SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

„I’m in love with Spider-Man’s aunt!“

Spider-Man: Far From Home ~ USA 2019
Directed By: Jon Watts

Wie ein paar anderen Milliarden Erdbewohnern macht auch Peter Parker (Tom Holland) und einigen seiner Schulfreunde der „Blip“ (der durch im Zuge von „Avengers: Endgame“ durch Bruce Banner ausgelöste Umkehreffekt von Thanos‘ „Snap“) nachhaltig zu schaffen: Während die Physis der Betroffenen normal weitergealtert ist, befindet sich die Persönlichkeit noch auf dem Stand von fünf Jahren zuvor. Besonders bei Teenagern wirkt sich dieser Zustand mitunter verstörend aus. Eine Europareise mit der gesamten Klasse als High-School-Abschluss kommt Peter da gerade Recht, um mit sich und dem Abschied von seinem Mentor Tony Stark ins Reine zu kommen. Doch ist da auch noch die angehimmelte MJ (Zendaya), zu der der junge Mann sich zunehmend hingezogen fühlt.
In der Alten Welt angekommen, muss Peter dann rasch erkennen, dass er vor Spider-Man nicht davonlaufen kann. Eine Gruppe monströser Elementarwesen, der angeblich von einer Parallelerde stammende Superheld Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), genannt „Mysterio“ und der unverwüstliche Nick Fury (Samuel L. Jackson) kreuzen bald seinen Weg. Und eine gewaltige Dummheit beim Umgang mit Starks Erbteil für Peter, der mächtigen Kontrolleinheit „E.D.I.T.H.“, gilt es, unter Aufbietung aller Superspinnenkräfte versteht sich, wieder geradezurücken.

