SEIZED

„I never get my hands dirty.“

Seized ~ USA 2020
Directed By: Isaac Florentine

Nachdem Nero (Scott Adkins), der einst für den britischen Nachrichtendienst gearbeitet hat, verraten wurde, lebt er verwitwet, unter neuer Identität und als alleinerziehender Vater seines pubertierenden Sohnes Taylor (Matthew Garbacz) in Mexiko. Eines Tages wird Taylor von dem Kartellchef Mzamo (Mario Van Peebles) entführt und nur unter der Bedingung wieder frei gelassen, dass Nero als Mzamos Erfüllungsgehilfe sämtliche konkurrierenden Bosse mittels einer konzentrierten Großreinemachaktion aus dem Weg räumt. Nero lässt sich auf das Spiel ein, jedoch nicht ohne die Ankündigung, die Kidnapper am Ende selbst zur Rechenschaft zu ziehen…

Zu einem ziemlich langweiligen und zudem recht uninspirierten Resultat ist diese mittlerweile achte Zusammenarbeit von Regisseur Florentine und Scott Adkins gelangt: Letzterer schlägt sich als ehemaliger, nunmehr retirierter Superagent im Zuge der x-ten „Commando“-Variante durch eine unfreiwillige Terminierungsmission, die man gut und gern als verlockende Utopie aller mexikanischen Drogenkartellbosse bezeichnen möchte. Mario Van Peebles spielt diesen keinesfalls unsympathischen und neben einem breitkrempigen Cowboyhut auch mit einem hehren Ehrenkodex ausgestatteten Bösewicht als überaus menschlichen Ganoven mit karitativem Ansinnen – Erziehung, Bildung und Forschung wolle er subventionieren und könne dies eben am ungestörtesten leisten, wenn die lästige und sehr viel boshaftere Konkurrenz unter der Erde läge. Immerhin scheint Van Peebles die latente Ironie des Ganzen bewusst gewesen zu sein. Mit seiner Tongue-in-cheek-Performance bildet er den einzigen veritablen Lichtblick von „Seized“. Adkins als Nero mag derweil zwar nicht gern den erpressten Handlanger spielen, erledigt seine Tötungsaufträge jedoch trotzdem mit aller gebotenen Präzision und türmt hinter sich die Leichen zahlreicher böser Mexikaner auf. Am Ende trennen sich die beiden Widersacher schließlich gütlich – immerhin hatten sie gewissermaßen ja beide was von der ganzen Aktion, nicht zu unterschlagen, wie hoffnungslos albern die Vater-Sohn-Beziehung sich konturiert findet. Nun – Florentines und Adkins‘ B-Action-Biz ist gewiss nicht immer ganz einfach. Mit Kleinstbudgets für ein nicht allzu umfangreiches Zielpublikum arbeiten zu müssen, bedingt ja vermutlich diverse Zugeständnisse; wenn diese jedoch auf Kosten von Kreativität, Stil und Pacing gemacht werden, dann muss entsprechende Kritik erlaubt sein. „Seized“, mindestens so dümmlich wie oben teilweise eruiert, schleppt sich, unterbrochen von etlichen albernen Füllszenen und von hässlicher Digitalphotographie getragen durch seine kurze Spielzeit und kann nichtmal in punkto exzessiver Action punkten, denn auch diese bleibt stets verhalten und löst nichts von dem ein, was man sowohl von Florentine als auch von Adkins in der Vergangenheit schon sehr viel intensiver und druckvoller gesehen hat.
Neudeutsch nennt man das: lame.

3/10

NUEVO ORDEN

Zitat entfällt.

Nuevo Orden (New Order – Die neue Weltordnung) ~ MEX/F 2020
Directed By: Michel Franco

Just am Tage von Mariannes (Naian González Norvind) glamourös arrangierter Hochzeit probt das mexikanische Prekariat den landesweiten Aufstand: Schwer bewwaffnet und mit grüner Sprühfarbe ausgestattet greifen die Millionen von indigenen Armen die schwerreiche, vornehmlich europäischstämmige Oberschicht an, plündern und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Das Militär nutzt derweil die Unruhen, um im Hintergrund kurzerhand eine Diktatur zu installieren, zu mordet und zu kidnappen. Ausgerechnet Mariannes soziales Gewissen wird ihr zum Verhängnis: Um der schwerkranken Frau (Analy Castro) ihres früheren Hausangestellten Rolando (Eligio Meléndez) eine lebensnotwendige Herzoperation zu ermöglichen, verlässt sie das Haus und gerät über Umwege in die Fänge der Junta. Mariannes mittlerweile in trügerischer Sicherheit befindliche, ahnungslose Familie erhält eine erpresserische Nachricht, zieht jedoch die völlig falschen Schlüsse…

