UNDER THE SILVER LAKE

„Welcome to Purgatory.“

Under The Silver Lake ~ USA 2018
Directed By: David Robert Mitchell

Der in einem Appartmenthaus in East L.A. wohnende Sam (Andrew Garfield) gammelt vor sich hin und ist seit Ewigkeiten mit der Miete im Rückstand. Ansonsten nutzt er die Vorzüge, die die hedonistische Seite der Metropole einem libidinös aufgeladenen, gutaussehendem jungen Mann wie ihm zu bieten hat: Er schließt kurzlebige Damen-Bekanntschaften, geht auf Hipster-Partys und besucht Events der Kunstnachwuchsszene. Nachdem seine attraktive Nachbarin Sarah (Riley Keough) nebst ihren Mitbewohnerinnen (Stephanie Moore, Sibongile Mlambo) spurlos verschwindet, begibt Sam sich auf die Suche nach ihr. Ihn erwartet eine Odyssee, die ihn buchstäblich geradewegs in die Innereien der Stadt der Engel führt und ihn seine bisherige Realität als artifizielles Konstrukt erkennen lässt.

Meine erste Wahrnehmung von „Under The Silver Lake“ war die einer umfassenden „Best Of“-Reminszenz, in der David Robert Mitchell seinen Legionen von Vorbildern und praktisch dem gesamten populären historischen Kino-Segment, dass sich mit Los Angeles und/oder Hollywood befasst, seine ganz persönliche Ehrerbietung erweist. Entsprechend zahlreich sind die Verweise an Regisseure, Filme, Personen, allzu zahlreich, um sie an dieser Stelle gleichberechtigt aufzuzählen. Diese Mühe obliegt dann schon jedem, der sich diesem durchaus interessanten Werk zu widmen gedenkt.
Erst an zweiter Stelle folgte dann die erweiterte Perspektive auf die Gegenwart der Metropole und einen ironischen, oftmals ins Groteske, Surreale und Allegorische ab- oder auch entgleitenden Fokus darauf, was ihre lange Kulturhistorie als „Traumfabrik“ seit über einem Jahrhundert aus der Stadt hat werden lassen. Im Grunde entpuppt sie sich selbst infolge ihrer demokratisch geprägten Tradition und gesellschaftlichen Lichtblitzen wie der Diversität- und der MeToo-Bewegung als in Wahrheit keinen Deut gereift gegenüber der Frühzeit der Filmmogule und Studioregimes; noch immer laufen hier Äonen junger TräumerInnen dem Traum von Ruhm und Reichtum nach und dabei Gefahr, in die Fänge rücksichtsloser Raubtiere zu geraten, deren Geld, Macht und Einfluss sie zu willfährigen Werkzeugen ihrer pervertierten Bedürfnisse macht. Im Zuge seiner eher von Intuition und Assoziation geprägten Reise lernt Sam, dass alles hier auf unheilige Weise miteinander verworben ist und sich wechselseitig bedingt und bedient: diverse Formen bildender wie darstellender Kunst und die kommerziell orientierten Kulturen Film und Musik, Werbeindustrie und Literatur, Fast Food und Prostitution, selbst Hochfinanz und Prekariat, Mysterien und Paranoia. Sex entpuppt sich dabei als der primäre, alles miteinander verbindende Faktor, der sich seit eh und je durch mehr oder weniger sublime Botschaften überall eingefordert findet und entsprechend hinreichend bedient wird. Sonderbare, nicht eindeutig entschlüsselbare Personen und Ereignisse kreuzen (wiederholt) Sams investigativen Weg; tote und lebende Nagetiere, ein anonymer, sein Unwesen treibender Hundemörder, dem große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, der (vermeintliche) Tod des Superreichen Jefferson Severence (Chris Gann), dessen Tochter Millicent (Callie Hernandez), ein Comics (mit dem Titel des Films) entwerfender Verschwörungstheoretiker (Patrick Fischler), der „König der Landstreicher“ (David Yow), freiwillige und unfreiwillige Drogentrips, der androgyne Popstar Jesus (Luke Baines), der geheimnisvolle Songwriter (Jeremy Bobb), dem Sam, erbost ob dessen Entzauberungen seiner musikalischen Idole, den Schädel einschlägt, Kojoten sowie eine geheimnisvolle, nackte Eulenfrau, die ihre Opfer, darunter den „Comic-Mann“, im nächtlichen Schlaf meuchelt. Und immer wieder Trios von seltsamen It-Girls, wie sich zeigen wird, als jeweiliger, privater Mini-Harem je einem bestimmten Gönner zugehörig, die wiederum allesamt einer obskuren Erlösungssekte angehören.
Eine Menge von (zumindest auf den ersten Blick) nicht zwingend kausalitätsbezogen schlüssigem Stoff also, den Mitchell da in einer zugegebenermaßen exquitisten Inszenierung zusammenpfercht und der in jedem Falle die Beschäftigung mit ihm lohnt. Wirklich richtig mögen, zumindest so, wie ich’s vielleicht gern würde, kann ich „Under The Silver Lake“ allerdings zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht. Mag sein, dass sich das irgendwann ändert.

