THE REINCARNATION OF PETER PROUD

„Most people in this world don’t even know who they are – and you wanna know who you were!“

The Reincarnation Of Peter Proud (Die Re-Inkarnation des Peter Proud) ~ USA 1975
Directed By: J. Lee Thompson

Der College-Professor Peter Proud (Michael Sarrazin) wird von bizarren Träumen heimgesucht, in denen er, im Körper eines anderen Mannes (Tony Stephano) steckend, offenbar Jahrzehnte zuvor im Oldtimer durch irgendeine neuenglische Stadt braust, mit verschiedenen Frauen Sex hat und schließlich von einer von ihnen, einer gewisse Marcia (Margot Kidder), während eines nächtlichen Schwimmgangs mit einem Bootsruder erschlagen wird. Da diese Schlaferlebnisse immer intensiver werden, ihn nicht loslassen und Peter sogar beginnt, im Schlaf mit einer fremden Stimme zu sprechen, sucht er sich prfessionelle Unterstützung unter anderem bei dem PSI-Forscher Samuel Goodman (Paul Hecht), der zwar ein offenes Ohr für Peters Nöte hat, ihm jedoch auch keine wirkliche Hilfe ist. Ein Fernsehbericht über Massachusetts liefert schließlich nähere Hinweise: Peter erkennt darin Gebäude aus seinen Träumen wieder. Deren reale Entsprechung findet er nach intensiver Suche vor Ort schließlich in dem Städtchen Massachusetts, das ihm dann auch den unheimlichen Rest offenbart: In Peters Seele hat sich der Geist des vor rund dreißig Jahren von seiner Gattin ermordeten Jeff Curtis eingenistet. Als Peter sowohl dessen Witwe Marcia als auch Curtis‘ Tochter Ann (Jennifer O’Neill) kennenlernt, bahnt sich ein Drama an…

Auf den Spuren von Hitchcock und zugleich ironischerweise den Hitchcocks Motive später wiederum vielfach aufgreifenden De Palma antizipierend wandelt „The Reincarnation Of Peter Proud“, einer der letzten Filme mit phantastischem Überbau des wie gewohnt bunt genreübergreifend arbeitenden J. Lee Thompson. Der um die obsessive Aufdeckung eines Wiedergänger-Mysteriums kreisende „Vertigo“-Topos spiegelt sich darin, variiert und auf nicht unspannende Weise alterniert: Diesmal findet der von seiner Suche zunehmend Besessene nicht die Doppelgänger-Entsprechung einer (durch ein Komplott) zu Tode gekommenen Liebschaft, sondern eine vormals von ihm selbst gelebten Existenz. Da wir uns im Horror-/Thriller-Fach bewegen, spielt auch in Peter Prouds dramatische Geschichte ein ungeklärter und vor allem ungesühnter Mordfall hinein, wenngleich ohne solch geschickte Verschleierungstaktiken wie im großen Vorbild.
Peters Suche nach seinem früheren Ich gestaltet sich zunächst dennoch ebenso assoziativ und zufallsabhängig wie die von Scottie Ferguson nach „seiner“ Madeleine; es erfordert eine Menge investigativer Aufwändungen, darunter eine Reise einmal quer über den Kontinent, vom sonnigen Kalifornien geradewegs in die Heimstatt des ehernen Puritanismus, um Konkretes über das vormals gelebte Leben des Jeff Curtis zu erfahren. Pikant wird es schließlich, als Peter sich in Curtis‘ und damit zumindest im metaphysischen Sinne zugleich in die eigene Tocher verliebt, mit ihr schläft und sie schließlich heiraten will; ein unheiliges, inzestuöses und moralisch unmögliches Band wird geknüpft. Was nicht sein darf, geschieht – und wiederum nicht ohne kosmische Konsequenz. De Palma untersuchte das Ganze nur ein Jahr später mehr oder weniger repetitiv auf ähnliche Weise in seinem – allerdings sehr viel kunstvoller, barocker und komplexer inszenierten – „Obsession“. Freilich schläft das Karma als universeller Rechtssprecher, womit wir nebenbei erneut bei Hitchcock wären, auch in „The Reincarnation Of Peter Proud“ nicht: In seinem Bestreben, den unseligen Geist des zu Lebzeiten promisken Ehebrechers und Erbschleichers Jeff Curtis ein für allemal loszuwerden, sucht Peter sämtliche Orte aus seinen Träumen auf, woraufhin diese ihn dann nicht länger heimsuchen. Als er mit jenem Ansinnen jedoch Curtis‘ verhängnisvolle Schwimmaktion nachstellt, ist die psychisch labile Marcia, die längst geblickt hat, dass der einst von ihr ermordete Jeff sie gewissermaßen in Peters Körper heimsucht und ihn nunmehr für die Blutschande an der gemeinsamen Tochter zu bestrafen trachtet, nicht fern. Der Schicksalskreis schließt sich unvermeidlich und der Rezipient wird hernach mit einem schön abgründigen Finale ins große Sinnieren entlassen.
Dass die Kidder drei Jahre zuvor in De Palmas „Sisters“ gespielt hatte und der Scriptautor Ehrlich sich den Vornamen mit „Homo Faber“-Autor Max Frisch teilt, sind übrigens bloß reine Koinzidenzen.

