VILLAIN

„It’s not our game, is it Vic. We’re playing away.“

Villain (Die alles zur Sau machen) ~ UK 1971
Directed By: Michael Tuchner

Der soziopathische Gangster Vic Dakin (Richard Burton) interessiert sich hauptsächlich für dreierlei: Sein höchstpersönliches Geriebenes, seine alte Mutter (Cathleen Nesbitt) und seinen Privatgalan Wolfe Lissner (Ian McShane). Für Inspector Matthews (Nigel Davenport) gilt derweil nur eines: Dakin endlich dingfest zu machen und einbuchten zu können. Doch Dakin pflegt jeden potenziellen Denunzianten unumwunden mundtot zu machen, was die Angst unter den Polizeispitzeln regelmäßig in luftige Höhen treibt. Matthews‘ lange herbeigesehnte Chance scheint sich schließlich doch noch zu ergeben, als Dakin plant, einen Geldtransport mit Lohngehältern zu überfallen…

Ein (zumindest hierzuland) von den Jahren geflissentlich vergessener britischer Gangsterfilm, der mit Michael Caine in Richard Burtons Rolle vielleicht eine prominentere Rolle bekleiden würde. Auch Malcolm McDowell, Oliver Reed oder Terence Stamp könnte man sich trefflich in der Rolle des selbstgefälligen Vic Dakin vorstellen. Burton, eine eher wenig offensichtliche Wahl für einen solchen Part, überrascht dann umso mehr als gieriger Narziss von einem Gewaltkriminellen, der die Ausübung von Brutalität sichtlich genießt und bei dem man selbst als Zuschauer irgendwann die cholerischen Ausbrüche respektvoll zu antizipieren beginnt. „Villain“ entwirft ein hübsch umfassendes Psychogramm von Dakin: Wie es sich (spätestens seit Cagney) für echte Ganovenkönige ziemt, bemüht er ein aufopferungsvolles Verhältnis zu seinem Mütterlein, dass er allsonntäglich zum Krabbenessen nach Brighton chauffiert. Seine (von ihm selbst wohl zeitweilig als „unmännlich“ gewertete) Homosexualität pflegt er dadurch zu kompensieren, dass er seinem Geliebten, jedesmal, bevor er ihn zu sich kommen lässt oder ihn gleich selbst aufsucht, einen gezielten Schlag in die Magengrube zu verpassen (es lässt sich davon ausgehen, dass auch der nachfolgende Sex nicht ohne Blessuren für den sich selbst und alle um sich herum prostituierenden Wolfe abgeht). Seinen ihm treu ergebenen, kleinen Kreis von Vertrauten hält er vermutlich nur deshalb so dicht bei sich, weil jeder einzelne von ihnen ein ähnlich sadistischer Misanthrop ist wie er selbst. Schließlich, auch das gewissermaßen „typisch britisch“, kultiviert Dakin einen geradezu religiös ausgewalzten Hass auf Arbeiterklasse, Spießertum und Armut, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit verächtlich macht.
Doch auch Dakins Antagonisten, die Bullen Matthews und Binney (Colin Welland), sind alles andere als sympathische Typen und gehen gewissermaßen über Leichen, wenn es darum geht, ihre Ziele zu erreichen. Somit macht „Villain“ es einem nicht eben einfach, inmitten des umfänglich arrangierten Räuber-&-Gendarm-Spiels einen humanistischen Lichtblick zu erhaschen – am Besten dafür geeignet dürften noch die (allerdings auf kleine Nebenrollen reduzierten) frauen sein, die in die Mühlen von Dakins und Lissners Umtrieben geraten, so etwa Wolfes von ihm ausgenutzte Freundin Venetia (Fiona Lewis), die er jedoch ohne zu zögern von sich stößt, sobald Dakin auf der Bildfläche erscheint, oder die junge Patti (Elizabeth Knight), die von beiden bei Bedarf instrumentalisiert wird. „Villain“, dessen gleichermaßen famoser wie kaum fassbarer deutscher Titel „Die alles zur Sau machen“ natürlich nicht unerwähnt bleiben darf, präserviert das Bild einer ausgesprochenen „man’s world“ – und das einer in toto überaus unliebenswerten dazu.

