BEYOND THE VALLEY OF THE DOLLS

„You will drink the black sperm of my vengeance!“

Beyond The Valley Of The Dolls (Blumen ohne Duft) ~ USA 1970
Directed By: Russ Meyer

Kaum in Hollywood angekommen, begibt sich das  aus den drei steilen Zähnen Kelly (Dolly Read), Casey (Cynthia Anderson) und Petronella (Marcia McBroom) bestehende Girlband-Trio „The Kelly Affair“sogleich unter die Fittiche des schwerst überkandidelten Rockmanagers Ronnie Barzell (John Lazar), genannt „Z-Man“. Nach ihrer Umtaufe in „The Carrie Nations“ erwartet die Drei eine ebenso erfolgsverwöhnte wie turbulente Zeit, die vor Partys, Sex, Drogen und Alkohol nur so strotzt, bis Barzells Verstand sich eines Nachts völlig verabschiedet und er Amok läuft…

Obschon der Film gleich zu Beginn mittels einer Schrifttafel erläutert, dass zu der drei Jahre zuvor entstandenen Susann-Adaption „Valley Of The Dolls“ keine Verwandtschaft bestehe, geschweige denn hier ein Sequel vorliege, kann Mark Robsons ebenfalls für die Fox entstandene Verfilmung ihren Einfluss nicht verleugnen. Wobei dieser natürlich überaus verquer aufgegriffen, durch den Wolf gedreht und ausgespien ward – „Beyond The Valley Of The Dolls“ dürfte nämlich jedem wohlerzogenen, amerikanischen Mädchen, das die Ereignisse in Robsons „Valley“ womöglich als nachgerade erschütternd wahrgenommen hatte, wie eine infernalische Höllentour ohne Rückfahrkarte vorgekommen sein!
Für die Regie dieses von Kritikerpapst Roger Ebert gescripteten, zelluloidgewordenen Irrsinns sicherte sich die Fox, infolge der Ära New Hollywood risikofreudig wie nie zuvor, die Mitarbeit des anarchischen Indie-Filmemachers Russ Meyer, der hier urplötzlich mit einem Millionenbudget hantieren durfte, seine persönliche Handschrift jedoch, und darin liegt das ganz besondere Bonbon, zu keiner Sekunde denunzierte. „Beyond The Valley Of The Dolls“ ist experimentell, rasant, schillernd, urkomisch, originell – kaum ein anverwandtes Adjektiv, das sich nicht auf ihn münzen ließe. Er greift – vielleicht die eine, hervorstechende Konnexion zum „Original“ – Personal und Ereignisse auf, die die Welt der Showbiz-Prominenz nunmehr endgültig ihrer Unschuld entledigt hatten – Phil Spector, den weder Ebert noch Meyer persönlich kannten, soll für die Figur des sich schließlich als transsexuell entpuppenden Z-Man Pate gestanden haben, wie das finale Massaker, das mit unerwarteter, dem Film aber dennoch völlig zupass kommender Brutalität einschlägt, möglicherweise inspiriert war von dem furchtbaren Mordzug der Manson-Family, der neben der hochschwangeren Sharon Tate (ein weiterer Kreisschluss) noch vier weitere Menschen zum Opfer gefallen waren. Allerdings übertüncht der relative Schock, mit dem man aus „Beyond“ entlassen wird, nicht den ursprünglichen Eindruck, mit dem Film ein unvergleichliches Zeitporträt geliefert bekommen zu haben und fürderhin eine derbe Selbstentlarvung, die von dem hausmütterlichen Credo des Vorbilds eigentlich gar nicht weiter entfernt sein könnte. Denn bei aller dargestellten Wahnhaftigkeit – „Beyond The Valley Of The Dolls“ liebt seine Zeit, sein Sujet, sein Milieu und vor allem sich selbst, ohne Rücksicht auf Verluste.

