SNOW FALLING ON CEDARS

„Stay away from white boys. Marry one of your own kind, whose heart is strong and gentle.“

Snow Falling On Cedars (Schnee, der auf Zedern fällt) ~ USA 1999
Directed By: Scott Hicks

San Piedro, eine der Küste von Washington State vorgelagerte Insel, im Jahre 1950. Der allseits beliebte Jungfamilienvater und Fischer Carl Heine (Eric Thal) wird zum allgemeinen Entsetzen der Bewohner des kleinen Eilands tot aus dem eiskalten Pazifikwasser geborgen. Eine Kopfwunde lässt den Schluss zu, dass Heine möglicherweise einem Gewaltakt zum Opfer gefallen ist, wofür dann auch der potenzielle Täter und sein Motiv rasch bei der Hand sind: Der japanischstämmige Kazuo Miyamoto (Rick Yune) ist der letzte, der Heine lebend an Bord seines Schiffes gesehen hat; zudem hat Heine Miyamoto ein Stück Ackerland vorenthalten, das von Rechts wegen längst seiner Familie gehörte. Natürlich erweist sich der gesamte nachfolgende Gerichtsprozess als heimlicher Symbolakt des seit 1941 grassierenden Rassismus gegen alle in den USA lebenden Japaner, deren Leidesweg bereits mit der Einpferchung in die Internierungslager begann und weiterhin unterschwellig grassiert. Den jungen, liberale Lokaljournalist Ishmael Chambers (Ethan Hawke), dessen verstorbener Vater (Sam Shepard) sich zeitlebens leidenschaftlich gegen Vorurteile und Hass eingesetzt hatte, hat ferner eine ganz persönliche Beziehung zu der Verhandlung: Miyamotos Frau Hatsue (Yûki Kudô) ist die große Liebe seines Lebens…

Diese Bestseller-Verfilmung von Scott Hicks nach David Gutersons fünf Jahre zuvor erschienenem Bestseller befasst sich mit einem der vielen unschönen Historienaspekte, die die USA unauslöschlich am dreckigen Stecken kleben haben, nämlich die Behandlung der im Lande lebenden japanischen Migranten und ihrer Nachfolgegenerationen nach dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941. Bekanntermaßen markierte dieses Ereignis zugleich den Kriegseintritt Amerikas und ihre anschließende Truppenkonzentration auf Europa und den Westpazifikraum. Doch fand der Krieg auch innerstaatlich seinen Niederschlag: Um die 120.000 japanischstämmige US-Amerikaner wurden unter konspirativen Generalverdacht gestellt, teilenteignet und ein Großteil von ihnen in Internierungslager verbracht; die öffentliche Stimmung gegen sie, die von Politik und Medien gezielt lanciert wurde, ähnelte bald frappierend dem offen gelebten Antisemitismus in Europa.
Im Kino erfuhr das unrühmliche Thema ein bis dato nur sehr verhaltenes Echo, anders als diverse andere außen- und innenpolitischen Schweinereien der US-Regierung seit ihrem Bestehen. Tatsächlich sind mir lediglich drei Exempel bekannt: Das erste, John Sturges‘ meisterlicher „Bad Day At Black Rock“ von 1955, befasst sich mit einem Fall japanophob motivierter Lynchjustiz und wirkt vielleicht gerade deshalb so nach, weil es strikt darauf verzichtet, Opfer, Tathergang oder überhaupt nur einen Japaner zu zeigen. In der Wüstenei von Black Rock ist mit dem einsam Farmer Komoko auch der letzte Japaner einer Art idealisiertem Genozid zum Opfer gefallen. Dann gibt es noch Alan Parkers „Come See The Paradise“, den ich mir Kürze nochmal anschauen werde und eben „Snow Falling On Cedars“.
Das offenkundig schwierige Thema wird in Hicks‘ formidabel besetztem Film aufrüttelnd, umfassend und integer verhandelt. Er zeigt diverse Aspekte der schwierigen, durchaus von reziproken Ressentiments geprägte Koexistenz zweier grundverschiedener Kulturen auf einer in der Juan-de-Fuca-Straße liegenden (fiktiven) Insel auf. Im Nukleus findet sich die an „Romeo und Julia“ gemahnende Geschichte einer unmöglichen, weil verbotenen Romanze zwischen dem jungen Zeitungsmacherfilius Ishmael (Reeve Carney) und der Farmerstochter Hatsue Imada (Anne Suzuki), die sich bis ins junge Erwachsenenälter der beiden hält, dann jedoch von Hatsue abgebrochen wird, weil sie dem innerfamiliären, vor allem von ihrer Mutter (Ako) ausgeübten Druck nicht länger standzuhalten vermag. Parallel dazu wird in Rückblenden die Geschichte der heraufziehenden antijapanischen Aggressionen geschildert: Das ohnehin auf sehr fragilen Beinen stehende Zusammenleben kippt nach Pearl Harbor endgültig und wird sich bis in die Gegenwart der filmischen Erzählzeit auch alles andere als wieder erholen. Stattdessen muss ausgerechnet der nach seinem Kriegseinatz in Europa hochdekorierte Veteran Kazuo Miyamoto, dem sich während der Internierungszeit ausgerechnet Hatsue zugewandt und ihn geheiratet hat, als Sündenbock für eine recht diffuse Anklage herhalten. Dass dieser wiederum keine konkreten Beweise zugrunde liegen, spielt eine untergeordnete Rolle; einmal mehr ist es blanker Rassismus, der allem und allen als Motivationsmotor dient. Hicks erzählt die Geschichte ein einem umfangreichen, schön arrangierten Mosaik aus Rückblenden, das insbesondere von der ausnehmend prächtigen Scope-Photographie (Robert Richardson) des Nordwest-Pazifik-Territoriums zehrt und die visuelle Entsprechung seiner melancholischen Grundstimmung in der von Nebelschwaden gesäumten und schließlich tiefverschneiten, winterlichen Inselwelt findet. Traditionesbewusste courtroom clichés scheut Hicks zudem keineswegs. Max von Sydow als liebenswerter, betagter Anwalt des angeklagten Miyamoto erinnert unumwunden an Spencer Tracy in Stanley Kramers Filmen, derweil die japanische Community am Ende so vor Ethan Hawke aufsteht und ihm ihre Ehrerbietung erweist, wie es einst die Afroamerikaner für Gregory Peck in „To Kill A Mockingbird“ taten.
Natürlich geht am Ende alles gut aus; Ishmael kann berechtigte Zweifel an der staatsanwaltlichen Mordthese säen, was dazu führt, dass der (glücklicherweise objektive) Richter (James Cromwell) dafür sorgt, dass die Anklage fallengelassen wird. Zudem kann der unglückliche, seit dem Krieg einarmige Liebesgeprellte endlich mit der persönlichen Vergangenheit abschließen, denn eines, das lehrt uns hollywood’sches Qualitätskino seit eh und je, ist doch sonnenklar: Wenn es keine Hoffnung für Amerika gibt, dann gibt es auch keine für die Menschheit.

