JOHNNY GOT HIS GUN

„What is democracy?“ – „Well it’s never bright clear on myself. Like any other kind government it’s got something to do with young men killing each other I believe.“

Johnny Got His Gun (Johnny zieht in den Krieg) ~ USA 1971
Directed By: Dalton Trumbo

Der junge Amerikaner Joe Bonham (Timothy Bottoms) wird auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs von einer Granate getroffen. Als er im Krankenhaus erwacht, dämmert ihm erst nach und nach, was mit ihm passiert ist. Joe hat alle vier Gliedmaßen und sein Gesicht verloren, ist also faktisch sämtlicher Sinne und Kommunikationsmittel beraubt. Die behandelnden Ärzte glauben, dass er auch komatös sei, kein Bewusstsein mehr besäße und halten ihn als medizinisches Kuriosum am Leben. Immer wieder lässt Joe in einem undefinierbaren Zustand aus klaren Momenten und drogeninduzierten Traumzuständen Augenblicke seines Lebens und seiner Phantasie an sich vorüberziehen. Irgendwann erinnert er sich an das Morsealphabet und beginnt, die Außenwelt auf sich aufmerksam zu machen.

Nachdem der wegen der HUAC-Affäre lange Jahre unter Pseudonymen arbeitende Autor Dalton Trumbo wieder rehabilitiert war, entschloss er sich, seinen eigenen, 1939 überaus erfolgreich erstveröffentlichten Kriegsroman selbst für die Leinwand zu adaptieten und zu inszenieren. Das zunächst als Produktionsfirma involvierte Studio Warner Bros. schasste das Projekt bald, so dass es fünf Jahre bis zur Fertigstellung dauerte, die Trumbo dann weitgehend unabhängig durchboxte. Bis 1988 blieb der Film praktisch eine kaum gezeigte Rarität, was sich durch das berühmte Metallica-Video zu ihrem Song „One“, in dem Ausschnitte und Dialoge des Werks prominent gefeaturet werden, änderte.
Wie alle wichtigen, um diese Zeit entstandenen (New Hollywood-)Filme mit Kriegsbezug ist auch „Johnny Got His Gun“ trotz seiner ursprünglichen literarischen Provenienz vor allem eine leidenschaftliche Anklage an den damals lähmend exerierten, ungbremst andauernden US-Einsatz in Vietnam, allerdings gestaltet er sich auch sehr viel sperriger und zugleich verdichteter als mitunter boshaft-komisch konnotierte, sehr viel kanonisiertere Klassiker wie Altmans „MASH“ oder Nichols‘ „Catch-22“, die den satirischen Ansatz präferierten, das Wesen des Krieges als gewaltige Narretei zur Selbstdezimierung des Menschengeschlechts zu denunzieren. „Johnny Got His Gun“ wählt den umgekehrten Weg – er bricht den Krieg auf ein solitäres Individuum herunter, ein ultimatives Opfer, ein lebendes Gespenst. Mit dem Granateneinschlag fährt Joe Bonham gewissermaßen zur Hölle ohne dabei sterben zu dürfen – die albtraumhafte Vorstellung, nurmehr als obszöner Torso mit von außen gesteuerten Vitalfunktionen vor sich hin vegetieren zu können, inklusive. Außer in Bezug auf das via Off-Ansprachen und Mentalreisen adressierte Publikum gibt es zunächst keinerlei Mitteilungsmöglichkeit, bis schließlich nach einer weder für Joe noch uns messbaren Zeitspanne eine ihm zugetane Krankenschwester (Diane Varsi) registriert, dass Joe sich Morsezeichen bedient, indem er den Kopf bewegt. Doch selbst seine auf diesem Weg formulierten, letzten Wünsche werden ihm – aus strikt ethischen Gründen versteht sich – nicht erfüllt werden. Weder darf er als Freak und lebendes Mahnmal an die Öffentlichkeit gelangen, noch wird seinem alternativen Todeswunsch stattgegeben. Das einzige, was Joe bleibt als finaler, grotesker Trostspender sind seine inneren, gedanklichen Reisen in seine Vergangenheit und an die Schwelle des Jenseits, wo er seinem Vater (Jason Robards) und manchmal seiner ersten und einzigen Jugendliebe (Kathy Fields) begegnet. Gelegentlich versucht auch Jesus (Donald Sutherland, in von Luis Buñuel verfassten Szenen, ihn zu beschwichtigen. Doch selbst der Heiland hat irgendwann auf Joes Fragen nach Sinn und Zweck seines Schicksals keine Antworten mehr parat.
Dass Trumbo eigentlich kein Regisseur war, sondern ein Mann des geschriebenen Wortes, kann der Film nicht wirklich verhehlen und will dies wahrscheinlich auch gar nicht. Trumbos Inszenierungsstil bleibt schmucklos, drög und fahl; die Wechsel zwischen gegenwärtiger Realität und Gedankenwelt markiert er durch die Ablösung von schwarzweiß zu blasser Farbe. „Johnny Got His Gun“ positioniert sich somit denkbar weit von dem entfernt, was man als „konsumierbar“ bezeichnen würde, vielmehr gerät er auch zu einer Prüfung für sein Publikum, das die bittere Hoffnungslosigkeit dieses von stiller Anklage erfüllten Passionswegs sprachlos erdulden muss. Insofern einer der wenigen wirklich dieses Prädikat verdienenden Anti-Kriegsfilme, ein einzig durch seine schiere, grausame Ausweglosigkeit hartes, transgressives, nur sehr schwer erträgliches Pamphlet und dadurch zugleich so unendlich wertvoll.