9/10

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SOMETHING WILD

„Charlie, attempt to be cool.“

Something Wild (Gefährliche Freundin) ~ USA 1986
Directed By: Jonathan Demme

Das kommende Wochenende wird für den biederen, geschiedenen Firmenangestellten Charlie Driggs (Jeff Daniels) zu einer Achterbahnfahrt, die sich gewaschen hat. Es beginnt damit, dass eine quirlige Dame namens „Lulu“ (Melanie Griffith) in sein geordnetes Leben okkupiert. Lulu macht, was sie will. Sie klaut, betrügt und prellt Zechen, vor allem aber zeigt sie Charlie, wo im Bett der Hammer hängt. Der arme, überrumpelte, gleichsam aber nicht minder überwältigte Mann findet sich unvermittels auf einer Fahrt nach Pennsylvania wieder, wo Lulu, die in Wahrheit Audrey Hankel heißt, Charlie nicht nur ihrer Mutter (Dana Preu) als ihren neuen Ehemann vorstellt, sondern ihn gleich noch mit zum Jahrestreffen der Highschool-Abgänger schleift. Trotz einigen, berechtigten Protests hat sich Charlie längst in Audrey verliebt, als ihr Noch-Ehemann, der just aus dem Knast entlassene Ray Sinclair (Ray Liotta) auftaucht. Dieser erweist sich nach anfänglich freundlicher Bergrüßung als veritabler Soziopath, der keinerlei Interesse daran hat, Audrey aufzugeben. Doch Charlie ist seinerseits ebenfalls nicht gewillt, mit eingekniffenem Schwanz das Feld zu räumen…

Nachdem ich von vertrauenswürdigen Zeitgenossen und Freunden in sozialen Netzwerken und andernorts einige überschwängliche Lobeshymnen zu Jonathan Demmes Film mitverfolgt hatte, fand ich es an der Zeit, die offenbar doch allzu tiefe Scharte der ihn bezüglichen Unkenntnis endlich auszuwetzen. Nun, wie das häufig so ist, sind oftmals großzügig verteilte „Vorschusslorbeeren“, zumal in solch pompösem Umfang, nicht die beste Voraussetzung, um eine zumindest halbwegs neutrale Perspektive auf ein unbekanntes Werk zu wahren. Bezüglich „Something Wild“ fand ich diese alte Weise neuerlich bestätigt. Zunächst einmal fiel mir wieder ein, warum ich wohl vornehmlich so lange auf den Film verzichtet hatte – ich befürchtete, in ihm nicht wesentlich mehr denn eine unterlegene Variation des von Scorseses „After Hours“ und John Landis‘ „Into The Night“ im Grunde erschöpfend durchgespielten Motivs des überrumpelten Motivs des sich unversehens im von einer attraktiven Frau herbeigeführten, heillosen Existenzchaos wiederfindenden, einsamen Großstädters wiederzufinden. Filmhistorisch etwas weiter zurückgedacht ist jener Topos ohnehin ein klassischer Screwball-Stoff, den Howard Hawks mit „Bringing Up Baby“ bereits einige Jahrzehnte zuvor aus der Taufe gehoben hatte. Blake Edwards‘ „Blind Date“, den ich einmal vor ewigen Zeiten gesehen hatte, deklinierte das Thema seinerseits dann wiederum in den Achtzigern nochmals durch. „Something Wild“ bietet also zumindest im Hinblick auf seine Geschichte relativ sattsam Bekanntes. Natürlich erweist er sich als dennoch hinreichend eigenständig, um einen interessanten, witzigen, intelligenten und dementsprechend guten Film abzugeben, wenn auch in meiner Wahrnehmung nicht als das große, bislang unentdeckte Meisterwerk, das dekadenlang von mir stoisch ignoriert im Schatzkästchen schlummerte.
Es ist weniger das, was Demme hier anpackt, denn vielmehr die Art, wie er dies tut: „Something Wild“ reüssiert vor allem hinsichtlich des Einsatzes seiner vielen, für das Aug‘ und Ohr eines eher unbedarften Massenpublikums vielleicht nicht eben registrierbaren Details und popkulturellen Reverenzen. Da sind die diversen Cameos der den Regisseur seit Corman-Zeiten begleitenden Mitstreiter wie Tracey Walter, Kenneth Utt oder Charles Napier, die in jeweils höchst komisch angelegten Miniparts aufkreuzen; da ist die fantastische Songkompilierung auf der Tonspur, die einen umfangreichen Fundus großartiger, zeitgenössischer Popmusik präserviert, da ist auch die grandiose New-Jersey-Combo „The Feelies“, die auf der Ehemaligen-Fete aufspielt als „The Willies“ und unter anderem ein punkiges Monkees-Cover zum Besten gibt. Diese Dinge waren es, die mich überrascht haben und weniger der sich von einer RomCom hin zum Thriller vorarbeitende Plot, der auf sein happy end natürlich trotzdem nicht verzichten mag.

