PATERSON

„Poetry in translation is like taking a shower with a raincoat on.“

Paterson ~ USA/F/D 2016
Directed By: Jim Jarmusch

Paterson (Adam Driver), der Mann, der heißt, wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt und als Busfahrer tagtäglich seine Runden zieht. Paterson, der Mann, ist verheiratet mit Laura (Golshifteh Farahani), die nicht ganz so gut backt und kocht, wie sie glaubt, was er ihr aber nie sagen würde. Laura liebt Paterson vor allem für seine Dichtkunst, die er jedoch lieber nicht zu veröffentlichen bevorzugt. Allabendlich trinkt Paterson ein Bier in seiner Stammkneipe, während Bulldogge Marvin draußen angebunden auf ihn wartet. Paterson liebt sein Leben, auch, wenn es gleichförmig und scheinbar ereignislos verläuft. Es sind die kleinen, kurzen Begegnungen und Episoden, die ihn glücklich stimmen: Die Leute, die mit dem Bus fahren, ein kleines Mädchen (Sterling Jeris), dass sich wie er selbst der Poesie verschrieben hat. Schießlich ein japanischer Dichter (Masatoshi Nagase), der ihm ein leeres Notizbuch schenkt.

Jim Jarmusch, unangefochtener amerikanischer Meister des stillen, kontemplativen Kinos, bleibt mit „Paterson“ seiner Linie nicht nur treu, sondern verlangsamt sein Tempo sogar nochmals, analog vielleicht zum eigenen Älterwerden. „Paterson“ erzählt den Abriss einer Woche im Leben des gleichnamigen Protagonisten in seiner gleichnamigen Stadt, die für ihre vergleichsweise bescheidene Größe eine erstaunliche Anzahl Prominenter und Kulturschaffender hervorgebracht und beherberht hat. Obwohl jene sieben Tage augenscheinlich wenige Höhepunkte vorweisen, geschehen für Paterson und seinen Lebensweg gleich mehrere elementare Begebenheiten, die ihn in allem, was er ist und was er sein will, bestätigen. Paterson hat seinen festen Platz in der Welt. Er ist ein heimlicher Intellektueller, ein Dienstleister, an den sehr heterogenen Menschen, denen er allenthalben begegnet und mit denen er täglich zu tun hat; sei es, indem er einen liebeskranken Kneipengast (William Jackson Harper) besänftigt, oder seine nervösen Fahrgäste angesichts einer Buspanne beruhigt. Sein Bücherregal ist nicht besonders groß, aber fein selektiert. William Carlos Williams steht darin, wie Paterson selbst ein schreibender Observierer, der einst eine Anthologie veröffentlicht hat, die – wie könnte es anders sein – den Namen „Paterson“ trägt. Äquivalenzen und Spiegelbilder ziehen sich leitmotivisch durch Patersons Alltag: Immer wieder und überall begegnet er Zwillingspärchen. Alles hat zwei Seiten. Als er einmal mit Laura ins Kino geht, um sich Erle C. Kentons Klassiker „Island Of Lost Souls“ anzuschauen, zerfetzt der eifersüchtige, alleingelassene Marvin sein Gedichtbuch derweil zu Haus Patersons handschriftlich geführten Gedichtband. Doch auch das wirft den Helden des Alltags nicht aus der Bahn. Dass es und alles, manchmal auf geradezu magische Weise, immer weitergeht, wird sich ihm kurz darauf offenbaren.

8/10

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I DRINK YOUR BLOOD

„I’m only a veterinarian, Pete. Your sister’s not an animal.“

I Drink Your Blood (Die Tollwütigen) ~ USA 1970
Directed By: David E. Durston

Der Teufelspriester Horace Bones (Bhaskar Roy Chowdhury) und seine Gruppe von Satanisten-Hippies fallen, nachdem sie die Teenagerin Sylvia (Iris Brooks), die sie bei einem ihrer nächtlichen Rituale beobachtet hat, vergewaltigen, in ein beschauliches Provinznest ein, um dort das zu tun, was sie am Besten beherrschen: die Bürger erschrecken. Man besetzt ein leerstehendes Haus, bettelt, was das Zeug hält und pfeift sich Gras und LSD bis zum Abwinken in die Windungen. Nachdem sie Sylvias erbosten Großvater Dr. Banner (Richard Bowler), der sich bei ihnen beschwert, kurzerhand unter Acid setzen, wird der kleine Pete (Riley Mills), Sylvias Bruder, grantig. Er erschießt einen tollwütigen Hund, zapft ihm Blut ab und mischt es den garstigen Brüdern und Schwestern unter ein paar Fleischpasteten. Die Satansbrut erlebt daraufhin den Trip ihres Lebens, verfällt durch die Bank der Tollwut und attackiert geifernd alles, was sich bewegt.

