DEMONOID: MESSENGER OF DEATH

„You either cut off my hand, or I’ll kill you!“

Demonoid: Messenger Of Death (Macabra – Die Hand des Teufels) ~ MEX 1981
Directed By: Alfredo Zacarías

Nachde das Ehepaar Mark (Roy Benson) und Jennifer Baines (Samantha Eggar) all sein Sauerverdientes in den Erwerb einer mexikanischen Silbermine investiert hat, lässt der Ertrag auf sich warten, zumal die Arbeiter vor Ort allesamt Bammel haben, tiefer in den Stollen vorzustoßen. Bei einer eigenen Expedition in die Untiefen der Höhle stoßen die Baines‘ schließlich auf eine altertümliche Kultstätte mitsamt einem Grabmal. Mark bemächtigt sich darin einer silbernen Schatulle, die einer Hand nachempfunden ist. Im Hotel offenbart sich dann deren schreckliches Geheimnis: Der Staub aus dem Kästchen verwandelt sich eine knochige Hand, die von Mark Besitz ergreift. Dieser dreht daraufhin durch, jagt die Mine in die Luft und flieht. Jennifer kann später nurmehr seine verbrannte Leiche identifizieren, nachdem Mark in Las Vegas offenbar in Streit geraten ist. Sie wendet sich an Vater Cunningham (Stuart Whitman), der ihre Geschichte um die Teufelshand nicht glauben mag, sich schon bald jedoch eines Besseren belehrt findet…

Von übernatürlichen Mächten besessene Gliedmaßen, zumal Hände, bilden bereits seit Robert Wienes „Orlacs Hände“ und seiner bald erfolgenden Remakes einen unregelmäßig, aber stetig bemühten Nebenstrang im Horrorfilm nebst mancherlei oder weniger berühmten Ablegern. Auch „Demonoid: Messenger Of Death“ des mexikanischen Filmemachers Alfredo Zacarías, der um diese Zeit einen kurzfristigen Abstecher ins anglophone Genrekino mit den entsprechenden Darstellern wagte, zählt dazu. Sein Werk passt insofern ganz gut zu dem von den Cardonas, die ja ebenfalls in diesen Sphären umtriebig waren, oder entfernt auch zum italienischen Splatterfilm jener Tage. Dafür bürgt nicht zuletzt auch das Engagement Stuart Whitmans, der sich zu dieser Zeit zumindest im Kino für keinen noch so abstrusen, internationalen Heuler zu schade war, und mit seinem graumeliert gescheitelten Haupt so manches Gossenstück aufzuwerten wusste. Immerhin dürfte „Demonoid“, dem es sogar gelingt, ein bisschen den spirit des US-Horrorkinos der Früh- und Mittsiebziger zu präservieren, zu seinen etwas besseren Filmen der Ära gehören. Die böse Dämonenhand von anno dunnemals, die immer wieder neue Wirte findet und diese jeweils tot und energieentledigt (sprich: grau und verschrumpelt) hinterlässt, macht durch ihren beinahe episodsisch nachgezeichneten Werdegang jedenfalls allerlei Freude und hält den Zuschauer bei Laune bis hin zu ihrem unvermeidlichen Cliffhanger-Auftritt am Ende. Immer wieder hat es zwischendrin überdurchschnittliche Szenen wie etwa den beklemmenden Besuch der Baines in einem Mumienmuseum. Hinzu kommt noch das allenthalben eingespielte Ohrwurm-Titelthema von Richard Gillis und fertig ist die etwas absonderliche Laube.

