A KISS BEFORE DYING

„It’s not right…“

A Kiss Before Dying (Kuss vor dem Tode) ~ USA 1956
Directed By: Gerd Oswald

Der noch bei seiner Mutter (Mary Astor) lebende Student Bud Corliss (Robert Wagner) schwängert unfällig seine Freundin Dorothy Kingship (Joanne Woodward). Diese versucht Bud zu nötigen, mit ihr durchzubrennen, sie eilends zu heiraten und das zu erwartende Kind aus eigener Kraft großzuziehen – Pläne, die denen von Bud leider völlig konträr gegenüberstehen. Dieser ist in Wahrheit nämlich nur auf eines scharf: Auf das Familienerbe von Dorothys Dad Leo (George Macready), eines Kupfermagnaten, das er nun vergessen müsste. Kurzerhand entscheidet sich Bud, Dorothy aus dem Weg zu schaffen und es wie einen Suizid aus Verzweiflung aussehen zu lassen. Der erste Mordversuch misslingt,  der zweite nicht. Doch Bud gibt nicht einfach auf und bendelt einige Monate später mit Dorothys älterer Schwester Ellen (Virginia Leith) an, die ebenso wie ihr Vater keine Ahnung hat, wer Bud wirklich ist. Doch Ellen glaubt trotz rosaroter Brille nach wie vor nicht an einen Selbstmord Dorothys und bohrt mithilfe des Tutors Gordon Grant (Jeffrey Hunter) weiter in der Vergangenheit – ganz zum Unbehagen Buds, dem bald neue Gewaltverbrechen bevorstehen…

Das Regiedebüt des 1938 nach Hollywood emigrierten (und 1959 vorübergehend zurückgekehrten) Berliner Filmschaffenden Gerd Oswald, dem für seinen Erstling große Namen wie Lionel Newman als Komponist oder Lucien Ballard als dp zur Seite standen, nimmt sich in vielerlei Hinsicht bemerkenswert aus: Trotz Scope-Formats und minutiös ausgearbeiteter Farbgestaltung ist der auf einer Vorlage von Ira Levin basierende „A Kiss Before Dying“ rein motivisch betrachtet ein waschechter film noir, dessen Figurenkonstellation rund um einen prototypischen Gestörten nicht erst beim zweiten Hinschauen gänzlich der Gattung entspricht. Vor allem Robert Wagner, mit damals gerade 26 Jahren und sorgsam frisiertem Seitenscheitel ein Stiefmutterliebling par excellence, bildet einen veritablen Besetzungscoup – als nahezu klinisch-exemplarisch silhouettierter Psychopath hat er es gar nicht nötig, sich schauspielerisch besonders zu exponieren. Sein süffisantes Lächeln und die vom Film immer wieder höchst geschickt aufgegriffene und dramaturgisch verplante „Gabe“ Bud Corliss‘, sich entgegen seines asozialen, mörderischen Naturells als respektables Gesellschaftsmitglied zu verkaufen, wirkt da sehr viel authentischer. Gut, auch Kitsch und Klischees verweigert sich Oswald nicht – zumindest nicht vordergründig. Den Showdown bildwirksam in einen Steinbruch mit tödlichen Höhenunterschieden zu verlegen, ist natürlich reinsten Kolportage-Bestrebungen geschuldet, dem Film in seiner Gesamtheit schadet dies jedoch keineswegs. Eine in ihrer eisigen Kaltblütigkeit erschreckender und scheinbar unbeteiligter inszenierte Sequenz als jene um die arme, von ihrem Mörder schwangere, vom Rathausdach gestoßene Joanne Woodward wird man im gesamten Kino der fünfziger Jahre nur schwerlich ausmachen…

