LE CHOIX DES ARMES

Zitat entfällt.

Le Choix Des Armes (Wahl der Waffen) ~ F 1981
Directed By: Alain Corneau

Zwei Verbrecher, der junge, soziopathische Mickey (Gérard Depardieu) und der alternde Serge Oivier (Pierre Forget), brechen aus dem Gefängnis aus. Nachdem Mickeys heroinsüchtiger Kumpel Ricky (Jean-Claude Dauphin) sie verrät, wird Serge durch eine Kugel schwer verletzt. Unterschlupf finden sie auf dem Gestüt des alternden Noel Durieux (Yves Montand), einst selbst eine Unterweltgröße, die sich jedoch schon vor längerer Zeit mit Gattin Nicole (Catherine Deneuve) zur Ruhe gesetzt hat. Serge stirbt bald darauf und Mickey ist nicht Willens, Noels weitere Unterstützung anzunehmen. Vielmehr empfindet er dessen stoischen, altersweisen Gestus als Provokation und kehrt zurück nach Paris, um sich selbst durchzuschlagen und seiner kleinen, unehelichen Tochter nahe sein zu können. Den impulsiven Nachwuchspolizisten Sarlat (Gérard Lanvin) stets auf den Fersen, führt eine Kette unglücklicher Umstände dazu, dass der Konflikt zwischen Mickey und Noel sich immer weiter verschärft, bis es zur Katastrophe kommt…

Corneaus 81er Polar ist ein vergleichsweise spät entstandenes Schmuckstück des Genres, das gewissermaßen eine Schnittstelle zwischen dem altehrwürdigen Gangsterfilm von Veteranen wie Melville, Clement oder Jacques Becker und den realitätsverpflichteten, asphaltglitzernden Beiträgen des aufdämmernden Jahrzehnts darstellt. Auf der einen Seite gibt es da die ergrauten Ganoven von einst, denen, obschon teilweise inaktiv, Ehrbegriffe und Freundschaftskodizes über alles gehen und die immer zur Stelle sind, wenn ihre Unterstützung vonnöten ist. Dazu zählen neben dem zu Beginn eingeführten Serge Olivier und Noel Durieux auch deren partenaires en crime Jean (Christian Marquand) und Roland (Etienne Chicot), mit Verstecken und geheimen Waffenarsenalen nach wie vor bestens organisiert. Auf Mickeys Seite stehen ein paar verlotterte, eher trottelige Jugendfreunde aus den Banliueues; Junkie Ricky oder der kleine Gelegenheitsgauner Dany (Richard Anconina). Vor zwanzig, dreißig Jahren hätte ein Typ wie Mickey Noel höchstens ein kurzes Lächeln gekostet, heute, da er der Gewalt abgeschworen hat und sich gerade mit dem Gedanken trägt, mit Nicole nach Irland zu migrieren, treibt er ihm Sorgenfalten auf die Stirn. Die endgültige Dysbalance ruft schließlich Mickeys auf der anderen Gesetzesseite stehendes Pendant Sarlat hervor. Nicht zuletzt durch dessen Ungeduld und stete Weigerung, die althergebrachten Arrangements zwischen Polizei und Unterwelt zu akzeptieren, eskaliert der Konflikt. Menschen und Pläne bleiben auf der Strecke, doch eine höchst unerwartete, neue Konstellation sorgt bei aller Tragik am Ende für neue Hoffnung und Erlösung. Corneau gewährt uns und seinem Helden Durieux einen Notausgang aus der zuvor dick getünchten Nachtschwärze. Dafür darf man ihm und seinem formidablen Film dankbar sein.

9/10

LA TRAQUE

„Help!“

La Traque ~ F/I 1975
Directed By: Serge Leroy

Die an der Uni von Caen tätige Engländerin Helen Wells (Mimsy Farmer) plant, sich für ein paar Herbsttage auf ein entlegenes Grundstück in der Normandie zurückzuziehen. Ihre Ankunft vor Ort fällt auf ein Treibjagdwochenende, zu dem der wohlhabende Pächter Sutter (Michael Lonsdale) eingeladen hat. Zu dessen ausschließlich männlichen Gästen zählen auch die rüpelhaften Danville-Brüder Albert (Jean-Pierre Marielle) und Paul (Philippe Léotard), die sogleich ein Auge auf Helen werfen. Als sie ihnen bei einem Spaziergang im Wald begegnet, vergewaltigt Paul die junge Frau mithilfe Alberts. Eine kurz darauf stattfindende, weitere Begegnung mit der angsterfüllten Helen endet für Paul mit einer Gewehrkugel im Bauch. Stillschweigend und unausgesprochen beschließt der Jagdtross, einen Skandal zu vermeiden. Das bedeutet, dass Helen verschwinden muss…

