DER SANDMANN

„Du kannst mich auch küssen, wenn du willst…“

Der Sandmann ~ D 1995
Directed By: Nico Hofmann

Ina Littmann (Karoline Eichhorn), eine aufstrebende junge TV-Redakteurin, soll den umstrittenen Autor Henry Kupfer (Götz George) als möglichen Gast für die Privatsender-Talkshow „Auge in Auge“ abklopfen. Kupfer ist just dabei, sein neues Buch „Der Kannibale“ herauszubringen, das sich mit dem authentischen Fall eines zu Beginn des 20. Jahrhunderts umtriebigen Kindermörders befasst. Ein privater Besuch bei Kupfer, der mittlerweile im Haus seines jüngsten Recherche-Sujets wohnt, macht Ina nach anfänglicher Skepsis neugierig auf den etwas schmierig erscheinenden, nicht mehr ganz taufrischen Dandy mit seiner ominösen Vergangenheit: Nicht nur, dass der Mann wegen Totschlags an einer Prostituierten einst mehrere Jahre im Gefängnis verbracht hat, scheint ferner der einstige Suizid seiner Schwester tiefe seelische Narben bei Kupfer hinterlassen zu haben. Als sich zudem herauskristallisiert, dass ein Serienkiller, den die Polizei inoffiziell bereits als „Sandmann“ getauft hat, über die gesamte Republik verteilt Prostituierte ermordet, zieht Ina sich mehr und mehr verdichtende Schlüsse. Schließlich plant sie, extrem euphorisiert von ihrer „Enthüllungsgeschichte“, Kupfer im Zuge der Live-Aufnahme von „Auge in Auge“ in aller Öffentlichkeit als den Sandmann zu überführen…

Man mag es im Nachhinein kaum mehr glauben, aber die TV-Produktion „Der Sandmann“, mit Fug und Recht als veritabler Klassiker des Fernseh-Spielfilms zu bezeichnen, wurde vor 25 Jahren vom für sein Schmuddelimage berüchtigt gewordenen Fernsehsender RTL 2 produziert. Hofmanns Film flankierte wechselseitig den ebenfalls von Götz George in der Hauptrolle bespielten Haarmann-Film „Der Totmacher“, der praktisch parallel entstanden war und mit Jürgen Hentsch und Matthias Fuchs noch zwei weitere prominente Darsteller gemeinsam mit dem „Sandmann“ aufweist. Im Gegensatz zu dem von Romuald Kamarkar allerdings höchst hermetisch und konzentriert inszenierten Dialogstück gibt sich Hoffmanns Film deutlich zugänglicher und von zeitgenössisch vorgegebenen Spannungselementen getragen, die damals das neue, postgotische Serienkiller-Genre rund um David Finchers „Se7en“ vorexerzierte. Man kann die beiden George-Filme somit nicht nur revisionistisch durchaus als companion pieces erachten, die darüberhinaus die klassisch geprägten Status von Kino-und Fernsehfilm gewissermaßen austauschten; im Kino lief das kleine Nachtspiel, während das Privat-TV den prinzipiell absolut „kinotauglichen“ Thriller ausstrahlte. Und noch mehr ist, respektive hinsichtlich der Produktionsgeschichte, am darüberhinaus blendend gespielten und zumindest professionell, wenngleich – im Gegensatz zum „Totmacher“ – nicht ganz mit dem bonifizierenden Verdacht der Meisterschaft gefertigten „Sandmann“ interessant: auf sarkastische, beinahe zynische Weise nimmt das einigermaßen clevere Buch von Matthias Seelig den Sensationalismus und die Investigativ-Geilheit des Privatfernsehens aufs Korn. Ältere LeserInnen werden sich erinnern, dass Krawallformate wie „Explosiv – Der heiße Stuhl“ (RTL) oder „Einspruch!“ (Sat 1), die a priori dergestalt konzipiert waren, dass die nicht immer vollbemittelten, jedoch auf ausgesucht diametralen Standpunkten fußenden Diskuttanten sich früher oder später rigoros anbrüllten, zu Millionenrennern wurden. In den Prähistorie von Internet und Social Media boten diese Sendungen, die dann von den noch primitiveren (Nach-)Mittags-Talks abgelöst wurden, eine der willkommensten Gelegenheiten für Lieschen Müller, sich aufgepeitschte Verbalgladiatoren zu Gemüte zu führen. Auch „Der Sandmann“ spielt mit dieser Anordnung, wenngleich auf etwas subtilere Art: Den Versuch, einen kontrovers beäugten Öffentlichkeitsmenschen massenmedial bloßzustellen, nutzt dieser auf dreierlei Weise geschickt aus, indem er sich reinwaschen, eine millionenschwere Verleumdungsklage lancieren und ganz nebenbei sein Buch pushen kann. Das naive Blondchen vom Fernsehen wird dabei zwangsläufig mit ruinierter Karriere untergehen und der nach wie vor un „Sandmann“ fürs Erste in Ruhe weitermorden können, während der gescheite Henry Kupfer, der sich am Ende auf eine ganz andere, doch sehr viel charmantere Weise als bösartig entpuppt, denn man es gemeinsam mit der bedauernswerten Ina Littman zunächst annehmen musste, es sich unter der italienischen Sonne bequem machen darf. So gut war das wahre Leben zu den Legionen von Talkgästen der neunziger Jahre garantiert nie.

