THE LIBERATION OF L.B. JONES

„I handled things the way we’re used to handle things around here anytime.“

The Liberation Of L.B. Jones (Die Glut der Gewalt) ~ USA 1970
Directed By: William Wyler

Somerset, Tennessee ist eine typische Kleinstadt im Süden der USA. Zeitgleich kommen eines Tages drei junge Leute ganz unterschiedlicher Herkunft und Motivation am Bahnhof an: Der Afroamerikaner Sonny Mosby (Yaphet Kotto), der eine Zigarrenschachtel mitsamt Revolver mit sich führt und, als er zwei Polizisten erhascht, kurzentschlossen vom Zug abspringt sowie Steve (Lee Majors) und Nella Mundine (Barbara Hershey), ein junges, weißes Ehepaar. Steve Mundine hat just sein Jurastudium beendet und will als Sozius bei seinem Onkel Oman Hedgepath (Lee J. Cobb) anfangen, der mit seiner erfolgreichen Anwaltspraxis zu den ersten Bürgern der Stadt zählt. Als letztem Familienmitglied des stets Junggeselle gebliebenen Hedgepath liegt die Karriere seines Neffen dem Alten besonders am Herzen. Doch bekommt der liberale und auf Bürgerrecht spezialisierte Steve sogleich einen unappetitlichen Brocken zu schlucken: Hedgepath weigert sich zunächst, den farbigen Bestattungsunternehmer L.B. Jones (Roscoe Lee Browne) in seiner Scheidungssache zu vertreten. Jedermann weiß nämlich, dass Jones‘ deutlich jüngere Frau Emma (Lola Falana) ihren Gatten mit dem rassistischen Polizisten Willie Joe Worth (Anthony Zerbe) betrügt – ein wohlgehüteter Skandal, der keine öffentlichen Wellen schlagen soll. Bevor Steve das Mandat annehmen kann, springt Hedgepath dann doch in die Bresche und löst damit eine Tragödie aus, die ihn am Ende selbst das private Glück kosten wird…

„The Liberation Of L.B. Jones“ ist William Wylers letzter Film, ein zutiefst bitteres Abschlussmanifest unter einer immerhin 45 Jahre und rund ebenso viele Regiearbeiten umfassenden Karriere als einer der maßgeblichen Köpfe seiner Zunft. Im beeindruckenden Œuvre Wylers finden sich etliche der großen Hollywood-Klassiker, vielfach prämierte, oftmals glanzvolle und maßstabsetzende Produktionen, die auch den Bogen zwischen der Stummfilmära und New Hollywood spannen. Pompöses Monumentalkino findet sich ebenso darunter wie klassische Literaturadaptionen und exemplarisches Genrekino. Die in den Sechzigern beginnende Spätphase Wylers beginnt dann allmählich, wenn zunächst auch noch ganz peu à peu, einen nachdenklicheren, lebenserfahreneren und aufrichtigeren auteur widerzuspiegeln. Schon sein unmittelbar auf „Ben-Hur“ folgendes Meisterwerk „The Children’s Hour“, in dem es um die Diskreditierung eines unbewusst als solches zusammenlebenden lesbischen Lehrerinnenpaars geht und das auch formal eine absolute Kehrtwende zum vormals etablierten Technicolor- und Scope-Wyler  darstellt, stellt eine immens ernüchternde Bestandsaufnahme biederer US-amerikanischer Kleinstadt-Bigotterie dar.
Dieses knapp zehn Jahre später, also exakt zu Zeiten der im Reüssieren befindlichen New-Hollywood-Bewegung vorgelegte Finalwerk führt den mit „The Children’s Hour“ eingeschlagenen Weg dann zu einem ebenso konsequenten wie niederschmetterndem Abschluss.
„The Liberation Of L.B. Jones“ ist kein schöner Film und das ist gut so. Im Gegenteil ist er hässlich, drög, karg. Sein Sujet, das um den selbst in der Ära der Bürgerrechtsbewgungen ungebrochenen Südstaatenrassismus kreist, gestattet ja a priori auch gar keine ästhetisch reizvolle Aufbereitung und Wyler hütet sich erfolgreich davor, in eine entsprechende Falle zu tappen. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen bekommen wir es ausschließlich mit abgrundtief hassenswerten Menschen zu tun, darunter mit den beiden die Besetzungsliste anführenden Protagonisten. Als einzige erträgliche Weiße werden Lee Majors und Barbara Hershey eingeführt, die am Ende jedoch auch bloß vor den etablierten Strukturen kapitulieren, anstatt sich ihnen, wie es ihre moralische Pflicht wäre, aktivistisch entgegenzustellen. Die Titelfigur, der von Roscoe Lee Browne gespielte L.B. Jones, wird, wenngleich späterer Märtyrer der schwarzen Gemeinde, vordringlich als von vergangenen Erfahrungen gebändigter, zynischer Opportunist gezeichnet, der sein Vermögen in der möglicherweise einzigen Branche gemacht hat, die solcherlei einem Farbigen in der Gegend überhaupt gestattet: Beerdigungen. Warum seine Frau ihm ausgerechnet mit dem widerwärtigsten weißen Abschaum Hörner aufsetzt, mag als Protesthandlung ihrerseits verstanden werden. Majors‘ heimlicher Gegenpart, der gemeinsam mit ihm den Rahmen des Films bildet, ist zugleich sein aggressives Pendant. Yaphet Kotto als Sonny Mosby kommt zurück nach Somerset, um sich an jenem Cop zu rächen, der ihn einst als Kind halbtot prügelte – Worths nicht minder verabscheuungswürdigem Partner Bumpas (Arch Johnson). Dass Mosby die erste Möglichkeit, seinen lange herbeigesehnten Selbstjustizakt zu vollziehen, ungenutzt verstreichen lässt, wird sich später rächen und ein weiteres Mosaiksteinchen der kommenden, barbarischen Lynchjustiz sein.
Das Kausalgeflecht der Charaktere und Ereignisse sorgfältig und komplex ausrollend, verzichtet Wyler dennoch nicht auf manche, in Anbetracht seiner altehrwürdigen Regisseursintegrität überraschende Sleaze-Elemente, die man in dieser Form eher im zeitgenössischen Blaxploitation-Kino oder grundsätzlich Derberem wie Terence Youngs „The Klansman“ wähnen möchte. Auch diesbezüglich entsetzt „The Liberation Of L.B. Jones“ allenthalben. Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass dieses leider viel zu selten in Augenschein genommene Abschiedswerk einen der beständigsten, eminentesten und wichtigsten Filme zum Thema Rassismus darstellt, der im letzten Jahrtausend die Tore eines großen Hollywoodstudios passieren durfte. Mögen sich ihm noch viele Menschen aussetzen.

