NO SUDDEN MOVE

„Sometimes when people lie, they tend to over-explain.“

No Sudden Move ~ USA 2021
Directed By: Steven Soderbergh

Detroit, 1954. Die beiden Kleinganoven Curt Goynes (Don Cheadle) und Ronald Russo (Benicio Del Toro) erhalten gegen ordentliche Bezahlung einen vermeintlich simplen Job: Sie sollen gemeinsam mit einem weiteren Partner namens Charley (Kieran Culkin) die Familie des GM-Mitarbeiters Matt Wertz (David Harbour) in ihrem Haus bewachen und selbigen dazu nötigen, ein brisantes Dokument aus dem Safe seines Chefs Forbert (Hugh Maguire) zu stehlen. Als Wertz in seiner Not die falsche Akte beibringt, registrieren Goynes und Russo, dass sie weitaus weniger über ihren Auftrag wissen, als notwendig wäre und retten Wertz und dessen Familie, bevor Charley sie erschießen kann. Nunmehr selbst auf der Flucht vor ihren Auftraggebern und stets bereit, sich gegenseitig zu übervorteilen, treten die beiden Gangster die Flucht nach vorn an. Dabei bekommen sie es nicht nur mit unterschiedlichen Mafia-Ablegern und dem FBI zu tun, sondern auch mit dem mächtigen Boss (Matt Damon) eines konkurrierenden Autoherstellers…

Steven Soderberghs Ankündigungen, kürzer zu treten oder sich vorübergehend ganz aus dem Filmgeschäft zu verabschieden, erwiesen sich im Laufe der Jahre längst als zuverlässiger running gag. Seit 1989 kommt er auf ganze 32 Langfilm-Regiearbeiten, was durchschnittlich einem Werk pro Jahr entspricht – von seinen (Neben-)Tätigkeiten als Dokumentarist, Produzent oder der Arbeit fürs Fernsehen ganz abgesehen. Wenngleich gewiss nicht jeder Film Soderberghs zum instant classic taugt, so ist doch eine beträchtliche Zahl gelungener bis exzellenter darunter. Der etwa zeitgleich von Warner ins Kino gebrachte und von HBO Max als VOD angebotene „No Sudden Move“ bewegt sich dabei nonchalant im oberdurchschnittlichen Qualitätssektor.
Angedenk früherer von ihm inszenierter Gangsterfilme oder Thriller mit kriminalistischer Thematik kann (oder muss) man Soderbergh zunächst attestieren, heuer deutlich unaufgeregter und auch unspektakulärer zu Werke zu gehen. Auf formale Spielereien und exaltierte Montagen, wie sie sich noch vor zwanzig Jahren en gros etwa in extremen Farbfiltern, close ups, Überblendungen oder nervöser handycam veräußerten, verzichtet er nunmehr fast zur Gänze und verlässt sich stattdessen auf die Wirkung eines wendungsreichen und ausgefeilten Scripts sowie seine wie gewohnt bestens aufgelegten Besetzung, die mit den beiden Protagonisten-Darstellern einmal mehr auf langjährige Kollaborateure zählen darf. Dass „No Sudden Move“ es in der sich nach diversen Ränkespielen entfaltenden conclusio vielleicht ein klein wenig übertreibt, wenn er seinen großen Macguffin als frühen Schadstoffkatalysator outet, dessen Existenz die Autoindustrie wohlweislich vor Politik und Öffentlichkeit geheimzuhalten trachtet, kann man dem sich stellenweise wie ein thematisches „Best Of“ aus früheren Soderbergh-Werken ausnehmendem Film dabei durchaus nachsehen. Ein wenig antikapitalistische Relevanz hat ja noch keinem Genrestück geschadet.

7/10

MOBSTERS

„This ain’t money, Tommy. This is friendship.“

Mobsters (Die wahren Bosse) ~ USA 1991
Directed By: Michael Karbelnikoff

New York in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Ihrer unterschiedlichen ethnischen Abstammung zum Trotz werden die vier Nachwuchsgangster Charlie Luciano (Christian Slater), Meyer Lansky (Patrick Dempsey), Benny Siegel (Richard Grieco) und Frank Costello (Costas Mandylor) eingeschworene Freunde und Partner. Protegiert von dem Alkoholschmuggler Arnold Rothstein (F. Murray Abraham) gelingt ihnen der Aufstieg zu ernstzunehmenden Konkurrenten der beiden alteingesessenen Mafiabosse Don Faranzano (Michael Gambon) und Don Masseria (Anthony Quinn), die sich zuvor stets bloß gegenseitig bekriegt haben und nun versuchen, Luciano jeweils für ihre Familie zu instrumentalisieren. Dass sie dabei jedoch alles andere als zimperlich vorgehen, wird den beiden Altpatriarchen bald zum blutigen Verhängnis.

