THE PREDATOR

„They’re large, they’re fast, and fucking you up is their idea of tourism.“

The Predator (Predator – Upgrade) ~ USA/CA 2018
Directed By: Shane Black

Während eines Einsatzes in Mexiko gerät Army-Sniper Quinn McKenna (Boyd Holbrook) an einen ebenfalls vor Ort befindlichen Predator. Mit mehr Glück als Verstand gelingt es McKenna, das Alien außer Gefecht zu setzen und ihm Ausrüstungsgegenstände abzunehmen. Diese verschickt McKenna an seine in einer US-Kleinstadt lebende Familie, Frau Emily (Yvonne Strahovski) und Sohnemann Rory (Jacob Tremblay), der gleichsam hochintelligent ist und unter dem Asperger Syndrom leidet. Derweil wird der eigens zur Predator-Beobachtung abgestellte Agent Will Traeger (Sterling K. Brown) auf McKenna und den von ihm kaltgestellten Fremden aufmerksam. Die eilends hinzugezogene Casey Brackett (Olivia Munn) kann ihr Glück, eine außerirdische Spezies untersuchen zu dürfen, kaum fassen. Während der flüchtige McKenna gefasst und mit einigen anderen Militärhäftlingen verlegt wird, kann der gefangene Predator fliehen. Es findet sich jedoch noch ein weiterer, durch Genmanipulation mutierter Außerirdischer ein, der seinen Artgenossen tötet und Jagd auf McKenna und Sohn Rory macht. Offenbar sind die beiden im Besitz von etwas, dessen sie nicht habhaft sein sollten…

Die sich nur anscheinend etwas kompliziert ausnehmende Synopsis von Shane Blacks jüngster Regiearbeit sollte keinen falschen Eindruck vermitteln: „The Predator“ dürfte einserseits zwar den bis dato blutigsten, andererseits allerdings zugleich den humorigsten Eintrag in dem bisher (zählt man die beiden Crossover mit) sechs Filme umfassenden Zyklus um die illustren außerirdischen Jäger abgeben. Wie es so des Regisseurs Art ist, besteht das von ihm selbst und Fred Dekker dem Film zugrunde gelegte Script gleichsam aus explosiven Actionsequenzen und einer selbst für Blacks zunehmend anarchische Verhältnisse rückhaltlosen Kaskade aus Sprüchen und Gags, von denen sich aber diverse leider auf halbgarer Ebene verflüchtigen. So nimmt sich „The Predator“ primär als ein weiterer Beitrag zur gegenwärtig angesagten Achtziger-Retro-Welle aus: Black, der ja bekanntlich einst selbst in John McTiernans maßgeblichem Original als Hawkins, Söldner, Lieferant schmutzig-misogyner Witzchen und erstes Opfer des Predator auf der Seite der „Guten“ angetreten war und sich hernach vor allem als Drehbuchautor einen Namen machen konnte, arbeitete hier erstmals seit „The Monster Squad“ wieder mit seinem alten Kumpel Fred Dekker zusammen. Offenbar haben die beiden Jungs noch einen ganz ähnlichen Schalk wie vor rund dreißig Jahren im Nacken, denn „The Predator“ dürfte vor allem Kids viel Freude bereiten oder noch viel mehr Solchen, die auch nach drei Dekaden noch umweglos ihre einstige Jungpersona zu reaktivieren vermögen. Als ernsthaftes Genrestück in der Tradition der ersten beiden „Predator“-Filme von McTiernan und Hopkins sollte man Blacks Schwank jedenfalls nicht in Empfang nehmen, sondern vielmehr als herzhaft-kurzweiligen Spaß, dessen R-Rating-Effekte abseits seines kindlichen (Mit-)Protagonisten, dessen Rolle im späteren Plotverlauf eine unerwartete Zentralfunktion zuteil wird, recht genüsslich und in übertriebenem Maße zelebriert werden. Den Dreieinhalb-Meter-Super-Riesen-Predator und seine (in abgewandelter Form aus dem ’10er-Film von Nimród Antal bekannten) Schoßhunde als eminente Bedrohung ernstzunehmen, entbietet sich jedenfalls als nahezu unmöglich und auch die multipel eingestreuten, komisch konnotierten Reminiszenen an die bisherige Filmhistorie der Monster verhindern recht zielsicher, dass „The Predator“ sich jemals dem Verdacht etwaiger Ernsthaftigkeit aussetzen könnte. Er ist dann doch vielmehr ein grobschlächtiges Spaßprodukt, dem man aufgrund seiner deftigen, entwaffnend zelebrierten Infantilität kaum ernsthaft böse sein mag.

