HUSTLE

„Guys in their 50’s don’t have dreams- they have nightmares.“

Hustle ~ USA 2022
Directed By: Jeremiah Zagar

Stanley Sugarmans (Adam Sandler) Herz schlägt für den Basketball und die NBA. Als Talentscout für die Philadelphia 76ers jettet er permanent durch die ganze Welt und sichert dem Team zuverlässig seinen Top-Nachwuchs. Mit dem überraschenden Dahinscheiden des langjährigen Besitzers der 76ers, Rex Merrick (Robert Duvall), büßt Stanley zugleich seinen eigenen Mentor und eine Art heimlichen Ersatzvater ein. Merricks leiblicher Sohn und Nachfolger Vince (Ben Foster), seit jeher eifersüchtig auf den nichtfamiliären Nebenbuhler, verbaut Stanley die zuvor versicherte Zusage, Assistant Coach zu werden und somit endlich mehr Zeit mit seiner familie verbringen zu können. Eines Tages entdeckt Stanley auf Mallorca den Gelegenheitsspieler Bo Cruz (Juancho Hernangomez) und versucht, ihn mit allen Mitteln in den Kader zu bekommen. Dafür bedarf es einiger Tricks und eines intensiven Trainingsprogramms, das Stanley im Alleingang organisiert. Doch auch diese Pläne torpediert Merrick Junior beständig, was den ohnehin recht launischen Bo zusehends demoralisiert. Doch Stanley gibt nicht auf…

Philadelphia, Stadt der brüderlichen Liebe, und mehr noch als andere Ostküstenmetropolen historisches Wahrzeichen des Amerikanischen Traums, die Rocky-City. Auch für Stanley Sugarman, eines der vielen funktionalen Zahnrädchen im Profi-Basketball außerhalb des Rampenlichts, ist Philly Dreh- und Angelpunkt aller erfüllten und unerfüllten Lebensträume. Die eigene Sportlerkarriere musste Stanley schon vor vielen Jahren am College ad acta legen, als er betrunken einen Autounfall verursachte, der seine rechte Hand unbrauchbar machte. Seine Frau Teresa (Queen Latifah) und seine Tochter Alex (Jordan Hull) sind derweil alles für ihn, was seine Tätigkeit als fast unentwegt durch die Weltgeschichte reisender Talentsucher zunehmend zur Bürde werden lässt. Der Verlust des alten Merrick verheißt nurmehr weitere karrieristischen Stillstand. In dem wortkargen Mallorquiner Bo Cruz personifizieren und konzentrieren sich schließlich alle noch verbliebenen Hoffnungen Stanleys, seiner festgefahren Existenz als Mittfünfziger nochmal eine letzte Wendung angedeihen lassen zu können; ein Traum, der mit vielen äußeren Hürden einhergeht.
Seine jüngste Netflix-Produktion treibt den Sandman abermals ein Stück weit weg von seiner über Jahrzehnte installierten und etablierten Comedy-Persona, natürlich nie, ohne diese je gänzlich zu verleugnen oder gar zu denunzieren. Auch Stanley Sugarman bildet am Ende eine weitere der vielen Facetten der vehement nunancierter kultivierten Filmidentität Sandlers aus. Den wie üblich einem zutiefst traditionsverbundenen Capra-Paralleluniversum entsteigenden, liebenden Familienvater in seinem ewigen Kampf um die zweite Chance, um Anerkennung und den verzweifelten Wunsch, allen zuvor gemachten Fehlern zum Trotz ernst genommen zu werden, erlebt man auch in „Hustle“, nebenei eine von Sportlercameos gespickte NBA-Liebeserklärung, aufs abermalig Neue. Die Wahl von Queen Latifah als kongenialer Ehegattin ist dabei so luzid wie konsequent; eine Frau, in Bezug auf die ein Sandler-Protagonist vor zwanzig Jahren noch kaum mehr denn komödiantisch verbrämte Ängste kolportiert hätte, symbolisiert nunmehr liebevolle Stabilität und gleichberechtigtes, familiäres powerhouse. Dass „Hustle“ im Übrigen en gros eine typologisch exakte Americana markiert, darf und sollte nicht verwundern; Sandler und sein noch relativ unbeschriebener Nachwuchsregisseur Jeremiah Zagar fischen geradezu nonchalant im großen Teich der hollywoodschen Filmmythen um Freundschaft, Erfolg und moralischen Triumph. Unübersehbare Vorbilder wie der natürlich allgegenwärtige „Rocky“ und dessen Nachfolger oder auch der urkomische „The World’s Greatest Athlete“ finden sich dabei freilich niemals rigoros abgerippt, sondern sitzen als Ehren-Logengäste auf der höchsten Empore.