8/10

GOOD TIME

„You’re cold? Let’s get to Virginia, man!“

Good Time ~ USA 2017
Directed By: Benny Safdie/Josh Safdie

Der ewig klamme Herumtreiber Connie Nikas (Robert Pattinson) will seinem geistig behinderten Bruder Nick (Benny Safdie) ein Leben abseits von Heimen und Therapeuten ermöglichen. Also entwickelt Connie kurzerhand den Plan, gemeinsam mit Nick eine Bank zu überfallen. Der mit heißer Nadel gestrickte Coup geht schief; Nick landet im Gefängnis, während Connie entkommen kann. Nun gilt es für ihn, die nötige Kaution aufzutreiben oder seinen Bruder notfalls selbst zu befreien. Die folgende, bizarre Odyssee durch die New Yorker Nacht bringt Connie mehr oder weniger zufällig mit allerlei seltsamen Zeitgenossen zusammen, darunter mit dem Kleinpusher Ray (Buddy Duress), der um ein LSD-Versteck im Freizeitpark „Adventureland“ weiß…

Ob es für meine persönliche Bewertung von „Good Time“ förderlich ist, dass ich zuvor dessen Nachfolger „Uncut Gems“ gesehen habe und im Prinzip eigentlich erst über diesen überhaupt auf die Safdies aufmerksam geworden bin, wage ich zu bezweifeln, denn jenes absolut formvollendete Thrillerdrama mit Adam Sandler variiert seinen Vorgänger nicht nur motivisch. Beide Filme zentrieren sich um einen rücksichtslos agierenden Protagonisten, der um die Durchsetzung eigener Träume und Wünsche Willen Kausalitätsketten in Gang setzt, die seine Mitmenschen, respektive zumindest die, die naiv genug sind, ihn zu unterstützen, ins kleine oder große Verderberben stürzt. Das Ganze vollzieht sich jeweils in einem sehr hohen Erzähltempo, unter Verwendung halsbrecherischer Script-Volten, vermittels einer wilden Photographie und Montage, sowie unter Einbeziehung eines ganzen Kaleidoskops schräger Nebencharaktere. (Das nächtliche) New York avanciert dabei zum urbanen, planen Stellvertrer der Reise durch das psychische und geistigen Labyrinth der Leitfigur. Auch „Good Time“ greift somit bereits vorhandene Erzählmuster auf; so erinnert er zumindest streckenweise etwa zwangsläufig an Scorseses „After Hours“ und infolge dessen an den klassischen film noir. Anders als später Sandler als semilegaler Traumverkäufer Howard Ratner vermag es der (nichtsdestotrotz hervorragend spielende) Robert Pattinson jedoch nicht, die Em- und Sympathie des Rezipienten zu evozieren. Während Ratner ja seine gesamte Existenz in die Waagschale wirft und sich damit den Status eines tragikomischen Antihelden erarbeitet, lassen einen die von vornherein irrationalen Motive Connie Nikas‘ relativ gleichgültig zurück. Man sieht seinem irrlichternden Trip durch die Eingeweide der Stadt und ihrer Institutionen zwar interessiert zu, mag sich aber nie wirklich auf seine Seite schlagen und insofern auch nicht nachhaltig mit seinem Schicksal zu hadern. Am Ende kommt es für die meisten Beteiligten so, wie es kommen muss; nichts existenziell wirklich Gravierendes geschieht. Während „Uncut Gems“ eine konsequente Fallgeschichte erzählt, nimmt „Good Time“ somit eher den Status einer wilden Momentaufnahme ein. Wie oben suggeriert, kann „Good Time“ unter dem massiven Eindruck von „Uncut Gems“ im Zuge einer achronologischen Betrachtung allso nur verlieren. Das macht ihn keinesfalls zu einem künstlerischen Fehlschlag, andererseits wird die rückwärts gewandte Ordinalbetrachtung ihm vermutlich nicht gerecht.

7/10

RICHARD JEWELL

„When the government says someone’s guilty, it’s how you know they’re innocent.“

Richard Jewell (Der Fall Richard Jewell) ~ USA 2019
Directed By: Clint Eastwood

Atlanta, Georgia 1996: Während der Olympischen Spiele drapiert ein zunächst Unbekannter eine Nagelbombe in der Nähe einer Konzertbühne. Der Wachmann Richard Jewell (Paul Walter Hauser) entdeckt den Rucksack, in dem sich die Bombe befindet, unter einer Tribüne und schlägt Alarm. Zwar reicht die verbleibende Zeit nicht, um den gesamten Platz rechtzeitig zu evakuieren, durch Jewells Einsatz können aber doch diverse Verletzungen verhindert und Menschenleben gerettet werden. Nachdem die Medien Jewell zunächst spontan zum Alltagshelden deklarieren, verkehrt eine Kette von Ereignissen die Entwicklung rasch ins Gegenteil. Als einsamer, stark übergewichtiger und zudem wenig gebildeter Mann, der zusammen mit seiner Mutter (Kathy Bates) lebt und ferner ein starkes Interesse für Feuerwaffen aller Art hegt, glaubt man bald, in ihm den wahren Täter gefunden zu haben. Sein logisches Motiv: Einmal als öffentlich umjubelte Retterfigur dastehen zu können. Ferner wäre mit ihm ein passender Sündenbock gefunden und könnte der Fall somit flugs ad acta gelegt werden. Der ermittelnde FBI-Agent Shaw (Jon Hamm) erfasst schnell Jewells Naivität und blinde Systemtreue und versucht, ihn mit verschiedenen Methoden zu überrumpeln, doch Jewell kann rechtzeitig den ihm von früher bekannten Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) kontaktieren, dem es schließlich gelingt, ihn freizuboxen.