Im neowoken Zeitalter von #MeToo kommt die Wiederentdeckung von Serge Leroys „La Traque“ gewissermaßen der Hebung eines kleinen, vergessenen Schatzes galliger, filmischer Gesellschaftskritik gleich. Fast gänzlich ohne die explotativen Elemente zeitgenössischer, wütend-berüchtiger Rape-&-Revenge-Filme wie Cravens „The Last House On The Left“, Lados quasi-analogem „L’Ultimo Treno Della Notte“, Collinsons „Open Season“ oder Zarchis „I Spit On Your Grave“ auskommend, gleicht Leroys Drama eher einer bitterbösen Sozialstudie inmitten ähnlich konnotierter Arbeiten von Chabrol oder Buñuel, dabei jedoch ohne den Einsatz stilistischer Extravaganzen oder Surrealismen. Vielmehr erzählt Leroy so straight, irden und schmucklos wie irgend möglich vom heimlichen Überleben ruraler Feudalismusstrukturen in der französischen Provinz, die, geprägt von einem gleichermaßen ständischen wie maskulinem Selbstverständis, bis in die Gegenwart reichen und ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Die Jagdgesellschaft besteht ausschließlich aus wohlhabenden Männern mittleren Alters, deren heimlicher Kopf mit David Sutter zugleich der Reichste und gesellschaftlich Höchststehende von ihnen ist. Doch auch der Rest der Gruppe hat ihre wohlfeil zugewiesenen Plätze – Mansart (Jean-Luc Bideau), aufstrebender Lokalpolitiker ist einerseits von der Gunst Sutters abhängig setzt ihm auf der anderen Seite jedoch Hörner mit dessen Frau Françoise (Françoise Brion) auf; der alternde Rollin (Paul Crauchet) sucht als trockener Alkoholiker, der einst eine schwere, ungesühnte Bürde auf sich geladen hat, sein Heil im Katholizismus; für Kriegsveteran Nimier (Michel Constantin) gehen Ehrenkodex und Gruppenzusammenhalt über alles; der nervöse, unbeholfene Chamond (Michel Robin) gilt dem Rest eher als Spottzielscheibe. Aufseher Maurois (Gérard Darrieu) gibt ganz den untertänigen Knecht. Die Danvilles schließlich, ihres Zeichens Altmetallhändler, wissen um jeden Dreck, den die Übrigen am Stecken haben und vervollständigen als laut krakeelende Proletarier das durchweg unsympathische Kränzchen. Wie ein unangepasster Fremdkörper platzt die zierliche Britin Helen in diesen festgefahrenen Mannesfilz, wird gnadenlos missbraucht, gejagt und ausgespien. Dass weder Moral noch irgendeine andere Form von Gerechtigkeit soweit ab von der Zivilisiertheit der Großstadt einen Platz haben kann oder gar darf, wird auch im Gefüge des vom Script sorgfältig aufgebauten Personengefüges rasch offenbar – der als Opfer eines übermächtigen Mikrokosmos designierten Helen Wells werden weder Gnade, noch Flucht oder gar Gegenwehr zuteil.

8/10

MALICE

„You want something done right, you call a teacher.“

Malice ~ USA 1993
Directed By: Harold Becker

Grundschullehrerin Tracy (Nicole Kidman) und ihr Gatte, College-Dozent Andy Safian (Bill Pullman), versuchen, sich, wenngleich nicht sonderlich wohlhabend, als junges Ehepaar gemeinsam eine solide Existenz in einem kleinen Städtchen Massachusetts aufzubauen. Einzig ihr Kinderwunsch mochte sich bislang noch nicht erfüllen. Zudem trübt sich das junge Glück dergestalt, dass ein verrückter Serientäter junge Studentinnen angreift und teilweise ermordet. Als jedoch ein früherer Highschool-Mitschüler von Andy, der mittlerweile als höchst renommiert geltende Chirurg und Filou Jed Hill (Alec Baldwin), sich in ihrem Haus als Untermieter einnistet, beginnt das eigentliche Unglück. Tracy, die seit längerem unter starken Unterleibsschmerzen leidet, muss eines Nachts von Hill notoperiert werden. Der Eingriff resultiert in einer unfreiwilligen Sterilisation Tracys, die daraufhin das Krankenhaus erfolgreich auf hohen Schadenersatz verklagt und Andy gekränkt verlässt. Doch dieser gibt sich mit dem frustrierenden Ausgang der Dinge nicht zufrieden, zumal er feststellt, dass sich einiges an der ganzen Angelegenheit als höchst nebulös entpuppt. Er sucht Tracys früheren Frauenarzt auf und erlebt eine herbe Überraschung…