6/10

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HALLOWEEN

„Say something!“

Halloween ~ USA 2018
Directed By: David Gordon Green

Exakt vierzig Jahre, nachdem der wahnsinnige Michael Myers (Nick Castle/James Jude Courtney) im Städtchen Haddonfield zu Halloween eine Mordserie zu verantworten hatte, soll er von seiner bisherigen Heimstatt Smith’s Grove in eine andere Psychiatrieklinik verlegt werden. Zwei Journalisten (Rhian Rees, Jefferson Hall), die den Fall nochmals aufrollen, konfrontieren kurz zuvor den inhaftierten Michael mit seiner damals identitätsstiftenden Maske, scheinbar ohne ersichtliche Reaktion. Die ebenfalls von den Reportern aufgesuchte Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), einzige Überlebende des einstigen Massakers und mittlerweile zweifach geschiedene Mutter und Großmutter, hat sich in ein festungsähnliches Haus mitsamt diversen Waffen und booby traps zurückgezogen, wo sie seit Jahr und Tag auf Myers‘ unausweichliche Rückkehr wartet. Es kommt, wie es kommen muss: Michael kann bei der Überführung fliehen und sucht umgehend seine frühere Wirkungsstätte, auf um dort erneut ein Blutbad anzurichten.

Ein sehr zweischneidiges Schwert, dieser neuerliche, (Tommy Lee Wallaces abtrünniges Zweitsequel sowie Remake und Fortsetzung inbegriffene) elfte, diesmal unter Blumhouse-Ägide entstandene Aufguss der Myers-Mär, von der bisher jeder weitere Film einen logischen Schlusspunkt hätte abgeben mögen. Da die mittlerweile in Ehren ergraute Curtis allerdings bereits zum zwanzigsten Jahrestag in einem ziemlich schwachen Reboot zurückkehrte, ließ sie es sich nunmehr nicht nehmen, jene Rolle, der ihre Karriere den vermutlich wesentlichsten Aufschwung verdankt, heuer aufs Neue (und somit zum fünften Mal) ihre Ehrerbietung zu erweisen. Dass man spätestens in zwei Jahrzehnten wiederum mit ihr rechnen sollte, ist insofern keineswegs ausgeschlossen.
Während Steven Miners „H20“ auf der reinen Handlungsebene seinerzeit jede Fortsetzung bis auf Rick Rosenthals Erstsequel, in dem wir den wesentlichen Grund für Michael Myers‘ Mordmotivation erfahren (nämlich den, dass Laurie in Wahrheit seine Schwester ist und er danach trachtet, sämtliche Familienmitglieder zu beseitigen), für null und nichtig deklarierte, geht der jüngste Beitrag, der sich verwirrenderweise nurmehr „Halloween“ tituliert, noch einen Schritt weiter und setzt, ganz offensichtlich aus rein logistischen Gründen (am Ende von „Halloween II“ ist deutlich zu sehen, dass Michael verbrennt) direkt nach Carpenters seit jeher unangetastetem Original an: Michael, der damals ja urplötzlich verschwunden schien, war, so erfahren wir bald, von einem umtriebigen Polizisten (Will Patton) in Gewahrsam genommen und wieder dingfest gemacht worden. Seither ist er zurück in Smith’s Grove, wo er nach dem Ableben von Dr. Loomis unter der Obhut von Loomis‘ Schüler Dr. Sartain (!) (Haluk Bilginer) steht. Die nachhaltig traumatisierte Laurie rechnet indes permanent mit einem weiteren Ausbruch ihrer Nemesis und widmet ihr gesamtes Leben der Erprobung des unvermeidbaren Ernstfalls. So weit die Prämisse, die dann mit