BEYOND THE VALLEY OF THE DOLLS

„You will drink the black sperm of my vengeance!“

Beyond The Valley Of The Dolls (Blumen ohne Duft) ~ USA 1970
Directed By: Russ Meyer

Kaum in Hollywood angekommen, begibt sich das  aus den drei steilen Zähnen Kelly (Dolly Read), Casey (Cynthia Anderson) und Petronella (Marcia McBroom) bestehende Girlband-Trio „The Kelly Affair“sogleich unter die Fittiche des schwerst überkandidelten Rockmanagers Ronnie Barzell (John Lazar), genannt „Z-Man“. Nach ihrer Umtaufe in „The Carrie Nations“ erwartet die Drei eine ebenso erfolgsverwöhnte wie turbulente Zeit, die vor Partys, Sex, Drogen und Alkohol nur so strotzt, bis Barzells Verstand sich eines Nachts völlig verabschiedet und er Amok läuft…

Obschon der Film gleich zu Beginn mittels einer Schrifttafel erläutert, dass zu der drei Jahre zuvor entstandenen Susann-Adaption „Valley Of The Dolls“ keine Verwandtschaft bestehe, geschweige denn hier ein Sequel vorliege, kann Mark Robsons ebenfalls für die Fox entstandene Verfilmung ihren Einfluss nicht verleugnen. Wobei dieser natürlich überaus verquer aufgegriffen, durch den Wolf gedreht und ausgespien ward – „Beyond The Valley Of The Dolls“ dürfte nämlich jedem wohlerzogenen, amerikanischen Mädchen, das die Ereignisse in Robsons „Valley“ womöglich als nachgerade erschütternd wahrgenommen hatte, wie eine infernalische Höllentour ohne Rückfahrkarte vorgekommen sein!
Für die Regie dieses von Kritikerpapst Roger Ebert gescripteten, zelluloidgewordenen Irrsinns sicherte sich die Fox, infolge der Ära New Hollywood risikofreudig wie nie zuvor, die Mitarbeit des anarchischen Indie-Filmemachers Russ Meyer, der hier urplötzlich mit einem Millionenbudget hantieren durfte, seine persönliche Handschrift jedoch, und darin liegt das ganz besondere Bonbon, zu keiner Sekunde denunzierte. „Beyond The Valley Of The Dolls“ ist experimentell, rasant, schillernd, urkomisch, originell – kaum ein anverwandtes Adjektiv, das sich nicht auf ihn münzen ließe. Er greift – vielleicht die eine, hervorstechende Konnexion zum „Original“ – Personal und Ereignisse auf, die die Welt der Showbiz-Prominenz nunmehr endgültig ihrer Unschuld entledigt hatten – Phil Spector, den weder Ebert noch Meyer persönlich kannten, soll für die Figur des sich schließlich als transsexuell entpuppenden Z-Man Pate gestanden haben, wie das finale Massaker, das mit unerwarteter, dem Film aber dennoch völlig zupass kommender Brutalität einschlägt, möglicherweise inspiriert war von dem furchtbaren Mordzug der Manson-Family, der neben der hochschwangeren Sharon Tate (ein weiterer Kreisschluss) noch vier weitere Menschen zum Opfer gefallen waren. Allerdings übertüncht der relative Schock, mit dem man aus „Beyond“ entlassen wird, nicht den ursprünglichen Eindruck, mit dem Film ein unvergleichliches Zeitporträt geliefert bekommen zu haben und fürderhin eine derbe Selbstentlarvung, die von dem hausmütterlichen Credo des Vorbilds eigentlich gar nicht weiter entfernt sein könnte. Denn bei aller dargestellten Wahnhaftigkeit – „Beyond The Valley Of The Dolls“ liebt seine Zeit, sein Sujet, sein Milieu und vor allem sich selbst, ohne Rücksicht auf Verluste.

