EUROVISION SONG CONTEST: THE STORY OF FIRE SAGA

„Play ‚Jaja Ding Dong‘!“

Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga ~ USA 2020
Directed By: David Dobkin

Seit frühester Kindheit träumen die in einem isländischen Küstenstädtchen beheimateten Freunde Lars Erickssong (Will Ferrell) und Sigrit Ericksdottir (Rachel McAdams), als Duo „Fire Saga“ einmal am Eurovision Song Contest teilnehmen zu können und – natürlich – zu gewinnen. Während Sigrit seit eh und je in Lars verliebt ist, steht für diesen jedoch die Musik mit Abstand an erster Stelle. Eines Tages eröffnet sich ihnen dann tatsächlich die Chance, zunächst auf Landesebene in die Endsausscheidung zu kommen. Da sämtliche Mitbewerber einer Schiffsexplosion zum Opfer fallen, dürfen Lars und Sigrit trotz eines katastrophal verlaufenden ersten Auftritts Island als letzte verbliebene Musiker in Edinburgh repräsentieren. Hier warten jedoch nicht nur die oftmals professionelleren übrigen Finalisten, sondern auch die bösen Irrungen und Wirrungen des internationalen Showgeschäfts – ebenso wie Lars‘ letzte Möglichkeit, sich zu seinen wahren Gefühlen zu bekennen…

Irgendwann landen sie alle bei Netflix – nun auch Will Ferrell, der bei seinen Anhängern (zu denen auch ich mich ohne Umschweife zähle), nie ganz in der Versenkung verschwand, dessen wirklich ikonische, in der Regel von Adam McKay inszenierte Komödien-Highlights, und da beißt die Maus keinen Faden ab, nunmehr jedoch bereits Jahre zurückliegen. Filme wie „The House“ oder „Holmes & Watson“ luden zwar nach wie vor zum Schmunzeln ein, der brachiale anarchistische Witz früherer Comedy-Großtaten mochte sich jedoch nicht mehr einstellen. Auch „Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga“ bildet diesbezüglich keine zäsurische Ausnahme. Einmal mehr präsentiert sich darin die Story des ewigen Kindmannes, dessen kosmopolitischer Horizont sich auf ein höchst überschaubares, nerdiges Mikrouniversum beschränkt, dessen emotionale Entwicklung seit dem Alter von sieben oder acht Jahren stagniert und der sich ganz seinem Lebenstraum als Sieger eines albernen Wetbewerbs verschrieben hat. Vor allem „Blades Of Glory“ kommt einem in den Sinn, wenn Ferrell mit Langhaarperücke und albernen Kostümen seine Trashpop-Songs performt. Überhaupt dieser den Film überschattende Eurovision Song Contest: in meiner Welt kommt dieses musikalische Großevent eigentlich gar nicht vor, weder auf ernstem noch ironischem Wege konnte ich dem Ganzen je etwas abgewinnen noch habe ich, mit Ausnahme weniger historischer Marksteine überhaupt etwas davon mitbekommen. Erst Wikipedia lehrte mich, dass die diesjährige Gastgeberstadt Rotterdam wegen Covid-19 leer ausgehen und sich ein Jahr Aufschub gefallen lassen muss – wie schön, dass Dobkins Film nun Ersatz bietet. Inwieweit parodistische Bestrebungen und semiernst gemeinte Hommage an den ESC sich darin letzten Endes die Waagschale halten, vermag ich in Ermangelung eigener Erfahrungen nicht zu beurteilen. Die hier dargebotene Musik, witzig gemeint oder auch nicht, finde ich ausnahmslos und durch die Bank grauenhaft und das ganze sie umwabernde, tuckige It-Getue, das sich selbst Albtraumgestalten wie Conchita Wurst auszusparen versagt, nicht minder. But that’s just the way it is, I guess.
Will Ferrell liefert (s)eine gewohnt professionelle Standard-Performance und macht sich auf seine ihm unnachahmliche Art zum Affen, obschon man als Kenner nicht umhin kommt, zu registrieren, dass er durch feine, fast unmerklich in sein Spiel eingewobene Nuancen doch immer wieder probiert, nicht mehr ganz der formvollendete Vollidiot zu sein, den seine ikonischen Rollen als Ron Burgundy, Ricky Bobby oder Brennan Huff ihm abverlangten. Ich schiebe das auf eine gewisse, sich möglicherweise analog zur Altersmüdigkeit einstellende „Räson“. Was wiederum tadellos funktioniert und en Film letzten Endes schön und sehenswert macht, ist die Chemie zwischen ihm und Rachel McAdams, die tatsächlich bezaubernd ist als elfengläubige Islandfee und, sorry Will, trotz nachvertonter Gesangsstimme das eigentliche Highlight von „Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga“ darstellt. Tolle Frau.

7/10

SILVER LININGS PLAYBOOK

„You have poor social skills. You have a problem.“

Silver Linings Playbook ~ USA 2012
Directed By: David O. Russell

Pat Solitano Jr. (Bradley Cooper) leidet unter einer bipolaren Persönlichkeitsstörung, die ihm, nachdem er seiner Frau Nikki (Brea Bee) in flagranti erwischt und deren Liebhaber krankenhausreifg geprügelt hat, acht Monate in der geschlossenen Psychiatrie eingebracht haben. Auf Insistieren seiner Mutter (Jacki Weaver) hin darf Pat nun entlassen werden und unter Aufsicht seiner Eltern leben. Das erweist sich als nicht eben einfach, denn auch Pats Dad (Robert De Niro) ist ein Vollblutneurotiker, der seinen jüngeren Sohn Jake (Shea Whigham) stets bevorzugte. Zudem ist Pat in pathologischer Weise darauf fixiert, Nikki, die bereits ein Kontaktverbot erwirkt hat, zurückzugewinnen. Durch Zufall lernt er die ebenfalls psychisch angestoßene Tiffany (Jennifer Lawrence) kennen, die sich prompt in Pat verliebt und alles Mögliche versucht, ihn, der ebenfalls uneingestandenes Interesse zeigt, für sich zu gewinnen. Zu diesem Zweck überredet Tiffany Pat, mit ihr an einem Tanzwettbewerb teilzunehmen.

