TERRORE NELLO SPAZIO

Zitat entfällt.

Terrore Nello Spazio (Planet der Vampire) ~ I/E 1965
Directed By: Mario Bava

Die beiden Zwillingsraumer „Galliott“ und „Argos“ landen auf dem öden Planeten Aura, nachdem sie von dort ein Notsignal empfangen haben. Außer wabernden Nebeln und einer Geröllandschaft entdeckt man zunächst nichts auf dem Planeten, doch das Verhalten einiger der Crew-Mitglieder ändert sich rasch auf fatale Weise – sie scheinen zu emotionslosen Wesen zu werden, die sich blind attackieren. Nur Captain Markary (Barry Sullivan) von der Argos bleibt besonnen. Bald entdeckt man, dass die Besatzung der Galliott, zu der unterdessen der Kontakt abgebrochen ist, ebenfalls einem kollektiven Amoklauf anheim gefallen ist und sich gegenseitig getötet hat. Kurz darauf verschwinden die Leichen, erwachen jedoch schon bald zu unheilvollem, neuen Leben – auf Aura sind nämlich geisterhafte, ätherische Wesen beheimatet, die die Fähigkeit haben, menschliche Wirtskörper nebst deren Verstand zu übernehmen. Bereits skelettierte Aliens an Bord eines alsbald entdeckten, außerirdischen Raumschiffwracks sind den Auraniern offenbar bereits vor langer Zeit unter ganz ähnlichen Bedingungen zum Opfer gefallen. Bald klärt sich ihr Motiv – die Auranier suchen fieberhaft nach einer Möglichkeit, ihren unbewohnbar gewordenen, kaputtgewirtschafteten Planeten zu verlassen und die Bevölkerung eines anderen zu unterjochen.

Nicht nur zum besten italienischen Science-Fiction-Film der sechziger Jahre ist diese rundum wunderhüsche Phantasmagorie von Maestro Bava geraten, sondern auch zu einem sich für das Genre gemeinhin als unerschöpflicher Inspirationsquell erweisendes Gesamtkunstwerk. „Terrore Nello Spazio“ blieb Mario Bavas einziger Ausflug ins Interstellare, Futuristische, was angesichts der rundgeschlossenen Erscheinung seines Weks kaum weiter verwundern sollte – hier hatte ein Filmemacher möglicherweise alles aus seiner Sicht Erschöpfende zum Thema gesagt und brauchte sich erst gar nicht weiter daran abzuarbeiten. Der erzählerische Einfluss auf etwa Ridley Scotts „Alien“ ist tatsächlich besonders eklatant, wenngleich zumindest das Paranoiaelement, dass „Terrore“ noch dicht bei den vor allem in den Fünfzigern entstandenen Gattungsvertretern verortet, darin entfällt. Doch es ist nicht allein der Status von Bavas Film als Tropenfundus, der ihn zu etwas ganz Besonderem macht, sondern vor allem seine unbändige Kreativität: Einen Film mit solch monetär geringen production values niemals einfältig, käsig oder plüschig wirken zu lassen, sondern ihm eine zeitlose Wirksamkeit an die Hand zu geben, sprich: ihn ernstzunehmen, daran haperte es damals ja beinahe schon im Regelfall. Für den zeitgenössischen Genreregisseur war es vielmehr gang und gäbe, sein Minimalbudget in eine der vorgefertigten Formen zu gießen und lieber mit wahllos freiwilligem oder (scheinbar) unfreiwilligem Humor zu jonglieren; sich gewissermaßen also der dezidierten Billignatur des Sujets bereitwillig auszuliefern, um sein popcornfressende teenage drive-in audience bloß nicht allzu häufig vom Knutschen abzulenken. Nicht so Bava – der investierte Ideen, Schöpferkraft und Geist und erwies sich insbesondere in diesem speziellen Falle als Regisseur von Weltformat. Die Schlusspointe trägt dem Ganzen nochmals Rechnung; hier holt man uns geradezu epiphanisch aus selbstsuggerierten Automatismen zurück. Zukunft? Erdastronauten? Wer hat davon eigentlich je etwas gesagt?

