FIRST REFORMED

„Somebody’s got to do something.“

First Reformed ~ USA/UK/AUS 2017
Directed By: Paul Schrader

Der 46-jährige Ernst Toller (Ethan Hawke) ist Reverend einer kleinen First-Reformed-Kirchengemeinde in Snowbridge, Upstate New York. Seit sein Sohn im Irak gefallen ist, hinterfragt Toller, der außerdem Alkoholiker ist und an Krebs leidet, immer vehementer den Wert seiner eigenen Mission sowie das gegenwärtige Verhältnis von Gott zu den Menschen und seiner gesamten Schöpfung. Die First Reformed  wird von der Megachurch „Abundant Life“ und deren Kopf Reverend Jeffers (Cedric the Entertainer) verwaltet, der wiederum einen wesentlichen Teil seines Budgets von dem Großindustriellen Balq (Michael Gaston) bezieht. Beiden ist der schwermütige Toller ein Dorn im Auge. Ein Hilferuf der jungen, schwangeren Mary Mensana (Amanda Seyfried) betreffs ihres offenbar in einer extremen Lebenskrise befindlichen Mannes Michael (Philip Ettinger) erweist sich auch für Toller als harte Prüfung: Wenige Tage nach einem ersten Gespräch, in dem Michael seine tiefe Besorgnis über den ökologischen Zustand der Welt beschreibt, nimmt der zutiefst verstörte Mann sich das Leben und lässt Toller seine Leiche finden. Dass Michael offenbar damit geliebäugelt hatte, ein Sprengstoffattentat zu verüben, behalten Toller und Mary, die sich bald in ihrer gemeinsamen Sehnsuch nach Trost näherkommen, für sich. Als auch Toller betreffs der größten globalen Umweltsünder recherchiert, stößt er auf Balqs Unternehmen und fasst einen ungeheuerlichen Plan…

Paul Schraders im Wesentlichen auf Ingmar Bergmans „Nattvardsgästerna“ basierendes Psychogramm eines zweifelnden, zutiefst erschütterten Geistlichen bildet die nunmehr zwanzigste Regiearbeit des writer/director in knapp vierzig Jahren. Seit „Adam Resurrected“ und damit seit rund neun Jahren habe ich mir keinen von Schraders seitdem entstandenen Filmen mehr angesehen, zugegebenermaßen, weil ich den eigentlich immens geschätzten auteur teils aus den Augen verloren hatte und dann, weil seine drei seither entstandenen Werke, insbesondere der von Produktionsseite herb entstellte „Dying Of The Light“, mehr schlecht als recht beleumundet sind und ich infolge dessen auch eine ziemliche Angst vor potenzieller Geringschätzung meinserseits entwickelte. Diese Sorge erweist sich mit der komplexen, spirituellen Meditation „First Reformed“ im Rücken als zumindest aktuell unbegründet. Unabhängig produziert und mit bescheidenen finanziellen Mitteln und Formalia (4:3-Kadrage, starre, lange Einstellungen) hergestellt, steht „First Reformed“, auch wenn Schrader zunächst behauptete, der Film stünde sehr viel eher in der Tradition europäischer Vorbilder, thematisch völlig im intertextuellen Gebinde der meisten seiner Geschichten seit „Taxi Driver“: Ein vom Leben ohnehin stark in Mitleidenschaft gezogener, von Einsamkeit und Kommunikationsmangel gebeutelter Mann droht angesichts einer weiteren, katastrophalen Zäsur, auch das letzte bisschen Bodenhaftung einzubüßen und trifft einen folgenschweren Entschluss, der sich in einer amokartigen, gewalttätigen Explosion zu entladen droht. Reverend Toller (von Ethan Hawke in einer seiner vollendetsten Darstellungen gegeben), permanent auf der Suche nach innerer Katharsis, erfährt nurmehr Tiefschläge. Er trinkt zu viel, sein just begonnenes Tagebuch erweist sich lediglich als verstärkender Widerhall seiner Verstimmung und die ewige Bevormundung durch seinen Obmann Jeffers parallel dazu als unerträglich. Die ihn mütterlich umsorgende Chorleiterin Esther (Victoria Hill) empfindet Toller als Klotz am Bein und der Krebs frisst sich immer tiefer in seine Eingeweide. Als Toller sich dann nach Michael Mensanas Suizid zudem noch intensiv mit dem Abgrund, auf den die Erde unweigerlich zusteuert, befasst, reißt der letzte Faden – der Neuweihe der First Reformed zum 250-jährigen Jubiläum plant Toller, mit dem von Michael stammenden Sprengstoffgürtel ein explosives Fanal zu setzen. Erst das ungeplante Erscheinen Marys kann ihm, nachdem er sich den nackten Oberkörper in Selbstgeißelung mit Stacheldraht umwickelt hat, in letzter Minute Einhalt gebieten. Der abrupte, mitten in der Szene erfolgte Schlussschnitt beinhaltet indes nur eine fadenscheinige Erlösungsformel. Vielleicht kann Toller gerettet werden – die Welt, und mit ihr Marys Baby, das, wenn es nicht gerade der neue Messias ist, kann es nicht mehr.

