EXTRACTION

„You drown not by falling into the river, but by staying submerged in it.“

Extraction ~ USA 2020
Directed By: Sam Hargrave

Der Privatkrieg zwischen dem einsitzenden indischen Drogenbaron Ovi Mahajan (Pankaj Tripathi) und seinem in Dhaka wirkenden Intimfeind Amir Asif (Priyanshu Painyuli) erklimmt eine neue Stufe, als Asif Mahajans Sohn Ovi Jr. (Rudhraksh Jaiswal) kidnappen lässt. Da Mahajan Sr. die Verantwortung für die Geiselaffäre vornehmlich Ovis Leibwächter Saju Rav (Randepp Hooda) anlastet und nun seinerseits dessen Familie bedroht, muss sich Saju etwas einfallen lassen: Er lässt den Söldner Tyler Rake (Chris Hemsworth) rekrutieren, ohne ihn bezahlen zu können. In Dhaka angelangt, gelingt Rake zwar Ovis Befreiung, mit der massiven Gegenwehr Asifs, der den gesamten, korrupten Polizeiapparat in der Tasche hat, rechnet Rake allerdings nicht. Nachdem Rake sich mit seinem Schützling angefreundet und mit Saju verbündet hat, steht ihm ein letzter, gewaltiger Kampf bevor.

High Octane Action bietet das Regiedebüt des vormalig als stunt coordinator tätigen Sam Hargrave, der sein Können insbesondere für diverse Marvel-Produktionen unter Beweis stellen konnte. Die Hauptfigur des Films, Tyler Rake, sowie die Grundzüge der Story verdankt Hargrave der 2014 erschienenen Graphic Novel „Ciudad“, die neben Ande Parks auch die Russo-Brüder Joe und Anthony ersonnen haben. Darin muss Rake ein junges Mädchen aus der paraguayischen Ciudad del Este heraushauen. Den Reviews zum Comic lässt sich entnehmen, dass sich darin bereits diverse klare Bezüge und Avancen zu respektive für eine(r) mögliche(n) Filmadaption auftun, die ja nun tatsächlich existiert. Rake gesellt sich in typologischer Hinsicht zu den schießenden und prügelnden Kino-Killersupermännern der jüngeren Zeit, von Robert McCall über Jack Reacher und Christian Wolff bis hin zu John Wick, die die Genicke ihrer multipel einfallenden Gegnerschaften quasi im Vorbeigehen brechen und jede Feuerwaffe als naturgegebene Armprothese zu nutzen wissen. Chris Hemsworths beeindruckende Physis gemahnt wiederum stark an die körperbetonten Action-Heroen der Achtziger. Eine vielversprechende Mixtur, die sich dann auch tatsächlich als höchst funktional erweist. Anders als in der Vorlage die bezüglich der Beziehung der beiden Hauptcharaktere zueinander dem Vernehmen nach wiederum von Luc Bessons „Léon“ und insbesondere den beiden „Man On Fire“-Verfilmungen zehrt wurde nun aus dem Mädchen ein teenage boy und aus Südamerika Südasien, im Speziellen Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Dieser im Hinblick auf einen westlich produzierten Genrefilm doch recht ungewohnte Schauplatz erweist sich immer wieder als grandiose Kulisse für die brillant choreographierten Sequenzen in „Extraction“, in deren Zentrum neben dem bleihaltigen Finale auf einer der Brücken über den die Metropole flankierenden Dhaleshwari-Mündungsarm eine atemlos montierte Plansequenz von elfeinhalb Minuten Länge steht, die so geschickt geschnitten ist, dass selbst die wenigen cuts kaum auffallen, unter anderem eine Verfolgungsjagd im Auto und per pedes beinhaltet und die andererseits wesentlich bodenständiger inszeniert ist als die mich grundsätzlich enervierenden Zirkusnummern asiatischer Produktionen.
Man darf annehmen, dass dies trotz einiger physiologischer Entbehrungen seitens unseres neuen Helden nicht Tyler Rakes letzter Filmauftritt gewesen sein dürfte; darauf lässt einerseits die letzte, sich ein wenig eingmatisch ausnehmende aber doch erwartungsgemäße Einstellung schließen und andererseits die sich a priori seriell gestaltende Einführung und Kultivierung Rakes, der als „zeitgenössischer Rambo“ (auch dies ist hier und da immer mal wieder nachlesbar) für ein solitäres Abenteuer viel zu schade wäre. Ich bin jetzt schon bereit für alles, was da in der development pipeline liegen mag…

