COUP DE TORCHON

Zitat entfällt.

Coup De Torchon (Der Saustall) ~ F 1981
Directed By: Betrand Tavernier

Französisch-Westafrika, 1938: Lucien Cordier (Philippe Noiret) betätigt sich als Polizist im von 1280 Seelen bevölkerten Kleinststädtchen Bourkassa Ourbanqui. Sein gesamtes Leben hier gleicht einer Posse. Lucien hat bislang weder jemals jemanden verhaftet noch jemals seine Waffe abgefeuert. Sämtliche Weiße, auch seine Frau Huguette (Stéphane Audran), sehen auf ihn herab und machen sich über ihn lustig. So lang das Pernod-Glas gut gefüllt ist, stört ihn das bislang wenig, oder zumindest lässt er es sich nicht anmerken. Als sich Lucien eines Tages doch aufrafft, dem Präfekten Chavasson (Guy Marchand) sein Leid zu klagen, verspottet dieser ihn ebenfalls und rät ihm, dem Nächsten, der ihm dumm kommt, „in den Arsch zu treten“. Lucien fackelt nicht lang, erschießt zunächst kaltblütig die beiden lokalen Zuhälter Le Peron (Jean-Pierre Marielle) und Leonelli (Gérard Hernandez) und sorgt dafür, dass Chavasson der Hauptverdächtige für deren „Verschwinden“ ist. Später knöpft er sich den brutalen Marcaillou (Victor Garrivier), den prügelnden Ehemann seines Betthäschens Rose (Isabelle Huppert), vor und lässt den arroganten Geschäftsmann Vanderbrouck (Michel Beaune) in seine eigene Latrine fallen. Als krönenden Abschluss entledigt er sich mit Roses unbeabsichtigter Hilfe seiner Gattin und deren Liebhaber und angeblichen „Bruder“ Nono (Eddy Mitchell). Da hat sich jedoch längst ein akuter werdender Größenwahn Luciens bemächtigt…

Betrand Taverniers gewaltige Kolonialismusfarce basiert auf dem Roman „Pop. 1280“ des amerikanischen Romanciers Jim Thompson, der seinerseits als transzendentaler Western angelegt ist. Die Transponierung auf ein Kaff in Französisch-Westafrika am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, eine Periode, in der der gesamte Globus dabei ist, die Schwelle zum Wahnsinn zu übertreten, entpuppt sich in diesem Zusammenhang als genialischer Kniff. Die Figur Lucien Cordiers lässt sich dabei in vielerlei Weise interpretieren. Mir kommt er vor, wie der sich genügsame, knechten lassende und dabei doch längst zutief verletzte Narr einer hedonistischen Hofgemeinde, der, nachdem das Fass einmal übergelaufen ist, zu einer Art faschistischem Zerrbild wird; einem heimlichen Autokraten, der seinem Mikrokosmos die erlittene Schmach hochpotenziert zurückzahlt und darüber hinaus auch die eigene Bodenhaftung einbüßt.
Einzig die rassistisch drangsalierten Eingeborenen bringen mitleidiges Verständnis für Lucien auf, wie er zuvor dahinexistiert und in den Tag lebt, zumindest leiblich wohlgelitten, gut und umfangreich essend und trinkend, seinen längst tiefe Furchen treibenden Hass hinter einer Fassade des scheinbaren Gleichmuts verbergend.
Eine am Anfang des Films auftretende Sonnenfinsternis erscheint im Nachhinein als eine Art naturbedingtes, vielleicht gar sakrales Orakel für Lucien. Infolge geschickt eingeholter Absolution durch die weltlichen und geistlichen Autoritäten [sowohl der Polizeipräfekt als auch der örtliche Pastor (Jean Champion) lassen den geschickt agierenden Lucien unbewusst die „Genehmigungen“ für seine folgenden Gewaltakte aus sich herauskitzeln] wird aus dem trägen Dorfsheriff ein ebenso cleverer wie zynischer Vigilant in höchst eigener Sache, der seinem Sinneswandel eine umfassende Abrechnung folgen lässt, ein dem Originaltitel entsprechendes „Durchwischen“ oder „Großreinemachen“. Dass er dabei auch Grenzen überschreitet, die besser unüberschritten blieben, setzt ihn am Ende, nachdem man seiner Vergeltungsaktion mit einiger, boshafter Genugtuung gefolgt ist, jedoch endgültig ins moralische Unrecht. Ein einheimischer Zeuge (Samba Mané) seines Mordes an Marcaillou muss für seine naive Aufrichtigkeit mit dem Leben bezahlen. Vielleicht ist es dieser eine, in jedweder Hinsicht unberechtigte Gewaltakt, der Luciens Hybris am Ende die psychische Gesundheit kosten wird.
Tavernier legte mit „Coup De Torchon“ ein bitterböses Meisterstück vor, einen seiner schönste Filme und einer der definitivsten zum Thema Kolonialismus obendrein, ungeheuer reich an philosophischen Bonmots und Diskursen, seinen Weg so schräg wie geradlinig gehend.

