APOSTLE

„This island is our paradise.“

Apostle ~ UK/USA 2018
Directed By: Gareth Evans

Das Vereinte Königreich im Jahre 1905: Der vormalige Missionar Thomas Richardson (Dan Stevens) hat Gott und seinem Glauben entsagt, nachdem er während des Boxer-Aufstandes in China an seine physischen und psychischen Grenzen getrieben wurde. Zurück daheim erhält er eine Nachricht seines Vaters, derzufolge seine Schwester Jennifer (Elen Rhys) von einem auf einer walisischen Insel ansässigen, aus Gesetzlosen bestehenden Naturkult um eine Lösegeldforderung gefangengehalten wird. Thomas, mittlerweile schwer laudanumsüchtig, bereist die Insel in cognito und schließt sich vorgeblich dem Kult an. Dieser, angeführt von Malcolm Howe (Michael Sheen), Quinn (Mark Lewis Jones) und Frank (Paul Higgins), einem Trio einstmals Schiffbrüchiger, verehrt einen weiblichen Naturdämon (Sharon Morgan), der sich von Blut ernährt und im Gegenzug Pflanzen sprießen lässt und den die Drei gefangenhalten. Da der Geist jüngst jedoch seine Kraft zu verlieren scheint, benötigen die Kultisten andere Mittel und Wege, um sich über Wasser halten zu können. Mit der Ankunft von Thomas bahnt sich schließlich zugleich eine Katastrophe an: Der blutrünstige Quint will um jeden Preis die Herrschaft über das Eiland an sich reißen…

Nachdem mir „Serbuan Maut“ von Gareth Evans nicht gefallen hat, ich seine Sekten- und Teufels-Episode in „V/H/S/2“ dafür jedoch umso beeindruckender fand, war ich durchaus gespannt auf „Apostle“, von dem ich mir meiner höchst oberflächlichen Annahme gemäß ein dem Embedded-Filming-Segment thamtisch ähnliches, nur eben auf abendfüllende Länge ausgeweitetes Werk versprach. Von apokalyptischem Ambiente jedoch keine Spur; vielmehr müht sich Evans, dem einst von der Tigon British kultivierten, klassischen Folk-Horrorfilm Marke „The Wicker Man“ seine Ehrerbietung zu erweisen und reichert seine Mär um konkrete phantastische Elemente, ein wenig körperbetonte Action und zwei, drei fiese Gore-Sequenzen an, die jedoch sehr lange auf sich warten lassen und aufgrund ihrer Loslösung vom Rest sowieso eher willkürlich bis unpassend daherkommen. Auch sonst wirkt der von Evans selbst geschriebene Film trotz manch guter Ansätze und immer wieder eingeflochtener, poetischer Momente (wie etwa der letzten, als Erfüllungsmoment zu begreifenden Einstellung) größenteils unausgewogen, verworren und unverständig zerdehnt. Dan Stevens in der Hauptrolle, der eigentlich als zerrissener Held wider Willen die Zuschaueremotionen binden soll, bleibt, zumal im Vergleich mit einigen deutlich interessanter angelegten, leider aber mit wesentlich weniger inhaltlicher Bedeutung bedienten Nebencharakteren in den allermeisten Phasen des Films erschreckend blass und egal, der Kult und auch die Dämonen jagen einem, trotz Mark Lewis Jones‘ finalem Amoklauf weder Respekt noch Angst ein und wirken eher wie Schmuckwerk aus einem larmoyanten Achtziger-Fantasyfilm.
Das war mir dann insgesamt eine allzu irrlichternde und inkonsistente Veranstaltung und besagter, positiver Aspekte entgegen blasser Durchschnitt.