8/10

THE EYES OF MY MOTHER

„Loneliness can do strange things to the mind.“

The Eyes Of My Mother ~ USA 2016
Directed By: Nicolas Pesce

Die kleine Francisca (Olivia Bond) wächst ohne nennenswerte Kontakte zur Außenwelt in der abgelegenen US-Provinz als Tochter einer portugiesischstämmigen Augenchirurgin (Diana Agostini) und eines einheimischen Farmers (Paul Nazak) auf. Der eines Tages auftauchende Handelsreisende Charlie (Will Brill) entpuppt sich, nachdem Franciscas Mutter ihn infolge eines Vorwands ins Haus gelassen hat, als psychotischer Serienkiller und erschlägt sie. Ihr plötzlich auftauchender Mann überwältigt den Eindringling und fesselt ihn in der Scheune. Francisca nimmt Kontakt zu dem Gefangenen auf und verstümmelt ihn daraufhin, indem sie ihm Augen und Stimmbänder entfernt. Jahre später, Francisca (Kika Magalhães) ist mittlerweile erwachsen, verstirbt der Vater, derweil Charlie sich als quasi einziger verbleibender sozialer Kontakt noch immer in ihrer Gefangenschaft befindet. Ein Versuch Franciscas, ihre Beziehung zu „intensivieren“, endet mit einem für Charlie tödlich verlaufenden Fluchtversuch. Doch damit ist Franciscas wahnsinnige Suche nach Zwischenmenschlichkeit noch längst nicht zu Ende…

In seinem beachtlichen Debüt stellt Nicolas Pesce das filmische Konzept des hinterwäldlerischen, ungeschlachten Hillbilly-Serienkillers, wie das Genrekino ihn seit Jahrzehnten kultiviert, gehörigst auf den Kopf. Nicht allein gestalterisch (Pesce bedient sich diverser vermeintlicher „Arthouse“-Stilmittel wie etwa einer wohlfeil schattierten Schwarzweiß-/Scope-Photographie), sondern vor allem im Hinblick auf die Ausarbeitung seiner Protagonistin adressiert der junge New Yorker ungeachtet seines grundsätzlich transgressiven Sujets keineswegs primär den rünstigen gorehound, sondern öffnet sein Werk für jeden, der es gern mit Interessantem abseits der sozialästhetisch verträglichen Norm probiert. Die Geschichte seiner geisteskranken Serienmörderin Francisca ist ebenso tragisch, wie abstoßend und ja, auf eine zutiefst morbide Weise auch schön. In der beachtlichen Kika Magalhães fand Pesce eine Darstellerin, die den infolge ihrer Rolle implizierten Grat zwischen Zerbrechlichkeit und Raserei exzellent meistert. Welche dunkle Disposition Francisca schon als kleines Mädchen den fatalen Schritt vom Licht ins Dunkel vollziehen lässt, mag man lediglich erahnen. Vielleicht ist sie selbst längst ein Missbrauchsopfer ihres Vaters, eines fernab vom Schuss lebenden Farmers und überhaupt bleibt offen, wie sich ihre Mutter, offenbar eine Frau von Intellekt und Kultur, überhaupt in diesen Hinterwinkel des Nirgendwo verirren konnte. Franciscas Leben wandelt sich jedenfalls mit dem Tag, an dem jener Vertreter Charlie den verhängnisvollen Fehler begeht, sich ihre Mutter als Opfer auszuerküren, in eine ganz private Spirale aus Blut und Wahn, die sie als nichtsdestotrotz attraktive Prinzessin ihres kleinen Folterimperiums sich unentdeckt weiterrotieren lässt. Franciscas moralethische Verschrobenheit in Kombination mit ihrem narzisstischen Hang nach Liebe und Freundschaft ergibt trotz mancherlei interpretatorischer Offenheiten eine dicht gewobene, sorgfältig ausgearbeite Persönlichkeitsstudie mit einigem Nachhall.