Der Nachhall des immens erfolgreichen Kassenklingelns dieses zweiten, wiederum von Jon Watts inszenierten Spider-Man-Solo-Abenteuers im Rahmen des MCU, erwies sich als alles andere denn erfreulich – Sony, nach wie vor primärer Rechteinhaber für die Figur nebst ihrem Comicanhang, vermeldete wieder gesteigertes Interesse an deren eigener Vermarktung und, damit einhergehend, bei Nichterfüllung vertraglicher Neubedingungen durch Disney und Kevin Feige, eine Rückkehr unter das hauseigene Dach. Für kommende Filme würde dies bedeuten, dass Spider-Man aus dem MCU wieder extegriert und beiderseits sämtliche charakterliche Entwicklungen seit „Captain America: Civil War“ wieder getilgt werden müssten. Eine besonders für Freunde geschlossener Kontinuität im Hinblick auf verfilmte Marvel-Geschichten immens bittere Pille, die seit 2002 praktisch einem rekordverdächtigen vierten Reboot entspräche. Immerhin bleibt Tom Holland, der seine Auftritte als Spidey sehr zu lieben scheint,  seinem alter ego als Gesichtsstifter wohl vorerst erhalten.
„Far From Home“ nun führt zunächst einmal den publikumsverwöhnten Habitus des Vorgängers weiter. Wiederum ist Peter Parker noch Schüler mit (post-)pubertären Alltagsproblemen, dessen Fähigkeiten ihm innerhalb der übrigen Superheldengemeinde einen durchaus problematischen Exklusivstatus anheim stellen. Mit vielleicht 17, 18 Jahren bereits mehrfach an der Weltrettung beteiligt gewesen, Göttern und außerirdischen Despoten begegnet und im Weltall herumgejagt zu sein, geht an einem eher schüchternen Waisenknaben aus der Bronx gewiss nicht spurlos vorüber. Hinzu kommt in erschwerender Weise der schmerzliche Verlust des zwischenzeitlichen Ersatzvaters und die von ihm hinterlassene Märtyrerlücke, die darüber hinaus die gesamte Welt trauern lässt. Dem in dieser Weise angeschlagenen und geforderten jungen Mann erscheint der schulische Eurotrip mit zwei schrulligen Lehrern (Martin Starr, J.B. Smoove) als denkbar beste Ablenkung zur Stunde, zumal endlich einmal Platz für die persönlichen, altersadäquaten, sprich: romantischen Bedürfnisse gelassen scheint. Doch die nächste Bedrohung naht schon – Comickenner wissen schon bei dessen erstem Auftritt, dass der Mann mit dem nebulösen Glasglockenhelm namens „Mysterio“ natürlich kein Held, sondern vielmehr ein machthungriger Illusionist ist, der ganz eigene, sinistre Pläne hegt. Hier stammt jener Quentin Beck allerdings nicht aus den S-F/X-Schmieden Hollywoods – vielmehr entpuppt er sich als vormaliger Bestandteil der Stark-Factory und, wie bereits Adrian Toomes alias „Vulture“ (und andere bedauernswerte Zeitgenossen) als ein durch Tony Starks Umtriebe Geschmähter, der nach postumer Vergeltung sucht. Becks opportunistisches Streben sieht nichts Geringeres vor, als die Nachfolge von Iron-Man als globaler Premiumheld anzutreten und nimmt dafür die Zerstörung ganzer Städte und etlicher Existenzen in Kauf, die seine Illusionen, die „Elementals“, als Kollateralschäden hinterlassen. Dass Peter ihm kurzsichtig in die Hände spielt, indem er Beck naiverweise die ihm persönlich von Stark hinterlassene „E.D.I.T.H.“-Brille, die ihrem Träger die Kontrolle über Abertausende von Kampfdrohnen ermöglicht, verehrt, gilt es schließlich wieder gut zu machen. Doch einen Mann, der die Realität selbst zum Trugbild werden lassen kann, zu bekämpfen, wird erwartungsgemäß zu einer der schwierigsten Herausforderungen für den Heldennachwuchs. Flankiert werden die erstklassig visualisierten Kämpfe zwischen Spider-Man und Mysterio von nett arrangierten, häufig komischen Situationen, in die Peter und sein Tross zwischen den pittoresken Schauplätzen Venedig, Prag, Berlin und London immer wieder geraten. In Screwball-Manier muss sich Peter zwischen seinem frischverliebten Kumpel Ned (Jacob Batalon), der umschwärmten MJ (die sich jetzt plötzlich wie Mary-Jane abkürzt, wo sie in „Homecoming“ noch „Michelle“ hieß), den überforderten Lehrern sowie den immer wieder auftauchenden Fury und Maria Hill (Cobie Smulders) seinen Weg bahnen und dazu noch seine Heldenidentität schützen. Allerlei Optionen für Rasanz und Tohuwabohu, die Watts souverän, amüsant und teenagergerecht zu stemmen weiß. Damit empfiehlt er sich zugleich als Regisseur für kommende Spidey-Abenteuer, deren Zukunft nun ja trotz der aufregenden Mid- und der noch aufregenderen Post-Endtitel-Sequenzen leider keineswegs in Stein gemeißelt ist. Immerhin empfiehlt sich nunmehr bereits Phase 4: Die formwandelnden Skrulls sind offenbar doch nicht so freundlich, wie uns „Captain Marvel“ erst im Frühjahr 2019 weiszumachen trachtete…

8/10

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LA FOLIE DES GRANDEURS

Zitat entfällt.

