COLDBLOODED

„I’ve tried everything. Glug, glug, glug – that’s what works for me.“

Coldblooded ~ USA 1995
Directed By: Wallace Wolodarsky

Der einsame, etwas einfältige Cosmo Reif (Jason Priestley) arbeitet als treuer, kleiner Buchmacher für ein Gangstersyndikat. Als sein früherer Boss das Zeitliche segnet und mit dem arrivierten Gordon (Robert Loggia) eine neue Nummer 1 die Befehle gibt, wird Cosmo unversehens und zunächst wider Willen zum Auftragskiller „befördert“. Der erfahrene Steve (Peter Riegert) soll ihn anlernen, ist schon bald äußerst beeindruckt von Cosmos naturgegebenen Schießkünsten und wird von seinem Mündel im Gegenzug zu einer Art Ersatzvater gekürt. Da Steve seine wachsende Verzweiflung mehr und mehr in Alkohol ertränkt und somit unzuverlässig wird, steht auch er bald auf Gordons Abschussliste, derweil Cosmo den Auftrag durchführen soll und gleichsam Steves designierter Nachfolger ist. Doch der schüchterne Junge ist gleichsam frisch verliebt – in die Yogalehrerin Jasmine (Kimberly Williams)…

Eine der wenigen wirklich ordentlichen, im Tarantino-Fahrwasser entstandenen Killergrotesken der Mitt- und Spät-Neunziger ist dieses Kinodebüt des vormaligen und hauptberuflichen TV-Show-Produzenten Wallace Wolodarsky geworden. Mit leisem Humor, statischer Kamera und auf wenige Handlungsorte beschränkt, präserviert „Coldblooded“ einen verschrobenen Humor, der als gezielt eingesetztes Gegengewicht zu dem ansonsten recht gewalttätigen Gestus der Killerstory halbwegs elegant aushebelt.
Zentriert findet man den mit der Tennie-Soap „Beverly Hills, 90210“ zu Erfolg gekommenen Mädchenschwarm Jason Priestley in einer unerwartet nunancierten Darstellung als eine Art Simplicissimus des Profikiller-Subgenres. Cosmo Reif ist ein vermutlich unter dem Asperger Syndrom leidender Midtwen, dessen einziger körperlicher Kontakt zu einer in derselben „Firma“ wie er selbst beschäftigten Prostituierten (Janeane Garofalo) besteht, die wiederum zufällig in jenem Seniorenheim diverse Klienten bedient, in dessen kargem Keller Cosmo haust. Sein Alltag besteht aus leeren, öden Ritualen, bis er dann von jetzt auf gleich Leute erledigen soll. Damit erhält Fosmos Existenz eine Wende, der der durchaus sensible junge Mann emotional langfristig natürlich nicht gewachsen ist. Bis seine Erlösung wartet und seine eigentlich vorab zum Scheitern verurteilte Romanze durch eine ebenso unerwartete wie bizarre Wendung erblühen kann, gilt es zunächst jedoch, einen kleinen Leichenberg aufzutürmen – immerhin müssen sämtliche Spuren in diese merkwürdige biographische Episode Cosmos restlos verwischt werden.
Glücklicherweise sind die (von Wolodarsky selbst ersonnenen) Dialoge des Films ähnlich wortkarg und pointiert wie der langsame Habitus seines Protagonisten und erliegen nicht der Versuchung, die bekokste Geschwätzigkeit des hyperaktiven Vorbilds zu plagiieren. Dieser kluge Weg verhindert zwar nicht gänzlich die eindeutige Identifizierbarkeit der hauptsächlichen Einflussquelle von „Coldblooded“, lässt ihn jedoch eigenständig genug erscheinen, um innerhalb seiner eingeengten Laufbahn zu überzeugen.

