THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

„If I had a box of bad things I’d put you in it and close the lid.“

The Girl With All The Gifts ~ UK/USA 2016
Directed By: Colm McCarthy

Nachdem eine Zombie-Seuche die Welt weitgehend entvölkert hat, arbeiten überlebende Wissenschaftler, allen voran Dr. Caldwell (Glenn Close), fieberhaft daran, ein Gegenmittel zu finden. Dabei behilflich sind ihnen Kinder von vor der Niederkunft infizierten Müttern, die sie gefangennehmen und zu Untersuchungszwecken eingesperrt haben. Eines dieser Kinder ist die etwa zehnjährige Melanie (Sennia Nanua), ein sehr liebenswertes, überaus intelligentes Mädchen, das mit dem Makel leben muss, von einem tödlichen Fressinstinkt heimgesucht zu werden, sobald es lebendes Fleisch riecht. Melanie kennt nur die Abschottung ihres kargen Gefängnisses, ihre Kontakte sind die sie bewachenden Soldaten, die emotionale Lehrerin Helen (Gemma Arterton) und die sie rein als Objekt wahrnehmende Caldwell. Als die Forschungsbasis von den Zombies überrannt wird, kann ein kleine Gruppe fliehen, darunter Caldwell, Helen, der Soldat Parks (Paddy Considine) und Melanie. Während das Mädchen mehr und mehr das Vertrauen der Gruppe gewinnen kann, bleibt Caldwell ihr gegenüber skeptisch. Als sie in London auf die Ursache der Seuche stoßen, eine gewaltige Pflanze, die infiziöse Sporen absondert, findet Melanie ihre wahre Bestimmung.

Mit Zombie-Filmen, insbesondere mit den im Shutter-Modus flitzenden Wutzombies, wie sie einst Danny Boyle mit „28 Days Later“ eingeführt hat, ist das so eine Sache. Spätestens mit jener forcierten Kinetisierung hat der Zombie als mediale Sagengestalt den endgültigen Sprung ins Videospielzeitalter vollzogen und sich seither durch eine gewaltige Schwemme unterschiedlichster Subgenre-Variationen so dermaßen exponiert, dass der gesamte Topos bis in seine letzten Winkel ausgeleuchtet und so um jedwedes finale Geheimnis beraubt wurde. Der Zombie der Ära Romero, ehedem ein Symbol für garantiert nicht jugendfreies Nischenkino, ist nach seinen finalen Kulminationspunkten in den Neunzigern mit Jacksons „Braindead“ und Soavis „Dellamorte Dellamore“ längst zum familienkompatiblen Massenkulturgut avanciert, das sich selbst in TV-Serials großflächiger Beliebtheit erfreut, sogar bei Menschen, die in seinem Angesicht vor dreißig Jahren noch verächtlich die Mundwinkel verzogen hätten. Zombie darf heute jeder. Umso schwieriger scheint es angesichts dieses Exklusivitätsverlusts, dem Sujet noch interessante Seiten zu entlocken. Den ersten Domestizierungsversuch eines Zombies gab es bereits 1985 in „Day Of The Dead“, einem der Meisterwerke des just verstorbenen George A. Romero. Darin versuchte ein über seine ehrbaren Ambitionen hinaus durchgedrehter Wissenschaftler, einen gefangengenommenen Untoten zu rezivilisieren, verschaffte ihm sogar einen Namen („Bub“) und damit zugleich eine Persönlichkeit. Freilich forderten jene Anstrengungen gleich mehrere hohe Preise. Melanie in „The Girl With All The Gifts“ ist eine direkte Nachfahrin von Bub, wenn man so will, seine Enkeltochter. Als freundliches, kleines Mädchen mit einem gewaltigen Handicap ist sie die Vorbotin einer neuen Zombie-Generation, pränatal infiziert, vernunftbegabt, vor physischen Verfallserscheinungen geschützt, trägt sie die Fackel ihrer Spezies in eine neue Ära und dreht den unsäglichen Spieß, unter dem sie ihr bisheriges, kurzes Leben zu leiden hatte, schließlich im wahrsten Sinne des Wortes um. Dass dies in McCarthys Film nicht nur symbolisch geschieht, verschafft ihm einen zusätzlichen Wert, insbesondere auf der Subgenreebene. Und das ist heuer durchaus ein Verdienst.

