LAURIN

Zitat entfällt.

Laurin ~ D/HU 1989
Directed By: Robert Sigl

Irgendwo in Deutschland, kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende, in einem kleinen Städtchen mit Meerzugang: Die Mutter (Kati Sir) der kleinen Laurin (Dóra Szinetár) muss sterben, weil sie Zeugin des Mordes an einem Jungen wurde. Für das Mädchen, dessen Vater (Barnabás Tóth) wie viele der Männer hier zur See fährt, beginnt eine Zeit der Unsicherheit und Einsamkeit. Mit der Rückkehr des Pfarrersohns Van Rees (Károly Eperjes) vom Militär mehren sich seltsame Zeichen, die nur Laurin wahrzunehmen im Stande ist.

Infolge der jüngst stattgefundenen Restaurierung, Neuveröffentlichung und kleinen Kino-Tournee von Robert Sigls fast schon dreißig Jahre altem Film ist „Laurin“ urplötzlich wieder in aller Munde zumindest der deutschen Cinephilie. Fast unmöglich, dem Ausnahmewerk momentan nicht allenthalben zu begegnen, dabei war es doch eigentlich nie ganz weg. Gern wird angeführt, dass „Laurin“ vor allem deshalb eine wesentliche Position in der jüngeren hiesigen Filmgeschichte einnimmt, weil er sich als Genrestück zumindest im zeitgenössischen Kino einen höchst spezifischen Ausnahmestatus sichert.
Auch für den Regisseur Robert Sigl, der „Laurin“ mit 26 Jahren fertigstellte und der in der Folge bislang ausschließlich fürs Fernsehen arbeitete, bleibt das vielschichtige, düsterromantische Kleinod ein Ausnahmetriumph. Mir selbst fiele aus dem zeitlichen Kontext nur noch Ralf Huettners „Der Fluch“ (bezeichnenderweise eine TV-Produktion) ein, wenn ich eine sich annähernd ähnlich beklemmend ausnehmende, emotional involvierende Arbeit nennen müsste.
„Laurin“ zeigt sich von vielerlei Einflüssen geprägt; die Geschichte eines Mädchens an der Grenze zur Pubertät (oder kurz darüber hinaus), dass auf eine phantastische, unter Umständen morbide Entdeckungssuche geschickt wird, hat etliche literarische und auch filmische Wurzeln. Lewis Carrolls „Alice“-Romane wären da zu nennen, „The Wizard Of Oz“ und, später im Film, „Valerie A Týden Divu“, „Lemora – A Child’s Tale Of The Supernatural“ und später noch „The Company Of Wolves“ und „Phenomena“. Aus all diesen Quellstoffen bezieht Sigls Film – ob bewusst oder unbewusst – seinen exquisiten Treibstoff. Ein wenig Herzog scheint noch drinzustecken, an dessen im historischen Ambiente angesiedelte Werke man sich hier und da erinnert fühlt. Trotzdem ist „Laurin“ immer noch eigenwillig genug, um als etwas Neues und Besonderes gewertet werden zu können und seinen besagten Exklusivstatus zu sichern. Mit ungarischen DarstellerInnen gedreht und in deutscher Sprache nachsynchronisiert, ergibt sich bei der Betrachtung zunächst der nicht zu unterschätzende Vorteil, sich nicht nur zeitlich, sondern auch demoskopisch entrückt zu wähnen. Wo genau das Städtchen liegt, in dem „Laurin“ spielt, lässt sich ferner kaum bestimmen; Ostsee und Donauufer schießen einem durch die assoziativen Verschaltungen. Das „Zweite Gesicht“ des Mädchens bringt dann ein dezidiert phantastisches Element mit in das sich bald entspinnende Mördermysterium, das sich später um brodelnde, seit langem schwelende Abgründe ergänzt findet: Der alternde Pastor (Endre Kátay) erweist sich als weitaus weniger enthaltsam als sein Stand ihm gestattet; er hat wenigstens ein uneheliches Kind und scheint, nicht zuletzt in Anbetracht der tiefen Verstörtheit seines Sohnes, der sich schließlich als Kindsmörder entpuppt, noch ganz andere, sehr viel dunklere Obsessionen zu hegen. Symbolische Vorboten – ein Flugdrachen, der wie ein schwarzes Herz durch die Luft flattert und ein nicht minder schwarzer Schäferhund – leiten Laurin bis hin zur Entlarvung und Unschädlichmachung der finsteren Wolken über dem ohnehin bereits dämmernden k.u.k.-Schmuck der sich neigenden Epoche.

