IT

„I am eternal, child. I am the eater of worlds, and of children. And you are next!“

It (Es) ~ USA 1990
Directed By: Tommy Lee Wallace

Derry, Maine im Frühherbst 1960. Sieben durch ganz unterschiedliche Handycaps geprägte Kids im Alter von zwölf Jahren gründen den „Loser’s Club“, eine Clique, die ihnen nicht nur Zusammenhalt und Stärke verleiht gegen die alltäglichen Bedrohungen durch fehlgeleitete Erwachsene und halbstarke Bullys, sondern auch gegen eine paranormale, böse Entität, die Derry offenbar alle dreißig Jahre heimsucht und vornehmlich kleine Kinder verzehrt, um sich zu stärken. Es gelingt dem „Loser’s Club“ unter Aufbietung größtmöglicher Energien schließlich, jenes „Es“, das sich gern als Clown (Tim Curry) zeigt, in die Schranken zu weisen. Drei Jahrzehnte später beginnt in Derry erneut eine Serie von Kindermorden. „Es“ ist zurück. Mike Hanlon (Tim Reid), der als Einziger der sieben Kinderfreunde auch als Erwachsener in Derry geblieben ist, alarmiert den mittlerweile in ganz neuen Individualnöten befindlichen Loser’s Club, um der gemeinsamen alten Nemesis endgültig das Handwerk zu legen.

Tommy Lee Wallaces zweiteilige Adaption von Stephen Kings massivem Erfolgswälzer konnte sich über die Jahre eine für einen TV-Film ungewöhnlich große, cinephile fanbase sichern, was wohl neben einigen wenigen wirklich konstituierenden Augenblicken insbesondere der ikonographischen Darstellung des Clowns Pennywise durch Tim Curry zuzuschreiben ist. Und tatsächlich ist es vor allem Currys exaltierte Interpretation, die das ansonsten biedere, seinem Format gemäß stark korsettierte Werk immer wieder über seine ansonsten mediokre Präsentation hinaushebt und in Erinnerung bleiben lässt. Immerhin gelingt es Script und Film, auch die Metaebene von Kings allegorischer Kleinstadtmär aufrecht zu erhalten – im Grunde geht es ja gar nicht um dieses übermächtige, furchtbare Wesen unbekannter Herkunft, sondern um den Wert beständiger Freundschaft und den gemeinsamen, schließlich erfolgreichen Kampf um das Recht, in einer von Widerständen geprägten Umwelt überleben zu können. Um eine solche Geschichte umfassend erzählen zu können, bedurfte es offensichtlicher Klischees, die der Plot dann auch relativ behende bedient: Bill Denbrough (Jonathan Brandis/Richard Thomas) stottert, wenn er nervös ist und leidet unter übermächtigen Schuldgefühlen betreffs des Todes seines kleinen Bruders Georgie (Tony Dakota); Ben Hanscom (Brandon Crane/John Ritter), als adipöses Kind permanent gehänselt, ist als Erwachsener beziehungsunfähig und dem Alkohol verfallen; Eddie Kaspbrak (Adam Faraizl/Dennis Christopher) steht unter ewiger Bevormundung seiner selbstsüchtigen Helikoptermutter (Sheila Moore) und ist eingebildeter Asthmatiker; hinter der Fassade des vorlauten Richie Tozier (Seth Green/Harry Anderson) verbirgt sich ein von permanenten Selbstzweifeln heimgesuchter Schwächling; der intelligente Stanley Uris (Ben Heller/Richard Masur) kann nicht verwinden, dass es Dinge gibt, die nicht seiner jüdischen Schulweisheit unterliegen; Beverly Marsh (Emily Perkins/Annette O’Toole), das einzige Mädchen im Bunde, sucht sich als Erwachsene unbewusst genau solche Arschlochmänner, wie sie in Kindheitstagen ihr alleinerziehender, gewalttätiger Vater (Frank C. Turner) repräsentierte und Mike Hanlon (Marlon Taylor/Tim Reid) schließlich unterliegt primär dem gewaltigen, sozialen Nachteil, ein intelligenter, selbstbewusster Afroamerikaner zu sein. Den Kindern erwachsen all ihre von ihrem jeweiligen (zunächst unfreiwillig, später selbstgewähltem) Umfeld forcierten „Behinderungen“ zu ausgewachsenen Traumata, deren Symptome sie zwar zum Schein beiseite schieben können, deren tieferen, eigentlichen Ursachen sie sich jedoch nie wirklich zu stellen vermochten (und die in krassem Kontrast zu ihren jeweiligen, oberflächlichen Erfolgskarrieren stehen).
Der Kampf gegen „Es“ ist also vor allem eine extrem aktionistisch arrangierte Gruppentherapie, die der Bezwingung von Ängsten und Barrieren dient – ein klassischer Coming-of-Age-Stoff. Damit das auch der Dümmste versteht, schafft es Bill am Ende sogar, seine von Pennywise entführte, schwer traumatisierte Frau Audra (Olivia Hussey) aus ihrem katatonischen Zustand zurückzuholen – der finale Durchbruch gelingt und trotz zweier bedauernswerter Todesopfer (Stanley & Eddie) wird der Rest des „Loser’s Club“ nunmehr ein freieres Leben führen können.
Ich bin gespannt auf den ersten Teil der Neuinterpretation (demnächst hier).

