THE DEAD DON’T DIE

„Fashion!“

The Dead Don’t Die ~ USA/S 2019
Directed By: Jim Jarmusch

Nachdem die Erdrotationsachse sich verschoben hat, spielt nicht nur die Natur verrückt, auch die Toten steigen zombifiziert aus ihren Gräbern und attackieren fleischeslustig ihre lebenden Opfer. Chief Robertson (Bill Murray) und Officer Peterson (Adam Driver), Polizisten im Kleinstadtkaff Centerville, Pennsylvania, nehmen die Ereignisse mit der gebotenen Gelassenheit zur Kenntnis.

Was Jim Jarmusch bewogen haben mag, seinen jüngstes, leidlich komisches Werk auf den ja nun wirklich hinlänglich ausgetreten Pfaden des Zombie-Subgenres anzusiedeln, bleibt auch nach der Betrachtung von „The Dead Don’t Die“ diffus. Da mit dem entsprechenden Sujet in Film und Fernsehen mittlerweile ja wirklich alles an Denkbarem angestellt wurde, vermag auch Jarmusch, diesmal unter dem Universal-Banner und somit unter Studioägide unterwegs, ihm nur wenig Originelles hinzuzufügen, schon gar nicht, Bill Murray in seiner bereits zweiten Zombie-Komödie (nach dem unsäglichen „Zombieland“) antreten zu lassen. Natürlich darf (und muss) man von „The Dead Don’t Die“ eine Groteske in gewohnt lakonischer Jarmusch-Manier erwarten. Sie via Kurzdialogen kommunizieren lassend, erspart er den meisten seiner Figuren und Akteure (mit Ausnahme von Chloë Sevigny) emotionale Grenzzustände und konfrontiert sein Ensemble erwartungsgemäß stoisch mit der just heraufziehenden Zombie-Apokalypse. Dabei macht sich Jarmusch ein Späßchen daraus, die durch die Popkultur etablierten Charakterisierungen der untoten Horden zu ironisieren, indem er so gezielt wie ausgiebig die klassische Romero-Trilogie, insbesondere „Night Of The Living Dead“ und „Dawn Of The Dead“, referenzialisiert bzw. ihnen seine Ehrerbietung erweist: Die allesamt im selben Verfalls- bzw. Verwesungszustand befindlichen Zombies schlurfen langsam durchs Areal, vertilgen am liebsten die Eingeweide ihrer Opfer und hängen auch post mortem allesamt noch ihren früheren (Konsum-) Gewohnheiten nach, die sich in vierzig Jahren leicht, aber nicht wesentlich verändert haben. In einer bedeutungsvollen Einstellung etwa stieren sämtliche im Bildkader befindlichen Zombies auf Smartphone-Displays; eine Perspekive, die sich im Prinzip nicht wesentlich von dem Blick in ein x-beliebiges Zugabteil irgendwo auf der Welt unterscheidet. Der dulle Country-Titelsong eines gewissen Sturgill Simpson (der auch selbst im Film als Zombie auftritt) wird zum zynischen Leitmotiv der sich zunehmend selbst entoriginalisierenden US-Alltagskultur, diegetische Spielereien mit Metalepsen und scheinbar unsinnige Storyzusätze wie eine sich als Alien entpuppende, ein Samuraischwert schwingende Tilda Swinton genehmigt Jarmusch sich und seinem Publikum als verschmitzte Extravaganzen. Am Ende ist Tom Waits als naturverbundener, zauseliger Waldschrat (und allgegenwärtiger Kommentator der Geschehnisse) natürlich der einzige Überlebende, der uns allen zudem nochmal versichert, dass die Welt nunmehr gehörig am Arsch ist. Dass und ob Jarmusch mit „The Dead Don’t Die“ (s)ein persönliches Statement zur Regierung Trump und all den anderen globalen Krisen und Sorgen, denen die Menschheit sich derzeit so ausgesetzt sieht, abzugeben trachtete, mag schließlich jede/r RezipientIn selbst schlussfolgern. Nahe liegt selbiges gewiss, näher jedenfalls als eine Zombie-Apokalypse.