9/10

MURDER MYSTERY

„You got to be the bad guy.“

Murder Mystery ~ USA 2019
Directed By: Kyle Newacheck

Weil er sich zum wiederholten Male als zu unfähig erweist, die Prüfung zum Police Detective zu meistern, schwindelt der New Yorker Cop Nick Spitz (Adam Sandler) seiner Gattin Audrey (Jennifer Aniston) kurzerhand vor, dass er sie längst bestanden habe. Zudem zwingt eine dumme Situation dazu, Audrey die seit Jahren versprochene Europareise zum jüngsten Hochzeitstag zu verehren. Aus der geplanten Bustour zu den großen südeuropäischen Schinkenräuchereien wird jedoch nichts, da Audrey im Flieger die Bekanntschaft des Milliardenerben Charles Cavendish (Luke Evans) macht. Dieser lädt die Spitzens – nicht ganz uneigennützig – zur Hochzeitsparty seines Onkels, des superreichen Malcolm Quice (Terence Stamp), auf dessen Luxusyacht ein. Nachdem dieser sämtlichen anwesenden Erbschleichern eröffnet, dass sie nichts von seinem Nachlass zu erwarten hätten, wird er umgehend ermordet. Der ebenso übereifrige wie inkompetente Polizist de la Croix (Dany Boon) hält trotz eindeutig fehlenden Motivs die Spitzens für die Täter, was diese in die Zwangslage setzt, ihre Unschuld zu beweisen.

Zumindest für des Sandmans Freunde durchaus liebenswert, wenngleich qualitativ eher in seinem mittleren Filmsektor schwimmend, entpuppte sich diese sechste und jüngste Netflix-Produktion als die bislang erfolgreichste Zusammenarbeit des Senders mit dem quirligen Adam. Angenehmerweise versucht „Murder Mystery“ erst gar nicht, sich zu etwas Besserem zu deklarieren als er es letzten Endes darstellt, sondern gibt sich mit seinem Status als gut gelaunte, in Teilen durchaus witzige Krimikomödie ohne besondere Ausreißer nach oben oder unten zufrieden. Für Sandler, der ausnahmsweise mal an der Riviera sein Unwesen treiben darf, ist das Ganze derweil eine sichtlich laxe Fingerübung, die ihn gut gelaunt und wie gehabt auch mal über die eigenen Gags lachen lässt. Garantiert überraschungsfrei, aber sympathisch wie immer. Das matte Fünkchen Reverenz an Agatha Christie und anverwandte Literatur bleibt schließlich bloße Behauptung.
Der kriminalistisch überbaute Hauptplot lässt sich, wie die Inszenierung in ihrer Gesamtheit, insofern völlig vernachlässigen; ganz ähnlich wie seinerzeit Woody Allen in seinem nicht nur titulär verwandten „Manhatten Murder Mystery“, geht es vielmehr darum, die eingeschlafene Liebe eines nurmehr gewohnheitsmäßig verheirateten Paares durch die Involvierung in einen – bzw. mehrere – Mordfall/-fälle sich neu entflammen zu lassen und alten Beziehungsballast somit beiseite zu schieben, im vorliegenden Stück natürlich betont unsophisticated. Dennoch und überhaupt sollte man die mir zunehmend offenkundigen Parallelen zwischen den Gesamtwerken von Allen und Sandler einmal näher untersuchen.