7/10

VOLCANO

„Oh shit! I’m outta here!“

Volcano ~ USA 1997
Directed By: Mick Jackson

Nach einem Erdbeben in der City von Los Angeles dringt vulkanisches Magma durch die offenen Risse und bahnt sich seinen Weg an die Oberfläche. Binnen Stunden entweicht der Lavastrom durch die Teergruben von La Brea und fließt danach als zäher, alles vernichtender Fluss den Wilshire Boulevard hinab. Der zufällig vor Ort befindliche Katastrophenschutzbeauftragte Mike Roark (Tommy Lee Jones) und die Seismologin Amy Barnes (Anne Heche) haben alle Hände voll zu tun, Stadt und Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Wie dort angedroht, nun also auch die mit der Betrachtung von Donaldsons Vulkanausbruchs-Epos „Dante’s Peak“ inspirierte Revision von dessen Konkurrenzproduktion „Volcano“. Tatsächlich bildet das doppelt bediente Katastrophensujet nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Filmen – auch in „Volcano“ sorgt ein überfürsorgliches Kind, nämlich Roarks Tochter (Gaby Hoffman) für schicksalhafte Unwägbarkeiten, die damit enden, dass der Held am Ende verschüttet wird (hier aber sogar gänzlich unversorgt geborgen werden kann). Ein putziges Hundchen kann dem Inferno auch in „Volcano“ auf den letzten Drücker entwischen und natürlich, auch dies jedem echten disaster movie unbedingt inhärent, verhindern Unkenntnis und sorglose Fehldiagnosen auf Seite der Verantwortlichen ein rechtzeitigeres Insistieren. Die heiße Suppe muss also abermals bei voller Temperatur ausgelöffelt werden. Wenngleich Jacksons Film ebenfalls voll ist von schönen Camp-Momenten, die das Schreckensszenario immer wieder mehr oder wenig freiwillig komisch durchbrechen und gelegentlich sogar ins Selbstparodistische abdriften, verliert „Volcano“ im Direktvergleich mit „Dante’s Peak“ doch relativ eindeutig. Wo Jackson seine gewaltige Zerstörungsorgie nie recht in den Griff bekommt und mit nicht selten an TV-Film-Ästhetiken erinnernden Formalia versucht, eine halbwegs realistisch anmutende Basis zu evozieren, pfeift Donaldson passend zur freidrehenden Prämisse gleich auf jedwede Form von Glaubwürdigkeit und investiert seine inszenatorische Energie stattdessen in eine technisch wesentlich perfekter arrangierte Zerstörungsvision sowie Suspense-Momente, von deren Intensität „Volcano“ bloß träumen kann. Dessen Script legt stattdessen einen konstant besonderen Wert auf die urbane Gemeinschaft, die in Extremsituationen an einem Strang ziehen und wie eine große Familie agieren muss, um sich gegen den dräuenden Untergang zu behaupten, was sich immer wieder durch heldenhafte Einzelaktionen verschiedener Figuren, die sich dann mitunter auch zu opfern haben, untermauert findet. Wo sich in „Dante’s Peak“ letzten Endes lediglich eine Patchwork-Familie gegen die entfesselte Natur zu behaupten hat, ist es in „Volcano“ – analog natürlich auch zum Schauplatz – die zweitgrößte Stadt der USA. Man könnte es wie folgt subsummieren: Jacksons Film will mehr, erreicht dabei aber deutlich weniger als der von Donaldson. Dennoch lohnt auch „Volcano“ für den Katastrophen-Aficionado; allein jene hochdramatische und klimaktische Szene, in der John Carroll Lynch buchstäblich hinwegschmilzt, ist aller Ehren wert, ebenso wie der wunderhübsch eklektische Einsatz von Randy Newmans „I Love L.A.“ zu den end credits.

6/10

THE WORLD’S FASTEST INDIAN

„Dirty old men need love too!“

The World’s Fastest Indian (Mit Herz und Hand) ~ NZ/USA/J 2005
Directed By: Roger Donaldson

Invercargill, Neuseeland, 1962. Burt Munro (Anthony Hopkins), ein recht betagter Herr, gilt zwar als etwas kauzig, ist mit seinem stets freundlichen Wesen jedoch bei jedermann in der kleinen Stadt beliebt. Sein ganzes Herz hängt an einem alten, 1920er Indian-Scout-Motorrad, an der er tagaus, tagein herumschraubt und das ein beachtliches Tempo erreicht. Burts größter Traum, die Spitzengeschwindigkeit seiner Maschine beim Bonneville Salt Flats in Utah zu testen, wird schließlich Wirklichkeit, als er dank einer Hypothek auf sein Häuschen, die finanziellen Mittel für den Trip beisammen hat. Eine billig ergatterte Schiffspassage bringt ihn und seine Indian Scout nach Kalifornien, ein günstig erstandener Gebrauchtwagen von dort aus beide nach Utah, wo Burt allen Vorbehalten zum Trotz nur den ersten von vielen noch folgenden Schnelligkeitsrekorden aufstellt.