7/10

VENOM: LET THERE BE CARNAGE

„Something wicked this way comes…“

Venom: Let There Be Carnage ~ USA 2021
Directed By: Andy Serkis

Eddie Brock (Tom Hardy) und der mit ihm verbundene Alien-Symbiont Venom leben ihre fusionierte Existenz mittlerweile wie ein altes Ehepaar. Als sich Brock die Chance eröffnet, durch ein Interview mit dem im Todestrakt von San Quentin einsitzenden Serienmörder Cletus Kasady (Woody Harrelson) seiner Reporterkarriere neuen Schub zu verleihen, nutzt er diese – zunächst erfolgreich. Ein weiteres Treffen mit Kasady kurz vor dessen Hinrichtung endet jedoch katastrophal: es gelingt dem Killer, sich ein Stück von Venom einzuverleiben, womit eine neue, todbringende Kreatur namens Carnage geboren ist. Kasady/Carnage entkommt, um sich mit seiner in der Anstalt Ravencroft einsitzenden Jugendliebe, einer mörderischen Mutantin namens Frances Barrison (Naomie Harris) alias Shriek, wiederzuvereinen und gemeinsam ihr früheres Kinderheim „St. Estes“ dem Erdboden gleichzumachen. Derweil trennen sich Brock und Venom nach einem heftigen Streit vorübergehend voneinander, müssen sich aber schließlich doch wieder zusammenraufen, um gemeinsam Carnages und Shrieks Amoklauf Einhalt zu gebieten.

Zu den eklatanten, aber noch langmütig aushaltbaren Problemen des Vorgängers gesellen sich im nunmehr von Andy Serkis inszenierten Sequel noch ein paar weitere hinzu. „Let There Be Carnage“ begreift sich primär als fröhlicher monster mash mit Partyallüren und leidet wiederum nachhaltig unter seiner erklärten Jugendfreundlichkeit, die selbst einem blutrünstigen Massenmörder wie Cletus Kasady noch den sinistren Nimbus nimmt. Mit seiner allenthalben überhasteten Dramaturgie und dem seine selten geistreichen Dialoge unter Dauerfeuer ausspeienden Script erinnert der zweite „Venom“ eher an die beiden sträflich missglückten „Batman“-Filme, die Joel Schumacher in den Neunzigern inszenierte und die den Dunklen Ritter nebst seiner finsteren Genesis zu einer bunten Zirkusattraktion aufweichten. Als hätte es sie letzten zwei Jahrzehnte Genrebildung im Superhelden-Adaptionsfach nicht gegeben, pfeift „Let There Be Carnage“ zu obigen Vorbildern passend auf jedwede Ernsthaftigkeit und tritt sowohl die existenzialistische Schwere der Snyder-Filme fürs DCEU als auch die zunehmende inhaltliche Komplexität des MCU so dreist wie lustvoll mit Füßen – es braucht dann auch nicht mehr die gewohnte Überlänge, um flaue Gags, Computerspielästhetik und entseelte CGI-Superwesen-Kloppereien in solch konzentrierter, dabei jedoch völlig unsubstanzieller Form aufzubieten. Ob man diesen buchstäblichen Affront gegen so ziemlich alles, was dem Superheldenfilmfan mittlerweile lieb und teuer ist, als notwendige Stilprovokation zu goutieren bereit ist oder eher genervt mit den Augen rollt, mag zu einem Teil reiner Rezeptionsdialektik geschuldet sein – offenkundige Schwächen wie die, kein konzises Gesamtbild hinterlassen zu können, lassen sich jedoch so oder so nicht fortleugnen. Der vermeintlich größte Clou findet sich dann erwartungsgemäß während der end credits, die, ermöglicht durch die Einführung des Multiverse-Konzepts drüben bei Disney, eine Brücke zum dort installierten „Spider-Man“ schlagen, was Sony in Kürze selbst unter nochmaliger Befleißigung dieses albernen Titelhelden neue Zuschauerrekorde bescheren wird.

4/10

LICORICE PIZZA

„I love you, Gary.“

Licorice Pizza ~ USA/CA 2021
Directed By: Paul Thomas Anderson

San Fernando Valley im Frühsommer 1973. Während die Porträts fürs High-School-Jahrbuch aufgenommen werden, entdeckt der fünfzehnjährige, extrovertierte Gary Valentine (Cooper Hoffman) die zehn Jahre ältere Alana Kane (Alana Haim). Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick, sie verschmäht jedoch die offenen Avancen des frechen Teenagers. Dennoch werden sich ihre wege in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder kreuzen und eine enge Freundschaft entstehen. Gary, der sich, ähnlich wie die lebensunentschlossene Alana, allenthalben mit kleinen Schauspielengagements über Wasser hält und dabei stets vom großen Durchbruch träumt, schreckt vor keiner verrückten Marketingidee zurück. So versucht er, unterstützt von Alana, im großen Stil Wasserbetten zu verkaufen und eröffnet später eine der ersten Flipper-Spielhallen in der Region. Ohne es wahrhaben zu wollen, kommen Gary und Alana sich immer näher, derweil alle Flirts und Versuche der beiden, anderweitige Liebesbeziehungen aufzubauen, regelmäßig scheitern.