9/10

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NIGHTWING

„One man’s superstition is another man’s religion.“

Nightwing (Schwingen der Angst) ~ USA 1979
Directed By: Arthur Hiller

In einem Indianerreservat in Arizona geschieht Mysteriöses: Nicht nur, dass Viehkadaver mit kleinen, rasiermesserscharfen Wunden aufgefunden werden, scheint auch der mächtige Priester Abner Tasupi (George Clutesi) im Wissen um Ungeheuerliches zu sein. Während der lokale Sheriff Youngman Duran (Nick Mancuso) damit beschäftigt ist, die Geldgier des geschäftstüchtigen Walker Chee (Stephen Macht), der in den Bergen riesige Ölvorkommen wittert, im Zaum zu halten, taucht dann auch noch ein englischer Vampirfledermausjäger namens Phillip Payne (David Warner) auf, der Duran zunächst nicht ganz koscher erscheint. Als jedoch Durans Freundin Anne (Kathryn Harrold) eines Nachts beinahe von den blutgierigen Flugnagern getötet wird, sieht sich Duran zu einer Allianz mit Payne gezwungen…

Grundtypischer Tierrhorror seiner Ära, der sich relativ nahtlos in die umfassende Anthologie rund um eine sich ihren modernen Ausbeutern entgegenstellende Natur einpflegt. Nebenbei lassen sich noch Parallelen zu William Girdlers „The Manitou“ und dem etwa zeitgleich gestarteten „Prophecy“ von John Frankenheimer ziehen, in denen indianische Weissagungen und Mystizismus ebenfalls elemetare Motive bilden.
Auch „Nightwing“ zehrt von jenen folkloristischen Triebfedern, die an den omnipräsenten historischen Schuldkomplex der ausbeuterischen, weißen US-Bevölkerung gemahnten und diese zugleich mit einer für sie als „Zivilisationsmenschen“  nicht fassbaren Bedrohung konfrontierten. Hier ist es eine Kolonie von Vampirfledermäusen, die ihre Opfer nicht nur unbarmherzigst zur Ader lassen, sondern zudem noch Überträger der Pest sind und somit die potenzielle Gefahr einer unkontrollierbaren Pandemie mit sich tragen. Stimmt die Ankündigung des alten Abner, so hat dieser sich mit einem alten indianischen Dämon verbündet, um das Ende der Welt einzuläuten. Da Duran Übersinnliches Geister jedoch nur dann zu sehen vermag, wenn er vom Peyote genascht hat, bleibt der Film eine zufrieden stellende Verifizierung dieses gehörig irrationalen Umstands schuldig. Im Endeffekt spielt dies jedoch ohnehin eine untergeordnete Rolle, ebenso wie Hillers Werk nachhaltig darin versagt, beim Publikum Angst zu evozieren. Seine Fledermäuse bleiben, trotz David Warners unaufhörlichen Beteuerungen, dass sie des Satans irdische Repräsentanten seien, vergleichsweise possierlich. In dieser Hinsicht zeigt sich eine engere Verwandtschaft zu obskureren Gattungsgenossen wie Claxtons „Night Of The Lepus“. Doch bekanntermaßen musste ja irgendwann während der Siebziger einmal jede greifbare Tiergattung in die Bresche springen, wenn es darum ging, das Armageddon einzuläuten, auch, wenn der eine oder andere Sciptautor (im Falle „Nightwing“ war das Martin Cruz Smith) sich gehörig verzettelte.
Das entpuppt sich jedoch als nicht weiter wild. Hillers Stück zehrt von seiner formalen Kompetenz, er ist unverkennbar ein Kind seiner Zeit und als solches insbesondere für Liebhaber des von ihm repräsentierten Subgenres einen Blick wert. 

6/10

JEEPERS CREEPERS

„It has eaten too many hearts for its own to ever stop!“

Jeepers Creepers ~ USA 2001
Directed By: Victor Salva

Die Geschwister Trish (Gina Philips) und Darry Jenner (Justin Long) befinden sich auf dem Heimweg vom Spring Break, als ihnen mitten in der Einöde ein merkwürdiger, vor Rost starrender Lastwagen auffällt, dessen Fahrer sich höchst aggressiv verhält. Kurz darauf entdecken Trish und Darry das Gefährt in der Nähe einer alten Kirche, wo jemand etwas, das nach gefüllten Leichensäcken aussieht, in ein unterirdisches Gewölbe hinablässt. Dabei handelt es sich wiederu um den Fahrer des Lasters, der sich sogleich aufmacht, die Geschwister zu verfolgen. Es entbrennt ein Katz-und Maus-Spiel, im Zuge dessen Darry und Trish erfahren müssen, dass es sich bei ihrem Verfolger um den „Creeper“ (Jonathan Breck) handelt, ein Monster, dass sich immer wieder durch die Körperteile seiner Opfer erneuert und bei seiner Jagd vor nichts und niemandem zurückschreckt.