10/10

THE KILLING OF A SACRED DEER

„I don’t know if what is happening is fair, but it’s the only thing I can think of that’s close to justice.“

The Killing Of A Sacred Deer ~ IE/UK/USA 2017
Directed By: Yorgos Lanthimos

Der renommierte Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) erfreut sich einer materiell erfüllten Existenz an der Seite von Gattin Anna (Nicole Kidman) und zwei wohlgeratenen Kindern, Kim (Raffey Cassidy) und Bob (Sunny Suljic). Doch er trägt auch ein dunkles Geheimnis mit sich herum. Vor einiger Zeit hat er infolge unkontollierten Alkoholgenusses den Tod eines Patienten auf dem OP-Tisch verschuldet. Um sich ein reines Gewissen zu erkaufen, verbringt er nun regelmäßig Zeit mit Martin (Barry Keoghan), dem sechzehnjährigen Sohn des Toten, und lässt ihm teure Geschenke zukommen. Doch dies gleicht den Verlust des Jungen nicht aus. Nachdem Steven gewissermaßen das „Angebot“ ausschlägt, auf familiärer Ebene zum „regulären“ Ersatzvater Martins zu avancieren, wendet sich das Schicksal – offenbar auf rätselhafte Weise von Martin beeinflusst – gegen ihn und seine Familie. Nacheinander erkranken beide seiner Kinder an Lähmungserscheinungen, verweigern die Nahrungsaufnahme und erwarten, so kündigt Martin es an, einen baldigen Tod. Auch auf Anna steht jenes Los bevor. Sämtliche Versuche Stevens, diese Wendung der Ereignisse auf jede nur denkbare Weise abzuwenden, scheitern. Es gibt nur einen Ausweg – er muss höchstpersönlich eine/n seiner Liebe/n töten, um die anderen beiden zu retten.

Yorgos Lanthimos‘ zweiter Film in englischer Sprache und mit internationaler Besetzung gleicht sich nahtlos der bis dato kultivierten, besonderen, etwas verschroben wirkenden Agenda des Regisseurs an. Die inhaltliche Urheberschaft schreibt sich abermals ihm selbst und seinem ihm seit „Kynodontas“ kongenial zur Seite stehenden Coautoren Efthymis Filippou zu. Gemeinsam ersann das Duo diesmal eine wiederum bitterbös-komische Horrorparabel um Schuld, Sühne und die Schaffung naturgesetzmäßigen Ausgleichs. Die eine, schuldhaft herbeigeführte Lücke im irdisch-humanen Gefüge, so die unbarmherzig ausgespielte Weise von „The Killing Of A Sacred Deer“, könne nur durch die Schaffung einer ebenso schmerzhaften Lücke ausgeglichen werden. Dies sollte eher metaphorisch oder philosophisch denn politisch verstanden werden. Die Art von „Gerechtigkeit“, die Steven Murphy selbst herbeiführen muss, gründet denn auch nicht auf einer ordinären, weltlichen Vergeltungsmaßnahme, sondern auf metaphysischer Determination. Mit der Eröffnung Martins, dass Stevens Familie nach und nach ohne jedwede Interventionsoptionen dahinsiechen wird, verlässt Lanthimos‘ Film endgültig den bereits zubor beträchtlich wackelnden Boden der Rationalität und avanciert zu einem phantastischen Mysterienspiel, das ausschließlich durch seinen vorausgeplanten Ausgang enden kann, darf und wird. Wer ein wenig mit Lanthimos‘ bisherigem Werk vertraut ist, ahnt zudem recht bald, dass er weder dem Bangen seines Protagonisten noch dem des Publikums Gnade walten lassen wird. Parallel zu Steven Murphys von verzweifeltem Strampeln wider das Schicksal eskortierten Konfrontation mit seiner unabwendbaren Schuld lässt „The Killing Of a Sacred Deer“ (dessen Titel ist der bisher sonderbarste und chiffrierteste eines Lanthimos-Films ist) dem Rezipienten Zeit, sich über die ethische Rechtmäßigkeit des sich vor ihm Entrollenden den Kopf zu zerbrechen – eine diesbezüglich eindeutige Entscheidung versagt sich unter Umständen. Dass Lanthimos und Filippou bei aller herzzereißenden Düsternis nie ihrem galligem Humor entsagen und immer wieder groteske Schmunzler und sogar hysterische Lacher in ihre – natürlich – formvollendet inszenierte Geschichte hineinballern wie mit einer weit streuenden Schrotflinte gehört zum guten Ton ihrer Arbeit.