8/10

OSCAR

„Get rid of him!“

Oscar ~ USA 1991
Directed By: John Landis

Gangsterboss Angelo ‚Snaps‘ Provolone (Sylvester Stallone) verspricht seinem Vater (Kirk Douglas) am Sterbebett, das kriminelle Leben aufzugeben und ein ehrlicher Geschäftsmann zu werden. Bereits einen Monat später ist er dabei, sich in ein Banker-Konsortium einzukaufen, doch am Stichtag geht alles schief, was nur schiefgehen kann: Der übereifrige Lieutenant Toomey (Kurtwood Smith) beschattet ihn pausenlos vom Haus gegenüber; sein Buchhalter Anthony (Vincent Spano) gibt zu, ihn mehrfach beklaut zu haben und will seine vermeintliche Tochter Theresa (Elisabeth Barondes) heiraten, die gar nicht seine Tochter ist (sich am Ende aber doch als solche erweist – unehelicherseits), seine „richtige“ Tochter Lisa (Marisa Tomei) rebelliert, will durchbrennen und behauptet nebenbei, sie sei von Chauffeur Oscar (Jim Mulholland) schwanger; das Hausmädchen Nora (Jocelyn O’Brien) kündigt; drei Koffer, zwei davon mit wertvollem Inhalt, rotieren durch Haus und Stadt und der verfeindete Mafioso Vendetti (Richard Romanus) will Snaps endlich aus dem Weg räumen. Kurz vor dem Nervenbruch stehend, schafft Snaps es dennoch – teils mithilfe von Gevatter Zufall – die komplizierte Lage zu einem zufriedenstellenden Abschluss zu bringen.