7/10

UNDER THE SHADOW

ZItat entfällt.

Under The Shadow ~ UK/JO/QA 2016
Directed By: Babak Anvari

Teheran, in den achtiger Jahren. Während der Erste Golfkrieg tobt, ist es der jungen Ehefrau und Mutter Shideh (Narges Rashidi) unmöglich, ihr Medizinstudium wieder aufzunehmen. Im Zuge der Kulturrevolution war sie als Linksaktivistin umtriebig, was der auch sonst durchweg progressiven Shideh unter dem Chomeini-Regime als Subversion ausgelegt wird. Frustriert nimmt sie darüber hinaus zur Kenntnis, dass sich ihr Mann Iraj (Bobby Naderi), ein ausgebildeter Arzt, für den lebensgefährlichen Fronteinsatz meldet. Shideh bleibt mit ihrer kleinen Tochter Dorsa (Avin Manshadi) allein in der Mehrfamilienhauswohnung zurück. Als Bagdad die Bombadierung Teherans beginnt, schlägt eine Rakete ins Dach des Hauses, ein Stockwerk über Shidehs Appartment, ein ohne zu explodieren. Dorsa steht derweil heimlich im Kontakt mit dem Flüchtlingsjungen Mehdi (Karam Rasjayda), der beide Eltern verloren hat. Das Mädchen berichtet Shideh, Mehdi habe sie vor einem Djinn gewarnt, der angeblich das Haus heimsuchen soll. Tatsächlich verschwinden urplötzlich Mutter und Tochter wichtige Dinge – eine Puppe, ein geerbtes Medizinlexikon. Während sämtliche anderen Hausbewohner aus Sorge vor den immer frequentierteren Bombardierungen das Gebäude verlassen, weigert sich Shideh, die selbst zunehmend in den Konflikt zwischen Raison und Aberglauben gerät, weiterhin standhaft, zu den Schwiegereltern zu ziehen…

Als leiser, an Polanskis Mietshaus-Trilogie angelehnter Horrorfilm ist „Under The Shadow“ weniger interessant. Die „Auftritte“ des Djinn, also eines im islamischen Glauben verankerten Dämons, finden sich mit standesgemäßen, leidlich überzeugenden Mitteln wie jump scares aufbereitet und bieten somit kaum Innovation. Als deutlich involvierender gestaltet sich indes der Diskurs hinsichtlich der äußeren historischen und sozialpolitischen Implikationen des Mittachtziger-Iran und deren Reziprozität mit dem intradiegetischen Geschehen: Shideh lebt und leidet als selbstbewusste Frau in einem Albtraum systemischer Repression. Für die geringsten Regelübertretungen drohen drakonische Strafen, der unbeirrbare Glaube bildet die oberste, existenzielle Maßgabe. Ohne Hijab und schwarzes Gewand ist kein Schritt in der Öffentlichkeit möglich, ein verbotenes Jane-Fonda-Aerobic-Video, Shidehs kleines, tägliches Fenster zur Selbstbestimmtheit, wird gehütet wie ein Kleinod. Selbst dafür, dass sie Auto fährt, sieht man Shideh allerorten schief an. Dass sie infolge der eigenen, biographischen Erfahrungen, die sich bis in die Gegenwart hinein aus Unterdrückung und Unfreiheit speist, im Grunde längst überzeugte Atheistin ist, muss unter allen Umständen ein Geheimnis bleiben. Das Höchste der Gefühle besteht darin, ihrer affirmativen Nachbarin (Aram Ghasemy) entnervt zu bedeuten, dass sie den Glauben an Djinn und ähnliche Höllenwesen für Unsinn halte. Jene Überzeugung sieht sich alsbald allerdings einer harten Prüfung unterworfen, indem sich die unerklärlichen Phänomene häufen, zumindest in der Wahrnehmung Shideh und ihrer Tochter Dorsa, deren Beziehung infolge dessen ebenfalls auf eine schwere Probe gestellt wird.
Zwar lässt Anvari offen, ob Mutter und Kind tatsächlich zu Opfern einer übernatürlichen Entität werden oder sich lediglich ihre Wahrnehmung infolge ihrer immens belastenden Lebensumstände verschiebt (letzteres wäre in diesem speziellen Fall wünschenswert) – an einer Tatsache jedoch kann kein Zweifel bestehen: Wenn das Böse einen Fuß in die Tür zwischen seiner eigenen, mystischen und unserer realen Welt bekommt, dann liegt das stets daran, dass wir jene Pforte zuvor geöffnet haben, sei es durch religiösen Fanatismus, diktatorisches Gebahren, Unterdrückung oder Krieg. Die Hölle ist stets da, wo Menschen sind.