8/10

THE PROJECTED MAN

„Take a good look! I’m a monster!“

The Projected Man (Frankenstein 70 – Das Ungeheuer mit der Feuerklaue) ~ UK 1966
Directed By: Ian Curteis

Unter stetigem Druck durch seinen Projektleiter Blanchard (Norman Wooland), der ihn am Liebsten vom Fleck weg schassen würde, arbeitet Dr. Paul Steiner (Bryant Haliday) an einer waghalsigen Experimentreihe, an deren Ziel die Projektion organischer Materie von einem Ort zum anderen steht. Hilfe erhält er von seinem Assistenten Mitchel (Ronald Allen) und seiner früheren Freundin Patricia (Mary Peach). Dennoch geht eine wichtige Demonstration in Gegenwart von Steiners früherem Mentor Lembach (Gerard Heinz) schief und Steiner wagt frustriert einen Selbstversuch, der katastrophal misslingt: Zwar vollzieht sich die Projektion, doch Steiner erscheint nach seiner vorübergehenden Auflösung als Monster mit halb entstelltem Gesicht und einer verbrannt aussehenden Kralle, die alles, was sie berührt, umgehend tötet. Jeder Versuch von Mitchel und Mary, den zunehmend wahnsinnig Werdenden zur Vernunft zu bewegen, scheitert…

Mit dem von der deutschen Titelschmiede aufgegriffenen „Frankenstein“- Ikonografie hat „The Projected Man“ faktisch gar nichts zu tun, mit Ausnahme vielleicht des ebenso genialen wie verschrobenen Wissenschaftlers im Zentrum der Ereignisse, der sich über die physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Schöpfung und Natur zu erheben versucht. Gut, der Mann heißt außerdem „Steiner“, was eine entsprechende Parallelisierung allerdings nicht zwangsläufig offensichtlich machen muss. Vielmehr steht Curteis‘ Film in der Tradition der im Zuge eines verhängnisvollen Selbstexperiments zu grauerregenden Monstren mutierenden mad scientists, die am Ende einen hohen Preis für ihre Freveleien zu bezahlen haben; angefangen bei Stevenson und Wells und in diesem speziellen Fall stark von der „The Fly“-Trilogie beeinflusst. Auch in jener ging es ja um Teleportation und einen massiv scheiternden Versuch, der das Genie zur Bestie werden ließ, wobei zumindest der physikalische Ansatz in „The Projected Man“ – der Titel verrät es bereits – sich geflissentlich vom Vorbild unterscheidet. Hier vermischen sich nicht etwa zwei Erbgüter von Mensch und Tier; die Veränderung des Erfinders vollzieht sich vielmehr ausschließlich durch die Tücken der unwägbaren Technologie. Heraus kommt ein optisches Pendant zum alten Batman-Gegner Two-Face, das zudem die mörderische Superkraft besitzt, allein durch die Berührung mit seiner Hand hochenergetische Stromschläge in seine ergo umgehend gerösteten Opfer zu jagen. Dass man angesichts solcher äußeren Umstände dem Irrsinn anheim fällt, ist da eine schon logische Schlussfolgerung.
„The Projected Man“ ist sichtbar billig hergestellt worden, entfaltet aber einen gewissen, sicherlich nicht eben problemlos herauszufilternden Charme, der ihn eben vor allem für Liebhaber verrückter Wissenschaftler goutierbar macht. Dass der Produzent John Croydon dem ursprünglichen Regisseur Ian Curteis gegen Ende der Dreharbeiten das inszenatorische Zepter entriss, macht sich nicht bemerkbar, ebensowenig wie die Tatsache, dass Bryant Haliday, der den bedauernswerten Dr. Steiner gibt, Mitbegründer der Filmpräservationsstätte Janus Films war, die sich wiederum zu einem wichtigen Partner von Criterion mauserte. All das macht aber gar nüscht.

