SAVE THE TIGER

„The government has a word for survival. It’s called fraud.“

Save The Tiger (Rettet den Tiger) ~ USA 1973
Directed By: John G. Avildsen

Harry Stoner (Jack Lemmon), ein desillusionierter Mittvierziger, ist Manager einer kleinen Textilfirma in Los Angeles. Just während eines für sein Unternehmen immens wichtigen Präsentationswochendes wird er zum Opfer einer persönlichen Mittlebenskrise: Um die marode Firma zu retten, organisiert er, ganz zum Widerwillen seines gesetzten Seniorpartners Phil Greene (Jack Gilford), einen Versicherungsbetrug nebst Brandstiftung und versorgt einen soeben angereisten, unerlässlichen Abnehmer (Norman Burton) mit einer Prostituierten (Lara Parker), was dem gesetzten Herrn eine tödliche Herzattacke beschert. Eine gut besuchte Podiumsrede Harrys gerät schließlich zum Desaster, als ihn während des Sprechens Kriegserinnerungen übermannen. Harrys folgende, kurzfristige Flucht in die Arme jugendlicher Erotik beschert nicht die ersehnte Erlösung.

Diese kleine, intime Fallstudie um die allgemeine Krise des amerikanischen Bourgeois mittleren Alters, der, gefangen zwischen Kriegstraumata und den Anforderungen der Gegenwart, stets dem Zusammenbruch nahe steht, ist gewiss eine von Avildsens besten und ambitioniertesten Arbeiten. Jack Lemmon, der der Kinogeschichtsschreibung wohl vordringlich als mehrfacher leading man bei Wilder und Partner von Walter Matthau im Gedächtnis ist, war ja auch ein ganz exquisiter Darsteller dramatischer Rollen, was „Save The Tiger“ eindrucksvoll beweist. Dass sein Harry Stoner quasi ein „Mann der Probleme“ ist, kristallisiert sich schon zu Beginn heraus, als er seltsam verquast über Football sinniert und den Sport mit seiner eigenen Lebenssituation parallelisiert. Später erweist sich der Mannschaftssport als Harrys großes, inneres Sanktuarium; als Projektionsfläche seiner verlorenen Jugendträume. Mir gefällt der Gedanke, dass Harry Stoner ein paar Jahre nach seinem beruflichen und privaten Scheitern an der Ostküste als Immobilienmakler bei Premiere Properties angefangen hat, um dort als Shelley Levine in „Glengarry Glen Ross“ einem letzten großen Debakel entgegenzugehen. Beide Rollen haben wie auch beide Filme abseits ihrer zeitlichen Distanz eine Menge miteinander zu tun. Hier wie dort geht es um Druck, den albhaften Druck eines zunehmend aus den Fugen geratenden Kapitalismus, der zwangsläufig mit dem individuellen Überleben gleichzusetzen ist. Sowohl Harry Stoner als auch Shelley Levine sind jenem Druck beide nicht gewachsen, wenngleich aus geflissentlich unterschiedlichen Gründen, wobei der spezifische Background Harrys im Prinzip auch der von Shelley sein könnte. Um sich selbst zu retten, übertreten beide Grenzen; private und auch die des Legalen, jeweils um den hohen Preis der persönlichen Integrität. Am Ende bleibt ihnen jeweils nur die Konfrontation mit ihrem Scheitern, die Last der Träume.

8/10

UN HOMME EST MORT

„You should go back.“

Un Homme Est Mort (Brutale Schatten) ~ F/USA/I 1972
Directed By: Jacques Deray

Auftragskiller Lucien Bellon (Jean-Louis Trintignant) kommt aus Paris nach Los Angeles, um den Mafiapaten Victor Kovacs (Ted de Corsia) zu ermorden. Kaum, dass er seine Mission erfolgreich erfüllt hat, sieht Lucien sich dann plötzlich selbst als Zielscheibe eines eifrigen Kollegen (Roy Scheider), dem er nur mit Mühe und Not entkommen kann. Lucien holt sich Hilfe bei der GoGo-Tänzerin Nancy (Ann-Margret) und findet bald heraus, dass sein Auftraggeber, Kovacs Sohn Alex (Umberto Orsini), auch ihn als unliebsamen Mitwisser aus dem Weg haben möchte. Anstatt zurück nach Paris zu fliegen, bis wohin auch Kovacs‘ Hand reicht, entschließt Lucien sich zur Flucht nachvorn…