7/10

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

„All this anger, man, it just begets greater anger.“

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ~ USA/UK 2017
Directed By: Martin McDonagh

Eines Tages kommt Mildred Hayes (Frances McDormand) auf die Idee, die drei großen Werbeleinwände an einer Landstraße unweit ihres Hauses für einen ungewöhnlichen Zweck zu mieten: Mildreds Tochter Angela (Kathryn Newton) wurde sieben Monate zuvor just unter einer jener Leinwände vergewaltigt und ermordet. Die hiesige Polizei unter Chief Willoughby (Woody Harrelson) hat bislang keinerlei Indizien, die zu dem Täter führen – also formuliert Mildred eine bittere, diesbezügliche Anklage gegen den Chief und lässt sie auf die Leinwände plakatieren. Damit beschwört Mildred allerdings zugleich eine Menge Unbill herauf – ihre Aktion wird zum Politikum, das die meisten Leute der Gegend, allen voran Willoughbys Untergebener Officer James Dixon (Sam Rockwell), harsch gegen sie aufbringt.

Vor knapp zwei Jahren redete alle Welt über Martin McDonaghs dritten Film, wobei die meisten ihm sehr positiv zugewandt waren. Wie das in meinem Fall häufiger vorkommt, hatte ich infolge des unausweichlichen Hypes rasch keine Lust mehr, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ anzusehen und schob ihn bis dato auf die lange Bank.
Nun also die Nachrüstung. Zugute legen muss man dem Werk wohl zuallererst, dass es nicht den Fehler begeht, seine binnen der ersten Erzählminuten installierten, figuralen Klischees stoisch durchzuexerzieren. Im Gegenteil scheint es McDonagh vielmehr darum zu gehen, primär etablierte und tradierte Charakterisierungen sowie die dazugehörigen Publikumsantizipationen zu unterminieren und entsprechende Konventionen zu sprengen. Aus dem designierten, einsamen Kampf einer verzweifelten Frau und Mutter gegen den Filz der sie umgebenden, allgegenwärtigen Provinzialität, wie man sie als mitteleuropäischer Zuschauer aus den allermeisten Filmen über Südstaatenkaffs hinlänglich kennt, erwächst nach und nach das mit unerwartbaren Wendungen gespickte Porträt zweier einsamer Menschen, die weitaus mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen. Was sich sukzessiv, einer klassisch-westernanalogen Intimfeindschaft gleich, zu einem Privatkrieg jener beiden Individuen hochzuschaukeln verspricht, hebelt McDonagh durch den Kniff einer geschickten narrativen Zäsur aus: Der unheilbar an Krebs erkrankte Chief wählt den Freitod – und hinterlässt nicht nur seiner Witwe (Abbie Cornish) einen Abschiedsbrief, sondern auch Mildred und Dixon. Besonders letzteren bewegen Willoughbys unerwartet bestärkende Worte in Kombination mit einem durch Mildred verursachten Brandanschlag zum Umdenken. Mit Dixons Läuterung, die ihn vom versoffenen, stupiden Kleinstadtrassisten mit Mutterkomplex, von einem rundum hassenswerten Arschloch also, zu einem reflektierten, denkenden Menschen werden lässt, legt McDonagh eine recht wahghalsige inhaltliche Wendung vor, die später sogar in der zuvor undenkbaren Annäherung zwischen Dixon und Mildred führt, ohne, dass ihre ab diesem Zeitpunkt gemeinsame Geschichte konsequent zu Ende geführt würde. Diese Fantasie bleibt dann dem Zuschauer überlassen. Vorformuliertes ignoriert McDonagh jedoch auch in anderer, struktureller Hinsicht. Ein wesentlicher Faktor der Geschichte ist Mildreds Suche nach Erlösung, die sich oberflächlich ganz einfach einstellen könnte: in der Aufspürung und Bestrafung des Mörders ihrer Tochter nämlich. Doch auch diesbezüglich zeigt der Film eine lange Nase. Auf den sich zuspitzenden, üblicherweise gangbaren Thrill(er) werden jedenfalls eine Menge Leute umsonst gewartet haben.