6/10

KIND HEARTS AND CORONETS

„After using the silken rope… never again be content with hemp.“

Kind Hearts And Coronets (Adel verpflichtet) ~ UK 1949
Directed By: Robert Hamer

Weil seine Mutter (Audrey Fildes) einst einen nicht standesgemäßen, italienischen Tenor (Dennis Price) geheiratet hatte, muss Louis Mazzini (Dennis Price), Spross der adligen D’Ascoyne-Sippe, erleben, dass sie, ebenso wie er selbst, von dem Rest der Familie, allen voran von dem altehrwürdigen Duke (Alec Guinness), verstoßen wurde. Nicht mal eine Grabstätte in der Familiengruft billigt man Louis‘ Mutter zu, obschon dies ihrem letzten Wunsch entsprochen hätte. Dass dem als kleinen Miederwarenverkäufer arbeitenden Louis zudem auch seine Jugendliebe Sibella (Joan Greenwood) entsagt, bringt den jungen Mann noch mehr in distinguierte Rage. Er beschließt, sich für die erlittene Schmach an sämtlichen noch lebenden Mitgliedern der D’Ascoynes zu rächen, indem er sie einen nach dem anderen ermordet…

Robert Hamers schwarze Komödie gilt als einer der besten und schönsten britischen Filme überhaupt und verzeichnet eine entsprechend große Zahl an Liebhabern – berechtigterweise, denn „Kind Hearts And Coronets“ kommt dem, was man als „perfekten Film“ zu bezeichnen geneigt ist, beträchtlich nahe. Bewundernswert elegant, konzentriert und voll von geistreichen AperçusParvenu berichtet Hamer Biographie und Werdegang des bereits zu Beginn der Geschichte in der Todeszelle sitzenden Louis Mazzini, gewandet in ein geschliffenes Memoiren-Voice-Over. Daran, dass Mazzini, der als Serienmörder eine stattliche Anzahl an Familienmitgliedern und Unbeteiligten mittels inszenierten Unfällen, Vergiftungen, Bombenattentaten und Erschießungen (zweimal kommt ihm der Zufall zur Hilfe) zu verzeichnen hat, in Kürze gerechtermaßen dem Scharfrichter (Miles Malleson) vorgeführt werden wird, hat der Zuschauer bereits nach dem ersten Akt keinen Zweifel mehr; dass er just für einen Tod, an dem er keine Schuld trägt und für den er lediglich infolge eifersüchtiger Intriganz verurteilt wurde, zieht einen aber dennoch auf seine Seite. Eine weitere brillante Geschicklichkeit: Price spielt Mazzini nämlich als einen überaus sympathischen, formvollendeten Gentleman voller noblesse oblige, dessen sich sukzessive steigernde Gier als Emporkömmling ein Widerhall des ihn seit Anbeginn seiner Geburt heimsuchenden Standesdünkels ist und somit zumindest in Ansätzen eine Art sozial gerechtfertigter Zorn. So sind die von ihm beseitigten, durch die Bank von Alec Guinness gespielten D’Ascoynes auf die eine oder andere Weise allesamt mehr oder weniger große Nervensägen und gewissermaßen von humanistischer Redundanz; eingebildete Filous, trinkende Pantoffelhelden, halbidiotische Geistliche, verkrachte Bonzen, radikale Suffragetten, eiserne Kommissköpfe oder schlicht arrogante Aristokraten finden sich darunter und der Tod jedes Einzelnen von ihnen markiert ein höchst vergnüglich inszeniertes Kabinnettstückchen. Wie bereits angedeutet, geht Hamer keineswegs so verlockend oberflächlich zu Werke, nicht auch seinem Protagonisten einen bitteren Spiegel vorzuhalten. Im Laufe seiner kriminellen Karriere entwickelt sich Mazzini selbst zu dem, was er zuvor so sehr verachtete – einem zynischen Snob und Parvenu, dem Geld und Stellung bald zumindest mit seiner vormaligen privaten Agenda gleichauf sind.
Ob er am Ende Engelchen oder Teufelchen wählt, die beide in einem Einspänner auf ihn warten, oder seine verschriftlichten Memoiren ihm doch noch den Strick drehen, überlässt „Kind Hearts And Coronets“ schließlich, ganz seiner übrigen Hellsichtigkeit entsprechend, der moralischen Sensitivität seines Publikums.

10/10

SHAZAM!