8/10

EXQUISITE TENDERNESS

„I think you’re nuts.“

Exquisite Tenderness ~ USA/UK/D 1995
Directed By: Carl Schenkel

Bevor die eifrige Chirurgin Theresa McCann (Isabel Glasser) ihrem mit unlauteren Heilmethoden experimentierendem Kollegen Dr. Stein (Malcom McDowell) ans Bein pinkeln kann, wird dieser auch schon brutal ermordet. Und es bleibt nicht bei diesem einen Opfer – der einst von McCann und Stein geschasste Dr. Julian Matar (Sean Haberle) dämmert mitnichten, wie allgemein vermutet, querschnittsgelähmt in einem Sanatorium in Colorado vor sich hin, sondern ist, mittlerweile körperlich wieder quietschfidel, aber geistig sogar noch zerrütteter als zuvor, an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt, um nicht nur blutige Rache zu üben, sondern zudem seine Zellerneuerungsversuche zu perfektionieren. Er benötigt zudem permanent ein frisch entnommenes Sekret aus der menschlichen Hypophyse, um fit bleiben zu können…

Was sich mit dem drei Jahre zuvor entstandenen „Knight Moves“ bereits andeutete, fand mit dem auch als „The Surgeon“ bekannten „Exquisite Tenderness“ (jener Begriff steht, wie uns der Film erläutert, im Ärztesprech für einen Zustand ganz besonders extremer Schmerzen beim Patienten) Carl Schenkels endgültige Hinwendung zu dem statt, was man landläufig als Kino der Kategorie B bezeichnen könnte. Vollzog der Plot des bereits stets eng an der Phantastik befindlichen und spätestens im Finale mit dem Horrorgenre liebäugelnden Vorgängers bereits einige höchst unglaubwürdige Volten, so wurde „Exquisite Tenderness“ schließlich ein lupenreiner Gattungsvertreter der zuletzt in den Achtzigern wohlfeil bedienten Subkategorie „Krankenhaus-Slasher“. Als mit einem völlig verrückten Weißkittel auf Metzeltour befindlichen Superbösewicht arbeitendes Werk erinnerte mich Schenkels ruppiger Film sogar ein wenig an Manny Cotos hübsch durchgemangelten „Dr. Giggles“, zu dem er wiederum einige mentale Parallelen aufweist. Interessanterweise strukturiert und komponiert Schenkel diese Arbeit ganz ähnlich wie seine letzte; es gibt zu Beginn beider Filme eine schwarzweiß bebilderte Rückblickssequenz, die jeweils die psychologische Disposition bzw. die Motivation des hier und dort aktiven Serienkillers erläutert, später wird aus der Identität des Mörders zunächst ein Geheimnis gemacht, derweil der Held bzw. die Heldin in Misskredit geraten. In beiden Filmen verbindet Killer und HeldIn eine gemeinsame Vergangenheit, in beiden Filmen ist Rache ein wesentlicher Antriebsfaktor für den Übeltäter. In beiden Filmen bildet sich ein Pärchen nach visuell anregend gestaltetem, koitalem Zwischenspiel und steht gemeinsam gegen den Bösewicht und beide Finalsequenzen kommen nicht ohne ein abermaliges, spektakuläres Wiederaufbäumen des Verbrechers aus, bevor dieser dann nochmal doppelt so blutig das Zeitliche zu segnen hat. Kurzum: „Exquisite Tenderness“ bildet gewissermaßen eine bucklige Alternativversion zu „Knight Moves“, mit Medizinern anstelle von Schachspielern, ohne die schöne Kameraarbeit eines Dietrich Lohmann, dafür deutlich deftiger, räudiger, zerlumpter und eigentlich auch ehrlicher zu allen Beteiligten als der Vorläufer. Der Spaßfaktor allerdings, der bleibt gleich hoch.

