WONDER WOMEN

„I don’t like long legs. They get in the way.“

Wonder Women (Liebesgrüße aus Fernost) ~ PH/USA 1973
Directed By: Robert Vincent O’Neill

Als überall auf der Welt spurlos Spitzensportler verschwinden, werden die Geheimdienste hellhörig. Spitzenagent Mike Harber (Ross Hagen) soll eine lose Spur in Manila aufnehmen, die über Umwege zu der kriminellen Organisation der verrückten Wissenschaftlerin Dr. Tsu (Nancy Kwan) führt. Diese hat eine Methode zur Verpflanzung jedes beliebigen Körperteils entdeckt und verschachert nun die Bestände ihres wachsenden Sammelsuriums an die global Meistbietenden. Harber muss gut aufpassen, denn bald schon liegt auch er unter Tsus Skalpell…

Grundsätzlich mäßig interessanter Bond-Spoof der gröberen Sorte, der es jedoch infolge der Unterstützung ein paar augenscheinlich kleiner Details zumindest ins Semi-Finale schafft. An erster Stelle wäre da selbstverfreilich die an Kalauern alles andere als arme, gut hörbar von Rainer Brandt oder Arne Elsholtz erstellte Synchronfassung zu nennen, die „Liebesgrüße aus Fernost“ zumindest für den bundedeutschen Betrachter verpflichtend begleiten sollte. Das vehement zwischen aufreizend-unpassend und abseitig oszillierende Nonsens-Gesäusel besitzt absolute Liebhaberqualitäten, etwa, wenn Ross Hagen sich mit der Stimme von Thomas Danneberg zur Anmache einer weiblichen Bar-Entdeckung anschickt: „Hallo, ich bin der Erbprinz von Salzufflen.“ Man könnte endlos weitere Beispiele aus jenem pathologischen Lyrikfundus zitieren.
Doch „Wonder Women“ hat noch etwas wirklich Tolles (in dem Falle sogar Ureigenes) zu bieten, das das tapfere Durchstehungsvermögen des Psychotronikfreundes fürstlich belohnt: die monströse Menagerie von Dr. Tsus (eine Art Sumuru-Plagiat, für das man sich immerhin die Physis von Nancy „Suzie Wong“ Kwan zu sichern wusste) medizinischen Fehlschlägen, die auf strohiger Unterlage hinter Gittern ihr entseelt-mutiertes Dasein fristen und natürlich bloß auf die überfällige, stumpfe Rache sinnen. Wehe, wenn sie losgelassen! Und freilich passiert beizeiten genau das, unter allem gebührlichen Getöse, wenn auch immer noch bedauernswert jugendfrei.
„Wonder Women“ belohnt den geneigten Entdecker also mit einer Menge antiräsonalem Schabernack, dem auszusetzen sich trotz manch eher fader Phase inmitten des auch mit 82 Minuten eigentlich noch immer viel zu langen Blödsinns eine Menge Freude bereitet. Oder bereiten kann – das liegt dann wieder bei jedem selbst.

6/10

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THE MAN WHO CHANGED HIS MIND

„Most of me is dead. The rest of me is damned.“

The Man Who Changed His Mind (Der Mann, der sein Gehirn austauschte) ~ UK 1936
Directed By: Robert Stevenson

Die Nachwuchschirurgin Clare Wyatt (Anna Lee) meldet sich bei dem zurückgezogen forschenden Gehirnexperten Dr. Laurience (Boris Karloff), um ihm zu assistieren. Laurience, dessen einziger Freund sein zynischer, im Rollstuhl sitzender Adlatus Clayton (Donald Calthrop) ist, offeriert Clare, dass er einen Weg gefunden hat, die Gehirnmuster eines Lebewesens mit denen eines anderen zu vertauschen, dass also eine vollständige Übertragung des Geistes möglich ist. Was bisher bei Schimpansen funktionierte, will Laurience nun auch an Menschen erproben. Die finanzielle Bezuschussung erhält er durch den reichen Pressemogul und Gönner Haslewood (Frank Cellier), dessen Sohn Dick (John Loder) Clares Freund ist. Doch Laurience wird öffentlich verlacht, eine erste Demonstration geht schief und der frustrierte Wissenschaftler tauscht kurzerhand den Geist Haslewoods mit dem des sterbenden Clayton. Lauriences Wahn ergreift mehr und mehr Besitz von ihm. Schließlich will er Clare für sich haben und fasst einen weiteren, perfiden Plan…