Hmja. Sonderlich Innovatives kredenzt diese von den Weinsteins produzierte Allerwelts-RomCom mit ein paar dramatischen Einschlägen, die ja in Anbetracht dessen, was die handelsüblichen Netzseiten so hergeben, doch sehr beliebt zu sein scheint, nicht auf. Allein aufgrund dessen will ich gewiss kein vorschnelles Qualitätsurteil fällen, nur scheint mir diese doch sehr derrivierte Mixtur aus zwei psychisch „angeknacksten“ Versehrten, die auf Umwegen zueinander finden (ähm) über einen Hauch Rostand (uff) bis hin zum unvermeidlichen Tanzfinale Marke „Dirty Dancing“ (ächz) doch etwas sehr faul vorzugehen mit ihrer ausgestellten Konstruiertheit. An „Silver Linings Playbook“, der sich schlussendlich überhaupt nicht unterscheiden will oder kann von all diesen typischen Dramödien für den Modell-Kinogänger um Therapie-Patienten, die ein bisschen sonder- weil unberechenbar sind, aber eigentlich doch ganz lieb, zumindest, so lange sie einen Vogel mit ähnlich gefärbtem Gefieder finden, ist somit aber auch gar nichts Besonderes. Man könnte Russells Film mit einem weinenden Auge auch als grundrepräsentativ für das Gros von Robert De Niros Rollenauswahl seit kurz vor der Jahrtausendwende erachten. In diesem Zeitraum spielte der einstige Vorzeige-method-actor, sofern nicht gerade Marty Scorsese seinen Weg kreuzte, den analog zu seinem Faltenwurf kauziger werdenden alten Stiesel mit Diamantschale und Herz aus Gold gefühlte dreitausend Male. Man (ich!) begne(t) ihm zwar immer noch stets gern, weil man traditionell so viel Gutes mit ihm assoziiert, aber die Wiedersehensfreude scheint doch mit jeder neuerlichen Begegnung abzuflauen, weil, ähnlich wie bei jährlich wiederkehrenden Familienfestivitäten die Geschichten, die Onkel Robert zum Besten gibt, irgendwann stets dieselben bleiben und sich daher nicht mehr ganz so spannend ausnehmen wie früher mal. So geht es im Ganzen auch „Silver Linings Playbook“, der mir allzuviel uninspirierte und dazu noch anderswo zigmal so ähnlich oder besser gesehene Reißbrettelemente vorweist, um wirklich sympathisch oder gar schön zu sein; einem Film, der sich ebenso rasch aus Herz und Hirn verflüchtigt wie ein Tröpfchen Ethanol aus einer versehentlich offen stehen gelassenen Phiole.

4/10

CON AIR

„There is no medicine for what I have.“

Con Air ~ USA 1997
Directed By: Simon West

Nach acht Jahren Gefängnishaft wegen Totschlags freut der Ex-Ranger Cameron Poe (Nicolas Cage) innig darauf, zu seiner Frau Tricia (Monica Potter) zurückkehren und endlich sein Töchterchen Casey (Landry Albright) kennenlernen zu dürfen. Doch der „Jailbird“-Flieger, in die man ihn neben diversen anderen schweren Jungs setzt, wird zum Terrorwerkzeug des Superkriminellen Cyrus Grissom (John Malkovich), genannt „Cyrus The Virus“. Gemeinsam mit seinen Erfüllungsgehilfen kapert er die Maschine. Seine letzte Chance, auszusteigen, bläst Poe jedoch heldenhaft in den Wind, denn sein insulinbedürftiger Zellenkumpel Baby-O (Mykelti Williamson) würde ohne ihn garantiert verrecken und die Vollzugsbeamte Bishop (Rachel Ticotin) wäre dem notorischen Vergewaltiger Johnny-23 (Danny Trejo) gnadenlos ausgeliefert. Also muss Poe gemeinsam mit seinem neuen, am Boden positionierten Verbündeten Agent Vince Larkin (John Cusack) den Tag retten…