9/10

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CHILDREN OF THE CORN III: URBAN HARVEST

„Let the harvest begin!“

Children Of The Corn III: Urban Harvest (Kinder des Zorns III – Das Chicago-Massaker) ~ USA 1995
Directed By: James D.R. Hickox

Zwei der überlebenden Gatlin-Kinder, Eli (Daniel Cerny) und sein älterer Stiefbruder Joshua (Ron Melendez), werden Hals über Kopf von dem kinderlosen Ehepaar Porter aus Chicago adoptiert. Während der weltoffene Joshua sich rasch an die juvenilen Gepflogenheiten der Großstadt anpasst und Freunde findet, pflegt Eli weiterhin die alten „Gewohnheiten“, zu denen auch der umgehend erfolgende Anbau einer Maiskultur auf einem leerstehenden, an den Familiengarten angrenzenden Fabrikgelände gehört. Während Amanda Porter (Nancy Lee Grahn) rasch Angst vor Elis auffälligem Verhalten bekommt, ist ihr Gatte William (Jim Metzler) höchst begeistert von dem widerstandsfähigen Getreide, das hinter seinem Haus wächst und stielt bereits einen Deal ein, selbiges in alle Welt zu verschiffen. Derweil schart Eli eine neue Kultgemeinde um sich und huldigt mit dieser dem bereits lauernden Maisdämon „Der, der hinter den Reihen wandelt“.

Ein ordentlicher Schwung aufwärts gelang Anthony-Bruder und Douglas-Sohn James D.R. Hickox hinsichtlich des „Corn“-Serials nach David Prices eher unmotiviertem, müden Erstsequel mit dieser zweiten, um einiges spektakuläreren Fortsetzung. Die Grundidee, den Maiskult aus der ruralen Umgebung des Mittleren Westens in die Großstadt zu hieven, erweist sich als sinnstiftend und treffend und findet sich durch den Einfall, den Mais auf einer Industriebrache anzupflanzen, wiederum hübsch angereichert. Mit dem von dem dreizehnjährigen  Jungdarsteller Daniel Cerny angemessen diabolisch gespielten Eli gibt es einen würdigen Nachfolger zum seligen Isaac, dessen bösartiger Habitus hervorragend mit seinem netten Erscheinungsbild kontrastiert. Besonders der schwelende Konflikt zwischen Eli und dem Schulpfaffen Nolan (Michael Ensign), der ihn bald durchschaut und dessen Kirche Eli später übernimmt, weiß zu gefallen, bis es im Finale dann ordentlich kracht: Endlich bekommt man „Den, der hinter den Reihen wandelt“ zu Gesicht – ein gewiss nicht durchweg ganz reibungslos animiertes, aber vielleicht gerade deswegen besonders illustres, unförmiges Monster, das sich rigoros durch die Belegschaft seiner verblendeten Anhänger pflügt. Eine konkreter bebilderte Warnung vor kritiklosem Sektierertum wird man im Genrefilm schwerlich finden.

5/10

CHILDREN OF THE CORN II: THE FINAL SACRIFICE

„For everything, there is a season.“

Children Of The Corn II: The Final Sacrifice (Tödliche Ernte – Kinder des Zorns II) ~ USA 1992
Directed By: David Price

Die überlebenden Kinder aus Gatlin, Nebraska, Schauplatz eines im sektiererischen Wahn verübten Massenmords, werden von den Bewohnern des Nachbarorts Hemingford in Obhut genommen. Dem stehen ein paar Einwohner wie die alte Mrs. Burke (Marty Terry) überaus skeptisch gegenüber – machen sie doch eben die Gatlin-Kinder für die blutigen Geschehnisse verantwortlich. Der zufällig durchreisende Klatschreporter Garrett (Terence Knox) und sein ihn begleitender Sohn Danny (Paul Scherrer) werden mitten in die Ereignisse gezogen, die nicht nur die sinistren Halbwüchsigen, sondern auch einen Skandal um den Verkauf fauler Maiskolben beinhalten. Zudem ist „Der, der hinter den Reihen wandelt“ nicht weit…