Ein berufsbedingter Ausflug in die Alte Welt führte Boris Karloff ins Königreich, wo er unter der Ägide der Gainsborough Pictures (Produktion), der Gaumont British (Verleih) und der Inszenierung des späteren Disney-Regisseurs Robert Stevenson dieses erstklassige Mad-Scientist-Movie bespielte. Die verführerische Diabolik des Sinistren lastet diesmal allerdings nicht allein auf seinen Schultern; mit seinem nicht minder hinterlistigen Freund Clayton kann er zumindest, so lange dieser ihm von Nutzen ist, auf einen „gleichwertigen“ Kompagnon setzen. „The Man Who Changed His Mind“ (der in William K. Eversons im Rahmen von Goldmanns Citadel-Reihe erschienen Standardwerk „Klassiker des Horrorfilms“ so wunderhübsch eingedeutscht wurde als „Der Mann, der es sich anders überlegte“) hält den Vergleich mit jeder aus dieser Zeit stammenden, phantastischen Studioproduktion aus Hollywood Stand und zieht sämtliche, teils bereits standardisierten Register: Der zauselige, zwangselixierte Wissenschaftler in seinem gräulichen Provinzhaus mitsamt Versuchsaffen, der sein Genie infolge ihn missverstehender Kollegen für das Böse missbraucht und schließlich zum Mörder wird, die schöne, wissbegierige Nachwuchswissenschaftlerin, die bei ihm an der denkbar falschesten Adresse ist und schließlich eine unglückliche Liebe, die das diesmal sehr menschliche Biest am Ende zu Fall bringen wird. Immerhin – auch diesmal ist Karloffs Figur nicht durchweg verloren; sterbend bereut Dr. Laurience seine Untaten. Alles drin, alles dran. Als zusätzliches Kuriosum dürfte noch erwähnt werden, dass Karloffs Figur hierin Kette raucht, als gäbe es kein Morgen. Kaum eine Einstellung, in der er nicht ohne Glimmstengel zu sehen ist, womit Dr. Laurience vermutlich der Titel des nikotinsüchtigsten verrückten Filmwissenschaftlers aller Zeiten gebührt.

8/10

THE WALKING DEAD

„You can’t kill me for something I didn’t do! You can’t!“

The Walking Dead (Die Rache des Toten) ~ USA 1936
Directed By: Michael Curtiz

Der gutmütige, arbeitslose Pianist John Ellman (Boris Karloff) gerät in die Fänge einer Gangsterclique, die ihn als Täter für den Mord an einem Richter (Joseph King) vorschiebt. Der tatsächlich unschuldige Ellman wird gefasst und trotz aller Beteuerungen, gelinkt worden zu sein, verurteilt. Ellman landet auf dem elektrischen Stuhl, bevor man seine Hinrichtung wegen begründeter Zweifel aufschieben kann. Dem übereifrigen Dr. Beaumont (Edmund Gwenn) gelingt es jedoch, Ellman ins Leben zurückzuholen, doch er ist nicht mehr derselbe. Immer wieder zieht es ihn, einem Racheengel gleich, zu den an seinem Tode schuldigen Verbrechern, die einer nach dem Anderen in Todesangst das Zeitliche segnen. Als Ellmans Vergeltungsmission vollendet ist, findet auch er endlich den verdienten und ersehnten Frieden.

