SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Ihre Motivlage so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10

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MARY POPPINS

„Who looks after your father? Tell me that.“

Mary Poppins ~ USA 1964
Directed By: Robert Stevenson

Auf dem Kirschbaumweg Nummer 17 in London wohnt die Familie Banks. Während Vater George (David Tomlinson) eifrig seinem Job in der Bank nachgeht, betätigt sich Mutter Winnifred (Glynis Johns) allenthalben als Suffragette. Die beiden vernachlässigten Kinder Jane (Karen Dotrice) und Michael (Matthew Garber) verschleißen derweil ein Kindermädchen nach dem anderen. Bis die magische, feengleiche Mary Poppins (Julie Andrews) auftaucht. Mit viel Gesang, Träumereien und Lebensweisheit und vor allem der Unterstützung des Straßenkünstlers und Schornsteinkehrers Bert (Dick Van Dyke) gelingt es ihr, die Banks wieder zu einer glücklichen Familoie zu machen.

Die Geschichte, wie Walt Disney der Autorin P.L. Travers die Verfilmungsrechte an ihrer Kinderbuchfigur Mary Poppins abschwatzte, ist legendär und avancierte später selbst zum Filmstoff. Ebenso vehement allerdings, wie Disney die Literatin becircte, ist die Tatsache, dass „Mary Poppins“ und insbesondere der Film in Kombination mit seiner Hauptrollenbebütantin Julie Andrews einen maßgeblichen Epitaph des alten Hollywood bildet. Der Vorhang für die großen, teuren und überlangen (Fantasy-)Musicals der mittleren und späten sechziger Jahre, für die die Andrews steht wie außer ihr nur noch Barbra Streisand und die mit Ausnahme der traditionsverpflichteten Academy einen zunehmenden Anachronismus darstellten, begann sich bereits mit „Mary Poppins“ allmählich zu schließen. Und wie der Entstehungsprozess um Disney der wehrhaften Travers nach und nach unter allerlei (zwecklosem) Protest unterjubelte, dass seine Adaption ein Musical werden und Trickfilmsequenzen darin vorkommen würden, ist das Endresultat ein ebenso symbolischträchtiges Pamphlet für die Allmacht und Urgewalt der überalterten, im Aussterben begriffenen Hollywood-Mogule. Das „Löffelchen voll Zucker“, von dem „Mary Poppins“ in den allermeisten Aufzügen mindestens eins zuviel dreingegeben wurde, geriet hier zur sprichwörtlich bitteren Medizin. Die delirierende Sequenz im Herzen des Films, in der Mary Poppins, Bert und die Kinder in die Straßenmalereien hineintauchen und somit gleichermaßen in ein irrwitziges, disneytypisches Animationsnirwana etwa ist in ihrer überlangen Wesenheit beinahe schon dreist; die Nummer „Feed The Birds (Tuppence A Bag)“ an triefendem Schmalz praktisch kaum mehr überbietbar. Dennoch vollbringt es der Film in seiner Gesamterscheinung und vor allem seiner finalen, Travers ganz privater Urintention wiederum höchst gerecht werden Konsequenz, derzufolge Mary Poppins nicht die Kinder, sondern die Seele von Vater Banks heilt, seine heimlichen Stärken zu präservieren. Zumindest was mich anbelangt. Andere mögen ihn inbrünstig hassen – und auch für jene kann ich durchaus Verständnis aufbringen.

7/10

TO THE DEVIL A DAUGHTER

„It is not heresy and I will not recant!“

To The Devil A Daughter (Die Braut des Satans) ~ UK/BRD 1976
Directed By: Peter Sykes

Der in London lebende Okkultismusexperte und Buchautor John Verney (Richard Widmark) sagt dem ängstlichen Geschäftsmann Henry Beddows (Denholm Elliott) zu, sich um dessen Tochter Catherine (Nastassja Kinski) zu kümmern, die ihr gesamtes bisheriges Leben in einem entlegenen bayrischen Kloster zugebracht hat und laut Beddows nunmehr in höchster Gefahr vor einer Sekte schwebe. Verney, der sich zunächst nicht sicher ist, ob es sich bei der ganzen Geschichte um bloßen Mummenschanz handelt, unterschätzt dabei den Einfluss und die Kräfte von Catherines bisherigem Mentor Michael Raynor (Christopher Lee), einem willfährigen Diener des Höllenfürsten Astaroth…

