TROLL

„Mr. Dickinson, wrong apartment.“ – „Shit!“

Troll ~ USA/I 1986
Directed By: John Carl Buechler

Die vierköpfige Familie Potter zieht gut gelaunt in ein neues Appartment vor San Francisco. Gleich am Tag des Einzuges erweist sich die kleine Wendy Anne (Jenny Beck) beim Spielen als willkommener Wirt für einen garstigen, hinter einer Kellermauer im Waschraum hausenden Trollkönig namens Torok (Phil Fondacaro). Während ihr älterer Bruder Harry (Noah Hathaway) sogleich ahnt, dass mit dem Schwesterlein etwas nicht stimmt, sind Vater (Michael Moriarty) und Mutter (Shelley Hack) zunächst weniger verwundert über Wendy Annes plötzliche Eigenarten. Die anderen Mieter des Hauses werden von dem Wendy-Troll, der seine erscheinung nach Belieben verändern kann, ebenfalls flugs in Fabelwesen verwandelt. Nur an Mrs. St. Clair (June Lockhart/Anne Lockhart) von ganz oben beißt sich der kleine Unhold die Zähne aus. Diese entpuppt sich nämlich als eine uralte Magierin, die Harry Jr. im Kampf gegen Torok zur Seite steht.

Grandioser Fantasy-Horror aus dem Hause Empire, gefilmt in einem italienischen Atelier und von dem kauzigen Ed Naha so wunderbar ausgelassen gescriptet, dass man gar nicht anders kann als das Gebotene die ganze Zeit mit offenem Mund zu bestaunen. Der brillanteste Kniff der ansonsten eher in konventionellen Genrebahnen verankerten Story liegt darin, den Mitmietern des Hauses bzw. ihren verwandelten alter egos wesentlich mehr Handlungsraum zu gestatten denn üblich. Es beginnt bereits grandios mit Sonny Bono als sexbesessenem Schmierlapp, der als erster von Torok-Wendy verwandelt wird, geht weiter mit Gary Sandy als bizarrem Militarismus-Freak und Julia Louis-Dreyfus, die sich eine geile Waldelfe transformiert findet und langt bis zu dem kleinwüchsigen Phil Fondacaro, der nicht nur unter der Maske des Trolls agiert, sondern zugleich einen unter seinem Handicap leidenden Uni-Professor spielt. Am Ende versetzt man uns gemeinsam mit Helden und Schurken in eine Parallelwelt, in der der Entscheidungskampf stattfindet.
„Troll“ ist tatsächlich noch immer ein Film wie kein Zweiter und ein leuchtendes Beispiel dafür, welch enormes, kreatives Potenzial und welche Hingabe an ihre Arbeit in der vermeintlichen Billigfilm-Schmiede Empire schlummerte. Während die S-F/X-Leute und Darsteller keine Scheu zeigen, sich rundum für und in eine Arbeit involvieren zu lassen, die weniger freigiebige Zeitgenossen ohne zu zögern als „albernen Humbug“ abtäten, meistern Buechler und Naha, auch das gewissermaßen ein Empire-Tademark, die Gratwanderung zwischen der Feilbietung engagierten Genrestoffs und unverhohlen (selbst-)parodistischer Attitüde bewundernswert schwindelfrei.
Ein kleines, matt glimmendes Juwel seiner Jahre, und das meine ich wirklich gänzlich unironisch.

7/10

HAPPY CAMPERS

„Isn’t fun great?“

Happy Campers ~ USA 2001
Directed By: Daniel Waters

Die Sommerferien im Camp „Bleeding Dove“ entwickeln sich sowohl für die Kids als auch die sieben BetreuerInnen zu einer denkwürdigen, biographischen Zäsur.

