NIGHT OF THE JUGGLER

„You’ve picked the wrong kid!“

Night Of The Juggler (Die Ratte) ~ USA 1980
Directed By: Robert Butler

Irrtümlicherweise entführt der geistesgestörte Gus Soltic (Cliff Gorman), ein sich im Stich gelassen fühlendes Opfer der desolaten New Yorker Wohnungsbaupolitik, Kathy (Abby Bluestone) die Tochter des Ex-Polizisten Sean Boyd (James Brolin). Soltic hatte es eigentlich auf das Kind des Immobilienhais Clayton (Marco St. John) abgesehen, dem Kathy dummerweise immens ähnlich sieht. Wie ein Berserker setzt Boyd umgehend alles daran, Kathy zu befreien und stellt dabei halb Manhattan auf den Kopf. Ein zusätzliches Hindernis findet sich in der Person von Sergeant Barnes (Dan Hedaya), den Boyd einst der Korruption bezichtigte und der sich für seinen Karriereknick an Boyd rächen will…

Ein wildes Stück Film, ein wenig passend zu seiner eigenen Entstehungsgeschichte. Ursprünglich hatte Sidney J. Furie das gute Stück inszenieren sollen, verzichtete jedoch, nachdem James Brolin sich bereits in einer frühen Drehphase den Fuß brach und einen Gips tragen musste, verließ Furie das Projekt und wurde nach einer Drehpause von Robert Butler ersetzt. Brolins Verletzung merkt man dem fertigen Werk nicht an. Der Gute jagt und hetzt unermüdlich durch beinahe den gesamten Film, oft nur ein paar Meter von Soltic und seiner Tochter entfernt. Das währenddessen präsentierte New York gleicht einer entmilitarisierten Zone. Schmutzige Häuserschluchten, die 42nd Street nebst einem ziemlich widerlichen Peepshow-Club und vor allem die blöckeweise in Trümmern liegende West Side geben einen geradezu vorzüglichen Eindruck der Ära Mayor Ed Koch wieder, während dessen elfjähriger Amtszeit die Metropole sich ihren Ruf als riesiges Rattenloch zwischen Yuppie- und Junkietum ganz wunderbar auspolsterte. Perfekte companion pieces zu „Night Of The Juggler“ wären somit „The Warriors“, „Wolfen“ oder „Fort Apache, The Bronx“, die ebenfalls ebenso spannende wie desolate Bilder Manhattans um die Dekadenwende präsentierten, von den großen Undergroundfilmen von Ferrara über Hennenlotter, Lustig und Glickenhaus einmal ganz zu schweigen. Das hier war und ist der wahre Jakob! Ein Wiedersehen mit Richard „Clemenza“ S. Castellano als etwas phlegmatischem, aber gutherzigem Polizei-Lieutenant macht da ebensolche Freude wie der Auftritt von Mandy Patinkin als durchgedrehtem Taxifahrer und natürich der des berserkernden Dan Hedaya, der sich noch verrückter gebärdet als der main villain, Gus „The Mole“ Soltic. Dass dieser nebenbei tatsächlich nicht ganz auf der Fährte sein kann, merkt man übrigens bereits ziemlich früh, da sein Entführungsopfer ja permanent nach „Daddy“ James Brolin ruft und somit gar nicht die Richtige sein kann. Aber am Ende wird ja Liebe draus, was so Manches erklärt und „Night Of The Juggler“ zusätzlich um ein gutes Pfund Abgründigkeit anreichert. Wann kommt nochmal die Blu-ray?

8/10

SPLIT

„The broken are the more evolved.“

Split ~ USA 2016
Directed By: M. Night Shyamalan

Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) leidet unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Ganze 23 Charaktere beherbergt seine zersplitterte Seele und einzig seine Therapeutin Dr. Fletcher (Betty Buckley) weiß um die tatsächliche Komplexität von Kevins Leiden. Ihre langjährigen Forschungen hinsichtlich der psychischen Krankheit „Dissoziative Identitäts-Struktur“ haben bereits Erstaunliches zutage gefördert, so glaubt Dr. Fletcher, dass die unterschiedlichen Personen innerhalb eines Menschen sogar ganz verschiedene physiologische Ausprägungen mit sich bringen können. Als sie in den Medien davon hört, dass drei junge Studentinnen, Casey (Anya Taylor-Joy), Claire (Haley Lu Richardson) und Marcia (Jessica Sula), entführt wurden und spurlos verschwunden sind, regt sich sogleich ein unguter Verdacht in ihr, der mit nächtlichen E-Mails von Kevin, in denen er um sofortige Hilfe bittet, korrelliert. Tatsächlich haben sich drei von Kevins Unterpersönlichkeiten, Patricia, Hedwig und Dennis, in den Vordergrund gedrängt, um die Ankunft einer 24. Wesenheit, der „Bestie“, vorzubereiten und zu diesem Zwecke die Mädchen gekidnappt. Die Gefangenen wissen derweil kaum, wie sie mit ihrem irren Entführer zurechtkommen sollen, mit Ausnahme von Casey, die eine ähnlich problematische Kindheit hinter sich hat wie Kevin…