Mit „Oscar“ begann, wenn man so will, John Landis‘ endgültiger Abstieg von einem der ganz großen Comedy-Regisseure Hollywoods zu einem kaum mehr beachteten, nunmehr höchst spärlich arbeitenden Filmemacher, der seit Jahren lediglich von vergangenen Ruhmestaten und seinem gemeinhin anerkannten Status als Connaisseur klassischen Science-Fiction- und Horrorkinos zehrt, zumindest jedoch beim Nukleus (s)einer treuen Fangemeinde einen nach wie vor weithin untadeligen Ruf genießt. Es ist kein großes Geheimnis, dass Landis‘ Stern bereits im Zuge der Dreharbeiten zum Anthologiefilm „Twilight Zone“ schwer ins Straucheln geriet und zu sinken begann, bei dem es infolge eines Helikopterabsturzes drei Unfalltote, darunter zwei kleine Kinder, gab. Landis wurde als einer der vermeintlich Hauptverantwortlichen für das Unglück mehrfach gerichtlich belangt und büßte große Teile seines zuvor untadeligen Renommees ein. Dennoch gelangen ihm in der Folge noch vier bzw. fünf (zählt man die Patchworkkomödie „Amazon Women On The Moon“ hinzu) mehr oder weniger brillante Genreexemplare mit einer oftmals erhöhten Tendenz zu schwarzhumorigen oder gar anarchischen, intertextuellen Querverweisen. An „Oscar“ jedoch, zumindest bescheinigte ihm Selbiges die zeitgenössische Kritik, sollte sich Landis dann erstmals gänzlich verhoben haben. Das Remake der gleichnamigen französischen Komödie (jene bereits selbst die Adaption eines Theaterstücks von Claude Magnier) mit Louis De Funès, in der der quirlige Komödiant wie selten durchdrehen und grimassieren durfte, wurde unter der Scriptarbeit des Autorenpaars Michael Barrie und Jim Mulholland zu einer rundum familienfreundlichen Screwball- und Gangsterkomödie vor der historischen Kulisse des Jahres 1931, der Depressions- und Prohibitionsära also. Vor allem die Substitution der Hauptfigur, eines ehedem cholerischen und rasenden Wüterichs durch den von Natur aus behäbigen Stallone sorgte in diesem Zuge für allerlei Unmut und Ratlosigkeit.
Mit den Jahren des Abstands und der Revisionsmöglichkeiten erweist sich Landis‘ „Oscar“ allerdings und tatsächlich als würdige Fortführung seines bisherigen Schaffens und echtes Autorenstück. Etliche etablierte trademarks des Regisseurs finden sich wieder und lassen den Afficionado juchzen, beginnend mit Landis‘ Vorliebe für klassische Musik als Vorspannträger nebst einer entzückenden Claymation-Animation. Die bereits legendären Cameos sind wieder einmal reichhaltig vorhanden, wenn auch nicht ganz so illuster belegt wie in anderen Landis-Filmen und wo einzelne DarstellerInnen in tragenden Rollen sich nicht eben als erste Wahl erweisen, reißen andere es wieder heraus – allein Tim Curry als Snaps‘ tuckiger Sprachentrainer, der sich völlig wider Erwarten (und natürlich höchst albernerweise) als willfähriges Notpflaster für die erotomanische Lisa „gebrauchen“ lässt, ist absolut toll.
„Oscar“ ist gewiss nicht frei von Schwächen und zumindest was mich anbelangt der chronologisch betrachtet erste Landis-Film, mit dem ich – wenn auch vergleichsweise unwesentliche – Problemchen habe; dennoch komme ich nicht umhin, ihn rundheraus als „guten Film“ zu bezeichnen. Was genügen sollte.

7/10

KID BLUE

„I’m gonna get me a job and earn honest money.“

Kid Blue ~ USA 1973
Directed By: James Frawley

Der in Südtexas als „Kid Blue“ berüchtigte Ganove Bickford Warner (Dennis Hopper) ist die Zeit des Herumvagabundierens leid und begibt sich nach dem Städtchen Dime Box, um dort, zum allgemeinen Amüsement seiner alten Gang, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Der erste Job beim örtlichen Barbier (M. Emmet Walsh) geht gründlich in die Hose und so fängt Bickford in der Nippeskeramikfabrik von Mr. Hendricks (Clifton James) an. Mit dem Pärchen Reese (Warren Oates) und Molly Ford (Lee Purcell) gewinnt Bickford zwei gute Freunde, doch er landet bald mit Molly im Bett. Überhaupt vertragen das konventionelle Spießerdasein und Bickfords Wesen sich überhaupt nicht miteinander und so baldowert er schon bald einen Plan aus, um Mr. Hendricks‘ Werkskasse zu plündern…

