SWEET VIRGINIA

„Do I need to tell you what’s gonna happen if I don’t get the money?“

Sweet Virginia ~  CA/USA 2017
Directed By: Jamie M. Dagg

Der frühere Rodeo-Champ Sam Rossi (Jon Bernthal) hat sich nach einer bewegten Vergangenheit in Alaska niedergelassen und dort ein Motel mit dem wehmütigen Namen „Sweet Virginia“ eröffnet. Die ganzen Sympathien des stillen, zurückhaltenden Mannes gelten der bei ihm jobbenden Schülerin Maggie (Odessa Young) und der verheirateten Lila (Imogen Poots), mit der Sam eine heimliche Affäre pflegt. Als der etwas aufdringliche Motelgast Elwood (Christopher Abbott) sich als Auftragsmörder erweist, der zunehmend nervös auf seine Bezahlung wartet, begeben sich die Dinge Richtung Eskalation…

Etwas sarkastischer, etwas weniger melancholisch vielleicht und dies hier wäre ein typischer Coen-Film geworden, wie sie ihn vor zwanzig, dreißig Jahren hätten inszenieren mögen. Dagg lässt sich für ein Minimum an Plot ein gerütteltes Maß an kontemplativer Zeit und erwartet von seinem Publikum, dass es sich in den von ihm so gemächlich vorangetriebenen, personellen und lokalen Mikrokosmos fallen lässt.
Das Kleinstädtchen, in dem sich „Sweet Virginia“ entblättert, liegt nicht nur regional betrachtet ziemlich weitab vom Schuss; es scheint durch die umliegenden Berge symbolisch getrennt vom Rest des Landes. Ein Gewaltakt zu Beginn des Films, dem drei Männer in einem Diner zum Opfer fallen, wird fortan wuchtig als „Massaker“ bezeichnet – so etwas erlebt man hier nicht alle Tage. Fraglos wird sich bald erweisen, dass zwei trauernde Witwen (Poots, Rosemarie DeWitt) mit dem Dreifachmord unmittel- und mittelbar in Verbindung stehen; eine von ihnen ist gar die Auftraggeberin des Killers mit der viel zu kurzen Zundschnür. Interessant wird es, wenn ebenjener und der stille, zum morgendlichen Aufwachen erstmal ein Graspfeifchen rauchende Held sich kennenlernen und sich ein merkwürdiges, symbiotisches Verhältnis zwischen ihnen entspinnt. Projektionsflächen eröffnen sich, Reziprozitäten, die sich in jeweils krisengeschüttelten Biographien widerspiegeln. Wo der eine versucht, seiner Vergangenheit zu entfliehen, ist der andere nicht in der Lage, gänzlich mit ihr abzuschließen. Es braucht ihrer beider Konfrontation, um sich wechselseitige Erlösung zu verschaffen. Den Weg dorthin bereitet Dagg allerdings als recht spröde Chronik, deren Explosivität bis zur finalen Entladung ganz tief unten vor sich hin brodelt.
Jon Bernthal gefällt mir mit jedem Mal, da ich ihn sehe, etwas besser. Mit seinem kantigen Charakterkopf und der Boxernase scheint er für gebrochene Heldenfiguren geradezu prädestiniert, was ja nunmehr auch großflächig erkannt und genutzt wird. Wie seine traurigen Augen unter den von Vollbart und Krauskopf zugewuchertem Gesicht nur ganz selten mal hervorblitzen, das ist nichts Geringeres denn minimalistische Schauspielkunst auf dem Höhepunkt.

8/10

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CHILDREN OF THE CORN II: THE FINAL SACRIFICE

„For everything, there is a season.“

Children Of The Corn II: The Final Sacrifice (Tödliche Ernte – Kinder des Zorns II) ~ USA 1992
Directed By: David Price

Die überlebenden Kinder aus Gatlin, Nebraska, Schauplatz eines im sektiererischen Wahn verübten Massenmords, werden von den Bewohnern des Nachbarorts Hemingford in Obhut genommen. Dem stehen ein paar Einwohner wie die alte Mrs. Burke (Marty Terry) überaus skeptisch gegenüber – machen sie doch eben die Gatlin-Kinder für die blutigen Geschehnisse verantwortlich. Der zufällig durchreisende Klatschreporter Garrett (Terence Knox) und sein ihn begleitender Sohn Danny (Paul Scherrer) werden mitten in die Ereignisse gezogen, die nicht nur die sinistren Halbwüchsigen, sondern auch einen Skandal um den Verkauf fauler Maiskolben beinhalten. Zudem ist „Der, der hinter den Reihen wandelt“ nicht weit…