Ganze acht Jahre nach der immerhin noch etwas stimmungsvoll gefertigten Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King machte sich das just gegründete, auf phantastische Stoffe abonnierte Weinstein-Studio Dimension daran, ein Franchise rund um die parareligiös verbrämten Satansblagen vom Stapel zu lassen. „Children Of The Corn II“ war zugleich auch der letzte Film der mittlerweile sieben Sequels und ein TV-Remake umfassenden Serie, dem ein Kinostart vergönnt wurde. Dabei fällt jene erste Fortsetzung gleich ziemlich albern aus: Um den sich als nicht sonderlich spannungsträchtig erweisenden Hauptplot um den infantilen Maiskult ein weiteres inhaltliches Mosaiksteinchen zuzusetzen, schrieben die Autoren ihm eine Geschichte um verschwörerische, kriminelle Landwirte nebenher, hinter denen sich die Stadtoberen von Hemingford verbergen. Die zu einem Quintett anwachsenden Helden bekommen es daher gleich mit zwei Übelswurzeln zu tun, was dennoch keinerlei Anlass zu visuellen Sensationen bietet. Abgesehen von ein paar wenigen netten Ideen und S-F/X bleibt alles so flach und dörr wie der Mittelwesten im Hochsommer. Die geflissentlich bedrohliche Atmosphäre des Originals weicht einem ordinären Slasherkonzept, das sich primär um den bösen Micah (Ryan Bollman) und seine ihm hörigen Jünger schart, wie sie sich ihrer unbequemen erwachsenen Gegner und Mitwisser entledigen. Ein altkluger Indianer (Ned Romero), der natürlich die übersinnliche Essenz hinter den Ereignissen durchblickt, darf dabei ebensowenig fehlen wie love interests für Vater und Sohn nebst den Zug sträflich ausbremsenden Romantikszenen.
Wer gern wissen möchte, warum die Neunziger im Genresektor vielerorts als „most boring deacde“ erachtet werden, der findet hier ein durchaus passendes Indiz. Kein Werk zum Blumentöpfe gewinnen.

3/10

VERÓNICA

Zitat entfällt.

Verónica ~ E 2017
Directed By: Paco Plaza

Madrid, 1991. Die fünfzehnjährige Schülerin Verónica (Sandra Escacena) übernimmt für ihre drei jüngeren Geschwister, die Zwillinge Lucía (Bruna González) und Irene (Claudia Placer) sowie den kleinen Antoñito (Iván Chavero) häufig die Rolle der Ersatzpflegerin, da ihre verwitwete Mama Ana (Ana Torrent) den ganzen Tag über in einer Kneipe arbeitet. Veró, wie sie von allen genannt wird, vermisst ihren Vater und beraumt daher mit zwei Freundinnen (Ángela Fabián, Carla Campra) während einer Sonnenfinsternis auf dem Schuldachboden eine Séance mit dem Ouija-Brett an. An deren Ende kollabiert Veró und beobachtet in den nächsten Tagen zunehmend Seltsames. Offenbar hat sich im Zuge des übersinnlichen Happenings eine dämonische Entität aus dem Jenseits herübergeschlichen, die es auf die Veró und ihre drei Geschwister abgesehen hat. Eine alte, blinde Nonne (Consuelo Trujillo) weiß mehr…

„[Rec]“-Regisseur Paco Plaza hat dem Geister- und Besessenheitsgenre mit seinem jüngsten Werk auf den ersten Blick zwar wenig Innovatives hinzuzufügen, kann sich jedoch gleich zu Beginn bereits aufs Fähnchen schreiben, auch abseits des unruhigen Found-Footage-Segments einen überaus ordentlichen und gepflegten Inszenierungsstil vorweisen zu können. Seine Hauptdarstellerin Sandra Escacena, von der man hoffentlich noch viel sehen und hören wird, erweist sich zudem hervorragend als verunsichertes Mädchen, die zwischen strengkatholischem Schulsystem und ihrer Gefangenschaft in der mehr oder weniger unfreiwilligen Rolle der Ersatzmutter keinerlei Möglichkeit zur altersgerechten Entfaltung erhält, deren Adoleszenz durch die äußeren Umstände ins Stocken gerät und die daher zum willkommenen Opfer für paranormale Einflussnahme avanciert. So fällt der Coming-of-Age-Anteil der dramatisch aufgezogenen Geschichte der handelsüblichen Poltergeistiade rund um herabfallende Kruzifixe und sich verrückende Möbel mindestens ebenbürtig aus. Ganz bei sich ist Verónica nur dann, wenn sie auf dem Bett liegend ihren Héroes del Silencio auf dem Walkman lauschen (denen Plaza ganz nebenbei ein spätes Denkmal setzt) und wenigstens einmal am Tag für kurze Zeit in ihrer eigenen, geheimen Welt der Träume und Wünsche versinken kann.
Gegen Ende, als die dramatischen Ereignisse ihren bereits angekündigten Verlauf vollzogen haben, entpuppt sich „Verónica“ dann endgültig keineswegs als der möglicherweise antizipierte, breitärschige Schocker, sondern ganz im Gegenteil still und traurig als psychologisches, höchst intim konnotiertes Drama um Aufopferung, vielleicht Verschwendung und um ungehört verhallte, erstickte Lebensenergie. Gerade dieser unerwarteten Doppelbödigkeit wegen am Ende doch ein überdurchschnittlicher Gattungsbeitrag.