Mit „The Worlds Fastest Indian“ stellte Roger Donaldson ein großes Herzensprojekt auf die Beine, an dem er zuvor bereits seit zwanzig Jahren gearbeitet hatte und dessen finale Produktion er schließlich in kompletter Eigeninitiative auf die Beine stellte. Nach diversen Filmen für die großen Hollywood-Studios bildet diese manifestierte Definition eines feel good movies ergo die persönlichste Arbeit des Regisseurs, dessen eigentlich so typisch unpassende deutsche Betitelung sich gewissermaßen als self fulfilling prophecy lesen lässt. Wie seine authentische Hauptfigur Burt Munro machte Donaldson damit vielleicht ein Stück unmöglich Gewähntes möglich. Das wunderbare Resultat, anders als seine teuren Auftragsarbeiten im weniger breiten 1,85:1-Format kadriert, erinnert ein wenig an die kontemplative Gelassenheit von David Lynchs „The Straight Story“ mit dem er manch basalen Zug teilt. Wie Alvin Straight ist auch Burt Munro ein innerlich ausgeglichener Mann, der trotz seiner hohen Jahre nicht allzu viel von der Welt außerhalb des alltäglichen Trotts gesehen hat, nunmehr jedoch seinen existenziellen Mikrokosmos aufbricht, um mit bescheidenen Mitteln ein weit entferntes Ziel zu erreichen. Natürlich kommt im vorliegenden Fall noch hinzu, dass dieses eine sportliche Herausforderung darstellt, die wiederum allerdings umso größer ist, als dass man sie ihrem Akteur aus Altersgründen nicht zutrauen mag. Doch wie jedes andere Problem beseitigt Burt Munro letzten Endes auch dieses durch sein gewinnendes Wesen – möglicherweise gerade bedingt durch seine Herkunft vom „Ende der Welt“ ist er ist das, was man einen Philanthropen nennen mag. Vorurteilsfrei beurteilt er die Menschen, die er trifft, nicht nach Ethnie, Sozialstatus oder sexueller Orientierung, sondern einzig nach ihrer Persönlichkeit. Diese simple Eigenschaft gewährt ihm allerorten Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit und macht ihn zum Gewinner der Herzen, wohin er auch kommt. Erwartbar, dass Burt Munro damit am Ende auch die private Herausforderung des speed record meistert.
Donaldson erzählt sein road movie mit einer rar gewordenen Gelassenheit, gibt jeder einzelnen, noch so aklimaktisch scheinenden Episode auf Burts Reise ausreichend Raum und hält im Herzen von „The World’s Fastest Indian“ für jeden einzelne seiner vielen Figuren ein Zimmer frei, ganz ohne sarkastische Brechungen. Vielleicht ist das alles dem einen oder anderen zu weichgespült, nicht hinreichend zynisch oder ermangelt eines gegenwärtig unerlässlichen, harten Realismus. Ich kann das nicht sagen. Mir und meinem Bauch hat dieser ziemlich wunderbare Film gut getan.

8/10

WRATH OF MAN

„Strange things happen to men when they smell that much cash.“

Wrath Of Man (Cash Truck) ~ UK/USA 2021
Directed By: Guy Ritchie

Der aus England stammende Patrick Hill (Jason Statham) heuert bei dem privaten Geldtransport-Unternehmen „Fortico Security“ als Fahrer an. Sein neuer Kollege Bullet (Holt MCallany) verpasst ihm den Spitznamen „H“ und nimmt ihn kurzerhand unter seine erfahrenen Fittiche. Als bald darauf ein von den beiden begleiteter Geldtransport überfallen wird, straft H seinen eher durchschnittlichen Einstellungstest Lügen und erschießt seelenruhig sämtliche beteiligten Ganoven. Sowohl bei Fortico als auch bei der Polizei wird man wegen Hs kaltblütiger Aktion hellhörig. Wer ist dieser Mann wirklich? Tatsächlich handelt es sich bei H um einen Mann namens Mason Hargreaves, den Kopf eines kleinen, jedoch wohlfeil geölten und seit vielen Jahren effektiv arbeitenden Gangstersyndikats, der auf der Suche nach dem Mörder seines Sohnes Dougie (Eli Brown) ist. Mit dem inoffiziellen Segen von FBI-Agent King (Andy Garcia) fräsen H und seine Männer sich bereits seit Monaten eine Schneise durch die Unterwelt von L.A., um den Täter ausfindig zu machen. Die heißeste Spur führt ausgerechnet zu Fortico, auf die Hs Leute ursprünglich selbst einen Überfall geplant hatten. Wie sich herausstellt, sind er und Dougie infolge einer Kurzobservation an jenem verhängnisvollen Tag einer konkurrierenden, aus inaktiven Soldaten um den Veteran Jackson (Jeffrey Donovan) bestehenden Gruppe während deren Raubzug in die Quere gekommen. Zudem muss es bei Fortico einen Maulwurf geben, der Jacksons Truppe entscheidende Hinweise zukommen lässt…