David E. Durstons rotznäsiger, kleiner Reißer bietet gleich mehrerlei an dickem Plus: er ist eine echte Wundertüte des apokryphen Frühsiebziger-Kinos, ein Inbegriff des Terminus „Exploitation“ und vor allem: ein ganz gewaltiger, unappetitlicher Spaß, der seinen Zuschauer auf eine Achterbahn der Unfassbarkeiten verfrachtet.
Der Satansanbeter Horace Bones, gespielt von dem indischstämmigen Maler und Tänzer Bhaskar Roy Chowdhury oder kurz Bhaskar, ist der Inbegriff der kleinbürgerlichen, amerikanischen Vorstellung von gesellschaftszersetzendem Abschaum – ein auf sämtliche Normen und Werte pfeifendes Subjekt von einem Gammler, dazu noch eine Art Nachwuchs-Manson. Fehlt quasi bloß noch das Bekenntnis zum Kommunismus, aber für ein solches müsste man ja Bücher lesen. In Ermangelung von heißen Motorrädern fallen Horace und seine Mädels und Jungs, die neben hochfrequentem Drogenkonsum auch noch wilde Promiskuität pflegen, also ausnahmsweise nicht unter das zu jener Zeit allseits beliebte Rocker-Stigma, sondern sind zunächst in einem psychdelisch bemalten Kleinbus unterwegs. Nachdem dieser den Geist aufgibt, sitzen sie also erstmal fest in unserer liebenswerten, repräsentativen Kleinstadt, machen sich es dort jedoch gleich mal, breitärschig, wie sie so sind, ordentlich bequem. Diese Bequemlichkeit geht natürlich schwer zu Lasten der nervlichen (und übrigen) Gesundheit der Einwohner, aber das gehört ja zum üblen Ton von derlei humanem Unrat. Zeit, dass auch ihnen mal einer einen Streich spielt und der (offenbar selbst nicht ganz dichte) Lausbub Pete kommt da gleich mit drakonischen Maßnahmen. Der vom Acid angefressene Cortex und die mit Tollwutbakterien kontaminierten Fleischpastetchen gehen eine unheilvolle Verbindung ein und schon hat man eine Horde sabbernder Wilder, die sich sogar noch irrationaler verhalten als vorher und gegen die nurmehr bloß noch mit Schusswaffe und Heugabel beikommen kann – und mit fließend Wasser natürlich, denn solches, das versichert Doc Banner, hat auf Rabiespatienten denselben Effekt wie geweihtes Nass auf den Gehörnten. Zumindest, was die Angst vor selbigem anbelangt.
Es gibt also eine ordentliche Menge Holz in diesem durchweg liebenswerten, weil nicht zuletzt gepflegt ironischem Aggroheimer von anno 70, der, so wahr ich dies hier tippe, ein legitimes Bindeglied zwischen den beiden Midnight Specials „Night Of The Living Dead“ und „The Last House On The Left“ bildet.
Ganz, ganz feiner Stoff und spitzenmäßig im Abgang!

8/10

CEDAR RAPIDS

„Degenerate? I love it, that’s me!“

Cedar Rapids (Willkommen in Cedar Rapids) ~ USA 2011
Directed By: Miguel Arteta

Versicherungsvertreter Tim Lippe (Ed Helms) ist in seinem ganzen Leben noch nie aus seiner Kleinstadt herausgekommen. Jetzt soll er urplötzlich, infolge des unfälligen Ablebens seines Kollegen Lemke (Thomas Lennon), dessen alljährliche Reise zum Vertreterkongress in Cedar Rapids, Iowa, übernehmen, um der Firma wie gewohnt den dort verliehenen „Two Diamonds“-Award zu sichern, das absolute Prunkstück der lokalen Versicherer. Das Zusammensein vor Ort mit denteils etwas exzentrischen Berufskollegen Ziegler (John C. Reilly), Ostrowski-Fox (Anne Heche) und Wilkes (Isiah Whitlock Jr) sorgt für unerwartete Erweckungsmomente bei Tim…