5/10

QUEEN KONG

„Do you think this has some underlying meaning or symbolism or social significance?“

Queen Kong (Die tollen Abenteuer der Queen Kong) ~ UK 1976
Directed By: Frank Agrama

Die kesse Filmemacherin Luce Habit (Rula Lenska) sucht für ihr nächstes Projekt zum Ersten einen kernigen männlichen Star und hat sich zum Zweiten die geheimnisvolle Insel „Lazanga Where They Do The Konga“ als Drehort ausgesucht, auf dem die Eingeborenen der Riesenäffin Queen Kong huldigen. Ihren Auserwählten findet Luce in dem Londoner Kleingauner Ray Fay (Robin Askwith), der sie eher unfreiwillig Richtung Afrika begleitet. Nach einigen Inselabenteuern nimmt man Queen Kong dann mit in die englische Metropole, wo sie flugs zum Star der Feminismusbewegung auserkoren wird.

Wollte ich schon lang einmal gesehen haben und bin nun froh, endlich auch hier ein Häkchen setzen zu können. Frank Agramas als „King Kong“-Parodie verkleidete Gaga-Komödie sucht ihre Wurzeln im britischen Anarchohumor jener Jahre, garniert vielleicht mit ein bisschen Zuwendung an Mel Brooks, jedoch vollkommen ohne dessen Gespür für liebevolle Parodismen oder auch sonst jedwede Art von Stil. Stattdessen bewegt sich der in ausnahmslos jeder Beziehung gammlige „Queen Kong“ in den flauen Gewässern des unwitzigen Nonsens und versagt bei seinen hochfrequenten Versuchen, komisch zu sein, so dermaßen, dass es körperlich wehtut. Robin Askwith, der mit seinem ausgeprägten Kieferbau in jungen Jahren exakt dieselbe Physiognomie aufwies wie Oliver Kahn und der seinerzeit als vielversprechender sonnyboy der aufstrebenden Comedy-Szene galt, sollte man sich bevorzugt in „Horror Hospital“ geben, der seinen „Qualitäten“ deutlich gerechter wurde.
Dies hier ist nichts weiter als lupenreiner, englischer Stinkkäse.

2/10

HIGH-RISE

„I don’t work for you, I work for the building!“

High-Rise ~ UK/BE 2015
Directed By: Ben Wheatley

Robert Laing (Tom Hiddleston), Arzt von Beruf, zieht in einen von dem exzentrischen Stararchitekten Anthony Royal (Jeremy Irons) erbauten Hochhauskomplex in der Londoner Hafengegend. Während um ihn herum noch weitere von den massigen Gebäude-Ungetümen entstehen, lernt Laing einige seiner Mitbewohner kennen. In dem seinen Mietern jedwede Art von Komfort bietenden und auf völlige Autarkie hin ausgerichteten Haus gibt es eine strenge hierarchische Ordnung: In den unteren Etagen wohnen gewöhnliche Angestellte mit mehrköpfigen Familien, in den mittleren Alleinstehende und Ehepaare mit höherem sozialen Status wie Laing selbst und in den oberen Prominente und Snobs, die sich gern bei exaltierten Exklusiv-Partys amüsieren. Die luxuriöse Dachetage ist Royal selbst vorbehalten. Als es Probleme mit der Müllentsorgung gibt und zu Stromausfällen kommt, beginnen sich die Fronten zu verhärten und es kommt zu gewalttätigen Übergriffen unter den einzelnen Etagen, die schließlich in offener Anarchie kulminieren.