4/10

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ENTEBBE

„I’m not a Nazi!“

Entebbe (7 Tage in Entebbe) ~ UK/USA 2018
Directed By: José Padilha

Am 27. Juni 1976 entführen zwei Mitglieder (Amir Khoury, Ala Dakka) der Palästinensischen Befreiungsorganisation PFLP mit Unterstützung der beiden deutschen Linksterroristen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike) eine Air-France-Linienmaschine, die, aus Tel Aviv kommend, nach einem Zwischenstopp in Athen in Paris landen soll. Die Hijacker leiten den Flug zunächst nach Bengasi und dann nach Uganda um, wo der berüchtigte Diktator Idi Amin (Nonso Anonzie) ihnen begrenztes Aufenthaltsrecht und Kooperation garantiert. Die Terroristen verlangen die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen von der israelischen Regierung unter Ministerpräsident Rabin (Lior Ashkenazi). Als dieser von der Entführung erfährt, sieht er sich in einen verzweifelten Zwiespalt zwischen dem Staatsprinzip der Unerpressbarkeit und der Rettung der Geiseln gesetzt. Am Flughafen Entebbe beginnen derweil die Kidnapper, die israelischen von den nichtjüdischen Geiseln zu separieren und bedrohen diese mit dem Tode im Falle ausbleibender Regierungskooperation. Verteidigungsminister Peres (Eddie Marsan) setzt schließlich durch, das ein kurzerhand eingesetztes Kommando-Unternehmen die Gefangenen befreit.

Die Entführung des Airbus im Sommer 1976 und die anschließende Befreiung der Geiseln durch das israelische Militär wurde bereits mehrfach filmisch abgehandelt, zunächst praktisch in unmittelbarer Folge in Form der zwei konkurrierenden und jeweils starbesetzten TV-Produktionen „Raid On Entebbe“ und „Victory At Entebbe“, dann kurz darauf nochmal von Menahem Golan, der 1977 in „Mivtsa Yonatan“/“Operation Thunderbolt“ ein dezidiert tendenziöses Bild der Ereignisse darlegte. Auch spätere Filme, die um Idi Amin oder die RAF kreisten, griffen das Thema immer mal wieder auf. Insofern stellt sich durchaus die grundsätzliche Frage nach der Notwendigkeit und der Berechtigung eines neuerlichen Aufrisses des Falls. José Padilha, dem man zunächst bescheinigen darf, einen handwerklich soliden Job vollbracht zu haben, konzentriert sein Narrativ auf die Perspektive beiden deutschen Mitentführer Böse und Kuhlmann, wobei insbesondere Letzterer in den bisherigen filmischen Annäherungsversuchen kaum bis gar kein Auftreten zugeteilt war. Brühl, der den Wilfried Böse spielt, steht derweil in hochkarätiger Tradition: Horst Buchholz, Helmut Berger und Klaus Kinski sind einige seiner Vorgänger. Ähnliches gilt für den Charakter des Idi Amin – der gefürchtete, narzisstische Despot, der sich einst höchstselbst dokumentarisch von Barbet Schroeder inszenieren ließ, bietet in all der albernen Lächerlichkeit, die sämtlichen grausamen Diktatoren neben ihrem menschenverachtenden Habitus immer a priori auch zu eigen war und ist, immer wieder eine dankbare Vorlage. In „Entebbe“ wird diese Aufgabe dem beeindruckend zuagierenden Nonso Anonzie übertragen, der im Zuge seiner wenigen Auftritte ein treffendes Bild zwischen Aufgesetztheit und Bedrohlichkeit liefert. Hervorhebenswert noch der Darsteller des Piloten, Denis Ménochet, der wie eine Mischung aus Lino Ventura und Jim Mitchum aussieht und der beinahe wie dafür geschaffen scheint, das Flair der damaligen Zeit zu präservieren.
Die immer wieder von Chronologiebrüchen und durch Rückblenden aufgespaltene Erzählung pendelt ansonsten zwischen sorgfältig und pflichtbewusst, gibt sich entsprechend detailversessen und bleibt, auch das zwangsläufig der Authentizitätspflicht geschuldet, weithin überraschungsarm. Welche Funktion allerdings Padilhas Parallelisierung der Begebenheiten in Entebbe mit Ausdruckstanzszenen erfüllen soll, in denen die Freundin (Zina Zinchenko) eines der an der Befreiungsaktion beteiligten Soldaten (Ben Schnetzer) sich um Kopf und Kragen choreographieren lässt (der Abspann greift dies nochmals auf), erschien mir zunächst mysteriös und, nach der Betrachtung, hoffnungslos prätentiös. Sah gewiss chic aus, wirkte jedoch schlussendlich leider bestenfalls sonderbar bis vollkommen redundant.

7/10

SEQUESTRO DI PERSONA

Zitat entfällt.