Mit Clint Eastwood, der in fünf Wochen seinen neunzigsten Geburtstag feiern wird, darf weiterhin gerechnet werden. Sein im gesamten letzten Jahrzehnt erarbeitetes Spät-Spätwerk (so darf man es wohl bezeichnen) befasst sich ausschließlich mit mehr oder weniger prominenten US-Amerikanern, die in ebenso mehr oder minder eminenter Weise die nationalen Geschicke mitprägten oder gar beeinflussten. Seine Protagonisten sind dabei meist relativ alltägliche, zumeist gutgläubige Individuen, die durch nachhaltige Aktionen den Weg ins Rampenlicht vollzogen, darin um ihre Integrität gebracht werden, um sich dann von dem an ihnen verübten, moralischen und/oder systemischen Unrecht wieder mehr oder weniger erfolgreich zu emanzipieren. Zusammengenommen ergeben seine (jüngeren) Filme eine formvollendete, von großer Kompetenz und Anbindung an traditionelles Regiehgandwerk geprägte, dabei jedoch keinesfalls simplifizierte, amerikanische Chronik, wie sie in dieser zwischen gemächlich und hochspannend oszillierenden Perfektion gegenwärtig vermutlich niemand außer jenem Großmeister des Erzählkinos mehr vorlegen könnte. „Richard Jewell“ exerziert die erwähnte Formel vermutlich gar nochmals deutlich konsequenter durch als seine Vorgänger: Mit dem 1996 in die Schlagzeilen eingegangen Mann wählte Eastwood eine Titelfigur, die es niemanden sonderlich schwer machte, sie zu deskreditieren. Von seinem äußeren Erscheinungsbild über seinen Lebenswandel bis hin zu seinen Gewohnheiten und Hobbys lieferte Richard Jewell das Ideal des ebenso knuffigen wie hassenswerten Durchschnittstypen, auf den von links wie rechts jeder einmal einprügeln durfte. Gewiss wurde Jewell dabei vor allem zum strukturalisierten Opfer; down by media, down by law. Mit dem beeindruckend aufspielenden Paul Walter Hauser verschaffte sich Eastwood zudem einen Hauptdarsteller, der weder ein attraktives Äußeres noch erwähnenswerte Prä-Meriten als Star genießt; keinen Matt Damon, Leo DiCaprio, Bradley Cooper, Tom Hanks und – natürlich – auch nicht sich selbst. Im Gegenzug demonstriert er als auteur eine umso exquisitere Inspirationskette. Von den Arbeiten (wie ohnehin stets) Fords über denen Capras bis hin zu jenen von Hitchcock reichen seine klassizistischen Einflüsse und, soviel kann fürderhin gelten, er reiht sich mit „Richard Jewell“ abermals in ebendiese Phalanx großer (anglo-)amerikanischer Filmemacher ein und verteidigt diese Position selbst noch bis ins hohe Alter. Wunderbar.

9/10

THE LIBERATION OF L.B. JONES

„I handled things the way we’re used to handle things around here anytime.“

The Liberation Of L.B. Jones (Die Glut der Gewalt) ~ USA 1970
Directed By: William Wyler

Somerset, Tennessee ist eine typische Kleinstadt im Süden der USA. Zeitgleich kommen eines Tages drei junge Leute ganz unterschiedlicher Herkunft und Motivation am Bahnhof an: Der Afroamerikaner Sonny Mosby (Yaphet Kotto), der eine Zigarrenschachtel mitsamt Revolver mit sich führt und, als er zwei Polizisten erhascht, kurzentschlossen vom Zug abspringt sowie Steve (Lee Majors) und Nella Mundine (Barbara Hershey), ein junges, weißes Ehepaar. Steve Mundine hat just sein Jurastudium beendet und will als Sozius bei seinem Onkel Oman Hedgepath (Lee J. Cobb) anfangen, der mit seiner erfolgreichen Anwaltspraxis zu den ersten Bürgern der Stadt zählt. Als letztem Familienmitglied des stets Junggeselle gebliebenen Hedgepath liegt die Karriere seines Neffen dem Alten besonders am Herzen. Doch bekommt der liberale und auf Bürgerrecht spezialisierte Steve sogleich einen unappetitlichen Brocken zu schlucken: Hedgepath weigert sich zunächst, den farbigen Bestattungsunternehmer L.B. Jones (Roscoe Lee Browne) in seiner Scheidungssache zu vertreten. Jedermann weiß nämlich, dass Jones‘ deutlich jüngere Frau Emma (Lola Falana) ihren Gatten mit dem rassistischen Polizisten Willie Joe Worth (Anthony Zerbe) betrügt – ein wohlgehüteter Skandal, der keine öffentlichen Wellen schlagen soll. Bevor Steve das Mandat annehmen kann, springt Hedgepath dann doch in die Bresche und löst damit eine Tragödie aus, die ihn am Ende selbst das private Glück kosten wird…