Amerika und damit auch Hollywood lieben ihren historischen Gangster und mit ihm seinen ihn reichhaltig umspannenden Nimbus. Die entsprechende Figur bildet infolge dessen zugleich einen Archetypus des Films und avancierte seit dessen Anfängen zum steten Dauergast und damit elementarem Baustein des Kinos. Insbesondere die Ära der Prohibition und daran anschließend die der Großen Depression haben dabei die größten und dankbarsten Milieugrößen hervorgebracht, darunter die in „Mobsters“ ziemlich semiauthentisch porträtierten New Yorker Tommy-Gun-Legenden. Die erste von nur zwei Regiearbeiten von Michael Karbelnikoff bildet dabei einen eher halbherzigen Versuch der produzierenden Universal, sich ein Stückchen vom Kuchen der großen Doppel-Gangsterfilm-Saison 90/91 zu sichern. Allein 1991 wurden nebenbei gleich drei Filme produziert, in denen Benjamin „Bugsy“ Siegel eine mehr oder weniger elementare Rolle zukam, darunter der vorliegende.
Im Gegensatz zu den meisten überaus gelungenen und teilweise längst zu Klassikern avancierten Unterweltepen seiner Ära muss man „Mobsters“ allerdings bescheinigen, ziemlich krachend in die Binsen gegangen zu sein, wenn auch in nicht uninteressanter Weise. Das rund vierzehn Jahre (von 1917 bis 1931, dem Gründungsjahr der „Commission“, des Dachverbands der Cosa Nostra) währende, ebenso komplexe wie ereignisreiche golden age des Aufstiegs von Luciano, Costello, Lansky und Siegel quetscht der Film in ein hundertminütiges Erzählkorsett und kann damit freilich nur scheitern. Für die Interpretationen der vier tatsächlichen, mit Ausnahme vielleicht von Siegel physiognomisch tatsächlich allen Klischees entsprechenden Protagonisten, zog man ausgerechnet die bildhübschen Sonnyboys Slater, Dempsey, Grieco und Mandylor heran, damals alle Anfang bis Mitte 20 und gewiss bestens dazu angetan, als Brecher flatternder Mädchenherzen anzutreten, nicht aber unbedingt als verschlagene Könige dercorganisierten Kriminalität. Damit nicht genug, vergaloppiert sich der Film permanent in seinem unbeholfenen Bemühen, sich strukturell konsumierbar zu machen. Wichtige Momente finden sich als hilfloser Kurzabriss, redundanten Liebessequenzen wird im Gegenzug mindestens soviel Platz eingeräumt wie unabdingbaren Actionszenen. Im Grunde wirkt „Mobsters“ trotz keinesfalls weniger schöner Momente meist rein fragmentarisch, ein wenig, wie ein Trailer für einen wesentlich ausufernderen Film, den es am Ende nie gab, da das vorliegende Material nie zum einem konzisen Ganzen finden mag. Dennoch lässt sich sein so häufig im Verborgenen verharrendes Potenzial immer wieder erahnen, so etwa in Aspekten des sorgfältigen Produktionsdesigns und der fraglos vorhandenen Ambition, Zeitkolorit spürbar werden zu lassen. Selbst die Chemie zwischen den ihre Rollen sichtlich ernst nehmenden Slater und Dempsey stimmt soweit. Die erfahrenen Recken Abraham, Gambon und vor allem Quinn (der mit dem echten Frank Costello gut befreundet war) machen sich im Gegenzug jedoch einen Spaß daraus, ihre teils vor einfältigen Klischees nur so strotzenden Dialogzeilen durch vorsätzliches overacting noch mehr hochzujizzen, was dann wiederum alle Versuche in Richtung Ernsthaftigkeit gehörigst unterminiert.
Trotz alldem nehme ich „Mobsters“ nicht als Ärgernis war, sondern als durchaus spaßigen, wohlmeinenden, obschon rasant vor die Wand gesteuerten Versuch, dem arrivierten Genrefilm durch gezielte Modernisierung in Form und Dramaturgie etwas Juvenilität hinzuzusetzen. Dass die Kids dann allerdings eher zu Flottem wie „New Jack City“ oder „Bound By Honor“ tendierten, überrascht allerdings kaum.

6/10

A CLASSIC HORROR STORY

„Stronzo.“

A Classic Horror Story ~ I 2021
Directed By: Roberto De Feo/Paolo Strippoli

Die ungewollt schwangere, kurz vor einer Abtreibung stehende Studentin Elisa (Matilda Lutz) nutzt eine von Filmbuff und Camperbesitzer Fabrizio (Francesco Russo) organisierte Fahrgemeinschaft nach Kalabrien. Mit an Bord sind noch der Arzt Riccardo (Peppino Mazzota) und das junge Traveler-Pärchen Mark (Will Merrick) und Sofia (Yuliia Sobol). In der Nacht setzt der angetrunkene Mark den Wagen mitten in den Wäldern vor einen Baum, nachdem Fabrizio ihm ins Steuer gegriffen hat um einem auf der Straße liegenden Reh auszuweichen. Als das verunfallte Quintett am nächsten Morgen erwacht, ist die Straße verschwunden, stattdessen befindet sich der Camper auf einer Lichtung, auf der auch ein mysteriöses, kleines Holzhaus steht. Bei diesem handelt es sich scheinbar um eine Art Kultstätte heidnischer Sektierer, die drei unheiligen, mittelalterlichen Heilsbringern Menschenopfer kredenzen. Gemeinsam mit einem gewaltsam seiner Zunge entledigten Mädchen (Alida Baldari Calabria), das sie im Haus entdecken, flieht die mittlerweile um Mark dezimierte Gruppe querfeldein, doch alle Entkommensversuche erweisen sich als sinnlos. Die besonders mitgenommene Elisa entdeckt schließlich, das nicht alles ist, wie es scheint…