8/10

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HIT LIST

„Where’s my kid?“

Hit List (Mörderischer Irrtum) ~ USA 1989
Directed By: William Lustig

Nachdem Frank DeSalvo (Leo Rossi), einer der vielen Handlanger des Mafiabosses Vic Luca (Rip Torn), nebst seinem Filius Joey (Felice Orlandi) dem FBI in die Hände gefallen ist, versteckt Agent Tom Mitchum (Charles Napier) Vater und Sohn in einem Vorstadt-Bungalow. Mitchums Ziel ist es, DeSalvo als Kronzeugen im just laufenden Prozess gegen Luca zu gewinnen, doch dieser weigert sich beharrlich zu „plaudern“. Luca ist derweil nicht untätig und lässt alle potenziellen Gefährder von seinem brutalen Hitman Caleek (Lance Henriksen) beseitigen. Auch Frank und Joey stehen auf Lucas Liste, doch Caleek sucht infolge eines dummen Zufalls die falsche Adresse auf: Er attackiert die Familie des gerade abwesenden Jack Collins (Jan-Michael Vincent), tötet dabei dessen besten Freund (Harold Sylvester) und entführt Collins‘ Sohn Kenny (Junior Richard). Mitchum bekommt Wind von der misslungenen Aktion und will Collins vorsorglich in Haft nehmen, doch dieser greift sich DeSalvo und spürt Kenny mit dessen Hilfe auf eigene Faust nach.

Leider ist William Lustigs (von zwei Pornos in den Siebzigern abgesehen) vierte Regiearbeit im Laufe der Jahre überaus unberechtigterweise zur Fußnote im Gesamtschaffen des sympathischen Filmemachers geworden. Bis heute gibt es kein offizielles digitales Home-Release von „Hit List“, dabei ist ja gerade Lustig bekannt dafür, auf diesem Sektor weit über sein eigenes Œuvre hinaus Pionierarbeit geleistet zu haben.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – möglicherweise verfügt Lustig nicht über die Rechte an dem Film (er wurde weltweit von großen Majors verliehen), möglicherweise verbindet er auch einfach unerfreuliche Erinnerungen mit ihm. Im exzellenten Interview-Band „Dark Stars“ etwa lässt sich, zumal im Vergleich zu „Maniac“, merklich wenig von ihm über „Hit List“ entlocken, mit Ausnahme des Faktums, dass der ja unlängst verstorbene Jan-Michael Vincent zu jener Zeit höchst unzuverlässig gewesen und permanent sturzbetrunken gewesen sei. Zudem war der Film der erste, für den Lustig das vertraute Umfeld seiner vormaligen, geliebten Spielwiese New York verließ und an die Westküste tingelte und dort, unter Beschwerden über die Wetterlage, häufig von einer Limousine aus Regie führte. So oder so – alles Mutmaßungen.
Man muss jedenfalls ein wenig Aufwand betreiben, um eine ansehbare Version des Films zu erhalten, doch dieser zahlt sich umgehend aus: „Hit List“ ist ein rundum sympathischer filmischer Repräsentant seiner Entstehungszeit, dem man, auch wenn es diverse Animositäten gab (und zu geben scheint), selbige nicht anmerkt und der Lustig als auch in kommerzieller Hinsicht grundsätzlich durchaus tragfähigen Regisseur ausweist, dem der verdiente Erfolg leider nicht hold genug war. Gut, der einen nicht unbedingt einfallsreichen Hybriden aus Gangster- und Actionfilm präservierende Plot mag keine Originalitätsmedaille ergattern, aber dafür ist die Ausführung umso sauberer. Die vorzüglich besetzten Darsteller legen durchweg großen Enthusiasmus und Spielfreude an den Tag (gut, Vincent wirkt stellenweise tatsächlich etwas langsam, aber wer wirklich besoffene On-Screen-Auftritte sehen möchte, der sollte eher zu manchen Performances von Dino Martin oder Richard Burton tendieren), es gibt ein paar kernige Actionsequenzen (insbesondere natürlich die im Parkhaus, bei der Vincent und Rossi sich in mühevoller Kleinarbeit des unverwüstlich scheinenden Henriksen entledigen) und die offenkundige Sympathie des Scripts für den zu Beginn des Films als kriecherischen villain eingeführten, von Lustigs künftigem standard actor gespielten Kleingangster DeSalvo nimmt sich unerwartbar, dafür aber umso liebenswerter aus. Zudem überrascht das Finale, mit dem sich zuvor nicht unbedingt rechnen lässt.
Ein wirklich schöner Film, dem ich unbedingt noch eine gerechtere Zukunft wünschen möchte.