In den USA sind Sommercamps für Kids eine pädagogische Institution. Stressgeplagte Eltern erhalten die Möglichkeit, ein paar Wochen Ruhe vor den plagenden Blagen zu haben, derweil die Kinder mit wichtigen kulturellen Errungenschaften wie dem Grillen von Marshmallows, Gruselgeschichten am Lagerfeuer und Mückenstichen vertraut gemacht werden. Ein echter Generationszyklus erhält so über ganze Dynastien hinweg unverzichtbare Erfahrungsschätze bereit. Im Film gibt es derweil ein ganzes Subgenre, dass sich mit Sommercamps beschäftigt und, der zwangsläufigen inhaltlichen Grenzen geschuldet, wenig Variationen zulässt. Dabei spaltet sich der Sommercamp-Film in zwei Hauptstränge: Zum Einen wäre da die zumeist familienfreundliche, manchmal auch etwas schlüpfrig geratene Komödie, deren Grundsteinlegung Ivan Reitmans Klassiker „Meatballs“ darstellt und die mit David Wains „Wet Hot American Summer“ ihre vorläufige Apotheose fand, zum anderen den effektlastigen Slasher, in dem ein gemeingefährlicher Pschopath Rache für einst erlittene Unbill fordert, schlag‘ nach bei „Friday The 13th“, „The Burning“ und „Sleepaway Camp“, bei ersterem und letzterem natürlich nebst ihren vielen Sequels.
In der irrigen Hoffnung, einen besonders hervorstechenden Vertreter der Gattung Comedy anzutreffen, habe ich mir nun „Happy Campers“ angeschaut. Unglücklicherweise fand ich ihn an wenigen Stellen bestenfalls leidlich komisch, wenngleich man einige einzelne Ideen Waters‘ durchaus als positiv vermerken kann. Dazu gehören etwa eine schöne Sequenz, die die unterschiedlichen Reaktionen der Campbewohner zeigt, als sie sich mitten im „Auge eines Hurricane“ befinden. Das Bild färbt sich tiefblau und die Kids benehmen sich urplötzlich so irrational, als hätten sie einen Acidtrip geworfen. Solche Momente bleiben jedoch rar gesät. Der Film begreift sich in toto ziemlich naseweis als Metakonstrukt, spielt wenig innovativ mit den etlichen altbekannten Klischees des Camperfilms und diversifiziert sie, indem er vorgibt, hinter der ganzen Schar von Kindern und jungen Erwachsenen nur vordergründig Stereotypen, in Wahrheit jedoch echte Charaktere auszumachen. Darin scheitert er jedoch ganz still und leise und verfehlt somit seine eigentliche Intention um mehrere Inches. Und: Peter Stormares Rolle als zwischenzeitlich vom Blitz getroffener (und lahmgelegter) Hauptaufseher Oberon mit seiner Knastwachen-Attitüde ist völlig unlustig und komplett verschenkt. Nicht allein daher absolut kein Gewinner.

4/10

MIDNIGHT SPECIAL

„Good people die every day believing in things.“

Midnight Special ~ USA 2016
Directed By: Jeff Nichols

Das FBI sucht einen gewissen Roy Tomlin (Michael Shannon). Dieser soll einen Jungen namens Alton Meyer (Jaeden Lieberher) aus dem Schoße einer in Texas ansässigen, religiösen Sekte, deren Kopf, ein gewisser Calvin Meyer (Sam Shepard), gleichfalls Altons Adoptivvater ist, entführt haben und nun mit ihm auf der Flucht sein. Offenbar beten die Sektierer Alton als eine Art kommenden Messias an und tatsächlich besitzt das Kind außergewöhnliche Fähigkeiten. Es kann etwa Radiowellen empfangen und replizieren oder gewaltige Energiestöße aus seinen Augen abgeben. Tatsächlich ist Roy Altons leiblicher Vater und handelt keinesfalls entgegen den Wünschen des Jungen. Gemeinsam mit dem ihn unterstützenden State Trooper Lucas (Joel Edgerton) und Altons Mutter Sarah (Kirsten Dunst) fährt Roy einem unbekannten Ziel in der Provinz Floridas entgegen, die Sektierer und die Polizei stets dicht auf den Fersen.

