AMERICAN HISTORY X

„Has anything you’ve done made your life better?“

American History X ~ USA 1998
Directed By: Tony Kaye

Nazi-Skin Derek Vinyard (Edward Norton) genießt eine massive Reputation in der „Szene“. Diese wächst nochmals tüchtig an, als er einen farbigen Einbrecher auf offener Straße erschießt und noch einen weiteren per Bordsteinbiss hinrichtet, um daraufhin drei Jahre wegen Totschlags in Chino abzusitzen. Besonders sein heimlicher Mentor Cameron Alexander (Stacy Keach), ein Vertreiber von Nazi-Musik und -Memorabilia schätzt ihn ebenso als intelligenten, eloquenten Vertreter rassistischer Ideologien und Hassbotschaften wie als gewaltbereite rechte Hand. Doch die drei Jahre Gefängnis machen aus Derek einen anderen Menschen: Das große Swastika-Tattoo auf der linken Brust ist zwar noch da, doch die Haare sind länger, das Auftreten deutlich milder, gefasster und ruhiger. Derek musste am eigenen Leibe erfahren, wie weit her es ist mit der Aufrichtigkeit der weißen Rasse; wie diese sich im Knast willfährig weiter kriminalisiert, dealt, vergewaltigt. Dereks dringendstens Ziel ist es nun, seinen zu ihm aufsehenden, jüngeren Bruder Danny (Edward Furlong) aus Alexanders Fängen zu befreien. Doch Danny hat sich andernorts bereits Todfeinde gemacht…

Unter all den jüngeren, sich (nicht nur) mit der Parallelkultur der (amerikanischen) Neonazis und rechtsextremen Skinheads befassenden Filmen genießt „American History X“ fraglos die größtflächige Beliebtheit. Die Userschaft der imdb sorgt dafür, dass er konstant unter den fünfzig renommiertesten Filmen verweilt und immer wieder ist er in Kanonisierungen zu finden, die sich mit Coming-of-Age-, Subkultur- oder ganz allgemein transgressivem Kino befassen. Dabei hatte Regisseur Tony Kaye schon während der Postproduktion die Schnauze gestrichen voll von „seinem“ Film und pausierte hernach erstmal neun Jahre, bevor er ein neues Kinoprojekt in Angriff nahm. Woher der Groll? Nachdem die Produktionsfirma New Line Kayes ursprüngliche Schnittfassung ablehnte, erstellte er eine extrem verkürzte Version, die wiederum schließlich von Hauptdarsteller Norton in ihre nunmehr bekannte Form gebracht wurde. Kaye lehnte und lehnt diese vehement ab, durfte nach Auflagen der DGA seinen Namen jedoch weder zurückzuziehen noch unkenntlich machen. Ob der von Kaye im Nachhinein veranstaltete Affenzirkus das ganze Drama um den Film in irgendeine positivere Richtung lenkte, darf bezweifelt werden. Dass er persönlich mit dem Thema noch nicht abgeschlossen hat, lässt sich einsichtsvoll an der Existenz der von ihm selbst erstellten, bisher jedoch noch nicht veröffentlichten Dokumentation „Humpty Dumpty“ festmachen.
Was bleibt unterm Strich? Der größte Verdienst von „American History X“ besteht darin, bei all dem Aufwerfen seiner komplexen Fragen keine billigen, moralinsauren Antworten zu liefern. Damit steht er am Ehesten in der Tradition von Spike Lees „Do The Right Thing“, der sich, obschon aus diametraler Perspektive heraus, zumindest ein wesentliches, finales Statement mit „American History X“ teilt: Gewalt ist keine Lösung.
„American History X“ ist kein pädagogischer und kein didaktischer Film. Er dürfte kaum dazu angetan sein, überzeugte Neonazis ad hoc zu leidenschaftlichen Aussteigern umzuerziehen, er erzählt lediglich eine – sehr tragisch und traurig verlaufende – Milieugeschichte mit einem konsequent offenen Ende. Eigentlich wäre zu erwarten, dass Derek Alexanders tumben Schlägern zum Opfer fällt und für seine Verfehlungen aus den eigenen Reihen heraus bestraft wird; stattdessen jedoch steht ein denkbar unschuldiges Opfer am Schluss – Danny, der sich bislang noch nicht offen kriminalisiert hat, wird ausgerechnet von einem afroamerikanischen Gangmitglied erschossen. Die Spirale findet kein Ende, sie dreht sich weiter, einem Perpetuum Mobile gleich, und wird dies vermutlich auch bis ans Ende aller Zeiten, weil Hass, Vorurteile und rassistisch motivierte Gewalt einer multikulturellen Gesellschaft wesentlich inhärent sind. Dieses doch sehr finstere conclusio gilt es zu schlucken, und sie erfüllt ihren Auftrag. Sie macht betroffen und schmerzt. Leider schafft es der Film bei all dieser unweigerlich ausgestellten streetwiseness nicht, gängige Klischees zu ignorieren. Nebenfiguren wie der gebildete, farbige Lehrer Bob Sweeney (Avery Brooks), der sich nebenbei als leidenschaftlicher Sozialarbeiter und bei allem Engagement zur Machtlosigkeit verdammter, sisyphosische Weltenretter hervortut, muss man ebenso in Kauf nehmen wie Elliot Gould als verprellten, jüdischstämmigen Freund der tuberkulösen und überforderten Familienmutter (Beverly D’Angelo) und wie, ganz besonders ärgerlich, Ethan Suplee als tumben, fetten Klischee-Skinhead Seth Ryan, der offenbar demonstrieren soll, in welchen sozialen Gewässern Nazi-Rattenfänger am Erfolgreichsten fischen können. Einem Typen wie Seth wäre ein Szeneausstieg nach dem Vorbild Derek Vinyards, zumindest suggeriert das der Film unweigerlich, erst gar nicht möglich. Dafür ist er letztlich zu hässlich, zu unsportlich, zu dick, zu dumm und infolge dessen zu stark fanatisiert. Aufgrund dieser Eigenschaften taugt Seth nicht zum Helden und damit auch nicht zur Identifikationsfigur und schon gar nicht zum Freidenker, anders als eben Vineyard, der im Gegenzug hinreichend „positive“ Qualitäten besitzt. An diesen Stellen erscheint „American History X“ mir nach wie vor verlogen und inkonsequent, weil er als Film, der sich genau dessen enthalten müsste, einen mehr oder weniger subtilen Persönlichkeits-, ja, Führerkult betreibt. Damit zerstört er sich nicht gleich, beschädigt sich jedoch irreparabel. Und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein – abschließendes Lincoln-Zitat hin oder her.

