THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10

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PHANTOM THREAD

„Maybe he is the most demanding man.“

Phantom Thread (Der seidene Faden) ~ UK/USA 2017
Directed By: Paul Thomas Anderson

London in den fünfziger Jahren: Der Designer und Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day Lewis) genießt einen exorbitanten Ruf als Meister seines Fachs und beliefert ausschließlich erlesenste Kundinnen in ganz Europa. Nähe und Vertrauen lässt der ebenso exzentrische wie narzisstische Junggeselle ausschließlich durch seine ältere Schwester Cyril (Lesley Manville) zu; andere Frauen hat er zwar um sich, hält sie jedoch als Zuarbeiterinnen stets auf Distanz. Als er eines Tages die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennenlernt, gerät Woodcocks sorgsam organisiertes Dasein nach und nach aus den streng gesetzten Fugen, zumal Alma alle Mittel Recht sind, um der harten Nuss Schale aufzubrechen…

Außergewöhnliche, abseits der Norm angesiedelte Liebesgeschichten lässt sich mittlerweile als basales Motiv im stachligen Œuvre Paul Thomas Andersons lokalisieren; sein „Punch Drunk Love“, in dem Emily Watson sich tapfer zum Herzen des grenzautistischen Adam Sandler vorarbeitet, steht in enger Verwandtschaft zu „Pantom Thread“. Obgleich diesem der sanfte Humor und  weitgehend auch die Herzlichkeit seines fünfzehn Jahre älteren Geschwisterkindes abgehen, sind einige erzählerische Parallelen unverkennbar. Auch „Phantom Thread“ stellt einen infolge zeitlebens erfahrener, weiblicher Dominanz (Mutter & Schwester) im engsten Familienkreise zur dauerhaften Beziehung unfähig gewordenen Egomanen als Protagonisten vor, der allerdings noch sehr viel unnahbarer und von sich zeitweilig aggressiv äußernden Sozialneurosen durchdrungen ist als Barry Egan seinerzeit. Umso bizarrer nimmt sich Almas finaler Pfad der Durchdringung aus: nachdem alles andere scheitert, bleibt nur eine Möglichkeit: Reynolds muss so krank, seine physische Konstitution so angegriffen sein, dass er ohne Almas aufopferungsvolle Pflege nicht mehr weiterleben könnte. Zu diesem Zwecke serviert ihm Alma aus letzter Verzweiflung eine Pfanne vergifteter Pilze, die Reynolds zwar nicht töten, aber doch für einige Tage schwer vergiften und ans Bett fesseln, derweil er, schwach und hilflos, Almas „lebensrettende“ Fürsorge genießt. Jene bewusst herbeigeführte Vergiftung und anschließende Kur werden zur funktionellen Coda für eine auf seltsame Weise erfüllte Beziehung, die paradoxerweise eine gesunde Beziehung durch ungesunde Aktion gewährleistet.
Unabhängig davon genießt Andersons es abermals sichtlich, sich in die Vergangenheit zu begeben und ein period piece vorzulegen – seit „Punch Drunk Love“ spielte wiederum keiner seiner Filme näher als vierzig Jahre an der Gegenwart. Diesmal führt die wie gewohnt exzellent arrangierte und abgefasste Zeitreise uns in ein emotional ohnehin stark hermetisiertes London der Nachkriegsjahre. Noch immer vom „Blitz“ traumatisiert und hinter der stolzen Fassade britischer Lebensart immens verletzlich symbolisiert Reynolds Woodcock nicht zuletzt auch das gesellschaftliche Befinden seiner Zeit. Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit und äußerste Hingabe stehen über allem und erst ein neuerlicher, sanfter Bruch machen jenen stählernen Panzer des Selbstschutzes erst wieder permeabel.
Gewiss erzählen Andersons Filme, wie es sich für außergewöhnliche Autoren geziemt, auch immer ein Stück über ihn selbst. In Falle „Phantom Thread“ möglicherweise ein größeres, als ihm lieb sein wird.