9/10

Advertisements

VALLEY OF THE DOLLS

„I’ll plant my own tree. My own tree! And I will make it grow!“

Valley Of The Dolls (Das Tal der Puppen) ~ USA 1967
Directed By: Mark Robson

Die drei jungen Damen Anne (Barbara Parkins), Neely (Patty Duke) und Jennifer (Sharon Tate) lernen sich in New York kennen und werden Freundinnen. Ihre Schicksale, die sie allesamt zur Westküste und nach Hollywood führen, werden in den kommenden Jahren von immer größeren Krisen und Sturmtiefs durchgeschüttelt, bis zumindest Anne begreift, dass wahres Glück nichts mit Glanz und Glamour zu tun hat.

Jacqueline Susanns ein Jahr zuvor entstandener, gleichnamiger Roman wurde ein solch gewaltiger Bestseller, dass eine Filmadaption flugs zur beschlossenen Sache wurde. In ihrem Buch zeichnet die selbst showbiz-erfahrene Susann den zerstörerischen Einfluss insbesondere der Filmmetropole Hollywood auf junge, naive Damen nach, wobei sie auf diverse, inoffiziell zu Bewusstsein kommende Vorbilder von Frances Farmer über Betty Hutton, Judy Garland, Marilyn Monroe, Carole Landis und Ethel Merman, zurückgreift deren Personae und Biographien allesamt zumindest teilverwurstet wurden. Das Script veränderte allerdings das zeitliche Setting der Vorlage und versetzte es um zwei Dekaden in die Zukunft, um eine dichtere, realitätsnähere Anbindung zu schaffen.
Mit Ausnahme der als Erzählerin fungierenden Anne Welles, die als Provinzblümchen von Neuengland über New York nach Hollywood und wieder zurück tingelt und deren private Medienkarriere sich auf eine kurze Karriere als Werbemodel beschränkt, erleben die Protagonistinnen reichlich Schaden an Leib und Seele; die stimmgewaltige Neely O’Hara avanciert nach ihrer „Veredelung“ zum Superstar zu einer herrischen, selbstsüchtigen und medikamentenabhängigen Trinkerin, die sich von ihrem Jugendfreund (Martin Milner) trennt und schließlich in einer Entzugsklinik landet; Jennifer Norths einziges Kapital besteht derweil in ihrer physischen Schönheit und speziell ihren wohlgeformten Brüsten. Zunächst erkrankt ihr Mann, der Starsänger Tony Polar (Tony Scotti), an einer geisteszersetzenden Krankheit, dann erhält sie selbst die Diagnose Brustkrebs und nimmt sich das Leben.
Es geht also höchst turbulent zu in „Valley Of The Dolls“, der sein autoritäres Ausrufezeichen permanent über den gar so schrecklichen Ereignissen aufleuchten lässt und dabei mit zunehmender Erzählzeit immer mehr wie eine schulmeisterliche Warnung für potenzielle Starlets daherkommt. Formvollendete, naive Kolportage ist das und nicht selten fühlt man sich an ministerial subventionierte „Aufklärungsfilme“ für Schulen erinnert. Camp ist das, nicht ganz freiwillig vielleicht, dafür reinkulturell in Form und Finish, von einem Regisseur, der zum Entstehungszeitpunkt von „Valley Of The Dolls“ seine originären künstlerischen Wurzeln, die zu Orson Welles und Val Lewton zurückreichen, bereits weit hinter sich gelassen hatte und insbesondere in Anbetracht seiner einstmaligen Meriten eher bizarres Kinogut inszenierte. Was nicht bedeutet, dass es deshalb weniger sehenswert wäre – es ist bloß… anders.