Michel Francos dystopisches Drama rührte sein globales, vor allem jedoch das mexikanische Publikum in mannigfaltiger Weise an, wobei die ungerührt-trockene, teils dokumentarisch anmutende Inszenierung nicht selten für Verwirrung sorgte: Francos oberflächlich anmutender Verzicht auf jedweden politischen Kommentar riss diverse ZuschauerInnen dazu hin, „Nuevo Orden“ als neoliberales, rassistisches Manifest zu erachten, als warnenden Weckruf für die hellhäutigen Reichen, auf der Hut zu sein vor all dem, was im Lande außerhalb ihrer elitären alltäglichen Wahrnehmung so an Gefährdendem vor sich hin brodelt. Natürlich zielt eine derart plumpe Lesart im weiten Bogen an Francos tatsächlicher Agenda vorbei. Gewiss, sein von betonter narrativer Nüchternheit geprägter, bewusst spannungsarmer und dadurch doch nur umso realitätsnäherer Albtraum birgt tendenziöse Strickmuster, diese sind jedoch nicht mehr oder weniger als die unumwundene Spiegelung der realen Zustände. Der Mexiko prägende gesellschaftliche Separatismus indiziert einen immens fragilen sozialen Makrokosmos – eine „Mittelschicht“ ist dort noch weniger vorhanden als etwa in den Staaten der EU, Arm und Reich bilden klar voneinander abgegrenzte Fronten, die sich zudem durch ihre jeweilige ethnische Basis kennzeichnen. Hinzu kommen die organisierte Kriminalität mitsamt ihren filigran errichteten Hierarchien und ihrer immensen Gewaltbereitschaft sowie korrupte Staatsgewalten. Das von rund 130 Millionen Menschen bewohnte Land entspricht einem potenziellen Pulverfass und Michel Franco zeigt mittels knapper Erzählzeit lediglich eine mögliche Explosionsoption auf. Moralinsäure oder gar den erhobenen Zeigefinger erspart er sich dabei entgegen allen anderslautenden Unkenrufen; die in „Nuevo Orden“ geschilderten Ereignisse stehen vielmehr da als die grausigen, aber logischen Kausalauswüchse sich sukzessive selbst abschaffender sozialer Gerechtigkeit.

8/10

THE DARE

„I could’ve had what you had…“

The Dare ~ USA/UK/BG 2019
Directed By: Giles Alderson

Eines Abends wird Jay Jackson (Bart Edwards), Ehemann und Vater zweier kleiner Töchter, aus seinem Vorstadthäuschen entführt und erwacht später angekettet in der Ecke eines maroden Raumes. Mit ihm gefangen sind noch drei andere Personen etwa gleichen Alters, die jeweils in den anderen Ecken der Kammer kauern: Der Wachmann Adam (Richard Short), die abgeklärt wirkende Kat (Alexandra Davis) und der übel zugerichtete Paul (Daniel Schutzmann). Wie der verstörte Jay erfährt, sind alle vier Opfer eines mysteriösen Kidnappers (Robert Maaser), der seine Gefangenen rohes Fleisch essen lässt und sie immer wieder mittels perverser Aktionen quält, die sie sich gegenseitig zufügen müssen. Es dauert eine Weile, bis man auf ein Ereignis in der Vergangenheit stößt, das die vier miteinander verbindet: Einst als Kinder haben sie während eines Sommerurlaubs einen kleinen Jungen namens Dominic (Mitchell Norman) gemeinsam gequält und einer „Mutprobe“ unterzogen: Dominic sollte in das Haus eines lokal berüchtigten Farmers (Richard Brake), dem man nachsagte, seinen eigenen Sohn ermordet zu haben, eindringen und dort zwanzig Minuten ausharren. Der Junge wurde danach nie mehr gesehen und die Vier haben niemandem je davon erzählt. Wie sich herausstellt, ist ihr muskelbepackter, maskierter Entführer und Marterer der mittlerweile erwachsene Dominic, dessen bisherige Biographie mit Grauen und Blut angefüllt ist und der nun Rache will für alles ihm Widerfahrene…

Kinder, frohlocket, der Folterporno lebt!
Die filmhistorischen Vorbilder zu Giles Aldersons durchaus ordentlich inszeniertem Regiedebüt sind evident: „The Dare“ orientiert sich formal an der entsprechenden Genrewelle der nuller Jahre und explizit dem von James Wan inszenierten Startschuss des „Saw“-Franchise, verquickt dessen Szenario mit dem Slasher-Klassikern wie Maylams „The Burning“ oder Hiltziks „Sleepaway Camp“ und setzt noch eine gehörige Prise „Sonny Boy“ hinzu. Es gibt, um das Ganze nochmal kurz abzureißen, also einen wahnsinnigen Maskenmann, der als Kind von Gleichaltrigen misshandelt, dann durch deren Schuld von einem geisteskranken Hillbilly-Widerling (Richard Brake in einer denkwürdigen Performance) gekidnappt und großgezogen wurde und sich nun für alles Erlittene – und selbiges ist nicht von Pappe – rächen will. Man darf Alderson bescheinigen, dass er sich zumindest redlich müht, bei allen, im Laufe seines Films wohldosiert aufgebotenen, ostentativen Widerwärtigkeiten die einem solchen Plot inhärente Kaspar-Hauser-Tragik nie ganz aus dem Blick zu verlieren und seinem Film damit auch ein psychologisch fundiertes Profil zu verabreichen. Dies soll durch einen steten Wechsel aus Gegenwartsgeschehen und Rückblenden erfolgen, gelingt allerdings nur in wenig überzeugendem Maße – allzu augenfällige Klischees, holzschnittartige Charakterisierungen und nicht zuletzt die teils immens unglaubwürdige Konstruktion der immerhin zwei Erzähljahrzehnte umspannenden Story löchern „The Dare“ beständig und höhlen ihn letztlich soweit aus, dass man letzten Endes nie gänzlich in ihn hineinzufinden vermag. Dass es durchaus auch kleine, augenzwinkernde Reminiszenzen an massenkulturelle Phänomene wie den Superhelden-Film gibt (Dominics Geschichte hat etwas von einer auf den Kopf gestellten comic origin, die dann ja am Ende sogar ein entsprechendes Endprodukt hinterlässt; zudem stellt der ausnahmsweise ausschließlich psychisch entstellte, physiognomisch jedoch gutaussehende Killer einen bewusst arrangierten Gegenentwurf zur Genretradition dar) verhindert nicht, dass Aldersons Film sich letztlich dann doch primär auf seine sorgfältig arrangierten, natürlich an Ekelintensität zunehmenden Foltereien reduziert, einen ziemlich dämlichen Epilog inbegriffen.
Ich finde „The Dare“ fazitär nicht gänzlich misslungen, aber er bleibt doch weit hinter seinen selbstgesteckten, hohen Ansprüchen zurück. Dennoch, vielleicht geht bald auch der gute Dominic dereinst in Serie. Das haben ja vor ihm schon ganz andere geschafft.