Shyamalan ist wieder bei Kräften und knüpft scheinbar verlustfrei an vergangene Großtaten an (die letzten drei Vorgängerfilme habe ich bis dato bewusst ausgespart, fühle mich jetzt jedoch hinreichend gewappnet, dies zu ändern). Gekonnt steigert er im Verlaufe der Narration sukzessive das Interesse um den Zerfall (bzw. die Evolution, je nach Auslegung) seines Protagonisten, dessen manischen Volten man anfangs ebenso hilflos gegenübersteht wie die drei armen Kidnapping-Opfer. Als aufklärerisches Element und agente sage bietet die Geschichte uns dann die (alters-)weise Analytikerin und ihre anscheinend genaue, sich dann aber natürlich doch als lückenhaft entpuppende Kenntnis des Patienten Crumb. Dessen mehr und mehr verhallende Hilferufe wagt sie sich nicht bis zur letzten Konsequenz zu interpretieren, obwohl sie es doch eigentlich besser wissen müsste. Hinreichend Gelegenheit für eine darstellerische tour de force James McAvoys, dessen Leistung schon jetzt in die Annalen der großen Kino-Irren gehört, zumal der Ansatz, das Prinzip der „DIS“ anders etwa als James Mangold in „Identity“, auf einen Akteur zu beschränken, sich hier als völlig zweckmäßig erweist. Zwar liebäugelt Shyamalan mit dem einen oder anderen Einfluss von offensichtlichen Vorbildern, besitzt jedoch immer noch genug eigene Kreativkraft, um sein Werk stets als originell und spannend durchgehen zu lassen. Das Ende, das „Split“ dann im gleichen erzählerischen Universum wie Shyamalans bisheriges Meisterwerk „Unbreakable“ verortet, ein Mini-Cameo von Bruce Willis als David Dunn bereithält, dessen alten Antagonisten Mr. Glass erwähnt und insofern die Neugier auf große Dinge schürt, derer es nunmehr zu harren gilt, ist natürlich eine veritable, nerdige bombe surprise.

8/10

TARGET

  „A long time ago I worked for the CIA.“ – „Did you kill people?“

Target ~ USA 1985
Directed By: Arthur Penn

Als Donna (Gayle Hunnicutt), die Frau des Holzunternehmers Walter Lloyd (Gene Hackman) während eines Europatrips in Paris gekidnappt wird, reisen er und sein entsetzter Sohn Chris (Matt Dillon) unverzüglich auf den alten Kontinent, um vor Ort mehr über die Entführung zu erfahren. Im Zuge der aufregenden Reise muss Chris auf schonungslose Weise erfahren, dass die Biographie seiner Familie gefälscht und eine Lüge ist: Sein Dad war vor Jahren CIA-Agent, der sich seiner jungen Familie zurliebe zur Ruhe gesetzt und eine neue Identität angenommen hat. Jetzt will ihn offenbar jemand von der Gegenseite aus dem Weg haben, der noch eine alte Rechnung mit Walter, der eigentlich Duke Potter heißt, offen hat. Doch die Dinge sind nicht, wie sie scheinen; es gibt noch einen unbekannten Strippenzieher im Hintergrund.