„Jeepers Creepers“ lief beinahe zeitgleich mit John Dahls ganz ähnlich gestricktem „Joy Ride“ in den Kinos, wobei sein Einspielergebnis das der wesentlich teureren Studioproduktion langfristig überflügeln konnte. Und tatsächlich erweist Salvas durchaus altmodisch angegangene Monstermär sich im Direktvergleich als der schönere und vor allem phantasievollere der beiden Filme. Hier wie dort geht es um die beiläufige, eher im Scherzhaften initiierte Entfesselung einer diabolischen Macht, die sich dann jeweils als mysteriöser Fahrer eines LKW entpuppt, der ein paar vormals gut aufgelegten, jungen Leuten das Leben schwermacht und deren unerbittliche Verfolgung mit offener Mordabsicht zu einem zunehmend harschen Höllenritt werden lässt. Gedanklicher Schirmherr dieses Motivs ist fraglos Spielbergs „Duel“, doch auch Robert Harmons „The Hitcher“ darf sich einer unübersehbaren, ideellen Patenschaft erfreuen. All diesen Werken gemein ist die genrefreudige Kultivierung der mehr oder weniger irrationalen Angst vor den endlos verlaufenden, ruralen Straßennetzen der USA, auf deren staubigen Meilen sich unfassbare Bedrohungen verbergen, die eine mögliche Begegnung mit sich nicht verzeihen wollen. „Jeepers Creepers“ formuliert seine diesbezüglich Sache da sogar besonders konsequent aus: Anlass zur Panik ist hier weder ein mörderischer Anhalter, noch ein psychopathischer Trucker, sondern eine dämonische Kreatur unbekannter Herkunft, die offenbar bereits seit langer Zeit die Gegend unsicher macht; eine inkarnierte Lagerfeuergeschichte sozusagen. Was den Creeper neben seiner ruhelosen Agenda umtreibt oder wo er herkommt, bleibt ein Mysterium. Wir erfahren lediglich, dass er in regelmäßigen Zeitabständen, nämlich alle 23 Jahre, für 23 Tage Jagd auf besonders angsterfüllte Opfer macht, um sie dann als Ersatzteillager für seinen verrottenden Körper zu missbrauchen. Dabei ist das Monster sehr hübsch gestaltet. Den LKW, Mantel und Hut nutzt es lediglich, um nicht gleich jedem aufzufallen, es verfügt nämlich über riesige Schwingen und hat gewisse Ähnlichkeit mit einer Kragenechse. Als sehr konsequent empfand ich, dass der Creeper seinen anfänglichen, filminternen und handelsüblichen Status als Hirngespinst überspannter Teenager rasch verliert und es im weiteren Verlauf sogar mit der State Police aufnimmt, was wiederum Anlass für reichlich spektakuläre Augenblicke mit sich bringt.

8/10

IT

„I am eternal, child. I am the eater of worlds, and of children. And you are next!“

It (Es) ~ USA 1990
Directed By: Tommy Lee Wallace

Derry, Maine im Frühherbst 1960. Sieben durch ganz unterschiedliche Handycaps geprägte Kids im Alter von zwölf Jahren gründen den „Loser’s Club“, eine Clique, die ihnen nicht nur Zusammenhalt und Stärke verleiht gegen die alltäglichen Bedrohungen durch fehlgeleitete Erwachsene und halbstarke Bullys, sondern auch gegen eine paranormale, böse Entität, die Derry offenbar alle dreißig Jahre heimsucht und vornehmlich kleine Kinder verzehrt, um sich zu stärken. Es gelingt dem „Loser’s Club“ unter Aufbietung größtmöglicher Energien schließlich, jenes „Es“, das sich gern als Clown (Tim Curry) zeigt, in die Schranken zu weisen. Drei Jahrzehnte später beginnt in Derry erneut eine Serie von Kindermorden. „Es“ ist zurück. Mike Hanlon (Tim Reid), der als Einziger der sieben Kinderfreunde auch als Erwachsener in Derry geblieben ist, alarmiert den mittlerweile in ganz neuen Individualnöten befindlichen Loser’s Club, um der gemeinsamen alten Nemesis endgültig das Handwerk zu legen.

