HOMICIDE

„Spare me the fuckin‘ FBI.“

Homicide ~ USA 1991
Directed By: David Mamet

Während Detective Bobby Gold (Joe Mantegna) und sein Partner Tim Sullivan (William H. Macy) damit befasst sind, den flüchtigen Dealer und Polizistenmörder Robert Randolph (Ving Rhames) zu schnappen, gerät Gold durch puren Zufall mitten in einen anderen Fall: Die Ermordung einer alten, jüdischen Kioskbesitzerin in ihrem Lädchen mitten in einem Schwarzenghetto. Als erster Ermittlungsbeamter vor Ort muss Gold den Fall übernehmen, obgleich er Randolph dicht auf der Spur ist. Die wohlhabende und einflussreiche Familie der Toten ist derweil froh, dass sich mit Gold ausgerechnet ein jüdischer Polizist der Sache annimmt, obwohl dieser weder jemals viel auf seine Ethnie gegeben hat, noch ein gesteigertes Interesse an dem Fall hat. Dennoch entwickelt Gold, konfrontiert mit seinem Gewissen, einen unverhältnismäßigen Ehrgeiz, Licht in die Umstände um den sich immer verworrener gestaltenden Mord an der alten Dame zu bringen. Dabei findet er unter anderem Unerwartetes über deren Vergangenheit heraus und stößt auf eine zionistische Geheimorganisation, mit der er zu sympathisieren beginnt. Sullivan benötigt derweil dringend Golds Hilfe bei der ergreifung Randolphs.

David Mamet, jüdischstämmiger Theaterautor, kritischer Essayist und Filmemacher, ist unter amerikanischern Kritikern schon seit Jahrzehnten ein everybody’s darling, dessen unablässiges Schaffen dann auch eher vom Feuilleton denn von größeren Publikumsschichten registriert wird. „Homicide“ brachte ihm auch international einiges an Renommee ein.
Als amerikanischer Polizeifilm gestaltet sich Mamets dritte Regiearbeit zunächst eher ungewöhnlich. Es geht trotz gelegentlicher Avancen in die entsprechenden Richtungen, nicht um die üblichen Topoi des Genres. Weder die Aufklärung eines Verbrechens, noch das allgehgenwärtige Virus der Korruption, noch aktionsbetonte Jagd- und Fluchtszenarien bestimmen das Bild von „Homicide“. Stattdessen entpuppt er sich als eine Auseinandersetzung mit dem Identitätsstand jüdischer Amerikaner der Gegenwart und als psychologisches Profil eines Mannes, der während seiner biografischen Halbzeit urplötzliuch lernen muss, eine sehr viel diffizilere Sicht auf die Dinge zu entwickeln als bislang gewohnt. Mamet ist dabei geschickt genug, den Betrachter parallel zu seinem flächigen, eher europäisch geprägten Narrativ stets auf dem Kenntnis- und Perzeptionsstand seines Protagonisten Bobby Gold zu halten. Wobei dieser sich zumindest nach gängigen oder auch gewohnheitsmäßigen Schemata als Identifikationsfigur kaum anbietet. Gold ist nicht sonderlich intelligent, alles andere als ein Superbulle (einmal entreißt ihm ein Amokläufer auf dem Revier seine Waffe und bedroht ihn damit) ein Opportunist, Schaumschläger und dabei offenbar ziemlich einsam. Sein Partner Sullivan ist zugleich bester Freund und Familie für ihn, zumindest, bis ihn die bis dato nie gekannte Loyalität zu seinem „Volk“ übermannt und in Beschlag nimmt. Als sich schließlich in mehrerlei Hinsicht bitter erweisende Lektion über genau diese obsolet praktizierte, ethnische Abschottung und die Unbeirrbarkeit eines diffusen,  Herkunftsbegriffs, entwickelt „Homicide“ dann auch eine wesentlich stärkere Sogkraft denn als das, was man als einen „handelsüblichen“ Polizeifilm bezeichnen möchte. Erst das Ende, das die Selbsthinterfragung Golds auf höchst prekäre Weise entmystifiziert und ihn endgültig orientierungslos und (mitmaßlich) gebrochen zurücklässt, verleiht Mamets Film eine Kraft und Nachhaltigkeit, die ich mir stellenweise schon vorher gewünscht hätte. So allerdings – will sagen, in der mir etwas unausgewogen scheinenden Gestalt, die der Film besitzt – kann ich den Enthusiasmus mancher Chronisten, deren teils überschwängliche Einschätzung von „Homicide“ ich unterdessen gelesen habe, nicht hundertprozentig teilen.