Lange dauert’s manchmal bis zur Erkenntnis und noch länger vielleicht bis zum Geständnis. Umso schöner, wenn sich dann affirmative Gegenseitigkeit einstellt. Paul Thomas Andersons neunter und neuer Film „Licorice Pizza“, der Titel gleichfalls Slang-Terminus für eine Vinyl-Schallplatte und Name einer zeitgenössischen Record-Store-Kette, erzählt seine ostentativ unspektakuläre Liebesgeschichte als Sommermärchen jener Ära so luftig-leicht und unverschroben und entsperrt wie keine seiner anderen Regiearbeiten zuvor. Nachdem die Pynchon-Adaption „Inherent Vice“ und die bizarre Romanze „Phantom Thread“, wie alle seine Werke seit „There Will Be Blood“ von großer Akkuratesse getragene period pieces, bereits vermuten ließen, dass Andersons Eigenwilligkeit immer geraumer geschlagene Pfade beansprucht, liebäugelt „Licorice Pizza“ eher mit thematisch anverwandten Arbeiten von Amy Heckerling, Richard Linklater oder Cameron Crowe. Es langt also doch noch zu der einen oder anderen Überraschung in einem hoffentlich noch lange fortschreitenden Œuvre. Beinahe alles an diesem gewiss nicht eben erzählzeitknappen, jedoch keinerlei Szenenredundanz aufweisenden Zeitporträt besteht dabei aus gleichermaßen augenzwinkernden wie eherbietigen Reminiszenzen an Ära- und Lokalkolorit. Ein paar alternde, allmählich verblassende Hollywood- und Showgrößen wie Lucille Ball und William Holden (der von Tom Waits gespielte „Rex Blau“ scheint eine Art Mixtur aus John Huston und Sam Peckinpah abzugeben) erleben augenzwinkernde, nominell teils kaum abgewandelte Auftritte; der ehemalige Starfriseur und spätere Filmproduzent Jon Peters (Bradley Cooper) und der Lokalpolitiker Joel Wachs (Benny Safdie) erhalten sogar „unverfälschte“, nichtsdestotrotz höchst augenzwinkernde Hommages an ihre ehedem schillernde Präsenz. Analog dazu erfreuen sich auch die Arrangements vermeintlich sublimer Details von Innenraumdekors über Architekturen und Autos bis hin zu der sorgfältig getroffenen Songauswahl höchster Perfektion. Hinsichtlich all dieser Facetten nimmt „Licorice Pizza“ sich dann am Ende vielleicht doch wieder komplexer aus, als es zunächst den Anschein hat, obschon zumindest seine Narration und seine von handverlesenen Newcomern interpretierten Protagonisten doch so ungewohnt liebenswert und zugänglich daherkommen. Ein Film somit, der in seiner aufrichtigen Schönheit und Pracht noch häufig gesehen sein will.

9/10

GHOSTBUSTERS: AFTERLIFE

„Overstimulation calms me.“

Ghostbusters: Afterlife (Ghostbusters: Legacy) ~ USA/CA 2021
Directed By: Jason Reitman

Nachdem einer der im Laufe der Jahre zu vergessenen Halblegenden degradierten Geisterjäger, der mittlerweile als einsamer Eremit in Oklahoma lebende Dr. Egon Spengler, auf mysteriöse Weise das Zeitliche segnet, bezieht seine finanziell wenig betuchte, alleinerziehende Tochter Callie (Carrie Coon) mit ihren beiden Kindern Phoebe (Mckenna Grace) und Trevor (Finn Wolfhard) dessen leerstehende Farm. Während die Familie sich an das neue Kleinstadtleben zu adaptieren versucht, erfährt die wissenschaftsbegeisterte Phoebe mehr über ihren Großvater, dessen Vergangenheit und vor allem den Grund, warum er sich in die Einsamkeit zurückgezogen hat: Hier befindet sich nämlich eine Mine des Gozer-Anbeters Ivo Shandor (J.K. Simmons) nebst dessen Grabstätte und einer Kultstätte, die die Rückkehr der bösen summerischen Gottheit einleiten soll. Zusammen mit neuen Freunden und der zunächst unerwarteten Unterstützung von Spenglers alten Kollegen können die Kids Schlimmeres verhindern.

Auch Ghostbuster sterben. Nachdem ich mir den sechs Jahre zurückliegenden, von Paul Feig inszenierten, ersten Versuch, Ivan Reitmans Fantasykomödie und deren Erstsequel ins neue Jahrtausend zu überführen, gleichermaßen aus Desinteresse wie der an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, eine herbe Enttäuschung zu erleben, ersparte, schien „Afterlife“ den deutlich vielversprecherenderen Ansatz mitzubringen. Immerhin übernahm Reitman-Filius Jason die Regie und es schien eine signifikantere inhaltliche Anbindung an die Vorgänger gewährleistet. Was zunächst die etwas reiferen Fans respektive jene, die wie ich ich alt genug sind, die beiden aus den Achtzigern stammenden Originale auf der großen Leinwand gesehen und genossen haben zu dürfen, an die Frontlinie lockte, entpuppte sich bei eingehender Betrachtung abermals als auf jener seit nunmehr einigen Jahren rekurrierenden Retrowelle reitende Hommage an ebenjene verklärte Kinoära. Die Siebziger hatten den Blockbuster zunächst reinstalliert, das Folgejahrzehnt machte ihn zumindest phasenweise zur kalkulierbaren Familienveranstaltung. „Ghostbusters“ repräsentiert diese Entwicklung exemplarisch und zeigt gleichermaßen ihre formale Vollendung auf; als wortwörtlich geistreiches Genre-Crossover gerierte sich der Film, der einige brillante Comedy-Köpfe sich auf ihrem kreativen Zenit austoben ließ, als ein vor zeitlosem Humor strotzendes Kunstwerk, das seine im Vordergrund tobenden phantastischen Elemente gleichermaßen hofierte wie ironisierte. Reitmans Meisterstück blieb unikal, das unvermeidliche, fünf Jahre später nachgeschobene Sequel lässt sich noch als durchaus charmant bezeichnen, kann, anders als sein Wegbereiter, allerdings weder als singuläres Phänomen noch als Klassiker bestehen. Selbiges lässt sich im Wesentlichen auch betreffs „Afterlife“ konstatieren; er referenziert so eifrig wie redlich und schafft einen ehrenvollen Brückenschlag zwischen den Publikumsgenerationen, wobei für die Ü-40-Connaisseure vornehmlich eine augenzwinkernde Rührseligkeit präserviert findet, die mit dem anarchischen Dialogwitz des Originals nichts mehr gemein hat. Reitman Juniors Ansatz bietet dann doch deutlich mehr Action für die Kids von heute und befriedigt deren Rezeptionsgewohnheiten, die Eltern dürfen bestenfalls schmunzeln und sich immerhin halbwegs regelmäßiger Ansprache erfreuen. Dennoch; die größte Wehmut manifestiert sich weniger darin, den verstorbenen Ghostbuster Harold Ramis als digitales Helferleinsgespenst spuken zu sehen, sondern in der kalten, digitalen, anorganischen Perfektion, im Zuge derer die Höllenhunde Zuul und Vince Clortho nunmehr durch die Prärie hüpfen. Erst in Anbetracht der entsprechenden, knallfarbigen Bilder vergegenwärtigt sich einem das eigene Älterwerden und vielleicht ein wenig auch die eigene Endlichkeit.