Diese scharfe, auf einem Roman von J.G. Ballard basierende Sozialsatire weist trotz ihres dystopischen Charakters klare Gegenwartsbezüge auf: Um die Mitte der siebziger Jahre, der Erstveröffentlichungszeit von Ballards grotesker Allegorie, bildete sich in diversen europäischen Metropolen die postmoderene Tendenz, nach architektonischer Höhe zu streben. Die grassierende Angst vor zunehmender Bevölkerungsexplosion veranlassten Stararchitekten wie Hans Schwippert und Le Corbusier zu funktionalistischem Umdenken; möglichst viele Wohneinheiten auf möglichst wenig Raum waren plötzlich Trumpf und Chic, freilich nicht ohne den Bewohnern die nachhaltige Illusion von Exklusivität und Luxus zu verleihen, um vor allem wohlhabende Mieter und Käufer anzulocken. Ballard spitzte dieses Konzept zu, indem er sein Gebäude als Spiegel der urbanen sozialen Klassen und darüber hinaus noch als Symbol für freudsche Metapsychologie formulierte, das man im „besten“ Fall überhaupt nicht mehr zu verlassen brauchte. Immerhin bietet das Hochhaus nicht nur Wohnkomfort, sondern auch Einkaufsmöglichkeiten sowie etliche Optionen zu Freizeitgestaltung und Sport. Über allem thront der Ersinner des an sich utopisch-idealistisch gemeinten Sozialexperiments wie sein höchsteigener Autokrat wider Willen: Anthony Royal, dessen frustrierte Gattin (Keely Hawes) gern mit ihrem Pferd durch den Penthouse-Park galoppiert. Dass die explosive Grundstimmung – die in der Tiefe lebenden Familien leiden mehr und mehr unter Müllbergen, Netzstörungen und vor allem Frust gegenüber der Champagner saufenden, moralentfesselten Dekadenz diverse Etagen über ihnen – sich bald entlädt, ist da keine minder erwartbare, historisch vorbelastete Reaktion.
Ich musste in Anbetracht dieses auch formal vollendeten Fait-accompli (das tatsächlich den offensichtlichen Fehler ausspart, sein Sujet ins Heute zu transponieren, sondern in Ballards Zeit verbleibt) wohl nicht von ungefähr an David Cronenbergs „Shivers“ denken, der ganz offensichtlich von Ballards Ideen beeinflusst war, dem Publikum mit den Parasiten jedoch einen handfesten Anlass für die sich ausdehnenden Ausschweifungen feilbot, damit die Metaebene des Romans verließ und zu Genrezwecken konkretisierte. Dass Cronenberg rund zwanzig Jahre später mit „Crash“ nominell eine eigene Ballard-Adaption vom Stapel ließ, kam somit einem Kreisschluss gleich. Doch Ballard hin, Cronenberg her: Ben Wheatley ist mit „High-Rise“ ein Meisterwerk und vielleicht der Film 2015 geglückt. Muss unbedingt bald „A Field In England“ nachlegen.

10/10

CRIMINAL

„You hurt me – I hurt you worse.“

Criminal (Das Jerico-Projekt – Im Kopf des Killers) ~ USA/UK 2016
Directed By: Ariel Vromen

Der Spion Bill Pope (Ryan Reynolds) wird ermordet, bevor er seinen letzten Auftrag erfolgeich zu Ende bringen kann. Jener sah vor, den Hacker Jan Strook (Michael Pitt), genannt „Dutchman“, der zuvor mit dem megareichen Anarcho-Terroristen Xavier Heimdahl (Jordi Mollà) zusammengearbeitet hatte, in Sicherheit zu bringen. Strook hat im Auftrag von Heimdahl ein Programm entwickelt, mit dem er sich in sämtliche militärischen Abwehrsysteme der Westmächte einloggen und diese nach Belieben steuern kann – für Heimdahl eine formidable Möglichkeit, die Weltgemeinde seinem Ansinnen gemäß auf Null zurückzuschleudern und neu beginnen zu lassen. Damit es trotz Popes Ableben nicht dazu kommt, zieht man den Gehirnexperten Dr. Franks (Tommy Lee Jones) hinzu, der einen Weg gefunden hat, die neuralen Muster einer Person auf die einer anderen zu übertragen, welche entsprechende physische Voraussetzungen mitbringt. Eine solche findet sich unfreiwilligerweise in dem asozialen Schwerverbrecher Jerico Stewart (Kevin Costner), der wegen einer spezifischen Hirnschädigung keine Emotionen oder Schuldschemata kennt. Nach der Operation kann Stewart fliehen, doch Popes Erinnerungen durchfluten bald ebenso seine Gedankenwelt wie die Gefühlswelt des Verstorbenen…