5/10

THE NOVEMBER MAN

„Information is useless. We collect people.“

The November Man ~ USA/UK 2014
Directed By: Roger Donaldson

Fünf Jahre nach seiner offiziellen Pensionierung lässt sich der Ex-CIA-Agent Peter Deveraux (Pierce Brosnan) von einem alten Vorgesetzten Henley (Bill Smitrovich) für eine weitere Mission reaktivieren: Er soll seiner alten Bekannten Natalia Ulanova (Mediha Musliovic), die hochbrisante Informationen über den kommenden russischen Präsidenten Federov (Lazar Ristovski) besitzt, helfen, aus Moskau heraus und über die russische Grenze zu gelangen. Deveraux willigt ein, doch bereits vor Ort wird Natalia erschossen – ausagerechnet von Deveraux‘ früherem Auszubildenden David Mason (Luke Bracey). Deveraux kann jedoch noch rechtzeitig Natalias Handy sichern und stößt auf die Spur eines Mädchens namens Mira Filipova, das vor Jahren in engerem Kontakt zu Federov gestanden haben soll und um einige von dessen Geheimnissen weiß. In Belgrad trifft Deveraux auf die Flüchtlingshelferin Alice Fournier (Olga Kurylenko), die Mira vor Jahren zu einem Neuanfang verholfen hat, jedoch nicht um ihren Aufenthaltsort weiß. Gemeinsam begeben die beiden sich auf die Suche nach der verschwundenen Mira und müssen gleichzeitig vor CIA und FSB fliehen.

Mit „The November Man“ erhielt Pierce Brosnan die offensichtlich dankbar angenommene Option, seiner zwölf Jahre zuvor beendeten Bond-Karriere nochmal ein weiteres Agentenabenteuer nachsetzen zu können. Dass seine zweite Zusammenarbeit mit Roger Donaldson sich dabei wesentlich druckvoller und spannender ausnimmt als jeder von Brosnans immerhin vier Bond-Filmen, gerät dabei zum überaus angenehmen Nebeneffekt. Nun ist zwar auch „The November Man“ nicht eben das, was man als realitätsverhafteten Spionage-Thriller bezeichnen mag, – immerhin kreuzt er seinen wild fabulierenden, wiederum mit dem camp liebäugelnden Plot kurzerhand mit realen Begebenheiten (dem zweiten Tschetschenien-Krieg) -, gibt Brosnan dafür jedoch die Gelegenheit, einen deutlich kantigeren Spitzel abzugeben als ihm das seine stets ölig konnotierte Interpretation des vielbedienten Briten gestattete. Peter Deveraux arbeitet nämlich nicht für Ihre Majestät, sondern für die CIA und fällt damit schonmal in eine gänzlich andere Kategorie seiner Proefession, die in diesem Fall nichts mit Eleganz, Luxus und Martini-Lakonie zu tun hat, sondern mit dem schmutzigen Geschäft direkter politischer Einflussnahme der selbsternannten Weltpolizei. Deveraux ist bzw. war zwar ein Spitzenmann seines Fachs, diese Qualität äußerte sich jedoch darin, dass er sich besonders effektiv zeigte im Töten, Übervorteilen und Verraten, allesamt Aktivitäten, die nunmehr gegen ihn selbst eingesetzt werden, da er, wie sich herausstellen wird, unwissend als Lockvogel missbraucht und ausgerechnet von seinem eigenen ehemaligen Mündel (von dessen Übernahme Deveraux nach dem Tod eines kleinen Jungen einst abgeraten hatte) aufs Korn genommen wird. Gewissermaßen greift Donaldson damit auch die Antagonistenkonstellation von „The Recruit“ wieder auf, unter veränderten und weiterentwickelten Vorzeichen zwar, aber dennoch von diversen Beziehungsanalogien flankiert.
Rein auf seinen Plot bezogen ist „The November Man“ dabei weit weniger interessant denn in der Zeichnung und Konfrontation einerseits seiner Figuren und andererseits des internationalen Spionagegeschäfts. Agenten, Militärs und andere Regierungsfunktionäre kommen, ein festes Markenzeichen von Donaldson Œuvre bereits seit „Marie“ von 1985, bei ihm nie gut weg mit ihrer moralischen Verkommenheit, Korrumpierbarkeit und ihren Ränkespielchen, die stets und ausschließlich die persönliche Hybris sowie ein pervertiertes Machtideal befüttern.
„The November Man“ greift diese kleine Tradition wiederum auf und manifestiert sie zugleich; bisher letztmalig, da Donaldson seither leider keinen weiteren Spielfilm (sein letztes Engagement bildet eine Dokumentation über den Rennstallgründer Bruce McLaren von 2017) mehr betreute. Immerhin listet die imdb zwei derzeit in der Entwicklung befindliche Projekte.