8/10

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BLACKKKLANSMAN

„All power to all the people.“

BlacKkKlansman ~ USA 2018
Directed By: Spike Lee

Colorado Springs, 1972. Der afroamerikanische Police Detective Ron Stallworth (John David Washington) leidet zunehmend unter den repressiven und rassisistischen Bedingungen, die auch sein exekutives Berufsfeld keineswegs ausspart. Als er sich eigeninitiativ entschließt, undercover statt der regionalen „Black Power“-Bewegung den Ku-Klux-Klan zu infiltrieren, geben seine Vorgesetzten ihm und zwei Kollegen (Frederick Weller, Adam Driver) eher widerwillig grünes Licht. Tatsächlich gelingt es Stallworth, sich beim Klan und insbesondere bei dessen Grand Wizard David Duke (Topher Grace) über Telefongespräche einzuschmeicheln. Rons vorgebliches „Gesicht“ bei den bald folgenden Treffen übernimmt sein Partner Flip Zimmerman (Driver). Dass es letztlich ihrem Engagement zu verdanken ist, dass ein Sprengstoffattentat fehlschlägt, wird klammheimlich unter den Teppich gekehrt…

Auch wenn ich Spike Lee, früher mal einer meiner vordersten Lieblingsregisseure, diesen jüngsten Publikumstriumph absolut gönne und das (auhentische) Sujet seines period piece aller politischen Ehren wert ist – seinen kreativen Zenit hat der Filmemacher längst hinter sich. Weder den fiebrigen, aggressiven bis wütenden Duktus seiner frühen Filme, noch sein nicht minder florierendes Talent als formvollendeter Geschichtenerzähler und New-York- bzw. Brooklyn-Chronist, die ihn in einer exemplarischen, fast ununterbrochenen Linie diverse Meisterwerke inszenieren ließen, sind bei dem scheinbar etwas müde gewordenen Lee noch in der wünschenswerten Weise spürbar. Vielmehr wirkt „BlacKkKlansman“ oftmals wie ein Schattenriss diverser Vorzüge des einstigen Genius, etwa, wenn er den neunzigjährigen Harry Belafonte in Gegenmontage zu einem Klan-Kongress über einen Lynchjustizfall vor dem Hintergrund der Uraufführung von Griffiths „The Birth Of A Nation“ (zu dem Lee eine ewige, flirrende Hassbeziehung pflegt) berichten lässt. Solche Szenen hinterlassen bedauernswerterweise eher die Impression kantenloses Tagewerks, dessen mit Ausnahme der hinreißenden Laura Harrier von einer mäßig überraschenden Darstellerriege (darunter erstaunlicherweise diverse Verwandte berühmterer Familienmitglieder) getragene Pflichtbemühtheit wehmütig an die schwitzige, emotionsaufgeladene Unmittelbarkeit einstiger Großtaten wie „Do The Right Thing“ denken lässt.
Was demnach bleibt, ist für Lees Verhältnisse ungewohnt abgesichertes, mit wenigen wirklich nachhaltigen Momenten versetztes, in Anbetracht der tragikomischen, zugleich aber recht antiklimaktischen Story gefertigtes Routinement, das durchweg in Ordnung geht, an einstige Großtaten jedoch nicht mehr heranzureichen vermag.

6/10

NUR GOTT KANN MICH RICHTEN

„Das is Business, Dicker.“

Nur Gott kann mich richten ~ D 2017
Directed By: Özgür Yildirim

Nach fünf Jahren im Knast wegen eines vergeigten Bruchs kommt der Kriminelle Ricky (Moritz Bleibtreu) raus. Für seinen Traum, seinen dementen Vater (Peter Simonischek) aus Frankfurt rauszuholen und ein Café auf Cabrera zu eröffnen, braucht er allerdings Startkapital. Dies erhofft er sich durch einen von seinem alten Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) vermittelten Coup für den Albaner Branko (Cem Öztabakci) zusammenklauben zu können. Rickys jüngerer Bruder Rafael (Edin Hasanovic), selbst auf Bewährung und von eigenen Problemen gebeutelt, steigt widerwillig als dritter Mann ein. Natürlich geht alles schief; Ricky und Rafael werden von der Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) gestellt und verlieren das gestohlene Heroin, das wiederum Diana, die dringend Geld für eine Herzoperation ihrer kleinen Tochter benötigt, an sich bringt, um es auf dem Schwarzmarkt abzustoßen. Dabei gerät sie über Umwege an Latif…