Für einen der raren Beiträge zu ihrem eigenen, kleinen Horrorzyklus, der nicht zuletzt als Konkurrenz zu den Monsterfilmen und -Serials der Universal entstand, sicherte man sich bei Warner Bros. aufs Neue die Beteiligung des genreerprobten Darstellers Boris Karloff, der in „The Walking Dead“ eine wiederum sehr tragische Rolle als Quasi-Zombie einzunehmen hatte. Sein John Ellman ist zu Lebzeiten ein eigentlich feinsinniger, bemitleidenswerter Ex-Knacki, dem das Leben ohnehin schon übel mitgespielt hat und der dann zu allem Überfluss noch in schlechte Gesellschaft gerät. Sein Leidensweg endet jedoch nicht mit dem unverdienten Tod, da der allzu neugierige Wissenschaftler Beaumont Ellman eilends aus dem Jenseits zurückholt, um von ihm zu erfahren, wie es wohl auf der anderen Seite aussehe.
Der wiedergekehrte, nicht recht bei Form befindliche Ellman wird als wissenschaftliche Sensation gefeiert und darf neugierigen Besuchern aus der besseren Gesellschaft sein Klavierspiel demonstrieren – eine horrible Kuriosität, der erst jetzt (ein pervertiertes, sensationalistisches) Interesse zuteil wird. Den Gangstern, die die Schuld an Ellmans Tod tragen, geht jedoch verdientermaßen rasch die Muffe – offenbar ist der vormalige Tote mit einem überirdischen Gerechtigkeitsauftrag zurückgekehrt, der ihrer aller Ableben vorsieht.
Karloff hatte zunächst Bedenken, die Rolle anzunehmen, da sie der des Frankenstein-Monsters allzu sehr ähnelte und er sich typologisch nicht festlegen lassen wollte. Am Ende ist sein John Ellman jedoch wohl zu einer seiner schönsten Darstellungen überhaupt gereift, so wie „The Walking Dead“ eigentlich auch bloß teilweise dem Bild klassischen Horrors entspricht. Curtiz‘ Film ließe sich möglicherweise wesentlich treffender als „phantastisches Drama“ umschreiben, das niemals den Fehler begeht, allzu viele seiner immanent dräuenden Geheimnisse auszuplaudern. Diese Einordnung manifestiert sich besonders zum Ende, als der nicht locker lassende Dr. Beaumont Ellman ein letztes Mal etwas über das Jenseits entlocken will, jedoch wiederum leer ausgehen muss.

8/10

SHOCK WAVES

„Get off my island!“

Shock Waves ~ USA 1977
Directed By: Ken Wiederhorn

Während eines kleinen Kreuzfahrt durch die Karibik werden die Mitreisenden zunächst Zeugen eines seltsamen Seebebens, woraufhin der Kompass seinen Dienst quittiert und das ohnehin marode Schiffchen vor einer unbekannten Insel auf eine Schlammbank läuft. Der nächtens verschwundene Kapitän (John Carradine) wird kurz darauf tot am Strand aufgefunden. Der Maat Keith (Luke Halpin) und die übrigen Passagiere schlagen sich bis zu einem feudalen, alten Gemäuer im Herzen der Insel durch, dessen einziger Bewohner, ein grantiger, alter Herr (Peter Cushing), ihnen bedeutet, „seine“ Insel schleunigst wieder zu verlassen. Der Grund für dessen Besorgnis wird bald ersichtlich: Der Gute war im Zweiten Weltkrieg Kommandant einer gefürchteten Sondereinheit der SS, die aus im Zuge von Naziexperimenten entstandenen Supersoldaten bestand. Jene sind entgegen der Annahme des Alten mitnichten vor der Insel ertrunken, sondern durch das Seebeben zu neuem Leben erwacht und gehen nun unbarmherzig auf alles los, was sich bewegt…

Ken Wiederhorns kurze Karriere als Regisseur währte nur vergleichsweise schmale sechzehn Jahre und brachte lediglich sieben Werke hervor, von denen immerhin ganze vier dem Horrorgenre zuzurechnen sind. „Shock Waves“, eine kostengünstige, kleine Indie-Produktion, markierte dabei sein etwas schmallippiges Debüt. Abseits von den anekdotenstiftenden Auftritten der wie stets sehenswerten Grandseigneurs Carradine und Cushing, deren Engagements zugleich einen Großteil des zur Verfügung stehenden Budgets verschlang, kann noch die hier erstmalig kreditierte Brooke Adams, nicht nur in jungen Jahren eine überaus aparte und vor allem auch darstellerisch sehr begüterte, charismatische Aktrice, die gleich danach von Terrence Malick „entdeckt“ wurde und hier final girl und Rahmenhalterin der Mär, einige Pluspunkte einfahren.
Darin erschöpfen sich die Qualitäten von „Shock Waves“ allerdings bereits weitgehend. Dabei erscheint die Idee um eine kleine Garnison untoter, entfesselter Sturmsoldaten arischer Provenienz gar nicht mal übel, zumal Wiederhorn hinsichtlich des Themas Nazi-Zombies heute ja gewissermaßen als Entrepreneur dasteht. Es hapert jedoch an der Umsetzung – insgesamt sechs etwas aufgeschwemmte, tote Heinos tauchen allenthalben aus irgendeiner Pfütze auf, schlurfen durchs Areal und erwürgen ihre sich zumeist gewohnt dämlich anstellenden Opfer. Dass man ihnen bloß die Brille von den verdörrten Augen reißen muss, um sie ein für allemal lahmzulegen, macht sie nicht eben bedrohlicher und so hat man sich mit dem Wenigen zu begnügen, was „Shock Waves“ an Erinnerungswertem auffährt.