7/10

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LA MORTE HA FATTE L’UOVO

Zitat entfällt.

La Morte Ha Fatte L’Uovo (Die Falle) ~ I/F 1968
Directed By: Giulio Questi

Das Ehepaar Marco (Jean-Louis Trintignant) und Anna (Gina Lollobrigida) ist im Besitz einer gut gehenden Hühnerfarm, auf der nebenbei genetische Experimente an den Tieren vorgenommen werden, um eine effektivere Fleischproduktion gewährleisten zu können. Während Anna, die eigentliche Besitzerin der Farm, ahnt, dass Marco insgeheim speziellen Leidenschaften frönt, ist er hinter der hübschen, jungen Haussekretärin Gabrielle (Ewa Aulin) her. Diese wiederum lässt Marco an der langen Leine zappeln und inszeniert derweil mit dem vorgeblichen Werbeexperten Mondaini (Jean Sobieski) eine bitterböse Intrige gegen Marco…

„Der Tod hat ein Ei gelegt“: Questis fieberhaft pulsiernder Krimi ist wohl einer der vordringlichsten Spielfilme, um sein mehr oder weniger geneigtes Publikum zu Vegetariern zu machen – nach einem wild montierten Auftakt, im Zuge dessen man sich schon kurz zu Godard verirrt zu haben wähnt, gönnt uns Questi, der aus den politischen Implikationen hinter seinen Filmen ja ohnehin nie einen Hehl machte, diverse zunehmend unappetitliche Einblicke hinter die Kulissen der Geflügelfabrik – eine riesige Mahlmaschine, aus der alles Möglich an Undefinierbarem herauskommt, ein paar robute Arbeiterinnen, die stakkatoartig tote Tiere rupfen, köpfen, brühen. Als Höhepunkt präsentiert der ebenfalls vor Ort arbeitende Genetiklaborant (Biagio Pelligra) seine lang ersehnte Neuschöpfung: aus einem Ei schlüpft ein feder- und extremitätenloses, pulsierendes und geädertes Pseudohuhn, das mehr an ein frisch entnommenes Organ erinnert, denn an ein Lebewesen mit den stolzen Worten, dies sei „das Fleisch der Zukunft“. Marco, den man zuvor als geisteskranken Mörder verdächtigen musste, ergreift nun plötzlich Partei und wird zum heimlichen Sympathieträger mit zugegebenermaßen paraphilen Grenzneigungen. Dennoch sind die eigentlich Perversen alle, die ihn umgeben – der irre Wissenschaftler natürlich, Marcos Frau Anna, die dessen widerwärtige Experimente auch noch wertschätzt, das intrigante, junge Pärchen, sogar der Vertriebschef, ein würdiger Repräsentant des Albtraumkapitalismus. Insofern besitzt „La Morte Ha Fatte L’Uovo“, der zumindest oberflächlich häufig an die Madness-Trilogie der Hammer-Kollegen erinnert und den ich schon seiner Metaebenen wegen bestenfalls ansatzweise dem Giallo zuordnen würde, eine ungebrochene Aktualität.
Ich hoffe nur, ich entwickle noch irgendwann in meinem Leben die Chuzpe, den fleischfressenden Schweinheund endlich ad acta legen zu können.

8/10

WHO’S HARRY CRUMB?