„The Liberation Of L.B. Jones“ ist William Wylers letzter Film, ein zutiefst bitteres Abschlussmanifest unter einer immerhin 45 Jahre und rund ebenso viele Regiearbeiten umfassenden Karriere als einer der maßgeblichen Köpfe seiner Zunft. Im beeindruckenden Œuvre Wylers finden sich etliche der großen Hollywood-Klassiker, vielfach prämierte, oftmals glanzvolle und maßstabsetzende Produktionen, die auch den Bogen zwischen der Stummfilmära und New Hollywood spannen. Pompöses Monumentalkino findet sich ebenso darunter wie klassische Literaturadaptionen und exemplarisches Genrekino. Die in den Sechzigern beginnende Spätphase Wylers beginnt dann allmählich, wenn zunächst auch noch ganz peu à peu, einen nachdenklicheren, lebenserfahreneren und aufrichtigeren auteur widerzuspiegeln. Schon sein unmittelbar auf „Ben-Hur“ folgendes Meisterwerk „The Children’s Hour“, in dem es um die Diskreditierung eines unbewusst als solches zusammenlebenden lesbischen Lehrerinnenpaars geht und das auch formal eine absolute Kehrtwende zum vormals etablierten Technicolor- und Scope-Wyler  darstellt, stellt eine immens ernüchternde Bestandsaufnahme biederer US-amerikanischer Kleinstadt-Bigotterie dar.
Dieses knapp zehn Jahre später, also exakt zu Zeiten der im Reüssieren befindlichen New-Hollywood-Bewegung vorgelegte Finalwerk führt den mit „The Children’s Hour“ eingeschlagenen Weg dann zu einem ebenso konsequenten wie niederschmetterndem Abschluss.
„The Liberation Of L.B. Jones“ ist kein schöner Film und das ist gut so. Im Gegenteil ist er hässlich, drög, karg. Sein Sujet, das um den selbst in der Ära der Bürgerrechtsbewgungen ungebrochenen Südstaatenrassismus kreist, gestattet ja a priori auch gar keine ästhetisch reizvolle Aufbereitung und Wyler hütet sich erfolgreich davor, in eine entsprechende Falle zu tappen. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen bekommen wir es ausschließlich mit abgrundtief hassenswerten Menschen zu tun, darunter mit den beiden die Besetzungsliste anführenden Protagonisten. Als einzige erträgliche Weiße werden Lee Majors und Barbara Hershey eingeführt, die am Ende jedoch auch bloß vor den etablierten Strukturen kapitulieren, anstatt sich ihnen, wie es ihre moralische Pflicht wäre, aktivistisch entgegenzustellen. Die Titelfigur, der von Roscoe Lee Browne gespielte L.B. Jones, wird, wenngleich späterer Märtyrer der schwarzen Gemeinde, vordringlich als von vergangenen Erfahrungen gebändigter, zynischer Opportunist gezeichnet, der sein Vermögen in der möglicherweise einzigen Branche gemacht hat, die solcherlei einem Farbigen in der Gegend überhaupt gestattet: Beerdigungen. Warum seine Frau ihm ausgerechnet mit dem widerwärtigsten weißen Abschaum Hörner aufsetzt, mag als Protesthandlung ihrerseits verstanden werden. Majors‘ heimlicher Gegenpart, der gemeinsam mit ihm den Rahmen des Films bildet, ist zugleich sein aggressives Pendant. Yaphet Kotto als Sonny Mosby kommt zurück nach Somerset, um sich an jenem Cop zu rächen, der ihn einst als Kind halbtot prügelte – Worths nicht minder verabscheuungswürdigem Partner Bumpas (Arch Johnson). Dass Mosby die erste Möglichkeit, seinen lange herbeigesehnten Selbstjustizakt zu vollziehen, ungenutzt verstreichen lässt, wird sich später rächen und ein weiteres Mosaiksteinchen der kommenden, barbarischen Lynchjustiz sein.
Das Kausalgeflecht der Charaktere und Ereignisse sorgfältig und komplex ausrollend, verzichtet Wyler dennoch nicht auf manche, in Anbetracht seiner altehrwürdigen Regisseursintegrität überraschende Sleaze-Elemente, die man in dieser Form eher im zeitgenössischen Blaxploitation-Kino oder grundsätzlich Derberem wie Terence Youngs „The Klansman“ wähnen möchte. Auch diesbezüglich entsetzt „The Liberation Of L.B. Jones“ allenthalben. Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass dieses leider viel zu selten in Augenschein genommene Abschiedswerk einen der beständigsten, eminentesten und wichtigsten Filme zum Thema Rassismus darstellt, der im letzten Jahrtausend die Tore eines großen Hollywoodstudios passieren durfte. Mögen sich ihm noch viele Menschen aussetzen.

9/10

EDGE OF ETERNITY

„How’s it goin‘ along in the Old West?“

Edge Of Eternity (Der Mann aus Arizona) ~ USA 1959
Directed By: Don Siegel

Eigenartiges geschieht rund um eine Kleinstadt nahe des Grand Canyon, in der der von außerhalb stammende Les Martin (Cornel Wilde) seit Kurzem Deputy Sheriff ist: Zunächst wird ein Fremder (John Roy) – offenbar durch fremde Hand – erhängt in der Hütte des alten Eli Jones (Tom Fadden) aufgefunden; später gibt es noch weitere Mordopfer. Martin ermittelt fieberhaft in alle Richtungen, darunter in die der wohlhabenden Miner-Familie Kendon und auch in die eines Fledermaus-Guano-Bergwerks, in dem einer der Toten gearbeitet hat. Gemeinsam mit der hübschen Janice Kendon (Victoria Shaw) kann er schließlich die Identität des Schuldigen aufdecken.