8/10

IT CHAPTER TWO

„Time to sink.“

It Chapter Two (Es – Kapitel 2) ~ USA 2019
Directed By: Andy Muschietti

Aus Kindern werden Leute und auch der einstige „Club der Verlierer“ hat seine horrible Vergangenheit in Derry, Maine lange hinter sich gelassen. 27 Jahre nachdem die Kids seinerzeit „Es“ in Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) den Garaus gemacht haben, fängt das Morden wieder an. Für Mike Hanlon (Isaiah Mustafa), der als einziger der damaligen Clique in Derry geblieben ist und sich als Bibliothekar und Chronist seither eingehend mit jenem namenlosen Schrecken befasst hat, der Anlass, seine früheren Freunde zu mobilisieren und zurückzubeordern, um das Grauen diesmal ein für allemal zu beenden.

Als designiertes Sequel setzt „It Chapter Two“ Andy Muschiettis Initialschuss der Zweitadaption von Stephen Kings 1986 erschienenem Wälzer fort. Darin widmet man sich den mittlerweile erwachsen gewordenen Kindern von einst, die, über die USA verstreut, als Frühvierziger nunmehr allesamt erfolgreiche Karrieren als Drehbuchautor, Entertainer, Manager oder Modedesignerin eingeschlagen haben, sich kaum mehr an die Geschehnisse von einst erinnern können, ihre jeweiligen Neurosen und Traumata jedoch nicht wirklich besiegt, sondern sie lediglich verdrängt und weggesperrt haben. Mit Mikes Anrufen brechen zugleich auch die alten, nur oberflächlich vernarbten Wunden wieder auf – für Stanley Uris (Andy Bean) in besonders markanter Weise: er wählt den umgehenden Suizid anstatt sich abermals dem inkarnierten Schrecken stellen zu müssen. Die übrigen Fünf kehren indes zurück nach Derry, wo Pennywise ihnen ohne großes Federlesens verdeutlicht, dass er diesmal nicht so klein beigeben wird wie noch vor 27 Jahren.
Muschietti nimmt sich alle Zeit der Welt für seine Fortsetzung, die es für sich auf stattliche 169 Minuten und damit fast allein auf die komplette Erzählzeit von Tommy Lee Wallaces TV-Fassung bringt. Das gesamte, neuverfilmte Opus, das insgesamt betrachtet dann auch Wallaces Version locker in den Sack steckt, erstreckt sich somit summa summarum auf runde fünf Stunden, wie man meinen möchte also hinreichend Zeit, um Kings Roman selbst in Details weithin gerecht werden zu können. Tatsächlich wächst der zweite Teil gegenüber dem ersten, da er die Bürde des Achtziger-Kids-Retro-Abenteuers nunmehr getrost ad acta legen und klassisches Genrekino präservieren darf. Dieses wahrt nunmehr noch immer den liebenswerten, manchmal etwas campigen Charme früherer King-Adaptionen, scheut sich nicht, hier und da zur Auflockerung kleine Humorsprenkler zu setzen und begreift sich ganz als lustvoller Ausflug in eine gewaltige Geisterbahn mit allen nur möglichen Registern. Zwischendurch scheint „It Chapter Two“ zwar ein wenig an Geschlossenheit einzubüßen, wenn er seine Protagonisten sich in aller narrativen Ruhe nacheinander ihren inneren Dämonen stellen lässt, die Pennywise natürlich allerbestens kennt und sie entsprechend lustvoll drangsaliert, andererseits verzeiht man Muschietti die entsprechend genommenen Freiheiten gern – man muss einfach honorieren, dass einem Filmemacher hier offensichtlich die Chance eingeräumt wurde, dem Publikum seine Vision halbwegs unberührt darbieten zu dürfen und sich im Gegenzug nicht hat mäßigen oder einschränken müssen. Sowas stellt ja, zumal im Vergleich zu früher, nunmehr eine Rarität im Kino dar.