„Target“ ist ein Vorzeigebeispiel für den künstlerischen Identitätsverlust, den zahlreiche Filmemacher der Ära New Hollywood durchleben mussten, nachdem die Studios sich wieder gefangen und den Blockbuster für sich entdeckt hatten. Arthur Penn, ohnehin ein vergleichsweise gealterter Protagonist der Bewegung und ohnehin von Haus aus spärlicher Arbeiter, hatte in den zehn Jahren zuvor lediglich drei Filme inszeniert, sollte sich bald dem Fernsehen zuwenden und dann ganz aus dem Geschäft zurückzuziehen. Wenngleich „Target“, seine dritte Zusammenarbeit mit Gene Hackman, jedem routinierten Genreregisseur zur Zierde gereichte, spürt man kaum mehr, hier der Arbeit eines Mannes ansichtig zu sein, der mit „Bonnie & Clyde“ oder „Little Big Man“ hinter eminenten Hauptwerken der gesamten amerikanischen Kinohistorie steht. „Target“ ist ein in seinem Timbre überdeutlich von seinen (mitteleuropäischen) Schauplätzen beeinflusster Cold-War-Thriller, dessen anfangs etwas verworren anmutender Plot sich irgendwann zu einer recht trivialen Auflösung vorarbeitet und den eigentlich doch so hübsch konfliktträchtigen, dramaturgisch vielversprechenden Vater-Sohn-Subplot irgendwann einfach beiseite drängt. Auf der Haben-Seite wären natürlich Hackman, der ja sowieso jeden Film bereits durch seine bloße Anwesenheit aus dem Mittelmaß katapultiert zu nennen, sowie eine ziemlich tolle Verfolgungsjagd  am Hamburger Hafen; Speicherstadt und Landungsbrücken inklusiv. Einen dialoglosen Miniauftritt  gönnte man übrigens noch Krauskopf Werner Pochath, der als Adlatus des (vermeintlichen) Bösewichts (Rollenbezeichnung: „Young Agent“) eine etwas obskure Rolle zu bekleiden hat. Immerhin ein erfrischender Lichtblick zwischendrin, während man gerade mal wieder dabei ist, erfolglos nach dem alten, inspirierteren Penn zu fahnden.

7/10

THE NEIGHBOR

„I won’t let you be left down here.“

The Neighbor ~ USA 2016
Directed By: Marcus Dunstan

Cutter, Mississippi ist ein widerliches, kleines Kaff, in dem Kriminelle jedweder Kuleur sich „Guten Tag“ sagen. Für den Golfkriegsveteranen John (Josh Stewart), der unter der scheinbar allmächtigen Knute seines Onkels Neil (Skipp Sudduth) steht und diesen bei seinen Aktionen als Drogenspediteur unterstützt, gibt es nurmehr ein Ziel, nämlich möglichst umgehend sein heimlich Gespartes zu packen und mit seiner Freundin Rosie (Alex Essoe) nach Mexiko durchzubrennen. Was John jedoch nicht weiß: Sein Nachbar Troy (Bill Engvall) betreibt mit seinen zwei Söhnen (Luke Edwards, Ronnie Gene Blevins) ein heimliches Kidnapping-Unternehmen. Als Rosie Troy während Johns Abwesenheit bei seinem Treiben beobachtet, gerät sie selbst in die Gefangenschaft der Unholde…

Nach seinen beiden „Collector“-Filmen tritt Marcus Dunstan wieder ein wenig auf die Bremse und liefert einen kleinen, bösen neo noir, der sich wohltuend bescheiden innerhalb seiner selbst gesteckten Grenzen bewegt, bewusst darauf verzichtet, mehr vorzustellen, als er ist und gerade dadurch erfolgreich ist.
Dass die Südstaaten, oder zumindest deren Bild als medial kultiviertes Klischee als flächenmäßig erheblicher Teil von Amerikas Provinz keine Gegend repräsentieren, in der man als gebildeter Mitteleuropäer allzu gern seine Zelte aufschlagen würde, bestätigt auch „The Neighbor“ ein weiteres Mal. Hier leben sie in dichter Konzentration, die Meth-Köche, die Dealer, die schmierigen Burgerbrater, Halbgebildete, Kriminelle, Trump-Wähler. Unter den wenigen Individuen, die man in „The Neighbor“ kennenlernt, findet sich keines, mit dem man sich gern am Tresen einer Bar im Dialog wiederfände; selbst Protagonist/Held John ist seit seinem Kriegseinsatz offenbar stark enthemmt, was den Einsatz brachialer Gewalt angeht. Immerhin kommt ihm diese „Qualität“ im Gefecht gegen seinen Nachbarn zugute und darin liegt zugleich ein weiterer Bonus des Films: Ausnahmsweise sind sich nämlich die sadistischen Psychopathen und die von ihnen attackierten Kontrahenten sowohl in ihrer Vorgehensweise als auch in der Wahl ihrer Mittel vollkommen ebenbürtig; hier sind es keine großstädtischen College-Kids, die an zivilisationsmüde Rednecks geraten, sondern Typen, die sich ihrer Haut bestens zu wehren wissen und sich in der erzwungen kombattanten Situation halbwegs intelligent anstellen. Weder überreizt und Dunstan mit „Nein, tu’s nicht“-, noch mit „Meine Güte, ist der blöd“-Momenten und, soviel darf verraten werden: Der Unhold steht am Ende nicht wieder auf. Damit hält „The Neighbor“ seine Erzählzeit kurz und konzentriert, beschränkt sich jedoch auf das absolut Wesentliche. Dunstan erzeugt hier und da amtliche Suspense-Momente und zeigt, dass er ein formal versierter Regisseur ist, der sich zwar an einschlägigen Vorbildern orientiert, dabei jedoch hinreichend Eigenständigkeit aufweist, um seinen Film durchweg in Form zu halten.