Wenn zwei junge, von Netflix finanzierte, offenkundig genreaffine Nachwuchsfilmer ihr erstes gemeinsames Werk „A Classic Horror Story“ titulieren, dann zeugt dies wahlweise von besonderem Geisteswitz, mäßigem Humor oder egomanischem Größenwahn. Was davon am Ehesten auf De Feo und Strippoli zutrifft, vermag ich nicht recht zu konstatieren, aber zu ersterem tendiere ich am wenigsten. Der Name des Films ist insofern zutreffend, als dass das Duo sichtlich bemüht ist, möglichst viele der es umtreibenden Genremotive der letzten beiden Jahrzehnte in sein Script zu pfropfen und damit eine wie auch immer geartete Form von „Versiertheit“ zu demonstrieren. „How To Replicate A Dozen Or More Horror Clichés“ wäre insofern zumindest ein ehrlicherer Titel gewesen. Daraus, dass den Autoren im Besonderen daran gelegen ist, den Horrorfilm (zurück) nach Italien zu holen, machen sie im letzten Fünftel, dass natürlich der final girl revenge vorbehalten ist, keinen Hehl und das ist auch grundsätzlich absolut in Ordnung. Schade um die den Film in diesem Zusammenhang zumindest noch ein klein wenig ehrenrettende Matilda Lutz, der nach Coralie Forgeats „Revenge“ doch deutlich Ansprechenders gebührt hätte. Man sollte man doch bitte ein wenig Innovation wagen, denn so wird auch aus den hehrsten Zielen nichts, amici.
Als unausgegorenes Abfallprodukt zu (im Wesentlichen) Ari Asters „Midsommar“ lässt „A Classic Horror Story“ zumindest Erinnerungen an die frühere, kommerzielle Tradition des italienischen Kommerzplagiatismus aufkeimen – ich bezweifle aber, dass solcherlei wirklich im Sinne der Erfinder lag. Paganistische Hinterwäldlerkultisten in hirschartigen Holzmasken kann man nunmehr, zumal in derlei hilflos-unatmosphärische Korsettierungen gezwängt, jedenfalls kaum noch als erschröcklich bezeichnen – auch, wenn die „Auflösung“ sich dann in eine geflissentlich andere Richtung bewegt, Stichwort „’Ndrangheta“, nebst arrivierter Matriarchin (Cristina Donadio), die das professionell gefertigte Snuff Movie als neues, monetäres Mafia-Standbein etabliert. Das alles kommt im dazugehörigen Film mindestens so unausgegoren und dümmlich daher, wie es sich hier liest und ringt einem selbst als zumindest etwas begüterterem Genrefreund bereits ab einem frühen Zeitpunkt bloß noch permanentes Augenrollen ab. Ob der sich so selbstbewusst-breitärschig zwischen alle angebrachten Stühle setzende „A Classic Horror Story“ demzuzfolge überhaupt (s)ein Publikum finden wird, geschweige denn hat, würde mich da in letzter Instanz auch kaum mehr interessieren. Kann weg.

3/10

MESSAGE FROM THE KING

„I’m in trouble. I need your help.“

Message From The King ~ USA/UK/F/BE 2016
Directed By: Fabrice du Welz

Der aus Kapstadt stammende Jacob King (Chadwick Boseman) kommt mit 600 Dollar in der Tasche nach Los Angeles. Er sucht seine Schwester Bianca (Sibongile Mlambo), die bereits vor Jahren hierher gezogen ist und zuvor einen telefonischen Hilferuf abgesetzt hatte. Seine Recherchen führen Jacob umgehend in Unterweltskreise und zu zwielichtigen Typen, als er verzweifelt registrieren muss, dass es bereits zu spät ist. Bianca liegt anonym im Leichenschauhaus, gefoltert und ermordet. Ohne sie offiziell zu identifizieren begibt sich Jacob auf die Suche nach den Schuldigen und stößt in ein Wespennest aus Perversion und Erpressung.

