ANNA KARENINA

„We’ll be punished because we’re happy.“

Anna Karenina ~ USA 1935
Directed By: Clarence Brown

Moskau, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die gesellschaftlich geachtete Beamtengattin Anna Karenina (Greta Garbo) kommt aus St. Petersburg, um die Ehe und Familie ihres Bruders, des spitzbübischen Stiva Oblonskij (Reginald Owen), zu retten, der einmal mehr seine Gattin Dolly (Phoebe Foster) betrogen hat. Dabei lernt sie Stivas Freund, den adligen Offizier Wronskij (Fredric March) kennen, der sich Hals über Kopf in Anna verliebt und im Gegenzug die wiederum ihn anhimmelnde Kitty (Maureen O’Sullivan), die jüngere Schwester Dollys, links liegen lässt. Wronskij folgt Anna nach St. Petersburg und macht ihr trotz allseitiger Warnrufe solange den Hof, bis auch sie ihm verfällt. Als Annas steifer Ehemann Karenin (Basil Rathbone) von der Affäre Wind bekommt, verlangt er von seiner Frau Contenance, ausschließlich um sein persönliches Renommee in Sorge. Eine Reise von Wronskij und Anna nach Venedig hat zur Folge, dass Karenin den Kontakt zwischen Anna und ihrem heißgeliebten Sohn Sergei (Freddie Bartholomew) einen endgültigen Riegel vorschiebt. Das Leben als öffentlich geächtete, untreue Ehefrau, die Schuld auf sich geladen hat, wird für Anna mehr und mehr zur Qual. Im Gegenzug wendet sich Wronskij langsam von ihr ab und meldet sich schließlich für einen Balkan-Feldzug. Anna sieht den letzten ihr verbleibenden Ausweg im Selbstmord.

Tolstois „Anna Karenina“, ein berühmtes Sittenbild des spätzaristischen Russland und zudem ein exemplarisches Stück zum allseits bemühten Epochensujet der nach einem erotischen Fehltritt in sozialen Zugzwang geratenden Heldin dürfte vermutlich einer der am häufigsten adaptierten Romane der Weltliteratur sein. Diese Hollywood-Verfilmung der MGM, damals Greta Garbos Vertragsgesellschaft, entstand zum Einen infolge von David O. Selznicks durch die Inaussichtstellung, mit der Garbo produzieren zu können, forcierten Wechsel von der RKO zum Löwenstudio und zum anderen durch Garbos persönliche Insistierung, in ihrem nächsten Film eine historische Rolle übernehmen zu dürfen. Die Wahl fiel auf „Anna Karenina“, eine Figur, die die Garbo bereits acht Jahre zuvor schon einmal unter der Regie von Edmund Goulding gespielt hatte. Erwartungsgemäß hatte das Projekt mit mehrerlei Unwägbarkeiten zu kämpfen: Als kurz nach dem Greifen des Hays Code angesetzte Produktion musste sich das Script allzu offensiver Schlüpfrigkeiten enthalten; zudem gebot das maßgebende 95-Minuten-Korsett noch eine relativ rücksichtlose Komplexitätsreduktion der Vorlage, die ja mehrere, parallel erzählte Handlungsstränge aufweist. So spart der Film etwa mit Annas zweiter Schwangerschaft nebst der Geburt ihrer und Wronskijs Tochter Annie sowie der anschließenden Wirrungen ein wichtiges inhaltliches Element komplett aus, ebenso wie die Beschreibung der krisengebeutelten Beziehung von Kitty und ihrem wankelmütigen Gatten Ljewin (Gyles Isham), dem im Film die Funktion eines eher unwesentlichen Nebencharakters zufällt. Wie so oft bei Literaturadaptionen sollte man demnach sein Hauptaugenmerk auf die rein filmischen Qualitäten richten, die selbiges in diesem Fall dann auch absolut rechtfertigen. Mit der Garbo und Fredric March gibt es zwei glamouröse Stars ihrer Tage zu bewundern, wobei besonders die inbrünstige Darastellung der Diva eigentlich den gesamten Film an sich reißt. „Anna Karenina“ bietet sich geradezu hervorragend an, um die ikonographische, bald ätherische Faszination, die die lediglich bis zu ihrem 36. Lebensjahr aktive Aktrice bis heute umweht, begreifen und nachvollziehen zu können. Mitreißend, wenn auch routiniert inszeniert, dürfte Ihre Interpretation der sich in ständischen Verfänglichkeiten verheddernden, tragischen Frauengestalt, die ihre Fehltritte mit tiefer Verzweiflung, seelischer Gesundheit und schließlich dem Freitod bezahlt und deren Leidensweg sie von einer lebensbejahenden Persönlichkeit zu einem traurigen Häuflein Elend degradiert, trotz aller Distanz zum prosaischen Vorbild die Essenz jener großen Figur beispielhaft einfangen. Dass eine solche Leistung nicht allein von Leinwandcharisma getragen werden kann, sondern ihr vor allem große Schauspielkunst vorausgeht, mag in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

