ENTEBBE

„I’m not a Nazi!“

Entebbe (7 Tage in Entebbe) ~ UK/USA 2018
Directed By: José Padilha

Am 27. Juni 1976 entführen zwei Mitglieder (Amir Khoury, Ala Dakka) der Palästinensischen Befreiungsorganisation PFLP mit Unterstützung der beiden deutschen Linksterroristen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike) eine Air-France-Linienmaschine, die, aus Tel Aviv kommend, nach einem Zwischenstopp in Athen in Paris landen soll. Die Hijacker leiten den Flug zunächst nach Bengasi und dann nach Uganda um, wo der berüchtigte Diktator Idi Amin (Nonso Anonzie) ihnen begrenztes Aufenthaltsrecht und Kooperation garantiert. Die Terroristen verlangen die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen von der israelischen Regierung unter Ministerpräsident Rabin (Lior Ashkenazi). Als dieser von der Entführung erfährt, sieht er sich in einen verzweifelten Zwiespalt zwischen dem Staatsprinzip der Unerpressbarkeit und der Rettung der Geiseln gesetzt. Am Flughafen Entebbe beginnen derweil die Kidnapper, die israelischen von den nichtjüdischen Geiseln zu separieren und bedrohen diese mit dem Tode im Falle ausbleibender Regierungskooperation. Verteidigungsminister Peres (Eddie Marsan) setzt schließlich durch, das ein kurzerhand eingesetztes Kommando-Unternehmen die Gefangenen befreit.

Die Entführung des Airbus im Sommer 1976 und die anschließende Befreiung der Geiseln durch das israelische Militär wurde bereits mehrfach filmisch abgehandelt, zunächst praktisch in unmittelbarer Folge in Form der zwei konkurrierenden und jeweils starbesetzten TV-Produktionen „Raid On Entebbe“ und „Victory At Entebbe“, dann kurz darauf nochmal von Menahem Golan, der 1977 in „Mivtsa Yonatan“/“Operation Thunderbolt“ ein dezidiert tendenziöses Bild der Ereignisse darlegte. Auch spätere Filme, die um Idi Amin oder die RAF kreisten, griffen das Thema immer mal wieder auf. Insofern stellt sich durchaus die grundsätzliche Frage nach der Notwendigkeit und der Berechtigung eines neuerlichen Aufrisses des Falls. José Padilha, dem man zunächst bescheinigen darf, einen handwerklich soliden Job vollbracht zu haben, konzentriert sein Narrativ auf die Perspektive beiden deutschen Mitentführer Böse und Kuhlmann, wobei insbesondere Letzterer in den bisherigen filmischen Annäherungsversuchen kaum bis gar kein Auftreten zugeteilt war. Brühl, der den Wilfried Böse spielt, steht derweil in hochkarätiger Tradition: Horst Buchholz, Helmut Berger und Klaus Kinski sind einige seiner Vorgänger. Ähnliches gilt für den Charakter des Idi Amin – der gefürchtete, narzisstische Despot, der sich einst höchstselbst dokumentarisch von Barbet Schroeder inszenieren ließ, bietet in all der albernen Lächerlichkeit, die sämtlichen grausamen Diktatoren neben ihrem menschenverachtenden Habitus immer a priori auch zu eigen war und ist, immer wieder eine dankbare Vorlage. In „Entebbe“ wird diese Aufgabe dem beeindruckend zuagierenden Nonso Anonzie übertragen, der im Zuge seiner wenigen Auftritte ein treffendes Bild zwischen Aufgesetztheit und Bedrohlichkeit liefert. Hervorhebenswert noch der Darsteller des Piloten, Denis Ménochet, der wie eine Mischung aus Lino Ventura und Jim Mitchum aussieht und der beinahe wie dafür geschaffen scheint, das Flair der damaligen Zeit zu präservieren.
Die immer wieder von Chronologiebrüchen und durch Rückblenden aufgespaltene Erzählung pendelt ansonsten zwischen sorgfältig und pflichtbewusst, gibt sich entsprechend detailversessen und bleibt, auch das zwangsläufig der Authentizitätspflicht geschuldet, weithin überraschungsarm. Welche Funktion allerdings Padilhas Parallelisierung der Begebenheiten in Entebbe mit Ausdruckstanzszenen erfüllen soll, in denen die Freundin (Zina Zinchenko) eines der an der Befreiungsaktion beteiligten Soldaten (Ben Schnetzer) sich um Kopf und Kragen choreographieren lässt (der Abspann greift dies nochmals auf), erschien mir zunächst mysteriös und, nach der Betrachtung, hoffnungslos prätentiös. Sah gewiss chic aus, wirkte jedoch schlussendlich leider bestenfalls sonderbar bis vollkommen redundant.