7/10

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THE TRAP

„Ain’t nothin‘ left to stand up for.“

The Trap (Die Falle von Tula) ~ USA 1959
Directed By: Norman Panama

Anwalt Ralph Anderson (Richard Widmark) kehrt nach langen Jahren zurück in das kleine, kalifornische Nest Tulsa, in dem sein alternder, hartherziger Vater Lloyd (Carl Benton Reid) nach wie vor als Sheriff aktiv ist und sein versoffener Bruder Tippy (Earl Holliman) den Deputy spielt. Tippy hat zudem Ralphs Jugendliebe Linda (Tina Louise) geheiratet. Für Ralph gibt es somit wenige Gründe zu nostalgischen Gefühlen, doch sind seine Motive auch höchst praktikabler Natur: Er soll dem steckbriefich gesuchten Mafiaboss Victor Massonetti (Lee J. Cobb) eine störungsfreie Flucht ins Ausland über Tulas kleinen Flughafen ermöglichen und seinen Vater zu entsprechenden Maßnahmen anstiften. Der Vernunft halber lässt der Sheriff sich überreden, wird jedoch wegen eines Missverständnisses erschossen, an dem Tippy, der das Kopfgeld für Massonetti einfahren will, erschossen. Ralph bleibt nurmehr die Flucht nach vorn, er nimmt Massonetti gefangen und flieht mit Tippy und Linda, die sich mittlerweile zu Ralph bekannt hat, in die nächste Stadt. Doch der Wagen überhitzt bald und Massonettis Leute sind ihnen dicht auf den Fersen…

