THE SUICIDE SQUAD

„Nom-nom?“

The Suicide Squad ~ USA/CA/UK 2021
Directed By: James Gunn

Die aus im Gefängnis einsitzenden, kriminellen oder geistesgestörten Metawesen bestehende, von Agent Amanda Waller (Viola Davis) rekrutierte „Task Force X“ aka „Suicide Squad“ erhält in weitgehend neuer Zusammensetzung einen weiteren Auftrag: Die Truppe soll auf der von einer Militärjunta beherrschten Karibikinsel Corto Maltese einfallen und eine von Regierungstruppen schwer bewachte Festung namens „Jotunheim“ zerstören, in der ein mysteriöses Forschungsprojekt names „Starfish“ beheimatet ist. Die Suicide Squad landet in zwei Abteilungen an der Küste von Corto Maltese, wobei die erste, mit Ausnahme von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) und der verrückten Harley Quinn (Margot Robbie), unmittelbar aufgerieben wird. Die kleinere, aber deutlich wehrhaftere Abordnung besteht aus dem Söldner Robert DuBois (Idris Elba) alias „Bloodsport“, dem selbsternannten „Peacemaker“ Christopher Smith (John Cena), dem irren Laborexperiment Abner Krill (David Dastmalchian) alias „Polka-Dot-Man“, dem maritimen Halbgott Nanaue (Sylvester Stallone) alias „King Shark“ und der mit absoluter Macht über Ratten ausgestatteten Cleo Cazo (Daniela Melchior) alias „Ratcatcher II“. Gemeinsam arbeitet sich das Team bis in die Hauptstadt vor, nimmt den Projektleiter Gaius Grieves (Peter Capaldi) alias „Thinker“ gefangen und gelangt mit dessen Hilfe in die Mauern von Jotunheim. Die ursprüngliche Mission kann unter Verlusten erfüllt werden, doch mit der Einebnung des Gebäudes wird zugleich eine neue, furchtbare Gefahr entfesselt. Von nun an muss die Suicide Squad auf eigene Rechnung arbeiten…

Wie der „Guardians Of The Galaxy“-Betreuer James Gunn zu seinem Zwischenspiel beim DCEU kam, dürfte ja hinlänglich bewusst sein. Dass damit zugleich ein kleiner, kreativer Brückenschlag zwischen den beiden Comicfilm-Riesen vollzogen wurde, erweist sich als so gleichermaßen reizvoll wie schadenfreudig: Während Disney und MCU-Mastermind Kevin Feige Gunn vormals eher in weitgehend domestizierten Schranken arbeitenund seine bekanntermaßen im derberen Filmschaffen wurzelnde Kreativenergie sich in psychedelischen Space-Gags sublimieren ließen, konnte er bei DC zum ersten Mal seit seinem zweiten Film „Super“ wieder vollends die Sau durchs Dorf und es gerade so bunt treiben, wie ihm der freche Schnabel gewachsen ist. Das Resultat ist die erste echte splatter comedy im großbudgetierten High-End-Superheldenfilm, eine liebenswert-böshumorige Burleske, in der geholzt wird, dass die Schwarte kracht. Dabei wird die makrokosmische Anbindung an Zack Snyders DC-Trilogie aufrecht erhalten und es handelt sich tatsächlich auch nicht, wie gelegentlich aufzuschnappen war, um ein Reboot von David Ayers „Suicide Squad“, sondern um ein echtes Sequel, das zur gleichen Zeit allerdings eine umfassende Renovierung des Originals betreibt. Bekanntermaßen wurde Ayer damals gehörigst in die Schranken gewiesen und dazu angehalten, seine Vision dieses verlottertsten aller Heldenteams so jugendfrei als möglich abzuliefern. Die Gags darin nahmen sich dementsprechend eher durchgemangelt aus und der overfiend wenig denkwürdig. Mit all diesen kleinen und großen Faux-pas räumt Gunn in seiner sehr persönlich gefärbten Vision der Squad rigoros auf: Ihren selbstmörderischen Beinamen trägt die Task Force X nunmehr völlig zu Recht; unmittelbar zu Beginn wird der gewissermaßen zur Ablenkung der Kerngruppe dienenden Vorhut der Garaus gemacht, als gäbe es kein Morgen mehr und die Marschrichtung des Films damit auch gleich unumwunden vorgegeben. Der im Folgenden von Gunn ausgerollte Irrsinnsteppich besteht aus einem Füllhorn mitunter brillanter visueller Einfälle, kleinen, manchmal etwas überschmückt scheinenden Nebenepisödchen [über Wert und Nutzen der als Bypass eingeflochtenen Kurzromanze zwischen Harley Quinn und dem Inseldespoten Luna (Juan Diego Botto) ließe sich etwa diskutieren – zweifelsohne dient sie in erster Linie dazu, Robbie Screentime zu verschaffen] und natürlich dem famosen Endkampf gegen den klassischen JLA-Gegner Starro, einen gewaltigen, außerirdischen Seestern, der sich seine Untertanen mittels kleiner Versionen seiner selbst, die er auf deren Gesichter pflanzt, gefügig macht. Wenn man es recht bedenkt, konnte der in Gestalt und Ausprägung nicht mehr ganz zeitgemäße Starro auch nur von einem wie Gunn zum Leinwandleben erweckt werden, die meisten anderen Filmemacher hätten sich vermutlich bis auf die Knochen blamiert. Schließlich lassen sich Gebrauch und Kompilierung der Figuren als gehörig sarkastisches Statement begreifen – die zur neuen Suicide Squad zählenden Charaktere sind, natürlich mit Ausnahme von Fanliebling Harley Quinn, die, ohne allzu augenfällige Beschränkungen zu erfahren, im Prinzip das einzig greifbare räsonistische Bindeglied zwischen dem etablierten DCEU und Gunns abgefucktem Grand-Guignol-Zirkus darstellt, allesamt letztklassige Seitenfüller, an die sich in erster Linie wohl nur wandelnde Comic-Enzyklopädien erinnern werden. Dass es zugleich aber nur solche vergessenen TertiärschurkInnen sein können, mit denen Gunn ins Feld zieht, ist letzten Endes so evident wie eigentlich alles andere auch an diesem rüpelhaft-spaßigen Film.