Dieser insbesondere seiner illustren internationalen Besetzung (s. Tags) wegen interessante Killerthriller hat zudem den großen Vorzug, von einem Franzosen in den Staaten gefilmt worden zu sein. Die Erfahrung zeigt, dass der Blick europäischer Filmemacher auf US-Großstädte stets ein ungewöhnlicher, manchmal auch absonderlicher ist. Anders als etwa ein in L.A. beheimateter Regisseur bewahrt sich Deray somit die filmisch ungewohnte Perspektive des Exoten. Trintignants eher ziellose Streifzüge durch den unwirtlichen, urbanen Moloch erhalten so eine ganz spezielle Note; die Stadt wirkt plötzlich sehr viel planer, anonymer, unfreundlicher und unaufgeräumter als üblich. Ziemlich gute Voraussetzungen also für die Erzählung dieser Geschichte eines Franzosen in L.A., dessen mörderisches Geschäft ihn durch eine blutige Mafiaintrige führt und dabei vor allem hübsch unvorhersehbar bleibt. Ein besonders schönes Moment ist dabei das „kollegiale“ Verhältnis zwischen Trintignants Lucien und seinem Verfolger Lenny, gespielt von Roy Scheider. Während Lucien sich bemüht, Lenny auf seine Seite zu ziehen und zur Zusammenarbeit gegen Kovacs Junior zu bewegen, bewahrt dieser sich sein Misstrauen und damit gewissermaßen auch seine Professionalität, was ihn jedoch schließlich teuer zu stehen kommt. Ganz am Ende, fünf Fuß unter der Erdoberfläche, sind wir ja ohnehin alle – auch die Profikiller – wieder gleich.

8/10

UNLAWFUL ENTRY

„Don’t shoot! I’m a lawyer!“

Unlawful Entry (Fatale Begierde) ~ USA/J 1992
Directed By: Jonathan Kaplan

Nach einem gewaltsamen Einbruch bei dem Vorstadt-Ehepaar Michael (Kurt Russell) und Karen Carr (Madeleine Stowe) erweist sich der rasch vor Ort befindliche Officer Davis (Ray Liotta) als patenter Seelentröster und Berater. Ein paar Tage später lädt Davis Michael sogar ein, ihn und seinen Partner Cole (Roger E. Moseley) auf Streife zu begleiten. Nachdem Cole bereits ausgestiegen ist, präsentiert Davis seinem mitfahrenden Gast ein besonderes Bonmot: Den Einbrecher (Johnny Ray McGhee) von neulich. Das Angebot, den Kriminellen zusammenzudreschen lehnt Michael ab, während Davis ausgiebig Gebrauch davon macht. Nach diesem Zwischenfall will Michael nichts mehr mit dem offenbar schwer gestörten Cop zu tun haben, doch Davis lässt sich nicht vertreiben. Er hat ein Auge auf Karen geworfen und versucht mit allen Mitteln, Michael aus dem Weg zu räumen…

