STAR WARS: THE LAST JEDI

„You are no Vader. You are just a child in a mask.“

Star Wars: The Last Jedi (Star Wars: Die letzten Jedi) ~ USA 2017
Directed By: Rian Johnson

Während die junge Rey (Daisy Ridley) und Chewbacca (Joonas Suotamo) Luke Skywalker (Mark Hamill) auf Ahch-To ausfindig gemacht haben und frustriert feststellen müssen, dass der letzte aller Jedi-Meister längst nichts mehr von den intergalaktischen Geschicken wissen, sondern eigentlich bloß noch in Ruhe sterben will, haben die Rebellenkämpfer Finn (John Boyega) und Poe Dameron (Oscar Isaac) ganz andere Probleme. Nur ein Hyperraum-Sprung rettet sie vor dem Zugriff der Neuen Ordnung, doch die Finsterlinge bleiben ihnen auch danach noch dicht auf den Fersen. Es gilt, ein Peilgerät an Bord des Sternenzerstörers von General Hux (Domhnall Gleeson) zu deaktivieren, was wiederum nur mithilfe eines speziellen Codeknackers möglich ist Finn und die tapfere Wartungsarbeiterin Rose (Kelly Marie Tran) begeben sich in die Casino-Stadt Canto Bight, um den Gesuchten anzuheuern. Sie müssen sich jedoch mit dem zwielichtigen DJ (Benicio Del Toro) begnügen, der ihnen aus vvorübergehender Gefangenschaft hilft. Unterdessen kehrt Rey allein zur Flotte zurück und stellt sich Kylo Ren (Adam Driver), in dem sie noch Reste des Guten vermutet. Doch weit gefehlt: Der machtbesessene Nachwuchs-Sith schickt sich nach seiner finalen Machtübernahme über die Neue Ordnung  an, den letzten Zufluchtsort der Rebellen auf dem Planeten Crait dem Erdboden gleichzumachen. Mit Einem rechnet er jedoch nicht…

Geschlossener und deutlich selbstvertrauter wirkend als „Episode VII“ kommt der von Rian Johnson inszenierte „The Last Jedi“ daher, der seinerseits zwar  noch immer nicht ganz ohne Recycling-Elemente der Ur-Trilogie auskommt, dessen Gesamtstruktur jedoch längst nicht mehr so an bedingungsloser Wiederverwertung interessiert ist wie der unmittelbare Vorgänger. Ingredienzien wie die an Bespin erinnernde Spielerstadt Canto Bight, das Exil des mittlerweile knarzigen, gealterten Luke Skywalker, das von der jungen Rey (girl power!) aufgesucht wird wie dereinst Dagobah und Yoda von Luke selbst und Poe Dameron als subordinationsrenitenter Han-Solo-Ersatz, das sind zwar unmisverständliche Anklänge an „The Empire Strike Back“, ein verklausuliertes Remake haben wir diesmal jedoch nicht. Die Aufsplittung der Narration zu mehreren verschiedenen Schauplätzen sorgt für gleichmäßiges Tempo und Spannung, liebenswerte neue Kreaturschöpfungen  und Schwenks zu alten Vertrauten wie etwa Yoda (Frank Oz), der in einem verblüffend gelungenen, schönen Auftritt aus dem Jenseits vorbeischaut, erzeugen die notwendigen, kleinen Gänsehautmomente. Die Raumschlachten und Duelle sind laut, dynamisch choreographiert und eine Augenweide zumindest für solchem Zugeneigte. Es gelingt „Episode VII“ sehr viel überzeugender als zuletzt, Brückenschläge zwischen der klassischen und der neuen Saga zu schaffen und den jungen Nachwuchs-Charakteren Profil zu verleihen, ohne die alten zu vernachlässigen oder gar zu denunzieren. Nach Harrison Ford darf sich nun auch Mark Hamill heldenhaft aus dem SW-Universum verabschieden, wobei ich sicher bin, dass zumindest seine jenseitige Aura sich mindestens einen Gastbesuch zu kommenden Gelegenheiten nicht wird nehmen lassen. Bleibt die berechtigte, große Frage, wie man ausgerechnet dem realen Ableben Carrie Fishers im nächsten Film Rechnung tragen wird und welche dramaturgische Bedeutung speziell der letzten Sequenz zukommt, in der ein kleiner Stalljunge aus Canto Bight binnen weniger Minuten noch flott zum Jedi-Nachfolger und damit kurzerhand zum Hoffnungsträger aufgebaut wird.
Alles in allem nach dem geflissentlich durchhängenden, etwas ideenarmen Vorgänger endlich wieder ein schönes, beseeltes SW-Abenteuer, das seinem Franchise vorbehaltlos Ehre erweist und gewiss viele alte wie neue Freunde zu begeistern wissen wird