Sequestro Di Persona (Die Mafia-Story) ~ I 1968
Directed By: Gianfranco Mingozzi

Francesco Marras (Pierluigi Aprà), dessen Vater (Ennio Balbo) auf seiner Heimatinsel Sardinien große Ländereien besitzt, wird eines Tages im Beisein seiner Freundin Christina (Charlotte Rampling) von einer Gruppe Briganten entführt. Während Christina, die von außerhalb kommt und mit den Verhältnissen auf Sardinien nicht vertraut ist, sich an die Polizei wenden will, halten der alte Marras und Francescos bester Freund Gavino Surgiu (Franco Nero), ebenfalls Sohn eines Großgrundbesitzers, sie an, die Füße stillzuhalten. Dennoch reagiert sie überstürzt, natürlich, ohne ein entscheidendes Ergebnis zu erzielen. Bevor Marras das geforderte Lösegeld zahlen kann, stirbt Francesco schließlich bei einem Unfall. Für Gavino, der längst an einen mächtigen Drahtzieher im Hintergrund glaubt, gibt es nurmehr einen Weg, diesen zu entlarven – er muss sich selbst kidnappen lassen…

Ausnahmsweise nicht in Neapel oder Sizilien angesiedelt, wird in „Sequestro Di Persona“, einem recht früh entstandenen Vertreter des italienischen Politthrillers auch keine der gängigen Bezeichnung für die diversen Mafia-Clans erwähnt. Deren Arbeitsweise und das Machtgefüge mitsamt seiner wohlfeil orchestrierten Hierarchie jedoch verdeutlicht Mingozzis Film von der Pike auf. Als Marionettenspieler gibt sich relativ rasch der saubere Bankier Osilo (Frank Wolff) zu erkennen; ein ehrenwerter Herr, der sich weder durch seinen Habitus noch durch undurchdachte Bemerkungen verrät, obwohl jeder um seine Praktiken weiß. Osilo arbeitet mit den Briganten zusammen, die sich naiverweise wiederum selbst als Klassenkämpfer und moderen Robin Hoods wähnen: Während diese für ihren Auftraggeber, organisierte Verbrecher, die Drecksarbeit übernehmen, die Kidnapping-Aktionen durchführen, als Sündenböcke fungieren und anschließend einen Bruchteil der eigentlich überantworteten Werte erhalten (die eben wesentlich in den für Dumpingpreise an Osilo verschleuderten Ländereien bestehen), macht der feine Geschäftsmann, der das große Geschäft in der Tourismusbranche wittert, den wesentlichen Reibach. Allerdings geht „Sequestro Di Persona“, der noch ein wenig dem Duktus des Italowestern huldigt, die realistischere, resignante Perspektive der späteren, linken Systemkritiker von Damiano bis Rosi ab: Hier holen sich die Betrogenen und Geschändeten am Ende ihr Recht zurück, verbünden sich gegen den Feind und servieren diesen im Zuge einer ganz puristisch geplanten Lynchjustizaktion ab. Dass oder ob Osilo Teil einer weiterreichenden Befehlskette war, der Krieg also weitergehen wird, erfahren wir nicht mehr.
Charlotte Rampling, damals gerade süße 22 und schön wie der junge Morgen, hat derweil als unbedarfte Christina den Auftrag, gemeinsam mit uns, dem Publikum, als Außenstehende die regionalen Strukturen zu erforschen und zu begreifen, nebst der ernüchternden Erkenntnis, dass diese in ihrer archaischen Kausalität bereits seit Jahrhunderten Bestand und Wirksamkeit haben. Dass sie damit nicht besonders gut zurechtkommt, sei ihr zugestanden.

7/10

DANGEROUS MISSION

„Why did you stop dancing when they played ‚One More For The Road‘?“

Dangerous Mission (Blut im Schnee) ~ USA 1954
Directed By: Louis King

Im beschaulichen Glacier National Park in Montana wird ein New Yorker Gangsterboss (Frank Wilcox) erschossen. Der Tat verdächtigt wird fälschlicherweise der Blackfoot-Indianer Katoonai Tiller (Steve Darrell), der sich seither auf der Flucht befindet. Das Syndikat beauftragt indes einen weiteren Killer, Louise Graham (Piper Laurie), Angestellte in einem Hotel vor Ort und einzige Zeugin des Mordes, durch einen „Unfall“ verschwinden zu lassen. Doch welcher der beiden neuen Gäste, die Louise jeweils pausenlos umgarnen, ist der Attentäter? Der joviale, sich geheimnisvoll gebende Matt Hallett (Victor Mature), oder doch der etwas verhuschte, aber überaus freundliche Paul Adams (Vincent Price)…?