Mit „Kid Blue“ ist James Frawley ein echter Vorzugswestern gelungen, der wie viele Genreproduktionen aus der Ära New Hollywood die Gattung auf eine leicht schwebende, komödiantische Metaebene hebt, es sich dort bequem macht und, und darin unterscheidet er sich dann doch von den meisten seiner zeitgenössischen Wegbegleiter, trotz seiner stark systemkritischen Agenda den Mut zu einem versöhnlichen, gar euphorischen Abschluss aufbringt. Als kleine Americana verdichtet „Kid Blue“ den vergleichsweise epischen, subsummierenden Erzählansatz von Arthur Penns nicht unähnlich gelagertem „Little Big Man“ zu einem kaum minder satirischen Konzentrat; wie zuvor Dustin Hoffman tritt auch Dennis Hopper als eine Art schelmischer Simplicissimus an, sich den Gepflogenheiten einer merkwürdig pevertierten, neuen Ära zu stellen, scheitert jedoch an deren verlogener Doppelmoral. Literarische Einflüsse von Kafka bis Brecht lassen sich verzeichnen – die Industrialisierung mit all ihrer ausbeuterischen, stumpfen Gräue kommt im Mythenland Texas an, bürgerliches Recht und Gesetz personifizieren sich in ihrer denkbar unangenehmsten, repressivsten Form (die Rolle des eigenmächtigen Sheriffs „Mean John“ Simpson hätte anstelle von Ben Johnson idealerweise eigentlich  Duke Wayne übernehmen müssen), die Bourgeoisie pflegt nur genau solange ihre ethischen Grundsätze, wie sie sich nicht im gleichen Fluss wie christianisierte Indianer taufen lassen müssen und bis die gestandene Hure (Janice Rule) aufkreuzt, die mit Abstand intelligenteste Figur im Film. Ein drogensüchtiger Baptistenprediger (Peter Boyle) erweist sich als höchst liberaler Charakter und drei alte Indianer als wandelnde Anachronismen, die sich auf höchst seltsame Weise in der Zeit vergaloppiert zu haben scheinen und glauben, ein Bekenntnis zum christlichen Gott ließe sie das ihnen zustehende Land zurückgewinnen.
„Kid Blue“, mit Sicherheit einer der am Weitesten links positionierten Western überhaupt, ist ebenso speziell wie großartig in seinem zwischen Tragik und Humor bisweilen regelrecht transzendenten Habitus. Schade, dass Frawley, den ich, ähnlich wie Mark Rydell und Dick Richards als einen der „Vergessenen New Hollywoods“ erachte, nicht mehr Erfolg als Filmemacher beschieden war. „Kid Blue“ hätte als Empfehlungsschreiben jedenfalls völlig genügt.

9/10

PATERSON

„Poetry in translation is like taking a shower with a raincoat on.“

Paterson ~ USA/F/D 2016
Directed By: Jim Jarmusch

Paterson (Adam Driver), der Mann, der heißt, wie die Stadt in New Jersey, in der er lebt und als Busfahrer tagtäglich seine Runden zieht. Paterson, der Mann, ist verheiratet mit Laura (Golshifteh Farahani), die nicht ganz so gut backt und kocht, wie sie glaubt, was er ihr aber nie sagen würde. Laura liebt Paterson vor allem für seine Dichtkunst, die er jedoch lieber nicht zu veröffentlichen bevorzugt. Allabendlich trinkt Paterson ein Bier in seiner Stammkneipe, während Bulldogge Marvin draußen angebunden auf ihn wartet. Paterson liebt sein Leben, auch, wenn es gleichförmig und scheinbar ereignislos verläuft. Es sind die kleinen, kurzen Begegnungen und Episoden, die ihn glücklich stimmen: Die Leute, die mit dem Bus fahren, ein kleines Mädchen (Sterling Jeris), dass sich wie er selbst der Poesie verschrieben hat. Schießlich ein japanischer Dichter (Masatoshi Nagase), der ihm ein leeres Notizbuch schenkt.