7/10

THE HOLE IN THE GROUND

„You’re not my son.“

The Hole In The Ground ~ IE/UK/BE/FIN 2019
Directed By: Lee Cronin

Nach der – offenbar unschön verlaufenen –  Trennung von ihrem Mann zieht die junge Mutter Sarah O’Neill (Seána Kerslake) nebst Filius Chris (James Quinn Markey) in die irische Provinz. Während Sarah noch einiges an psychischer Unbill zu verarbeiten hat und emsig das alte Haus, das sie und Chris nun bewohnen, restauriert, registriert sie ein gigantisches, kraterähnliches Loch im angrenzenden Wald. Trotz (oder gerade wegen) ihrer Warnungen interessiert sich besonders der kleine Chris für den ominösen Fundort und scheint ihm heimliche Besuche abzustatten. Damit nicht genug reagiert die verwirrte Nachbarin Noreen Brady (Kati Outinen) aggressiv auf Chris und legt der Junge selbst gänzlich ungewohnte Verhaltensweisen an den Tag: Er entwickelt urplötzlich einen regen Appetit, mitunter auf Dinge, die er früher nie gegessen hätte, gibt sich offen und extrovertiert, wo er zuvor immer schüchtern und zurückhaltend war. Sarah beginnt zu zweifeln: ist das wirklich ihr Sohn, mit dem sie da zusammenlebt? Antworten, mehr und weniger rätselhafte, findet sie bei Noreens mittlerweile verwitweten Gatten Des (James Cosmo) und natürlich in jenem Loch im Boden…

Man darf nicht den Fehler begehen, von „The Hole In The Ground“ innovatives Geschichtenerzählen zu erwarten oder gar zu verlangen. Aus (bei solchermaßen gelagerter Antizipation verständlichem) Frust würde man sich einen durchaus schönen Genrebeitrag verderben. Denn, seien wir ehrlich, sind im Grunde doch ohnehin sämtliche Geschichten im Horrorfilm längst durchdekliniert, sämtliche psychologischen Motivlagen zigfach seziert und vermutlich jede denkbare Kreatur hinreichend visualisiert worden. Motive und Plots können sich demzufolge nurmehr via die Geschicklichkeit ihrer Präsentation und der Klugheit ihrer Ausformulierung bewähren. Dazu gehört selbstverständlich auch die Fähigkeit der Beteiligten, die korrekten Töne auf der atmosphärischen Klaviatur zu treffen.
„The Hole In The Ground“ behandelt nun nicht nur ein hinlänglich bekanntes, sondern sogar basales Urthema im Bereich des Phantastischen – das des Identitätsverlusts nächststehender Mitmenschen, hier: des eigenen Kindes. Die bereits mehrfach fürs Kino adaptierte „Body Snatchers“-Story nach Jack Finney bildet dafür das gewissermaßen umfänglichste Fundament; außerirdische Sporen bilden rein äußerlich exakte Kopien einer wachsenden Anzahl von Individuen mit dem Ziel einer totalen Invasion des Planeten. Bryan Forbes‘ „The Stepford Wives“ nach Ira Levin begrenzte jenes unheimliche Szenario auf ein artifiziell erschaffenes, „perfektes“ Kleinstadtmilieu. Der Verlust des (noch präpubertären und somit besonders von den Eltern abhängigen) Kindes schließlich und die daraus resultierende, psychologische Desolation schließlich keimt seit Roegs auf Daphne Du Maurier basierendem Meisterwerk „Don’t Look Now“ immer wieder auf, während die verhängnisvolle, sukzessiv fortschreitende Entfremdung zwischen Kind und solitärem Elternteil noch in relativ junger Zeit in Jennifer Kents vortrefflichem „The Babadook“ thematisiert wurde. „The Hole In The Ground“ bedient sich recht großzügig dieser erweiterten Motivgemengelage (wobei gewiss noch mehrere Inspirationsexempel zu nennen wären), versetzt sie in das rurale Milieu keltischer Mythen und spinnt daraus eine zunächst verunsichernde, sehr intime Mutter-Sohn-Geschichte, deren versöhnliches Ende sich immerhin eine beruhigende Lösung gestattet. Ob jenes dem zuvor geschürten, unheilvollen Gestus des Films schadet, wäre allerdings zu diskutieren. Über weite Strecken zehrt Lee Cronin bewusst von der Unsicherheit der sich zusehends verschärfenden Relation zwischen Sarah und Chris‘ vermeintlicher Kopie. Einerseits werden wir selbst Zeugen von Chris‘ unleugbaren Veränderungen, andererseits gewährt man uns zugleich Einblicke in Sarahs labilen Seelenstatus – Zweifel machen sich breit, zerstreuen sich vorübergehend, und wieder von vorn. Irgendwann ist dann Schluss mit dem Versteckspiel; eine Sequenz, die nicht nur unwillkürliche, spontane Assoziationen an den jüngst noch geschauten „Brightburn“ generiert, gibt schließlich die dringendst ersehnte Sicherheit und bereitet einem vergleichsweise straighten Showdown den Weg. Was nun mit dem Loch passiert und welche der zuvor kennengelernten Personen ihm möglicherweise noch zu nahe gekommen sind, das bleibt dann das einzige (und letzte) Geheimnis des Films.

