THE DEAD DON’T DIE

„Fashion!“

The Dead Don’t Die ~ USA/S 2019
Directed By: Jim Jarmusch

Nachdem die Erdrotationsachse sich verschoben hat, spielt nicht nur die Natur verrückt, auch die Toten steigen zombifiziert aus ihren Gräbern und attackieren fleischeslustig ihre lebenden Opfer. Chief Robertson (Bill Murray) und Officer Peterson (Adam Driver), Polizisten im Kleinstadtkaff Centerville, Pennsylvania, nehmen die Ereignisse mit der gebotenen Gelassenheit zur Kenntnis.

Was Jim Jarmusch bewogen haben mag, seinen jüngstes, leidlich komisches Werk auf den ja nun wirklich hinlänglich ausgetreten Pfaden des Zombie-Subgenres anzusiedeln, bleibt auch nach der Betrachtung von „The Dead Don’t Die“ diffus. Da mit dem entsprechenden Sujet in Film und Fernsehen mittlerweile ja wirklich alles an Denkbarem angestellt wurde, vermag auch Jarmusch, diesmal unter dem Universal-Banner und somit unter Studioägide unterwegs, ihm nur wenig Originelles hinzuzufügen, schon gar nicht, Bill Murray in seiner bereits zweiten Zombie-Komödie (nach dem unsäglichen „Zombieland“) antreten zu lassen. Natürlich darf (und muss) man von „The Dead Don’t Die“ eine Groteske in gewohnt lakonischer Jarmusch-Manier erwarten. Sie via Kurzdialogen kommunizieren lassend, erspart er den meisten seiner Figuren und Akteure (mit Ausnahme von Chloë Sevigny) emotionale Grenzzustände und konfrontiert sein Ensemble erwartungsgemäß stoisch mit der just heraufziehenden Zombie-Apokalypse. Dabei macht sich Jarmusch ein Späßchen daraus, die durch die Popkultur etablierten Charakterisierungen der untoten Horden zu ironisieren, indem er so gezielt wie ausgiebig die klassische Romero-Trilogie, insbesondere „Night Of The Living Dead“ und „Dawn Of The Dead“, referenzialisiert bzw. ihnen seine Ehrerbietung erweist: Die allesamt im selben Verfalls- bzw. Verwesungszustand befindlichen Zombies schlurfen langsam durchs Areal, vertilgen am liebsten die Eingeweide ihrer Opfer und hängen auch post mortem allesamt noch ihren früheren (Konsum-) Gewohnheiten nach, die sich in vierzig Jahren leicht, aber nicht wesentlich verändert haben. In einer bedeutungsvollen Einstellung etwa stieren sämtliche im Bildkader befindlichen Zombies auf Smartphone-Displays; eine Perspekive, die sich im Prinzip nicht wesentlich von dem Blick in ein x-beliebiges Zugabteil irgendwo auf der Welt unterscheidet. Der dulle Country-Titelsong eines gewissen Sturgill Simpson (der auch selbst im Film als Zombie auftritt) wird zum zynischen Leitmotiv der sich zunehmend selbst entoriginalisierenden US-Alltagskultur, diegetische Spielereien mit Metalepsen und scheinbar unsinnige Storyzusätze wie eine sich als Alien entpuppende, ein Samuraischwert schwingende Tilda Swinton genehmigt Jarmusch sich und seinem Publikum als verschmitzte Extravaganzen. Am Ende ist Tom Waits als naturverbundener, zauseliger Waldschrat (und allgegenwärtiger Kommentator der Geschehnisse) natürlich der einzige Überlebende, der uns allen zudem nochmal versichert, dass die Welt nunmehr gehörig am Arsch ist. Dass und ob Jarmusch mit „The Dead Don’t Die“ (s)ein persönliches Statement zur Regierung Trump und all den anderen globalen Krisen und Sorgen, denen die Menschheit sich derzeit so ausgesetzt sieht, abzugeben trachtete, mag schließlich jede/r RezipientIn selbst schlussfolgern. Nahe liegt selbiges gewiss, näher jedenfalls als eine Zombie-Apokalypse.