7/10

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SOLDIER IN THE RAIN

„Let me tell you something, my friend: being a fat narcissist isn’t easy.“

Soldier In The Rain (Ein Soldat steht im Regen) ~ USA 1963
Directed By: Ralph Nelson

Nur scheinbar eine oberflächliche Zweckfreundschaft, ist die Beziehung zwischen dem jungen, träumerisch veranlagten Sergeant Eustis Clay (Steve McQueen) und dem älteren, desillusionierten MasterSergeant Maxwell Slaughter (Jackie Gleason) insgeheim geprägt von tiefer Sympathie füreinander. Auf demselben Stützpunkt stationiert, versorgt man sich gegenseitig mit kleinen Annehmlichkeiten, führt die hiesigen Kommissköpfe an der Nase herum und fantasiert von einem Leben jenseits des Militärs auf einer polynesischen Insel. Um ihn zu etwas mehr Lebenslust und vielleicht sogar zum Ausstieg aus seiner ewigen Soldatenexistenz bewegen, macht Eustis seinen schwergewichtigen Freund mit der etwas einfältigen, aber reizenden Bobby Jo Pepperdine (Tuesday Weld) bekannt. Tatsächlich verliebt sich das ungleiche Paar ineinander, eine gemeinsame Zukunft ohne Offiziersstreifen lacht. Doch eine ordinäre Kneipenschlägerei macht ihnen einen Strich durch die Rechnung…

Zu einer tragikomischen, eher kleinformatig-intimen Fingerübung geriet Ralph Nelsons dritter Film, der seine Kinopremiere nur knapp zwei Monate nach dem Vorgänger „Lilies Of The Field“ erlebte, allerdings unter weitgehender Ignoranz des Publikums. Um die zentralisierte, von luziden Vater-Sohn-Elementen geprägte Freundschaft der beiden Helden, die auf ihre jeweilige Weise vom anderen profitieren, strickt das Script anfänglich noch ein paar nicht immer allzu brillante Soldaten-Juxereien. So etwa, wenn es darum geht, Clays etwas dümmlichen Kumpel Meltzer (Tony Bill) zum gewinneinsatzmaximierenden Meisterläufer zu formen oder darum, die beiden unsympathischen Betonbirnen Priest (Ed Nelson) und Lenahan (Lew Gallo) auszutricksen. Scheinbar unbedeutende Gebrauchsgegenstände wie ein Ventilator, ein Pepsi-Automat oder ein Stapel Matratzen erhalten ein geradezu ausnehmendes, inhaltliches Beimaß, was sich schließlich jedoch als wiederum als von einiger Notwendigkeit geprägt finden wird. Die Geschichte von Eustis und Maxwell  liegt nämlich, wie erst das trockene, bewusst unmelancholische und doch tieftraurige Ende zeigen wird, eigentlich bereits zu Beginn ihrer filmisch erzählten Zeit in ihren letzten Zügen: Nach einer bereits annähernd märchenhaften Wendung (allen äußeren Widerständen zum Trotz finden der adipöse, zynische, Soldat Slaughter und die bald dreißig Jahre jüngere, blonde Schönheit Bobby Jo zueinander), die aller realen Wahrscheinlichkeit trotzt, schlägt das Schicksal nämlich umso härter zurück. Im Zuge einer schlagkräftigen Hilfsaktion für seinen Kumpels Eustis, der von den verhassten Kontrahenten Priest und Lenahan in die Mangel genommen wird, erleidet Maxwell einen Herzanfall. Die Uniform wird er hernach nicht mehr in den Schrank hängen, ebensowenig wie Eustis, der nach dem bald erfolgten Tod seines Freundes die kindischen Träumereien vom Pazifik und dem großen Geld aufgibt und stattdessen seine Militärkarriere weiter verfolgt. Von welch bitterer Tragweite eine solche Entscheidung tatsächlich sein konnte, zeigte derweil, wenngleich ganz unbewusst, kontextuell das wahre Leben: Nur Tage vor dem Kinoeinsatz von „Soldier In The Rain“ wurde John F. Kennedy erschossen, der Zwischenfall im Golf von Tonkin lag nurmehr neun Monate in der Zukunft. Einmal mehr war er aus, der Traum vom lustigen Soldatenleben.