9/10

NEVER TAKE SWEETS FROM A STRANGER

„This isn’t an ordinary crime.“

Never Take Sweets From A Stranger (Vertrau keinem Fremden) ~ UK 1960
Directed By: Cyril Frankel

Peter Carter (Patrick Allen) zieht mit Frau Sally (Gwen Watford) und der neunjährigen Tochter Jean (Janina Faye) nach Nova Scotia, um dort in einer Kleinstadt den Posten als Schulleiter anzutreten. Nach einem herzlichen Empfang folgt rasch der Schock: Jean und ihre neuen Freundin Lucille (Frances Green) waren im Haus des hiesig als pädophil bekannten, alten Clarence Olderberry (Felix Aylmer), der sie um die Belohnung von ein paar Süßigkeiten veranlasst hat, nackt vor ihm zu tanzen. Die kleine Jean zeigt sich zeitnah traumatisiert von den Ereignissen und die Carters sind fest entschlossen, den zudem senilen Olderberry gerichtlich zu belangen und so weitere Taten dieser Art zu verhindern. Der Haken: Die Olderberrys sind die erste und mächtigste Familie am Platz, die gesamte Stadt konnte einst allein wegen ihrer hier gegründeten Fabrik prosperieren. Olderberrys Sohn (Bill Nagy) kündigt erbost an, die nahende Verhandlung mit allen mitteln für sich zu entscheiden und tatsächlich wird die Anzeige, nachdem Lucilles für die Olderberrys arbeitender Vater (Robert Arden) eingeknickt ist und der Verteidiger (Niall McGinnis) Jean vor Gericht rücksichtslos ins Kreuzverhör nimmt, fallengelassen. Die Carters wollen die Stadt daraufhin umgehend wieder verlassen, doch zuvor treffen die Mädchen im Wald abermals auf den Alten…

Diese leider weitgehend übersehene und vergessene Produktion der britischen Hammer zählt zu den bestechendsten, spannendsten und engagiertesten Arbeiten des Studios. Der Horror rekurriert hier ausnahmsweise einmal nicht aus den Auftritten übernatürlicher Monster oder konspirativer Intriganten, sondern aus einer zwar furchtbaren, im Grunde jedoch alltäglichen Tragödie: Sexueller Missbrauch von Kindern im Verbund mit sich pathologisch äußernder Pädophilie sind die vor allem in Anbetracht der Entstehungszeit herausfordernden Themen des wie bei Hammer üblich in knappster Erzählzeit und dabei kompakt abgehandelten Dramas, das Cyril Frankel mit ebenso schmuckloser wie vorbildlicher Kompetenz inszenierte.
Eine zusätzliche, jedoch geschickt umschiffte Klippe erwächst aus der Darstellung des Täters (wobei hier wiederum zugleich die vielleicht einzige relevante Schwäche der Handlung erwächst): Der altehwürdige englische Akteur Felix Aylmer spielt den alten, schwerkranken Mann ohne jedwede Dialogzeile und mit der analog dazu umso diffizileren Aufgabe, ihn als bar jeder Sinne und somit auch Sozialkompetenz, Mündigkeit und Selbstverantwortung darzustellen, ohne ihn zu dämonisieren. Gewiss macht das Script es sich hier streckenweise relativ leicht, wenn es als letztmögliche Lösung das komplette Fortsperren des alten Olderberry wähnt („eine Therapie“, so wird einmal gesagt, sei „in seinem Falle sowieso nicht mehr möglich“). Umso aufrüttelnder gestaltet es sich in der Zeichnung der bürgerlichen Korruption; letzten Endes üben nicht die Staatsgewalten die Macht in der kanadischen Kleinstadt aus, sondern die Reichen, die Gründerväter, von deren Wohlmeinen alles andere vor Ort abhängt. Die eigentlich Schuldigen sind demnach nicht der längst verwirrte Greis, sondern einerseits sein Sohn, der Skandal und Schande scheut und den Dingen somit ihren schlussendlich katastrophalen Hergang erst ermöglicht, sowie die allgemein vorherrschende Korrumpiertheit der bourgeoisen Kleinstädter.

