SKELETONS

„You better leave us be.“

Skeletons ~ USA 1997
Directed By: David DeCoteau

Um dem Großtstadtstress zumindest zeitweilig zu entfliehen, zieht der emsige New Yorker Journalist und Pulitzer-Preisträger Peter Crane (Ron Silver) mit Gattin Heather (Dee Wallace) und Sohnemann Zach (Kyle Howard) in das beschauliche Städtchen Saugatuck in Maine. Rasch fällt Peter auf, dass hier alles ein wenig zu glattgebügelt erscheint: Ethnischen Minderheiten zugehörige Mitbürger gibt es in Saugatuck ebensowenig wie ansonsten im geringsten Maße auffällige Personen. Heimlicher Führer der Gemeinde ist der Geistliche Carlyle, der selbst Bürgermeister (Paul Bartel) und Sheriff (D. Paul Thomas) als Stichwortgeber dient. Einzig der hiesige Redakteur Frank Jove (James Coburn), selbst ein „Zugezogener“, hat Verständnis für Peters wachsendes Unwohlsein, das sich noch verstärkt, als ein offensichtlich unschuldiger, homosexueller Gefängnisinsasse Jim Norton (Dennis Christopher) angeblich Selbstmord begeht. Peter, der offen Partei für Norton ergreift, und sein Familie werden fortan von den Ortsansässigen traktiert. Statt jedoch einfach das Weite zu suchen, bohrt Peter weiter und begibt sich damit in tödliche Gefahr…

Reaktionäre Kleinstädter und Provinzler, die sich ihre kleine, faschistischen Mikrokosmen nach Maß gestalten, sind beinahe schon ein fester Bestandteil des postmodernen amerikanischen Mythenpools. Entsprechende Literatur, deren Adaptionen und auch jüngere Kinowerke wie  „The Stepford Wives“ oder zuletzt der vielbeachtete „Get Out“ arbeiten mit diesem oftmals satirisch zugespitzten Ansatz, indem sie ihn in ein häufig phantastisch überhöhtes Szenario einbinden. Zu just dieser Genrespezies zählt auch „Skeletons“, eine TV-Produktion des einstmaligen (Schwulen-)Porno-Regisseurs und unermüdlichen Billgheimer-Fabrikanten David DeCoteau, der bis in die letzten Jahre hinein einen Durchschnittsaustoß von vier bis sechs Filmen pro Zwölfmonatsturnus vorweist – darunter das halbseidene Vampir-Franchise „Brotherhood“. Ich bin nicht sehr bewandert, was DeCoteaus Gesamtœuvre betrifft, möchte aber mutmaßen, dass „Skeletons“ darin eine spezifische Ausnahmestellung bekleidet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass DeCoteau gewissermaßen als Notnagel für den zuvor gefeuerten Ken Russell herzuhalten hatte, der das abgründige Thema vermutlich noch um Einiges tiefschürfender angegangen wäre. Überhaupt gleicht es einem Wunder, dass man „Skeletons“ überhaupt noch zu sehen bekommt, denn der von Jordan Belfort (dem Wall-Street-Wolf) co-finanzierte und -produzierte Film wurde 2004 von der SAG als einer von ingesamt siebenen zur Auktion freigegeben, um vormals nicht ausbezahlte Darsteller-Gagen zu vergüten. Leider ist der ursprünglich trotz seiner TV-Herkunft für die 2,35:1-Kadrage ausgelegte Film für den Heimmarkt lediglich in verhunzten Pan/Scan-formatierten Fassungen erhältlich. Eine Schande schon aus Prinzip, denn obschon „Skeketons“ insbesondere für den genreerfahrenen Rezipienten keine große Offenbarung darstellen mag, macht er das, was er macht, goldrichtig und verfügt neben seinem unablässig aktuellen Sujet um pseudoelitäre Selbsteinschätzung und soziale Ausgerenzung als traditionellee, weiße amerikanische „Tugenden“ über eine großartige Besetzung bei bester Spiellaune. Von jener bleiben besonders Christopher Plummer, der den bigotten Inzucht-Pfaffen mit dem der Rolle gebührenden, latenten Wahnsinn interpretiert, hängen und auch der wie üblich grandiose James Coburn, der im Alter sowieso immer noch besser wurde, als Angepasster unter Angepassten.
Mein Wunsch, „Skeletons“ dereinst nochmal in einer ihm gebührenden Version ansichtig zu werden, dürfte sich bis auf Weiteres indes leider nicht erfüllen…