7/10

FATHER GOOSE

„How in English do you say „parachute“?“

Father Goose (Der große Wolf ruft) ~ USA 1964
Directed By: Ralph Nelson

Papua-Neuguinea, 1942: Der emeritierte Professor und Aussteiger Walter Eckland (Cary Grant) tuckert mit seinem Boot durch den Südpazifik, trinkt Scotch lässt den Krieg einen guten Mann sein und lebt so in den Tag. Sein alter Bekannter Frank Houghton (Trevor Howard) entscheidet sich, Walter kurzerhand als Inselwächter und Funker auf einem verlassenen Eiland zu verdingen und bedient sich dazu recht unfairer „Überredungskünste“.
Eines Tages evakuiert Walter mehr durch Zufall die Französischlehrin Catherine Freneau (Leslie Caron) und sieben ihrer Schülerinnen, die unfällig auf einer der Nachbarinseln gestrandet sind, und nimmt sie zähneknirschend bei sich auf. Nach einigen Reibereien verlieben sich die beiden ungleichen Zwangsgefährten ineinander.

„The African Queen“ und „Heaven Knows, Mr. Allison“, beide von John Huston, hatten es hinlänglich vorgemacht: Weltkriegskulisse, ein exotischer Schauplatz, ein versoffenes Raubein und eine zierliche Dame von gesteigerter Intelligenz ergeben stets eine fruchtbare Mischung, wenn es um die Ausarbeitung  einer Romanze vor Extremsituationen geht. „Father Goose“ erhöht den Comedy-Faktor der beiden, eher im tragikomischen Sektor anzusiedelnden Huston-Epen, indem er den Pazifikkrieg weitgehend zum Nebenschauplatz deklariert und sich ganz auf die obskure Konstellation Eckland/Freneau und natürlich die sieben Schulmädchen konzentriert. Die acht Damen bringen Cary Grant in seiner vorletzten Filmrolle schwer ins Schwitzen, da sie sich ebenso störrisch wie reizvoll in das vormals ob seiner Unordnung sorgsam durchdeklinierte Leben des versoffenen Aussteigers drängen. Nach anfänglicher Ablehnung der höchst eigensinnigen weiblichen Gesellschaft muss Eckland einsehen, dass er die Mädchen sehr gern hat und ihre Lehrerin sogar noch etwas lieber. Der bewschwerliche Weg der neun gestrandeten Menschlein beinhaltet einige Renitenzen durch die mit ihrer Situation verständlicherweise höchst unzufriedenen Schülerinnen, etliche, spritzige Wortgefechte zwischen Grant und Caron ganz nach klassischer Screwball-Manier, ein falscher Schlangenbiss, ein derbes Besäufnis und schließlich die entgegen aller Wahrscheinlichkeiten vollzogene Eheschließung des sich findenden Paars. Dass noch ein japanisches Aufklärungsschiff torpediert und versenkt wird, erinnert schlussendlich nochmal explosiv an den gewählten, historische Zeitrahmen.
Ein schöner, runder Sonntagnachmittagsspaß und ein exquisites Geschenk an seine beiden bezaubernden Hauptdarsteller.