Dass der ja regelmäßig auf mainstreamigen Irrpfaden wandelnde Guy Ritchie immer dann am effektivsten zu Werke geht, wenn er verschachtelte Gangster-Geschichten erzählt, muss man mittlerweile als evident bezeichnen. Darin liegen seine Wurzeln, darin ist er gut. Wie ich erst im Nachhinein erfuhr, ist „Wrath Of Man“, Ritchies vierte Zusammenarbeit mit Jason Statham, das modifizierte Remake eines recht renommierten, französischen Originals namens „Le Convoyeur“ von 2004, was natürlich zugleich dessen nachträgliche Betrachtung bedingt. Davon unabhängig lässt sich der Film recht gut als Werk seines Dirigenten identifizieren: in mehreren, achronologisch erzählten Kapiteln entblättert sich das zunächst stark elliptisch scheinende Gesamtbild dem Rezipienten nur peu à peu und erweist sich schließlich als lupenreine, etwas kompliziert erzählte Rachegeschichte, die trotz ihres westamerikanischen Schauplatzes zugleich die eherne Tradition des britischen Gangsterfilms pflegt. Mit seinem üblicherweise kutivierten, lakonischen Humor geizt Ritchie diesmal; analog zu Stathams Figur und ihrer Motivation geht auch der Regisseur eher bärbeißig zu Werke. Ob die im Grunde durchaus luzide Struktur des Plots allerdings zu einer derart verschlungenen Narration berechtigt oder diese eher auf Ritchies inszenatorischen Manierismus zurückgeht, mag derweil ein valider Diskussionspunkt sein. Des comichaft-exalzierten Gewaltduktus ähnlich gelagerter Vigilanten-, Selbjustiz- und/oder Killerfilme der jüngern Zeit enthält sich „Wrath Of Man“ weitgehend. Allein der Showdown-Heist, in dem Jacksons Gang mit martialischen, kugelsicheren Superuniformen zu Werke geht, nimmt sich diesbezüglich doch sehr viel zahmer aus als etwa das Finale von Ilya Naishullers ohnehin gelungenerem „Nobody“. Für Jason Statham bedeutet seine Rolle jedenfalls ein relativ bequemes Engagement, in dessen Zuge er seiner persönlichen Ikonogrpahie nichts Neues hinzuzusetzen hat. Mit der üblich versteinerten Miene, wortkarg und sich bei aller Härte dennoch nie ganz dem allzeit dräuenden Racheamok hingebend, pflügt er sich durch die Reihen seiner Widersacher bis hin zu jenem Oberfiesling, der seinem Filius einst die tödlichen Kugeln verabreicht hat. Dabei handelt es sich um einen gewissen Jan, den gierigsten und unberechenbarsten von Jacksons Untergebenen, gespielt von Clint-Filius Scott Eastwood. Jener, frische 35 Jahre jung, besitzt eine unglaubliche, beinahe kloneske Ähnlichkeit zu seinem legendären Dad, was sich nicht nur in der Physiognomie, sondern auch in Mimik und Gestik manifestiert. Man meint wirklich, den auf wundersame Weise verjüngten Meister gegenüberzusitzen. Das wollte ich dann doch gern noch erwähnt haben.

7/10

THE LITTLE THINGS

„It’s the little things that get you caught.“

The Little Things ~ USA 2021
Directed By: John Lee Hancock

John „Deke“ Deacon (Denzel Washington), alternder Deputy-Sheriff in Bakersfield, muss wegen einiger Formalia zu seiner früheren Wirkungsstätte Los Angeles zurückkehren. Deke war bis vor ein paar Jahren als Detective in der Großstadt tätig und galt als Legende seines Fachs, hatte dann jedoch seinen Dienst dort quittieren müssen und auch alle privaten Wurzeln zurückgelassen. Zufällig bekommt Deke vor Ort mit, dass sein junger Nachfolger Jim Baxter (Rami Malek) in einem Mordfall ermittelt, der sich als das Werk eines Serientäters entpuppt. Da sich unweigerliche Analogien zu Dekes letztem, ungelösten Fall in L.A. ergeben, nimmt dieser kurzerhand Urlaub, um Baxter inoffiziell bei dessen Ermittlungen zu unterstützen. Das Duo stößt auf einen exzentrischen Wäschereiarbeiter namens Albert Sparma (Jared Leto), gegen den zwar mehr und mehr Indizien, aber keine wirklichen Beweise sprechen. Sparma wird verhört, muss jedoch wieder freigelassen werden und treibt fortan ein boshaftes Katz-und-Maus-Spiel mit den beiden ihn beschattenden Cops, dem sich Baxter psychisch nicht gewachsen zeigt…

Zum zweiten Mal nach „The Bone Collector“ begibt sich der nunmehr gesetztere Denzel Washington als arrivierter, wegen beruflicher Versehrtheit jedoch kaltgestellter Cop auf die Jagd nach einem Serienmörder im (sub-)urbanen Großstadtdschungel. Diesmal geht es in die Westküstenmetropole und zumindest ist Deke Deacon trotz eines dazumal erlittenen, schweren Herzinfarkts immer noch mobiler als der querschnittsgelähmte Lincoln Rhyme, wenngleich ihn die Geister ungesühnter Gewalt nicht in Ruhe lassen mögen.
John Lee Hancock, der das Script zu „The Little Things“ bereits in den frühen Neunzigern, nach seiner Arbeit an Eastwoods „A Perfect World“, verfasst hatte und es konsequenterweise auch im dazugehörig gegenwärtigen Zeitkolorit spielen lässt, gelingt es, seinem Werk eine wesentlich engmaschiger gewebte Atmosphäre angedeihen zu lassen als dies bei Noyces Film der Fall war. Abermals stützt sich das Resultat zu großen Teilen auf Denzel Washingtons schauspielerische Brillanz. Die Rolle des ausgebrannten John Deacon erweist sich als echtes Geschenk für den alternden Akteur, dem es erwartungsgemäß behende gelingt, die inneren Abgründe seines Charakters stets kristallin werden zu lassen. Weniger zuverlässig zu rechnen war da schon mit seinem Co-Star Rami Malek, der es zudem a priori etwas schwerer hat – seine Rolle des Detective Jim Baxter ist zumindest zu Beginn etwas schnöselig und arrogant angelegt, was es entsprechend erschwert, der Figur Sympathien abzuringen. Erst später, wenn seine Vunlnerabilität und damit verbundene Menschlichkeit eklatant werden, mag man ihn in sein Herz schließen. Jared Leto indes hat seinen bisher lediglich zweimal in der Peripherie auftauchenden Joker scheinbar gänzlich internalisiert zu haben; egal, ob Albert Sparma am Ende schuldig ist oder nicht, Leto lässt keinen Zweifel an seinem diabolischen Wesen und bewegt sich somit tatsächlich zur Gänze auf dem figuralen Terrain des beliebten comic villain. Die sich nicht zuletzt in Anbetracht des sich verdichtenden Wüstenfinales aufdrängenden und offenbar bereits mehrfach kolportierten Analogien zu „Se7en“ drängen sich zwar unweigerlich auf, sind meines Erachtens aber zu vernachlässigen – zum einen des tatsächlichen Scriptalters wegen, zum anderen weil Albert Sparma trotz all seiner gewiss vorhanden, psychischen Untiefen nie ganz den infernalischen Nimbus eines John Doe erreicht.