8/10

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SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Ihre Motivlage so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10

MARY POPPINS

„Who looks after your father? Tell me that.“

Mary Poppins ~ USA 1964
Directed By: Robert Stevenson

Auf dem Kirschbaumweg Nummer 17 in London wohnt die Familie Banks. Während Vater George (David Tomlinson) eifrig seinem Job in der Bank nachgeht, betätigt sich Mutter Winnifred (Glynis Johns) allenthalben als Suffragette. Die beiden vernachlässigten Kinder Jane (Karen Dotrice) und Michael (Matthew Garber) verschleißen derweil ein Kindermädchen nach dem anderen. Bis die magische, feengleiche Mary Poppins (Julie Andrews) auftaucht. Mit viel Gesang, Träumereien und Lebensweisheit und vor allem der Unterstützung des Straßenkünstlers und Schornsteinkehrers Bert (Dick Van Dyke) gelingt es ihr, die Banks wieder zu einer glücklichen Familoie zu machen.

Die Geschichte, wie Walt Disney der Autorin P.L. Travers die Verfilmungsrechte an ihrer Kinderbuchfigur Mary Poppins abschwatzte, ist legendär und avancierte später selbst zum Filmstoff. Ebenso vehement allerdings, wie Disney die Literatin becircte, ist die Tatsache, dass „Mary Poppins“ und insbesondere der Film in Kombination mit seiner Hauptrollenbebütantin Julie Andrews einen maßgeblichen Epitaph des alten Hollywood bildet. Der Vorhang für die großen, teuren und überlangen (Fantasy-)Musicals der mittleren und späten sechziger Jahre, für die die Andrews steht wie außer ihr nur noch Barbra Streisand und die mit Ausnahme der traditionsverpflichteten Academy einen zunehmenden Anachronismus darstellten, begann sich bereits mit „Mary Poppins“ allmählich zu schließen. Und wie der Entstehungsprozess um Disney der wehrhaften Travers nach und nach unter allerlei (zwecklosem) Protest unterjubelte, dass seine Adaption ein Musical werden und Trickfilmsequenzen darin vorkommen würden, ist das Endresultat ein ebenso symbolischträchtiges Pamphlet für die Allmacht und Urgewalt der überalterten, im Aussterben begriffenen Hollywood-Mogule. Das „Löffelchen voll Zucker“, von dem „Mary Poppins“ in den allermeisten Aufzügen mindestens eins zuviel dreingegeben wurde, geriet hier zur sprichwörtlich bitteren Medizin. Die delirierende Sequenz im Herzen des Films, in der Mary Poppins, Bert und die Kinder in die Straßenmalereien hineintauchen und somit gleichermaßen in ein irrwitziges, disneytypisches Animationsnirwana etwa ist in ihrer überlangen Wesenheit beinahe schon dreist; die Nummer „Feed The Birds (Tuppence A Bag)“ an triefendem Schmalz praktisch kaum mehr überbietbar. Dennoch vollbringt es der Film in seiner Gesamterscheinung und vor allem seiner finalen, Travers ganz privater Urintention wiederum höchst gerecht werden Konsequenz, derzufolge Mary Poppins nicht die Kinder, sondern die Seele von Vater Banks heilt, seine heimlichen Stärken zu präservieren. Zumindest was mich anbelangt. Andere mögen ihn inbrünstig hassen – und auch für jene kann ich durchaus Verständnis aufbringen.

7/10

AMERICAN GRAFFITI

„Sneakin‘ around with the Wolfman, baby. This is gonna strike a raw nerve, Mama. Here’s The Platters.“