7/10

THE BARBARIANS

„Who you calling fatty, moosehead?“

The Barbarians (Die Barbaren) ~ I/USA 1987
Directed By: Ruggero Deodato

Die verwaisten Zwillinge Kutchek (Pasquale Bellazecca) und Gore (Luigi Bellazecca) haben es nicht leicht: Nachdem sie von dem reisenden Zirkusvölkchen der Ragnicks aufgenommen wurden, geraten sie kurz darauf in die Gewalt des bösen Despoten Kadar (Richard Lynch), als dieser die Ragnicks aufmischt und ihnen ihre Königin Canary (Virginia Bryant) raubt. Ferner interessiert Kadar sich für einen mächtigen, verschollenen Rubin, den die Ragnicks zuvor in ihrem Besitz hatten und der den Schlüssel zu ewiger Glückseligkeit beinhaltet. Zu muskulösen Recken herangereift, sollen Kutchek (Peter Paul) und Gore (David Paul) sich im Duell gegenseitig töten, erkennen sich jedoch wieder und suchen gemeinsam mit der Diebin Ismene (Eva LaRue) den Edelstein, um ihn den Ragnicks zurückzugeben.

Wie den meisten anderen italienischen Explotation-Regisseuren gelang es Ruggero Deodato in den achtziger Jahren, mit US-Darstellern aus der zweiten und dritten Reihe zu arbeiten und, im Falle von „The Barbarians“ sogar eine Kollaboration mit Cannon Films aus der Taufe zu heben, nachdem er den zunächst designierten Regisseur des Films, den Serben Slobodan Šijan, abgelöst hatte.
1987 war die Zeit der John Milius‘ „Conan The Barbarian“ referenzierenden Italo-Barbaren-Plagiate, in denen oftmals Pietro Torrisi alias Peter McCoy zu sehen gewesen war, eigentlich längst abgelaufen und anderweitige Hollywood-Erfolge zum Beräubern auserkoren. „The Barbarians“ fällt also etwas aus dem periodischen Rahmen, begegnet seiner Exotik jedoch mit einem ganz einfachen Rezept: Humor. Anstatt sich abermals an einer düster-archaischen Blutoper zu versuchen, erkannte Deodato das komische Potenzial der beiden Bodybuilder-Zwillinge Peter und David Paul und ließ sie als herzensgute, bärenstarke aber eben auch ziemlich tumbe Gesellen durch seinen gut aufgelegten Film stolpern. Die zwei beiden sind dann auch eine echte Schau: Mittels gutturaler offenbar noch aus frühester Kindheit herrührender Grunzlaute (von Baby-Zwillingen weiß man, dass sie sich in den ersten Lebensmonaten zuweilen tatsächlich einer eigene, sprachähnlichen Kommunikation befleißigen), imaginärer Rasierklingen unter den Achseln und silberrückenähnlicher Körperhaltung kloppen die beiden steroidgestählten Klöpse durch dieses wilde Märchen, das nicht allein von Deodatos Könnerschaft profitiert. Tatsächlich scheinen sich sämtliche Beteiligten mehr oder weniger stillschweigend darin einig gewesen zu sein, gute Miene zum komischen Spiel und aus „The Barbarians“ eine anarchische Parodie zu machen, die nur bedingt einem inhaltlichen roten Faden folgt, in der aber grundsätzlich alles möglich ist. Das hat zur Folge, dass der Film oft über Gebühr albern und dabei möglicherweise nicht immer freiwillig komisch ist sowie vermutlich das Gros seiner Laufzeit über die allermeisten Zuschauer zwischen staunendem bis ungläubigen Kopfschütteln changieren lässt, macht ihn aber gleichermaßen zu so ehrlichem wie einzigartigen Handwerk, liebenswert in seiner pappmachéigen Herzensgüte und entrückten, infantilen Fabulierfreude.

6/10

SNATCH

„You should never underestimate the predictability of stupidity.“

Snatch ~ UK/USA 2000
Directed By: Guy Ritchie

Die Londoner Unterwelt gerät in ein heilloses Durcheinander, das um einen gestohlenen Diamanten, getürkte Boxkämpfe und einen gefräßigen Hund kreist.