6/10

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THE SOUND AND THE FURY

„I just happen to be an eccentric.“

The Sound And The Fury (Fluch des Südens) ~ USA 1959
Directed By: Martin Ritt

Es ist schon eine höchst seltsame Konstellation, die da gemeinsam auf dem alten, maroden Compson-Anwesen in Jefferson, Mississippi, haust. Da wäre zunächst die junge, quirlige, aber selbstbewusste Quentin (Joanne Woodward), die ohne Eltern auskommen muss, mehr oder weniger sich selbst überlassen ist, gern die Schule schwänzt und durch die Gegend tingelt. Ihre beiden Onkel Howard (John Beal), ein Vollalkoholiker vor dem Herrn, sowie der geistig schwerstbehinderte Ben (Jack Warden) leben ebenfalls im Haus, dazu noch deren Stiefbruder Jason (Yul Brynner), wenngleich quasi Angestellter im eigenen Geschäft der Einzige, der etwas Geld nach Haus bringt und sich als eine Art „Notpatriarch“ wähnt, dessen ewig keifende Mutter (Françoise Rosay), und schließlich die farbige Haushälterin und gute Seele Dilsey (Ethel Walters) nebst ihren zwei Enkeln T.P. (Bill Gunn) und Luster (Steven Perry), der wiederum allein auf weiter Flur sich mit dem armen Ben versteht. Als Quentins ehedem durchgebrannte Mutter Caddy (Margaret Leighton) wieder aufkreuzt und das Mädchen mit einem Kirmesburschen (Stuart Whitman) durchbrennen will, spitzt sich die ohnehin permanent angespannte Lage nochmals dramatisch zu.