Your usual ‚cyco movie: Diesmal ist es kein Minderjähriger, kein Fan, kein Kindermädchen oder Nachbar, sondern niemand Geringerer als dein uniformierter Freund und Helfer, der den Alltag eines unbescholtenen, bourgeoisen Ehepaars aus den Angeln hievt und sich im Laufe seiner Attacken zu einem immer obsessiveren Monster entwickelt. Ansonsten bereitet Corman-Eleve Kaplan das Ganze so gewohnt und konsumierbar auf wie eh und je; der anfänglich trotz etwas (geschickt angedeuteter) mysteriöser Umwaberung noch halbwegs sympathisch gezeichnete Streifenpolizist entpuppt sich bald als explosiver Gewalttäter, der, einmal getriggert, buchstäblich über Leichen geht, um an sein Ziel zu gelangen. Die psychologische Determinante fällt dabei freilich etwas hemdsärmelig aus; Pete Davis, so erfahren wir, ist nämlich ein hoffnungslos vereinsamtes Lichtlein, das zu glauben beginnt, Michael Carr habe schlichtweg nicht genug Ei in der Hose, um seine wohlgeformte Frau adäquat vor der Unbill der Welt schützen zu können. Dass er angesichts dieser Prämisse auf einen so dermaßen (selbst-)zerstörerischen Feldzug gehen soll, mutet, freundlich formuliert, nur  bedingt glaubhaft an. Hoffnungslos klischiert eingearbeitete Nebenfiguren wie Davis‘ bäriger Partner oder die hero’s best friends (Ken Lerner, Deborah Offner) bestätigen den stark formelhaften Charakter des Ganzen, das über seine bloße Enterainment-Funktion hinaus nur wenig Entdeckenswertes bereithält. Auch Kaplans beste Tage waren hier leider bereits vorüber.

6/10

MULHOLLAND DR.

„No hay banda!“

Mulholland Dr. (Mulholland Drive – Straße der Finsternis) ~ USA/F 2001
Directed By: David Lynch

Das junge Provinzblümchen Betty (Naomi Watts) kommt nach Los Angeles, um als Schauspielerin in der Filmbranche Fuß zu fassen. Das entsprechende Karrieresprungbrett stellt ihre bereits im Business tätige Tante Ruth (Maya Bond), deren schickes Appartment sie in deren Abwesenheit auch nutzen darf. Doch schon bei ihrer Ankunft in selbigem findet Betty die unter Generalamnesie leidende „Rita“ (Laura Ellen Harring), die eine Handtasche voll mit Geld und einem seltsamen, blauen Schlüssel mit sich trägt. Betty und Rita machen sich daran, die im Trüben schlummernde Vergangenheit Ritas zu erhellen. Die Spur führt zum Mulholland Drive und einem dort geschehenen, mysteriösen Unfall…