9/10

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INSOMNIA

„You’re about as mysterious to me as a blocked toilet is to a fucking plumber.“

Insomnia ~ USA 2002
Directed By: Christopher Nolan

Die Police Detectives Will Dormer (Al Pacino) und Hap Eckhart (Martin Donovan) vom LAPD reisen in die Kleinstadt Nightmute, Alaska, um mithilfe der hiesigen Kollegin Ellie Burr (Hilary Swank) vor Ort den Mord an der 17-jährigen Kay aufzuklären. Gegen Dormer laufen daheim interne Ermittlungen wegen unsauberer Diensterfüllung, was den alternden Beamten neben der unablässigen Helligkeit durch die Mitternachtssonne nicht schlafen lässt. Auch Hap ist in die Untersuchung eingebunden. Im Zuge einer Tatortbegehung erschießt Dormer seinen Kollegen, den er für den ebenfalls dort befindlichen Mörder hält, im dichten Nebel und lässt hernach den Unfall so aussehen, als sei wiederum der Unbekannte der Täter. Als dieser, ein Kriminalschriftsteller namens Walter Finch (Robin Williams), sich Dormer zu erkennen gibt, beginnt ein Duell mit programmiert tödlichem Ausgang.

In Anbetracht von Nolans drittem Langfilm kommt man kaum umhin, selbigen seiner originären Vorlage, einem fünf Jahre älteren, norwegischen Thriller gleichen Titels, dessen Remake „Insomnia“ darstellt, gegenüberstellen. Nolans Film bildet gewissermaßen ein – im Guten wie im Schlechten – musterhaftes Beispiel der Hollywood-Adaption eines in Übersee gefertigten, innovativen Stoffs, der für das amerikanische und letzten Endes somit auch für das infolge sehr viel umfangreicherer PR wesentlich besser erreichbare, globale Publikum neu aufbereitet wird. Dazu gehören nicht einmal unbedingt der mit Alaska nunmehr bemühte US-Schauplatz, sondern vielmehr eine Starbesetzung, eine deutlich spürbar gefälligere, konsumierbarere Inszenierung und Dramaturgie und das trotz aller noch beibehaltenen Schwärze aufgeweichte Ende, das die Zuschauer sehr viel entspannter nach Hause zu schicken weiß. In Erik Skjoldbjærgs Original verliert der von Stellan Skarsgård still, aber ungeheuer beeindruckend interpretierte Kommissar Jonas Engström im Laufe der Geschichte jeglichen Sympathiebonus sowie jedwede Form moralischer Integrität. Engström, der im Gegensatz zu Will Dormer nicht mit Heldentod und Erlösung davonkommt, erweist sich schlussendlich als verwerflicher denn der ursprünglich gesuchte Verbrecher. Er avanciert zum verdienten Opfer seines eigenen Schuldkomplexes, der ihn ganz allmählich qualvoll auffressen wird. Eine solch finstere Conclusio mochte man der potenziell weitaus umfangreicheren Adressatenschaft der vorliegenden Hochglanzproduktion dann doch nicht zumuten. Nolans dennoch recht ansehnliche „Insomnia“-Revisite punktet stattdessen mit einem formidabel aufspielenden Antagonisten-Duo, das gleichfalls mit einem von Pacino gewohnt erstklassig gegebenen, immens sühnebedürftigen Antihelden auf der einen, wie Robin Williams im Zuge der damals just akuten Unterminierung seines zuvor so sorgsam gepflegten Image als Lieblingsonkel der Nation auf der diametralen Seite ins Rennen geht. Diese deutlich traditioneller angelegte, narrative Facette erleichtert einerseits den Zugang zum Topos, weicht ihn jedoch andererseits etwas unschön auf. Skjoldbjærgs Film sieht zwar nicht so chic aus wie Nolans, bleibt am Ende aber der eindeutige Sieger.