8/10

THE WORLD’S FASTEST INDIAN

„Dirty old men need love too!“

The World’s Fastest Indian (Mit Herz und Hand) ~ NZ/USA/J 2005
Directed By: Roger Donaldson

Invercargill, Neuseeland, 1962. Burt Munro (Anthony Hopkins), ein recht betagter Herr, gilt zwar als etwas kauzig, ist mit seinem stets freundlichen Wesen jedoch bei jedermann in der kleinen Stadt beliebt. Sein ganzes Herz hängt an einem alten, 1920er Indian-Scout-Motorrad, an der er tagaus, tagein herumschraubt und das ein beachtliches Tempo erreicht. Burts größter Traum, die Spitzengeschwindigkeit seiner Maschine beim Bonneville Salt Flats in Utah zu testen, wird schließlich Wirklichkeit, als er dank einer Hypothek auf sein Häuschen, die finanziellen Mittel für den Trip beisammen hat. Eine billig ergatterte Schiffspassage bringt ihn und seine Indian Scout nach Kalifornien, ein günstig erstandener Gebrauchtwagen von dort aus beide nach Utah, wo Burt allen Vorbehalten zum Trotz nur den ersten von vielen noch folgenden Schnelligkeitsrekorden aufstellt.

Mit „The Worlds Fastest Indian“ stellte Roger Donaldson ein großes Herzensprojekt auf die Beine, an dem er zuvor bereits seit zwanzig Jahren gearbeitet hatte und dessen finale Produktion er schließlich in kompletter Eigeninitiative auf die Beine stellte. Nach diversen Filmen für die großen Hollywood-Studios bildet diese manifestierte Definition eines feel good movies ergo die persönlichste Arbeit des Regisseurs, dessen eigentlich so typisch unpassende deutsche Betitelung sich gewissermaßen als self fulfilling prophecy lesen lässt. Wie seine authentische Hauptfigur Burt Munro machte Donaldson damit vielleicht ein Stück unmöglich Gewähntes möglich. Das wunderbare Resultat, anders als seine teuren Auftragsarbeiten im weniger breiten 1,85:1-Format kadriert, erinnert ein wenig an die kontemplative Gelassenheit von David Lynchs „The Straight Story“ mit dem er manch basalen Zug teilt. Wie Alvin Straight ist auch Burt Munro ein innerlich ausgeglichener Mann, der trotz seiner hohen Jahre nicht allzu viel von der Welt außerhalb des alltäglichen Trotts gesehen hat, nunmehr jedoch seinen existenziellen Mikrokosmos aufbricht, um mit bescheidenen Mitteln ein weit entferntes Ziel zu erreichen. Natürlich kommt im vorliegenden Fall noch hinzu, dass dieses eine sportliche Herausforderung darstellt, die wiederum allerdings umso größer ist, als dass man sie ihrem Akteur aus Altersgründen nicht zutrauen mag. Doch wie jedes andere Problem beseitigt Burt Munro letzten Endes auch dieses durch sein gewinnendes Wesen – möglicherweise gerade bedingt durch seine Herkunft vom „Ende der Welt“ ist er ist das, was man einen Philanthropen nennen mag. Vorurteilsfrei beurteilt er die Menschen, die er trifft, nicht nach Ethnie, Sozialstatus oder sexueller Orientierung, sondern einzig nach ihrer Persönlichkeit. Diese simple Eigenschaft gewährt ihm allerorten Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit und macht ihn zum Gewinner der Herzen, wohin er auch kommt. Erwartbar, dass Burt Munro damit am Ende auch die private Herausforderung des speed record meistert.
Donaldson erzählt sein road movie mit einer rar gewordenen Gelassenheit, gibt jeder einzelnen, noch so aklimaktisch scheinenden Episode auf Burts Reise ausreichend Raum und hält im Herzen von „The World’s Fastest Indian“ für jeden einzelne seiner vielen Figuren ein Zimmer frei, ganz ohne sarkastische Brechungen. Vielleicht ist das alles dem einen oder anderen zu weichgespült, nicht hinreichend zynisch oder ermangelt eines gegenwärtig unerlässlichen, harten Realismus. Ich kann das nicht sagen. Mir und meinem Bauch hat dieser ziemlich wunderbare Film gut getan.

8/10

PALM SPRINGS

„Its one of those infinite time loop situations you might have heard about.“

Palm Springs ~ USA/HK 2020
Directed By: Max Barbakow

Schon seit einer gefühlten Ewigkeit ist Nyles (Andy Samberg) in einer Zeitschleife gefangenen, die dazu führt, dass er den 9. November bewusst immer wieder und wieder erleben muss. Dabei handelt es sich gleichfalls um den Hochzeitstag von Tala (Camila Mendes), der besten Freundin seiner enervierenden Partnerin Misty (Meredith Hagner), der in einem kleinen Hotel im sonnendurchfluteten Palm Springs stattfindet. Die Erklärung für die quantenphysische Extravaganz: In einem nahegelegenen Felsengebirge gibt es eine Höhle nebst mysteriösem Energiefeld, das jede Person, die sich ihm nähert, zu ebenjener Endlosrepetierung der immerselben letzten 24 Stunden verdammt. Nachdem Nyles bereits vor längerem während eines ausgiebigen, gemeinsamen Drogentrips den aus Irvine stammenden Hochzeitsgast Roy (J.K. Simmons) mit zur Höhle und somit in die Zeitschleife genommen hat, landet auch die Brautschwester Sarah (Cristin Milioti) eines Nachts versehentlich darin. Während für Nyles, der insgeheim schon seit längerem in Sarah verliebt ist, die unverhofft eingeweihte Begleitung eine willkommene Abwechslung vom alltäglichen Einerlei darstellt, mag sich seine neue Gespielin nie ganz mit der ausweglosen Situation abfinden. Zwar verliebt sich auch Sarah irgendwann in Nyles, doch gewisse Gründe veranlassen sie trotz ihrer Gefühle dazu, nach einer wissenschaftlich probaten Lösung für ihr Problem zu suchen…