La Folie Des Grandeurs (Die dummen Streiche der Reichen) ~ F/I/E/BRD 1971
Directed By: Gérard Oury

Spanien zur Zeit Karls II. (Alberto de Mendoza): Der überaus gierige und opportunistische Finanzminister Don Salluste (Louis De Funès) lebt bei Hofe in Saus und Braus. Nur sein wesentlich gerechtigkeitssensiblerer Diener Blasius (Yves Montand) sorgt allenthalben dafür, dass Sallustes Steuereintreibereien nicht allzu sehr über die Strenge schlagen. Hab, Gut und Titel gehen Salluste dennoch über alles, weswegen ihn eine ihn seines Amtes enthebende Intrige, derzufolge er ein uneheliches Kind gezeugt haben soll, umso mehr schmerzt. Doch im Ränkeschmieden ist auch Salluste ein Meister und so sprießen bereits Ideen, wie er sich zurück in des Königs Gunst schmeicheln könnte. Während Blasius als Don Cesar, angeblicher Neffe Sallustes, dessen Amt annimmt und statt der Armen lieber die Reichen schröpft, sieht Sallustes Plan sieht vor, die Infantin Dona Maria (Karin Schubert) in ein heimliches Tête-à-Tête zu verwickeln und sich selbst dann als großen Enthüller des Ganzen darzustellen…

Vergleichsweise selten setzte man Louis De Funès, der zur Entstehungszeit von „La Folie Des Grandeurs“ bereits seinen bis heute populären Rollentypus des hyperaktiven,  selbstherrlichen, aber gewitzten Cholerikers in die Perfektion überführt hatte, vor historischer Kulisse ein. Insofern bildet Ourys im 17. Jahrhundert in Spanien spielende Satire, zudem als internationale Coproduktion, durchaus eine Ausnahme im De Funèsschen Œuvre. Doch können weder die reichhaltig zelebrierte Kostümierung und Ausstattung noch einige Abenteuerelemente verhindern, dass der Akteur einmal mehr gänzlich in seinem Charakter aufgeht, ja, dass dieser ihm sogar wie gewohnt auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Als Don Salluste, eine Art „spanischer Sheriff von Nottingham“, ist De Funès ganz in seinem Element: Außer dem wohligen Geräusch klimpernder Golddukaten reizt ihn lediglich die Vermehrung seines persönlichen Luxus, freilich in Verbindung mit entsprechenden Maßnahmen, zu deren Durchsetzung Salluste keine Moral zu unantastbar und kein Mittel zu schäbig sind. Als er dann eines Tages selbst zum Opfer einer höfischen Intrige wird, ist damit gewissermaßen sein wahres Können als umtriebiger Strippenzieher gefragt – doch letzten Endes führen ihn, wie andere Granden aus dem Dunstkreise Karls II. ebenfalls, am Ende doch bloß in eine marokkanische Strafkolonie. Der größte Widerling, jener von Gottes Gnaden quasi, ist und bleibt schließlich doch wieder das Staatsoberhaupt.
Hinter dem oftmals lauten, nicht selten über Gebühr strapazierten Slapstickhumor, der unter anderem Ingredienzien wie eine notgeile Kammerzofe (Alice Sapritch), einen vertrottelten Bloodhound, oder einen sprechenden Papagei bemüht und der natürlich auch den grimassierenden Protagonisten häufig in Fettnäpfchen treten lässt, verbirgt sich, man ahnt es bald, ein klassisches Literaturstück: Victor Hugos „Ruy Blas“ von 1838, ursprünglich keineswegs als Komödie, sondern als romantisches Drama angelegt, lieferte die inhaltlichen Grundzüge für eine im Grunde zutiefst bittere Satire, deren trüber, existenzialistischer Konsequenz man infolge der zuweilen grellen Oberfläche man nicht zwingend gewahr wird. Ourys Inszenierung nimmt sich, aus welchen Gründen auch immer, deutlich weniger elegant aus als von dem Regisseur aus vormaligen Arbeiten wie „La Grande Vadrouille“ oder „Le Cerveau“ gewohnt. Vielmehr müht sich „La Folie Des Grandeurs“ beinahe vergebens, einen ungehinderten Fluss zu entwickeln. Seltsam wirkt auch Yves Montand in seinem eigentlich für den kurz vorm Dreh verstorbenen Bourvil avisierten Part als Blasius/Don Cesar: In einem raren komödiantischen Auftritt gibt Montand zwar sein Bestes, es fällt aber dennoch außerordentlich schwer, seinem bereits fünfzigjährigen, lebensgegerbten Antliz, das man üblicherweise mit existenzieller Verzweiflung und Melancholie assoziiert, die hier bedurften, eher juvenilen Facetten der Verliebtheit und basalen Charaktergüte abzuringen.
Witzig, selbst für gelegenheitsmäßige De-Funès-Chronologen sehenswert und von diesbezüglichen Connaisseurs sogar hoch geschätzt ist „La Folie Des Grandeurs“ nun gewiss; ich selbst jedoch vermochte mich nie ganz des latenten Eindrucks entledigen, dass hier eine bzw. die eigentlich notwendige Homogenität für das wahre Finish nicht erreicht wurde.