Mit dem famosen, bis zur Schmerzgrenze stilisierten „Lock, Stock & Two Smoking Barrels“, der in der Post-„Pulp-Fiction“-Ära auf fruchtbaren Publikumsboden stieß, holte Guy Ritchie das ultracoole Gangsterkino zurück auf sein diebezüglich traditionsbeflissenes Londoner Terrain. Irgendwo zwischen bekiffter Entspanntheit und montagebedingter Hektik entwarf Ritchie darin ein quietschfideles, launiges Panoptikum ebenso komischer wie brutal zu Werke gehender Ganoven, die allesamt um einen MacGuffin in Form zweier wertvoller, antiker Gewehre herumtänzelten und sich dabei beinahe durch die Bank die nervösen Pfoten verbrannten.
Der zwei Jahre später unter US-Beteiligung entstandene „Snatch“ ist zunächst rein strukturell betrachtet ein nochmals gepimptes Rip-off derselben Geschichte, mit einem nochmals unübersichtlicherem Sammelsurium an unterschiedlichen Interessensgruppen, motivischen Gemengelagen und inhaltlichen Wendungen, das das oberflächlich chaotische, in Wahrheit aber natürlich höchst ausgefuchste Resultat dicht an die klassische screwball comedy rückt. Wieder gibt es, der zumindest halbwegs geordneten Übersicht geschuldet, einen Off-Erzähler, den diesmal der aus dem Vorgänger übernommene Jason Statham (in einer im Prinzip analog gestalteten Rolle) mimt, zugleich einer der Protagonisten des Tohuwabohus. In „Lock, Stock“ hatte diese Funktion noch Alan Ford als eher im Hintergrund agierender Kneipier inne, der wiederum diesmal eine weitaus größere und schöne Rolle als ebenso bärbeißiger wie (zu Recht) gefürchteter Unterweltboss „Brick Top“ abbekommt. Auch Jason Flemyng (als sehr anders geartete Figur) und Vinnie Jones (wiederum in nahezu identischem Part) leisten abermals ihre Aufwartung. Eine höhere internationale und kommerzielle Reichweite sichert „Snatch“ allerdings sich durch die Beteiligung mehrer US-Stars, allen voran der seine prompt legendär gewordene „Fight-Club“-Beteiligung persiflierende Brad Pitt. Dennoch möchte macht die alte „The bigger, the better“-Weise sich am Ende nicht so gänzlich bezahlt machen – sein Wegbereiter ist und bleibt gegenüber „Snatch“ schon allein infolge seines frischen Originalitätsstatus der etwas schönere Film.
Szenenwechsel, Erzähltempo und Montage sind hier ferner von nochmals erhöhter, manchmal beinahe enervierender Frequenz, die Songzusammenstellung wiederum toll, wenngleich nicht mehr ganz so exquisit. Die ebenso logische wie zwingende Konsequenz war, dass Guy Ritchie sein nunmehr zweifach bedientes Konzept restlos ausgereiz hatte und, nach der unglückseligen Heirat mit Madonna das gänzlich anders geartete Lina-Wertmüller-Remake „Swept Away“ (das ich allerdings nicht kenne und ebensowenig vorhabe, diesen scheinbar glückseligen Zustand zu ändern) dem allgemeinen Vernehmen nach gnadenlos vor die Wand setzte. Sein jüngerer Weg als Filmemacher ist dann vor allem angedenk jener ersten beiden, durchaus signifikanten Werke eher uninteressant bis beklagenswert.

8/10

SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

„I’m in love with Spider-Man’s aunt!“

Spider-Man: Far From Home ~ USA 2019
Directed By: Jon Watts

Wie ein paar anderen Milliarden Erdbewohnern macht auch Peter Parker (Tom Holland) und einigen seiner Schulfreunde der „Blip“ (der durch im Zuge von „Avengers: Endgame“ durch Bruce Banner ausgelöste Umkehreffekt von Thanos‘ „Snap“) nachhaltig zu schaffen: Während die Physis der Betroffenen normal weitergealtert ist, befindet sich die Persönlichkeit noch auf dem Stand von fünf Jahren zuvor. Besonders bei Teenagern wirkt sich dieser Zustand mitunter verstörend aus. Eine Europareise mit der gesamten Klasse als High-School-Abschluss kommt Peter da gerade Recht, um mit sich und dem Abschied von seinem Mentor Tony Stark ins Reine zu kommen. Doch ist da auch noch die angehimmelte MJ (Zendaya), zu der der junge Mann sich zunehmend hingezogen fühlt.
In der Alten Welt angekommen, muss Peter dann rasch erkennen, dass er vor Spider-Man nicht davonlaufen kann. Eine Gruppe monströser Elementarwesen, der angeblich von einer Parallelerde stammende Superheld Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), genannt „Mysterio“ und der unverwüstliche Nick Fury (Samuel L. Jackson) kreuzen bald seinen Weg. Und eine gewaltige Dummheit beim Umgang mit Starks Erbteil für Peter, der mächtigen Kontrolleinheit „E.D.I.T.H.“, gilt es, unter Aufbietung aller Superspinnenkräfte versteht sich, wieder geradezurücken.