7/10

JOHNNY GOT HIS GUN

„What is democracy?“ – „Well it’s never bright clear on myself. Like any other kind government it’s got something to do with young men killing each other I believe.“

Johnny Got His Gun (Johnny zieht in den Krieg) ~ USA 1971
Directed By: Dalton Trumbo

Der junge Amerikaner Joe Bonham (Timothy Bottoms) wird auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs von einer Granate getroffen. Als er im Krankenhaus erwacht, dämmert ihm erst nach und nach, was mit ihm passiert ist. Joe hat alle vier Gliedmaßen und sein Gesicht verloren, ist also faktisch sämtlicher Sinne und Kommunikationsmittel beraubt. Die behandelnden Ärzte glauben, dass er auch komatös sei, kein Bewusstsein mehr besäße und halten ihn als medizinisches Kuriosum am Leben. Immer wieder lässt Joe in einem undefinierbaren Zustand aus klaren Momenten und drogeninduzierten Traumzuständen Augenblicke seines Lebens und seiner Phantasie an sich vorüberziehen. Irgendwann erinnert er sich an das Morsealphabet und beginnt, die Außenwelt auf sich aufmerksam zu machen.

Nachdem der wegen der HUAC-Affäre lange Jahre unter Pseudonymen arbeitende Autor Dalton Trumbo wieder rehabilitiert war, entschloss er sich, seinen eigenen, 1939 überaus erfolgreich erstveröffentlichten Kriegsroman selbst für die Leinwand zu adaptieten und zu inszenieren. Das zunächst als Produktionsfirma involvierte Studio Warner Bros. schasste das Projekt bald, so dass es fünf Jahre bis zur Fertigstellung dauerte, die Trumbo dann weitgehend unabhängig durchboxte. Bis 1988 blieb der Film praktisch eine kaum gezeigte Rarität, was sich durch das berühmte Metallica-Video zu ihrem Song „One“, in dem Ausschnitte und Dialoge des Werks prominent gefeaturet werden, änderte.
Wie alle wichtigen, um diese Zeit entstandenen (New Hollywood-)Filme mit Kriegsbezug ist auch „Johnny Got His Gun“ trotz seiner ursprünglichen literarischen Provenienz vor allem eine leidenschaftliche Anklage an den damals lähmend exerierten, ungbremst andauernden US-Einsatz in Vietnam, allerdings gestaltet er sich auch sehr viel sperriger und zugleich verdichteter als mitunter boshaft-komisch konnotierte, sehr viel kanonisiertere Klassiker wie Altmans „MASH“ oder Nichols‘ „Catch-22“, die den satirischen Ansatz präferierten, das Wesen des Krieges als gewaltige Narretei zur Selbstdezimierung des Menschengeschlechts zu denunzieren. „Johnny Got His Gun“ wählt den umgekehrten Weg – er bricht den Krieg auf ein solitäres Individuum herunter, ein ultimatives Opfer, ein lebendes Gespenst. Mit dem Granateneinschlag fährt Joe Bonham gewissermaßen zur Hölle ohne dabei sterben zu dürfen – die albtraumhafte Vorstellung, nurmehr als obszöner Torso mit von außen gesteuerten Vitalfunktionen vor sich hin vegetieren zu können, inklusive. Außer in Bezug auf das via Off-Ansprachen und Mentalreisen adressierte Publikum gibt es zunächst keinerlei Mitteilungsmöglichkeit, bis schließlich nach einer weder für Joe noch uns messbaren Zeitspanne eine ihm zugetane Krankenschwester (Diane Varsi) registriert, dass Joe sich Morsezeichen bedient, indem er den Kopf bewegt. Doch selbst seine auf diesem Weg formulierten, letzten Wünsche werden ihm – aus strikt ethischen Gründen versteht sich – nicht erfüllt werden. Weder darf er als Freak und lebendes Mahnmal an die Öffentlichkeit gelangen, noch wird seinem alternativen Todeswunsch stattgegeben. Das einzige, was Joe bleibt als finaler, grotesker Trostspender sind seine inneren, gedanklichen Reisen in seine Vergangenheit und an die Schwelle des Jenseits, wo er seinem Vater (Jason Robards) und manchmal seiner ersten und einzigen Jugendliebe (Kathy Fields) begegnet. Gelegentlich versucht auch Jesus (Donald Sutherland, in von Luis Buñuel verfassten Szenen, ihn zu beschwichtigen. Doch selbst der Heiland hat irgendwann auf Joes Fragen nach Sinn und Zweck seines Schicksals keine Antworten mehr parat.
Dass Trumbo eigentlich kein Regisseur war, sondern ein Mann des geschriebenen Wortes, kann der Film nicht wirklich verhehlen und will dies wahrscheinlich auch gar nicht. Trumbos Inszenierungsstil bleibt schmucklos, drög und fahl; die Wechsel zwischen gegenwärtiger Realität und Gedankenwelt markiert er durch die Ablösung von schwarzweiß zu blasser Farbe. „Johnny Got His Gun“ positioniert sich somit denkbar weit von dem entfernt, was man als „konsumierbar“ bezeichnen würde, vielmehr gerät er auch zu einer Prüfung für sein Publikum, das die bittere Hoffnungslosigkeit dieses von stiller Anklage erfüllten Passionswegs sprachlos erdulden muss. Insofern einer der wenigen wirklich dieses Prädikat verdienenden Anti-Kriegsfilme, ein einzig durch seine schiere, grausame Ausweglosigkeit hartes, transgressives, nur sehr schwer erträgliches Pamphlet und dadurch zugleich so unendlich wertvoll.