7/10

THE PREDATOR

„They’re large, they’re fast, and fucking you up is their idea of tourism.“

The Predator (Predator – Upgrade) ~ USA/CA 2018
Directed By: Shane Black

Während eines Einsatzes in Mexiko gerät Army-Sniper Quinn McKenna (Boyd Holbrook) an einen ebenfalls vor Ort befindlichen Predator. Mit mehr Glück als Verstand gelingt es McKenna, das Alien außer Gefecht zu setzen und ihm einige Ausrüstungsgegenstände abzunehmen. Diese verschickt McKenna in weiser Voraussicht an seine in einer US-Kleinstadt lebende Familie, Frau Emily (Yvonne Strahovski) und Sohnemann Rory (Jacob Tremblay), der gleichsam hochintelligent ist und unter dem Asperger Syndrom leidet. Derweil wird der eigens zur Predator-Beobachtung abgestellte Agent Will Traeger (Sterling K. Brown) auf McKenna und den von ihm kaltgestellten Fremden aufmerksam. Die eilends hinzugezogene Casey Brackett (Olivia Munn) kann ihr Glück, eine außerirdische Spezies untersuchen zu dürfen, kaum fassen. Während der flüchtige McKenna gefasst und mit einigen anderen Militärhäftlingen verlegt wird, kann der gefangene Predator fliehen. Es findet sich jedoch noch ein weiterer, durch Genmanipulation mutierter Außerirdischer ein, der seinen Artgenossen tötet und Jagd auf McKenna und Sohn Rory macht. Offenbar sind die beiden im Besitz von etwas, dessen sie nicht habhaft sein sollten…

Die sich nur anscheinend etwas kompliziert ausnehmende Synopsis von Shane Blacks jüngster Regiearbeit sollte keinen falschen Eindruck vermitteln: „The Predator“ dürfte einserseits zwar den bis dato blutigsten, andererseits allerdings zugleich den humorigsten Eintrag in dem bisher (zählt man die beiden Crossover mit) sechs Filme umfassenden Zyklus um die illustren außerirdischen Jäger abgeben. Wie es so des Regisseurs Art ist, besteht das von ihm selbst und Fred Dekker dem Film zugrunde gelegte Script gleichsam aus explosiven Actionsequenzen und einer selbst für Blacks zunehmend anarchische Verhältnisse rückhaltlosen Kaskade aus Sprüchen und Gags, von denen sich aber diverse leider auf halbgarer Ebene verflüchtigen. So nimmt sich „The Predator“ primär als ein weiterer Beitrag zur gegenwärtig angesagten Achtziger-Retro-Welle aus: Black, der ja bekanntlich einst selbst in John McTiernans maßgeblichem Original als Hawkins – Söldner, Lieferant schmutzig-misogyner Witzchen und erstes Opfer des Predator – auf der Seite der „Guten“ angetreten war und sich hernach vor allem als Drehbuchautor einen Namen machen konnte, arbeitete hier erstmals seit „The Monster Squad“ wieder mit seinem alten Kumpel Dekker zusammen. Offenbar haben die beiden Jungs noch einen ganz ähnlichen Schalk wie vor rund dreißig Jahren im Nacken, denn „The Predator“ dürfte vor allem Kids viel Freude bereiten oder noch viel mehr Solchen, die auch nach drei Dekaden noch umweglos ihre einstige Jungpersona zu reaktivieren vermögen. Als ernsthaftes Genrestück in der Tradition der ersten beiden „Predator“-Filme von McTiernan und Hopkins sollte man Blacks Schwank jedenfalls nicht in Empfang nehmen, sondern vielmehr als herzhaft-kurzweiligen Spaß, dessen R-Rating-Effekte abseits seines kindlichen (Mit-)Protagonisten, dem im späteren Plotverlauf eine unerwartete Zentralfunktion zukommt, recht genüsslich und in übertriebenem Maße zelebriert werden. Den Dreieinhalb-Meter-Super-Riesen-Predator und seine (in abgewandelter Form aus dem ’10er-Film von Nimród Antal bekannten) Schoßhunde als eminente Bedrohung ernstzunehmen, entbietet sich jedenfalls als nahezu unmöglich und auch die multipel eingestreuten, komisch konnotierten Reminiszenen an die bisherige Filmhistorie der Monster verhindern recht zielsicher, dass „The Predator“ sich jemals dem Verdacht etwaiger Ernsthaftigkeit aussetzen könnte. Er ist dann doch vielmehr ein grobschlächtiges Spaßprodukt, dem man aufgrund seiner deftigen, mit entwaffnendem Selbstverständnis zelebrierten Infantilität kaum ernsthaft böse sein mag.

