UNTIL THE LIGHT TAKES US

„People like to dress up.“

Until The Light Takes Us ~ USA 2008
Directed By: Aaron Aites/Audrey Ewell

Inspiriert durch meinen Freund Oliver, der vor ein paar Wochen über diese Dokumentation in seinem Blog geschrieben und mir zudem später beim gemeinsamen Besuch eines KISS-Konzerts von einem kleinen Vice-Film über den vormaligen Gorgoroth-Sänger Gaahl berichtet hat, nutzte ich ein paar buchstäblich kranke Tage daheim und fern der Arbeit, um mich mit dem interessanten Phänomen „norwegischer Black Metal“ auseinanderzusetzen. Zwar bin ich seit jeher selbst ein Freund von Musik der härteren Gangart, in die Untiefen der martialischen Auftritte, des lustvollen Spiels mit satanistischer und/oder paganistischer Symbolik, der bösen Plattencover, der kunstvoll, oftmals bis zur Unkenntlichkeit verschnörkelten Bandlogos und der gutturalen oder brutal kreischenden Gesänge habe ich im Laufe der Jahre bestenfalls mal den kleinen Zeh gehalten und dann meist auch schnell wieder herausgezogen. Die Gründe liegen wohl im persönlichen Umfeld. Weder habe ich mich je aktiv in der Fantasy-/Rollenspielerszene bewegt, also unter Leuten, die ja häufig eine grundsätzliche Affinität zu solcherlei Musik aufwiesen, noch sonst langhaarige Freunde in Kutte und Leder gehabt. Tatsächlich musste ich mein eigenes, kleines Hardrock-/Heavy-Faible stets gegen Britpop, Alternative, Düsterrock oder Punk und Hardcore „verteidigen“ bzw. meinen Musikgeschmack mehr oder weniger gezwungenermaßen entsprechend assimilieren. Sprich: die Faszination für die Äußerlichkeiten war im Prinzip latent vorhanden, fand sich jedoch nie kultiviert. Dass in Norwegen zu Beginn der Neunziger ein paar Spinner unterwegs waren, die Kirchen angezündet haben und auch, dass Leute zu Tode gekommen sind, habe ich damals wohl mitbekommen und eher kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen, das war’s dann aber auch diesbezüglich. Selbstgewählte Bezeichnungen wie „Dead“, „Euronymous“, „Faust“ und „Count Grishnackh“ hätten mir bis vor Kurzem nichts gesagt, ebensowenig wie die subkulturelle Eigenart des „corpsepainting“. Auch die Band „Mayhem“ kannte ich bloß vom Hörensagen. Der unterhaltsame Film „Metal: A Headbanger’s Journey“ behandelt das Ganze lediglich als kurze Fußnote. Heute ist von der einstigen Kontroversität kaum mehr etwas übrig. Black Metal gilt als herausragender, norwegischer Kulturexport, die damaligen Protagonisten sind weitgehend ihrem albernen Habitus entwachsen, tot, oder haben ihre verdienten Strafen abgesessen. Das damalige Milieu jedoch bleibt ein ungebrochenes Faszinosum, dem der vorliegende Film oder auch die ergänzend genossene Dokumentation „Once Upon A Time In Norway“ sich weniger analytisch denn rein zu Aufarbeitungszwecken nähern. Halbwegs funktionale Erklärungsversuche, was die Leute dereinst hat ticken lassen wie sie eben tickten, bleiben vornehmlich dem Rezipienten und seiner interpretatorischen Perspektive überlassen. Was ist passiert? Im Grunde sind fünf traurige „Höhepunkte“ zu verzeichnen: Zunächst der Selbstmord des schwedischstämmigen Sängers der Band Mayhem, Per Yngve Ohlin alias „Dead“, der sich 1991 mit 22 Jahren mit einer Schrotflinte in den Kopf schoss. Anstatt unmittelbar die Behörden zu verständigen, nutzte Bandkollege und Gitarrist Øystein Aarseth alias „Euronmyous“ als erste Person am Tatort die „Gunst der Stunde“, Fotos von seinem toten Freund zu machen und Schädelsplitter einzusammeln, die er später an „Eingeweihte“ zu verteilen pflegte. 1992 tötete der damals achtzehnjährige Bård Guldvik Eithun alias „Faust“, Drummer der Band „Emperor“, mit 37 Messerstichen und diversen Tritten gegen den Kopf einen homosexuellen Mann namens Magne Andreassen, der ihm zuvor eindeutige Avancen gemacht haben soll. Nach einem Jahr in Freiheit wurde Eithun zu einer vierzehnjährigen Haftstrafe verurteilt, von der er rund neun Jahre absaß. 1993 wurde Øystein Aarseth von seinem vormaligen Freund und Bandkollegen Varg Vikernes alias „Count Grishnackh“, der sich zuvor öffentlich für einige der Kirchenbrände verantwortlich äußerte, ermordet. Aarseth hatte Vikernes mehrfach angedroht, dass er sterben müsse und so entschloss dieser sich, seinem vorherigen „Mitstreiter“ zuvor zu kommen, indem er ihm 23 Messerstiche versetzte. Sein Freund Snorre Ruch alias „Blackthorn“ begleitete ihn während der Tat. Zudem fand man später bei Vikernes diverse Sprengstoffe und Munition, die er wohl für einen Anschlag auf eine linke Jugendkommune gehortet hatte. 1994 wurde Vikernes zur nationalen Höchsstrafe, 21 Jahren Freiheitsentzug, verurteilt. Zwölf davon verbrachte er im Gefängnis, der Rest wurde ihm erlassen. Ruch musste wegen Mittäterschaft für acht Jahre in den Bau.
Vor allem Vikernes, der mittlerweile in Frankreich lebt, erweist sich noch immer als nachlesbar höchst unleidlicher Zeitgenosse. Er verfolgt ständig variierende, verschwurbelte Ideologien zwischen „Odinismus“, Antisemitismus und -christianismus, einem „wiedererwachenden“ Europa, Kultifizierung prähistorischer Lebensart, nationalsozialistischem Gedankengut und eugenischen Phantastereien. Auch gedankliche Affinitäten zum Massenmörder Anders Breivik standen zeitweilig im Raum.
Obschon „Until The Light Takes Us“ all diesen Ereignissen Platz einräumt, kreist er vornehmlich um Gylve Fenris Nagell alias „Fenriz“, Mastermind von „Darkthrone“ und dessen Lebensalltag. Wenngleich der emsig porträtierte Nagell ebenfalls gewisse Eigenartigkeiten an den Tag legt und Zwischenmenschlichkeiten eher abgeneigt scheint, so hinterlässt er doch zumindest den Eindruck vergleichsweiser Bodenständigkeit. Vikernes wirkt da deutlich beunruhigender: Als nichtmal unsympathischer, freundlich lächelnder und bereitwillig Auskunft gebender Interviewpartner tritt er zutage, als einer, dem man aufbrausendes Gebahren kaum unterstellen würde. Umso erschreckender, welch krude Gedankengänge und Schlussfolgerungen sich hinter solch unscheinbarer Stirn verbergen mögen.