„You don’t know anything about this case, do you?“

Who’s Harry Crumb? (Wer ist Harry Crumb?) ~ USA/CA 1989
Directed By: Paul Flaherty

Leider verfügt Privatdetektiv Harry Crumb (John Candy) mit Ausnahme geschickter In-Cognito-Verkleidungen nicht ganz über die brillanten, deduktiven Fähigkeiten seiner Ahnherren, die einst die renommierte Detektei „Crumb & Crumb“ aufgebaut haben. Darum sitzt er auch in einer abgeschlagenen Außenfiliale des Hauptbüros in Los Angeles, dessen Vorsitzender Eliot Draisen (Jeffrey Jones) Harry eines Tages ganz bewusst „zur Hilfe“ ruft, um einen Kidnapping-Fall zu lösen, hinter dessen Einfädelung Draisen selbst steckt. Er hat die ältere Tochter (Reneé Colman) des Millionärs Downing (Barry Corbin) entführt. Mit dem Lösegeld will er seine alte Flamme Helen (Annie Potts) zurückerobern, die ihrerseits jetzt Downings zweite Frau ist und ihn ermorden will, um an das beträchtliche Erbteil zu gelangen. Zu Draisens Zufriedenheit erweist sich Harry rasch als viel zu dämlich, um auch nur eine der sich ihm bietenden Spuren korrekt zu interpretieren…

Es gibt ein paar wirklich witzige Stellen in „Who’s Harry Crumb?“ und John Candy müht sich nach Kräften, die auf seinen Schultern lastenden Erwartungen nicht zu enttäuschen. Leider jedoch praktiziert Flahertys Film die in den Spätachtzigern und Frühneunzigern praktisch permanent durchexerzierte Unart, ein erfolgreiches Konzept einfach aufzugreifen und ohne allzu umständliche Modifikationen einfach dreist wiederzuverwerten. In diesem Falle sind es sogar gleich zwei eindeutige Vorbilder, nach denen fech geschielt wurde: Zum Ersten, und besonders offensichtlich, Michael Ritchies „Fletch“, der Candys Kollegen Chevy Chase als investigativ tätigen Verkleidungskünstler vorwies und zum Zweiten „The Naked Gun“ des Trios ZAZ, in dem der vertrottelte Polizist Frank Drebbin (Leslie Nielsen) voll von satter Selbstsicherheit in jedes sich bietende Fettnäpfchen trat und dessen anarchischen Slapstick-Humor, wenngleich in sehr viel klobigerer und augenfälligerer Manier, auch „Harry Crumb“ immer wieder kultiviert. Eine Szene, in der sich ein aggressiver Aquariumsfisch am Finger des Ermittlers festbeißt, wurde sogar annähernd exakt kopiert. Dennoch langt es wie eingangs erwähnt noch immer auch für einige brauchbare Gags, zu denen vor allem Candys (dramaturgisch herrlich unnütze) Sitzung auf einem Fitness-Fahrrad gehört. Da ist man dann zwischenzeitlich sogar kurz hinreichend großmütig, den Flinkfingern aus der Scriptschmiede ihre umtriebigen Unverschämtheiten nachzusehen.

6/10

L’ARMA, L’ORA, IL MOVENTE

Zitat entfällt.

L’Arma, L’Ora, Il Movente (Die Waffe, die Stunde, das Motiv) ~ I 1972
Directed By: Francesco Mazzei

Der katholische Geistliche Don Giorgio (Maurizio Bonuglia) wird zum Opfer eines Mordes. Der ermittelnde Commissario Boito (Renzo Montagnani) findet nach und nach heraus, dass das Opfer, ein gutaussehender, junger Mann, es mit seinem heiligen Zölibat nicht immer allzu genau nahm. Weder die gut sichtbaren Spuren der Selbstkasteiung, noch die eingängigen Ermittlungen in Don Giorgios unmittelbarem Bekanntenkreis verhelfen Boito jedoch zu einem schlüssigen Ergebnis. Auch der kleine, verwaiste Klosterschülert Ferruccio (Arturo Trina), der offenbar mehr weiß, als er zu sagen bereit ist, gibt zusätzliche Rätsel auf. Derweil verliebt sich Boito in die Krankenschwester Orchidea (Bedy Moratti), die Don Giorgio ebenfalls gut kannte.