8/10

DARKEST HOUR

„Those who never change their mind never change anything.“

Darkest Hour ~ UK/USA 2017
Directed By: Joe Wright

Am 10. Mai 1940 wird Winston Churchill (Gary Oldman) im Alter von 65 Jahren infolge des Rücktritts von Neville Chamberlain (Ronald Pickup) zum britischen Premierminister ernannt, nachdem sein Parteigenosse Lord Halifax (Stephen Dillane) den Posten abgelehnt hat. Während Hitlers Armeen das westeuropäische Festland überrennen und zur Atlantikküste vordringen, stellen sich Churchills Vorgänger und Halifax auf diplomatische Verhandlungen mit Hitler und Mussolini ein, während Churchill der festen Überzeugung ist, dass es mit faschistischen Diktatoren keine sinnvollen Gespräche geben könne. Kurz bevor er einknickt, versichert sich Churchill der Unterstützung König George VI (Ben Mendelsohn) und der vox populi. Die am 26. Mai beginnende „Operation Dynamo“, die Evakuierung der eingekesselten britischen Soldaten vom Strand von Dünkirchen mithilfe der zivilen Schifffahrt, erbringt schließlich eine erste, entscheidende Kriegswende.

Was sich eigentlich und recht eindeutig als sinnvolles Präludium zu Christopher Nolans „Dunkirk“ erweist, kam leider erst einige Wochen nach diesem in die Kinos. Schlechte Absprachen werden dafür weniger die Ursache gewesen sein denn bloßer Zufall, dennoch bietet sich „Darkest Hour“ im Rahmen einer kleinen, filmischen Geschichtsstunde als das vorzusichtende Werk geradezu perfekt an. Der Film selbst ist ein durchweg sympathisches Porträt der kriegsentscheidenden Persona Winston Churchills, die Gary Oldmans darstellischer Krone ein weiteres Juwel hinzufügt. Selbst im fatsuit und unter der dicken Maskierung, die ein klein wenig an Oldmans nunmehr auch schon ein Vierteljahrhundert zurückliegende Darstellung des Grafen Dracula in seiner ausgedörrten Seniorengestalt erinnert, lässt sich das nuancierte Spiel und die teils verblüffende Studie des elder statesman, der durch waghalsige Aktionen wie die Gallipoli-Schlacht und seine persönliche Exzentrik seiner Partei nicht selten ein Dorn im Auge war, noch immer hervorragend genießen.
„Darkest Hour“ bildet überaus spürbar dediziertes Traditionskino ab, das nicht eben mit Klischees wie der Rückhalt spendenden Ehegattin (Kristin Scott Thomas) im Hintergrund oder der hübschen, jungen Privatsekretärin (Lily James) als Repräsentantin des „gemeinen Volks“ geizt und auch den berühmt-berüchtigten Eigenheiten des Vorbilds, das den Legenden zufolge tagtäglich Whiskey (Johnnie Walker), Rotwein (Claret), alten Brandy und natürlich Champagner (Pol Roger) und üppige Mahlzeiten im Wechsel mit dicken Zigarren konsumierte und damit nicht selten den Haushaltsetat überstrapazierte, geizt. Churchills überstützt anberaumte, zentralistisch dramaturgisierte Fahrt mit der U-Bahn, die er dazu nutzt, den Widerstandsgeist der Menschen von der Straße abzuklopfen und seine nachfolgende, umjubelte Rede vor dem Parlament, bei der er nachdrücklich klarstellt, das das Empire nicht vor Hitler kriechen werde, stellen erwartungsgemäß die emotionale Klimax von Wrights Film, und das mit allem gebührenden Erfolg.
Eine ehrwürdig-gesetzte, schöne und rundum feine Arbeit, sich unbedingt zur baldigen Wiederholung empfehlend.