Wenn ich im Zusammhang mit der siebenten Kunst aufschnappe oder lese, dass der eine oder andere Film „gut“ beziehungsweise „schlecht“ gealtert sei, platzt mir regelmäßig die Hutschnur. Filme sind weder Wein noch Käse, die mit zunehmender Lagerung kostbarer werden oder einen besonderes Bouquet entfalten; sie müssen nicht abgehangen oder gut gekühlt sein, um einem möglicherweise besonders wählerischen Gaumen besser zu munden. Auch ist es mitnichten der primäre (und ebensowenig der sekundäre) Auftrag eines Films, sich „gut zu halten“ (was auch immer das im Einzelnen bedeuten mag), um sein potenzielles Publikum auch nach Jahren und Jahrzehnten noch zu becircen. Vielmehr bildet Film Zeit ab und konserviert sie, ist Momentaufnahme und Porträt von allem, was er zeigt, was ihn selbst, sein Wesen und die Leistung der vielen an ihm beteiligten Künstler ausmacht.
Eine besondere Aufgabe kommt in dieser Hinsicht lediglich dem Rezipienten zu; jener hat sich nämlich mit bedingungsloser Empathie an den Entstehungskontext des betrachteten Werks anzupassen und keinesfalls umgekehrt. Nicht der Zuschauer, sein Verstand oder Empfinden bilden das kulturelle Artefakt, sondern der jeweils von ihm gewählte Film.
„Dangerous Mission“ ist ein Film, dem man mit Leichtigkeit vorwerfen könnte, er wäre „schlecht gealtert“. In Technicolor und vor allem in 3-D produziert von der bereits darbenden RKO und dem späteren Katastrophenspezi Irwin Allen, inszeniert von dem vielbeschäftigten Auftrags- und späteren TV-Regisseur Louis King, ist „Dangerous Mission“ gewiss kein Kabinettstück. Er oszilliert unentschlossen zwisch film noir und billigem Abenteuerkino. Es gibt eine Felslawine und einen gigantischen Waldbrand, die mit dem Kernplot überhaupt nichts zu tun haben und im Prinzip eine rein sensationalistische Funktion erfüllen. Nach gegenwärtigen Maßstäben ist „Dangerous Mission“ zudem ein gefundenes Fressen für Fahnder von strukturellen Alltagssexismen (die beiden handlungstragenden Frauen benehmen sich so einfältig wie naiv) und -rassismen (amerikanische Ureinwohner werden als etwas alberne Folklorelieferanten der Lächerlichkeit preisgegeben) in der historischen Unterhaltungskultur. Der Film meint all das gewiss nicht bös, wegzuleugnen ist es jedoch ebensowenig. Dem gegenüber steht ein repräsentatives Werk seiner Zeit, ein vergessenes Stück Kinohistorie, das mit einem fabelhaften Ensemble sowie großartigen, weil oftmals verschmitzten Darstellerleistungen aufwarten kann und bei aller Überkommenheit eine professionelle Alltagsroutine transportiert, von der etliche der gegenwärtig in diesem Preissegment arbeitende Filmemacher allerhöchstens ächzend den Hut ziehen dürfen.
Ungeachtet aller berechtigten Vorwürfe – ich liebe diese Art Kino, es wärmt mir das Herz.

6/10

ALL THE MONEY IN THE WORLD

„We look like you, but we’re not like you.“

All The Money In The World (Alles Geld der Welt) ~ USA/UK/I 2017
Directed By: Ridley Scott

1973 gilt der Ölmilliardär John Paul Getty (Christopher Plummer) als der reichste Mann der Welt. Während sein beinahe lebenslang von ihm vernachlässigter, zwischenzeitlich als europäischer Repräsentant der Dynastie eingesetzter Sohn (Andrew Buchan) seit ein paar Jahren im Drogenrausch vor sich hinvegetiert, lebt dessen geschiedene Frau Gail Harris (Michelle Williams) mit Gettys sechzehnjährigem Enkel (Charlie Plummer) in Rom. John Paul Getty III genießt das ausschweifende Nachtleben in der ewigen Stadt, bis er von der Mafia entführt wird. Da Gail völlig außer Stande ist, das Lösegeld in Millionenhöhe zu bezahlen, wendet sie sich an den alten Getty, der die Kidnapping-Geschichte für eine reine Erfindung hält, um ihm sein Bares aus der Tasche zu leiern und nicht auf die Forderungen eingeht. Es dauert ganze fünf Monate und kostet etliche Nerven und Schmerzen, bis sich der Magnat zu besonderen Konditionen auf die Zahlung einer wesentlich geringeren Summe als ursprünglich verlangt eringeht.