Einen leicht verspäteten noir in bleichen Farben hat der als Gelegenheitsregisseur und vornehmlich als Drehbuchautor tätige Norman Panama, der üblicherweise vornehmlich im Komödienfach aktiv war, mit „The Trap“ geschaffen. Das staubige Wüstensetting der sich mehr und mehr verdichtenden Geschichte lässt zudem Anklänge an die „Countdown-Western“ der Dekade im Gefolge von Zinnemanns „High Noon“ eminent werden, in denen ein einsamer Held gegen die Zeit zu kämpfen hat und wahlweise eine brisante Situation auszusitzen oder einen Gauner einem regional distanzierten Ziel zuzuführen hat. Am Anfang glaubt man in Unkenntnis der kommenden Ereignisse noch, Widmark mit seinem wie üblich kurzkrempigen Stetson sei ein G-Man, der in dem Prärienest einen Auftrag zu erledigen hat, doch weit gefehlt. Die rasch erfolgende Belehrung des Besseren offenbart einen tief verwurzelten Familienkonflikt, der sich Jahre zuvor zwischen Anderson, seinem Vater und seinem Bruder entsponnen hat: Einst hatte Tippy betrunken einen Wagen gestohlen und Ralph heldenhaft die Schuld auf sich genommen. Der Vater verstieß seinen eigentlichen Lieblingssohn daraufhin aus Herz und Leben, was Ralph, dessen erfolgreich verlaufende Anwaltskarriere (wie er selbst zugibt) vor allem ein großer Befreiungsschlag ist gegen das stets präsente Gefühl der Nutzlosigkeit, selbst nie verwinden kann. In dieser Hinsicht greift „The Trap“ das biblische Gleichnis des verlorenen Sohns auf und gemahnt insofern an Kazans „East Of Eden“-Adaption; der Vater selbst zerbricht unmerklich an seiner einseitigen Sicht der Dinge, derweil die Söhne hilflos daneben stehen. Doch erhält der von Holliman ziemlich eindrucksvoll gespielte Tippy keine Gelegenheit zur Bewährung; vielmehr vergrößert sich sein Hass auf den älteren, sehr viel charakterstärkeren Bruder stattdessen noch mit jedem ihm selbst zuzuschreibenden Fehltritt. Das psychologische Fundament der Geschichte darf sich also mithin komplex rufen lassen, was dem sukzessive hermetischer werdenden Film überaus gut zu Gesicht steht. Am Ende stellte sich mir noch kurz die Frage, was ein Regisseur wie Sturges oder Dmytryk aus dem Stoff gemacht hätte. Selbige vermochte ich infolge allgemeiner Zufriedenheit mit dem Dargebotenen dann aber doch recht flugs wieder zu verwerfen.

7/10

LIKE FATHER, LIKE SON

„Mimi, cut another slice!“

Like Father, Like Son (Der Mafia-Killer) ~ USA 1974
Directed By: Duke Mitchell

Mimi Miceli (Duke Mitchell), Sohn des nach Sizilien zwangsremigrierten und exilierten Alt-Mafioso Don Miceli (Lorenzo Dodo), will endlich, was ihm zusteht. Zusammen mit seinem alten Kumpel Jolly Rizzo (Vic Caesar) mischt Mimi zunächst die Unterweltszene an der Westküste auf, indem er den amtierenden Mafiaboss Chucky Tripoli (Louis Zito) kidnappt und gegen hohes Lösegeld wieder freilässt. Mimis Kaltschnäuzigkeit scheint zunächst sogar Erfolg zu haben. Als er dann im Prostitutions- und Pornogeschäft, dass der farbige Superspook (Jimmy Williams) beherrscht, Fuß zu fassen versucht, wird Mimi zunehmend größenwahnsinnig und unvorsichtig, was ihn bald teuer zu stehen kommt.