7/10

VICTOR VICTORIA

„I don’t care if you are a man.“

Victor Victoria ~ USA 1982
Directed By: Blake Edwards

Paris, 1934. Die englischstämmige Sopranistin Victoria Grant (Julie Andrews) ist völlig abgebrannt. Selbst am Vaudeville gelingt es ihr nicht, ein Engagement zu bekommen. Da lernt sie durch Zufall den schwulen Musiker Toddy (Robert Preston) kennen und freundet sich mit an. Toddy hat die geniale Idee, dass die ohnehin etwas burschikose Victoria sich als Mann tarnen könne, der wiederum auf der Bühne in die Rolle einer Frau schlüpft. In dem Nachtclub-Chef Cassell (John Rhys-Davies) finden sie einen dankbaren Abnehmer dieses Konzepts. Bald feiert Victoria aka Victor riesige Erfolge. Auch der aus Chicago angereiste Unterweltler King Marchand (James Garner) ist schwer von Victoria angetan, stutzt jedoch ungläubig, als sie sich nach einem ihrer Auftritte als Mann zu erkennen gibt. Marchand glaubt seiner anderslautenden Intuition und verschafft sich kurzum auch den Beweis dafür. Die nun folgende Romanze ist von allerlei Wirrungen belastet: Victoria liebt Marchand, will aber ihr Rollenspiel nicht aufgeben; er wiederum möchte nicht, dass die Öffentlichkeit ihm nachsagt, er pflege Rendez-vous mit Männern. Victoria muss eine Entscheidung treffen.

„Victor Victoria“, eine Variation von Reinhold Schünzels 1933 für die UFA entstandener Komödie „Viktor & Viktoria“, gilt gemeinhin als einer von Blake Edwards‘ besten Filmen. Ich teile diese Einschätzung nicht ganz, aus mehrerlei Gründen. Zunächst einmal tangieren mich persönlich die vielfältig aufgegriffenen Themenkomplexe rund um Genderbilder und -krisen, Homosexualität und -phobie kaum, mögen sie werkimmanent auch noch so geschickt und klug aufbereitet sein. Edwards entwickelt viel Sympathie für seine Charaktere, die er in traditionsbeflissene Screwball-Szenarien setzt, nur eben, dass sich jetzt Dinge verdeutlichen und betonen lassen, für die man sich fünfzig Jahre zuvor noch vielerlei geschickt gewählter Symbole und Bilder zu befleißigen hatte. Gerade das ist ja eines der Geheimnisse der klassischen screwball comedy; dass darin eben romantische und erotische Topoi angesprochen wurden, ohne sie feierlich zu apostrophieren. „Victor Victoria“, wie viele seiner Filme dieser Ära zweifelsohne und vor allem als Geschenk an seine Gattin Julie Andrews gedacht, praktiziert jedoch genau dies und begeht damit ganz bewusst eine gezielte Form von Eklektizismus, die man, und dies durchaus berechtigt, als kreativen Radikalschluss bewerten kann, jedoch keinesfalls muss.
„Victor Victoria“ ist gewiss ein guter Film, das lässt sich überhaupt nicht leugnen. Edwards inszeniert wie immer mit gepflegter, leichter Hand, lässt jedweden Stress von sich abprallen und sich dabei alle Zeit der Welt für seine Geschichte. Sein Ensemble ist durchweg hervorragend, die (sichtbar künstlichen) Dekors sind liebevoll in den Plot eingebunden. Allein, sein Werk berührt mich diesmal nicht. Ich liebe Edwards‘ (zu Lebzeiten von Sellers entstandene) „Pink Panther“-Filme und halte „The Pink Panther Strikes Again“ für eine der besten Komödien aller Zeiten. So ziemlich alles, was er in den Sechzigern gemacht hat, ist makellos und auch seine späten Arbeiten um Männer in der midlife crisis hauen absolut hin. Edwards war ein brillanter Filmemacher. Nur hat mich sein sonst so zielsicherer Pfeil diesmal leider knapp verfehlt.