6/10

TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

THE BEACH BUM

„You know what I like the most about being rich? You can just be horrible to people and they just have to take it.“

The Beach Bum ~ USA/F/UK/F/CH 2019
Directed By: Harmony Korine

Moondog (Matthew McConaughey) hat seine große Zeit als anerkannter Lyriker längst hinter sich. Nunmehr zitiert er gern eigene Werke oder die seiner literarischen Vorbilder. Ansonsten verbringt er seine Tage vornehmlich damit, das angenehme Klima der Florida Keys zu genießen, sich den lieben langen Tag dem Vollrausch infolge seiner ausgiebigen Multitoxikomanie hinzugeben und seiner reichen Frau Minnie (Isla Fisher), die Moondogs libertinen Lebensstil nicht nur toleriert, sondern in luxuriösem Umfang gewissermaßen selbst praktiziert, auf der Tasche zu liegen. Auch der dauerbekiffte Musiker Lingerie (Snoop Dogg) zählt zu Moondogs „Förderern“.
In der Nacht nach dem von Lingerie betreuten Hochzeitstag ihrer gemeinsamen Tochter Heather (Stefanie LaVie Owen) endet eine bedröhnte Autofahrt in Minnies Unfalltod. Für Moondog, der dieses Ereignis in seiner ihm ungetrübten Art überaus gefasst aufnimmt, bedeutet selbiges, dass er vorläufig von seiner Geldquelle abgeschnitten ist. Minnies Testament sieht nämlich vor, dass er zunächst seinen seit langem in Arbeit befindlichen Roman fertigstellen muss, bevor er über die Hälfte ihres beträchtlichen Vermögens verfügen darf. Dummerweise muss er sich zugleich der gerichtlichen Auflage stellen, ein Jahr in einer Entziehungsklinik zu verbringen. Den dortigen Aufenthalt bricht Moondog gemeinsam mit dem vor Ort kennengelernten Pothead Flicker (Zac Efron) jedoch umgehend wieder ab und entschließt sich, halbherzig als Frau getarnt, seine Ergüsse lieber wieder im altvertrauten Sozialumfeld zu Papier zu bringen.