6/10

HALLOWEEN

„Say something!“

Halloween ~ USA 2018
Directed By: David Gordon Green

Exakt vierzig Jahre, nachdem der wahnsinnige Michael Myers (Nick Castle/James Jude Courtney) im Städtchen Haddonfield zu Halloween eine Mordserie zu verantworten hatte, soll er von seiner bisherigen Heimstatt Smith’s Grove in eine andere Psychiatrieklinik verlegt werden. Zwei Journalisten (Rhian Rees, Jefferson Hall), die den Fall nochmals aufrollen, konfrontieren kurz zuvor den inhaftierten Michael mit seiner damals identitätsstiftenden Maske, scheinbar ohne ersichtliche Reaktion. Die ebenfalls von den Reportern aufgesuchte Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), einzige Überlebende des einstigen Massakers und mittlerweile zweifach geschiedene Mutter und Großmutter, hat sich in ein festungsähnliches Haus mitsamt diversen Waffen und booby traps zurückgezogen, wo sie seit Jahr und Tag auf Myers‘ unausweichliche Rückkehr wartet. Es kommt, wie es kommen muss: Michael kann bei der Überführung fliehen und sucht umgehend seine frühere Wirkungsstätte, auf um dort erneut ein Blutbad anzurichten.

Ein sehr zweischneidiges Schwert, dieser neuerliche, (Tommy Lee Wallaces abtrünniges Zweitsequel sowie Remake und Fortsetzung inbegriffene) elfte, diesmal unter Blumhouse-Ägide entstandene Aufguss der Myers-Mär, von der bisher jeder weitere Film einen logischen Schlusspunkt hätte abgeben mögen. Da die mittlerweile in Ehren ergraute Curtis allerdings bereits zum zwanzigsten Jahrestag in einem ziemlich schwachen Reboot zurückkehrte, ließ sie es sich nunmehr nicht nehmen, jene Rolle, der ihre Karriere den vermutlich wesentlichsten Aufschwung verdankt, heuer aufs Neue (und somit zum fünften Mal) ihre Ehrerbietung zu erweisen. Dass man spätestens in zwei Jahrzehnten wiederum mit ihr rechnen sollte, ist insofern keineswegs ausgeschlossen.
Während Steven Miners „H20“ auf der reinen Handlungsebene seinerzeit jede Fortsetzung bis auf Rick Rosenthals Erstsequel, in dem wir den wesentlichen Grund für Michael Myers‘ Mordmotivation erfahren (nämlich den, dass Laurie in Wahrheit seine Schwester ist und er danach trachtet, sämtliche Familienmitglieder zu beseitigen), für null und nichtig deklarierte, geht der jüngste Beitrag, der sich verwirrenderweise nurmehr „Halloween“ tituliert, noch einen Schritt weiter und setzt, ganz offensichtlich aus rein logistischen Gründen (am Ende von „Halloween II“ ist deutlich zu sehen, dass Michael verbrennt) direkt nach Carpenters seit jeher unangetastetem Original an: Michael, der damals ja urplötzlich verschwunden schien, war, so erfahren wir bald, von einem umtriebigen Polizisten (Will Patton) in Gewahrsam genommen und wieder dingfest gemacht