6/10

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LOGAN

„Beware the light.“

Logan ~ USA/AUS/CAN 2017
Directed By: James Mangold

Mexiko, 2029: Der Mutant James Howlett (Hugh Jackman) alias Logan alias Wolverine ist einer der Letzten seiner Art. Eine nicht näher benannte Katastrophe hat die übrigen X-Men in den Tod gerissen. Während seine Selbstheilungskräfte zunehmend schwinden und auch sein hohes Alter langsam seinen Tribut fordert, hat Logan sich als Mietchauffeur jenseits der Grenze eine kleine Fluchtexistenz aufgebaut. Seinen früheren Mentor Charles Xavier (Patrick Stewart), der unter schweren Demenzschüben leidet, hat er in seiner Obhut und versorgt ihn gemeinsam mit dem Albino Caliban (Stephen Merchant) mit den notwendigen Medikamenten. Als die kleine Laura (Dafne Keen) auftaucht, wartet eine letzte Mission auf Logan: Das Mädchen ist eine im Labor gezüchtete Mutantin auf Basis von Logans DNS, was ihn zu einer Art Vater macht. Der skrupellose Genforscher Rice (Richard E. Grant) plante Laura und einige andere Kinder zu gewissenslosen Biowaffen heranwachsen zu lassen, was die sich entwickelnden Persönlichkeiten der Kids jedoch durchkreuzten. Um sie vor der folgenden Euthanasie zu schützen, gelang es einer treusorgende, Krankenschwester (Elizabeth Rodriguez) Laura und ein paar andere Kinder in die Freiheit zu entlassen. Das Militär ist nun auf der Suche nach den gescheiterten Versuchsobjekten, um sie endgültig auszulöschen. Logan, der Professor und Laura machen sich, gejagt von Rice und seinen Leuten, auf den Weg nach Oklahoma, wo es angeblich eine letzte Zuflucht für verfolgte Mutanten geben soll…

Die Vorschusslorbeeren waren ja recht immens: Nach dem ziemlich infantil geratenen „Deadpool“ hatte die Fox also die Chuzpe, gleich noch einen zweiten Superheldenfilm mit R-Rating vom Stapel zu lassen. Dufte Sache. Nun sieht man die legendären Klauen von Wolverine (und die der putzigen, aber ebenso tödlichen Laura, die allerdings bloß zwei Krallen an jeder Hand hat) also nicht nur in die Opfer ein- sondern gleich auch wieder ausdringen. Dazu hat es noch einige Dekapitationen, was folglich für die eine oder andere deftige Gewaltspitze sorgt und „Logan“ phasenweise tatsächlich zu einem recht derben Schlachtfest macht, das sich allerdings nicht nur infolge seiner recht graphischen Erscheinung deutlich von dem bis dato gepflegten Regelwerk des Franchise abhebt. Vor allem ist „Logan“ ein durchaus intimes, zuweilen melancholisches Generationsdrama, das einer kleinen, immens dysfunktionalen konstellierten „Familie“ auf seinem nicht eben freiwillig begangenen Roadtrip durch den Südwesten der USA folgt. Dass der mittlerweile in Ehren ergraute Titelheld hierin dabei ist, seine letzten Tage zu durchleben, dürfte kein Geheimnis sein und auch für den im Filmkontext neunzigjährigen Professor Xavier und damit seinem (ersten) Stammschauspieler Patrick Stewart läuten die letzten Glocken. Vom einstmaligen Glanz der „School for Gifted Youngsters“ in Westchester ist nurmehr der karge Staub der mexikanischen Wüste geblieben; offenbar, das suggerieren ein paar Dialogzeilen, ist der mental schwer angegriffene Xavier selbst für die einstige Zerstörung seines zuvor mühselig aufgebauten Sanktuariums und damit zugleich auch die der meisten X-Men verantwortlich. Hinzu kommt das kleine, vermeintlich stumme Mädchen, das Logans Erbmasse in sich trägt und ebenso zum animalischen Berserkertum neigt wie sein unfreiwilliger Genspender. Möglicherweise seien die Mutanten gar nicht der als solcher bezeichnete „homo superior“ und damit die Erben des herkömmlichen Menschengeschlechts, sondern bloß eine kurzlebige evolutionäre Extravaganz, heißt es einmal im Film. Die Abenddämmerung neigt sich. Das sich zunehmend in die Enge getrieben sehende Trio trägt also gewissermaßen eine langjährige Tradition zu Grabe, respektive macht es den Weg frei für eine kommende Generation neuer Mutanten, die wir in Form der im Kollektiv durchaus mächtigen, alleredings von Menschenhand geschaffenen Kinderclique sicherlich noch wiedersehen werden.
„Logan“ bildet nun vielleicht nicht ganz das große Meisterstück ab, zu dem es letzthin gern verklärt wurde, aber es ist ein schöner, herzerfüllter Beitrag zum filmischen „X-Men“-Kosmos und vor allem der gelungenste Teil der sich absplittenden Trilogie um den ja ohnehin gleich von Anfang an zur Leitfigur kultivierten Wolverine.