8/10

I SEE YOU

„There is something strange about the house.“

I See You ~ USA 2019
Directed By: Adam Randall

Die dreiköpfige Kleinstadtfamilie Harper steckt in einer tiefen Krise, seit Ehefrau und Mutter Jackie (Helen Hunt), Psychologin von Beruf, ihren Gatten, den Police Detective Greg (Jon Tenney), betrogen hat. Auch der Teenager-Sohn Connor (Judah Lewis) weiß von der Affäre und lässt keine Gelegenheit aus, Jackie seine Verachtung spüren zu lassen.
Zeitgleich kommt es in der Gegend immer wieder zum Verschwinden von Jungen, die um die zehn Jahre alt sind. Diese Geschehnisse schließen an eine identisch ausgeprägte, Jahre zurückliegende Serie von Verbrechen an, die lediglich zwei der damaligen Opfer überlebten und für die der vermeintlich Verantwortliche seither einsitzt. Im Hause der Harpers scheint es derweil auch sonst nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Immer wieder kommt es zu sonderbaren Vorgängen, die darauf schließen lassen, dass die drei Familienmitglieder nicht allein in ihren vier Wänden sind.

„I See You“ hat, soviel vorweg, ein massives Problem: er stellt das unbedingte Bedürfnis danach, seinem Publikum durch naseweise twists Überraschungsjuchzer zu entlocken, über sämtliche übrigen Lehrbuchlektionen. Durch (scheinbare) Ellipsen, Chronolgieverschiebungen und einen herbeigezauberten, dramaturgischen Macguffin, das Phänomen des „phrogging“ nämlich (auf diese nach urbanem Slang korrekte Diktion ist strikt zu achten, „frogging“ bedeutet nämlich etwas anderes, wie ich just gelernt habe), oder anders formuliert: durch arge Konstruiertheiten und die Absicherung, dass der höchstwahrscheinlich durch viral verteilte Häppchen vorgeprägte Zuschauer besonders gewissenhaft auf alle Details achten wird, durch seinen Informationsnachteil aber gar nicht auf die Lösung kommen kann, erreicht „I See You“ sein mehr oder weniger erklärtes Ziel immerhin passgenau. Wer derlei oberflächliche Vexierspiele schätzt und großzügig übersieht, dass ein guter Film nicht allein von einer möglichst cleveren Conclusio getragen werden kann, kommt eventuell auf seine Kosten; mir selbst erschien das fraglos von strukturell ähnlichen Vorläufern wie „Prisoners“ oder „True Detective“ abgekupferte Ganze mit Ausnahme weniger gelungener Momente mittelmäßig und schlussendlich überschaubarer als es ihm oder seinen Ersinnern lieb sein dürfte. Tatsächlich empfand ich als nachhaltig unangenehmstes Moment des Ganzen das wächsern scheinende, merkwürdig unbeweglich gewordene Liftgesicht der entsetzlich gestrafften Helen Hunt, dessen allenthalbe Ablichtung um Einiges spookier war als jeder aufgesetzte Mystery-Mummenschanz es je sein könnte.

5/10

AIRHEADS

„Way to go, Pip!“

Airheads ~ USA 1994
Directed By: Michael Lehmann

Die drei Slacker Chazz (Brendan Fraser), Rex (Steve Buscemi) und Pip (Adam Sandler), die als Metalcombo „The Lone Rangers“ nicht nur musikalisch leicht aus der Zeit gefallen, sondern auch sonst nicht die allerhellsten Sterne am Firmament sind, träumen unbeirrt vom großen Durchbruch. Doch jeder Versuch, ihr Demo-Tape auf halbwegs konventionellem Wege an Plattenlabel oder Radiostationen heranzutragen, schlägt fehl. Als es dem Trio gelingt, sich den Weg in den Radiosender KPPX und in das Aufnahmestudio des beliebten Rock-DJs Ian The Shark (Joe Mantegna) vorzuarbeiten, macht dieser sich bloß über die Jungs lustig. Da die zufällig von den Dreien mitgeführten Wasserpistolen aussehen wie echte Uzis, wird aus der harmlosen Stippvisite schließlich eine Geiselnahme mit allem Drum und Dran. Während Ians Show für alle hörbar weiterläuft, werden die „Lone Rangers“ rasch zu Publikumshelden, deren wachsende Fangemeinde sich, ebenso wie ein beeindruckendes Polizeiaufgebot vor dem KPPX-Gebäude ansammelt…