8/10

IT

„Time to float.“

It (Es) ~ USA/CAN 2017
Directed By: Andy Muschietti

In der Kleinstadt Derry, Maine macht sich im Herbst 1988 das Böse breit. Zumeist erscheint es seinen vornehmlich juvenilen Opfern als diabolischer Clown Pennywise (Bill Skarsgård), kann jedoch auch alle möglichen anderen Formen annehmen oder horrible Szenarien vortäuschen, die die Angst seiner unfreiwillig heimgesuchten Klientel verstärken.
Eine siebenköpfige Gruppe von sich sowohl von Gleichaltrigen als auch von der Elterngeneration im Stich gelassen fühlenden Kids stellt sich dem dämonischen Treiben mit aller Entschiedenheit entgegen.

Viel Essenzielles gibt es nicht zu berichten über Andy Muschiettis ersten Teil der Neuverfilmung von Stephen Kings opus magnum. Wie schon Tommy Lee Wallaces vor siebzehn Jahren entstandene TV-Adaption transponiert er den in der kindlichen Vergangenheit der Protagonisten spielenden, ersten Aufzug, um die narrative Gegenwart später der eigenen Entstehungszeit angleichen zu können. Dies folgt einem derzeit schwer angesagten und dementsprechend breit bedienten, unterhaltungsmedialen Trend, zugeschnitten auf die quantitativ wohl nicht eben gering ausfallende Publikumsschicht von Konsumenten, die wesentliche Teile ihre Kindheit in den Mitt- bis Spätchtzigern verlebt haben und jener Periode somit auch entscheidende Prägungsfaktoren ihrer Vorlieben „verdanken“. Titel wie „The Goonies“, „Stand By Me“, „The Explorers“ und alles mögliche Anverwandte fallen in diesem Bezugsrahmen immer und immer wieder. Die Netflix-Serie „Stranger Things“ bedient diese offenbar einen zeitgeistlichen Nerv treffende Nostalgiesparte seit nunmehr zwei Staffeln bereits mit immensem Erfolg und es steht zu erwarten, dass auch das Kino mit „It“ noch lange nicht seinen letzten Repräsentanten jener Flashback-Avancen hervorgezaubert hat. Abgesehen von diesem alles in allem wenig spannenden Pseudophänomen, das wohl am Ehesten dazu angetan ist, den ungeheuerlichen, kommerziellen Erfolg des Films zu erklären, präserviert Muschiettis Film, der Nachfolger seines doch sehr mediokren Geisterstreifens „Mama“, durchaus nett daherkommendes Entertainment, bei dem sich bessere inszenatorische Ideen mit halbwegs lässlichen Redundanzen die Waage halten. Dass „It“ mit seinen Mehrfach-Showdowns deutlich übers Ziel hinausschießt und Erzählzeit schindet, wo es längst keiner mehr bedurft hätte, wäre er bloß konzentrierter korsettiert, dürfte noch der größte Faux-pas sein; zu deutlich potenterer Stärke findet Muschietti wiederum, wenn er (trotz der albernen Affinität eines der Helden zu der Affentruppe New Kids On The Block) unerwartet schöne Songs aus dem Ärmel zaubert und sich auf die intimeren Coming-of-Age-Momente konzentriert. Leider hat es derlei Momente vor allem im Direktvergleich allzu wenige und so kommt am Ende wenig mehr denn ein doch ziemlich gemischtgeschrotetes Unternehmen heraus, dessen demografisches Analysepotenzial letzten Endes interessanter ausfällt als es selbst.