7/10

THE PROUD ONES

„Pride can kill a man faster than a bullet.“

The Proud Ones (Die Furchtlosen) ~ USA 1956
Directed By: Robert D. Webb

Mit den ruhigen Tagen ist es vorerst vorbei in der Kansas frontier town, in der Cass Silver (Robert Ryan) als Marshal tätig ist. Die ersten Viehtriebe erreichen die Stadt und auch die Eisenbahn wird nicht mehr lang auf sich warten lassen. Für die Stadtverwaltung und die kleinen Geschäftsleute verspricht diese Entwicklung eine Menge Geriebenes, Silver aber weiß aus Erfahrung, dass viele Menschen immer auch viel Ärger bedeuten. Unter anderem taucht mit dem jungen Cowboy Thad Anderson (Jeffrey Hunter) ein Bursche auf, der Silver für die Ermordung seines Vaters verantwortlich macht. Silver betont dem aufgebrachten, aber grundsympathischen Jungspund gegenüber jedoch mehrfach, dass dessen alter Herr, anders als die Leute behaupten, bei dem fraglichen Ereignis sehr wohl bewaffnet gewesen war und Silver somit in Notwehr habe handeln müssen. Und es naht noch weitaus größerer Ärger – mit dem Spielbankier John Barrett (Robert Middleton) eröffnet ein alter Intimfeind Silvers ein Casino in der Stadt. Es dauert nicht lang, bis sich darin der erste betrügerische Croupier (I. Stanford Jolley) hervortut. Als dann die ersten von Barretts Männer in Silvers Gefängnis landen, holt dieser sich zwei gunslinger (Rodolfo Acosta, Ken Clark) zur Unterstützung. Thad lässt sich derweil als Hilfssheriff einstellen. Doch kann Silver ihm wirklich vertrauen…?

Aus dem Super-Westernjahr 1956 stammt diese Fox-Produktion, die der hauseigene Vertragsregisseur und Handwerker Robert D. Webb ferigte und vom großen Lucien Ballard in schickem CinemaScope ablichten ließ. „The Proud Ones“ feierte im Mai des Jahres und damit in etwa zeitgleich mit John Fords „The Searchers“ Premiere, was dem Kinopublikum die Gelegenheit offerierte, Jeffey Hunter abermals in der tragenden Coming-of-Age-Rolle eines rebellischen, aber umso aufrechteren Nachwüchslers zu sehen, der seinem alternden, langsam aus der Zeit fallenden Mentor die im Grunde längst überfällige Nachfolge abnimmt. Nun entbehrt andererseits Cass Silver gewiss der psychologischen Komplexität eines Ethan Edwards, wenngleich Webb mit Robert Ryan zwar nicht der ikonischere Star, aber doch der bessere Schauspieler in der Hauptrolle zur Verfügung stand. Silver repräsentiert zwar ebenfalls ein tradiertes Männerbild, jedoch (noch) kein überkommenes. Einen gewissen beruflichen Fanatismus, einen Hang zur Selbsträson, auch einen sich bisweilen im Übermaß äußernden, dem originalen Filmtitel zupass kommenden Stolz und wiederum in Verbindung damit vielleicht auch eine Tendenz zur emotionalen Abschottung mag man ihm nicht absprechen, dafür ist er kein Rassist und seine prinzipielle Agenda, die Wahrung von Recht und Ordnung im Angesicht sich verändernder Zeiten nämlich, eine durchweg ehrenvolle. Dass Silver auch ein sehr moralischer Zeitgenosse ist, wird spätestens anhand eines hübschen kleinen Monologs deutlich, den das Script Ryan gegen Ende gestattet und in dem er die Gier und Bigotterie der first citizens, die ihn, von Barrett beeinflusst, zu schassen versuchen, mit deutlichem Vokabular aufs Korn nimmt. Immerhin fungiert diese Ansprache auch als unbewusstes, letztes notwendiges Mittel Silvers, um den unschlüssigen Thad Anderson von seiner Integrität zu überzeugen. Der Film findet dann einen ziemlich gelungenen Abschluss, wenn er den jungen Anderson zunächst zur unverzichtbaren, strategischen und kombattanten Flanke des sehbehinderten Silver erwachsen lässt, um ihn dann endgültig Silvers „Erbe“ als Gesetzeshüter antreten zu lassen. Dabei wird Anderson gewissermaßen noch zusätzlich in jener neuen Funktion defloriert, indem er sich just derselben Situation gewachsen zeigen muss, die einst zum Tode seines Vaters geführt hat. Nun ist „The Proud Ones“ nicht ganz frei von Unebenheiten. Das gepfiffene Titelthema (Lionel Newman) etwa wirkt, zumal infolge seiner manchmal albernen dramaturgischen Einsätze, etwas dick aufgetragen, tolle Nebenfiguren wie der von Walter Brennan gespielte Hilfssheriff Jake werden beinahe leichtfertig verschenkt und auch Virginia Mayo als Verlobte des Helden bietet wenig mehr denn Staffage. Hier wäre etwas Mut zum erzählerischen Ausschmücken und zur Profilschärfe, etwas mehr, ausnahmsweise tatsächlich einmal auch mehr gewesen.