7/10

THE WHOLE NINE YARDS

„Everyone dies. Sooner or later.“

The Whole Nine Yards (Keine halben Sachen) ~ USA 2000
Directed By: Jonathan Lynn

Nicholas „Oz“ Oseransky (Matthew Perry) lebt mit seiner Gattin Sophie (Rosanna Arquette) in einem gepflegten Vorort Montreals, wo er eine Zahnarztpraxis betreibt. Sophie und Oz hassen sich leidenschaftlich und sie will nurmehr möglichst viel bei ihm abstauben, wozu ihr scheinbar jedes Mittel recht ist. Als eines Tages neben den Oseranskys der bekannte Profikiller Jimmy „The Tulip“ Tudeski (Bruce Willis) einzieht, verschärft sich die Situation noch: Sophie überredet Oz, nach Chicago zu fliegen, um dort Tudeskis Erzfeind, den ungarischstämmigen Gangsterboss Janni Gogolak (Kevin Pollak), über dessen Aufenthaltsort zu informieren, versucht im Gegenzug jedoch, Tudeski anzuheuern, um Oz umzulegen. In Chicago lernt Oz nicht nur Gogolak und Tudeskis Berufsgenossen Frankie Figs (Michael Clarke Duncan) kennen, sondern auch Jimmys Noch-Gattin Cynthia (Natasha Henstridge), in die er sich Hals über Kopf verliebt. Zurück in Kanada gibt es noch einige weitere Überraschungen und manch bleihaltige Auseinandersetzung.

Der Einfluss von Tarantinos zynischem Killergestus, in dessen Gefolge sehr rasch alles salonfähig wurde, was schießwütige Gesellen mit flotten Sprüchen anbetraf, die ihre Gegner und/ oder Konkurrenz mit kaum mehr emotionaler Regung denn der eines müden Lächelns von der Platte putzten, war durch die gesamten neunziger Jahre hindurch omnipräsent und ließ auch darüber hinaus noch manchen Trieb sprießen. Jonathan Lynns „The Whole Nine Yards“ zählt zu jenem losen Dunstkreis und nimmt in mit Bruce Willis und Rosanna Arquette gleich noch zwei Ensemble-Mitglieder aus „Pulp Fiction“ zu sich hinüber, deren Figuren mit ein wenig Phantasie sogar leicht verzerrte Weiterführungen ihrer dort gespielten Charaktere abgeben könnten. Vor allem stellt Lynn aber seine Affinität für die Photographie schöner Frauen unter Beweis: neben der erwähnten Natasha Henstridge, deren Zeit im ganz großen Scheinwerferlicht ja nicht eben lange währte, kommt noch die wirklich bezaubernde Amanda Peet als Nachwuchskillerin Jill hinzu, die sich ganz besonderer Verwirrungstaktiken befleißigt. Die Besetzung spielt denn auch durchweg so charmant wie gut aufgelegt und bekommt einige wirklich komische Szenen zustande. Die Qualität der Inszenierung ist indes allerdings kaum der Rede wert und verharrt in etwa auf dem Niveau gängiger TV-Produktionen dieser Zeit. Alles daran wirkt routiniert, schematisch und überraschungsarm. Selbst die Farbdramaturgie präsentiert sich unattraktiv bis fade, fahl und seltsam verwachsen, was dem Gesamtresultat mit seinem oftmals knalligem Humor alles andere als in die Karten spielt. Eigentlich schade, dass man diese Grätsche zwischen unbeteiligter Gestaltungsform und witzigem Script hinzunehmen gezwungen ist – „The Whole Nine Yards“ hätte rückblickend einen noch sehr viel sehenswerteren Film abgeben können.