Einige Jahre nach seinem vielgeliebten „Spring Breakers“ zelebriert Harmony Korine aufs Neue die Farbenvielfalt und Sonnenverwöhntheit Floridas, reduziert allerdings um die Crime-Elemente des Quasi-Vorgängers und damit auch um das letzte Quäntchen dort noch praktizierter, existentieller Beschwernis. „The Beach Bum“ um den fiktiven – ich nenne ihn mal sunshine poet – slackenden Autor Moondog transponiert gewissermaßen vielmehr den Habitus von Barbet Schroeders epochalem Bukowski-Film „Barfly“ weg von der West- an die Ostküste und heraus aus dem schummrigen Kneipenmilieu geradewegs an die gleißende Helle des Golfstroms. Auch, wenn Bukowski gewiss Vieles war, bloß kein hippieesker Dauergrinser, verbinden seine ehedem von Mickey Rourke interpretierte Filmpersona Henry Chinaski und McConaugheys Moondog doch eine Menge. Da wäre zum einen die grenzenlose Zufriedenheit mit sich selbst und natürlich dem gewählten Lebensweg, der sich aus unentwegtem Rausch, Sex, Hedonismus, schmutziger Poesie und einer tief verwurzelten Abneigung gegen das Establishment rekrutiert. Zudem gestattet ihr jeweiliger literarischer Bekanntheitsgrad ihnen eine durchaus zugewandte Öffentlichkeit.
Trotz der permanenten Zuführung vermeintlich ungesunder Rauschmittel ist der Neo-Bohèmien Moondog darüber hinaus so psychisch gesund, wie es sich viele einen angepassten Lebenswandel anheim gefallene Zeitgenossen bestenfalls wünschen würden; im höhnischen Wissen um die Tristesse der buckelnden Leistungsgesellschaft, aber ebenso auch darum, dass sie gewissermaßen erst seinen eigenen Müßiggang möglich macht, genießt der niemals auch nur in einen Anflug von Deprimiertheit verfallende Moondog lachend jede ihm vergönnte Minute zwischen Drogen, Drinks, Frauen und leicht von der Spur abgekommenen Gesinnungsgenossen.
Korine wählt zur Schilderung seiner „Abenteuer“ somit ein naheliegendes, vornehmlich episodisches Narrativ, das sich vor allem an Moondogs Freunden und Bekannten abarbeitet; eben seiner Frau Minnie, dem R’n’B- und Gras-König Lingerie, dem Nachwuchsslacker Flicker und später dem kriegsversehrten Delfinfreak Captain Wack (Martin Lawrence), der seine geliebten Meeressäuger allerdings nicht von Haien unterscheiden kann, oder einem von Lingeries Seniorpartnern (Domovan Williams), der ausschließlich Joints in Ofenrohrformat raucht und dabei Wasserflugzeuge fliegt.
Der Humor des Films ist dabei angenehm unbrachial und eher grotesken Situationen oder Moondogs oftmals unerhörten Frechheiten geschuldet. Zudem macht Korine aus Scriptwendungen, die erst dazu geschaffen sind, moralisierende Werke komplett zu tragen (wie eben Minnies Tod nebst testamentarischer Verfügung oder Moondogs Einweisung in den Drogenentzug), reine erzählerische Fußnoten, die bestenfalls als Stichwortgeber für den nächsten Exzess fungieren. Dieses dicke, fette, feist adressierte „Fuck it!“ an jedwede Moralinsäure, das wiederum den Kreis zu „Barfly“ schließt und zu Chinaskis damaliger, strikter Weigerung, Tresen und Hinterhof gegen den Goldenen Käfig einzutauschen, macht „The Beach Bum“ zu einer wohltuenden Ausnahmeerscheinung abseits der üblichen, pubertären stoner comedies.

8/10

COUP DE TORCHON

Zitat entfällt.

Coup De Torchon (Der Saustall) ~ F 1981
Directed By: Betrand Tavernier

Französisch-Westafrika, 1938: Lucien Cordier (Philippe Noiret) betätigt sich als Polizist im von 1280 Seelen bevölkerten Kleinststädtchen Bourkassa Ourbanqui. Sein gesamtes Leben hier gleicht einer Posse. Lucien hat bislang weder jemals jemanden verhaftet noch jemals seine Waffe abgefeuert. Sämtliche Weiße, auch seine Frau Huguette (Stéphane Audran), sehen auf ihn herab und machen sich über ihn lustig. So lang das Pernod-Glas gut gefüllt ist, stört ihn das bislang wenig, oder zumindest lässt er es sich nicht anmerken. Als sich Lucien eines Tages doch aufrafft, dem Präfekten Chavasson (Guy Marchand) sein Leid zu klagen, verspottet dieser ihn ebenfalls und rät ihm, dem Nächsten, der ihm dumm kommt, „in den Arsch zu treten“. Lucien fackelt nicht lang, erschießt zunächst kaltblütig die beiden lokalen Zuhälter Le Peron (Jean-Pierre Marielle) und Leonelli (Gérard Hernandez) und sorgt dafür, dass Chavasson der Hauptverdächtige für deren „Verschwinden“ ist. Später knöpft er sich den brutalen Marcaillou (Victor Garrivier), den prügelnden Ehemann seines Betthäschens Rose (Isabelle Huppert), vor und lässt den arroganten Geschäftsmann Vanderbrouck (Michel Beaune) in seine eigene Latrine fallen. Als krönenden Abschluss entledigt er sich mit Roses unbeabsichtigter Hilfe seiner Gattin und deren Liebhaber und angeblichen „Bruder“ Nono (Eddy Mitchell). Da hat sich jedoch längst ein akuter werdender Größenwahn Luciens bemächtigt…