8/10

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RED SPARROW

„You sent me to whore school!“

Red Sparrow ~ USA 2018
Directed By: Francis Lawrence

Die erfolgreiche Primaballerina Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) kann nach einem Unfall auf der Bühne nicht mehr tanzen. Um ihre kranke Mutter (Joely Richardson) weiter über die Runden bringen zu können, nimmt Dominka daher das Angebot ihres zwielichtigen Onkels Vanya (Matthias Schoenaerts) an, als Spionin zu arbeiten. Nach einem ersten Auftrag, der sie zugleich zur Mordzeugin macht, ist Dominika endgültig in Vanyas Hand. Sie wird ein „Red Sparrow“, eine Sonderagentin, deren Hauptaufgabenbereich in der Verführung und gezielten Verwirrung ihrer Opfer liegen. Zugleich wird der CIA-Mitarbeiter Nate Nash (Joel Edgerton) auf Dominika aufmerksam. Die beiden verlieben sich ineinander und Dominika versucht alles, Nate entgegen den Anweisungen ihrer Auftraggeber zu schonen, derweil ihr Hass auf Vanya immer größer wird.

Ich will es mal so sagen: Hätte Paul Verhoeven diesen Stoff inszeniert – und ich bin sicher, zumindest vor 15, 20 Jahren hätte es keinen treffenderen Regisseur gegeben – man hätte zur Feier des Tages noch ein paar Schamhaare obendrauf serviert bekommen. So bleibt ein aparter Wunschtraum davon, was der Niederländer mit diesem so nonchalant mit sex & crime hantierenden Spionagestoff, dessen Plot auf dem Mist des vormaligen CIA-Angestellten und heutigen Romanciers Jason Matthews gewachsen ist, angestellt hätte. Ich musste bei der Betrachtung von „Red Sparrow“ jedenfalls häufig an Verhoeven und seine früheren, lustvollen Attacken auf die Ästhetiktoleranz des Mainstream-Publikums denken. Potenzial dafür lässt Lawrences Film ja noch hinreichend durchscheinen, am Ende möchte er dann aber doch viel lieber ein klassisch konnotierter Spionage- und Romantikthriller mit viel „Ninotchka“ im Herzen sein, denn kerniger camp oder gar offensive Subversion, die ein NC-17-Rating riskiert. Das ist soweit ja auch in Ordnung, verlangt dann aber eben mancherlei Abzüge in der B-Note.
Zunächst einmal ist „Red Sparrow“ in Zeiten, in denen vermeintlich komplex aufbereitete Agentenfilme wieder an jeder Straßenecke stehen und seine in diesem Zusammenhang etwas schwächliche Geschichte unverschämt lang geraten. Nicht, dass er deswegen langweilig wäre, aber dreist nimmt seine gedehnte Narration sich doch aus. Dann wäre da die merkwürdige Geschichte mit der Sprache. Der Film lässt die Russen untereinander englisch mit russischem Akzent sprechen (bzw. analog dazu in der Synchronfassung deutsch mit russischem Akzent). Dass die Darsteller englisch statt russisch sprechen, ist ja nicht weiter wild und ohnehin gängige Praxis, aber wozu bitte den albernen Akzent? Dass die Grundzüge der Story zudem stark an Luc Bessons „La Femme Nikita“ gemahnen, lässt sich wiederum verschmerzen, vermiest „Red Sparrow“ aber auch den letzten Originalitätspreis. Jennifer Lawrence hat nach den „Hunger Games“-Filmen jedenfalls scheinbar ein neues Serien-Zuhause (in Romanform gibt es bereits zwei Fortsetzungen) gefunden, praktischerweise gleich mit demselben Regisseur von zuletzt im Schlepptau. Die Frau ist geschäftstüchtig, so viel ist sicher.