5/10

RIGET

Zitat entfällt.

Riget (Kingdom – Hospital der Geister) ~ DK/SW/NW/NL/D/F/I 1994/97
Directed By: Lars von Trier/Morten Arnfred

Kopenhagens größtes Hospital, das Reichskrankenhaus, hat eine lange Geschichte. Einst erbaut auf Moorland, das im Mittelalter Bleichern und Färbern als Arbeitsstätte diente, ist der altehrwürdige Gebäudekomplex vor allem ein Symbol des wissenschaftlichen Fortschritts, für den Übergang zur Neuzeit im Zeichen der Aufklärung.
In der neurochirurgischen Abteilung der Klinik geht es heuer drunter und drüber. Die alte Dauerpatientin Sigrid Drusse (Kirsten Rolffes), deren gemütlicher, bierliebender Sohn Bulder (Jens Okking) hier als Pfleger arbeitet, hat Kontakt zur Welt der Geister. Ein kleines, totes Mädchen namens Mary (Annevig Schelde Ebbe), bedeutet ihr aus dem Jenseits, die Umstände seines Todes zu ermitteln. Wie alles andere im Haus geht sie auch dem aus Schweden herversetzten Oberarzt Helmer (Ernst-Hugo Järegård) immens auf die Nerven, der vor Kurzem einen schweren Operationsfehler bei einem jungen Mädchen (Laura Christensen) verursacht hat und diesen mit allen Mitteln zu vertuschen sucht. Noch mehr fühlt sich Helmer demzufolge von Chefarzt Moesgaard (Holger Juul Hansen) bedrängt, einem hochgradigen Neurotiker, der in permanenter Angst vor der Krankenhausleitung und dem Gesundheitsamt die „Aktion Morgenluft“ entwickelt hat, welche einen betont freundschaftlichen Umgang sämtlicher Stationsmitarbeiter erzielen soll. Der drogenaffine Assistenzarzt Krogshøj (Søren Pilmark) ist derweil nicht nur damit befasst, allerlei Equipment verschwinden zu lassen, sondern zudem über sämtliche Umtriebe genauestens Bescheid zu wissen und sie bei Bedarf für seine persönlichen Zwecke zu verwenden. Seine Liebe zu der Kollegin Petersen (Birgitte Raaberg) wandelt sich bald in blanke Angst, als er erkennt, dass der Vater des Babys, welches sie erwartet, eine Reinkarnation des bösen Dämons Åge Krüger (Udo Kier) ist, vor vieleLn Jahren Krankenhauschef, unehelicher Vater und Mörder der kleinen Mary und nunmehr höllischer Bösewicht. Das alsbald geborene Kind (Udo Kier) entwickelt sich binnen kurzer Zeit zu einem grotesken Monster, widersteht jedoch tapfer dem Einfluss seines Vaters. Moesgaards nutzloser Sohn Mogge (Peter Mygind) steht indes kurz vor seiner Facharztprüfung, interessiert sich jedoch einzig und allein für die deutlich reifere Schlafforscherin Camilla (Solbjørg Højfeldt).Mogges Lehrer, der Pathologe Bondo (Baard Owe) derweil besessen von seinen Forschungen zum Bereich Leberkrebs, was ihn zu extremen Maßnahmen treibt.