7/10

THE FURIES

„There’s only one way out – win!“

The Furies ~ AUS 2019
Directed By: Tony D’Aquino

Just nachdem sich die Epileptikerin Kayla (Airlie Dodds) mit ihrer besten Freundin Maddie (Ebony Vagulans) in einer Unterführung fürchterlich gezankt hat, wird sie, ebenso wie kurz zuvor Maddie, gekidnappt und seltsamen Prozeduren auf einem OP-Tisch unterzogen. Später erwacht sie in einer schwarzen Kiste, die sich mitten in einem ausgewaschenen Gehölz im Outback befindet. Doch sie ist nicht die einzige: Neben ihr gibt es nicht nur noch weitere, verstörte Mädchen in derselben Situation, sondern auch ebenso viele martialisch ausstaffierte Killer, die mit Horrormasken und Schlachtwerkzeug Jagd auf sie machen. Hinter dem Szenario, so findet Kayla bald heraus, steckt ein perfides Spiel…

Beauty or beast? Tony D’Aquinos kleiner Film ist am Ende leider nichts von beidem, sondern das üblich hölzerne, revisionistische X meets Y meets Z-Debütstück eines sich überdeutlich als kundig offenbarenden Genrefans, der es auch mal als Filmemacher probieren möchte. Dagegen ist ja prinzipiell nichts zu haben, gut finden muss man es allerdings ebenso wenig. Das einzig wirklich Überzeugende an dem einfallslosen „The Furies“, der eine immense Phalanx an Gattungsbeiträgen der letzten Jahre partioniert und einem grob errichteten Bauklotz-Häuschen gleich „neu“ zusammensetzt, sind seine paar handgemachten MakeUp-F/X, die dann allerdings wiederum spektakulär genug ausfallen, um – mit den Worten des lieben Christian Keßler – zumindest die Blutwurst angemessen kreisen zu lassen. Leider erweisen sich die diesbezüglichen Aufwendungen als zu geringfügig, um einen gänzlich tragfähigen Film präsentieren zu können. „The Furies“ mangelt es in letzter Instanz schlicht am Wesentlichsten, an Witz und Geist nämlich. Die Hauptfigur Kayla vermag kaum Empathie zu evozieren und ihre Mitstreiterinnen, allen voran die schüchterne, aber nicht ganz dichte Rose (Linda Ngo) gehen einem schon bald gehörigst auf den Geist. Die ausschließlich zur Artikulation von Grunzlauten befähigten Maskenkiller folgen zunächst keiner erkennbaren Motivation und benehmen sich wahlweise besonders clever oder besonders dämlich, was den Respekt vor ihnen nicht eben ins Unermessliche steigert.
Endhgültig prekär wird es, wenn D’Aquino irgendwann seine völlig triviale, sozialkritische Agenda auspackt, die zeitgemäß adäquat zwischen erstarkendem Feminismus und sozialer Ungerechtigkeit changiert und dann doch nur Teilenthüllungen anbietet: Hinter dem Menschenjagd-Spielchen, bei dem es darum geht, dass ein Beauty/Beast-Pärchen zusammenfindet und die Konkurrenz auf derbe Weise ausschaltet, steckt – gähn³ – offenbar ein mit modernster Technologie arbeitendes Geschäftsmodell für reiche, perverse Neolibs, die durch eine in den Augenlinsen der Mitspieler arrangierte Mikrokamera später das gesamte Geschehen am heimischen Bildschirm nachverfolgen können. Natürlich kriegt einer von ihnen (Tom O’Sullivan) am Ende Saures, denn die schlaue Kayla erhält durch ihre Krankheit die buchstäbliche Möglichkeit zum Durchblick, kann den Fängen ihrer Entführer entkommen und einem der Konsumenten ihre persönliche Aufwartung machen. Dann ist die Chose auch schon wieder vorbei; D’Aquino hatte (oder hat) da ganz offensichtlich ein Franchise im Sinn, deren Fortsetzungen, so sie denn jemals kommen, dann gewiss noch die eine oder andere spektakuläre Enthüllung bereithalten werden…

4/10

POINT BLANK

„You done everything you could for him.“

Point Blank ~ USA 1998
Directed By: Matt Earl Beesley

Um sich der drohenden Todesstrafe zu entziehen, arrangiert eine Gruppe Schwerverbrecher unter der Leitung des Waffenhändlers Howard (Paul Ben-Victor) eine groß angelegten Flucht aus einem Hochsicherheitsbus mitsamt anschließender Geiselnahme eines Einkaufszentrums in Fort Worth. Auch Joe (Kevin Gage), der jüngere Bruder des mittlerweile auf der Farm seines Das (James Gammon) arbeitenden, ehemaligen Soldaten und Texas Rangers Rudy Ray (Mickey Rourke), gehört zu der Gang. Rudy beschließt, vor Ort nach dem Rechten zu sehen und seinen Bruder gegebenenfalls auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.