worden. Seither ist er zurück in Smith’s Grove, wo er nach dem Ableben von Dr. Loomis unter der Obhut von Loomis‘ Schüler Dr. Sartain (!) (Haluk Bilginer) steht. Die nachhaltig traumatisierte Laurie rechnet indes permanent mit einem weiteren Ausbruch ihrer Nemesis und widmet ihr gesamtes Leben der Erprobung des unvermeidbaren Ernstfalls. So weit die Prämisse, die dann mit Michaels jubilarischer Flucht ihre notwendige Sollbruchstelle erhält. Der Mann mit der Maske bekommt dann auch allerlei Gelegenheit für einen blutigen Feldzug, der ihn wiederum nach Haddonfield und unbeirrbar auf die Spur von Laurie und ihrer Familie führt. Worin diesmal die Beweggründe für sein durchaus gezieltes Vorgehen liegen (das Script versichert uns einmal per Dialog, dass Michael und Laurie nicht miteinander verwandt sind), bleibt diffus; die beste Erklärung ist wohl die, dass Michael es schlichtweg nicht leiden mag, wenn ihm jemand entkommt. Jedenfalls holzt der Gute mit einer Qualität und Quantität, die schon deutlich derber daherkommt als bislang gewohnt und die bei einer Sechzehner-FSK die Tatsache, dass „Halloween II“ in seiner ungekürzten Fassung bei uns noch immer beschlagnahmt ist, umso stirnrunzliger erscheinen lässt. Die rohe Brachialität von Michaels Werksgang erinnert dann auch vielmehr an die beiden Zombie-Filme, wobei auch dies zur basalen Konzeption von „Halloween (2018)“ gehört: An nahezu sämtliche bisherigen Beiträge zum Franchise gibt es Reverenzen, die natürlich jede für sich fluides Balsam für den akribisch-aufmerksamen Fan bilden. Als von klassischen bzw. traditionsverpflichteten Versatzstücken strotzender Slasher ist Greens Film nicht nur insofern gewiss gelungen. Es gibt eine Menge Tote, und garantiert keiner von ihnen klopft hübsch herausgeputzt an die Himmelspforte.
„Halloween (2018)“ ist aber leider auch ein ausgesprochen dämlicher Film, dessen Script und inhärente Dramaturgie selbst bei oberflächlichster Betrachtung mitunter schreiend löchrig wirken. Die Faux-pas‘ strotzen. Ich sehe es nun nicht als meine Aufgabe an, ebenjene zu benennen oder aufzulisten, aber sie sind, soviel sei gesagt, mehr denn augenfällig. Ebendiese Nachlässigkeiten versagen dem immerhin bahnbrechend erfolgreich gestarteten Werk, dass man es als uneingeschränkt erfreuliches reinstallment des Klassikers bezeichnen könnte; er erweist sich stattdessen immer wieder als wie erwähnt von entwaffender Dummheit beseelt. Da gewissermaßen auch das – oder sagen wir besser – eine gewisse, hirnerweichende Naivität, eines der ubiquitären Merkmale des Slasher-Subgenres ist, mag man in diesem Fall ein Nachsehen haben. Diebische Freude macht Greens „Halloween“ zumindest, soviel kann und darf man sagen.