7/10

NICK OF TIME

„It’s loaded. It’s ready for the hunt. So are we.“

Nick Of Time (Gegen die Zeit) ~ USA 1995
Directed By: John Badham

Der alleinerziehende Buchalter Gene Watson (Johnny Depp) fährt mit seiner kleinen Tochter Lynn (Courtney Chase) in die L.A. Union Station ein. Kaum aus dem Zug gestiegen, werden die beiden von zwei mysteriösen Fremden, einem Mr. Smith (Christopher Walken) und einer Ms. Jones (Roma Maffia), abgepasst und zu deren Wagen gelotst. Ihre folgende Ansage ist kurz und bündig: Watson soll binnen der kommenden eineinviertel Stunden die Gouverneurin Eleanor Grant (Marsha Mason) erschießen, die sich mit ihrer gesamten Entourage gerade für eine Wahlkampfveranstaltung im Bonaventure Hotel befindet. Weigert er sich, muss Lynn sterben. Mit einer Waffe und einem Spenderausweis ausgestattet, wird der völlig überrumpelte Gene vor dem Hotel abgesetzt. Jeder Versuch, sich Hilfe zu verschaffen, endet für ihn zunächst in einem Fiasko – es stellt sich nämlich zunehmend heraus, dass selbst engste Vertraute von Governor Grant in das Mordkomplott verwickelt sind. Die Zeit wird derweil immer knapper…

„Nick Of Time“ firmiert rückblickend eher als kleine Fingerübung im Œuvre John Badhams und hat durch die Jahre vergleichsweise wenige Spuren hinterlassen. Als filmische Versuchsanordnung in Sachen Suspense, die sich offenkundig typische Noir- und Hitchcock-Topoi zum Vorbild nimmt, vermag der sich betont launig gebende Thriller tatsächlich auch nur in Teilen zu überzeugen. Das Script beschäftigt sich vorrangig mit der Verdichtung der Narration sowie deren Konzentration auf die Ort-/Zeit-Einheit und genehmigt sich dafür im Gegenzug immer wieder kleine, nebensächliche Schlampereien, die ein etwas präziser zu Werke gehender Autor möglicherweise umschifft oder zumindest eleganter aufgelöst hätte.
Die traditionsreiche Prämisse um den eher biederen, leicht gestressten, sich jedoch in weitgehender existenzieller Sicherheit wähnenden Bourgeois, der aus heiterem Himmel in eine kriminelle Affäre hineingerissen wird, sich innerhalb der veränderten Gegebenheiten zurechtfinden lernen muss, um dann am Ende über sein vormaliges bürgerliches Ich hinauszuwachsen, funktioniert indes auch in der vorliegenden Reprise noch recht gut. Deren, wohlbewusster, besonderer Reiz rekurriert primär aus der zu Beginn sehr rasch in Stellung gebrachten Antagonistenkonstellation Depp – Walken, beide just im Karrierehoch, die ihr Katz-und-Maus-Spiel mit geradezu diebischem Vergnügen ausagiert. Die zwei exzentrischen Herren scheinen mit ihrem jeweils ostentativen Habitus geradezu füreinander geboren, was die gemeinsamen Szenen zu kleinen Höhepunkten im sich ansonsten teils verlierenden Geschehen werden lässt.
Die Crux von „Nick Of Time“ besteht vor allem darin, dass sein vermeintlich so ausgeklügelter Plot förmlich dazu einlädt, nach möglichen Logiklöchern zu fanden und dass Badham ferner zu oberflächlich arbeitet, um diese mit seiner routinierten, nur wenige Glanzlichter setzenden Inszenierung stopfen zu können. Man sollte insofern bereit sein, neben der sich ohnehin günstig auswirkenden Sympathie für Regisseur und Hauptdarsteller viel Nachsehen und zugedrückte Hühneraugen mitzubringen – in diesem Falle lässt sich „Nick Of Time“ auch noch das eine oder andere abgewinnen.