8/10

CALTIKI – IL MOSTRO IMMORTALE

Zitat entfällt.

Caltiki – Il Mostro Immortale (Caltiki – Rätsel des Grauens) ~ I 1959
Directed By: Riccardo Freda

Um den Grund für den großen Maya-Exodus im 9. Jahrhundert zu erforschen, reist Professor John Fielding (John Merivale) gemeinsam mit seiner Frau Ellen (Didi Sullivan) und einigen Kollegen in die mexikanische Ödnis, in die Nähe eines brodelnden Vulkans. Nachdem ein Expeditionsteilnehmer auf seltsame Weise zu Tode gekommen ist, werden die Eingeborenen nervös und Fielding hellhörig. Ein unterirdischer Tempel weist auf die uralte, unsterbliche Gottheit Caltiki hin, mit der Fielding alsbald unangenehme Bekanntschaft schließt: Bei Caltiki handelt es sich um ein gefräßiges, amorphes Wesen, das sich von Menschen ernährt und seine Opfer bis auf die Knochen aussaugt. Nur durch Feuer scheint die Kreatur sich bändigen zu lassen. Zurück in Mexiko City bekommt Fielding es dann mit gleich drei bedrohlichen Problemen zu tun: Sein Kollege und Freund Max Gunther (Gérard Herter), der von Caltiki angefallen und verstümmelt wurde, fängt an durchzudrehen, eine mitgenommenes Stück der Kreatur entwickelt neues Leben und ein Komet, auf den Caltiki höchst sensibel reagiert, passiert die Erde…

Fredas Monsterfilm, an dem auch Mario Bava emsig mitgewerkelt hat, ist ein echtes Liebhaberstück. Beeinflusst sowohl von den britischen Hammer-Vorläufern „X: The Unknown“ und „The Quatermass Xperiment“ als auch von dem bunten „The Blob“ schimmern immer wieder auch Anklänge an Lovecrafts Mythologiekonstrukt der „Großen Alten“ wieder: Caltiki entpuppt sich als eine uralte Kreatur außerirdischen Ursprungs, die durch ihren unaufhaltsamen Wuchs Menschheit und Erde bedroht. Wie es sich für einen veritables Monstervehikel jener Ära geziemt, wächst auch die Kraft Caltikis durch den Einfluss radioaktiver Strahlung – das weniger gallertartig denn nach überdiemsionalen Lederlappen aussehende Ungetüm ist insofern vor allem eine Replik auf den Zivilisationsstatus der es (oder vielmehr sie) erweckenden Tröpfe: Goldgier, Forschungsdrang und die geheimnisvolle Macht ungebändigter Naturkräfte ermöglichen erst das Wiedererwachen Caltikis, die seit Äonen gemütlich in ihrer vulkanischen Höhle vor sich hin gepennt hat und nun noch jeden Riesenaffen alt aussehen lässt.
Freda und Bava schaffen vor allem infolge überaus wirkungsvoller Tricks und Spezialeffekte (wobei ich zugeben muss, dass unförmige Wackelpudding-Aliens es mir seit jeher grundsätzlich angetan haben) Momente grandioser Schrecknisatmosphäre, die selbst kleine Albernheiten, wie den etwas unsinnigen Nebenplot um den von Caltiki infizierten Gunther, der immer verrückter wird, mit den Augen rollt, als gelte es, einen Wettbewerb zu gewinnen und zunehmend wirres Zeug daherstammelt, vergessen macht. Man spürt jederzeit und ganz deutlich, dass die beiden maestri ihre Sache ernst genommen und der möglicherweise einen oder anderen eher bescheidenen Bedingung zum Trotze gute Arbeit abzuliefern gedachten. Was ihnen gelang.