Qualitätsarbeit aus der Werkstatt von Don Siegel, die sämtliche Attribute, die das Werk des großen Regieprofis auszeichnen, vortrefflich widerspiegelt. In nicht einmal 80 Erzählminuten, dafür in CinemaScope und feinstkörnigem Eastman Color fängt Siegel seine recht triviale Groschenroman-/Kriminalgeschichte ein und „nutzt“ den wenig ergiebigen Plot, um das Hauptaugenmerk auf die Inszenierung seiner wunderhübschen Arizona-Locations und einige großartig angelegte Actionsequenzen (darunter der früh vorhersehbare Showdown in einer über dem Abgrund hängenden Seilbahn) zu legen. Cornel Wilde, ein echter professional des alten Hollywood, war, ebenso wie etwa sein Kollege Victor Mature, zu dieser Zeit einer der besten und charismatischsten leading men, wenn es darum ging, knackige Genre-Ware zu liefern – so auch in „Edge Of Eternity“, der ihn als (karriere-)biographisch leicht angekratzten, jedoch grundsympathischen Helden zeigt, nach Möglichkeiten suchend, die alten Scharten endlich auszuwetzen. Wilde verlagerte sich ja bereits um diese Zeit selbst zögerlich auf die Regietätigkeit, wobei ihm einige interessante Arbeiten gelangen. Inwieweit er dabei (auch) von Siegels Könnerschaft gezehrt haben mag, wäre einmal interessant zu eruieren. Drumherum gibt es jedenfalls noch eine überaus vorteilhaft besetztes Ensemble, allen voran den bulligen Mickey Shaughnessy, der sich am Ende als Urheber des ganzen Schlammassels und zudem als waschechter Psychopath erweist, nachdem man ihn zuvor bereits als sympathischen Kneipier ins Herz geschlossen hatte. In seiner bravourös angelegten Figur manifestiert sich wiederum die Abgründigkeit, die zu den besten Siegel-Filmen gerade so unbedingt gehört wie das Eigelb in die cremig gerührte Mayonnaise.

8/10

THE IPCRESS FILE

„Do you always wear your glasses?“

The Ipcress File (Ipcress – Streng geheim) ~ UK 1965
Directed By: Sidney J. Furie

Um einen zuvor ermordeten Berufsgenossen zu ersetzen, wird der für den britischen Geheimdienst arbeitende Harry Palmer (Michael Caine), ein seiner Arbeit zwar pflichtbewusst, aber doch vergleichsweise lässig nachgehender Zeitgenosse, von seinem Vorgesetzten Ross (Guy Doleman) zu einer Observationsabteilung versetzt, der der reichlich verkniffene Major Dalby (Nigel Green) vorsteht. Palmer und seine neuen Kollegen erhalten den Auftrag, den zwielichtigen Grantby (Frank Gatliff) und seine rechte Hand Housemartin (Oliver MacGreevy) zu beschatten, die vermutlich in direktem Zusammenhang stehen mit der Entführung eines hochrangigen Atomphysikers (Aubrey Richards). Im Laufe seiner Ermittlungen stößt Palmer auf ein Tonband mit dem Begriff „Ipcress“. Auch der US-Geheimdienst schaltet sich ein und heftet sich an die Spuren Palmers, der bald selbst im Verdacht steht, mit dem Feind zu paktieren. Mehrere Männer aus Palmers Umfeld werden ermordet u d auch er selbst steht offenbar auf der Abschussliste. Schließlich wird Palmer persönlich entführt und begreift, was tatsächlich hinter „Ipcress“ steht – eine radikale Methode zur Gehirnwäsche, die von einer gegnerischen Macht eingesetzt wird, um westliche Wissenschaftler ihres Wissens zu entledigen…

Die Figur des Harry Palmer, ein Gegentwurf zum schillernden britischen Superspion James Bond, spielte Michael Caine zunächst in drei Filmen unterschiedlicher Regisseure und dann in der Mitte der neunziger Jahre nochmal in zwei TV-Fortsetzungen. Der Initialschuss „The Ipcress File“, die Adaption eines Romans von Len Deighton, versprach vor allem dem damals 32-jährigen Hauptdarsteller seinen Durchbruch als Filmstar zu verschaffen. Als eines der wenigen wirklich ernstzunehmenden Bond-spoofs (wobei jener Terminus an dieser Stelle eigentlich beträchtlich wackelt) hielt der Part des Harry Palmer tatsächlich einiges an mehrkanaligem Potenzial bereit – die Spionage-Arbeit wird hier als vornehmlich unglamouröses, dröges und oftmals bürokratielastiges Geschäft dargestellt, das sich zwar mitunter gefährlich ausnimmt, von den schillernden Jet-Settereien eines sich im Luxus nahezu sämtlicher maskuliner und weltlicher Verlockungen suhlenden 007 jedoch denkbar weit entfernt ist. Palmer ist ein Allerweltstyp von durchschnittlicher Intelligenz und Körperkraft, er hat ein stinknormales Appartement, kocht gern für sich selbst und kennt sich mit Dosen-Champignons aus. Um sich ausgiebig promiskuitiv zu verhalten, erhält er erst gar nicht die Gelegenheit und Brillenträger ist er außerdem – ein Held für den alltäglichen Gebrauch. Dennoch gibt es weiterreichende Verbindungen zumindest zum um diese Zeit bereits vier Filme starken Kino-Universum James Bonds; Harry Saltzman coproduzierte, Ken Adam designte die Sets, Peter Hunt besorgte den Schnitt und John Barry die Musik. Vor allem anhand der – wie gewohnt sagenhaften – Arbeit des Letzteren lassen sich allerdings gleichfalls sehr schön die Differenzen herauslesen. Während Barrys 007-Partituren häufig laut und bombastisch daherkommen, würde sein Palmer-Hauptthema in einem Bond-Film bestenfalls als Untermalung für eine Nebensequenz fungieren, in der der Protagonist irgendein Bürogebäude betritt. Auch Sidney J. Furies Inszenierung strotzt vor Vitalität und kunstvollen kleinen Arrangements, die ihre Entstehungsära wunderhübsch unterstreichen. Der nach wie vor aktive Kanadier Furie, um diese Zeit gewiss noch als hoffnungsvoller und durchweg anerkennenswerter Filmemacher zu bezeichnen, teilte ab den Achtzigern das Schickal anderer namhafter Kollegen seiner (und der Vorgänger-)Generation wie John Frankenheimer, Michael Winner, Richard Fleischer oder J. Lee Thompson – über den Umweg vergleichsweise niedrig budgetierter Genrefilme landete er als maßgeblicher Mitverursacher des kläglichen dritten „Superman“-Sequels irgendwann bei Cannon. In der Folge gab es dann noch vornehmlich wenig enthusiastisch beleumundete DTV-Produktionen, darunter zwei mit Dolph Lundgren, die ich just einmal rasch auf meine Watch-List gesetzt habe.