7/10

BRIGHTBURN

„Who am I?“

Brightburn ~ USA 2019
Directed By: David Yarovesky

Tori (Elizabeth Banks) und Kyle Breyer (David Denman), ein kinderloses, braves Farmerehepaar aus dem Kleinstädtchen Brightburn in Kansas, ist selig, als eines Tages in Grundstücksnähe eine kleine Raumkapsel niedergeht, in der sich ein menschlich aussehendes Baby befindet. Der Kleine wird kurzerhand Brandon getauft und von den überglücklichen Breyers insgeheim an Kindesstatt angenommen. Der Bengel entpuppt sich als wonniges Wunderkind, das seinen terrestrischen Adoptiveltern viel Freude bereitet. Zwölf Jahre lang geht das Spiel gut, bis Brandon (Jackson A. Dunn) urplötzlich Stimmen hört, in fremden Zungen spricht und ungekannte Aggressionen an den Tag legt Darüberhinaus entwickelt er gewaltige, übermenschliche Fähigkeiten. Als Tori dem Jungen die wahren Umstände seiner Herkunft offenbart, reift in ihm endgültig die Erkenntnis, dass er zu weitaus Höherem bestimmt ist…

In den achtziger Jahren entwickelte DC Comics ein Format, das die beliebten Heldenfiguren aus dem gewohnten zeitlichen, gesellschaftlichen und/oder lokalen Kontext heraus und in eine bisweilen gänzlich ungewohnte Umgebung hineinkatapultierte. Wobei der Terminus „entwickelte“ nicht ganz passend ist, denn dem „Haus der Ideen“, Marvel, war dieselbe Idee bereits eine gute Dekade zuvor entsprungen und erlebte in Form der „What If…“- Reihe, die den Beobachter Oatu von alternativen Realitäten berichten ließ, einen mehrjährigen Lauf. Manchmal waren die jeweiligen  Modifikationen bloß geringfügig, manchmal gewaltig. Vor allem Superman erlebte in den Spätneunzigern und diesseits der Jahrtausendwende viele jener miniseriellen Umwälzungen, landete als Baby statt bei den Kents in Kansas bei den Amish, im mittelalterlichen England,  bei den Sowjets, bei seinem Erzfeind Darkseid, bei den Waynes, oder wie einst Tarzan bei Affen im Dschungel. Immerhin liefen die Storys meist darauf hinaus, dass die Kal-Els all dieser mehr oder weniger phantasievollen Visionen irgendwann doch ihren klassischen Erlösernimbus sowie ihre eherne ursprüngliche Bestimmung, für das Gute, die Menschheit und den Schutz der Erde einzutreten, wahrnahmen.
In anderen, zumeist verlagsfremden Publikationen ging man indes soweit, Stellvertreter-Supermen zu kreieren, eindeutige Variationen des Originals, die mal moralisch flexibel, mal sozial unangepasst oder gleich von Grundauf böse waren.
