LA CASA DELLA PAURA

Zitat entfällt.

La Casa Della Paura (Das Haus der Angst) ~ I 1974
Directed By: William Rose/Robert H. Oliver

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt kommt die junge, zuvor unschuldig wegen Drogendealerei verurteilte Margaret Bradley (Daniela Giordano) im Haus von Mrs. Grant (Giovanna Galletti) unter. Darin fühlt sie sich jedoch alles andere als wohl: Nicht nur dass die aufdringliche Gastwirtin einen sehr konservativen Gerechtigkeitssinn pflegt, gehen auch sonderbare Personen wie der mysteriöse Mr. Dreese (Raf Vallone) dort ein und aus und scheint auch Mrs. Grants Filius Frank (Angelo Infanti) nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Abhilfe verspricht der junge Amerikaner Jack (John Scanlon), der auf eigene Faust den angeblichen Suizid seiner Schwester nachspürt: Auch sie hatte zuvor bei Mrs. Grant gewohnt. Gemeinsam mit Jack kommt Margaret einer bizarren Glaubensvereinigung auf die Spur…

Dieser aus kognitiver Perspektive etwas bis ziemlich (je nach individueller Wohlmeinung) schwachbrüstige Italo-Exploiter könnte ebenso gut auch von Massimo Pupillo oder Renato Polselli stammen; ein paar wohlvertraute Ingredienzien aus Arbeiten dieser lustig zu Werke gehenden Filmemacher begegnen einem in „La Casa Della Paura“ nämlich wieder. So treibt ein geheimnisvoller, rotmaskierter Sadist sein Unwesen in einem alten Provinzgemäuer (s. „Il Boia Scarletto“), es wird sich garstiger Foltermethoden befleißigt und ein Muskelmann (diesmal Brad Harris anstelle von Mickey Hargitay) erhält einen prominenten Auftritt. Der Plot ist so obskur wie gnadenlos – eine Sekte alttestamentarisch belesener Selbstjustizler entführt vom rechten Wege abgekommene, junge Frauen und führt sie eigenmächtig und unter großem, allseitigen Hallo der nachträglich verordneten Todesstrafe zu. Welche Motive die fanatischen Beteiligten, allen voran den am Ende überraschungsvoll demaskierten Henker, umtreibt, bleibt derweil der Zuschauerphantasie überlassen. Damit das Ganze zumindest einen zeitgemäß-internationalen Touch erhält, verpasste man albernerweise sämtlichen Hauptrollen (vermeintlich) wohlklingende, amerikanische Namen und setzte ferner einen inhaltlichen Nebenstrang hinzu, der garantierte, dass der bärige Brad Harris und ein eilends hinzugeschalteter Kumpel am Ende als flotte Tagesretter mit ihrem Käfer angebraust kommen können, um der Sektenbrut mit gezielten Fausthieben den Garaus zu machen. Die Regie ist denn auch weniger beflissen oder gar ausgefallen denn vielmehr, sagen wir, „funktionalistisch“ geraten. Illuster in jedem Fall die weitere Besetzung, die neben der inhaltlich völlig redundant, aber immerhin hübsch frisiert eingeflochtenen Karin Schubert noch Hollywood-Veteran Frank Latimore als ungeschickten Enthüllungsjournalisten vorschützt, einen der vielen in Südeuropa gestrandeten US-Darsteller, die nach einer vielversprechend begonnen Karriere in Übersee hier ihr weiteres Auskommen fanden und erst nach dem großen Studioumbruch jenseits des Teichs wieder ihr US-amerikanisches Gnadenbrot einnehmen durften.

6/10

THE MULE

„I could buy everything, but I couldn’t buy time.“

The Mule ~ USA 2018
Directed By: Clint Eastwood

Eher durch ganz alltägliche Koinzidenz gerät der alte Blumenzüchter Earl Stone (Clint Eastwood) an die mexikanische Drogenmafia. Ein lukrativer Job, in dessen Zuge Earl nichts anderes zu tun hat, als mit seinem rostigen Pick-up eine Ladung Kokain von Texas nach Illinois zu transportieren und dort abzuliefern, lässt den rüstigen Rentner Blut lecken. Er wird zu einem „mule“, einem interstaatlichen Drogenkurier der mexikanischen Kartelle, der sich durch seine ruhige und unaufgeregte Art schon bald die Sympathie seiner Mittelsmänner sichern kann und immer mehr Geld verdient. Derweil kriselt es an allen sonstigen Fronten: Die DEA in Form des umtriebigen Agent Bates (Bradley Cooper) wird auf Earl aufmerksam und heftet sich an seine Fährte; die Beziehung Earls zu seiner Familie kriselt heftigst. Als ein Emporkömmling (Clifton Collins Jr.) aus der eigenen Organisation Earls obersten Boss, den Kartellchef Laton (Andy Garcia), aus dem Weg räumt, fangen Earls Schwierigkeiten jedoch erst richtig an.