„Riget“ besteht aus zwei, im Abstand von drei Jahren entstandenen, vierteiligen Staffeln, die chronolgisch nahtlos aneinander anknüpfen und sich mit Ausnahme winziger Details (Vorspann) auch in der Wahl ihrer eigenwilligen Form durchweg gleichen. Obschon Lars von Trier dafür teilweise auf seine „Dogma 95“-Statuten zurückgreift – vor allem die verschmierte, rostbraune Kamera nebst der haltlos verwackelten Einstellungen und jump cuts hinterlässt ihre notorischen Spuren – hält er deren maßgebliche Strenge nicht vollends durch. So gibt es etwa eine Musikstonpur und auch die diversen, phantastischen Inhalte pflegen eine eindeutige Genreanbindung. Ein Trisomie-21-Pärchen (Vita Jensen, Morten Rotne Leffers), im Krankenhaus als Spülkräfte beschäftigt, fungieren als allwissende Kommentatoren im Stil der griechischen Tragödie nach Sophokles, die zwei- bis dreimal pro Episode kryptische Hinweise liefern. Zudem tritt am Ende jeder Folge von Trier höchstpersönlich neben den laufenden Abspann und resümiert das soeben Gesehene als Gastgeber des Publikums. Allerdings entsprechen die Avancen in Richtung der Gattung Horror, sofern man von dieser überhaupt sprechen mag, eher Ausflüge in den Bereich der grotesken Komik. Im Gedächtnis bleibt unweigerlich vor allem Udo Kier als monströs mutierter Dämonenhalbling „Brüderchen“ mit immens verbauten Gliedmaßen und eben dem Kopf von Kier, der bald nurmehr in einem Spezialgestell hängen kann, um durch sein gewaltiges Eigengewicht nicht in sich zusammenzufallen. Brüderchens Auftritte erinnern teils an Lynchs „Elephant Man“, sind andererseits jedoch von genüsslich ausgedehnter Widerwärtigkeit. Sehr viel nachhaltiger als das Trara um paranormale Erscheinungen im und ums Reichskrankenhaus ist vielmehr der brillante Ansatz, die Parodie einer x-beliebigen Krankenhaussoap zuwege zu bringen. Die zahlreichen Charaktere bieten hinreichend Projektionsfläche für eine fasziniernde Sammlung unterschiedlichster Kauzigkeiten. Inhaltliche Wendungen und Enthüllungen, wie sie zum üblichen Konzept einer jeden soap opera gehören, erweisen sich als betont absurd. Obgleich es nicht eben leichtfällt, sich eine Lieblingsfigur auszusuchen, kann man eigentlich gar nicht anders, als den unglaublichen Stig Helmer dazu zu küren. Helmer ist ein Fiesling und Misanthrop, wie er vollendeter gar nicht sein könnte, ein selbsträsonistisches Arschloch, nationalistisch, eitel und dazu noch beruflich inkompetent. Järegård spielt diesen Hundsfott mit solch genüsslicher Leidenschaft, dass man wirklich jeden einzelnen Aufzug mit ihm förmlich aufsaugt. Wie er sich im späteren Verlauf um eine Voodoo-Medizin bemüht, um den verhassten, ihn erpressenden  Krogshøj gefügig zu machen (was natürlich gründlich danebengeht), das nimmt sich wahrlich sagenhaft aus. Dicht gefolgt findet sich Helmer von Chefarzt Moesgaard, der mehr oder weniger unwillkürlich an den vertrottelten Commandant Lassard (George Gaynes) aus den „Police Academy“-Filmen erinnert, dessen professionelle Schwachbrüstigkeit jedoch wundervoll ausformuliert. Moesgaard nimmt jeden noch so hanebüchenen Rat an, um seiner Neurosen Herr zu werden und gerät an den verrückten Therapeuten Ole (Erik Wedersøe) und dessen widersinnige Behandlungsmethoden. Gleichauf mit Moesgaard: Der Pathologe Palle Bondo, der völlig davon besessen ist, das Lebersarkom eines sterbenden Patienten zu konservieren und dafür soweit geht, sich das nekrotische Organ zwischenzeitlich selbst einpflanzen zu lassen, um es nur ja nicht zu verlieren.
Zu den Höhepunkten dieses grandiosen Narrenzirkus‘ gehören auch die Sequenzen um die Sitzungen der Geheimloge der betagteren Mediziner des „Riget“: Was eigentlich eine einflussreiche Gruppe in der Tradition der Freimaurer sein sollte, erweist sich als eine abstruse Ansammlung sich eindeutig viel zu wichtig nehmender, alter Kindsköpfe, von denen man keinen einzigen ernst nehmen kann.
„Riget“, ein vitaler Quell scharfen bis abseitigen Humors, ist ungebrochen großartig und ein Musterexempel dafür, was Fernsehen zu leisten im Stande ist, wenn man es nur lässt.

9/10

THE VOID

„You’d be surprised at the things you find when you go looking.“

The Void ~ CAN 2016
Directed By: Jeremy Gillespie/Steven Kostanski

Als Deputy Carter (Aaron Poole) während seiner nächtlichen Streife einen Junkie (Evan Stern) aufgreift und zum nahegelegenen Krankenhaus bringt, ist dies der Beginn eines Albtraums: Während sich vor dem Gebäude eine seltsame Gruppe stummer, vermummter Sektierer versammelt, drehen nach und nach Belegschaft und Patienten wahlweise durch oder verwandeln sich in schleimige Monster. Als Urheber des Grauens erweist sich Chefarzt Dr. Powell (Kenneth Walsh), der ganz spezielle Pläne verfolgt und im Keller des Hospitals ein Speziallabor verbirgt…