8/10

ROMAN J. ISRAEL, ESQ.

„An act doesn’t make the person guilty unless the mind is guilty as well.“

Roman J. Israel, Esq. ~ USA/CAN/UAE 2017
Directed By: Dan Gilroy

Als sein Partner und Boss William Jackson infolge eines Herzinfarkts auf der Intensivstation landet, steht der verschrobene Anwalt Roman J. Israel (Denzel Washington) nach Jahrzehnten plötzlich alleine da. Die ohnedies rote Zahlen schreibende Kanzlei geht an den Konsortienboss George Pierce (Colin Farrell). Anstatt Roman wie geplant abzufinden, zeigt sich Pierce von dessen enzyklopädischem Wissen und seiner Unbeirrbarkeit beeindruckt und bietet ihm eine Stelle an. Zunächst angewidert von der gänzlich dem Establishment verhafteten Firma, sorgen ein paar frustrierende, persönliche Erfahrungen dafür, dass der ehemals glühende Aktivist und Menschrenrechtsvorkämpfer Roman sich korrumpieren lässt und einen schweren moralischen Fehltritt vollzieht. Als er nach ein paar Tagen der haltlosen Prasserei wieder zur Räson kommt, heißt es Farbe bekennen…

Film ist immer auch ein Spiegel seiner Zeit. Nach knapp zwei Jahren Donald Trump sind Werke vom Schlage „Roman J. Israel, Esq.“ somit alles andere als verwunderlich und werden noch in Jahrzehnten als Thesenmaterial Bestand beweisen.
Auch seine zweite Regiearbeit nach der satirisch grundierten Medienschelte „Nightcawler“ weist Dan Gilroy wiederum als ehernen Wächter und Vertreter moralischer Grundsätze aus. Nach eigenem Bekunden gezielt für Denzel Washington geschrieben, gibt „Roman J. Israel, Esq.“ unzweideutigen oscar bait ab, eine Geschichte, die für Lumet zu offensichtlich und geradlinig gewesen wäre und für, sagen wir, Mike Nichols, wiederum zu sperrig und fatalistisch.
Washington präsentiert sich hier abermals als einer der besten Schauspieler im Mainstream-Kino Hollywoods. Wie er seine höchst komplexe Figur, nebenbei eine Traumrolle für den heranwachsenden Altstar, anlegt und ausagiert – ehemaliger Bürgerrechtler, mental in den Siebzigern verharrend, unter dem Asperger Syndrom leidend, voller kleiner Tics und Zwanghaftigkeiten – das bildet das unweigerliche Herz dieses Films. Etwas weniger aufregend kommt da schon Israels temptation journey daher: Der Frust über den unabwendbaren Verlust seines Mentors wirft den Sonderling mitten ins Haifischbecken. Er, der schon seit etlichen Jahren heimlich eine Reform des gesamtstaatlichen Strafrechts plant, muss dahin, wo er nie hinwollte; zu den big players, den geschniegelten Yuppies und Erfolgstypen, die ihre Mandaten einzig und allein deshalb verteidigen, um Geld mit ihnen zu verdienen, und nicht etwa, weil es ihre moralische Pflicht wäre. Einem Brandungsfels gleich versucht Israel zunächst, seine gewohnte Praxis in den neuen, hochdotierten Job zu integrieren – eine Unmöglichkeit, wie sich rasch zeigt. Die urbane Gesellschaft vermag einen wie Roman J. Israel nicht zu verdauen. Der Frust wächst weiter und wandelt sich in einen emotionalen Protest, der zum ganz privaten Sündenfall führt. Dass dieser Israel zunächst erst den ersehnten sozialen Respekt verschafft, gleicht der puren Ironie. Doch kein Fehltritt bleibt ohne Strafe. Dass Gilroy am Ende den steinreichen, aalglatten Pierce zum legitimen geistigen Erben Romans überhöht, hat nicht nur etwas capraeskes, sondern scheint mir auch höchst streitbar. Andererseits: Wir leben in Zeiten, da der Abkehr vom allumfassenden Zynismus ein kaum zu unterschätzender Stellenwert zukommt. Es ist wieder an der Zeit, das Richtige zu zeigen und das Richtige zu tun.