„Hey, what’s up? I’m a superhero.“

Shazam! ~ USA 2019
Directed By: David F. Sandberg

Billy Batson (Asher Angel) ist ein in Philadelphia lebender Teenager, ohne Eltern in diversen Pflegefamilien aufwachsend stets auf der Suche nach seiner Mutter (Caroline Palmer), die er im Alter von drei Jahren auf einem Rummelplatz verloren hat. Infolge seines renitenten, bisweilen grenzkriminellen Verhaltens landet Billy schließlich bei dem Ehepaar Vasquez (Marta Milans, Cooper Andrews), das sich aufopferungsvoll um eine kleine Gruppe im Stich gelassender Kinder kümmert, darunter auch um Freddy Freeman (Jack Dylan Grazer), mit dem sich Billy zaghaft anfreundet.
Auf der Flucht vor ein paar Schulbullys landet Billy eines Tages in der U-Bahn und von dort aus in der magischen Höhle des altehrwürdigen Zauberers Shazam (Djimon Hounsou), der die inkarnierten Sieben Todsünden bewacht und Billy als jüngsten, würdigen Adepten für die Gestalt eines Helden (Zachary Levi) mit gottgleichen Kräften ausersehen hat. Von nun an muss Billy nur das Wort „Shazam!“ aussprechen und verwandelt sich in einen muskelbepackten, erwachsenen Superhelden in roter Gewandung, dessen Fähigkeiten denen von Superman kaum nachstehen. Natürlich hat allerdings auch dieser Held seine Nemesis in der Person des wahnsinnigen Dr. Thaddeus Sivana (Mark Strong), der einst beinahe selbst Billys Rolle eingenommen hätte und sich aus Rachsucht für seine damalige Verschmähung mit den Sieben Todsünden einlässt. Billy muss bald feststellen, dass er soviel geballter Bösartigkeit alleine nicht gewachsen ist…

Der jüngste Leinwandeintrag in das Extended Universe des Comicriesen DC befasst sich mit einer weiteren ikonischen Figut des Verlags, der in seinem Film allerdings noch keinen wirklichen Namen erhält. Eingeweihte wissen natürlich, warum: Der bereits achtzig Jahre alte Superheld heißt nämlich eigentlich „Captain Marvel“, was bereits in der Printwelt für diverse Kollisionen mit DCs Konkurrent Marvel sorgte, der seit den sechziger Jahren selbst mehrere Figuren mit ebendieser Bezeichnung vorstellte und sich das Namensrecht stets vorbehielt, was im Medium Comic dann immer doch irgendwie gelöst werden könnte, den gemeinen Kinogänger, zumal nach Marvels erst letzthin lancierten Film dieses Titels, in allzu verständliche Verwirrung gestoßen hätte. Ursprünglich für den Verlag Fawcett Comics ersonnen und in den USA von gewaltiger Popularität, verschwand Captain Marvel zusammen mit seinem Herausgeber zwischen 1953 und 1972 komplett von der Bildfläche, bis sich DC die Rechte an der Figur sicherte und sie in ihren Geschichtenkosmos integrierte, wo sie fortan zunächst ein eher stiefmütterliches Dasein fristete. Später wurde Captain Marvel, dessen Genese und damit verbundene, identitäre Besonderheit, nämlich die, eigentlich ein kleiner Junge zu sein, der bei Bedarf im Körper eines Superhelden agiert, dann ein zunehmend ironisierter Charakter, der immer mal wieder einzelne Höhepunkte spendiert bekam, den Status der „Big Three“ (also Superman, Batman und Wonder Woman) jedoch nie ankratzte.
Seine jüngste, von Allrounder Geoff Johns geschriebene Inkarnation nahm schließlich Abstand von den früheren Storys, in denen Billy Batson als tugendhafter, braver Teenager und Nachwuchsreporter auftrat, der wegen seines kindlichen Gemüts selbst in seiner Gestalt als Captain Marvel von dem einen oder anderen Superkollegen  betechtigterweise belächelt wurde. Nunmehr ist er ein waschechter, pubertierender Teenager ohne Eltern und mit entsprechenden Sorgen und Nöten. Diese Version liegt auch Sandbergs Film zugrunde, der sich halbwegs kongenial an Johns‘ Vorlage hält, wenngleich mit Marvels Erzfeind Black Adam ein wichtiger Charakter außen vor bleiben musste. Stattdessen muss sich Billy mit einem durch die Allianz mit den Sieben Todsünden deutlich mächtiger gewordenen Thaddeus Sivana herumplagen, der im Film gewissermaßen und wohl aus Gründen der üblichen  Komplexitätsreduktion kurzerhand mit Black Adam fusioniert wurde.
„Shazam!“ macht sich die neue Erfolgsformel des DCEU zur Regel, derzufolge Humor sich besser verkauft als die existenzialistische Düsternis der Snyder-Werke und geht diesbezüglich sogleich in die Vollen: Daraus, dass der Film auch und insbesondere eine Art verklausuliertes Remake von Penny Marshalls „Big“ im Superheldengewand ist, macht er erst gar keinen Hehl, sondern verdeutlicht dies durch eine offensichtliche Reminiszenz. Überhaupt strotzt „Shazam!“ vor Referenzen und Seitenhieben nicht nur bezüglich der langen Historie der Vorlage, die für deren Kenner und Popkulturdetektive ganz allgemein in ein halbwegs vergnügliches Suchspiel münden. Die allermeisten situativen Gags indes dürften unzweideutig für eine Zielgruppe im Alter des Protagonisten sein, der recht infantil gehaltene sense of wonder des Ganzen schützt dann gemeinhin doch eher die Typologie eines modischen Fantasy-Trash-Märchens vor. Leider hat es nicht mehr für einen Gastauftritt von Henry Cavill gelangt.