9/10

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INDEPENDENCE DAY: RESURGENCE

„Time to kick some serious alien ass.“

Independence Day: Resurgence (Independence Day – Wiederkehr) ~ USA 2016
Directed By: Roland Emmerich

Zwanzig Jahre nach dem katastrophalen Alien-Überfall hat die Welt sich nicht nur weitgehend erholt, sondern zudem die eigene Technologie mit der Außerirdischen angereichert. Mit deren Hilfe gelang es zudem, weiter in den Weltraum vorzustoßen. Just zum Jahrestag der Invasion erscheint dann ein fremdes, rundes Objekt im All, das vorsorglich, aber leider auch vorschnell abgeschossen wird. Dabei handelt es sich um den Abgesandten einer interstellaren Rebellenarmee, die die Menschheit vor dem nächsten Sturm der bereits bekannten Extraterrestrier warnen will. Da rauscht schon ein gewaltiges Schlachtschiff heran, auf dem sich diesmal eine Alien-Königin befindet, die den zweiten Angriff gegen die Erde höchstpersönlich anführt. Für David Levinson (Jeff Goldblum), den seit damals in psychiatrischer Verwahrung befindlichen Ex-Präsidenten Whitmore (Bill Pullman), der nach wie vor mentalen Kontakt zu den Fremden hat, den aus dem Koma erwachten Dr. Okun (Brent Spiner), Captain Hillers Sohn Dylan (Jessie T. Usher) und dessen Pilotenkumpel Jake Morrison (Liam Hemsworth) heißt es daher aufs Neue: Alienärsche treten.

Den ganz großen, gigantomanischen Irrsinn des Vorgängers kann „Independence Day: Resurgence“ in Zeiten, in denen Superhelden- und Effektkino Alltagsgeschehen sind, nicht mehr präservieren. Emmerich und Adlatus Dean Devlin, unterdessen zu alten, gewohnheitsmäßig umtriebigen Hasen im bombastischen Zerstörungs- und Katastrophen-Segment avanciert, wissen das ganz genau und brechen ihre neuerliche Invasions-Nabelschau auf ein kontenztrierteres Filtrat herunter, das sich vornehmlich aus breit angelegten Luft- und Raumkampfszenarien und einigen wenigen Plot-Füllseln, die offenkundig vor allem dazu dienen, den Stoff zum künftigen Franchise auszuweiten, zusammen setzen. Wie die Xenomorphe aus der „Alien“-Reihe erweisen sich die allermeisten All-Monster als Drohnen, die ihre Chefin bzw. Königin, die zehnfach größer in punkto Gestalt und Kampferprobtheit ist, umschwirren und mit ihr stehen und fallen. So wird „Resurgence“ gegen Ende noch flugs zum waschechten Monsterfilm, wenn es gilt, das durch die Wüste von Nevada flitzenden Tentakel-Ungetüm zu Fall zu bringen. Mir hat’s gefallen.
Dass Will Smith, im Original bereits Nervenstrapazierer über Gebühr, nicht mehr dabei ist, schadet dem Film überhaupt nicht; Herz und Zentrale auf dem schauspielerischen Sektor bilden ohnehin erneut der gewohnt lakonische Goldblum und der herzliche Judd Hirsch, von denen Emmerich stolz sein kann, sie zum wiederholten Auftritt überzeugt zu haben. Robert Loggia darf immerhin zweimal kurz in die Kamera linsen. Obendrauf gibt es als (komplett austauschbares und profilloses) Pseudo-Identifikationspersonal für Teens und Twens den Nachwuchs Hemsworth, Usher und Maika Monroe als Whitmores wehrhafte Tochter Patricia sowie William Fichtner als Präsidentennachwuchs, dem diesmal die (hübsch kurz geratene) Pathos-Rhetorik zur letzten Schlacht vorbehalten ist. Ob man mit weiteren „Indepence Day“-Beiträgen rechnen kann, wird sich wohl in Kürze zeigen; zumindest die Sterne stehen der Storyline ja jetzt ganz weit offen. Nach diesem dem Erstling summa summarum ebenbürtigen Sequel wäre ich wohl sogarbis auf Weiteres dabei.