Und erneut liefert der große alte Mann des amerikanischen Kinos ab, folgt seinem Stil als lakonischer auteur, der um sich selbst als Protagonisten immer noch die wahrscheinlich schönsten Storys inszeniert und vermag selbst als greiser 88-jähriger noch seine Anhängerschaft zu rühren, ohne sich Weinerlichkeiten hinzugeben. Den Vorschutz von lauter Aggressivität, wie ihn der oftmals wütende Eastwood der siebziger und achtziger Jahre noch befleißigte, ist längst passé und selbst ein paar unumgängliche Gewaltmomente, wie die Ermordung des druglord Laton oder eine Tracht Prügel, die Earl Stone von zwei mexikanischen Gorillas bezieht, spielen sich entweder in beinahe humoristisch geprägtem Kontext ab bzw. werden erst gar nicht onscreen dargestellt. Stattdessen frönt Eastwood ganz lässig jenem Topos, der ihn bereits seit rund drei Dekaden und mit zunehmender Vehemenz vornehmlich umtreibt – der Melancholie des würdevollen Alterns. Auch das damit eng verbundene Motiv der entfremdeten Familie, die über die Jahre hinweg zum Opfer des autobiographisch in der Hauptsache mit sich selbst und seinen Angelegenheiten befassten, alternden Eigenbrötlers wird, geriert erneut zum wesentlichen Stoff von Eastwoods nach wie vor uramerikanischer Geschichtsschreiberei. Earl Stone ist alles andere als ein Mensch mit kriminellem Potenzial. Vielmehr möchte man ihn als typischen Südstaatensenior vom alten Schlag – Korea-Veteran, Charmeur, leidenschaftlicher Blumenfreund und eben lausiger Familienvater, der er ist – bezeichnen, einen, der Afroamerikaner noch so unbedarft wie freundlich als „negroes“ anspricht und den die vergessene Hochzeit seiner Tochter (Alison Eastwood) zugunsten des Besuchs einer Blumenmesse auch deren letzte Sympathien kostet. Der Einsatz seiner realen Tochter in dieser Rolle spricht Bände. Zwölf Jahre später hat der Online-Handel den hoffnungslos technikfremden Ewiggestrigen, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Internet und Mobiltelefone schimpft, in den Ruin getrieben. Hier setzt dann der Kernplot ein, der Earl Stone als zumindest geistig noch wendigen Lebenskünstler zeigt, der sich von dem Geld für seine Koksfahrten noch ein paar schöne Dinge gönnt. Wie zuletzt stets befleißigt sich Eastwood aufs Neue der treuen Weise „the best stories are written by life itself“ und erzählt die wahre Geschichte des Horikulturisten und Drogenkuriers Leo Sharp nach, der über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg quer durch die USA Kokain für das Sinaloa-Kartell transportierte und mit 87 Jahren verhaftet wurde. Nach einem Jahr der abzusitzenden Strafe wurde der nette, alte Herr wieder entlassen und starb dann wiederum zwei Jahre später. Seinen Film lässt Eastwood nicht mit dem Tod des Protagonisten enden. Er zeigt seinen Earl Stone vielmehr da, wo er glücklicher nicht sein könnte – bei der Blumenhege. Dass dieser sich dabei im Knast befindet, trübt seine sympathische Geschichte keinesfalls ein, im Gegenteil. Der Mythos darf vielmehr noch ein paar Jahre weiterleben.