Der Zeitschleifen-Topos stellt bereits länger, als man gemeinhin vermuten möchte, ein festes SciFi-Subgenre dar, dessen literarische und filmische Umsetzungen in der Regel noch eine zusätzliche, untergeordnete Erzählgattung bedienen, seien es die (romantische) Komödie, Thriller- und/oder Action-Storys. Weltberühmt wurde das Sujet natürlich endgültig durch Harold Ramis‘ unsterblichen Klassiker „Groundhog Day“, in dem es für Bill Murray als Hauptfigur Phil Connors gilt, über den Schatten seines unermüdlichen, lakonischen Zynismus‘ zu springen und jenen einen, ausnahmslos idealen Tag zu verbringen, um sich ins reale Morgen retten zu können. Derlei moralinsaure Metaphysik spielt in Max Barbakows „Palm Springs“ ebensowenig eine (allzu eminente) Rolle wie wahlweise die Aufklärung eines Kriminalfalles oder irgendwelche Mindfuck-Volten, wie sie andere Exempel vor ihm längst mit diesbezüglich deutlich intensiverem Interesse durchgespielt haben. „Palm Springs“, der mir mit etwas Sichtungsabstand etwas wie eine westgewandte, weniger kantige und weichere, philanthropischere Behauung der letzten beiden Korine-Filme vorkommt, könnte man vielmehr als postmodernistische time loop romcom bezeichnen: er wähnt seine mündige Zuschauerschaft als in bester Kenntnis befindlich um die zahllosen Möglichkeiten und Fallstricke, die das Erlebnis des sich permanent wiederholenden Tages beinhaltet und gibt sich erst gar keine Mühe damit, das, was Bill Murray einst noch als existenzielle Besonderheiten erlebte, auch nur im Mindesten sensationalistisch wieder aufzurollen. Dass jede noch so vermeintlich grenzwertige Aktion keinerlei nachhaltigen Effekt aufweist, da der nächste Morgen (im vorliegenden Fall) pünktlich um 9.01 a.m. wieder „auf Null“ schaltet, haben auch Nyles und der ihn völlig zu Recht als seine ultimative Nemesis wähnende Roy bereits zu Beginn des Films längst internalisiert.
Das Publikum derweil wird an die Seite der mit ihm frisch in der pikanten Situation befindlichen Sarah gestellt, einer sympathischen, aber etwas lose vor sich hin lebenden Mittdreißigerin, die, ebenso, wie der sich seiner besonderen Lage längst ergebende Nyles, bis dato noch nicht die wahre existenzielle Erfüllung gefunden hat. Am Ende rettet sie beide schließlich der unbedingte Wille zur Konsequenz und dazu, sich der persönlichen Zukunft emotional wohlgerüstet zu stellen, freilich mit Sarah als initiierendem Faktor. Zuvor gibt es allerlei Gelegenheiten sowohl zum aufrichtigen Verlieben als auch zu mal mehr, mal weniger schwarzem Humor mit – auch das freilich ein beliebtes traditionelles Element – multipler Todesfolge; mal mehr, mal weniger einkalkuliert. Besonders liebenswert daran sind die überaus schöne Paarung Samberg – Milioti, dazu passend einige typisch SNL-lastige Bonmots und eine exzellente Songauswahl. Könnte mit mehrfacher Betrachtung noch wachsen.

8/10

BLACK WIDOW

„It still fits!“

Black Widow ~ USA 2021
Directed By: Cate Shortland

Während Black Widow Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) wegen ihrer Verstöße gegen das Sokovia-Abkommen weltweit von den US-Militärs gesucht wird und sich in Norwegen versteckt, spüt sie eine martialisch kostümierte, schwerbewaffnete Attentäterin namens „Taskmaster“ (Olga Kurylenko) auf, die ein unbewusst in Natashas Besitz befindliches Köfferchen sucht. Darin finden sich wiederum einige Phiolen mit einem roten Gas mysteriösen Ursprungs. Natasha kann Taskmaster mitsamt den Gasphiolen entkommen und reist nach Budapest, wo sie ihre vormalige „Pseudoschwester“ Yelena Belova (Florence Pugh) wiedertrifft, die von dem russischen General Dreykov (Ray Winstone) wie Natasha seit frühester Kindheit zu einer Superspionin ausgebildet wurde. Yelena klärt Natasha auf, dass der von ihr totgeglaubte Dreykov noch lebt und weiterhin rund um den Globus kleine Mädchen entführt, um sie in seinem geheimen „Red Room“ zu Widows der neuesten Generation heranzuzüchten. Dazu macht er sie mittels einer Suggestivchemikalie zunächst hörig und willenlos. Bei dem Gas in den Phiolen handelt es sich um ein Antidot, das den Mädchen, wie kurz zuvor auch Yelena, ihr eigentliches Bewusstsein zurückgibt. Gemeinsam mit zwei alten Bekannten, dem sowjetischen Captain-America-Gegenstück „Red Guardian“ Aleksej Shostakov (David Harbour) und der mit Dreykov zusammenarbeitenden Wissenschaftlerin und früheren Black Widow Melina Vostokoff (Rachel Weisz), infiltriert Natasha Dreykovs fliegende Festung.