5/10

WONDER WOMAN

„What I do is not up to you!“

Wonder Woman ~ USA/CN/HK/UK/I/CAN/NZ 2017
Directed By: Patty Jenkins

Die Amazone Diana (Gal Gadot) wächst unter ihren Stammesgenossinnen auf der vom Rest der Welt abgeschotteten Insel Themyscira auf, deren Bewohnerschaft eine enge Verbindung zur griechischen Sagenwelt pflegt. Ihren ersten Mann bekommt Diana 1918 zu Gesicht, als der US-Pilot Steve Trevor (Chris Pine) durch Zufall vor ihrer Insel notwassert. Als die idealistische, friedliebende Diana von ihm erfährt, was sich justament in der Außenwelt abspielt, entschließt sie sich in der Überzeugung, der Kriegsgott Ares sei für jene Schrecknisse verantwortlich, Trevor zu folgen und den mythologischen Unhold zu stellen. Bevor sie Ares tatsächlich gegenübersteht, hat Diana noch einige Abenteuer zu bestehen.

Mit „Wonder Woman“ geht DC in die vierte Filmrunde und liegt damit noch immer meilenweit hinter der Konkurrenz von Marvel zurück. Ob sich dahinter eine Strategie verbirgt, das Publikum nicht zu übersättigen, oder ob es schlicht der zurückhaltenderen Qualität der Resultate anzulasten ist, dass sie wesentlich geringer frequentiert zu Tage treten, mag Spekulationssache sein. „Wonder Woman“, um den ja wieder recht großes Trara veranstaltet wurde, von wegen „erster von einer Regisseurin inszenierter Superheldenfilm“ etc.pp. bewegt sich ziemlich eindeutig auf der von „Man Of Steel“ und „Batman V Superman“ vorgerodeten Schneise, den etwas schmalhirnigen „Suicide Squad“ eimal außen vorgelassen. Die Titel-Heroine, neben Superman und Batman seit jeher die Dritte im Bunde von DCs „Big Three“, hatte ihr aktuelles Debüt ja bereits inmitten der beiden alliierten Muskelprotze bei Zack Snyder gegeben und eine  dementsprechend sanft eingeleitete Kinogeburt. Innerhalb der Rahmenhandlung erhält sie von niemand Geringerem als dem alten Flederfuchs Bruce Wayne ein altes Foto aus dem Ersten Weltkrieg, das die seither um keinen Tag gealterte Heldin mit ihrem damaligen Galan Steve Trevor an der belgischen Front zeigt. Die hernach präsentierte origin wird also im Zuge einer Erinnerung abgespielt. Wonder Womans Herkunftsgeschichte ist im Rahmen ihrer Comic-Historie wohl so oft umgeschrieben und neu interpretiert worden wie die keiner anderen DC-Figur; mal ist sie aus einem Lehmklumpen heraus entstanden, dann wieder das Resultat eines schwachen, fleischlichen Moments, mal gibt es zwei Wonder Women (Dianas Mutter Hippolyta ist eigentlich ihre Vorgängerin). Was also eine wie auch immer geartete, direkte Anbindung an das gezeichnete Vorbild anbelangt, konnte der Film praktisch so gut wie nichts falsch machen. Die Idee, Diana erstmals vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs aktiv werden zu lassen ihr hernach gleich auch noch dessen Beendigung zuzuschreiben, erweist sich als durchaus charmant. Dass bei den betagteren Vertretern der Superheldenzunft auch historische Szenarien funktionieren, wissen wir bereits von „Captain America: The First Avenger“. Das Schützengrabengetümmel der Westfront bietet der Heldin allerlei rustikale Gelegenheiten, ihre noch nicht zur Gänze entdeckten Fähigkeiten auszuschöpfen und ordentlich kaiserliche Soldaten von der Platte zu putzen. Mir hat’s gefallen. Gal Gadot geht als nahezu perfekte Realinkarnation der schönen Amazone durch, Chris Pine erschien mir indes austauschbar. Subsummiert ist „Wonder Woman“ durchaus okay und phasenweise sogar vergnüglich, wozu insbesondere eine gepflegte Leichtigkeit im Umgang mit dem Sujet beiträgt. Dennoch freue ich für meinen Teil mich nach wie vor wesentlich mehr auf „Infinity War“ als auf den „Justice League“-Film.