5/10

INDEPENDENCE DAY

„Let’s nuke the bastards.“

Independence Day ~ USA 1996
Directed By: Roland Emmerich

Kriegerische Aliens nehmen Kurs auf die Erde, um die Menschheit auszurotten und sich die Ressourcen unseres Planeten anzueignen. Nachdem es zunächst so aussieht, als habe man selbst mit der größten Feuerkraft keine Chance gegen die Außerirdischen, kommt dem wackeren TV-Techniker David Levinson (Jeff Goldblum) die zündende Idee…

Nachdem ich „Independence Day“ über die Jahre hinweg immer in den untersten Niederungen amerikanischen Blockbusterkinos angesiedelt habe, kann ich jetzt endlich Frieden schließen. Man muss dem Film schlicht und einfach seine grenzenlose Blödheit und seinen Kreativköpfen, allen voran freilich Emmerich und seinem Haus-und-Hof-Autor Dean Devlin, nachsehen, dass sie hier etwas geschaffen haben, das in etwa dem Äquivalent eines Multimillionendollar-Spielplatzes entspricht – megalomanisches Amüsement für infantile Gemüter. Emmerich und Devlin beweisen mit Nachdruck, dass sie das 70er-Jahre-Katastrophenkino eines Irwin Allen nahezu akribisch studiert haben, denn der gesamte dramaturgische und narrative Aufzug ihres Films entspricht selbigem bis aufs i-Tüpfelchen. Für eine Alien-Invasion Marke H.G. Wells fehlten ehedem schlicht die Mittel, sonst hätte Allen neben Schiffshavarien, brennenden Wolkenkratzern und Vulkanausbrüchen vermutlich auch das bereits an Ort und Stelle durchexerziert. So lag es eben an dem Schwaben und seinem treuen Gefolgsmann, jene Phantasmagorie mit aller gebührenden Naivität und triefendem Amerika-Pathos zeitreif angereichert in die Welt zu entlassen. Den ob ihres Engagements sicherlich sehr wohl im Bilde befindlichen Antlitzzeigern Goldblum und Hirsch als Vater und Sohn stehen ein bilderbuchhaft nervender, dümmliche Sprüche kloppender Will Smith, ein exemplarisch alberner Bill Pullman und die wie zumeist Zahnschmerzen verursachende Mary McDonnell als dessen das Zeitliche segnende Weibchen gegenüber, den sagenhaft inszenierten Luft- bzw. Raumkampfszenen und Explosionen ein stolz präsentiertes Nichts an figuraler und sophistischer Basis. Dass Großstädte und mit ihnen Millionen von Seelen eingeebnet werden, tangiert einen zu keiner Sekunde; Emmerich macht sein Publikum im Gegenteil zu willfährigen Voyeuren der Popcornapokalypse. Wo Burton aus dem lärmenden Pulp-Charakter des Stoffs kurz darauf einen liebevoll-satirischen Kinospiegel vorhielt und Spielberg sich neun Jahre später gleich den literarischen Wurzeln des Ganzen annahm und dann auch erfolgreich eine emotionale Involvierung seiner Zuschauer zu evozieren vermochte, baut „Independence Day“ oder „ID4“, wie er sich praktischerweise abkürzt, ein schickes, aufwändiges Riesengebäude aus Legosteinen, nur um es dann umgehend und umso lustvoller wieder kaputtzutreten.
Was mir noch immer und nach wie vor in Aug, Ohr und Schmalz springt, ist, wie sagenhaft dumm dieser Film ist und mit welch unglaublicher Chuzpe er diese Dummheit auch noch ausstellt.
Was ich mittlerweile dazu gelernt habe, ist, über all das hinwegzusehen, ja, es gar nicht mehr wichtig zu nehmen, und, anstatt mich uneffektiv zu ärgern, den Verstärker aufzudrehen und die vielen, farbenfrohen Explosionen zu genießen. Man entwickelt sich eben doch weiter mit dem Alter. Oder zurück, ganz nach Perspektive.