Mit den Miniserienformaten erschließen sich die Marvel Studios unter Disney just ja ganz neue Vertriebswege. Zumindest die ersten beiden Serials, „WandaVision“ und „The Falcon And The Winter Soldier“ („Loki“ sehe ich mir erst an, wenn die Verfügbarkeit komplett ist), weisen im Prinzip sämtliche Qualitäten der gelungeneren Kinowerke auf und gefallen selbst mir als weitgehendem Serienignoranten ausnehmend gut. Als erster Filmbeitrag zur Phase 4 im MCU bildet „Black Widow“ ergänzend dazu zugleich eine ökonomische Reaktion Disneys auf das globale Pandemiegeschehen und die damit verbundene Kinoregression: Cate Shortlands Werk startet zeitgleich im Stream und auf der Leinwand. Da die Figur der Natasha Romanoff sich in „Avengers: Endgame“ so tapfer anstelle von „Hawkeye“ Clint Barton geopfert hatte, konnte sie nurmehr im Zuge eines Prequels wiederauftreten und damit zugleich den Weg für ihre potenzielle Nachfolgerin Yelena Belova bereiten. Scarlett Johannson verleiht ihrer Titelrolle trotz deren tödlichen Aktionismus‘ wiederum jene entspannte, klug dosierte Sanftmut, die man von ihr seit ihrem charismatischen Debüt in „Iron Man 2“ kennt. Innerhalb der Filme stellte Natasha Romanoff als erste und weitgehend einzige Frau im Bunde stets das moralisch integre Rückgrat der Avengers dar, das wesentliche Stabilitätsgarant und gewissermaßen zugleich Mutter- und Schwesterfigur. Ihr „eigenes“ Abenteuer fungiert insofern auch als verspätet nachgereichte, psychologische Blaupause, in der Biographie, Motivations- und Emotions-Motoren zumindest grob skizziert werden. Die originäre Comicfigur war ein mäßig interessant eingeführtes Produkt des Kalten Krieges, das irgendwann von den Sowjets zu den Amerikanern (nominell S.H.I.E.L.D.) überlief und dann diversen Heldenteams zugehörig, ebenso häufig jedoch in solitären Abenteuern umtriebig war. Anders als im MCU verbindet sie darin elementare Liebesbeziehungen mit Clint Barton und vor allem „Daredevil“ Matt Murdock, mit dem sich ihre Wege immer wieder kreuzten. Ihr Film-Alias musste aus naheliegenden Gründen ja gezwungenermaßen umstrukturiert werden; so ist der Red Guardian (der in vorhandener Ausprägung auch gut von Will Ferrell hätte gespielt werden können) hier nicht wie ehedem Natashas Ehegatte, sondern ihr auf die dreijährige Zeit einer längewierige Spionagemission begrenzter Quasi-Adoptivvater. Unter anderem diese ungewöhnliche Konstellation nutzt „Black Widow“, um gezielt dem der Widow-Historie wesentlich inhärenten Pfad immer wieder aufploppender Melodramatik zu entsagen und stattdessen jenem eigenwilligen, manchmal gar ins Groteske abschweifenden Humors zu folgen. So kerntragisch sich die Schicksale der von Dreykov gekidnappten, gewaltsam ihren eigenen Vitae entledigten und zu bloßen Marionetten verformten Mädchen ausnehmen – wenn sich die zersprengte, vierköpfige Spionfamilie von einst wiedervereint, hat das annähernden Sitcom-Charakter und greift damit die unberechenbare, humorige Leichtigkeit von „WandaVision“ auf. Die Plotstruktur indes gleicht auffallend der von „The Falcon And The Winter Soldier“ – zwei dickköpfige PartnerInnen wider Willen raufen sich zusammen, um weltweit einem handlungsspendenden Macguffin nebst verdeckt operierendem Overfiend nachzujagen und ihre eigentlich doch offensichtliche Freundschaft zu kultivieren. Die gebürtige Australierin Shortland macht daraus in ihrem vierten Film den ersten zumindest annähernd feministischen Beitrag zum MCU und koppelt daran scriptbedingt zugleich klassische Pulpphantasien um Finsterlinge mit tödlichen Mädchenarmeen, wie sie der geneigte Filmhistorienwühler noch aus Mottenkugeln wie „Deadlier Than The Male“, den „Dr. Goldfoot“- oder den „Sumuru“-Filmen in Erinnerung haben mag. Auch der deutlich jüngere „Red Sparrow“ liegt als Inspirationsquell freilich nicht fern. Ein diesbezüglich hübsches Bonmot leistet sich „Black Widow“ zudem und spannt damit zugleich den Bogen zum Fallschirm-Showdown: Bei Natasha Romanovs augenscheinlichem Lieblingsfilm, den sie sogar auswendig mitsprechen kann, handelt es sich um keinen geringeren als den stets gern belächelten Bond-Querschläger „Moonraker“.

7/10

LOVE AND MONSTERS

„Don’t settle. You don’t have to. Even at the end of the world.“

Love And Monsters ~ CAN/USA/AUS 2020
Directed By: Michael Matthews

In Abwendung eines drohenden Meteoriteneinschlags schießt die Menschheit biochemische Raketen ins All. Der anschließende Fallout sorgt dafür, dass sämtliche kaltblütigen Tiere zu gewaltigen, fressgierigen Monstern mutieren und die Erdbevölkerung von diesen dann doch noch stark dezimiert wird. Die verbliebenen Überlebenden schließen sich zu Kolonien zusammen, die sich, stets auf der Hut vor den Kreaturen, in hermetisch abgeriegelten Verstecken verbarrikadieren. Sieben Jahre nach der Apokalypse lebt der Midtwen Joel (Dylan O’Brien), der einst seine Eltern verloren hat, als einziger Single bei einer Kolonie unterirdisch hausender, junger Leute und begnügt sich dort mit einem eher ereignislosen Dasein als Suppenkoch. Als er eines Tages per Funk seine frühere Freundin Aimee (Jessica Henwick) aufspürt, reift in ihm der Wunsch, zu ihr zu gelangen, um die alte Liebe neu zu entflammen. Schließlich macht er sich zu Fuß auf die gefährliche Reise durch die Monsterwelt und findet am Ende etwas ganz anderes, als er erwartet hätte…

Nachdem ich bereits drauf und dran war, „Love & Monsters“ nach den ersten Minuten, in denen er sich geriert wie eine postapokalyptische nerd comedy im Stil des fürchterlichen „Zombieland“, flugs abzuhaken, holte mich Michael Matthews zweite Feature-Regie dann doch noch amtlich ab und nahm mich mit sich auf seine liebenswerte Reise. Spätestens in dem Moment, in der Joel seinen Hund Boy trifft und fortan mit ihm durch Dick und Dünn geht, hatte das hübsche Fantasymärchen auch euren Chronisten auf seiner Seite, bekanntermaßen ja großer Hundeliebhaber und insofern daraufhin voll bei der Stange. Doch natürlich ist der prächtige Boy nicht die einzige Attraktion, mit der der in Australien on location formidabel photographierte „Love And Monsters“ aufzuwarten weiß. Die glücklicherweise nicht inflationär, sondern als wohltemperierte Höhepunkte gesetzten Monsterkreationen gestalten sich durchweg grandios und sind von einer herzerfrischenden Kreativität, wie man sie im entsprechenden CGI-Bereich so selten findet. Dass die Viecher, zu denen man weitestgehend auch einen lädierten, Joel im Mittelteil über eine emotionale Durststrecke hinweghelfenden Roboter zählen kann, dann auch keinesfalls eindimensional, sondern sogar regelrecht nuanciert charakterisiert werden, zeugt von der gemeinhin recht anthroposophischen Weltsicht, die der Film trotz seines oberflächlich fatalistischen Themas zu transportieren schafft. Er liebt mit Ausnahme von den paar obligatorischen Bösewichtern am Ende seine menschlichen und tierischen Figuren und sogar seine Ungeheuer durch die Bank und setzt dem Zynismus der meisten Endzeitfilme damit ein geradezu kontrapunktives Signal. Auf blutige Details verzichtet „Love And Monsters“ dabei trotz deren eigentlich naheliegender Verwendung beinahe vollkommen und bietet sich somit gar als lohnenswertes Programm für etwas reifere Kinder an. Mein 9- oder 10-jähriges Ich hätte er jedenfalls zu frenetischen Begeisterungsstürmen hingerissen, doch auch die Fantasie im reiferen Manne kommt durchaus zu ihrem abenteuerlustigem Recht.
Dass Matthews – ob nun bewusst oder nicht – ganz nebenbei ein gar nicht mal so sehr auf den Kopf gestelltes Remake von Rob Reiners immergrünem Coming-of-Age-Klassiker „The Sure Thing“ liefert, welches aus Daphne Zunigas damaligem Part kurzerhand einen Australian Kelpie macht, ist ein weiterer Bonus dieses unerwartet schönen Films. Two thumbs up.