Just diese ergo nicht mehr ganz frische Idee (eine Coming-of-age-Geschichte um einen bösen Super“helden“ hatten wir in nicht ganz unähnlicher Form vor ein paar Jahren schonmal in Josh Tranks „Chronicle“) griff nun der Gunn-Klan um den berühmtesten Familienvertreter James auf in Form von „Brightburn“. Der mehrdeutige Titel erweist sich als Substitut für das Örtchen Smallville, lokalisiert sich freilich in Kansas und bei Jonathan und Martha Kent quasi identisch paraphrasierten, braven amerikanischen Eheleuten. Über die wahre Herkunft ihres Ziehsohnes erfahren wir nur wenig, außer dass es sich bei ihm eben um ein humanoid wirkendes Alien handelt, das jedoch offenbar mit einer für uns Terrestrier recht unangenehmen Agenda geschickt wurde: „Take the world“ hämmert es mit beginnender Geschlechtsreife irgendwann unablässig in Brandons Kopf, zunächst in außerirdischer, dann in englischer Sprache. Dass der junge Brandon Breyer nun keine Naturkatastrophen abwendet oder schutzsuchenden Personen zur Hilfe eilt, sondern diese im höchst persönlichen Interesse strategischer Anonymität zu Hackfleisch macht, unterscheidet seine Persona eben deutlich vom großen rotblauen Vorbild.
Diese Idee im Film zu sehen, ist grundsätzlich reizvoll, hält jedoch nicht durchweg, was sie verspricht und schreit am Ende (möglicherweise wurde sie auch a priori so konzipiert?) geradezu nach unvermeidbaren Fortsetzungen, wobei sich der Epilog um Michael Rooker auch ebensogut als augenzwinkernder Gag in Richtung „Batman V Superman“ begreifen ließe.
Was mir nun insgesamt gefallen hat, wäre schonmal primär die Entscheidung, sich nach R-Rating-Vorgaben zu richten, so dass insbesondere die exploitativen Resultate von Brandons Attacken hübsch fies bis derb splattaterig dastehen. Hier und da wird’s für Sekundenbruchteile gar ein bisschen spannend und ein paar gelungene Einstellungen verankern sich positiv im Gedächtnis. Das verhältnismäßig kleine Budget wurde weithin ordentlich gesteckt und verplant, so dass man sich von etwaigen Albernheiten bei der Effektarbeit flächig verschont findet.
Weniger aufregend gestalten sich indes die sich alles andere als innovativ gerierende, stark generische Dröhnmusik (Tim Williams), die zunehmend hilflos inszeniert wirkenden, nach antiquierter Slashermanier eingeflochtenen Präludien vor Brandons spektakulären kills sowie die eine oder andere Regieschlamperei. Die Besetzung (nebenbei auch insgesamt leicht schludrig wirkend)  der mir persönlich sowieso kreuzunsympathischen Elizabeth Banks erweist sich zudem als verhängnisvoller Fehlentscheid, wo ihr Charakter doch eigentlich recht viel hergegeben hätte. Man stelle sich vor, was eine Jennifer Connelly aus dem Part hätte machen mögen. Aber das sind eh so Kleine-Jungs-Phantasien…