Ganze acht Jahre nach der immerhin noch etwas stimmungsvoll gefertigten Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King machte sich das just gegründete, auf phantastische Stoffe abonnierte Weinstein-Studio Dimension daran, ein Franchise rund um die parareligiös verbrämten Satansblagen vom Stapel zu lassen. „Children Of The Corn II“ war zugleich auch der letzte Film der mittlerweile sieben Sequels und ein TV-Remake umfassenden Serie, dem ein Kinostart vergönnt wurde. Dabei fällt jene erste Fortsetzung gleich ziemlich albern aus: Um den sich als nicht sonderlich spannungsträchtig erweisenden Hauptplot um den infantilen Maiskult ein weiteres inhaltliches Mosaiksteinchen zuzusetzen, schrieben die Autoren ihm eine Geschichte um verschwörerische, kriminelle Landwirte nebenher, hinter denen sich die Stadtoberen von Hemingford verbergen. Die zu einem Quintett anwachsenden Helden bekommen es daher gleich mit zwei Übelswurzeln zu tun, was dennoch keinerlei Anlass zu visuellen Sensationen bietet. Abgesehen von ein paar wenigen netten Ideen und S-F/X bleibt alles so flach und dörr wie der Mittelwesten im Hochsommer. Die geflissentlich bedrohliche Atmosphäre des Originals weicht einem ordinären Slasherkonzept, das sich primär um den bösen Micah (Ryan Bollman) und seine ihm hörigen Jünger schart, wie sie sich ihrer unbequemen erwachsenen Gegner und Mitwisser entledigen. Ein altkluger Indianer (Ned Romero), der natürlich die übersinnliche Essenz hinter den Ereignissen durchblickt, darf dabei ebensowenig fehlen wie love interests für Vater und Sohn nebst den Zug sträflich ausbremsenden Romantikszenen.
Wer gern wissen möchte, warum die Neunziger im Genresektor vielerorts als „most boring deacde“ erachtet werden, der findet hier ein durchaus passendes Indiz. Kein Werk zum Blumentöpfe gewinnen.

3/10

THE HOUSE

„Give the password!“

The House (Casino Undercover) ~ USA 2017
Directed By: Andrew Jay Cohen

Um dem lieben Töchterlein Alex (Ryan Simpkins) trotz ihrer wider Erwarten flöten gegangener Subventionen doch noch das Studium finanzieren zu können, lässt sich das Kleinstadtehepaar Scott (Will Ferrell) und Kate Johansen (Amy Poehler) auf den etwas obskuren Vorschlag ihres in Scheidung befindlichen Freundes Frank Theodorakis (Jason Mantzoukas) ein: Der, selbst notorischer Zocker, hat nämlich die Idee, in seinem Haus ein illegales Spielcasino aufzumachen. Schon bald versammelt sich das halbe Städtchen als Stammkundschaft vor Ort, doch ebenso rasch bekommen Stadtrat Schaeffer (Nick Kroll)  und Mafioso Tommy (Jeremy Renner) mit, dass sich irgendetwas Faules abspielt in der Gemeinde…

Will Ferrell ist so ziemlich der einzig wesentliche Grund, sich diesem etwas lauwarmen Spaß zu widmen, dessen humoristische Finesse im Grunde darum besteht, die moralische Bigotterie des urtypischen, amerkanischen Vorstadt-Bourgeois zu denunzieren. Als wären die entsprechenden Erkenntnisse bahnbrechend, lädt „The House“ sein spießbürgerliches Figureninventar dazu ein, allerlei schräge Dinge zu tun zu tun vom Drogenmissbrauch bin hin zum catfight. Das ist manchmal zum Schmunzeln, manchmal auch nicht, je nach Einfaltsmaß der dargereichten Szene. Die größten Spitzen sind natürlich Ferrell vorbehalten, dessen Persönlichkeit als etwas domestizierte Person seiner mit den allseits bekannten habituellen Eigenheiten kokettierenden Kunstfigur irgendwann zu transzendieren beginnt; Scott Johansen verwandelt sich dann in einen gnadenlosen, öligen Gangster mit dem Spitznamen „The Butcher“, vor dem jedermann zu Staube kriecht. Solcherlei Blödsinn ist dem wie immer sehenswerten Komiker zweifellos unmittelbar auf den Leib geschrieben und er ist daher auch der beste Mann in diesem Fach. Das ganze Drumherum jedoch kommt über mediokren Sitcom-Status kaum hinaus; es fehlt an veritabler Schärfe und Anarchie sowie an der (zumindest meinerseits) wehmütig vermissten Konsequenz, auch mal über die end credits hinaus ein feistes „Leck mich am Arsch!“ echoen zu hören, so wie damals das von Frank „The Tank“ Ricard zum Finale von Todd Phillips‘ monumentalem „Old School“. Sicher, es wäre schon ziemlich katastrophal für unsere Welt, wenn jeder erwachsene Mann sich vorsätzlich zur Regression entschlösse, wenn es denn aber doch hier und da mal einer tut, dann gebührt ihm doch wohl alles Glück auf Erden.