6/10

SKYJACKED

„What is it?“ – „Some kind of a detonator.“

Skyjacked (Endstation Hölle) ~ USA 1972
Directed By: John Guillermin

Während eines Routine-Linienflugs nach Minneapolis muss Captain Hank O’Hara (Charlton Heston) feststellen, dass einer der Passagiere seiner Boeing 707 ein Luftpirat ist, der offenbar eine Bombe an Bord versteckt hat und seine bedrohlichen Botschaften zunächst mit Lippenstift hinterlässt. Die Maschine soll nach Anchorage umgeleitet werden. Die Identität des Hijackers ist jedoch bald herausgefunden: Es handelt sich um den hochdekorierten, aber schwersttraumatisierten Veteran Jerome K. Weber (James Brolin), der sich von seinem Land verraten fühlt und zu den Sowjets überlaufen will. Von Anchorage soll die Reise daher nach Moskau weitergehen…

Einer der weniger gut erinnerten Katastrophenfilme der Siebziger ist dieser campige Luftfahrtthriller des englischen Regisseurs John Guillermin, der mit all seinen Attributen von der prominenten Besetzung über das Thema und den unverhohlen klischeeüberladenen Aufzug auch ebensogut in die „Airport“-Serie gepasst hätte, jedoch von der Konkurrenz (hier: dem Produzenten Walter Seltzer und der MGM) in die Kinos gebracht wurde. Seltzer, der um diese Zeit häufig mit Charlton Heston zusammenarbeitete, konnte den alternden Star auch für dieses Projekt gewinnen, in dem Heston nicht allzu viel zu tun hat, außer hier und da eine Pfeife zu rauchen und sich klamme Dialogduelle mit seinem Widersacher James Brolin zu liefern. Der wiederum spielt seinen Part als zunehmend wirrer werdender Flugzeugentführer hübsch kitschig aufbrausend und mit rollenden Augen, als ganz traditionsverrückte, tickende Zeitbombe nebst Handgranaten und MP im Handgepäck. Dass Weber, wie sein Part getauft wurde, PTBS-geschädigter Vietnamveteran ist, lässt das Script zwar unerwähnt, es dürfen jedoch wenige Zweifel bestehen, woher zu damaliger Zeit ein so junger Mann dermaßen viele Orden an der Brust hat. Sein Motiv, hinter den Eisernen Vorhang abzutauchen, bleibt leider ziemlich schwammig. Offenbar leidet Weber, darauf weisen Rückblicke und Wahnvorstellungen hin, neben anderen psychischen Sollbruchstellen auch an einer tief gestörten Beziehung zu seinem Vater (Dan White).
Richtig schön albern wird’s gegen Ende, wenn der Flieger in den sowjetischen Luftraum eindringt und tatsächlich in Moskau landet, wo es zwar ungemütlich aussieht, die russischen Polizisten den verrückten Weber jedoch genau so „willkommen“ heißen, wie es zuvor das FBI in Anchorage tat.
Dass die ZAZ-Verballhornung „Airplane!“ auch „Skyjacked“ eine Menge an Inspiration verdankt, lässt sich ganz nebenbei vortrefflich nachzeichnen und lädt auch bei der Betrachtung dieses Quellmaterials das ein ums andere Mal zum Schmunzeln ein.
Für bezüglich solcher Stoffe Begeisterungsfähige eine hübsche Angelegenheit, durchaus.