9/10

PARASITE

„I need the other one!“

Parasite ~ USA 1982
Directed By: Charles Band

Die Zukunft: Nach einem atomaren Weltkrieg hat die „XYREX-Corporation“, ein allmächtiger Großkonzern, der von skrupellosen Oligarchen, den sogannten „Merchants“, angeführt wird, die Macht in den Großstädten übernommen. Die wenigen freien Menschen, die noch auf dem Land leben, lassen sich in kleinen Provinzörtchen nieder und versuchen, sich dort miteinander zu arrangieren. In genau solch eine Ansiedlung flieht der Wissenschaftler Paul Dean (Robert Glaudini). Dieser hat im Auftrag der Merchants eine parasitäre Lebensform gezüchtet, die sich von Menschenfleisch ernährt und ihren Wirt binnen wenigr Stunden tötet. Auch Dean selbst trägt infolge eines Laborunfalls so ein Wesen in sich, kann es jedoch mit Sedativspritzen ruhigstellen. Durch einen unbedachten Überfall des Rumtreibers Ricus (Luca Bercovici) und seiner Gang kommt der andere Parasit, den Dean mit sich trägt, frei, und macht sich sogleich an sein gefräßiges Werk. Während Paul mithilfe der netten Zitronenfarmerin Patricia (Demi Moore) versucht, die dräuende Katastrophe aufzuhalten, taucht ein ihm von den Merchants nachgeschickter Profikiller, „der Wolf“ (James Davidson), auf und bringt noch mehr Unruhe in die Gegend…

Charles Bands dritter Film als Regisseur, eine kleine, postapokalyptisch angehauchte SciFi-/Monstermär, die er noch vor der Gründung seiner ersten Produktionsfirma „Empire“ auf die Beine stellte, besitzt trotz seiner naiven Unbedarftheit sichtlich begrenzten Mittel noch genug Charme und Herz, um den Freund des Achtziger-Genrekinos zufriedenzustellen. Dafür trägt zu einem großen Teil die verlässliche Mannschaft Rechnung, die Band für seinen Indie zur Seite stand – so war der Schwede Mac Ahlberg für die Photographie zuständig und niemand Geringerer denn Stan Winston für das schleimige Design der Parasiten, die, der klingende Name lässt es erwarten, selbst in close-ups noch richtig hübsch eklig aussehen. Einen besonderen Clou versuchte Band damit zu landen, „Parasite“ in StereoVision 3-D zur Aufführung zu bringen, eine kleines Gimmick, das anno 82 eigentlich als Marketinggag für die Sequels „Friday The 13th Part 3“ und „Jaws 3-D“ genutzt wurde, um deren jeweiligen Sequelstatus in besonders witziger Weise zu pimpen. Obgleich beide genannten Filme keine Ruhmesblätter darstellen, erübrigt es sich wohl, Bands „Parasite“ rückblickend zum kommerziellen Verlierer des lustigen Trios zu küren – nicht jedoch zum kreativen, zumal hinter „Friday“ und „Jaws“ ja jeweils große Studios standen. Fraglos schielte Band betreffs der Erschaffung seiner fiesen, bissfesten Egel sowie hinsichtlich der Einbettung seines Plots in ein dystopisches Szenario auch zu Cronenbergs sieben Jahre älterem „Shivers“ hinüber, vermochte, dessen bestimmend-satirisches, sozialkritisches Timbre allerdings nicht zu repetieren. Band ging es als ewigem Pulp-Lieferanten offensichtlich schon damals vornehmlich darum, dem Titelmonster eine zumindest halbwegs stabile Plotbasis zu verschaffen. Nun, dies immerhin hat er geschafft.

5/10

I SEE YOU

„There is something strange about the house.“

I See You ~ USA 2019
Directed By: Adam Randall

Die dreiköpfige Kleinstadtfamilie Harper steckt in einer tiefen Krise, seit Ehefrau und Mutter Jackie (Helen Hunt), Psychologin von Beruf, ihren Gatten, den Police Detective Greg (Jon Tenney), betrogen hat. Auch der Teenager-Sohn Connor (Judah Lewis) weiß von der Affäre und lässt keine Gelegenheit aus, Jackie seine Verachtung spüren zu lassen.
Zeitgleich kommt es in der Gegend immer wieder zum Verschwinden von Jungen, die um die zehn Jahre alt sind. Diese Geschehnisse schließen an eine identisch ausgeprägte, Jahre zurückliegende Serie von Verbrechen an, die lediglich zwei der damaligen Opfer überlebten und für die der vermeintlich Verantwortliche seither einsitzt. Im Hause der Harpers scheint es derweil auch sonst nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Immer wieder kommt es zu sonderbaren Vorgängen, die darauf schließen lassen, dass die drei Familienmitglieder nicht allein in ihren vier Wänden sind.