Der Nachhall des immens erfolgreichen Kassenklingelns dieses zweiten, wiederum von Jon Watts inszenierten Spider-Man-Solo-Abenteuers im Rahmen des MCU, erwies sich als alles andere denn erfreulich – Sony, nach wie vor primärer Rechteinhaber für die Figur nebst ihrem Comicanhang, vermeldete wieder gesteigertes Interesse an deren eigener Vermarktung und, damit einhergehend, bei Nichterfüllung vertraglicher Neubedingungen durch Disney und Kevin Feige, eine Rückkehr unter das hauseigene Dach. Für kommende Filme würde dies bedeuten, dass Spider-Man aus dem MCU wieder extegriert und beiderseits sämtliche charakterliche Entwicklungen seit „Captain America: Civil War“ wieder getilgt werden müssten. Eine besonders für Freunde geschlossener Kontinuität im Hinblick auf verfilmte Marvel-Geschichten immens bittere Pille, die seit 2002 praktisch einem rekordverdächtigen vierten Reboot entspräche. Immerhin bleibt Tom Holland, der seine Auftritte als Spidey sehr zu lieben scheint,  seinem alter ego als Gesichtsstifter wohl vorerst erhalten.
„Far From Home“ nun führt zunächst einmal den publikumsverwöhnten Habitus des Vorgängers weiter. Wiederum ist Peter Parker noch Schüler mit (post-)pubertären Alltagsproblemen, dessen Fähigkeiten ihm innerhalb der übrigen Superheldengemeinde einen durchaus problematischen Exklusivstatus anheim stellen. Mit vielleicht 17, 18 Jahren bereits mehrfach an der Weltrettung beteiligt gewesen, Göttern und außerirdischen Despoten begegnet und im Weltall herumgejagt zu sein, geht an einem eher schüchternen Waisenknaben aus der Bronx gewiss nicht spurlos vorüber. Hinzu kommt in erschwerender Weise der schmerzliche Verlust des zwischenzeitlichen Ersatzvaters und die von ihm hinterlassene Märtyrerlücke, die darüber hinaus die gesamte Welt trauern lässt. Dem in dieser Weise angeschlagenen und geforderten jungen Mann erscheint der schulische Eurotrip mit zwei schrulligen Lehrern (Martin Starr, J.B. Smoove) als denkbar beste Ablenkung zur Stunde, zumal endlich einmal Platz für die persönlichen, altersadäquaten, sprich: romantischen Bedürfnisse gelassen scheint. Doch die nächste Bedrohung naht schon – Comickenner wissen schon bei dessen erstem Auftritt, dass der Mann mit dem nebulösen Glasglockenhelm namens „Mysterio“ natürlich kein Held, sondern vielmehr ein machthungriger Illusionist ist, der ganz eigene, sinistre Pläne hegt. Hier stammt jener Quentin Beck allerdings nicht aus den S-F/X-Schmieden Hollywoods – vielmehr entpuppt er sich als vormaliger Bestandteil der Stark-Factory und, wie bereits Adrian Toomes alias „Vulture“ (und andere bedauernswerte Zeitgenossen) als ein durch Tony Starks Umtriebe Geschmähter, der nach postumer Vergeltung sucht. Becks opportunistisches Streben sieht nichts Geringeres vor, als die Nachfolge von Iron-Man als globaler Premiumheld anzutreten und nimmt dafür die Zerstörung ganzer Städte und etlicher Existenzen in Kauf, die seine Illusionen, die „Elementals“, als Kollateralschäden hinterlassen. Dass Peter ihm kurzsichtig in die Hände spielt, indem er Beck naiverweise die ihm persönlich von Stark hinterlassene „E.D.I.T.H.“-Brille, die ihrem Träger die Kontrolle über Abertausende von Kampfdrohnen ermöglicht, verehrt, gilt es schließlich wieder gut zu machen. Doch einen Mann, der die Realität selbst zum Trugbild werden lassen kann, zu bekämpfen, wird erwartungsgemäß zu einer der schwierigsten Herausforderungen für den Heldennachwuchs. Flankiert werden die erstklassig visualisierten Kämpfe zwischen Spider-Man und Mysterio von nett arrangierten, häufig komischen Situationen, in die Peter und sein Tross zwischen den pittoresken Schauplätzen Venedig, Prag, Berlin und London immer wieder geraten. In Screwball-Manier muss sich Peter zwischen seinem frischverliebten Kumpel Ned (Jacob Batalon), der umschwärmten MJ (die sich jetzt plötzlich wie Mary-Jane abkürzt, wo sie in „Homecoming“ noch „Michelle“ hieß), den überforderten Lehrern sowie den immer wieder auftauchenden Fury und Maria Hill (Cobie Smulders) seinen Weg bahnen und dazu noch seine Heldenidentität schützen. Allerlei Optionen für Rasanz und Tohuwabohu, die Watts souverän, amüsant und teenagergerecht zu stemmen weiß. Damit empfiehlt er sich zugleich als Regisseur für kommende Spidey-Abenteuer, deren Zukunft nun ja trotz der aufregenden Mid- und der noch aufregenderen Post-Endtitel-Sequenzen leider keineswegs in Stein gemeißelt ist. Immerhin empfiehlt sich nunmehr bereits Phase 4: Die formwandelnden Skrulls sind offenbar doch nicht so freundlich, wie uns „Captain Marvel“ erst im Frühjahr 2019 weiszumachen trachtete…