Michaels jubilarischer Flucht ihre notwendige Sollbruchstelle erhält. Der Mann mit der Maske bekommt dann auch allerlei Gelegenheit für einen blutigen Feldzug, der ihn wiederum nach Haddonfield und unbeirrbar auf die Spur von Laurie und ihrer Familie führt. Worin diesmal die Beweggründe für sein durchaus gezieltes Vorgehen liegen (das Script versichert uns einmal per Dialog, dass Michael und Laurie nicht miteinander verwandt sind), bleibt diffus; die beste Erklärung ist wohl die, dass Michael es nicht leiden mag, wenn ihm jemand entkommt. Jedenfalls holzt der Gute mit einer Qualität und Quantität, die schon deutlich derber daherkommt als bislang gewohnt und die bei einer Sechzehner-FSK die Tatsache, dass „Halloween II“ in seiner ungekürzten Fassung bei uns noch immer beschlagnahmt ist, umso stirnrunzliger erscheinen lässt. Die rohe Brachialität von Michaels Werksgang erinnert dann auch vielmehr an die beiden Zombie-Filme, wobei auch dies zur basalen Konzeption von „Halloween (2018)“ gehört: An nahezu sämtliche bisherigen Beiträge zum Franchise gibt es Reverenzen, die natürlich jede für sich fluides Balsam für den akribisch-aufmerksamen Fan bilden. Als von klassischen bzw. traditionsverpflichteten Versatzstücken strotzender Slasher ist Greens Film nicht nur insofern gewiss gelungen. Es gibt eine Menge Tote, und garantiert keiner von ihnen klopft hübsch herausgeputzt an die Himmelspforte.
„Halloween (2018)“ ist aber leider auch ein ausgesprochen dämlicher Film, dessen Script und inhärente Dramaturgie selbst bei oberflächlichster Betrachtung mitunter schreiend löchrig wirken. Die Faux-pas‘ strotzen. Ich sehe es nun nicht als meine Aufgabe an, ebenjene zu benennen oder aufzulisten, aber sie sind, soviel sei gesagt, mehr denn augenfällig. Ebendiese Nachlässigkeiten versagen dem immerhin bahnbrechend erfolgreich gestarteten Werk, dass man es als uneingeschränkt erfreuliches reinstallment des Klassikers bezeichnen könnte; er erweist sich stattdessen immer wieder als wie erwähnt von entwaffender Dummheit beseelt. Da gewissermaßen auch das – oder sagen wir besser – eine gewisse, hirnerweichende Naivität, eines der ubiquitären Merkmale des Slasher-Subgenres ist, mag man in diesem Fall ein Nachsehen haben. Diebischen Spaß macht Greens „Halloween“ zumindest, soviel kann und darf man sagen.

6/10

SUMMER OF 84

„Even serial killers live next door to somebody.“

Summer Of 84 ~ USA/CA 2018
Directed By: François Simard/Anouk Whissell/Yoann-Karl Whissell

Im Sommer 1984 entwickelt der im Städtchen Cape May, Oregon lebende, 15-jährige Davey (Graham Verchere) den dringenden Verdacht, dass sein Nachbar, der allein lebende Polizist Wayne Mackey (Rich Sommer), jener Serienkiller ist, der in der Gegend sein Unwesen treibt und auf dessen Konto vermutlich bereits mehrere vermisste Jungen in Daveys Alter gehen. Zusammen mit seinen drei Freunden Woody (Caleb Emery), Eats (Judah Lewis) und Curtis (Cory Gruter-Andrew), die Davey bald mit seinen detektivischen Umtrieben ansteckt, macht sich der Junge daran, Mackey zu entlarven. Doch dieser erweist sich als deutlich cleverer denn zunächst angenommen…