7/10

THE SATAN BUG

„Psychotics don’t generally engage in teamwork, Lee.“

The Satan Bug (Geheimagent Barrett greift ein) ~ USA 1965
Directed By: John Sturges

Station 3 ist ein strenggeheimes, abgesichertes Forschungslabor für biologische Kriegsführung in der kalifornischen Wüste. Dort wurde der tödliche und hochinfiziöse Kampfstoff Botulinus und noch ein weiteres, sogar noch weitaus gefährlicheres und unberechenbareres Nervengift, „die Zellenpest“, hergestellt. Als eine Gruppe Krimineller in Station 3 einbricht und Proben beider B-Waffen stiehlt, gerät die Regierung in höchste Alarmbereitschaft. Der fähige Agent Lee Barrett (George Maharis) wird mit der Aufgabe der Wiederbeschaffung beider Mittel betraut. Zunächst gilt es jedoch, die Tarnidentität des Drahtziehers des Anschlages aufzudecken, eines gewissen Charles Reynolds Ainsley,  der sich in cognito auf Station 3 eingeschlichen hat und der die Zellenpest über Los Angeles freisetzen will.

Mit „The Satan Bug“, einer Alistair-MacLean-Adaption, wagte sich John Sturges 1965 ungewöhnlich nah an einen lupenreinen Camp-Stoff heran. Geschichten um Superagenten und überqualifizierte G-Men zählten zu jener Zeit, als die Bond-Filme just dabei waren, das globale Actionkino zu revolutionieren, zu einer vergleichsweise sicheren Bank, was zur Folge hatte, das etliche Spoofs und Nachzieher, die den Kalten Krieg zur Basis oftmals hoffnungslos überhöhter fiktionaler Ausschweifungen benutzten, die Leinwände in aller Welt fluteten. Aus dem britischen Spezialisten der Vorlage, einem gewissen Pierre Clavell, wurde bei Sturges der Ex-Agent und Privatdetektiv Lee Barrett, der von dem vergleichsweise unbeschriebenen TV-Darsteller George Maharis besetzt wurde. Maharis‘ wesentliche Qualität bestand darin, gut auszusehen und dem Protagonisten (der der Komplexitätsreduktion halber im deutschen Titel gleich eine prominente Nennung erfuhr und von Connery-Stammsprecher Gert-Günther Hoffmann synchronisiert wurde) ein markantes, möglicherweise serientaugliches Antlitz zu verleihen. Über seine tatsächlichen Qualitäten als Akteur darf man jedoch getrost das Mäntelchen des Schweigens ausbreiten. Für diese waren ohnehin sehr viel mehr die prominent besetzten Nebenfiguren zuständig, von Richard Basehart als verrücktem Superbösewicht über Dana Andrews als graue Eminenz im Hintergrund und Mentor des Helden bis hin zu Anne Francis als dessen Teilzeitkonkubine und Andrews‘ Tochter.
Primär aufsehenerregend an „The Satan Bug“ nimm sich allerdings dessen Kameraarbeit von Robert Surtees aus, die die felsige Wüste Kaliforniens kurzerhand zum zusätzlichen Hauptdarsteller ernennt und ihr ganz wunderhübsche, leuchtende Bilder abtrotzt.
Der mysteriöse B-Kampfstoff „Satan Bug“, für die deutsche Fassung, wie erwähnt, überaus einfallsreich „Zellenpest“ getauft, kann ferner als Vorläufer unzähliger MacGuffins von auffallend ähnlicher Provenienz gewertet werden.
Damit jedoch begnügt sich das Innovationspotenzial dieses allzu gewschwätzigen und in Anbetracht seiner Substanzlosigkeit deutlich zu langen Films bereits. Heuer lässt sich „The Satan Bug“ immerhin noch als schickes Kuriosum innerhalb der Werksvita seines Regisseurs goutieren oder zumindest konsumieren, zumal die just erschienene, wie gewohnt erlesene Edition aus dem Hause Anolis sich dem willfährigen Betrachter nochmals gesondert attraktiv präsentiert.