Als Episode in einem Anthologie-Film wäre „The Void“ besser aufgehoben gewesen, wie ich glaube; zumindest hätte eine entsprechend notwendige Straffung Plot und Film diverse dramaturgische Durchhänger erspart und den der Geschichte durchaus innenwohnenden Zug wesentlich konzentrierter herausschälen können. So weiß „The Void“ manchmal nicht recht, wohin mit sich, um seine obligatorischen eineinhalb Stunden Erzählzeit adäquat auszufüllen. Es gibt immer wieder Momente, die Potenzial, Können, Kenntnis und sogar die Tendenz zu genuiner Großartigkeit durchschimmern lassen – das nicht abzuleugnende Problem liegt jedoch darin, dass ebendiese Augenblicke zu keiner kompositorischen Einheit finden, stattdessen solitäre Blitzlichter bleiben innerhalb eines Films, den man gern sehr viel besser finden würde.
Wie die allermeisten jüngeren Genrefilmer erweisen auch die Regie- und Autorendebütanten Gillespie/Kostanski, die an einigen größeren Produktionen der jüngeren Zeit als Kreativköpfe im Hintergrund mitgearbeitet haben, sich als gelehrige Studierende und Absolventen ihrer Hausaufgaben: Neben Lovecraft als konsequentem literarischen Einfluss schimmern vor allem Carpenter und Fulci als omnipräsente Inspiration durch die diesigen Eingeweide des höllischen Krankenhauses. Während sich im Falle Carpenter gar aus etlichen seiner Arbeiten Motive entdecken lassen (durchaus trinkspielgeeignet), ist es betreffs Fulci vor allem die Ausrichtung des Ganzen, die mit fortlaufender Spieldauer augenscheinlich immer konfusere, unirdischere Bahnen annimmt, bis hin zur totalen Auflösung von Zeit und Raum.
„The Void“ gehört somit gewiss zu den besseren Horrorfilmen der jüngeren Zeit; ihren wirklich großen, nachhaltigen Beitrag zum Genre bleiben uns die beiden Autoren allerdings noch schuldig.

6/10

SOUTHBOUND

„Quit being so fucking mysterious!“

Southbound ~ USA 2015
Directed By: Radio Silence/Roxanne Benjamin/David Bruckner/Patrick Horvath

Eine öde Region im wüsten Südwesten der USA: Hier sind zwei Männer, Mitch (Chad Villella) und Jack  (Matt Bettinelli-Opin) auf der Flucht vor merkwürdigen, fliegenden Kreaturen; hat der Van der dreiköpfigen Girl-Band „The White Tights“, bestehend aus Sadie (Fabianne Therese), Ava (Hannah Marks) und Kim (Nathalie Love), einen Platten, woraufhin sich das Trio von einem merkwürdigen Paar (Susan Burke, Davey Johnson) mitnehmen und zu einem bizarren Dinner einladen lässt; wird die später flüchtende Sadie auf der nächtlichen Straße von dem Wagen des aufgeschreckten Lucas (Mather Zickel) überrollt, der sie daraufhin in ein seltsames Krankenhaus bringt; sucht der aufgebrachte Danny (David Yow) nach seiner seit Jahren vermissten Schwester Jesse (Tipper Newton), die jedoch überhaupt nicht von ihm gesucht werden will; wollen sich drei Maskierte, Shane (Damion Stephens) sowie die bereits bekannten Mitch und Jack, sich einen schuldbehafteten Familienvater (Gerald Downey) vorknöpfen, gehen mit ihrer Rache jedoch zuweit. Nach dem Massaker werden sie von geflügelten Wesen verfolgt…