8/10

BREAKING BAD

„Let’s cook.“

Breaking Bad ~ USA 2008-2013
Directed By: Michelle MacLaren/Adam Bernstein/Vince Gilligan/Colin Bucksey/Michael Slovis/Bryan Cranston/Terry McDonough/Johan Renck/Rian Johnson/Scott Winant/Peter Gould/Tricia Brock/Bronwen Hughes/Tim Hunter/Jim McKay/Phil Abraham/John Dahl/Félix Enríquez Alcalá/Charles Haid/Peter Medak/John Shiban/David Slade/George Mastras/Thomas Schnauz/Sam Catlin

Walter White (Bryan Cranston) ist Ende vierzig, Lehrer an einer örtlichen High School in Albuquerque, New Mexico, ein Chemie-Ass, Vater eines Sohnes (RJ Mitte) im Teenager-Alter, der unter einer zerebralen Störung leidet, verheiratet mit seiner erneut schwangeren Frau Skyler (Anna Gunn), deren jüngere Schwester Marie (Betsy Brandt) mit dem geradlinigen DEA-Beamten Hank Schrader (Dean Norris) verheiratet ist. Um etwas nebenher zu verdienen, jobbt er nachmittags zudem als Aushilfe in einer Autowaschanlage. Walters Leben verläuft in überaus biederen, unspektakulären Bahnen, bis er eines Tages die Diagnose „Lungenkrebs“ erhält. Da Walter weder die nötige Therapie löhnen kann, noch weiß, wie er seine Familie nach seinem möglichen Ableben versorgt zurücklassen soll, wächst in ihm ein wahnwitziger Plan heran: Während er Schwager Hank auf dessen Einladung hin bei einer Drogenrazzia begleitet, wird er auf seinen Ex-Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul) aufmerksam, der den Cops gerade eben entkommen kann. Walter beschließt, sein chemisches know-how mit Pinkmans krimineller Energie zu kreuzen, Methamphetamin zu kochen und – zunächst im kleinen Stil – zu verkaufen. Der Beginn einer irrsinnigen, sich immer weiter zuspitzenden Odyssee durch Wirrnisse aus Lügen, Versteckspielereien, Gier, Fanatismus, Verrat und Gewalt.