6/10

UNTIL THE LIGHT TAKES US

„People like to dress up.“

Until The Light Takes Us ~ USA 2008
Directed By: Aaron Aites/Audrey Ewell

Inspiriert durch meinen Freund Oliver, der vor ein paar Wochen über diese Dokumentation in seinem Blog geschrieben und mir zudem später beim gemeinsamen Besuch eines KISS-Konzerts von einem kleinen Vice-Film über den vormaligen Gorgoroth-Sänger Gaahl berichtet hat, nutzte ich ein paar buchstäblich kranke Tage daheim und fern der Arbeit, um mich mit dem interessanten Phänomen „norwegischer Black Metal“ auseinanderzusetzen. Zwar bin ich seit jeher selbst ein Freund von Musik der härteren Gangart, in die Untiefen der martialischen Auftritte, des lustvollen Spiels mit satanistischer und/oder paganistischer Symbolik, der bösen Plattencover, der kunstvoll, oftmals bis zur Unkenntlichkeit verschnörkelten Bandlogos und der gutturalen oder brutal kreischenden Gesänge habe ich im Laufe der Jahre bestenfalls mal den kleinen Zeh gehalten und dann meist auch schnell wieder herausgezogen. Die Gründe liegen wohl im persönlichen Umfeld. Weder habe ich mich je aktiv in der Fantasy-/Rollenspielerszene bewegt, also unter Leuten, die ja häufig eine grundsätzliche Affinität zu solcherlei Musik aufwiesen, noch sonst langhaarige Freunde in Kutte und Leder gehabt. Tatsächlich musste ich mein eigenes, kleines Hardrock-/Heavy-Faible stets gegen Britpop, Alternative, Düsterrock oder Punk und Hardcore „verteidigen“ bzw. meinen Musikgeschmack mehr oder weniger gezwungenermaßen entsprechend assimilieren. Sprich: die Faszination für die Äußerlichkeiten war im Prinzip latent vorhanden, fand sich jedoch nie kultiviert. Dass in Norwegen zu Beginn der Neunziger ein paar Spinner unterwegs waren, die Kirchen angezündet haben und auch, dass Leute zu Tode gekommen sind, habe ich damals wohl mitbekommen und eher kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen, das war’s dann aber auch diesbezüglich. Selbstgewählte Bezeichnungen wie „Dead“, „Euronymous“, „Faust“ und „Count Grishnackh“ hätten mir bis vor Kurzem nichts gesagt, ebensowenig wie die subkulturelle Eigenart des „corpsepainting“. Auch die Band „Mayhem“ kannte ich bloß vom Hörensagen. Der unterhaltsame Film „Metal: A Headbanger’s Journey“ behandelt das Ganze lediglich als kurze Fußnote. Heute ist von der einstigen Kontroversität kaum mehr etwas übrig. Black Metal gilt als herausragender, norwegischer Kulturexport, die damaligen Protagonisten sind weitgehend ihrem albernen Habitus entwachsen, tot, oder haben ihre verdienten Strafen abgesessen. Das damalige Milieu jedoch bleibt ein ungebrochenes Faszinosum, dem der vorliegende Film oder auch die ergänzend genossene Dokumentation „Once Upon A Time In Norway“ sich weniger analytisch denn rein zu Aufarbeitungszwecken nähern. Halbwegs funktionale Erklärungsversuche, was die Leute dereinst hat ticken lassen wie sie eben tickten, bleiben vornehmlich dem Rezipienten und seiner interpretatorischen Perspektive überlassen. Was ist passiert? Im Grunde sind fünf traurige „Höhepunkte“ zu verzeichnen: Zunächst der Selbstmord des schwedischstämmigen Sängers der Band Mayhem, Per Yngve Ohlin alias „Dead“, der sich 1991 mit 22 Jahren mit einer Schrotflinte in den Kopf schoss. Anstatt unmittelbar die Behörden zu verständigen, nutzte Bandkollege und Gitarrist Øystein Aarseth alias „Euronmyous“ als erste Person am Tatort die „Gunst der Stunde“, Fotos von seinem toten Freund zu machen und Schädelsplitter einzusammeln, die er später an „Eingeweihte“ zu verteilen pflegte. 1992 tötete der damals achtzehnjährige Bård Guldvik Eithun alias „Faust“, Drummer der Band „Emperor“, mit 37 Messerstichen und diversen Tritten gegen den Kopf einen homosexuellen Mann namens Magne Andreassen, der ihm zuvor eindeutige Avancen gemacht haben soll. Nach einem Jahr in Freiheit wurde Eithun zu einer vierzehnjährigen Haftstrafe verurteilt, von der er rund neun Jahre absaß. 1993 wurde Øystein Aarseth von seinem vormaligen Freund und Bandkollegen Varg Vikernes alias „Count Grishnackh“, der sich zuvor öffentlich für einige der Kirchenbrände verantwortlich äußerte, ermordet. Aarseth hatte Vikernes mehrfach angedroht, dass er sterben müsse und so entschloss dieser sich, seinem vorherigen „Mitstreiter“ zuvor zu kommen, indem er ihm 23 Messerstiche versetzte. Sein Freund Snorre Ruch alias „Blackthorn“ begleitete ihn während der Tat. Zudem fand man später bei Vikernes diverse Sprengstoffe und Munition, die er wohl für einen Anschlag auf eine linke Jugendkommune gehortet hatte. 1994 wurde Vikernes zur nationalen Höchsstrafe, 21 Jahren Freiheitsentzug, verurteilt. Zwölf davon verbrachte er im Gefängnis, der Rest wurde ihm erlassen. Ruch musste wegen Mittäterschaft für acht Jahre in den Bau.
Vor allem Vikernes, der mittlerweile in Frankreich lebt, erweist sich noch immer als nachlesbar höchst unleidlicher Zeitgenosse. Er verfolgt ständig variierende, verschwurbelte Ideologien zwischen „Odinismus“, Antisemitismus und -christianismus, einem „wiedererwachenden“ Europa, Kultifizierung prähistorischer Lebensart, nationalsozialistischem Gedankengut und eugenischen Phantastereien. Auch gedankliche Affinitäten zum Massenmörder Anders Breivik standen zeitweilig im Raum.
Obschon „Until The Light Takes Us“ all diesen Ereignissen Platz einräumt, kreist er vornehmlich um Gylve Fenris Nagell alias „Fenriz“, Mastermind von „Darkthrone“ und dessen Lebensalltag. Wenngleich der emsig porträtierte Nagell ebenfalls gewisse Eigenartigkeiten an den Tag legt und Zwischenmenschlichkeiten eher abgeneigt scheint, so hinterlässt er doch zumindest den Eindruck vergleichsweiser Bodenständigkeit. Vikernes wirkt da deutlich beunruhigender: Als nichtmal unsympathischer, freundlich lächelnder und bereitwillig Auskunft gebender Interviewpartner tritt er zutage, als einer, dem man aufbrausendes Gebahren kaum unterstellen würde. Umso erschreckender, welch krude Gedankengänge und Schlussfolgerungen sich hinter solch unscheinbarer Stirn verbergen mögen.