6/10

IT

„Time to float.“

It (Es) ~ USA/CAN 2017
Directed By: Andy Muschietti

In der Kleinstadt Derry, Maine macht sich im Herbst 1988 das Böse breit. Zumeist erscheint es seinen vornehmlich juvenilen Opfern als diabolischer Clown Pennywise (Bill Skarsgård), kann jedoch auch alle möglichen anderen Formen annehmen oder horrible Szenarien vortäuschen, die die Angst seiner unfreiwilligen Klientenschaft verstärken.
Eine siebenköpfige Gruppe von sich sowohl von Gleichaltrigen als auch von der Elterngeneration im Stich gelassen fühlenden Kids stellt sich dem dämonischen Treiben mit aller Entschiedenheit entgegen.

Viel Essenzielles gibt es nicht zu berichten über Andy Muschiettis ersten Teil der Neuverfilmung von Stephen Kings opus magnum. Wie schon Tommy Lee Wallaces vor siebzehn Jahren entstandene TV-Adaption transponiert er den in der kindlichen Vergangenheit der Protagonisten spielenden, ersten Aufzug, um die narrative Gegenwart später der eigenen Entstehungszeit angleichen zu können. Dies folgt einem derzeit schwer angesagten und dementsprechend breit bedienten, unterhaltungsmedialen Trend, zugeschnitten auf die quantitativ wohl nicht eben gering ausfallende Publikumsschicht von Konsumenten, die wesentliche Teile ihre Kindheit in den Mitt- bis Spätchtzigern verlebt haben und jener Periode somit auch entscheidende Prägungsfaktoren ihrer Vorlieben „verdanken“. Titel wie „The Goonies“, „Stand By Me“, „The Explorers“ und alles mögliche Anverwandte fallen in diesem Bezugsrahmen immer und immer wieder. Die Netflix-Serie „Stranger Things“ bedient diese offenbar einen zeitgeistlichen Nerv treffende Nostalgiesparte seit nunmehr zwei Staffeln bereits mit immensem Erfolg und es steht zu erwarten, dass auch das Kino mit „It“ noch lange nicht seinen letzten Repräsentanten jener Flashback-Avancen hervorgezaubert hat. Abgesehen von diesem alles in allem wenig spannenden Pseudophänomen, das wohl am Ehesten dazu angetan ist, den ungeheuerlichen, kommerziellen Erfolg des Films zu erklären, präserviert Muschiettis Film, der Nachfolger seines doch sehr mediokren Geisterstreifens „Mama“, durchaus nett daherkommendes Entertainment, bei dem sich bessere inszenatorische Ideen mit halbwegs lässlichen Redundanzen die Waage halten. Dass „It“ mit seinen Mehrfach-Showdowns deutlich übers Ziel hinausschießt und Erzählzeit schindet, wo es längst keiner mehr bedurft hätte, wäre er bloß konzentrierter korsettiert, dürfte noch der größte Faux-pas sein; zu deutlich potenterer Stärke findet Muschietti wiederum, wenn er (trotz der albernen Affinität eines der Helden zu der Affentruppe New Kids On The Block) unerwartet schöne Songs aus dem Ärmel zaubert und sich auf die intimeren Coming-of-Age-Momente konzentriert. Leider hat es derlei Momente vor allem im Direktvergleich allzu wenige und so kommt am Ende wenig mehr denn ein doch ziemlich gemischtgeschrotetes Unternehmen heraus, dessen demoskopisches Analysepotenzial letzten Endes interessanter ausfallen dürfte als es selbst.