Aufstieg und Fall des Walter White: das Phänomen „Serie“, das sich ja seit den „Sopranos“, also im Prinzip seit rund zwanzig Jahren ganz neuen Beliebtheitsgraden und Qualitätssteigerungen erfreut, habe ich aus höchst persönlichen Gründen nur sehr zögerlich bis zu mir vordringen lassen. Freunde und Bekannte, die mir seit Jahr und Tag von allem Möglichen aus jenem Sektor vorschwärmen, wissen ein Lied davon zu singen. Die erste und eigentlich gleich vordringlichste Crux liegt darin, keine Bereitschaft für ellenlange Pausen zwischen den einzelnen seasons aufzubringen. Wichtige Details geraten so möglicherweise in Vergessenheit, neuerlicher Zugang muss gefunden werden. Zumindest dieses Problem lässt sich lösen durch stoisches Abwarten. Ist die ganze Reihe erst durch und auf einem Heimmedium verfügbar, steht dem kontinuierlichen Genuss nichts mehr im Wege. Bis auf ein paar winzige Unwägbarkeiten, versteht sich. Nehmen wir „Breaking Bad“. 5 Staffeln, 62 Episoden, jede davon mit einer Durschnittslänge von rund 48 Minuten versehen. Das sind summarum knapp 3000 Minuten, sprich 50 Stunden an Erzählzeit. Kein Pappenstiel und in Anbetracht des unbedingten Bedürfnisses, am Ball und in der Geschichte zu bleiben, ein zudem immens bindender Zeitraum. Das Sehen wird zur Verpflichtung, die Kontinuität zur Zwanghaftigkeit das Dranbleiben zur Aufgabe. Höchst persönliche Gründe, wie erwähnt. Ich habe für „Breaking Bad“, weil ich den Löwenanteil infolge einer netten, kleinen Influenza in eine zur Häuslichkeit und Bettruhe verdammten Woche legen konnte, etwa 18 Tage gebraucht. 18 ziemlich obsessive Tage ohne jede andere audiovisuelle Ablenkung, Mußezeit oder Aufmerksamkeitsverlagerung. 18 Tage Walter White und Jesse Pinkman mit knapp drei Stunden pro Tag. Eine solche Ochsentour kann und will ich mir gar nicht öfter als einmal pro Jahr gestatten, man möge also nicht erwarten, auf diesen Seiten künftig ein deutliches Mehr an Serienhermeneutik anzutreffen. Zudem gestaltet die klare Trennung der beiden Medien „Film“ und „Serie“ für mich jetzt noch wesentlich fassbarer als bislang. Die konzentrierte Betrachtung „Breaking Bad“ war also vor allem fordernd, zuweilen sogar zehrend, wenngleich immerhin so lohnenswert, dass sich am Ende und mit gebotenem Abstand recht sicher von Bereicherung sprechen lässt.
Über die von Vince Gilligan konzipierte, sich ja einer unglaublichen globalen Beliebtheit erfreuenden Reihe ist mittlerweile  sowiel an Analytischem und Deutungshoheitlichem verfasst worden, dass sich nahezu alles weitere Diesbezügliche als obsoletherausstellen muss. Dennoch sei mir zumindest gestattet, nachhaltigste Eindrücke festzuhalten. Am Großartigsten gefiel mir die bei allen Querverweisen und Genreliebäugeleien unbeirrbar durchgehaltene Darstellung des westlichen Mittelständlers in der Existenzkrise. Walter White, der im Laufe der Geschichte nicht nur immer wieder auf sein selbstgewähltes Szene-Pseudonym des Quantenphysikers Heisenberg, sondern auch auf seine wunderbar beliebig gewählten Initialen (nicht ganz zufällig dieselben wie die des Dichters Walt Whitman) „reduziert“ wird, entpuppt sich gleich zu Beginn als symbolischer  WASP-Anonymous in Nöten. Aus einem ehemals vielversprechenden Forscherkopf ist wegen privater Übervorteilung einstmals ein biederer Schullehrer geworden, der sein Fachgebiet nach wie vor abgöttisch liebt, sich parallel dazu jedoch tagtäglich mit dem diesbezüglichen Desinteresse seiner Schülerschaft konfrontiert sieht. Seine schwangere Frau ist zu Beginn noch eine eher rechthaberische Person, die zu Haus den explizit liberalen Ton angibt, sein in der Pubertät befindlicher Sohn leidet zugleich an seiner ihn von den meisten peer groups zwangsexkludierenden Behinderung. Die Krebsdiagnose schließlich bringt das Fass zum Überlaufen: der Beginn einer Entwicklung hin zur Verzweiflung und zum Ausbruch, der nach rund zwei Jahren erzählter Zeit zu einer verheerenden conclusio führt. Anders als die meisten legendären Mafia-, Gangster- und Drogenbosse der Pop-Historie erfährt Walter White trotz diverser strategischer Erfolge und Coups nicht einen einzigen Moment des wirklich kostbaren, privaten Triumphs. Das Damoklesschwert der Entdeckung, personifiziert durch seinen immer weiter von ihm fortrückenden Schwager, senkt sich beinahe unmerklich. Walters steter Kampf gegen konkurrierende Kriminelle wird zunehmend von Leichen gesäumt; bald gibt es die ersten Kollateralschäden durch unschuldige Opfer, an deren Tod White durchweg die, wenngleich hier und da mittelbare, Schuld trägt. Seine „Karriere“ gestaltet sich zwar immer wieder als von Pyrrhus-Siegen gekrönt, fordern zugleich jedoch stets und immer wieder den Preis eines wesentlichen Stücks persönlicher Integrität.
Daher erscheint mir „Breaking Bad“ trotz etlicher, dramaturgisch einfallsreich komischer bis grotesker Momente vor allem als intime Tragödie. So schwärzt sich die Grundierung der Story sukzessive, bis der Rezipient mit den letzten Folgen keine Möglichkeit mehr erhält, den immer tiefer fallenden Walter White auch nurmehr als Antihelden wahrzunehmen. Als ihm schließlich auch noch sein letzter menschlicher Halt, nämlich Filius Walter jr., am Telefon entgegenbellt, was er heuer von seinem Dad hält, bleibt kein Zweifel mehr bestehen: Der Mann hat, bei allem Verständnis hinsichtlich seiner vormals schweren multiplen Krise, gründlich verschissen. Was aus dem vormals eher ironisch als deppenhaften Pothead gezeichneten Jesse Pinkman, dessen komplexe Beziehung zu Walter wohl am ehesten der eines funktionalisierten Ziehsohnes entspricht und der infolge seines verhängnisvollen Kontakts zu ebenjenem Mentor gleich mehrfach quer durch die siebente Hölle gescheucht wird, erfahren wir nicht. Vielleicht ist es zumindest ihm vergönnt, einen Neuanfang zu wagen. Weg von Albuquerque, weg von der Grenze, weg vom Meth und vor allem: weg von Walter White.