10/10

GHOSTS OF WAR

„This war will not end.“

Ghosts Of War ~ USA 2020
Directed By: Eric Bress

Frankreich, 1944. Eine kleiner, fünfköpfiger G.I.-Stoßtrupp zieht durch die Provinz mit dem Auftrag, eine Villa aufzusuchen, die vormals der wohlhabenden Helwig-Familie (Shaun Toub, Laila Banki, Yanitsa Mihailova, Kaloyan Hristov) gehört hat und diese bis zum Eintreffen der Admiralität zu halten. Die Helwigs hatten offenbar Juden versteckt und sind dann von einer SS-Einheit grausam hingerichtet worden. Als das Soldaten-Quintett eintrifft, ist die abzulösende Vorhut froh, eilends verschwinden zu können. Schnell erfährt man auch, warum: In der Villa spuken die Geister der ermordeten Helwigs. Das vergessene Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten gibt scheinbar Aufschluss über die Ereignisse, die abermals kulminieren, als eine weitere SS-Einheit eintrifft und es zu einem Feuergefecht kommt. Die nunmehr um ein Mitglied (Alan Ritchson) dezimierten G.I.s beschließen, das unheimliche Gebäude zurückzulassen und sich in den Wäldern zu verschanzen, doch es gibt kein Entkommen vor ihrem Schicksal…

Daraus, dass Eric Bress, der Autor und Regisseur von „Ghosts Of War“, Ambrose Bierces berühmte Kurzgeschichte „Incident At Owl Creek“ gelesen hat und auch sonst mit dem Autor vertraut ist, macht er keinen Hehl, wird auf den Klassiker doch direkt im Film Bezug genommen, als die Männer eine Ahnung beschleicht, dass doch wesentlich mehr an Illusion um sie herum konstruiert ist als es zunächst den Anschein hat. Auch Lynes „Jacob’s Ladder“ dürfte Bress insofern keinesfalls fremd sein. Der in Bulgarien gefilmte „Ghosts Of War“, immerhin Bress‘ erste Regiearbeit seit dem sechzehn Jahre zurückliegenden „The Butterfly Effect“, weist ebenso zu jenem gewisse Parallelen auf, indem er Zeitfluss, Kausalität und subjektive Wahrnehmungserfahrungen wiederum als Topoi für ein das Publikum sukzessive verunsicherndes Vexierspiel nutzt.
Glücklicherweise habe ich mich mit dem Inhalt zuvor nicht weiter auseinandergesetzt und den Film vorrangig deshalb geschaut, weil mir die lancierte Kombination aus WWII- und Spukhaus-Elementen durchaus attraktiv erschien.
So einfach ist es aber dann bei Weitem doch nicht, wie ein überraschender twist im letzten Erzählviertel beweist. Hier begibt sich „Ghosts Of War“ urplötzlich in zuvor kaum erahnbare, aber doch recht schlüssig implizierte Science-Fiction-Gefilde, indem er alles bis dato Gezeigte kurzerhand auf den Kopf stellt und zu einer Meditation über das Wesen des Krieges selbst gerinnt. Bress ist gewiss ein zu geschickter Autor als dass er diese doch eine gerüttelte Menge an Zuschauer-Akzeptanz einfordernde Wendung vollendes der Unplausibilität überlässt, dennoch konnte ich mich des diffusen Gefühls, behende überrumpelt worden zu sein und einen doch recht feisten Bären aufgebunden bekommen zu haben, nicht gänzlich erwehren. Was Bress zudem nicht sonderlich liegt ist die Handhabung der unspektakulären Elemente, so etwa die involvierende Ausarbeitung seiner Charaktere und deren Beziehungsgeflechte. Die fünf von Brenton Thwaites, Kyle Gallner, Theo Rossi, Skylar Astin und Alan Ritchson gespielten G.I.s bleiben eigentlich durchweg bloße Skizzen oder Silhouetten, zu denen sich keine Beziehung einstellen mag. Insofern bleibt ihr Schicksal dann auch weitgehend akademischer Natur und lediglich ein kleines Zahnrädchen im dramaturgischen Getriebe. Dass dem Film, der ja vor allem die Passionsgeschichte(n) seiner Figuren widerzuspiegeln trachtet, dies nicht eben gut bekommt, bleibt leider nicht aus.
Schlussendlich trägt „Ghosts Of War“ seine nicht ungeschickt entrollte Rahmenprämisse und ein paar schöne Ideen, die wie Blitzlichter aus dem ansonsten wenig tragfähigen Ganzen herausstechen, dann jedoch immer wieder durch ärgerliche Stolpersteine trüber Einfallslosigkeit neutralisiert werden. Recht schade ist das.

5/10

ZARAK

„Take my son and flog him to death!“

Zarak (Zarak Khan) ~ UK/USA 1956
Directed By: Terence Young

Um die vorletzte Jahrhundertwende, im Grenzgebiet zwischen Indien und Afghanistan: Hier treibt der gefürchtete Bandit Zarak Khan (Victor Mature) sein Unwesen mitsamt seiner wilden Horde aus Galgenstricken. Einst von seinem Vater wegen seiner Liebe zu dessen schöner Nebenfrau Salma (Anita Ekberg) verstoßen, lebt Zarak seither als Outlaw, der durchziehende Karawanen oder Viehhirten ausraubt, mit Vorliebe jedoch die britischen Kolonialisten. Mit dem englischen Offizier Ingram (Michael Wilding) erhält Zarak einen erbitterten Gegner. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen der beiden Widersacher, die Zarak meist mit der ihm eigenen List und Tücke für sich entscheidet. Mit dem Plan, den machthungrigen Ahmad Khan (Peter Illing) gegen Ingrams Garnison auszuspielen, verhebt sich Zarak aber schlussendlich.