Betrand Taverniers gewaltige Kolonialismusfarce basiert auf dem Roman „Pop. 1280“ des amerikanischen Romanciers Jim Thompson, der seinerseits als transzendentaler Western angelegt ist. Die Transponierung auf ein Kaff in Französisch-Westafrika am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, eine Periode, in der der gesamte Globus dabei ist, die Schwelle zum Wahnsinn zu übertreten, entpuppt sich in diesem Zusammenhang als genialischer Kniff. Die Figur Lucien Cordiers lässt sich dabei in vielerlei Weise interpretieren. Mir kommt er vor, wie der sich genügsame, knechten lassende und dabei doch längst zutief verletzte Narr einer hedonistischen Hofgemeinde, der, nachdem das Fass einmal übergelaufen ist, zu einer Art faschistischem Zerrbild wird; einem heimlichen Autokraten, der seinem Mikrokosmos die erlittene Schmach hochpotenziert zurückzahlt und darüber hinaus auch die eigene Bodenhaftung einbüßt.
Einzig die rassistisch drangsalierten Eingeborenen bringen mitleidiges Verständnis für Lucien auf, wie er zuvor dahinexistiert und in den Tag lebt, zumindest leiblich wohlgelitten, gut und umfangreich essend und trinkend, seinen längst tiefe Furchen treibenden Hass hinter einer Fassade des scheinbaren Gleichmuts verbergend.
Eine am Anfang des Films auftretende Sonnenfinsternis erscheint im Nachhinein als eine Art naturbedingtes, vielleicht gar sakrales Orakel für Lucien. Infolge geschickt eingeholter Absolution durch die weltlichen und geistlichen Autoritäten [sowohl der Polizeipräfekt als auch der örtliche Pastor (Jean Champion) lassen den geschickt agierenden Lucien unbewusst die „Genehmigungen“ für seine folgenden Gewaltakte aus sich herauskitzeln] wird aus dem trägen Dorfsheriff ein ebenso cleverer wie zynischer Vigilant in höchst eigener Sache, der seinem Sinneswandel eine umfassende Abrechnung folgen lässt, ein dem Originaltitel entsprechendes „Durchwischen“ oder „Großreinemachen“. Dass er dabei auch Grenzen überschreitet, die besser unüberschritten blieben, setzt ihn am Ende, nachdem man seiner Vergeltungsaktion mit einiger, boshafter Genugtuung gefolgt ist, jedoch endgültig ins moralische Unrecht. Ein einheimischer Zeuge (Samba Mané) seines Mordes an Marcaillou muss für seine naive Aufrichtigkeit mit dem Leben bezahlen. Vielleicht ist es dieser eine, in jedweder Hinsicht unberechtigte Gewaltakt, der Luciens Hybris am Ende die psychische Gesundheit kosten wird.
Tavernier legte mit „Coup De Torchon“ ein bitterböses Meisterstück vor, einen seiner schönste Filme und einer der definitivsten zum Thema Kolonialismus obendrein, ungeheuer reich an philosophischen Bonmots und Diskursen, seinen Weg so schräg wie geradlinig gehend.