Bevor Özgür Yildirim zwei Episoden für die zweite Staffel der sehr einnehmenden Serie „4 Blocks“ inszenierte, ließ er diesen von ihm selbst gescripteten, nachtschwarzen Gangsterfilm vom Stapel, der der nunmehr ergiebigen Tradition des ins ethnische Milieu abtauchenden, deutschen Genrestücks folgt und ihr ein neues, matt schimmerndes Juwel hinzufügt. Dass die hierin vorkommenden Araber, Albaner und auch deutschstämmigen Szenegestalten keinesfalls über den eleganten Habitus ihrer globaler operierenden Berufskollegen verfügen, sondern viel eher dem kulturmuslimisch konnotierten Asisprech und Choleriker-, Bedrohungs- und Beleidigungsmachsismo Marke deutsches Großstadtghetto frönen, gilt es wie stets in diesen Fällen zu schlucken, auch, wenn es sich als nicht immer einfach erweist. Jedwede alternative Darstellung wäre aber vermutlich auch gestelzt bis unrealistisch. Ohne „Wallah!“ und Gangsterrap geht’s nicht.
Um einen pädagogischen Zeigefinger ist Yildirim kaum (weiter) bemüht. Seine Figuren stehen da, wo sie stehen, nämlich an der Wand. Sie können nichts anderes und sind durch ihren sozialen Mikrokosmos und die unweigerliche, permanente Konfrontation mit dem Rechtsstaat bereits einschlägig geprägt und können nur auf ihre Eins-zu-Einer-Million-Chance hoffen, die ihnen, das wissen wir schon seit Cagney und Robinson, am Ende sowieso verwehrt bleiben wird. Doch ist „Nur Gott kann mich richten“ nicht bloß eine weitere Rise-and-Fall-Studie. Er geht tiefer, entspinnt ein komplexes Geflecht aus Koninzidenzen, Schuld, Sühne und Gewaltkausalität, dass in seinen besten Momenten an den klassischen französischen Gangsterfilm gemahnt.
Jeder getane Schritt, zumal vom Protagonisten Ricky, führt eine Sprosse weiter abwärts, zum Privatschafott. So sehr er sich auch bemühen mag; Unbeherrschtheit, Gewaltbereitschaft und Boshaftigkeit zählen unweigerlich zu seinem Naturell. Im Gegensatz zu seinem Bruder Rafael, dessen Abwärtsspirale eher seiner postpubertären Unbeholfenheit zuzurechnen, der jedoch kein wirklich schlechter Kerl ist und selbst zu seinem Kumpel Latif und dessen mangelndem Durchblick, bleibt Ricky ein auch moralisch perspektiviert hoffnungsloser Kapitalverbrecher, der einen Fehler begeht, um den nächsten zu machen. Als interessantester Charakter erweist sich allerdings die Polizistin Diana. Selbst von teilweisen migrantischen Wurzeln geprägt, ist ihr gegenwärtiges Leben eine Müllhalde: Verlassen vom hochverschuldeten Mann und Vater des Kindes, das wiederum herzkrank ist und dringend ein Spenderorgan benötigt, vollzieht auch sie den Schritt auf die dunkle Seite, ein Changieren, das sie kaum minder als Ricky am Ende beinahe alles kosten wird.
Stark.

8/10

QUE DIOS NOS PERDONNE

Zitat entfällt.

Que Dios Nos Perdonne (Die Morde von Madrid) ~ E 2016
Directed By: Rodrigo Sorogoyen

Im heißen Sommer 2011 erwartet ganz Madrid den Besuch von Papst Benedikt XVI., derweil ein geisteskranker Serienmörder, der es auf ältere Damen abgesehen hat, die Stadt unsicher macht. Für die beiden ungleichen Ermittler Velarde (Antonio de la Torre) und Alfaro (Roberto Álamo) ein Fall, der sie beide auf jeweils ganz furchtbare Weise ihren ureigenen inneren Dämonen zuführen wird…