„Con Air“, bekanntlich eine jener vorgeblich hemmungslos hochglanzgelackten, multimillionendollarteuren Bruckheimer/Touchstone-Produktionen der neunziger Jahre, die versuchten, das grundsolide Genrekino der Vorgängerdekade durch größenwahnsinnige, zirzensische F/X-Zurschaustellungen abzulösen, war wie seine ihn flankierende Gesinnungsindustrie dazu angetan, der gesamten republikanischen US-Wählerschaft die Unterbuchsen zu nässen.
Nachdem ich den Film nach der zeitgenössischen Kinobetrachtung erstmal regelrecht unerträglich fand, greifen nunmehr auch in diesem Falle Altersmilde, der Blick fürs Wesentliche und vor allem der Wundenheilungsfaktor hinreichender zeitlicher Distanz. Wie wohl die meisten seiner während jener Ära entstandenen, mit ähnlichen Mitteln ausstaffierten Kinogenossen muss man „Con Air“ retrospektiv gewissermaßen als Nienties-Pendant zu den Katastrophenfilmen der Siebziger wahrnehmen: Als kostspieligen, großen Stinkkäse, der die Einfallslosigkeit des Mainstream- und Blockbusterkinos mit oberflächlicher, aber professioneller Form und luxuriöser Besetzung zu kaschieren suchte, keine noch so banale Dialogzeile scheute und gammelige Klischees offensiv anfuhr, statt sie wohlweislich zu umschiffen. Die Bilder, gesäumt von wahlweise blauen Himmeln oder breiter Magic-hour-Photographie sowie die Scores, ob von Hans Zimmer, David Arnold oder, wie im vorliegenden Fall Trevor Rabin und Mark Mancina, ähnelten sich in ihrer pompösen, stets patriotisch-militaristisch anmutenden Orchestrierung allesamt auf frappierende Weise und waren beliebig austauschbar, die Stars kassierten legionär zufrieden ihre hohen Gagen und lieferten in den allermeisten Fällen unwesentlich mehr als das eben Notwendige. Unter ihnen genoss Nicolas Cage ein paar kurze Sternstunden, die er in seiner wechselvollen Karriere als arschcooler Actionheros befüllen durfte, nachdem er kurz zuvor bereits mit Michael Bays „The Rock“ auf den exklusiven Geschmack gekommen war und sich Disney auch in den Folgejahren immer wieder zur Verfügung stellte. Hier trug er eine ölige Langhaarfrisur und ein John-McClane-Gedächtnisunterhemd auf, derweil er seine wie so oft absurden Zeilen durch die geschlossenen Zähne herauszischen und die diversen bösen Jungs plattzumachen hatte. Zwischen den Zeilen hat es dann immer wieder gut lesbar erstaunlich subversive Comedy. So gibt es Steve Buscemi als augenscheinlich blutrünstigen, psychotischen Serienkiller Garland Greene, einen Quasi-Hannibal-Lecter, zu sehen, der sich zur allgemeinen Verwunderung als durchaus kluger, liebenswerter Zeitgenosse entpuppt, schließlich durchbrennen kann und von einem kleinen Mädchen (Lauren Pratt), das gemeinsam mit ihm „He’s Got The Whole World In His Hands“ singt, radikalgeheilt zu werden scheint. Permanente hagelnde Seitenhiebe wider den US-Strafvollzug, der Typen wie Cyrus The Virus letzten Endes erst produziert statt sie zu resozialisieren gestattet man sich ebenso wie die schleichende Sympathisierung eines sich zuvor oberarschig aufführenden FBI-Beamten (Colm Meaney).
Der wie oben erwähnt noch nichteinmal sonderlich fordernde, genauere Perspektivierung lohnt also auch bei „Con Air“. Das soll nun gewiss nicht heißen, das wir hier etwa eine Camouflage heimlichen Intellektuellenkinos im Gewand mindergescheiten Allerweltsamüsements hätten – dafür schreit Simon Wests Debütwerk seine vordergründige Sackdämlichkeit dann doch allzu oft und allzu unverhohlen laut hinaus. Er ist jedoch auch keinesfalls so mies, wie manch naserümpfender Feuilletonist ihn vielleicht dargestellt wissen möchte.

7/10

VAMPIRE’S KISS

„I never misfiled anything!“

Vampire’s Kiss ~ USA 1988
Directed By: Robert Bierman

Peter Loew (Nicolas Cage) ist ein Protagonisten-Musterexempel der Ära Yuppie. Sein wohldotierter Job in einem New Yorker Verlagshaus verlangt von ihm bestenfalls oberflächliche Berufsqualitäten, die vor allem darin bestehen, seine Sekretärin Alva (Maria Conchita Alonso) zu drangsalieren. Nach Feierabend tingelt er durch die Szeneclubs und lässt seinen öligen Charme bei attraktiven one night stands spielen. Seine latente Einsamkeit offenbart er dann im Zuge wenig tiefschürfender Sitzungen seiner Analytikerin Dr. Glaser (Elizabeth Ashley). Nachdem sich eines Abends eine Fledermaus in sein Appartment verirrt, beginnt sich Peters angeschlagene Psyche noch weiter zu vernebeln. Rachel (Jennifer Beals), eine neue Damenbekanntschaft, entpuppt sich (möglicherweise nur in Peters Wahrnehmung) als Vampirin, die ihn in den Folgenächten genüsslich „melkt“. Peter meint derweil, immer mehr untrügliche Anzeichen dafür auszumachen, dass auch er sich nach und nach in ein Nachtwesen verwandelt, worunter wiederum besonders die arme Alva zu leiden hat…

Ich liebe unerwartet schöne Überraschungen beim Film.
Durch die Jahre dachte ich immer (überregional betrachtet eine letztlich wohl den allermeisten sogenannten Cine-Connaisseurs gemeine, arrogante und narzisstische Illusion) ich wäre wie mit so vielem auch wohlfeil mit Nicolas Cages Œuvre vertraut. Wer jedoch wie ich bis vor Kurzem „Vampire’s Kiss“ nicht gesehen hat, kann sich derlei Imagination ganz gepflegt schenken. So fand ich mich stets in der höchst irrigen Annahme, da gäbe es diese laue, romantisch angehauchte und geflissentlich zu ignorierende Vampirkomödie, die qualitativ, diegetisch und hermeneutisch irgendwo zwischen „Love At First Bite“ und „Vampire In Brooklyn“ anzusiedeln sei. Weit gefehlt. Robert Biermans von Joseph Minion („After Hours“) gescripteter Manhattan-Trip zählt in sämtlichen ihn betreffenden Belangen zum Besten seines Jahrzehnts. Da entpuppt sich Cages völlig entfesselte Interpretation der Hauptfigur, die einen in derselben Sekunde lachen, den Kopf schütteln und staunen lässt, nurmehr gar als Sahnehäubchen auf einem durchweg exquisit angerichteten Zeittableau. Viel Platz für Interpretation lassen Bierman/Minion dem überbügelten Betrachter nicht: Von Vampiren berichtet „Vampire’s Kiss“ mitnichten, er erzählt vielmehr auf zutiefst satirische Weise mit spitzer Feder vom tiefen Fall eines gelackten Yuppie, der in Anbetracht der Seelenlosigkeit seiner beruflichen wie privaten Existenz in Kombination mit ungezügeltem Alkohol- (und Drogen-?) Konsum unter die Räder gerät und auf ein letzten Endes durchaus irdisch bedingtes Ableben zusteuert. Als eine Art moderner Renfield, dessen Wahn im Wahn sich jedoch eher an Max Schreck alias Graf Orlok orientiert denn an dem devoten Insektenvertilger, geriert er, endgültig psychotisch geworden, zu all dem, was seine Persönlichkeitsstruktur ihm im Grunde längst vorzeichnet: einem misogynen, nutzlosen Hanswurst, der seine Unfähigkeit zu lieben und geliebt zu werden in einem bizarren Gewaltakt entlädt und dessen mutmaßliche Metamorphose sich dann gegen ihn selbst richtet. Vieles kommt einem da in den Sinn, die irrlichternden Hedonismuswelten von Bret Easton Ellis (der seinen thematisch und wesenhaft eng mit „Vampire’s Kiss“ verwandten „American Psycho“ erstaunlicherweise erst drei Jahre nach dessen Premiere veröffentlichen sollte) oder all die filmischen Porträts von vor urbaner Kulisse verrückt Werdenden. „Vampire’s Kiss“ lässt sich behende mit all diesen popkulturellen Spielarten verknüpfen und setzt ihnen ein echtes Juwel hinzu, das einen jeden, der es aus seinem unverdienten Schattendasein an die Oberfläche hievt, reichhaltig belohnt.