„Malice“ ist eine schicke, oberflächenglänzende Noir-Variation, wie es sie in der ersten Hälfte der Neunziger zu Dutzenden gibt – ein aus ausschließlich hochbefähigten professionals bestehendes Team hinter und vor der Kamera garantiert für Krimi-Kurzweil ohne jedwede Nachhaltigkeit. Der nach Rob Reiners lehrbuchmäßig gescriptetem „A Few Good Men“ just reüssierende Aaron Sorkin verfasste hierfür sein zweites Drehbuch, Regisseur Harold Becker hatte seine Qualitäten unter anderem durch drei hervorragende Polizeifilme, zwei davon nach Joseph Wambaugh, unter Beweis stellen können. Der Score mit einigem Wiedererkennungswert geht auf das Kerbholz eines wie zumeist brillanten Jerry Goldsmith und Gordon Willis, ein Schlüssel-dp New Hollywoods, photographierte das Ganze. Ein Trio aufstrebender, gut aussehender Jungstars, darunter Nicole Kidman auf dem peak ihrer sexyness, dürfte derweil ein größeres Publikum attrahiert haben, derweil ihr Support aus einer Mischung von Altstars (Anne Bancroft, George C. Scott) in Kleinstrollen sowie frischen Gesichtern mit Zukunftspotenzial (Gwyneth Paltrow, Tobin Bell) bestand. Dass ein solch gerüttelt Maß an Hollywood-Power einen dennoch bestenfalls mediokren Film zuwege brachte, dürfte unter anderem ein Indiz für die Irrwege jener oftmals lust- und motivationslos werkelnden Studioära sein, die – oftmals verzweifelt – versuchte, mit Serienkiller- und/oder Erotikthrillern eine sich rasch totlaufende Genrenische zu bedienen. „Malice“ lebt zuvorderst von seinem selbstberauscht-„genialen“ Twist, der Jed und Tracy als couple fatal offenbart, dass einen siebenstelligen Millionenbetrag absahnen und damit durchbrennen will, derweil der brave, moralisch intakte Uni-Professor mit ausgebeulten Cordhosen und herausgerissenem Herzen in die Röhre gucken soll.
Eine Storyklitsche, die, mit Ausnahme ihrer perfiden Durchführung vielleicht, wahrhaftig kein kriminalistisches Neuland aufzubieten weiß. Damit nicht genug baut Sorkin zur Streckung der Spielzeit einen überkandidelten Subplot um besagten Mörder ein, als welcher sich Campus-Hausmeister Tobin Bell mit mehreren lockeren Schrauben entpuppt. Jener wird natürlich um die Mitte des Plots von Andy entlarvt und gestellt, derweil die ganze Sache im Prinzip bloß die eine Funktion hat, eine bedeutsame Spermaprobe hervorzuzaubern. Bei aller Konstruktionsfreude lässt Sorkin es auf der anderen Seite immer wieder an Schlüssigkeit und Logik vermissen, was schlussendlich für ein geradezu ärgerlich anmutendes Missverhältnis der Dinge sorgt.

5/10

LA PISCINE

Zitat entfällt.

La Piscine (Der Swimmingpool) ~ F/I 1969
Directed By: Jacques Deray

Marianne (Romy Schneider) und Jean-Paul (Alain Delon), ein junges Paar, verlebt den Sommerurlaub nahe Saint-Tropez in einem luxuriösen Haus mit großzügigem Swimmingpool. Der müßige, harmonische Ferienalltag hat ein jähes Ende, als Musikproduzent und Lebemann Harry (Maurice Ronet) gemeinsam mit seiner backfischigen Tochter Pénélope (Jane Birkin) auftaucht. Harry war einst mit Marianne liiert und mit Jean-Paul befreundet, bevor diese ihre romantische Beziehung begonnen. Von Pénélope wussten beide nichts. Das etwas stoffelige, aber hübsche Mädchen zieht rasch Jean-Pauls Aufmerksamkeit und Begierde auf sich, umso unpassender Mariannes Idee, Vater und Tochter zum Bleiben einzuladen. In den nächsten Tagen kochen allmählich die alten Konflikte wieder hoch, die darin kulminieren, dass Jean-Paul mit Pénélope schläft. Im Zuge des daraus resultierenden Streits ertränkt Jean-Paul den stark alkoholisierten Harry im Pool und versucht hernach, das Ganze nach einem Unfall aussehen zu lassen. Der hartnäckig in der Sache ermittelnde Polizist (Paul Crauchet) sät jedoch alsbald Zweifel bei Marianne, die schließlich die Wahrheit ahnt…

Getting away with murder: Jacques Derays neo noir, ironischerweise ein sonnendurchflutetes, mit sanfter Erotik versetztes Kriminaldrama, das Romy Schneiders letzte Karrierephase einleiten und entscheidend prägen sollte, genießt heute einen deutlich besseren Ruf als zur Zeit seiner Erstaufführung. Seine Spannung bezieht der Film aus der sich verdichtenden Viererkonstellation, die erst nach und nach ihre Untiefen und Risse offenbart. Allein die Tatsache, dass Harry mit seinem schicken Maserati und seiner noch schickeren Tochter insgeheim bloß deshalb vor Ort erscheint, um seinem ehemaligen, heuer tief verhassten Freund Jean-Paul zu imponieren und möglicherweise nochmal einen Stich bei Marianne landen zu können, sorgt für die Anbahnung einer Katastrophe – ohne ihre Anwesenheit wäre der Sommer des Paares deutlich geebneter verlaufen. Zwischen Jean-Paul und Marianne stimmt soweit alles – ihre jeweiligen Qualitäten als Autor bzw. Journalistin müssen zwar unter zeitweiligen Blockaden und Unispiriertheiten leiden, dafür sind sie tief verliebt und harmonieren auch sexuell. Dass Jean-Paul zur Promiskuität neigt, weiß Marianne; ein stilles agreement sorgt jedoch dafür, dass sie sich vom libertinen Nachtleben Saint-Tropez‘ fernhalten und somit nichts Belastendes geschehen kann. Mit dem ebenso lauten wie narzisstischzen Harry ändert sich all das – plötzlich ist das Haus abends voller Gäste, Harry flirtet offen mit Marianne und Jean-Pauls stille Abscheu hinsichtlich des unerwünschten Gastes steigert sich ins Unermessliche. Seine ultimative Quittung wider Harry erfüllt sich schließlich mit der Verführung Pénélopes, gefolgt von der in ihrem Ablauf relativ sadistischen Ermordung Harrys. Jean-Pauls zutiefst abgründiger Charakter bricht sich entfesselt Bahn; eine Entwicklung, die auch Marianne bald registrieren muss. Dennoch endet „La Piscine“ ebenso romantisch wie unbequem: Marianne verzichtet trotz der mittlerweile erfolgten Gewissheit um seine Schuld darauf, Paul anzuzeigen, versucht zunächst, ihn zu verlassen, muss sich schließlich jedoch eingestehen, dass sie ihm verfallen ist und bleibt bei ihm.
Man sollte dem südfranzösischen Flair des Films mit seiner Affinität zur leichtlebigen Côte-d’Azur-Bohéme und dem exaltierten Savoir-vivre der ausgehenden Sechziger wohl schon zugetan sein, um sich mit Derays in jeder Hinsicht gedrosseltem Tempo (selbst die – zugegeben etwas unglaubwürdig inszenierte – Mordszene lässt sich unendlich Zeit) arrangieren zu können. Dann jedoch vermögen flirrende Sommerhitze und schwitzige Emotionalität den Gusto des entsprechend zugetanen Betrachters anzusprechen.