7/10

DOLEMITE IS MY NAME

„Shoot for the moon, and if you miss it, hang on to a motherfucking star!“

Dolemite Is My Name ~ USA 2019
Directed By: Craig Brewer

Los Angeles in den frühen Siebzigern. Der afroamerikanische Wannabe-Entertainer Rudy Ray Moore (Eddie Murphy) ist mit seinem derzeitigen Werdegang nicht sonderlich zufrieden. Sein Geld verdient er vornehmlich als Plattenverkäufer und seine Engagements als Ansager in einem Nachtclub schüren kaum Ovationen. Schließlich kommt er auf die Idee, die haarsträubenden „Dolemite“-Gedichte eines quartierbekannten Penners namens Ricco (Ron Cephas Jones) auf Tonband aufzuzeichnen und bühnentauglich umzudichten. Moore wird onstage selbst zu Dolemite – einem großspurigen Pimp als Kunstfigur. Die Leute lieben Moores Auftritte. In Eigenregie stellt er gemeinsam mit seinen Kumpels eine Live-LP her, die er aus dem Kofferraum heraus verkauft. Bald wird ein Label auf ihn aufmerksam und produziert weitere Platten, derweil eine Tour durch schwarze Südstaaten-Clubs Moore weitere durchschlagende Erfolge beschert. Nach einem ratlosen Kinobesuch von Billy Wilders „The Front Page“ beschließt Moore, selbst Filmstar zu werden und im Blaxploitation-Fach Fuß zu fassen. sein Dolemite ist reif für die Leinwand…

Mit sehr viel mehr Herzblut als den nachfolgenden „Coming 2 America“ haben Regisseur Brewer und Hauptdarsteller/Produzent Murphy diese Liebeserklärung an den kleinen Selfmade-Star Rudy Ray Moore gefertigt. In Anbetracht von Moores schillernder Persona und der unglaublichen Serie von Filmen, die er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auf sein geneigtes Publikum losließ, schrie der 2008 verstorbene Mann geradezu nach einem Biopic. In sehr augenzwinkernder, aber stets respektvoller Manier schildert „Dolemite Is My Name“ nun grob die Jahre zwischen 1970 und 1975, jene Ära also, in der Moore einerseits sein künftiges Alias kreierte und diese andererseits zunächst mit Platten und dann der Produktion des ersten „Dolemite“-Films kultivierte. So bekleidet letztere dann auch das Zentrum von Brewers Werk. Moore und seine Freunde haben durch die Bank keinerlei Ahnung von Filmproduktion und machen ihre Inkompetenz durch bloßen Enthusiasmus wett. Als immer wieder überbügelter Scriptautor fungiert der sozial engagierte Theaterautor Jerry Jones (Keegan Michael Key), als Regisseur reißt Moore den überkandidelten Schauspieler D’Urville Martin (Wesley Snipes) in einem Stripclub auf. Die technische Crew stellen ein paar Studenten von der UCLA. Trotz diverser Pannen steht am Ende der fertige Film, für den sich jedoch kein Verleih finden lässt. Also nimmt Moore auch noch die sich ihm durch Zufall bietende Option der selbstinitiierten Premiere in einem Farbigenkino in Indianapolis wahr, wo „Dolemite“ einschlägt wie eine Bombe.
Mit dem unbeugsamen Willen, jedweden personellen und/ oder situativ bedingten Komplikationen ein Schnippchen zu schlagen und sich durch nichts beirren zu lassen, zeichnen Brewer und Murphy ihren Protagonisten und lassen „Dolemite Is My Name“ damit nicht selten an ähnliche Biopics erinnern, in denen vermeintliche Verliertypen mit der unerlässlichen Unterstützung einer kleinen, verschworenen Freundesgemeinde ihren Traum wahr werden lassen und am Ende zumindest auf einer individuellen, vielleicht gar intimen Ebene reüssieren können, allen voran natürlich Burtons „Ed Wood“, mit dem sich Brewers Arbeit insbesondere die verschmitzte Bewunderung für die Titelfigur und deren unerschütterliches Selbstbewusstsein teilt.
Ein schöner Film somit, der vor allem Lust darauf macht, die alten Moore-Kracher mal wieder aus dem Regal zu ziehen.

8/10

CROWN VIC

„There’s the world inside this squad car, then there’s everything else outside of it.“

Crown Vic (Im Netz der Gewalt) ~ USA 2019
Directed By: Joe Souza

Der aus Oakland versetzte, junge Police Officer Nick Holland (Luke Kleintank) fährt seine erste Nachtsstreife in L.A. mit dem ebenso erfahrenen wie zynischen Cop Ray Mandel (Thomas Jane). Als Greenhorn wird Holland während der folgenden Stunden nicht selten von Mandel aufgezogen, zudem hält die nächtliche Arbeit in der Großstadt allerlei überraschende Lektionen für den werdenden Vater bereit. Die künftige Partnerschaft wird sich jedoch erst vollends in der Konfrontation mit zwei gravierenden Ereignissen bewähren müssen…