Diese letzte Hammer-Kino-Produktion, bevor das Studio sich für längere Zeit dem Fernsehgeschäft zuwandte und erst mit dem 2011 veröffentlichten „The Resident“ wieder die Leinwände beehrte, hatte es unglücklicherweise nie ganz leicht. Obwohl formidabel besetzt und um einen zeitgenössisch angemessen Genretopos um Satanistenkult und Wechselbälger herumgesponnen, lassen sich heuer noch immer Stimmen vernehmen, die dem legendären Studio angesichts der angeblich sinkenden Qualität von Werken wie vor allem „To The Devil A Daughter“ seinen Schwanengesang völlig begründet in Rechnung stellen. Als Quasi-Nachfolger von „The Devil Rides Out“, dessen Vorlage ebenfalls auf den Black-Magic-Zyklus des Romanciers Dennis Wheatley zurückgeht, sollte Sykes‘ Film ursprünglich das bislang eben sehr dürftig bepflügte Okkultismusfeld der Hammer ausweiten, doch etliche Beteiligte hassten den Film gleich bei seiner Premiere. Co-Autor Christopher Wicking bezeichnete das Endresultat als Katastrophe, Hammer-Kreativkopf Michael Carreras, der gern ein alternatives Ende nachgeschoben hätte, bescheinigte ihm Kopflosigkeit. Zudem erregt das skandalträchtige Finale, in dem die damals erst vierzehnjährige Kinski in einer kurzen Einstellung völlig nackt zu sehen ist, offenbar noch immer diesbezüglich sensible Gemüter, was zumindest die verhaltene Editionshistorie des Films hierzulande miterklären könnte. Dabei macht Sykes mit dem ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen einen völlig gediegenen Job. Der Film nimmt sich und seine Geschichte angenehm ernst; Widmark und Lee geben ein großartiges Antagonistenpaar ab, das in seinen jeweiligen Rollen bestens gedeiht und selbst im unübersichtlichen Genresegment der vielen thematisch anverwandten Werke dieser Ära sticht „To The Devil A Daughter“ als atmosphärisch ansprechender Vertreter hervor.
Was somit durchaus richtungsweisend hätte sein mögen, erhielt somit leider den unberechtigten Ruch der künstlerischen Bankrotterklärung. Bleibt zu hoffen, dass dieser wirklich schöne Film irgendwann noch einmal seine verdiente, komplette Rehabilitierung erlebt.

8/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10

PHANTOM THREAD

„Maybe he is the most demanding man.“

Phantom Thread (Der seidene Faden) ~ UK/USA 2017
Directed By: Paul Thomas Anderson

London in den fünfziger Jahren: Der Designer und Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day Lewis) genießt einen exorbitanten Ruf als Meister seines Fachs und beliefert ausschließlich erlesenste Kundinnen in ganz Europa. Nähe und Vertrauen lässt der ebenso exzentrische wie narzisstische Junggeselle ausschließlich durch seine ältere Schwester Cyril (Lesley Manville) zu; andere Frauen hat er zwar um sich, hält sie jedoch als Zuarbeiterinnen stets auf Distanz. Als er eines Tages die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennenlernt, gerät Woodcocks sorgsam organisiertes Dasein nach und nach aus den streng gesetzten Fugen, zumal Alma alle Mittel Recht sind, um der harten Nuss Schale aufzubrechen…