7/10

THE 27TH DAY

„People hate because they fear and they fear anything they don’t understand – which is almost everything.“

The 27th Day (Der 27. Tag) ~ USA 1957
Directed By: William Asher

Fünf Menschen aus unterschiedlichen Teilen der zivilisierten Welt werden von Aliens an Bord ihres Raumschiffs gebeamt und mit folgendem Los betraut: Jede(r) von ihnen erhält eine kleine Box mit drei Kapseln, die nur von ihrem jeweiligen Besitzer per Gedankenkraft geöffnet werden kann. Einmal aktiviert, sorgen die Kapseln dafür, dass sämtliches menschliche Leben in einem zuvor avisierten Radius ausgelöscht wird. Die Außerirdischen benötigen neuen Lebensraum, da ihr eigener Planet dem Untergang geweiht ist, sehen sich jedoch ethisch außer Stande, die Menschheit aktiv zu vernichten. Dies würde sie, so die perfide Annahme der Extratterestrier, in ihrem seit jeher kriegstreiberischen Gestus schon selbst besorgen. Binnen 27 Tagen werden die Kapseln unwirksam und die Aliens wären damit selbst zur Eradikation verdammt. Zurück auf der Erde, nehmen die Schicksale der fünf Todesagenten zügig ihren Lauf: Die Chinesin (Marie Tsin) nimmt sich sogleich das Leben, der brillante, deutsche (!) Wissenschaftler Professor Bechner (George Voskovec) fällt einem beinahe tödlichen Autounfall zum Opfer. Während der US-Reporter Clark (Gene Barry) und die naive Britin Eve (Valerie French) es derweil bevorzugen, sich für die knapp vierwöchige Frist versteckt zu halten, gerät der sowjetische Soldat (Azemat Janti) seinem bösen Vorgesetzten (Stefan Schnabel) in die Hände, der sogleich die Weltherrschaft anstrebt…

In der Tradition von Robert Wises „The Day The Earth Stood Still“ schob die Columbia ein paar Jahre später dieses weniger prominente, gleichsam kurzspännige und kurzweilige Genre-Musterbeispiel um Weltkriegsängste, Invasions- und Sowjet-Paranoia hinterdrein, das seine ungebrochen aktuelle Agenda bei einem Minimalbudget recht wirkungsvoll umzusetzen wusste. Die Aliens unbekannter Provenienz (man erfährt lediglich, dass sie aus einem anderen Sonnensystem stammen), die uns wie ihre diversen zeitgenössischen mit unserer vollständigen Ausrottung konfrontieren, sind uns diesmal allerdings nicht allein technisch, sondern auch moralisch um Lichtjahre voraus. Punktum hält ihr besonnen und eloquent auftretender Repräsentant (Arnold Moss) dem auf seinem Schiff befindlichen, humanen Stellvertreterquintett den denkbar hässlichsten aller Spiegel vor: „Euch aus der Schöpfung zu tilgen, das brauchen wir gar nicht, das besorgt ihr schon vortrefflich allein.“ könnte das etwas sarkastische Fazit seines Kurzvotrags lauten. Da die Zeit eben drängt, wartet man allerdings nicht etwa auf den ausstehenden Einsatz der Neutronenbombe, sondern gibt den Menschlein flugs alles Notwendige an die Hand – einen saubereren und endgültigeren Weg, sich des schlimmsten aller Raubtiere zu entledigen, wird man vor Ort schwerlich erfinden mögen. Um es den fünf Probanden nicht allzu leicht zu machen, verkünden die Außerirdischen auf sämtlichen Rundfunk-Frequenzen die Namen der überhaupt nicht müden Schläfer, was eine umgehend anberaumte Menschenjagd zur Folge hat. Natürlich entblödet „The 27th Day“, kleine US-Produktion, die er nunmal ist, sich nicht, den Russen den Schwarzen Peter des dräuenden Untergangs zuzuschieben, respektive einem machtbesessenen Kommi-Offizier, der den armen, kleinen Erfüllungsgenossen Ivan, der doch eigentlich gar nichts Böses will, sogleich einem zermürbenden Folterverhör unterzieht, auf dass dieser das Geheimnis der Kristallbox preisgebe. Die geniale Idee zur Abwendung der finalen Katastrophe wächst indes auf dem mentalen Mist des deutschen Professors, der es auf wundersame Weise hinbekommt, dass die omnipotente Superwaffe nur die bösen und durchtriebenen Menschen exterminiert. Die in der Folge deppert dastehenden Aliens tun derweil allen leid und werden zum Bleiben auf der Erde eingeladen, was sie dankend annehmen. Die Menschen dürfen sich derweil rühmen, in den erlauchten, stellaren Zyklus der „Geisteswesen“ aufgenommen zu werden. So wird aus der Dystopie eine Utopie mit einem ebenso zwingenden wie simplen Lösungsvorschlag: Rottet einfach alle Schweinhunde auf Erden aus und euer ist das Himmelreich! Wohlan.