8/10

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THE RANSOM

„What tribe do you belong to?“

The Ransom (Stadt in Angst) ~ USA 1977
Directed By: Richard Compton

Ein einsamer Erpresser (Paul Koslo) verkleidet sich als Indianer und erschießt mit einem High-Tech-Bogen Bürger einer Kleinstadt in Arizona. Damit will er auf die Enteignungspraktiken der hiesigen Banker und Unternehmer aufmerksam machen, jedoch auch hübsch eigennützig eine ordentliche Erpressungssumme einstreichen. Der reiche Grundbesitzer Whitaker (Stuart Whitman) lässt daraufhin den Söldner Nick McCormick (Oliver Reed) aus England einfliegen, um sich der Sache anzunehmen. Gemeinsam mit dem ortskundigen Rumtreiber Tracker (James Mitchum) versucht er, den Attentäter dingfest zu machen.

„The Ransom“, Richard Comptons vorletzter von sieben Filmen, bevor er dann auschließlich noch einzelne Episoden für TV-Serials anfertigte, ist dermaßen quasimodoesk verwachsen und verbaut, dass man all seine rezeptorische Kraft aufwänden muss, Stringenz, Struktur, oder auch nur das geringste bisschen Kausalität im Zelluloidwust zu erkennen. Ihre unbedingte Fernsehaffinität lässt Comptons Inszenierung trotz formaler Extravaganzen wie dem Einsatz des Scope-Formats oder hier und da bemühtem Weichzeichner bereits bestens durchschimmern, denn als Pilotfilm für ein am Ende nie existentes Serienformat hätte „The Ransom“ wenigstens etwas mehr Sinnstiftung beinhaltet. Sicher, irgendwo hinter (oder unter) dem ganzen, grotesken Blödsinn schlummert tatsächlich so etwas wie ein Plotskelett, – eine Synopse habe ich zum Beweis ja oben zustande gebracht -, nur, dass sich für den niemand bei Verstand interessiert. Illuster mit abgetakelten Ex-Stars besetzt, die ihr Alters- oder Alkoholiker-Auskommen in jenen Zeiten vor allem in Europa an Land zogen, lässt sich immerhin ein gefälliges Hallo vom Stapel, ansonsten bleibt aber alles vollkommen dull und egal. Am Lustigsten ist da noch, mit welcher Anti-Anstrengung Oliver Reed sich die ebenfalls am Wüstenset befindliche Deborah Raffin (die erstaunlicherweise genau dieselbe bescheuerte Riesenbrille trägt wie neun Jahre später in „Death Wish 3“) als Reporterin an Land und unmittelbar danach ins Bett zieht. Der Versuch, denn erotisch erfolgreichen McCormick auch in allen sonstigen Belangen zum glaubwürdigen Tausendsassa oder möglichen Serienhelden aufzuplustern, geht dann völlig in die Hose, zumal Reed sehr viel desinteressierter kaum hätte aufspielen mögen.
„The Ransom“, auch „Assault On Paradise“ oder „Maniac!… A Killer“ betitelt, eignet sich schlussendlich weniger als befriedigende Abendfüllung, denn vor allem als Hypnotikum, dem man sich ganz entspannt mit halb heruntergezogenen Jalousien ausliefern kann, bis einem irgendwann der Sabber vom Kinn tropft. Man kann es aber auch ebensogut bleiben lassen – Cinephilius, der alte Schutzpatron des Kinos, wird’s einem wohl vergelten.

3/10

PRETTY IN PINK

„I’m off like a dirty shirt.“

Pretty In Pink ~ USA 1986
Directed By: Howard Deutch

Die ebenso aparte wie kluge Teenagerin Andie Walsh (Molly Ringwald) macht das beste aus ihrem Leben als Tochter eines grenzdepressiven, alleinerziehenden Arbeitslosen (Harry Dean Stanton): In der High School gehört sie zu den Überfliegerinnen, ihre Klamotten schneidert sie selbst und verdient sich ein paar Kröten nebenher im kleinen, alternativ angehauchten Plattenladen der leicht durchgedrehten Iona. Dass sie ausgerechnet in den Bourgeoisie-Filius Blane McDonough (Andrew McCarthy) unsterblich verknallt ist, geht vor allem zu Lasten von Andies Sandkastenfreund Phil Dale, genannt Duckie (Jon Cryer), der sie besser kennt als jeder andere und seine aufrichtige Liebe zu ihr hinter albernem Gehabe versteckt. Als Duckie schließlich einsieht, dass Blane gar kein so übler Typ ist, macht er den Weg für das künftige Paar frei.