5/10

THE ADVENTURERS

„For Corteguay!“

The Adventurers (Playboys und Abenteurer) ~ USA 1970
Directed By: Lewis Gilbert

Schon von Kind an lernt der aus dem lateinamerikanischen Kleinstaat Corteguay stammende Dax Xenos (Bekim Fehmiu) um die Schlechtigkeit der Menschen. In einem Land wie dem seinen bedeutet Revolution zugleich stets bloß die Machtübernahme durch einen neuen Diktator; kleine rote Bücher, sozialistisches Gedankengut und hehre Ideale werden in schöner Regelmäßigkeit achtkantig über Bord geworfen, sobald erst der schmucke Regierungspalast eingenommen und neu besetzt ist. Auch Präsident Rojo (Alan Badel), der, einst glühender Rebell, dem kleinen Dax ehedem half, das Maschinengewehr zu halten, um Mutter, Schwester und Hund zu rächen, bildet da keine Ausnahme. Während der in Europa zu einem Universal-Bonvivant geschulte Dax sich vor allem für Luxus, Champagner und schöne Frauen begeistert, lässt Rojo mit zunehmendem Alter die Axt kreisen. Als Höhepunkt seiner Schuftereien lässt er Dax‘ Vater (Fernando Rey) ermorden, wovon der junge Mann zunächst gar nichts mitbekommt. Erst spät gelangt Dax zu der Einsicht, dass sein Herz schon immer nur für Corteguay schlug und macht sich daran, dem Land endlich Frieden zu schenken…

