HIT LIST

„Where’s my kid?“

Hit List (Mörderischer Irrtum) ~ USA 1989
Directed By: William Lustig

Nachdem Frank DeSalvo (Leo Rossi), einer der vielen Handlanger des Mafiabosses Vic Luca (Rip Torn), nebst seinem Filius Joey (Felice Orlandi) dem FBI in die Hände gefallen ist, versteckt Agent Tom Mitchum (Charles Napier) Vater und Sohn in einem Vorstadt-Bungalow. Mitchums Ziel ist es, DeSalvo als Kronzeugen im just laufenden Prozess gegen Luca zu gewinnen, doch dieser weigert sich beharrlich zu „plaudern“. Luca ist derweil nicht untätig und lässt alle potenziellen Gefährder von seinem brutalen Hitman Caleek (Lance Henriksen) beseitigen. Auch Frank und Joey stehen auf Lucas Liste, doch Caleek sucht infolge eines dummen Zufalls die falsche Adresse auf: Er attackiert die Familie des gerade abwesenden Jack Collins (Jan-Michael Vincent), tötet dabei dessen besten Freund (Harold Sylvester) und entführt Collins‘ Sohn Kenny (Junior Richard). Mitchum bekommt Wind von der misslungenen Aktion und will Collins vorsorglich in Haft nehmen, doch dieser greift sich DeSalvo und spürt Kenny mit dessen Hilfe auf eigene Faust nach.

Leider ist William Lustigs (von zwei Pornos in den Siebzigern abgesehen) vierte Regiearbeit im Laufe der Jahre überaus unberechtigterweise zur Fußnote im Gesamtschaffen des sympathischen Filmemachers geworden. Bis heute gibt es kein offizielles digitales Home-Release von „Hit List“, dabei ist ja gerade Lustig bekannt dafür, auf diesem Sektor weit über sein eigenes Œuvre hinaus Pionierarbeit geleistet zu haben.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – möglicherweise verfügt Lustig nicht über die Rechte an dem Film (er wurde weltweit von großen Majors verliehen), möglicherweise verbindet er auch einfach unerfreuliche Erinnerungen mit ihm. Im exzellenten Interview-Band „Dark Stars“ etwa lässt sich, zumal im Vergleich zu „Maniac“, merklich wenig von ihm über „Hit List“ entlocken, mit Ausnahme des Faktums, dass der ja unlängst verstorbene Jan-Michael Vincent zu jener Zeit höchst unzuverlässig gewesen und permanent sturzbetrunken gewesen sei. Zudem war der Film der erste, für den Lustig das vertraute Umfeld seiner vormaligen, geliebten Spielwiese New York verließ und an die Westküste tingelte und dort, unter Beschwerden über die Wetterlage, häufig von einer Limousine aus Regie führte. So oder so – alles Mutmaßungen.
Man muss jedenfalls ein wenig Aufwand betreiben, um eine ansehbare Version des Films zu erhalten, doch dieser zahlt sich umgehend aus: „Hit List“ ist ein rundum sympathischer filmischer Repräsentant seiner Entstehungszeit, dem man, auch wenn es diverse Animositäten gab (und zu geben scheint), selbige nicht anmerkt und der Lustig als auch in kommerzieller Hinsicht grundsätzlich durchaus tragfähigen Regisseur ausweist, dem der verdiente Erfolg leider nicht hold genug war. Gut, der einen nicht unbedingt einfallsreichen Hybriden aus Gangster- und Actionfilm präservierende Plot mag keine Originalitätsmedaille ergattern, aber dafür ist die Ausführung umso sauberer. Die vorzüglich besetzten Darsteller legen durchweg großen Enthusiasmus und Spielfreude an den Tag (gut, Vincent wirkt stellenweise tatsächlich etwas langsam, aber wer wirklich besoffene On-Screen-Auftritte sehen möchte, der sollte eher zu manchen Performances von Dino Martin oder Richard Burton tendieren), es gibt ein paar kernige Actionsequenzen (insbesondere natürlich die im Parkhaus, bei der Vincent und Rossi sich in mühevoller Kleinarbeit des unverwüstlich scheinenden Henriksen entledigen) und die offenkundige Sympathie des Scripts für den zu Beginn des Films als kriecherischen villain eingeführten, von Lustigs künftigem standard actor gespielten Kleingangster DeSalvo nimmt sich unerwartbar, dafür aber umso liebenswerter aus. Zudem überrascht das Finale, mit dem sich zuvor nicht unbedingt rechnen lässt.
Ein wirklich schöner Film, dem ich unbedingt noch eine gerechtere Zukunft wünschen möchte.