7/10

GREEN BOOK

„You only win when you maintain your dignity.“

Green Book ~ USA 2018
Directed By: Peter Farrelly

New York, 1962. Der ebenso herzliche wie kernige Italoamerikaner Tony „Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen) nimmt einen Auftrag als Chauffeur und Mädchen für alles an, der ihn in Begleitung des promovierten Jazzpianisten Don Shirley (Mahershala Ali) für zwei Monate in den amerikanischen Süden führen wird. Zunächst widerwillig geht der eher bildungsferne Alltagsrassist Tony auf das Angebot ein, da er ahnt, dass auf Shirley als Afroamerikaner diverse Unwägbarkeiten warten werden. Tatsächlich kommt es zu immer prekäreren Situationen, je weiter nach Süden das Duo und Shirleys zwei Mitmusiker (Dimiter D. Marinov, Mike Hatton) vordringen, teils der erzrassistischen „Kultur“ der Region geschuldet, teils durch Shirleys renitentes Verhalten selbst herbeigeführt. Dennoch lernen die beiden Männer sich im Zuge ihrer Reise immer besser kennen und schätzen und werden schließlich gute Freunde.

Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“. Dass der auf tatsächlichen Begebenheiten basierende „Green Book“, im Herzen eine völlig mediokre Tragikomödie, den Oscar für den Besten Film einheimsen konnte, sagt mehr über unsere Zeit aus den über die eigentlichen Qualitäten von Farrellys Arbeit. „Green Book“ setzt sich breitärschig auf einen bereitgestellten Stuhl inmitten von mentalitätsverwandten Diversity-Neophyten wie „BlacKkKlansman“ oder „The Hate U Give“, grundsätzlich gewiss wohlmeinenden Werken, die jedoch in ihrem vornehmlich braven bis naiv vorgetragenen Ansinnen im Amerika der Ära Trump vielleicht noch Nerven treffen mögen, einer aufgeklärten Gesellschaft, wie wir Mitteleuropäer sie (teilweise! noch!) genießen dürfen, allerdings zumindest im Hinblick auf ihren Zeigefigergestus hoffnungslos obsolet vorkommen sollten.
Der Film rekurriert dabei im Wesentlichen auf zwei eindeutige, jeweils rund dreißig Jahre alte Vorbilder, deren Atmosphäre und Szenen er teilweise detailgetreu rekapituliert und nachahmt, nämlich John Hughes‘ „Planes, Trains & Automobiles“ und Bruce Beresfords „Driving Miss Daisy“ (auf Letzteren bezogen vor allem dessen zweite Hälfte). „Green Book“ atmet gewissermaßen den konglomerierten Geist beider Klassiker, der sich bereits grundsätzlich durch die gemeinschaftliche Ausgangsbasis des road trip zweier höchst ungleicher, zu Freunden werdender Streithähne parallelisiert findet. Farrelly kann also bereits bestens aufgelockerten Boden beackern und hat es demzufolge leicht, sein immerhin nicht unsympathisches Road Movie über die Runden zu bringen. Dass „Green Book“ von der ersten bis zur letzten Minute so vorherseh- und durchschaubar ist wie ein Kindergeburtstag auf der Kegelbahn, kann man in Anbetracht des zugrunde liegenden Topos verschmerzen, muss man aber nicht. Zweierlei lebensnotwendige Ingredienzien lässt der Film analog dazu nämlich gänzlich vermissen: Innovation und Schärfe. Wo ein wütendes Anti-Establishment-Stück wie Kathryn Bigelows „Detroit“ Zähne ohne Betäubung zieht, streichelt Farrelly den kariösen Rassismusbeißer mit weicher Bürste. Das mag die eine oder andere evangelikanische Vorstadt-Hausfrau in Neuengland zum Nachdenken anregen, mehr allerdings wird kaum dabei herausspringen.
Kann man den politischen Aspekt ein wenig beiseite schieben, bleibt ein hoffnungslos hausbackenes Stück Unterhaltungskino, das langfristig zu wenig mehr denn zu einer – filmhistorisch betrachtet – reinen Fußnote taugen wird.