8/10

DER FLUCH DER GRÜNEN AUGEN

„Sie nix glauben an Vampire? Ich schon!“

Der Fluch der grünen Augen ~ BRD/YU 1964
Directed By: Ákos Ráthonyi

Der kriminalistische Tausendsassa Inspektor Frank Dorin (Adrian Hoven) wird zu einem kleinen Balkandorf beordert, in dem sechs junge Frauen auf mysteriöse Weise ihr Leben lassen mussten. Vor Ort angelangt, gibt es gleich in der ersten Nacht von Dorins Anwesenheit eine weiteres Opfer. Der ängstliche Hotelwirt (n.n.) insistiert, zumal in Anbetracht der zwei typischen Bisswunden am Hals der Toten, dass dahinter nur Vampire stecken können, die tagsüber in einer unterirdischen Grotte hausen sollen. Dorin hält das zunächst für abergläubisches Geschwätz, doch die alte Kräuterhexe Nani (n.n.) und eine Begegnung mit dem mysteriösen Professor von Adelsberg (Wolfgang Preiss), der auf einem nahegelegenen Schloss Experimente mit Blut veranstaltet, lassen ihn seine Meinung bald ändern…

Der Horrorfilm bildete im leinwandlich von „Opas Kino“ geprägten Wirtschaftswunder-Deutschland eine absolute Ausnahmeerscheinung, das Publikumsgros verlangte vielmehr zunächst nach Heimatfilmen, dann musikalischen Komödien und wurde hernach genrediätetisch mit Wallace-Krimis und den Karl-May-Filmen von Wendlandt und Brauner abgespeist. Natürlich gab es auch die im Nachhinein eher im apokryphen Sektor anzusiedelnden, mutigeren Filmemacher, die ihrem Metier mit klugen, ansprechenden Geschichten und stilistisch unkoventionellerem Eigensinn frönten. Waschechten Horrorfilmen aus deutschsprachiger Produktion jedoch blieben eben absoluter Exklusivitätsstatus vorbehalten. Neben Victor Trivas‘ absolut wunderbarem „Die Nackte und der Satan“ gab es noch Fritz Böttgers lustigen „Ein Toter hing im Netz“ und später dann Harald Reinls „Die Schlangengrube und das Pendel“. Dazwischen lag/liegt noch „Der Fluch der grünen Augen“, ein rares Quartett, womit der deutsche Gruselliebhaber sich dann binnen zehn Jahren auch zu bescheiden hatte.
Nach einem schillernden Vorleben unter anderem als Priester und Missionar in Indien landete der gebürtige Ungar Ákos (von) Ráthonyi beim Film, wo er in unterschiedlichen Funktionen zunächst in England, dann in Hollywood und schließlich wieder in Ungarn tätig wurde. Sein Freund Alexander Korda verschaffte ihm dann nach dem Krieg Zugang zum deutschen Film, wo er bis zu seinem Tod 1969 aktiv blieb, und, anders als man es von einem studierten Theologen erwarten mag, zunehmend und vornehmlich Unterhaltungs- sowie Sleazekino inszenierte. Eines der entsprechenden Exponate ist „Der Fluch der grünen Augen“, eine mit Kriminalfilm-Elementen „angereicherte“ Dracula-Variation, in der der in jener Ära omnipräsente Wolfgang Preiss den Obervampir gab und Adrian Hoven, in Ermangelung eines Van-Helsing-Pendants, eine Art Superpolizist, der seinen Widersacher am Ende mit überaus konventionellen Mitteln den Garaus macht. Dabei zieht Ráthonyi alle der wenigen, ihm obliegenden Formregister vom wabernden Vollmond über wehende Vorgänge bis hin zu expressionistischen Schattenspielen. Als wunderbare set pieces fungieren unter anderem eine Tropfsteinhöhle und ein angebliches Schloss, das von innen eher einem in rohen Fels gehauenen Verlies gleicht.
Rückblickend problematisch fällt indes der (einmal mehr) rassistische Einsatz von John Kitzmiller als von Adelsbergs farbiger Diener John aus. Wie üblich hat Kitzmiller (kurz darauf als Titelfigur in Géza von Radványis „Onkel Toms Hütte“-Adaption zu sehen) den radebrechenden, leicht dümmlichen Neger im schlecht sitzenden Livree zu geben, der aber natürlich herzensgut ist und dem Inspektor und seiner neuen Freundin (Erika Remberg) die Flanke hält. Immerhin setzt Ráthonyi eine schöne Szene hinzu, die verdeutlicht, dass die provinziell vorgeschädigten Dorfrednecks, allen voran ein tumber, tauber Grobian (n.n.) als weltverschlossene Rassisten noch weitaus tiefer in der menschlichen Hierarchie anzusiedeln sind. Nun muss man solcherlei Unbill verknusen können, wenn man sich mit betagteren Filmpreziosen wie dieser auseinandersetzen möchte – umso reicher wird man von all dem, was an diesem Film stimmt und ihn in seiner selbstbewussten, trivialen Gestaltung so liebenswert macht.