6/10

DON’T LOOK UP

„Shit’s all fucked up. Don’t forget to like and subscribe.“

Don’t Look Up ~ USA 2021
Directed By: Adam McKay

Durch Zufall entdecken die beiden Astronomen Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) und Randall Mindy (Leoardo DiCaprio) einen Kometen, der in rund sechs Monaten auf die Erde prallen und dessen Einschlag hier annäherend sämtliches Leben auslöschen wird. Die ebenso pr-geile wie intellektuell eingeschränkte US-Präsidentin Orlean (Meryl Streep) und ihr Stab zeigen sich von der apokalyptischen Hiobsbotschaft wenig beeindruckt, immerhin gilt es just, einen innerpersonellen Skandal auszubügeln. Auch der daraufhin eingeschlagene Weg, die Öffentlichkeit über eine populäre TV-Talkshow aufzurütteln, verpufft sang- und klanglos – die Leute interessieren sich sehr viel mehr für die Beziehungskrise eines prominenten Musikerpärchens (Ariana Grande, Kid Cudi). Als sich Wochen später die zerstörerische Existenz des mittlerweile nach seiner Erstsichterin Diabiasky getauften Kometen zumindest vulgärwissenschaftlich doch nicht mehr leugnen lässt, tut das Gros der Menschheit, was es eben so tut im Angesicht unverrückbarer Tatachen – leugnen, protestieren, ausweichen, verleumden, weg-, vor allem aber: bloß nicht nach oben sehen. Eine Zerstörungsmission wird im allerletzten Augenblick abgeblasen, denn Dibiasky besteht aus wertvollen Rohstoffen, die der Kommunikationselektronikindustrie ein Multibillionengeschäft bescheren würde. Leider misslingt ebenso der Alternativplan, den kosmischen Brocken in ungefährlichere Einzelteile aufzusprengen. Somit heißt es am Ende völlig zu Recht: Bye bye, humanity.

Die wirklich relevanten, bleibenden Filmsatiren bilden seit eh und je eines der geschmacksintensivsten Gewürze nicht allein im Comedysektor, zumal, wenn sie eine elementare gesellschaftspolitische Relevanz aufweisen. Man denke, um nur ein paar persönliche Lieblinge anzuführen, an Jahrhundertwerke wie „The Great Dictator“, „Dr. Strangelove“, „Network“, „Trading Places“ , „Natural Born Killers“ und „Fight Club“, allesamt bleibende Spiegelbilder besimmter Facetten der Verlorenheit ihrer jeweiligen Ära, allesamt brillant arrangiert, zutiefst gallig und doch urkomisch. „Don’t Look Up“ zieht nonchalant in jenen Olymp ein, er ist DER Film (zu) unserer Zeit. Und wie es sich für kontroverse Meisterwerke geziemt, ist das (angesichts der Verkaufsmechanismen und des gewaltigen Staraufgebots des Films bloß naturgemäße) Echo ein Panoptikum der Überforderung und bestätigt bloß, was McKay in seinem omnipotenten Rundumschlag wider ein Amerika des freidrehend pervertierten Wert- und Selbstverständnisses ohnehin zu jeder Sekunde durchblitzen lässt – unsere schöne Menschenwelt war und ist noch mehr eine der entgrenzten Borniertheit, der glattpolierten Oberflächenreize und der totalen Selbsträson. Zu uneingeschränkt positiven Stimmen zu McKays Königsgroteske mag sich scheibt’s keiner hinreißen lassen. Ein wenig Google spricht Bände: Die „Fans“ seien wütend, dass Matthew Perry herausgeschnitten wurde, dabei wäre dies doch sein überfälliges Comeback gewesen. Irrlichternde Parallelen zu Michael Bays „Armageddon“ (!) werden gezogen, und das nichtmal selten, der Klamauk moniert und die schlecht getimte Dramaturgie, die ihr Feuer ja allzu verfrüht verschieße. Die Realität habe den für einen früheren Starttermin und wegen Covid verschobenen „Don’t Look Up“ wiederholt und seine satirische Sprengkraft dadurch entscheidend entwertet.
Mir fällt in Anbetracht solcher völlig am Objekt vorbeischießender Aussagen (oder gehen sie alle vielleicht bloß McKay in die Falle?) nurmehr die Kinnlade herunter, aber bis auf den Boden, quasi Tex-Avery-mäßig. Tatsächlich liefert „Don’t Look Up“ nach meinem Dafürhalten nicht nur ein unfassbar passgenaues Zeitporträt, er ist vor allem auch ein formidabler Autorenfilm, mit dem Adam McKay endlich ganzheitlich zu sich selbst findet, nachdem er in den beiden hervorragenden Bale-Vehikeln „The Big Short“ und „Vice“ eine Abkehr von den Albernheiten seiner bis 2013 abgefeuerten Ferrell-Komödien hin zu mehr Respektabilität und vor allem Ernsthaftigkeit vollzogen hatte. „Don’t Look Up“ kombiniert gewissermaßen das Beste beider Welten – den anarchischen, genrebelassenen Humor der frühen Tage und die spätere, scharf sezierende Pespektivierung auf ein Amerika, das diesseits der Jahrtausendwende auch noch seinen letzten Rest Menschenverstand eingebüßt zu haben scheint. Dass dies nicht nur funktioniert, sondern sich vielmehr als überaus weise und durchaus ausgewogene Stilmixtur präsentiert, die auch mal den Mut zur Inkonsequenz aufweist, lässt sich anhand beinahe jeder Szene dieses unglaublich gelungenen Films ablesen. We’ll meet again…

10/10

MODERN VAMPIRES

„With a good commercial lubricant we could go for hours…“

Modern Vampires (Revenant – Sie kommen in der Nacht) ~ USA 1998
Directed By: Richard Elfman