7/10

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NOBODY RUNS FOREVER

„Teach me about Australia!“

Nobody Runs Forever (Der Haftbefehl) ~ UK/USA 1968
Directed By: Ralph Thomas

Der australische Polizist Scobie Malone (Rod Taylor) ist üblicherweise damit vertraut, irgendwelche Lumpen im Outback einzusammeln, bis der Premierminister (Leo McKern) von New South Wales ihn für einen internationalen Fall von höchster Pikanterie hinzuzieht: Malone soll nach London fliegen, um dort den Diplomaten und Hochkommissar Sir James Quentin (Christopher Plummer) zu verhaften und zurück in die Heimat zu eskortieren, da dieser sich als Hauptverdächtiger in einem 25 Jahre zurück liegenden Mordfall herausstellte. Als Malone in England ankommt, lernt er Quentin als einen persönlich wie politisch hochintegren Mann kennen, der just in wichtigen Verhandlungen steckt, um afrikanische Drittweltländern auf dem globalen Sektor ökonomische Vorteile zu verschaffen. Malone gewährt Quentin die Zeit bis zum Ende der Tagung, sieht sich jedoch bald in eine Verschwörung verwickelt, deren Ziel es ist, Quentin aus dem Weg zu räumen…

Großes Kino geht anders: diese etwas kompliziert aufgezogene Spionageschichte zimmerte Ralph Thomas genau zwischen seinen beiden Bulldog-Drummond-Filmen mit Richard Johnson. Besonders weit davon entfernt sich der auch als „The High Commissioner“ gelaufene „Nobody Runs Forever“ dann auch gar nicht von selbigen, wenngleich der mit Rod Taylor als global agierendem Aushilfsspion nicht gänzlich als Bond-Spoof durchgehen würde. Dafür mangelt es ihm dann doch allzu sehr an multiplen Schauplätzen, Exotik und jener Larger-Than-Life-Attitüde, die das abendländische Machismo des typischen Superagenten so typisch selbstironisch zu konnotieren pflegte. Taylor, der ja wirklich Autralier war, ist dann eher der kernig-kantige, bodenständige Typ, der sich rein gar nichts aus weltmännischem Auftreten macht, Lager statt Boulanger trinkt und sich jedweden Zynismus spart. Immerhin ist er dem starken Geschlecht zugeneigt und lässt sich von Daliah Lavi auf die Matratze nageln, der Glückliche. Dass sie sich später als Drahtzieherin der Bösen entpuppt, ist schade, aber eben nicht zu ändern. Ansonsten bewegt sich „Nobody Runs Forever“ halbwegs amüsant über seine Runden, trägt den Status als cineastische Fußnote jedoch zu Recht. Eher was für Komplettisten und ausgesprochene Sammler filmischer Schattengewächse und Kuriositäten.

6/10

BOHEMIAN RHAPSODY

„We’re all legends.“

Bohemian Rhapsody ~ UK/USA 2018
Directed By: Bryan Singer

London, 1970. Als Farrokh Bulsara (Rami Malek), 23-jähriger Sohn parsischer Einwanderer, das Rocktrio Smile in einem Club sieht, ist sein illustres Schicksal besiegelt: Gitarrist Brian May (Gwilym Lee) und Drummer Roger Taylor (Ben Hardy) nehmen kurz darauf Farrokhs Bewerbung zum neuen Sänger an. Komplettiert durch Bassman John Deacon (Joseph Mazzello) nennt sich die Combo fortan Queen, ergattert einen Plattenvertrag bei EMI und erlebt eine beispiellose Erfolgskarriere, wobei das exzessive Privatleben des homosexuellen, sich mittlerweile Freddie Mercury nennenden Frontmanns deutlich von den vergleichsweise biederen, aber eben auch vom kreativen Wahnsinn gemiedenen Lebensentwürfen der verbleibenden drei Bandviertel unterscheidet. Nach einer kleinen Krise nebst Arbei an einem Soloalbum versöhnt sich Freddie wieder mit Brian, Roger und John und akzeptiert Bob Geldofs Einladung, im Juli 85 beim Live Aid in Wembley aufzutreten. Ihr kleiner 20-Minuten-Gig wird legendär.