10/10           

THE ART OF LOVE

„Are you still not satisfied?“

The Art Of Love (Bei Madame Coco) ~ USA 1965
Directed By: Norman Jewison

Die beiden Freunde Paul Sloane (Dick van Dyke) und Casey Barnett (James Garner) könnten eigentlich unterschiedlicher nicht sein: Zwar bewohnen sie gemeinsam eine Dachwohnung im Pariser Montmartre und zählen sich stolz zur hiesigen Bohème, doch während der Maler Paul mit seiner Erfolglosigkeit nicht zurechtkommt und es leid ist, sich von der reichen Familie seiner in den Staaten lebenden Verlobten Laurie Gibson (Angie Dickinson) aushalten zu lassen, liebt der wiederum von Paul mit durchgefütterte Autor Casey das Lotterleben des Libertins. Zu Caseys Bedauern gelingt es ihm nicht, Paul, der von Paris genug hat und zurück in die USA will, um Laurie endlich zu heiraten, zum Bleiben zu überreden. Aus einer volltrunkenen Laune heraus und der These, dass erst ein toter Künstler wirklich erfolgreich sein kann, schreiben die beiden gemeinsam einen Abschiedsbrief für Paul. Als dieser auf dem Nachhauseweg die in die Seine springende Selbstmörderin Nikki (Elke Sommer) erblickt, hüpft Paul hinterher, um sie zu retten. Seine am nächsten Morgen gefundenen Kleider veranlassen Casey und die Polizei dazu, zu glauben, Paul habe sich ertränkt. Urplötzlich erzielen seine Gemälde tatsächlich Höchstpreise, was der „hinterbliebene“ Casey mit einigem Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. Darum überredet er den sich ihm wieder als höchst lebendig präsentierenden Paul, noch eine Weile „tot“ zu bleiben, um den willkommenen Reibach noch etwas zu verlängern. Paul soll getarnt als Maler „Toulouse“ im Nachtclub von Madame Coco (Ethel Merman) untertauchen und dort weiterarbeiten. Auch Nikki lebt mittlerweile bei Madame Coco und arbeitet für sie als Hausmädchen. Während Paul und Nikki sich ineinander verlieben, taucht Laurie in Paris auf und wird von Casey über die „traurigen  Neuigkeiten“ in Kenntnis gesetzt, während er ihr frontal den Hof macht und den Löwenanteil des Erlöses für Pauls Werke einstreicht. Als Paul davon erfährt, heckt er einen nicht minder hinterhältigen Rachestreich gegen Casey aus, der beinahe in die Hose geht…

Obschon Norman Jewisons wunderbare Komödie nicht mit trefflichem Humor und einer Menge prickelnder Romantik geizt, empfand man sie zu ihrer Veröffentlichungszeit vielerorten als zu „schwarz“ und zu gallig, so dass ihr guter Ruf – die bis dato vorherrschende Veröffentlichungslage (es gibt scheinbar nur Bootlegs und eine semilegale australische DVD-Veröffentlichung) spricht Bände – nachhaltig geschädigt wurde. Dafür verantwortlich waren offenbar die als unerschütterliche Wahrheit umrissene Annahme, dass ein bildender Künstler erst zu sterben hat, bevor sein Renommee astronomische Höhen erreichen kann und ferner das im letzten Drittel des Films handlungstragende Element der Todesstrafe, die man in Frankreich damals noch mit der Guillotine zu praktizieren pflegte und die absolut trefflich in das Script eingearbeitet wurde. Wie kommt dies zustande? Der sich zu Recht von seinem Freund Casey durchaus berechtigt verraten fühlende Paul Sloan sorgt mittels einiger cleverer Schachzüge dafür, dass alle Welt Casey verdächtigt, Pauls Mörder zu sein und er dafür sogar vor Gericht zum Tode verurteilt wird. Paul kostet diesen Umstand bis aufs Letzte aus und kommt beinahe zu spät, um die Exekution noch rechtzeitig zu verhindern. So viel bitterböser Realismus war für Kritik und Publikum offenbar zu viel des Guten und so fristet „The Art Of Love“ schändlicherweise ein Nischendasein. Dabei ist er in vielerlei Hinsicht ganz exzellent – on location in Paris gefilmt (der Jewison vor Ort beratende Yves Boisset gab – laut imdb-Trivia – zu Protokoll, dass Jewison weniger an einer modern-realistischen Präsentation der Stadt interessiert war, denn an einer möglichst klischeehaft-historistischen Darstellung, wie man sie aus hier spielenden Hollywood-Filmen gewohnt war – eine Herangehensweise, die nebenbei wunderbar aufgeht) präserviert der Film ganz gezielt ein klischiertes Bohèmien-Musical-Flair Marke „An American In Paris“. Das von Carl Reiner (der auch eine tolle Nebenrolle als auf Abstand gehender Verteidiger von James Garner abbekam) mitgeschriebene Buch strotz vor superben Einfällen, Figuren und Dialogen und die beiden Hauptdarsteller entwickeln eine grandiose Chemie. Alles in allem eine mustergültige Feelgood-RomCom ihrer Ära, die – ich weiß, ich sage das gern und oft, aber hier stimmt es wie selten – einer dringenden Revision bedarf.