Your monthly retro piece. Bereits vor längerer Zeit losgetreten von Richard Kellys „Donnie Darko“ und später dann endgültig erodierend ausgelöst durch Filme wie J.J. Abrams‘ „Super 8“ und natürlich das Netflix-Serial „Stranger Things“ scheint die Nostalgie-Welle, die vor allem die romantisierten Kleinstadt-Sozietätsbilder der vielen Spielberg-Produktionen der achtziger Jahre, der von ihm gesteuerten Produktionsfirma Amblin und all derer vielen großen und kleinen Epigonen beschwört, noch nicht gesättigt. Das Regie-Trio Simard/Whissell/Whissell, dessen eingeschworene Allianz sich auch „Roadkill Superstar“ (RKSS) nennt und dessen Debüt „Turbo Kid“ ich beizeiten nachholen werde, hat sich offenbar ganz dieser Form des atmosphärischen Retro-Chic verschrieben – durchaus erfolgreich, wie der weitgehend gelungene „Summer Of 84“ vorsichtig bestimmen lässt. Auf (semi-)phantastische Elemente wie verlorene Schätze, Aliens, kleine Monster oder postapokalyptische Abenteuerszenarien wird diesmal gänzlich verzichtet zugunsten eines sich mit zunehmendem Filmverlauf ernster gestaltenden Serienkiller-Topos, der im letzten Fünftel ein im Verhältnis zur trügerischen Basis des Plots geradezu eklektisch ausformuliertes Ende einläutet. Darin schieben die AutorInnen sämtlichen eben noch sehr in der Vorbilderzeit verankerten Coming-of-Age-Klischees, die von Außenseiter-Freundschaft über Familienidyll bis hin zu erster Liebe und unterstützender, sommerlicher Lichtdurchflutung diverse Pflichtelemente akribisch abhaken, einen finster-realistischen Riegel vor. Erwachsenwerden bedeutet in „Summer Of 84“ zugleich die höchst destruktive Konfrontation mit Verlust, Angst und Tod, garantiert ohne erlösendes Element. Davey muss seine juvenile Neugier, die ihn und seine Freunde anfangs wie die übliche, abenteuerlustige Kinderclique der Ära blind macht für die tödliche Gefahr, in die sie sich begeben, teurer bezahlen als ihm lieb sein kann. Mit der Entlarvung des Mörders folgt zugleich die Erkenntnis der totalen Ohnmacht; gegen die viehische Brutalität des psychopathischen Lebenssammlers Mackey, der so ganz ohne identitätsverschleiernde Maskerade auftritt und sein Werk mitten im Herzen trauter Nachbarschaft praktiziert, kann Davey es nicht aufnehmen. Diese Erkenntnis kommt für ihn viel zu spät – nachdem er sich kurz im Glanze öffentlicher Heldenverklärung sonnen darf, heißt es Abschied nehmen, nicht nur von der Naivität der Kindheit, sondern auch vom besten Freund, dessen gewaltsamen Tod mittelbar auch Davey verschuldet, von den anderen Kumpels und ihren fragilen Elternhäusern, von der Angebeteten, die die Stadt verlässt und vor allem von der im Teenageralter noch unantastbaren Sicherheit der Unsterblichkeit.
Anders als zuletzt noch in ersten Teil des „It“-Neuverfilmung lässt sich das Ungeheuer in „Summer Of 84“ auch mit vereinten Kräften nicht in die Schranken weisen. Der Grund dafür ist so simpel wie einleuchtend: Hierin ist das Monster keine übernatürliche Wesenheit, sondern, viel schlimmer – ein Erwachsener.