Etwas verwunderlich erschien mir der meinerseits unerwartet gigantische Erfolg dieser sehr bieder gehaltenenen, erahnbar routinierten Rockstar-Bio dann zunächst ja doch. Bereits kurz darauf jedoch auch wieder nicht, denn wahrscheinlich ist es eben genau das: Durch seine Kantenlosigkeit und garantiert unanstrengende Konsumierbarkeit macht Bryan Singers „Bohemian Rhapsody“ es seinem Pulikum stets leicht und hübsch und amorph. Nun, im Grunde passt der oberflächlichenglänzende, vor allzu unwägbaren Untiefen sichere Film genau zu dem Image, das Queen zeit ihrer Bandhistorie in der Öffentlichkeit pflegten – mit ebenso radio- wie stadiontauglichem Powerpop/Hardrock-Mix wussten sie als Single- wie als Albumband zu überzeugen, mal hymnisch, mal Prog, mal Disco, zwischen genialisch und albern, von allem ein bisschen und doch nichts ganz durchgängig, kann man ihnen eins nicht absprechen: Eine in dieser Form rare, charakteristische Unverkennbarkeit, die zu bestimmt 75 Prozent Freddie Mercurys Persona zu verdanken ist. Ohne den gockelhaften Geck nebst seinem gewaltigen Timbre und seiner unvergleichlichen Bühnenpräsenz hätten Queen ihren nunmehr bekleideten Status gewiss niemals erreicht. Da Bulsara/Mercury zugleich ein immens komplexer Mensch mit diversen, tragischen Schattenseiten und Unwägbarkeiten war, verwundert demnach die lange Wartezeit bis zu einem biographischen Spielfilm. Nun also ist er da, und vielfach optimierungsbedürftig dazu. „Bohemian Rhapsody“ hetzt relativ atemlos durch 15 Jahre Queen- und Mercury-Geschichte, schneidet an, wirft Häppchen ins Publikum und bleibt dabei betont kommensurabel. Er ist durchaus elegant inszeniert, bemüht sich, Denunzationen auszusparen und dabei einen Status als unterhaltsames Anschauungsmaterial für den Musikunterricht in der Sekundarstufe ja nicht aufs Spiel zu setzen. Kurzum: Er geht vollkommen auf Nummer Sicher. Die erfolgreichsten Singles inklusive kurzer Entstehungsgeschichte (im Falle des Titelstücks freilich etwas ausführlicher) werden hastig angespielt; auf authentische Chronologie indes pfeift man mehr denn einmal. Das bestes Beispiel dafür dürfte Freddies Kenntnis um seine HIV-Erkrankung sein und der Zeitpunkt, wann er seine Bandgenossen darüber informierte. Wichtige Bezugspersonen und Lebensstationen werden (bewusst?) umgangen, darunter vor allem seine Münchener Jahre, Barbara Valentin oder Winnie Kirchberger. Das wohl überzeugendste Häkchen des Films auf der Habenseite, nämlich die ja ohnehin überall groß gefeaturte, tatsächlich ungeheure physiognomische Ähnlichkeit der Queen-Darsteller mit ihren realen Vorbildern, wetzt diese Scharten nur unzureichend aus. Gegen wesentlich tiefschürfendere, atmosphärischere Band-/Musiker-Biopics wie Oliver Stones „The Doors“, Anton Corbijns „Control“ oder aus jüngerer Zeit „Love & Mercy“ von Bill Pohlad und F. Gary Grays „Straight Outta Compton“, die, jede für sich, das Allermeiste im Griff haben, kann „Bohemian Rhapsody“ jedenfalls nicht anstinken.
Für den Queen-Liebhaber markiert insbesondere diese Tatsache ein nicht immer glücklich umrahmtes Ereignis verpasster Möglichkeiten. Was bleibt, ist die Musik. Die ist glücklicherweise unzerstörbar.