8/10

THE LIMEHOUSE GOLEM

„Here we are again!“

The Limehouse Golem ~ UK 2016
Directed By: Juan Carlos Medina

In der Ära der Viktorianischen Jahre geht im Londoner Viertel Limehouse ein Mörder um, den die zu Geschwätz und Aberglauben neigenden Einwohner bald als „Limehouse Golem“ bezeichnen. Die Spur führt den ermittelnden, stillen Inspector Kildare (Bill Nighy) zu der beliebten Sängerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die des Mordes an ihrem Mann John verdächtig ist. Kildares Ermittlungen ergeben, dass etliche Indizien die Identität des Golem betreffend zur Person John Crees führen, allein der finale Beweis steht noch aus…

Ein Film wie „The Limehouse Golem“ hat ganz einfaches Spiel mit mir: Kostümkino, dazu noch angesiedelt im Viktorianischen London und, gewissermaßen als vollmundiges parfait, eine Mördergeschichte obendrauf – da bin ich stets gern dabei. Peter Ackroyds zugrunde liegender Roman spielt, ähnlich wie Alan Moores gewaltiges „From Hell“, abseits von seinem Kernplot um die Mordserie und deren Aufklärung, mit den Mythen, den multiplen kulturellen und ethnischen Facetten jener Periode, die weite Teile Londons zu einem multikulturellen Schmelztiegel machten. Insbesondere jedoch das Hafenviertel Limehouse im East End der Stadt, berüchtigt für seine Ansammlungen exotischer Halbweltler und deren hierher transferierte Lebensart, gilt als Inspiration für eine Vielzahl von Geschichten und Trivialabenteuern von Thomas Burke bis hin zu Sax Rohmer. Entsprechend reichhaltig der Inspirationsfundus. Dass sich bei Ackroyd, respektive der Adaption, noch Platz für historische Zeitgenossen findet, nominell den Schauspieler Dan Leno (Douglas Booth), den Autor George Gissing (Morgan Watkins) und Karl Marx (Henry Goodman), verleiht „The Limehouse Golem“ eine von mehreren interessanten Zusatznoten, zu denen ebenso die Einblicke in die frühe Musical-Theatre-Szene gehören. Als Genrestück hingegen nimmt sich Medinas zweiter Langfilm wohl weniger erwähnenswert aus; zwar spielt ihm eine gewisse, mit dem Stoff einhergehende Abgründigkeit in die Karten, wer jedoch explizit nach einem historisch aufgeladenem Spannungsstück sucht, könnte sich möglicher- und berechtigterweise enttäuscht finden.
Für mich ist „The Limehouse Golem“ insofern sehenswert, als dass es ihm vorzüglich gelingt, in die porträtierte Ära einzutauchen und mit seinen Querverweisen ein paar inspirierende und stimulierende Einblicke zu leisten.

7/10

NAKED

„A cliché is full of truth, otherwise it wouldn’t be a cliché….“  – „Which is in itself a cliché.“

Naked (Nackt) ~ UK 1993
Directed By: Mike Leigh

Mit einem geklauten Auto flieht Johnny (David Thewlis), nachdem er eine Frau vergewaltigt hat, Hals über Kopf von Manchester nach London, wo er die WG seiner Exfreundin Louise (Lesley Sharp) aufsucht. Louises dauerbekiffter Mitbewohnerin Sophie (Katrin Cartlidge) begegnet er als erstes, Sandra (Claire Skinner), die Dritte im Bunde, befindet sich gerade auf einer Afrika-Reise. Schon die Gegenwart der beiden anwesenden Frauen ist für Johnny zuviel des Guten. Statt in der Wohnung zu bleiben, begibt er sich auf einen ziellosen Trip durch London, wobei er diversen gescheiterten Zeitgenossen begegnet, die es nicht besser getroffen als er, der sich in einer formvollendeten Mischung aus Misanthropie und Selbstmitleid gern zum ultimativen Opfer stilisiert. Schließlich bezieht er eine gewaltige Tracht Prügel und kriecht blutend zu der Damen-WG zurück, wo ihn die Fürsorge Louises zumindest vorübergehend aufbaut. Parallel dazu stromert der reiche Yuppie Jeremy (Greg Cruttwell) durch die Stadt, der eine noch schärfere Misogynie als Johnny pflegt und im Gegensatz zu ihm vollends die Brücken zur Menschlichkeit abgebrochen zu haben scheint. Auch er landet irgendwann bei Louise und Sophie…