8/10

LA MANSIÓN DE LA NIEBLA

Zitat entfällt.

La Mansión De La Niebla (Das Haus im Nebel) ~ E/I 1972
Directed By: Francisco Lara Polop

Mehrere motorisierte Reisende sind mit unterschiedlichen Zielen in einer winterlichen, ruralen Gegend unterwegs. Bald verirren sich nächtens alle von ihnen in einem nebligen Tal und landen schließlich im abgelegenen Hause von Martha Clinton (Evelyn Stewart). Deren Domizil ist gesäumt mit abschreckenden Gemälden, die offenbar noch von ihrer vor Jahren verstorbenen Tante stammen, einer Hexe. Auch Vampire sollen in der Gegend ihr Unwesen getrieben haben. Der junge Motorradfahrer Fred (Andrés Resino) und die Tramperin Laura (Lisa Leonardi) glauben, dass sich ein ganz anderes Geheimnis hinter den Mauern des Gebäudes verbirgt und recherchieren in den Kellegewölben. Derweil ereilt den nervösen Mr. Porter (Franco Fantasia) ein Herzinfarkt…

Polops Regiedebüt entstand zu einer Zeit, da es dem mediterranen Genrekino ganz allgemein und dem spanischen Horrorfilm im Speziellen noch gestattet war, zu florieren. Dementsprechend stammen einige der wesentlichsten und denkwürdigsten Gattungsbeiträge aus jener Ära, so auch „La Mansión De La Niebla“. Dieser gibt sich zunächst den Anstrich eines übernatürlich kontextualisierten Gruselstücks mit Geistern und Vampiren, die nach den Berichten der Hauseignerin Mrs. Clinton (in der deutschen Synchronfassung mit stoischer Betonung der zweiten Namenssilbe) die Wiedergänger ihrer überreifen, toten Tante und deren Chauffeurs (José Luis Velasco) sein sollen. Wie so oft entpuppt sich der ganze, großarrangierte Mummenschanz bald als Miniverschwörung, deren einziges Ziel es ist, die reiche Elsa (Analía Gadé), der ihr gieriger Gatte Ernest (Alberto Dalbés) schon seit längerem überdrüssig ist, in den Wahnsinn zu treiben, auf dass der sinistre Ränkeschmied sich ihrer entledigen kann und der Weg zu ihrem Vermögen frei ist. Dummerweise bahnen sich – wie so oft – einige unbekannte Variablen ihren Weg in die Umsetzung des teuflischen Plans; zum einen drei ungeplante, weitere Gäste, zum anderen ein altes Trauma Elsas, dass aus einem tiefverwurzelten Hass gegen ihren verstorbenen Vater (George Rigaud) resultiert und sich im Finale in einem bösen Amoklauf Bahn bricht.
Polops Einflüsse, darunter Hammer, Bava und Aldrich, sind kaum zu übersehen und können auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass „La Mansión De La Niebla“ trotz immer wieder aufblitzender hübscher inszenatorischer Einfälle an einer umfänglichen Einfalt und dümmlichen Dialogen leidet, die eine tiefere Involvierung des Zuschauers ins Geschehen frontal torpedieren. Was bleibt, ist der Charme des Zeitkolorits und das Schmunzeln über das ebenso naive wie tapfere Selbstverständnis des Films, das seine latente Ironie zu einer zutiefst unfreiwilligen werden lässt.

5/10

KNIVES OUT

„It’s a weird case from the start.“

Knives Out ~ USA 2019
Directed By: Rian Johnson

Harlan Thrombey (Christopher Plummer), superfolgreicher Schriftsteller und wohlhabender Familienpatriarch, wird am Morgen nach seinem 85. Geburtstag tot aufgefunden. Was offenkundig und allen verfügbaren Indizien nach ein Suizid zu schein scheint, interpretiert der neben den ermittelnden Polizisten herbeigerufene Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) flugs als wohlfeil getarnten Mord. Obschon Blanc seinen Auftraggeber noch nicht kennt, ist ihm bereits nach den Kurzverhören von Thrombeys herumdrucksenden Sprösslingen und deren EhepartnerInnen klar, dass beinahe jede/r von ihnen ein hinreichendes Motiv hatte, den Alten um die Ecke zu bringen. Thrombeys junge Privatpflegerin und persönliche Vertraute Marta Cabrera (Ana de Armas) scheint der Schlüssel zur Lösung des Rätsels zu sein…