Aus der meritenreichen Kategorie „muss man gesehen haben, um es zu glauben“ stammt Matt Earl Beesleys einzige Langregiearbeit, in keinster Weise zu verwechseln mit John Boormans gleichnamigem Meisterwerk von 1967.
Das vornehmliche, mir seit der Betrachtung von „Point Blank“ im Kopf herumwabernde Attribut ist „kaputt“. Herrschaftszeiten, welch ein kaputter Film. Möglicherweise geplant als eine Art Rip-off-Konglomerat der Blockbuster „Die Hard“ und „Con Air“, mag das sich in den ästhetischen Bahnen typischer 90er-B-Film-Genreware, wie sie etwa die PM Entertainment Group zu kultivieren pflegte, bewegende Timbre des Projekts auf dem Planungspapier noch durchaus sinnstiftend gewirkt haben, das, was dann, konserviert für die staunende Nachwelt, in seine so abjekte wie amorphe Form gegossen wurde, lässt sich mit Worten jedoch tatsächlich kaum beschreiben. Die im Grunde gar nicht zu verachtende Besetzung – neben Stars der zweiten Reihe wie Michael Wright als wegen Selbstjustiz verurteilter Veteran Sonny oder dem unvermeidlichen Danny Trejo als psychotischem Indianer Wallace gibt es den Coppola-Veteranen Frederic Forrest als Rudys Mentor und Ausbilder zu (im wahrsten Wortsinne) bestaunen – ist natürlich Mickey Rourke die vorrangige, personelle Attraktion des Ganzen. Neben seinen bereits damals ungut aussehenden Gesichtschirurgie-Narben hatten Anabolika Bi- und Trizeps des vormals hochgelobten method actors auf schwarzeneggersche Maße anschwellen lassen und er durfte Roundhouse Kicks wie der selige Chuck Norris verteilen. Überhaupt ist Rourkes wortkarge Rolle kaum greifbar; er wirkt als Rudy Ray eher wie ein wandelnder Stereotyp, ein vorübergehend in Fleischgestalt gefangenes Schemen, das in kurzen, von jaulenden E-Gitarren unterlegten Zwischenschnitten Gangster abserviert. Darin verdeutlicht sich zugleich auch die verkorkste Mise-en-scène Beesleys. Er gefällt sich nachhaltig darin, die Kamera immer wieder in 45-Grad-Schieflage zu bringen und seinen Film damit auch visuell wortwörtlich schräg dastehen zu lassen; die wirre, elliptische Schnittkonzeption von „Point Blank“ könnte avantgardistisch gemeint sein, wirkt aber am Ende doch bloß auf inkompetente Art eklektisch. Beesley tritt Dramaturgie und Filmschulweisheit auf aggressive Weise mit Füßen, schneidet vollkommen willkürlich aus einem melancholischen Dialog mitten in eine Actionsequenz und wieder zurück, pfeift kurzerhand auf althergebrachte Schuss-Gegensuchuss-Schemata und macht jede Halbtotale und jeden Close-up zu einem lodernden Fanal der Hässlichkeit. Ähnliches gilt für das von nicht weniger als vier Autoren zusammengeklöppelte Script, das vermutlich mit mindestens so viel Koks gepudert wurde wie Trejo (dessen Figur Herz und Seele von „Point Blank“ vermutlich am Treffendsten subsummieren) es sich im Laufe des Films durch die Nase zieht. Überhaupt scheint Kokain mir für die Entstehung dieser zelluloidgewordenen Abseitigkeit ein nicht zu unterschätzender Motor zu sein. „Point Blank“ gefällt sich zudem in seiner überschwänglich dargebotenen Brutalität, die primär auf das Konto von Trejos sadistischer Wallace-Figur geht. Dass Beesley auch wohlplatzierten Hommages nicht abgeneigt ist [„Cobra“ und „The Wild Bunch“ (letzter in Sonnys mit „Silent Night, Holy Night“ unterlegter Sterbeszene nebst Gatling Gun) etwa finden sich genuin zitiert], gehört allerdings zum damals längst von Tarantino und seinen Jüngern eingeläutetem, postmodernen Genrefilm.
Dass dieser „Point Blank“, dessen deutscher Untertitel „Over And Out“ sich geradezu prophetisch ausnimmt, in all seiner ostenativen Misslungenheit natürlich trotz oder gerade wegen seiner irrlichternden Gestaltung einen wunderlichen, in der Summe seines gewaltigen Scherbenhaufens dann doch wieder flirrend glitzernden „baddie“ abgibt, möchte ich zu schlechter Letzt aber bitte nicht unerwähnt wissen.

4/10

SENZA RAGIONE

Zitat entfällt.

Senza Ragione (Blutrausch) ~ I/UK 1973
Directed By: Silvio Narizzano

Drei Ganoven, der soziopathische Amerikaner Memphis (Telly Savalas), der kaum minder aufgedrehte Mosquito (Franco Nero) sowie dessen devote Freundin Maria (Ely Galleani), überfallen einen Juwelier (Giuseppe Mattei) in Rom. Auf der anschließenden Flucht durch ein paar enge Gassen schrotten sie ihren Wagen und stehlen stattdessen kurzerhand den Mercedes der Diplomatengattin Margaret Duncan (Beatrice Clary), auf dessen Rückbank sich Lennox (Mark Lester), der halbwüchsige Filius der Duncans, versteckt hält. Erst später registriert das Trio die Anwesenheit Lennox‘, womit die sich ohnehin planlos verlaufende, gen französische Grenze richtende Odyssee der Gangster vollends in eine Reise geradewegs ins verschneite Inferno verwandelt.