8/10

MILES AHEAD

„Convince me.“

Miles Ahead ~ USA 2015
Directed By: Don Cheadle

New York, 1979. Gesundheitlich stark angeschlagen, nahezu völlig ausgebrannt und noch immer unter der Trennung von seiner Ex-Frau Frances (Emayatzy Corinealdi) leidend vegetiert der legendäre Jazz-Trompeter Miles Davis (Don Cheadle) in seinem Haus in der Upper West Side dahin; nahezu völlig zurückgezogen von der Außenwelt, Tantiemen von seiner Hausplattenfirma Columbia und Vorschüsse auf neues Material kassierend, das sich aber nicht recht zuwege bringen lassen mag. Sein täglicher Kokain- und Alkoholbedarf erreicht beträchtliche Höhen, als der freie Journalist Dave Braden (Ewan McGregor) sich aufmacht, Davis‘ Elfenbeinturm zu knacken. Durch Bradens nicht uneigennützige, aber doch freundlich intendierte Einmischung in des Genies Privatleben gelangt ein von Davis sorgsam verwahrtes session tape mit neuen Aufnahmen in die Hände des schmierigen Agenten Hamilton (Michael Stuhlbarg), der damit die Karriere seines jungen, heroinsüchtigen Schützlings Junior (Lakeith Lee Stansfield) pushen möchte. Braden und Davis haben alle Hände voll zu tun, das Tape zurückzubekommen.