Wie etliche andere internationale Premiumregisseure in den letzten Jahren verschlug es auch Fabrice du Welz irgendwann zu Netflix, wo er seinen ersten englischsprachigen Film, eine Reminiszenz an die Klassiker „Get Carter“ von Mike Hodges und „The Limey“ von Steven Soderbergh, inszenierte. Wie in diesen begibt sich ein zunächst enigmatisch gezeichneter, sorgenvoller Verwandter in unbekannte urbane Gefilde, um die Umstände um das Ableben eines geliebten Familienmitglieds zu klären und, nachdem er die ersten Schichten der betreffenden Affäre offengelegt hat, das kriminelle Hornissennest von innen nach außen zu kehren. Dass Chadwick Boseman als Jacob King im Gegensatz zu Michael Caine und Terence Stamp erst nach den ersten Filmminuten und bereits in seinem Ermittlungsterrain angelangt vom Tod seiner Schwester erfährt, ist dabei im Prinzip reine Makulatur. Sein anschließender Weg jedoch ist nicht minder beschwerlich: Jacobs detektivische Anstrengungen reichen von einer drogenabhängigen Freundin (Natalie Martinez) Biancas über einen südosteuropäischen Mafiaableger, einen kriminellen Zahnarzt (Luke Evans), einen korrupten, stadtoberen Politiker (Chris Mulkey) und sich als Auftragskiller verdingenden Cops bis hin zu einem als Päderast umtriebigen Filmproduzenten (Alfred Molina). Seine einzige Hilfe bezieht Jacob derweil von seiner sich nebenbei prostituierenden Nachbarin (Teresa Palmer). Zunächst nur mit einer Fahrradkette bewaffnet macht sich der cape-flats-gestählte Held daran, ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen – mit erwartungsgemäß beachtlichem Erfolg und eine kleine, unerwartete Eröffnung zum Abschluss inbegriffen.
Namhaft gecastet und vergleichsweise ordentlich budgetiert empfand ich „Message From The King“ nichtsdestotrotz als Fabrice du Welz‘ bis dato schwächsten Film. Wiederum scheint er als Auftragsregisseur einiges an seiner vormaligen Signifikanz einzubüßen und sich damit zu begnügen, reine Genreware zu liefern, die er routiniert, aber ohne besondere Überraschungen vorträgt. Üblicherweise ist der unverstellte bis faszinationsgesäumte Blick europäischer Filmemacher auf das amerikanische Lokalkolorit stets ein Zugewinn, du Welz scheint Los Angeles indes eher zu langweilen. Was er dem flächigen Großstadtmoloch abtrotzt, zeugt jedenfalls kaum von der sonst üblichen Begeisterung des Exoten. Potenziell vielversprechende Augenblicke wie ein an Michael Mann erinnernder Dialog zwischen Boseman und Palmer in einem nächtlichen Diner versanden gar in klischeebehafteter Bedeutungslosigkeit. Tatsächlich lebt „Message From The King“ primär von seinen Darstellern, was keineswegs als Kompliment an einen fähigen Regisseur gewertet werden mag.

6/10

COLT 45

Zitat entfällt.

Colt 45 ~ F 2014
Directed By: Fabrice du Welz

Der Nachwuchspolizist Vincent Milès (Ymanol Perset) gilt trotz seiner jungen 22 Jahre bereits als brillanter Schütze und Ballistik-Profi. Nach einem gewonnen Schießwettbewerb beginnen diverse Sondereinheiten, sich um ihn zu reißen, doch sein väterlicher Kollege Christian Chavez (Gérard Lanvin) rät ihm, über jedes Angebot wohlfeil nachzudenken. Als Vincent dem mysteriösen Spezialbullen und nicht minder exzellenten Waffennarr Milo Caldera (JoeyStarr) begegnet, ist auch dieser von Vincents Fähigkeiten angetan und plant, ihn mit allen Mitteln in sein abseits aller Regularien arbeitendes Team zu holen. Zu diesem Zweck entspinnt er eine Intrige, die den nichtsahnenden Vincent immer tiefer in den Abgrund reißt, bis dessen tödliches Echo schließlich zu Milo zurückgelangt.

Obschon bereits vor „Alléluia“ entstanden, erlebte „Colt 45“ mit diesem fast zeitgleich seine Premiere. Fabrice du Welz und Fathi Beddiar, der Autor des Films, sind auf das fertige Produkt wohl nicht sonderlich gut zu sprechen. Zum einen verhinderte das eingegrenzte Budget, dass alle Szenen so gedreht werden konnten, wie du Welz und Beddiar sich dies gewünscht hätten, zum anderen gab es zunehmende Querelen seitens der arrivierten Hauptdarstellern Lanvin und JoeyStarr. Die unglücklichen Umstände führten schließlich dazu, dass du Welz und Beddiar sich weigerten, „Colt 45“ zu promoten. Abgesehen von der auffallend kurzen Erzählzeit von etwa 80 Minuten, die das Aussparen der einen oder anderen Sequenz geradezu suggeriert, mangelt es dem Film dennoch nicht an Fluss und Spannung.
Die Story um den naiven, jungen, wenngleich hoch inselbegabten Anfänger, der in einen ihm unbekannten, nach eigenen Regeln funktionierenden Mikrokosmos aus Konkurrenz, Korruption, und reziproker Übervorteilung gerissen wird, ist dabei keineswegs neu, sei es bezogen auf den Polizeifilm oder auch auf andere Subgenres wie das Gerichtsdrama. Der zumindest traditionsbewusst erscheinende „Colt 45“ spielt das Sujet so solide wie gekonnt durch und vermag mit dem angenehmen Ymanol Perset einen noch relativ unbehauenen Jungakteuer als Spielball der erfahrenen Mächte ins Feld zu werfen, der, einmal entfesselt und seiner ihn schützenden moralischen Unschuld beraubt, schließlich selbst zum tödlichen Hauptakteur wird – die Geburtsstunde eines Killers.
So durchweg brauchbar „Colt 45“ als Genrestück daherkommt, so wenig findet sich darin Fabrice du Welz‘ bis dorthin etablierte, kurzlebige aber prägnante Signatur als auteur wieder. Nachdem er sich in seinen Vorgängerfilmen und auch im nachfolgenden „Alléluia“ mit unauslotbaren humanen Untiefen beschäftigte, kratzt das vorliegende Werk bestenfalls an diesbezüglichen Oberflächen, kommt jedoch kaum über ein relativ gewöhnliches Maß hinaus. Allzu grob silhouettiert bleiben die Figuren, allzu skizzenhaft ihre jeweilige Entwicklung.