Tommy Lee Wallaces zweiteilige Adaption von Stephen Kings massivem Erfolgswälzer konnte sich über die Jahre eine für einen TV-Film ungewöhnlich große, cinephile fanbase sichern, was wohl neben einigen wenigen wirklich konstituierenden Augenblicken insbesondere der ikonographischen Darstellung des Clowns Pennywise durch Tim Curry zuzuschreiben ist. Und tatsächlich ist es vor allem Currys exaltierte Interpretation, die das ansonsten biedere, seinem Format gemäß stark korsettierte Werk immer wieder über seine ansonsten mediokre Präsentation hinaushebt und in Erinnerung bleiben lässt. Immerhin gelingt es Script und Film, auch die Metaebene von Kings allegorischer Kleinstadtmär aufrecht zu erhalten – im Grunde geht es ja gar nicht um dieses übermächtige, furchtbare Wesen unbekannter Herkunft, sondern um den Wert beständiger Freundschaft und den gemeinsamen, schließlich erfolgreichen Kampf um das Recht, in einer von Widerständen geprägten Umwelt überleben zu können. Um eine solche Geschichte umfassend erzählen zu können, bedurfte es offensichtlicher Klischees, die der Plot dann auch relativ behende bedient: Bill Denbrough (Jonathan Brandis/Richard Thomas) stottert, wenn er nervös ist und leidet unter übermächtigen Schuldgefühlen betreffs des Todes seines kleinen Bruders Georgie (Tony Dakota); Ben Hanscom (Brandon Crane/John Ritter), als adipöses Kind permanent gehänselt, ist als Erwachsener beziehungsunfähig und dem Alkohol verfallen; Eddie Kaspbrak (Adam Faraizl/Dennis Christopher) steht unter ewiger Bevormundung seiner selbstsüchtigen Helikoptermutter (Sheila Moore) und ist eingebildeter Asthmatiker; hinter der Fassade des vorlauten Richie Tozier (Seth Green/Harry Anderson) verbirgt sich ein von permanenten Selbstzweifeln heimgesuchter Schwächling; der intelligente Stanley Uris (Ben Heller/Richard Masur) kann nicht verwinden, dass es Dinge gibt, die nicht seiner jüdischen Schulweisheit unterliegen; Beverly Marsh (Emily Perkins/Annette O’Toole), das einzige Mädchen im Bunde, sucht sich als Erwachsene unbewusst genau solche Arschlochmänner, wie sie in Kindheitstagen ihr alleinerziehender, gewalttätiger Vater (Frank C. Turner) repräsentierte und Mike Hanlon (Marlon Taylor/Tim Reid) schließlich unterliegt primär dem gewaltigen, sozialen Nachteil, ein intelligenter, selbstbewusster Afroamerikaner zu sein. Den Kindern erwachsen all ihre von ihrem jeweiligen (zunächst unfreiwillig, später selbstgewähltem) Umfeld forcierten „Behinderungen“ zu ausgewachsenen Traumata, deren Symptome sie zwar zum Schein beiseite schieben können, deren tieferen, eigentlichen Ursachen sie sich jedoch nie wirklich zu stellen vermochten (und die in krassem Kontrast zu ihren jeweiligen, oberflächlichen Erfolgskarrieren stehen).
Der Kampf gegen „Es“ ist also vor allem eine extrem aktionistisch arrangierte Gruppentherapie, die der Bezwingung von Ängsten und Barrieren dient – ein klassischer Coming-of-Age-Stoff. Damit das auch der Dümmste versteht, schafft es Bill am Ende sogar, seine von Pennywise entführte, schwer traumatisierte Frau Audra (Olivia Hussey) aus ihrem katatonischen Zustand zurückzuholen – der finale Durchbruch gelingt und trotz zweier bedauernswerter Todesopfer (Stanley & Eddie) wird der Rest des „Loser’s Club“ nunmehr ein freieres Leben führen können.
Ich bin gespannt auf den ersten Teil der Neuinterpretation (demnächst hier).

6/10

LE PACTE DES LOUPS

Zitat entfällt.

