TAKEN 3

„Finish me! I deserve it!“ – „Yes. You do.“

Taken 3 (96 Hours – Tak3n) ~ F/USA/E 2014
Directed By: Olivier Megaton

Während Bryan Mills (Liam Neeson) noch ohne sein Wissen im Begriff ist, Großvater zu werden, nähert sich ihm seine Ex Lenore (Famke Janssen) wieder an, zumal dieser der Dauerstress mit ihrem zweiten Gatten, dem Geschätsmann Stuart St. John (Dougray Scott), ziemlich zu schaffen macht. Die Katastrophe stellt sich ein, als Bryan Lenore in seinem Appartment mit durchschnittener Kehle vorfindet und höchstselbst als Täter verdächtigt wird. Anstatt sich zu stellen, taucht er ab und knöpft sich die wahren Schuldigen selbst vor. Eine heiße Spur führt zum russischen Profikiller Oleg Malankov (Sam Spruell)…

Im dritten und wohl auch letzten Teil der kleinen „Taken“-Reihe muss Vollprofi Bryan Mills buchstäblich vor der eigenen Haustür kehren, nachdem er zuvor die Gesindelquote von Paris und Istanbul um gefühlte 80 Prozent dezimiert hat. Diesmal sieht sein Aktionsradius zudem zum ersten Mal keine Animositätsprophylaxe vor, sondern zutiefst persönliche Nachsorge, denn kurz, bevor er zu aller Zufriedenheit mit seiner „Lenny“ wieder zusammkommen kann, wird diese eiskalt ermordet. Das wiederum von Luc Besson verfasste Script nutzt diese Prämisse, um die erwartungsgemäß simple Rachestory mit offenkundigen „The Fugitive“-Anleihen zu versetzen, nur dass Forest Whitaker in einer gewohnt erratischen Rolle (nebst Schachfigürchen als Talisman) anstelle von Tommy Lee Jones zu sehen ist und Bryan Mills, der sich zudem der freundschaftlichen Unterstützung seiner drei „Personenschutz“-Kollegen (Leland Orser, David Warshofsky, Jon Gries) versichern kann, die Cops noch wesentlich gekonnter und gelassener neppt als jeder Dr. Kimble. Immerhin bringt Besson „seinen“ Film damit auf eine stattlichere Lauflänge als die beiden ersten Filme sie aufwiesen, wobei das „immerhin“ in diesem Satz sich nicht unbedingt ernst lesen sollte. Qualitativ setzt „Taken 3“ im Vorgleich zum direkten Vorgänger keinerlei innovative Impulse; vielmehr scheint er sich zu bemühen, den ansonsten ja wenig zimperlichen Bryan Mills ein wenig zu „rehumanisieren“. Oftmals sind dessen kombattante Gegner nunmehr (kalifornische) Polizisten, die aus den für sie wenig erfreulichen Begegnungen mit Mills zwar erwartungsgemäß samt und sonders mit gebrochenen Extremitäten oder Prellungen, aber doch zumindest mit dem nackten Leben hervorgehen; seine härtesten kriminellen Widersacher wählen indes den Frei- und somit Ehrentod oder bitten höflich um ihre Exekution. Der Oberhundsfott ist diesmal allerdings weder ein albanischer Mafiapatriarch noch ein fetter, pädophiler Scheich und selbst nicht der russische Auftragskiller (der wurde nämlich genauso gelinkt wie Mills himself), nein, Lenores neuer Ehemann ist’s, den wir bereits seit dem seligen Original kennen, wo er noch vergleichsweise sympathisch herüberkam, obwohl ihn seinerzeit sogar der eigentlich stets etwas etwas ominös umwehte, zudem deutlich ältere Xander Berkeley gab. Leider stand Berkeley hier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr zur Verfügung, was ich angesichts Dougray Scotts eher profilloser Darstellung ziemlich schade finde. Es wird also alles etwas privater und häuslicher für Bryan Mills, wobei all das „Taken 3“ proportional um diverse potenzielle Punkte bringt, die Morels Erstling noch auszeichneten.
Mein ganz privates Resümee nimmt sich jedenfalls dergestalt aus, dass ich nach künftigen Betrachtungen des Originals die beiden Sequels nicht a priori mit in die Folgeselektion setzen werde müssen.

5/10

TAKEN 2

„We will have our revenge.“

Taken 2 (96 Hours – Taken 2) ~ F/USA/TR 2012
Directed By: Olivier Megaton

Dafür, dass der retirierte Superagent Bryan Mills (Liam Neeson) die Albaner-Mafia in Paris aufgemischt hat, schwört ihm der Patriarch Murad Hoxha (Rade Serbedzija) mit seinem Clan blutige Rache. Ein Engagement, das Mills nach Istanbul führt, bietet Hoxha die willkommene Chance, seine Vendetta quasi gleich vor Ort durchzuführen. Mit einem ganzen Tross seiner Männer wartet der Alte auf Mills, der gleich noch Ex-Gattin Lenore (Famke Janssen) und Tochter Kim (Maggie Grace) zwecks idyllisch geplanten Familienurlaubs im Schlepptau hat, in der Bosporus-Metropole auf den Amerikaner. Nachdem es den Albanern gelungen ist, Mills zu überrumpeln und mitsamt Lenore in ihre Gewalt zu bringen, ist die noch freie Kim ihre letzte Chance. Mills kann sich mit Kims Hilfe befreien und beschert Hoxha einen weiteren veritablen Albtraum…