6/10

SUMMER OF 84

„Even serial killers live next door to somebody.“

Summer Of 84 ~ USA/CA 2018
Directed By: François Simard/Anouk Whissell/Yoann-Karl Whissell

Im Sommer 1984 entwickelt der im Städtchen Cape May, Oregon lebende, 15-jährige Davey (Graham Verchere) den dringenden Verdacht, dass sein Nachbar, der allein lebende Polizist Wayne Mackey (Rich Sommer), jener Serienkiller ist, der in der Gegend sein Unwesen treibt und auf dessen Konto vermutlich bereits mehrere vermisste Jungen in Daveys Alter gehen. Zusammen mit seinen drei Freunden Woody (Caleb Emery), Eats (Judah Lewis) und Curtis (Cory Gruter-Andrew), die Davey bald mit seinen detektivischen Umtrieben ansteckt, macht sich der Junge daran, Mackey zu entlarven. Doch dieser erweist sich als deutlich cleverer denn zunächst angenommen…

Your monthly retro piece. Bereits vor längerer Zeit losgetreten von Richard Kellys „Donnie Darko“ und später dann endgültig erodierend ausgelöst durch Filme wie J.J. Abrams‘ „Super 8“ und natürlich das Netflix-Serial „Stranger Things“ scheint die Nostalgie-Welle, die vor allem die romantisierten Kleinstadt-Sozietätsbilder der vielen Spielberg-Produktionen der achtziger Jahre, der von ihm gesteuerten Produktionsfirma Amblin und all derer vielen großen und kleinen Epigonen beschwört, noch nicht gesättigt. Das Regie-Trio Simard/Whissell/Whissell, dessen eingeschworene Allianz sich auch „Roadkill Superstar“ (RKSS) nennt und dessen Debüt „Turbo Kid“ ich beizeiten nachholen werde, hat sich offenbar ganz dieser Form des atmosphärischen Retro-Chic verschrieben – durchaus erfolgreich, wie der weitgehend gelungene „Summer Of 84“ vorsichtig bestimmen lässt. Auf (semi-)phantastische Elemente wie verlorene Schätze, Aliens, kleine Monster oder postapokalyptische Abenteuerszenarien wird diesmal gänzlich verzichtet zugunsten eines sich mit zunehmendem Filmverlauf ernster gestaltenden Serienkiller-Topos, der im letzten Fünftel ein im Verhältnis zur trügerischen Basis des Plots geradezu eklektisch ausformuliertes Ende einläutet. Darin schieben die AutorInnen sämtlichen eben noch sehr in der Vorbilderzeit verankerten Coming-of-Age-Klischees, die von Außenseiter-Freundschaft über Familienidyll bis hin zu erster Liebe und unterstützender, sommerlicher Lichtdurchflutung diverse Pflichtelemente akribisch abhaken, einen finster-realistischen Riegel vor. Erwachsenwerden bedeutet in „Summer Of 84“ zugleich die höchst destruktive Konfrontation mit Verlust, Angst und Tod, garantiert ohne erlösendes Element. Davey muss seine juvenile Neugier, die ihn und seine Freunde anfangs wie die übliche, abenteuerlustige Kinderclique der Ära blind macht für die tödliche Gefahr, in die sie sich begeben, teurer bezahlen als ihm lieb sein kann. Mit der Entlarvung des Mörders folgt zugleich die Erkenntnis der totalen Ohnmacht; gegen die viehische Brutalität des psychopathischen Lebenssammlers Mackey, der so ganz ohne identitätsverschleiernde Maskerade auftritt und sein Werk mitten im Herzen trauter Nachbarschaft praktiziert, kann Davey es nicht aufnehmen. Diese Erkenntnis kommt für ihn viel zu spät – nachdem er sich kurz im Glanze öffentlicher Heldenverklärung sonnen darf, heißt es Abschied nehmen, nicht nur von der Naivität der Kindheit, sondern auch vom besten Freund, dessen gewaltsamen Tod mittelbar auch Davey verschuldet, von den anderen Kumpels und ihren fragilen Elternhäusern, von der Angebeteten, die die Stadt verlässt und vor allem von der im Teenageralter noch unantastbaren Sicherheit der Unsterblichkeit.
Anders als zuletzt noch in ersten Teil des „It“-Neuverfilmung lässt sich das Ungeheuer in „Summer Of 84“ auch mit vereinten Kräften nicht in die Schranken weisen. Der Grund dafür ist so simpel wie einleuchtend: Hierin ist das Monster keine übernatürliche Wesenheit, sondern, viel schlimmer – ein Erwachsener.