Jim Jarmusch, unangefochtener amerikanischer Meister des stillen, kontemplativen Kinos, bleibt mit „Paterson“ seiner Linie nicht nur treu, sondern verlangsamt sein Tempo sogar nochmals, analog vielleicht zum eigenen Älterwerden. „Paterson“ erzählt den Abriss einer Woche im Leben des gleichnamigen Protagonisten in seiner gleichnamigen Stadt, die für ihre vergleichsweise bescheidene Größe eine erstaunliche Anzahl Prominenter und Kulturschaffender hervorgebracht und beherberht hat. Obwohl jene sieben Tage augenscheinlich wenige Höhepunkte vorweisen, geschehen für Paterson und seinen Lebensweg gleich mehrere elementare Begebenheiten, die ihn in allem, was er ist und was er sein will, bestätigen. Paterson hat seinen festen Platz in der Welt. Er ist ein heimlicher Intellektueller, ein Dienstleister, an den sehr heterogenen Menschen, denen er allenthalben begegnet und mit denen er täglich zu tun hat; sei es, indem er einen liebeskranken Kneipengast (William Jackson Harper) besänftigt, oder seine nervösen Fahrgäste angesichts einer Buspanne beruhigt. Sein Bücherregal ist nicht besonders groß, aber fein selektiert. William Carlos Williams steht darin, wie Paterson selbst ein schreibender Observierer, der einst eine Anthologie veröffentlicht hat, die – wie könnte es anders sein – den Namen „Paterson“ trägt. Äquivalenzen und Spiegelbilder ziehen sich leitmotivisch durch Patersons Alltag: Immer wieder und überall begegnet er Zwillingspärchen. Alles hat zwei Seiten. Als er einmal mit Laura ins Kino geht, um sich Erle C. Kentons Klassiker „Island Of Lost Souls“ anzuschauen, zerfetzt der eifersüchtige, alleingelassene Marvin sein Gedichtbuch derweil zu Haus Patersons handschriftlich geführten Gedichtband. Doch auch das wirft den Helden des Alltags nicht aus der Bahn. Dass es und alles, manchmal auf geradezu magische Weise, immer weitergeht, wird sich ihm kurz darauf offenbaren.

8/10

AIRPLANE!

„They bought their tickets, they knew what they were getting into. I say, let ‚em crash.“

Airplane! (Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug) ~ USA 1980
Directed By: David Zucker/Jim Abrahams/Jerry Zucker

Der kriegstraumatisierte Ex-Kampfpilot Ted Striker (Robert Hays) will unbedingt seine alte Flamme, die Stewardess Elaine Dickinson (Julie Hagerty), zurück. Leider hat diese Ted schon mehrfach unverständlich klar gemacht, dass sie nichts mehr von ihm wissen will – erfolglos. Doch Ted gibt nicht auf und nimmt daher einen Flug von Los Angeles nach Chicago, auf dem Elaine im Einsatz ist. Es soll sich als glückliche Fügung erweisen, denn nicht nur, dass O’Hare in dichtem Nebel liegt, ist binnen kürzester Zeit auch noch die gesamte Pilotenschaft an einer akuten Fischvergiftung erkrankt. Nun liegt alle Hoffnung auf dem schwitzenden Striker…