Der auch als „The Executioner“ und vor allem als „Massacre Mafia Style“ bekannte Grindhouse-Klassiker „Like Father, Like Son“ ist ausschließlich Duke Mitchells Baby. Der Legende nach hatte der eigentlich als Entertainer und Crooner populäre und selbst in Unterweltkreisen verkehrende Mitchell „The Godfather“ gesehen und war hernach der unbedingten Auffassung, dass er „so etwas sehr viel besser“ könne. Als Regisseur, Autor, Produzent und Hauptdarsteller in Personalunion stemmte Mitchell sein Traumprojekt in der Folge völlig unabhängig, was seinem Film sein immens ungeschliffenes, man muss wohl sagen, wohltuend unprofessionelles Äußeres verleiht. Mitchell umging etliche Konventionen und Traditionen, agierte in seinen diversen künstlerischen Funktionen zumeist frei Schnauze und schuf somit ein ziemlich unikales Werk, dessen raue Form sehr viel mehr an die italienischen Genreproduktionen dieser Zeit erinnert denn an klassisches, oder selbst neueres amerikanisches Kino. Dementsprechend wählte Mitchell, der selbst bereits etwas betagter war und seine persönliche, ölige Physis wohl ganz bewusst in einen oftmals rigoros wirkenden Exploitation-Rahmen setzte, eine höchst unzweideutige Filmsprache, die tatsächlich gar nicht weiter entfernt von Coppolas ausladender Opulenz anzusiedeln wäre. Überhaupt erinnert mich „Like Father, Like Son“ sehr viel mehr an Martin Ritts „The Brotherhood“, mit dem er seine ziemlich wehmütige Mentalität um das noch sehr viel ehrbarere Gangstertum vergangener Tage gemein hat.
Ebenso wie Mitchells zuvor unveröffentlichter, zweiter Film „Gone With The Pope“ verdankt „Like Father, Like Son“ seine wiedererstarkte Popularität dem verdienten Distributor „Grindhouse Releasing“, der neben einigen psychotronischen europäischen Werken auch diese beiden Werke vorbildlich restauriert und (neu) zugänglich gemacht hat. Für derlei ehrenvollen Einsatz kann man sich nur bedanken.

7/10

THE NATURE OF THE BEAST

„You can’t kill the devil.“

The Nature Of The Beast (Bad Heat – Highway des Todes) ~ USA 1995
Directed By: Victor Salva

Der biedere Firmenangestellte Jack Powell (Lance Henriksen) befindet sich auf dem Heimweg nach San Diego, quer über die Highways der kalifornischen Wüste. Dort treibt zeitgleich ein Serienkiller, der überall sein Signet „Hatchet Man“ hinterlässt, sein Unwesen. Ein ihm mysteriös vorkommender Anhalter (Eric Roberts) heftet sich alsbald an Jacks Fersen. Der sich als Adrian vorstellende Fremde glaubt, in Jack einen ebenfalls gesuchten Casino-Räuber zu entlarven, der zudem von der Mafia verfolgt wird, derweil sich im Gegenzug der Eindruck manifestiert, dass Adrian der Hatchet Man sein könnte. Adrian nutzt die Angst, die der spießige Familienvater vor ihm hat, wohlfeil aus und lässt ihn fortan nicht mehr vom Haken. Ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel ist die Folge.

Der einst durch einige unappetitliche Enthüllungen von sich reden machende Regisseur Victor Salva, dem just jene Ereignisse einen empfindlichen Strich durch die Karriere versetzten, hat mit „The Nature Of The Beast“ den ersten Film nach jenen Ereignissen und der darauf folgenden Gefängnisstrafe inszeniert. Salva hatte seine Strafe gerechterdings und ordnungsgemäß verbüßt, weshalb es der Produktionsfirma New Line durchaus hoch anzurechnen ist, dass man ihm für und mit „The Nature Of The Beast“ eine Chance offerierte. Der Film selbst ist recht ordentlich geraten, wenn auch mit Ausnahme des cleveren plot twists am Ende nichts wirklich Besonderes. Wähnt man sich zunächst über längere Strecken in einer Art eher nachteilig modifizierten Neuauflage von Robert Harmons ganz wunderbarem „The Hitcher“, relativiert sich jener Eindruck schlussendlich auf angenehme Weise, wobei der Weg dorthin eben nicht immer erquicklich gepflastert ist. Allzu breit ausgespielt wirkt Eric Roberts‘ Charakterisierung des bad guy, der tatsächlich ein wenig zu sehr überdimensioniert daherkommt, als dass man sie ihm bereitwillig abnähme. Zudem gerät die hier und da hilflos erscheinende Episodenhaftigkeit dem Ganzen eher zum Nachteil. Man erhält im Nachhinein den Eindruck, als hätte Salva seinen Film rein für die abschließende Überraschung geschrieben und inszeniert und nicht umgekehrt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Immerhin erhebt diese „The Nature Of The Beast“ nochmal auf eine neue Ebene und sorgt dafür, dass der revisionistische Gesamteindruck ein (wenngleich verhalten) positiver bleibt.