7/10

THE PROJECTED MAN

„Take a good look! I’m a monster!“

The Projected Man (Frankenstein 70 – Das Ungeheuer mit der Feuerklaue) ~ UK 1966
Directed By: Ian Curteis

Unter stetigem Druck durch seinen Projektleiter Blanchard (Norman Wooland), der ihn am Liebsten vom Fleck weg schassen würde, arbeitet Dr. Paul Steiner (Bryant Haliday) an einer waghalsigen Experimentreihe, an deren Ziel die Projektion organischer Materie von einem Ort zum anderen steht. Hilfe erhält er von seinem Assistenten Mitchel (Ronald Allen) und seiner früheren Freundin Patricia (Mary Peach). Dennoch geht eine wichtige Demonstration in Gegenwart von Steiners früherem Mentor Lembach (Gerard Heinz) schief und Steiner wagt frustriert einen Selbstversuch, der katastrophal misslingt: Zwar vollzieht sich die Projektion, doch Steiner erscheint nach seiner vorübergehenden Auflösung als Monster mit halb entstelltem Gesicht und einer verbrannt aussehenden Kralle, die alles, was sie berührt, umgehend tötet. Jeder Versuch von Mitchel und Mary, den zunehmend wahnsinnig Werdenden zur Vernunft zu bewegen, scheitert…

Mit dem von der deutschen Titelschmiede aufgegriffenen „Frankenstein“- Ikonografie hat „The Projected Man“ faktisch gar nichts zu tun, mit Ausnahme vielleicht des ebenso genialen wie verschrobenen Wissenschaftlers im Zentrum der Ereignisse, der sich über die physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Schöpfung und Natur zu erheben versucht. Gut, der Mann heißt außerdem „Steiner“, was eine entsprechende Parallelisierung allerdings nicht zwangsläufig offensichtlich machen muss. Vielmehr steht Curteis‘ Film in der Tradition der im Zuge eines verhängnisvollen Selbstexperiments zu grauerregenden Monstren mutierenden mad scientists, die am Ende einen hohen Preis für ihre Freveleien zu bezahlen haben; angefangen bei Stevenson und Wells und in diesem speziellen Fall stark von der „The Fly“-Trilogie beeinflusst. Auch in jener ging es ja um Teleportation und einen massiv scheiternden Versuch, der das Genie zur Bestie werden ließ, wobei zumindest der physikalische Ansatz in „The Projected Man“ – der Titel verrät es bereits – sich geflissentlich vom Vorbild unterscheidet. Hier vermischen sich nicht etwa zwei Erbgüter von Mensch und Tier; die Veränderung des Erfinders vollzieht sich vielmehr ausschließlich durch die Tücken der unwägbaren Technologie. Heraus kommt ein optisches Pendant zum alten Batman-Gegner Two-Face, das zudem die mörderische Superkraft besitzt, allein durch die Berührung mit seiner Hand hochenergetische Stromschläge in seine ergo umgehend gerösteten Opfer zu jagen. Dass man angesichts solcher äußeren Umstände dem Irrsinn anheim fällt, ist da eine schon logische Schlussfolgerung.
„The Projected Man“ ist sichtbar billig hergestellt worden, entfaltet aber einen gewissen, sicherlich nicht eben problemlos herauszufilternden Charme, der ihn eben vor allem für Liebhaber verrückter Wissenschaftler goutierbar macht. Dass der Produzent John Croydon dem ursprünglichen Regisseur Ian Curteis gegen Ende der Dreharbeiten das inszenatorische Zepter entriss, macht sich nicht bemerkbar, ebensowenig wie die Tatsache, dass Bryant Haliday, der den bedauernswerten Dr. Steiner gibt, Mitbegründer der Filmpräservationsstätte Janus Films war, die sich wiederum zu einem wichtigen Partner von Criterion mauserte.