American Graffiti ~ USA 1973
Directed By: George Lucas

September 1962: Während in dem Städtchen Modesto zu den allseits tönenden Klängen des Radio-DJ Wolfman Jack (Wolfman Jack) das Ende der Sommerferien eingeläutet wird, bedeutet diese Nacht für Curt Henderson (Richard Dreyfuss) und Steve Bolander (Ron Howard) womöglich den Abschied von ihrem bisherigen, wohlvertrauten Leben. Die jungen Männer erwartet ein College-Platz an der Ostküste. Während Curt sich nicht sicher ist, ob er überhaupt aus Modesto raus will, versucht Steve unbeholfen, seiner Sandkastenfreundin Laurie (Cindy Williams) den nahenden Abschied zu erleichtern. Als Curt eine attraktive Blondine in einem Ford Thunderbird erspäht, setzt er sich in den Kopf, sie unbedingt kennenzulernen. Curts und Steves zwei Kumpel John Milner (Paul Le Mat), seines Zeichens ungekrönter König der lokalen Straßenrennszene, und der nerdige Terry Fields (Charles Martin Smith) haben derweil ganz andere Sorgen. Während John eine frühpubertierende Göre (Mackenzie Phillips) an den Hacken hat, versucht Terry, bei der einfältigen Debbie (Candy Clark) Eindruck zu schinden.

Wie sein bös kassengecrashter Vorgänger „THX 1138“ erwies sich George Lucas‘ wiederum von Coppolas Zoetrope produzierte, zweite Regiearbeit „American Graffiti“ als nachhaltig stil- und gattungsprägend Von den etlichen Schul- und College-Komödien der Spätsiebziger und Achtziger über die „Lemon Popsicle“-Serie bis hin zu Linklaters zwei Zeitpopträts reicht die sich über die Folgedekaden hinziehende Abschöpfungsspanne.
Hatte zwei Jahre zuvor im Kontext der New-Hollywood-Bewegung bereits Peter Bogdanovich mit „The Last Picture Show“  einen nostalgischen Rückblick auf vergangene Jugendtage und unvermeidliche Coming-of-Age-Schwermut vollzogen, so versetzte Lucas mittels teils autobiographisch geprägter Detailversessenheit dem Topos seine unverwechselbaren, bis heute gültigen Ingredienzien. Statt der depressiven Ödnis des zutefst lebensunlustigen, schwarzweißen Texas-Settings von Larry McMurtry erwarteten das Publikum hier Scope, leuchtende Farben, schicke Drive-In-Diners, Highschool-Schwoof, Autokult und natürlich eine erlesene, vor Gassenhauern strotzende Rock ’n‘ Roll-Tonspurrille, die das Geschehen, immer wieder eingeleitet von der (tatsächlichen) DJ-Legende Wolfman Jack, nahezu pausenlos untermalt (und kommentiert). In heuer typischer Ensemble-Film-Manier spult Lucas die Erlebnisse seiner vier Protagonisten in stetem, episodischen Wechsel ab. From dusk till dawn wird jeder von ihnen auf seine Weise mit persönlichen Schwächen und Stärken konfrontiert und vollzieht einen wesentlichen, gleichfalls nicht unbedingt liebenswerten Schritt in Richtung Erwachsenwerden: Curt lernt, dass es sich nicht auszahlt, ohnehin unerreichbaren Träumen hinterherzujagen, Steve hingegen, dass das kleine Glück nicht zwangsläufig in der Ferne wartet. Milner lässt durchblicken, dass der regionale Kult um seine Person in eigentlich mehr enerviert als stolz macht und Terry begreift am Ende seiner turbulenten Nacht, dass er es nicht nötig hat, sich als jemand aufzuspielen, der er gar nicht ist.
Eine epilogisch angefügte Schrifttafel in Jahrbuch-Optik klärt uns schließlich über die recht unromantischen, künftigen Schicksale der Helden auf. Vietnam lauert bereits dräuend in der Ferne und den ohnehin an Jimmy Dean erinnernden, aus der Zeit gefallenen Outcast John Milner erwartet ein zutiefst unrühmlicher Unfalltod. Curt und Steve, gewissermaßen die bodenständigere, bourgeoise Hälfte des Kleeblatts, werden in gutbürgerlichen Berufen landen. Das gibt’s nur einmal (, das kommt nicht wieder).