8/10

INDEPENDENCE DAY: RESURGENCE

„Time to kick some serious alien ass.“

Independence Day: Resurgence (Independence Day – Wiederkehr) ~ USA 2016
Directed By: Roland Emmerich

Zwanzig Jahre nach dem katastrophalen Alien-Überfall hat die Welt sich nicht nur weitgehend erholt, sondern zudem die eigene Technologie mit der Außerirdischen angereichert. Mit deren Hilfe gelang es zudem, weiter in den Weltraum vorzustoßen. Just zum Jahrestag der Invasion erscheint dann ein fremdes, rundes Objekt im All, das vorsorglich, aber leider auch vorschnell abgeschossen wird. Dabei handelt es sich um den Abgesandten einer interstellaren Rebellenarmee, die die Menschheit vor dem nächsten Sturm der bereits bekannten Extraterrestrier warnen will. Da rauscht schon ein gewaltiges Schlachtschiff heran, auf dem sich diesmal eine Alien-Königin befindet, die den zweiten Angriff gegen die Erde höchstpersönlich anführt. Für David Levinson (Jeff Goldblum), den seit damals in psychiatrischer Verwahrung befindlichen Ex-Präsidenten Whitmore (Bill Pullman), der nach wie vor mentalen Kontakt zu den Fremden hat, den aus dem Koma erwachten Dr. Okun (Brent Spiner), Captain Hillers Sohn Dylan (Jessie T. Usher) und dessen Pilotenkumpel Jake Morrison (Liam Hemsworth) heißt es daher aufs Neue: Alienärsche treten.

Den ganz großen, gigantomanischen Irrsinn des Vorgängers kann „Independence Day: Resurgence“ in Zeiten, in denen Superhelden- und Effektkino Alltagsgeschehen sind, nicht mehr präservieren. Emmerich und Adlatus Dean Devlin, unterdessen zu alten, gewohnheitsmäßig umtriebigen Hasen im bombastischen Zerstörungs- und Katastrophen-Segment avanciert, wissen das ganz genau und brechen ihre neuerliche Invasions-Nabelschau auf ein kontenztrierteres Filtrat herunter, das sich vornehmlich aus breit angelegten Luft- und Raumkampfszenarien und einigen wenigen Plot-Füllseln, die offenkundig vor allem dazu dienen, den Stoff zum künftigen Franchise auszuweiten, zusammen setzen. Wie die Xenomorphe aus der „Alien“-Reihe erweisen sich die allermeisten All-Monster als Drohnen, die ihre Chefin bzw. Königin, die zehnfach größer in punkto Gestalt und Kampferprobtheit ist, umschwirren und mit ihr stehen und fallen. So wird „Resurgence“ gegen Ende noch flugs zum waschechten Monsterfilm, wenn es gilt, das durch die Wüste von Nevada flitzenden Tentakel-Ungetüm zu Fall zu bringen. Mir hat’s gefallen.
Dass Will Smith, im Original bereits Nervenstrapazierer über Gebühr, nicht mehr dabei ist, schadet dem Film überhaupt nicht; Herz und Zentrale auf dem schauspielerischen Sektor bilden ohnehin erneut der gewohnt lakonische Goldblum und der herzliche Judd Hirsch, von denen Emmerich stolz sein kann, sie zum wiederholten Auftritt überzeugt zu haben. Robert Loggia darf immerhin zweimal kurz in die Kamera linsen. Obendrauf gibt es als (komplett austauschbares und profilloses) Pseudo-Identifikationspersonal für Teens und Twens den Nachwuchs Hemsworth, Usher und Maika Monroe als Whitmores wehrhafte Tochter Patricia sowie William Fichtner als Präsidentennachwuchs, dem diesmal die (hübsch kurz geratene) Pathos-Rhetorik zur letzten Schlacht vorbehalten ist. Ob man mit weiteren „Indepence Day“-Beiträgen rechnen kann, wird sich wohl in Kürze zeigen; zumindest die Sterne stehen der Storyline ja jetzt ganz weit offen. Nach diesem dem Erstling summa summarum ebenbürtigen Sequel wäre ich wohl sogar bis auf Weiteres dabei.