8/10

THE NATURE OF THE BEAST

„You can’t kill the devil.“

The Nature Of The Beast (Bad Heat – Highway des Todes) ~ USA 1995
Directed By: Victor Salva

Der biedere Firmenangestellte Jack Powell (Lance Henriksen) befindet sich auf dem Heimweg nach San Diego, quer über die Highways der kalifornischen Wüste. Dort treibt zeitgleich ein Serienkiller, der überall sein Signet „Hatchet Man“ hinterlässt, sein Unwesen. Ein ihm mysteriös vorkommender Anhalter (Eric Roberts) heftet sich alsbald an Jacks Fersen. Der sich als Adrian vorstellende Fremde glaubt, in Jack einen ebenfalls gesuchten Casino-Räuber zu entlarven, der zudem von der Mafia verfolgt wird, derweil sich im Gegenzug der Eindruck manifestiert, dass Adrian der Hatchet Man sein könnte. Adrian nutzt die Angst, die der spießige Familienvater vor ihm hat, wohlfeil aus und lässt ihn fortan nicht mehr vom Haken. Ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel ist die Folge.

Der einst durch einige unappetitliche Enthüllungen von sich reden machende Regisseur Victor Salva, dem just jene Ereignisse einen empfindlichen Strich durch die Karriere versetzten, hat mit „The Nature Of The Beast“ den ersten Film nach jenen Ereignissen und der darauf folgenden Gefängnisstrafe inszeniert. Salva hatte seine Strafe gerechterdings und ordnungsgemäß verbüßt, weshalb es der Produktionsfirma New Line durchaus hoch anzurechnen ist, dass man ihm für und mit „The Nature Of The Beast“ eine Chance offerierte. Der Film selbst ist recht ordentlich geraten, wenn auch mit Ausnahme des cleveren plot twists am Ende nichts wirklich Besonderes. Wähnt man sich zunächst über längere Strecken in einer Art eher nachteilig modifizierten Neuauflage von Robert Harmons ganz wunderbarem „The Hitcher“, relativiert sich jener Eindruck schlussendlich auf angenehme Weise, wobei der Weg dorthin eben nicht immer erquicklich gepflastert ist. Allzu breit ausgespielt wirkt Eric Roberts‘ Charakterisierung des bad guy, der tatsächlich ein wenig zu sehr überdimensioniert daherkommt, als dass man sie ihm bereitwillig abnähme. Zudem gerät die hier und da hilflos erscheinende Episodenhaftigkeit dem Ganzen eher zum Nachteil. Man erhält im Nachhinein den Eindruck, als hätte Salva seinen Film rein für die abschließende Überraschung geschrieben und inszeniert und nicht umgekehrt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Immerhin erhebt diese „The Nature Of The Beast“ nochmal auf eine neue Ebene und sorgt dafür, dass der revisionistische Gesamteindruck ein (wenngleich verhalten) positiver bleibt.

6/10

MANSION OF THE DOOMED

„Why should someone remove a person’s both eyes?“

Mansion Of The Doomed (Das Haus mit dem Folterkeller) ~ USA 1976
Directed By: Michael Pataki

Seit einem von ihm verschuldeten Autounfall, bei dem seine Tochter Nancy (Trish Stewart) erblindete, sucht der Augenchirurg Dr. Leonard Chaney (Richard Basehart) nach einem Weg, ihr das Sehen wieder zu ermöglichen. Eine neue Methode aus Übersee scheint für Abhilfe zu sorgen: Die Transplantation von intakten Augäpfeln und deren Kopplung an die Sehnerven des blinden Patienten sollen diesem das Augenlicht zurückverschaffen. Da es für einen solchen Eingriff erwartungsgemäß keinerlei willfährige Probanden gibt, benutzt Chaney kurzerhand Nancys Verlobten und seinen Kollegen Dan Bryan (Lance Henriksen), indem er ihn betäubt und nach erfolgter Augenentnahme und -verpflanzung kurzerhand in seinem Keller einkerkert. Zunächst glückt das Experiment, doch bereits nach wenigen Tagen stößt Nancys Körper die fremden Augen wieder ab. Neue „Spender“ müssen her, und davon nicht zu knapp…