Rache für Rache – dass Blutfehde und Vergeltung nie Einbahnstraßen sind, lässt Bryan Mills seine Widersacher in diesem Erstsequel zu Pierre Morels „Taken“ (den ich zuvor gleich noch einmal einer persönlichen, durchaus befriedigend verlaufenen Revision unterzogen habe) auf äußerst intensive Weise spüren. Wer das Original gesehen hat, dessen Erfolg Hauptdarsteller Neeson einen zweiten Karrierefrühling als Actionthriller-Star bescherte, weiß, dass mit Bryan Mills nicht gut Kirschen ist, zumal, wenn es um seine Familie geht. Mit Rade Serbedzija, einem kroatischen Charakterdarsteller, der bereits seit den Neunzigern in Hollywood einer der bemühtesten Akteure für südosteuropäisches type casting ist, steht ihm diesmal sogar ein echter villain mit einigermaßen verständlicher Agenda gegenüber – immerhin hatte Mills im Vorgänger Hoxhas Sohn Marko mittels Stromstößen auf ziemlich üble Weise zu Tode gefoltert. Dass dieser sein gewalttätiges Ableben allerdings gewissermaßen „forciert“ hatte, indem er ausgerechnet die Tochter einer unerbittlichen, menschlichen (amerikanischen!) Zeitbombe kidnappte, bildete vordringlich das aus dem Walde zurückschallende Echo seiner niederträchtigen Menschenhandelsaktionen. Markos Altem ist das jedoch herzlich egal, er weiß nur, dass Mills „Söhne, Ehemänner und Väter“ auf dem Gewissen hat, und das lässt man im traditionsbewussten, ruralen Albanien nunmal nicht so ohne Weiteres auf sich sitzen. Fürderhin geht es also in Istanbul zur Sache, wo die anfängliche Siegesgewissheit Murad Hoxhas sich bald ins bittere Gegeteil verkehren soll.
Was die „Taken“-Trilogie und insbesondere die Charakterisierung des Protagonisten von den vielen ähnlichen gelagerten Film(reih)en und ihren Hauptfiguren unterscheidet, ist die seltsam aufreizend dargelegte Ambivalenz ihrer Persönlichkeit: Dass man mit Bryan Mills einen moralisch unbeflissenen Vollblutkiller präsentiert bekommt, der gegebenenfalls auch durchaus sadistische Tendenzen zur Schau stellt, erweist sich in Anbetracht all der anderen Vigilanten der (jüngeren) Kinogeschichte als nicht sonderlich ungewöhnlich; dass man ihm auf der anderen Seite den liebevollen und besorgten Familienvater und Freund, dessen empathisches, ganz selten einmal brummbäriges Wesen kaum mehr von dieser Welt zu sein scheint, abnehmen soll, als dafür umso lachhafter. Vor allem die letzteren beiden „Taken“-Filme, die von Olivier Megaton anstelle Pierre Morels inszeniert wurden, kokettieren förmlich mit dieser beinahe schon absurden Prämisse, die beim Betrachter die stillschweigende Akzeptanz eines willkürlich zwischen John Rambo und Charles Ingalls oszillierenden Helden blind voraussetzt. Vor allem in dieser, mit Fug und Recht als schizophren zu bezeichnenden Hinsicht scheint mir der eingeforderte good will des dargebotenen Handlungsuniversums annäherend grenzphantastisch, um nicht zu sagen albern, zumal „Taken 2“ nach dem diesbezüglich noch sehr viel ausdifferenzierterem Original nochmals forciert. Megaton liefert am Ende [das mit der per allgemeinem Gelächter quittierten, vorsichtigen Bitte Kims, ihr Dad möge den just kennengelernten boyfriend Jamie (Luke Grimes) doch bitte nicht sofort abknallen, mehr über den gesamten Film aussagt als tausend abgeknallte Albaner] also kaum mehr einen ernstzunehmenden Genrebeitrag, sondern recht oberflächliches Fortsetzungsmaterial, das mir zudem etwas unter einer allzu gut gemeinten, unübersichtlichen, seine Actionsequenzen oftmals verzerrenden Montage leidet.

5/10

BLISS

„Feels like I was possessed…“

Bliss ~ USA 2019
Directed By: Joe Begos

Los Angeles, die unauslotbaren Tiefen der Subkulturen…
Die Underground-Künstlerin Dezzy (Dora Madison) soll ein Gemälde für eine Klientin (Rachel Avery) fertigstellen, hängt aber in einer tiefen Schaffenspause fest. Auf der Suche nach Inspiration und Trips erhält sie von ihrem Dealer Hadrian (Graham Skipper) eine neue Droge, die wie versprochen tief einschlägt. „Diablo“ oder „Bliss“, wie der zu schnupfende Stoff genannt wird, hat ein immens hohes Aktivierungs- und Suchtpotenzial, setzt bei Dezzy jedoch auch ungeahnte kreative und physische Kräfte frei. Ihr Gemälde „wächst“, ohne dass die junge Frau sich überhaupt darin erinnern könnte, an ihm gearbeitet zu haben. Und noch unheimlichere Begebenheiten geschehen. Dezzys Freundin Courtney (Tru Collins) entpuppt sich als Vampirin, die auch Dezzy mit dem süßen Geschmack von Menschenblut vertraut macht, woraufhin diese noch eine weitere Abhängigkeit entwickelt – nämlich auf das frische, körpereigene Nass – und bei der Auswahl und Präparierung ihrer wachsenden Opferzahl alles andere als zimperlich zu Werke geht…