Der Kapitalismus fabriziert seine ihm eigenen Monster. Die spektakuläre Geschichte um die Entführung John Paul Gettys III beweist dies nachdrücklich. Sein Großvater war der erste Mensch, dessen Vermögen die Milliarden-Schallgrenze durchbrach, ein Geizkragen und Liebhaber von wertvollen Kunstgegenständen und allem, was sein ohnehin schier unmenschliches Vermögen noch vergrößerte. Mit der Affäre um die Entführung seines Enkelsohnes präsentierte er sich dann vor den Augen der Welt als ausgewiesener Misanthrop. Sämtliche Forderungen der Kidnapper ließ er unter einer Vielzahl an Ausflüchten an sich abprallen, so dass John Paul III fünf Monate in den Händen seiner Kidnapper, Mitgliedern der ‚Ndrangheta, unter höchst entbehrungsreichen Konditionen darben musste. Die Situation kulminierte schließlich in der Amputation eines Ohrs, das die Mafiosi dann einer römischen Tageszeitung zukommen ließen. Erst zu diesem Zeitpunkt ließ sich Getty überreden, das mittlerweile auf etwa ein Sechstel der ursprünglichen Forderung reduzierte Lösegeld zu bezahlen, jedoch unter den Bedingungen, dass Gail ihrem zu jenem Zeitpunkt psychisch derangierten Ex-Mann das Sorgerecht überschrieb, sowie den Betrag, der über den steuerlich absetzbaren Ablösungssatzatz hinausging, lediglich als verzinstes Darlehen zu stellen. Großvater und Enkel hatten nie wieder miteinander Kontakt; der alte Getty verstarb etwa zweienhalb Jahre später und John Paul III bekämpfte bald nach seiner Heirat (mit Gisela Zacher, des Exfrau von Rolf Zacher), der Geburt seines Sohnes Balthazar und dem Umzug der kleinen Familie nach Los Angeles mit den Auswirkungen seiner Traumata, die er mit allerlei Rauschmitteln bekämpfte. Ein daraus resultierender Schlaganfall machte ihn bis zu seinem Tode pflegebedürftig.
Ridley Scotts Faszination für das südliche/mediterrane Europa und seine landschaftlich bzw. architektonisch reizvollen Seiten kam bereits mehrfach in seiner Arbeit zum Tragen. Entsprechend lassen sich die bei aller erzählerischen Tragik überaus ästhetischen Bilder Lazios, die Scotts aktueller Stamm-dp Dariusz Wolski für ihn bannte, erklären. Abgesehen davon, hervorragend auszusehen, reduziert sich die Nachhaltigkeit seines jüngsten Films allerdings auf einzelne Augenblicke, darstellerische Blitzlichter sowie jenen streitbaren Miniskandal, der die Produktion dazu veranlasste, den wegen sich verdichtender Missbrauchswürfe in die Negativschlagzeilen geratenen Kevin Spacey durch Christopher Plummer zu ersetzen. Dass Scott im Nachhinein meinte, Plummer sei ohnehin seine erste Besetzungswahl gewesen und er habe lediglich wegen Spaceys höheren Bekanntheitsgrades auf seinen Favoriten verzichten müssen, gereicht der ganzen eher unrühmlichen Geschichte nicht eben zum Vorteil. Unleugbar macht jedoch der noch immer bestens beschäftigte Kino-Grandseigneur eine grandiose Figur in seiner Rolle als bemitleidenswerter Geldadliger und trägt den Film auf seinen fast neunzigjährigen Schultern. Seine Szenen sind die mit Abstand stärksten des Films, da er die berüchtigte Mischung des Ölpatriarchen aus Narzissmus und notorischer Gefühlsarmut so brillant transportiert, wie es eben nur ein gestandener Akteur wie er vermag. Daneben einen doch recht limitierten Typen wie Mark Wahlberg zu besetzen, der als zweifelnder, langer Arm des Alten für ein wenig Kinetik innerhalb der sich mehr und mehr festfahrenden Situation zu sorgen, hat umso weniger von einem Coup. Auch den Sequenzen mit Charlie Plummer und seinen Entführern, allen voran Cinquanta (Romain Duris), der ein beinahe fürsorgliches Verhältnis zu John Paul III aufbaut, hat man in den etlichen um Kidnapping-Fälle kreisenden Filmen schon ähnlich tangiert, wenn nicht gar ergriffener, beiwohnen dürfen. Ridley Scott, mittlerweile selbst stolze 80, ist nach wie vor ein Garant für sehenswertes Kino. Dass er sich innerhalb jener doch sehr freigiebigen Bahnen mit der ihm eigenen Routine begnügt, sei ihm angesichts seiner früheren Sternstunden vergönnt.