6/10

THE TRAP

„Ain’t nothin‘ left to stand up for.“

The Trap (Die Falle von Tula) ~ USA 1959
Directed By: Norman Panama

Anwalt Ralph Anderson (Richard Widmark) kehrt nach langen Jahren zurück in das kleine, kalifornische Nest Tulsa, in dem sein alternder, hartherziger Vater Lloyd (Carl Benton Reid) nach wie vor als Sheriff aktiv ist und sein versoffener Bruder Tippy (Earl Holliman) den Deputy spielt. Tippy hat zudem Ralphs Jugendliebe Linda (Tina Louise) geheiratet. Für Ralph gibt es somit wenige Gründe zu nostalgischen Gefühlen, doch sind seine Motive auch höchst praktikabler Natur: Er soll dem steckbriefich gesuchten Mafiaboss Victor Massonetti (Lee J. Cobb) eine störungsfreie Flucht ins Ausland über Tulas kleinen Flughafen ermöglichen und seinen Vater zu entsprechenden Maßnahmen anstiften. Der Vernunft halber lässt der Sheriff sich überreden, wird jedoch wegen eines Missverständnisses erschossen, an dem Tippy, der das Kopfgeld für Massonetti einfahren will, erschossen. Ralph bleibt nurmehr die Flucht nach vorn, er nimmt Massonetti gefangen und flieht mit Tippy und Linda, die sich mittlerweile zu Ralph bekannt hat, in die nächste Stadt. Doch der Wagen überhitzt bald und Massonettis Leute sind ihnen dicht auf den Fersen…

Einen leicht verspäteten noir in bleichen Farben hat der als Gelegenheitsregisseur und vornehmlich als Drehbuchautor tätige Norman Panama, der üblicherweise vornehmlich im Komödienfach aktiv war, mit „The Trap“ geschaffen. Das staubige Wüstensetting der sich mehr und mehr verdichtenden Geschichte lässt zudem Anklänge an die „Countdown-Western“ der Dekade im Gefolge von Zinnemanns „High Noon“ eminent werden, in denen ein einsamer Held gegen die Zeit zu kämpfen hat und wahlweise eine brisante Situation auszusitzen oder einen Gauner einem regional distanzierten Ziel zuzuführen hat. Am Anfang glaubt man in Unkenntnis der kommenden Ereignisse noch, Widmark mit seinem wie üblich kurzkrempigen Stetson sei ein G-Man, der in dem Prärienest einen Auftrag zu erledigen hat, doch weit gefehlt. Die rasch erfolgende Belehrung des Besseren offenbart einen tief verwurzelten Familienkonflikt, der sich Jahre zuvor zwischen Anderson, seinem Vater und seinem Bruder entsponnen hat: Einst hatte Tippy betrunken einen Wagen gestohlen und Ralph heldenhaft die Schuld auf sich genommen. Der Vater verstieß seinen eigentlichen Lieblingssohn daraufhin aus Herz und Leben, was Ralph, dessen erfolgreich verlaufende Anwaltskarriere (wie er selbst zugibt) vor allem ein großer Befreiungsschlag ist gegen das stets präsente Gefühl der Nutzlosigkeit, selbst nie verwinden kann. In dieser Hinsicht greift „The Trap“ das biblische Gleichnis des verlorenen Sohns auf und gemahnt insofern an Kazans „East Of Eden“-Adaption; der Vater selbst zerbricht unmerklich an seiner einseitigen Sicht der Dinge, derweil die Söhne hilflos daneben stehen. Doch erhält der von Holliman ziemlich eindrucksvoll gespielte Tippy keine Gelegenheit zur Bewährung; vielmehr vergrößert sich sein Hass auf den älteren, sehr viel charakterstärkeren Bruder stattdessen noch mit jedem ihm selbst zuzuschreibenden Fehltritt. Das psychologische Fundament der Geschichte darf sich also mithin komplex rufen lassen, was dem sukzessive hermetischer werdenden Film überaus gut zu Gesicht steht. Am Ende stellte sich mir noch kurz die Frage, was ein Regisseur wie Sturges oder Dmytryk aus dem Stoff gemacht hätte. Selbige vermochte ich infolge allgemeiner Zufriedenheit mit dem Dargebotenen dann aber doch recht flugs wieder zu verwerfen.