6/10

FRACTURE

„Even a broken clock is right twice a day.“

Fracture (Das perfekte Verbrechen) ~ USA 2007
Directed By: Gregory Hoblit

Der ebenso steinreiche wie in Eifersucht gekränkte Flugzeugingenieur Ted Crawford (Anthony Hopkins) erschießt seine ihm Hörner aufsetzende Frau Jennifer (Embeth Davidtz), gibt die Tat zunächst zu und widerruft dann vor Gericht sein Geständnis mit der lässigen Begründung, er habe vor einem der ermittelnden Polizisten, Lt. Nunally (Billy Burke), Todesangst gehabt. Dass dieser ganz zufällig auch Jennifers Liebhaber war, verschweigt der sich selbst verteidigende Crawford zunächst noch. Dem Angeklagten gegenüber steht der arrogante, kurz vor einem finanzträchtigen Wechsel in die Privatwirtschaft stehende Staatsanwalt Willy Beachum (Ryan Gosling), der Crawfords perfides Plankonstrukt hoffnungslos unterschätzt. Es fehlt nämlich der entscheidende Beweis, um dessen Schuld wasserdicht erscheinen zu lassen: Die Tatwaffe…

Von hier an blöd: Zwar ist in „Fracture“ wiederum Gregory Hoblits Lieblingsthema der „reciprocally attracting rivals“ maßgende Antriebsfeder, das heißt aber nun mal eben nicht, dass damit auch ein guter Film einhergeht. Dem ist mitnichten so. „Fracture“ ist vielmehr ein infolge seiner alles durchdringenden Banalität auf Langeweilekurs befindlicher Schema-F-Streifen, aus dessen innerer Masse man alles schonmal gesehen hat – nur mitunter eben viel besser. Dass ich Ryan Gosling nicht sonderlich gut leiden kann, war mir instinktiv schon immer bewusst – nur haben die meisten Filme um ihn herum dies nicht wirklich deutlich werden lassen. Jetzt weiß ich aber wieder wieso, hier hat der mit einem sonderbar milchig-imbezilen Grundgesichtsausdruck versehene Akteur nämlich eine Rolle an der Hand, die ganz hervorragend zu ihm passt: Er spielt ein Yuppie-Arschloch erster Güte. Im Laufe des Films erkennt das Yuppie-Arschloch erwartungsgemäß, dass es moralisch dann doch sehr viel vertretbarer ist, einen schlecht bezahlten, aber ethisch stabilen Staatsanwalt im Namen von Recht und Ordnung abzugeben. Wow! Die Welt, wie wir sie kennen, ist gerettet!
Als Kontrahent hat es Sir Anthony Hopkins, der seinen leicht bekifften Hannibal-Lecter-SloMo-Augenaufschlag weiterhin zu perfektionieren sucht, obwohl das gar eigentlich nicht mehr geht, und – wie könnte es anders sein – hier abermals das sein zunehmend verzweifelndes Gegenüber an der Nase herumführende, diabolische Genie erster Garnitur verkörpert. Wirklich großartige Schauspieler wie David Strathairn oder Cliff Curtis werden derweil als bloße Stichtwortlieferanten gnadenlos verheizt. Und Hoblit? Der begeht den in Anbetracht des Resultats gewaltigen Fehler, seinen ach so tollen Hauptdarstellern und ihrem vermeintlichen „Psychoduell“ völlig das Feld zu über- und, anders als in sehr viel dedizierteren Arbeiten wie dem eigentlich sehr ähnlich gelagerten „Primal Fear“ oder „Frequency“, keinerlei inszenatorische Leidenschaft mehr aufblitzen zu lassen. Nicht nur ein überraschungsarmes, sondern darüber hinaus ein teilweise sogar aufreizend vorhersehbares Konfektionskino von der Stange ist die logische Folge aus alldem und vermutlich auch ein, wenn nicht der wesentliche(r) Markstein für den Regisseur, sich mittelfristig wieder dem sehr viel routinebedingteren Feld der TV-Serials zuzuwenden. Eigentlich schade, aber meinen Segen hat er, wenn Film für ihn damit auserzählt ist.