Ein Gangsterepos am Hindukusch inszenierte Terence Young als zweiten Abenteuerfilm mit dem zu jener Zeit vornehmlich in England arbeitenden Victor Mature in der Hauptrolle gleich nach „Safari“ und wiederum für die Warwick Film. Diesmal ging es also in das krisengeplagte Ostindien; als Protagonisten wählte man eine authentische Figur, versetzte diese jedoch in ein alternatives historisches Setting und ging mit deren Biographie auch sonst überaus freigiebig um. Der echte Zarak Khan war zwischen den 1920ern und 1940ern aktiv, zog ebenfalls vornehmlich gegen die westlichen Besatzer ins Feld und kämpfte im Zweiten Weltkrieg, nachdem er sich der Krone ergeben hatte, sogar für die Briten und gegen die Japaner in Burma. Soviel Komplexität mochte man Youngs hübsch campigem Anderthalb-Stunden-Eskapismus dann doch nicht zumuten und beschränkte sich stattdessen auf eine lose zusammenhängende, episodische Schilderung von Zaraks Streichhöhepunkten, die sich immer wieder von kleinen Schäferstündchen zwischen Mature und der als wollüstige Tänzerin besetzten Anita Ekberg unterbrochen finden. Die teils durchaus beeindruckenden Massen- und Kampfszenen können ebensowenig darüber hinwegtäuschen, dass sich „Zarak Khan“ en gros alles andere als perfektionistisch aufstellt: Die Zeichnung der muslimischgläubigen Einheimischen als ebenso zurückgebliebene wie verschlagene Barbaren im Schatten des zivilisierten Commonwealth gibt sich offen rassistisch; Matures Stuntdouble ist mehrmals unverschämt groß im Kamerafokus und als solches problemlos erkennbar; die Unentschlossenheit zwischen Schelmenstück und pathetisch-religiös verbrämtem Heldenepos schließlich spiegelt die ganze Ambivalenz des Projekts wieder. Einige spätere Verantwortliche der Bond-Serie arbeiteten daran übrigens bereits zusammen: Neben Regisseur Young waren das Albert R. Broccoli als Produzent und Richard Maibaum als Autor.
Dass „Zarak Khan“ aller berechtigten Kritik zum Trotz mancherlei Vergnügen bereitet, liegt vorenehmlich an der unbeirrten Flamboyanz, mit der Produktionen wie diese in den Fünfzigern ihre im Grunde zutiefst sleazige Agenda dem Publikum anzudienen pflegten; so naiv und intellektuell schwachbrüstig jene aufwendig gefertigten Filme dastanden, so unerschütterlich war ihr Glaube an sich selbst und die Treue des Publikums.

6/10

LEBENSBORN

„Führerbefehl: Verschüttetes germanisches Erbe ist zu retten.“

Lebensborn ~ BRD 1961
Directed By: Werner Klingler

Der systemkritische Luftwaffenoffizier und Ritterkreuzträger Klaus Steinbach (Joachim Hansen) kommt wegen Hochverrats vor Gericht. Auf dem Weg jedoch kann er die Gunst der Stunde in Form eines Partisanenüberfalls nutzen und die Identität eines weitaus linientreueren Kameraden, des Oberleutnants Adameit (Horst Keitel), annehmen. Adameit war zu einem der „Lebensborn“-Heime abberufen worden. Was sich dahinter verbirgt, erfährt Steinbach vor Ort schließlich höchstselbst: Auf Geheiß der SS werden Kinder angeblich „arischer“ Herkunft dorthin wahlweise aus Frontgebieten verschleppt oder gar unter „fachmännischer“ Selektion der zukünftigen Eltern, gezielt gezüchtet. Steinbach verliebt sich in Doris Korff (Maria Perschy), die Privatsekretärin des größenwahnsinnigen Hauptsturmführers Dr. Hagen (Harry Meyen), und wagt schließlich gemeinsam mit ihr die Flucht…

Naziploitation, made in Germany. Atze Brauner produzierte diese frühe „Aufarbeitung“ der Lebensborn-Umtriebe gemeinsam mit seinem Bruder Wolf für die Alfa-Film als kleines Kolportage-Drama, wie es gerade sechzehn Jahre nach Kriegsende unangehme Wahrheiten zu formulieren wusste, ohne die nach wie vor nach Absolution lechzende deutsche Volksseele allzu sehr zu belasten. Wie das geht? Ebenso, wie seinerzeit stets in derlei Fällen verfahren wurde: Indem man kurzerhand einen dissidierenden Wehrmachtssoldaten, ein Fliegerass zudem, zum Helden deklarierte. Überhaupt gibt das Script von Will Berthold sich auffallend Mühe, zwischen SS-Schergen und Wehrmachts-Helden sorgsam zu differenzieren, so wie der gemeine deutsche Wirtschaftswunderbürger nur allzu gern sah und hörte: Auf der einen Seite Himmlers dekadente, stets etwas aristokratisch auftretende Totenkopf-Clique, auf der anderen Seite die mittels leicht proletarischer Erdanbindung gezeichneten Frontschweine, die ja eh längst erkannt haben, dass „die da oben“ wahnsinnig sein müssen. Der Mythos von „Des Teufels General“ lebt fort. Auf dieser extradick mit Volksseelenbalsam eingefetteten Präambel fußend nun also ein mit allen Klischeewassern gewaschenes Ensemblestück, in dem allerlei beliebte wie später noch international auftretende Darsteller sich die Ehre geben, so etwa auch Marisa Mell oder Hellmut Lange.
Abseits seiner peinlich simplifizierenden Schwarzweiß-Zeichnung ist Klinglers Film natürlich ein treffendes Beispiel spekulativer deutscher Filmkunst. Zu seinen stärksten Momenten zählen die immer wieder rekurrierenden Schnittgewitter, etwa, wenn die von Dr. Hagen nach ihren Schädelvermessungs-Attributen zusammengeführten Eltern-Paare ein ekstatisches Sommersonnenwende-Ringelreihen begehen, oder in dem postapokalyptischen Finale, in dem die eigentlich zum Tode verurteilte, jedoch geflüchtete Doris sich eines verwaisten Mädchens an Kindesstatt annimmt. In diesen wenigen Augenblicken findet „Lebensborn“ zu einer ansonsten leider kaum spürbaren Kraft, die ihn dann doch noch zu einer sehenswerten Arbeit gedeihen lässt.

6/10

NABARVENÉ PTÁČE

Zitat entfällt.

Nabarvené Ptáče (The Painted Bird) ~ CZ/SK/UA 2019
Directed By: Václav Marhoul

Osteuropa, im Zweiten Weltkrieg. Aus ihm selbst unverständlichen Gründen zunächst von seinen Eltern bei einer Tante (Nina Suvenic) in der tiefsten Provinz versteckt, wartet auf den kleinen Joska (Petr Kotlár) nach deren Tod eine Odyssee durch die Kriegswirren, die ihn einer umfassenden Palette menschlicher Abgründe und Perversionen aussetzt. Am Ende seiner zermürbenden Reise hat Joska das Kindsein längst verlernt.