8/10

THE WHOLE NINE YARDS

„Everyone dies. Sooner or later.“

The Whole Nine Yards (Keine halben Sachen) ~ USA 2000
Directed By: Jonathan Lynn

Nicholas „Oz“ Oseransky (Matthew Perry) lebt mit seiner Gattin Sophie (Rosanna Arquette) in einem gepflegten Vorort Montreals, wo er eine Zahnarztpraxis betreibt. Sophie und Oz hassen sich leidenschaftlich und sie will nurmehr möglichst viel bei ihm abstauben, wozu ihr scheinbar jedes Mittel recht ist. Als eines Tages neben den Oseranskys der bekannte Profikiller Jimmy „The Tulip“ Tudeski (Bruce Willis) einzieht, verschärft sich die Situation noch: Sophie überredet Oz, nach Chicago zu fliegen, um dort Tudeskis Erzfeind, den ungarischstämmigen Gangsterboss Janni Gogolak (Kevin Pollak), über dessen Aufenthaltsort zu informieren, versucht im Gegenzug jedoch, Tudeski anzuheuern, um Oz umzulegen. In Chicago lernt Oz nicht nur Gogolak und Tudeskis Berufsgenossen Frankie Figs (Michael Clarke Duncan) kennen, sondern auch Jimmys Noch-Gattin Cynthia (Natasha Henstridge), in die er sich Hals über Kopf verliebt. Zurück in Kanada gibt es noch einige weitere Überraschungen und manch bleihaltige Auseinandersetzung.

Der Einfluss von Tarantinos zynischem Killergestus, in dessen Gefolge sehr rasch alles salonfähig wurde, was schießwütige Gesellen mit flotten Sprüchen anbetraf, die ihre Gegner und/ oder Konkurrenz mit kaum mehr emotionaler Regung denn der eines müden Lächelns von der Platte putzten, war durch die gesamten neunziger Jahre hindurch omnipräsent und ließ auch darüber hinaus noch manchen Trieb sprießen. Jonathan Lynns „The Whole Nine Yards“ zählt zu jenem losen Dunstkreis und nimmt in mit Bruce Willis und Rosanna Arquette gleich noch zwei Ensemble-Mitglieder aus „Pulp Fiction“ zu sich hinüber, deren Figuren mit ein wenig Phantasie sogar leicht verzerrte Weiterführungen ihrer dort gespielten Charaktere abgeben könnten. Vor allem stellt Lynn aber seine Affinität für die Photographie schöner Frauen unter Beweis: neben der erwähnten Natasha Henstridge, deren Zeit im ganz großen Scheinwerferlicht ja nicht eben lange währte, kommt noch die wirklich bezaubernde Amanda Peet als Nachwuchskillerin Jill hinzu, die sich ganz besonderer Verwirrungstaktiken befleißigt. Die Besetzung spielt denn auch durchweg so charmant wie gut aufgelegt und bekommt einige wirklich komische Szenen zustande. Die Qualität der Inszenierung ist indes allerdings kaum der Rede wert und verharrt in etwa auf dem Niveau gängiger TV-Produktionen dieser Zeit. Alles daran wirkt routiniert, schematisch und überraschungsarm. Selbst die Farbdramaturgie präsentiert sich unattraktiv bis fade, fahl und seltsam verwachsen, was dem Gesamtresultat mit seinem oftmals knalligem Humor alles andere als in die Karten spielt. Eigentlich schade, dass man diese Grätsche zwischen unbeteiligter Gestaltungsform und witzigem Script hinzunehmen gezwungen ist – „The Whole Nine Yards“ hätte rückblickend einen noch sehr viel sehenswerteren Film abgeben können.