Broken hearts for you and me: „Pretty In Pink“, das Regiedebüt des künftigen John-Hughes-Faktotums Howard Deutch, ist im tiefsten Herzen ein Arschloch-Film, wie bereits „Sixteen Candles“ zuvor, der hier mit leicht veränderter Agenda, weniger Humor und stattdessen mehr pubertärem Pathos neu aufgelegt wurde. Gut, man kann im Hinblick auf das gewiss nicht völlig unromantische Ende dergestalt argumentieren, dass es Andie und ihrem Traumprinzen Blane vergönnt ist, sich über die (nicht eben diffizil umrissenen) sozialen Schranken von Standesdünkel und Vorurteilen hinwegzusetzen. Dass dabei jedoch der arme Duckie, der die g’scheite Andie eigentlich doch sehr viel mehr verdient hätte, im Regen stehen bleibt, ist ein deftiger Tritt in die ohnehin gebeutelten Familienjuwelen aller unglücklich Verliebten, denen offenbar selbst in einer amerikanischen High-School-Version von Grimms Märchen noch die Türen vor der Nase zugeschlagen werden. Okay – die eine oder der andere wird dagegenhalten: „Aber Duckie geht doch gar nicht leer aus, im Gegenteil, er bekommt Kristy Swanson (von den Credits schelmisch als „Duckette“ bezeichnet), die am Ende qua urplötzlich vom Himmel fällt und ihn siegesgewiss anlächelt. Duckie hat sich von seinen irrealen Träumen emanzipiert und ist nun bereit, eine echte, erwachsene Beziehung einzugehen.“ „Blödsinn!“, sage ich dazu. Duckie hätte die Heldin verdient gehabt, die er sich Zeit seines Lebens erträumt, von der eigentlich nur er wirklich weiß, wie sie tickt und die ihm – in vorgeblich naiver Arroganz – das Herz auf die schlimmste Art und Weise herausreißt, die dem Ungeliebten beschert werden kann: Sie zeigt ihm ihr erotisches Desinteresse auf und erwartet von ihm die selbstverständliche Annahme ihrer Perspektive, die ihn als bruderhaften Kumpel ausweist. Insofern hat sie auch überhaupt nicht das Recht dazu, beleidigt zu reagieren, als er vor ihr ein einziges Mal die Fassung verliert und ihr in drei, vier, todaufrichtigen Sätzen sein in Wallung gebrachtes Gefühlsleben ausschüttet. Doch sie ist erst gar nicht bereit, das auch nur im Mindesten anzuerkennen. Insofern wird niemand, der je unglücklich verliebt war, in „Pretty In Pink“ sein Seelenheil finden, zumal garantiert keiner von uns je eine Kristy Swanson zum Trösten vobeigeschickt bekam.
Als Zeit- und Generationsportrait taugt das „Brat-Pack“-Werk natürlich wiederum; James Spader nimmt sich, wenngleich völlig offensichtlich typegecastet, ganz wunderbar aus als intriganter Fatzke und die Songauswahl mit nicht weniger als drei (!) New-Order-Nummern und natürlich dem luxuriösen Titelstück wäre sowieso über jeden Zweifel erhaben. Allein das wehmütig schlagende Herz des in trübe Vergangenheitsidentifikationen verfallenen Chronisten mag sich in ihm so ganz und gar nicht behaglich fühlen.