7/10

CHILD 44

„So you calculate: One dead. Or four. One dead. Or four.“

Child 44 (Kind 44) ~ USA/UK/CZ/RO/RU 2015
Directed By: Daniel Espinosa

Seit er als Kind (Xavier Atkins) im Zweiten Weltkrieg zum Waisen wurde, ist Leo Demidov (Tom Hardy) regeltreuer Polizeibeamter im stalinistischen Russland, der ohne mit der Wimper zu zucken systemzersetzende Dissidenten verfolgt und verhaftet. Als Demidovs Frau Raisa (Noomi Rapace) in den Verdacht gerät, selbst eine Verräterin zu sein, bangt Leo um ihrer beider Leben. Zudem stößt er bei seiner Arbeit auf die untrügliche Spur eines Serienmörders, der bereits Dutzende von kleinen Jungen auf dem Gewissen hat, just auch Leos Patenkind. Die Behörde verschleiert die Verbrechen und deklariert sie offiziell als Zugunfälle. Damit spitzt sich die Situation für Leo noch mehr zu als ohnehin schon, denn so etwas wie einen seriell zuschlagenden Gewaltverbrecher kann und darf es im Paradies kommunistischer Einigkeit nicht geben. Demidov wird zusammen mit Raisa in die Industrie- und Provinzstadt Rostov versetzt, wo sich die Spur des Kindermörders jedoch umgehend wiederfindet.

Wie Chris Gerolmos Fernsehstück „Citizen X“ befasst sich „Child 44“ mit dem authentischen Fall des Kindermörders Andrej Chikatilo, der für über 50 Morde verurteilt und 1994 hingerichtet wurde. Anders als die zwanzig Jahre ältere TV-Produktion legt Espinosa Film jedoch keinerlei Wert auf Authentizität oder gar dokumentarische Akkuratesse. Im Vordergrund steht vielmehr die Entwicklung der verlogenen Ehe von Leo und Raisa Demidov, die er im Glauben aufrichtiger gegenseitiger Liebe führt und die sie lediglich aus Angst vor Willkür und möglichen Repressalien eingegangen ist. Erst durch die unermüdliche, vor allem jedoch staatsverleugnende Verfolgung des Serienkillers gewinnt Leo Raisas Vertrauen und schlussendlich wohl auch ihre Liebe.
Nur eine der vielen Unwahrscheinlichkeiten und narrativen Inkohärenzen, die das Script aufbietet. Dem sichtlich teuren Film und mutmaßlich wohl auch dem mir unbekannten, ihm zugrunde liegenden Roman geht es primär darum, sensationslüsterne Unterhaltungsbedürfnisse in Form aufgeregter Geschichtsanreicherung zu bedienen durch einerseits die komplizierte, weil systemisch nicht tolerierte Jagd auf einen Gewaltverbrecher und andererseits die Veranschaulichung der beklagenswerten Zustände innerhalb der stalinistisch geprägten Sowjetunion der fünfziger Jahre, die sich mit einigem Elan als zwischen gräulicher, faschistischer Gewaltausübung und steifer Bürokratie gezeichnet findet. So erklärt sich wohl auch die zeitliche Versetzung des Chikatilo-Falles, der sich tatsächlich erst rund dreißig Jahre später denn im Film und damit praktisch einhergehend mit der Auflösung der Sowjetunion seiner Entdeckung und späteren Aufklärung näherte. Da das Zeitkolorit jener Jahre vermutlich nicht spektakulär genug ausgefallen wäre, scrollt man eben kurzerhand drei Dekaden in die Vergangenheit, als der Stalinismus durch den Tod des Dikators zwar zu bröckeln begann, die Situation im Land jedoch noch immer allgegenwärtig prägte. Mit Chruschtschow und der Tauwetter-Periode erhält schließlich auch Leo Demidov eine zweite Chance für den gehobenen Dienst als Polizeifunktionär, der sein künftiges Amt natürlich mit viel gerechtigkeitsbewusstem Elan angehen wird.
Kein sonderlich intelligenter Film, unverhältnismäßigerweise von einer hervorragend aufspielenden Edelbsetzung getragen und gerettet.