6/10

HOUSE OF GUCCI

„Quality is remembered long after price is forgotten.“

House Of Gucci ~ USA/CA 2021
Directed By: Ridley Scott

Mailand 1978: Auf einer Party lernt die dem gehobenen Arbeitermilieu entstammende Patrizia Reggiani (Lady Gaga) Maurizio Gucci (Adam Driver) kennen, den Jura studierenden Sohn des zur Hälfte an der berühmten Modemarke anteilhabenden Witwers Rodolfo Gucci (Jeremy Irons). Gegen den Willen seines Vaters heiratet Maurizio die Emporkömmlingin, die sich ihren Weg in die familiäre Schaltzentrale über Maurizios Onkel Aldo (Al Pacino) fräst, dessen eigener Sohn Paolo (Jared Leto) so ganz und gar nicht Aldos Vorstellungen eines fähigen Unternehmenserben entspricht. Patrizia beginnt, nach und nach ihre neue Machtposition auszuspielen und treibt schwere Keile in den familiären Zusammenhalt. Als sich Maurizio von Patrizia scheiden lässt, greift diese zu radikaler Gegenwehr…

Nachdem er sich mit „All The Money In The World“ bereits einer anderen sich aufreibenden Hochfinanz-Dynastie gewidmet hatte, nimmt Ridley Scott sich in „House Of Gucci“ der Geschichte um den Mord an Maurizio Gucci an, der am 27. März 1995 von einem zunächst unbekannten Attentäter erschossen wurde. Den daraus resultierenden, aus mehrerlei Gründen schönen „House Of Gucci“, inszeniert Scott mit leichter Hand und schwerer Ironie. Seine vier männlichen Guccis Maurizio und Rodolfo, vor allem aber Paolo und Aldo, gerieren sich als exzentrische Paradiesvögel zwischen pseudoaristokratischem Hochmut und exaltierter Pose, die das dazugehörige Darstellerquartett mittels hinreißenden Overactings darbietet. Als hätte man sich ganz bewusst abgesprochen, versuchen sich insbesondere Pacino und Leto unter ihrem irren Makeup in campiger Larmoyanz gegenseitig zu überflügeln, ein Duell, das der ungebrochen formidable New-Hollywood-Veteran freilich souverän für sich entscheidet. Die wahre interpretatorische Offenbarung ist jedoch Lady Gaga, die ich erstmals in dieser Position wahrnehmen durfte. Für die ungebildete, etwas bauernschlaue, aber über die Maßen selbstbewusste Intrigantin dürfte sie sich ein Beispiel an Joan Collins‘ legendärer „Dynasty“-Rolle der Alexis Carrington genommen haben, bekanntermaßen einer bedarfsweise zur Furie werdenden Hexe. Zwischen Leidenschaft und Boshaftigkeit oszillierend macht sie insbesondere dem beeinflussbaren Maurizio mittelbar das Leben schwer, indem sie ihn als ihr heimliches Machtinstrument missbraucht. Die überfällige Quittung lässt sie sich im Gegenzug allerdings nicht gefallen.
„House Of Gucci“ erinnert mich geradezu frappierend an die Schlag auf Schlag entstandenen, etwas in Vergessenheit geratenen, obschon starbesetzten Familienepen der Spätsiebziger wie Thompsons „The Greek Tycoon“, Youngs „Bloodline“ oder Richerts „Winter Kills“, die sich allesamt nicht scheuten, die alte Weise von sich selbst korrumpierender, intrafamiliärer Dekadenz in adäquat luxuriöse Breitbilder zu kleiden und dabei Storys zu erzählen, die sich dramaturgisch betrachtet zwar auf dem deterministischen Niveau eines Groschenromans bewegten, sich den Lebensrealitäten ihrer mal mehr, mal weniger heimlichen Vorbilder jedoch stets auf Haaresbreite annäherten. Exakt deren voluminösen Gestus greift Scott ganz unverhohlen wieder auf und schüttelt damit wie beiläufig großes Kino aus dem Ärmel. Analog zu seinen mitunter stoffeligen Ahnherren nimmt sich jedoch auch „House Of Gucci“ nicht ganz perfekt aus. Lässlicher- und mir unverständlicherweise hapert es an Details: Das Script missachtet etwa die authentische Chronologie (Reggiani und Gucci hatten sich bereits sechs Jahre zuvor verheiratet und waren nach New York gegangen) und die ansonsten durchaus gelungene Auswahl der Musikstücke purzelt ebenfalls schwer durcheinander. So löst etwa „Paid In Full“ von Eric B. & Rakim New Orders „Blue Monday“ als Hintergrundmusik ab bei einer 1983 stattfindenen Versace-Modenschau. Derlei Beispiele gibt es noch einige mehr, wobei etliche davon mir gewiss (noch) gar nicht aufgefallen sind. Andererseits ist Scott kein Scorsese und entbehrt auch dessen perfektionistische Detailvesessenheit, was auch gut so ist. Ja, „House Of Gucci“ bietet kaum verhohlenen, lustvollen Camp und ich finde es erfreulich, dass es das anno 2021 noch gibt.