8/10

BACURAU

„This is just the beginning!“

Bacurau ~ BRA/F 2019
Directed By: Kleber Mendonça Filho/Juliano Dornelles

In nicht allzu ferner Zukunft. Teresa (Bárbara Colen) kehrt anlässlich des Todes ihrer Großmutter Carmelita in ihr Heimatdorf Bacurau zurück, das im Sertão des brasilianischen Nordostens liegt. Da Carmelita gewissermaßen die Matriarchin Bacuraus war, trauert die gesamte Gemeinde um ihren Verlust. Ansonsten liebt die Community aber ihr einfaches, lebenslustiges Dasein, das allerdings wiederum empfindlich gestört wird von dem Politikerbonzen Tony Junior (Thardelly Lima), dem Bürgermeister des benachbarten Serra Verda. Junior kontrolliert eine Talsperre, die die Wasserversorgung von Bacurau garantieren sollte und erpresst die Dorfbewohner damit, ihn bei seiner anstehenden Wiederwahl zu unterstützen. Derweil versteckt sich der aus Bacurau stammende, junge Outlaw Lunga (Silvero Pereira) vor den langen Armen des Gesetzes. Als sich merkwürdige Zeichen um das Dorf mehren, wird Teresas Liebhaber Pacote (Thomas Aquino) misstrauisch. Urplötzlich scheint das Dorf aus der Satellitenwahrnehmung verschwunden zu sein, die Pferde einer benachbarten Ranch gehen durch, zwei fremde Motorradtouristen (Karine Teles, Antonio Saboia) kreuzen auf, der Tankwagen des Wasserlieferanten wird unter Beschuss genommen. Tatsächlich scheint sich eine Gruppe mordgieriger Menschenjäger die Leute von Bacurau als Jagdbeute auserkoren zu haben, was diese bald auf brutale Weise bestätigt finden. Was die Ausländer nicht wissen: Bacurau pflegt eine lange Guerilla-Tradition…

„Bacurau“ beginnt als verschrobene Komödie, deren anfängliche Stimmung ich – zugegebenermaßen ein wenig hilflos – irgendwo zwischen Kusturica und Redfords „The Milagro Beanfield War“ verorten würde, später dann bei Alex Cox. In dem kleinen, ursozialistisch geprägten Dorf des Titels hat alles seine ganz eigene, vermutlich jahrzehnte lang geltende Ordnung; es gibt da zig Originale wie die versoffene Dorfärztin Domingas (Sônia Braga), den ständig am Mikrofon befindlichen Unterhaltungszampano DJ Urso (Black Jr.) oder mit Pacote eine Art dorfeigenen Robin Hood. Jung und Alt leben in Harmonie miteinander, die Kinder des Dorfes gehen manchmal und kommen, wie Teresa, auch häufig zurück. Alles funktioniert in sich perfekt, der äußere Störfaktor ergibt sich einzig durch den korrupten Lokalpolitiker, dem Bacurau dann auch durch die Bank feindselig gegenübersteht. Wie sich erweisen wird, kommen auch die Menschenjäger unter dem Vorsitz eines leicht betagten Deutschen (Udo Kier) nicht aus heiterem Himmel in die entlegene Gegend. Die Gewalt und das (unschuldige) Blut, das sie säen, werden sie jedoch am Ende auch ernten müssen. Bei aller Harmonie können die Menschen von Bacurau, unterstützt von einer hier eigens angebauten Droge, im Bedarfsfall nämlich auch in einen überaus kombattanten Modus hinüberwechseln. Und gerade so, wie die Dorfbewohner sich der tödlichen Herausforderung stellen, wechselt auch der Film seine Farbe.
Was Filho und Dornelles hier als dystopisch umrissene Paraphrase erzählen, wurzelt offensichtlich im politischen Geschehen des Landes. Seit dem 1. Januar 2019 regiert Jair Bolsonaro den gewaltigen südamerikanischen Staat. Für die Menschen des Sertão, zumindest die von Bacurau, dürfte dessen Agenda mindestens so fernliegend sein wie sein Amtssitz. Hier ist weder von dem urbanen Brasilien der im Süden liegenden Megacities etwas zu spüren noch von der üppigen Urwüchsigkeit der Regenwälder. Hier ist das Land trocken, karg, ausgeblichen und heiß. Die Menschen jedoch haben sich arrangiert mit dem, was sich hier vorfinden lässt und ihr privates Paradies geschaffen, das am allermeisten von ihnen selbst und ihren Persönlichkeiten zehrt. Ebenjenes gilt es zu verteidigen, gegen die Arroganz opportunistischer Politiker, gegen affige Großstädter aus dem Süden, gegen naseweise Ausländer und gehen die drohende Omnipräsenz der Überwachung, die sich in „Bacurau“ als Ufo-artige Drohne durch die Lüfte schraubt.
Der elegisch photographierte Film liebt seine Figuren ebenso wie er die antagonistischen Bedrohungen deren kleiner, selbstgeschaffener Idylle verabscheut. Als linksrevolutionäres Statement und als politische Kunstfilmgroteske mit leicht sonderbar eingepflegten Genretropen ist er einer der unikalsten, die ich zuletzt sehen durfte.