Fear and Loathing in L.A.: Ursprünglich konzipiert und gefertigt als knapp eineinhalbstündiger Pilotfilm zu einem TV-Serial, sah Lynch sich gezwungen, seine finstere Hollywood-Satire „Mulholland Dr.“ nach deren Ablehnung durch ABC für das Kino aufzubereiten, indem er eine Stunde an Mehrmaterial nachfilmte und sich die notwendigen Kosten dafür bei dem Franzosen Studio Canal ertrommelte. Im Gegensatz zu den meisten seiner Langfilme (mit Aunahme von „Eraserhead“ und „Twin Peaks: Fire Walk With Me“) verzichtete Lynch hier folglich auf die Nutzung des Breitwandformats. Anders als der deutlich schwerer zu entschlüsselnde „Lost Highway“ lässt sich „Mulholland Dr.“ wenn schon nicht umstandslos analysieren, so zumindest interpretieren. Es handelt sich, auf den Punkt gebracht, um die in die Katastrophe mündende Geschichte der letzten Lebenstage der erfolglosen Hollywood-Kleindarstellerin Diane Selwyn (Watts), deren Freundin und Lebensgefährtin Camilla Rhodes (Harring) „entdeckt“ wird, zum Starlet aufsteigt und sowohl Diane als auch ihre Liebesbeziehung verrät, indem sie mit dem hippen Regisseur Adam Kesher (Justin Theroux) anbändelt. Diane erträgt diese zweifache Schmach nicht, engagiert aus Rache einen Auftragskiller (Mark Pellegrino) für Camilla und zerbricht danach aus Unbehagen über ihren eifersüchtigen, fatalen Aktionismus. Schließlich flüchtet sich ihr schlechtes Gewissen in wahnhafte Träumereien über eine in ihrem Sinne „gekittete“ Geschichte mitsamt Rollentausch und Objektverlagerungen, die wiederum zu vollendetem Wahnsinn und Suizid führen. Alles Umliegende lässt sich als finaler Bewusstseinsstrom Dianes deuten, kurz, bevor ihr die selbstverabreichte Kugel endgültig das Hirn zerfetzt. Doch auch diese finale Flucht des Unterbewussten in jene heimeligeren Sphären verläuft nicht komplikationslos: Der omnipräsente, blaue Schlüssel ist zugleich der symbolische Schlüssel zur unumgänglichen Wahrheit der realis. Andere Figuren wie ein angsterfüllter Träumer (Patrick Fischler), ein mafiöses Bruderpaar (Angelo Badalamenti, Dan Hedaya), ein mysteriöser Filmproduzent (Michael J. Anderson), ein nicht minder mysteriöser Cowboy (Monty Montgomery) und ein noch mysteriöserer Hinterhofpenner (ebenso markant wie später als böser Nonnendämon in „The Conjuring 2“: Bonnie Aarons) tragen wenig zum Kern des Ganzen bei, sind eher irrlichternde Nebenelemente, die wahlweise zur Verwirrung und zur Auflockerung beitragen oder eben schlicht (für den Kinofilm möglicherweise redundante?) Relikte des ursprünglichen Pilotfilms, deren Bedeutung sich möglicherweise im Zuge der eben nie realisierten Serie erweitert und/oder manifestiert hätte.
Oftmals gestaltet sich „Mulholland Dr.“ dabei urkomisch, etwa in den Gangsterkapriolen (wenn Badalamenti als einsilbiger Mafiosobruder den für ihn ungenießbaren Espresso ausrotzt, dann ist das einfach nur zum Schreien) oder in der Porträtierung des sich tierisch wichtig nehmenden Regisseurs Kesher, dessen Gernegroßtum ganz schnell endet, wenn er was auf die Fresse bekommt. Aber auch das ist ja typisch Lynch; die ironische Brechung, die insgeheime Versicherung, seinen Mystery-Schnack bloß nicht allzu ernst zu nehmen.

8/10

THE NICE GUYS

„You’re the world’s worst detectives.“

The Nice Guys ~ USA 2016
Directed By: Shane Black

Los Angeles, 1977. Die beiden geflissentlich desorientierten Amateurdetektive Jackson Healy (Russell Crowe) und Holland March (Ryan Gosling) lernen sich eher zufällig kennen und müssen dann gemeinsam einen Fall aufklären, in dem es um einen Porno mit ökopolitisch brisantem Inhalt und um die rebellische Tochter (Margaret Qualley) einer hohen Justizbeamten (Kim Basinger) geht. Marchs neunmalkluge Tochter (Angourie Rice) unterstützt die beiden halbgescheiten Ermittler nach Kräften.