8/10

THE ORGANIZATION

„God may help these poor bastards who did it.“

The Organization (Die Organisation) ~ USA 1971
Directed By: Don Medford

Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) untersucht den Mord am Manager eines als Fassade für einen global operierenden Heroinvertriebsring fungierenden Teppich-Import-Unternehmens. Kaum dass er den Tatort begutachtet hat, nimmt eine mehrköpfige Gruppe junger Revoluzzer Kontakt zu Tibbs auf: Mit dem Tod des Geschäftsführers habe man nichts zu tun, dafür jedoch mehrere Kilo des Rauschgifts aus dem Firmensafe entwendet. Tibbs lässt sich entgegen seiner üblichen Vorgehensweise überreden, inoffiziell mit den jungen Leuten, die allesamt eine persönliche Agenda gegen den Drogenhandel vorschützen, zusammenarbeiten, um an die wahren Mörder zu kommen. Doch die mächtige Organisation hinter dem schmutzigen Geschäft kennt keinerlei Skrupel.

Sein dritter und letzter Kinofall führte Virgil Tibbs in die Halbwelt des drug traffic, in der jeder der Beteiligten sich sein eigenes Stück vom großen Opiatkuchen sichern möchte. Eher umständlich und emotional wenig involvierend erzählt, darf der Zuschauer den diesmal ausnahmsweise seine Kompetenzen überschreitenden Tibbs dabei begleiten, wie er sich nach und nach ein kompaktes Bild der gegnerischen Übermacht verschafft und am Ende scheitern muss – als kleiner Bulle aus San Francisco kann er nichts gegen das bestens vernetzte Kartell unternehmen, das sich sämtlicher empfindlicher Störfaktoren brutal und vor allem endgültig zu entledigen pflegt. Einen kleinen Fahndungserfolg, dem sogar eine zwischenzeitliche Suspendierung vorausgeht, kann Tibbs zwar verbuchen [er findet heraus, dass die Witwe (Sheree North) eines ermordeten Wachmanns (Charles H. Gray) als Verteilerin arbeitet und kann sie nötigen, die beiden Vertreter der Organisation vor Ort zu denunzieren], doch die hitmen des Kartells arbeiten gründlich. Schlussendlich steht Tibbs nurmehr mit Leichen da. Die bittere Erkenntnis, nichts wirklich Fruchtbares gegen organisierte Kriminalität ausrichten zu können, führt die Trilogie noch etwas tiefer in den nüchternen Fatalismus der frühen siebziger Jahre – im „Dirty Harry“-Jahr 1971 muss sich auch der üblicherweise unbeugsame Detective Tibbs eingestehen, dass jedweder persönlicher Idealismus nurmehr an den Mechanismen des internationalen Drogenhandels scheitern kann. Ein recht unbequemer Schlusspunkt für die kurze Leinwandkarriere von Poitiers liebenswerter Figur, wobei der sich parallel dazu einstellende, serielle Charakter von Medfords Inszenierung gleichfalls den Schluss zulässt, dass es fraglich ist, ob Tibbs‘ Typologie überhaupt noch hinreichendes Potential für weitere Fortsetzungen aufzuweisen gehabt hätte. Sein Sohn Andy (George Spell) ist mittlerweile Pfadfinder und somit wohl endgültig eingebordet im Sinne einer konservativen Erziehung und auch sonst gibt es aus Tibbs‘ Privat- und Familienleben kaum mehr Aufregendes zu berichten. „The Organization“ lässt sich, zumindest unter historischer Perspektive, zwar noch immer als solider Polizeifilm seiner Ära goutieren, nimmt sich jedoch vergleichsweise müde und desinteressiert aus. Routine, wie ein unauffälliger Tag im Polizeibüro.

5/10

THEY CALL ME MISTER TIBBS!

„A case is never solved until a judge says it is.“

They Call Me Mister Tibbs! (Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs) ~ USA 1970
Directed By: Gordon Douglas

Die junge Prostituierte Joy Sturges (Linda Towne) ist in ihrem Appartment erschlagen worden. Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) vom SFPD wird mit dem Fall betraut. Ein anonymer Anrufer, hinter dessen Identität sich der schmierige, halbseidene Hausbewohner Rice Weedon (Anthony Zerbe) verbirgt, behauptet gegenüber der Polizei, Tibbs‘ Freund, den auch politisch engagierten, liberalen Reverend Logan Sharpe (Martin Landau) in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben. Dieser versichert Tibbs, mitten im Endspurt eines Wahlkampfes steckend, die Ermordete zwar gut gekannt, mit ihrem Tod jedoch nichts zu tun zu haben. Tibbs ermittelt dennoch in alle Richtungen, derweil ihm privat sein renitenter Sohn Andy (George Spell) zunehmende Sorgen bereitet…