9/10

VFW

„When you come, boy, you come sharp.“

VFW ~ USA 2019
Directed By: Joe Begos

Irgendwo in einem trostlosen Vorstadtslum steht das „VFW“, Freds (Stephen Lang) kleine, gemütliche Kneipe. „VFW“ steht für „Veterans of Foreign Wars“ und genau aus selbigen rekrutiert sich Freds Stammpublikum. Heute hat Fred Geburtstag und sämtliche seiner noch lebenden, alten Freunde sind gekommen, um mit ihm zu feiern: Mit Walter (William Sadler), Lou (Martin Kove), Doug (David Patrick Kelly) und Zee (George Wendt) war Fred einst in Vietnam, der etwas ältere Abe (Fred Williamson) hat in Korea gedient. Mit dem Jungspund Shawn (Tom Williamson) sitzt sogar ein Premierengast am Tresen, der „frisch aus der Wüste“ heimgekehrt ist. Der Abend könnte wunderbar harmonisch verlaufen, gäbe es im leerstehenden Lagerhaus gegenüber nicht gewaltigen Ärger. Dort hat sich nämlich die junge Elizabeth (Sierra McCormick), genannt „Lizard“, sämtliche Vorräte des lokalen „Hype“-Zars Boz (Travis Hammer) unter den Nagel gerissen, um diesen damit für den Tod ihrer Schwester (Linnea Wilson) zu bestrafen. Bei „Hype“ handelt es sich um eine neue Superdroge, die ihre Konsumenten extrem süchtig macht und parallel dazu in willenlose Hirnwracks, so genannte „Hypers“, verwandelt. Als sich Lizard vor Boz und seinen Leuten ausgerechnet ins VFW flüchtet, fühlen sich die alten Herren verpflichtet, der jungen Dame aus der Patsche zu helfen. Eine blutige Nacht steht bevor.

Das Belagerungsmotiv im Kino schützt eine lange Tradition vor. Ein paar auf engem Raum zusammengepferchte Helden verfügen über irgendjemanden oder irgendetwas, das eine auf der Außenseite befindliche, gewaltige Übermacht haben möchte und müssen dies mit ihrem Leben verteidigen. Klassische, respektive besonders berühmte Vertreter dieser Sub-Gattung wären Howard Hawks‘ inoffizielle Wayne-/Western-Trilogie „Rio Bravo“, „El Dorado“ und „Rio Lobo“, George A. Romeros Zombie-Startschuss „Night Of The Living Dead“ oder John Carpenters spätere diverse Variationen des Themas, allen voran natürlich „Assault On Precinct 13“. Heuer einen „Belagerungsfilm“ zu machen, muss (oder sollte zumindest) als ehrerbietende Hommage an die großen Vorbilder begriffen werden. Dass dem nachweislich rüpelhaft zu Werke gehenden Joe Begos mit „VFW“ just solcherlei vorschwebte, dafür spricht außerdem das wiederum stark an „The Expendables“ angelehnte Ensembleprinzip. Gewiss, hier sind vielleicht nicht die ganz großen Namen vertreten, die gesammelten Filmographien der Akteure präservieren, obgleich viele von ihnen selbst zu Zeiten ihrer Karrierehochs oftmals in Nebenrollen auftraten, ein strahlendes Sammelsurium vielgeliebter kleiner und großer Lieblingspreziosen von Myriaden von film buffs weltweit. Umso mehr Spaß bereitet es, den mehr oder weniger fitten roundabout-seventies (Fred „The Hammer“ Williamson bringt es sogar bereits of stolze 81, wirkt aber keinen Deut älter als seine Kollegen) bei ihrem buchstäblichen Veteranentreffen beizuwohnen. Was den Film selbst und seine Umsetzung anbelangt, so darf man keine großen Sprünge erwarten. Das gesamte Konzept bewegt sich wie anzunehmen auf sehr altersmorschen Stelzen und verlässt sich primär auf seine Besetzung, das entsprechende fan knowledge und seine herben Splattereffekte. Einzig dem Umstand, dass diese vorwiegend im blau-roten Notstromlicht von Freds Kneipe zum Einsatz kommen, dürfte die Tatsache geschuldet sein, dass „VFW“ unbeanstandet die Zensur passieren konnte, denn wie die Senioren mit den allenthalben ihr Sanktuarium flutenden Hypers verfahren, das erinnert in seiner kruden Handarbeit vielfach an die blutgetränkten Höhepunkte der Ära der video nasties.
Ebenso wie nun allerdings der Originalitätsfaktor des Ganzen zu vernachlässigen ist, sollte a priori die mögliche Antizipation einer auch nur ansatzweise ernstzunehmenden Plotstruktur aufgegeben werden; Begos inszeniert stets nach dem Gusto „tongue in cheek“ und bettet das metzlige Geschehen kurzum in irreale Saturnalien ein, die jedwede dramaturgische Logik ignorieren. Ist man bereit, diese Bedigungen in Kauf zu nehmen, mag man sich durchaus zufrieden der mußevollen Kurzweil von „VFW“ hingeben.

7/10

MY GEISHA

„I’m not a philosopher, I’m a film producer.“

My Geisha (Meine Geisha) ~ USA 1962
Directed By: Jack Cardiff

Sein neuestes Projekt, eine vor Ort in Japan gedrehte Adaption von Puccinis „Madame Butterfly“, dient dem Hollywood-Regisseur Paul Robaix (Yves Montand), sich aus dem Schatten seiner Gattin Lucy Dell (Shirley MacLaine) zu lösen, die in all seinen bisherigen Filmen die Hauptrolle spielte und maßgeblich für deren Publikumsbeliebtheit verantwortlich war.  Lucy will diese Kehrtwende jedoch nicht so einfach auf sich sitzen lassen und reist Paul und der Filmcrew gemeinsam mit dem väterlichen Produktionsleiter Sam Lewis (Edward G. Robinson) heimlich nach Tokio hinterher. Eher durch Zufall und um ihren Mann zu testen, kommt sie auf die spontane Idee, sich als einheimische Geisha zu verkleiden. Paul, der sie tatsächlich nicht erkennt, ist seinerseits schwer von „Yoko Mori“, wie sich Lucy jetzt nennt, angetan und will sie als Hauptdarstellerin für seinen Film – Lucy/Yoko nimmt an…