Im Hollywood der Gegenwart kreuzen sich die Wege von Graf Dracula (Robert Pastorelli), der hier mit seiner Vampir-Community dekadente Clubpartys feiert, dem letzten Van-Helsing-Spross Frederick (Rod Steiger), dem eigensinnigen Nachwuchsvampir Dallas (Casper Van Dien), mit dem Van Helsing eine private Rechnung offen hat, und Dallas‘ amnesischen Opfer Nico (Natasha Gregson Wagner), die seit einiger Zeit auf der Straße lebt und einsame Freier aussaugt. Da der Graf das entfesselte Treiben im Sinne einer geordneten Vampir-Subkultur nicht gut heißt, will er die mittlerweile zu Dallas‘ Schützling gewordene Nico aus dem Weg haben, was wiederum Dallas, Van Helsing und vier Crips-Mitglieder (Gabriel Casseus, Victor Togunde, Cedrick Terrell, Flex Alexander) zur Zweckallianz gegen den Obervampir zusammenführt.

Leider musste Richard Elfmans verrückte kleine Horrorkomödie im Status eines TV-Films produziert werden, dabei wäre ihr ein Kinoeinsatz so sehr vergönnt gewesen. Wobei sich die berechtigte Frage stellt, ob überhaupt – und wenn ja, wie – ein von lahmen Blockbustern eingenordetes Endneunziger-Mainstream-Publikum „Modern Vampires“ wohl rezepiert hätte. Auf Anbiederungen jedweder Art verzichtet das gute Stück nämlich überaus vorsätzlich. Danny Elfmans Bruder Richard, vornehmlich als exaltierter Musiker (Oingo Boingo), Journalist und im Bühnenfach tätig, hatte sich nach seinem bizarren Musical und Midnight Movie „Forbidden Zone“ erstmal lange Jahre aus dem Filmgeschäft ferngehalten und kam erst in den Neunzigern wieder dazu, einige Off-Studio-Projekte zu inszenieren, zuletzt das vorliegende.
Für den sich als ebenso eigensinnige wie geschmacklose Satire begreifenden „Modern Vampires“ konnte er eine überaus stattliche Besetzung vor der Kamera versammeln, die durchweg mit einigem Einsatz ans Werk geht und somit ihr Herz und Engagement für Elfman und sein Werk transparent werden lässt. Im zunehmenden Verlauf seiner Spielzeit spitzt sich die Absurdität des Geschehens immer weiter zu und spätestens, wenn der altehrwürdige Van Helsing mit den vier zugedopten Crips im Fond seines Vans über den Sunset Boulevard tuckert und von der Polizei angehalten wird, weiß man endgültig, in welchem Hause man hier zu Gast ist. Zudem erfährt der Zuschauer mancherlei Dinge betreffs des altehrwürdigen Vampirmythos, die er sich vorher nie zu erfragen wagte (oder wollte), so etwa, dass man sich durch koitalen Verkehr mit einer Vampirin selbst zum Blutsauger wird. Eine freidrehende Vergewaltigungsszene, in der sich das Gangmitgliederquartett über die hässlich mutierte Kim Cattrall hermacht und im Nachhinein erstmal das große Kotzen kriegt, dient zur diesbezüglichen Illustration. Überhaupt hat „Modern Vampires“ nicht nur ein großes Herz fürs erlesen Abjekte, sondern auch für seine zähnebleckenden GesellInnen, zumindest für jene, die auf verkrustete aristokratische Strukturen zu verzichten und sich stattdessen als lebensbejahende Libertins einzurichten pflegen.

7/10

LITTLE CHILDREN

„So now cheating on your husband makes you a feminist?“

Little Children ~ USA 2006
Directed By: Todd Field

East Wyndam, Massachusetts. Die unzufriedene Hausfrau und Mutter Sarah Pierce (Kate Winslet) und der nicht minder unzufriedene Hausmann und Vater Brad Adamson (Patrick Wilson) beginnen quasi vom Spielplatz weg eine mehr oder weniger heimliche Affäre, für die die herbeiforcierte Freundschaft ihrer beiden kleinen Kinder (Sadie Goldstein, Ty Simpkins) als halbherziges Alibi fungiert. Die Flucht aus den Käfigen ihrer familiären Scheinsicherheit beschert dem unmoralischen Paar einen glücklichen Sommer, ein Ausbruch mitsamt gemeinsamer Zukunft erweist sich jedoch als träumerisches Luftschloss. Dann ist da noch der gestörte Pädophile Ronnie J. McGorvey (Jackie Earle Haley), der der gesamten Gemeinde ein Dorn im Auge ist und besonders von Brads Footbalkumpel Larry (Noah Emmerich), einem frustrierten Ex-Cop, aufs Korn genommen wird…