Drei Jahre nach Norman Jewisons ausgezeichnetem Südstaaten-Polizeifilm „In The Heat Of The Night“ schlüpfte Sidney Poitier erneut in die Rolle des so überaus nüchtern agierenden Ermittlers Virgil Tibbs. Das archaische Milieu des ewig gestrigen Südens hinter sich lassend, hat der stets besonnene Detective sein Einsatzgebiet nunmehr in der Westküsten-/Hippie-Metropole San Francisco, in der Rassismus und Segregation zumindest keine wesentliche Alltagsrolle mehr bekleiden. Analog dazu weicht Quincy Jones‘ vormals bluesige, schwitzige Musik zeitgenössischeren Funk- und Soul-Klängen. Zumindest Tibbs‘ unverwechselbarer Charakter wird jedoch aus dem Orginal mit herübergetragen; Professionalität und Ratio prägen nicht nur seinen beruflichen Werdegang, sondern erschweren ihm auch den Umgang mit den Wogen des Lebens. Filius Andy, just in einer unleidigen Sturm- und Drang-Phase, versucht mit allen Mitteln, sich von der elterlichen Autorität zu emanzipieren, was allenthalben zu scharfen Vater-/Sohn-Konflikten führt und Tibbs seine ohnehin schwierigen Untersuchungen nicht eben erleichtert. Bezeichnenderweise ist die dramaturgisch mit Abstand stärkste Szene jene, in der Tibbs zu einer drakonischen Erziehungsmaßnahme greift und daran selbst verzweifelt.
Der ein berühmtes Dialogzitat des Vorgängers titulär aufgreifende „They Call Me Mister Tibbs!“ hat trotz der versierten Inszenierung Gordon Douglas‘ nicht mehr den durchschlagenden Impact von „In The Heat Of The Night“, der seine historische Geltung nicht nur als wesentlicher Markstein des antirassistischen Films hält, sondern auch dem buddy movie unerlässliche Impulse verlieh. Douglas‘ gediegene Arbeit bietet derweil nicht mehr und nicht weniger als einen für seine Ära weitgehend repräsentativen Polizeifilm, der zwischen Peter Yates‘ „Bullitt“ und Don Siegels „Dirty Harry“ einen weiteren unbestechlichen San-Francisco-Cop bei der protagonistischen Arbeit zeigt, der im Vergleich zu seinen archetypischen „Kollegen“ allerdings eine weitaus ehernere Systemtreue an den Tag legt und – unverwechselbares Kennzeichen – eben Afroamerikaner ist. Das wichtigste Verdienst des Films liegt darin, ebendieses Faktum als völlig normal und gegeben hinzunehmen und keinerlei Aufhebens darum zu machen; anno 1970 leider noch keine Selbstverständlichkeit.

7/10

THE WILBY CONSPIRACY

„In a police state, the police are always busy.“

The Wilby Conspiracy (Die Wilby Verschwörung) ~ UK 1975
Directed By: Ralph
Nelson

Eine Flasche Champagner steht bereits kühl- der südafrikanischen Anwältin Rina van Niekirk (Prunella Gee) ist es gelungen, den Bantu-Freiheitsaktivisten Shack Twala (Sidney Poitier) aus der politischen Haft auf Robben Island herauszuboxen. Gemeinsam mit Rinas englischem Galan Jim Keough (Michael Caine) macht man sich schon zum Feiern bereit, als die Drei in eine Polizei-Straßensperre geraten. Die rassistischen Beamten verwickeln das Trio in einen Konflikt, so dass Keough und Twala zur Flucht gezwungen sind. Twala überredet den Briten, mit ihm nach Johannesburg zu fahren, wo Anil Mukerjee (Saeed Jaffrey), ein Sympathisant der Anti-Apartheids-Bewegung, im indischen Viertel lebt. Mukerjee wiederum weiß um das Versteck einiger Diamanten, die Twala dem Untergrundführer Wilby Xaba (Joe de Graft) zukommen lassen will. Was keiner der Beteiligten ahnt: Der ketterauchende Major Horn (Nicol Williamson) verfolgt sie auf Schritt und Tritt und ist über sämtliche ihrer Vorhaben bestens informiert.

Eine Art durch den Wolf gedrehte Variante von Kramers „The Defiant Ones“, in der abermals Sidney Poitier, diesmal in Handschellen, dazu gezwungen ist, gemeinsam mit einem verständnislosen, ihm nur wenig wohlgesonnenen Weißen durch eine von ehernem Rassismus geprägte Welt zu fliehen. Ralph Nelson, der hier bereits zum dritten (und letzten) Mal mit Poitier zusammenarbeitete, machte das Sujet allerdings behende zu seinem eigenen: Die Transponierung des Doppel-Flucht-Plots auf das südafrikanische Apartheidsregime gerinnt hier relativ zügig zu einem frühen, schwarz-/weißen buddy movie mitsamt einigen komisch angelegten Nebenanekdötchen und beeinflusst zudem von amerikanischer Blaxploitation. Natürlich muss Caines Charakter Keogh stellvertretend für das mutmaßliche Gros des Publikums eine ideologische Wandlung durchleben – als politisch unbedarfter Ingenieur auf Montage nimmt er, typisch westeuropäisch, lediglich die exotische, äußere Schönheit der Region wahr, die so hübsch ausgestellte, wirtschaftlich florierende Fassade der weißen Minoritätenregierung. Was es indes bedeutet, hier als person of colour zu leben, lernt er in letzter Konsequenz erst ganz zum Schluss, als ihm klar wird, mit welch konsequenter Perfidie das Regime seinen Status quo präserviert. Keoghs Wandlung zum Aktivisten vollendet sich mit der eiskalt vorgenommenen Exekution des den Polizeistaat repräsentierenden Offiziers Horn – ein beeindruckendes und nachhallendes Finale dieses zwischenzeitlich immer wieder so merkwürdig unangebracht leichtherzig wirkenden Films. Blitzlichtartige Assoziationen zu „Soldier Blue“ brechen sich da kurz Bahn, in dem Nelson ja bereits zeigte, dass bestimmte Topoi ihre genuin notwendige Wirkmacht ausschließlich unter Befleißigung einer ausgesuchten Gnadenlosigkeit entfalten können.
Kleine filmhistorische Randnotiz: Sieben Jahre vor Bruce Malmuths „Nighthawks“ waren hier erstmals Rutger Hauer und die schöne indische Aktrice Persis Khambatta gemeinsam in einem Film zu sehen, jedoch ohne gemeinsame Szene und beide in seltsamen supporting parts als jeweils abtrünnige EhepartnerInnen.