Anthologie-Horrorfilme, so unter anderem die „V/H/S“-Trilogie und die beiden „The ABCs Of Death“-Stücke, feiern in den letzten Jahren ein fröhliches, geballtes Wiedergehen, nachdem diese kleine Unterart der Grauenskunst über einen langen Zeitraum zwar regelmäßig, aber insgesamt betrachtet doch eher selten ihre Freunde heimsuchte. „Southbound“ gibt sich betont mysteriöser und weniger trivial als das Gros des Subgenres, geht dabei allerdings leider auch etwas mittelbarer und somit distanzierter zu Werke und hält sich am Ende für cleverer als er wirklich ist. Die insgesamt vier Segmente halten von viel vom „old-fashioned creepydom“, wenngleich sie doch nicht ganz darauf verzichten mögen, s. etwa die zweite Episode um den vermutlich kannibalisch umgetriebenen Satanskult. Auch die „Reeker“-Filme scheinen mir ausgiebig zitiert, denn ebenso wie dort geht es hier um verirrte Menschheits-Repräsentanten in einem paradimensionalem Areal oder einer Art Vorhölle, in der allerlei nicht-greifbare und/oder dämonische Entitäten ihr Unwesen treiben und sie auf die eine oder Art heimsuchen, mit Schuld, Sühne und Verfehlungen konfrontieren. Das Ganze wird mittels betont elliptischer Narration serviert, die sich jedoch bereits nach kurzer Spielzeit insofern als Fehlgriff erweist, als dass sie zumindest den uninformierten Zuschauer von Anfang an auf eine Sinnsuche schickt, die sich auf eher unbefriedigende Weise entwickelt. Im Grunde verrät das gelungene, eingmatische Poster zum Film bereits alles, was man über ihn wissen muss bzw. kann: Darauf ist eine Straßenaufnahme in Form eines gigantischen, umgedrehten Pentagramms zu sehen. Ausweglosigkeit und ewiges Gefängnis lauten die beiden große Stichworte, die „Southbound“, dessen Titel natürlich doppeldeutig zu lesen ist, bestimmen. Über die Mittelpracht des Gesamtresultats mögen sie nicht hinwegtäuschen.

5/10

BAD DREAMS

„These are not knives, these are fine surgical instruments.“

Bad Dreams (Vision der Dunkelheit) ~ USA 1988
Directed By: Andrew Fleming

Vor dreizehn Jahren überlebte Cynthia (Jennifer Rubin) als einzige den feurigen Massenselbstmord der „Unity“-Sekte unter und mitsamt deren charismatischem Vorsteher Harris (Richard Lynch). Nachdem sie die ganze Zeit über im Koma lag, nehmen sich nun, nach ihrem plötzlichen Erwachen, die beiden Psychiater Berrisford (Harris Yulin) und Karmen (Bruce Abbott) ihrer an. Dr. Karmen versucht, Cynthias Trauma und ihre Teilamnesie im Zuge einer Gruppentherapie mit ihr aufzuarbeiten. Doch in Form von Visionen erscheint ihr immer wieder der offenbar mitnichten tote Harris, der sich permanent aus dem Jenseits zurückmeldet und Cynthias nachträgliche Selbstopferung fordert. An ihrer Statt „holt“ sich Harris dann einen nach dem anderen Teilnehmer aus Karmens Therapiegruppe und lässt deren Tode wie Selbstmorde aussehen. Oder hat Karmen vielleicht doch Recht und die Ursache für die gehäuften Unglcksfälle ist sehr viel irdischerer Natur?

Wie ich mittlerweile feststellte, war die erste Assoziation, die mir „Bad Dreams“ lieferte, nämlich die Enteckung gleich mehrerer, unübersehbarer Analogien zu „A Nightmare On Elm Street 3: The Dream Warriors“, (nebenbei natürlich der mit Abstand schönste Film jener verdienstvollen Reihe), keineswegs so exklusiv, wie ich zunächst vermutete. Aber warum auch? Tatsächlich scheint eine Parallelisierung der beiden Filme sich beim etwas genreaffineren Zuschauer geradezu aufzudrängen, was bei näherer Betrachtung sicherlich kein Wunder ist: In beiden, kurz hintereinander entstandenen Filmen spielt die charismatische Jennifer Rubin eine psychisch arg überstrapazierte Krankenhausinsassin und Teilnehmerin einer Therapiegruppe, der ein untoter, verbrannter Baddie in Traum und Geist erscheint und sie auf „seine Seite“ ziehen will. Rubin dürfte den Vertrag zu „Bad Dreams“ so kurz nach „The Dream Warriors“ sicher nur deshalb unterschrieben haben, weil man ihr darin jene Hauptrolle zusicherte, die sie im Freddyfilm noch nicht bekleiden durfte. Bruce Abbott gibt fürderhin das Substitut von Craig Wasson, dem tapferen, attraktiven Jung-Psychiater, der seine Schäflein leider umsonst vor dem großen bösen Wolf zu schützen versucht. Und Richard Lynch, dessen markante Brandnarben ja daher rührten, dass er sich dereinst im Zuge eines LSD-Trips selbst angezündet hatte, erhielt vielleicht ein reales Stück weit die Möglichkeit zur Selbsttherapierung – immerhin repraktiziert er die Feuersache hier als meschuggener Sektenprediger.
Als Studioproduktion aus versierter Hand ist „Bad Dreams“ ansonsten ordentlich gefertigt und bringt sein hier und da etwas verworren scheinendes Szenenpuzzle nebst den Einsatz ein paar praller Rockstücke (zum Abspann etwa GN’Rs „Sweet Child O’Mine“) schlussendlich sogar durch eine unerwartete Auflösung halbwegs vernünftig über die Zielgerade. Ein paar erzählzeitlich früher angesetzte Hinweise auf den durchaus straighten Abschluss hätten dem Film möglicherweise gut getan, doch allzu viel meckern will ich gar nicht. Hat mir ganz gut gefallen.