7/10

ROCKNROLLA

„Beauty is a cruel mistress, is it not?“

RocknRolla ~ UK/USA/F 2008
Directed By: Guy Ritchie

Der gefürchtete Londoner Gangster und Immobilienhai Lenny Cole (Tom Wilkinson) gerät in ungewohnte Verlegenheiten, als ein Millionengeschäft mit dem russischen Oligarchen Uri Omovich (Karel Roden) durch unablässige Zwischenfälle gestört wird. So versucht Rodens Buchhalterin Stella (Thandie Newton), ihren Boss ohne es ihn merken zu lassen, gleich mehrfach um sein Geld zu erleichtern, und so verschwindet ein wertvolles Gemälde, an dem Uris ganzes Herzblut hängt. Inmitten des sich auftürmenden Schlamassels: die drei Kleinganoven One Two (Gerard Butler), Mumbles (Idris Elba) und Bob (Tom Hardy).

Nach dem recht kläglichen Kassenversagen seines gewiss leicht verworrenen, aber nicht uninteressanten „Revolver“ schien Guy Ritchie endgültig abgeschrieben, zog sich mit seinem bis dato letzten Gangsterfilm „RocknRolla“ dann jedoch nochmal am eigenen Schopf aus der Sparte Kassengift. So ungelenk sein Titel, so mittelmäßig wurde dann auch das dazugehörige Werk – ein routiniertes Abspulen hinlänglich bekannter Stilismen, in seiner vergleichsweisen Betulichkeit weit weg vom quirligen Anarcho-Habitus, den Ritchie in seinen beiden sehr viel besser gelungenen Erstlingswerken kultivierte. Als habe die just in Scheidung begriffene Ehe mit Madonna ihn kreativ ausgelaugt, drückt Ritchie zwar wiederum hinlänglich benutzte Knöpfe, vermag jedoch nicht mehr, die wesentlichste Ingredienz vormaliger Großtaten zu reaktivieren – die sympathischen Loserfiguren nämlich, die miesen, kleinen Cockney-Gauner, Großkotze und Sprücheklopfer, denen man so passioniert auf ihrem Weg Rolltreppe abwärts zuzuschauen liebte. Hinzu kommt, dass Tom Wilkinson, so sehr es sich auch abmüht, keinerlei Ersatz für einen P.H. Moriarty oder Alan Young abgibt, denen man jederzeit abnahm, dass sie eines ihrer zuvor übervorteilten Opfer schneller strecken, rädern, und vierteilen konnten als es dauert, ein Tässchen Tee zu trinken. Die einstmals schnittigen oneliner weichen oftmals müdem bis beliebigem Geplänkel, die Auftritte und Monologe von  Toby Kebbell als titelgebendem Junkie-Rocker nerven eher als dass sie die Story weitertreiben und selbst einen als kapital vorhersehbaren Fehler verkneift sich Ritchie nicht: Er wirft mit der aparten Thandie Newton eine femme fatale als Protagonistin ins Spiel, eine Figur, die in den prollig-testosteron-geschwängerten Mikrokosmen der Londoner Unterwelten so überhaupt nicht hereinpassen mag und, als habe Ritchie dies später noch erkannt, dann auch ein klägliches Ende für ihre verräterische Intrigenspinnerei findet. Da „RocknRolla“ aber von Pokertischen und schummrigen Boxringen zu Hochfinanz, Milliardären und Politik überwechselt, musste offenbar auch eine exquisite Frauenfigur her. Sogar Polizisten kommen jetzt vor (wenn auch nur beiläufig). Die zwei Russenkiller (Alex Kovas, Mario Woszcycki) derweil entbieten kaum mehr denn einen mauen Vinnie-Jones-Ersatz und eine geflissentlich interessante Figur wie den Knowitall Tank (Nonso Anozie) verspielt das Script leichtfertig.
Trotz all meinem Gemaunze bleibt zumindest immer noch ein immerhin formal hochglänzender Gangsterfilm mit ein paar wenigen guten Szenen und einer zumindest gewohnt hervorragenden Songauswahl, letztere das Beste am ganzen Kuchen.