7/10

THE STRANGE AFFAIR OF UNCLE HARRY

„People who love dogs shouldn’t own them. They don’t live long enough.“

The Strange Affair Of Uncle Harry (Onkel Harrys seltsame Affäre) ~ USA 1945
Directed By: Robert Siodmak

Harry Melville Quincey (George Sanders) lebt als Textildesigner und ewiger Junggeselle mit seinen beiden Schwestern Lettie (Geraldine Fitzgerald) und Hester (Moyna McGill) in einer Kleinstadt in Massachusetts. Während Hester bereits Witwe ist, hat die jüngere Lettie nie geheiratet und ergeht sich in Hypochondrien, die vor allem Harry eng an sie binden. Als eines Tages Harrys Kollegin Deborah (Ella Raines) aus New York anreist, verlieben sich die beiden Hals über Kopf ineinander. Mittelfristig soll geheiratet werden und Lettie und Hester sich eine neue Wohnstatt suchen. Während Hester von Harrys Glück begeistert ist, beginnt Lettie jedoch, scharf gegen die Beziehung zu intrigieren. Als Deborah und Harry beschließen, gemeinsam nach New York zu gehen, setzt Lettie eine Abfolge höchst dramatischer Ereignisse in Gang…

Die schöne, jüngere Schwester als abgrundtief böses Weib – Femmes fatales wie Lettie Quincey waren im film noir der vierziger Jahre keine Seltenheit. Nur allzu häufig hatten sich brave bis biedere Herren mittlerer Jahrgänge ihrer gewaltsam und endgültig zu entledigen, um, wenn schon nicht das zumeist ohnehin bereits zerstörte private Glück, so vielleicht doch ein Stück Seelenfrieden zurück zu gewinnen. In dieser dritten Gemeinschaftsarbeit von Robert Siodmak und der schönen Ella Raines handelte es sich allerdings nicht wie im Quasi-„Vorgänger“ „The Suspect“ um eine unentwegt keifende Ehefrau oder wie in „Double Indemnity“ um eine niederträchtige Strippenzieherin, sondern um eine äußerlich ausnehmend attraktive, psychisch extrem gestörte Schwester mit gepflegter Borderline-Persönlichkeit und offenkundig inzestuösen Bedürfnissen. Lettie Quincey ist nicht bereit, „ihren“ Harry mit einer anderen Frau zu teilen, missgönnt ihm daher eine eigenständige Zukunft und durchkreuzt sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Der so ruhige und beliebte Junggeselle vergisst sich daraufhin, nimmt einen eher impulsiv durchgeführten Giftanschlag vor, der jedoch versehentlich die falsche Schwester ereilt. Für den Mord wird die ohnehin in der Stadt wenig gelittene Lettie verantwortlich gemacht und zum Tode verurteilt. Der sich vor schlechtem Gewissen verzehrende Harry versucht sie in letzter Sekunde durch ein Geständnis zu retten, doch niemand mag ihm, der treuen Seele, seine Ausführungen glauben.
Noch vor dem Gang zum Galgen verhöhnt Lettie den armen Harry und erfreut sich diebisch an dessen bevorstehenden, inneren Höllenqualen. Wäre „The Strange Affair Of Uncle Harry“ an dieser Stelle zu Ende, er hätte gewiss als einer der schwärzesten Beiträge zur Schwarzen Serie Legendenstatus erklommen. Ähnlich wie sich bereits kurz zuvor in Langs „The Woman In The Window“ am Ende alles als ein Traum Edward G. Robinsons entpuppt, erweist sich sich die gesamte Narration des vorliegenden Films in der Folge von Harrys Entschluss, Lettie zu vergiften, als irrealis und bloßes Gedankenspiel. Die verloren geglaubte Deborah kehrt doch noch zu Harry zurück, der jetzt, da er sich endlich Letties pathologische Durchtriebenheit einzustehen bereit ist, mit Deborah fortgehen kann. Die Moral war gerettet, dem production code Genüge getan und das Publikum konnte ohne flaues Gefühl im Magen das Kino verlassen. Auch grobe Sinnverfälschung ist häufig ein Spiegel ihrer Zeit.