Was genau ich mir von „Midnight Special“ erhofft habe, kann ich im Nachhinein gar nicht mehr recht eruieren, zumal ich vor der Betrachtung praktisch nichts über den Film wusste. Etwas ernüchtert stehe ich nun da, gelinde enttäuscht vielleicht. Was „Midnight Special“ wohl in allererster Instanz werden sollte, ist eine Hommage des Regisseurs und Autors Jeff Nichols an die Welle von Filmen um freundliche Aliens, besondere Kinder und/oder künstliche Entitäten wahlweise auf der Flucht oder mit einem bestimmten Reiseziel vor Augen, mit denen „unsere“ Generation in den Achtzigern aufgewachsen ist. Man erinnere sich an „E.T.“, „Starman“, „Cocoon“, „D.A.R.Y.L.“, „Short Circuit“ oder auch die beiden Sheriff-Filme mit Bud Spencer. Wo allerdings vor rund dreißig und mehr Jahren familiengerechtes, regelmäßig stark emotional besetztes und vor allem vitales Affektkino von oftmals großartigen Geschichtenerzählern entstand, lässt Nichols die noch junge Schule des stillen, verhaltenen „Indie-Filmes“ walten, wie man sie aus seinen vorherigen Filmen kennt.
Obschon Jeff Nichols seine Storys gern um zentralisierte Kinderfiguren herum konstruiert, macht er dezidiert Filme für junge Erwachsene, was zumindest in seinem Falle bereits einen wesensimmanenten Widerspruch in sich trägt. In „Midnight Special“ wird diese Eigenheit erstmals zu einem veritablen Manko. Rund um das formale Bestreben, möglichst wenig narrativen und dramaturgischen Ballast spazieren zu führen und seinem Publikum an dessen Statt das gerade notwendigste Mindestmaß an Hintergrundinformation, kargem Dialog und möglichst ausdrucksstarke Halbtotalen zu unterbreiten, verdeutlicht der Film nicht nur seine unvereinbaren Ansprüche, sondern macht diese darüber hinaus zu einer beinahe schon eklatanten Fehlleistung. Nicht nur, dass Nichols es versäumt, bei seinem Publikum aufrichtiges Interesse zu evozieren, sperrt er es gar vorsätzlich aus und verdammt es zum Status völlig unbeteiligter Außenstehender, denen das wechselvolle Geschehen infolge dessen alsbald geflissentlich gleichgültig werden muss. Aller technischen Professionalität und formalen Geschlossenheit zum Trotze: Möglicherweise ist „Midnight Special“ eine verpasste Chance, möglicherweise auch bloß gehobene filmgewordene Redundanz.

5/10

TENDER MERCIES

„I don’t trust happiness. I never did, I never will.“

Tender Mercies (Comeback der Liebe) ~ USA 1983
Directed By: Bruce Beresford

Nach einem seiner ausufernden Suffexzesse erwacht der beliebte Country-Liedermacher Mac Sledge (Robert Duvall) im abseits gelegenen Motel der Witwe Rosa Lee (Tess Harper). Da er völlig pleite ist, bietet er Tess an, seine Schulden bei ihr abzuarbeiten und wird trocken. Die beiden Einzelgänger kommen sich bald näher und heiraten. Rosa Lees kleiner Sohn Sonny (Allan Hubbard) nimmt Mac bald wie einen Vater an. Nach und nach wagt Mac bald wieder erste Schritte zurück ins Musik-Biz.

Der erste in den USA entstandene Film des Australiers Bruce Beresford darf von sich behaupten, als Americana vor allem von der „Down Under“-Perspektive seines Regisseurs zu profitieren. Ein gebürtiger US-Amerikaner hätte aus Horton Footes extrem gemächlich gepacetem Stoff möglicherweise eine üble Country-Schmonzette herausgeschält und die der Langsamkeit des Scripts geschuldete Lyrik nachhaltig beschädigt. Beresford jedoch wahrt die absolute Balance und fertigt in langen Einstellungen und erdigen Farbtönen aus „Tender Mercies“ etwas, was man beinahe als kunstvolles Anti-Kino bezeichnen möchte und beinahe gänzlich aus dem üblichen, grellen Rahmen der Dekade fällt. In den eineinhalb Stunden Erzählzeit, die einen um Einiges längeren erzählten Rahmen abdecken, passiert mit Ausnahme einer relativ tragischen Fügung faktisch Nichts – oder zumindest nichts Aufregendes. Die Story kreist um den Charakter des Musikers Mac Sledge, von Robert Duvall in schmerzlich perfekter Ausgewogenheit interpretiert, und seine Bemühungen, sein vornehmlich durch eigene Schuld zerfahrenes Leben wieder auf die Reihe zu bringen. Zwei Ehen hat er bereits hinter sich, die eine davon hat eine mittlerweile achtzehnjährige Tochter (Ellen Barkin) hervorgebracht, die Mac zum letzten Mal als kleines Mädchen gesehen hat. Da seine Bewegungen in der lokalen Musikszene immer wieder mit grobem Alkoholmissbrauch einhergehen, hat er sich daraus fast zur Gänze zurückgezogen, besitzt jedoch immer noch das Herz eines Songwriters. Auch von diesem inneren „Kampf“, der jedoch nicht minder unspektakulär ausgetragen wird als alles in „Tender Mercies“, handelt Macs Geschichte. Das gesamte Werk hält sich dabei vorsätzlich ungeschwätzig, lässt seine Figuren so realitätsnah erscheinen wie eben möglich und sie wie kleine Papierschiffchen über ein Regen-Rinnsal mäandern. Umso erfreulicher, dass sie am Ende einen sicheren Heimathafen finden.