5/10

SNATCH

„You should never underestimate the predictability of stupidity.“

Snatch ~ UK/USA 2000
Directed By: Guy Ritchie

Die Londoner Unterwelt gerät in ein heilloses Durcheinander, das um einen gestohlenen Diamanten, getürkte Boxkämpfe und einen gefräßigen Hund kreist.

Mit dem famosen, bis zur Schmerzgrenze stilisierten „Lock, Stock & Two Smoking Barrels“, der in der Post-„Pulp-Fiction“-Ära auf fruchtbaren Publikumsboden stieß, holte Guy Ritchie das ultracoole Gangsterkino zurück auf sein diebezüglich traditionsbeflissenes Londoner Terrain. Irgendwo zwischen bekiffter Entspanntheit und montagebedingter Hektik entwarf Ritchie darin ein quietschfideles, launiges Panoptikum ebenso komischer wie brutal zu Werke gehender Ganoven, die allesamt um einen MacGuffin in Form zweier wertvoller, antiker Gewehre herumtänzelten und sich dabei beinahe durch die Bank die nervösen Pfoten verbrannten.
Der zwei Jahre später unter US-Beteiligung entstandene „Snatch“ ist zunächst rein strukturell betrachtet ein nochmals gepimptes Rip-off derselben Geschichte, mit einem nochmals unübersichtlicherem Sammelsurium an unterschiedlichen Interessensgruppen, motivischen Gemengelagen und inhaltlichen Wendungen, das das oberflächlich chaotische, in Wahrheit aber natürlich höchst ausgefuchste Resultat dicht an die klassische screwball comedy rückt. Wieder gibt es, der zumindest halbwegs geordneten Übersicht geschuldet, einen Off-Erzähler, den diesmal der aus dem Vorgänger übernommene Jason Statham (in einer im Prinzip analog gestalteten Rolle) mimt, zugleich einer der Protagonisten des Tohuwabohus. In „Lock, Stock“ hatte diese Funktion noch Alan Ford als eher im Hintergrund agierender Kneipier inne, der wiederum diesmal eine weitaus größere und schöne Rolle als ebenso bärbeißiger wie (zu Recht) gefürchteter Unterweltboss „Brick Top“ abbekommt. Auch Jason Flemyng (als sehr anders geartete Figur) und Vinnie Jones (wiederum in nahezu identischem Part) leisten abermals ihre Aufwartung. Eine höhere internationale und kommerzielle Reichweite sichert „Snatch“ allerdings sich durch die Beteiligung mehrer US-Stars, allen voran der seine prompt legendär gewordene „Fight-Club“-Beteiligung persiflierende Brad Pitt. Dennoch möchte macht die alte „The bigger, the better“-Weise sich am Ende nicht so gänzlich bezahlt machen – sein Wegbereiter ist und bleibt gegenüber „Snatch“ schon allein infolge seines frischen Originalitätsstatus der etwas schönere Film.
Szenenwechsel, Erzähltempo und Montage sind hier ferner von nochmals erhöhter, manchmal beinahe enervierender Frequenz, die Songzusammenstellung wiederum toll, wenngleich nicht mehr ganz so exquisit. Die ebenso logische wie zwingende Konsequenz war, dass Guy Ritchie sein nunmehr zweifach bedientes Konzept restlos ausgereiz hatte und, nach der unglückseligen Heirat mit Madonna das gänzlich anders geartete Lina-Wertmüller-Remake „Swept Away“ (das ich allerdings nicht kenne und ebensowenig vorhabe, diesen scheinbar glückseligen Zustand zu ändern) dem allgemeinen Vernehmen nach gnadenlos vor die Wand setzte. Sein jüngerer Weg als Filmemacher ist dann vor allem angedenk jener ersten beiden, durchaus signifikanten Werke eher uninteressant bis beklagenswert.