5/10

DOCTOR ZHIVAGO

„How did you come to be lost?“

Doctor Zhivago (Doktor Schiwago) ~ USA/UK/I 1965
Directed By: David Lean

Russland, um 1950: Der KGB-Funktionär Yefgrav Zhivago (Alec Guinness) befragt die junge Arbeiterin Tanya Komarova (Rita Tushingham), die er mit einiger Sicherheit für seine unehelich geborene Nichte hält. Dann wäre sie das Kind von Yevgrafs Halbbruder Yuri Schiwago (Omar Sharif) und Larissa Antipova (Julie Christie), das ohne Erinnerungen an seine richtigen Eltern aufgewachsen wäre. Yefgrav erzählt Tanya die Lebensgeschichte ihres vermeintlichen Vaters: Mit 8 Jahren kommt Yuri (Tarek Sharif) als Waisenkind zu wohlhabenden Verwandten nach Moskau, den Gromekos (Ralph Richardson, Siobhan McKenna), die ihm eine Ausbildung als Mediziner ermöglichen. Yuris wahres Herz jedoch schlägt für die Poesie, an der er sich regelmäßig versucht. Er wird bald seine liebenswerte Stiefschwester Tonya (Geraldine Chaplin) heiraten und einen kleinen Sohn mit ihr haben. Immer wieder kreizen seine Wege sich zufällig mit denen der jungen Lara, die sich der opportunistische Lebemann Komarovsky (Rod Steiger) als Mätresse hält, derweil sie sich eigentlich längst dem Bolschewiken Pasha Antipov (Tom Courtenay) versprochen hat. Das Verhältnis zwischen Komarovsky und Lara endet mit einer Katastrophe. Kurz darauf bricht die Februarrevolution aus und verändert alles: Yuri und Lara begegnen sich als Arzt und Schwester an der Front und verlieren sich wieder. Nachdem die Rotgardisten sämtlichen Besitz in Moskau umverteilt haben, zieht Yuri mit seiner Familie aufs Land. Lara und ihre Tochter Katya (Lucy Westmore) leben im Nachbarort. Yuri und Lara beginnen eine Affäre, doch als Tonya kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes steht, bricht Yuri seine außereheliche Beziehung wieder ab. Er wird von Rotgardisten verschleppt und muss ihnen als Feldmediziner immer weiter nach Norden folgen. Als er sich endlich loseisen kann, begegnet er Lara wieder. Tonya und die anderen sind mittlerweile nach Westeuropa abgereist. Für Yuri und Lara beginnen noch ein paar romantische Wochen, bis Komarovsky, mittlerweile als Staatsminister eingesetzt, auftaucht und Lara mit nach Osten nimmt. Yuri sieht Lara nie wieder und stirbt irgendwann, zurück in Moskau, auf dem Straßenpflaster an einem Herzanfall.