7/10

IT

„I am eternal, child. I am the eater of worlds, and of children. And you are next!“

It (Es) ~ USA 1990
Directed By: Tommy Lee Wallace

Derry, Maine im Frühherbst 1960. Sieben durch ganz unterschiedliche Handycaps geprägte Kids im Alter von zwölf Jahren gründen den „Loser’s Club“, eine Clique, die ihnen nicht nur Zusammenhalt und Stärke verleiht gegen die alltäglichen Bedrohungen durch fehlgeleitete Erwachsene und halbstarke Bullys, sondern auch gegen eine paranormale, böse Entität, die Derry offenbar alle dreißig Jahre heimsucht und vornehmlich kleine Kinder verzehrt, um sich zu stärken. Es gelingt dem „Loser’s Club“ unter Aufbietung größtmöglicher Energien schließlich, jenes „Es“, das sich gern als Clown (Tim Curry) zeigt, in die Schranken zu weisen. Drei Jahrzehnte später beginnt in Derry erneut eine Serie von Kindermorden. „Es“ ist zurück. Mike Hanlon (Tim Reid), der als Einziger der sieben Kinderfreunde auch als Erwachsener in Derry geblieben ist, alarmiert den mittlerweile in ganz neuen Individualnöten befindlichen Loser’s Club, um der gemeinsamen alten Nemesis endgültig das Handwerk zu legen.

Tommy Lee Wallaces zweiteilige Adaption von Stephen Kings massivem Erfolgswälzer konnte sich über die Jahre eine für einen TV-Film ungewöhnlich große, cinephile fanbase sichern, was wohl neben einigen wenigen wirklich konstituierenden Augenblicken insbesondere der ikonographischen Darstellung des Clowns Pennywise durch Tim Curry zuzuschreiben ist. Und tatsächlich ist es vor allem Currys exaltierte Interpretation, die das ansonsten biedere, seinem Format gemäß stark korsettierte Werk immer wieder über seine ansonsten mediokre Präsentation hinaushebt und in Erinnerung bleiben lässt. Immerhin gelingt es Script und Film, auch die Metaebene von Kings allegorischer Kleinstadtmär aufrecht zu erhalten – im Grunde geht es ja gar nicht um dieses übermächtige, furchtbare Wesen unbekannter Herkunft, sondern um den Wert beständiger Freundschaft und den gemeinsamen, schließlich erfolgreichen Kampf um das Recht, in einer von Widerständen geprägten Umwelt überleben zu können. Um eine solche Geschichte umfassend erzählen zu können, bedurfte es offensichtlicher Klischees, die der Plot dann auch relativ behende bedient: Bill Denbrough (Jonathan Brandis/Richard Thomas) stottert, wenn er nervös ist und leidet unter übermächtigen Schuldgefühlen betreffs des Todes seines kleinen Bruders Georgie (Tony Dakota); Ben Hanscom (Brandon Crane/John Ritter), als adipöses Kind permanent gehänselt, ist als Erwachsener beziehungsunfähig und dem Alkohol verfallen; Eddie Kaspbrak (Adam Faraizl/Dennis Christopher) steht unter ewiger Bevormundung seiner selbstsüchtigen Helikoptermutter (Sheila Moore) und ist eingebildeter Asthmatiker; hinter der Fassade des vorlauten Richie Tozier (Seth Green/Harry Anderson) verbirgt sich ein von permanenten Selbstzweifeln heimgesuchter Schwächling; der intelligente Stanley Uris (Ben Heller/Richard Masur) kann nicht verwinden, dass es Dinge gibt, die nicht seiner jüdischen Schulweisheit unterliegen; Beverly Marsh (Emily Perkins/Annette O’Toole), das einzige Mädchen im Bunde, sucht sich als Erwachsene unbewusst genau solche Arschlochmänner, wie sie in Kindheitstagen ihr alleinerziehender, gewalttätiger Vater (Frank C. Turner) repräsentierte und Mike Hanlon (Marlon Taylor/Tim Reid) schließlich unterliegt primär dem gewaltigen, sozialen Nachteil, ein intelligenter, selbstbewusster Afroamerikaner zu sein. Den Kindern erwachsen all ihre von ihrem jeweiligen (zunächst unfreiwillig, später selbstgewähltem) Umfeld forcierten „Behinderungen“ zu ausgewachsenen Traumata, deren Symptome sie zwar zum Schein beiseite schieben können, deren tieferen, eigentlichen Ursachen sie sich jedoch nie wirklich zu stellen vermochten (und die in krassem Kontrast zu ihren jeweiligen, oberflächlichen Erfolgskarrieren stehen).
Der Kampf gegen „Es“ ist also vor allem eine extrem aktionistisch arrangierte Gruppentherapie, die der Bezwingung von Ängsten und Barrieren dient – ein klassischer Coming-of-Age-Stoff. Damit das auch der Dümmste versteht, schafft es Bill am Ende sogar, seine von Pennywise entführte, schwer traumatisierte Frau Audra (Olivia Hussey) aus ihrem katatonischen Zustand zurückzuholen – der finale Durchbruch gelingt und trotz zweier bedauernswerter Todesopfer (Stanley & Eddie) wird der Rest des „Loser’s Club“ nunmehr ein freieres Leben führen können.
Ich bin gespannt auf den ersten Teil der Neuinterpretation (demnächst hier).