„Airplane!“ war nach dem von John Landis inszenierten „Kentucky Fried Movie“ das nächste von dem Anarcho-Humor-Ensemble Zucker/Abrahams/Zucker (kurz: ZAZ) initiierte Projekt, diesmal sogar unter der Studio-Ägide der Paramount, was unter anderem eine ordentliche Besetzung gewährleistete. Die wiederum von dezidiert jüdischem Witz geprägte Chaoskomik, die sich vor allem auf die Parodierung ohnehin alberner Trivialkultur-Klischees, gegenwärtig gängiger Narrations- und Genre-Schemata und atemlos vorgetragener, verbaler Albernheiten gründete. Dabei ließ sich ein überdeutliches Schielen auf den Kollegen und diesbezüglichen Humorpionier Mel Brooks, der bereits entsprechende Vorarbeit mit jeweils einer Western-, Horror- und Hitchcock-Parodie geleistet hatte. Allerdings zogen ZAZ im Vergleich zu Brooks das Tempo nochmals mächtig an und waren sich auch für noch so abgeschmackte und vulgäre Gags nicht zu schade, deren Grad an PUC zumindest noch 1980 deutlich über das hinausging, was man sich heute guten Gewissens leisten dürfte. Zudem bildete ihr abgewandeltes Konzept das Vorbild für eine bis heute nicht abreißen wollende Welle von Nachfolgern und Kopisten, die faktisch bereits seit den frühen Neunzigern jedoch, wenn überhaupt, nurmehr schale Schatten des einstmaligen Genius des Trios vorweisen können.
Natürlich plündert „Airplane!“ in allererster Linie die Mottenkiste des bereits deutlich angestaubten, besonders aus dem Dunstkreis von Irwin Allen stammenden Katastrophenfilms, der in den Siebzigern das Hauptantidot der ebenso verwirrten wie verzweifelten Studios gegen die New-Hollywood-Bewegung bildete und immerhin für mancherlei befreiend eskapistische Kinomomente sorgte. In ihnen war stets eine beachtliche Riege gealterter und häufig insgeheim abgemeldeter Altstars zu bewundern, die ihre erfahrenen und faltengemeißelten Gesichter in spektakulärem Kontext nochmal in die Kameras halten und sich davor die Klinke zur dramaturgischen Jenseitspforte in die Hand reichen durften. „Airplane!“ griff auch diesen Strukturteil auf und besorgte die graumelierten Häupter von Peter Graves, Lloyd Bridges, Robert Stack und Leslie Nielsen, die sich mit viel Liebe zum Detail dem ultimativen Blödsinn anheim stellen. Für Letzteren, der als zufällig an Bord anwesender Dr. Rumack eine Glanzvorstellung präsentiert, bedeutete sein Einsatz bekanntermaßen die Initiation eines zweiten Star-Frühlings als Filmkomiker mit sehr individueller Note, die sich besonders aus der himmelschreienden Divergenz seines äußeren Auftretens als wohlsituierter, selbstbewusster und stets gepflegter Herr Ende 50 mit einer zumeist von ausgestellter Vollidiotie geprägten Charakterzeichnung speiste.
Ganz gezielt wählten ZAZ hier zur Bildgestaltung eine abgenudelt wirkende TV-Optik nebst entsprechender Beleuchtung, Schnitte und Perspektiven, was dem Film den Look einer x-beliebigen Episode aus einer zeitgenössischen Serie verleiht und sein bereits umfangreiches Assoziationsangebot dadurch nochmals steigert.
Obschon ich feststellen muss, dass der Zahn der Zeit doch ein wenig an „Airplane!“ genagt hat – im Gegensatz zu den freilich überwiegend gelungenen wirken manche Witze heuer wirklich nur noch doof und flach und der eine oder andere running gag bei aller Liebe dann doch allzu überreizt (vielleicht ist diesem Empfinden die Tatsache auch nicht eben zuträglich, dass wir das Teil vor rund 25 Jahren im Freundeskreis via Dauerschleife geschaut haben) – zählt der Film noch immer zu den größten Lachschlagern, die ich kenne und ist somit ein immerwährender Garant für hemmungslose Heiterkeit.

8/10

GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2

„You people have issues.“

Guardians Of The Galaxy Vol. 2 ~ USA/CA/NZ 2017
Directed By: James Gunn

Nachdem die Guardians im Austausch zu der von ihm gefangen Nebula (Karen Gillan) für das Volk der Sovereign ein paar wertvolle Batterien beschützt, lässt sich Rocket Racoon (Bradley Cooper) es sich nicht nehmen, heimlich ein paar davon in die eigene Tasche zu stecken. Als die Sovereign dies bemerken, schicken sie den Halbhelden eine ganze Zerstörungsflotte hinterher. Damit nicht genug der Probleme: Auch Peter Quills (Chris Pratt) mittlerweile wegen unlauterer Praktiken bei der Ravager-Gilde in Ungnade gefallener Ziehvater Yondu (Michael Rooker) wird von den Sovereign mit der Ergreifung  der Guardians beauftragt und Quills „biologischer“ Vater Ego (Kurt Russell) erscheint urplötzlich, um sich endlich seines Sohnes anzunehmen. Nach einem ersten Scharmützel mit den Sovereign trennen sich die Guardians; Drax (Dave Bautista) und Gamora (Zoe Saldana) begleiten Quill und Rocket und Baby Groot (Vin Diesel) bleiben beim Schiffswrack. Nachdem die beiden in Yondus Hände fallen, strebt die Hälfte von dessen Mannschaft unter dem bösen Taserface (Chris Sullivan) eine erfolgreiche Meuterei gegen ihren Kapitän an. Quill muss indes erfahren, dass sein Vater Ego mitnichten Gutes im Sinn hat, sondern ein wahnsinniger, uralter Gott und lebender Planet ist, der nichts anderes plant als die Auslöschung tausender interstellarer Lebewesen, die er als „unperfekt“ erachtet. Quill soll ihm dabei helfen, wendet sich jedoch gegen Ego. Gerade rechtzeitig treffen die mittlerweile wieder freien Yondu und Rocket ein, um ihren Freunden, mittlerweile verstärkt durch die Empathin Mantis (Pom Klementieff) gegen den allmächtigen Ego beizustehen…