8/10

SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10

THE RANSOM

„What tribe do you belong to?“

The Ransom (Stadt in Angst) ~ USA 1977
Directed By: Richard Compton

Ein einsamer Erpresser (Paul Koslo) verkleidet sich als Indianer und erschießt mit einem High-Tech-Bogen Bürger einer Kleinstadt in Arizona. Damit will er auf die Enteignungspraktiken der hiesigen Banker und Unternehmer aufmerksam machen, jedoch auch hübsch eigennützig eine ordentliche Erpressungssumme einstreichen. Der reiche Grundbesitzer Whitaker (Stuart Whitman) lässt daraufhin den Söldner Nick McCormick (Oliver Reed) aus England einfliegen, um sich der Sache anzunehmen. Gemeinsam mit dem ortskundigen Rumtreiber Tracker (James Mitchum) versucht er, den Attentäter dingfest zu machen.

„The Ransom“, Richard Comptons vorletzter von sieben Filmen, bevor er dann auschließlich noch einzelne Episoden für TV-Serials anfertigte, ist dermaßen quasimodoesk verwachsen und verbaut, dass man all seine rezeptorische Kraft aufwänden muss, Stringenz, Struktur, oder auch nur das geringste bisschen Kausalität im Zelluloidwust zu erkennen. Ihre unbedingte Fernsehaffinität lässt Comptons Inszenierung trotz formaler Extravaganzen wie dem Einsatz des Scope-Formats oder hier und da bemühtem Weichzeichner bereits bestens durchschimmern, denn als Pilotfilm für ein am Ende nie existentes Serienformat hätte „The Ransom“ wenigstens etwas mehr Sinnstiftung beinhaltet. Sicher, irgendwo hinter (oder unter) dem ganzen, grotesken Blödsinn schlummert tatsächlich so etwas wie ein Plotskelett, – eine Synopse habe ich zum Beweis ja oben zustande gebracht -, nur, dass sich für den niemand bei Verstand interessiert. Illuster mit abgetakelten Ex-Stars besetzt, die ihr Alters- oder Alkoholiker-Auskommen in jenen Zeiten vor allem in Europa an Land zogen, lässt sich immerhin ein gefälliges Hallo vom Stapel, ansonsten bleibt aber alles vollkommen dull und egal. Am Lustigsten ist da noch, mit welcher Anti-Anstrengung Oliver Reed sich die ebenfalls am Wüstenset befindliche Deborah Raffin (die erstaunlicherweise genau dieselbe bescheuerte Riesenbrille trägt wie neun Jahre später in „Death Wish 3“) als Reporterin an Land und unmittelbar danach ins Bett zieht. Der Versuch, denn erotisch erfolgreichen McCormick auch in allen sonstigen Belangen zum glaubwürdigen Tausendsassa oder möglichen Serienhelden aufzuplustern, geht dann völlig in die Hose, zumal Reed sehr viel desinteressierter kaum hätte aufspielen mögen.
„The Ransom“, auch „Assault On Paradise“ oder „Maniac!… A Killer“ betitelt, eignet sich schlussendlich weniger als befriedigende Abendfüllung, denn vor allem als Hypnotikum, dem man sich ganz entspannt mit halb heruntergezogenen Jalousien ausliefern kann, bis einem irgendwann der Sabber vom Kinn tropft. Man kann es aber auch ebensogut bleiben lassen – Cinephilius, der alte Schutzpatron des Kinos, wird’s einem wohl vergelten.