Le Pacte Des Loups (Der Pakt der Wölfe) ~ F 2001
Directed By: Christophe Gans

Während der Erstürmung der Bastille schreibt der Aristokrat Thomas d’Apcher (Jacques Perrin) an seinen Memoiren. Besonders das umfangreiche Kapitel über die Bestie vom Gévaudan beansprucht seine Erinnerungskraft: Etwa zweiundzwanzig Jahre zuvor machte d’Apcher als junger Mann (Jérémie Reinier) die Bekanntschaft des Kriegsveteranen und Wissenschaftlers Grégoire de Fronsac (Samuel Le Bihan), der eigens vom Hofe König Ludwigs XVI. in die südfranzösische Region entsandt wurde, um den Gräueltaten eines mysteriösen Raubtiers auf die Spur zu kommen. Im Schlepptau hat de Fronsac seinen treuen Begleiter Mani (Mark Dacascos), einen Irokesen aus der Neuen Welt mit schamanischen Fähigkeiten. Fronsac und Mani wohnen bei der adligen Familie Morangias, in deren Tochter Marianne (Èmilie Dequenne) sich Fronsac flugs verliebt, derweil Mariannes Bruder Jean-François (Vincent Cassel) indes ein höchst eigenwilliger Typ ist. Fronsac findet bald eindeutige Beweise dafür, dass es sich bei der immer wieder zuschlagenden Bestie weder um einen einheimischen Wolf, noch um ein, wie die Leute vor Ort glauben, übernatürliches Monster handeln kann. Derweil sorgt auch eine gewaltige, öffentlichkeitswirksam abgehaltene Treibjagd nicht dafür, dass das Tier sein mörderisches Treiben einstellt. Um die Bevölkerung im Zaum zu halten, wird Fronsac dazu gezwungen, einen erlegten Wolf zu präparieren und in Paris bei Hofe vorzuführen. Heimlich reisen er und Mani trotz anderslautender Direktiven wieder zurück ins Gévaudan und versuchen auf eigene Faust, das echte Biest zu fangen. Tatsächlich schnappt die gestellte Falle zu, doch das Monster kann entkommen. Mani wird von einer Gruppe Waldläufer gefangen und getötet. Fronsacs Rache ist grausam und er kommt zudem mithilfe der Hure Sylvia (Monica Bellucci) einer verschwörerischen, zutiefst aufklärungsfeindlichen Geheimloge auf die Spur, deren Vorsitzender der wahnsinnige Jean-François Morangias ist. Dieser hat einst  einen jungen Löwen aus Afrika mitgebracht, ihn in ein schmerzhaftes Metallkorsett gezwängt, abgerichtet und sich zuwillen gemacht. Eine von Fronsac mitgebrachte Gruppe von Soldaten kann dem „Pakt der Wölfe“ endlich den Garaus machen.

Der einst als recht vielversprechender Filmemacher begonnene Franzose Christophe Gans, der sich anscheinend sehr leidenschaftlich dem Genrekino verschrieben hatte, erweist sich heuer leider als spärlicher Arbeiter, von dem zumindest ich gern mehr sehen würde. Seine bisherigen Filme (wobei ich den jüngsten, eine „La Belle Et La Bête“-Adaption, noch nicht gesehen habe) gefallen mir nämlich durch die Bank gut, zumal sein Faible für visuellen Pomp und Schwulst etwas heutzutage überaus selten Gewordenes ist. „Le Pacte Des Loups“ dürfte wohl sein bisheriges opus magnum sein. Hierfür stand ihm nicht nur ein sichtbar großzügiges Budget zur Verfügung, sondern vor allem auch eine zündende Idee: Die Mär von der „Bestie des Gévaudan“ ist nämlich mitnichten eine solche, sondern beschreibt vielmehr eine historisch verbriefte Verkettung schrecklicher Ereignisse, die sich in einem Zeitrahmen von etwa drei Jahren in der entsprechenden, südfranzösischen Region abspielten. Eine Vielzahl von Menschen aus der dortigen Landbevölkerung, vor allem Frauen und Kinder, fielen dort einem niemals erlegten Tier zum Opfer, dessen Aussehen und Größe je nach Augenzeugenberichten stark variierte und das unglaubliche Kräfte gehabt haben muss. Eine ideale Voraussetzung also für eine prächtige, filmische Kopfgeburt, die „Le Pacte Des Loups“ dann auch tatsächlich wurde.
Natürlich ist der Film hoffnungslos überladen und sein Nährgehalt entspricht in etwa dem eines barocken Fünfzehn-Gänge-Menüs bei Hofe, nach dessen Dessert die Kniehose zu explodieren droht. Vielleicht haben der gute Gans und sein Mitautor Stéphane Cabel selbst ein wenig zu großzügig am Absinth genascht oder ein Tröpfchen Laudanum zu viel verköstigt; die mit „Pacte Des Loups“ herausgekommene, wilde Mixtur spricht jedenfalls gewiss dafür. Von der chromblitzenden Manga-Adaption „Crying Freeman“ hat Gans sich deren Hauptdarsteller Mark Dacascos gleich mitgebracht und ihn infolge seiner exotischen Erscheinung als Indianer (und Blutsbruder des Haupthelden) mit natürlich exorbitanten Karatefähigkeiten in die Geschichte hineingeschrieben. Cassel als widerlicher, verrückt gewordener Sektenchef mit inzestuösem Begehren, Monica Bellucci als dralle Hure in samtroten Laken, ein geheimnisvolles CGI-Ungeheuer und deftige Gewaltexzesse –  vermissen wird man hier garantiert nichts davon. Das übliche Historiengebräu aus Authentizitäts-Phantasie-Gemischen, Standesdünkel, Involvierung von Staat und Klerus und Korruption bis in die höchsten Etagen, dazu eine schwülstige Liebesgeschichte und Gans hat wirklich alles mit drin in seinem protzigen Kostümstück. Natürlich hat „Le Pacte Des Loups“ demzufolge von allem viel zu viel, um wirklich gut zu sein oder sich seinem Thema auch nur halbwegs ernsthaft zu stellen. Man sollte ihn eher als das nehmen und betrachten, was er ist: als pures, rauschhaftes Kino nämlich, wie es in dieser voluminösen Kompilierung aus allem Möglichen schon vor sechzehn Jahren einen farbenfrohen, frechen Anachronismus darstellte.