8/10

LA FOLIE DES GRANDEURS

Zitat entfällt.

La Folie Des Grandeurs (Die dummen Streiche der Reichen) ~ F/I/E/BRD 1971
Directed By: Gérard Oury

Spanien zur Zeit Karls II. (Alberto de Mendoza): Der überaus gierige und opportunistische Finanzminister Don Salluste (Louis De Funès) lebt bei Hofe in Saus und Braus. Nur sein wesentlich gerechtigkeitssensiblerer Diener Blasius (Yves Montand) sorgt allenthalben dafür, dass Sallustes Steuereintreibereien nicht allzu sehr über die Strenge schlagen. Hab, Gut und Titel gehen Salluste dennoch über alles, weswegen ihn eine ihn seines Amtes enthebende Intrige, derzufolge er ein uneheliches Kind gezeugt haben soll, umso mehr schmerzt. Doch im Ränkeschmieden ist auch Salluste ein Meister und so sprießen bereits Ideen, wie er sich zurück in des Königs Gunst schmeicheln könnte. Während Blasius als Don Cesar, angeblicher Neffe Sallustes, dessen Amt annimmt und statt der Armen lieber die Reichen schröpft, sieht Sallustes Plan sieht vor, die Infantin Dona Maria (Karin Schubert) in ein heimliches Tête-à-Tête zu verwickeln und sich selbst dann als großen Enthüller des Ganzen darzustellen…