7/10

FLASKEPOST FRA P

Zitat entfällt.

Flaskepost Fra P (Erlösung) ~ DK/D/S/NO 2016
Directed By: Hans Petter Moland

Nach dem letzten Fall geht es Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas) alles andere als gut. Zu seinen ohnehin vorhandenen Problemen gesellen sich jetzt noch akute Angstzustände und Panikattacken. Gut, dass Kollege Assad (Fares Fares) ihm hilft, sich zumindest ein wenig aus dem Tief herauszumanövrieren. Und dann ist da noch die aktuelle Ermittlung des Dezernats Q: Eine offenbar schon vor Jahren von einem Kind mit dem Kürzel „P“ unterzeichnete und verfasste Flaschenpost gibt Rätsel auf. Jener offenbar in Gefangenschaft und Todesangst befindliche Sprössling bittet darin um Hilfe und vertraut gleichfalls auf den Schutz durch den lieben Gott. Eine entsprechende Vermisstenanzeige gab es jedoch nie. Eine Spur führt Mørck und Assad in den Sumpf erzchristlicher Glaubensgemeinschaften, darunter die Zeugen Jehovas und andere Sekten. Es kristallisiert sich heraus, dass sich schon seit etlichen Jahren ein wahnsinniger Serientäter (Pål Sverre Hagen), der sich stets als „Johannes“ ausgibt, in zu derlei Parakirchen gehörende Familien einschleicht, jeweils zwei Geschwisterkinder entführt, das jüngere der beiden ermordet und das ältere gegen ein hohes Lösegeld sowie ein allseitiges Schweigegelübde zurückgibt. Wegen der Angst der Opferfamilien vor dem Kidnapper und ihrem ehernen Misstrauen in die weltliche Justiz kann Johannes sein verbrecherisches Werk ungetrübt fortführen. Aktuell befinden sich erneut zwei kleine Kinder in seiner Gewalt. Mørck und Assad setzen alles daran, sie rechtzeitig zu finden und zu retten…

Eine sich im Verlaufe ihrer jüngsten Filmermittlungen zwischen Mørck und Assad entspinnende Grundsatzdiskussion, im Zuge derer der zynische Atheist Mørck das Glaubensbild des relativ streng gläubigen Muslimen Assad in Frage stellt, bleibt leider dem Ansatz vorbehalten. Auch ob Mørck am Ende nach seiner zumindest teilweise wundersamen Rettung durch den Kollegen und Freund vielleicht doch ein wenig zur religiösen Wiedererweckung tendiert, lässt der Film offen. Zumindest kann man ihm zugute halten, dass er mit einiger Unzweideutigkeit die Engstirnigkeit und Willkür puritanischer (und damit weitgehend sämtlicher glaubensorientierter) Sektengemeinschaften verurteilt. Ansonsten lässt sich vermelden, dass der neue Regisseur Hans Petter Moland der Mørck-Reihe ein gutes Maß an frischem inszenatorischen Blut zu versetzen vermag. Es tut der Serie gut, dass zur Abwechslung nicht immer alles zur Gänze dialogisch ausformuliert werden muss und stattdessen auch einmal auf die Aussagekraft der Bildkommunikation vertraut wird, wenngleich es bis zur Mutaufbringung, eine gänzlich elliptische Narration zuzulassen, noch ein weiter Weg ist. Fragt sich allerdings, ob man eine solche in diesem Falle überhaupt braucht.
Jedenfalls lässt etwa Mørcks Zustandsbeschreibung einiges an Deutungsfreiheit zu und hinterlassen speziell die großzügig gestalteten Landschaftsaufnahmen von knalligen Rapsfeldern und grau bewölkten Küstenregionen einen im wörtlichen Sinne „filmischeren“ Eindruck als die ersten beiden Beiträge zum Franchise. Was die Zeichnung (und Besetzung) des Bösewichts anbelangt, so hat man es hier nach den besonders hassenswerten Misanthropen des letzten Films wieder mit einem eher mehrdimensional angelegtem Charakter zu tun. Wie Lasse Jensen (Peter Plaugborg) in „Kvinden I Buret“ ist der von Pål Sverre Hagen beeindruckend gespielte, mit diabolischem Selbstverständnis ausgestattete Johannes ein durch ein schweres Kindheitstrauma geprägter Soziopath, dem schlichtweg nicht rechtzeitig die benötigte psychologische Hilfe zuteil wurde und der deshalb seinen furchtbaren Weg eingeschlagen hat. Nicht zuletzt hierdurch heben sich die Adler-Olsen-Adaptionen nebenbei von ähnlich Konstruiertem ab.