7/10

SKY RIDERS

„Freedom is expensive, Carl. You oughtta know that.“

Sky Riders (Auf der Fährte des Adlers) ~ USA 1976
Directed By: Douglas Hickox

Ellen (Susannah York), die Frau, sowie die beiden Kinder (Simon Harrison, Stephany Mathhews) des US-Magnaten Jonas Bracken (Robert Culp) werden aus dessen Villa bei Athen entführt. Die Urheber, eine antiimperialistische Terrorgruppe, fordern von Bracken ein Millionenkontigent an Waffen für ihre revolutionäre Sache. Während der ermittelnde Inspektor Nikolidis (Charles Aznavour) den Ganoven unbedingt mit großem Getöse den Garaus machen will, geht Ellens sich einschaltender Ex-Mann, der Abenteurer Jim McCabe (James Coburn), die Sache sehr viel subtiler an: da die Entführer sich in einem Bergkloster verstecken, hat McCabe die Idee, sie mithilfe von Drachengleitern zu infiltrieren…

Es erfordert schon eine verdammt hohe Menge an good will, wenn man „Sky Riders“ seine kunterbunte Kriminalgeschichte, die eigentlich nur dazu dient, Drachenflieger bei waghalsigen Manövern zun zeigen, abnehmen möchte. Im Prinzip ist der gesamte Kidnapping-Plot ein einziger, großer MacGuffin, um überhaupt ein mageres Handlungsgerüst auf die Beine stellen zu können. Vielmehr sollte man sich an dem hübschen Schauplatz Griechenlands erfreuen (Meteora, die Berglandschaft mit dem hochgelegenen Kloster, in dem sich der ein Drittel der Spielzeit ausmachende Showdown abspielt, diente ein paar Jahre später auch als Finalkulisse für den Bond-Film „For Your Eyes Only“) sowie der illustren Besetzung. Obwohl ich den gern so breit grinsenden Coburn sehr liebe, ist „Sky Riders“ abermals ein Beweis dafür, warum er es, anders als etwa seine früheren „Magnificent Seven“-Mitstreiter Charles Bronson und Steve McQueen, oder auch der ebenfalls jener Schauspieler-Generation entstammende Clint Eastwood, nie zu einem wirklich führenden Actionstar gebracht hat: Coburns Rollenwahl war häufig unglücklich, wenn es um eine Ikonisierung seiner Darsteller-Persona ging; er selbst war – mit Ausnahme seiner beiden Peckinpah-Parts vielleicht – eigentlich stets deutlich prägnanter als seine Filme und deren Regisseure.
„Sky Riders“ ist ein zumindest rein technisch betrachtet versiertes, kleines Stück Siebziger-Actionkino, dessen reichlich bizarres Figurenpotpourri seinen „Höhepunkt“ im Engagement der Drachenfliegertruppe unter John Beck erlebt, die sich von einer lustigen Kunstfliegertruppe urplötzlich in ein beinhartes Kommandounternehmen verwandelt. Overall schon reichlich merkwürdig, aber guterweise auch hübsch kurzweilig.