„I See You“ hat, soviel vorweg, ein massives Problem: er stellt das unbedingte Bedürfnis danach, seinem Publikum durch naseweise twists Überraschungsjuchzer zu entlocken, über sämtliche übrigen Lehrbuchlektionen. Durch (scheinbare) Ellipsen, Chronolgieverschiebungen und einen herbeigezauberten, dramaturgischen Macguffin, das Phänomen des „phrogging“ nämlich (auf diese nach urbanem Slang korrekte Diktion ist strikt zu achten, „frogging“ bedeutet nämlich etwas anderes, wie ich just gelernt habe), oder anders formuliert: durch arge Konstruiertheiten und die Absicherung, dass der höchstwahrscheinlich durch viral verteilte Häppchen vorgeprägte Zuschauer besonders gewissenhaft auf alle Details achten wird, durch seinen Informationsnachteil aber gar nicht auf die Lösung kommen kann, erreicht „I See You“ sein mehr oder weniger erklärtes Ziel immerhin passgenau. Wer derlei oberflächliche Vexierspiele schätzt und großzügig übersieht, dass ein guter Film nicht allein von einer möglichst cleveren Conclusio getragen werden kann, kommt eventuell auf seine Kosten; mir selbst erschien das fraglos von strukturell ähnlichen Vorläufern wie „Prisoners“ oder „True Detective“ abgekupferte Ganze mit Ausnahme weniger gelungener Momente mittelmäßig und schlussendlich überschaubarer als es ihm oder seinen Ersinnern lieb sein dürfte. Tatsächlich empfand ich als nachhaltig unangenehmstes Moment des Ganzen das wächsern scheinende, merkwürdig unbeweglich gewordene Liftgesicht der entsetzlich gestrafften Helen Hunt, dessen allenthalbe Ablichtung um Einiges spookier war als jeder aufgesetzte Mystery-Mummenschanz es je sein könnte.

5/10

SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK

„Stories hurt, stories heal.“

Scary Stories To Tell In the Dark ~ USA/CA 2019
Directed By: André Øvredal

Mill Valley, Pennsylvania 1968: Ein folgenreicher Halloween-Streich endet für die drei befreundeten Teenager und Horrorliebhaber Stella (Zoe Margaret Colletti), Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur) sowie den just dazugestoßenen Chicano Ramón (Michael Garza) im verlassenen Anwesen der Familie Bellows – einer einst wohlhabenden Dynastie von Textilunternehmern, der Mill Valley die Hauptursache seiner Existenz verdankt. Doch wie die meisten reichen Großfamilien umweht auch die Bellows‘ ein dunkles Geheimnis – einst wurde deren Tochter Sarah (Kathleen Pollard) zunächst von der Außenwelt isoliert und versteckt gehalten, um dann später in einer unweit entfernten Irrenanstalt mit Elektroschocks „therapiert“ zu werden. Sarah, die seit damals in dem alten Haus ihr gespenstisches Unwesen treiben soll, ist auch die Autorin eines seltsamen Geschichtenbuchs, das die von irrationalen Schuldgefühlen geplagte Stella findet und mit sich nimmt. Mit jenem Buch hat es Mysteriöses auf sich – es schreibt seine Gruselgeschichten selbst unumwunden mit blutiger Tinte, derweil das Niedergeschriebene sich parallel in der Realität abspielt und die jungen Leute ins Verderben reißt. Da das Buch sich nicht vernichten lässt, muss Stella nun seiner Autorin auf die Spur kommen…

„Scary Stories To Tell In The Dark“, inszeniert von dem vielversprechenden norwegischen Regisseur André Øvredal und produziert von Guillermo del Toro, basiert auf einer Serie von Gruselgeschichten-Anthologien, die der Autor Alvin Schwartz in den Achtzigern und Frühneunzigern speziell für eine jüngere Leserschaft verfasst und veröffentlicht hat. Mit dem verbindenden Plot der sich aus dem Jenseits rächenden Sarah Bellows fand der Film einen passenden narrativen Überbau, um seinen Episoden um einige, eine Teenagergruppe heimsuchende, grauslige Ereignisse inhaltliche Kohärenz zu verleihen und seine monströsen Gestalten und Segmente um die lebende Vogelscheuche Harold, einen Zombie auf der Suche nach einem fehlenden Zeh, eine fiese Spinnenschwangerschaft, die aufdringliche Pale Lady und den verwachsenen Jangly Man miteinander verquicken zu können. Dabei erweist sich der Release-Termin von „Scary Stories“ als nicht eben klug gewählt, um nicht zu sagen: ungünstig zu einer Zeit, in der Retro-Geschichten um juvenile Freunde in Kleinstädten beileibe kein innovatives Sujet mehr abgeben. Doch genau auf jenen inhaltlich ausgetrampelten Pfaden wandeln Øvredal und del Toro abermals, wenngleich sie immerhin bis in die Sechziger zurückblicken, die sich im Filmkontext allerdings bestenfalls durch spezifische Details wie etwa das in der Ferne spukende Vietnam von den in jener Subgattung üblicherweise abgefrühstückten achtziger Jahren unterscheiden. „Scary Stories“ greift als vergleichsweise harmlos gewebter PG-13-Halloween-Grusler auf einige hübsche Einfälle zurück, die im Ansatz den fruchtbaren Ideenpool seiner Kreativköpfe erahnen lässt, bleibt am Ende aber dann doch zu ordinär, vorhersehbar und beliebig für ein Publikum jenseits des fünfzehnten Lebensjahrs, das mit Episodenhorror und teenage angst seine hinlänglich lieben, langjährigen Erfahrungen sammeln konnte. Der bereits unzweideutig auf ein vorgeplantes Sequel verweisende Epilog versagt dann auch weitgehend in seinem Bestreben, diesbezügliche Neugier zu schüren. Nett, nicht mehr.

6/10

THE DEAD DON’T DIE

„Fashion!“

The Dead Don’t Die ~ USA/S 2019
Directed By: Jim Jarmusch

Nachdem die Erdrotationsachse sich verschoben hat, spielt nicht nur die Natur verrückt, auch die Toten steigen zombifiziert aus ihren Gräbern und attackieren fleischeslustig ihre lebenden Opfer. Chief Robertson (Bill Murray) und Officer Peterson (Adam Driver), Polizisten im Kleinstadtkaff Centerville, Pennsylvania, nehmen die Ereignisse mit der gebotenen Gelassenheit zur Kenntnis.