Les visages sans yeux: Ein formvollendetes Stück Grand Guignol aus der für derlei klarlackversiegelten Schund ausgezeichneten Filmschmiede von Vater und Sohn Band, nominell Albert und Richard. Man muss sich auf deduktivem Wege nicht sonderlich bemühen, um relativ flink zu verzeichnen, dass „Mansion Of The Doomed“ natürlich ein – wenngleich inoffizielles – Remake von Georges Franjus erhabenem „Les Yeux Sans Visage“ darstellt, in dem Pierre Brasseur als wahnsinniger Chirurg seiner entstellten Tochter Edith Scob ihre vergangene Schönheit in Form eines neuen Antlitzes zurückzugeben versucht und dazu junge Frauen als unfreiwillige Spenderinnen missbraucht. Gleichermaßen schmierig und lustvoll in seiner Präsentation, wählte „Mansion Of The Doomed“ den überaus cleveren Weg, diese Storyprämisse kurzerhand „umzudrehen“, indem er seinen mad scientist anstelle eines kompletten Gesichtes nach neuen Augenpaaren für seine Tochter suchen lässt. Dafür ist ihm irgendwann jede noch so absurde Situation Recht und er betäubt und operiert bald jeden, der, aus welchen Gründen auch immer, mit ihm in Interaktion tritt. Die Drehbucheinfälle, wie Richard Basehart an neue Opfer gerät, werden dabei zusehends spektakulärer. Hauptattraktion des Films ist allerdings das Kellergefängnis, in dem Dr. Chaney seine augenoperierten Opfer einsperrt – immerhin ist er ja kein Mörder, sondern Humanmediziner! Bald tummeln sich in Chaneys Verlies diverse augenlose Zeitgenossinnen und -genossen (leider habe ich vergessen, mitzuzählen, aber um die sieben oder acht werden’s am Ende wohl sein) unterschiedlichster Provenienz und machen aus nur allzu verständlichen Gründen ein Heidentrara. In der Scheiße sitzend sind wir alle gleich. Einmal kratzt „Mansion Of The Doomed“ sogar kurz am wirklich Unangenehmen, als der immer irrer werdende Chaney auf die Idee kommt, seiner Tochter die unverbrauchten Augen eines kleinen Mädchens einzusetzen, das er prompt auf dem nächsten Spielplatz kidnappt. Glücklicherweise hat die junge Dame den häuslichen Warnungen vor den Unholden dieser welt doch besser zugehört, als es zunächst den Anschein macht und kann Chaney noch rechtzeitig entfliehen. Spätestens nach dieser Sequenz wünscht man dem Unhold dann auch wirklich die Pest an den Hals; insofern funktioniert sie als durchaus gelungenes Suggestivum.
„Mansion Of The Doomed“ macht jedenfalls eine Menge Freude, wenn er im Vergleich zu Franjus Kunstwerk auch zwangsläufig zu Staube kriechen muss. Von einem jungen Andrew Davis photographiert, verfügt er darüberhinaus mit Richard Basehart und einer aufgrund misslungener Kosmetikoperationen mimisch eigenartig erstarrten Gloria Grahame (in Alida Vallis vormaliger Rolle als Erfüllungsgehilfin) über zwei längst vom Verlöschen bedrohte Hollywood-Sterne und erhält so einen zusätzlichen, feinmatten Glanz.

7/10

EXCESSIVE FORCE

„Game time, buddy!“

Excessive Force ~ USA 1993
Directed By: Jon Hess

Schon seit Jahren sitzt der Chicagoer Cop Terry McCain (Thomas Ian Griffith) dem Mafiaboss DiMarco (Burt Young) im Nacken, kann ihn wegen aussichtsloser Beweislagen jedoch nie dingfest machen. Als er DiMarco einmal mehr hochnimmt und vor Gericht bringt, verschwinden urplötzlich mehrere Millionen Dollar aus dem Besitz des Gangsters. Dieser macht für den Geldverlust McCain und seine Partner Dylan (Tom Hodges) und Hawkins (Tony Todd) verantwortlich und geht rigoros gegen das Trio vor. Nachdem seine Freunde Anschlägen durch DiMarco zum Opfer gefallen sind, gilt McCain als Hauptverdächtiger, ebenso wie für den kurz darauf verübten Mord an DiMarco selbst. McCain muss nun nicht bloß herausfinden, wer hinter der Verschwörung gegen ihn steckt, sondern steht zudem gegen die Polizei und die Mafia. Und welche Rolle spielt McCains  Vorgesetzter Chief Devlin (Lance Henriksen) bei alldem?

Als nach Stallone und Schwarzenegger plötzlich auch Lundgren und Van Damme in großbudgetierten Studioproduktionen auftraten und Dudikoff und Norris die Protektion durch die just dichtgemachte Cannon verloren hatten, versuchte man, neue Heroen im B-Action-Sektor zu etablieren. Einer davon war der hünenhafte Thomas Ian Griffith, bewandert in Martial Arts und mit einiger physischer Präsenz gesegnet. Für den von im Pappfilmbereich erfahrenen Jon Hess sehr ordentlich inszenierten „Excessive Force“ verfasste Griffith selbst das Script und es konnte eine gestandene, sogar durchweg erfreulich motiviert aufspielende Besetzung zusammengetrommelt werden, die die der allermeisten ähnlich schmal budgetierten Genre-Produktionen locker ausstach. Neben den Erwähnten treten noch James Earl Jones als McCains väterlicher Freund und Mentor auf sowie Charlotte Lewis als schnucklige love interest an. Fürderhin beweist Griffith weniger gesteigertes Interesse an verkopfter Ermittlungsarbeit denn an roundhouse und flying kicks, von denen er reichlich verteilt und mit einem besonders formvollendeten schließlich auch den an dieser Stelle wohlweislich geheimgehaltenen Haupt-Übeltäter vom Dach befördert. Arme Sau. Diverse der übrigen Gegner kriegen es mit heißem Blei und am Ende haben wir einen im amerikanischen Großstadt-Polizeidienst befindlichen Massenmörder mehr. Aber was sollte er auch machen, dieser Terry McCain? Sich etwa abknallen lassen…?

6/10