Der bereits 1965 in englischer Sprache erstveröffentlichte Roman „The Painted Bird“ von Jerzy Kosiński (eigentlich Józef Lewinkopf), einem im selben Jahr in die USA emigrierten polnischen Juden, verursachte, analog zur Vita seines Autors, im Laufe der Jahre stetig neue Kontroversen. Zunächst weitflächig euphorisch gefeiert für seinen involvierenden, nach Kosińskis Bekunden autobiograpisch geprägten Abriss einer Kindheit im Krieg, erwiesen sich die im Buch geschilderten Ereignisse schließlich als pure Fiktion und somit der Urheber im Hinblick auf seine Selbstauskunft, ebenjene persönlich bezeugt zu haben, als Hochstapler. Tatsächlich, so die investigativen Recherchen, habe Kosiński die Holocaust-Jahre nicht als umherwandernder Vagabund erlebt, sondern sei von einer katholischen polnischen Familie bis Kriegsende versteckt gehalten worden. Anhaltende Diskussionen um eine mögliche, polenfeindliche Grundhaltung sowie sein eklatanter Antikommunismus rückten Kosiński und seinen Roman wiederum in kein positiveres Licht. In den frühen achtziger Jahren unterstellte ihm die US-Presse zudem fortwährenden Plagiarismus, gemeinschaftlich mit der stets in Augenschein belassenen Spekulation, für keines seiner bis dahin entstandenen Werke komplett selbstverantwortlich zu sein.
Die Frage, inwieweit jene doch schwerwiegenden Punkte das betreffende Kunstwerk herabstufen müssen, können oder dürfen, obliegt schlussendlich der individuellen Perspektivierung. Ich selbst kenne den Roman noch nicht und kann den Film daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur losgelöst von ihm bewerten.
Die Adaption von Václav Marhoul, wohlweislich unter Verwendung der Kunst- bzw. Plansprache Interslawisch gefertigt, um dem möglichen Vorwurf völkischer Schuldzuweisungen vorzubeugen, vermeidet gleich a priori den Weg akuten, konsequent beschrittenen Realismus‘. Gewiss, die Geschichte erinnert in ihrem transgressiven Impetus an Elem Klimovs „Idi I Smotri“ (dessen Hauptdarsteller Aleksey Kravchenko sich hier sogar in einer kleinen Rolle als Rotarmist zurückmeldet) findet ihre Umsetzung in formalästhetischer Hinsicht jedoch an einem ganz anderen Ende des Spektrums. Photographiert in sanften, bewegungsarmen Einstellungen, in Scope und kristallinem Schwarzweiß, kontrastiert die unentwegt bewahrte Poesie der Bilder die grauenhaften Erlebnisse Joskas nur umso diametraler. In neun Episoden gliedert Marhoul die Höllenfahrt (oder wahlweise Passion) seines kindlichen Protagonisten; neun Geschichten, die jeweils mit den Namen der sie bestimmenden Figuren eingeleitet werden. Einiges an internationaler Schauspielprominenz stand ihm dafür zur Seite; oftmals in wenig schmeichelhaften Parts. Denn was Joska ohne zu suchen findet, ist ein beeindruckend infernalisches Panoptikum menschlicher Schlechtigkeit: Herzlosigkeit, Kälte, Aberglaube, Opportunismus, Bigotterie, Betrug, Gewalttätigkeit, Verrat, Sadismus, Eigennutz, Korruption, Inzucht, Tierquälerei, Kindesmissbrauch, Mord, Hybris – all das erlebt der Junge im Laufe seiner Reise; Güte und Verständnis blitzen derweil immer nur für Sekundenbruchteile auf. Nicht nur seine körperliche und sittliche Unschuld kosten ihn diese amoralischen Lehrjahre, sie lassen ihn auch (Menschen gegenüber) zeitweilig verstummen, schließlich zum Plünderer, Dieb, Totschläger aus Notwehr und Mörder aus Rache werden. Am Ende findet Joskas Vater (Petr Vanek), der unterdessen selbst in KZ-Haft war, seinen Sohn in einem Waisenhaus wieder. Ob und wann der Junge, der sich immerhin seines Namens erinnert, ihm „vergeben“ kann, ob die Option dieser Art des Überlebens die Nazi-Gefangenschaft aufwiegt; auch diese unwillkürlich aufpoppenden Denkbläschen lässt Marhoul glücklicherweise unbeantwortet.
Dass seinem Film künftig noch größere internationale Popularität zuteil wird, wäre jedoch noch uneingeschränkt wünschenswert.

9/10

JOAN OF ARC

„I’d rather go home and spin with my mother, for this is not my proper place.“

Joan Of Arc (Johanna von Orleans) ~ USA 1948
Directed By: Victor Fleming

Im Jahre 1429 erreicht die 17-jährige Johanna von Arc (Ingrid Bergman) eine Audienz beim Königshauptmann Baudricourt (George Coulouris). Einige Heilige, versichert sie ihm salbungsvoll, hätten zu ihr im Namen des Himmelskönigs gesprochen und ihr eröffnet, dass sie dazu bestimmt sei, die Engländer aus Frankreich zu vertreiben und dem Dauphin Charles VII (José Ferrer) dazu zu verhelfen, König zu werden. Nachdem bald darauf auch der Dauphin Johanna bei sich hat vorsprechen lassen und sich tief von der jungen Frau beeindruckt zeigt, erreicht sie, dass das darbende, gemeine Volk sich wieder hinter den letzthin eher schlechtgelittenen Charles stellt und neuen Patriotismus entwickelt. Johanna wird nach Orléans geschickt, um dort der Armee zuzusprechen. Trotz hoher Verluste auf beiden Seiten gelingt es den Franzosen unter Johannas moralischer Führung schließlich, die englische Festung Tourelles zu erobern. Charles wird zum König gekrönt, begreift jedoch, dass die eigentlichen Sympathien Frankreichs Johanna zufallen. Bevor sie mit den Soldaten gegen Paris marschieren kann, lässt Charles sich von seinen Gegnern, zu denen neben England auch die Burgunder zählen, korrumpieren und sorgt dafür, dass Johanna wieder ins Zivilleben zurückkehrt, wo ihr bereits die Verhaftung durch den Grafen von Luxemburg (J. Carrol Naish, einäugig) bevorsteht. Geleitet durch den arglistigen Bischof von Beauvais (Francis L. Sullivan) wird Johanna ein nur scheinbar kirchlicher Prozess gemacht, an dessen Ende ihre Verbrennung als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen steht. Dadurch wird sie erst zur eigentlichen Legende.