Manche Filme, und das ist immer wieder ein wenig traurig, sind schlicht egal. Sie geben einem nichts, lassen einen gänzlich unberührt zurück, sind auf ganzer Nulllinie einfach bloß bieder, grau und medioker und, und das ist eigentlich das Schlimmste – es ist schlichtweg egal, ob man sie gesehen hat, weil sie nichts zu bieten haben. „Cedar Rapids“ ist so ein Film. Er ist keinesfalls schlecht, sondern einfach nur auf ganzer Linie und rundum egal. Man sieht ihn und beginnt unweigerlich immer wieder, die Perspektive auf unendlich zu stellen, so wie bei den 3-D-Gemälden damals in den Neunzigern. Nur, dass da eben nicht auf einmal eine Horde Elefanten vor einem auftaucht. Die Bildausschnitt bleibt verschwommen, zumal man den Scharfblick gar nicht benötigt. Denn was da vor einem passiert, ist unwesentlich, beherbergt nichts, was einem wohl oder gar weh täte. Es gibt ein, zwei Szenen, die sind zum Schmunzeln. Das war’s. Die agierenden Personen, sogar, und das kommt einem kleinen Verbrechen gleich, John C. Reilly, sind Durchschnittsmenschen, das Script berichtet vom Durchschnitt, die Inszenierung ist durchschnittlich. Da reißt auch das ach so wilde (wenn es zum Thema Rausch kommt jedoch scheinbar unerlässliche) Element Crystal Meth nichts raus. Es passiert ja doch nichts. Was interessiert mich die Scheiß-Normalität, wenn ich mich auf filmische Entdeckungsreise begebe? Tatsächlich haftet „Cedar Rapids“ sogar ein subtiles, zutiefst depressives Element an, eine fraglos unfreiwllig kreierte, beinahe kafkaeske Ebene. Man möchte von all dem, was da passiert, lieber gar nichts wissen, so durchschnittlich und uninteressant ist es, am wenigsten von dem armen Schwein Tim Lippe. Der lebt ja gar nicht richtig.
Nur aufgrund dieser Zeilen werde ich in drei, vier Jahren überhaupt noch wissen, dass ich das Ding jemals gesehen habe. Erinnern können werde ich mich nicht. Woran auch? War da was? Häh?

4/10

THE BOUNTY HUNTER

„I have no home.“

The Bounty Hunter (Ritter der Prärie) ~ USA 1954
Directed By: André De Toth

Der unerbittliche und stets erfolgreiche Kopfgeldjäger Jim Kipp (Randolph Scott) lässt sich von der Pinkerton-Agentur beauftragen, einem Trio von Eisenbahnräubern nachzuspüren, das seit über einem Jahr frei herumläuft. Seine Suche führt ihn in das idyllisch anmutende Städtchen Twin Forks, dem just vor rund zwölf Monaten ein deutlicher Wirtschaftsschub zuteil wurde. Kipp ahnt sofort, dass und wie die Dinge zusammenhängen, macht sich bemerkbar und legt sich auf die Lauer, bis die Gangster unvorsichtig werden…