Vergleichsweise selten setzte man Louis De Funès, der zur Entstehungszeit von „La Folie Des Grandeurs“ bereits seinen bis heute populären Rollentypus des hyperaktiven,  selbstherrlichen, aber gewitzten Cholerikers in die Perfektion überführt hatte, vor historischer Kulisse ein. Insofern bildet Ourys im 17. Jahrhundert in Spanien spielende Satire, zudem als internationale Coproduktion, durchaus eine Ausnahme im De Funèsschen Œuvre. Doch können weder die reichhaltig zelebrierte Kostümierung und Ausstattung noch einige Abenteuerelemente verhindern, dass der Akteur einmal mehr gänzlich in seinem Charakter aufgeht, ja, dass dieser ihm sogar wie gewohnt auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Als Don Salluste, eine Art „spanischer Sheriff von Nottingham“, ist De Funès ganz in seinem Element: Außer dem wohligen Geräusch klimpernder Golddukaten reizt ihn lediglich die Vermehrung seines persönlichen Luxus, freilich in Verbindung mit entsprechenden Maßnahmen, zu deren Durchsetzung Salluste keine Moral zu unantastbar und kein Mittel zu schäbig sind. Als er dann eines Tages selbst zum Opfer einer höfischen Intrige wird, ist damit gewissermaßen sein wahres Können als umtriebiger Strippenzieher gefragt – doch letzten Endes führen ihn, wie andere Granden aus dem Dunstkreise Karls II. ebenfalls, am Ende doch bloß in eine marokkanische Strafkolonie. Der größte Widerling, jener von Gottes Gnaden quasi, ist und bleibt schließlich doch wieder das Staatsoberhaupt.
Hinter dem oftmals lauten, nicht selten über Gebühr strapazierten Slapstickhumor, der unter anderem Ingredienzien wie eine notgeile Kammerzofe (Alice Sapritch), einen vertrottelten Bloodhound, oder einen sprechenden Papagei bemüht und der natürlich auch den grimassierenden Protagonisten häufig in Fettnäpfchen treten lässt, verbirgt sich, man ahnt es bald, ein klassisches Literaturstück: Victor Hugos „Ruy Blas“ von 1838, ursprünglich keineswegs als Komödie, sondern als romantisches Drama angelegt, lieferte die inhaltlichen Grundzüge für eine im Grunde zutiefst bittere Satire, deren trüber, existenzialistischer Konsequenz man infolge der zuweilen grellen Oberfläche man nicht zwingend gewahr wird. Ourys Inszenierung nimmt sich, aus welchen Gründen auch immer, deutlich weniger elegant aus als von dem Regisseur aus vormaligen Arbeiten wie „La Grande Vadrouille“ oder „Le Cerveau“ gewohnt. Vielmehr müht sich „La Folie Des Grandeurs“ beinahe vergebens, einen ungehinderten Fluss zu entwickeln. Seltsam wirkt auch Yves Montand in seinem eigentlich für den kurz vorm Dreh verstorbenen Bourvil avisierten Part als Blasius/Don Cesar: In einem raren komödiantischen Auftritt gibt Montand zwar sein Bestes, es fällt aber dennoch außerordentlich schwer, seinem bereits fünfzigjährigen, lebensgegerbten Antliz, das man üblicherweise mit existenzieller Verzweiflung und Melancholie assoziiert, die hier bedurften, eher juvenilen Facetten der Verliebtheit und basalen Charaktergüte abzuringen.
Witzig, selbst für gelegenheitsmäßige De-Funès-Chronologen sehenswert und von diesbezüglichen Connaisseurs sogar hoch geschätzt ist „La Folie Des Grandeurs“ nun gewiss; ich selbst jedoch vermochte mich nie ganz des latenten Eindrucks entledigen, dass hier eine bzw. die eigentlich notwendige Homogenität für das wahre Finish nicht erreicht wurde.

6/10

TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

THE BEACH BUM

„You know what I like the most about being rich? You can just be horrible to people and they just have to take it.“

The Beach Bum ~ USA/F/UK/F/CH 2019
Directed By: Harmony Korine

Moondog (Matthew McConaughey) hat seine große Zeit als anerkannter Lyriker längst hinter sich. Nunmehr zitiert er gern eigene Werke oder die seiner literarischen Vorbilder. Ansonsten verbringt er seine Tage vornehmlich damit, das angenehme Klima der Florida Keys zu genießen, sich den lieben langen Tag dem Vollrausch infolge seiner ausgiebigen Multitoxikomanie hinzugeben und seiner reichen Frau Minnie (Isla Fisher), die Moondogs libertinen Lebensstil nicht nur toleriert, sondern in luxuriösem Umfang gewissermaßen selbst praktiziert, auf der Tasche zu liegen. Auch der dauerbekiffte Musiker Lingerie (Snoop Dogg) zählt zu Moondogs „Förderern“.
In der Nacht nach dem von Lingerie betreuten Hochzeitstag ihrer gemeinsamen Tochter Heather (Stefanie LaVie Owen) endet eine bedröhnte Autofahrt in Minnies Unfalltod. Für Moondog, der dieses Ereignis in seiner ihm ungetrübten Art überaus gefasst aufnimmt, bedeutet selbiges, dass er vorläufig von seiner Geldquelle abgeschnitten ist. Minnies Testament sieht nämlich vor, dass er zunächst seinen seit langem in Arbeit befindlichen Roman fertigstellen muss, bevor er über die Hälfte ihres beträchtlichen Vermögens verfügen darf. Dummerweise muss er sich zugleich der gerichtlichen Auflage stellen, ein Jahr in einer Entziehungsklinik zu verbringen. Den dortigen Aufenthalt bricht Moondog gemeinsam mit dem vor Ort kennengelernten Pothead Flicker (Zac Efron) jedoch umgehend wieder ab und entschließt sich, halbherzig als Frau getarnt, seine Ergüsse lieber wieder im altvertrauten Sozialumfeld zu Papier zu bringen.