Einen sonderlich eleganten Film hat Einmal-Regisseur Francesco Mazzei mit seinem im Kirchenmilieu spielenden Kriminalfilm nicht eben vorgelegt. Denkt man an die extrem durchstilisierten, breitwandigen und farbsatten Fieberträume von Argento, Martino oder Fulci, die zurselben Zeit bei dezidiert psychedelischer Gestalt über die Leinwände waberten, bleibt einem im Vergleich dazu hier nurmehr die Kehrtwende zur erdgebundenen Normalität. Weder gleichen die hierin auftretenden Damen ätherischen Schlangenwesen, noch nehmen sich die Kerle als tolle Sexprotze aus; poppige Requisiten, Räume und Mobiliare wird man ebenso vergebens suchen wie die obligatorische Flasche J&B oder auch bloß einen vertrauenerweckenden Fernet. Die Protagonisten wirken fast durch die Bank wie stinknormale Leute von der Straße und statt überhöhtem Glamour gibt es hier eine gewisse Mahnung an neorealistische Zeiten. Bis auf eine recht delirante Sequenz, in der eine Gruppe Nonnen den toten Don Giorgio quasi inoffiziell heilig spricht und seine Selbstzüchtigung mit der Peitsche bis zur Besinnungslosigkeit nachvollzieht, muss man auf visuelle (und auch akustische) Extravaganzen weithin verzichten. Stattdessen konzentriert sich „L’Arma, L’Ora, Il Movente“ auf eine gepflegte Katholizismuskritik und buht den klerikalen Filz der Gegenwart als verlogen und obsolet aus. Das ist sicherlich aller Ehren wert, langt aber nicht ganz, um Mazzeis Film zu einer wirklich formvollendeten Sternstunde werden zu lassen.

//10

LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO

Zitat entfällt.

La Ragazza Dal Pigiama Giallo (Blutiger Zahltag) ~ I/E 1977
Directed By: Flavio Mogherini

Am Strand von Sydney wird in einem Autowrack die zum Teil verbrannte Leiche einer jungen Frau entdeckt. Obschon bereits pensioniert, beginnt der alte Inspector Thompson (Ray Milland), ganz zum Leidwesen des ermittelnden Kriminalbeamten Ramsey (Ramiro Oliveros), sich in den Fall einzuschalten. Nach diversen Fehlverdächtigungen, falschen Spuren und Identifikationsversuchen, zu denen sogar eine öffentliche Zurschaustellung der Toten gehört, stößt Thompson endlich auf eine heiße Spur, die er mit dem Leben bezahlen muss…

Eine der vielleicht merkwürdigsten und doch schönsten Blüten des Giallo trieb Flavio Mogherini mit diesem wunderbaren, Kriminaldramakleinod, dem zumindest auf nationaler Ebene eine ganz besondere Ausnahmestellung innerhalb der Gattung gebührt. Dass das italienische Genrefilm gern mal über den regionalen Tellerrand hinausschaute, kennt man bereits aus zig anderen Beispielen wie etwa „L’Iguana Dalla Lingua Di Fuoco“ oder „Una Magnum Special Per Tony Saitta“. Hier also führte die Reise einmal nach Australien (einige freilich leider allzu gut sichtbar eingeflochtene, daheim in Rom gedrehte Sequenzen inbegriffen). Der noch recht konventionelle Beginn konfrontiert den Zuschauer mit zwei parallelen Erzählsträngen, deren fataler Zusammenhang sich keinesfalls umgehend erschließt: da ist zum Einen der Mordfall um das unbekannte, verstümmelte Mädchen und zum anderen die bedrückende Geschichte der Exilniederländerin Glenda (Dalila Di Lazzaro), die sich zwischen drei Männern nicht entscheiden kann – der gesetzte, aber wesentlich ältere Professor Douglas (Mel Ferrer) fasziniert sie, für den athletischen, aber eher simpel gestrickten Roy (Howard Ross) spielt sie allenthalben das Betthäschen und dessen Freund Antonio (Michele Placido) heiratet sie schließlich. Dass die Ehe äußerst unglücklich verläuft (Glenda ist mit Antonios Kellnergehalt unzufrieden und es gibt eine prekäre Schwangerschaft), erfährt der Rezipient aus zwar chronologisch angeordneten, dafür jedoch durch größere Zeitsprünge gekennzeichnete, biographische Abrisse aus Glendas zunehmend chaotisch verlaufendem Leben. Spätestens am Ende ihres Weges, sie sucht einen klaren Kopf in der Einsamkeit des outback, offenbaren sich dann die Zusammenhänge zwischen den beiden Narrationspfaden.
Mogherinis Kunst oszilliert dabei überaus gekonnt zwischen Sleaze und Geschick, lässt hier und da ein wenig nackte Haut über die Leinwand huschen und verschafft sich inmitten des Ortolani-Scores nebst zwei sich zu rabiaten Ohrwürmern mausernden, von Amanda Lear gesungenen Discosongs immer wieder höchst bedrückende Augenblicke. Zu nennen wäre hier insbesondere die, wie der gesamte zugrunde liegende (tatsächlich allerdings unaufgeklärte) Fall  sich auf ein authentisches Vorbild aus den dreißiger Jahren berufende Szene, in der die (noch) anonyme Leiche von der hilflosen Polizei den Augen der Öffentlichkeit preisgegeben wird. Nackt schwimmt der einst schöne, nunmehr schwer geschändete und obduzierte Körper in einem Konservierungsbassin und wird vor den Augen einer sensationslüsternen, geifernden Menge seiner letzten Intimität beraubt. Diese Sequenz ist ebenso unangenehm poetisch wie zeitlos: Man stellt sich unwillkürlich vor, wie vierzig Jahre später ein Haufen Gaffer mit ihren Smartphones Selfies von sich und der Leiche knipst und veröffentlicht.
Der traurige, allumfassende Leidensweg Glendas – er endet noch längst nicht mit ihrem gewaltsamen Tod.