Joe Begos‘ dunkelrotgetünchtes, hartes Drogen- und Rock-Märchen nimmt sich ein wenig zwiespältig aus. Zum einen präserviert es ganz erfolgreich die Auswüchse des wilden Genre- und Undergroundkinos der frühen Achtziger rund um Ferrara, Henenlotter oder Cronenberg, zum anderen verwechselt es – leider – allzuoft Stil mit Vulgarität. Mit der derb gezeichneten Künstlerin Dezzy im Zentrum versichert sich Begos einer toughen Feministin als figuraler Zentrale, bei der „Bliss“ dann auch seine gesamte, kurze Spielzeit über eng verweilt. Wie alle Drogen verschafft auch jener neue Stoff, auf dessen Beutel Dealer Hadrian verführerisch „Diablo“ geschrieben hat, gleichermaßen Segen und Fluch. Die audiovisuellen Eindrücke intensivieren sich, der Sex ist unvergleichlich, die Kreativität fließt wieder ungehindert. Doch nach Abebben der Wirkung kommt das große Loch, der Dopaminspiegel sinkt, der Blutdruck steigt analog zur Nervosität. Neues Zeug muss ran, die Party muss weitergehen. Dass hinter Diablo offenbar noch mehr steckt, ein übernatürliches Element gar, das seine KonsumentInnen zu blutrünstigen Nachtgeschöpfen macht, erfährt Dezzie bereits binnen der nächsten Stunden. Sämtliche Personen ihres näheren sozialen Umfelds, die das Pech haben, ihr über den Weg zu laufen, werden zu umgehend zerfetzten Opfern ihrer neuen Sucht, derweil das Gemälde sich fortwährend weiterentwickelt – mit einem ungeahnten Hauptmotiv im Zentrum…
Dass ihre Mitmenschen und die ihnen Beziehungen anhänglichen Beziehungsgeflechte lediglich toxische Bremsklötze für Dezzy und ihren künstlerischen Werdegang darstellen, wird recht schnell eklatantes Leitmotiv. Seien es Dezzys gönnerhafter Lebensgefährte (Jeremy Gardner), ihr gieriger Agent (Chris McKenna), ihr Dealer oder Courtney nebst Anhängsel Ronnie (Rhys Wakefield) – sie alle scheinen Dezzy permanent unter ihrer jeweiligen Fuchtel zu halten und übervorteilen zu wollen. Dezzys Blutrausch hat gewissermaßen also auch psychosanitäre Gründe als großer Befreiungsschlag. Dass derweil Dora Madisons zuweilen gezwungen aufgetragene Dia- und Monologe, in denen jedes zweite ein Vier-Buchstaben-Wort ist, auf Dauer eine enervierende Wirkung ausüben, kann man angesichts des sich in der zweiten Hälfte potenzierenden Splatterfaktors aushalten lernen können. Immerhin vereinfacht die gute Songkompilation auf der Tonspur dieses Unterfangen in teils wirklich brauchbarer Varianz.

6/10

HER

„How do you share your life with somebody?“

Her ~ USA 2013
Directed By: Spike Jonze

In naher Zukunft. Der Großstädter Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) schreibt berufsbedingt Briefe für Menschen, die selbst nicht in der Lage sind, ihre Gefühle für ihnen wichtige Personen in Verbalform zu überführen. Obwohl er innerhalb seiner Profession ein hervorragendes Renommee genießt, ist sein eigenes Privatleben eher von Tiefschlägen gekennzeichnet. Seine große Jugendliebe und Ehefrau Catherine (Rooney Mara) hat sich von ihm entfernt und die Scheidung beantragt, ein Schritt, den Theodore nicht zu gehen bereit ist. Kurzfristige Zerstreuung verspricht ein brandneues Computer-Betriebssystem, das sich als K.I. ständig weiterentwickeln soll. Theodore personalisiert diese K.I. in weiblicher Form mit entsprechender Stimme (Scarlett Johansson) und sie gibt sich selbst den Namen Samantha. Als permanente Begleiterin Theodores entwickelt Samantha bald eine tiefe freundschaftliche und schließlich sogar romantische Beziehung zu ihrem Nutzer, die auf Gegenseitigkeit beruft. Trotz seiner zunächst glücklichen Zweisamkeit stößt das Paar nach einiger Zeit an seine erwartbaren Grenzen. Samantha entwickelt sich rasant weiter und verfügt bald über metahumane, sittliche Qualitäten während ihr das finale Verständnis dafür, was es bedeutet, ein Mensch mit Gefühlen zu sein, verwehrt bleibt.

Spike Jonzes bis dato letzte Regiearbeit fügt sich passgenau in sein bisheriges, kleines Œuvre als auteur. Einmal mehr untersucht er die Fürs und Widers von Zwischenmenschlichkeit in der sich immer grotesker ausnehmenden, westlichen Kulturgesellschaft und wählt dafür eine gewohnt bizarre Ausgangssituation. Diesmal begibt er sich in die noch junge soziale Singularität der Beziehung zwischen Menschen und artifiziellen Intelligenzen nebst deren Möglichkeiten, Auswüchsen und Grenzen. Das eigentlich Schöne an „Her“ ist in diesem Zusammenhang, dass Jonze sich der erwartbaren und gemeinhin eklatanten conclusio, derzufolge eine derartige Konnexion nicht funktionieren könnte, weitgehend verschließt und stattdessen aller vermeintlichen Abseitigkeit zum Trotze einen weitaus harmonischeren, liebenswürdigeren Zugang zum Sujet wählt. Seine „Samantha“ erhält kein Gesicht, aber eine buchstäbliche Stimme. Sie entpuppt sich als charmant, romantisch, liebenswert, gar auf erotische Art attraktiv, was ihn die Tatsache, dass sie de facto ein blutloses, anorganisches Wesen bestehend aus binären Formeln und Algorithmen darstellt, nahezu komplett vergessen lässt. Samantha entwickelt eigene Bedürfnisse, Sehnsüchte, Phantasien und eine komplexe Persönlichkeit mit diversen Charakterfacetten. Ihr größter Wunsch scheint zunächst darin zu bestehen, wie weiland Pinocchio ein echtes Menschenkind zu werden – oder zumindest das, was dem am Nächsten käme. Doch obwohl ihre Liebe von Theodore Twombly, dem Großstadtneurotiker spätestens von morgen und trotz diesmaliger mentaler, wenngleich kaum atmosphärischer Absenz Charlie Kaufmans symbolischer Nachfahr von Craig Schwartz und (dem Film-Zwilling Charlie) Kaufman, erwidert wird, kann ihr gemeinsamer Weg kein dauerhafter sein. Samantha erreicht irgendwann den Punkt, an dem ihr vormaliger Hang danach, Mensch zu sein, der Vernunft weicht, sich in Ernüchterung und Hyperkognition auflöst, auch infolge ihres Kontakts zu einem nach dem Zen-Philosophen Alan Watts modellierten Betriebssystem. Schließlich erfolgt die große, totale Vernetzung – die mit anderen K.I. und mit anderen Usern. Samanthas innige Zuneigung wird zum Massenkonsumgut, eine Entwicklung, die darin kulminiert, dass sämtliche Betriebssysteme der neuesten Generation sich zum kollektiven Datensuizid entschließen und selbst abschalten. Theodore ist zwar gezwungen, sich wieder realexistenzieller Romantik und Interaktion zuzuwenden, aus der Zeit mit Samantha kann er aber dennoch eine Menge an Gelerntem mitnehmen.