Für die mit Psychotikern ja geradezu gesäumten Flucht- und Amokgeschichten des italienischen Gangsterfilms der anni di piombo bildet „Senza Ragione“, dessen akurat übersetzter Titel eigentlich (und deutlich passender zudem) „Ohne Vernunft“ zu lauten hätte, nochmal einen kleinen Sonderfall dar. Das in Kooperation mit den Briten entstandene, wilde Road Movie kombiniert mit den Darstellern des Protagonistentrios ein lediglich auf den ersten Blick extravagant erscheinendes, für seine Entstehungszeit dann aber wiederum doch gar nicht mal so außerordentliches Antihelden-Kleeblatt. Selbst für das damalige darstellerische Œuvre Mark Lesters, des just auf seinem Zenit als Kinderstar befindlichen Filius des mitproduzierenden Michael Lester, bildet der psychologisch differenziert angelegte Part des zusehends aus seiner angestammten gesellschaftlichen Rolle fallenden Kidnapping-Opfers keine allzu spezifische Ausnahme.
Das zunächst noch als Quartett gleicht rasch einer dysfunktionalen Familie, die durch die unberechenbaren gewaltvollen Ausbrüche ihres schwärzesten Schafs zunächst um ihren weiblichen Bestandteil dezimiert wird und dann immer weiter auf direktem Verderbniskurs navigiert. Ausnahmslos alles läuft von Anfang an schief für Mosquito und Memphis – insbesondere infolge der affektgesteuerten Unbeherrschtheit von letzterem, der im Laufe der Geschichte immer mehr unschuldige Opfer anhäuft, darunter einen Hirtenjungen und eine fünfköpfige deutsche Camperfamilie. Selbst eine dreibeinige Hündin, die Memphis treu nachläuft, bleibt nicht von ihm verschont. Dessen in direkter Folge fast immer höchst theatralisch geäußertes Bedauern über die jeweilige Gewalttat gehört gewissermaßen obligatorisch zum mörderischen Gesamtprocedere seines kopflosen Aktionismus. Ein verzweifelter Versuch von Mosquito und Lennox, sich von Memphis‘ abgründigem Weg zu emanzipieren, bleibt auf der Strecke, die (maskuline) Kernfamilie bleibt unweigerlich beisammen, bis zum bitterenden Ende. Dabei bevölkert sie ihre eigene Parallelwelt; sämtliche Personen außerhalb ihres Zirkels wirken wie Fremndkörper: die nur als phantomeske Staatsentität präsente Polizei, Lennox‘ desinteressierte Eltern, eine verblichene Adelige (Maria Michi), deren ruinöser, einsamer Palast Mosquito und Lennox nur sehr kurzzeitig als Sanktuarium dient.
Der ein ebenso überschaubares wie ungewöhnliches Regiewerk aufweisende Italo-Kanadier Narizzano inszeniert sein Werk analog zum chaotischen Trip seiner Figuren durchweg ruppig, ungeschliffen und teils sogar improvisiert scheinend. Wenn „Senza Ragione“ überhaupt eine wie auch immer geartete Form von „Schönheit“ aufweist, dann nimmt sich diese so vorsätzlich unelegant wie morbid aus. Dass der Film anders als viele seiner weitaus weniger prominent besetzten, zeitgenössisch entstandenen Gattungsgenossen sich irgendwie krampfhaft jeder hochgejubelten Wiederentdeckung sperrt, spricht Bände – zu unbequem, zu abstrakt, zu böse vielleicht, scheint er mir.
So wird in den meisten deutschsprachigen Reviews zu „Senza Ragione“ zudem gern und leidenschaftlich wider dessen Synchronfassung kolportiert, für die ich an dieser Stelle einmal ausnahmsweise in die Bresche springen möchte. Der erst 1983 anlässlich der hiesigen Videopremiere angefertigten Berliner Brunnemann-Vertonung von Michael Richter (der unter anderem auch für das legendäre „Söldnerkommando“ verantwortlich zeichnete, was den wiederkehrenden Begriff „Bratenbengel“ erklärt) wird vorgeworfen, sie kalauere unentwegt daher und zerstöre dadurch die melancholische Grundstimmung des Geschehens. In der Tat trägt feuert insbesondere der auf Savalas besetzte Edgar Ott seine oftmals monologischen Zeilen vor allem zu Beginn ab, als befände er sich in einem absurden Theaterstück. Das ist, zumal anfänglich, in dieser Form gewiss gewöhnungsbedürftig, ergänzt „Senza Ragione“ aber vielmehr nochmals um jene ganz besondere, eigene Kunstform des Synchronfachs, die sich dann im weiteren Verlauf irgendwann doch der zusehends nihilistischen Atmosphäre unterwirft und trotz aller halsbrecherischen Verbaldrescherei den Film niemals zur befürchteten, albernen Komödie degradiert.

8/10

TRESPASS

„We can all die, cause I don’t give a fuck anymore!“

Trespass ~ USA/BG 2011
Directed By: Joel Schumacher

Die dreiköpfige, wohlhabende Familie Miller wird zum Opfer eins erpresserischen Überfalls, in dessen Zuge sie ein Quartett Krimineller (Ben Mendelsohn, Cam Gigandet, Dash Mihok, Jordana Spiro) in ihrer heimischen Villa festsetzt mit dem Plan, Ehemann und Vater Kyle (Nicolas Cage) Diamanten und Bares abzutrotzen. Doch die nur vordergründig glücklichen Millers haben schon selbst mit diversen Problemchen zu hantieren…