Dass der just verstorbene, vor allem für seine drei spektakulären Bond-Filme bekannte Brite Lewis Gilbert noch ganz andere Meriten aus seiner immerhin 55 Jahre währenden Schaffensära vorzuweisen hat, wird gemeinhin gern übersehen. Ganze 37 Filme durfte er im Zuge dieser Zeitspanne inszenieren, wobei „The Adventurers“ vielleicht als eine der vielleicht schönsten, in jedem Falle aber exotischsten Blüten daraus Bestand haben sollte und hat.
Der Film erweist sich als ein wundertätiges Kleinod und Exempel aus jener Phase, in der die Hollywood-Studios mittels gewaltiger, in jeder rationalen Hinsicht zum Scheitern verurteilter Klimmzüge probierten, gegen die merkwürdigen, für sie unfassbaren Neuströme anzuschwimmen, die sich durch ein paar gediente und vor allem ganz viele junge Filmemacher entfesselt fanden und rückblickend gemeinhin als „New Hollywood“ bezeichnet werden. Nachdem die Paramount und Produzent Joseph E. Levine sich bereits mehrfach an Adaptionen bzw. Spin-Off-Stoffen des damals ungeheuer erfolgreichen Trivialschreibers Harold Robbins abgearbeitet hatten, setzten sie abermals auf jenes vermeintlich zugsichere Vorlagenpferd und butterten ein spürbar großzügiges Budget in „The Adventurers“, der eine wie gewohnt schillernde, biographische Story um einen ebenso aufregenden wie rissigen Helden erzählte und die auf drei Kontinenten an allerlei luxuriösen, internationalen Schauplätzen spielt. Knapp drei Stunden Erzählzeit nimmt das ausufernde Resultat in Anspruch, ganz klassisch flankiert noch von musikalischer Ouvertüre und Intermission. Allerdings blätterte ein wenig des versprochenen Glamour gleich im Vorhinein von der Fassade: Statt Edward Dmytryk inszenierte Gilbert, statt George Hamilton und Alain Delon kam der weitaus unbekanntere  Jugoslawe Bekim Fehmiu, statt Mia Farrow oder Ali MacGraw kam Candice Bergen. Alles andere als mäßige Substitute, aber im Einzelnen und vor allem in der Summe eben um einiges weniger publikumsmagnetisch und durch die bekannt gewordenen Absagen der Wahlstars eher ungünstig in der Entwicklung.
„The Adventurers“ holt dennoch alles aus seinen Schläuchen und erweist sich als ein ungebremstes Kraftwerk vitalen Filmemachens, das noch den schwingenden Spirit der Spätsechziger atmet und für sein Enstehungsjahr beinahe schon leicht obsolet daherkommt. Psychedelia und Camp, Bond-Elemente und überzogene Gewalt; Soap, Sex und Kriegsaction, testosterongeschwängerte Schmachtereien und Charles Aznavour mit neonbeleuchtetem Folterverlies. Richtig schön prall und drall dargeboten, ohne Rücksicht auf Verluste und gerade deswegen als Kind seiner Zeit zu schrillem Verpuffen und Scheitern verdammt.
Eine allzeit obskure bis skurrile Kinopreziose, an der man sich gar nicht ausufernd genug laben kann!

9/10

K-19: THE WIDOWMAKER

„We deliver – or we drown.“

K-19: The Widowmaker (K-19 – Showdown in der Tiefe) ~ USA/CAN/UK/D 2002
Directed By: Kathryn Bigelow

Im Sommer 1961 wird der Marineoffizier Kapitän Vostrikov (Harrison Ford) mit dem Kommando über das Atom-U-Boot K-19 betraut, dem ganzen militärischen Stolz der sowjetischen Führungsclique. Vostrikov übernimmt von dem kurz zuvor degradierten Polenin (Liam Neeson), der als Erster Offizier an Boot des K-19 verbleibt. Die Mission des Schiffs sieht vor, bis zur Arktis vorzudringen und testweise eine der an Bord befindlichen Raketen zu starten. Natürlich dient die ganze Aktion vornehmlich als kriegerisches Muskelspiel gegenüber dem großen Feind USA. Bereits vor dem Stapellauf kommt es auf K-19 zu zahlreichen Pannen, die die Mannschaft um den Erfolg ihrer Fahrt bangen lassen. Und tatsächlich setzt sich die Unglücksserie auch auf See fort: Vostrikov erweist sich als linientreuer Kommisskopf, dem die Kreml-Anordnungen über jede Vernunft gehen und steht damit in direktem Konflikt zu Polenin, dem vor allem das Wohl seiner Mannschaft am Herzen liegt. Zwar gelingt der Raketenabschuss wie vorgesehen, doch das Glück bleibt den Männern abhold. Als in einem der Reaktoren ein Leck entsteht, droht der gesamten Besatzung der Strahlungstod, wenn nicht binnen kürzester Zeit eine Lösung gefunden wird…