8/10

KVINDEN I BURET

Zitat entfällt.

Kvin I Buret (Erbarmen) ~ DK/D/S/NO 2013
Directed By: Mikkel Nørgaard

Beinahe ein Jahr nach einem verpatzten Einsatz inklusive lebensbedrohlichem Kopfschuss kehrt der Kopenhagener Vizeinspektor Carl Mørck (Nikolaj Lie Kaas) an die Arbeit zurück. Sein ohnehin immens verschlossenes Wesen ist seit dem Unfall noch garstiger geworden und man traut ihm den Einsatz im Morddezernat nicht weiter zu. Stattdessen soll Mørck das neu gegründete „Dezernat Q“ übernehmen, dessen Aufgabe es ist, verjährte und als ungelöst geltende Fälle zu den Akten zu nehmen. Gemeinsam mit seinem arabischsstämmigen Partner Assad (Fares Fares) macht sich der deprimierte Mørck an die Arbeit und entdeckt sogleich eine ihn stutzig machende Akte: Die Politikerin Merete Lyngaard (Sonja Richter) soll vor fünf Jahren Selbstmord begangen haben, indem sie sich über die Reling einer Fähre in die Ostsee stürzte. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Mørck ist sich sicher, dass von einem Suizid Lyngaards keine Rede sein kann und er macht sich gemeinsam mit Assad auf, in die Vergangenheit des Opfers einzutauchen…

Der skandinavische Kriminalroman zählt seit etwa Mitte der neunziger Jahre zu den beliebtesten Belletristik-Gattungen in Westeuropa. Regelmäßig führen entsprechende Ergüsse die Bestsellerlisten an und Figuren wie die des knarzigen Ermittlers Kurt Wallander oder der Hackerin Lisbeth Salander sind in etlichen Bücherregalen auch hierzulande gehegte Stammcharaktere. Die Titel-„Übersetzungen“ pflegen die wohlbekannte Tradition der Einwörter; kurz, knackig, einprägsam und so auch für den Gelegenheitsleser umweglos einzuordnen. Müßig zu erwähnen, dass der Weg zu den ohnehin naheliegenden Filmadaptionen kein weiter war, respektive ist.
Das noch relativ junge Polizistenduo Mørck/Assad ist auf dem Mist des Dänen Jussi Adler-Olsen gewachsen und schlägt sich seit 2008 durch inzwischen sechs literarische Fälle, die dem typischen Profil des Genres entsprechen: Hervorragende Kriminalisten mit brillantem Gespür für ihre Tätigkeit und zumeist probelmatischem psychischen Background begeben sich in unfassbare Sphären von Perversion und Korruption, die nicht selten Mitglieder hochrespektabler Gesellschaftsschichten involvieren: Wirtschaftsbosse und Manager, Anwälte, Kleriker und Dynastiesprösslinge entpuppen sich da oftmals als abgründige Psychopathen. Die ersten drei Bände um das Sonderzernat Q sind bis dato verfilmt worden und weil ich Lust auf straighte Krimis hatte und mich gestern ohnehin erkältungsbedingt nur zwischen Couch und Bett bewegen konnte, habe ich sie mir in direkter Folge gegeben. Eine im Nachhinein betrachtet gute Entscheidung. Zwar bewegt sich gleich die erste Adaption „Kvinden I Buret“ („Frau im Käfig“) wie seine artgenössischen Vorgänger in formaler Hinsicht eindeutig auf dem hinlänglich beackerten Terrain düsterer US-Thriller, wie sie seit „The Silence Of The Lambs“ und spätestens „Se7en“ fest installiert sind, der Plot jedoch – und um nichts anderes geht es in diesen nicht unbedingt konzentrationsbindenden Filmen schließlich – findet sich spannend und schlüssig dargelegt. Narrativer Mätzchen enthält sich Nørgaards Film und trifft stattdessen die klare Entscheidung, seine Agenda kurzweiligen storytellings konsequent durchzuboxen. Das ergibt zwar weder einen Meilenstein für die Sparte en gros oder die diversen, gestriffenen Subgenres, beschert jedoch zweckhaftes Entertainment. Das kann manchmal mehr sein als man zunächst glaubt.