„The Sound And The Fury“ ist ein Film, mit dem niemand, der in seinen Kreativprozess involviert war, sich im Nachhinein als rundum zufrieden erwies. Basierend auf William Faulkners gleichnamigem Roman, jener immerhin ein Stück amerikanische Vorzeigeliteratur des vergangenen Jahrhunderts, wurde der Film von Martin Ritt für die Fox inszeniert. Die Geschichte wurde stark komplexitätsreduziert sowie um einige tragende Figuren erleichtert und in die erzählzeitliche Gegenwart verlegt. Aus der von Yul Brynner gespielten Hauptfigur Jason, eigentlich leiblicher Sohn des verstorbenen Familienoberhaupts, wurde aus offensichtlichen Gründen ein Stiefonkel für Quentin, was deren latente Romanze natürlich weitaus weniger kontrovers erscheinen lässt. Der für das Script wiederum hinzugedichtete Säufer Howard repräsentiert gewissermaßen den herausgestrichenen Vater Jason Sr.. Martin Ritt meinte im Nachhinein, er sei „nicht der  Richtige für Faulkners Sprache“, Joanne Woodward, die mehrfach bei Ritt spielte, fragte sich, warum der Regisseur diesen Film überhaupt angegangen sei und auch viele Kritikersprachen sich vehement gegen ihn aus. In der Tat gibt es einige akute Unebenheiten; die episodische Erzählweise mag sich mit dem Drehbuch nicht recht arrangieren, einige Handlungselemente wirken unfertig, angerissen und nicht auserzählt, Yul Brynner macht seine Sache zwar gut, wirkt aber nicht verletzlich genug für seinen Part. Dennoch hat mir „The Sound And The Fury“ mehr als gut gefallen. Das mag damit zusammenhängen, dass ich grundsätzlich sowieso ein Faible für epische Southern Gothic im Kino habe und ein Film innerhalb diesen cineastisch ohnehin prinzipiell dankbaren Sektors schon verdammt viel vor die Wand fahren muss, um mich zu verlieren. Da sind aber auch Charles G. Clarkes phantastische Bilder der zerfallenden, mitunter auf den Kopf gedrehten Südstaatenkultur und Alex Norths wunderbare Musik. Elemente, die unweigerlich bei der Stange halten und Ritts Werk eigentlich für jeden begeisterten Chronisten dieser filmischen Subgattung letzten Endes zumindest teilweise zu einem Gewinn machen sollten.

8/10

RIDING SHOTGUN

„I didn’t want to draw, especially against the law, but nobody was taking my gun away from me.“

Riding Shotgun (Dieser Mann weiß zuviel) ~ USA 1954
Directed By: André De Toth

Gunman Larry Delong (Randolph Scott) arbeitet als Postkutschen-Eskorteur, sucht privat jedoch in erster Linie nach dem Mörder seiner Schwester und seines Neffen, dem Outlaw Dan Marady (James Millican), der sich mit seiner Gang im Hinterland versteckt. Als Maradys Leute just die Kutsche überfallen, die Delong momentan bewacht, den Fahrer töten und Delong gefangensetzen, gelingt es diesem zunächst zu entkommen. Im Städtchen Sweet Water ist man jedoch durchweg davon überzeugt, der Tote ginge auf Delongs Konto, wobei auch dessen eminenteste Beteuerungen, dass Marady plane, das örtliche Casino zu überfallen, die engstirnigen Bewohner nicht überzeugen können. Delong ist schließlich gezwungen, sich in einer kleinen Cantina zu verschanzen, während Marady in aller Seelenruhe das Casino ins Visier nehmen kann…

Im vorletzten Film seines sechsteiligen Westernzyklus mit und um Randy Scott griff Genre-Pro André De Toth das um die Zeit des McCarthyismus immer wieder beliebte und häufig bediente Motiv der in einer üblen Kombination aus Feigheit und Misstrauen gefangenen Kleinstädter auf, die den wahren Helden der Geschichte nicht nur verkennen, sondern ihm und seinem Gerechtigkeitspfad zudem noch gewaltige Steine in den Weg rollen und ihn gar abzuservieren trachten. Die vielsagend betitelte Stadt Sweet Water scheint voll von stieseligen, alten Männern, die ihr Hab und Gut in Gefahr sehen und deren faktisch grundloses Misstrauen gegen Larry Delong sich von Minute zu Minute mehr hochschaukelt, bis sie vereint zu offener Lynchjustiz bereit sind. Als problematisch für den zu Unrecht beschuldigten erweist sich zudem die Tatsache, dass der Sheriff der Stadt, ein Freund Delongs, mit einigen Männern unterwegs ist, um den Postkutschenüberfall vor Ort zu untersuchen und dieser daher nur auf eine verschwindend kleine Handvoll vernünftig bleibender Alliierter zählen kann.
Überhaupt liegt die große Stärke des Belagerungswesterns „Riding Shotgun“ in der sorgfältigen bis sanft ironischen Zeichnung seiner oftmals lustvoll unsympathischen Nebencharaktere; als da wären der hilflose, verfressene Deputy Murphy (Wayne Morris), dem es an der rechten Chuzpe mangelt, im entscheidenden Moment Vehemenz zu zeigen oder der kleingeistige, mexikanische Kneipier Fritz (Fritz Feld), dessen unendlicher Stolz einem ordinären Barspiegel gilt und der als beredter Opportunist selbst seine Mutter verraten würde. Auch Charles Bronson ist wieder an Bord als Bandit Pinto, der sich zu Delongs Glück zu dämlich anstellt, um diesen rechtzeitig aus dem Wege zu schaffen.
Dieses Panoptikon stetig nörgelnder, allzu impulsiver Dummköpfe, die den Revolver sehr viel lockerer sitzen haben als ihnen guttut, mag man durchaus als eine kleine, aber spitze Bestandsaufnahme quasi uramerikanischer Befindlichkeiten erachten, die sich auch heute noch, in Zeiten, in denen niemand Geringer denn der US-Präsident persönlich als repräsentstiver Bewohner Sweet Waters durchginge, ungebrochener Aktualität erfreut. Einziges Manko dieser ansonsten wiederum gelungenen De Toth/Scott-Kollaboration: Das ziemlich redundante, manchmal allzu geschwätzig wirkende voiceover des Helden, das de facto niemand braucht.