Einige Jahre nach seinem vielgeliebten „Spring Breakers“ zelebriert Harmony Korine aufs Neue die Farbenvielfalt und Sonnenverwöhntheit Floridas, reduziert allerdings um die Crime-Elemente des Quasi-Vorgängers und damit auch um das letzte Quäntchen dort noch praktizierter, existentieller Beschwernis. „The Beach Bum“ um den fiktiven – ich nenne ihn mal sunshine poet – slackenden Autor Moondog transponiert gewissermaßen vielmehr den Habitus von Barbet Schroeders epochalem Bukowski-Film „Barfly“ weg von der West- an die Ostküste und heraus aus dem schummrigen Kneipenmilieu geradewegs an die gleißende Helle des Golfstroms. Auch, wenn Bukowski gewiss Vieles war, bloß kein hippieesker Dauergrinser, verbinden seine ehedem von Mickey Rourke interpretierte Filmpersona Henry Chinaski und McConaugheys Moondog doch eine Menge. Da wäre zum einen die grenzenlose Zufriedenheit mit sich selbst und natürlich dem gewählten Lebensweg, der sich aus unentwegtem Rausch, Sex, Hedonismus, schmutziger Poesie und einer tief verwurzelten Abneigung gegen das Establishment rekrutiert. Zudem gestattet ihr jeweiliger literarischer Bekanntheitsgrad ihnen eine durchaus zugewandte Öffentlichkeit.
Trotz der permanenten Zuführung vermeintlich ungesunder Rauschmittel ist der Neo-Bohèmien Moondog darüber hinaus so psychisch gesund, wie es sich viele einen angepassten Lebenswandel anheim gefallene Zeitgenossen bestenfalls wünschen würden; im höhnischen Wissen um die Tristesse der buckelnden Leistungsgesellschaft, aber ebenso auch darum, dass sie gewissermaßen erst seinen eigenen Müßiggang möglich macht, genießt der niemals auch nur in einen Anflug von Deprimiertheit verfallende Moondog lachend jede ihm vergönnte Minute zwischen Drogen, Drinks, Frauen und leicht von der Spur abgekommenen Gesinnungsgenossen.
Korine wählt zur Schilderung seiner „Abenteuer“ somit ein naheliegendes, vornehmlich episodisches Narrativ, das sich vor allem an Moondogs Freunden und Bekannten abarbeitet; eben seiner Frau Minnie, dem R’n’B- und Gras-König Lingerie, dem Nachwuchsslacker Flicker und später dem kriegsversehrten Delfinfreak Captain Wack (Martin Lawrence), der seine geliebten Meeressäuger allerdings nicht von Haien unterscheiden kann, oder einem von Lingeries Seniorpartnern (Domovan Williams), der ausschließlich Joints in Ofenrohrformat raucht und dabei Wasserflugzeuge fliegt.
Der Humor des Films ist dabei angenehm unbrachial und eher grotesken Situationen oder Moondogs oftmals unerhörten Frechheiten geschuldet. Zudem macht Korine aus Scriptwendungen, die erst dazu geschaffen sind, moralisierende Werke komplett zu tragen (wie eben Minnies Tod nebst testamentarischer Verfügung oder Moondogs Einweisung in den Drogenentzug), reine erzählerische Fußnoten, die bestenfalls als Stichwortgeber für den nächsten Exzess fungieren. Dieses dicke, fette, feist adressierte „Fuck it!“ an jedwede Moralinsäure, das wiederum den Kreis zu „Barfly“ schließt und zu Chinaskis damaliger, strikter Weigerung, Tresen und Hinterhof gegen den Goldenen Käfig einzutauschen, macht „The Beach Bum“ zu einer wohltuenden Ausnahmeerscheinung abseits der üblichen, pubertären stoner comedies.

8/10