Wenn es darum geht, Männer und den sie unter seine Knute zwängenden Druck im Kontext kombattanter und/oder militärischer Ausnahmesituationen zu zeigen, ist die großartige Kathryn Bigelow gegenwärtig vielleicht die beste Filmemacherin am Platze. Mit „K-19: The Widowmaker“, dem ersten ihrer Filme, der Testosteron und Uniform in parallelisiertem Zustand zeigt, erprobte sie diese von äonenlanger Historie geprägte Verhältnismäßigkeit erstmals. Dazu griff das Script einen authentischen Fall der sowjetischen Marinegeschichte auf, änderte jedoch diverse Details zu mehr oder weniger offensichtlichen Dramaturgisierungszwecken, was, wie zumeist in solchen Fällen, insofern völlig legitim erscheint, als dass ihr Film keinerlei Anspruch auf dokumentarische Genauigkeit legt. Bigelow fabriziert vielmehr seit jeher psychologisch traktiertes Genrekino und hat es darin längst zur Meisterschaft gebracht. Die Szenen um die notdürftige Flickung des lecken Kernreaktors zählen dabei zum Intensivsten, was man von der Regisseurin bis heuer zu sehen bekam.
„K-19“ begibt sich in die Hochphase des Kalten Krieges, in eine Ära, in der die gesamte Menschheit behende am Abgrund entlangtänzelte. Die im amerikanischen Film üblicherweise gewohnte US-Perspektive wird dabei (zumindest an der Oberfläche) um 180 Grad gedreht. Es geht in die tiefsten Niederungen jenseits des Eisernen Vorhangs, in eine Atmosphäre unbedingter Systemtreue, die zugleich auch stets einen Hauch von Verlogenheit, Betriebsblindheit und Sanktionsangst beinhaltete. Ein wenig fühlt man sich zunächst an McTiernans Clancy-Adaption „The Hunt For Red October“ erinnert, bekanntermaßen ja auch ein „U-Boot-Film“ mit einem russischen Helden, der allerdings ein von langer Hand geplantes Überlaufen zur Gegenseite realisiert. Von solch hasardierenden Aktivitäten sind die Männer in „K-19“ jedoch denkbar weit entfernt; hier geht es ums nackte Überleben vor der dräuenden Entscheidung, dem allmächtigen Mütterlein Staat als tote Helden zu dienen oder ihm im finalen Augenblick den blanken Hintern zu zeigen. Jenen bekommen am Ende aber dann doch die auf hoher See zur optionalen Rettung bereit stehenden Yankees zu sehen; K-19 kann, in letzter Sekunde sozusagen, vor der Versenkung geborgen werden. 28 Jahre später begegnen sich die Offiziere dann im Gedenken der heldenhaft gestorbenen Kameraden wieder; ihre körperliche Zähigkeit hat letztlich das System, dem sie einst bedingungslose Treue geschworen haben, überlebt – um einen allzu hohen Preis. Doch Kathryn Bigelow liegt es fern, rechtem Gedankengut Vorschub zu leisten oder Obrigkeitsgehorsam als maskuline Tugend zu verkaufen. Sie zeigt, was Krieg, und sei er auch noch so kalt, seinen Beteiligten am unteren Ende der Befehlskette antut.