6/10

UN HOMME EST MORT

„You should go back.“

Un Homme Est Mort (Brutale Schatten) ~ F/USA/I 1972
Directed By: Jacques Deray

Auftragskiller Lucien Bellon (Jean-Louis Trintignant) kommt aus Paris nach Los Angeles, um den Mafiapaten Victor Kovacs (Ted de Corsia) zu liquidieren. Kaum, dass er seine Mission erfolgreich erfüllt hat, sieht Lucien sich dann plötzlich selbst als Zielscheibe eines eifrigen Kollegen (Roy Scheider), dem er nur mit Mühe und Not entkommen kann. Lucien holt sich Hilfe bei der GoGo-Tänzerin Nancy (Ann-Margret) und findet bald heraus, dass sein Auftraggeber, Kovacs Sohn Alex (Umberto Orsini), auch ihn als unliebsamen Mitwisser aus dem Weg haben möchte. Anstatt zurück nach Paris zu fliegen, bis wohin auch Kovacs‘ Hand reicht, entschließt Lucien sich zur Flucht nachvorn…

Dieser insbesondere seiner illustren internationalen Besetzung (s. Tags) wegen interessante Killerthriller hat zudem den großen Vorzug, von einem Franzosen in den Staaten gefilmt worden zu sein. Die Erfahrung zeigt, dass der Blick europäischer Filmemacher auf US-Großstädte stets ein ungewöhnlicher, manchmal auch absonderlicher ist. Anders als etwa ein in L.A. beheimateter Regisseur bewahrt sich Deray somit die filmisch ungewohnte Perspektive des Exoten. Trintignants eher ziellose Streifzüge durch den unwirtlichen, urbanen Moloch erhalten so eine ganz spezielle Note; die Stadt wirkt plötzlich sehr viel planer, anonymer, unfreundlicher und unaufgeräumter als üblich. Ziemlich gute Voraussetzungen also für die Erzählung dieser Geschichte eines Franzosen in L.A., dessen mörderisches Geschäft ihn durch eine blutige Mafiaintrige führt und dabei vor allem hübsch unvorhersehbar bleibt. Ein besonders schönes Moment ist dabei das „kollegiale“ Verhältnis zwischen Trintignants Lucien und seinem Verfolger Lenny, gespielt von Roy Scheider. Während Lucien sich bemüht, Lenny auf seine Seite zu ziehen und zur Zusammenarbeit gegen Kovacs Junior zu bewegen, bewahrt dieser sich sein Misstrauen und damit gewissermaßen auch seine Professionalität, was ihn jedoch schließlich teuer zu stehen kommt. Ganz am Ende, fünf Fuß unter der Erdoberfläche, sind wir ja ohnehin alle – auch die Profikiller – wieder gleich.

8/10

LOST HIGHWAY

„We’ve met before, haven’t we?“

Lost Highway ~ USA/F 1997
Directed By: David Lynch

Die Welt des Jazz-Saxophonisten Fred Madison (Bill Pullman) gerät in zunehmende Unordnung. Jeden Morgen findet er eine Videocassette auf seiner Treppe, die zunehmen intime Aufnahmen seiner Wohnung zeigt. Seine Frau Renee (Patricia Arquette) ist ihm dabei ebensowenig entlastende Hilfe wie zwei zur Hilfe gerufene Polizisten. Auf einer Party begegnet Fred einem blassen Mann (Robert Blake), der ihm zusätzliche Rätsel aufgibt. Eine letztes Videotape zeigt Fred schließlich bei der bestialischen Ermordung Renees. Der seine Unschuld Beteuernde wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Eines Nachts verwandelt sich Fred nach heftigen Migräne-Attacken in seiner Zelle in einen Anderen. Da gegen den jungen KFZ-Mechaniker Pete Dayton (Balthazar Getty), der da jetzt in Freds Zelle hockt, nichts vorliegt, wird dieser entlassen. Auf der Arbeit buckelt Pete vor allem für seinen Hauptkunden, den ihm gewaltigen Respekt einflößenden Gangsterboss Mr. Eddy (Robert Loggia). Als dieser eines Tages eines Tages seine Freundin Alice (Patricia Arquette) mitbringt, eine blonde Schönheit, beginnt Pete eine wilde Affäre mit ihr. Die Angst vor Mr. Eddy wird bald so groß, dass Pete und Alice beschließen, durchzubrennen und zuvor einen weiteren Liebhaber von Alice, den Playboy Andy (Michael Massee) zu berauben. Erneut beginnt die Realität für Pete/Fred zu bröckeln…