Eine Geschichte des Westen und des Western: „The Bounty Hunter“, die sechste und letzte Kollaboration von André De Toth und Randolph Scott, einst in modischem 3-D gedreht und in die Kinos gebracht, halte ich trotz des heuer völlig unwesentlichen Gimmicks nicht nur für eine der schönsten und gelungensten des fruchtbaren Duos, sondern fürderhin für einen ganz klaren Verweis in Richtung des späteren Boetticher-Zyklus. In „The Bounty Hunter“, seinerseits gewiss beeinflusst von Anthony Manns Meisterwerk „The Naked Spur“, spielt Randy Scott einen verbissenen Kopfgeldjäger, der nach spätem filmischen Bekunden seit seiner Kindheit einem diffusen Racheideal hinterherläuft und es nie geschafft hat, sich zur Ruhe zu setzen. Die Jagd nach Verbrechern, die er ebensogern tot wie lebendig abliefert, erhält also einen eindeutigen Kompensationscharakter und damit ein offenes, psychologisches Moment. Auch über den Wuchs des Westens und seiner Kleinstädte erzählt „The Bounty Hunter“ einmal mehr: Twin Forks erscheint als gepflegter, prosperierender Ort, in dem alles seinen geregelten Gang geht. Dass die dort vorherrschenden Ruhe und Frieden ihren verlogenen Ursprung in drei Ganoven haben, die sich hier niedergelassen und einen Teil ihrer Beute in die Stadtkasse investiert haben, davor verschließt man wahlweise die Augen oder lügt sich um Kopf und Kragen. Die Ankunft von Jim Kipp – natürlich überregional bekannt und gefürchtet – wirkt sich aus wie eine offene Flamme unter dem bislang ruhenden Kessel Twin Forks: es wird ungemütlich und fängt an, hochzukochen. Eine zusätzliche, geschickte Finte Kipps sorgt dafür, dass die drei Verbrecher, die an Gier und Feigheit nichts eingebüßt haben, sich schlussendlich nach und nach selbst verraten, sogar eine Frau (Marie Windsor) ist darunter [die, soviel p.c. muss freilich sein, ihrerseits selbst mithilfe einer Frau, der zuvor in Mitleidenschaft gezogenen Heldin (Dolores Dorn) nämlich, überwältigt werden kann]. Auf den nunmehr in (fast) jeder Hinsicht befriedeten Kopfgeldjäger und sein Mädchen wartet eine legitime Zukunft als geachteter Sheriff nebst Gattin im jetzt ebenfalls befriedeten Twin Forks und damit einem weiteren kleinen, eingeebneten Stück Grenzgebiet.

8/10

TROLL 2

„We love tourists here in Nilbog…“

Troll 2 ~ I 1990
Directed By: Claudio Fragasso

Die vierköpfige Stadtfamilie Waits möchte Urlaub auf dem Lande machen und tauscht zu diesem Zwecke für ein paar Tage die Wohnstatt mit der Farmerfamilie Presents, die in dem ruralen Mini-Städtchen Nilbog haust. Den Waits‘ heimlich auf den Fersen mit einem eigenen Wohnmobil sind der hormongeschüttelte Teenager Elliott (Jason Wright), der es auf Tochter Holly (Connie Young) abgesehen hat und seine drei grenzdebilen Kumpels (Darren Ewing, Jason Steadman, David McConnell). Gleich die Ankunft in Nilbog erweist sich als höchst seltsam. Die Einwohner scheinen zwar freundlich zu sein, es gibt jedoch kein normales Lebensmittelgeschäft und alle (vegetarischen) Speisen werden unter Zugabe einer giftgrünen Pampe kredenzt. Des Rätsels Lösung: Nilbog ist ein Hort böser Kobolde, die Menschen in Pflanzen verwandeln, um sie hernach zu essen. Jenes Schicksal soll auch den Waits und ihren Anhängseln widerfahren, doch Filius Joshua (Michael Stephenson), dem der Geist seines längst verstorbenen Opas (Robert Ormsby) zur Seite steht, ist wehrhafter und vor allem einfallsreicher als die Finsterlinge glauben…