Don Cheadles ehrgeiziges Projekt über den bis dato wahrscheinlich größten Jazz-Trompeter überhaupt konnte nur durch jahrelange Vorbereitung und teilweise Crowdfunding-Finanzierung entstehen. Auch die Beteiligung McGregors als neben Cheadle einzigem wirklich prominenten Star floss etwas Patte in die Budgetkasse. Dabei ist „Miles Ahead“ kein Musiker-Biopic im klassischen Sinne oder nach etablierter Form. Für seinen Abriss über die Legende wählte Cheadle vielmehr eine völlig fiktive Geschichte nebst einer fiktiven zweiten Hauptfigur in Person des ebenso aufdringlichen wie ehrgeizigen, britischstämmigen und weißen Journalisten als idealisiertem Konterpart des zu diesem Zeitpunkt längst gottgewordenen Genies. Eine etwas alberne – vom Script allerdings genau als solche verstandene – Episode über ein als klassischer MacGuffin eingesetztes Band mit „geheimen“ Aufnahmen, das in unberechtigte Hände fällt und zurückerobert werden will, dient dabei als Aufhänger für ein betont subjektiv gefärbtes Porträt Davis‘, das sich ans Ende einer seiner schwierigsten, persönlichen Phasen stellt. Nach einer letzten Live-Performance im September 1975 verschwand er für annähernd sechs Jahre vollständig von der öffentlichen Bühne; seine permanenten Auftritte, der zunehmend extremer und anstrengender werdende Freistil seines Sounds und die körperlichen Folgen des Ganzen forderten ihren Tribut. Schwere Suff- und Drogenexzesse folgten, die bereits darvon hindeuteten, dass Davis in Kürze nur noch im Jazzhimmel würde aufspielen können. 1979 jedoch trat er er dank der reaktivierten Beziehung zu der Aktrice Cicely Tyson aus seiner Höhle zurück ans Tageslicht und schaffte immerhin noch weitere zwölf Jahre. Im Film ist der von Cheadle ziemlich leidenschaftlich interpretierte Davis ein formvollendeter Misanthrop und Polytoxikomane, der über all seinen Selbstekel hinaus immerhin den Zynismus noch nicht eingebüßt hat. McGregors Figur zerrt ihn zumindest in Teilen aus der selbstgewählten Lethargie, obschon der gesamte Nebenplot wie erwähnt etwas flachsig daherkommt. Das schadet „Miles Ahead“ aber, wenn überhaupt nur wenig. Man wird dafür mit geraum viel entlohnt, mit einem Gespür für die zugrunde liegende Zeit, mit traumhafter Musik, einem grandiosen Hauptdarsteller und zugleich Regisseur, von dem hoffentlich künftig noch ähnlich Schönes zu sehen sein wird.

8/10

SING STREET

„Ce n’est pas le nom du groupe.“

Sing Street ~ IE/UK/USA 2016
Directed By: John Carney

Dublin, 1985. Für den Teenager Conor Lalor (Ferdia Walsh-Peelo) werden die kommenden Monate hart. Seine Familie zerbricht, die Eltern (Aiden Gillen, Maria Doyle Kennedy) leben sich mehr und mehr auseinander. Aus Ersparnisgründen muss Conor seine Privatschule verlassen und künftig auf ein staatliche, katholische Schule gehen. Ein Hoffnungsschimmer winkt in Form der Musik und der Gründung einer Band. Und dann ist da noch die hübsche, aber etwas selbstvergessene Raphina (Lucy Boynton), die Conors Herz zum Flattern bringt.