Dissoziation, Dekonstruktion, Labyrinth. Mit „Lost Highway“ legte David Lynch vor zwanzig Jahren den ersten Film einer zunehmend verqueren Spielfilmtrilogie, die mit dem Realität, oder, besser gesagt, der subjektiven Wahrnehmung ihrerselbst, radikal Schlitten fährt und die damit eine Klammer schließt zum Langfilmdebüt des Regisseurs, „Eraserhead“.
Nicht zuletzt von Lynch selbst kam ein ums andere Mal der Hinweis, jedweder Versuch schlüssiger Interpretation sei hier zwecklos; es ginge ihm auch gar nicht um so etwas wie ein konsequentes Narrativ, sondern um die Schaffung reinster Assoziativität beim Publikum, kurzum: „Lost Highway“ und seine Nachfolger wollen nicht „verstanden“, sondern schlicht „gesehen“, bzw. „erfahren“ sein. Man kann „Lost Highway“ insofern auch als Provokation begreifen, als qua typisch lynchesken Mittelfinger in Richtung etablierter Erzählstrukturen, wobei dieser freundliche Mann tatsächlich niemals einen Mittelfinger erheben, geschweige denn ein Vier-Buchstaben-Wort gebrauchen würde. Dafür hat er ja auch seine Filme, die sein der Sonnenseite abgekehrtes Innenleben in Bilder fassen. Die Dramaturgie von „Lost Highway“ als elliptisch zu bezeichnen, wäre stark untertrieben. Zu Beginn erhält man die beunruhigende Einführung in ein fremdelndes Eheverhältnis, das nochmals auf den Kopf gestellt wird, weil da plötzlich deprivatisierende Videocassetten auftauchen. Deren Inhalt gestaltet sich zunehmend bedrohlich, bis er sich schließlich in einem blutigen Exzess entlädt. Doch damit nicht genug, verwandelt sich der mutmaßliche Täter in eine komplett andere Version, schlüpft vielleicht in eine ganz andere Individualität, weg vom exzessiven free jazz hin zur geradlinigeren Rockmusik sozusagen. Doch die beiden Leben sind, aller differenten Anlagen zum Trotze, untrennbar miteinander verbunden und parallelisiert; durch dieselbe femme fatale, von der wir nicht recht wissen, ob sie ein Zwilling ist, durch denselben Bösewicht und vor allem durch denselben, fahlgesichtigen „Mystery Man“, der alles Mögliche kann und weiß und als einziger hier den völligen Durchblick hat.
Raum und Zeit verlieren da längst zunehmend an Bedeutung, ein Stelzenhaus inmitten der Wüste explodiert rückwärts und der gesamte Film endet mit seinem Anfang: Fred Madison klingelt bei sich selbst und gibt sich den „entscheidenden“ Hinweis per Gegensprechanlage: „Dick Laurent is dead“. Konsequenterweise müsste man „Lost Highway“ jetzt wieder von vorn beginnen, denn ebenso wie Fred und Pete schickt David Lynch damit auch sein Publikum in eine endlose Zeitschleife. Oder ging es vielleicht doch um eine Art faustischen Pakt, dazu ersonnen, sämtliche Störfaktoren aus einer kriselnden Beziehung zu entfernen? Aber wie erwähnt sind solcherlei Gedankenspiele ohnehin müßig. Rauschzustände, auch filmische, bedürfen nicht a priori allzu intensiver Aufklärung. Sie verweigern sich ihr gar manchmal geradezu.

9/10

DRUM BEAT

„Peace is going to be awfully hard to get.“

Drum Beat (Der einsame Adler) ~ USA 1954
Directed By: Delmer Daves

Washington D.C., 1871: Der ehemalige Indianerjäger Johnny McKay (Alan Ladd) wird von Präsident Grant (Hayden Rorke) persönlich ins Weiße Haus bestellt, um sich mit seiner künftigen Mission als Friedensstifter in Oregon vertraut zu machen. Ein Teil des Stammes der Modoc-Indianer unter Führung des rebellischen Kintupash alias Captain Jack (Charles Bronson) ist aus dem Reservat geflohen und proklamiert das Siedler-Territorium um den Lost River für sich. McKay und Captain Jack sind alte Bekannte, die sich zwar als Rivalen im Feld respektieren, ansonsten jedoch nichts füreinander übrig haben. So setzen Captain Jacks Attacken gegen unschuldige Farmerfamilien nur ein blutiges Zeichen für seinen Unwillen, sich dem Willen der Weißen zu beugen. Nachdem alle Bemühungen, ihn zur Vernunft zu bringen, versagen, gelingt es McKay schließlich, Captain Jack im Zweikampf zu bezwingen und festzusetzen.