Der wohl häufig an „Crown Vic“ (der Originaltitel bezieht sich auf einen vor einigen Jahren noch gängigen Streifenwagen-Typ des LAPD, den „Ford Crown Victoria“) gerichtete Vorwurf, er präsentiere wenig mehr denn ein „Training Day“-Remake, greift natürlich viel zu kurz, und das nicht erst bei genauerem Äugen. Die Prämisse, einen unerfahrenen Jungspund gemeinsam mit einem abgeklärten Hartarsch auf Streife zu schicken, war auch schon zu Zeiten von Fuquas Film keineswegs neu oder gar innovativ; zudem entwickeln sich beide Geschichten gleich von Beginn an in völlig unterschiedliche Richtungen. Ebensogut könnte man „Training Day“ jedenfalls auch als Variation von Fleischers „The New Centurions“ bezeichnen, was letzten Endes ähnlich verfehlt wäre.
Ein dunkles Geheimnis trägt allerdings auch Ray Mandel mit sich herum, dieses ist aber vorrangig persönlicher Natur und besteht nicht etwa darin, dass er die Polizeimarke de facto bloß zur Tarnung trägt und sich eine heimliche Zweitkarriere als crime lord aufgebaut hat. Mandel nimmt sich vielmehr aus wie eine typische Thomas-Jane-Figur und scheint ihm geradezu auf den Leib geschrieben zu sein; wohl nicht zuletzt der Grund, warum seine Interpretation zu den denkwürdigsten mir bekannten Auftritten des Darstellers zählt. Luke Kleintanks Part dient eher als Katalysator und moralische Stellschraube für den längst mit allen Berufswassern gewaschenen Frühfünfziger, dem in jener schicksalhaften Nacht, in der sich die gesamte erzählte Zeit von „Crown Vic“ abspielt, auch eigenen Dämonen zu stellen hat. In den ersten zwei Dritteln entrollt sich zunächst allerdings ein schönes, nächtliches Panoptikum des unübersichtlichen Molochs Los Angeles, eine Ansammlung kauziger Gestalten zwischen Drogen, Suff und psychischen Krankheiten, mit denen sich die „Ordnungshüter“ herumzuschlagen haben. Gerade in dieser anekdotenhaften, breiten und doch pointierten Darstellung der typischen, urbanen Polizei-„Allnacht“ liegt die eigentliche Stärke von Souzas Film, die Kür, derweil der dramaturgische Errichtung des vermeintlichen Story-Höhepunkts eher zur lästigen, wenngleich notwendigen Pflichtübung gerät.
Für Liebhaber (auch und insbesondere) des (klassischen) Polizeifilms von Joseph Wambaugh bis David Ayer u.U. jedenfalls eine durchaus gewinnende Veranstaltung.

7/10

SPEED 2: CRUISE CONTROL

„Annie, come back! You’re my hostage!“

Speed 2: Cruise Control ~ USA 1997
Directed By: Jan de Bont

Nachdem die leidgeprüfte Annie Porter (Sandra Bullock) mal wieder mit Pauken und Trompeten durch die praktische Führerscheinprüfung rasselt, muss sie gleich auch noch auf die harte Tour erfahren, dass ihr neuer Freund Alex Shaw (Jason Patric) mitnichten bei der Küstenwache, sondern wiederum beim LAPD tätig ist. Die von Alex zu Versöhnungszwecken gebuchte Kreuzfahrt in die Karibik liefert dann allerdings keineswegs die Form von romantischer Entspannung, die das junge Paar sich wünscht: Der von seiner Firma geschasste, durchgedrehte Programmierer John Geiger (Willem Dafoe) kapert den Bordcomputer ebenjenes mondänen Passagierschiffs, auf dem sich neben Annie und Alex auch eine luxuriöse Juwelensammlung befindet. Zunächst läuft alles nach Geigers ausgeklügeltem Plan, der neben dem Raub der Klunker auch die spektakuläre Zerstörung des Kreuzers vorsieht, doch Alex macht ihm einen dicken Strich durch die Rechnung.

Drei Jahre nach dem auf Genreebene maßstabsetzenden „Speed“ machte sich der vormals lange Jahre als dp umtriebige Eindhovener Jan de Bont an das unausweichliche Sequel. Das immens teure Projekt lieferte bald Schlagzeilen als katastrophal misslungene Box-Office-Bombe und floppte big time in jeder nur denkbaren Hinsicht. Die zweite Hälfte der neunziger Jahre als orientierungslose Phase im Hollywood-Mainstream-Genrekino repräsentiert „Speed 2: Cruise Control“ indes geradezu exemplarisch. Nach der um die Mitte der Dekade rollenden Action-Offensive, die „Speed“ als mobile Umgestaltung des zuvor bereits mit McTiernans „Die Hard“ entwickelten und seither mehrfach variierten Sujets gewissermaßen erst losgetreten hatte, mangelte es den Studios nämlich an fruchtbaren Impulsen wie Ideen, um die Geld- und Mundpropagandaspeicher hinreichend befriedigend füllen zu können. Plötzlich waren es erklärte Stilisten und auteurs wie Tarantino, die Coens, David Fincher, britische oder skandinavische Filmemacher, die mit frischen Ansätzen junge Leute vor die Leinwände lockten. Die Studios flankierten im Gegenzug teilweise Pseudo-Indie-Sektionen namens Sony Pictures Classics und Fox Searchlight, die für einen ähnlichen „Spirit“ stehen sollten wie die just reüssierende Miramax der Weinsteins. Eine wirklich umwälzende oder gar historisch relevante Zäsur wie zu Zeiten New Hollywoods war das zwar nicht, aber es wurden hier und da doch mancherlei leere Managerdenkbläschen verursacht. Während James Cameron mit „Titanic“ bewies, dass alte Formeln und wirtschaftliches Risiko doch noch funktionierten, sich jedoch nicht zwangsläufig rechnerisch kalkulieren ließen, knallte es andernorts an allen Ecken und Enden. Großbudgetierte Projekte wie „Waterworld“, die beiden „Batman“-Filme von Joel Schumacher, Verhoevens „Showgirls“ et.al. verschlangen teils deutlich mehr Geriebenes als geplant und soffen dann reihenweise ab – wahlweise bei der Kritik, künstlerisch, kommerziell oder gleich als Rundumschlag. Zu verschroben, zu campy, zu queer oder schlicht zu bescheuert fürs ordinäre Massenpublikum fanden die meisten dieser Filme dann zumindest nach einigen Jahren ihre eingeschworene Liebhaberfraktion. So viel ich weiß, steht derlei für „Speed 2“ noch aus.
Dass de Bonts dritter Regiefilm perfekt zur Karambolage taugt, scheint derweil unübersehbar. Das Script des Films ist so albern wie dämlich, versäumt völlig, den innovativen, bereits im Titel vorgegebenen Impetus des Vorgängers aufzugreifen und musste daher zwangsläufig enttäuschen. „Speed 2“ orientiert sich sehr viel deutlicher an den wiederum stets vom Plattkitsch befütterten Katastrophenfilmen der siebziger Jahre als am zeitgenössischen Genrekino, er greift im Kern den Plot von Richard Lesters „Juggernaut“ auf und setzt dabei in vorderster Front auf Sandra Bullock als wie üblich extraquirlig kontextualisierte Stichwortlieferantin, einen offenbar um die Ziellosigkeit seines Engagements ahnenden und dementsprechend narkotisiert wirkenden Jason Patric als Reeves-Ersatz und natürlich Willem Dafoe, dessen Spielfreude ja eh gar nichts kaputtmachen kann und der auch hier als leuchtendes Fanal aus allem Übrigen hervorragt, als komplett solitär vorgehendem Klischeebösewicht. Zusätzliche Ingedienzien beinhalten noch Bo Svenson als leider sehr zeitig abtretenden Kapitän, ein taubstummes Mädchen (Christine Firkins), um die sich naturgemäß alle ganz besonders sorgen und eine absolut irrlichternde Zerstörungsorgie im Finale, die wohl 99 Prozent der veranschlagten 110-Mio-$-Kosten verschlungen haben dürften. Die Gags sind par tout nicht komisch, der Touristen-Reggae auf der Musikspur (inkl. Auftritt von UB 40 im Schiffsrestaurant) erweist sich als akustische Tortur und die Action-Choreographie gelinde gesagt als Katastrophe, besonders für jemanden vom Schlage de Bonts, der doch eigentlich genau wissen sollte, wie Kinetik auf der Leinwand geht. Dennoch mag man „Speed 2“ nicht wirklich böse sein, denn als megalomanisches Kuriosum und Zeitzeugnis müsste man ihn dann doch vermissen.