Ganz offensichtlich als Franchise-Starter angelegt, wird von Daniel Craig als Edelschnüffler Benoit Blanc in Kürze noch mehrfach zu sehen sein. Ein Sequel ist bereits jetzt in der Planungsphase und auf nicht eben unclevere Weise dazu angetan, Craigs dräuende Abkehr von James Bond abzufedern. Regisseur und Autor Rian Johnson jedenfalls hat die Figur als Hommage an klassische Privatdetektive, wie man sie vor allem von Agatha Christie her kennt, angelegt und ihr in diesem Zuge sogleich einen wohlklingenden französischen Namen Marke Hercule Poirot verehrt. Tatsächlich weckt das Konzept des Films recht unumwundene Assoziationen an die Poirot-Adaptionen mit Peter Ustinov, in denen der Ermittler und Bonvivant sich stets mit einem (initiierenden) Mordfall und einer Schar von prominenter Besetzung interpretierter Verdächtiger vor schickem Ambiente konfrontiert sah, von denen alle als potenzielle/r TäterIn in Frage kamen. „Whodunit“ nannte und nennt man bekanntermaßen derlei kriminalistische Verwirrspiele, in denen das Publikum auf Gedeih und Verderb die deduktiven Fähigkeiten des ihn leitenden Rätselknackers und die durch dessen inneres Auge zu sehenden Rückblenden angewiesen ist.
Nachdem Rian Johnson das vorletzte „Star Wars“-Epos inszeniert hatte und mit Sicherheit unter denkbar höchstem Liefer- und Erwartungsdruck gestanden haben wird, dürfte er sich mit dem vergleichsweise intimen „Knives Out“ ein hübsches, kleines Geschenk in eigener Sache verehrt haben. Sein mit einem überaus namhaften Ensemble ausgepolstertes, leichtfüßiges Genrestück steckt voller kleiner Drehbuchfinten, humoristischer Tangentiale und verwehrt sich ganz (selbst-)bewusst der in den letzten Jahren und Jahrzehnten florierenden, düsteren Serienkillerepen, indem er auf einen verschmitzten Detektiv (dessen genialisches Emittlerhirn allerdings weitgehend Behauptung bleibt und sich künftig noch erweisen muss) und eine sympathische Heldin setzt, deren reziprok-reaktionsaffines Bälle-Zuspiel ganz nebenbei als Empfehlung für den kommenden Bond-Film „No Time To Die“ fungieren darf. Die übrigen Stars spielen ihre Parts mit Lust und Verve. Vor allem dem ja schon seit längerem reaktivierten Don Johnson gönnt man seinen zweiten Frühling. Ansonsten ist Thrombeys New-England-Villa der heimliche Star des Films: Das Gebäude mit all seinem kosmopolitischen, überschwänglichem Ausstattungsfirlefanz und eklektischen Interieurs nebst Geheimfenster und Innenbüro ist ein das Auge zuckerndes Meisterstück architektonischer Designkunst.

7/10

LA CASA DELLA PAURA

Zitat entfällt.

La Casa Della Paura (Das Haus der Angst) ~ I 1974
Directed By: William Rose/Robert H. Oliver

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt kommt die junge, zuvor unschuldig wegen Drogendealerei verurteilte Margaret Bradley (Daniela Giordano) im Haus von Mrs. Grant (Giovanna Galletti) unter. Darin fühlt sie sich jedoch alles andere als wohl: Nicht nur dass die aufdringliche Gastwirtin einen sehr konservativen Gerechtigkeitssinn pflegt, gehen auch sonderbare Personen wie der mysteriöse Mr. Dreese (Raf Vallone) dort ein und aus und scheint auch Mrs. Grants Filius Frank (Angelo Infanti) nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Abhilfe verspricht der junge Amerikaner Jack (John Scanlon), der auf eigene Faust den angeblichen Suizid seiner Schwester nachspürt: Auch sie hatte zuvor bei Mrs. Grant gewohnt. Gemeinsam mit Jack kommt Margaret einer bizarren Glaubensvereinigung auf die Spur…

Dieser aus kognitiver Perspektive etwas bis ziemlich (je nach individueller Wohlmeinung) schwachbrüstige Italo-Exploiter könnte ebenso gut auch von Massimo Pupillo oder Renato Polselli stammen; ein paar wohlvertraute Ingredienzien aus Arbeiten dieser lustig zu Werke gehenden Filmemacher begegnen einem in „La Casa Della Paura“ nämlich wieder. So treibt ein geheimnisvoller, rotmaskierter Sadist sein Unwesen in einem alten Provinzgemäuer (s. „Il Boia Scarletto“), es wird sich garstiger Foltermethoden befleißigt und ein Muskelmann (diesmal Brad Harris anstelle von Mickey Hargitay) erhält einen prominenten Auftritt. Der Plot ist so obskur wie gnadenlos – eine Sekte alttestamentarisch belesener Selbstjustizler entführt vom rechten Wege abgekommene, junge Frauen und führt sie eigenmächtig und unter großem, allseitigen Hallo der nachträglich verordneten Todesstrafe zu. Welche Motive die fanatischen Beteiligten, allen voran den am Ende überraschungsvoll demaskierten Henker, umtreibt, bleibt derweil der Zuschauerphantasie überlassen. Damit das Ganze zumindest einen zeitgemäß-internationalen Touch erhält, verpasste man albernerweise sämtlichen Hauptrollen (vermeintlich) wohlklingende, amerikanische Namen und setzte ferner einen inhaltlichen Nebenstrang hinzu, der garantierte, dass der bärige Brad Harris und ein eilends hinzugeschalteter Kumpel am Ende als flotte Tagesretter mit ihrem Käfer angebraust kommen können, um der Sektenbrut mit gezielten Fausthieben den Garaus zu machen. Die Regie ist denn auch weniger beflissen oder gar ausgefallen denn vielmehr, sagen wir, „funktionalistisch“ geraten. Illuster in jedem Fall die weitere Besetzung, die neben der inhaltlich völlig redundant, aber immerhin hübsch frisiert eingeflochtenen Karin Schubert noch Hollywood-Veteran Frank Latimore als ungeschickten Enthüllungsjournalisten vorschützt, einen der vielen in Südeuropa gestrandeten US-Darsteller, die nach einer vielversprechend begonnen Karriere in Übersee hier ihr weiteres Auskommen fanden und erst nach dem großen Studioumbruch jenseits des Teichs wieder ihr US-amerikanisches Gnadenbrot einnehmen durften.