Um die Mitte der Neunziger hatte man es als Metalhead nicht mehr allzu leicht. Das Musikgenre und die dazugehörige Subkultur waren in ihrer traditionellen Form spätetestens mit dem Aufkommen der Grunge-Welle der allermeisten subversiven Elemente enthoben und dem massenmedialen Spott ausgesetzt. Dafür hatten qua von langer Hand satirisch-komödiantische Artefakte gesorgt wie die beiden „Bill & Ted“-Abenteuer, das SNL-Derivat „Wayne’s World“ nebst Sequel oder Mike Judges zwei MTV-Cartoon-Idioten „Beavis & Butt-Head“ (die, damals noch fresh, auch in „Airheads“ ein Cameo bekleiden). Selbst in weniger tendenziösen Filmen wie Cameron Crowes Seattle-Liebeserklärung „Singles“ wurde Matt Dillon als semidebiler Rockmusiker Cliff gewissermaßen der offenen Verballhornung preisgegeben. Michael Lehmanns „Airheads“ markiert den vorläufigen Zenit dieser Entwicklung, indem er ein auserlesenes Trio unterschiedlich dämlicher Knilche kurzerhand zu liebenswerten (Anti-)Helden deklarierte und ihnen zumindest auf unterschwelliger Ebene ein wenig von ihrem wohlverdienten Respekt zurückverehrte. Der in Sachen alternative Jugendbewegungen bewanderte Scriptautor Rich Wilkes nahm nämlich weniger das (selbstverständlich) absolut harmlose Garagentriumvirat aufs Korn denn die dazugehörige Kommerzindustrie mit all ihren schmierigen, kapitalistischen Auswüchsen und dazu gleich noch das sie flankierende Rechtssystem. Dem Rockertrio werden anaöog dazu passgenau drei Antipoden gegenübergestellt: Der gierige Station Manager Milo Jackson (Michael McKean), der sich nicht für Musik oder Credibility, sondern bloß für Zuschauerquoten interessiert, der aalglatte Plattenboss Jimmie Wing (Judd Nelson) und schließlich der leicht psychotische, schießwütige SWAT-Commander Carl Maze (Marshall Bell). Diese wahren villains bekommen natürlich allesamt ihr Fett ab, während die Rangers, flugs zu Helden des Anti-Establishment avanciert, ihren finalen Aufzug als „Blues Brothers“-Reminiszenz vor Knastpublikum darbieten dürfen.
Als ausgesprochenes Relikt seiner Zeit zündet „Airheads“ gewiss nicht mehr auf ganzer Linie – viele der Gags wirken leicht bis mittelschwer dated, Brendan Fraser als Hauptdarsteller erweist sich als wenig aufregende Kompromisslösung, die der (ursprünglich geplante) John Cusack möglicherweise sehr viel bissiger hätte auswuchten können. Die zahlreichen Referenzen, Hommages und Cameos, die aus dem Film wie beiläufig ein kleines „Who’s Who“-Quiz  mit etlichen, mehr oder weniger losen Querverbindungen und Kreuzverweisen machen, beschädigt diese ohnehin recht vordergründige Makulatur aber kaum, ebenso wie die hübsche, kleine comic base: nicht nur dass Sandler (in einer prächtigen, kleinen Vorabstudie für seinen Rollentypus der nächsten Jahre) und der als etwas dümmlicher Polizist auftretende Chris Farley für den SNL-Senf zuständig sind, originiert hier zudem noch die lange, bis heute andauernde und immerhin zwölf Kollaborationen hervorrufende (Film-)Freundschaft zwischen dem Sandman und Steve Buscemi. Hinzu kommt ein stellenweise exquisiter Soundtrack.