No future for you, no future for me. Mike Leighs empathiesperriges Porträt eines heimatlosen Arschlochs zählt zum Zwingendsten, was das britische Kino in den neunziger Jahren ausgespieen hat. „Naked“ ist ein Film der Nacht und der Kälte, er zeigt beinahe ausschließlich Menschen, die in multiplen Formen der Isolation vor sich hinexistieren, kein greifbares Ziel vor Augen. Beziehungsunfähigkeit und Sackgassen bestimmen das durch Drogen, Alkohol und paraphile Ausbuchtungen eträglicher gemachte Lebensspektrum, das Leigh uns hierin vorführt; ein verirrtes Pärchen (Ewen Bremner, Susan Vidler) läuft aneinander vorbei, ein einsamer Nachtwächter (Peter Wight) beobachtet eine alternde Säuferin (Deborah MacLaren) im Haus gegenüber, eine Serviererin (Gina McKee) ist schwer traumatisiert. Johnny, gewissermaßen ein Erbe all der zornigen, maskulinen Kitchen-Sink-Charaktere aus der dreißig Jahre zurückliegenden Hochphase jener Kinowelle, hat für sie alle garantiert ein böses Wort parat und lässt sie an seinen verqueren, selbsträsonistischen Lebensweisheiten teilhaben, die sich in einem oftmals wirren Konglomerat aus Zynismus und Endzeitphantasien äußern. Hoffnung oder gar Trost wären Termini, angesichts derer Johnny bestenfalls höhnisches Gelächter parat hätte. Dass sein von ihm so wunderbar gepflegter Sarkasmus indes nicht mehr ist denn ein ungehört verhallender Hilfeschrei nach Zwischenmenschlichkeit, macht seine ausgestellte Abgründigkeit kaum genießbarer. Der zumindest liquide Jeremy (Greg Cruttwell spielte drei Jahre später nochmal eine wunderbare Ergänzung zu diesem Part in John Herzfelds nach wie vor sträflich ignoriertem „2 Days In The Valley“) ist da nicht viel mehr als sein betuchtes Pendant und nebenbei der zwingend erbrachte Beweis dafür, dass auch Geld keine großen Männer macht; bei ihm kennzeichnen sich Egomanie und Frauenhass vielmehr durch unverhohlen ausgestellte, sadomasochistische Gelüste, die er dann mit hilflos wirkendem Gekicher kommentiert. Eine probate Identifikationsfigur in „Naked“ zu finden, wird einem nur schwerlich gelingen, selbst die noch am Ehesten als halbwegs vernunftbegabt durchgehende Louise ist nicht in der Lage, eine klare Linie zu verfolgen.
So jagt Leigh uns rundheraus durch gut sechzig erzählte Stunden menschlicher Schlingfesseln und Abgründe, die sich durch regelmäßig durchblitzende Schwarzhumorigkeit immerhin auf emotionaler Ebene etwas besser ertragen lassen. Andererseits ist „Naked“ ohnehin ein Werk, das man vielleicht am Besten im Spätherbst bei Dunkelheit und abgedrehter Heizung genießen sollte.