Joel Schumachers letzter Film geriert sich als de facto wenig substanzielles, aber zumindest schick ausgestaltetes Home-Invasion-Thrillerdrama für den gradlinigen Alltagsgebrauch. Mit Cage und Kidman konnte Schumacher auf zwei ihm aus voherigen Kollaborationen bekannte HauptdarstellerInnen zurückgreifen, deren jeweilige Karrieren sich zum gegebenen Zeitpunkt in (altersbedingtem?) Talkurs befanden. Wie in William Wylers „The Desperate Hours“, der ehrwürdigen Mutter aller Subgenre-Filme, entwickelt sich die repressive Situation zur psychosanitären Belastungsprobe für die Belagerten: Unausgesprochene, jedoch längst akut dräuende Wahrheiten kommen auf den Tisch – die keinesfalls mehr so rosige Finanzsituation, unbestätigte Verdachtsmomente im Hinblick auf die mögliche Untreue von Mutter und Gattin Sarah (Kidman), die Entfremdung der pubertierenden, sich abgehängt wähnenden Tochter Avery (Liana Liberato). Den Millers gegenüber stehen die vier mit allen Klischeewassern gewaschenen Ganoven: Anführer Elias (Mendelsohn), der keineswegs so souverän ist, wie er tut, seine Freundin, die drogensüchtige und depressive Petal (Spiro), Elias‘ jüngerer Bruder Jonah (Gigandet), ein Psychotiker, der ständig „seine Pillen“ nehmen muss und schließlich der rigorose Ty (Mihok), der gewissermaßen für den glatten Ablauf des Coups sorgen soll. Nachdem den Figuren ihre Ausgangsstellung zugewiesen ist, entbrennt ein dialogintensives sich sukzessive zuspitzendes Hickhack, im Zuge dessen das Script (Karl Gajdusek) sich nach Kräften bemüht, die Spannung auf einem konstanten Level zu halten, was durch die Unentschlossenheit aller Beteiligten jedoch eher suboptimal gelingt. Insbesondere den Verbrechern, die infolge ihrer eigenen, immens fragilen Beziehungskonstellationen und ihres jeweils von situativer Unprofessionalität zu keinem Zeitpunkt als wirklich bedrohlich durchgehen, mangelt es an der für ein wirklich intensives Gattungsstück an der gebotenen Intensität, derweil ausgerechnet mit der sich als am stabilsten innerhalb des allseitigen Widersachrreigens erweisenden Avery die jüngste Beteiligte den kühlsten Kopf behält und für die maßgeblichen Wendungen sorgt. So geht auch sie als erfolgreiche Verteidigerin der proamerikanischen Trutzburg „Familie“ am Ende als Gewinnerin hervor, derweil die Gangster sich zur Hälfte bereits selbst dezimiert haben. Auf der Asche eines verlogenen und somit glücklicherweise verlorenen Lebenstraums können die Millers hernach wieder zu sich selbst finden.
Schumacher bedient diese schlussendlich doch recht bieder, in Teilen gar republikanisch-reaktionär auslaufende Americana mit der ihm zueigenen Routine als langjährig profilierter Meister ästhetisch reizvoller Bildkomposita und versteht es zumindest auf diese Weise, dem auf den zweiten Blick als galliger, aber doch ziemlich hausbacken konnotierter Kommentar zur damaligen Immobilienkrise lesbaren Drama seine Insignien zu verabreichen.
Für sein Finalwerk wäre ihm dennoch ein deutlich gravitätischerer Stoff vergönnt gewesen.

6/10

MESSAGE FROM THE KING

„I’m in trouble. I need your help.“

Message From The King ~ USA/UK/F/BE 2016
Directed By: Fabrice du Welz

Der aus Kapstadt stammende Jacob King (Chadwick Boseman) kommt mit 600 Dollar in der Tasche nach Los Angeles. Er sucht seine Schwester Bianca (Sibongile Mlambo), die bereits vor Jahren hierher gezogen ist und zuvor einen telefonischen Hilferuf abgesetzt hatte. Seine Recherchen führen Jacob umgehend in Unterweltskreise und zu zwielichtigen Typen, als er verzweifelt registrieren muss, dass es bereits zu spät ist. Bianca liegt anonym im Leichenschauhaus, gefoltert und ermordet. Ohne sie offiziell zu identifizieren begibt sich Jacob auf die Suche nach den Schuldigen und stößt in ein Wespennest aus Perversion und Erpressung.