5/10

FIRST REFORMED

„Somebody’s got to do something.“

First Reformed ~ USA/UK/AUS 2017
Directed By: Paul Schrader

Der 46-jährige Ernst Toller (Ethan Hawke) ist Reverend einer kleinen First-Reformed-Kirchengemeinde in Snowbridge, Upstate New York. Seit sein Sohn im Irak gefallen ist, hinterfragt Toller, der außerdem Alkoholiker ist und an Krebs leidet, immer vehementer den Wert seiner eigenen Mission sowie das gegenwärtige Verhältnis von Gott zu den Menschen und seiner gesamten Schöpfung. Die First Reformed  wird von der Megachurch „Abundant Life“ und deren Kopf Reverend Jeffers (Cedric the Entertainer) verwaltet, der wiederum einen wesentlichen Teil seines Budgets von dem Großindustriellen Balq (Michael Gaston) bezieht. Beiden ist der schwermütige Toller ein Dorn im Auge. Ein Hilferuf der jungen, schwangeren Mary Mensana (Amanda Seyfried) betreffs ihres offenbar in einer extremen Lebenskrise befindlichen Mannes Michael (Philip Ettinger) erweist sich auch für Toller als harte Prüfung: Wenige Tage nach einem ersten Gespräch, in dem Michael seine tiefe Besorgnis über den ökologischen Zustand der Welt beschreibt, nimmt der zutiefst verstörte Mann sich das Leben und lässt Toller seine Leiche finden. Dass Michael offenbar damit geliebäugelt hatte, ein Sprengstoffattentat zu verüben, behalten Toller und Mary, die sich bald in ihrer gemeinsamen Sehnsuch nach Trost näherkommen, für sich. Als auch Toller betreffs der größten globalen Umweltsünder recherchiert, stößt er auf Balqs Unternehmen und fasst einen ungeheuerlichen Plan…

Paul Schraders im Wesentlichen auf Ingmar Bergmans „Nattvardsgästerna“ basierendes Psychogramm eines zweifelnden, zutiefst erschütterten Geistlichen bildet die nunmehr zwanzigste Regiearbeit des writer/director in knapp vierzig Jahren. Seit „Adam Resurrected“ und damit seit rund neun Jahren habe ich mir keinen von Schraders seitdem entstandenen Filmen mehr angesehen, zugegebenermaßen, weil ich den eigentlich immens geschätzten auteur teils aus den Augen verloren hatte und dann, weil seine drei seither entstandenen Werke, insbesondere der von Produktionsseite herb entstellte „Dying Of The Light“, mehr schlecht als recht beleumundet sind und ich infolge dessen auch eine ziemliche Angst vor potenzieller Geringschätzung meinserseits entwickelte. Diese Sorge erweist sich mit der komplexen, spirituellen Meditation „First Reformed“ im Rücken als zumindest aktuell unbegründet. Unabhängig produziert und mit bescheidenen finanziellen Mitteln und Formalia (4:3-Kadrage, starre, lange Einstellungen) hergestellt, steht „First Reformed“, auch wenn Schrader zunächst behauptete, der Film stünde sehr viel eher in der Tradition europäischer Vorbilder, thematisch völlig im intertextuellen Gebinde der meisten seiner Geschichten seit „Taxi Driver“: Ein vom Leben ohnehin stark in Mitleidenschaft gezogener, von Einsamkeit und Kommunikationsmangel gebeutelter Mann droht angesichts einer weiteren, katastrophalen Zäsur, auch das letzte bisschen Bodenhaftung einzubüßen und trifft einen folgenschweren Entschluss, der sich in einer amokartigen, gewalttätigen Explosion zu entladen droht. Reverend Toller (von Ethan Hawke in einer seiner vollendetsten Darstellungen gegeben), permanent auf der Suche nach innerer Katharsis, erfährt nurmehr Tiefschläge. Er trinkt zu viel, sein just begonnenes Tagebuch erweist sich lediglich als verstärkender Widerhall seiner Verstimmung und die ewige Bevormundung durch seinen Obmann Jeffers parallel dazu als unerträglich. Die ihn mütterlich umsorgende Chorleiterin Esther (Victoria Hill) empfindet Toller als Klotz am Bein und der Krebs frisst sich immer tiefer in seine Eingeweide. Als Toller sich dann nach Michael Mensanas Suizid zudem noch intensiv mit dem Abgrund, auf den die Erde unweigerlich zusteuert, befasst, reißt der letzte Faden – der Neuweihe der First Reformed zum 250-jährigen Jubiläum plant Toller, mit dem von Michael stammenden Sprengstoffgürtel ein explosives Fanal zu setzen. Erst das ungeplante Erscheinen Marys kann ihm, nachdem er sich den nackten Oberkörper in Selbstgeißelung mit Stacheldraht umwickelt hat, in letzter Minute Einhalt gebieten. Der abrupte, mitten in der Szene erfolgte Schlussschnitt beinhaltet indes nur eine fadenscheinige Erlösungsformel. Vielleicht kann Toller gerettet werden – die Welt, und mit ihr Marys Baby, das, wenn es nicht gerade der neue Messias ist, kann es nicht mehr.

9/10