7/10

BISTURI, LA MAFIA BIANCA

Zitat entfällt.

Bisturi, La Mafia Bianca (Die weiße Mafia) ~ I 1973
Directed By: Luigi Zampa

Professore Daniele Vallotti (Gabriele Ferzetti) genießt als „Gott in weiß“ eine außerordentliche Reputation. Als Leiter einer Privatklinik mit diversen, exklusiven Patientinnen und Patienten, die sich von ihm ihre mitunter sehr hochtrabenden Wehwehchen behandeln lassen, lässt er es sich nicht nehmen, nebenbei auch mittellosen Arbeitern zu helfen, was seinem Ruf wiederum alles andere als abträglich ist.
Tatsächlich jedoch ist Vallotti nichts weiter als ein Repräsentant der katastrophalen Gesundheitssituation in Italien: Während er selbst sich und seinem Sohn ein Leben in höchstem Luxus finanzieren kann, fallen diverse Schweienereien, die in seinem Hause an der Tagesordnung sind, unter den Tisch: Dem Tode nahe Patienten werden kurzfristig medikamentös aufgepäppelt und entlassen, damit sie nicht innerhalb der Klinik sterben, zwielichtige Präparate mit bekannten Nebenwirkungen allein der hohen Dotierung durch die Pharamaunternehmen wegen eingesetzt. Buchhalter und Laboranten werden bestochen und andauernde Kunstfehler führen zu tragischen, eigentlich vermeidbaren Todesfällen. Allein Vallottis Kollege Giordani (Enrico Maria Salerno) und die Krankenschwester Maria (Senta Berger) wagen sich, gegen den Partriarchen im weißen Kittel zu erheben, doch auch sie bekommen bald Vallottis Skrupellosigkeit zu spüren. Dennoch neigt sich dessen Despotismus dem Ende entgegen – aus ganz natürlichen Gründen…

Dem Regieroutinier Luigi Zampa ist mit „Bisturi, La Mafia Blanca“ noch ein später Höhepunkt gelungen, der ganz besonders durch ein hervorragend ausgewogenes Script besticht und durch die penible Observierung seines Sujets stark an die Nieren geht. Das staatliche Sozialsystem befindet sich zu Entstehungszeiten des Films in einem desolaten Zustand, während hochstehende Ärzte das uneingeschränkte Vertrauen ihrer oftmals bildungsrückständigen Patientenschaft genießen. Daniele Vallotti weiß diese seine Position auf das Schamloseste auszunutzen und sonnt sich in der Stellung, die er unter den kleinen und großen Leuten genießt. Während die Einen in ihm einen gottgesandten Samariter wähnen, schmücken sich die anderen damit, zum erlauchten Kreise seiner ausgequetschten Patientenschaft zählen zu dürfen. Aber: Vallotti kann mit den Leuten – ob er Kindern im Beisein ihrer verzweifelten Mütter väterlichen Mut zuspricht oder vermeintlich milzkranken Signoras aus der Oberschicht Komplimente zusäuselt – alle lieben ihn. Bis auf Dottore Giordani, der Vallotti seit Jahrzehnten kennt und über die Einblicke in dessen höchst opportunistischen Karrierismus irgendwann selbst zum abgestumpften Alkoholiker geworden ist. erst durch die wechselseitig erblühte Sympathie zwischen ihm und Schwester Maria, die sich ebenfalls ohne Scheuklappen durch Vallottis Klinikum bewegt, wagt Giordani ein verzweifeltes Aufbegehren. Doch der Gigant lässt sich nicht einfach so fällen, schon gar nicht mit Ankündigung.
Teils intimes Charakterdrama, teils sozialkritischer Kriminalfilm bester italienischer Provenienz – „Bisturi, La Mafia Blanca“ ist ein unbedingt sehenswerter Beitrag zum lokalen Kino dieser fruchtbaren Jahre und steht heuer dankenswerterweise zur Wiederentdeckung bereit.

8/10