7/10

I CONTRABBANDIERI DI SANTA LUCIA

Zitat entfällt.

I Contrabbandieri Di Santa Lucia (Der große Kampf des Syndikats) ~ I 1979
Directed By: Alfonso Brescia

Um eine enorme, aus dem Iran kommende Heroinlieferung nach New York auszubremsen, setzt der emsige Zollbeamte Ivano Radovich (Gianni Garko) alles auf eine Karte: Er versucht, die tödliche Fracht in ihrer letzten Zwischenstation Neapel aufzuhalten. Zu diesem Zweck sucht er die Bekanntschaft des hiesigen Tabakschmuggler-Paten Don Francesco Antiero (Mario Merola) und schließt einen Deal mit ihm ab: Wenn Don Francesco Radovich hilft, die Drahtzieher des Drogentransfers zu finden, so dessen Zusicherung, lässt der Zoll die kleinen Zigarettenverkäufer des Hafenviertels Santa Lucia vorübergehend gewähren. Was Don Francesco nicht ahnt – niemand Geringerer als sein Berufsgenosse, der offiziell als Süßwarenfabrikant tätige Don Michele Vizzini (Antonio Sabato), den Francesco blauäugig in Radovichs Pläne einweiht, ist im Auftrag des New Yorker Syndikats unter dessen Boss Don Avallone (Rik Battaglia) für den Weitertransport des Heroins verantwortlich. Vizzini spielt die Polizei und Don Francesco gegeneinander aus, doch als ein kleines Mädchen (Letizia D’Adderio) beinahe an einer Überdosis Rauschgift stirbt, zieht Francesco die richtigen Schlüsse. Er folgt Vizzini bis nach Manhattan, um ihn dort zu stellen…

„I Contrabbandieri Di Santa Lucia“ ist einer von mehreren Gangsterfilmen, die der Schnellschießer Alfonso Brescia gegen Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre mit Mario Merola in der jeweiligen Hauptrolle sowie unter Verwendung anderer StammschauspielerInnen in rascher Folge vom neapolitanischen Stapel ließ und von denen es leider nur wenige bis nach Deutschland geschafft haben. Die den handwerklich eher grobmotorischen, dabei sympathischen kleinen Werken zugrunde liegende moralische Formel kennt man selbst als weitgehend uneingeweihter Mitteleuropäer jedoch aus den „Piedone“-Filmen mit Bud Spencer: die Menschen der rustikalen Vesuv-Metropole sind arm, aber herzlich, oftmals kleinkriminell, aber beseelt von einem umso größeren Ehr- und Zusammengehörigkeitsgefühl. Mit diesen wohlbewussten Karten spielt auch Brescia, respektive das von Ciro Ippolito mitverfasste Script. Merola als sympathischer Ganove steht im stetigen Kontakt zu den kleinen Straßengaunern und hat eher was von einem Sozialarbeiter denn von einem Gangster oder gar Mafioso. Er leistet sich kein dickes Auto und verdingt als einziges persönliches Faktotum den leicht vertrottelten Chauffeur Cassio (Lucio Montanaro als etwas unbeholfenes comic relief). Ganz im antagonistischen Gegensatz dazu sein schmieriger, sich mit Protz und freizügigen Damen umgebender Konkurrent Vizzini, der prototypische Mafia-Emporkömmling, der als gewohnheitsmäßiger Opportunist ebenso wohlfeil den Speichel der in der Hierarchie über ihm stehenden Bosse leckt wie er Mordaufträge verteilt. Inmitten dieser doch recht durchschaubaren Halbweltkonstellation wirkt Gianni Garko als Zollbeamter schließlich nicht von ungefähr wie ein Fremdkörper, dem es tatsächlich geflissentlich an Durchblick mangelt und dem sowohl die Entschlusskraft als auch die kombattante Überlegenheit eines Maurizio Merli oder Luc Merenda abgeht. Gleich mehrere Male wird er verprügelt, angeschossen oder sonstwie situativ übervorteilt – immerhin lässt ihn dies zugleich recht menschlich erscheinen. Dass ein Großteil des im Übrigen saumäßig montierten, in New York spielenden Finales nebenbei kurzerhand etliche Einstellungen aus Ferdinando Baldis mehrere Jahre zurückliegendem „Afyon Oppio“ recycelt, sieht man Brescias insgesamt doch recht liebenswertem schnellen Brüter durchaus nach.