8/10

THE PLEDGE

„You’re out of position!“

The Pledge (Das Versprechen) ~ USA 2001
Directed By: Sean Penn

Just am Abend seiner von den Kollegen überraschend geschmissenen Ruhestandsparty entschließt sich Detective Jerry Black (Jack Nicholson) wider den Rat seines Vorgesetzten (Sam Shepard), den Mord an einem kleinen Mädchen (Taryn Knowles) zu untersuchen. Den verzweifelten Eltern, den Geflügelfarmern Larsen (Patricia Clarkson, Michael O’Keefe), denen er die Todesnachricht überbringt, verspricht Jerry feierlich, den Schuldigen zu finden. Zunächst deuten sämtlichen Täterindizien auf den geistig behinderten native Toby Wadenah (Benicio Del Toro), der als Hausierer durch die Gegend streift und unter dem Druck des sich anschließenden Verhörs sogar das Verbrechen gesteht, sich dann jedoch das Leben nimmt. Für Jerry ist es nahezu eindeutig, dass Toby nicht der Mörder sein kann. Wiederum ohne Rückendeckung beginnt Jerry, privat zu ermitteln, zumal sich erweist, dass es sich bei dem Killer offenbar um einen Serientäter handelt, der schon bald wieder zuschlagen könnte. Als Jerry die alleinerziehende Lori (Robin Wright) und ihre kleine Tochter Chrissy (Pauline Roberts) kennenlernt, nimmt er sich der beiden zunächst liebevoll an, kann sein Versprechen gegenüber den Larsens jedoch nicht vergessen…

Seine dritte Regiearbeit führte Sean Penn an Friedrich Dürrenmatts gleichnamige Novelle „Das Versprechen“, die der schweizer Autor 1958 als Variation seines eigenen, zuvor geschriebenen Drehbuchs zu Ladislao Vajdas „Es geschah am hellichten Tag“ verfasste. Darin ging es innerhalb weitgehend konventioneller narrativer Bahnen um die Jagd eines Polizisten nach einem Kinder- und Serienmörder, bevor dieser ein weiteres Verbrechen ausführen kann. Am Ende geriert sich der Ermittler dann selbst zum Übertreter moralischer Grenzen, indem er die vertrauensvolle Zuneigung einer Mutter und ihres Töchterchens ausnutzt und letzteres bewusst als Köder für den Mörder missbraucht. Zwar kann jener auf diese Weise dingfest gemacht werden, die schwere Schuld des Polizisten sowie die Gewissheit, auch sein privates Glück verspielt zu haben, jedoch bleiben. In „Das Versprechen“ widmete sich Dürrenmatt dann genau diesem Aspekt, der bereits durch seinen im Drehbuch verhandelten Ansatz einen ganz wesentlichen Pfeiler der Kriminalliteratur ansägt: Die gattungsübliche Konvention, die stets dergestalt konkludiert, dass der Detektiv am Ende mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zum Erfolg gelangen und seinen Antagonisten zu Fall bringen kann, nämlich. Wurde zuvor neben dem Kriminalen Matthäi auch sein Jagdziel, der Mörder Schrott, noch recht nachvollziehbar psychologisch skizziert, spielt selbiger in „Das Versprechen“ eine nurmehr untergeordnete, wenngleich kaum weniger schwerwiegende Rolle – Matthäi/Jerry Black und das eigens angeforderte Polizei-Großaufgebot können (den ihnen persönlich unbekannten) Schrott gar nicht fassen, weil er auf dem Weg zum jenem finalen Mord selbst einem tödlichen Verkehrsunfall anheim fällt. Eine simple Schicksalsfügung ändert alles.
Penns Film nun zentriert den Polizisten sogar noch mehr und liefert das tiefschwarze, desaströs endende Psychogramm seines einsamen, pathologisch-berufsdedizierten Charakters. Nicht nur verlaufen Jerry Blacks über einen gewaltigen Zeitraum emsig vorbereitete, ermittlerische Bestrebungen infolge einer simplen Durchkreuzung des Schicksals erfolglos, verspielt er auch die letzte Chance einer privaten Erlösung, als Lori gewahr wird, wozu er Chrissy benutzt. Der erzählerische Rahmen schließlich zeigt einen offenbar stark alkoholisierten, ins Nichts dahinmurmelnden, desolaten Jerry Black, dem nichts mehr geblieben ist, weder die Erfüllung eines von vornherein vage abgegebenen Versprechens, noch der letzte Faden der Zwischenmenschlichkeit.
Dieser bitterböse Abstieg eines alten Mannes, der seinem Publikum auf leisem Wege mancherlei abverlangt, bildet auch für Jack Nicholson einen späten, schauspielerischen Triumph. Ungewohnt zurückgenommen und still muss der für sein breitzähniges Grinsen, seine rollenden Augen und die entgleisende Mimik so berühmte Darsteller einen unglamourösen Provinzpolizisten mit Bürstenhaarschnitt und Schnurrbart sein Gesicht auf dem Stolperpfad ins Nichts leihen – und bewerkstelligt erwartungsgemäß auch dies mit konkurrenzloser Brillanz. Ein Nicholson-Vehikel ist „The Pledge“ also (auch), in dem eine ganze Reihe weiterer, großartiger Aktricen und Akteure den Weg noch zusätzlich edel pflastern.