5/10

GET OUT

„This bitch is crazy!“

Get Out ~ USA 2017
Directed By: Jordan Peele

So wirklich Lust, seine Schwiegereltern in spe kennenzulernen hat Chris (Daniel Kaluuya) nicht; hält er selbst es doch noch immer für keine Selbstverständlichkeit, dass ein dunkelhäutiger Typ wie er eine weiße Freundin wie Rose (Allison Williams) ausführt. Dennoch steht ein Wochenende in der Provinz auf dem Plan, in dessen Zuge man Roses alte Herrschaften Dean (Bradley Whitford) und Missy Armitage (Catherine Keener) in ihrer großzügigen Villa einen Besuch abstattet. Zwar geben die beiden sich als betont liberal, sind Chris jedoch trotz aller Bemühungen kreuzunsympathisch. Auch die beiden farbigen Hausangestellten, Gärtner Walter (Marcus Henderson) und Georgina (Betty Gabriel), Mädchen für Alles, erwecken ungute Assoziationen bei Chris. Noch bizarrer wird die Situation, als die Armitages ihr alljährliches Gartenfest ausrichten: Die Gäste scheinen durch die Bank etwas zu verbergen. Als Chris endlich die ihn umspielende Scharade durchschaut, ist es bereits zu spät…

In der Tradition der Geschichten von Ira Levin findet sich diese gleichermaßen schwarzhumorige wie spannende, moderne Rassismusallegorie, die auf grandios-treffende Weise das neoliberale Verständnis von „gelungener Integration“ überspitzt und zu einer gescheiten Genrefarce schmiedet. Vor allem „The Stepford Wives“ blinzelt aus jeder Pore von „Get Out“ hervor; wie Levins sich ungebrochener Aktualität erfreuende Story der Frauenbewegung annahm, nimmt „Get Out“ den (amerikanischen) Alttagsrassismus aufs Korn. Dabei ist Jordan Peele glücklicherweise viel zu intelligent, um eine bloße Ku-Klux-Klan-Fabel zu erzählen und fanatische Neonazis Jagd auf hilflose Schwarze machen zu lassen. Seine postmodernen Rassisten entstammen ausschließlich der weißen Elite jenseits der 50, die die unhaltbaren Vorurteile ihrer Ahnen längst abgelegt haben und die den Afroamerikaner an und für sich vielmehr als physisch begütert, um nicht zu sagen, als erstrebenswerte Hülle betrachten. Dean Armitage, in der Tradition seines Vaters ein versierter Hirnchirurg, hat daraus einen einzigartigen Geschäftszweig für dekadente Eingeweihte kultiviert: Er überträgt die Hirnmuster eines durch natürliche Faktoren zum Tode verurteilten oder sonstwie körperlich beeinträchtigten weißen Seniors – des Meistbietenden freilich – auf die eines jungen, gesunden Schwarzen, dessen eigene Persönlichkeit dabei nahezu völlig in den psychischen Hintergrund gedrängt wird. Die elementare Aufgabe der überaus attraktiven Rose ist es dabei, die unfreiwilligen Probanden ins Haus der Armitages zu locken, wo die entsprechende Operation dann stattfinden kann. Glücklicherweise ist Chris, nachdem er bereits in der Falle sitzt, noch immer wehrhaft genug, um sich aus dem Horrorszenario freizukämpfen.
Jordan Peele hat mit „Get Out“ eine exzellente Mixtur aus Sozialsatire und klassischem Horrorkino geschaffen, die die bedauerlicherweise noch immer gegenwärtige Segregationsproblematik auf ebenso flüssige wie schlüssige Weise mit dem traditionsbeflissenen Motiv des mad scientist verbindet. Frankensteins kleines Rassistenlabor – brillant!

9/10