6/10

IT

„I am eternal, child. I am the eater of worlds, and of children. And you are next!“

It (Es) ~ USA 1990
Directed By: Tommy Lee Wallace

Derry, Maine im Frühherbst 1960. Sieben durch ganz unterschiedliche Handycaps geprägte Kids im Alter von zwölf Jahren gründen den „Loser’s Club“, eine Clique, die ihnen nicht nur Zusammenhalt und Stärke verleiht gegen die alltäglichen Bedrohungen durch fehlgeleitete Erwachsene und halbstarke Bullys, sondern auch gegen eine paranormale, böse Entität, die Derry offenbar alle dreißig Jahre heimsucht und vornehmlich kleine Kinder verzehrt, um sich zu stärken. Es gelingt dem „Loser’s Club“ unter Aufbietung größtmöglicher Energien schließlich, jenes „Es“, das sich gern als Clown (Tim Curry) zeigt, in die Schranken zu weisen. Drei Jahrzehnte später beginnt in Derry erneut eine Serie von Kindermorden. „Es“ ist zurück. Mike Hanlon (Tim Reid), der als Einziger der sieben Kinderfreunde auch als Erwachsener in Derry geblieben ist, alarmiert den mittlerweile in ganz neuen Individualnöten befindlichen Loser’s Club, um der gemeinsamen alten Nemesis endgültig das Handwerk zu legen.

Tommy Lee Wallaces zweiteilige Adaption von Stephen Kings massivem Erfolgswälzer konnte sich über die Jahre eine für einen TV-Film ungewöhnlich große, cinephile fanbase sichern, was wohl neben einigen wenigen wirklich konstituierenden Augenblicken insbesondere der ikonographischen Darstellung des Clowns Pennywise durch Tim Curry zuzuschreiben ist. Und tatsächlich ist es vor allem Currys exaltierte Interpretation, die das ansonsten biedere, seinem Format gemäß stark korsettierte Werk immer wieder über seine ansonsten mediokre Präsentation hinaushebt und in Erinnerung bleiben lässt. Immerhin gelingt es Script und Film, auch die Metaebene von Kings allegorischer Kleinstadtmär aufrecht zu erhalten – im Grunde geht es ja gar nicht um dieses übermächtige, furchtbare Wesen unbekannter Herkunft, sondern um den Wert beständiger Freundschaft und den gemeinsamen, schließlich erfolgreichen Kampf um das Recht, in einer von Widerständen geprägten Umwelt überleben zu können. Um eine solche Geschichte umfassend erzählen zu können, bedurfte es offensichtlicher Klischees, die der Plot dann auch relativ behende bedient: Bill Denbrough (Jonathan Brandis/Richard Thomas) stottert, wenn er nervös ist und leidet unter übermächtigen Schuldgefühlen betreffs des Todes seines kleinen Bruders Georgie (Tony Dakota); Ben Hanscom (Brandon Crane/John Ritter), als adipöses Kind permanent gehänselt, ist als Erwachsener beziehungsunfähig und dem Alkohol verfallen; Eddie Kaspbrak (Adam Faraizl/Dennis Christopher) steht unter ewiger Bevormundung seiner selbstsüchtigen Helikoptermutter (Sheila Moore) und ist eingebildeter Asthmatiker; hinter der Fassade des vorlauten Richie Tozier (Seth Green/Harry Anderson) verbirgt sich ein von permanenten Selbstzweifeln heimgesuchter Schwächling; der intelligente Stanley Uris (Ben Heller/Richard Masur) kann nicht verwinden, dass es Dinge gibt, die nicht seiner jüdischen Schulweisheit unterliegen; Beverly Marsh (Emily Perkins/Annette O’Toole), das einzige Mädchen im Bunde, sucht sich als Erwachsene unbewusst genau solche Arschlochmänner, wie sie in Kindheitstagen ihr alleinerziehender, gewalttätiger Vater (Frank C. Turner) repräsentierte und Mike Hanlon (Marlon Taylor/Tim Reid) schließlich unterliegt primär dem gewaltigen, sozialen Nachteil, ein intelligenter, selbstbewusster Afroamerikaner zu sein. Den Kindern erwachsen all ihre von ihrem jeweiligen (zunächst unfreiwillig, später selbstgewähltem) Umfeld forcierten „Behinderungen“ zu ausgewachsenen Traumata, deren Symptome sie zwar zum Schein beiseite schieben können, deren tieferen, eigentlichen Ursachen sie sich jedoch nie wirklich zu stellen vermochten (und die in krassem Kontrast zu ihren jeweiligen, oberflächlichen Erfolgskarrieren stehen).
Der Kampf gegen „Es“ ist also vor allem eine extrem aktionistisch arrangierte Gruppentherapie, die der Bezwingung von Ängsten und Barrieren dient – ein klassischer Coming-of-Age-Stoff. Damit das auch der Dümmste versteht, schafft es Bill am Ende sogar, seine von Pennywise entführte, schwer traumatisierte Frau Audra (Olivia Hussey) aus ihrem katatonischen Zustand zurückzuholen – der finale Durchbruch gelingt und trotz zweier bedauernswerter Todesopfer (Stanley & Eddie) wird der Rest des „Loser’s Club“ nunmehr ein freieres Leben führen können.
Ich bin gespannt auf den ersten Teil der Neuinterpretation (demnächst hier).