8/10

DEADTIME STORIES

„My name is Goldi. Actually, it’s Golda. I was born during the Six-Day War.“

Deadtime Stories (Die Zunge des Todes) ~ USA 1986
Directed By: Jeffrey Delman

Onkel Mike (Michael Mesmer) muss für seinen nervigen Neffen Brian (Brian DePersia) den Babysitter spielen, obwohl er viel lieber die „Miss World“-Wahl im Fernsehen genießen würde. Der kleine Brian mag nämlich überhaupt nicht einschlafen und lässt sich daher von seinem Onkel drei bizarre Gute-Nacht-Geschichten erzählen:
1.) Der Waisenjunge Peter (Scott Valentine) lebt bei zwei garstigen alten Waldhexen (Phyllis Craig, Anne Redfern), die ihn wider Willen in ihre sinistren Umtriebe miteinbeziehen. Als die reizende Jungfrau Miranda (Kathy Fleig) geopfert werden soll, wird es Peter endgültig zu bunt…2.) Ein unaufmerksamer Drogist (John Bachelder) vertauscht die Medizin für Rachels (Nicole Picard) Großmutter (Fran Lopate) mit dem Vollmondsantidot für einen Werwolf (Matt Mitler). Da dieser das Gegenmittel unbedingt haben will, kommt es bald zu lykanthropen Turbulenzen…
3.) Die telekinetisch begabte Psychopathin Goldi Lox (Cathryn de Prume) trifft auf die spinnerte Kriminellenfamilie Bear (Melissa Leo, Kevin Hannon) und verliebt sich in deren halbgescheiten Filius Wilmont (Timothy Rule). Gemeinsam machen sie fortan die Gegend unsicher.

Woher diese kleine, billige Indie-Horror/Comedy-Anthologie ihren absolut beschmierten deutschen Titel hat, weiß der Geier. Möglicherweise ist mit der „Zunge des Todes“ Onkel Mikes gelockertes Linguistik-Organ gemeint, möglicherweise auch der hässliche Lappen des zum Rahmenabschluss auftauchenden, kleinen Koboldmonsters. Ansonsten spielen Zungen in „Deadtime Stories“ nämlich eine bestenfalls tertiäre Rolle.
Metteur-en-scene Jeffrey Delman ist, soviel erscheint mir indes sicher, kein hervorhebenswerter Könner vor dem Herrn. Mit seinem Kurzgeschichten-Päckchen, das in ebendiesem Genresegment mit Sicherheit einen der hinteren Plätze belegt, hat er einen Film vorgelegt, der in mehrerlei Hinsicht sehr an die Troma-Sachen jener Jahre erinnert: Gemäßigter Splatter trifft darin nämlich auf bananig arrangierten Infantil-Slapstick, der sich gegen Ende der Trilogie, sprich: im Zuge der „Goldilocks“-Verballhornung, zunehmend verselbständigt und einen Anarcho-Faktor erreicht, der in seiner albernen Konsequenz auch dem Projekt in seiner Gesamtheit wohlgetan hätte. Die erste und die zweite Episode jedoch genügen sich weithin als „echte“ Horrorgeschichten, versehen mit bestenfalls so zu bezeichnenden ironischen Einschüben, bei denen man jedoch schon recht genau hinschauen bzw. -hören muss. Effektheischerischer Höhepunkt des Ganzen dürfte die Rückverwandlung der Hexe Magoga (Lisa Swain) sein, die make-up-technisch wirklich gut gelungen ist und „Deadtime Stories“ um den wohl einzigen wirklich erinnerungswürdigen Faktor bereichert. Die mir weithin unbekannten Akteure und Aktricen sind mitunter schwerlich als solche zu bezeichen und chargieren irgendwo am Rande des Laientheaters.
Dass die Präsentation der just erschienenen DVD (84 Entertainment) in qualitativer Hinsicht (mittleres VHS-Niveau) für den verlangten (und von mir entrichteten) Preis gelinde gesagt eine bodenlose Frechheit darstellt, möchte ich angedenk weiterer potenzieller Käufer an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen. Immerhin ist die zeitgenössische deutsche (Münchener) Synchronisation für einen solchen Schlauch von Film als überproportional gelungen zu bezeichnen.