Was Jim Jarmusch bewogen haben mag, seinen jüngstes, leidlich komisches Werk auf den ja nun wirklich hinlänglich ausgetreten Pfaden des Zombie-Subgenres anzusiedeln, bleibt auch nach der Betrachtung von „The Dead Don’t Die“ diffus. Da mit dem entsprechenden Sujet in Film und Fernsehen mittlerweile ja wirklich alles an Denkbarem angestellt wurde, vermag auch Jarmusch, diesmal unter dem Universal-Banner und somit unter Studioägide unterwegs, ihm nur wenig Originelles hinzuzufügen, schon gar nicht, Bill Murray in seiner bereits zweiten Zombie-Komödie (nach dem unsäglichen „Zombieland“) antreten zu lassen. Natürlich darf (und muss) man von „The Dead Don’t Die“ eine Groteske in gewohnt lakonischer Jarmusch-Manier erwarten. Sie via Kurzdialogen kommunizieren lassend, erspart er den meisten seiner Figuren und Akteure (mit Ausnahme von Chloë Sevigny) emotionale Grenzzustände und konfrontiert sein Ensemble erwartungsgemäß stoisch mit der just heraufziehenden Zombie-Apokalypse. Dabei macht sich Jarmusch ein Späßchen daraus, die durch die Popkultur etablierten Charakterisierungen der untoten Horden zu ironisieren, indem er so gezielt wie ausgiebig die klassische Romero-Trilogie, insbesondere „Night Of The Living Dead“ und „Dawn Of The Dead“, referenzialisiert bzw. ihnen seine Ehrerbietung erweist: Die allesamt im selben Verfalls- bzw. Verwesungszustand befindlichen Zombies schlurfen langsam durchs Areal, vertilgen am liebsten die Eingeweide ihrer Opfer und hängen auch post mortem allesamt noch ihren früheren (Konsum-) Gewohnheiten nach, die sich in vierzig Jahren leicht, aber nicht wesentlich verändert haben. In einer bedeutungsvollen Einstellung etwa stieren sämtliche im Bildkader befindlichen Zombies auf Smartphone-Displays; eine Perspekive, die sich im Prinzip nicht wesentlich von dem Blick in ein x-beliebiges Zugabteil irgendwo auf der Welt unterscheidet. Der dulle Country-Titelsong eines gewissen Sturgill Simpson (der auch selbst im Film als Zombie auftritt) wird zum zynischen Leitmotiv der sich zunehmend selbst entoriginalisierenden US-Alltagskultur, diegetische Spielereien mit Metalepsen und scheinbar unsinnige Storyzusätze wie eine sich als Alien entpuppende, ein Samuraischwert schwingende Tilda Swinton genehmigt Jarmusch sich und seinem Publikum als verschmitzte Extravaganzen. Am Ende ist Tom Waits als naturverbundener, zauseliger Waldschrat (und allgegenwärtiger Kommentator der Geschehnisse) natürlich der einzige Überlebende, der uns allen zudem nochmal versichert, dass die Welt nunmehr gehörig am Arsch ist. Dass und ob Jarmusch mit „The Dead Don’t Die“ (s)ein persönliches Statement zur Regierung Trump und all den anderen globalen Krisen und Sorgen, denen die Menschheit sich derzeit so ausgesetzt sieht, abzugeben trachtete, mag schließlich jede/r RezipientIn selbst schlussfolgern. Nahe liegt selbiges gewiss, näher jedenfalls als eine Zombie-Apokalypse.

7/10

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

„All this anger, man, it just begets greater anger.“

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ~ USA/UK 2017
Directed By: Martin McDonagh

Eines Tages kommt Mildred Hayes (Frances McDormand) auf die Idee, die drei großen Werbeleinwände an einer Landstraße unweit ihres Hauses für einen ungewöhnlichen Zweck zu mieten: Mildreds Tochter Angela (Kathryn Newton) wurde sieben Monate zuvor just unter einer jener Leinwände vergewaltigt und ermordet. Die hiesige Polizei unter Chief Willoughby (Woody Harrelson) hat bislang keinerlei Indizien, die zu dem Täter führen – also formuliert Mildred eine bittere, diesbezügliche Anklage gegen den Chief und lässt sie auf die Leinwände plakatieren. Damit beschwört Mildred allerdings zugleich eine Menge Unbill herauf – ihre Aktion wird zum Politikum, das die meisten Leute der Gegend, allen voran Willoughbys Untergebener Officer James Dixon (Sam Rockwell), harsch gegen sie aufbringt.