5/10

ANNIHILATION

„You really have no idea what it was.“

Annihilation (Auslöschung) ~ UK/USA 2018
Directed By: Alex Garland

Eher infolge einer zufälligen Fügung – ihr lange vermisster Ehemann (Oscar Isaac) kehrt urplötzlich sehr verändert zu ihr zurück und kollabiert dann – nimmt die Biologin Lena (Natalie Portman) als letzte von fünf Frauen an einer streng geheimen Expedition teil. Ein ganzer Sumpflandstrich an der südlichen Atlantikküste der USA unterliegt einer soderbaren, sich ausbreitenden Anomalie, die die ratlosen Wissenschaftler und Militärs als „Schimmer“ bezeichnen. Umgeben von der streng abgeschotteten Zone „Area X“ ist das gesamte Gebiet, aus dem bisher noch niemand der zu Erforschungszwecken entsandten Soldaten zurückgekehrt ist, mittlerweile menschenleer. Lena, die Psychologin Ventress (Jennifer Jason Leigh), die Physikerin Radeck (Tessa Thompson), die Anthropologin Shepard (Tuva Novotny) und die Medizinerin Thorensen (Gina Rodriguez) betreten den Schimmer und stellen darin höchst Seltsames fest: Eine unbekannte Kraft, die die Atmosphäre in flimmernden Farben erleuchtet, hat begonnen, die Genpoole von Menschen, Tieren und Pflanzen zu vermischen und daraus chaotische, neue Spezies zu formen. Auch das Zeitempfinden und die Psyche der Frauen beginnen bald durcheinanderzugeraten. Ausgangspunkt der bizarren Vorkommnisse ist ein Leuchtturm an der Küste…

Keinesfalls von auch nur annähernd ähnlicher philosophischer oder formaler Grandezza wie das mutmaßliche Vorbild „2001: A Space Odyssey“ scheint mir „Annihilation“ dennoch seit längerem endlich mal wieder ein vorbehaltlos sehenswerter SciFi-Film zu sein. Nachdem mir auf jenem Sektor zuletzt nur noch mäßig einfallsreicher bis pathetischer Weltraumkrempel untergekommen ist (jedenfalls wirkt das gesammelte Konglomerat im oberflächlichen Rückblick genau so auf mich), finde ich es recht erfreulich, mal wieder eine rundum erwachsene, Story präsentiert zu bekommen, die noch einen gewissen Mystizismus zu präservieren weiß und nicht alles in Form eines ohnehin völlig willkürlich gewählten, pseudowissenschaftlichen Terminismus erläutern muss, die sich andererseits auch nicht allzu elliptischer Schwurbelei hingibt. „Annihilation“ erzählt alles Notwendige, behält jedoch manche Geheimnisse für sich. Die ihm inhärenten Horrorelemente sind gut austariert und gerade sorgfältig genug eingeflochten, um den Film weder zur einen noch zur anderen Seite kippen zu lassen, die Rückblenden, die der psychologischen Untermauerung der Protagonistin dienen, wirken halbwegs sinnstiftend, wie auch ihre Handlungsmotivation eine ordentlich Erläuterung erfährt. Die vielen Fallstricke, die ein Plot wie der in „Annihilation“ verhandelte a priori bereithält, umgeht Garland geschickt – man hätte auch eine gewaltige Monster- und Mutantenparade daraus machen können, was den Film ganz fix zu billigem Sideshow-Kino hätte verkommen lassen. So bleibt ein meditatives, fast kontemplatives Genrestück nebst offenkundig spürbarer Affinität zu bewusstseinserweiterndem Unterstützungsmaterial, das sich nicht scheut, die Intelligenz des Rezipienten auf eine angenehme Art und Weise zu beanspruchen. Sehr gut!