Außergewöhnliche, abseits der Norm angesiedelte Liebesgeschichten lässt sich mittlerweile als basales Motiv im stachligen Œuvre Paul Thomas Andersons lokalisieren; sein „Punch Drunk Love“, in dem Emily Watson sich tapfer zum Herzen des grenzautistischen Adam Sandler vorarbeitet, steht in enger Verwandtschaft zu „Pantom Thread“. Obgleich diesem der sanfte Humor und  weitgehend auch die Herzlichkeit seines fünfzehn Jahre älteren Geschwisterkindes abgehen, sind einige erzählerische Parallelen unverkennbar. Auch „Phantom Thread“ stellt einen infolge zeitlebens erfahrener, weiblicher Dominanz (Mutter & Schwester) im engsten Familienkreise zur dauerhaften Beziehung unfähig gewordenen Egomanen als Protagonisten vor, der allerdings noch sehr viel unnahbarer und von sich zeitweilig aggressiv äußernden Sozialneurosen durchdrungen ist als Barry Egan seinerzeit. Umso bizarrer nimmt sich Almas finaler Pfad der Durchdringung aus: nachdem alles andere scheitert, bleibt nur eine Möglichkeit: Reynolds muss so krank, seine physische Konstitution so angegriffen sein, dass er ohne Almas aufopferungsvolle Pflege nicht mehr weiterleben könnte. Zu diesem Zwecke serviert ihm Alma aus letzter Verzweiflung eine Pfanne vergifteter Pilze, die Reynolds zwar nicht töten, aber doch für einige Tage schwer vergiften und ans Bett fesseln, derweil er, schwach und hilflos, Almas „lebensrettende“ Fürsorge genießt. Jene bewusst herbeigeführte Vergiftung und anschließende Kur werden zur funktionellen Coda für eine auf seltsame Weise erfüllte Beziehung, die paradoxerweise eine gesunde Beziehung durch ungesunde Aktion gewährleistet.
Unabhängig davon genießt Andersons es abermals sichtlich, sich in die Vergangenheit zu begeben und ein period piece vorzulegen – seit „Punch Drunk Love“ spielte wiederum keiner seiner Filme näher als vierzig Jahre an der Gegenwart. Diesmal führt die wie gewohnt exzellent arrangierte und abgefasste Zeitreise uns in ein emotional ohnehin stark hermetisiertes London der Nachkriegsjahre. Noch immer vom „Blitz“ traumatisiert und hinter der stolzen Fassade britischer Lebensart immens verletzlich symbolisiert Reynolds Woodcock nicht zuletzt auch das gesellschaftliche Befinden seiner Zeit. Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit und äußerste Hingabe stehen über allem und erst ein neuerlicher, sanfter Bruch machen jenen stählernen Panzer des Selbstschutzes erst wieder permeabel.
Gewiss erzählen Andersons Filme, wie es sich für außergewöhnliche Autoren geziemt, auch immer ein Stück über ihn selbst. In Falle „Phantom Thread“ möglicherweise ein größeres, als ihm lieb sein wird.

8/10

DARKEST HOUR

„Those who never change their mind never change anything.“

Darkest Hour ~ UK/USA 2017
Directed By: Joe Wright

Am 10. Mai 1940 wird Winston Churchill (Gary Oldman) im Alter von 65 Jahren infolge des Rücktritts von Neville Chamberlain (Ronald Pickup) zum britischen Premierminister ernannt, nachdem sein Parteigenosse Lord Halifax (Stephen Dillane) den Posten abgelehnt hat. Während Hitlers Armeen das westeuropäische Festland überrennen und zur Atlantikküste vordringen, stellen sich Churchills Vorgänger und Halifax auf diplomatische Verhandlungen mit Hitler und Mussolini ein, während Churchill der festen Überzeugung ist, dass es mit faschistischen Diktatoren keine sinnvollen Gespräche geben könne. Kurz bevor er einknickt, versichert sich Churchill der Unterstützung König George VI (Ben Mendelsohn) und der vox populi. Die am 26. Mai beginnende „Operation Dynamo“, die Evakuierung der eingekesselten britischen Soldaten vom Strand von Dünkirchen mithilfe der zivilen Schifffahrt, erbringt schließlich eine erste, entscheidende Kriegswende.