8/10

LE VAMPIRE DE DÜSSELDORF

Zitat entfällt.

Le Vampire De Düsseldorf (Der Mann, der Peter Kürten hieß) ~ F/I/E 1965
Directed By: Robert Hossein

Im Düsseldorf der Jahre 1929 und 1930 treibt der Serienmörder Peter Kürten (Robert Hossein) sein Unwesen. Während er ein eher unauffälliges Privatleben als in einer kleinen Pension wohnender Arbeiter führt, der es sich zu eigen macht, in feiner Garderobe durch das städtische Nachtleben zu flanieren, erlebt die Weimarer Republik ihre Dämmerstunden und erobert die NSDAP durch pausenlose Aufmärsche die Hauptaufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Nach einer Reihe von Morden tut es ihr der von der Presse sensationswirksam als „Vampir von Düsseldorf“ titulierte Verbrecher jedoch zuminddest auf Rheinlandsebene nahezu gleich. Als sich Kürten in die Nachtclubsängerin Anna (Marie-France Pisier) verliebt, die seine Zuneigung schließlich sogar erwidert, bedeutet dies eine konkrete Ermittlungsspur für den ermittelnden Kommissar Momberg.

Als Aufarbeitung des authentischen Falles Peter Kürten ist „Le Vampire De Düsseldorf“ eher zu vernachlässigen, wiewohl eine solche für das Kino überhaupt noch aussteht. Robert Hossein macht als Filmverantwortlicher in Personalunion allerdings auch überhaupt keinen Hehl daraus, dass ihn historische Detailtreue kaum interessiert. Vielmehr versteht sich „Le Vampire“ als symbolhafte Allegorie auf den bereits stark geschwächten Erstentwurf einer deutschen Demokratie, die vor ihrem endgültigen Zusammenbruch geradezu nach einer sie auspressenden Albtraumfigur zu lechzen schien und diese somit auch verdiente. Ein Serienmörder wie Kürten, der binnen neun Monaten acht erfolgreiche Morde beging – darunter drei an kleinen Mädchen, sowie noch etliche weitere Mordversuche, die sich einer wie auch immer zu verortenden, zunehmenden Nachlässigkeit geschuldet, gegen den Zeitpunkt seiner Verhaftung im Mai 30 mehrten – bildete vielleicht sogar ein ansprechend grelles, passendes Element für die Nazis, um im Falle ihrer Wahl für mehr Sicherheit und Zucht für die deutschen Straßen werben zu können. In jedem Fall lässt sich die Kürten-Mär mit jener Ära des Wandels und der allgemeinen Angst vortrefflich assoziieren und ist somit nicht allein infolge der tatsächlichen Koinzidenz der Ereignisse überaus folgerichtig.
Unabhängig von den historischen Ungenauigkeiten ist „Le Vampire De Düsseldorf“ ein hervorragender Kriminal- und sogar ein brillanter Serienmörder-Film. Hossein in der Titelrolle weist sogar gewisse physiognomische Ähnlichkeiten zum Vorbild auf und schafft dabei ein ebenso intensives wie seltsam weltdistanziertes Porträt Kürtens. Die Wahl der filmischen Formalia – Schwarzweiß und Scope, wobei durch immer wieder auftauchende, seltsam anmutende Experimente mit unterschiedlichen Tiefenebenen im Bild hier und da eine beinahe surreale Atmosphäre entsteht – verschaffen „Le Vampire“ zudem ein edles, graziles Antlitz.