7/10

SWEET VIRGINIA

„Do I need to tell you what’s gonna happen if I don’t get the money?“

Sweet Virginia ~  CA/USA 2017
Directed By: Jamie M. Dagg

Der frühere Rodeo-Champ Sam Rossi (Jon Bernthal) hat sich nach einer bewegten Vergangenheit in Alaska niedergelassen und dort ein Motel mit dem wehmütigen Namen „Sweet Virginia“ eröffnet. Die ganzen Sympathien des stillen, zurückhaltenden Mannes gelten der bei ihm jobbenden Schülerin Maggie (Odessa Young) und der verheirateten Lila (Imogen Poots), mit der Sam eine heimliche Affäre pflegt. Als der etwas aufdringliche Motelgast Elwood (Christopher Abbott) sich als Auftragsmörder erweist, der zunehmend nervös auf seine Bezahlung wartet, begeben sich die Dinge Richtung Eskalation…

Etwas sarkastischer, etwas weniger melancholisch vielleicht und dies hier wäre ein typischer Coen-Film geworden, wie sie ihn vor zwanzig, dreißig Jahren hätten inszenieren mögen. Dagg lässt sich für ein Minimum an Plot ein gerütteltes Maß an kontemplativer Zeit und erwartet von seinem Publikum, dass es sich in den von ihm so gemächlich vorangetriebenen, personellen und lokalen Mikrokosmos fallen lässt.
Das Kleinstädtchen, in dem sich „Sweet Virginia“ entblättert, liegt nicht nur regional betrachtet ziemlich weitab vom Schuss; es scheint durch die umliegenden Berge symbolisch getrennt vom Rest des Landes. Ein Gewaltakt zu Beginn des Films, dem drei Männer in einem Diner zum Opfer fallen, wird fortan wuchtig als „Massaker“ bezeichnet – so etwas erlebt man hier nicht alle Tage. Fraglos wird sich bald erweisen, dass zwei trauernde Witwen (Poots, Rosemarie DeWitt) mit dem Dreifachmord unmittel- und mittelbar in Verbindung stehen; eine von ihnen ist gar die Auftraggeberin des Killers mit der viel zu kurzen Zundschnür. Interessant wird es, wenn ebenjener und der stille, zum morgendlichen Aufwachen erstmal ein Graspfeifchen rauchende Held sich kennenlernen und sich ein merkwürdiges, symbiotisches Verhältnis zwischen ihnen entspinnt. Projektionsflächen eröffnen sich, Reziprozitäten, die sich in jeweils krisengeschüttelten Biographien widerspiegeln. Wo der eine versucht, seiner Vergangenheit zu entfliehen, ist der andere nicht in der Lage, gänzlich mit ihr abzuschließen. Es braucht ihrer beider Konfrontation, um sich wechselseitige Erlösung zu verschaffen. Den Weg dorthin bereitet Dagg allerdings als recht spröde Chronik, deren Explosivität bis zur finalen Entladung ganz tief unten vor sich hin brodelt.
Jon Bernthal gefällt mir mit jedem Mal, da ich ihn sehe, etwas besser. Mit seinem kantigen Charakterkopf und der Boxernase scheint er für gebrochene Heldenfiguren geradezu prädestiniert, was ja nunmehr auch großflächig erkannt und genutzt wird. Wie seine traurigen Augen unter den von Vollbart und Krauskopf zugewuchertem Gesicht nur ganz selten mal hervorblitzen, das ist nichts Geringeres denn minimalistische Schauspielkunst auf dem Höhepunkt.

8/10

CHILDREN OF THE CORN II: THE FINAL SACRIFICE

„For everything, there is a season.“

Children Of The Corn II: The Final Sacrifice (Tödliche Ernte – Kinder des Zorns II) ~ USA 1992
Directed By: David Price

Die überlebenden Kinder aus Gatlin, Nebraska, Schauplatz eines im sektiererischen Wahn verübten Massenmords, werden von den Bewohnern des Nachbarorts Hemingford in Obhut genommen. Dem stehen ein paar Einwohner wie die alte Mrs. Burke (Marty Terry) überaus skeptisch gegenüber – machen sie doch eben die Gatlin-Kinder für die blutigen Geschehnisse verantwortlich. Der zufällig durchreisende Klatschreporter Garrett (Terence Knox) und sein ihn begleitender Sohn Danny (Paul Scherrer) werden mitten in die Ereignisse gezogen, die nicht nur die sinistren Halbwüchsigen, sondern auch einen Skandal um den Verkauf fauler Maiskolben beinhalten. Zudem ist „Der, der hinter den Reihen wandelt“ nicht weit…