4/10

VICE SQUAD

„You wanna know where you can find Barkis?“

Vice Squad (Sittenpolizei) ~ USA 1953
Directed By: Arnold Laven

Ein stressiger Tag für Captain Barnaby (Edward G. Robinson), Chef eines der Reviere des LAPD: Nicht nur, dass er zu einem Live-Interview im Fernsehen eingeladen ist – eine junge Dame (K.T. Stevens) bittet ihn, ihre Mutter vor einem Heiratsschwindler (John Verros) zu bewahren; der verdiente Streifenbeamte Kellogg (William Boyett), der in der Nacht zuvor zufällig ein paar Gangster während eines Autodiebstahls auf frischer Tat ertappt hat, liegt angeschossen im Krankenhaus im Sterben. Der einzige Zeuge der Tat, der Beerdigungsunternehmer Hartrampf (Porter Hall), der gerade von einem außerehelichen Techtelmechtel kam, schweigt sich stoisch aus. Derweil erfährt Barnaby von einem geplanten Banküberfall, den just dieselbe Bande begehen soll, die Kellogg auf dem Gewissen hat. Um den Aufenthaltsort der Ganoven in Erfahrung zu bringen, sucht sich Barnaby unter anderem Hilfe bei der Puffmutter Mona Ross (Paulette Goddard).

Ein ebenso kolportagefreudiger wie gut gelaunter Blick in einen Arbeitstag eines police chief von Los Angeles. Das vor allem hinsichtlich seiner ironisch-klugen Dialoge wundervoll ausgearbeitete, straffe Script führt den dankbar inszenierenden Arnold Laven scheinbar mühelos durch seine von witzigen bis dramatischen Eckpfeilern getragene Geschichte, die auch und vor allem von der zeitlichen Verdichtung der erzählten Zeit auf nur einen Tag profitiert und lebt. „Vice Squad“ nimmt sich trotz seiner mithin atemlosen Wendungen hinreichend Zeit, diverse quirlige Nebenfiguren einzuführen, sowohl aus dem Halbweltmilieu wie auch aus der gebeuteln Exekutivabteilung, deren Mitarbeiter dem stets coolen, sonoren Robinson unterstehen. Die als Pflichtkontrast eingegebenen Gangster, allen voran deren böser und brutaler Chef Al Barkis (Edward Binns), sind hundsgemeine Lumpen, denen man rasch alles Schlechte der Welt an den Hals wünscht; Barnabys Team besteht indes ausschließlich aus ehrbaren, folgsamen und vor allem unbestechlichen Beamten, von denen jeder 110 Prozent gibt. Allen voran Barnaby selbst, der auch schonmal gern mit fiesen Tricks und deftigeren semilegalen Mitteln arbeitet, um seine Ziele zu erreichen. Selbstredend liegt er damit rein moralisch betrachtet immer goldrichtig.
In „Vice Squad“ war die Welt noch in Ordnung und alles an seinem Platze. So wie Arnold Laven, der leider nach nur elf Filmen zum Fernsehen wechselte und mit vielversprechenden Arbeiten wie der vorliegenden eigentlich einen sauberen Start im Segment der späten films noirs hingelegt hatte. Später kamen dann neben dem erquicklichen Riesenmollusken-Horror „The Monster That Challenged The World“ noch ein paar ordentliche Western hinzu. Schade, dass dann so rasch Schluss war und die dröge Mattscheibe lockte.