8/10

THE NIGHT VISITOR

„Salem! Is it you?!“

The Night Visitor (Der unheimliche Besucher) ~ USA/S 1971
Directed By: Laslo Benedek

Salem (Max von Sydow), der seinen beträchtlichen Intellekt einst bewusst zur Seite schob, um ein karges Leben als versoffener Landwirt zu führen, sitzt in der geschlossenen Irrenanstalt. Seine Schwester Ester (Liv Ullmann) und deren Gatte, der Hausarzt Anton Jenks (Per Oscarsson), hatten ihn vor einiger Zeit durch gezielte Falschaussagen, denen zufolge Salem einen Mord begangen haben soll, dorthin gebracht. Als nun plötzlich brutale Gewaltverbrechen in der Gegend geschehen, fällt Salem scheinbar aus dem Verdächtigenraster, er sitzt ja nach wie vor ein. Doch der ermittelnde Inspektor (Trevor Howard) lässt sich nicht hinters Licht führen – er ahnt, dass Salem einen geheimen Fluchtweg aus der Anstalt gefunden hat und nun auf nächtliche Rachezüge geht…

Als eine auf den ersten Blick etwas eigenartig anmutende Randerscheinung des internationalen Siebzigerjahre-Kinos nimmt sich „The Night Visitor“ aus; als US-schwedische Coproduktion mit zwei berühmten Bergman-Standards in den Hauptrollen, den Brit-Veteranen Trevor Howard und Andrew Keir und inszeniert von dem Exil-Ungarn Laslo Benedek ist „The Night Visitor“ ein recht finster gearteter Thriller, der rein inhaltsbezogen an die schwarzweiße „Madness“-Trilogie der Hammer oder teilweise auch an William Castles Attraktionskino denken lässt. In jenen Filmen ging es jeweils auch um vereinsamte und/oder labile Individuen, die, übervorteilt oder in den Wahnsinn getrieben, irgendwann blutig zurückschlugen.
„The Night Visitor“ greift diese kleine Tradition auf und verlegt sie kurzerhand an den winterlichen Kattegat, wo die Sonne nicht durch die dicke, graue Wolkendecke dringt und die direkt an der Küste gelegene, forensische Verwahranstalt aufragt wie ein karger Albtraum-Monolith. Darin sitzt Salem in seiner kalten Zelle, wenn er nicht gerade mit Gefängnisarbeiten beschäftigt ist, und hat über die Zeit seines bisherigen Aufenthalts tatsächlich den Verstand verloren. Nicht jedoch seine strategische Cleverness und Brillanz, die ihn einen Weg heraus aus dem Gemäuer hat finden lassen. Wie ein nackter Werwolf sprintet und huscht er durch die nächtliche, westschwedische Eiseskälte, um zielstrebig seine Rachepläne auszuführen: Sein Schwager Anton soll wie Salem selbst ungerecht verurteilt werden und in der Isolation schmoren. Dass zwischen Anspruch und Ausführung einige mehr oder weniger der Vegeltung dienende Morde liegen, ist dem längst gesplitterten Moralempfinden Salems nicht weiter von Belang.
Die Besonderheiten von „The Night Visitor“ mitsamt seinem eher konventionellen Script und der beinahe komisch geratenen Auflösung ganz zum Schluss liegen in Setting und Besetzung: Das alles hat man in dieser Form zuvor und auch danach (noch) nicht (mehr) gesehen. Ein Serienmörder, der auf bergman’schem Terrainb wildert – diese Idee ist so zwingend wie clever und findet sich ebenso extravagant in ihre Filmsprache übersetzt.

8/10