9/10

DEADPOOL 2

„Poor writing.“

Deadpool 2 ~ USA 2018
Directed By: David Leitch

Infolge eines unsauber durchgeführten Auftrags wird Vanessa Carlysle (Morena Baccarin), heißgeliebte Freundin des Mutantensöldners Wade Wilson (Ryan Reynolds) aka Deadpool getötet. Der untröstliche Wade versucht nun, sich auf jede denkbare Art selbst ins Jenseits zu befördern, was jedoch gründlich misslingt. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei den X-Men landet Wade gemeinsam mit dem ebenfalls superkräftigen Teenager Russell Collins (Julian Dennison)  in der Ice Box, einem Hochsicherheitsknast speziell für Mutanten. Wade ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Russell sich in der Zukunft „Firefist“ nennen und zum Massenmörder avancieren wird, was wiederum den zeitreisenden, rachsüchtigen Cable (Josh Brolin) in die Vergangenheit und auf Russells Fährt führt. Von nun an sieht Wade, der als erste Maßnahme das Katastrophenteam „X-Force“ gründet, es als seine hehre Mission an, Russell zu beschützen und ihm den rechten Weg zu weisen, wobei Cable sich ein Wörtchen Mitsprache erbittet…

Nachdem ich den ersten „Deadpool“-Film seinerzeit als höchst mittelmäßig, geschwätzig und in Teilen verlogen empfand, bereitete ich mich auf das Sequel mit der gedämpften Antizipationshaltung des ehern verpflichteten Superheldenfilm-Chronisten vor. Die ersten Minuten, in denen Wade unter kinetikintensivem Getöse eine ganze Reihe internationaler Gangster ins Jenseits befördert, ließen meine Befürchtungen augenscheinlich bereits wahr werden, bis der Film mit dem Tode von Wades geliebter Vanessa eine eigenartige Wendung nimmt, die mit der späteren Einführung des aus der Zukunft stammenden Soldaten Cable, in den Comics der eigentliche Gründer der X-Force und später als ernster angelegter Konterpart Deadpools zu einiger Beliebtheit gelangt, dafür sorgt, dass nicht nur der Film, sondern darüberhinaus sogar die Kino-Inkarnation Deadpools auf eine unerwartet vergnügliche Weise zu sich selbst finden.
„Deadpool 2“ vollbringt nun das Kunststück, die erste, lupenreine Superheldenkomödie mit Franchise-Stempel zu sein, deutlich purifizierter noch als etwa die beiden diesbezüglich bereits sehr offen gestalteten „Guardians Of The Galaxy“-Filme (die, wie alles andere auch, natürlich selbst nicht unreferenziert bleiben). Ryan Reynolds sucht sich in Habitus und Intonation Vorbilder wie Will Ferrell oder Adam Sandler, lässt sich seine Figur offenherzig vom großmäuligen Alleskönner zum auf liebenswerte Weise nervigen Versager und Dummkopf entwickeln, die sehr viel mehr als alle anderen Charaktere immer wieder Zielscheibe von Spott und hübschen Peinlichkeitsmomenten wird.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich anfangs stur gesträubt habe, über die sich zunehmend gelungener ausnehmenden Gags zu lachen, bis das Eis dann irgenwann gebrochen war. Zwar laufen nicht alle Witze zielgerade ins Schwarze und vor allem die ewigen popkulturellen Verweise, die den etwas atemlosen Eindruck hinterlassen, dass die Autoren auch wirklich zu jedem Einfall noch einen enzyklopädischen Kommentar auf Lager haben, sind nicht unanstrengend. Ähnliches gilt für die notorischen Derbheiten, die manchmal schlicht infantil wirken. Dennoch hebelt die ungeheure, sich immer weiter auftürmende und mit den unvermeidlichen Zeitreise-Clownerien im Abspann kulminierende Rasanz, die das pacing unentwegt und vor allem gekonnt klimaktisiert, den weniger gelungen Schabernack weitgehend aus und hinterlässt einen Film mit Seele, wo anfangs überhaupt keiner zu erwarten war. Außerdem möchte ich Zazie Beetz bitte heiraten. Ach, die hämische Vinnie Jones/Juggernaut-Pleite aus „X-Men: The Last Stand“ wird auch noch erfolgreich ausgebügelt.
Insofern eine der alles in allem schönsten Überraschungen seit langem.