6/10

THE SOUND AND THE FURY

„I just happen to be an eccentric.“

The Sound And The Fury (Fluch des Südens) ~ USA 1959
Directed By: Martin Ritt

Es ist schon eine höchst seltsame Konstellation, die da gemeinsam auf dem alten, maroden Compson-Anwesen in Jefferson, Mississippi, haust. Da wäre zunächst die junge, quirlige, aber selbstbewusste Quentin (Joanne Woodward), die ohne Eltern auskommen muss, mehr oder weniger sich selbst überlassen ist, gern die Schule schwänzt und durch die Gegend tingelt. Ihre beiden Onkel Howard (John Beal), ein Vollalkoholiker vor dem Herrn, sowie der geistig schwerstbehinderte Ben (Jack Warden) leben ebenfalls im Haus, dazu noch deren Stiefbruder Jason (Yul Brynner), wenngleich quasi Angestellter im eigenen Geschäft der Einzige, der etwas Geld nach Haus bringt und sich als eine Art „Notpatriarch“ wähnt, dessen ewig keifende Mutter (Françoise Rosay), und schließlich die farbige Haushälterin und gute Seele Dilsey (Ethel Walters) nebst ihren zwei Enkeln T.P. (Bill Gunn) und Luster (Steven Perry), der wiederum allein auf weiter Flur sich mit dem armen Ben versteht. Als Quentins ehedem durchgebrannte Mutter Caddy (Margaret Leighton) wieder aufkreuzt und das Mädchen mit einem Kirmesburschen (Stuart Whitman) durchbrennen will, spitzt sich die ohnehin permanent angespannte Lage nochmals dramatisch zu.

„The Sound And The Fury“ ist ein Film, mit dem niemand, der in seinen Kreativprozess involviert war, sich im Nachhinein als rundum zufrieden erwies. Basierend auf William Faulkners gleichnamigem Roman, jener immerhin ein Stück amerikanische Vorzeigeliteratur des vergangenen Jahrhunderts, wurde der Film von Martin Ritt für die Fox inszeniert. Die Geschichte wurde stark komplexitätsreduziert sowie um einige tragende Figuren erleichtert und in die erzählzeitliche Gegenwart verlegt. Aus der von Yul Brynner gespielten Hauptfigur Jason, eigentlich leiblicher Sohn des verstorbenen Familienoberhaupts, wurde aus offensichtlichen Gründen ein Stiefonkel für Quentin, was deren latente Romanze natürlich weitaus weniger kontrovers erscheinen lässt. Der für das Script wiederum hinzugedichtete Säufer Howard repräsentiert gewissermaßen den herausgestrichenen Vater Jason Sr.. Martin Ritt meinte im Nachhinein, er sei „nicht der  Richtige für Faulkners Sprache“, Joanne Woodward, die mehrfach bei Ritt spielte, fragte sich, warum der Regisseur diesen Film überhaupt angegangen sei und auch viele Kritikersprachen sich vehement gegen ihn aus. In der Tat gibt es einige akute Unebenheiten; die episodische Erzählweise mag sich mit dem Drehbuch nicht recht arrangieren, einige Handlungselemente wirken unfertig, angerissen und nicht auserzählt, Yul Brynner macht seine Sache zwar gut, wirkt aber nicht verletzlich genug für seinen Part. Dennoch hat mir „The Sound And The Fury“ mehr als gut gefallen. Das mag damit zusammenhängen, dass ich grundsätzlich sowieso ein Faible für epische Southern Gothic im Kino habe und ein Film innerhalb diesen cineastisch ohnehin prinzipiell dankbaren Sektors schon verdammt viel vor die Wand fahren muss, um mich zu verlieren. Da sind aber auch Charles G. Clarkes phantastische Bilder der zerfallenden, mitunter auf den Kopf gedrehten Südstaatenkultur und Alex Norths wunderbare Musik. Elemente, die unweigerlich bei der Stange halten und Ritts Werk eigentlich für jeden begeisterten Chronisten dieser filmischen Subgattung letzten Endes zumindest teilweise zu einem Gewinn machen sollten.

8/10