Zwar bilden die Mörderhatz, das Profiling, die allmählich fortschreitende Identifizierung und die haarscharfen Habhaftwerdungen rund um den von einem sich auf tödliche Weise sublimierenden Mutterkomplex gebeutelten Killer (Javier Pereira) und dessen Untaten das narrative Rückgrat dieses hervorragenden Films, entpuppen sich im weiteren Verlauf der Ereignisse jedoch als Reflexionsfläche für die sich ebenfalls zunehmend abgründig präsentierenden Polizei-Kommissare. Velarde stottert, hat stark autistische Züge und lebt nahezu völlig isoliert, unfähig, eine zwischenmenschliche Beziehung, sei sie freundschaftlicher oder romantischer Natur, zu pflegen. Der zwischenzeitliche, zarte und vor allem aufrichtige Annäherungsversuch einer Hausangestellten (María Ballesteros) endet zunächst entsprechend katastrophal. Alfaro hat derweil ein gewaltiges Problem mit seiner latenten Aggressivität und seiner oftmals ins Cholerische abgleitenden Unbeherrschtheit, die nicht bloß ein vorlauter Kollege (Luis Zahera) unmittelbar zu spüren bekommt. Als er herausbekommt, dass seine Frau ihn betrügt, beginnt er haltlos zu saufen und verliert jedweden Boden unter den Füßen.
Es ist dieser Mut, seine vermeintlichen Helden als im Fallen begriffen zu zeigen, die „Que Dios Nos Perdonne“ zu etwas Besonderem innerhalb des jüngeren Polizeifilms macht. Freilich, zur Genreapodiktik gehört seit jeher, den oder die Protagonistin als in einer oder mehrerlei Hinsicht fragil, rissig, angreifbar darzustellen, sei es durch allzuviel Diensteifer, Drogen- oder Trunksucht, Einsamkeit, eine entfleuchte Partnerin oder ähnliche psychische Fallstricke. Selten jedoch ließ sich das menschliche Versagen der eigentlich doch als Helden genutzten Polizisten derart schmerzhaft und involvierend an, wofür primär wohl Sorogoyens höchst empathischer, dichter Inszenierungsstil verantwortlich zu machen ist.
Man sollte insofern nicht den Fehler begehen, einen straighten, traditionsaffinen Polizeikrimi zu erwarten; etwas, was ich einigen Kurzberichten zu „Que Dios Nos Perdonne“ entnehmen konnte, die häufig „unnötige Längen“ monierten oder sich darüber enttäuscht zeigten, dass es dem Film an Spannung oder Suspense (gemeint ist wohl eher: Zugkraft) fehle. Eine meines Erachtens stark ins Leere laufende Einschätzung, da Sorogoyen einen solchen (ordinär gestalteten) Film gewiss gerade nicht im Sinne gehabt haben wird.

8/10

FRACTURE

„Even a broken clock is right twice a day.“

Fracture (Das perfekte Verbrechen) ~ USA 2007
Directed By: Gregory Hoblit

Der ebenso steinreiche wie in Eifersucht gekränkte Flugzeugingenieur Ted Crawford (Anthony Hopkins) erschießt seine ihm Hörner aufsetzende Frau Jennifer (Embeth Davidtz), gibt die Tat zunächst zu und widerruft dann vor Gericht sein Geständnis mit der lässigen Begründung, er habe vor einem der ermittelnden Polizisten, Lt. Nunally (Billy Burke), Todesangst gehabt. Dass dieser ganz zufällig auch Jennifers Liebhaber war, verschweigt der sich selbst verteidigende Crawford zunächst noch. Dem Angeklagten gegenüber steht der arrogante, kurz vor einem finanzträchtigen Wechsel in die Privatwirtschaft stehende Staatsanwalt Willy Beachum (Ryan Gosling), der Crawfords perfides Plankonstrukt hoffnungslos unterschätzt. Es fehlt nämlich der entscheidende Beweis, um dessen Schuld wasserdicht erscheinen zu lassen: Die Tatwaffe…