7/10

THE HANDS OF ORLAC

Zitat entfällt.

The Hands Of Orlac (Die unheimlichen Hände des Dr. Orlak) ~ UK/F 1960
Directed By: Edmond T. Gréville

Just auf dem Wege zu seiner Hochzeit in Paris crasht das privat gecharterte Flugzeug des gefeierten Konzertpianisten Steven Orlac (Mel Ferrer) im dichten Nebel. Ausgerechnet die filigranen Hände des Musikgenies werden dabei schwer beschädigt. Nur durch das eifrige Insistieren seiner Verlobten Louise (Lucile Saint-Simon) wird eine eilends anberaumte Notoperation möglich, die der Chirurg Professor Volchett (Donald Wolfit) durchführt: Er transplantiert Orlac die Haut der Hände des unmittelbar zuvor hingerichteten Frauenmörders Vasseur. Nachdem Orlac aus dem Krankenhaus entlassen ist, begeht er mit seiner Braut die Flitterwochen an der Côte d’Azur. Doch der brillante Pianist ist nicht mehr derselbe: Seine „neuen“ Hände scheinen ein unheimliches Eigenleben zu führen und ihren Besitzer zu sinistren Taten anzustiften, anstatt wie vor dem Unfall die Muße erklingen zu lassen. Bevor es zu einem größeren Unglück kommen kann (die Hauskatze wurde bereits mit gebrochenem Genick aufgefunden), flieht Orlac nach Marseille und stürzt sich incognito in das verruchte Nachtleben des hiesigen Hafenviertels. Dort werden der abgehalfterte Varieté-Zauberer Nero (Christopher Lee) und seine ihm hörige Gehilfin Li Lang (Dany Carrel) auf den Verzweifelten aufmerksam und wollen seinen instabilen Zustand ausnutzen.

Die dritte Adaption von Maurice Renards berühmtem Schauerroman entstand als englisch-französische Koproduktion in Konkurrenz zu den just im Erstarken begriffenen Horrorfilmen von Studios wie Hammer oder Anglo-Amalgamated, die häufig psychologischen Grusel mit campigem Grand Guignol zu vermengen pflegten. Dazu passte auch Renards Stoff, der streng genommen keinerlei übernatürlichen Duktus besitzt: Orlacs allmählich aufkeimender Wahn ist lediglich seiner psychischen Labilität sowie neurotischen Imagination geschuldet und wird von dem eigentlichen Unhold Nero noch zusätzlich forciert. Im Gegensatz zu Robert Wienes expressionistischer Version von 1924 und Karl Freunds MGM-Horrordrama „Mad Love“ (das ohnehin eine ganz andere inhaltliche Entwicklung vornimmt) geriert sich der Plot als zusehends konfus: Wie der finstere Nero an Orlacs Vermögen kommen will, bleibt weithin nebulös; auch sein Plan, den irrlichternden Musikus zum Mord an seiner Frau Louise anzustiften, misslingt. Orlac kann noch rechtzeitig in Erfahrung bringen, dass sein Organspender Vasseur gar kein Mörder war und unschuldig exekutiert wurde, womit er selbst zugleich von allem potenziellen Wahnsinn sowie jedweder Schuld entlastet wird. Immerhin bekommt Nero noch sein gerechtes Fett weg – nicht ohne zuvor öffentlichkeitswirksam auf der Bühne seine abtrünnige Partnerin ermordet zu haben, was ihn endgültig zum veritablen Bösewicht stempelt.
Die Konstellation Ferrer/Lee ist noch das Sensationellste an Grévilles über weite Strecken etwas ziellos vor sich her mäanderndem Film: die zwei Darsteller befinden sich auf dem jeweiligen Zenit ihrer Kunst und besonders Lee kann abseits seiner diversen Monster- und Mörderrollen unter dicker Maske zeigen, was wirklich in ihm steckt. Nicht zu vergessen Donald Pleasence in einer Minirolle als leicht entglittener Künstler, der Orlacs Hände modellieren will. Gewiss ist fürderhin auch der charmante Spekulationsfaktor nicht zu unterschätzen, der besonders in den Marseille-Szenen mit ihren schummrigen Matrosenspelunken zum Tragen kommt, in denen Ferrer seine dräuende Verkommenheit mittels Dreitagebart, speckigem Jacket und angetrunkenem Schlafzimmerblick simuliert. Natürlich rettet die Liebe am Ende alles, nur die arme Katze, die bleibt tot. Aber das könnten auch die Zigeuner gewesen sein.

6/10