8/10

THE MUMMY

„You can’t run. You can’t escape.“

The Mummy (Die Mumie) ~ USA 2017
Directed By: Alex Kurtzman

Die Antiquitätenschmuggler und Regierungsangestellten Nick Morton (Tom Cruise) und Chris Vail (Jake Johnson) entdecken im Irak eher zufällig das Grab der ägyptischen Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella), die vor rund dreitausend Jahren versucht hatte, ihr Erbrecht mithilfe des Totengottes Seth durchzusetzen, dann jedoch ertappt und ebenso eilends wie weit weg von daheim (in Mesopotamien nämlich) bestattet wurde. Die flugs herbeieilende Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis), auf die Morton bereits ein Auge geworfen hat, ist Feuer und Flamme für den Sensationsfund. Nachdem die Gruft geöffnet ist, gelingt es Ahmanet natürlich, ihrem Gefängnis zu entfleuchen und Nick, Jenny und Chris, der sich infolge eines Spinnenbisses zombifiziert, bis nach London nachzustellen. Während Ahmanet plant, Nick zur irdischen Inkarnation ihres geliebten Seth umzufunktionieren, erfährt dieser, dass es eine Geheimorganisation namens „Prodigium“ gibt, die sich mit der Bedrohung durch übernatürliche Mächte befasst. Vorsitzender von Progidium ist Dr. Henry Jekyll (Russell Crowe), er allenthalben mit seinem alter ego Edward Hyde (Russell Crowe) zu kämpfen hat. Es gelingt, Ahmanet vorübergehend festzusetzen, doch sie kann entkommen und Nick wie geplant unter Seths Besetzung stellen. Dieser wehrt sich jedoch nach Kräften, wendet sich schließlich gegen Ahmanet und verschwindet nach gewonnenem Duell.