8/10

THE FLIM-FLAM MAN

„You’d be amazed at the hundreds of satisfied students I’ve matriculated over the last 50 years!“

The Flim-Flam Man (Der tolle Mr. Flim-Flam) ~ USA 1967
Directed By: Irvin Kershner

Der desertierte und auf der Flucht vor der M.P. befindliche Private Curley (Michael Sarazzin) trifft zufällig auf den alternden Trickbetrüger Mordecai Jones (George C. Scott), im Süden des Landes auch als „Flim-Flam Man“ berüchtigt. Jones ernennt Curley kurzerhand zu seinem Partner und versichert dem immer wieder an den üblen Neppereien des Alten zweifelnden, jungen Mann, dass die Leute der heutigen Wohlstandsgesellschaft es in ihrer Gier und Verblendung gar nicht besser verdient haben, als öfter mal eine harte Lebenslektion zu lernen. Eine zeitlang schlagen sich die beiden gemeinsam durch allerlei waghalsige Abenteuer, stets auf der Flucht vor der Polizei, doch als Curley sich in die hübsche Farmerstochter Bonnie Lee (Sue Lyon) verliebt, ist er entschlossen, sich zu stellen.

Down by law: Was ein wenig an dieser durchaus hübschen Gaunerkomödie und Vater-Sohn-Allegorie stört, ist ihre Unentschlossenheit, einen klaren Weg einzuschlagen. Nicht, dass ich prinzipiell etwas gegen Filme hätte, die sich eindeutiger Richtungen bewusst enthalten, im Gegenteil. Nur ist dann gleichfalls eine entsprechend herausgestellte Haltung wünschenswert. „The Flim-Flam Man“, der eigentlich vorzüglich in der historischen Rahmen der Depressionszeit gepasst hätte (nichtsdestotrotz aber in der Gegenwart angesiedelt ist), liefert ein Porträt der Südstaaten ohne wirklich in medias res zu gehen. Er macht einen erklärten Gauner zum Protagonisten, verschließt sich jedoch moralischer Zweideutigkeit. Er baut einerseits auf die Leichtigkeit und den Chaosslapstick der Disney-Komödien von Robert Stevenson, findet aber dann doch nicht recht den Mut, sich konsequent auf ebendieses atmosphärische Federpolster zu verlassen. Als störend erweist sich in diesem Zusammenhang vor allem die Zerrissenheit des ausgehöhlt wirkenden Charakters von Sarazzin, der hier sein Filmdebüt gibt und der eigentlich einer luziden Psychologisierung entbehrt. Die Agenda von Mordecai Jones, den George C. Scott unter einigem Makeup gewohnt bravourös durch die Geschichte trägt, ist zwar komplex, aber unkompliziert: Der Mann hat die Gesellschaft offenbar hinreichend kennengelernt und verweigert sich seither bewusst jedweder Adaption. Curley indes ist mehr der rebel without a cause, der darüberhinaus auch gar kein rebel sein will. Sämtliche Versuche von Jones, den jungen Mann davon zu überzeugen, dass Freiheit, und sei sie selbstgemacht und umstandshalber sogar forciert, das höchste individuelle Gut ist, scheitern schlussendlich, so dass das happy end eigentlich gar keines ist. Der Flim-Flam Man, ein sanftkrimineller hobo, der der Naseweisheit der Justiz stets einen Schritt voraus ist, erweist sich als aus der Zeit gefallener, sozialer Dinosaurier, als aussterbende Art, die keinen reellen Erben mehr findet. Eine ziemlich traurige, reaktionäre Haltung, die Mordecai Jones, im Gegensatz zu einem veritablen Nachfolger, so nicht verdient.