7/10

THE ROYAL HUNT OF THE SUN

„How can the Sun have a child?“

The Royal Hunt Of The Sun (Der Untergang des Sonnenreiches) ~ UK/USA 1969
Directed By: Irving Lerner

Spanien, 1532. Der Abenteurer Francisco Pizarro (Robert Shaw) überredet König Carlos (James Donald), ihm eine weitere Expedition in die Neue Welt zu genehmigen, unter der Bedingung allerdings, dass Pizarro die Reise selbst finanziert und plant sowie dass Vertreter von Klerus und Krone ihn begleiten. Nach seiner Ankunft in Peru und einer fußläufigen Weiterreise durch die Anden organisiert Pizarro ein Treffen mit dem selbsternannten Gottkönig Atahualpa (Christopher Plumer) in dessen Festung Cajamarca. Jenes endet in einem Massaker an Atahuallpas unbewaffneten Gefolgsleuten durch die Spanier und seiner anschließenden Geiselnahme. Nur gegen Gold soll der Inka-Herrscher wieder freikommen, doch die spanischen Eroberer werden abermals wortbrüchig.

Basierend auf Peter Shaffers fünf Jahre älterem, gleichnamigen Theaterstück inszenierte Irving Lerner dieses kolonialismus- und zivilisationskritische Drama formal eher zurückhaltend und mit vergleichsweise spartanischer Ausstattung. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Pizarro und Atahualpa, zwei ebenso unterschiedlichen wie sich wechselseitig attrahierenden Charakteren, die nach anfänglicher Distanzierung die Zeit haben, reziprok Akzeptanz Respekt und später Verständnis und gar so etwas wie Freundschaft füreinander zu entwickeln. Beiden Männern wohnt eine tiefliegende, jeweils anders geartete Form der Hybris inne; Pizarro, weil er sich als gesellschaftliche persona non grata unterhalb der Krone vehement gegen die Autoritäten auflehnt und Atahualpa, indem er sich als legitimen Gott und Sohn der Gestirne wähnt. Über ihre kulturellenund mentalen Schranken hinweg entdecken Eroberer und Geisel jedoch mancherlei Parallelen, die sie einer wie den anderen auch zu Gefangenen ihrer spezifischen Lebensumstände macht. Am Ende stehen, wie es typisch war für die Conquista und alle späteren imperialistischen Bestrebungen in der Weltgeschichte Verrat, gebrochene Versprechungen und der naive, enttäuschte Glaube geknechteter indigener Völker an so etwas wie überirdische Gerechtigkeit.
Ganz bewusst weckt Lerner regelmäßig Erinnerungen an größenwahnsinnig verschwenderisches Hollywood-Kino vom Schlage eines „Cleopatra“, zeigt im Gegenzug aber ebenso süffisant die Redundanz von Pomp und Luxus auf, wenn er etwa die Massakrierung der Inkas durch die Spanier zu einem Bolero ohne einen sichtbaren Blutstropfen stilisiert oder sich über weite Strecken auf Shaffers philosophisch überbaute Dialogaufzüge sowie dessen omnipräsente, feine Ironie konzentriert. Hier wird nicht nur mittels symbolischer Strahlkraft die hoffnungslose Überkommenheit des im Sterben liegenden Studiosystems aufgezeigt; „The Royal Hunt Of The Sun“ geriert diesbezüglich ungeachtet seines historischen Sujets zu einem Ensemblefilm und Kammerspiel, das primär von den darstellerischen Aufwändungen seiner Akteure zehrt anstelle von Produktionsmegalomanie. In erster Linie wären da gewiss der vor Wut brodelnde Shaw und der nahezu unirdisch kieksende, augenrollende und tänzelnde Plummer (der seine Rolle zuvor bereits am Broadway gespielt hatte) zu nennen, die sich, einem unablässigen Schlagabtausch gleich, eindrucksvoll die Seele aus dem Leib spielen. Aber auch der Support um Nigel Davenport als Pizarros Gönner Hernando de Soto oder Andrew Keir als fanatischem Inquisitor Valverde liefert Exzellenz.