Vier Jahre nach seinem Parlamentärswestern und tieftraurigen Meisterwerk „Broken Lance“, einem der ersten Filme, die eine prononciert proindianische Position einnahmen, betrachtet Delmer Daves die Dinge in „Drum Beat“ von einer anderen Warte. Obschon die von Alan Ladd gespielte Figur des Johnny McKay fiktiver Natur ist, gibt der Film die übrigen Ereignisse um die Modoc-Kriege und ihren Aufrührer Kintupash relativ authentizitätsbewusst wieder. So wie Kintupash der einzige Indianer war, der von der US Army wegen Kriegsverbrechen angeklagt und hingerichtet wurde, war der zu diplomatischen Zwecken eingesetzte General Canby (Warner Anderson), der einzige Offizier dieses hohen Rangs, der im Zuge der Indianerkonflikte getötet wurde. Ebenso wie der mit ihm zu einer Friedensverhandlung entsandte Reverend Thomas (Richard Gaines) wurde Canby im Zuge eines vorab beschlossenen Plans von Kintupash und seinen Leuten erschossen. Diese letzte Aktion, also sozusagen die völlige Ignoranz diplomatischer Traditionen, brachte Kintupash schließlich an den Galgen. Alan Ladd fungiert dabei für Daves nicht nur als Indianeragent, sondern zugleich auch als Agent für das Publikum, das einen populären Star auf der Leinwand benötigte, um sich in einem Film wie diesem zurechtfinden zu können. Dabei ist sein Charakter etwas zwiespältig gezeichnet: Johnny McKay hat einst seine gesamte Familie – Vater, Mutter und drei Geschwister – bei einem Indianerüberfall verloren und gilt seitdem als potenter Schlächter des Roten Mannes. Durch die Betrauung mit seiner Aufgabe von höchster politischer Stelle wandelt sich seine Natur dann urplötzlich und er wird zu einer ähnlichen Figur wie Tom Jeffords in „Broken Lance“, nur dass Charles Bronson eben kein Jeff Chandler ist und Kintupash kein Cochise. Captain Jacks Männer morden und brandschatzen ohne Gnade und Daves scheut sich nicht, dies mehrfach zu demonstrieren. Ironischerweise verliert man dennoch nie ganz Verständnis und Sympathie für die Aufrührer, denn immerhin ist man mit ihnen zuvor kaum anders verfahren, ihnen ihr Land abgenommen, sie zu einseitigen Verträgen genötigt und ihnen vorgeschrieben, wo sie fortan zu bleiben haben. Zwar verzichtet Daves auf eine explizite diesbezügliche Erinnerung, sie ist jedoch durch den von Bronson tatsächlich exzellent gespielten, sich seiner moralischen Rechte durchaus bewussten Revoluzzer omnipräsent. Bronson, der, schon infolge seiner ihn dafür prädestinierenden Physis, häufig stolze Indianer spielte, ist hier in seiner vielleicht schönsten Interpretation eines solchen zu bewundern. Und eine kleine, feine Anekdote um ihn gibt es vor dem Hintergrund von „Drum Beat“: Gegen Ende des Drehs entschied sich der (nebenbei auf dem Höhepunkt seiner Stattlichkeit befindliche) Charles Buchinsky nämlich, sich fortan Charles Bronson zu nennen, um seinem wachsenden Popularitätsgrad mit einem prägnanteren Namen zu begegnen. Delmer Daves berichtet, dass seine Frau Mary Buchinsky den Rat gegeben habe, sich doch „Charles Modoc“ rufen zu lassen, nach dem im Film porträtierten Indianerstamm. Angesichts der allgemeinen Belustigung über seine dennoch stur von ihm durchgeboxte „Bronson“-Wahl, meinte Charles empört, er habe diesen Namen ganz bewusst gewählt, auch auf die Gefahr hin, dadurch sein Image als harter Kerl zu unterminieren. Ich denke, man kann behaupten, die Zeit hat ihm mehr als Recht gegeben.

8/10