9/10

MURDER MYSTERY

„You got to be the bad guy.“

Murder Mystery ~ USA 2019
Directed By: Kyle Newacheck

Weil er sich zum wiederholten Male als zu unfähig erweist, die Prüfung zum Police Detective zu meistern, schwindelt der New Yorker Cop Nick Spitz (Adam Sandler) seiner Gattin Audrey (Jennifer Aniston) kurzerhand vor, dass er sie längst bestanden habe. Zudem zwingt eine dumme Situation dazu, Audrey die seit Jahren versprochene Europareise zum jüngsten Hochzeitstag zu verehren. Aus der geplanten Bustour zu den großen südeuropäischen Schinkenräuchereien wird jedoch nichts, da Audrey im Flieger die Bekanntschaft des Milliardenerben Charles Cavendish (Luke Evans) macht. Dieser lädt die Spitzens – nicht ganz uneigennützig – zur Hochzeitsparty seines Onkels, des superreichen Malcolm Quice (Terence Stamp), auf dessen Luxusyacht ein. Nachdem dieser sämtlichen anwesenden Erbschleichern eröffnet, dass sie nichts von seinem Nachlass zu erwarten hätten, wird er umgehend ermordet. Der ebenso übereifrige wie inkompetente Polizist de la Croix (Dany Boon) hält trotz eindeutig fehlenden Motivs die Spitzens für die Täter, was diese in die Zwangslage setzt, ihre Unschuld zu beweisen.

Zumindest für des Sandmans Freunde durchaus liebenswert, wenngleich qualitativ eher in seinem mittleren Filmsektor schwimmend, entpuppte sich diese sechste und jüngste Netflix-Produktion als die bislang erfolgreichste Zusammenarbeit des Senders mit dem quirligen Adam. Angenehmerweise versucht „Murder Mystery“ erst gar nicht, sich zu etwas Besserem zu deklarieren als er es letzten Endes darstellt, sondern gibt sich mit seinem Status als gut gelaunte, in Teilen durchaus witzige Krimikomödie ohne besondere Ausreißer nach oben oder unten zufrieden. Für Sandler, der ausnahmsweise mal an der Riviera sein Unwesen treiben darf, ist das Ganze derweil eine sichtlich laxe Fingerübung, die ihn gut gelaunt und wie gehabt auch mal über die eigenen Gags lachen lässt. Garantiert überraschungsfrei, aber sympathisch wie immer. Das matte Fünkchen Reverenz an Agatha Christie und anverwandte Literatur bleibt schließlich bloße Behauptung.
Der kriminalistisch überbaute Hauptplot lässt sich, wie die Inszenierung in ihrer Gesamtheit, insofern völlig vernachlässigen; ganz ähnlich wie seinerzeit Woody Allen in seinem nicht nur titulär verwandten „Manhatten Murder Mystery“, geht es vielmehr darum, die eingeschlafene Liebe eines nurmehr gewohnheitsmäßig verheirateten Paares durch die Involvierung in einen – bzw. mehrere – Mordfall/-fälle sich neu entflammen zu lassen und alten Beziehungsballast somit beiseite zu schieben, im vorliegenden Stück natürlich betont unsophisticated. Dennoch und überhaupt sollte man die mir zunehmend offenkundigen Parallelen zwischen den Gesamtwerken von Allen und Sandler einmal näher untersuchen.