8/10

DOLEMITE IS MY NAME

„Shoot for the moon, and if you miss it, hang on to a motherfucking star!“

Dolemite Is My Name ~ USA 2019
Directed By: Craig Brewer

Los Angeles in den frühen Siebzigern. Der afroamerikanische Wannabe-Entertainer Rudy Ray Moore (Eddie Murphy) ist mit seinem derzeitigen Werdegang nicht sonderlich zufrieden. Sein Geld verdient er vornehmlich als Plattenverkäufer und seine Engagements als Ansager in einem Nachtclub schüren kaum Ovationen. Schließlich kommt er auf die Idee, die haarsträubenden „Dolemite“-Gedichte eines quartierbekannten Penners namens Ricco (Ron Cephas Jones) auf Tonband aufzuzeichnen und bühnentauglich umzudichten. Moore wird onstage selbst zu Dolemite – einem großspurigen Pimp als Kunstfigur. Die Leute lieben Moores Auftritte. In Eigenregie stellt er gemeinsam mit seinen Kumpels eine Live-LP her, die er aus dem Kofferraum heraus verkauft. Bald wird ein Label auf ihn aufmerksam und produziert weitere Platten, derweil eine Tour durch schwarze Südstaaten-Clubs Moore weitere durchschlagende Erfolge beschert. Nach einem ratlosen Kinobesuch von Billy Wilders „The Front Page“ beschließt Moore, selbst Filmstar zu werden und im Blaxploitation-Fach Fuß zu fassen. sein Dolemite ist reif für die Leinwand…

Mit sehr viel mehr Herzblut als den nachfolgenden „Coming 2 America“ haben Regisseur Brewer und Hauptdarsteller/Produzent Murphy diese Liebeserklärung an den kleinen Selfmade-Star Rudy Ray Moore gefertigt. In Anbetracht von Moores schillernder Persona und der unglaublichen Serie von Filmen, die er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auf sein geneigtes Publikum losließ, schrie der 2008 verstorbene Mann geradezu nach einem Biopic. In sehr augenzwinkernder, aber stets respektvoller Manier schildert „Dolemite Is My Name“ nun grob die Jahre zwischen 1970 und 1975, jene Ära also, in der Moore einerseits sein künftiges Alias kreierte und diese andererseits zunächst mit Platten und dann der Produktion des ersten „Dolemite“-Films kultivierte. So bekleidet letztere dann auch das Zentrum von Brewers Werk. Moore und seine Freunde haben durch die Bank keinerlei Ahnung von Filmproduktion und machen ihre Inkompetenz durch bloßen Enthusiasmus wett. Als immer wieder überbügelter Scriptautor fungiert der sozial engagierte Theaterautor Jerry Jones (Keegan Michael Key), als Regisseur reißt Moore den überkandidelten Schauspieler D’Urville Martin (Wesley Snipes) in einem Stripclub auf. Die technische Crew stellen ein paar Studenten von der UCLA. Trotz diverser Pannen steht am Ende der fertige Film, für den sich jedoch kein Verleih finden lässt. Also nimmt Moore auch noch die sich ihm durch Zufall bietende Option der selbstinitiierten Premiere in einem Farbigenkino in Indianapolis wahr, wo „Dolemite“ einschlägt wie eine Bombe.
Mit dem unbeugsamen Willen, jedweden personellen und/ oder situativ bedingten Komplikationen ein Schnippchen zu schlagen und sich durch nichts beirren zu lassen, zeichnen Brewer und Murphy ihren Protagonisten und lassen „Dolemite Is My Name“ damit nicht selten an ähnliche Biopics erinnern, in denen vermeintliche Verliertypen mit der unerlässlichen Unterstützung einer kleinen, verschworenen Freundesgemeinde ihren Traum wahr werden lassen und am Ende zumindest auf einer individuellen, vielleicht gar intimen Ebene reüssieren können, allen voran natürlich Burtons „Ed Wood“, mit dem sich Brewers Arbeit insbesondere die verschmitzte Bewunderung für die Titelfigur und deren unerschütterliches Selbstbewusstsein teilt.
Ein schöner Film somit, der vor allem Lust darauf macht, die alten Moore-Kracher mal wieder aus dem Regal zu ziehen.

8/10

COMING 2 AMERICA

„If something is good, don’t try to ruin it.“

Coming 2 America (Der Prinz aus Zamunda 2) ~ USA 2021
Directed By: Craig Brewer

Das Königreich Zamunda – und damit auch Kronprinz Akeem (Eddie Murphy) – zeigt sich für seine utopischen Idealverhältnisse geradezu krisengeschüttelt, als der König Jaffe Joffer (James Earl Jones) das Zeitliche segnet und sich herausstellt, dass Akeem einen unehelichen Sohn in Queens hat. Immerhin lässt sich mit der semierfreulichen Neuigkeit ein Übel beseitigen: Dem Drohgehabe von General Izzi (Wesley Snipes), Diktator des kriegerischen Nachbarstaats Nexdoria, könnte mit einer arrangierten Hochzeit zwischen dem Kuckucksfilius und Izzis Tochter Bopoto (Teyana Taylor) ein entspannender Riegel vorgeschoben werden. Akeem reist, unterstützt von Adlatus Semmi (Arsenio Hall), also flugs nach Queens, um dort Sohnemann Lavelle Junson (Jermaine Fowler) zu finden und „heimzubringen“, nicht ohne Lavelles vorlaute Mutter (Leslie Jones) im Schlepptau. Für Akeems Königin Lisa (Shari Headley) und ihre drei regulären Töchter (KiKi Layne, Bella Murphy, Akiley Love) erweisen sich die familiären Neuzugänge mit ihrem ungeschliffenen Benehmen als recht anstrengend, doch Akeem und Lavelle raufen sich bald zusammen. Als jedoch Lavelle die geplante Hochzeit mit Bopoto zugunsten der zamundischen Friseurin Mirembe (Nomzamo Mbatha) cancelt und mit ihr zurück nach New York fliegt, steht Akeem vor einer ähnlichen Entscheidung wie sein eigener Vater rund dreißig Jahre zuvor.