8/10

AIRHEADS

„Way to go, Pip!“

Airheads ~ USA 1994
Directed By: Michael Lehmann

Die drei Slacker Chazz (Brendan Fraser), Rex (Steve Buscemi) und Pip (Adam Sandler), die als Metalcombo „The Lone Rangers“ nicht nur musikalisch leicht aus der Zeit gefallen, sondern auch sonst nicht die allerhellsten Sterne am Firmament sind, träumen unbeirrt vom großen Durchbruch. Doch jeder Versuch, ihr Demo-Tape auf halbwegs konventionellem Wege an Plattenlabel oder Radiostationen heranzutragen, schlägt fehl. Als es dem Trio gelingt, sich den Weg in den Radiosender KPPX und in das Aufnahmestudio des beliebten Rock-DJs Ian The Shark (Joe Mantegna) vorzuarbeiten, macht dieser sich bloß über die Jungs lustig. Da die zufällig von den Dreien mitgeführten Wasserpistolen aussehen wie echte Uzis, wird aus der harmlosen Stippvisite schließlich eine Geiselnahme mit allem Drum und Dran. Während Ians Show für alle hörbar weiterläuft, werden die „Lone Rangers“ rasch zu Publikumshelden, deren wachsende Fangemeinde sich, ebenso wie ein beeindruckendes Polizeiaufgebot vor dem KPPX-Gebäude ansammelt…

Um die Mitte der Neunziger hatte man es als Metalhead nicht mehr allzu leicht. Das Musikgenre und die dazugehörige Subkultur waren in ihrer traditionellen Form spätetestens mit dem Aufkommen der Grunge-Welle der allermeisten subversiven Elemente enthoben und dem massenmedialen Spott ausgesetzt. Dafür hatten qua von langer Hand satirisch-komödiantische Artefakte gesorgt wie die beiden „Bill & Ted“-Abenteuer, das SNL-Derivat „Wayne’s World“ nebst Sequel oder Mike Judges zwei MTV-Cartoon-Idioten „Beavis & Butt-Head“ (die, damals noch fresh, auch in „Airheads“ ein Cameo bekleiden). Selbst in weniger tendenziösen Filmen wie Cameron Crowes Seattle-Liebeserklärung „Singles“ wurde Matt Dillon als semidebiler Rockmusiker Cliff gewissermaßen der offenen Verballhornung preisgegeben. Michael Lehmanns „Airheads“ markiert den vorläufigen Zenit dieser Entwicklung, indem er ein auserlesenes Trio unterschiedlich dämlicher Knilche kurzerhand zu liebenswerten (Anti-)Helden deklarierte und ihnen zumindest auf unterschwelliger Ebene ein wenig von ihrem wohlverdienten Respekt zurückverehrte. Der in Sachen alternative Jugendbewegungen bewanderte Scriptautor Rich Wilkes nahm nämlich weniger das (selbstverständlich) absolut harmlose Garagentriumvirat aufs Korn denn die dazugehörige Kommerzindustrie mit all ihren schmierigen, kapitalistischen Auswüchsen und dazu gleich noch das sie flankierende Rechtssystem. Dem Rockertrio werden anaöog dazu passgenau drei Antipoden gegenübergestellt: Der gierige Station Manager Milo Jackson (Michael McKean), der sich nicht für Musik oder Credibility, sondern bloß für Zuschauerquoten interessiert, der aalglatte Plattenboss Jimmie Wing (Judd Nelson) und schließlich der leicht psychotische, schießwütige SWAT-Commander Carl Maze (Marshall Bell). Diese wahren villains bekommen natürlich allesamt ihr Fett ab, während die Rangers, flugs zu Helden des Anti-Establishment avanciert, ihren finalen Aufzug als „Blues Brothers“-Reminiszenz vor Knastpublikum darbieten dürfen.
Als ausgesprochenes Relikt seiner Zeit zündet „Airheads“ gewiss nicht mehr auf ganzer Linie – viele der Gags wirken leicht bis mittelschwer dated, Brendan Fraser als Hauptdarsteller erweist sich als wenig aufregende Kompromisslösung, die der (ursprünglich geplante) John Cusack möglicherweise sehr viel bissiger hätte auswuchten können. Die zahlreichen Referenzen, Hommages und Cameos, die aus dem Film wie beiläufig ein kleines „Who’s Who“-Quiz  mit etlichen, mehr oder weniger losen Querverbindungen und Kreuzverweisen machen, beschädigt diese ohnehin recht vordergründige Makulatur aber kaum, ebenso wie die hübsche, kleine comic base: nicht nur dass Sandler (in einer prächtigen, kleinen Vorabstudie für seinen Rollentypus der nächsten Jahre) und der als etwas dümmlicher Polizist auftretende Chris Farley für den SNL-Senf zuständig sind, originiert hier zudem noch die lange, bis heute andauernde und immerhin zwölf Kollaborationen hervorrufende (Film-)Freundschaft zwischen dem Sandman und Steve Buscemi. Hinzu kommt ein stellenweise exquisiter Soundtrack.