Irgendwie mag ich Shane Blacks Humor ganz gern; sein Talent etwa, in diversen Szenen stets etwas Unvorhersehbares aus dem Ärmel zu schütteln, oder rohe Gewalt zu bagatellisieren. Wirklich große Lacher bleiben zwar Mangelware, hinreichend Gelegenheiten zum Schmunzeln jedoch bietet der von Traditionsproduzent und Black-Kollaborateur Joel Silver produzierte „The Nice Guys“ durchaus. Dabei sollte man allerdings nicht übersehen, dass der zumindest hinsichtliches seines Entertainmentfaktors profund gefertigte Film einer unabdingbaren Elementaringredienz für wirklich nachhaltiges Kino entbehrt: Der Innovation nämlich. Einen in L.A. spielenden, grotesken Detektivfilm als period piece zu verkaufen, das gab es just schon einmal, und besser, in Form von Paul Thomas Andersons Pynchon-Adaption „Inherent Vice“. Dies mag vielleicht noch dem Zufall geschuldet sein. Dass Black allerdings vor 25 Jahren das Script zu dem einige mehr denn augenfällige Parallelen zu „The Nice Guys“ aufweisenden „The Last Boy Scout“ geklöppelt hat, dass Joel Silver bereits ein Jahr zuvor an der Genre-Verballhornung „The Adventures Of Ford Fairlane“ mitgewirkt hat und dass auch die Brüder Coen sich einst in brillanter (und offenbar einflussreicher) Weise dem Topos des grenzbelämmerten Slacker-P.I. angenommern haben, all das wäre wohl weniger koinzidentellen Schicksalstreffern zuzurechnen. Soll heißen: Vergegenwärtigt man sich die oben aufgeführten Beispiele und verquirlt sie zu einer appetitlichen Melange, dann hat man bereits eine ziemlich genuine Vorstellung davon, wie „The Nice Guys“ ausschaut, ohne ihn gesehen zu haben. Dennoch lohnt sich die Betrachtung, gerade wenn man die betreffenden Exempel mag. Ryan Gosling ist tatsächlich ein talentierter Komiker, dessen Gegenpart Russell Crowe als aufgedunsener Melancholiker mit Hang zur Gewalttätigkeit einen passenden Widerpart abgibt. Die putzige Angourie Rice muss natürlich als etwas liebenswertere Neuauflage der ehedem von Danielle Harris gespielten, kratzbürstigen Rotzgöre herhalten. Sie touchiert dabei zwar mehrfach das stets brisante Areal des nervtötenden Filmkindes, macht ihre Sache am Ende aber insgesamt recht ordentlich. Und Marchs/Goslings völlig bananige Querverweise zu Hitler sind eigentlich durchweg kleine Volltreffer.

7/10

THE NEON DEMON

„True beauty is the highest currency we have.“

The Neon Demon ~ USA/DK/F 2016
Directed By: Nicolas Winding Refn

Die hübsche Jesse (Elle Fanning), gerade süße 16, ist ein Landei, das nach eigenem Bekunden nichts kann, außer schön auszusehen. Fasziniert von der Großstadt und ihren Geheimnissen kommt sie nach Los Angeles, um dort als Fotomodel zu arbeiten. In Rekordzeit wird die Szene auf sie aufmerksam und hofiert sie als neuen Stern am Catwalk-Himmel. Als Jesse jedoch nicht nur flugs zur arroganten Nachwuchsdiva mutiert, sondern auch noch die lesbischen Avancen der ihr zugetanen Ruby (Jena Malone) abweist, wendet sich für sie das Blatt auf schreckliche Weise.

Fegefeuer der Oberflächlichkeiten. Dass ich Winding Refns jüngsten Film etwas weniger mochte als die meisten seiner früheren, liegt vor allem daran, dass ich für das vorgestellte Sujet praktisch keiner empathische Sensorik aufzubringen imstand bin. Ausgehöhlte Models, eitle Fotografen und gecke Modeschöpfer, das sind vermutlich allesamt Zeitgenossen, die auch ihre Existenzberechtigung haben, sich jedoch durchweg am entgegengesetzten Ende meines demoskopischen Spektrums tummeln. Entsprechend desinteressiert bis gleichgültig nehme ich ihre Schicksale wahr und auch „The Neon Demon“ schützt im Grunde nicht einen einzigen Charakter vor, dessen Werdegang mich über Gebühr tangierte. Der einzige Grund für mich, den Film anzuschauen, war also sein geschätzter Regisseur und wirklich enttäuschend ist auch sein Trip in die Abseitigkeiten der Schönheitsbranche nicht, obschon die überbordernde Metaphorik sich gegen Ende hin etwas betont undekodierbar gibt. Dennoch beschließen die ausgesucht ästhetischen Bildkompositionen in Verbindung mit Cliff Martinez‘ wie gehabt hypnotischen Klangflächen (die hier teils stark an Tangerine Dream erinnern) ein zumindest audiovisuell berückendes Werk, dessen spätere Bezüge zu Paraphilien, Kannibalismus und Irrsinn allerdings ein allzu  ungehindertes Abtauchen in den Rausch verhindert. Aber wie wären nicht bei Winding Refn, wenn nicht irgendwo zwischen seinen zunehmend spezifizierten Filmwelten immer auch dieses kleine Unwohlsein in der Magengegend zu spüren wäre, dass sich allenthalben meldet und einen doch recht pessimistischen Blick auf die Welt entlarvt. Mag die relativ nüchtern subsummierte These des Films auch die sein, dass physische Schönheit mehr als alles andere bedeutet in unseren Tagen – ich freue mich, naiv genug zu sein, das anders zu sehen. Winding Refn polarisiert eben mit Passion. Insofern werde ich dem erfreulich stringent arbeitenden Dänen auch weiterhin gewogen bleiben.