Trotz letztmaligem Pompösreinfall hat die Universal rein gar nichts dazugelernt, was die Reaktivierung ihrer alten Monsterfilme anbelangt. Nach 1932 und 1999 ist dies der dritte Film des Studios, der den Titel „The Mummy“ trägt und wie der vorangehende Versuch, das von Karl Freund vor nunmehr 85 Jahren meisterhaft inszenierten Original massentauglich aufzufrischen, ein einziger, gewaltiger Faux-pas. Ähnlich wie im Falle „Van Helsing“, der wie die 99er-Mumie und dessen Erstsequel unter der Ägide von Stephen Sommers erstellt wurde, versucht man sich heuer an der Etablierung eines neuen, monsterübergreifenden Franchise. Dieses befindet sich nach Verlautbarung bereits in fortgeschrittener Planung und schimpft sich – clever, clever – „Dark Universe“ und wird zu Beginn auf der Rückseite des Universal-Globus enthüllt. Nach der Betrachtung dieser bereits im Aufbaustadium schwerstkariösen Suspension kann ich dessen „Versprechen“ nurmehr als waschechte Drohung interpretieren. In Kurtzmans Film (ein Blick auf dessen vor allem aus Produktions- und Scriptjobs bestehenden Werkes verrät bereits, aus welcher Richtung der Hase gehoppelt kommt) walten erwartungsgemäß vor allem CGIs rund um eine Titelfigur, die vom maßgebenden Genre in etwa so weit entfernt ist, wie Papst Franziskus vom nächsten Puffbesuch. Stattdessen kristallisiert sich heraus, dass man neidisch zur profitablen Konkurrenz von Disney und Warner schielt, die derzeit Milliardengewinne mit ihren Superhelden-Universen einfahren. Und die Jungs von Legendary haben bereits ihr MonsterVerse am Start.
Der blitzgescheite Umkehrschluss nach einem Blick in den Giftschrank mit den vergilbten Titelrechten: Das können wir auch. Nehmen wir doch einfach abermals die klassischen Schauerfiguren von Shelley über Stoker, Stevenson, Wells etc. pp. und machen daraus unsere eigene, dufte Kinoreihe! Zwar ist auch diese Idee nicht ganz neu – hauseigene monster mashups gab es bereits in den 1940ern und auch der Einfall, viktorianische Mythen unter ein und demselben inhaltlichen Dach zu vereinen, kam Alan Moore bereits vor knapp zwei Jahrzehnten (und wurde bereits, vor allem in künstlerischer Hinsicht, mäßig erfolgreich adaptiert) – doch das dürfte die Kids von heute eh nicht jucken. Also kommen in „The Mummy“ gleich einmal Dr. Jekyll & Mr. Hyde zum Zuge, mit denen zweifelsohne auch weiterhin zu rechnen sein wird. Folgetreffen mit Frankensteins Monster (respektive dessen Braut), Dracula, dessen Erzfeind Dr. Van Helsing, dem Wolfsmenschen, dem Unsichtbaren, dem Phantom der Oper und, man höre und staune, sogar mit dem Glöckner von Notre-Dame sind bereits in der Planung. Sicherlich darf man sich bei halbwegs anständigem Einspiel gleich auch noch auch auf den Kiemenmann, Dr. Moreau und Dorian Gray gefasst machen.
Die Tatsache, dass allerdings gleich der Starschuss gleich so dermaßen nach hinten losgehen muss, lässt eher besorgt auf die Zukunft des Dark Universe blicken. Flauer Humor, rabiat geklaute Gags (oder soll Chris Vail als zunehmend verwesender, sprüchekloppender hero’s guide aus dem Jenseits etwa eine Hommage an „An American Werewolf In London“ sein?), ein „Monster“, das eher in feuchte denn in Albträume gehört und ein wie immer supersonnig aufgelegter Tom Cruise in seinem nächsten Part als Serienheld (wenn ich richtig gezählt habe, der mittlerweile dritte) und gepflegte Langeweile jedenfalls keine Garanten für gute Gelingen. Aber man soll nicht immer alles vorverurteilen. Vielleicht wird der für Februar 19 avisierte „Frankenstein’s Bride“ (immerhin von Bill Condon inszeniert) ja richtig scary!

4/10

ALIEN: COVENANT

„I think if we are kind, it will be a kind world.“

Alien: Covenant ~ USA/UK/AUS/NZ/CN 2017
Directed By: Ridley Scott

Im Jahre 2104 reist das Kolonistenschiff „Covenant“ zum Planeten Origae-6, auf dem es lebensfreundliche Bedingungen gibt. Ein Raumsturm sorgt schließlich dafür, dass einige Crewmitglieder aus dem Hyperschlaf geholt werden. An Bord befindet sich zudem der Android Walter (Michael Fassbender), seinem einstigen Vorbild David (Michael Fassbender) zumindest äußerlich stark nachempfunden. Ein zufällig aufgefangener Funkspruch lässt sie auf einen nicht allzu weit entfernten Planeten aufmerksam werden, der ebenfalls für die Besiedlung durch Menschen geeignet scheint. Ein dorthin entsandter Expeditionstrupp muss diesen Eindruck jedoch bald revidieren: Es gibt keinerlei Tiere; stattdessen findet sich das Wrack eines außerirdischen Raumschiffs, das Hinweise auf einen früheren Kontakt mit der zehn Jahre zuvor verschwundenen „Prometheus“ enthält. Der zunächst unbemerkte Kontakt mit Killersporen, die in den von ihnen befallenen Wirtskörpern eine Frühform der aggressiven Xenomorphe heranwachsen lassen, versetzt die Raumfahrer schließlich in Panik. Für eine Flucht ist es jedoch bereits zu spät. Stattdessen eilt ihnen der hier vor langem gestrandete David zur scheinbaren Hilfe, der jedoch weitaus finsterere Pläne hat, als es zunächst den Anschein hat.