Ich hätte von Ariel Vromen nach dessen gelungenerem Vorgängerfilm „The Iceman“ ja ehrlich gesagt etwas mehr erwartet als diesen eher einfältig geratenen Espionage-Fiction-Schmarren, der seine Existenzberechtigung letztlich nur aus der einen Tatsache bezieht, dass seine unglaubliche Besetzung (neben Costner, Reynolds und Jones bekommt man Gary Oldman, Scott Adkins in einer leider viel zu kleinen Rolle und die neue „Wonder Woman“ Gal Gadot) sozusagen entgegengesetzt proportional zu seiner ziemlich dämlichen Geschichte arbeitet. Der Cast wird sicher auch einen Hauptgrund dafür gestellt haben, dass Vromen überhaupt Interesse daran hatte, „Criminal“ zu inszenieren; vermutlich würde jeder in Hollywood tätige Nachwuchsregisseur mit karrieristischen Aufstiegsambitionen sich einem Projekt mit einer derart prominenten Darstellerriege verschreiben. Dabei präsentiert der Film wenig anderes als eine hübsche Menagerie alter bis uralter Hüte: Die alte Mär vom Hirnpfusch mit einer Art mentalem Frankenstein-Monster zwecks Konservierung wichtiger Informationen, ein zunehmend reumütiger Hartarsch (Costners Performance lässt sich relativ umweglos als Reprise seines Butch Haynes aus Eastwoods „A Perfect World“ erkennen), die Geburt eines Superagenten, der seine Fähigkeiten daraus bezieht, plötzlich über zwei höchst diametrale Persönlichkeitsmuster zu verfügen, schließlich ein Bösewicht wie aus einem Bond-Film. In den Achtzigern hätte das als Pilotfilm für eine flotte TV-Serie hergehalten (die letzten Filmsekunden deuten sogar Entsprechendes an), in den Neunzigern wäre sowas noch bei Pepin/Merhi oder bei wirtschaftlich ähnlich aufgestellten Produzenten von etwas einfacheren filmischen Kurzwaren gelandet. Heute lässt sich ein mittelgroßes Studio einen solch albernen Spaß gut dreißig Millionen Dollar kosten und verwurstet dafür zudem noch eine Garde gestandener Akteure in der Hoffnung, mit diesem immerhin unterhaltsamen Blödsinn den großen Reibach zu machen. Die Quittung dafür war, dass „Criminal“ ziemlich bös gefloppt ist und es hierzulande noch nichtmal bis in die Kinos schaffte. Das ist wiederum schade, denn zumindest eine kleine Chance hätte ihm dann doch zugestanden. So bin ich großmütig bereit, dem Film seinen etwas infantilen Charakter nachzusehen und ihn zumindest okay zu finden. Warum auch nicht?