4/10

THE HUMAN DUPLICATORS

„I am your master! Do as I command!“

The Human Duplicators (F.B.I. jagt Phantom) ~ USA/I 1965
Directed By: Hugo Grimaldi

Ein Volk herrschsüchtiger Aliens schickt seinen riesenhaften Agenten Kolos (Richard Kiel) zur Erde, um dort eine geheime Invasion vorzubereiten. Mithilfe des brillanten Wissenschaftlers Professor Dornheimer (George Macready) soll Kolos eine Armee von Androiden erschaffen, die nach und nach die Menschheit unterwandern. Nachdem erste Einbrüche von scheinbar renommierten Forschern in geheime Einrichtungen begangen werden, nimmt sich NIA-Agent Glenn Martin (George Nader) des Falles an…

Es ist ein veritables Glück, das kleine Preziosen wie diese trotz prekärer Material-Ausgangslage digital aufbereitet und der geneigten Rezipientenschaft in bestmöglicher Form zugänglich gemacht werden.
„The Human Duplicators“ ein kunterbuntes Camp-Fest ohne jede falsche Scham, darf man sich in etwa in derselben Liga vorstellen, in der die Arbeiten von Edward D. Wood oder Al Adamson spielen, zu deren Werken natürlich auch thematische Parallelen zu bestaunen sind. Immer wieder müssen darin außerirdische Despoten herhalten, die für ihre wahnwitzigen Eroberungspläne auf die denkbar bescheuertsten Mittel und Wege zurückgreifen – zum höchsten Vergnügen des Zuschauers freilich, denn somit werden reichlich Anlässe für hanebüchnen Dialog und auch sonst alles Dazugehörige geboten. Für „The Human Duplicators“ nun stand dem Gelegenheitsregisseur Hugo Grimaldi eine durchaus illustre Besetzung rund um George „Jerry Cotton“ Nader und den etwas steif gewordenen George Macready zur Verfügung, deren heimliches Highlight fraglos Richard Kiel darstellte. Der damals noch junge Hüne bekam dankenswerterweise ungewohnt viel Dialog und somit Gelegenheit, auch einmal sein angenehmes Timbre zum Einsatz zu bringen. Seine Annäherungsversuche an die zarte Dolores Faith ergeben besonders rührende Szenen; wie am Ende es – natürlich – einmal mehr die Schöne ist, die das Biest zu Fall bringt. Nach gründlichst vermasselter Mission verschwindet Kolos, der einem dann doch ein wenig leid tut, auf Nimmerwiedersehen in den Weiten des Alls.
Dazwischen erfreut – bei Bedarf – auf der just erschienenen Blu-ray des renommierten, grundsätzlich stets zu unterstützenden Labels „Edition Hände weg!“ die Berliner Synchronfassung von Karlheinz Brunnemann das Ohr des staunenden Liebhabers solch unschätzbarer Kulturschätze. Künstler und Künstlerinnen wie Arnold Marquis, Gert Günter Hoffmann, Beate Hasenau, Heinz Petruo und noch einige mehr „sprechen“ in der Tat für sich selbst und verleihen diesem filmischen Äquivalent zum handgefertigten Gemälde eines Drei- bis Vierjährigen nochmals den rechten Goldrand. Ich sag‘ nur: „Du blöder, fehlprogrammierter Androide!“
Hingehen, sehen, staunen, liebhaben – sonst futschikato!

6/10