8/10

THE PUNISHER: SEASON 1

„Welcome home, Frank.“

The Punisher: Season 1 ~ USA 2017
Directed By: Tom Shankland/Andy Goddard/Antonio Campos/Kevin Hooks/Marc Jobst/Jim O’Hanlon/Kari Skogland/Stephen Surjik/Dearbhla Walsh/Jeremy Webb/Jet Wilkinson

Nachdem Frank Castle (Jon Bernthal) die mutmaßlich letzten der an der Ermordung seiner Familie beteiligten Gangster erledigt hat, fristet er erin tristes, einsames Leben als Bauarbeiter „Peter Castiglione“. Es dauert jedoch nicht lang, bis er neuerlich in Reichweite des organisierten Verbrechens gerät und das zu tun gezwungen ist, was er am Besten beherrscht. Durch seine Aktion wird der im Untergrund lebende Hacker David Lieberman (Ebon Moss-Bachrach) auf ihn aufmerksam und Frank damit mit ganz neuen, unbekannten Fakten über den gewaltsamen Tod seiner Lieben aufgeklärt: Offenbar ist er während seiner Zeit als US-Marine bei einem verdeckten Einsatz in Kandahar Zeuge höchst illegaler Militäroperationen geworden und sollte als unliebsamer Mitwisser beseitigt werden. Doch nicht nur sein bald von Franks Überleben in Kenntnis gesetzter, früherer Vorgesetzter Rawlins (Paul Schulze) wird zu einem Problem, auch die umtriebige Militärpolizistin Madani (Amber Rose Revah) und ein durchgedrehter Veteran (Daniel Webber) machen dem Punisher zu schaffen. Zeit, das Totenkopf-Symbol zu reaktivieren…