8/10

MOTHER NIGHT

„All the best writers are dead.“

Mother Night (Schatten der Schuld) ~ USA 1996
Directed By: Keith Gordon

Howard W. Campbell Jr. (Nick Nolte) sitzt in einem Jerusalemer Gefängnis und wartet auf seinen Prozess, gleich in der Zelle über ihm den in derselben Situation befindlichen Adolf Eichmann. Campbell war während des Zweiten Weltkriegs als Schriftsteller und Dramatiker in Deutschland und dort für eine vielbeachtete Radiopropaganda-Reihe der NSDAP zuständig als Autor und Verleser antiamerikanischer und antisemitischer Essays. Was weder die Nazis noch irgendjemand sonst ahnen konnte: Campbell arbeitete, rekrutiert von dem geheimnisvollen Frank Wirtanen (John Goodman), im Auftrag des US-Geheimdienstes und brachte im Zuge seiner Radioauftritte verschlüsselte Geheimbotschaften in den Äther, die ihm jeweils vorab heimlich zugeschoben wurden. Campbells Spionagestatus wurde jedoch nie öffentlich gemacht und so gilt er auch nach Kriegsende und zurück in New York weiterhin als „Stimme der Nazis“. Seine geliebte Frau Helga (Sheryl Lee) kam noch während der Kriegswirren zu Tode und mit ihr der größte Teil von Campbells eigenem Lebenswillen. In Greenwich Village lernt er dann seinen Nachbarn George Kraft (Alan Arkin), einen nicht minder verzweifelten Maler, der zu Campbells bestem Freund wird. Später taucht Helgas kleine Schwester Resi (Sheryl Lee) auf, die, mittlerweile erwachsen, Helga wie aus dem Gesicht geschnitten ist und sich zunächst als die Verstorbene ausgibt. Auch ein verquerer, rassistischer Geheimbund tritt an ihn heran, der angeblich den entdeckungsgefährdeten Campbell, Kraft und Resi die Flucht nach Mexiko ermöglichen will. Was Campbell nicht ahnen kann: All diese merkwürdigen Fügungen geschehen keineswegs zufällig…

Keith Gordons (antizipierbar) kommerziell bös gefloppte Vonnegut-Adaption ergreift und transponiert den stets etwas mysteriösen Duktus des bedienten Autors auf brillante Art und Weise und macht daraus eine der vorrangigsten Literatur-Verfilmungen mindestens der neunziger Jahre. An „Mother Night“, dem Film, gibt es nichts, was nicht passgenau wäre; das gesamte Geschehen schwebt, es sich stets bequem machend auf einer leicht federnden Wolke aus Surrealismus und leiser Ironie, mit aller gebotenen Entschleunigung vor sich her. Nicht nur George Roy Hills brillanter „Slaughterhouse-Five“ blitzt durch seine nebulösen Astlöcher, auch den bitter-transzendenten, jüdischen Humor großer Comic-Autoren wie Will Eisner oder Art Spiegelman ist man versucht, nahezu pausenlos herauszuspüren. Als Soldat, Kriegsteilnehmer und Überlebender der Bombardierung von Dresden hatte Vonnegut es kaum nötig, über das Wesen des Krieges zu schreiben. In „Mother Night“ ging es ihm vielmehr um das nicht minder eigenartige Echo jener Weltzäsur und ebenso um das komplexe Verhältnis von Schuld, Geständigkeit, Reue und die nahezu aussichtslose Möglichkeit der Weiterexistenz mit alldem. Howard Campbell Jr. mag ein Spion sein; seiner Faszination für das nazifierte Deutschland, für Führerkult und Drittes Reich, das ihn als „Überläufer“ hofiert und ihm Zugang zur höchsten Systemspitze ermöglicht, tut dies keinen Abbruch. Möglicherweise ist sein geheimer Einsatz für die Alliierten auch bloß eine reine Kopfgeburt; eine dem intellektuellen Rest an Vernunft entstammende Rechtfertigung für die Gewissheit, als Adlatus des Grauens zu fungieren. Mit Glanz und Glamour ist es nach dem Krieg vorbei. Depressiv und sich nutzlos wähnend vegetiert Campbell einsam und verlassen in New York dahin. Seine Nachbarn sind neben Kraft zwei Auschwitz-Überlebende, Mutter (Anna Berger)  und Sohn (Arye Gross). Während die ältere Dame Campbell, der seinen Namen trotz seiner zweifelhaften Popularität nicht geändert hat, zu erkennen glaubt und ihm die Pest an den Hals wünscht, will ihr als Mediziner tätiger Sohn von dem Kapitel „Holocaust“ am liebsten gar nichts mehr wissen. Eine weitere der vielen Ambivalenzen, die sich durch „Mother Night“ ziehen und die ihren satirischen Höhepunkt gewissermaßen in einem verrückten, farbigen Nazi (Frankie Faison) finden, der die Gruppe von „white supremacists“ lauthals unterstützt. Schein und Sein bleiben in Vonneguts Welt nie ganz  säuberlich getrennt, einer permanenten Wellenbewegung gleich nähern sie sich immer wieder tangential an und stoßen sich dann mit umso kräftigerer Vehemenz wieder voneinander ab. Am Ende dann, als das Schicksal im Begriff ist, Campbell erneut einen Ausweg zu offerieren, sieht er keinen anderen Ausweg mehr als den der Selbstrichtung. Auch hier bleibt Gordons Regie noch meisterhaft und lässt und, gemeinsam mit der Kamera, wegsehen. Wie Campbell selbst bis zu diesem finalen Schuldeingeständnis Wegsehen und Ignoranz kultiviert hat, jahrzehntelang.