Vor knapp zwei Jahren redete alle Welt über Martin McDonaghs dritten Film, wobei die meisten ihm sehr positiv zugewandt waren. Wie das in meinem Fall häufiger vorkommt, hatte ich infolge des unausweichlichen Hypes rasch keine Lust mehr, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ anzusehen und schob ihn bis dato auf die lange Bank.
Nun also die Nachrüstung. Zugute legen muss man dem Werk wohl zuallererst, dass es nicht den Fehler begeht, seine binnen der ersten Erzählminuten installierten, figuralen Klischees stoisch durchzuexerzieren. Im Gegenteil scheint es McDonagh vielmehr darum zu gehen, primär etablierte und tradierte Charakterisierungen sowie die dazugehörigen Publikumsantizipationen zu unterminieren und entsprechende Konventionen zu sprengen. Aus dem designierten, einsamen Kampf einer verzweifelten Frau und Mutter gegen den Filz der sie umgebenden, allgegenwärtigen Provinzialität, wie man sie als mitteleuropäischer Zuschauer aus den allermeisten Filmen über Südstaatenkaffs hinlänglich kennt, erwächst nach und nach das mit unerwartbaren Wendungen gespickte Porträt zweier einsamer Menschen, die weitaus mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen. Was sich sukzessiv, einer klassisch-westernanalogen Intimfeindschaft gleich, zu einem Privatkrieg jener beiden Individuen hochzuschaukeln verspricht, hebelt McDonagh durch den Kniff einer geschickten narrativen Zäsur aus: Der unheilbar an Krebs erkrankte Chief wählt den Freitod – und hinterlässt nicht nur seiner Witwe (Abbie Cornish) einen Abschiedsbrief, sondern auch Mildred und Dixon. Besonders letzteren bewegen Willoughbys unerwartet bestärkende Worte in Kombination mit einem durch Mildred verursachten Brandanschlag zum Umdenken. Mit Dixons Läuterung, die ihn vom versoffenen, stupiden Kleinstadtrassisten mit Mutterkomplex, von einem rundum hassenswerten Arschloch also, zu einem reflektierten, denkenden Menschen werden lässt, legt McDonagh eine recht wahghalsige inhaltliche Wendung vor, die später sogar in der zuvor undenkbaren Annäherung zwischen Dixon und Mildred führt, ohne, dass ihre ab diesem Zeitpunkt gemeinsame Geschichte konsequent zu Ende geführt würde. Diese Fantasie bleibt dann dem Zuschauer überlassen. Vorformuliertes ignoriert McDonagh jedoch auch in anderer, struktureller Hinsicht. Ein wesentlicher Faktor der Geschichte ist Mildreds Suche nach Erlösung, die sich oberflächlich ganz einfach einstellen könnte: in der Aufspürung und Bestrafung des Mörders ihrer Tochter nämlich. Doch auch diesbezüglich zeigt der Film eine lange Nase. Auf den sich zuspitzenden, üblicherweise gangbaren Thrill(er) werden jedenfalls eine Menge Leute umsonst gewartet haben.

8/10

IT CHAPTER TWO

„Time to sink.“

It Chapter Two (Es – Kapitel 2) ~ USA 2019
Directed By: Andy Muschietti

Aus Kindern werden Leute und auch der einstige „Club der Verlierer“ hat seine horrible Vergangenheit in Derry, Maine lange hinter sich gelassen. 27 Jahre nachdem die Kids seinerzeit „Es“ in Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) den Garaus gemacht haben, fängt das Morden wieder an. Für Mike Hanlon (Isaiah Mustafa), der als einziger der damaligen Clique in Derry geblieben ist und sich als Bibliothekar und Chronist seither eingehend mit jenem namenlosen Schrecken befasst hat, der Anlass, seine früheren Freunde zu mobilisieren und zurückzubeordern, um das Grauen diesmal ein für allemal zu beenden.

Als designiertes Sequel setzt „It Chapter Two“ Andy Muschiettis Initialschuss der Zweitadaption von Stephen Kings 1986 erschienenem Wälzer fort. Darin widmet man sich den mittlerweile erwachsen gewordenen Kindern von einst, die, über die USA verstreut, als Frühvierziger nunmehr allesamt erfolgreiche Karrieren als Drehbuchautor, Entertainer, Manager oder Modedesignerin eingeschlagen haben, sich kaum mehr an die Geschehnisse von einst erinnern können, ihre jeweiligen Neurosen und Traumata jedoch nicht wirklich besiegt, sondern sie lediglich verdrängt und weggesperrt haben. Mit Mikes Anrufen brechen zugleich auch die alten, nur oberflächlich vernarbten Wunden wieder auf – für Stanley Uris (Andy Bean) in besonders markanter Weise: er wählt den umgehenden Suizid anstatt sich abermals dem inkarnierten Schrecken stellen zu müssen. Die übrigen Fünf kehren indes zurück nach Derry, wo Pennywise ihnen ohne großes Federlesens verdeutlicht, dass er diesmal nicht so klein beigeben wird wie noch vor 27 Jahren.
Muschietti nimmt sich alle Zeit der Welt für seine Fortsetzung, die es für sich auf stattliche 169 Minuten und damit fast allein auf die komplette Erzählzeit von Tommy Lee Wallaces TV-Fassung bringt. Das gesamte, neuverfilmte Opus, das insgesamt betrachtet dann auch Wallaces Version locker in den Sack steckt, erstreckt sich somit summa summarum auf runde fünf Stunden, wie man meinen möchte also hinreichend Zeit, um Kings Roman selbst in Details weithin gerecht werden zu können. Tatsächlich wächst der zweite Teil gegenüber dem ersten, da er die Bürde des Achtziger-Kids-Retro-Abenteuers nunmehr getrost ad acta legen und klassisches Genrekino präservieren darf. Dieses wahrt nunmehr noch immer den liebenswerten, manchmal etwas campigen Charme früherer King-Adaptionen, scheut sich nicht, hier und da zur Auflockerung kleine Humorsprenkler zu setzen und begreift sich ganz als lustvoller Ausflug in eine gewaltige Geisterbahn mit allen nur möglichen Registern. Zwischendurch scheint „It Chapter Two“ zwar ein wenig an Geschlossenheit einzubüßen, wenn er seine Protagonisten sich in aller narrativen Ruhe nacheinander ihren inneren Dämonen stellen lässt, die Pennywise natürlich allerbestens kennt und sie entsprechend lustvoll drangsaliert, andererseits verzeiht man Muschietti die entsprechend genommenen Freiheiten gern – man muss einfach honorieren, dass einem Filmemacher hier offensichtlich die Chance eingeräumt wurde, dem Publikum seine Vision halbwegs unberührt darbieten zu dürfen und sich im Gegenzug nicht hat mäßigen oder einschränken müssen. Sowas stellt ja, zumal im Vergleich zu früher, nunmehr eine Rarität im Kino dar.