Den Punisher, eine von Marvels beliebtesten Figuren, zum Hauptcharakter einer eigenen Serie zu machen, erweist sich rückblickend als mäßig dankbarer und sehr viel mehr rein kommerziellen Erwägungen geschuldeter Einfall. Das sich ferner als problematisch herausstellende Formgerüst der sich auf dreizehn Episoden kaprizierenden MCU-Serien versagt hier zudem noch mehr als ohnehin schon. Dennoch lässt sich mit „The Punisher“ insgesamt wieder ein wenn auch kleiner Aufschwung im Vergleich zu den jüngsten, entsprechenden Formaten verzeichnen.
Die eine große Schwäche des Netflix-Projekts, und diesbezüglich haben alle drei Kinofilme die Nase eindeutig vorn, liegt darin, Frank Castle ein psychologisch facettenreiches Fundament zu verschaffen. Das jedoch hatte der Autor Garth Ennis im Zuge seiner kürzeren und längeren „Punisher“-Strecken bereits allumfassend besorgt: Bei ihm zeigte sich, dass Castle ein prinzipiell grundgestörter Mensch war, der nicht erst durch die Ermordung seiner Frau und der beiden Kinder zum Killer wurde, sondern der sich bereits im Kriegskontext, einer Situation also, die Massenmord gewissermaßen legitimiert, als viehischer Schlächter erwiesen hatte und für den das heimatliche Verlusterlebnis lediglich eine finale Sollbruchstelle darstellte, um seinen beispiellosen Vigilantenkrieg zu entfesseln. Das organisierte Verbrechen hat Frank Castle erst gar nicht zu suchen, um mit ihm auf Konfrontationskurs zu gehen; das besorgt er nunmehr seit langem selbst. Des Punishers langfristiges Ziel besteht nicht in privater Rache, sondern in nichts weniger als darin, das Verbrechen auf globaler Ebene auszurotten; eine Mission, die gezwungenermaßen mit Bergen von Leichen einhergeht. Der Serien-Punisher pflegt ein solches Denken nicht – oder zumindest noch nicht, wie die eine oder andere Ableitung es nahelegt. Hierin sind die Motive für Frank Castles mörderischen Aktionismus (ähnlich wie in Jonathan Hensleighs 04er-Adaption) noch rein persönlicher Natur. Hinter der tödlichen Eiseskälte verbirgt sich noch immer ein menschliches, verletzliches Wesen, das Nähe begreift, zulässt und einstigen Emotionen und Intimitäten zumindest noch in Geist und Herzen nachhängt. Mit Ausnahme einer grandiosen Schlüsselsequenz in der dritten Episode, die während des Afghanistan-Einsatzes den schlummernden Psychopathen hinter der Fassade des Familienvaters zeigt und weiteren, kleineren hints, die das zunehmende Übergewicht einer längst latent vorhandenen PTBS (ohnehin ein zentrales Thema der Reihe) pronocieren, lässt hier noch vergleichsweise wenig auf die wortkarge Killermaschine schließen, zu der der Comic-Punisher (und übrigens auch der bei Goldblatt und Alexander) längst geworden ist.
Die Subplots um Agent Madani, Franks einbeinigen Mitveteranen Curtis Hoyle (Jason R. Moore), Franks merkwürdige Annäherung an Liebermans permanent von ihm überwachte Familie und vor allem jener um den verwirrten Bombenleger Lewis Walcott verlangsamen indes das pacing beträchtlich, rauben ihm einen Großteil seiner Konzentration und Wirkmacht. Ganze Episoden bleiben blass bis fad, während andere zum Besten zählen, was das Netflix-MCU bis dato überhaupt zu bieten hat. Erst gegen Ende, wenn sich die schwelenden Konfrontationen endlich entladen, Frank sich „seinen“ neuen Jigsaw (Ben Barnes) kreiert, der ihm dann wohl in Season 2 das Leben schwermachen dürfte und der Punisher endlich zu sich und seiner ursprünglichen Mythologisierung findet, entwickelt das Format eine Sogkraft, die man sich in dieser Intensität schon sehr viel früher gewünscht hätte. Glücklicherweise nehmen die entsprechenden Höhepunkte in der etwas distanzierten Erinnerung die überwältigende Majorität ein und lassen „The Punisher“ schlussendlich und unter dem Strich als überzeugend dastehen. Dennoch bleibt die Serie in der Summe recht weit unter ihren Möglichkeiten, die sich eben nur in Form einzelner gesetzter Spitzen äußern. Etwas schade ist das schon.

7/10

THE 27TH DAY

„People hate because they fear and they fear anything they don’t understand – which is almost everything.“

The 27th Day (Der 27. Tag) ~ USA 1957
Directed By: William Asher

Fünf Menschen aus unterschiedlichen Teilen der zivilisierten Welt werden von Aliens an Bord ihres Raumschiffs gebeamt und mit folgendem Los betraut: Jede(r) von ihnen erhält eine kleine Box mit drei Kapseln, die nur von ihrem jeweiligen Besitzer per Gedankenkraft geöffnet werden kann. Einmal aktiviert, sorgen die Kapseln dafür, dass sämtliches menschliche Leben in einem zuvor avisierten Radius ausgelöscht wird. Die Außerirdischen benötigen neuen Lebensraum, da ihr eigener Planet dem Untergang geweiht ist, sehen sich jedoch ethisch außer Stande, die Menschheit aktiv zu vernichten. Dies würde sie, so die perfide Annahme der Extratterestrier, in ihrem seit jeher kriegstreiberischen Gestus schon selbst besorgen. Binnen 27 Tagen werden die Kapseln unwirksam und die Aliens wären damit selbst zur Eradikation verdammt. Zurück auf der Erde, nehmen die Schicksale der fünf Todesagenten zügig ihren Lauf: Die Chinesin (Marie Tsin) nimmt sich sogleich das Leben, der brillante, deutsche (!) Wissenschaftler Professor Bechner (George Voskovec) fällt einem beinahe tödlichen Autounfall zum Opfer. Während der US-Reporter Clark (Gene Barry) und die naive Britin Eve (Valerie French) es derweil bevorzugen, sich für die knapp vierwöchige Frist versteckt zu halten, gerät der sowjetische Soldat (Azemat Janti) seinem bösen Vorgesetzten (Stefan Schnabel) in die Hände, der sogleich die Weltherrschaft anstrebt…