6/10

CRISIS

„I thought you were my friend.“ – „So did I.“

Crisis ~ CAN/B 2021
Directed By: Nicholas Jarecki

Die USA werden von einer Opioid-Krise gebeutelt. Relativ unumständlich zu verschaffende, starke Schmerzhemmer wie Oxycodon machen in höchstem Maße abhängig und haben durch ihre Verfügbarkeit längst mit dem Konsum illegaler Drogen gleichgezogen. Unkontrollierte, schwer dosierbare Einnahmeformen als Injektion oder Pille gehen häufig mit Atemdepressionen nebst Todesfolge einher. Als neuestes, besonders süchtig machendes Mittel überschwemmt Fentanyl das Land, das den hundertfachen Suchtfaktor von Heroin entwickelt.
Die vormals selbst opioidsüchtige, alleinerziehende Architektin Claire Reimann (Evangeline Lilly) verliert ihren Sohn David (Billy Bryk) infolge einer Überdosis Oxycodon, mag aber nicht glauben, dass der sportbegeisterte Teenager abhängig gewesen sein soll und beginnt, private Ermittlungen in dem Fall anzustellen, die sie nach Montreal führen. Dort leitet der verdeckt arbeitende DEA-Ermittler Jake Kelly (Armie Hammer) just einen großangelegten Schlag gegen den Unterweltboss Mother (Guy Nadon) und die armenische Drogenmafia ein. Derweil gerät der Universitätsbiologe Tyrone Bower (Gary Oldman) in einen schweren Interessenskonflikt: Die im Auftrag eines Pharmamultis durchgeführte Laborversuchsreihe an einem neuem Painkiller, dessen Suchtpotenzial angeblich stark verringert sein soll, zeigt völlig diametrale Resultate; das Medikament wäre im Zulassungsfall möglicherweise hochgefährlich. Gegen den nun folgenden Druck des Großunternehmens hat Bower jedoch keine Chance.

Gute zwanzig Jahre nach Steven Soderberghs nach wie vor bestechendem „Traffic“, dessen erzählerischer Ansatz darin bestand, die Auswirkungen des Heroinschmuggels über die mexikanische Grenze in möglichst vielen sozialrelevanten Facetten widerzuspiegeln, schickt sich Nicholas Jarecki mit dem ähnlich pointiert betitelten „Crisis“ eine aktualisierte Revision des US-Drogenproblems zu schildern. Amerikas neue alternative „Tasse Kaffee“ besteht in painkillers, teilsynthetisch produzierten Opioiden, die nicht in schummrigen Drogenküchen zusammengepanscht, sondern von der globalen Pharmaindustrie in großindustrillem Maßstab produziert werden. Zwar sieht die Gebrauchsspanne jener starken Schmerzmittel vor allem Krebspatienten und ähnlich gelagerte Fälle vor, Oxycodon und das sogar noch brisantere Fentanyl sind aber längst auch auf Straßenlevel erhältlich. Wie stets passen sich die international operierenden Syndikate der veränderten Nachfrage an und finden Mittel und Wege, auch jene Süchtigmacher der geneigten Junkieklientel zugänglich zu machen.
Jene Problematik verhandelt also Jareckis Film, wiederum in drei sich teilweise tangierenden, wesentlichen Narrationssträngen, in deren Zenrtrum jeweils eine ins Sperrfeuer des drug traffic geratende Hauptfigur steht.
Anders als Soderbergh verzichtet Jarecki auf inszenatorische Spezialitäten wie Farbfilter, Wackelkamera und jump cuts, sondern verbleibt in behäbigem, auktorialem Fahrwasser. Abgesehen von wenigen Actionsequenzen, für die freilich Armie Hammer als [auch privat involvierter – seine jüngere Schwester (Lily-Rose Depp) ist selbst schwerstabhängig] engagierter Drogenbulle sorgt, bevorzugt Jarecki gepflegte, umstandslos zu konsumierende Krimi-Flächigkeit. Auch diese Tatsache dürfte dafür mitverantwortlich sein, dass „Crisis“, obwohl er um ein grundsätzlich hochspannendes Sujet kreist, eine wenig mehr denn überdurchschnittliche Gebrauchsqualität an den Tag legt. Die durchweg stereotypisch gezeichneten Charaktere bewegen sich genauso durch ihre Sub-Segmente, wie man es erwarten kann; vom unbestechlichen Ehrenmann, über dessen deutlich ambivalenter agierenden Kollegen und Freund, die skrupellosen Kaptitalismusrepräsentanten (Luke Evans & Veronica Ferres) über die tapfere Selbstjustizlerin bis hin zum von der Resignation überschatteten, aufrechten Cop hält das gebotene Inventar einen gut ausgestatteten, positiv konnotierten Identifikationspool bereit, in dem es sich garantiert jede/r RezipientIn bequem machen kann. Alle drei Stränge schließen zudem mit braven Teil-Happy-Ends, niemand muss hier langfristig in die Röhre (oder ins Röhrchen) blicken. Für einen Film dieses Diskurskalibers empfinde ich soviel euphemistische Einmütigkeit als nicht eben zufriedenstellend.

6/10

CON LA RABBIA AGLI OCCHI

Zitat entfällt.