6/10

TROLL

„Mr. Dickinson, wrong apartment.“ – „Shit!“

Troll ~ USA/I 1986
Directed By: John Carl Buechler

Die vierköpfige Familie Potter zieht gut gelaunt in ein neues Appartment vor San Francisco. Gleich am Tag des Einzuges erweist sich die kleine Wendy Anne (Jenny Beck) beim Spielen als willkommener Wirt für einen garstigen, hinter einer Kellermauer im Waschraum hausenden Trollkönig namens Torok (Phil Fondacaro). Während ihr älterer Bruder Harry (Noah Hathaway) sogleich ahnt, dass mit dem Schwesterlein etwas nicht stimmt, sind Vater (Michael Moriarty) und Mutter (Shelley Hack) zunächst weniger verwundert über Wendy Annes plötzliche Verhaltensoriginalitäten. Die anderen Mieter des Hauses werden von dem Wendy-Troll, der seine erscheinung nach Belieben verändern kann, ebenfalls flugs in Fabelwesen verwandelt. Nur an Mrs. St. Clair (June Lockhart/Anne Lockhart) von ganz oben beißt sich der kleine Unhold die Zähne aus. Diese entpuppt sich nämlich als eine uralte Magierin, die Harry Jr. im Kampf gegen Torok zur Seite steht.

Grandioser Fantasy-Horror aus dem Hause Empire, gefilmt in einem italienischen Atelier und von dem kauzigen Ed Naha so wunderbar ausgelassen gescriptet, dass man gar nicht anders kann als das Gebotene die ganze Zeit mit offenem Mund zu bestaunen. Der brillanteste Kniff der ansonsten eher in konventionellen Genrebahnen verankerten Story liegt darin, den Mitmietern des Hauses bzw. ihren verwandelten alter egos wesentlich mehr Handlungsraum zu gestatten denn üblich. Es beginnt bereits grandios mit Sonny Bono als sexbesessenem Schmierlapp, der als erster von Torok-Wendy verwandelt wird, geht weiter mit Gary Sandy als bizarrem Militarismus-Freak und Julia Louis-Dreyfus, die sich eine geile Waldelfe transformiert findet und langt bis zu dem kleinwüchsigen Phil Fondacaro, der nicht nur unter der Maske des Trolls agiert, sondern zugleich einen unter seinem Handicap leidenden Uni-Professor spielt. Am Ende versetzt man uns gemeinsam mit Helden und Schurken in eine Parallelwelt, in der der Entscheidungskampf stattfindet.
„Troll“ ist tatsächlich noch immer ein Film wie kein Zweiter und ein leuchtendes Beispiel dafür, welch enormes, kreatives Potenzial und welche Hingabe an ihre Arbeit in der vermeintlichen Billigfilm-Schmiede Empire schlummerte. Während die S-F/X-Leute und Darsteller keine Scheu zeigen, sich rundum für und in eine Arbeit involvieren zu lassen, die weniger freigiebige Zeitgenossen ohne zu zögern als „albernen Humbug“ abtäten, meistern Buechler und Naha, auch das gewissermaßen ein Empire-Tademark, die Gratwanderung zwischen der Feilbietung engagierten Genrestoffs und unverhohlen (selbst-)parodistischer Attitüde bewundernswert schwindelfrei.
Ein kleines, matt glimmendes Juwel seiner Jahre, und das meine ich wirklich gänzlich unironisch.

7/10