Von hier an blöd: Zwar ist in „Fracture“ wiederum Gregory Hoblits Lieblingsthema der „reciprocally attracting rivals“ maßgende Antriebsfeder, das heißt aber nun mal eben nicht, dass damit auch ein guter Film einhergeht. Dem ist mitnichten so. „Fracture“ ist vielmehr ein infolge seiner alles durchdringenden Banalität auf Langeweilekurs befindlicher Schema-F-Streifen, aus dessen innerer Masse man alles schonmal gesehen hat – nur mitunter eben viel besser. Dass ich Ryan Gosling nicht sonderlich gut leiden kann, war mir instinktiv schon immer bewusst – nur haben die meisten Filme um ihn herum dies nicht wirklich deutlich werden lassen. Jetzt weiß ich aber wieder wieso, hier hat der mit einem sonderbar milchig-imbezilen Grundgesichtsausdruck versehene Akteur nämlich eine Rolle an der Hand, die ganz hervorragend zu ihm passt: Er spielt ein Yuppie-Arschloch erster Güte. Im Laufe des Films erkennt das Yuppie-Arschloch erwartungsgemäß, dass es moralisch dann doch sehr viel vertretbarer ist, einen schlecht bezahlten, aber ethisch stabilen Staatsanwalt im Namen von Recht und Ordnung abzugeben. Wow! Die Welt, wie wir sie kennen, ist gerettet!
Als Kontrahent hat es Sir Anthony Hopkins, der seinen leicht bekifften Hannibal-Lecter-SloMo-Augenaufschlag weiterhin zu perfektionieren sucht, obwohl das gar eigentlich nicht mehr geht, und – wie könnte es anders sein – hier abermals das sein zunehmend verzweifelndes Gegenüber an der Nase herumführende, diabolische Genie erster Garnitur verkörpert. Wirklich großartige Schauspieler wie David Strathairn oder Cliff Curtis werden derweil als bloße Stichtwortlieferanten gnadenlos verheizt. Und Hoblit? Der begeht den in Anbetracht des Resultats gewaltigen Fehler, seinen ach so tollen Hauptdarstellern und ihrem vermeintlichen „Psychoduell“ völlig das Feld zu über- und, anders als in sehr viel dedizierteren Arbeiten wie dem eigentlich sehr ähnlich gelagerten „Primal Fear“ oder „Frequency“, keinerlei inszenatorische Leidenschaft mehr aufblitzen zu lassen. Nicht nur ein überraschungsarmes, sondern darüber hinaus ein teilweise sogar aufreizend vorhersehbares Konfektionskino von der Stange ist die logische Folge aus alldem und vermutlich auch ein, wenn nicht der wesentliche(r) Markstein für den Regisseur, sich mittelfristig wieder dem sehr viel routinebedingteren Feld der TV-Serials zuzuwenden. Eigentlich schade, aber meinen Segen hat er, wenn Film für ihn damit auserzählt ist.

4/10

HART’S WAR

„Strange thing about war wounds – the older you get, the less proud of them you become.“

Hart’s War (Das Tribunal) ~ USA 2002
Directed By: Gregory Hoblit

Augsburg, im Winter 1944. Der junge und unerfahrene, aber aus „gutem Hause“ stammende Lt. Thomas Hart (Colin Farrell) kommt, nachdem er in den Ardennen in feindliche Hände geraten ist, in das Kriegsgefangenenlager Stalag VI-A. Hier hat Colonel William McNamara (Bruce Willis) die Oberaufsicht über die US-Insassen, ein gefestigter, ruhig erscheinender und eher wortkarger Offizier, der deutlich mehr zu wissen scheint als er preisgibt. McNamara sorgt dafür, dass Hart, von dem er ahnt, dass er einem möglichen Verhör durch die Deutschen nicht standhalten kann, nicht in der Offiziersbaracke landet, sondern bei einfachen Gefreiten. Dorthin schickt der Colonel kurze Zeit später wiederum auch die beiden abgeschossenen, farbigen USAF-Offiziere Lt. Lincoln Scott (Terrence Howard)  und Lt. Lamar Archer (Vicellous Shannon). Der rassistische Barackeninsasse und Rädelsführer Bedford (Cole Hauser) sorgt schließlich dafür, dass Archer widerrechtlich von den Deutschen erschossen wird. Als man Bedford selbst bald darauf mit gebrochenem Genick findet, gerät Scott in unmittelbaren Verdacht. Hart, der vor dem Krieg ein Jura-Studium aufgenommen hat, soll Scotts Verteidigung übernehmen, während McNamara sich selbst mit dem richterlichen Vorsitz betraut. Lagerkommandant Visser (Marcel Iures), selbst studierter Advokat, versucht dem hin- und hergerissenen, jedoch fest von Scotts Unschuld überzeugtem Hart während des Prozesses Vorteile zu verschaffen. McNamara nutzt den Prozess derweil ganz bewusst zur Ablenkung, denn ein Fluchttunnel befindet sich just in der Fertigstellung…