9/10

DENIAL

„The coward threatens only where he is safe.“

Denial (Verleugnung) ~ UK/USA 2016
Directed By: Mick Jackson

Atlanta, 1996. Die Professorin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) sieht sich unversehens einer Verleumdungsklage des britischen Historikers David Irving (Timothy Spall) gegenüber. Dieser verbittet sich die immer wieder von Lipstadt, darunter auch in ihrem Buch „Denying the Holocaust“, bemühte Titulierung des „Holocaustleugners“ unter der gleichsamen These, dass der Holocaust ohnehin historisch fragwürdig sei. Der Fall wird vor einem Londoner Gericht verhandelt, womit zugleich einhergeht, dass Lipstadt und ihre Rechtsbeistände der Beweislast unterliegen, sprich: juristisch einwandfrei nachzuweisen haben, dass rund sechs Millionen Juden im Auftrag der Naziführung ermordet wurden. Eine vorbereitende Reise nach Auschwitz dient der prophylaktischen Untermauerung der späteren Beweisführung. Während des bald anberaumten Verfahrens sieht sich Lipstadt zusehends enerviert von der stoisch-britischen Gelassenheit, mit der dem schwierigen Sujet begegnet wird, zumal ihr Hauptanwalt Rampton (Tom Wilkinson) sich gegen die von ihr vorgeschlagene Strategie verwehrt, überlebende Zeitzeugen vorzuladen.

Mick Jacksons auf authentischen Begebenheiten beruhendes Courtroom-Drama wählt zur dramaturgischen Aufbereitung seines Stoffes exakt dasselbe spekulationsentledigte, unaufgeregte Vorgehen der in ihm agierenden Justiziare: wo andere Filmemacher womöglich die Gehelegenheit genutzt hätten, das Grauen der Shoah aufs Neue mit den bekannten Bildern und Filmaufnahmen zu visualisieren, nimmt „Denial“ als revisionistischen Weg den strikt forensischen. Das immerwährende Problem mit der historischen Forschung betreffs des Holocaust liegt ja bekanntermaßen darin, dass nahezu der gesamte Protokoll- und Schriftverkehr, der diesbezüglich eindeutig belegbare, konkrete Beweise und nicht allein reine Indizien vorlegen könnte, vernichtet wurde. Vor allem professionelle Holocaustleugner berufen sich unter damit einhergehender Faktenverdrehung immer wieder auf diese Tatsache und nutzen sie, um einerseits zu bestreiten, dass es im Dritten Reich einen systematischen, gar bürokratisch organisierten Genozid gegeben habe und andererseits, um ihre perfiden Verschwörungstheorien zionistischer Propaganda zu untermauern. Zu ihnen gehört auch David Irving, der bis heute als einer der prominentesten, mittlerweile mehrfach juristisch belangten Vertreter der Holocaustleugnung gilt.
Insofern bildete im Lipstadt/Irving-Prozess die Verhandlung angesichts des Grauens grotesk anmutender Details wie etwa die Fragen nach dem Standort und der Architektur der Gaskammern die Grundlage einer rechtlich stichhaltigen, fundierten Beweisführung. Was Deborah Lipstadt im Film ungeheuerlich vorkommt, stimmt auch den Zuschauer befremdend – nicht allein die bloße Tatsache, dass es über fünfzig Jahre nach der Shoah noch immer Menschen gibt, die deren Existenz abstreiten, sondern auch das Selbstverständnis, mit denen sie zu ihren Überzeugungen stehen, macht sprachlos.
Insofern gebührt vor allem Timothy Spall ein besonderes Lob für seine Interpretation David Irvings; es gelingt ihm, diesem merkwürdigen Menschen zu gleichen Zügen eine Aura bemitleidenswerter Verstörtheit als auch eine nicht minder wichtige Mehrdimensionalität zu verleihen. Möchte man seinem Irving einerseits pausenlos ins Gesicht spucken (genau das geschieht ihm am Tage der Urteilsverkündung dann auch), neigt man andererseits zu einem Hauch des Bedauerns, als sein Konkurrent Rampton sich weigert, ihm nach gewonnenem Prozess die Hand zu reichen und ihn beinahe angeekelt ignoriert. Nein, wer einen polemischen Film erwartet, der muss sich anderswo umschauen.