5/10

HOSTAGE

„I’ll be back and kill each and every single one of you.“

Hostage ~ SA/USA 1987
Directed By: Percival Rubens/Hanro Möhr

Major Sam Striker (Wings Hauser) gilt als einer der knüppelhärtesten Säbel, die der US-Geheimdienst zu bieten hat. Bei einer Mission im Süden Afrikas kommt er der alleinerziehenden Mutter Nicole (Nancy Locke) und ihrem Sohnemann Tommy (Gerhard Hametner) näher. Als Tommy wegen Nierenversagens dringend in ein US-Krankenhaus ausgeflogen werden muss, fällt dieser Notfall mit einer politisch brisanten Situation zusammen: Eine Gruppe muslimischer Terroristen will einen ihrer inhaftierten Führer frei- und dazu noch ordentlich Dollars erpressen und hijackt ausgerechnet den Flieger, in dem Nicole und Tommy sitzen. Für Striker und seinen ebenso wohlhabenden wie ergrauten Schwiegervater in spe, Colonel Shaw (Kevin McCarthy), die Gelegenheit, sich endlich mal wieder im unsimulierten Nahkampf zu erproben.

Ye goode olde action pal: Loblieder auf den vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Achtziger-Action-Heros Wings Hauser kann man nie genug anstimmen. So haben bereits Oli und Marcos, die lieben Freunde vom Himmelhunde-Blog, diesbezüglich schon vor einigen Jahren ein Stück weit wertvollster Pionierarbeit geleistet. Fest steht: wer eine auch nur halbwegs ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Genrekino jener just dafür güldenen Dekade sucht oder sich auch nur schlicht und einfach als Chronist betätigen will, der muss zur Kenntnis nehmen, dass Stallone, Arnie, Norris, Bronson oder Dudikoff zwar eine nukleare Stellung bekleiden, unter der glänzenden Oberfläche jedoch noch Sehens- und Bewundernswertes en gros lauert. Auch und insbesondere an Wings Hauser kommt man in dieser Hinsicht nicht vorbei. In den Spätachtzigern machte er, wie manch anderer Hollywood-Akteur auch, einen Ausflug nach Südafrika um mit der dort kurzfristig erstarkten Filmindustrie zu liebäugeln. Heraus kam dabei „Hostage“, ein mehr oder weniger offenes, kleinformatiges Plagiat von Menahem Golans „The Delta Force“, jedoch um Einiges kantiger, schmieriger und unnahbarer als das übermächtige Vorbild. Bereits die Einführung von Major Sam Striker, die ihn beim unflätigen Willkomm einiger Nachwuchspatrioten auf einer Militärbasis zeigen, verdeutlichen nachdrücklich: Mit diesem Mann ist nicht gut Kirschen essen. Später erweist er sich wiederum als nicht besonders helle, denn viel zu spät erinnert er sich daran, dass einer der ihm bekannt vorkommenden Männer am Flughafen der gesuchte Terrorist Yamani (Ian Steadman) ist, der dann die Entführung des Flugzeugs mit Nicole und Tommy anführt. Glücklicherweise zwingt man den Piloten, den Flieger weiter nördlich zu landen – die ideale Voraussetzung für Striker und ein paar flugs aktivierte Kompagnons, den Kidnappern Saures zu geben. Von den Passagieren müssen derweil einige, die sich mit ihrer passiven Situation nicht zufrieden geben mögen, dran glauben. Eine besonders schöne Rolle hat dabei Karen Black als traumatisierte Erotikfilm-Aktrice Laura Lawrence abbekommen, die mit ihrem (ausnahms- und erfreulicherweise einmal nicht lächerlich gezeichneten) schwulen Agenten (Robert Whitehead) unterwegs ist und, wie dieser, sehr heldenhaft auftreten darf. Da gibt es richtig was mitzufiebern!
Am Ende steht ein durchweg liebenswerter Actioner, der aus seinen bescheidenen Mitteln das Bestmögliche bereitet, hervorragende Spannungsmomente erzielt und schlichtweg gute, ehrliche Freude bereitet.