Diese mit gepflegten Klischees angereicherte Mischung aus P.O.W.-, Rassismus- und Courtroom-Drama ist zwar grundsätzlich anschaubar, verhebt sich insgesamt allerdings etwas an sich selbst. Offenbar bekommt das Script die inhaltliche Komplexität der Vorlage des Vielschreibers John Katzenbach nicht ganz in den Griff, denn der oftmals auf den Überraschungs- und Späterkenntniseffekt hin ausgerichtete Plot mäandert häufig etwas ziellos über die Minuten, derweil der (wie in meinem Falle) ahnungslose Zuschauer sich selbst in der Ziellosigkeit gefangen wähnt.
Ich musste bereits während der Betrachtung und ganz besonders im Nachhinein wiederholt an zwei offensichtliche, große Klassiker des P.O.W.-Films denken und ganz besonders daran, was sie sehr viel besser und richtiger gemacht haben als „Hart’s War“: Zum Einen Billy Wilders „Stalag 17“, der sich ganz bewusst einer episodischen Erzählweise vertreibt und in dem sich die von berechtigter Paranoia geprägten Misstrauens-Emotionen der Gefangenen als hauptsächlicher, roter Faden erweisen. Zum anderen freilich „The Great Escape“ von John Sturges, der die Situation der P.O.W.s und ihre beständigen Ausbruchsversuche kurzerhand zur Seele eines großangelegten, perfekt inszenierten Actiondramas deklariert und der sich mühelos über seine keineswegs spärlich ausgefallene Laufzeit trägt. Man könnte auch, wenngleich vor differenter Kulisse spielend, noch „The Bridge On The River Kwai“ hinzuziehen, der seine gewaltige innere Spannung aus dem Mentalitäts- und Stolzduell zweier feindlicher Offiziere bezieht. Genau an diesen sowohl physisch wie auch psychisch unbedingt wertvollen Ingredienzien mangelt es „Hart’s War“, oder besser: er verfügt zwar über sie, nur behält er sie viel zu lange für und bei sich. Vielleicht ist das diesem im Gegenwartskino überall und unbedingt gehandhabten Mechanismus geschuldet, dass große Überraschungen und inhaltliche Aufklärung unbedingte Schlusspointen zu bilden haben. Twists nennt man das im neocineastischen Fachjargon. Man darf und soll in Gesprächen über Film nicht „spoilern“, sprich, narrative Überraschungen „verderben“, weil dies a priori mit einem unhaltbaren Interessenverlust einhergeht. Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich furchtbar. Da werden die Siebente Kunst und ihr Genuss mit Geisterbahnfahrten und Fast-Food-Konsum verwechselt. Einmal gesehen, Knalleffekt erhalten und verraucht, nächster Film bitte. Das kann es doch nicht sein. Wo ist der Nachhaltigkeitsgedanke, wo das Interesse der Kunstschaffenden daran, ihr Werk nicht nur bei der dritten Betrachtung noch fruchtbar dastehen, oder gar noch wachsen zu lassen?
Immerhin schälte sich mir nunmehr ein wiederkehrendes Leitmotiv im hoblit’schen Schaffen heraus: Dass der sich attrahierenden Rivalen. Zwei klar voneinander getrennte Fronten – vor und hinter Gittern, dies- und jenseitig, durch Raum und Zeit, oder, wie hier in „Hart’s War“, durch Wissen und Nichtwissen. Einer der beiden Duellanten benutzt das Nichtwissen bzw. den Mangel an Fähigkeiten und somit den klaren Nachteil des Gegenübers, um sich am Ende den ganz persönlichen Sieg zu verschaffen, nicht, ohne sich dabei des ungeteilten Respekts des Übervorteilten (auf dessen Seite immer auch das Publikum steht) zu versichern.
In Hoblits nächstem Film wird diese Konstellation sogar nochmals eminenter…