„Doctor Zhivago“ ist für mich ein tiefste Ehrfurcht gebietender Film. Viele sehen ihn als eines von Leans prachtvollen Epen, als romantisierendes Porträt des im Umsturz begriffenen Russlands während der Übergangsphasen oder einfach nur als flammende Liebensgeschichte. Sicherlich sind all diese Umschreibungen völlig zutreffend. Für mich jedoch war und wird „Doctor Zhivago“ jedoch und vor allem stets die repräsentative Geschichte eines idealistischen, pazifistischen Mannes sein, der in eine Zeit geboren wird, die in diametralem Widerspruch zu ihm und seinem gesamten inneren Wesen steht. Zwischen den Zaristen und den Bolschewiki ist Zhivago apolitisch, weil apolitisch zu sein den einzigen Weg bedeutet, in Phasen von sozialer Ungerechtigkeit, Rachsucht, Habgier und vor allem Machtstreben, kurz: Revolution und Krieg, seine Menschlichkeit zu bewahren. Bei allem, was der Film Zhivago während seiner langen Erzählzeit erdulden und erleiden lässt, sieht man ihn nie fassungslos, nie aufbrausend oder die Geduld verlierend. Natürlich ist auch er nicht unfehlbar: Er hintergeht Ehegattin und Familie, um eine Affäre mit der Frau zu pflegen, die er wirklich liebt. Am Ende ist ihm weder die eine noch die andere Erfüllung vergönnt. Die Wirren und Wogen von Revolution, Bürgerkrieg und Stalinismus treiben ihn solange hin und her, bis ihm am Ende nichts mehr bleibt und er einsam und an gebrochenem Herzen stirbt. Eine Leidensgeschichte, voll von Verlust und unfassbarer Traurigkeit, die mich jedesmal, da ich mich ihr aussetze, völlig zerschmettert zurücklässt. Ein Paradoxon, da ich mich ihr andererseits auch gern widme, denn „Zhivago“ kommt dem, was ich als ‚meinen perfekten Film‘ bezeichnen würde, so nahe wie sonst vielleicht nur zehn, fünfzehn andere. Bei all seiner epochalen Ausuferung, den gewaltigen Bildern von Landschaft und Interieurs, der liebevollen Detailgestaltung, dem Massenaufgebot und den sonstigen Oberflächenwerten behält Lean stets die Intimität im Blick, konzentriert sich auf das zentrale Beziehungsgeflecht zwischen den fünf Hauptpersonen und charakterisiert jede(n) Einzelne(n) von ihnen, wie es nur ein Meister filmischer Könnerschaft vermag. Farb- und Gegenstandssymbolik erhalten gewaltige Bedeutungsschwere und schlagen reziproke Brücken zur Weltliteratur (der ja auch Pasternaks Vorlage zuzurechnen ist), die Musik von Maurice Jarre und auch ihr dramaturgischer Einsatz sind beängstigende Blattschussattacken auf das Publikum. Nichts bleibt an irgendeiner Stelle dem Zufall überlassen und Fragen nur dann offen, wenn ihre Nichtbeantwortung der Atmosphäre des Films dienlich ist. „Zhivago“ lässt mich jedesmal, da ich ihm wiederbegegne, leiden, bangen hoffen und reißt mir spätestens ganz am Ende, nach dem kleinen, humanistischen Lichtblick, den der dann erstmals lächelnde Alec Guinness hinterlässt, mit einem letzten Ruck das Herz heraus. Der diesmalige Mitanlass für „Zhivago“ war freilich der tragische Tod von Omar Sharif, der sich in der Titelrolle eines der beeindruckendsten Manifeste schauspielerischer Bedeutsamkeit gesetzt hat. Ein weiterer Anlass für die Tränen, die „Zhivago“ mich heuer einmal mehr vergießen ließ.

10*/10