6/10

YOU WERE NEVER REALLY HERE

„I want you to hurt them.“

You Were Never Really Here (A Beautiful Day) ~ USA/UK/F 2017
Directed By: Lynne Ramsay

Joe (Joaquin Phoenix), traumatisierter, einsamer und überaus verschrobener Militärveteran, erledigt Aufträge für reiche Leute, die unter Druck stehen oder sich selbst die Hände nicht schmutzig machen wollen. Jene führen ihn regelmäßig in die urbane Unterwelt und lassen ihn die Schattenseiten der Gesellschaft bezeugen. Sein aktueller Job sieht vor, Nina (Ekaterina Samsonov), die kleine Tochter des Senators Votto (Alex Manette), aus den Fängen von Zuhältern zu befreien. Nach Beendigung der Mission findet Joe sich unmittelbar höchstselbst in der Schusslinie wieder, Votto, seine Mittelsmänner und sogar Joes Mutter (Judith Roberts) werden brutal ermordet. Offenbar ist Nina das „Lieblingsmädchen“ eines perversen Gouverneurs (Alessandro Nivola), der sie umgehend wieder zurückentführen lässt. Doch Joe lässt sich auch von einer vermeintlichen Übermacht nicht aufhalten.

Dass Lynne Ramsay sich gern gewaltaffiner Topoi annimmt ohne Gefahr zu laufen, sie als reines Genrematerial zu exponieren oder gar Exploitation-Elemente in ihre Inszenierung einfließen zu lassen, weiß man spätestens seit ihrem finsteren Mutter-/Sohn-Drama „We Need To Talk About Kevin“. In „You Were Never Really Here“ tritt Joaquin Phoenix mit dichtem Vollbart und schwer vernarbt an Leib und Seele in die Fußstapfen legendärer, psychotischer Kino-Einzelgänger wie Travis Bickle und des Profis Léon, die sich ja ebenfalls anschickten, frühpubertäre Mädchen vor den langen Fingern der Hölle zu bewahren oder sie ebendiesen zu entreißen und zu jenem Zwecke selbst zu Halbgöttern der Vergeltung zu werden.
Hier bleibt die Beziehung zwischen entgleistem Loner und Schutzobjekt jedoch vergleichsweise vage, so wie auch die immer wieder in Flashbacks reproduzierte Vergangenheit Joes sich nicht ohne Weiteres decodieren lässt [es lässt sich schlussfolgern, dass er als Kind (Dante Pereira-Olson) von seinem Vater (Jonathan Wilde) unter anderem mit seltsamen Luftanhalte-Exerzitien gequält wurde, warum bleibt jedoch vage]. Nutzte Travis Bickle dereinst seinen kleinen Feldzug gegen den Zuhälter Sport als Ventil für seinen unbändigen Hass auf eine entgleiste Gesellschaft, bildete eine unschuldige Liebesgeschichte das Motiv für den Berufskiller Léon, sich gegen einen korrupten Polizeiapparat zur Wehr zu setzen. Bei Joe scheint es eher eine Art urplötzlich getriggerter Beschützerinstinkt zu sein, die ihn abermals zu seiner Lieblingswaffe, einem Baumarkt-Hammer, greifen lässt. Dabei hält sich Ramsay strickt daran, ihre Geschichte einem möglichen Kunstkino-Publikum bloß nicht durch krassen Naturalismus zu vergällen; Vorgehensweise und Effekt von Joes missionarischem Eifer lassen sich zwar erahnen und am Bildrand nachvollziehen, bleiben jedoch durch exaltierte Montage und ästhetische Zurückhaltung weitestgehend dem Imaginationsradius des Rezipienten überlassen. Damit gliedert sich Ramsay zwar rein inhaltlich dem just wieder kräftig bedienten Segment des Einzelgänger- und Rächerfilms an, probiert jedoch eine formal weitaus weniger einschlägige Anordnung jenes Themas. Leider konnte ich mich infolge dessen nie ganz des Eindrucks erwehren, mit „You Were Never Really Here“ das etwas schal ausgeführte Experiment eines für heimliche Hochnasen aufbereiteten Exploitationstoffs ansichtig zu sein. Ob und inwieweit diese natürlich vage Annahme Ramsays Film gerecht wird, vermag ich nicht zu sagen. Sicher ist, dass er durchaus ansehnlich geriet, aber gleichfalls zu eigenbrötlerisch, abstrakt und verkopft, um etwas wirklich Nachdrückliches bei mir auszulösen.

7/10