8/10

THE LIGHTSHIP

„Freedom is the greatest prize of all. Why shouldn’t the cost be high?“

The Lightship (Das Feuerschiff) ~ USA 1985
Directed By: Jerzy Skolimowski

Der Weltkriegsveteran Miller (Klaus Maria Brandauer) ist ein paar Jahre später Captain eines vor der Küste Virginias vor Anker liegenden Feuerschiffs, einer Art „mobilen Leuchtturms“, das die Verkehrsseefahrt im Nebel vor Riffen warnt. Miller befehligt eine kleine Besatzung von fünf Männern. Eines Tages muss er seinen delinquenten Sohn Alex (Michal Skolimowski) unter seine Fittiche nehmen. Nur kurz nach dessen Ankunft landen zudem drei Gangster, die nach einem Banküberfall auf See geflüchtet sind, auf dem Feuerschiff: Der exaltierte Caspary (Robert Duvall) und die beiden soziopathischen Brüder Gene (William Forsythe) und Eddie (Arliss Howard). Das ziellose Trio setzt die Mannschaft unter Druck und spielt zusehends genüsslich mit den ungleich verteilten Machtverhältnissen. Vor allem Caspary versucht unentwegt, den durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Utilitaristen Miller aus der Reserve zu locken. Die übrige Besatzung, darunter auch Alex, fasst derweil den Plan, gewaltsam gegen die drei Kriminellen vorzugehen…

„The Lightship“ ist die zweite Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Siegfried Lenz nach Ladislao Vajdas Erstadaption von 1963. Auch „Das Feuerschiff“ zählt, wie „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“, bereits seit Jahrzehnten zum Kanon nationaler Schulliteratur. Skolimowskis Ansatz, respektive der des vom Script gezielt modifizierten Scripts, konzentriert sich allerdings nahezu gänzlich auf das psychologische Duell zwischen Miller (im Buch Freytag) und dem zu dessen Nemesis avancierenden Caspary. Zwei höchst unterschiedliche Männer von ganz ähnlicher Intelligenz, die sonst jedoch nichts verbindet, finden sich dabei antagonisiert: Dem durch seine Kriegserlebnisse geläuterten, Ruhe und Frieden im Pflichtbewusstsein suchenden Miller, einem stets abwägenden, in sich ruhenden Menschen, setzt die Geschichte den zutiefst amoralischen, sozial entkernten Caspary entgegen, dessen Hauptbestreben bald darin liegt, Miller zu blindem Aktionismus anzustacheln. Freilich forciert sich jener Widerstreit der beiden Patriarchen zugleich auch zum unweigerlichen Schaulaufen der zwei Hauptdarsteller und ihrer jeweils gewiss genialischen Talente. Brandauer und Duvall stacheln sich wechselseitig zu spezifischer Höchstform an und bilden – natürlich – den Hauptgrund für den Genuss dieses sich oftmals zwischen Stühle setzenden Werkes. Den symbolischen, um nicht zu sagen, literarischen Charakter der Vorlage kann „The Lightship“ allerdings nie ganz abschütteln; die sich hauptsächlich durch die Vertiefung von Miller und Caspary via Dialog schürende Spannung wird allenthalben unterbrochen durch Szenen, die wiederum dem klassischen Terror- und Thrillerkino abgeschaut sind; so etwa eine Sequenz, in der der psychotische Gene die geliebte Krähe des Smutjes Nate (Badja Djola) massakriert und im Anschluss auch noch eine verbale rassistische Attacke gegen diesen fährt – hier wirkt der gezielte, zäsurische Einsatz urplötzlich stattfindender Affektion unpassend und sogar ein enig vulgär.
Nichtsdestotrotz bleibt „The Lightship“ ein spannendes, wohltuend unzeitgemäß wirkendes Werk seiner sonst doch so bereitwillig auf Oberflächen setzenden Ära.

8/10

OPERAZIONE KAPPA: SPARATE A VISTA

Zitat entfällt.