9/10

THE LIGHTSHIP

„Freedom is the greatest prize of all. Why shouldn’t the cost be high?“

The Lightship (Das Feuerschiff) ~ USA 1985
Directed By: Jerzy Skolimowski

Der Weltkriegsveteran Miller (Klaus Maria Brandauer) ist ein paar Jahre später Captain eines vor der Küste Virginias vor Anker liegenden Feuerschiffs, einer Art „mobilen Leuchtturms“, das die Verkehrsseefahrt im Nebel vor Riffen warnt. Miller befehligt eine kleine Besatzung von fünf Männern. Eines Tages muss er seinen delinquenten Sohn Alex (Michal Skolimowski) unter seine Fittiche nehmen. Nur kurz nach dessen Ankunft landen zudem drei Gangster, die nach einem Banküberfall auf See geflüchtet sind, auf dem Feuerschiff: Der exaltierte Caspary (Robert Duvall) und die beiden soziopathischen Brüder Gene (William Forsythe) und Eddie (Arliss Howard). Das ziellose Trio setzt die Mannschaft unter Druck und spielt zusehends genüsslich mit den ungleich verteilten Machtverhältnissen. Vor allem Caspary versucht unentwegt, den durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Utilitaristen Miller aus der Reserve zu locken. Die übrige Besatzung, darunter auch Alex, fasst derweil den Plan, gewaltsam gegen die drei Kriminellen vorzugehen…

„The Lightship“ ist die zweite Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Siegfried Lenz nach Ladislao Vajdas Erstadaption von 1963. Auch „Das Feuerschiff“ zählt, wie „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“, bereits seit Jahrzehnten zum Kanon nationaler Schulliteratur. Skolimowskis Ansatz, respektive der des vom Script gezielt modifizierten Scripts, konzentriert sich allerdings nahezu gänzlich auf das psychologische Duell zwischen Miller (im Buch Freytag) und dem zu dessen Nemesis avancierenden Caspary. Zwei höchst unterschiedliche Männer von ganz ähnlicher Intelligenz, die sonst jedoch nichts verbindet, finden sich dabei antagonisiert: Dem durch seine Kriegserlebnisse geläuterten, Ruhe und Frieden im Pflichtbewusstsein suchenden Miller, einem stets abwägenden, in sich ruhenden Menschen, setzt die Geschichte den zutiefst amoralischen, sozial entkernten Caspary entgegen, dessen Hauptbestreben bald darin liegt, Miller zu blindem Aktionismus anzustacheln. Freilich forciert sich jener Widerstreit der beiden Patriarchen zugleich auch zum unweigerlichen Schaulaufen der zwei Hauptdarsteller und ihrer jeweils gewiss genialischen Talente. Brandauer und Duvall stacheln sich wechselseitig zu spezifischer Höchstform an und bilden – natürlich – den Hauptgrund für den Genuss dieses sich oftmals zwischen Stühle setzenden Werkes. Den symbolischen, um nicht zu sagen, literarischen Charakter der Vorlage kann „The Lightship“ allerdings nie ganz abschütteln; die sich hauptsächlich durch die Vertiefung von Miller und Caspary via Dialog schürende Spannung wird allenthalben unterbrochen durch Szenen, die wiederum dem klassischen Terror- und Thrillerkino abgeschaut sind; so etwa eine Sequenz, in der der psychotische Gene die geliebte Krähe des Smutjes Nate (Badja Djola) massakriert und im Anschluss auch noch eine verbale rassistische Attacke gegen diesen fährt – hier wirkt der gezielte, zäsurische Einsatz urplötzlich stattfindender Affektion unpassend und sogar ein enig vulgär.
Nichtsdestotrotz bleibt „The Lightship“ ein spannendes, wohltuend unzeitgemäß wirkendes Werk seiner sonst doch so bereitwillig auf Oberflächen setzenden Ära.

8/10