8/10

KID BLUE

„I’m gonna get me a job and earn honest money.“

Kid Blue ~ USA 1973
Directed By: James Frawley

Der in Südtexas als „Kid Blue“ berüchtigte Ganove Bickford Warner (Dennis Hopper) ist die Zeit des Herumvagabundierens leid und begibt sich nach dem Städtchen Dime Box, um dort, zum allgemeinen Amüsement seiner alten Gang, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Der erste Job beim örtlichen Barbier (M. Emmet Walsh) geht gründlich in die Hose und so fängt Bickford in der Nippeskeramikfabrik von Mr. Hendricks (Clifton James) an. Mit dem Pärchen Reese (Warren Oates) und Molly Ford (Lee Purcell) gewinnt Bickford zwei gute Freunde, doch er landet bald mit Molly im Bett. Überhaupt vertragen das konventionelle Spießerdasein und Bickfords Wesen sich überhaupt nicht miteinander und so baldowert er schon bald einen Plan aus, um Mr. Hendricks‘ Werkskasse zu plündern…

Mit „Kid Blue“ ist James Frawley ein echter Vorzugswestern gelungen, der wie viele Genreproduktionen aus der Ära New Hollywood die Gattung auf eine leicht schwebende, komödiantische Metaebene hebt, es sich dort bequem macht und, und darin unterscheidet er sich dann doch von den meisten seiner zeitgenössischen Wegbegleiter, trotz seiner stark systemkritischen Agenda den Mut zu einem versöhnlichen, gar euphorischen Abschluss aufbringt. Als kleine Americana verdichtet „Kid Blue“ den vergleichsweise epischen, subsummierenden Erzählansatz von Arthur Penns nicht unähnlich gelagertem „Little Big Man“ zu einem kaum minder satirischen Konzentrat; wie zuvor Dustin Hoffman tritt auch Dennis Hopper als eine Art schelmischer Simplicissimus an, sich den Gepflogenheiten einer merkwürdig pevertierten, neuen Ära zu stellen, scheitert jedoch an deren verlogener Doppelmoral. Literarische Einflüsse von Kafka bis Brecht lassen sich verzeichnen – die Industrialisierung mit all ihrer ausbeuterischen, stumpfen Gräue kommt im Mythenland Texas an, bürgerliches Recht und Gesetz personifizieren sich in ihrer denkbar unangenehmsten, repressivsten Form (die Rolle des eigenmächtigen Sheriffs „Mean John“ Simpson hätte anstelle von Ben Johnson idealerweise eigentlich  Duke Wayne übernehmen müssen), die Bourgeoisie pflegt nur genau solange ihre ethischen Grundsätze, wie sie sich nicht im gleichen Fluss wie christianisierte Indianer taufen lassen müssen und bis die gestandene Hure (Janice Rule) aufkreuzt, die mit Abstand intelligenteste Figur im Film. Ein drogensüchtiger Baptistenprediger (Peter Boyle) erweist sich als höchst liberaler Charakter und drei alte Indianer als wandelnde Anachronismen, die sich auf höchst seltsame Weise in der Zeit vergaloppiert zu haben scheinen und glauben, ein Bekenntnis zum christlichen Gott ließe sie das ihnen zustehende Land zurückgewinnen.
„Kid Blue“, mit Sicherheit einer der am Weitesten links positionierten Western überhaupt, ist ebenso speziell wie großartig in seinem zwischen Tragik und Humor bisweilen regelrecht transzendenten Habitus. Schade, dass Frawley, den ich, ähnlich wie Mark Rydell und Dick Richards als einen der „Vergessenen New Hollywoods“ erachte, nicht mehr Erfolg als Filmemacher beschieden war. „Kid Blue“ hätte als Empfehlungsschreiben jedenfalls völlig genügt.