Con La Rabbia Agli Occhi (Höllenhunde bellen zum Gebet) ~ I 1976
Directed By: Antonio Margheriti

Der in seinen Berufskreisen längst legendäre Profikiller Peter Marciani (Yul Brynner) erhält den Auftrag, den für die New Yorker Mafia zum Problem gewordenen Neapeler Paten Gennaro Gallo (Giancarlo Sbraglia) zu beseitigen. Mit dem Hinweis, Gallo habe vor einiger Zeit seinerseits den Mord an Marciani und dessen erschossenem, jüngeren Bruder befohlen, nimmt der zunächst ablehnende Marciani den Job schließlich doch an. In Neapel angekommen, lernt er den jungen Nachwuchsganoven Angelo (Massimo Ranieri) kennen, der sich dem alten professional andient, verliebt sich in die Striptänzerin Anny (Barbara Bouchet) und gerät mit dem hiesigen Commissario (Martin Balsam) aneinander. Sein eigentliches Ziel jedoch verliert Marciani nie aus den wütenden Augen…

Der Multigenre-Arbeiter Antonio Margheriti hat sein Näschen ähnlich vielen seiner Kollegen irgendwann einmal in nahezu jede von den Italienern vereinnahmte Filmgattung mit Exploitation-Charakter gesteckt. Das von zeitgenössischen Mitstreitern wie Umberto Lenzi, Stelvio Massi oder Sergio Martino (um nur einige wenige wesentliche zu nennen) reichhaltig beackerte Terrain des Poliziottesco bzw. Gangsterfilms jedoch sparte der ja auch gern unter seinem knackigen Pseudonym Anthony M. Dawson firmierende Margheriti auf seiner knapp 60 Werke umfassenden Reise durch die Leinwandgestade weitgehend aus. Eine recht hübsche Ausnahme von jener Regel bildet „Con La Rabbia Agli Occhi“, zugleich der letzte Leinwandauftritt des Hauptdarstellers Yul Brynner, bevor er sich mit vergleichsweise jungen 56 Jahren vom Kino verabschiedete. Die Rolle des abgeklärten, stets schwarz gekleideten Hitman, der unter der Brooklyn Bridge zum Angeln geht, eigentlich doch ein verschmitztes Wesen sein Eigen nennt und nur allzu gern häufiger von den angenehmeren Dingen des Lebens gekostet hätte, bildete aber auch ein schönes Geschenk für Brynner, der den Part dann auch mit sehr viel guter Laune absolvierte.
Mit der wie immer überaus freizügigen, als sehr liebe Tänzerin Anny zu sehenden Barbara Bouchet verbindet ihn bald eine zarte Romanze, die das nur selten ins Deftigere abgleitende Timbre des Films immer wieder hebt. Überhaupt überlässt Margheriti düsteren Zynismus und schwarzen Fatalismus lieber anderen; wie die meisten seiner Werke findet auch „Con La Rabbia Agli Occhi“ von einer – gerade in Anbetracht des gezeichneten Milieus – sehr unbeschwerten Müßigkeit getragen, die allzu trübsinnige Emotionen lieber ausspart. Zu genießen sind derweil die Impressionen Napolis, die hier, anders als aus den Mafia- und Gangsterprügeln jener Tage gewohnt, sogar ausnahmsweise mal betont tourismusaffin daherkommen.

7/10

THE GENTLEMEN

„Ask no questions, hear no lies.“

The Gentlemen ~ UK/USA 2019
Directed By: Guy Ritchie

Der US-stämmige, ungekrönte Marihuana-König Englands, Mickey Pearson (Matthew McConaughey), plant, solide zu werden. Zuvor gilt es jedoch, die sorgsam gepflegten, über die gesamte Insel verteilten Gras-Plantagen und das nicht minder wertvolle Angestellten- und Vertriebsnetz verlustfrei zu veräußern. Dafür wählt Pearson den Milliardär Matthew Berger (Jeremy Strong), der mit dessen 400-Millionen-Pfund-Angebot, wie sich herausstellen soll, zwar leider nicht einverstanden ist, jedoch trotzdem Pearsons Imperium zu übernehmen trachtet. Und der knausernde Berger bleibt nicht Mickeys einziges Problem. Der Triaden-Nachwuchschef Dry Eye (Henry Golding) wird aufmüpfig, ein russischer Oligarch (Mark Rathbone) will Rache für seinen unfällig gekommenen Kiffersohn (Danny Griffin) und der schmierige Enthüllungsreporter Fletcher (Hugh Grant), der über all dies bestens im Bilde ist, streckt seine erpresserischen Klauen nach Mickey aus…