Ich empfand „Sing Street“ als herbe Enttäuschung und einen der ärgerlichsten Filme der letzten Monate. Ein um zeitgenössische Popmusik kreisendes Coming-Of-Age-Drama kredenzt John Carney da, das wirklich nicht ein Klischee, das man a priori von solch einem Film erwarten würde, ausspart. Da ist der musikverständige, libertine, ältere Bruder (Jack Reynor), der dem Protagonisten pubertären Halt und Trost spendet; da ist das modernisierungsfeindliche, klerikal geprägte Umfeld nebst bösartigem Rektor (Don Wycherley), das eine teenage rebellion geradezu heraufbeschwört. Selbst auf den guten, alten Skinhead-Bully (Ian Kenny), der bloß deshalb so eine arme, prügelnde Wurst ist, weil sein Alter ihn verdrischt und der am Ende natürlich zum Band-Roadie wird, mag „Sing Street“ nicht verzichten. Die erste, turbulente Liebe, die etwas geekigen Boys aus der Band. Garantiert alles da. Die Truppe, die Schwierigkeiten hat, sich einen schicken Namen zu verpassen, nimmt jede semialternative musikalische Welle mit und ändert dementsprechend Stil und Aussehen. Mal orientiert man sich an Duran Duran, mal an The Cure. Dass die Kids trotz ihrer Jugend und mangelnder Erfahrung beinahe so virtuos klingen wie ihre großen Vorbilder gehört zum ebenso naiven wie auf zuschauerlichen good will angewiesenen Rezept des Films. Als hätte sein Publikum all die vielen Filme um blutsverwandte Topoi, auf die „Sing Street“ mit seinem unerschütterlichen Selbstverständnis zurückgreift, noch nie gesehen, klebt Carney deren sämtliche Versatzstücke aneinander und baut darauf, das man das lau aufgebackene Konglomerat ob seiner ach so entwaffnenden Gutherzigkeit kritiklos schluckt. Manch einer mag sich davon geschmeichelt fühlen (die imdb-Durchschnittswertung finde ich ehrlich gesagt erschreckend), ich finde ein solch freimütig ausgespieltes Maß an Plagiatismus hart an der Grenze zur Unverschämtheit, wenn diese nicht bereits hinter sich lassend. Daran ändert selbst die Liebeserklärung an „Rio“ nichts.

3/10

LUKE CAGE: SEASON 1

„Sweet Christmas.“

Luke Cage: Season 1 ~ USA 2016
Directed By: Paul McGuigan/Phil Abraham/Andy Goddard/Marc Jobst/Clark Johnson/Magnus Martens/Sam Miller/Vincenzo Natali/Guillermo Navarro/Tom Shankland/Stephen Surijk/George Tillman Jr.

Einige Monate nach seiner Trennung von der superstarken Privatdetektivin Jessica Jones ist der mit ebenfalls beachtlicher Körperkraft und einer nahezu unverletzbaren Haut ausgestattete Luke Cage (Mike Colter) bei dem alten Harlemer Barbier Pop Hunter (Frankie Faison) untergekommen, wo er sich incognito ein paar Dollar verdient. Zeitgleich arbeitet Luke noch nächtens als Küchenkraft für den Clubbesitzer, Gernegroß und Waffenschieber Cornell Stokes (Mahershala Ali), genannt „Cottonmouth“. Als ein paar Kids, die häufig auch in Pops Salon herumhängen, einen Waffendeal von Cottonmouth überfallen, bricht in Harlem die Hölle los. Nachdem Pop zum Opfer von einem von Cottonmouths blindwütigen Schlägern wird, sieht sich Luke gezwungen, einzugreifen. Dabei gerät er nicht nur an die harte Polizistin Misty Knight (Simone Missick), die Cottonmouth auf den Fersen ist, sondern auch an dessen in der Lokalpolitik tätigen Cousine Mariah Dillard (Alfre Woodward), den Gangster Shades (Theo Rossi) und den großen Strippenzieher im Hintergrund, Willis „Diamondback“ Stryker (Erik LaRay Harvey), mit dem Luke eine gemeinsame Kindheit verbindet. Zudem begegnet er der in Superheldenfragen mittlerweile erfahrenenen Krankenschwester Claire Temple (Rosario Dawson) wieder, die gemeinsam mit Luke tief in dessen Vergangenheit eintaucht.