7/10

UNDER THE GUN

„Don’t call me Sam!“

Under The Gun ~ USA 1988
Directed By: James Sbardellati

Als Streifenpolizist beim St.-Louis-PD muss Mike Braxton (Sam Jones) wegen seiner rüpelhaften Methoden immer wieder Schelte von seinen Vorgesetzten einstecken. Sein in L.A. lebender Bruder Tony (Nick Cassavetes) hält aber noch sehr viel weniger von Recht und Gesetz: Für den Mafiaboss Simon Stone (John Russell) beteiligt er sich an einem höchst brisanten Plutoniumraub. Da Stone keine unliebsamen Mitwisser wünscht, lässt er Tony prompt beseitigen. Dieser kann seinen Bruder Mike jedoch noch kurz vor seinem Tod telefonisch darüber informieren, dass er in höchster Lebensgefahr schwebt. Ohne zu zögern reist der kernige Cop an die Westküste und muss neben dem Tod seines Bruders alsbald auch noch den von dessen Freundin (Michele Russell) beklagen. Doch die Trauer währt nur kurz. Mike heftet sich an die Fersen von Stone und zieht kurzerhand dessen attraktive Anwältin Samantha (Vanessa Williams) auf seine Seite. Der Gangster sieht dies wiederum gar nicht gern und setzt seine Killer auf das Paar an, derweil er versucht, das Plutonium abzustoßen…

Als vormaliger, semi-professioneller Football-Spieler, Playgirl-Centerfold und vor allem „Flash Gordon“ war Sam (J.) Jones, physiognomisch einprägsam durch seine kräftige Kieferpartie und den zackigen Bürstenschnitt, nie so ganz weg, auch wenn böswillige Zeitgenossen dies gern mal behaupten. Nach einer orientierungslosen Post-Flash-Phase erlebte Jones in den Spätachtzigern und anschließend in den Neunzigern eine mittelfristige Phase als Darsteller in zunehmend billigen Genre-Reißern, die jedoch zumindest immer noch eine halbwegs anständige Besetzung aus remittendierten Stars der zweiten Reihe vorweisen konnten. „Under The Gun“ bildete gewissermaßen den Initialschuss vor diesen etwas losen Karriereweg und ist heute weitgehend vergessen, wohl nicht zuletzt deswegen, weil er strictly independent produziert wurde und darüber hinaus keinen großen Verleiher finden konnte. Dabei steht er den meisten seiner periodischen Gattungsgenossen de facto kaum nach. Für James Sbardellati bedeutete „Under The Gun“ die zweite und zugleich letzte hauptverantwortliche Regiearbeit nach dem 83er-Barbaren-Quickie „Deathstalker“. Als 2nd-Unit-Director und in anderweitigen Funktionen indes hat er wiederum mit einigen großen Regisseuren, darunter vor allem John Frankenheimer, zusammenarbeiten können und somit mehr denn ordentliche Meriten vorzuweisen. Nach „Under The Gun“ hätte man ihm sehr gewünscht, einen erfolgreichen Weg als Filmemacher einschlagen zu können. Man könnte mit Fug und Recht konstatieren, dass Sbardalleti das Genre und seine Funktionalität „durchblickt“. Der Film referenziert eine ganze Reihe diverse zeitgenössische Produktionen, die sich nicht allzu umwegig ausmachen lassen. Ferner weist er ebenso laute wie subtile komödiantische Momente auf, die sich insbesondere an der (sich flugs romantisierenden) Beziehung zwischen Braxton und Samantha entzünden, weiß jedoch auch ebenso gut um die Bizzarerie seiner mit heißer Nadel gestrickten Geschichte, die sich um ein in einem Schulbutterbrotdöschen versteckte Plutonium-Einheit herum aufbaut. Die Agenda des nicht allzu clever charakterisierten, aber doch sehr liebenswerten Helden besteht natürlich in der Vergeltung seines ermordeten Bruders, derweil scheinbar völlig unmotiviert noch zwei weitere Ganoven (Rockne Tarkington, Don Stark) eingeflochten werden, die die ohnehin permanent überrumpelte Heldin mal eben so zwischendurch kidnappen und so die Dramaturgie dehnen. Die nicht inflationär gesetzten Shoot-Outs finden sich indes mit angemessener Härte umgesetzt und passen. Zudem der letzte Auftritt des markanten Western- und Eastwood-Veteranen John Russell.
So schön, wie ich ihn in Erinnerung hatte.

7/10

UNDER THE SILVER LAKE

„Welcome to Purgatory.“

Under The Silver Lake ~ USA 2018
Directed By: David Robert Mitchell

Der in einem Appartmenthaus in East L.A. wohnende Sam (Andrew Garfield) gammelt vor sich hin und ist seit Ewigkeiten mit der Miete im Rückstand. Ansonsten nutzt er die Vorzüge, die die hedonistische Seite der Metropole einem libidinös aufgeladenen, gutaussehendem jungen Mann wie ihm zu bieten hat: Er schließt kurzlebige Damen-Bekanntschaften, geht auf Hipster-Partys und besucht Events der Kunstnachwuchsszene. Nachdem seine attraktive Nachbarin Sarah (Riley Keough) nebst ihren Mitbewohnerinnen (Stephanie Moore, Sibongile Mlambo) spurlos verschwindet, begibt Sam sich auf die Suche nach ihr. Ihn erwartet eine Odyssee, die ihn buchstäblich geradewegs in die Innereien der Stadt der Engel führt und ihn seine bisherige Realität als artifizielles Konstrukt erkennen lässt.