„Troll 2“ ist weder eine offizielle Fortsetzung von „Troll“, noch hängt er inhaltlich in irgendeiner Weise mit John Carl Buechlers hübschem Unikat zusammen. „Troll 2“ hat vielmehr seine ganz eigene Geschichte. Zunächst einmal geht es hier weder um einen, noch um mehrere Trolle, sondern um Kobolde. Der überaus selbstbewusste Regisseur und Mattei-Kompagnon Claudio Fragasso und seine Frau Rossella Drudi, mit der zusammen er trotz äußerst prekärer Sprachkenntnisse ein englisches Drehbuch abfasste, reisten mit ihrem italienischen Stab, darunter die in der Funktion als Kostümbildnerin engagierte Laura Gemser, nach Utah, um das ursprünglich „Goblins“ getaufte Werk dort dingfest zu machen. Ausschließlich Debütanten und Laiendarsteller bestimmten die Besetzungsliste und Drehbedingungen wie sie einem Edward D. Wood Jr. wohl nicht ganz unbekannt vorgekommen wären, den Alltag am Set. Am Ende erwies sich der fertige Film als cineastisches Äquivalent zu einer parfümierten Klobürste und ausgerechnet der zwölfjährige Michael Stephenson als Einziger, der ansatzweise schauspielerische Ansätze durchblicken ließ.
Der ihn allumfassend umgebende, erratisch-delirierende Nonsens – und von einem solchen kann man mit Fug und Recht berichten – ließ nicht nur das zeitgenössische Publikum ratlos bis frustriert zurück: „Troll 2“ verteidigte über lange Jahre seinen ehernen Status als „schlechtester Film der Welt“ und Spitenreiter der imdb bottom list (zumindest nach der durchschnittlichen User-Punktewertung, die irgendwo bei einskommasowieso lag). Das DVD-Zeitalter bescherte dem Film dann einen urplötzlichen Phönixflug: Etliche movie nerds in den USA „entdeckten“ „Troll 2“ und entwickelten einen phasenweisen Kult um den kleinen Billigheimer mit eigens hergerichteten Vorführungen und Partys, die an die Hochzeit des Midnight Cinema in den Siebzigern erinnert. Der mittlerweile erwachsene Darsteller des Joshua Waits, Michael Paul Stephenson, schickte sich 2009 an, mit der anrührenden Dokumentation „Best Worst Movie“ ebenjenem erosiven Parforce-Kult um „Troll 2“ nachzuspüren. Neben den anderen Akteuren von anno dunnemals zentriert sich der unbedingt im direkten Verbund mit dem Originalfilm zu betrachtende Bericht um den damaligen Interpreten des Familienvaters Michael Waits George Hardy, einem freundlichen, in seiner Heimatgegend allseits beliebten Zahnarzt, der mehr oder weniger zufällig dem einstigen Casting-Aufruf gefolgt war und ohne jedwede Vorerfahrung die Rolle erhielt. Hardy gibt dem plötzlichen, unerwarteten Echo um seine Person hocherfreut statt und gibt bei den von ihm als „Star“ besuchten Fan-Events Hunderte von Malen das mittlerweile geflügelte Zitat „You can’t piss on hospitality!“ zum Besten, bis er es selbst nicht mehr hören mag. Auch Claudio Fragasso folgt dem Ruf aus der Ferne, wird jedoch zunehmend ungehalten, als er mehr und mehr feststellt, dass die Re-Rezeption seines Films eher einem gewaltigen Jux entspringt denn aufrichtiger Ehrerbietung. Das Aufsehen um „Troll 2“ ist also ein ziemlich zweischneidiges Schwert, was niemanden davon abhalten sollte, sich dieses goldene Gurke wenigstens einmal anzutun und sei es nur, um wenigstens einmal in den schwer unterhaltsamen Abgrund filmischer Unwägbarkeiten zu blicken.

5/10

WE ARE STILL HERE

„We’ll fix it.“

We Are Still Here ~ USA 2015
Directed By: Ted Geoghegan

Massachusetts, Winter 1979: Um den Unfalltod ihres Sohnes Bobby zu verwinden, zieht das Ehepaar Sacchetti, Anne (Barbara Crampton) und Paul (Andrew Sensenig), aufs Land. Gleich beim Einzug meint die sensible Anne, Signale von Bobby aus dem Jenseits zu erhalten. Ein Besuch der Nachbarn McCabe (Monte Markham, Connie Neer), im Zuge dessen die Sacchettis von der eher beunruhigenden Historie ihres neuen Eigenheims erfahren, wirkt sich indes ebenso verwirrend auf sie aus wie der trotz der niedrigen Temperaturen stark aufgeheizte Keller, in dem sich ein nach dem Rechten sehender Elektriker (Marvin Patterson) schwer verbrennt. Als mit den Lewis‘ (Lisa Marie, Larry Fessenden) ein befreundetes Ehepaar mit spirituellen Fähigkeiten zu Besuch kommt, bricht die Hölle los…