6/10

FREQUENCY

„I’m still here, Chief.“

Frequency ~ USA 2000
Directed By: Gregory Hoblit

Für den Polizisten John Sullivan (Jim Caviezel) ist das Leben nicht immer leicht. Just als seine Beziehung in eine heftige Krise gerät, entdeckt er gemeinsam mit seinem Kumpel Gordo (Noah Emmerich) das alte Funkgerät seines vor drei Jahrzehnten verstorbenen Vaters Frank (Dennis Quaid) wieder. Als er eher gelangweilt daran herumspielt, geschieht das Unglaubliche: John gerät auf die selbe Radiofrequenz, auf der exakt auf die Sekunde dreißig Jahre zuvor sein Vater funkt. Verantwortlich für diesen physikalischen Gesetzesbruch ist ein besonders starkes Aufkommen der Aurora Borealis, der Nordlichter, die zu beiden Zeitpunkten intensiv über Brooklyn flimmern. Nachdem sich Vater und Sohn über das Unmögliche klar geworden sind, wittert John die Chance, seinen Vater zu retten: Dieser, ehedem ein heroischer Feuerwehrmann, starb damals bei der Rettung eines Mädchens (Nicole Brier) aus einem brennenden Lagerhaus. Es gelingt John, Frank rechtzeitig zu warnen. Dieser überlebt, doch wird dadurch unbewusst eine Kette noch sehr viel schrecklicherer Ereignisse in Gang gesetzt, deren Verlauf Sullivan Senior und Junior nun wieder ändern müssen, solange ihnen noch die Zeit dazu bleibt…

So grundalbern die Prämisse von Gregory Hoblits drittem Film „Frequency“ sich auch ausnehmen mag – die Umsetzung lässt sich, aller Wahrscheinlichkeiten und Annahmen zum Trotze, umso gelungener an. Dafür verantwortlich sind vor allem die diversen Volten, die der Plot im Laufe der prall gefüllten Erzählzeit schlägt – mit jeder weiteren Kommunikation, die der Sohn der Gegenwart und der Vater der Vergangenheit miteinander begehen, bahnen sich weitere, unvorhersehbare Katastrophen an, die es wiederum auszuwetzen gilt. Dieses Schema des sich unbeabsichtigt auftürmenden Chaos, das aus dem ursprünglich überaus nachvollziehbaren Wunsch ersteht, unfair scheinende Lebensfügungen gewissermaßen geradezurücken, ist üblicherweise ein typischer Topos von Zeitreisefilmen wie Zemeckis‘ „Back To The Future“-Trilogie, in der das ewige Umherreisen des Protagonisten auf drei jeweils exakt dreißig Jahre (wie nebenbei auch in „Frequency“) auseinanderliegenden Zeitebenen einen raumzeitlichen Schmetterlingseffekt nach dem anderen auslösen und immer wieder für neue, empfindliche Störungen innerhalb der Biographie des Helden und seiner Familie sorgen. Jene gilt es wiederum zu tilgen, bis am Ende der (ursprünglich niemals so vom Schicksal intendierten) „Idealzustand“ erreicht wird, der sich durch materielle, physische und vor allem die psychische Gesundheit aller Beteiligten manifestiert. Im Gegensatz zum großen Vorbild aus den Achtzigern verzichtet „Frequency“ jedoch nahezu gänzlich auf (allzu offensichtliche) komödiantische Elemente, sondern webt einen handfesten Frauen- und Serienkillerplot mit in sein bei Licht besehen höchst wackliges Fundament ein. Dadurch, dass nämlich Frank Sullivan im Jahre 1969 dem Heldentod entgeht, überlebt in mittelbarer Folge auch der gesuchte „Nightingale-Killer“ Jack Shepard (Shawn Doyle), seines Zeichens zudem Polizist, der somit noch weitere dreißig Jahre lang sein Unwesen treiben kann und wiederum Franks Frau und Johns Mutter (Elizabeth Mitchell) töten wird. Es folgt eine fabulierfreudige Welle von weiteren Schicksalseingriffen, die John immer wieder aufs Neue vermittels seiner sich infolgedessen permanent veränderenden Gegenwart zu spüren bekommt. Am Ende sind sich Zemeckis und Hoblit dann [anders als der wiederum stark von beiden beeinflusste „The Butterfy Effect“, in dem sich nichts (mehr) retten lässt] wieder vollkommen traut und einig: Alles ist so gut, wie es nur sein kann.
Dass „Frequency“ dabei stets geradzu unwahrscheinlich fest an sich selbst glaubt und seine jedweder Logik sträubenden Episoden mit viel Verve, Spannung und gekonnter Publikumsinvolvierung zu berichten weiß, präserviert ihm seine ungebrochene Qualität. Schön!

8/10