8/10

THE CORPSE

„Get your sister down here!“

The Corpse (Schmelztiegel des Grauens) ~ UK 1971
Directed By: Viktors Ritelis

Wie ein bourgeoiser Tyrann herrscht der aalglatte Unternehmer Walter Eastwood (Michael Gough)  über seine depressive Gattin Edith (Yvonne Mitchell) und die beiden Kinder, Sohn Rupert (Simon Gough) und Tochter Jane (Sharon Gurney). Während Rupert sich bereits zu einem Abbild seines alten Herrn entwickelt, nutzt die pubertierende Jane jede Gelegenheit, Eastwood Senior zu beklauen und zu hintergehen, was dieser nur mit immer noch härteren Strafen und Misshandlungen quittiert. Von Edith kommt eines Tages die dräuende Idee, Walter zu beseitigen. Nachdem sie gemeinsam mit der geneigten Jane den Plan tatsächlich erfolgreich durchgeführt hat – sie vergiften Walter während eines Wochenendtrips zum Landhaus der Familie – verschwindet die Leiche urplötzlich. Es dauert nicht lange, bis Walter wieder auftaucht. War alles nur ein Wunschtraum?

Man sollte nicht unbedingt denselben Fehler wie ich begehen und Viktors Ritelis‘ einziger Regiearbeit fürs Kino mit der Antizipationshaltung begegnen, ein weiteres, lustvolles Genrestück rund um Michael Gough als schmierigen Psychopathen beiwohnen zu dürfen. Damit wird man „The Corpse“ oder „Crucible Of Horror“, wie der Film wesentlich reißerischer in den USA getauft wurde (und was auch den wieder einmal völlig idiotischen deutschen Titel erklärt), nämlich in keinster Weise gerecht.
Tatsächlich handelt es sich hier vielmehr um ein beinahe intimes Familiendrama, wie es sich hinter gutbürgerlichen, englischen Kleinstadttüren so oder so ähnlich vielfach in jener Zeit abgespielt haben mag. Die Situation könnte konfliktbeladener nicht sein; der ultraversnobte Senior (Michael Gough in einer der stärksten Performances, die ich von ihm kenne, unterstützt von Sohn und Schwiegertochter, die im Film seine Kinder spielen) ist ein eiskalter, emotionsentledigter Blender, der ökonomischen Erfolg mit privatem Glück verwechselt und dabei als Familienvater kläglich versagt, seine Frau sublimiert ihre ausgewachsenen Depressionen als Gefangene im eigenen Haus und Gefangene der Nutzlosigkeit in der Malerei bizarrer Gemälde und Studien, die ihr Mann wiederum sarkastisch belächelt und kommentiert, der Junior, der dereinst die Firma erben wird, eifert dem Vater als maßstabsgetreues, wenngleich noch nicht ganz so versteinertes Abbild nach, die Tochter schließlich weiß nicht wohin mit ihrem rebellischen Potenzial. Sie bekommt zu wenig Geld, darf keinen Freund haben, nicht ausgehen und muss die sie umfassende Spießigkeit ertragen. Hinzu kommen Tätlichkeiten durch den Vater, der sie für ihre Aufsässigkeiten verprügelt und möglicherweise (der Film lässt das offen) noch Schlimmeres mit ihr anstellt. Generationen, Geschlechter, Klassensympathie – all das kollidiert im Hause Eastwood Tag für Tag. Die Entscheidung, Walter „verschwinden“ zu lassen, scheint angesichts der Hölle, die Edith und Jane durchleben müssen, mehr denn probat. Doch auch hierbei kommt es zu Problemen – die Leiche des mühselig zur Strecke Gebrachten verschwindet vorübergehend, ein neugieriger Nachbar (David Butler) scheint mehr zu wissen, als er sagt. Hier machen sich deutliche Anleihen an Clouzots „Les Diaboliques“ bemerkbar, zumal Walter bald wieder auf der Matte steht als sei nichts gewesen. Doch eine Verschwörung gibt es diesmal nicht; der Alte ist einfach wieder da und macht so weiter wie bisher. Und gerade hierin spiegelt sich die eigentliche, furchtbare Konsequenz der Geschichte: Ein Entkommen aus diesem erzkonservativen Lebenslänglich ist unmöglich, Fluchtmaßnahmen sind illusorisch. Wesentlich hoffnungsloser kann man einen Film wie diesen kaum enden lassen.

8/10