Ted Geoghans Debütfilm erweist sich als stark nostalgisch gefärbtes Genreschmankerl mit Geistern, Fluch und Splatter, an dem das Meiste stimmt. Geoghan hat seine Arbeit insbesondere als Reminiszenz an die Spätsiebziger- und Frühachtziger-Ära angelegt. Für die Fotografie wählte er eine sehr authentisch stimmende, blasse Farbgebung und sanfte Weichzeichneroptik, der Kernplot um eine einst von argwöhnischen Kleinstadtbewohnern gelynchte Familie, die seither im Drei-Dekaden-Rhythmus nach dem Blut einer Familie verlangt, um dann wieder besänftigt ins Zwischenreich zurückzukehren, erinnert ebenfalls an viele der Grusel- und Haunted-House-Filme jener Tage. Das Fluch-, Schuld- und Rachethema verfehlt gerade weil es so gut abgehangen ist und nicht in jedem zweiten der mittlerweile ja wieder zunehmend invasiv auftretenden Dämonenstücke bemüht wird, nicht an vertrauter Wirkung. Allerdings äußern sich die Attacken der Dagmars, so der Familienname der einstmals verbrannten Unglückseligen, nicht durch Spuk und Besessenheit – sie manifestieren sich vielmehr als verkohlte, funkensprühende Zombies, die ihre Opfer mittels gewaltiger Körperkraft auseinanderreißen, zerquetschen oder zerfetzen, was den Effektmeistern hinreichend Anlässe für kernige Sauereien verschafft und den alten gorehound in unsereinem juchzen lässt. Mit Barbara Crampton, Lisa Marie und der gegenwärtig trotz seines Alters wieder viel beschäftigte Monte Markham stand Geoghan dazu noch sympathische Traditionsprominenz zur Seite, mit denen das Wiedersehen einfach Freude bereitet.
Prima!

8/10

ZANNA BIANCA

Zitat entfällt.

Zanna Bianca (Wolfsblut) ~ I/E/F 1973
Directed By: Lucio Fulci

Yukon während des Goldrauschs: Das Schürferstädtchen Dawson leidet unter der Knute des despotischen Banditen Beauty Smith (John Steiner), der dafür sorgt, dass alle Funde der Claimbesitzer sofort in seinen Amüsierbetrieben landen. Ihm in die Quere kommen die beiden befreundeten Abenteurer Kurt (Raimund Harmstorf) und Jason (Franco Nero), die nicht nur den Mord an dem mit ihnen befreundeten Indianer Charlie (Daniel Martín) aufklären, sondern sich auch des treuen Schäferhundmischlings Wolfsblut annehmen, der Charlies Sohn Mitsah (Missaele) das Leben gerettet hat.

Überaus frei nach Jack Londons zugrunde liegendem Abenteuerstoff wurde hier verfahren, um ein wie es zu dieser Zeit üblich war, übernational-gemeinschaftliches Kinoprojekt zu stemmen, bei dem die Produktionsgelder aus allen möglichen Ländern kamen und schätzungsweise mindestens dreiundzwanzig verschiedene Sprachen zugleich am Set gesprochen wurden. Das hieraus zweifelsohne entstehende, heillose Chaos merkt man den Endresultaten stets nur selten an, was für die Routine und Professionalität spricht, mit der die Beteiligten regelmäßig zu Werke gegangen sein dürften. „Zanna Bianca“ (dessen Außenaufnahmen natürlich nicht in Nordwest-Kanada, sondern in Norwegen und Spanien entstanden), verfügt mit seiner Besetzung um Nero, Harmstorf, Steiner und darüberhinaus Virna Lisi, Carole André, Fernando Rey und Rik Battaglia also über ein kleines who’s who der damaligen Publikumslieblinge; deftige Auseinandersetzungen und ein schroffer, am harten Leben der Goldgräber orientierter Stil, der noch ein bisschen mit den letzten Euro-Western-Ausläufern liebäugelt, sorgten dafür, dass die angebliche „Familienfreundlichkeit“, die man einem London-Stoff ja irgendwie bereits gemeinhin unterstellt, mit obachtsvoller Vorsicht zu genießen war. Die Brunnemann-Synchro auf der anderen Seite lockerte mit ihren vertrauten, kleinen Flapsigkeiten die etwas dunkleren Momente des Films auf.
„Zanna Bianca“ wurde auch dank fortwährender TV-Einsätze ein schätzenswerter Achtungserfolg und vermutlich einer von Fulcis einträglichsten Filmen. Darüber, warum er in seiner Funktion als Regisseur, zumal etwa im Vergleich mit der direkten Vorgängerarbeit, dem Giallo „No Si Sevizia A Un Paperino“ bestenfalls eine verwässerte, dünne Signatur hinterlässt, bleibt mir heuer nur zu spekulieren bzw. durch das Fachpersonal zu erläutern. Vermutlich war er hier einfach zu sehr eingeschränkt durch die äußeren Bedingungen, um seine ganze kreative Feuerkraft entfalten zu können.

6/10