9/10

PATERSON

„Poetry in translation is like taking a shower with a raincoat on.“

Paterson ~ USA/F/D 2016
Directed By: Jim Jarmusch

Paterson (Adam Driver), der Mann, der heißt, wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt und als Busfahrer tagtäglich seine Runden zieht. Paterson, der Mann, ist verheiratet mit Laura (Golshifteh Farahani), die nicht ganz so gut backt und kocht, wie sie glaubt, was er ihr aber nie sagen würde. Laura liebt Paterson vor allem für seine Dichtkunst, die er jedoch lieber nicht zu veröffentlichen bevorzugt. Allabendlich trinkt Paterson ein Bier in seiner Stammkneipe, während Bulldogge Marvin draußen angebunden auf ihn wartet. Paterson liebt sein Leben, auch, wenn es gleichförmig und scheinbar ereignislos verläuft. Es sind die kleinen, kurzen Begegnungen und Episoden, die ihn glücklich stimmen: Die Leute, die mit dem Bus fahren, ein kleines Mädchen (Sterling Jeris), dass sich wie er selbst der Poesie verschrieben hat. Schießlich ein japanischer Dichter (Masatoshi Nagase), der ihm ein leeres Notizbuch schenkt.

Jim Jarmusch, unangefochtener amerikanischer Meister des stillen, kontemplativen Kinos, bleibt mit „Paterson“ seiner Linie nicht nur treu, sondern verlangsamt sein Tempo sogar nochmals, analog vielleicht zum eigenen Älterwerden. „Paterson“ erzählt den Abriss einer Woche im Leben des gleichnamigen Protagonisten in seiner gleichnamigen Stadt, die für ihre vergleichsweise bescheidene Größe eine erstaunliche Anzahl Prominenter und Kulturschaffender hervorgebracht und beherberht hat. Obwohl jene sieben Tage augenscheinlich wenige Höhepunkte vorweisen, geschehen für Paterson und seinen Lebensweg gleich mehrere elementare Begebenheiten, die ihn in allem, was er ist und was er sein will, bestätigen. Paterson hat seinen festen Platz in der Welt. Er ist ein heimlicher Intellektueller, ein Dienstleister, an den sehr heterogenen Menschen, denen er allenthalben begegnet und mit denen er täglich zu tun hat; sei es, indem er einen liebeskranken Kneipengast (William Jackson Harper) besänftigt, oder seine nervösen Fahrgäste angesichts einer Buspanne beruhigt. Sein Bücherregal ist nicht besonders groß, aber fein selektiert. William Carlos Williams steht darin, wie Paterson selbst ein schreibender Observierer, der einst eine Anthologie veröffentlicht hat, die – wie könnte es anders sein – den Namen „Paterson“ trägt. Äquivalenzen und Spiegelbilder ziehen sich leitmotivisch durch Patersons Alltag: Immer wieder und überall begegnet er Zwillingspärchen. Alles hat zwei Seiten. Als er einmal mit Laura ins Kino geht, um sich Erle C. Kentons Klassiker „Island Of Lost Souls“ anzuschauen, zerfetzt der eifersüchtige, alleingelassene Marvin sein Gedichtbuch derweil zu Haus Patersons handschriftlich geführten Gedichtband. Doch auch das wirft den Helden des Alltags nicht aus der Bahn. Dass es und alles, manchmal auf geradezu magische Weise, immer weitergeht, wird sich ihm kurz darauf offenbaren.