Gewiss sind ideologiekritische Betrachtungen von Film richtig und wichtig, wenn sie jedoch den Blick auf das Wesentliche verstellen, nämlich das eigentliche Objekt des Diskurses, dann wird’s zangsläufig brackig. In jüngerer Zeit kommt derlei häufiger vor; die neoliberale Front hetzt gegen Genderwahn und übertriebene wokeness, derweil die Gegenseite wahlweise wider mangelnde Diversität oder politisch unkorrekte Spöttereien ins Feld zieht. Völlig albern gestaltet sich solch am Ende doch lediglich das Ego des bzw. der jeweiligen SprecherIn balsamierende Gewetter nun, wenn der ihm zugrundeliegende Film bestenfalls medioker daherkommt – medioker in allem, was wirklich wichtig gewesen wäre.
„Coming To America“ beendete 1988 die Kernschaffensphase seines Regisseurs John Landis. Als sein letztes wirklich großes Werk beinhaltete der Film noch einmal alles, was die zehn vorhergehenden Jahres in Landis‘ Schaffen so auszeichneten – ein kultureller Röntgenblick, eine sehr spezielle Art von Humor, die in Windeseile zwischen Lakonie und screwballhaftem Tempo umherswitchen konnte, ein erlesenes Gespür für passgenaues casting nebst einer jeweiligen Kohorte von Cameos befreundeter Filmschaffender und der ganz persönlichen auteuristischen Trademarks. Der zugleich produzierende Hauptdarsteller Murphy befand sich auf seinem Karrierezenit und setzte sich als märchenhafter und vor allem romantischer Held erstmals ein Eigendenkmal, das mit seiner zuvor stets präservierten streetwise attitude, die ja seinen Werdegang als comedian erst möglich gemacht hatte, gezielt brach und somit seiner hausgemachten Typologie eine gänzlich ungewohnte Nuance hinzusetzte. Der Erfolg gestaltete sich dermaßen nachhaltig, dass das 33 Jahre später entstandene Sequel für das koproduzierende Studio amazon eine unerhörte Prestige- und PR-Bombe darstellt, erwähntes Brimborium inbegriffen. Dabei ist „Coming 2 America“ ähnlich gentrifiziert wie Queens, das damals noch „größte Dreckloch“, in das Akeem und Semmi einkehrten, um eine wahre Königin zu suchen. Brewers Fortsetzung nimmt sich sehr viel sauberer, familientauglicher und kantenloser aus. Momente wahrer Subtilität und Klugheit bleiben Nadelstiche im CGI-verpampten Pastiche; statt wie das Original schneidige Sozialkritik zu liefern oder gar afroamerikanische Identitätssuche versus bourgeoisen Scheinaufstieg zu verballhornen, verlässt man sich hier auf lauten bis vulgären Sitcom-Humor. Auch die Tatsache, dass „Coming 2 America“ inhaltlich unwesentlich mehr als ein Remake von Landis‘ Meisterwerk darstellt, das anstelle der wirklich brillanten, eher zwischen den Zeilen herauslesbaren Scriptideen eher die oberflächlichen Camouflagekalauer aufgreift und repetiert, zeigt, dass „Coming To America“ entweder nicht verstanden, oder, was wesentlich naheliegender ist, gezielt seiner Bissigkeiten entledigt wurde.
Immerhin stellt sich mit Akeems zweiter Reise innerhalb des zweiten Films nach Queens, die dazu dient, sein damaliges Ich mit dem gegenwärtigen seines Sohnes abzugleichen und somit auch den ersten Schritt zur Unterminierung des heimlichen Konservativismus seines eigentlich doch ganz schön rückschrittigen Königreichs zu gehen, doch noch eine Art von Déjà-vu-Gefühl ein, ohne auf bloße Selbstzitate zu setzen. Da wirkt der Film dann erstmals nicht wie aus dem Baukasten offensichtlicher Versatzstücke entstanden und zeigt gar ein wenig Herz. Für die letzten fünfzehn Minuten nach mehr oder weniger durchlittenen anderthalb Stunden teils grausamsten Vorgeplänkels war mir dies allerdings deutlich zu wenig.
Als romantische Komödie enttäuschend, als Fortsetzung eines Meilensteins des amerikanischen Kinos eine Katastrophe.

4/10

THE KING OF STATEN ISLAND

„I’m on drugs.“

The King Of Staten Island ~ USA 2020
Directed By: Judd Apatow

Erwachsenwerden mit 24 – geht das überhaupt? Schwerlich, wie sich anhand des bei seiner verwitweten Mutter Margie (Marisa Tomei) eingenisteten Spätadoleszenten Scott Carlin (Pete Davidson) erweist. Als Existenzversager – zumindest im neoliberalen Sinne – kann Scott wenig und hat gar nichts. Auch wenn er davon träumt, auf Staten Island als renommierter Tattoo-Künstler zu reüssieren, halten ihn allerlei psychosomatische Wehwehchen, darunter ADHS, Morbus Crohn und konstanter Marihuana-Konsum, davon ab, sich auf eigene Füße zu stellen. Stattdessen gammelt er mit seinen nicht minder verpeilten Kumpels (Ricky Velez, Lou Wilson, Moises Arias) herum und fällt Margie und seiner jüngeren Schwester Claire (Maude Apatow) auf den Wecker. Als sich Margie infolge eines ausgerechnet durch Scott selbst herbeigeführten Zufalls in den geschiedenen Feuerwehrmann Ray (Bill Burr) verliebt und zum ersten Mal überhaupt seit dem Tod von Scotts Dad (der ebenfalls Feuerwehrmann war und im Einsatz gestorben ist) wieder ein wenig persönliches Glück findet, investiert der eifersüchtige Filius fortan sämtliche Energie darin, Ray zu torpedieren, mit dem Erfolg, dass nicht nur dieser, sondern auch Scott selbst bei seiner Mom rausfliegt. Der vorübergehend Obdachlose findet ein Heimdach bei der Feuerwehr, die ihn als Faktotum akzeptiert und Scott zumindest die Gelegenheit bietet, ein wenig Selbstreflexion zu üben.