Meine erste Wahrnehmung von „Under The Silver Lake“ war die einer umfassenden „Best Of“-Reminszenz, in der David Robert Mitchell seinen Legionen von Vorbildern und praktisch dem gesamten populären historischen Kino-Segment, dass sich mit Los Angeles und/oder Hollywood befasst, seine ganz persönliche Ehrerbietung erweist. Entsprechend zahlreich sind die Verweise an Regisseure, Filme, Personen, allzu zahlreich, um sie an dieser Stelle gleichberechtigt aufzuzählen. Diese Mühe obliegt dann schon jedem, der sich diesem durchaus interessanten Werk zu widmen gedenkt.
Erst an zweiter Stelle folgte dann die erweiterte Perspektive auf die Gegenwart der Metropole und einen ironischen, oftmals ins Groteske, Surreale und Allegorische ab- oder auch entgleitenden Fokus darauf, was ihre lange Kulturhistorie als „Traumfabrik“ seit über einem Jahrhundert aus der Stadt hat werden lassen. Im Grunde entpuppt sie sich selbst infolge ihrer demokratisch geprägten Tradition und gesellschaftlichen Lichtblitzen wie der Diversität- und der MeToo-Bewegung als in Wahrheit keinen Deut gereift gegenüber der Frühzeit der Filmmogule und Studioregimes; noch immer laufen hier Äonen junger TräumerInnen dem Traum von Ruhm und Reichtum nach und dabei Gefahr, in die Fänge rücksichtsloser Raubtiere zu geraten, deren Geld, Macht und Einfluss sie zu willfährigen Werkzeugen ihrer pervertierten Bedürfnisse macht. Im Zuge seiner eher von Intuition und Assoziation geprägten Reise lernt Sam, dass alles hier auf unheilige Weise miteinander verworben ist und sich wechselseitig bedingt und bedient: diverse Formen bildender wie darstellender Kunst und die kommerziell orientierten Kulturen Film und Musik, Werbeindustrie und Literatur, Fast Food und Prostitution, selbst Hochfinanz und Prekariat, Mysterien und Paranoia. Sex entpuppt sich dabei als der primäre, alles miteinander verbindende Faktor, der sich seit eh und je durch mehr oder weniger sublime Botschaften überall eingefordert findet und entsprechend hinreichend bedient wird. Sonderbare, nicht eindeutig entschlüsselbare Personen und Ereignisse kreuzen (wiederholt) Sams investigativen Weg; tote und lebende Nagetiere, ein anonymer, sein Unwesen treibender Hundemörder, dem große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, der (vermeintliche) Tod des Superreichen Jefferson Severence (Chris Gann), dessen Tochter Millicent (Callie Hernandez), ein Comics (mit dem Titel des Films) entwerfender Verschwörungstheoretiker (Patrick Fischler), der „König der Landstreicher“ (David Yow), freiwillige und unfreiwillige Drogentrips, der androgyne Popstar Jesus (Luke Baines), der geheimnisvolle Songwriter (Jeremy Bobb), dem Sam, erbost ob dessen Entzauberungen seiner musikalischen Idole, den Schädel einschlägt, Kojoten sowie eine geheimnisvolle, nackte Eulenfrau, die ihre Opfer, darunter den „Comic-Mann“, im nächtlichen Schlaf meuchelt. Und immer wieder Trios von seltsamen It-Girls, wie sich zeigen wird, als jeweiliger, privater Mini-Harem je einem bestimmten Gönner zugehörig, die wiederum allesamt einer obskuren Erlösungssekte angehören.
Eine Menge von (zumindest auf den ersten Blick) nicht zwingend kausalitätsbezogen schlüssigem Stoff also, den Mitchell da in einer zugegebenermaßen exquitisten Inszenierung zusammenpfercht und der in jedem Falle die Beschäftigung mit ihm lohnt. Wirklich richtig mögen, zumindest so, wie ich’s vielleicht gern würde, kann ich „Under The Silver Lake“ allerdings zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht. Mag sein, dass sich das irgendwann ändert.

8/10

HIT LIST

„Where’s my kid?“

Hit List (Mörderischer Irrtum) ~ USA 1989
Directed By: William Lustig

Nachdem Frank DeSalvo (Leo Rossi), einer der vielen Handlanger des Mafiabosses Vic Luca (Rip Torn), nebst seinem Filius Joey (Felice Orlandi) dem FBI in die Hände gefallen ist, versteckt Agent Tom Mitchum (Charles Napier) Vater und Sohn in einem Vorstadt-Bungalow. Mitchums Ziel ist es, DeSalvo als Kronzeugen im just laufenden Prozess gegen Luca zu gewinnen, doch dieser weigert sich beharrlich zu „plaudern“. Luca ist derweil nicht untätig und lässt alle potenziellen Gefährder von seinem brutalen Hitman Caleek (Lance Henriksen) beseitigen. Auch Frank und Joey stehen auf Lucas Liste, doch Caleek sucht infolge eines dummen Zufalls die falsche Adresse auf: Er attackiert die Familie des gerade abwesenden Jack Collins (Jan-Michael Vincent), tötet dabei dessen besten Freund (Harold Sylvester) und entführt Collins‘ Sohn Kenny (Junior Richard). Mitchum bekommt Wind von der misslungenen Aktion und will Collins vorsorglich in Haft nehmen, doch dieser greift sich DeSalvo und spürt Kenny mit dessen Hilfe auf eigene Faust nach.