Wenn es darum geht, das Londoner Gangstermilieu auf Leinwandformat zu porträtieren, ist Guy Ritchie zu einer überaus verlässlichen Adresse avanciert. Seit seinem (noch immer unangekratzten), vor 22 Jahren entstandenen Debüt „Lock, Stock And Two Smoking Barrels“ landete er über kurz oder lang immer wieder in diesem Leisten. Erste anderweitige Gehversuche wuchsen sich wahlweise zu völligen Missgriffen aus, blieben ohne besonderes Echo oder verrauchten irgendwo auf der öde vor sich hin dampfenden Halde der anderen zahllosen, immergleichförmigen Studio-Blockbuster. Wenn ich jetzt eben auf der imdb das announcement „Aladdin 2“ lese, sehe ich mich da in meinen Annahmen mehr denn bestätigt. An Ritchies kleine, freche Gangsterfilme jedoch erinnere ich mich stets wohlwollend bis gern. Deren Qualitäten nehmen sich ja auch ebenso traditionell wie signatorisch aus: Ein kontinuierlich anwachsendes Figuren-Ensemble mit allerlei kleinen und großen Bossen, ungesunden Emporkömmlingen, gewaltaffinen Schlagmichtots und Spruchkanonen zeichnet jeweils ein umfangreiches Bild der englischen Ganoven-Schickeria. Es gibt viel zu lachen und zu sterben, gelegentlich bleibt einem u.U. vor Schreck auch ein Schluck Bier im Hals hängen. Spaß jedoch ist immer dabei – guter Spaß.
Mit „The Gentlemen“ kehrt Ritchie immerhin zwölf Jahre nach seinem vorletzten Gangsterfilm „RocknRolla“, der bereits mancherlei Ermüdungserscheinungen sowie kapitale Fehlentscheidungen aufwies und mir letzthin eher wie ein pflichtbewusstes Trostpflaster vorkam, also abermals zurück zu seinen Wurzeln. Wenngleich der rotzige Habitus von „Lock, Stock…“ auch hierin nicht mehr wirklich auffindbar ist, nicht zuletzt, da „The Gentlemen“ eben die protzige Monarchie dem verzweifelten Fußvolk vorzieht, so überrascht der Film doch mit einem weithin geschickt aufgebauten Plot. Dessen wendungsreiche Volten sorgen immer wieder für neue Überraschungen, wobei die Konzeption des Scripts de facto natürlich einzig und allein davon zehrt. Sofern man (s)ein Herz für Ritchies Halunken-Hallelujas bewahrt hat und nicht Gefahr läuft, Einfallsreichtum mit Cleverness zu verwechseln, mag man an „The Gentlemen“, dessen großer Gewinn sich tatsächlich aus der am Ende ins Happy End entlassenen Traumpaarung McConaughey/Michelle Dockery (tatsächlich das schnuckeligste Gangster-Ehepärchen ever) ergibt, seinen Spaß haben. Ich hatte ihn.
In der Ritchie-Gangster-Pentalogie an Platz 3 gleich nach „Snatch“.

8/10

GLORIA

„Gloria, what are you doing?“ – „I’m saving your life, stupid.“

Gloria ~ USA 1980
Directed By: John Cassavetes

Als die Mafia ein paar Killer losschickt, um den allzu redseligen Buchhalter Jack Dawn (Henry Buck) und seine Familie in deren Apartment umzubringen, bleibt Jack nicht mehr viel Zeit, zumindest seinen kleinen Sohn Phil (John Adames) in Sicherheit zu bringen. Die letzte Chance ist Gloria (Gena Rowlands), eine Nachbarin der Dawns. Nur höchst widerwillig nimmt sie den Jungen zu sich, der seinerseits auch gar nicht bei ihr bleiben möchte. Für das ungleiche Paar beginnt eine Odyssee durch New York, die in ihren Grundsätzen bekanntermaßen unbeirrbaren Mobster stets auf den Fersen.

Mit dem Gangsterfilm hatte Cassavetes immer mal wieder geliebäugelt, ob als Darsteller oder, seltener, als auteur. Und wie immer, wenn der Meister mit einem Studio zusammenarbeitete, gab es auch hier Querelen – die Columbia weigerte sich zunächst, „Gloria“ überhaupt in den Verleih zu entlassen, da man ihm keinerlei kommerzielles Potenzial zurechnete. Auch sonst war die Genese des Films eher wenig begünstigt. Cassavetes hatte das Script ursprünglich gar nicht für sich selbst als Regisseur verfasst, sondern wollte es lediglich gewinnbringend veräußern; für die Protagonistenparts geplante Stars wie Barbra Streisand und Ricky Schroder waren letztendlich nicht verfügbar und der Rückgriff auf weniger klangvolle, aber zweifelsohne gewinnendere Alternativen somit unumgänglich. Das Resultat trägt nun die eindeutige Signatur seines Urhebers; das Genre und seine Mechanismen werden ziemlich gnadenlos dechiffriert und mitunter der Lächerlichkeit preisgegeben, ähnliches gilt auch für Mann, Machismo und Mafia, die hier in ihrer untrennbaren Trinität allesamt sehr viel mehr an den authentischen Schmier Duke Mitchells erinnern denn an die ehrwürdigen Herrenausstattermythen eines Francis Ford Coppola. Gena Rowlands spielte zudem in der Art und Weise, wie sie hier zu sehen ist, vornehmlich bei ihrem Ehemann. Obschon Gloria Swenson – der Name ist fraglos ein spitzfindiges Bonmot – in brisanten Situationen ziemlich unerbittlich und rasch zur Sache kommt, läuft ihre widerwillige Rolle als Inobhutnehmerin doch nur unter geraumer Überwindung. Den mütterlichen Instinkt entwickelt sie, eine ihre Freiheit und Unabhängigkeit über alles schätzende Lebefrau, nur überaus zögerlich. Auch aus diesem Dilemma treten abermals jene kleinen neurotischen Zipperlein hervor, wie Rowlands sie so unnachahmlich darzustellen verstand.
Welchen impact „Gloria“ auch auf andere Filme und Filmemacher hatte, zeigt unter anderem Luc Bessons deutlich weniger abstrakt angeodneter „Léon“, der die nahezu identische Ausgangslage präsentiert, jedoch mit vertauschten Geschlechterrollen und unter wesentlich veränderter Ausprägung des Topos.
Cassavetes‘ „Gloria“ ist nun weder eine Profikillerin, noch würde ein Horde Mafiosi vor ihr und ihrer 38er zittern, aber sie ist Heldin genug, um am Ende zu reüssieren. Für soviel Metarealismus war Cassavetes dann doch wieder zu haben.

9/10