Eine der bekannteren Verfilmungen um Leben und Tod der heiliggesprochenen Nationalheldin Jeanne d’Arc alias Johanna von Orléans bildet Victor Flemings letzte Regiearbeit. Für das produzierende Studio RKO unter Präsident Howard Hughes, damals noch den Big Five, also den fünf maßgeblichen US-Studios, zugehörig, galt das monumentale Projekt in Technicolor als Prestigefilm. Ingrid Bergman hatte bereits jahrelang um eine Realisation mit ihr in der Hauptrolle gekämpft, dabei bedeutete im Nachhinein just dieser Film eine jahrelange Hollywood-Flaute für sie. Der zu erwartende Erfolg bei Kritik und Publikum blieb nämlich zunächst aus verschiedenen Gründen aus – zum einen machte die anders als ihr deutlich jüngeres (und jungfräuliches), authentisches alter ego bereits 33 Jahre alte Bergman durch eine außereheliche Liaison mit dem italienischen Neorealisten Roberto Rosselini unvorteilhafte Schlagzeilen, die sie etliche erboste Zuschauer kosteten, zum anderen versagte die Academy „Joan Of Arc“ zuvor als bombensicher geltende Nominierungen in den Königskategorien. Der Effekt echot bis heute durch die Filmhistorie: Flemings durchaus prachtvoll arrangierte Biographie genießt global betrachtet bei weitem nicht die Popularität anderer zeitgenössischer und ähnlich budgetierter Historien- und Bibelepen, sondern scheint im Rahmen jener Gattung gemeinhin eher zur cineastischen Fußnote degradiert. Dabei ist vieles an ihm noch immer bestaunens- und liebenswert; seien es die opulenten Kostüme, die schönen settings, die glamouröse Besetzung, die zwar nicht vor Superstars strotzt, dafür aber ein umso beeindruckenderes Ensemble an Charakterdarstellern und Statistenaufgebot vorweist, oder natürlich die ausnehmend herrliche Farbphotographie (u.a. Winton C. Hoch). Auf große Totalen und Außenaufnahmen gilt es zu verzichten, dafür erweisen sich die Atelierkulissen und matte paintings als umso kunstvoller arrangiert und dem allgemeinen Eindruck von golden age cinema absolut zuträglich. Dass die Bergman hier zudem in einer ihrer aufregendsten anglophonen Rollen zu bewundern ist, erweist sich in Anbetracht ihres vorhergehenden Engagements und ihrer offenbar tiefen, persönlichen spirituellen Verbundenheit zur historischen Johanna (sie spielte die Rolle für Rosselini sechs Jahre später abermals) als eklatant.

8/10

DA 5 BLOODS

„We fought in an immoral war that wasn’t ours for rights we didn’t have.“

Da 5 Bloods ~ USA 2020
Directed By: Spike Lee

Einst waren sie Fünf: Squadleader Norman (Chadwick Boseman), Paul (Delroy Lindo), David (Jonathan Majors) Otis (Clarke Peters) und Eddie (Norm Lewis), die im Vietnamkrieg als „Bloods“ eine verschworene Gemeinschaft bildeten. Zum Quartett dezimiert kamen sie nach Haus; „Stormin'“ Norman, die moralische und intellektuelle Stütze der fünf Freunde, musste „im Krieg bleiben“. Rund fünf Jahrzehnte später kehren die vier verbliebenen Freunde zurück in den vietnamesischen Dschungel; vorgeblich, um die damals provisorisch beedrigten Gebeine ihres toten Freundes zu finden, tatsächlich jedoch, weil ebendort seit damals auch ein aus Goldbarren bestehender Schatz lagert, der einst den Lahu als Entgelt für deren Unterstützung gegen den Vietcong bestimmt war. Paul, David, Otis und Eddie wollen sich das Gold unter den Nagel reißen und zu Dollars machen, wofür sie sich mit dem Schmuggler Desroche (Jean Reno) einlassen. Doch die Rückkehr nach Südostasien reißt unerwartet viele alte Wunden auf und offenbart bittere Wahrheiten – vor allem für Paul, der seit damals an einem PTBS-Syndrom leidet und dessen Sohn Melvin (Isiah Whitlock Jr.) sich den Bloods unerwartet anschließt, bedeutet die Begegnung mit der Vergangenheit zugleich die Konfrontation mit seinen ureigenen Dämonen.