7/10

THE HOLE IN THE GROUND

„You’re not my son.“

The Hole In The Ground ~ IE/UK/BE/FIN 2019
Directed By: Lee Cronin

Nach der – offenbar unschön verlaufenen –  Trennung von ihrem Mann zieht die junge Mutter Sarah O’Neill (Seána Kerslake) nebst Filius Chris (James Quinn Markey) in die irische Provinz. Während Sarah noch einiges an psychischer Unbill zu verarbeiten hat und emsig das alte Haus, das sie und Chris nun bewohnen, restauriert, registriert sie ein gigantisches, kraterähnliches Loch im angrenzenden Wald. Trotz (oder gerade wegen) ihrer Warnungen interessiert sich besonders der kleine Chris für den ominösen Fundort und scheint ihm heimliche Besuche abzustatten. Damit nicht genug reagiert die verwirrte Nachbarin Noreen Brady (Kati Outinen) aggressiv auf Chris und legt der Junge selbst gänzlich ungewohnte Verhaltensweisen an den Tag: Er entwickelt urplötzlich einen regen Appetit, mitunter auf Dinge, die er früher nie gegessen hätte, gibt sich offen und extrovertiert, wo er zuvor immer schüchtern und zurückhaltend war. Sarah beginnt zu zweifeln: ist das wirklich ihr Sohn, mit dem sie da zusammenlebt? Antworten, mehr und weniger rätselhafte, findet sie bei Noreens mittlerweile verwitweten Gatten Des (James Cosmo) und natürlich in jenem Loch im Boden…

Man darf nicht den Fehler begehen, von „The Hole In The Ground“ innovatives Geschichtenerzählen zu erwarten oder gar zu verlangen. Aus (bei solchermaßen gelagerter Antizipation verständlichem) Frust würde man sich einen durchaus schönen Genrebeitrag verderben. Denn, seien wir ehrlich, sind im Grunde doch ohnehin sämtliche Geschichten im Horrorfilm längst durchdekliniert, sämtliche psychologischen Motivlagen zigfach seziert und vermutlich jede denkbare Kreatur hinreichend visualisiert worden. Motive und Plots können sich demzufolge nurmehr via die Geschicklichkeit ihrer Präsentation und der Klugheit ihrer Ausformulierung bewähren. Dazu gehört selbstverständlich auch die Fähigkeit der Beteiligten, die korrekten Töne auf der atmosphärischen Klaviatur zu treffen.
„The Hole In The Ground“ behandelt nun nicht nur ein hinlänglich bekanntes, sondern sogar basales Urthema im Bereich des Phantastischen – das des Identitätsverlusts nächststehender Mitmenschen, hier: des eigenen Kindes. Die bereits mehrfach fürs Kino adaptierte „Body Snatchers“-Story nach Jack Finney bildet dafür das gewissermaßen umfänglichste Fundament; außerirdische Sporen bilden rein äußerlich exakte Kopien einer wachsenden Anzahl von Individuen mit dem Ziel einer totalen Invasion des Planeten. Bryan Forbes‘ „The Stepford Wives“ nach Ira Levin begrenzte jenes unheimliche Szenario auf ein artifiziell erschaffenes, „perfektes“ Kleinstadtmilieu. Der Verlust des (noch präpubertären und somit besonders von den Eltern abhängigen) Kindes schließlich und die daraus resultierende, psychologische Desolation schließlich keimt seit Roegs auf Daphne Du Maurier basierendem Meisterwerk „Don’t Look Now“ immer wieder auf, während die verhängnisvolle, sukzessiv fortschreitende Entfremdung zwischen Kind und solitärem Elternteil noch in relativ junger Zeit in Jennifer Kents vortrefflichem „The Babadook“ thematisiert wurde. „The Hole In The Ground“ bedient sich recht großzügig dieser erweiterten Motivgemengelage (wobei gewiss noch mehrere Inspirationsexempel zu nennen wären), versetzt sie in das rurale Milieu keltischer Mythen und spinnt daraus eine zunächst verunsichernde, sehr intime Mutter-Sohn-Geschichte, deren versöhnliches Ende sich immerhin eine beruhigende Lösung gestattet. Ob jenes dem zuvor geschürten, unheilvollen Gestus des Films schadet, wäre allerdings zu diskutieren. Über weite Strecken zehrt Lee Cronin bewusst von der Unsicherheit der sich zusehends verschärfenden Relation zwischen Sarah und Chris‘ vermeintlicher Kopie. Einerseits werden wir selbst Zeugen von Chris‘ unleugbaren Veränderungen, andererseits gewährt man uns zugleich Einblicke in Sarahs labilen Seelenstatus – Zweifel machen sich breit, zerstreuen sich vorübergehend, und wieder von vorn. Irgendwann ist dann Schluss mit dem Versteckspiel; eine Sequenz, die nicht nur unwillkürliche, spontane Assoziationen an den jüngst noch geschauten „Brightburn“ generiert, gibt schließlich die dringendst ersehnte Sicherheit und bereitet einem vergleichsweise straighten Showdown den Weg. Was nun mit dem Loch passiert und welche der zuvor kennengelernten Personen ihm möglicherweise noch zu nahe gekommen sind, das bleibt dann das einzige (und letzte) Geheimnis des Films.