8/10

BLADE RUNNER 2049

„Things were simpler then.“

Blade Runner 2049 ~ USA/UK/CAN/HU 2017
Directed By: Denis Villeneuve

Los Angeles, 2049. Dreißig Jahre, nachdem Rick Deckard (Harrison Ford) und die Replikantin Rachael verschwunden sind, stößt der Blade Runner K (Ryan Gosling), selbst ein Replikant der neueren Bauart „Nexus 9“, nach der Stilllegung eines seiner flüchtigen Artgenossen (Dave Bautista), die sich als Renegaten selbstständig gemacht haben und verstecken, auf ein Grab, in dem sich die Überreste einer Replikantin befinden, die offenbar während einer Niederkunft gestorben ist. Der hochbrisante Fund, der beweist, dass die künstlichen Wesen zur Fortpflanzung fähig sind, unterliegt einerseits strengster Geheimhaltung – K erhält den Auftrag, sämtliche mögliche Mitwisser ebenfalls in den Ruhestand zu versetzen – und erregt andererseits das Interesse des Großindustriellen Niander Wallace (Jared Leto), der die frühere Tyrell Corporation übernommen hat und nunmehr führender Magnat auf dem Konstruktionssektor künstlicher Intelligenz ist. Wallace will unbedingt herausbekommen, welcher auslösende Faktor für die Fruchtbarkeit der Replikantin, bei der es sich um Rachael handelte, verantwortlich ist und wo sich ihres und Deckards Kind mittlerweile erwachsenes Kind befindet. Er lässt sowohl K als auch Deckard, den K sucht und schließlich im verlassenen Las Vegas ausfindig macht, jagen.