In der Tradition von Robert Wises „The Day The Earth Stood Still“ schob die Columbia ein paar Jahre später dieses weniger prominente, gleichsam kurzspännige und kurzweilige Genre-Musterbeispiel um Weltkriegsängste, Invasions- und Sowjet-Paranoia hinterdrein, das seine ungebrochen aktuelle Agenda bei einem Minimalbudget recht wirkungsvoll umzusetzen wusste. Die Aliens unbekannter Provenienz (man erfährt lediglich, dass sie aus einem anderen Sonnensystem stammen), die uns wie ihre diversen zeitgenössischen mit unserer vollständigen Ausrottung konfrontieren, sind uns diesmal allerdings nicht allein technisch, sondern auch moralisch um Lichtjahre voraus. Punktum hält ihr besonnen und eloquent auftretender Repräsentant (Arnold Moss) dem auf seinem Schiff befindlichen, humanen Stellvertreterquintett den denkbar hässlichsten aller Spiegel vor: „Euch aus der Schöpfung zu tilgen, das brauchen wir gar nicht, das besorgt ihr schon vortrefflich allein.“ könnte das etwas sarkastische Fazit seines Kurzvotrags lauten. Da die Zeit eben drängt, wartet man allerdings nicht etwa auf den ausstehenden Einsatz der Neutronenbombe, sondern gibt den Menschlein flugs alles Notwendige an die Hand – einen saubereren und endgültigeren Weg, sich des schlimmsten aller Raubtiere zu entledigen, wird man vor Ort schwerlich erfinden mögen. Um es den fünf Probanden nicht allzu leicht zu machen, verkünden die Außerirdischen auf sämtlichen Rundfunk-Frequenzen die Namen der überhaupt nicht müden Schläfer, was eine umgehend anberaumte Menschenjagd zur Folge hat. Natürlich entblödet „The 27th Day“, kleine US-Produktion, die er nunmal ist, sich nicht, den Russen den Schwarzen Peter des dräuenden Untergangs zuzuschieben, respektive einem machtbesessenen Kommi-Offizier, der den armen, kleinen Erfüllungsgenossen Ivan, der doch eigentlich gar nichts Böses will, sogleich einem zermürbenden Folterverhör unterzieht, auf dass dieser das Geheimnis der Kristallbox preisgebe. Die geniale Idee zur Abwendung der finalen Katastrophe wächst indes auf dem mentalen Mist des deutschen Professors, der es auf wundersame Weise hinbekommt, dass die omnipotente Superwaffe nur die bösen und durchtriebenen Menschen exterminiert. Die in der Folge deppert dastehenden Aliens tun derweil allen leid und werden zum Bleiben auf der Erde eingeladen, was sie dankend annehmen. Die Menschen dürfen sich derweil rühmen, in den erlauchten, stellaren Zyklus der „Geisteswesen“ aufgenommen zu werden. So wird aus der Dystopie eine Utopie mit einem ebenso zwingenden wie simplen Lösungsvorschlag: Rottet einfach alle Schweinhunde auf Erden aus und euer ist das Himmelreich! Wohlan.

7/10