3/10

PRETTY IN PINK

„I’m off like a dirty shirt.“

Pretty In Pink ~ USA 1986
Directed By: Howard Deutch

Die ebenso aparte wie kluge Teenagerin Andie Walsh (Molly Ringwald) macht das beste aus ihrem Leben als Tochter eines grenzdepressiven, alleinerziehenden Arbeitslosen (Harry Dean Stanton): In der High School gehört sie zu den Überfliegerinnen, ihre Klamotten schneidert sie selbst und verdient sich ein paar Kröten nebenher im kleinen, alternativ angehauchten Plattenladen der leicht durchgedrehten Iona. Dass sie ausgerechnet in den Bourgeoisie-Filius Blane McDonough (Andrew McCarthy) unsterblich verknallt ist, geht vor allem zu Lasten von Andies Sandkastenfreund Phil Dale, genannt Duckie (Jon Cryer), der sie besser kennt als jeder andere und seine aufrichtige Liebe zu ihr hinter albernem Gehabe versteckt. Als Duckie schließlich einsieht, dass Blane gar kein so übler Typ ist, macht er den Weg für das künftige Paar frei.

Broken hearts for you and me: „Pretty In Pink“, das Regiedebüt des künftigen John-Hughes-Faktotums Howard Deutch, ist im tiefsten Herzen ein Arschloch-Film, wie bereits „Sixteen Candles“ zuvor, der hier mit leicht veränderter Agenda, weniger Humor und stattdessen mehr pubertärem Pathos neu aufgelegt wurde. Gut, man kann im Hinblick auf das gewiss nicht völlig unromantische Ende dergestalt argumentieren, dass es Andie und ihrem Traumprinzen Blane vergönnt ist, sich über die (nicht eben diffizil umrissenen) sozialen Schranken von Standesdünkel und Vorurteilen hinwegzusetzen. Dass dabei jedoch der arme Duckie, der die g’scheite Andie eigentlich doch sehr viel mehr verdient hätte, im Regen stehen bleibt, ist ein deftiger Tritt in die ohnehin gebeutelten Familienjuwelen aller unglücklich Verliebten, denen offenbar selbst in einer amerikanischen High-School-Version von Grimms Märchen noch die Türen vor der Nase zugeschlagen werden. Okay – die eine oder der andere wird dagegenhalten: „Aber Duckie geht doch gar nicht leer aus, im Gegenteil, er bekommt Kristy Swanson (von den Credits schelmisch als „Duckette“ bezeichnet), die am Ende qua urplötzlich vom Himmel fällt und ihn siegesgewiss anlächelt. Duckie hat sich von seinen irrealen Träumen emanzipiert und ist nun bereit, eine echte, erwachsene Beziehung einzugehen.“ „Blödsinn!“, sage ich dazu. Duckie hätte die Heldin verdient gehabt, die er sich Zeit seines Lebens erträumt, von der eigentlich nur er wirklich weiß, wie sie tickt und die ihm – in vorgeblich naiver Arroganz – das Herz auf die schlimmste Art und Weise herausreißt, die dem Ungeliebten beschert werden kann: Sie zeigt ihm ihr erotisches Desinteresse auf und erwartet von ihm die selbstverständliche Annahme ihrer Perspektive, die ihn als bruderhaften Kumpel ausweist. Insofern hat sie auch überhaupt nicht das Recht dazu, beleidigt zu reagieren, als er vor ihr ein einziges Mal die Fassung verliert und ihr in drei, vier, todaufrichtigen Sätzen sein in Wallung gebrachtes Gefühlsleben ausschüttet. Doch sie ist erst gar nicht bereit, das auch nur im Mindesten anzuerkennen. Insofern wird niemand, der je unglücklich verliebt war, in „Pretty In Pink“ sein Seelenheil finden, zumal garantiert keiner von uns je eine Kristy Swanson zum Trösten vobeigeschickt bekam.
Als Zeit- und Generationsportrait taugt das „Brat-Pack“-Werk natürlich wiederum; James Spader nimmt sich, wenngleich völlig offensichtlich typegecastet, ganz wunderbar aus als intriganter Fatzke und die Songauswahl mit nicht weniger als drei (!) New-Order-Nummern und natürlich dem luxuriösen Titelstück wäre sowieso über jeden Zweifel erhaben. Allein das wehmütig schlagende Herz des in trübe Vergangenheitsidentifikationen verfallenen Chronisten mag sich in ihm so ganz und gar nicht behaglich fühlen.

7/10