Tja. Der großen Euphorie, die „Blade Runner 2049“ bei seiner Kinopremiere empfing, kann und mag ich micht nicht recht eingemeinden, letzlich aus primär subjektiven, stark emotional gefärbten Gründen, wie ich anschließen möchte. Vermutlich stellt Dennis Villeneuves Film die bestmögliche aller denkbaren Alternativen dar, nachdem man sich der zwangsläufigen Hypothese widmet, wie ein etwaiges Sequel, so man sich denn mit der Idee arrangiert, dass ein solches überhaupt eine Existenzberechtigung erhält, sonst noch ausgefallen sein könnte. Ich gelange im Zuge aller diesbezüglichen Überlegungen jedoch immer wieder in dieselbe gedankliche Sackgasse, die mich starken Zweifeln eben genau darüber aussetzt, ob eine Fortsetzung überhaupt nötig war und ist.
„Blade Runner“ ist für mich (ausschließlich eigenbiographisch betrachtet) das möglicherweise wichtigste Exponant der Siebenten Kunst überhaupt. In einigen der vulnerabelsten und sensibelsten Phasen meines Lebens hat Ridley Scotts unglaublich reichhaltiger Film mir elementare Antworten beschert und meiner Liebe zum Medium Film den unerschütterlichsten aller Sockel gegossen. Vielleicht gab es sogar Zeiten, in denen er mich buchstäblich gerettet hat. Wenn ich an meine Phase zwischen dem dreizehnten und zwanzigsten Lebensjahr zurückdenke, was grob der Spanne zwischen 1989 und 1996 entspricht, denke ich an viele wichtige charakteristische Ereignisse, unter denen die immer wieder erfolgenden, regelmäßigen Betrachtungen dieses Films auf den oberen Plätzen rangiert. Ich muss „Blade Runner“ damals gewiss um die fünfzig Male (oder öfter?) gesehen haben, in den unterschiedlichsten emotionalen, psychischen und Bewusstseinszuständen und habe ihn dabei so sehr durchdrungen und internalisiert, wie das bei und mit einem Film wohl überhaupt nur möglich ist.
Soviel zu der Frage, auf welchen Nährboden eine Fortsetzung in meinem Herzen und meinem Verstand stößt. Jener Nährboden ist über die Jahre kultiviert, beackert, zerfurcht wurden, hier und da zur Brache verödet, aber immer wieder zu neuer Blüte erwacht. „Blade Runner 2049“ hat insofern den ersten, nebligen Effekt auf mich, als versuchte jemand, mir den urplötzlich aufgetauchten Bruder eines immens wichtigen, alten, liebgewonnenen Freundes als gleichwertig vorzustellen und zu sagen: „Bitte, der ist jetzt da, finde ihn toll. Du kennst ihn zwar nicht, aber er kann und weiß alles, was dein Kumpel kann und weiß, ist aber viel jünger, jovialer und total selbstbewusst.“ Am Ende, nach einer gemeinsamen Kneipentour vielleicht, fand ich den Burschen eigentlich nicht mal unsympathisch, aber brüderliche Liebe? Von jetzt auf gleich noch dazu? Niemals.
Villeneuve spinnt also das originäre „Blade Runner“-Universum fort. Nicht das von Dick, sondern das von Scott, dezidiert das Kino-Universum. In der filmischen Realität ist etwas weniger Zeit vergangen als in der unsrigen, tatsächlichen, nämlich nur dreißig statt fünfunddreißig Jahren. L.A. ist noch immer ein gewaltiger, urbaner Moloch, mittlerweile so extrem vom Smog durchdrungen wie eine chinesische Großstadt bereits heute, dröhnen die Häuserschluchten nach wie vor vom cityspeak wieder. Die neueren Replikanten teilen sich ihren Status als künstlich intelligente, lebensechte Kreaturen mit holographischen Freunden und HausgenossInnen, die mögliche Einsamkeit kompensieren. Auch K gehört zu jener jüngeren Androidengeneration, die um ihre existzenziellen Wurzeln wissen und sich kritiklos mit ihnen abfinden können, um Rebellionen, wie es sie früher immer mal wieder unter ihren unzufriedenen Vorgängermodellen gab, vorzubeugen. K weiß, dass seine Kindheitserinnerungen artifizieller Natur sind. Sein Ich-Bild gerät zwar zwischenzeitlich zunehmend ins Wanken, rekonfiguriert sich jedoch nach der bitteren Desillusionierung, dass er doch nicht „mehr“ ist, als er kurzfristig zu sein glaubt.
Dennoch steht wie damals der große, philosophische Diskurs im Zentrum, was Menschlichkeit überhaupt ausmacht und ob sie sich zuverlässig definieren lässt. Die Antwort, die Villeneuves Film liefert, ist dabei sehr viel eindeutiger als damals die bei Scott. In einem Interview gab Villeneuve zum Besten, er „liebe Geheimnisse“. Dem trägt er dadurch Rechnung, dass die Frage nach Deckards Identität weiterhin unbeantwortet bleibt. Replikanten gibt es mittlerweile nämlich in den unterschiedlichsten Variationen. Manche, die mittlerweile als Fehlschlag kategorisiert sind und nach wie vor gejagt werden (warum K nebenbei nicht arbeitslos ist), haben eine unbeschränkte Lebensdauer, andere, wie K, sind zumindest augenscheinlich im Hinblick auf ihre reine Funktionalität hin, optimiert und problemlos, indem sie weder sich selbst, noch ihre Entstehung hinterfragen.
„How can it not know what it is?“ fragte Deckard den alten Tyrell einst, nachdem er die sich menschlich glaubende Rachael dem Voight-Kampff-Test unterzogen hatte und feststellte, dass sie künstlich sein muss. So tief geht „Blade Runner 2049“ nicht mehr. Die Revolte gegen ihre gottgleichen, menschlichen Schöpfer pflegt eine kleine Replikanten-Gruppe unter der geheimnisvollen Freysa (Hiam Abass), nun organisiert und aus dem Untergrund heraus. Eine vergleichsweise lose, inhaltliche Volte, die vornehmlich dazu dient, K, der mit Goslings schiefem Dackelblick immer konsequenter zum Humandasein schielt, gegen Ende doch noch den Boden unter der Füßen wegzuziehen. Ihm bleibt dann nur noch die überfällige Familienzusammenführung, bevor er zu Vangelis‘ Partitur (die jetzt von Hans Zimmer und Bejamin Wallfisch aufbereitet wird), im Schnee sitzt und (vermutlich) ausgeht, in den Ruhestand versetzt wird, sprich. Time to die. Again. Ob ich das sonderlich originell finden möchte, wie so viele andere Elemente, die Villeneuve siegesgewiss als genau das – nämlich originell – veräußert, kann ich noch immer nicht recht sagen.
„Blade Runner 2049“ ist gewiss kein schlechter Film. Er ist immer noch hinreichend visionär und von etlichen Meistern ihres Fachs in streckenweise gewiss bravourösem Zusammenspiel kreiert worden. Er macht seinem Vorbild keine Schande und erweist ihm seine Ehrerbietung, so gut es ihm möglich ist. Der göttliche Funke jedoch, jener manchmal winzig kleine Sprenkler, der schlussendlich veritables Genie vom zuverlässigen Gesellenstück abhebt, der fehlt.

7/10