7/10

CLOSE RANGE

„What the hell is all this about?“

Close Range ~ USA 2015
Directed By: Isaac Florentine

Der desertierte Elitesoldat Colton „Colt“ MacReady (Scott Adkins) huscht mal eben kurz über die mexikanische Grenze, um seine gekidnappte Nichte Hailey (Madison Lawlor) aus den Händen der Drogenmafia zu befreien. Dabei tötet er nicht nur den Neffen (Ray Diaz) des Kartellchefs Fernando Garcia (Tony Perez), sondern entwendet zudem noch einen USB-Stick mit allerlei brisanten Daten, wodurch MacReady sich selbst, seine Schwester Angela (Caitlin Keats) sowie Hailey zum Freiwild für Garcias Killer deklariert. Diese verfolgen dann auch gleich den neuen Todfeind bis zum Landhaus seiner Familie und nehmen dortens alle unter Beschuss. Ein weiteres Gerechtigkeits-Hindernis ergibt sich durch den korrupten Sheriff Calloway (Nick Chinlund), der auf Garcias Lohnliste steht…

Was Isaac Florentine anbelangt, habe ich noch einigen, dringenden Nachholbedarf. Allerdings wurde meine Schaulust betreffs früherer Regiearbeiten durch „Close Range“ etwas ausgebremst. Anders als mein Co-Betrachter Oliver, bekanntermaßen ohnehin großer Genre-, Florentine- und Adkins-Enthusiast, konnte ich dem jüngsten Werk des umtriebigen Regisseurs nämlich nicht das zuvor Erhoffte abgewinnen. Oftmals wähnte ich mich tatsächlich weniger im Angesicht dessen, was man gemeinhin als „Film“ zu bezeichnen pflegt, sondern einer Nummernrevue beiwohnend, deren einziger Zweck die Ausstellung Adkins‘ ehrfurchtgebietender MMA-Moves ist, respektive, welche Kameratricks Florentine aus dem Hut zaubert, um jene Bewegungsfreude möglichst unmittelbar und dynamisch einzufangen. Beides gelingt mit absolut punktgenauer, unfehlbarer Weltklasse. Allein die Eingangssequenz, in der Macready seine Nichte aus dem Hauptquartier der Mexikaner raushaut, wirkt physikalisch geradezu enthebelt und verspricht für die folgenden eineinhalb Stunden grandioses Fach. Doch soll „Close Range“ eben keine bloße Kompilierung pittoresker Nahkampfbewegung und deren Dokumentationsmöglichkeiten sein, sondern auch eine Geschichte erzählen. Und hier beginnen seine Probleme: er hat nämlich gar keinen wirklichen Plot, respektive ist dessen Rudiment so dörr und unmotiviert, dass es sich für die Habenseite des Films geradezu beschädigend auswirkt. In den kurzen Plotstrecken kristallisiert sich nämlich auf tragisch entlarvende Weise heraus, dass sich hinter dem Jagd- und Belagerungsszenario von „Close Range“ eine gähnende Leere aus dreister Ideenlosigkeit bis hin zu offenherziger Verblödung verbirgt, die selbst einen kurzen Achtzigminüter nicht zu tragen vermag. Wehe, wenn es im Zuge dieser Geistesödnis zu Dialog oder gar Narration kommt, dann übernehmen in Windeseile Albernheiten und Stereotypen das Ruder und relativieren alle Bemühungen Florentines/Adkins‘, ihr jeweiliges Können zu demonstrieren. Schade. Außerdem empfand ich die dreist bei Ry Cooder geklauten, uninspirierten Westerngitarrenzupfereien als bisweilen grausam enervierenden Störfaktor.
Subsummierend und mit wachsendem Abstand zur Betrachtung hinterlässt „Close Range“ bei mir den Eindruck, sein ursprüngliches, hehres Ziel verfehlt zu haben, und am Ende halbherzig konzipiert und bloß für ein paar schnelle Bucks gemacht worden zu sein, mit heißer Nadel gestrickt und einzig gedacht für den garantiert sättigungsfreien Verzehr.

5/10