Amerikanisches Qualitätskino, Literaturverfilmung, Kleinstadtsatire und Ensemblestück in einem – diesbezüglich bildet Todd Fields „Little Children“ ganz gewiss keine Ausnahme von der marktüblichen Regel. Im verspäteten Fahrwasser von observationsbeflissenen, neuenglischen Erfolgsautoren wie John Irving und Rick Moody (nebst Adaptionen) oder Sam Mendes‘ „American Beauty“ bemüht sich Fields zweite (und bis dato letzte) Regiearbeit, selbst als im weitesten Sinne literarisch zu erscheinen – ein auktorialer Off-Erzähler (Will Lyman) deklamiert mehr oder weniger regelmäßig mit gottesgleichem Timbre, was die handelnden Figuren umtreibt und motiviert. Das ist vor allem chic und vermeintlich wichtig, wirkt schlussendlich aber doch ein wenig wie eine scheinitellktuelle, tatsächlich jedoch redundante Veredelung der genuin filmischen Stilmittel. Diese hätten auch trefflich für sich selbst sprechen mögen, wobei die Klischees, mit denen „Little Children“ hausieren geht, auch so in die Legion gehen; seien es die bornierten Hausmütterchen-Nachbarinnen der akademisch gebildeten Sarah, die zu konservativ (oder einfach zu blöd?) sind, „Madame Bovary“ zu verstehen, seien es die eindimensionalen Charakterisierungen des wilden Liebespaares und seiner sich spiegelnden Lebenssituationen, sei es der wie stets sehenswerte Jackie Earle Haley, dessen Figur ausnahmslos sämtliche Stereotypen des sozial dezidiert aussortierten Kinderschänders erfüllt oder natürlich seine Nemesis Noah Emmerich. Auch Eastwoods „Mystic River“ lugt hier allenthalben kurz durchs Gebälk, wobei Field und Autor Perrotta sich und ihrem sittsamem Publikum dessen bitteren Fatalismus ersparen. Die schönsten Momente des Films erinnern an P.T. Anderson, etwa eine urkomische Freibadszene, in der Haley auf Tauchgang im Nichtschwimmerbecken geht, woraufhin selbiges sich leert wie das Küstenwasser beim falschen Haialarm in „Jaws 2“.
Insgesamt wohl eine passable Angelegenheit, die sich jedoch wesentlich bedeutsamer wähnt als sie es letzten Endes ist.

6/10

LETHAL WEAPON 4

„Flied lice? It’s fried rice, you plick.“

Lethal Weapon 4 ~ USA 1998
Directed By: Richard Donner

Im Zuge eines Einsatzes gegen einen verrückten Pyromanen verraten sich die beiden best buddies und LAPD-Sergeants Martin Riggs (Mel Gibson) und (Roger Murtaugh) gegenseitig, dass ersterer in Bälde Vater wird und letzter Großvater, wobei der Vater des Enkels noch unbekannt ist. Kurz vor der Niederkunft der werdenden Mütter bekommen die zwei Helden es mit einer Triade zu tun, die Menschenschmuggel betreibt, Blüten herstellt und gleich vier gefangenen Bossen aus Hong Kong zur Freiheit verhelfen will.

Ihr vierter und vorerst letzter gemeinsamer Einsatz vereint die zusehends größer werdende Freundesfamilie um die zwei Haudegen Riggs und Murtaugh zum ersten Mal gegen einen veritablen Superbösewicht, den Triadenboss Wah Sing Ku, gespielt vonChina-Haubitze Jet Li. Nachdem die uninteressante Figur ihres letzter Widersachers im dritten Teil des Franchise, ein recht profilloser und langweiliger Immobilienbetrüger, bereits den beständigen Wechsel der Filme hin vom harten Actionfilm zur Buddy-Komödie personell untermauerte, geht Donner diesmal zumindest wieder im knüppligen Showdown in die Vollen, der die beiden alternden Herren abermals nur via echtem Teamwork reüssieren lässt. Ansonsten setzt sich jedoch breitpfadig der bereits mit dem Erstsequel etablierte und manifestierte, überkandidelte Stil der Reihe fort: Der dauerquasselnde, von den zwei Protagonisten großherzig tolerierte, aber stets gefoppte Leo Getz (Joe Pesci) betätigt sich nunmehr als Privatdetektiv in spe, der wie gewohnt etwas anstrengende Chris Rock muss als zusätzliches comic relief herhalten und diverse, wie beiläufig erzählte Miniepisödchen aus der screwball facility, darunter die (späte) Eröffnung, dass Rogers Gatin Trish (Darlene Love) ein Vermögen als heimliche Kitschromancière verdient (die plötzliche Wohlfahrt der Familie legt man dem ehernen, sich wie üblich schämenden Bullen bereits als Korruption aus) und eine völlig entfesselte Zahnarztsequenz mit Lachgas-Impact, sorgen neben den abermals spektakulären Actionszenen für Tempo. Spielte der makellose Erstling noch periodisch in der Weihnachtszeit, ist „Lethal Weapon 4“ mit seinem ausgesprochenen Zuckerguss-Finale nebst Doppel-Baby-Bescherung und der choralen Versicherung „We are family!“ der eigentliche Weihnachtsfilm der Serie und als solcher zugleich ein wohlfeiler Abschluss. Mit Donners Tod im Sommer diesen Jahres sollte ein weiteres potenzielles, immer wieder diskutiertes Sequel eigentlich endgültig passé geworden sein, was der mit dem vorliegenden Film auf mehrerlei Ebenen vollendeten Tetralogie ihres bestehenden Gesamteindrucks betreffs vermutlich ohnehin zupass käme. Tatsächlich jedoch vermeldete Mel Gibson, wie ich just erfuhr, dass er die Regie einer weiteren Fortsetzung zu übernehmen trachte, abermals mit sich selbst (65) und Danny Glover (75) in ihren vielgeliebten Rollen.