Was unter anderen Gegebenheiten zu einer turbulenten Verwechslungskomödie mit müßigen Culture-Clash-Albernheiten hätte werden können, geriet unter der Regie des großen Kamera-Genies Jack Cardiff (der für „My Geisha“ seinen japanischen Kollegen Shunichirô Nakao als dp einsetzte) inhaltlich zur sanfthumorigen Belastungsprobe einer (west-)amerikanischen Bilderbuchehe und somit dann doch recht meta-realistischen Unterhaltungskino Marke Paramount. Besonders auffällig bei den japanophilen Hollywoodfilmen dieser Ära, zu denen ja etwa auch Daniel Manns schöner „The Teahouse Of The August Moon“, Joshua Logans „Sayonara“ oder Frank Tashlins „The Geisha Boy“ zählen, nimmt sich die mehr oder weniger eklatante Anbiederung an die exotische ostasiatische Kultur aus, die ganz klar auch der globalökonomischen Entwicklung der damaligen Zeit geschuldet ist. Japan sollte auch innerhalb des okzidentalen Bevölkerungsgros nicht mehr als dolchstoßender Erzfeind verteufelt werden, sondern als respektabler Handelspartner gelten. Die erwähnten Werke und gewiss auch „My Geisha“ trugen dieser Zäsur allesamt Rechnung, soweit es die westliche Filmindustrie mit ihren gewiss trotzdem von Vorurteilen und Klischees geprägtem Habitus  zuließ.
Ungeachtet dieser groben historischen Einordnung bleibt Cardiffs Film ein durchaus schönes, romantisches und sehr erwachsenes Kinostück, das in ausnehmend hohem Maße von den bravourösen Leistungen seiner drei Hauptdarsteller profitiert: Yves Montand während seiner kurzen Hollywoodphase trägt vor allem im letzten Drittel des Films eine geradezu denkwürdige Melancholie als sich um ihre Emanzipation geprellt fühlende Künstlerseele in das Geschehen, Robinson beweist einmal mehr, dass er ebensogut als liebenswürdiger Opa und Lebensberater zu reüssieren vermochte wie als böser, kleiner Gangsterkönig dreißig Jahre zuvor und Shirley MacLaine ist witzigerweise immer dann besonders bezaubernd, wenn sie gerade nicht die Geisha-Camouflage aufgelegt hat.
Was fürs Herz.

8/10

GISAENGCHUNG

Zitat entfällt.

Gisaengchung (Parasite) ~ KR 2019
Directed By: Joon-ho Bong

Die vierköpfige Familie Kim wurschtelt sich wie selbstverständlich mit kleinen Neppereien durch ihren Alltag und fährt damit trotz stinkwanzenverseuchter Kellerwohnung immer noch geflissentlich besser als manche ihrer zurückhaltenderen Sozialgenossen. Als Sohn Ki-woo (Woo-sik Choi) von einem Freund zugleich einen Glücksstein und eine Stelle als Nachhilfelehrer für Englisch im Hause der superreichen Familie Park zugeschanzt bekommt, wendet sich das Blatt allmählich. Nach und nach schleusen sich auch Ki-woos Vater Ki-taek (Kang-ho Song) als Chauffeur, Schwester Ki-jung (So-dam Park) als Kunsttherapeutin und Mutter Chung-sook (Hye-jin Jang) als Hausverwalterin bei den neurotischen Parks ein, indem sie ihre VorgängerInnen zuvor jeweils durch hochstaplerische, gemeine Intrigen ausbooten, ohne die Parks allerdings wissen zu lassen, dass sie zueinander in familiären Verhältnissen stehen. Wie die Maden im Speck machen sich die Kims im luxuriösen Vorstadthaus der Parks breit, bis ihnen die vormalige Haushälterin Moon-gwang (Jeong-eun Lee) einen unvorhersehbaren Strich durch die Rechnung macht: Ohne dass die Parks davon wussten, hat Moon-gwang über Jahre hinweg ihren Ehemann Geun-se (Myeong-hoon Park) in einem bunkerartigen Kellerrraum versteckt gehalten und auf Kosten der Parks versorgt. Als eines Abends in deren Abwesenheit sämtliche Karten auf den Tisch gelegt werden, kommt es zum handgreiflichen Konflikt zwischen den beiden parasitären Parteien, der damit endet, dass die Kims Moon-gwang und Geun-se in den Buker zurückdrängen können, wobei Moon-gwang jedoch eine tödliche Kopfverletzung erleidet. Eine am Folgetag anberaumte Geburtstags-Überraschungsparty für Da-song (Hyeon-jun Jung), den Sohn der Parks, endet in einer Katastrophe.