7/10

THE PROUD ONES

„Pride can kill a man faster than a bullet.“

The Proud Ones (Die Furchtlosen) ~ USA 1956
Directed By: Robert D. Webb

Mit den ruhigen Tagen ist es vorerst vorbei in der Kansas frontier town, in der Cass Silver (Robert Ryan) als Marshal tätig ist. Die ersten Viehtriebe erreichen die Stadt und auch die Eisenbahn wird nicht mehr lang auf sich warten lassen. Für die Stadtverwaltung und die kleinen Geschäftsleute verspricht diese Entwicklung eine Menge Geriebenes, Silver aber weiß aus Erfahrung, dass viele Menschen immer auch viel Ärger bedeuten. Unter anderem taucht mit dem jungen Cowboy Thad Anderson (Jeffrey Hunter) ein Bursche auf, der Silver für die Ermordung seines Vaters verantwortlich macht. Silver betont dem aufgebrachten, aber grundsympathischen Jungspund gegenüber jedoch mehrfach, dass dessen alter Herr, anders als die Leute behaupten, bei dem fraglichen Ereignis sehr wohl bewaffnet gewesen war und Silver somit in Notwehr habe handeln müssen. Und es naht noch weitaus größerer Ärger – mit dem Spielbankier John Barrett (Robert Middleton) eröffnet ein alter Intimfeind Silvers ein Casino in der Stadt. Es dauert nicht lang, bis sich darin der erste betrügerische Croupier (I. Stanford Jolley) hervortut. Als dann die ersten von Barretts Männer in Silvers Gefängnis landen, holt dieser sich zwei gunslinger (Rodolfo Acosta, Ken Clark) zur Unterstützung. Thad lässt sich derweil als Hilfssheriff einstellen. Doch kann Silver ihm wirklich vertrauen…?

Aus dem Super-Westernjahr 1956 stammt diese Fox-Produktion, die der hauseigene Vertragsregisseur und Handwerker Robert D. Webb ferigte und vom großen Lucien Ballard in schickem CinemaScope ablichten ließ. „The Proud Ones“ feierte im Mai des Jahres und damit in etwa zeitgleich mit John Fords „The Searchers“ Premiere, was dem Kinopublikum die Gelegenheit offerierte, Jeffey Hunter abermals in der tragenden Coming-of-Age-Rolle eines rebellischen, aber umso aufrechteren Nachwüchslers zu sehen, der seinem alternden, langsam aus der Zeit fallenden Mentor die im Grunde längst überfällige Nachfolge abnimmt. Nun entbehrt andererseits Cass Silver gewiss der psychologischen Komplexität eines Ethan Edwards, wenngleich Webb mit Robert Ryan zwar nicht der ikonischere Star, aber doch der bessere Schauspieler in der Hauptrolle zur Verfügung stand. Silver repräsentiert zwar ebenfalls ein tradiertes Männerbild, jedoch (noch) kein überkommenes. Einen gewissen beruflichen Fanatismus, einen Hang zur Selbsträson, auch einen sich bisweilen im Übermaß äußernden, dem originalen Filmtitel zupass kommenden Stolz und wiederum in Verbindung damit vielleicht auch eine Tendenz zur emotionalen Abschottung mag man ihm nicht absprechen, dafür ist er kein Rassist und seine prinzipielle Agenda, die Wahrung von Recht und Ordnung im Angesicht sich verändernder Zeiten nämlich, eine durchweg ehrenvolle. Dass Silver auch ein sehr moralischer Zeitgenosse ist, wird spätestens anhand eines hübschen kleinen Monologs deutlich, den das Script Ryan gegen Ende gestattet und in dem er die Gier und Bigotterie der first citizens, die ihn, von Barrett beeinflusst, zu schassen versuchen, mit deutlichem Vokabular aufs Korn nimmt. Immerhin fungiert diese Ansprache auch als unbewusstes, letztes notwendiges Mittel Silvers, um den unschlüssigen Thad Anderson von seiner Integrität zu überzeugen. Der Film findet dann einen ziemlich gelungenen Abschluss, wenn er den jungen Anderson zunächst zur unverzichtbaren, strategischen und kombattanten Flanke des sehbehinderten Silver erwachsen lässt, um ihn dann endgültig Silvers „Erbe“ als Gesetzeshüter antreten zu lassen. Dabei wird Anderson gewissermaßen noch zusätzlich in jener neuen Funktion defloriert, indem er sich just derselben Situation gewachsen zeigen muss, die einst zum Tode seines Vaters geführt hat. Nun ist „The Proud Ones“ nicht ganz frei von Unebenheiten. Das gepfiffene Titelthema (Lionel Newman) etwa wirkt, zumal infolge seiner manchmal albernen dramaturgischen Einsätze, etwas dick aufgetragen, tolle Nebenfiguren wie der von Walter Brennan gespielte Hilfssheriff Jake werden beinahe leichtfertig verschenkt und auch Virginia Mayo als Verlobte des Helden bietet wenig mehr denn Staffage. Hier wäre etwas Mut zum erzählerischen Ausschmücken und zur Profilschärfe, kurzum: etwas mehr, ausnahmsweise tatsächlich einmal auch mehr gewesen.

7/10