Leider ist William Lustigs (von zwei Pornos in den Siebzigern abgesehen) vierte Regiearbeit im Laufe der Jahre überaus unberechtigterweise zur Fußnote im Gesamtschaffen des sympathischen Filmemachers geworden. Bis heute gibt es kein offizielles digitales Home-Release von „Hit List“, dabei ist ja gerade Lustig bekannt dafür, auf diesem Sektor weit über sein eigenes Œuvre hinaus Pionierarbeit geleistet zu haben.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – möglicherweise verfügt Lustig nicht über die Rechte an dem Film (er wurde weltweit von großen Majors verliehen), möglicherweise verbindet er auch einfach unerfreuliche Erinnerungen mit ihm. Im exzellenten Interview-Band „Dark Stars“ etwa lässt sich, zumal im Vergleich zu „Maniac“, merklich wenig von ihm über „Hit List“ entlocken, mit Ausnahme des Faktums, dass der ja unlängst verstorbene Jan-Michael Vincent zu jener Zeit höchst unzuverlässig gewesen und permanent sturzbetrunken gewesen sei. Zudem war der Film der erste, für den Lustig das vertraute Umfeld seiner vormaligen, geliebten Spielwiese New York verließ und an die Westküste tingelte und dort, unter Beschwerden über die Wetterlage, häufig von einer Limousine aus Regie führte. So oder so – alles Mutmaßungen.
Man muss jedenfalls ein wenig Aufwand betreiben, um eine ansehbare Version des Films zu erhalten, doch dieser zahlt sich umgehend aus: „Hit List“ ist ein rundum sympathischer filmischer Repräsentant seiner Entstehungszeit, dem man, auch wenn es diverse Animositäten gab (und zu geben scheint), selbige nicht anmerkt und der Lustig als auch in kommerzieller Hinsicht grundsätzlich durchaus tragfähigen Regisseur ausweist, dem der verdiente Erfolg leider nicht hold genug war. Gut, der einen nicht unbedingt einfallsreichen Hybriden aus Gangster- und Actionfilm präservierende Plot mag keine Originalitätsmedaille ergattern, aber dafür ist die Ausführung umso sauberer. Die vorzüglich besetzten Darsteller legen durchweg großen Enthusiasmus und Spielfreude an den Tag (gut, Vincent wirkt stellenweise tatsächlich etwas langsam, aber wer wirklich besoffene On-Screen-Auftritte sehen möchte, der sollte eher zu manchen Performances von Dino Martin oder Richard Burton tendieren), es gibt ein paar kernige Actionsequenzen (insbesondere natürlich die im Parkhaus, bei der Vincent und Rossi sich in mühevoller Kleinarbeit des unverwüstlich scheinenden Henriksen entledigen) und die offenkundige Sympathie des Scripts für den zu Beginn des Films als kriecherischen villain eingeführten, von Lustigs künftigem standard actor gespielten Kleingangster DeSalvo nimmt sich unerwartbar, dafür aber umso liebenswerter aus. Zudem überrascht das Finale, mit dem sich zuvor nicht unbedingt rechnen lässt.
Ein wirklich schöner Film, dem ich unbedingt noch eine gerechtere Zukunft wünschen möchte.

8/10

ROMAN J. ISRAEL, ESQ.

„An act doesn’t make the person guilty unless the mind is guilty as well.“

Roman J. Israel, Esq. ~ USA/CAN/UAE 2017
Directed By: Dan Gilroy

Als sein Partner und Boss William Jackson infolge eines Herzinfarkts auf der Intensivstation landet, steht der verschrobene Anwalt Roman J. Israel (Denzel Washington) nach Jahrzehnten plötzlich alleine da. Die ohnedies rote Zahlen schreibende Kanzlei geht an den Konsortienboss George Pierce (Colin Farrell). Anstatt Roman wie geplant abzufinden, zeigt sich Pierce von dessen enzyklopädischem Wissen und seiner Unbeirrbarkeit beeindruckt und bietet ihm eine Stelle an. Zunächst angewidert von der gänzlich dem Establishment verhafteten Firma, sorgen ein paar frustrierende, persönliche Erfahrungen dafür, dass der ehemals glühende Aktivist und Menschrenrechtsvorkämpfer Roman sich korrumpieren lässt und einen schweren moralischen Fehltritt vollzieht. Als er nach ein paar Tagen der haltlosen Prasserei wieder zur Räson kommt, heißt es Farbe bekennen…