Wer meine nunmehr fünfzehn Jahre während Filmtagebuch- bzw. Blog-Tätigkeit ein wenig verfolgt, weiß, dass Filme aus dem ostasiatischen Raum relativ selten den Weg in mein Rezeptionsterrain finden. Dies liegt nicht an der Qualität der entsprechenden Werke, sondern an einer rein persönlichen Schwäche, der leidlichen Unfähigkeit meinerseits nämlich, mich in die Lebensweisen der dort ansässigen Kulturen und Künste hinreichend hineinversetzen zu können, um den dortigen Filmschaffenden den gebührenden Respekt zollen zu können. Ein zugegebenermaßen dummer Stolperstein, über den ich mich zumindest in unregelmäßig großen Abständen dann doch immer mal hinwegwage. Man möchte sich ja nicht nachsagen lassen, bei mangelnder interkultureller Empathie auch noch Ignorant zu sein. Nun kann „Gisaengchung“, die siebte Regiearbeit des immens anerkannten koreanischen Filmemachers Joon-ho Bong, sich noch des bislang einmaligen Renommees erfreuen, die erste nicht-anglophone Produktion zu sein, die die Academy mit einem Oscar für den besten Film des Jahres prämiert hat. Nicht, dass dieser Preis irgendetwas über den tatsächlichen Wert seines Trägerwerks aussagt, aber sein kommerzieller und filmhistorischer impact sind zumindest befristet und in oberflächlicher Art und Weise erstmal durchaus beachtlich, das kann niemand leugnen. Ich muss da auch zu mir selbst ganz ehrlich sein – ob ich mir „Gisaengchung“ ohne dieses Aufsehen zeitnah angeschaut hätte, weiß ich nicht. Bongs „Gwoemul“ hat mir damals eher nicht gefallen, eine retrospektive Betrachtung ziehe ich nunmehr jedoch durchaus in Betracht, ebenso wie ich mir seinen „Salinui Chueok“ wohl bald einmal zu Gemüte führen werde. Wenn es nichts hilft, so wird es zumindest nichts schaden, soviel ist sicher.
Der erlesen photographierte „Gisaengchung“ beginnt als Sozialsatire, die das brutale Gefälle zwischen wachsendem Prekariat und den paar verschwindenden Prozenten globalen Superreichtums mittels galligen Humors und multipler Symbolik auslotet und schlägt damit zunächst in eine ähnliche Kerbe wie der brillante „Borgman“ von Alex van Warmerdam. Dessen Lektion, dass immenser Reichtum zugleich immer auch abgehobene Weltentfremdung, Arroganz und Neurosen gebiert, beinhaltet auch Bongs Film, ebenso wie die sozialistische Grundannahme, dass die wenigen Kuchenkrumen für die vom (westlich vorgeprägten) Kapitalismus Abgehängten zwangsläufig deren Unzufriedenheit und Aggressionen schüren. Nun sind die Kims weder politisch aktive Anarchisten noch auf entsprechende Lektionserteilungen aus – sie wollen zunächst lediglich freies W-Lan und sich mit gutem Whiskey betrinken und werden zu diesem Zwecke, zumal in moralischen Bahnen, sanft kriminell. Die Parks verlangen gewissermaßen sogar nach den frechen Übervorteilungen, die die Kims sich zunutze machen. Dass sie bei ihrem Manöver allerdings einen entscheidenden Faktor übersehen – den nämlich, dass sie nicht die Einzigen sind, die sich am bornierten Euter der Oberklasse satttrinken wollen, führt schließlich geradewegs zu Mord und Totschlag. Die metahumane Gerechtigkeit macht am Ende vor niemandem Halt, das kündigt ein sintflutartiges Unwetter an, das die Kims nach ihrer Konfrontation mit der Parasitenkonkurrenz vorübergehend obdachlos werden lässt. Der nächste, sonnendurchflutete Tag, eigentlich als Kindergeburtstagsevent geplant, endet dann in einem blutigen, rachebeseelten Kleinkrieg der armen und des reichen Patriarchen mit mehreren Todesopfern. Gewinner gibt es keine. Die Villa der Parks geht in den Besitz einer reichen abendländischen (deutschen) Familie über, die über deren Vergangenheit nichts weiß. Der nach wie vor unbefriedigende status quo hat sich nicht geändert, lediglich leicht verschoben. Die Revolution hat kurz aufgeschnarcht und sich auf die Seite gedreht, schläft jedoch behaglich weiter. Nur: wie lange noch?

8/10

KNIVES OUT

„It’s a weird case from the start.“

Knives Out ~ USA 2019
Directed By: Rian Johnson

Harlan Thrombey (Christopher Plummer), superfolgreicher Schriftsteller und wohlhabender Familienpatriarch, wird am Morgen nach seinem 85. Geburtstag tot aufgefunden. Was offenkundig und allen verfügbaren Indizien nach ein Suizid zu schein scheint, interpretiert der neben den ermittelnden Polizisten herbeigerufene Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) flugs als wohlfeil getarnten Mord. Obschon Blanc seinen Auftraggeber noch nicht kennt, ist ihm bereits nach den Kurzverhören von Thrombeys herumdrucksenden Sprösslingen und deren EhepartnerInnen klar, dass beinahe jede/r von ihnen ein hinreichendes Motiv hatte, den Alten um die Ecke zu bringen. Thrombeys junge Privatpflegerin und persönliche Vertraute Marta Cabrera (Ana de Armas) scheint der Schlüssel zur Lösung des Rätsels zu sein…

Ganz offensichtlich als Franchise-Starter angelegt, wird von Daniel Craig als Edelschnüffler Benoit Blanc in Kürze noch mehrfach zu sehen sein. Ein Sequel ist bereits jetzt in der Planungsphase und auf nicht eben unclevere Weise dazu angetan, Craigs dräuende Abkehr von James Bond abzufedern. Regisseur und Autor Rian Johnson jedenfalls hat die Figur als Hommage an klassische Privatdetektive, wie man sie vor allem von Agatha Christie her kennt, angelegt und ihr in diesem Zuge sogleich einen wohlklingenden französischen Namen Marke Hercule Poirot verehrt. Tatsächlich weckt das Konzept des Films recht unumwundene Assoziationen an die Poirot-Adaptionen mit Peter Ustinov, in denen der Ermittler und Bonvivant sich stets mit einem (initiierenden) Mordfall und einer Schar von prominenter Besetzung interpretierter Verdächtiger vor schickem Ambiente konfrontiert sah, von denen alle als potenzielle/r TäterIn in Frage kamen. „Whodunit“ nannte und nennt man bekanntermaßen derlei kriminalistische Verwirrspiele, in denen das Publikum auf Gedeih und Verderb die deduktiven Fähigkeiten des ihn leitenden Rätselknackers und die durch dessen inneres Auge zu sehenden Rückblenden angewiesen ist.
Nachdem Rian Johnson das vorletzte „Star Wars“-Epos inszeniert hatte und mit Sicherheit unter denkbar höchstem Liefer- und Erwartungsdruck gestanden haben wird, dürfte er sich mit dem vergleichsweise intimen „Knives Out“ ein hübsches, kleines Geschenk in eigener Sache verehrt haben. Sein mit einem überaus namhaften Ensemble ausgepolstertes, leichtfüßiges Genrestück steckt voller kleiner Drehbuchfinten, humoristischer Tangentiale und verwehrt sich ganz (selbst-)bewusst der in den letzten Jahren und Jahrzehnten florierenden, düsteren Serienkillerepen, indem er auf einen verschmitzten Detektiv (dessen genialisches Emittlerhirn allerdings weitgehend Behauptung bleibt und sich künftig noch erweisen muss) und eine sympathische Heldin setzt, deren reziprok-reaktionsaffines Bälle-Zuspiel ganz nebenbei als Empfehlung für den kommenden Bond-Film „No Time To Die“ fungieren darf. Die übrigen Stars spielen ihre Parts mit Lust und Verve. Vor allem dem ja schon seit längerem reaktivierten Don Johnson gönnt man seinen zweiten Frühling. Ansonsten ist Thrombeys New-England-Villa der heimliche Star des Films: Das Gebäude mit all seinem kosmopolitischen, überschwänglichem Ausstattungsfirlefanz und eklektischen Interieurs nebst Geheimfenster und Innenbüro ist ein das Auge zuckerndes Meisterstück architektonischer Designkunst.