Was sich eigentlich und recht eindeutig als sinnvolles Präludium zu Christopher Nolans „Dunkirk“ erweist, kam leider erst einige Wochen nach diesem in die Kinos. Schlechte Absprachen werden dafür weniger die Ursache gewesen sein denn bloßer Zufall, dennoch bietet sich „Darkest Hour“ im Rahmen einer kleinen, filmischen Geschichtsstunde als das vorzusichtende Werk geradezu perfekt an. Der Film selbst ist ein durchweg sympathisches Porträt der kriegsentscheidenden Persona Winston Churchills, die Gary Oldmans darstellischer Krone ein weiteres Juwel hinzufügt. Selbst im fatsuit und unter der dicken Maskierung, die ein klein wenig an Oldmans nunmehr auch schon ein Vierteljahrhundert zurückliegende Darstellung des Grafen Dracula in seiner ausgedörrten Seniorengestalt erinnert, lässt sich das nuancierte Spiel und die teils verblüffende Studie des elder statesman, der durch waghalsige Aktionen wie die Gallipoli-Schlacht und seine persönliche Exzentrik seiner Partei nicht selten ein Dorn im Auge war, noch immer hervorragend genießen.
„Darkest Hour“ bildet überaus spürbar dediziertes Traditionskino ab, das nicht eben mit Klischees wie der Rückhalt spendenden Ehegattin (Kristin Scott Thomas) im Hintergrund oder der hübschen, jungen Privatsekretärin (Lily James) als Repräsentantin des „gemeinen Volks“ geizt und auch den berühmt-berüchtigten Eigenheiten des Vorbilds, das den Legenden zufolge tagtäglich Whiskey (Johnnie Walker), Rotwein (Claret), alten Brandy und natürlich Champagner (Pol Roger) und üppige Mahlzeiten im Wechsel mit dicken Zigarren konsumierte und damit nicht selten den Haushaltsetat überstrapazierte, geizt. Churchills überstützt anberaumte, zentralistisch dramaturgisierte Fahrt mit der U-Bahn, die er dazu nutzt, den Widerstandsgeist der Menschen von der Straße abzuklopfen und seine nachfolgende, umjubelte Rede vor dem Parlament, bei der er nachdrücklich klarstellt, das das Empire nicht vor Hitler kriechen werde, stellen erwartungsgemäß die emotionale Klimax von Wrights Film, und das mit allem gebührenden Erfolg.
Eine ehrwürdig-gesetzte, schöne und rundum feine Arbeit, sich unbedingt zur baldigen Wiederholung empfehlend.

8/10

THE LIMEHOUSE GOLEM

„Here we are again!“

The Limehouse Golem ~ UK 2016
Directed By: Juan Carlos Medina

In der Ära der Viktorianischen Jahre geht im Londoner Viertel Limehouse ein Mörder um, den die zu Geschwätz und Aberglauben neigenden Einwohner bald als „Limehouse Golem“ bezeichnen. Die Spur führt den ermittelnden, stillen Inspector Kildare (Bill Nighy) zu der beliebten Sängerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die des Mordes an ihrem Mann John verdächtig ist. Kildares Ermittlungen ergeben, dass etliche Indizien die Identität des Golem betreffend zur Person John Crees führen, allein der finale Beweis steht noch aus…

Ein Film wie „The Limehouse Golem“ hat ganz einfaches Spiel mit mir: Kostümkino, dazu noch angesiedelt im Viktorianischen London und, gewissermaßen als vollmundiges parfait, eine Mördergeschichte obendrauf – da bin ich stets gern dabei. Peter Ackroyds zugrunde liegender Roman spielt, ähnlich wie Alan Moores gewaltiges „From Hell“, abseits von seinem Kernplot um die Mordserie und deren Aufklärung, mit den Mythen, den multiplen kulturellen und ethnischen Facetten jener Periode, die weite Teile Londons zu einem multikulturellen Schmelztiegel machten. Insbesondere jedoch das Hafenviertel Limehouse im East End der Stadt, berüchtigt für seine Ansammlungen exotischer Halbweltler und deren hierher transferierte Lebensart, gilt als Inspiration für eine Vielzahl von Geschichten und Trivialabenteuern von Thomas Burke bis hin zu Sax Rohmer. Entsprechend reichhaltig der Inspirationsfundus. Dass sich bei Ackroyd, respektive der Adaption, noch Platz für historische Zeitgenossen findet, nominell den Schauspieler Dan Leno (Douglas Booth), den Autor George Gissing (Morgan Watkins) und Karl Marx (Henry Goodman), verleiht „The Limehouse Golem“ eine von mehreren interessanten Zusatznoten, zu denen ebenso die Einblicke in die frühe Musical-Theatre-Szene gehören. Als Genrestück hingegen nimmt sich Medinas zweiter Langfilm wohl weniger erwähnenswert aus; zwar spielt ihm eine gewisse, mit dem Stoff einhergehende Abgründigkeit in die Karten, wer jedoch explizit nach einem historisch aufgeladenem Spannungsstück sucht, könnte sich möglicher- und berechtigterweise enttäuscht finden.
Für mich ist „The Limehouse Golem“ insofern sehenswert, als dass es ihm vorzüglich gelingt, in die porträtierte Ära einzutauchen und mit seinen Querverweisen ein paar inspirierende und stimulierende Einblicke zu leisten.

7/10