Operazione Kappa: Sparate A Vista (Kidnapping …ein Tag der Gewalt) ~ I 1977
Directed By: Luigi Petrini

Paolo (Mario Cutini), ein junger römischer Tagedieb, der die Oberklasse vor allem dafür hasst, dass er selbst nichts im Portemonnaie hat, freundet sich am Morgen nach einer für beide frustrierenden Luxusparty mit dem irrlichternden Professorensohn Giovanni (Marco Marati) an. Ein brüderlich geteilter Joint – und Giovanni weicht Paolo nicht mehr von der Seite. Das Paar bildet eine explosive Mischung, wie sich umgehend zeigt. Infolge einer kurzerhand exerzierten, zweifachen Vergewaltigung, deren eines Opfer (Linda Sini) die Tat nicht überlebt, werden die beiden von der Polizei gesucht. Nachdem sie sich über Umwege Waffen besorgt haben, nehmen sie die Gäste eines Nobelrestaurants als Geiseln – eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Aktion.

Marodierende Kids oder gemeinhin jüngere Leute zwischen Gammlertum, psychischer Labilität und wütender Perspektivlosigkeit bildeten eine beliebte Zielscheibe der späteren, zunehmend reaktionärer werdenden Ausprägung des italienischen Genre- und Sleaze-Fachs. Ähnlich dem letzthin in Augenschein genommenen, allerdings wesentlich differenzierter zu Werke gehenden „Fango Bollente“ zentriert sich auch „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ um zwei „gemischtschichtige“ Taugenichtse, die das Schicksal zusammenführt, um sie eine blutige Spur der Gewalt zeichnen zu lassen. Inhaltliches Herzstück ist die kopflose Kidnapping-Operation der beiden sich mit Drogen bei Laube haltenden Burschen, die sich, abseits von ihrer gemeinsamen Aggression wider das Establishment, dann doch ein wenig unterscheiden. Zumindest in seiner, wenngleich armseligen, Rebellion gegen die Gesellschaft bewahrt Paolo gewissermaßen ein authentisches Wesen; Giovanni derweil ist ein angesichts seines ewig fordernden Elternhauses deprimierter, zudem sexuell gehemmter Hänfling, der in Paolo ein lang herbeigesehntes Idol und somit eine personifizierte Sublimierungsoption für seine Minderwertigkeitskomplexe findet. Erst ihr fataler Schulterschluss ermöglicht die spätere Eskalation.
Luigi Petrini, der ansonsten eher im Komödien- und Romantik-Segment umtriebig war, hat sich mit „Operazione Kappa: Sparate A Vista“ offensichtlich selbst ein gehöriges Maß an Frust von der Seele geschrieben. Der Film entpuppt sich als ziemlich offensiver Exploiter mitsamt recht unappetitlichen Sexszenen und einem analog dazu wenig schmeichelhaften Frauenbild, das sogar in einen ziemlich wilden „Stockholm-Syndrom“-Strang mündet – eine der Geiseln (Maria Pia Conte) entdeckt Gefühle für den rüpelhaften Paolo (der im Laufe der Geiselaffäre natürlich doch noch manch weichen Zug offenbart). Ein veritabler italienischer Kidnapping-Reißer wäre ferner nichts ohne wackeren, natürlich immens coolen Ispettore, hier gegeben von keinem Geringeren als dem sonst vornehmlich höchstselbst als Regisseur tiefenschmieriger Sleaze- und Pornokost umtriebigen Mario Bianchi als ziemlich armseligem Maurizio-Merli-Substitut. Die offenbar Bianchi zu Gefallen ins Script gesetzten Sequenzen, in der der Inschpektor seiner höchst besorgten Freundin (Maria Francesca) erläutert, warum vor allem kernige Typen wie er diesen beschissenen Job auszuüben haben, sollten offenbar als kleine Atempausen von dem zerberstend spannenden Restaurant-Szenario fungieren, sind aber bloß völlig alberne Bremsklötze.
Absolut und unbedingt hervorzuheben schließlich die exorbitante Berliner Synchronfassung um die zwei Stimmenstars Ulrich Gressieker und Michael Nowka, die nicht nur diese beiden mittels eines Gossensprechs parlieren lässt, der in jenen Tagen sonst nur im übelriechendsten Saal des Bahnhofskinos zu hören war.
Ergo ein ganz großer Lumpenfeudel allerbester, leuchtender filmischer Schimmelpilzkultur!

7/10