8/10

I DRINK YOUR BLOOD

„I’m only a veterinarian, Pete. Your sister’s not an animal.“

I Drink Your Blood (Die Tollwütigen) ~ USA 1970
Directed By: David E. Durston

Der Teufelspriester Horace Bones (Bhaskar Roy Chowdhury) und seine Gruppe von Satanisten-Hippies fallen, nachdem sie die Teenagerin Sylvia (Iris Brooks), die sie bei einem ihrer nächtlichen Rituale beobachtet hat, vergewaltigen, in ein beschauliches Provinznest ein, um dort das zu tun, was sie am Besten beherrschen: die Bürger erschrecken. Man besetzt ein leerstehendes Haus, bettelt, was das Zeug hält und pfeift sich Gras und LSD bis zum Abwinken in die Windungen. Nachdem sie Sylvias erbosten Großvater Dr. Banner (Richard Bowler), der sich bei ihnen beschwert, kurzerhand unter Acid setzen, wird der kleine Pete (Riley Mills), Sylvias Bruder, grantig. Er erschießt einen tollwütigen Hund, zapft ihm Blut ab und mischt es den garstigen Brüdern und Schwestern unter ein paar Fleischpasteten. Die Satansbrut erlebt daraufhin den Trip ihres Lebens, verfällt durch die Bank der Tollwut und attackiert geifernd alles, was sich bewegt.

David E. Durstons rotznäsiger, kleiner Reißer bietet gleich mehrerlei an dickem Plus: er ist eine echte Wundertüte des apokryphen Frühsiebziger-Kinos, ein Inbegriff des Terminus „Exploitation“ und vor allem: ein ganz gewaltiger, unappetitlicher Spaß, der seinen Zuschauer auf eine Achterbahn der Unfassbarkeiten verfrachtet.
Der Satansanbeter Horace Bones, gespielt von dem indischstämmigen Maler und Tänzer Bhaskar Roy Chowdhury oder kurz Bhaskar, ist der Inbegriff der kleinbürgerlichen, amerikanischen Vorstellung von gesellschaftszersetzendem Abschaum – ein auf sämtliche Normen und Werte pfeifendes Subjekt von einem Gammler, dazu noch eine Art Nachwuchs-Manson. Fehlt quasi bloß noch das Bekenntnis zum Kommunismus, aber für ein solches müsste man ja Bücher lesen. In Ermangelung von heißen Motorrädern fallen Horace und seine Mädels und Jungs, die neben hochfrequentem Drogenkonsum auch noch wilde Promiskuität pflegen, also ausnahmsweise nicht unter das zu jener Zeit allseits beliebte Rocker-Stigma, sondern sind zunächst in einem psychdelisch bemalten Kleinbus unterwegs. Nachdem dieser den Geist aufgibt, sitzen sie also erstmal fest in unserer liebenswerten, repräsentativen Kleinstadt, machen sich es dort jedoch gleich mal, breitärschig, wie sie so sind, ordentlich bequem. Diese Bequemlichkeit geht natürlich schwer zu Lasten der nervlichen (und übrigen) Gesundheit der Einwohner, aber das gehört ja zum üblen Ton von derlei humanem Unrat. Zeit, dass auch ihnen mal einer einen Streich spielt und der (offenbar selbst nicht ganz dichte) Lausbub Pete kommt da gleich mit drakonischen Maßnahmen. Der vom Acid angefressene Cortex und die mit Tollwutbakterien kontaminierten Fleischpastetchen gehen eine unheilvolle Verbindung ein und schon hat man eine Horde sabbernder Wilder, die sich sogar noch irrationaler verhalten als vorher und gegen die nurmehr bloß noch mit Schusswaffe und Heugabel beikommen kann – und mit fließend Wasser natürlich, denn solches, das versichert Doc Banner, hat auf Rabiespatienten denselben Effekt wie geweihtes Nass auf den Gehörnten. Zumindest, was die Angst vor selbigem anbelangt.
Es gibt also eine ordentliche Menge Holz in diesem durchweg liebenswerten, weil nicht zuletzt gepflegt ironischem Aggroheimer von anno 70, der, so wahr ich dies hier tippe, ein legitimes Bindeglied zwischen den beiden Midnight Specials „Night Of The Living Dead“ und „The Last House On The Left“ bildet.
Ganz, ganz feiner Stoff und spitzenmäßig im Abgang!