Heute vor genau 36 Tagen wurde der Afroamerikaner George Floyd von dem weißen Polizeibeamten Derek Chauvin in Minneapolis ermordet, indem dieser ihn ersticken ließ. Zu dem Zeitpunkt war Spike Lees jüngster Film bereits lange fertig und wartete auf seine Netflix-Premiere. Dennoch heißt es an dessen Ende laut und wohlvernehmlich „Black Lives Matter!“. Koinzidenz oder doch bloß der traurige Beweis dafür, dass Lees nunmehr seit fast vier Jahrzehnten beständig vorgetragene Botschaft sich nicht abnutzt, sondern im Gegenteil niemals an akuter Aktualität einbüßt? Mit dem gewaltsamen Tod seiner Filmfigur Radio Raheem in „Do The Right Thing“, so proklamiert manch einer nicht zu Unrecht, habe Lee vor 31 Jahren das Schicksal Floyds annähernd prophetisch vorausgesagt. Damit schließt sich ein grauenhafter Kreis. Abermals. Der Diskurs um rassistisch bedingte Polizeigewalt, die besonders in den Staaten immer wieder Todesopfer fordert, schwappt mittlerweile auch zu uns Mitteleuropäern hinüber und legt offen, dass es auch hier ein offenkundiges strukturelles Problem in den Kreisen der uniformierten Staatsmachtbediensteten gibt.
Damit hat Lees zweiter Kriegsfilm nach dem im 1944er Italien angesiedelten „Miracle At St. Anna“ und nach „Dead Presidents“ von Allen und Albert Hughes gleichfalls der zweite Vietnamkriegsfilm, der sich der Problematik der von der US-Regierung im damaligen Konflikt verheizten Afroamerikaner (bei einer Bevölkerungsquote von rund 10 Prozent bestand die Zahl der in Südostasien eingesetzten und gefallenen Soldaten zu einem wesentlich höheren Anteil aus Schwarzen) annimmt, auf den ersten Blick vielleicht nur sekundär oder tertiär etwas zu tun; was jedoch nichts an der schlussendlichen Parallele zwischen Fiktion und Realität ändert: „Black Lives Matter!“
Viele Topoi, ausgehend von jenem zentriertem Protestruf, geleiten ergänzend Lees Neuesten: „Da 5 Bloods“ ist auch ein Abenteuer- und Action- und somit ein Genrestück; er zollt diversen Kriegsfilmklassikern durch kleine und große Reverenzen Tribut und versteht sich nicht zuletzt als Liebeserklärung an die zeitgenössische Motown-Szene: Marvin Gaye, insbesondere sein Stück und das dazugehörige Jahrhundertalbum „What’s Going On“ ziehen sich wie ein roter, kommentatorischer Faden (oder, wenn man so will, Geleitchor) durch das Geschehen, die Bloods tragen die Vornamen der Temptations respektive ihres Produzenten. Die bis heute für Konflikte sorgenden, interethnischen Verstrickungen und die kulturellen Veränderungen in Vietnam lässt Lee ebenso wenig unberührt wie eine durchaus metapigmentäre Reflexion über das Wesen des Krieges, die auf die eine oder andere Weise zu jedem respektablen Genrestück a priori gehören sollte. Nach oftmals nervenaufreibenden zweieinhalb Stunden war mir jedenfalls klar, dass mit demauteur und Künstler Lee, der mit „Da 5 Bloods“ nach dem diesbezüglich eher überraschungsfreien bis langweiligen „BlacKkKlansman“ auch ein formal wieder immens einfalls- und facettenreiches Pasticcio vorlegt, glücklicherweise noch zu rechnen sein darf.

8/10

THE NECROMANCER

„You’re not welcome here.“

The Necromancer ~ UK 2018
Directed By: Stuart Brennan

Belgien im Juni 1815, unmittelbar nach der Schlacht von Quatre Bras. Ein Quintett britischer Soldaten unter dem Rädelsführer Bernard (Marcus Macleod) desertiert nach dem blutig verlaufenem Scharmützel gegen Napoleons Armée du Nord und macht sich auf den Weg zur Küste. Dieser führt sie unter anderem durch einen finsteren Forst, an dessen Rand sie einen weiteren, verletzten und verwirrt scheinenden Uniformträger (Mark Paul Wake) auflesen. Im zunehmend labyrinthisch erscheinenden Wald wird einer nach dem anderen von ihnen von weiblichen Elfenwesen heimgesucht und mit seiner jeweiligen, sündhaften Vergangenheit konfrontiert.

Horrorstücke vor historischen Sujets finde ich grundsätzlich spannend und interessant – entsprechend vielversprechend erschien mir die Prämisse dieses zufällig auf meinen Weg gespülten englischen Titels. Dessen Ersinner Stuart Brennan, der in Personalunion mit „The Necromancer“ bereits seinen zweiten abendfüllenden Film schrieb, produzierte, inszenierte und mit sich selbst in einer der Hauptrollen bespielte, lässt sich die Ambitioniertheit und den Enthusiasmus, der bei der Herstellung seiner Arbeit walteten, zudem auch mit deutlicher Gewissheit anmerken. Zudem erachte ich die zugrunde liegende Idee, eine Handvoll Wellington-Soldaten mit Flammenbergs (bzw. Kahlerts) klassischer Schwarzwald-Mär um den Nekromanten Volkert zu konfrontieren, für nach wie vor blendend und ansatzsweise auch mit schönen Scripteinfällen garniert. Dennoch empfand ich den Film in seiner Gesamtheit als unrund und unbefriedigend. Mit seinen leider spürbar bescheidenen Mitteln, die insbesondere aus einer dem Zeitkolorit extrem zuwiderlaufenden, nicht selten an Amateurfilme erinnernden, supercrispen Digitalfotografie bestehen, verwehrt sich Brennan der episch-gotische Geschichtshauch, den er offenbar nur zu gern transportiert hätte. Das vorliegende Resultat erweist sich als im negativen Sinne akademisch; zu keiner Sekunde gelang es mir, die analytische Ebene hinter mir zu lassen und in die Immanenz der dargestellten Geschehnisse einzutauchen. Man sieht (und spürt) nie wirklich mehr als eine Gruppe kostümierter bzw. maskierter SchauspielerInnen, die sich vor relativ beliebiger Naturkulisse durchs Gehölz bewegen und e mit inneren wie äußeren Dämonen zu tun bekommen. Was für ein Werk mit höherem Budget, angemessener Technik – und möglicherweise fähigerer Hand – aus „The Necromancer“ hätte werden mögen, wage ich mir insofern kaum auszumalen. Ob ich infolge dieser doch recht ernüchternden Erfahrung Brennans jüngst erschienem Film „Wolf“, der eine Kohorte römischer Legionäre gegen einen unbekannten Gegner jenseits des Hadrianswalls führt, noch eine Chance geben soll und/oder werde, weiß ich derzeit noch nicht so recht.

4/10