6/10

ACT OF PIRACY

„I just can’t bear that it’s all my fault…“

Act Of Piracy ~ SA/USA 1988
Directed By: John ‚Bud‘ Cardos

Der Vietnam-Veteran und Hobbyskipper Ted Andrews (Gary Busey) verkauft seine Luxusyacht ‚Barracuda‘. Zu einem letzten Törn nach Australien nimmt der geschiedene Familienvater nicht nur seine Verlobte Laura (Nancy Mulford) mit, sondern, unter größtem Protest seiner Ex-Frau Sandy (Belinda Bauer), auch die beiden Kinder Mark (Mathew Stewardson) und Tracey (Candice Hillebrand). Unterwegs stellt sich heraus, dass Laura ein doppeltes Spiel spielt: Sie ist in Wahrheit das Liebchen des Gangsters und Terroristen Jack Wilcox (Ray Sharkey), der die Barracuda mitsamt den Kindern auf hoher See kapert und Ted vermeintlich tot zurücklässt. Dieser kann sich jedoch retten und setzt alles daran, Tracey und Mark zurückzuholen. Mit Sandys Hilfe verfolgt er Wilcox und seine Leute von Simbabwe über Griechenland, bis hin zur unausweichlichen Konfrontation…

Um die Mitte der Achtziger versuchte der texanische Schauspieler Gary Busey, sich nach einer wechselvollen Karriere als Musiker und Nebendarsteller mit einigen markanten Eckstationen, in jener goldenen Dekade des Actionfilms zwischenzeitlich als Genregröße zu etablieren. Eine markante Nebenrolle in „Let’s Get Harry“ und der Part des sadistischen Killers Mr. Joshua in „Lethal Weapon“ verschafften ihm ein kleines Sprungbrett dazu und in der Folge einige wenige schöne Heldenengagements. Leider hielt diese Phase nicht lang an und brachte daher nur eine Handvoll Kostbarkeiten hervor – darunter den recht ruppigen „Act Of Piracy“. Dieser erzählt zunächst einmal eine klassische Kidnapping-Story, verpackt in eine zeitgemäße Gewandung. Bereits seit Hitchcocks Erstversion von „The Man Who Knew Too Much“ ist jenes Sujet aus den einschlägigen Filmgattungen  nicht mehr wegzudenken und wurde erst kurz zuvor mit Mark L. Lesters „Commando“ um eine quietschvergnügte Variation ergänzt. Auch „Lethal Weapon“ spielt ja bereits in Teilen mit jenem Muster, wobei Busey hier eben noch auf der Gegenseite stand.
Dahinter stecken mehrere evidente, die filmische Dramaturgie vor allem um emotionslastige Bestandteile anreichernde Formeln: Gangster, die bereit sind, Kinder als Geiseln zu nehmen, dürfen im Regelfall als besonders perfide und sinister agierende Vetreter ihrer Zunft gelten; sie bezwecken damit zumeist die gezielte Torpedierung eines der größten Schwachpunkte ihres Gegenübers. Da ihre Opfer sie am Ende immer und überall würden identifizieren können, impliziert ihr Vorgehen zudem allenthalben die Bereitschaft, sie schlussendlich nicht lebend davon kommen zu lassen. Gleichzeitig erhält der Rezipient, sozusagen frei Haus, eine auf basalste Emotionen reduzierte Projektionsfläche für seine private Involvierung in die Geschichte – entführte, unschuldige Kinder ergeben einen für jedermann nachvollziehbaren Motivationsfaktor, der auch das moralisch freigiebigste Vorgehen des Helden stets hinreichend rechtfertigt. Nun haben die Bösewichte aus „Act Of Piracy“ – allen voran der herrlich fiese Ray Sharkey (unterstützt unter anderem von den beiden Südafrikanern Ken Gampu und Arnold Vosloo) – eigentlich gar keinen triftigen Grund, Mark und Tracey, beide so um die zehn Jahre alt, überhaupt bei sich zu behalten, geht es ihnen doch eigentlich bloß um die Yacht. Sie sollen als eine Art Faustpfand herhalten, wenn es mal hart auf hart kommt. So bleibt der hauptsächliche Handlungskern leicht diffus. Eine (rigorose, aber dann doch straightere) Rachegeschichte war der Produktion dann vermutlich doch zu finster und am Ende findet sogar eine erfolgreiche Familienzusammenführung statt. Davor jedoch liegt eine etwas umständlich erzählte Story, die sich immer wieder an gezielt gesetzten, überradchenden und dann umso derber ausfallenden Gewaltspitzen orientiert. Deren Gipfel gibt es zum Showdown, als Teds Sohnemann, nach vorheriger kurzer Ausbildung am Mini-MG, aus der Entfernung (und nicht aus einer Notwehrsituation heraus!) einen der Mieslinge (Vosloo) mit regloser Miene abknallt. Da gewinnt ein noch zu Beginn geführter, intimer Dialog zwischen Vater und Filius über Vietnam und das erzwungene Töten von Menschen plötzlich eine ganz neue Konnotation.

6/10