5/10

SAVING MR. BANKS

„I can’t abide cartoons!“

Saving Mr. Banks ~ USA/UK/AUS 2013
Directed By: John Lee Hancock

London, 1961. P.L. Travers (Emma Thompson), die Autorin und Schöpferin der legendären Kinderbuch-Nanny Mary Poppins wird bereits seit zwei Jahrzehnten von dem Studiomogul Walt Disney (Tom Hanks) um die Verfilmungsrechte an ihrer Figur angefleht. Nun, da die persönlichen Finanzen trüber werden, steht P.L. überaus widerwillig vorm Einknicken – allerdings lediglich unter für Disneys Produktionsstil nahezu untragbaren Bedingungen. Weder ein Musical solle „Mary Poppins“ werden, noch dürfe er Trickfilmsequenzen enthalten, insistiert die widerborstige Travers gleich bei ihrer Ankunft in Kalifornien. Die Reise in den staubigen Golden State bildet für sie indes zugleich eine Reise in ihre frühe Kindheit und somit in jene Tage, als sie (Annie Rose Buckley), damals noch in Australien lebend, ihren über alles geliebten Vater (Colin Farrell) an dessen zerstörerische Alkoholsucht verlieren musste. Derweil müht sich Disney, seine Interessen, die natürlich völlig konträr zu denen von Travers stehen, sukzessive durchzusetzen – um am Ende vermeintlich zu scheitern. Erst als er um P.L. Travers‘ wahre Biographie erfährt und somit auch die psychologischen Aufarbeitungstendenzen ihrer Poppins-Geschichten durchschaut, verfügt er über das nötige Rüstzeug, um sie doch noch umzustimmen.

„Saving Mr. Banks“ – natürlich, wie könnte es auch anders sein – eine Disney-Produktion, hat mich zu bitterlichem Weinen gebracht. Am Ende habe ich mich gemeinsam mit Emma Thompson durch die gesamte Film-im-Film-„Mary Poppins“-Premiere im Grauman’s Chinese Theatre geheult. Der Grund dafür ist einfach: Wie P.L. Travers als kleines Mädchen habe ich, allerdings als Jugendlicher, bei lebensunweiser Naivität völlig zwecklos gegen die übermächtige Abhängigkeit und den zermürbend langsamen, psychischen und körperlichen Zerfall meines Vaters angekämpft, nur, um wie sie am Ende kläglich zu verlieren. Ihre Motivlage so, wie der Film sie darstellt, ist somit ein offenes Buch für mich und noch viel darüber hinaus. Vor allem die als lichtdurchflutete und doch so dramatische Rückblenden eingestreuten Kindheitssequenzen mit der sensationellen Nachwuchsdarstellerin Annie Rose Buckley gingen mir immens zu Herzen und holten mich selbst zurück in Zeiten, die mich viel Unsicherheit und Schmerz gekostet haben. Dass sich in dem Film sehr viel offensiver noch die Geschichte einer Kreativprostitution verbirgt, macht ihn dann doch noch etwas zwiespältig, wobei ich mir erlaube, der Erzählung durchaus Ironie zu unterstellen. „Poor A.A. Milne“ sagt P.L. Travers einmal, als sie einen überlebensgroße Stofffigur von Disneys Bären Pu erblickt und subsummiert damit das ganze Disney-Dilemma des Weichspülens und der Klebrigkeit. Die geschäftliche Verhandlung mit Disney bedeutet, umgeben zu sein von aufdringlichem Kitsch – von Mickymäusen und Donaldducks, von Wackelpudding in lustigen Formen und Unmengen von Süßigkeiten mit extra Zuckerguss; er bedeutet einen Zwangsbesuch in Disneyland, etliches an Indoktrination, Überredungskunst und schließlich die erschöpfte Kapitulation, als Disney mit seinem letzten Überzeugungsschachzug ein Waffenstrecken forciert. Freilich lässt „Saving Mr. Banks“ P.L. Travers am Ende nicht als Verliererin dastehen – im Gegenteil versichert er selbstsicher, dass sie letztlich die richtige Entscheidung getroffen habe, indem sie Disney habe machen lassen. Dennoch versäumt er es bei aller erwartungsgemäß positiven Charakterisierung des alternden Tycoons nicht, regelmäßig zumindest sanftironisch konnotierte Zweifel zu säen. Darin liegt dann doch wieder ein schöner Verdienst dieses auch sonst wirklich schönen Films.