7/10

AIRHEADS

„Way to go, Pip!“

Airheads ~ USA 1994
Directed By: Michael Lehmann

Die drei Slacker Chazz (Brendan Fraser), Rex (Steve Buscemi) und Pip (Adam Sandler), die als Metalcombo „The Lone Rangers“ nicht nur musikalisch leicht aus der Zeit gefallen, sondern auch sonst nicht die allerhellsten Sterne am Firmament sind, träumen unbeirrt vom großen Durchbruch. Doch jeder Versuch, ihr Demo-Tape auf halbwegs konventionellem Wege an Plattenlabel oder Radiostationen heranzutragen, schlägt fehl. Als es dem Trio gelingt, sich den Weg in den Radiosender KPPX und in das Aufnahmestudio des beliebten Rock-DJs Ian The Shark (Joe Mantegna) vorzuarbeiten, macht dieser sich bloß über die Jungs lustig. Da die zufällig von den Dreien mitgeführten Wasserpistolen aussehen wie echte Uzis, wird aus der harmlosen Stippvisite schließlich eine Geiselnahme mit allem Drum und Dran. Während Ians Show für alle hörbar weiterläuft, werden die „Lone Rangers“ rasch zu Publikumshelden, deren wachsende Fangemeinde sich, ebenso wie ein beeindruckendes Polizeiaufgebot vor dem KPPX-Gebäude ansammelt…

Um die Mitte der Neunziger hatte man es als Metalhead nicht mehr allzu leicht. Das Musikgenre und die dazugehörige Subkultur waren in ihrer traditionellen Form spätetestens mit dem Aufkommen der Grunge-Welle der allermeisten subversiven Elemente enthoben und dem massenmedialen Spott ausgesetzt. Dafür hatten qua von langer Hand satirisch-komödiantische Artefakte gesorgt wie die beiden „Bill & Ted“-Abenteuer, das SNL-Derivat „Wayne’s World“ nebst Sequel oder Mike Judges zwei MTV-Cartoon-Idioten „Beavis & Butt-Head“ (die, damals noch fresh, auch in „Airheads“ ein Cameo bekleiden). Selbst in weniger tendenziösen Filmen wie Cameron Crowes Seattle-Liebeserklärung „Singles“ wurde Matt Dillon als semidebiler Rockmusiker Cliff gewissermaßen der offenen Verballhornung preisgegeben. Michael Lehmanns „Airheads“ markiert den vorläufigen Zenit dieser Entwicklung, indem er ein auserlesenes Trio unterschiedlich dämlicher Knilche kurzerhand zu liebenswerten (Anti-)Helden deklarierte und ihnen zumindest auf unterschwelliger Ebene ein wenig von ihrem wohlverdienten Respekt zurückverehrte. Der in Sachen alternative Jugendbewegungen bewanderte Scriptautor Rich Wilkes nahm nämlich weniger das (selbstverständlich) absolut harmlose Garagentriumvirat aufs Korn denn die dazugehörige Kommerzindustrie mit all ihren schmierigen, kapitalistischen Auswüchsen und dazu gleich noch das sie flankierende Rechtssystem. Dem Rockertrio werden anaöog dazu passgenau drei Antipoden gegenübergestellt: Der gierige Station Manager Milo Jackson (Michael McKean), der sich nicht für Musik oder Credibility, sondern bloß für Zuschauerquoten interessiert, der aalglatte Plattenboss Jimmie Wing (Judd Nelson) und schließlich der leicht psychotische, schießwütige SWAT-Commander Carl Maze (Marshall Bell). Diese wahren villains bekommen natürlich allesamt ihr Fett ab, während die Rangers, flugs zu Helden des Anti-Establishment avanciert, ihren finalen Aufzug als „Blues Brothers“-Reminiszenz vor Knastpublikum darbieten dürfen.
Als ausgesprochenes Relikt seiner Zeit zündet „Airheads“ gewiss nicht mehr auf ganzer Linie – viele der Gags wirken leicht bis mittelschwer dated, Brendan Fraser als Hauptdarsteller erweist sich als wenig aufregende Kompromisslösung, die der (ursprünglich geplante) John Cusack möglicherweise sehr viel bissiger hätte auswuchten können. Die zahlreichen Referenzen, Hommages und Cameos, die aus dem Film wie beiläufig ein kleines „Who’s Who“-Quiz  mit etlichen, mehr oder weniger losen Querverbindungen und Kreuzverweisen machen, beschädigt diese ohnehin recht vordergründige Makulatur aber kaum, ebenso wie die hübsche, kleine comic base: nicht nur dass Sandler (in einer prächtigen, kleinen Vorabstudie für seinen Rollentypus der nächsten Jahre) und der als etwas dümmlicher Polizist auftretende Chris Farley für den SNL-Senf zuständig sind, originiert hier zudem noch die lange, bis heute andauernde und immerhin zwölf Kollaborationen hervorrufende (Film-)Freundschaft zwischen dem Sandman und Steve Buscemi. Hinzu kommt ein stellenweise exquisiter Soundtrack.

7/10