6/10

TOWER OF LONDON

„Who possesses the greater evil, my mother? You who made me this way, or I who have to bare it?“

Tower Of London (Der Massenmörder von London) ~ USA 1962
Directed By: Roger Corman

London im Jahre 1483. Nachdem König Edward IV (Justice Watson) das Zeitliche gesegnet hat, schickt sich sein buckliger Bruder Richard (Vincent Price) an, seine Nachfolge als Monarch anzutreten. Zu diesem Zwecke entledigt er sich zunächst seines zweiten Bruders, des designierten Reichsberaters George (Charles Macauly), um dann gegen seine Schwägerin (Joan Freeman) und seine beiden kleinen Neffen, von denen einer (Donald Losby) der legitime König ist, zu intrigieren. Nachdem sein Versuch, die Jungen fälschlich als illegitime Königskinder zu denunzieren, scheitert, bringt er sie eigenhändig um. Doch die Geister seiner Opfer lassen Richard nicht los und treiben ihn weiter in den Wahnsinn bis zu seinem Tode in geistiger Umnachtung auf dem Schlachtfeld von Bosworth.

Inmitten seines farbenprächtigen, siebenteiligen Poe-Zyklus inszenierte Roger Corman mit seinem Star Vincent Price diesen wunderbaren, zwischen Shakespeare und Trivialhorror angesiedelten, kleinen Historienfilm, für den ihm zu seinem großen Bedauern nur kostengünstiges Schwarzweißfilm-Material zur Verfügung gestellt wurde. Tatsächlich schadet dies der Geschichte keineswegs, im Gegenteil: Vincent Price, sichtlich hingerissen von der Option, einen der großen shakespeare’schen Antihelden geben zu können, offenbart einen der schönsten Auftritte seiner gesamten Karriere. Mühelos oszilliert sein ganz privater Richard III. zwischen sadistischem, bösen Monster, machtgierigem Opportunisten, irrlichterndem Angsthasen und nach Liebe lechzendem Ausgestoßenen. Wenn er den Geistern seiner beiden Neffen bereitwillig in den Tod folgen will und, bereits auf den Zinnen des Towers stehend, lamentiert, dass die anderen Kinder ihn früher nie mitspielen ließen ujnd wegen seiner Deformierungen gehänselt haben, dann wirkt das niemals bemüht oder lächerlich, sondern zeugt ernstlich von großer Schauspielkunst. Nicht minder souverän gibt Price sich in einer unbewussten Vorstudie seines Matthew Hopkins, wenn er lüstern dabei zuschaut, wie der Folterknecht ein schönes, unschuldiges Kindermädchen (Sandra Knight) zu Tode streckt, weil sie sich weigert, ein falsches Geständnis abzulegen. Auf Außenaufnahmen praktisch zur Gänze verzichtend, mögen Interieurs und Kostüme nicht die großartigsten gewesen sein. Sie stimmen aber nichtsdestotrotz und fügen sich nahtlos in das nur selten theatralisch wirkende Geschehen. „Tower Of London“ ist eines der schönsten Beispiele dafür, wie effektiv Corman es vor allem als Regisseur zu arbeiten verstand und welches Maximum an Wirkung er bei einem Minum an Etat zu erzielen vermochte.
Eine dunkel schimmernde, grausam-schöne Perle.

8/10

THE CONJURING 2

„This is my house!“

The Conjuring 2 ~ USA/CA 2016
Directed By: James Wan

Nachdem das Parapsychologen-Ehepaar Warren dem berüchtigten Lutz-Haus in Amityville einen Besuch abgestattet hat, im Zuge dessen Gattin Lorraine (Vera Farmiga) in Kontakt mit einer besonders diabolischen Präsenz getreten ist, soll eigentlich Schluss sein mit der gespenstischen Berufung. Doch es wartet schon der nächste Einsatz: Im Londoner Stadtteil Enfield sehen sich die alleinerziehende Mutter Peggy Hodgson (Frances O’Connor) und ihre vier Kinder mit einem üblen Geist konfrontiert, der es vornehmlich auf die jüngere Tochter Janet (Madison Wolfe) abgesehen hat. Im Auftrag der Kirche sollen die Warrens feststellen, ob der bereits globales Medienecho evozierende Fall tatsächlich übernatürliche Ursachen hat oder lediglich von den Hodgsons inszeniert wird. Vor Ort stellt das Paar bald fest, dass ein vormaliger, verstorbener Bewohner des Hauses, ein knittriger alter Herr namens Bill Wilkins (Bob Adrian), sich weigert, die Schwelle zum Jenseits zu überschreiten, sich noch immer im Haus daheim wähnt und daher die Familie terrorisiert. Doch immer wieder gibt es Hinweise darauf, dass Peggy und Janet möglicherweise zumindest teilweise Narretei betreiben. Es ist fast schon zu spät, als Lorraine doch noch erkennt, dass der Geist Bill Wilkins‘ bloß eine Marionette für jenen weitaus schlimmeren Dämon darstellt, dem sie bereits im Amityville begegnet ist und der es auf ihren Mann Ed (Patrick Wilson) abgesehen hat: den höllischen Valak (Bonnie Aarons)…