8/10

CEDAR RAPIDS

„Degenerate? I love it, that’s me!“

Cedar Rapids (Willkommen in Cedar Rapids) ~ USA 2011
Directed By: Miguel Arteta

Versicherungsvertreter Tim Lippe (Ed Helms) ist in seinem ganzen Leben noch nie aus seiner Kleinstadt herausgekommen. Jetzt soll er urplötzlich, infolge des unfälligen Ablebens seines Kollegen Lemke (Thomas Lennon), dessen alljährliche Reise zum Vertreterkongress in Cedar Rapids, Iowa, übernehmen, um der Firma wie gewohnt den dort verliehenen „Two Diamonds“-Award zu sichern, das absolute Prunkstück der lokalen Versicherer. Das Zusammensein vor Ort mit denteils etwas exzentrischen Berufskollegen Ziegler (John C. Reilly), Ostrowski-Fox (Anne Heche) und Wilkes (Isiah Whitlock Jr) sorgt für unerwartete Erweckungsmomente bei Tim…

Manche Filme, und das ist immer wieder ein wenig traurig, sind schlicht egal. Sie geben einem nichts, lassen einen gänzlich unberührt zurück, sind auf ganzer Nulllinie einfach bloß bieder, grau und medioker und, und das ist eigentlich das Schlimmste – es ist schlichtweg egal, ob man sie gesehen hat, weil sie nichts zu bieten haben. „Cedar Rapids“ ist so ein Film. Er ist keinesfalls schlecht, sondern einfach nur auf ganzer Linie und rundum egal. Man sieht ihn und beginnt unweigerlich immer wieder, die Perspektive auf unendlich zu stellen, so wie bei den 3-D-Gemälden damals in den Neunzigern. Nur, dass da eben nicht auf einmal eine Horde Elefanten vor einem auftaucht. Die Bildausschnitt bleibt verschwommen, zumal man den Scharfblick gar nicht benötigt. Denn was da vor einem passiert, ist unwesentlich, beherbergt nichts, was einem wohl oder gar weh täte. Es gibt ein, zwei Szenen, die sind zum Schmunzeln. Das war’s. Die agierenden Personen, sogar, und das kommt einem kleinen Verbrechen gleich, John C. Reilly, sind Durchschnittsmenschen, das Script berichtet vom Durchschnitt, die Inszenierung ist durchschnittlich. Da reißt auch das ach so wilde (wenn es zum Thema Rausch kommt jedoch scheinbar unerlässliche) Element Crystal Meth nichts raus. Es passiert ja doch nichts. Was interessiert mich die Scheiß-Normalität, wenn ich mich auf filmische Entdeckungsreise begebe? Tatsächlich haftet „Cedar Rapids“ sogar ein subtiles, zutiefst depressives Element an, eine fraglos unfreiwllig kreierte, beinahe kafkaeske Ebene. Man möchte von all dem, was da passiert, lieber gar nichts wissen, so durchschnittlich und uninteressant ist es, am wenigsten von dem armen Schwein Tim Lippe. Der lebt ja gar nicht richtig.
Nur aufgrund dieser Zeilen werde ich in drei, vier Jahren überhaupt noch wissen, dass ich das Ding jemals gesehen habe. Erinnern können werde ich mich nicht. Woran auch? War da was? Häh?

4/10