6/10

VICE

„It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

Vice ~ USA 2018
Directed By: Adam McKay

Nicht zuletzt durch die sukzessive Ausweitung der staatlichen Exekutivgewalt auf einen nahezu unbegrenzten Machtradius schafft es der beim gemeinen Volk eher unbeliebte republikanische Emporkömmling Dick Cheney (Christian Bale), als Vize-Präsident von George W. Bush (Sam Rockwell) die staatlichen Geschicke aus dem Hintergrund nachhaltiger zu lenken als der Präsident selbst. Für Cheney als CEO des Halliburton-Konzerns ist der Irak ein Dorn im Auge, also nutzt er die Terroranschläge vom 11. September medienwirksam gezielt, um Stimmung gegen Saddam Hussein zu machen und den folgenden Einmarsch der US-Truppen am Golf zu rechtfertigen. Auf lange Sicht popularisiert Cheney mit dieser Aktion den Terroristen Abu al-Zarqawi und verantwortet in diesem Zusammenhang unter anderem das Erstarken des IS im Nahen Osten sowie später Guantanamo und die Plame-Affäre mit, sorgt für Steuerleichterungen bei den Multis und Superreichen, schasst seinen ehemaligen Mentor Donald Rumsfeld (Steve Carrell) und setzt Außenminister Colin Powell (Tyler Perry) unter Druck. Dem Tod springt der herzkranke Cheney selbst diverse Male von der Schippe, unter anderem durch die Implantierung eines Spenderherzens.

„The Big Short“ markierte bereits einen markanten Richtungswechsel im Œuvre Adam McKays, der sich damit inszenatorisch von den bereits als „klassisch“ zu bezeichnenden Spaßkomödien mit Will Ferrell divergierte und seither stattdessen als Chronist der vielen fauelen Eier, die die Globalmacht USA seit der Jahrtausendwende gelegt hat, zu etablieren scheint. Auch in Anbetracht von „Vice“ ist zu hoffen, dass McKay diesen Weg ebenso leidenschaftlich weiterverfolgt, wie er ihn bislang so vielversprechend eingeschlagen hat. Durch die nicht selten an die Montage in Scorseses „Goodfellas“ oder „Casino“ erinnernde, geschickte Spielfilmdramaturgie, die dem Rezipienten mit der Rasanz und Kinetik eines Actionfilms teils unerhörte Fakten in Stakkato um Augen und Ohren knallt, arbeiten McKays jüngere Filme oberflächlich dröges Finanzwelt- und Politikgeplänkel für jedermann gut les- und nachvollziehbar auf und machen sich so zu historisch vortrefflich eingebundenen und zugleich höchst spannenden Zeit- und Gesellschaftsportraits, deren aggressiver Gestus mit dem eines Michael Moore zu vergleichen ist, nur eben ohne dessen direkten dokumentarischen Anspruch.
Dabei ist sich der in Sachen Humor natürlich immens beflissene McKay stets darüber im Klaren, dass vom auteur hinzugesetzte Ironie und Sarkasmus, und mögen sie noch so bitter sein, jedwede harte Faktenlage sanft abzuschwächen angetan ist und ihr zugleich ein klares Meinungsbild verabreicht. McKays Dick Cheney behält man nach dem Filmgenuss als liebenden Familienvater in Erinnerung, aber auch als diabolischen Machtmenschen und Manipulator, der mit das Schlimmste personifiziert, für das die USA im globalen Gefüge stehen. Christian Bale und der übrige Tross stehen unter feister Maskerade in der Tradition der vielen großen Schauspieler, die irgendwann einmal US-Politiker zu spielen hatten und führt diesen genealogischen Strang sogar auf ein noch höheres Niveau als gewohnt. Als Cheney unterschiedlicher Gewichts- und Altersstufen mit perfektionistisch adaptierter Physiognomie und entsprechendem Gestus ist er dem Original teilweise zum Verwechseln ähnlich und präsentiert eine neue Stufe darstellerischer Mimikry. Sagenhaft.
„Vice“ ist somit jedem nahezulegen, der kritisches US-Politkino und filmische Konterfeis der diversen Oval-Office-Insassen und ihrer Trösse zu schätzen weiß.