Nun geht auch das auf authentischen Vorbildern basierende Ehepaar Warren in die zweite Runde bei James Wan – und das in recht ausuferndem Maße, zumindest in Anbetracht der exorbitanten Spielzeit von gut 130 Minuten. Nach dem sechs Jahre zuvor spielenden Erstling sowie einem Spin-Off um die darin vorkommende Puppe Annabelle verschlägt es die bereits zusehends unter ihren Konfrontationen mit dem Bösen leidenden Warrens nach Europa, wo sie einer sozial benachteiligten Familie zur Hilfe eilen. Mehr noch als im Vorgänger ergeht sich die Geschichte sehr detailliert darin,  Lorraine und Ed als Seelsorger auch in Privatangelegenheiten zu charakterisieren. Die arme Peggy wurde mitsamt ihren vier Kids vom Ehemann sitzengelassen und muss sich nun allein durch die thatcherisierte Prekariatsgesellschaft plagen. Dass den Kindern der Vater fehlt, bemerkt Ed nur allzu schnell und stimmt mit einer alten Klampfe schnulzige Elvis-Songs an, ganz zum Verzücken von Mutter und Gattin. „The Conjuring 2“ nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit für derlei figurale Ausarbeitungen und mildert somit den unregelmäßig aufflackernden Terror durch die insgesamt drei (!) vorkommenden Spukgestalten stark ab. Man könnte diese Hergehensweise gehässigermaßen als viewer fishing bezeichnen – hier wird die Angel nach Zuschauerschaften ausgeworfen, denen konsequentere Genrekost zu involvierend ist und die vielleicht zwischendurch gern was fürs Herz haben; sprich: der nach jump scares und blutigen Fratzen lechzende Genre-Aficionado kann mehr oder weniger beruhigt auch seine Freundin und deren kleine Schwester mit ins Kino bringen.
Ich finde das etwas schade, denn ein Verzicht auf diverse, aufweichende Faktoren zugunsten einer Straffung um die durchaus angenehm gruseligen Kernelemente hätte aus „The Conjuring 2“ einen wirklich guten Film destillieren können. Leider jedoch fehlt ihm der Mut zur Zuspitzung und Konsequenz. Dabei hat es so schöne Ideen – der zum Leben erwachte, animierte „crooked man “ aus dem Zoetrop der Kinder etwa ist eine Art naher Verwandter des „Babadook“ und als solcher durchaus überzeugend, der sich als höllische Nonne ausstaffierende Valak (um den jetzt wohl auch schon wieder ein eigener Film herumkonstruiert wird) schaut zwar ein wenig aus wie Marilyn Manson, kann aber trotzdem als sehr fiese Höllenentität überzeugen. James Wan ist nun ganz bestimmt kein Innovator, aber das, was er zusammenzimmert, bleibt zumindest stehen und kippt nicht gleich wieder um. Ob da nun Schmu und Schmäh um Freundschaft, Verständnis, Zuneigung und all solchen Kram wirklich am korrekten Platze sind, sei dahingestellt. Vierzig Minuten Entschlackung und ein demzufolge infernalischeres Spectaculum hätten mir jedenfalls mehr gegeben.

7/10