In Kenntnis des ersten Teils (den ich kürzlich noch einmal auffrischen und diesmal etwas besser einordnen konnte) weiß man, was einen bei den „Guardians“ erwartet: Unfassbarer, artifizieller Überschwang und locker-flockige Weltraumaction, die einen ganz klar umrissenen Gegenentwurf zur bierernsten Düsternis bildet, wie sie etwa die jüngeren DC-Adaptionen vorschützt. Was James Gunn hier veranstaltet, ist vielmehr ein ebenso kinder- wie nerdfreundliches Spektakel; rasant, bunt, zum Teil wirklich wunderbar trippy und mit garantiert zwei bis drei (zumindest für Zeitgenossen jenseits des fünfzehnten Lebensjahrs) meist eher minder komischen Flachwitzchen pro Szene garniert, peitscht Gunn sein wachsendes Figurenensemble abermals durch über zwei atemlose Stunden Spielzeit, die dann auch entsprechend schnell vergehen. Gut gelaunte Cameos von Sylvester Stallone, Ving Rhames und Michelle Yeoh als Ravager-Kollegen Yondus zeigen, wie fest Gunn schon den ersten „Guardians“-Film im allgemeinen Popfundus verankern konnte; Sequenzen wie Stan Lees obligatorischen Gastauftritt, der diesmal mit Uralt-Anekdoten den Beobachter Uatu nervt, sind dann wieder eher was für Eingefleischte. Bewundernswert fand ich, wie scheinbar leicht Gunn diesen durchaus chaotischen Elemente in eine funktionale Anordnung fasst; obwohl da Dutzende von Dingen gleichzeitig passieren, sowohl inhaltlich wie auch formalistisch, behält „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ auf wundersame Weise Maß und Richtung. Die Musikauswahl ist wieder großartig (bei „Father & Son“ am Ende gab es kurz feuchte Augen) und steht wie gehabt in direktem, eklektischen (Miss-)Zusammenhang zu der Visualisierung des Films. Auch diesbezüglich wird wieder erstklassig gearbeitet.
Der einzige, dafür umso vehementere Kritikpunkt, liegt, um das nochmals zu betonen, in der inflationären Masse flauer Gags, die „GOTGV.2“ sogar noch näher bei Komödie und Parodistik verorten als den Vorgänger. Ist diese Dosis infantiler Komik ohnehin schon viel zu hoch angesetzt, darf noch mehr derlei Überdrusses auf keinen Fall sein, sonst bleibt der Rest vollends auf der Strecke. Hier ist künftig höchste Obacht gefragt. Dass die „Guardians“ es sich gefallen lassen müssen mittlerweile ohnehin als der lustige Ableger im MCU zu gelten, empfinde zumindest ich als ziemlich zweifelhafte Ehre, deren Beschaffenheit nicht noch weiter ausgereizt werden sollte. Das Ende der Fahnenstange wäre hiermit bitte erreicht. Bin gespannt, was passiert, wenn die Guardians in Kürze auf Thanos treffen. Ob sie dann noch immer so gut lachen haben?
Trotz allem leicht besser als das Original.

7/10