8/10

MARY POPPINS

„Who looks after your father? Tell me that.“

Mary Poppins ~ USA 1964
Directed By: Robert Stevenson

Auf dem Kirschbaumweg Nummer 17 in London wohnt die Familie Banks. Während Vater George (David Tomlinson) eifrig seinem Job in der Bank nachgeht, betätigt sich Mutter Winnifred (Glynis Johns) allenthalben als Suffragette. Die beiden vernachlässigten Kinder Jane (Karen Dotrice) und Michael (Matthew Garber) verschleißen derweil ein Kindermädchen nach dem anderen. Bis die magische, feengleiche Mary Poppins (Julie Andrews) auftaucht. Mit viel Gesang, Träumereien und Lebensweisheit und vor allem der Unterstützung des Straßenkünstlers und Schornsteinkehrers Bert (Dick Van Dyke) gelingt es ihr, die Banks wieder zu einer glücklichen Familoie zu machen.

Die Geschichte, wie Walt Disney der Autorin P.L. Travers die Verfilmungsrechte an ihrer Kinderbuchfigur Mary Poppins abschwatzte, ist legendär und avancierte später selbst zum Filmstoff. Ebenso vehement allerdings, wie Disney die Literatin becircte, ist die Tatsache, dass „Mary Poppins“ und insbesondere der Film in Kombination mit seiner Hauptrollenbebütantin Julie Andrews einen maßgeblichen Epitaph des alten Hollywood bildet. Der Vorhang für die großen, teuren und überlangen (Fantasy-)Musicals der mittleren und späten sechziger Jahre, für die die Andrews steht wie außer ihr nur noch Barbra Streisand und die mit Ausnahme der traditionsverpflichteten Academy einen zunehmenden Anachronismus darstellten, begann sich bereits mit „Mary Poppins“ allmählich zu schließen. Und wie der Entstehungsprozess um Disney der wehrhaften Travers nach und nach unter allerlei (zwecklosem) Protest unterjubelte, dass seine Adaption ein Musical werden und Trickfilmsequenzen darin vorkommen würden, ist das Endresultat ein ebenso symbolischträchtiges Pamphlet für die Allmacht und Urgewalt der überalterten, im Aussterben begriffenen Hollywood-Mogule. Das „Löffelchen voll Zucker“, von dem „Mary Poppins“ in den allermeisten Aufzügen mindestens eins zuviel dreingegeben wurde, geriet hier zur sprichwörtlich bitteren Medizin. Die delirierende Sequenz im Herzen des Films, in der Mary Poppins, Bert und die Kinder in die Straßenmalereien hineintauchen und somit gleichermaßen in ein irrwitziges, disneytypisches Animationsnirwana etwa ist in ihrer überlangen Wesenheit beinahe schon dreist; die Nummer „Feed The Birds (Tuppence A Bag)“ an triefendem Schmalz praktisch kaum mehr überbietbar. Dennoch vollbringt es der Film in seiner Gesamterscheinung und vor allem seiner finalen, Travers ganz privater Urintention wiederum höchst gerecht werden Konsequenz, derzufolge Mary Poppins nicht die Kinder, sondern die Seele von Vater Banks heilt, seine heimlichen Stärken zu präservieren. Zumindest was mich anbelangt. Andere mögen ihn inbrünstig hassen – und auch für jene kann ich durchaus Verständnis aufbringen.