7/10

CAST A DEADLY SPELL

„I believe in magic. I just don’t use it.“

Cast A Deadly Spell (Hexenjagd in L.A.) ~ USA 1991
Directed By: Martin Campbell

Los Angeles, 1948. Ex-Polizist und Privatdetektiv H.P. Lovecraft (Fred Ward) wird von dem reichen Okkultisten Amos Hackshaw (David Warner) angeheuert, ein ihm entwendetes Buch, das ‚Necronomicon‘ zurückzubeschaffen. Für dieses interessiert sich auch Lovecrafts früherer Partner, der Nachtclubbesitzer Harry Bordon (Clancy Brown). Da Magie im Moment groß in Mode ist, muss sich Lovecraft im Zuge seiner Ermittlungen durch ein ganzes Gewimmel von Abseitigkeiten und Monstern schlagen, bis er erkennen muss, was undurchsichtige Hackshaw wirklich mit dem Buch vorhat…

Diese ansprechend verrückte und sehr amüsante HBO-Produktion hätte sich seinerzeit ganz bestimmt auch im Kino hervorragend gemacht, insbesondere, wenn man rückblickend in Augenschein nimmt, welcher Klumpatsch sich anno 91 sonst teilweise dort tummelte. „Cast A Deadly Spell“ gefällt sich als ein fast schon irrwitziger Mix aus unterschiedlichster filmischer und literarischer Einflüsse. Zuvorderst wird natürlich die lovecraft’sche Mythenwelt um die Großen Alten und das berüchtigte Necronomicon bemüht und konsumierbar gemacht. Der Autor selbst wird kurzerhand und quasi vollkommen diametral zu seiner authentischen Persona zu einem arschcoolen, hartgekochten Privatdetektiv umgemodelt, der als nahezu einziger Mensch in ganz Los Angeles auf den Gebrauch von Magie jedweder Art verzichtet und stattdessen, ghanz klassisch, auf eine Zigarette im Mundwinkel und ein Glas Scotch vor dem Einschlafen schwört. Die Hexen, Vampire, Werwölfe, Zombies, Dämonen und Gargoyles, die die Stadt ebenso reichhaltig bevölkern all der höchst menschliche Abschaum (sprich: Gangster, korrupte Bullen, Femmes fatales und Transvestiten) kann jedoch auch er nicht ignorieren, zumal er zu letzterem selbst zählt. Die Phantastikelemente werden also durch traditionelle Film-noir-Facetten ergänzt (oder umgekehrt), das Ganze in ironischer Weise als Horrorkomödie abgerundet. Niemand wundert sich über irgendetwas, Monster und Gruselwesen gehören ebenso zum urbanen Alltag wie merkwürdige Naturereignisse.
Campbell geht derweil mit viel Liebe zum Detail zu Werke, darf über erlesene Requisiten verfügen und diverse nette visuelle Ideen unterbringen, wie einen plötzlich einsetzenden Blutregenschauer. Rein äußerlich passt „Cast A Deadly Spell“ ansonsten fabelhaft zu dem erst kürzlich betrachteten „Chinatown“-Sequel „The Two Jakes“, mit dem er, freilich ohne sich in eine dermaßen überbordernde Parallelwelt zu begeben, sowohl Ort und Zeit exakt gemein hat. Dabei ist es reiner Zufall, dass ich diese zwei zumindest partiell so unterschiedlichen Filme so kurz hintereinander  geschaut habe. Hübsch anzusehen sind sie jedenfalls beide.

7/10