Wortwörtlich eine Serie mit Soul. „Luke Cage“, das nächste von Netflix produzierte Marvel-Format, macht die kleineren Schwächen, die „Jessica Jones“ hier und da etwas ausbremsten, wieder vergessen und entwickelt eine veritable Eigenkraft, die die erstmals 1972 in Erscheinung getretene Comicfigur zurück zu ihren einst von Archie Goodwin und John Romita Jr. kreierten Wurzeln führt. Luke Cage, der als Superheld „Power Man“ debütierte, wurde in seiner Eigenschaft als einer der ersten afroamerikanischen Helden als Comicpendant zur Blaxploitation-Welle im Kino erschaffen. Nach dem gebürtigen Zentralafrikaner T’Challa alias „Black Panther“ und dem Captain America – Sidekick Sam „Falcon“ Wilson debütierte Luke Cage ferner als erster farbiger Superheld mit eigenem Serienlabel. Heute tritt er, zwischenzeitlich Mitglied der „Avengers“, freilich ohne seinen kaum mehr zeitgemäßen, damals typischen Dress auf, zu dem sich die Serie jedoch einen liebevollen Gag leistet. Auch sonst ist die dreizehn Episoden starke Staffel reich an geschickten Querverweisen und Hintertürchen nicht nur zu Cages eigener Comic-Historie, sondern ebenfalls zu den bisherigen Entwicklungen im MCU und natürlich den beiden bereits etablierten Formaten. So gibt es ein Wiedersehen mit dem schmierigen, nach wie vor stets auf der Verliererspur befindlichen Kleingangster Turk Barrett (Rob Morgan). Die wunderbare Rosario Dawson als „Night Nurse Claire Temple wird jetzt – endlich und verdient – wesentlich prominenter inszeniert als bis dato und erwächst in den späteren Episoden zu einer der wichtigsten Figuren des Serials. Der bibelfeste, schwer gewalttätige und ziemlich verrückte Diamondback setzt die junge Tradition der First-Class-Villains nach Wilson Fisk und dem „Purple Man“ Kilgrave nahtlos fort, nachdem der zunächst als Hauptschurke aufgebaute Cottonmouth Stokes mehr oder minder überraschend das Zeitliche segnen muss. Überaus viel Wert legt „Luke Cage“ auf das Lokalkolorit: Harlem und seine schwarze Kultur sind ein wichtiges Sujet für die Reihe; immer wieder kommt es zu ausführlichen Zitaten und name droppings betreffs dunkelhäutiger Künstler und Vordenker, die die Seele des Stadtteils jenseits der 110ten so geprägt haben. Einige von ihnen, so die Rapper Method Man und Fab 5 Freddy, geben sich dann gleich auch höchstpersönlich die Ehre mittels einer Stippvisite. Und erst recht der Musikeinsatz: Gerade diesbezüglich bildet die Serie eine wahre Schatztruhe. Von Jazz und Soul über Funk bis hin zum Hip Hop kredenzt man dem Rezipienten Formidables, nicht zuletzt dank der motivstiftenden Idee, einen musikbesessenen Gangster und Clubbesitzer zu installieren, der in seinem Laden ein stetes Forum für Acts aller Couleur bietet. So kommt man in den Genuss, nahezu komplette Live-Nummern von Charles Bradley, der erst kürzlich verstorbenen Sharon Jones oder den unkaputtbaren Delfonics zu bewundern.
Jetzt schon legendär dürfte insbesondere die Szene am Ende der von Vincenzo Natali inszenierten Episode 4 sein, in der Luke zum privaten Kopfhörer-Sound „Bring Da Ruckus“ vom Wu-Tang Clan den inoffiziellen Geldspeicher seines Widersachers auseinandernimmt. Traumhaft.

9/10