7/10

TO THE DEVIL A DAUGHTER

„It is not heresy and I will not recant!“

To The Devil A Daughter (Die Braut des Satans) ~ UK/BRD 1976
Directed By: Peter Sykes

Der in London lebende Okkultismusexperte und Buchautor John Verney (Richard Widmark) sagt dem ängstlichen Geschäftsmann Henry Beddows (Denholm Elliott) zu, sich um dessen Tochter Catherine (Nastassja Kinski) zu kümmern, die ihr gesamtes bisheriges Leben in einem entlegenen bayrischen Kloster zugebracht hat und laut Beddows nunmehr in höchster Gefahr vor einer Sekte schwebe. Verney, der sich zunächst nicht sicher ist, ob es sich bei der ganzen Geschichte um bloßen Mummenschanz handelt, unterschätzt dabei den Einfluss und die Kräfte von Catherines bisherigem Mentor Michael Raynor (Christopher Lee), einem willfährigen Diener des Höllenfürsten Astaroth…

Diese letzte Hammer-Kino-Produktion, bevor das Studio sich für längere Zeit dem Fernsehgeschäft zuwandte und erst mit dem 2011 veröffentlichten „The Resident“ wieder die Leinwände beehrte, hatte es unglücklicherweise nie ganz leicht. Obwohl formidabel besetzt und um einen zeitgenössisch angemessen Genretopos um Satanistenkult und Wechselbälger herumgesponnen, lassen sich heuer noch immer Stimmen vernehmen, die dem legendären Studio angesichts der angeblich sinkenden Qualität von Werken wie vor allem „To The Devil A Daughter“ seinen Schwanengesang völlig begründet in Rechnung stellen. Als Quasi-Nachfolger von „The Devil Rides Out“, dessen Vorlage ebenfalls auf den Black-Magic-Zyklus des Romanciers Dennis Wheatley zurückgeht, sollte Sykes‘ Film ursprünglich das bislang eben sehr dürftig bepflügte Okkultismusfeld der Hammer ausweiten, doch etliche Beteiligte hassten den Film gleich bei seiner Premiere. Co-Autor Christopher Wicking bezeichnete das Endresultat als Katastrophe, Hammer-Kreativkopf Michael Carreras, der gern ein alternatives Ende nachgeschoben hätte, bescheinigte ihm Kopflosigkeit. Zudem erregt das skandalträchtige Finale, in dem die damals erst vierzehnjährige Kinski in einer kurzen Einstellung völlig nackt zu sehen ist, offenbar noch immer diesbezüglich sensible Gemüter, was zumindest die verhaltene Editionshistorie des Films hierzulande miterklären könnte. Dabei macht Sykes mit dem ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen einen völlig gediegenen Job. Der Film nimmt sich und seine Geschichte angenehm ernst; Widmark und Lee geben ein großartiges Antagonistenpaar ab, das in seinen jeweiligen Rollen bestens gedeiht und selbst im unübersichtlichen Genresegment der vielen thematisch anverwandten Werke dieser Ära sticht „To The Devil A Daughter“ als atmosphärisch ansprechender Vertreter hervor.
Was somit durchaus richtungsweisend hätte sein mögen, erhielt somit leider den unberechtigten Ruch der künstlerischen Bankrotterklärung. Bleibt zu hoffen, dass dieser wirklich schöne Film irgendwann noch einmal seine verdiente, komplette Rehabilitierung erlebt.

8/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10