6/10

KIND HEARTS AND CORONETS

„After using the silken rope… never again be content with hemp.“

Kind Hearts And Coronets (Adel verpflichtet) ~ UK 1949
Directed By: Robert Hamer

Weil seine Mutter (Audrey Fildes) einst einen nicht standesgemäßen, italienischen Tenor (Dennis Price) geheiratet hatte, muss Louis Mazzini (Dennis Price), Spross der adligen D’Ascoyne-Sippe, erleben, dass sie, ebenso wie er selbst, von dem Rest der Familie, allen voran von dem altehrwürdigen Duke (Alec Guinness), verstoßen wurde. Nicht mal eine Grabstätte in der Familiengruft billigt man Louis‘ Mutter zu, obschon dies ihrem letzten Wunsch entsprochen hätte. Dass dem als kleinen Miederwarenverkäufer arbeitenden Louis zudem auch seine Jugendliebe Sibella (Joan Greenwood) entsagt, bringt den jungen Mann noch mehr in distinguierte Rage. Er beschließt, sich für die erlittene Schmach an sämtlichen noch lebenden Mitgliedern der D’Ascoynes zu rächen, indem er sie einen nach dem anderen ermordet…

Robert Hamers schwarze Komödie gilt als einer der besten und schönsten britischen Filme überhaupt und verzeichnet eine entsprechend große Zahl an Liebhabern – berechtigterweise, denn „Kind Hearts And Coronets“ kommt dem, was man als „perfekten Film“ zu bezeichnen geneigt ist, beträchtlich nahe. Bewundernswert elegant, konzentriert und voll von geistreichen AperçusParvenu berichtet Hamer Biographie und Werdegang des bereits zu Beginn der Geschichte in der Todeszelle sitzenden Louis Mazzini, gewandet in ein geschliffenes Memoiren-Voice-Over. Daran, dass Mazzini, der als Serienmörder eine stattliche Anzahl an Familienmitgliedern und Unbeteiligten mittels inszenierten Unfällen, Vergiftungen, Bombenattentaten und Erschießungen (zweimal kommt ihm der Zufall zur Hilfe) zu verzeichnen hat, in Kürze gerechtermaßen dem Scharfrichter (Miles Malleson) vorgeführt werden wird, hat der Zuschauer bereits nach dem ersten Akt keinen Zweifel mehr; dass er just für einen Tod, an dem er keine Schuld trägt und für den er lediglich infolge eifersüchtiger Intriganz verurteilt wurde, zieht einen aber dennoch auf seine Seite. Eine weitere brillante Geschicklichkeit: Price spielt Mazzini nämlich als einen überaus sympathischen, formvollendeten Gentleman voller noblesse oblige, dessen sich sukzessive steigernde Gier als Emporkömmling ein Widerhall des ihn seit Anbeginn seiner Geburt heimsuchenden Standesdünkels ist und somit zumindest in Ansätzen eine Art sozial gerechtfertigter Zorn. So sind die von ihm beseitigten, durch die Bank von Alec Guinness gespielten D’Ascoynes auf die eine oder andere Weise allesamt mehr oder weniger große Nervensägen und gewissermaßen von humanistischer Redundanz; eingebildete Filous, trinkende Pantoffelhelden, halbidiotische Geistliche, verkrachte Bonzen, radikale Suffragetten, eiserne Kommissköpfe oder schlicht arrogante Aristokraten finden sich darunter und der Tod jedes Einzelnen von ihnen markiert ein höchst vergnüglich inszeniertes Kabinnettstückchen. Wie bereits angedeutet, geht Hamer keineswegs so verlockend oberflächlich zu Werke, nicht auch seinem Protagonisten einen bitteren Spiegel vorzuhalten. Im Laufe seiner kriminellen Karriere entwickelt sich Mazzini selbst zu dem, was er zuvor so sehr verachtete – einem zynischen Snob und Parvenu, dem Geld und Stellung bald zumindest mit seiner vormaligen privaten Agenda gleichauf sind.
Ob er am Ende Engelchen oder Teufelchen wählt, die beide in einem Einspänner auf ihn warten, oder seine verschriftlichten Memoiren ihm doch noch den Strick drehen, überlässt „Kind Hearts And Coronets“ schließlich, ganz seiner übrigen Hellsichtigkeit entsprechend, der moralischen Sensitivität seines Publikums.

10/10