9/10

WHITE GHOST

„I may be sorry later, but I trust you for the moment.“

White Ghost ~ USA 1988
Directed By: BJ Davis

G.I. Steve Shepard (William Katt) haust seit dem Ende des Krieges im vietnamesischen Dschungel-Unterholz und führt einen unermüdlichen Guerillakampf gegen den Vietcong, seine einheimische Frau Thi Hau (Rosalind Chao) stets an der Seite. Unter den Eingeborenen längst zum Mythos geworden, eilt ihm sein Ruf als „White Ghost“ bereits überregional voraus. Eines Tages geht dann alles ganz schnell: Thi Hau ist schwanger und soll das Kind im sicheren Amerika zur Welt bringen; zeitgleich will Major Cross (Reb Brown) den Legenden um den „White Ghost“ auf den Grund gehen und beordert die stets sehr rücksichtslos agierende Söldnertruppe um Captain Walker (Wayne Crawford) nach Südostasien. Was Cross nicht ahnt, ist, dass Walker noch eine alte Rechnung mit Shepard offen hat und überhaupt kein Interesse daran hat, ihn lebend nach Haus zu eskortieren. Der „White Ghost“ hat nunmehr also an zwei Fronten zur selben Zeit zu kämpfen…

Auf den ersten Blick an die verspäteten Kriegsgewinnlerphantasien wie „Rambo: First Blood Part II“ oder „Missing In Action“ angelehnt, entpuppt sich „White Ghost“ zwar durchaus als Rip-Off, lehnt sich dabei jedoch viel stärker an John McTiernans „Predator“ an, dessen narrative Struktur BJ Davis‘ Film teilweise detailgetreu plagiiert. Dabei repräsentiert Shepard das in mehrerlei Hinsicht überlegene Alien, das die Gegebenheiten des Areals zu seinem Verbündeten macht und die Söldnertruppe dezimiert, derweil der Vietcong die Latino-Guerrilleros ersetzt. Den Angriff von Schaefers Truppe auf deren Dschungelcamp kopiert Davis dementsprechend mit einiger Akribie.
Über den mit gewohnt sorgfältig frisiertem Minipli ausgestatteten William Katt, der eigentlich gar nicht böse gucken kann, als tarzanesken Superheld lässt sich in punkto credibility gewiss streiten; als dann aber seine Thi Hau entführt und derb gefoltert wird (ich sage nur: Bambus & Fingernägel) und Shepard wütende Taten sprechen lässt, breitet sich rasch der Mantel des Vergessens über vormalige, mögliche Publikumsressentiments. Die eigentliche darstellerische Attraktion des Films ist sowieso Wayne Crawford als ultrafieser Regierungskiller, der irgendwann komplett überschnappt und am Ende das kriegt, was er verdient. Die Entscheidung, Reb Brown als militärischen Racheengel einzusetzen, der Shepard und Gattin am Ende via Heli-Punktladung raushaut und vorher nochmal mit dem allseits beliebten Gebrüll ein paar traditionsbewusste Salven in die gesichtslose, gelbe Menge feuert, muss im Zuge dessen schon als frühe, metafilmische Selbstreferenz gefeiert werden.

6/10