareal beschränkt ist. Wie bereits „Resolution“ gezeigt hat, können sie ihre medialen Kommunikationswege nunmehr auch „nach draußen“ ausweiten, um neue Opfer für ihre Bannzirkel anzulocken.
Für die beiden Brüder (Sollen sie eigentlich Zwillinge sein? Der Eingangstext lässt Entsprechendes vermuten, der Film jedoch verrät diesbezüglich nichts) entwickelt sich das Ganze schließlich zu einer im Verhältnis zu ihren übersinnlichen Erlebnissen relativ ordinären Revision ihrer Beziehung zueinander, so dass „The Endless“ uns im Intimbereich zwar ein happy end beschert, im Nachhinein aber noch immer allzu unbefriedigend viele, lose Enden bleiben. Mal sehen, ob da noch was kommt…

7/10