Judd Apatow hatte ich lange nicht mehr auf dem Schirm – der letzte Film vor „The King Of Staten Island“, den ich von ihm gesehen hatte, war der nunmehr rund elf Jahre alte „Funny People“. Seine aktuelle Regiearbeit zeigt, dass ihn noch dieselben Topoi umtreiben wie eh und je – spätes Erwachsenwerden es sich in ihren gepflegten Neurosen bequem machender Kindmänner und natürlich der Mut zur aufrichtigen Liebe als Lebensretter in allen Lagen sind davon die vordringlichsten. Auch in der Tradition des Frühwerks von Kevin Smith, der eben Brooklyn statt Staten Island zum Mikorokosmos seiner damaligen Generation Slack kürte, kann man „The King Of Staten Island“ zumindest in Teilen verhaftet sehen; kiffende Hänger, deren mittelfristige Lebensziele sich im Stopfen des nächsten Pfeifchens erschöpfen, kennt man daher noch recht gut. Der mit einem feisten Überbiss gesegnete SNL-Komiker Pete Davidson re-erfindet seine Figur in ebenjust dieser Tradition, wobei zumindest die psychologische Skizzierung, Apatows eigenem Alter geschuldet, doch ein wenig nuancierter ausfällt. Ein Held, geschweige denn ein König, ist Scott Carlin weder innerhalb der Realität des Films, noch wird das Publikum genötigt, ihn als solchen in Empfang zu nehmen. Gleich seine Einführung macht deutlich, dass man es in den kommenden zwei Stunden mit einem jungen Mann zu tun bekommen wird, der es weder sich selbst noch seinem Interaktionsradius leicht macht. Und tatsächlich entwickelt sich die Beziehung zwischen Scott und uns zu einer veritablen Hassliebe. Einerseits hat der Typ ja durchaus witzige bis geisteshelle Momente und Qualitäten [die nebenbei immer dann hervortreten, wenn man es am wenigsten erwartet – etwa im ihm aufgenötigten Umgang mit Rays kleinen Kindern (Luke David Blumm, Alexis Rae Forlenza)], andererseits fühlt man sich allenthalben genötigt, ihm eine autoritäre Tracht Prügel zu verabreichen. Und natürlich ist Apatow gut genug zu uns und vor allem zu Scott, ihn am Ende existenzielle Teilsiege erringen zu lassen. Ein durchaus liebenswertes Feel-Good-Movie ist das erfreuliche Resultat, eine Hommage an die Freundschaft wider alle Barrieren sowie die überschaubare Heimeligkeit von Suburbia im Schatten des Molochs Großstadt zudem und – natürlich – an die Romantik.

8/10

THE GENTLEMEN

„Ask no questions, hear no lies.“

The Gentlemen ~ UK/USA 2019
Directed By: Guy Ritchie

Der US-stämmige, ungekrönte Marihuana-König Englands, Mickey Pearson (Matthew McConaughey), plant, solide zu werden. Zuvor gilt es jedoch, die sorgsam gepflegten, über die gesamte Insel verteilten Gras-Plantagen und das nicht minder wertvolle Angestellten- und Vertriebsnetz verlustfrei zu veräußern. Dafür wählt Pearson den Milliardär Matthew Berger (Jeremy Strong), der mit dessen 400-Millionen-Pfund-Angebot, wie sich herausstellen soll, zwar leider nicht einverstanden ist, jedoch trotzdem Pearsons Imperium zu übernehmen trachtet. Und der knausernde Berger bleibt nicht Mickeys einziges Problem. Der Triaden-Nachwuchschef Dry Eye (Henry Golding) wird aufmüpfig, ein russischer Oligarch (Mark Rathbone) will Rache für seinen unfällig gekommenen Kiffersohn (Danny Griffin) und der schmierige Enthüllungsreporter Fletcher (Hugh Grant), der über all dies bestens im Bilde ist, streckt seine erpresserischen Klauen nach Mickey aus…

Wenn es darum geht, das Londoner Gangstermilieu auf Leinwandformat zu porträtieren, ist Guy Ritchie zu einer überaus verlässlichen Adresse avanciert. Seit seinem (noch immer unangekratzten), vor 22 Jahren entstandenen Debüt „Lock, Stock And Two Smoking Barrels“ landete er über kurz oder lang immer wieder in diesem Leisten. Erste anderweitige Gehversuche wuchsen sich wahlweise zu völligen Missgriffen aus, blieben ohne besonderes Echo oder verrauchten irgendwo auf der öde vor sich hin dampfenden Halde der anderen zahllosen, immergleichförmigen Studio-Blockbuster. Wenn ich jetzt eben auf der imdb das announcement „Aladdin 2“ lese, sehe ich mich da in meinen Annahmen mehr denn bestätigt. An Ritchies kleine, freche Gangsterfilme jedoch erinnere ich mich stets wohlwollend bis gern. Deren Qualitäten nehmen sich ja auch ebenso traditionell wie signatorisch aus: Ein kontinuierlich anwachsendes Figuren-Ensemble mit allerlei kleinen und großen Bossen, ungesunden Emporkömmlingen, gewaltaffinen Schlagmichtots und Spruchkanonen zeichnet jeweils ein umfangreiches Bild der englischen Ganoven-Schickeria. Es gibt viel zu lachen und zu sterben, gelegentlich bleibt einem u.U. vor Schreck auch ein Schluck Bier im Hals hängen. Spaß jedoch ist immer dabei – guter Spaß.
Mit „The Gentlemen“ kehrt Ritchie immerhin zwölf Jahre nach seinem vorletzten Gangsterfilm „RocknRolla“, der bereits mancherlei Ermüdungserscheinungen sowie kapitale Fehlentscheidungen aufwies und mir letzthin eher wie ein pflichtbewusstes Trostpflaster vorkam, also abermals zurück zu seinen Wurzeln. Wenngleich der rotzige Habitus von „Lock, Stock…“ auch hierin nicht mehr wirklich auffindbar ist, nicht zuletzt, da „The Gentlemen“ eben die protzige Monarchie dem verzweifelten Fußvolk vorzieht, so überrascht der Film doch mit einem weithin geschickt aufgebauten Plot. Dessen wendungsreiche Volten sorgen immer wieder für neue Überraschungen, wobei die Konzeption des Scripts de facto natürlich einzig und allein davon zehrt. Sofern man (s)ein Herz für Ritchies Halunken-Hallelujas bewahrt hat und nicht Gefahr läuft, Einfallsreichtum mit Cleverness zu verwechseln, mag man an „The Gentlemen“, dessen großer Gewinn sich tatsächlich aus der am Ende ins Happy End entlassenen Traumpaarung McConaughey/Michelle Dockery (tatsächlich das schnuckeligste Gangster-Ehepärchen ever) ergibt, seinen Spaß haben. Ich hatte ihn.
In der Ritchie-Gangster-Pentalogie an Platz 3 gleich nach „Snatch“.

8/10