8/10

YOURS, MINE AND OURS

„It’s giving life that counts.“

Yours, Mine And Ours (Deine, meine, unsere) ~ USA 1968
Directed By: Melville Shavelson

Sowohl der Navy-Offizier Frank Beardsley (Henry Fonda) als auch die Militär-Krankenschwester Helen North (Lucille Ball) sind verwitwet und stehen jeweils mit ganzen zehn bzw. acht Kindern unterschiedlicher Altersklassen da. Als sie sich eines Tages per Zufall kennenlernen und zu einem ersten Date verabreden, ist rasch wahre Liebe im Spiel, die Vernunft angesichts der jeweiligen Beichte ihrer monströsen Anhänge obsiegt jedoch und man trennt sich gütlich. Franks Freund Darrel (Van Johnson) hat jedoch längst registriert, dass die beiden (nebst ihren Familien) füreinander bestimmt sind und verkuppelt sie dann doch erfolgreich mit anschließender Heirat. Jetzt heißt es, die Riesenbagage erfolgreich unter einen Hut zu bringen. Als sich schließlich ein erstes gemeinsames Baby ankündigt, wird das vorprogrammierte Chaos nicht kleiner…

Melville Shavelson schrieb und inszenierte gern und zuverlässig familientaugliches Studiokino auf der sicheren, oder, bös formuliert, biederen Seite. „Yours, Mine And Ours“ ist ür Shavelsons Arbeitsweise ein Vorzeigeexempel; eine liebenswerte, mit drei sympathischen Stars besetzte Komödie mit ein paar gelungeneren und ein paar ziemlich farblosen Situationsgags sowie wenigen dramatischen Kerben, die, dessen ist man sich sehr bald gewiss, jedoch nie das frohe Gesamtbild ins Taumeln bringen. An „Yours, Mine And Ours“ ist alles hübsche Routine. Er zeigt sich beeinflusst von den damals noch recht frischen TV-Sitcom-Formaten rund um herzliche, bourgeoise Familien und deren unaufgeregt gewöhnliche Alltagsexistenzen, wobei selbst die Regie höchstens einmal stellenweise und dann unwesentlich bis kaum spürbar von jenen bombensicheren Gewöhnlichkeitspfaden abweicht. Ähnlich wie James Stewart (der ohne Schwierigkeiten auch Fondas Rolle hätte spielen können) in seinen drei ebenfalls um diese Zeit entstandenen Koster-Filmen bildet auch „Yours, Mine And Ours“ einen jener spießig kolorierten, dabei völlig hilflosen Altstar-Versuche, gegen die immer stärker grollenden New-Hollywood-Umtriebe Front zu machen. Während in Südostasien der mit Napalm bombardierte Dschungel lichterloh brannte, mühte man sich unter anderem auch in massenkompatiblen Filmen wie diesen verzweifelt, das US-Militär in gerade Lichtverhältnisse zurückzurücken und ihren Entscheidungsträgern aufrichtige humane Grundgesinnungen angedeihen zu lassen: Ein sympathischer Offizier wie Frank Beardsley, der für ganze 19 Kinder verantwortlich ist und dessen Ältester (Tim Matheson) am Ende stolz erhobenen Hauptes zu den Marines geht kann ja faktisch nur ein erklärter Philanthrop sein. Dass die Chancen indes gut standen, dass die Beardsleys schon bald um einen Sprössling erleichtert werden würden, behielten Shavelson und sein Film derweil lieber für sich.

6/10