7/10

THE STRANGE AFFAIR OF UNCLE HARRY

„People who love dogs shouldn’t own them. They don’t live long enough.“

The Strange Affair Of Uncle Harry (Onkel Harrys seltsame Affäre) ~ USA 1945
Directed By: Robert Siodmak

Harry Melville Quincey (George Sanders) lebt als Textildesigner und ewiger Junggeselle mit seinen beiden Schwestern Lettie (Geraldine Fitzgerald) und Hester (Moyna McGill) in einer Kleinstadt in Massachusetts. Während Hester bereits Witwe ist, hat die jüngere Lettie nie geheiratet und ergeht sich in Hypochondrien, die vor allem Harry eng an sie binden. Als eines Tages Harrys Kollegin Deborah (Ella Raines) aus New York anreist, verlieben sich die beiden Hals über Kopf ineinander. Mittelfristig soll geheiratet werden und Lettie und Hester sich eine neue Wohnstatt suchen. Während Hester von Harrys Glück begeistert ist, beginnt Lettie jedoch, scharf gegen die Beziehung zu intrigieren. Als Deborah und Harry beschließen, gemeinsam nach New York zu gehen, setzt Lettie eine Abfolge höchst dramatischer Ereignisse in Gang…

Die schöne, jüngere Schwester als abgrundtief böses Weib – Femmes fatales wie Lettie Quincey waren im film noir der vierziger Jahre keine Seltenheit. Nur allzu häufig hatten sich brave bis biedere Herren mittlerer Jahrgänge ihrer gewaltsam und endgültig zu entledigen, um, wenn schon nicht das zumeist ohnehin bereits zerstörte private Glück, so vielleicht doch ein Stück Seelenfrieden zurück zu gewinnen. In dieser dritten Gemeinschaftsarbeit von Robert Siodmak und der schönen Ella Raines handelte es sich allerdings nicht wie im Quasi-„Vorgänger“ „The Suspect“ um eine unentwegt keifende Ehefrau oder wie in „Double Indemnity“ um eine niederträchtige Strippenzieherin, sondern um eine äußerlich ausnehmend attraktive, psychisch extrem gestörte Schwester mit gepflegter Borderline-Persönlichkeit und offenkundig inzestuösen Bedürfnissen. Lettie Quincey ist nicht bereit, „ihren“ Harry mit einer anderen Frau zu teilen, missgönnt ihm daher eine eigenständige Zukunft und durchkreuzt sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Der so ruhige und beliebte Junggeselle vergisst sich daraufhin, nimmt einen eher impulsiv durchgeführten Giftanschlag vor, der jedoch versehentlich die falsche Schwester ereilt. Für den Mord wird die ohnehin in der Stadt wenig gelittene Lettie verantwortlich gemacht und zum Tode verurteilt. Der sich vor schlechtem Gewissen verzehrende Harry versucht sie in letzter Sekunde durch ein Geständnis zu retten, doch niemand mag ihm, der treuen Seele, seine Ausführungen glauben.
Noch vor dem Gang zum Galgen verhöhnt Lettie den armen Harry und erfreut sich diebisch an dessen bevorstehenden, inneren Höllenqualen. Wäre „The Strange Affair Of Uncle Harry“ an dieser Stelle zu Ende, er hätte gewiss als einer der schwärzesten Beiträge zur Schwarzen Serie Legendenstatus erklommen. Ähnlich wie sich bereits kurz zuvor in Langs „The Woman In The Window“ am Ende alles als ein Traum Edward G. Robinsons entpuppt, erweist sich sich die gesamte Narration des vorliegenden Films in der Folge von Harrys Entschluss, Lettie zu vergiften, als irrealis und bloßes Gedankenspiel. Die verloren geglaubte Deborah kehrt doch noch zu Harry zurück, der jetzt, da er sich endlich Letties pathologische Durchtriebenheit einzustehen bereit ist, mit Deborah fortgehen kann. Die Moral war gerettet, dem production code Genüge getan und das Publikum konnte ohne flaues Gefühl im Magen das Kino verlassen. Auch grobe Sinnverfälschung ist häufig ein Spiegel ihrer Zeit.

8/10

SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10