9/10

COWBOY

„He always did the best he knew how. I hope somebody can say the same over me.“

Cowboy ~ USA 1958
Directed By: Delmer Daves

Weil er darin die einzige Möglichkeit sieht, seiner geliebten Maria (Anna Kashfi), die in Mexiko lebt, nahe zu sein, lässt sich der Chicagoer Hotelangestellte Frank Harris (Jack Lemmon) von Rinderspediteur Tom Reese (Glenn Ford), der einen Viehtreck zu Marias Vater Vidal (Donald Randolph) nach Mexiko treibt, zum Partner machen. Reese, ein alter Hase im Geschäft, rät Harris dringend davon ab, ist doch das Leben des Viehtreibers keinesfalls von jener Romantik, wie ein Stadtmensch wie Harris sich das vorstellt. Tatsächlich muss Harris bald lernen, dass es hier tatsächlich nicht allein um knochenharte Arbeit geht, sondern dass der streitbare Moralkodex der Cowboys immer wieder mit dem seinen kollidiert. Als ihn dann, am Ziel der Reise angelangt, auch noch Maria zurückweist, wird Harris zunehmend verdrießlich…

Westernexperte Delmer Daves selbst nennt „Cowboy“ jenen seiner Filme, auf den er am stolzesten ist und den er für den gelungsten hält. Tatsächlich erinnert der Plot nicht selten an Hawks‘ „Red River“, obschon er sich an einem Tatsachenbericht des echten Frank Harris orientiert. Wie im großen Vorbild steht im Zentrum des Geschehens die wechselhafte Beziehung eines bärbeißigen Rinderprofis zu seinem Ziehsohn, die von zwischenzeitlichen, reziproken Hassgefühlen geprägt ist, um sich dann am Ende, nach allerlei Turbulenzen und Lebenslektionen, die beide zu lernen haben, in ihrer tiefen Freundschaft bestätigt zu finden. Zwar geht das Krisenpotenzial nie soweit, dass einer von dem anderen gezielt übervorteilt, oder im Stich gelassen wird; dennoch kommt es immer wieder zu starken Spannungen, die vor allem von dem Jüngeren ausgehen, der sich immer wieder schulbemeistert oder sonstwie gegängelt wähnt. Besonders die Enttäuschung darüber, dass die Hauptmotivation für seine beschwerliche Reise, also die schöne Mexikanerin, zwischenzeitlich von ihrem Vater verheiratet wurde und somit nicht mehr frei für ihn ist, verbittert Frank zutiefst und macht ihn zu einem immensen Egozentriker. Doch irgendwann löst die Einsicht den befristeten Persönlichkeitseinbruch ab und Frank wird zu einem Reese gleichberechtigten Profi sowie einem guten Freund. Einer weiteren Zusammenarbeit steht nun nichts mehr im Wege.
Man darf hinter „Cowboy“ trotz der Mitwirkung Jack Lemmons keine Komödie erwarten. Tatsächlich nimmt der Film sein Sujet trotz kleinerer, heiterer Momente, die jedoch nicht über das übliche Maß an Aufhellungselementen im klassischen Genrefilm hinausgehen, höchst ernst. Lemmon weiß durch sein absolut dramenkonformes und actionaffines Spiel sogar ganz speziell zu begeistern und erinnert nachdrücklich daran, dass er eben nicht nur ein großer Komödiant war, sondern auch ein hervorragender Charakterdarsteller und damit ein universeller Meister seines Fachs. Ob ich Daves‘ Selbsteinschätzung derweil stützen würde, wage ich eher zu bezweifeln. Da gibt es ja noch ganz andere Kaliber in seinem ohnehin beeindruckenden Œuvre…