7/10

DRUK

Zitat entfällt.

Druk (Der Rausch) ~ DK/S/NL 2020
Directed By: Thomas Vinterberg

Vier Gymnasiallehrer und Freunde stehen an Wendepunkten ihrer jeweiligen Biographien. Ihnen allen gemein ist eine existenzielle Unzufriedenheit, die sich aus ganz unterschiedlichen, spezifischen Gründen niederschlägt und auch ihr Berufsengagement negativ beeinflusst. Martin (Mads Mikkelsen) etwa ist verheiratet und hat zwei Kinder im Teenageralter. Sein Familienleben ist von langweiliger Routine und Leidenschaftslosigkeit geprägt, was sich auch anhand des abweisenden Verhaltens seiner Frau Anika (Marie Bonnevie) manifestiert. Nikolaj (Magnus Millang), der Jüngste des Quartetts, zeigt sich derweil mit seinen drei quäkenden Kleinkindern überfordert, während Junggeselle Peter (Lars Ranthe) noch auf der Suche nach einer stabilen Beziehung ist. Sportlehrer Tommy (Thomas Bo Larsen), der Älteste, wirkt ebenfalls einsam und zudem ausgebrannt und leer. Bei einem Geburtstagsessen lenkt Nikolaj das Gespräch auf eine These des Psychiaters Finn Skårderud, der zufolge der Mensch ein permanentes Alkoholdefizit von 0,5 Promille aufweist, was seine soziale und psychische Funktionalität stark einschränke. Gemeinsam beschließen die vier Freunde, ein streng kontrolliertes und dokumentiertes Experiment zu wagen: Der Effekt eines Daueralkoholspiegels von besagtem Promillesatz und dessen Effekt auf Berufs- und Privatleben soll erforscht werden…

Thomas Vinterbergs jüngster, vom Unfalltode seiner neunzehnjährigen Tochter Ida überschatteter Film erhielt gewaltigen Kritikerzuspruch. Als sorgältig inszenierte und von großartigem Spiel getragene, berührende Tragikomödie in wohlfeil etablierter skandinavischer Tradition weiß „Druk“ tatsächlich weitgehend zu überzeugen – als fiktionalisierte Studie um das hochsensible Thema des Alkoholge- und -missbrauchs scheitert er allerdings, und zwar nachgerade kläglich. Die Plotprämisse nimmt sich rückblickend bereits als erstaunlich naiver Rohrkrepierer aus: Vier gestandenen, dem Bildungsbürgertum zuzurechnenden Männern mittleren und fortgeschrittenen Alters, einer davon Abstinenzler, dürften die Sucht- (und nicht nur solche) Gefahren infolge fortwährend praktizierten Alkoholkonsums durchaus bewusst sein, dennoch initiieren sie ein „Experiment“, das eher einem Initiationsritus für Burschenschaften gleicht. Die stilisierte Trunksucht bedeutsamer historischer Charaktere findet sich allenthalben erwähnt und umkränzt; Grant, der die Konföderierten besiegte, Hemingway, der große Literat, Churchill, der dem erklärten Gesundheitsmenschen Hitler die Stirn bot.
Als bilde Alkohol den Schlüssel zum Tor der sukzessiven Genialitätsentfesselung beginnen auch Nikolaj, Peter, Tommy und Martin, nunmehr unentwegt angeschickert, sich und ihre Qualitäten neu zu entdecken. Doch die Schattenseiten der freilich nur scheinbar kontrollierten Vergiftung von Körper und Seele gewinnen die erwartbare Übermacht. Der alles überflügelnde Pegel steigt und mit ihm der unwiderstehliche Hang zur egomanen Entgleisung und zum Exzess. Nikolaj und Martin grätscht der drohende – und schließlich vollkommene – Verlust der Familie zwischen die gummierten Beine, der Suff lässt Peter zum überaus fragwürdigen Lebensberater eines seiner Schüler avancieren und treibt den depressiven Tommy in den Selbstmord. Katastrophe statt Katharsis. Mit Wodka spielt man nicht, schon gar nicht mit russischem. Glücklicherweise rettet die analoge, rechtzeitige Erkenntnis den Rest der Freunde und versichert dem wahlweise erstaunten und/ oder möglicherweise auch erleichterten Publikum zum versöhnlichen Schlussvorhang: ab und zu einen zu trinken geht klar, aber den Kater am nächsten Tag muss man aushalten können.
„Druk“ behandelt diese Offenbarung und den beschwerlichen Weg dorthin mit dem sensationalistischenen Gestus der Entdeckung des Penicillins. Alkoholgenuss ist nicht für jede/n, die psychische Disposition ist entscheidend und nicht jede/r verträgt eben gleich viel. So kosmisch, wie Vinterberg und sein Koautor Tobias Lindholm uns ihre kleine Examinierung zu verkaufen trachten, ist all das mitnichten, es sei denn für ein handverlesenes, wohlsituiertes Programmkinopublikum, das sich hier und da mal ein Gläschen Riesling zur Forelle gönnt.
Über Alkohol, das Trinken, Sucht, Drogen und deren direkte (oder indirekte) Affizierung von Lebenswegen gibt es viele, wunderbare Filme. Ironischerweise zählt der sich zu deutsch so vielversprechend selbstbetitelnde „Der Rausch“ leider nicht dazu.

5/10