Ganze acht Jahre nach der immerhin noch etwas stimmungsvoll gefertigten Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King machte sich das just gegründete, auf phantastische Stoffe abonnierte Weinstein-Studio Dimension daran, ein Franchise rund um die parareligiös verbrämten Satansblagen vom Stapel zu lassen. „Children Of The Corn II“ war zugleich auch der letzte Film der mittlerweile sieben Sequels und ein TV-Remake umfassenden Serie, dem ein Kinostart vergönnt wurde. Dabei fällt jene erste Fortsetzung gleich ziemlich albern aus: Um den sich als nicht sonderlich spannungsträchtig erweisenden Hauptplot um den infantilen Maiskult ein weiteres inhaltliches Mosaiksteinchen zuzusetzen, schrieben die Autoren ihm eine Geschichte um verschwörerische, kriminelle Landwirte nebenher, hinter denen sich die Stadtoberen von Hemingford verbergen. Die zu einem Quintett anwachsenden Helden bekommen es daher gleich mit zwei Übelswurzeln zu tun, was dennoch keinerlei Anlass zu visuellen Sensationen bietet. Abgesehen von ein paar wenigen netten Ideen und S-F/X bleibt alles so flach und dörr wie der Mittelwesten im Hochsommer. Die geflissentlich bedrohliche Atmosphäre des Originals weicht einem ordinären Slasherkonzept, das sich primär um den bösen Micah (Ryan Bollman) und seine ihm hörigen Jünger schart, wie sie sich ihrer unbequemen erwachsenen Gegner und Mitwisser entledigen. Ein altkluger Indianer (Ned Romero), der natürlich die übersinnliche Essenz hinter den Ereignissen durchblickt, darf dabei ebensowenig fehlen wie love interests für Vater und Sohn nebst den Zug sträflich ausbremsenden Romantikszenen.
Wer gern wissen möchte, warum die Neunziger im Genresektor vielerorts als „most boring deacde“ erachtet werden, der findet hier ein durchaus passendes Indiz. Kein Werk zum Blumentöpfe gewinnen.

3/10

THE HOUSE

„Give the password!“

The House (Casino Undercover) ~ USA 2017
Directed By: Andrew Jay Cohen

Um dem lieben Töchterlein Alex (Ryan Simpkins) trotz ihrer wider Erwarten flöten gegangener Subventionen doch noch das Studium finanzieren zu können, lässt sich das Kleinstadtehepaar Scott (Will Ferrell) und Kate Johansen (Amy Poehler) auf den etwas obskuren Vorschlag ihres in Scheidung befindlichen Freundes Frank Theodorakis (Jason Mantzoukas) ein: Der, selbst notorischer Zocker, hat nämlich die Idee, in seinem Haus ein illegales Spielcasino aufzumachen. Schon bald versammelt sich das halbe Städtchen als Stammkundschaft vor Ort, doch ebenso rasch bekommen Stadtrat Schaeffer (Nick Kroll)  und Mafioso Tommy (Jeremy Renner) mit, dass sich irgendetwas Faules abspielt in der Gemeinde…

Will Ferrell ist so ziemlich der einzig wesentliche Grund, sich diesem etwas lauwarmen Spaß zu widmen, dessen wenig originelle humoristische Finesse im Grunde darum besteht, die moralische Bigotterie des urtypischen, amerkanischen Vorstadt-Bourgeois zu denunzieren. Als wären die entsprechenden Erkenntnisse bahnbrechend, lädt „The House“ sein spießbürgerliches Figureninventar dazu ein, allerlei schräge Dinge zu tun zu tun vom Drogenmissbrauch bin hin zum catfight. Das ist manchmal zum Schmunzeln, manchmal auch nicht, je nach Einfaltsmaß der dargereichten Szene. Die größten Spitzen sind natürlich Ferrell vorbehalten, dessen Persönlichkeit als etwas domestizierte Person seiner mit den allseits bekannten habituellen Eigenheiten kokettierenden Kunstfigur irgendwann zu transzendieren beginnt; Scott Johansen verwandelt sich dann in einen gnadenlosen, öligen Gangster mit dem Spitznamen „The Butcher“, vor dem jedermann zu Staube kriecht. Solcherlei Blödsinn ist dem wie immer sehenswerten Komiker zweifellos unmittelbar auf den Leib geschrieben und er ist daher auch der beste Mann in diesem Fach. Das ganze Drumherum jedoch kommt über mediokren Sitcom-Status kaum hinaus; es fehlt an veritabler Schärfe und Anarchie sowie an der (zumindest meinerseits) wehmütig vermissten Konsequenz, auch mal über die end credits hinaus ein feistes „Leck mich am Arsch!“ echoen zu hören, so wie damals das von Frank „The Tank“ Ricard zum Finale von Todd Phillips‘ monumentalem „Old School“. Sicher, es wäre schon ziemlich katastrophal für unsere Welt, wenn jeder erwachsene Mann sich vorsätzlich zur Regression entschlösse, wenn es denn aber doch hier und da mal einer tut, dann gebührt ihm doch wohl alles Glück auf Erden.