8/10

A GUNFIGHT

„You stay the hell away from me, ya hear?“

A Gunfight (Rivalen des Todes) ~ USA 1971
Directed By: Lamont Johnson

Das Schicksal führt den berühmten, alternden Gunslinger Abe Cross (Johnny Cash) ausgerechnet in jenes Städtchen, in dem sein ebenfalls legendäres Pendant Will Tenneray (Kirk Douglas) sich mit Frau Nora (Jane Alexander) und Sohnemann Bud (Eric Douglas) zur Ruhe gesetzt hat. Die beiden Revolverhelden sind sich bislang nie begegnet, die Stadtbewohner jedoch sind sich sicher, dass es bis zu einem Duell nicht lang hin sein kann. Während über Cross der Pleitegeier kreist, verdient Tenneray sich seinen spärlichen Verdienst im Saloon von Marv Green (Dana Alcar), wo er die Leute zum Saufen animiert und alte Geschichten zum Besten gibt. Als sie sich schließlich begegnen, sind Cross und Tenneray sich eigentlich viel zu sympathisch, um sich zu schießen, doch die Idee, aus einem öffentlichen Duell Kapital zu schlagen, ist allzu verlockend, zumal eine Stierkampfarena jenseits der Grenze hinreichend wettkräftiges Publikum fasst. Die Männer kommen überein, ein Duell auf Leben und Tod zu begehen, nach dessen Ausgang dem Gewinner alles zukommt.

Unabhängig finanziert, darunter mit rettenden Geldern des Stammes der Jicarilla-Apachen, ist „A Gunfight“ einer der elegischen Spätwestern, wie sie in dieser Zeit legionär entstanden: Ein Abgesang auf die Nostalgie und Romantik der alten Flamboyanz, wie ihn der US-Genrefilm von seiner Entstehung an bis in die Mitte der sechziger Jahre hinein so glänzend kultiviert hatte. Nun wurden die Helden langsam alt und müde; Kirk Douglas etwa (der in knapp zwei Wochen seinen 100. feiert) war mit 55 nicht mehr der Jüngste und mit Johnny Cash, 16 Jahre jünger aber mindestens ebenso alt ausschauend wie Douglas, wurde ein einschlägiger Musikus als sein Freund und Gegner verpflichtet. Regisseur Johnson arbeitete vornehmlich fürs Fernsehen und macht nur wenig Anstalten, dies zu verhehlen: Seine Inszenierung ist weithin nüchtern und zielstrebig und kommt ohne besondere Ausreißer in diese oder jene Richtung aus. Monte Hellman hätte ebenfalls einen passenden Regisseur für das Sujet abgegeben, aber vielleicht wäre es ihm auch etwas zu geradlinig dahergekommen. Müßige Spekulation. Das titelspendende Duell zwischen den beiden völlig gleichberechtigt gegenübergestellten Protagonisten, das von einem interessanten Epilog flankiert wird (welcher dem Zuschauer in parallelisierter Form zwei mögliche Folgesituationen offeriert), bildet diesbezüglich allerdings eine Ausnahme: Wenn Cross und Tenneray sich in der Arena gegenübertreten, dann ist plötzlich der zuvor evozierte „Brot-und-Spiele“-Charakter des groß angekündigten Events vollkommen hinfällig; es bleibt schlussendlich das, was es ist: ein nüchterner, funktionalisierter Wettlauf zweier resignierter Fossile, nach dessen superkurzem Finish eines im Staub liegt und das andere ein paar Tausender verdient hat. Betont schmucklos und seltsam unbeteiligt ergibt der Gunfight, auf den zuvor alles, einschließlich dieses trockenen, kurzen, aber dennoch wichtigen Films selbst, hingearbeitet hat, einen formidablen Anti-Höhepunkt.