Wie etliche andere internationale Premiumregisseure in den letzten Jahren verschlug es auch Fabrice du Welz irgendwann zu Netflix, wo er seinen ersten englischsprachigen Film, eine Reminiszenz an die Klassiker „Get Carter“ von Mike Hodges und „The Limey“ von Steven Soderbergh, inszenierte. Wie in diesen begibt sich ein zunächst enigmatisch gezeichneter, sorgenvoller Verwandter in unbekannte urbane Gefilde, um die Umstände um das Ableben eines geliebten Familienmitglieds zu klären und, nachdem er die ersten Schichten der betreffenden Affäre offengelegt hat, das kriminelle Hornissennest von innen nach außen zu kehren. Dass Chadwick Boseman als Jacob King im Gegensatz zu Michael Caine und Terence Stamp erst nach den ersten Filmminuten und bereits in seinem Ermittlungsterrain angelangt vom Tod seiner Schwester erfährt, ist dabei im Prinzip reine Makulatur. Sein anschließender Weg jedoch ist nicht minder beschwerlich: Jacobs detektivische Anstrengungen reichen von einer drogenabhängigen Freundin (Natalie Martinez) Biancas über einen südosteuropäischen Mafiaableger, einen kriminellen Zahnarzt (Luke Evans), einen korrupten, stadtoberen Politiker (Chris Mulkey) und sich als Auftragskiller verdingenden Cops bis hin zu einem als Päderast umtriebigen Filmproduzenten (Alfred Molina). Seine einzige Hilfe bezieht Jacob derweil von seiner sich nebenbei prostituierenden Nachbarin (Teresa Palmer). Zunächst nur mit einer Fahrradkette bewaffnet macht sich der cape-flats-gestählte Held daran, ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen – mit erwartungsgemäß beachtlichem Erfolg und eine kleine, unerwartete Eröffnung zum Abschluss inbegriffen.
Namhaft gecastet und vergleichsweise ordentlich budgetiert empfand ich „Message From The King“ nichtsdestotrotz als Fabrice du Welz‘ bis dato schwächsten Film. Wiederum scheint er als Auftragsregisseur einiges an seiner vormaligen Signifikanz einzubüßen und sich damit zu begnügen, reine Genreware zu liefern, die er routiniert, aber ohne besondere Überraschungen vorträgt. Üblicherweise ist der unverstellte bis faszinationsgesäumte Blick europäischer Filmemacher auf das amerikanische Lokalkolorit stets ein Zugewinn, du Welz scheint Los Angeles indes eher zu langweilen. Was er dem flächigen Großstadtmoloch abtrotzt, zeugt jedenfalls kaum von der sonst üblichen Begeisterung des Exoten. Potenziell vielversprechende Augenblicke wie ein an Michael Mann erinnernder Dialog zwischen Boseman und Palmer in einem nächtlichen Diner versanden gar in klischeebehafteter Bedeutungslosigkeit. Tatsächlich lebt „Message From The King“ primär von seinen Darstellern, was keineswegs als Kompliment an einen fähigen Regisseur gewertet werden mag.

6/10

NICK OF TIME

„It’s loaded. It’s ready for the hunt. So are we.“

Nick Of Time (Gegen die Zeit) ~ USA 1995
Directed By: John Badham

Der alleinerziehende Buchalter Gene Watson (Johnny Depp) fährt mit seiner kleinen Tochter Lynn (Courtney Chase) in die L.A. Union Station ein. Kaum aus dem Zug gestiegen, werden die beiden von zwei mysteriösen Fremden, einem Mr. Smith (Christopher Walken) und einer Ms. Jones (Roma Maffia), abgepasst und zu deren Wagen gelotst. Ihre folgende Ansage ist kurz und bündig: Watson soll binnen der kommenden eineinviertel Stunden die Gouverneurin Eleanor Grant (Marsha Mason) erschießen, die sich mit ihrer gesamten Entourage gerade für eine Wahlkampfveranstaltung im Bonaventure Hotel befindet. Weigert er sich, muss Lynn sterben. Mit einer Waffe und einem Spenderausweis ausgestattet, wird der völlig überrumpelte Gene vor dem Hotel abgesetzt. Jeder Versuch, sich Hilfe zu verschaffen, endet für ihn zunächst in einem Fiasko – es stellt sich nämlich zunehmend heraus, dass selbst engste Vertraute von Governor Grant in das Mordkomplott verwickelt sind. Die Zeit wird derweil immer knapper…

„Nick Of Time“ firmiert rückblickend eher als kleine Fingerübung im Œuvre John Badhams und hat durch die Jahre vergleichsweise wenige Spuren hinterlassen. Als filmische Versuchsanordnung in Sachen Suspense, die sich offenkundig typische Noir- und Hitchcock-Topoi zum Vorbild nimmt, vermag der sich betont launig gebende Thriller tatsächlich auch nur in Teilen zu überzeugen. Das Script beschäftigt sich vorrangig mit der Verdichtung der Narration sowie deren Konzentration auf die Ort-/Zeit-Einheit und genehmigt sich dafür im Gegenzug immer wieder kleine, nebensächliche Schlampereien, die ein etwas präziser zu Werke gehender Autor möglicherweise umschifft oder zumindest eleganter aufgelöst hätte.
Die traditionsreiche Prämisse um den eher biederen, leicht gestressten, sich jedoch in weitgehender existenzieller Sicherheit wähnenden Bourgeois, der aus heiterem Himmel in eine kriminelle Affäre hineingerissen wird, sich innerhalb der veränderten Gegebenheiten zurechtfinden lernen muss, um dann am Ende über sein vormaliges bürgerliches Ich hinauszuwachsen, funktioniert indes auch in der vorliegenden Reprise noch recht gut. Deren, wohlbewusster, besonderer Reiz rekurriert primär aus der zu Beginn sehr rasch in Stellung gebrachten Antagonistenkonstellation Depp – Walken, beide just im Karrierehoch, die ihr Katz-und-Maus-Spiel mit geradezu diebischem Vergnügen ausagiert. Die zwei exzentrischen Herren scheinen mit ihrem jeweils ostentativen Habitus geradezu füreinander geboren, was die gemeinsamen Szenen zu kleinen Höhepunkten im sich ansonsten teils verlierenden Geschehen werden lässt.
Die Crux von „Nick Of Time“ besteht vor allem darin, dass sein vermeintlich so ausgeklügelter Plot förmlich dazu einlädt, nach möglichen Logiklöchern zu fanden und dass Badham ferner zu oberflächlich arbeitet, um diese mit seiner routinierten, nur wenige Glanzlichter setzenden Inszenierung stopfen zu können. Man sollte insofern bereit sein, neben der sich ohnehin günstig auswirkenden Sympathie für Regisseur und Hauptdarsteller viel Nachsehen und zugedrückte Hühneraugen mitzubringen – in diesem Falle lässt sich „Nick Of Time“ auch noch das eine oder andere abgewinnen.

7/10