6/10

IT

„Time to float.“

It (Es) ~ USA/CAN 2017
Directed By: Andy Muschietti

In der Kleinstadt Derry, Maine macht sich im Herbst 1988 das Böse breit. Zumeist erscheint es seinen vornehmlich juvenilen Opfern als diabolischer Clown Pennywise (Bill Skarsgård), kann jedoch auch alle möglichen anderen Formen annehmen oder horrible Szenarien vortäuschen, die die Angst seiner unfreiwillig heimgesuchten Klientel verstärken.
Eine siebenköpfige Gruppe von sich sowohl von Gleichaltrigen als auch von der Elterngeneration im Stich gelassen fühlenden Kids stellt sich dem dämonischen Treiben mit aller Entschiedenheit entgegen.

Viel Essenzielles gibt es nicht zu berichten über Andy Muschiettis ersten Teil der Neuverfilmung von Stephen Kings opus magnum. Wie schon Tommy Lee Wallaces vor siebzehn Jahren entstandene TV-Adaption transponiert er den in der kindlichen Vergangenheit der Protagonisten spielenden, ersten Aufzug, um die narrative Gegenwart später der eigenen Entstehungszeit angleichen zu können. Dies folgt einem derzeit schwer angesagten und dementsprechend breit bedienten, unterhaltungsmedialen Trend, zugeschnitten auf die quantitativ wohl nicht eben gering ausfallende Publikumsschicht von Konsumenten, die wesentliche Teile ihre Kindheit in den Mitt- bis Spätchtzigern verlebt haben und jener Periode somit auch entscheidende Prägungsfaktoren ihrer Vorlieben „verdanken“. Titel wie „The Goonies“, „Stand By Me“, „The Explorers“ und alles mögliche Anverwandte fallen in diesem Bezugsrahmen immer und immer wieder. Die Netflix-Serie „Stranger Things“ bedient diese offenbar einen zeitgeistlichen Nerv treffende Nostalgiesparte seit nunmehr zwei Staffeln bereits mit immensem Erfolg und es steht zu erwarten, dass auch das Kino mit „It“ noch lange nicht seinen letzten Repräsentanten jener Flashback-Avancen hervorgezaubert hat. Abgesehen von diesem alles in allem wenig spannenden Pseudophänomen, das wohl am Ehesten dazu angetan ist, den ungeheuerlichen, kommerziellen Erfolg des Films zu erklären, präserviert Muschiettis Film, der Nachfolger seines doch sehr mediokren Geisterstreifens „Mama“, durchaus nett daherkommendes Entertainment, bei dem sich bessere inszenatorische Ideen mit halbwegs lässlichen Redundanzen die Waage halten. Dass „It“ mit seinen Mehrfach-Showdowns deutlich übers Ziel hinausschießt und Erzählzeit schindet, wo es längst keiner mehr bedurft hätte, wäre er bloß konzentrierter korsettiert, dürfte noch der größte Faux-pas sein; zu deutlich potenterer Stärke findet Muschietti wiederum, wenn er (trotz der albernen Affinität eines der Helden zu der Affentruppe New Kids On The Block) unerwartet schöne Songs aus dem Ärmel zaubert und sich auf die intimeren Coming-of-Age-Momente konzentriert. Leider hat es derlei Momente vor allem im Direktvergleich allzu wenige und so kommt am Ende wenig mehr denn ein doch ziemlich gemischtgeschrotetes Unternehmen heraus, dessen demografisches Analysepotenzial letzten Endes interessanter ausfällt als es selbst.

6/10