8/10

THE WALKING HILLS

„I’d rather like to listen to some chords.“

The Walking Hills (Treibsand) ~ USA 1949
Directed By: John Sturges

In einer kleiner Cantina hinter der mexikanischen Grenze kommt es zu einem zufälligen, seltsamen Zusammentreffen von acht Männern: Einer von ihnen (Jerome Courtland) berichtet von einem aus dem Sand heraus ragenden Wagenrad, das er in der Wüste jenseits des Grenzgebiets gesehen haben will. Für den alten Willy (Edgar Buchanan) ist klar: Dies kann nur einer der Wagen eines vor vielen Jahren verschollen Trecks sein, der einen gewaltigen Goldschatz transportierte. Sofort sind alle Anwesenden Feuer und Flamme und gemeinsam begibt man sich, gefolgt von der schönen Chris (Ella Raines), die gleich mit zweien der Mitreitenden eine spezielle Beziehung verbindet, zu jenen „wandernden Hügeln“, um das Gold ausfindig zu machen. Dabei kommt es bald zu Spanungen innerhalb der Gruppe.

Das Frühwerk von John Sturges bis etwa zur Mitte der fünfziger Jahre hin, als er begann, seine großen Western zu drehen und sich in die vordere Riege der großen Hollywood-Regisseure vorzuarbeiten, ist mit rund zwanzig Filmen gar nicht mal gering besetzt und lohnt die Aufbereitung. Mittendrin auf diesem eher unbesungenen Kerbholzteil des sturges’schen Œuvre findet sich etwa ein matt schimmernder Rohdiamant wie „The Walking Hills“; ein reduzierter, extrem verdichteter Ensemblefilm, der sich als Kammerspiel unter freiem Himmel irgendwo zwischen Hustons „The Treasure Of The Sierra Madre“ und der langsam abebbenden Welle der films noirs einordnen lässt. Keiner der an der Schatzsuche Beteiligten gibt unmittelbar ein klares Bild seiner Person ab und die Beziehungen der neun ProtagonistInnen zu- und untereinander kristallisieren sich erst nach und nach heraus, respektive ergeben neue Geflechte. Mit Randolph Scott verfügte Sturges immerhin über einen Darsteller, der ein gewissermaßen verlässliches Image mitbrachte, doch auch der von ihm gespielte Charakter des Glücksjägers und Pferdenarren Jim Carey bleibt über weite Strecken undurchschaubar. Dann gibt es noch die Geschichte einer privaten Vendetta; ein verdeckter Ermittler (John Ireland) ist unter den Männern, dann gleich drei, die Dreck am Stecken haben und natürlich Ella Raines als ebenso schöne wie selbstbestimmte Dame, die ihrer eigenen Wege geht. Edgar Buchanan mimt in weiter Bedienung eines klassischen Archetypen den knötternden, alten Schürfer, der irgendwo zwischen komischer Senilität und erhabener Weisheit allen überlegen ist und mit Josh White ist sogar ein Afroamerikaner vertreten, der, für die Entstehungsperiode löblich extravagant, kein unterwürfiges comic relief repräsentiert, sondern ein paar erstklassige Blues-Stücke zum Besten gibt. Kein Film wie viele andere also, sondern ein wie beiläufig aus dem Hemdsärmel geschütteltes Minimeisterwerk, das sich nicht nur in punkto Sturges unbedingt zur Revision empfiehlt.

9/10