6/10

THE MULE

„I could buy everything, but I couldn’t buy time.“

The Mule ~ USA 2018
Directed By: Clint Eastwood

Eher durch ganz alltägliche Koinzidenz gerät der alte Blumenzüchter Earl Stone (Clint Eastwood) an die mexikanische Drogenmafia. Ein lukrativer Job, in dessen Zuge Earl nichts anderes zu tun hat, als mit seinem rostigen Pick-up eine Ladung Kokain von Texas nach Illinois zu transportieren und dort abzuliefern, lässt den rüstigen Rentner Blut lecken. Er wird zu einem „mule“, einem interstaatlichen Drogenkurier der mexikanischen Kartelle, der sich durch seine ruhige und unaufgeregte Art schon bald die Sympathie seiner Mittelsmänner sichern kann und immer mehr Geld verdient. Derweil kriselt es an allen sonstigen Fronten: Die DEA in Form des umtriebigen Agent Bates (Bradley Cooper) wird auf Earl aufmerksam und heftet sich an seine Fährte; die Beziehung Earls zu seiner Familie kriselt heftigst. Als ein Emporkömmling (Clifton Collins Jr.) aus der eigenen Organisation Earls obersten Boss, den Kartellchef Laton (Andy Garcia), aus dem Weg räumt, fangen Earls Schwierigkeiten jedoch erst richtig an.

Und erneut liefert der große alte Mann des amerikanischen Kinos ab, folgt seinem Stil als lakonischer auteur, der um sich selbst als Protagonisten immer noch die wahrscheinlich schönsten Storys inszeniert und vermag selbst als greiser 88-jähriger noch seine Anhängerschaft zu rühren, ohne sich Weinerlichkeiten hinzugeben. Den Vorschutz von lauter Aggressivität, wie ihn der oftmals wütende Eastwood der siebziger und achtziger Jahre noch befleißigte, ist längst passé und selbst ein paar unumgängliche Gewaltmomente, wie die Ermordung des druglord Laton oder eine Tracht Prügel, die Earl Stone von zwei mexikanischen Gorillas bezieht, spielen sich entweder in beinahe humoristisch geprägtem Kontext ab bzw. werden erst gar nicht onscreen dargestellt. Stattdessen frönt Eastwood ganz lässig jenem Topos, der ihn bereits seit rund drei Dekaden und mit zunehmender Vehemenz vornehmlich umtreibt – der Melancholie des würdevollen Alterns. Auch das damit eng verbundene Motiv der entfremdeten Familie, die über die Jahre hinweg zum Opfer des autobiographisch in der Hauptsache mit sich selbst und seinen Angelegenheiten befassten, alternden Eigenbrötlers wird, geriert erneut zum wesentlichen Stoff von Eastwoods nach wie vor uramerikanischer Geschichtsschreiberei. Earl Stone ist alles andere als ein Mensch mit kriminellem Potenzial. Vielmehr möchte man ihn als typischen Südstaatensenior vom alten Schlag – Korea-Veteran, Charmeur, leidenschaftlicher Blumenfreund und eben lausiger Familienvater, der er ist – bezeichnen, einen, der Afroamerikaner noch so unbedarft wie freundlich als „negroes“ anspricht und den die vergessene Hochzeit seiner Tochter (Alison Eastwood) zugunsten des Besuchs einer Blumenmesse auch deren letzte Sympathien kostet. Der Einsatz seiner realen Tochter in dieser Rolle spricht Bände. Zwölf Jahre später hat der Online-Handel den hoffnungslos technikfremden Ewiggestrigen, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Internet und Mobiltelefone schimpft, in den Ruin getrieben. Hier setzt dann der Kernplot ein, der Earl Stone als zumindest geistig noch wendigen Lebenskünstler zeigt, der sich von dem Geld für seine Koksfahrten noch ein paar schöne Dinge gönnt. Wie zuletzt stets befleißigt sich Eastwood aufs Neue der treuen Weise „the best stories are written by life itself“ und erzählt die wahre Geschichte des Horikulturisten und Drogenkuriers Leo Sharp nach, der über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg quer durch die USA Kokain für das Sinaloa-Kartell transportierte und mit 87 Jahren verhaftet wurde. Nach einem Jahr der abzusitzenden Strafe wurde der nette, alte Herr wieder entlassen und starb dann wiederum zwei Jahre später. Seinen Film lässt Eastwood nicht mit dem Tod des Protagonisten enden. Er zeigt seinen Earl Stone vielmehr da, wo er glücklicher nicht sein könnte – bei der Blumenhege. Dass dieser sich dabei im Knast befindet, trübt seine sympathische Geschichte keinesfalls ein, im Gegenteil. Der Mythos darf vielmehr noch ein paar Jahre weiterleben.

8/10