Grundsätzlich finde ich einen neuen „Alien“ eigentlich immer begrüßenswert. Ich mag die Reihe seit jeher, finde die Monster genuin toll und schätze die mannigfaltigen Möglichkeiten, die sich hinter dem scheinbar simpel strukturierten Originalplot auftun. Ridley Scotts Originalfilm, den ich mittlerweile auswendig mitsprechen kann und allein in den letzten sechs Monaten zweimal gesehen habe, erfreut sich meiner persönlichen, ungebrochenen, eigentlich sogar stetig steigenden Beliebtheit. Seit Scott das Franchise mit dem Prequel „Prometheus“ quasi zurückerobert hat, droht er damit, dass er im Erfolgsfalle Ideen für etliche weitere Serienbeiträge im Ärmel hätte. Dieser Jüngste davon lässt angesichts solch hochtrabender Pläne allerdings nicht unbedingt frohlocken. Längst stehen die Xenomorphe überhaupt nicht mehr im Fokus, sondern bekleiden eher die Rolle bejubelnswerter Gaststars, angesichts deren rarer Auftritte man sich dann wohl noch erfreuen zeigen soll. Das Zentrum von „Alien: Covenant“ bildet vielmehr Michael Fassbender in seiner Doppelrolle als guter und als böser Androide mit leidlich genutztem Konfusionsfaktor.
Wenn man so will, vollzieht die Geschichte einen Brückenschlag zwischen dem „Alien“-Kosmos und Scotts anderer filmischen Großerrungenschaft, „Blade Runner“. Daran lässt bereits der Prolog keine Zweifel, der einen todkranken Peter Weyland (Guy Pearce) im prononciert „wagneresken“ Dialog mit seiner Großschöpfung David zeigt: Das ätherische, artifizielle Geschöpf hat seinen Vater an Perfektion längst übertroffen. Wie der weitere Verlauf zeigt, wird es darüberhinaus dereinst zum Wolf seiner Konstrukteure werden; es hat in einem Jahrzehnt des einsamen Sinnierens längst erkannt, dass der homo sapiens gewissermaßen „überholt“ ist, voll von Schwächen, und auf den Schrotthaufen der Evolution gehört. Die Aliens, wie wir sie seit anno ’79 (respektive die beängstigend pluralistische Ausprägung ihrer insektenatigen Organisation seit ’86) kennen, verdanken ihre endgültige Form als Waffe wider die Menschheit also einem von Menschen geschaffenen Androiden. Ob diese Kausalitätsenthüllung so brillant ist, wie Scott sie uns zu verkaufen trachtet, möchte ich dahingestellt lassen; immerhin war es einst ja gerade das die Xenomorphe umgebende, mysteriöse Element, das ihnen einen Großteil ihrer Originalität, Faszination und Bedrohlichkeit bescherte.
Da das Gegenwartskino sich aber nicht erst seit gestern innerhalb der gewaltigen Zwangsneurose bewegt, stets alles bis zum Erbrechen zu erklären und immer wieder aufs Neue durchdeklinieren zu müssen, sind Werke wie dieses wohl schlicht unvermeidbar. Immerhin ist „Covenant“ alles in allem kein dummer Film und hält zudem ein paar angemessen inszenierte Aktionsszenarien bereit. Doch reicht das?
Wie in vielen Präzdenzfällen, s. „Star Wars“, sollte man, so man sich „Covenant“ überhaupt ausliefern will, sich der Bereitschaft vergewissern, das Gestrige in Frieden ruhen zu lassen, die alte Weise, dass „früher sowieso alles besser“ war, geflissentlich beiseite schieben zu können und (vielleicht) zähneknirschend das fressen, was man vorgesetzt bekommt. Frei nach dem Motto: ein leerer Magen tut einem auch keinen Gefallen.

6/10