6/10

LOMMBOCK

„Wir können auch ganz anders!“

Lommbock ~ D 2017
Directed By: Christian Zübert

Stefan (Lucas Gregorowicz), der, unterdessen doch noch Anwalt geworden, im internationalen Jetset verkehrt und kurz vor seiner Hochzeit mit der hübschen Yasemin (Melanie Winiger) in Dubai steht, muss zurück nach Würzburg, um seine Geburtsurkunde zu beschaffen. Sein alter Kumpel Kai (Moritz Bleibtreu) hat sich über die Jahre nur wenig verändert. Er hat aus der alten Pizzeria „Lammbock“ einen Asia-Imbiss namens „Lommbock“ gemacht, kifft noch immer wie ein Schlot, verheimlicht dies jedoch mehr oder weniger erfolgreich vor Gattin Sabine (Mavie Hörbiger) und Stiefsohn Jonathan (Louis Hoffmann). Ein schwadengeschwängerter Abend und eine unbedachte Aktion am Flughafen sorgen schließlich dafür, dass Stefan erstmal zwangsentgiften muss, bevor die Hochzeit stattfinden kann. Außerdem wollen noch Jonathans Probleme mit einer Gruppe arabischer Grasdealer geklärt und der dauerbedröhnte Frank (Wotan Wilke Möhring) aus der geschlossenen Psychiatrie befreit werden. Alles Ereignisse, die Stefan abermals über seinen Stand im Leben sinnieren lassen.

Mit „Lommbock“ gelang Christian Zübert und seiner bewährten Truppe das Kunststück, einen dem mittlerweile sechzehn Jahre alten Original ebenbürtigen Nachfolger hinterherzuschicken. Formaltechnisch sichtlich aufwändiger und edler (Scope statt Letterbox) konnte die Produktion offenbar auf ein höheres Budget zurückgreifen.
Den Hauptcharakteren Stefan und Kai wird zugestanden, dass sie glaubwürdig gealtert sind und sich ihrer jeweiligen. vormaligen Typologie gemäß (weiter-)entwickelt haben. Die – natürlich allesamt im Zusammenhang mit THC-Ge- und/oder Missbrauch stehenden – wiederum in episodischer Kapiteleinteilung vorgelegten Anekdötchen sind witzig, aber nicht albern, sieht man von der etwas übers Ziel hinaus schießenden Kiste mit der urplötzlichen Fähigkeit der Bedröhnten ab, in Fremdsprachen zu parlieren. Das fand ich dann doch eher mäßig komisch. Für Elmar Wepper gab’s leider nur einen kleinen, dafür umso lustigeren Cameo-Auftritt, Marie Zielcke fehlt leider und Alexandra Neldels Part wurde, ebenso wie der von Möhring, deutlich mehr Entfaltungsplatz eingeräumt. Ziemlich witzig noch Dar Salim als asozialer Gangstarapper Drei Jahre Bau, der eine astreine Parodie des entsprechenden szenischen Unwesens zum Besten gibt.
Wirklich positiv ist noch anzumerken, dass Stefans Lebensbilanzierung unerwartet ausfällt. Obwohl er sich alle Mühe gibt, sich Yasemin (und vor allem ihrer stinkreichen Familie) zu Gefallen zu verdrehen und anzupassen, hängt er, kaum ein paar tausend Kilometer von ihr entfernt, prompt wieder im alten Fahrwasser; kifft, geht fremd und stellt überhaupt allerlei illegalen Murks an. Vor der goldenen Erkenntnis, dass es mehr gibt als finanzielle Breitbeinigkeit, materielle Sicherheit und die oberflächlichen Verlockungen des Establishment, und sei es nur der beste Freund an der Seite und ein gepflegter Joint zum rechten Zeitpunkt, scheut sich „Lommbock“ jedenfalls nicht, nachdem sein Vorgänger genau dies dereinst befürchten ließ.

7/10