Film ist immer auch ein Spiegel seiner Zeit. Nach knapp zwei Jahren Donald Trump sind Werke vom Schlage „Roman J. Israel, Esq.“ somit alles andere als verwunderlich und werden noch in Jahrzehnten als Thesenmaterial Bestand beweisen.
Auch seine zweite Regiearbeit nach der satirisch grundierten Medienschelte „Nightcawler“ weist Dan Gilroy wiederum als ehernen Wächter und Vertreter moralischer Grundsätze aus. Nach eigenem Bekunden gezielt für Denzel Washington geschrieben, gibt „Roman J. Israel, Esq.“ unzweideutigen oscar bait ab, eine Geschichte, die für Lumet zu offensichtlich und geradlinig gewesen wäre und für, sagen wir, Mike Nichols, wiederum zu sperrig und fatalistisch.
Washington präsentiert sich hier abermals als einer der besten Schauspieler im Mainstream-Kino Hollywoods. Wie er seine höchst komplexe Figur, nebenbei eine Traumrolle für den heranwachsenden Altstar, anlegt und ausagiert – ehemaliger Bürgerrechtler, mental in den Siebzigern verharrend, unter dem Asperger Syndrom leidend, voller kleiner Tics und Zwanghaftigkeiten – das bildet das unweigerliche Herz dieses Films. Etwas weniger aufregend kommt da schon Israels temptation journey daher: Der Frust über den unabwendbaren Verlust seines Mentors wirft den Sonderling mitten ins Haifischbecken. Er, der schon seit etlichen Jahren heimlich eine Reform des gesamtstaatlichen Strafrechts plant, muss dahin, wo er nie hinwollte; zu den big players, den geschniegelten Yuppies und Erfolgstypen, die ihre Mandaten einzig und allein deshalb verteidigen, um Geld mit ihnen zu verdienen, und nicht etwa, weil es ihre moralische Pflicht wäre. Einem Brandungsfels gleich versucht Israel zunächst, seine gewohnte Praxis in den neuen, hochdotierten Job zu integrieren – eine Unmöglichkeit, wie sich rasch zeigt. Die urbane Gesellschaft vermag einen wie Roman J. Israel nicht zu verdauen. Der Frust wächst weiter und wandelt sich in einen emotionalen Protest, der zum ganz privaten Sündenfall führt. Dass dieser Israel zunächst erst den ersehnten sozialen Respekt verschafft, gleicht der puren Ironie. Doch kein Fehltritt bleibt ohne Strafe. Dass Gilroy am Ende den steinreichen, aalglatten Pierce zum legitimen geistigen Erben Romans überhöht, hat nicht nur etwas capraeskes, sondern scheint mir auch höchst streitbar. Andererseits: Wir leben in Zeiten, da der Abkehr vom allumfassenden Zynismus ein kaum zu unterschätzender Stellenwert zukommt. Es ist wieder an der Zeit, das Richtige zu zeigen und das Richtige zu tun.

7/10

THE SATAN BUG

„Psychotics don’t generally engage in teamwork, Lee.“

The Satan Bug (Geheimagent Barrett greift ein) ~ USA 1965
Directed By: John Sturges

Station 3 ist ein strenggeheimes, abgesichertes Forschungslabor für biologische Kriegsführung in der kalifornischen Wüste. Dort wurde der tödliche und hochinfiziöse Kampfstoff Botulinus und noch ein weiteres, sogar noch weitaus gefährlicheres und unberechenbareres Nervengift, „die Zellenpest“, hergestellt. Als eine Gruppe Krimineller in Station 3 einbricht und Proben beider B-Waffen stiehlt, gerät die Regierung in höchste Alarmbereitschaft. Der fähige Agent Lee Barrett (George Maharis) wird mit der Aufgabe der Wiederbeschaffung beider Mittel betraut. Zunächst gilt es jedoch, die Tarnidentität des Drahtziehers des Anschlages aufzudecken, eines gewissen Charles Reynolds Ainsley,  der sich in cognito auf Station 3 eingeschlichen hat und der die Zellenpest über Los Angeles freisetzen will.

Mit „The Satan Bug“, einer Alistair-MacLean-Adaption, wagte sich John Sturges 1965 ungewöhnlich nah an einen lupenreinen Camp-Stoff heran. Geschichten um Superagenten und überqualifizierte G-Men zählten zu jener Zeit, als die Bond-Filme just dabei waren, das globale Actionkino zu revolutionieren, zu einer vergleichsweise sicheren Bank, was zur Folge hatte, das etliche Spoofs und Nachzieher, die den Kalten Krieg zur Basis oftmals hoffnungslos überhöhter fiktionaler Ausschweifungen benutzten, die Leinwände in aller Welt fluteten. Aus dem britischen Spezialisten der Vorlage, einem gewissen Pierre Clavell, wurde bei Sturges der Ex-Agent und Privatdetektiv Lee Barrett, der von dem vergleichsweise unbeschriebenen TV-Darsteller George Maharis besetzt wurde. Maharis‘ wesentliche Qualität bestand darin, gut auszusehen und dem Protagonisten (der der Komplexitätsreduktion halber im deutschen Titel gleich eine prominente Nennung erfuhr und von Connery-Stammsprecher Gert-Günther Hoffmann synchronisiert wurde) ein markantes, möglicherweise serientaugliches Antlitz zu verleihen. Über seine tatsächlichen Qualitäten als Akteur darf man jedoch getrost das Mäntelchen des Schweigens ausbreiten. Für diese waren ohnehin sehr viel mehr die prominent besetzten Nebenfiguren zuständig, von Richard Basehart als verrücktem Superbösewicht über Dana Andrews als graue Eminenz im Hintergrund und Mentor des Helden bis hin zu Anne Francis als dessen Teilzeitkonkubine und Andrews‘ Tochter.
Primär aufsehenerregend an „The Satan Bug“ nimm sich allerdings dessen Kameraarbeit von Robert Surtees aus, die die felsige Wüste Kaliforniens kurzerhand zum zusätzlichen Hauptdarsteller ernennt und ihr ganz wunderhübsche, leuchtende Bilder abtrotzt.
Der mysteriöse B-Kampfstoff „Satan Bug“, für die deutsche Fassung, wie erwähnt, überaus einfallsreich „Zellenpest“ getauft, kann ferner als Vorläufer unzähliger MacGuffins von auffallend ähnlicher Provenienz gewertet werden.
Damit jedoch begnügt sich das Innovationspotenzial dieses allzu gewschwätzigen und in Anbetracht seiner Substanzlosigkeit deutlich zu langen Films bereits. Heuer lässt sich „The Satan Bug“ immerhin noch als schickes Kuriosum innerhalb der Werksvita seines Regisseurs goutieren oder zumindest konsumieren, zumal die just erschienene, wie gewohnt erlesene Edition aus dem Hause Anolis sich dem willfährigen Betrachter nochmals gesondert attraktiv präsentiert.

6/10