8/10

MILES AHEAD

„Convince me.“

Miles Ahead ~ USA 2015
Directed By: Don Cheadle

New York, 1979. Gesundheitlich stark angeschlagen, nahezu völlig ausgebrannt und noch immer unter der Trennung von seiner Ex-Frau Frances (Emayatzy Corinealdi) leidend vegetiert der legendäre Jazz-Trompeter Miles Davis (Don Cheadle) in seinem Haus in der Upper West Side dahin; nahezu völlig zurückgezogen von der Außenwelt, Tantiemen von seiner Hausplattenfirma Columbia und Vorschüsse auf neues Material kassierend, das sich aber nicht recht zuwege bringen lassen mag. Sein täglicher Kokain- und Alkoholbedarf erreicht beträchtliche Höhen, als der freie Journalist Dave Braden (Ewan McGregor) sich aufmacht, Davis‘ Elfenbeinturm zu knacken. Durch Bradens nicht uneigennützige, aber doch freundlich intendierte Einmischung in des Genies Privatleben gelangt ein von Davis sorgsam verwahrtes session tape mit neuen Aufnahmen in die Hände des schmierigen Agenten Hamilton (Michael Stuhlbarg), der damit die Karriere seines jungen, heroinsüchtigen Schützlings Junior (Lakeith Lee Stansfield) pushen möchte. Braden und Davis haben alle Hände voll zu tun, das Tape zurückzubekommen.

Don Cheadles ehrgeiziges Projekt über den bis dato wahrscheinlich größten Jazz-Trompeter überhaupt konnte nur durch jahrelange Vorbereitung und teilweise Crowdfunding-Finanzierung entstehen. Auch die Beteiligung McGregors als neben Cheadle einzigem wirklich prominenten Star floss etwas Patte in die Budgetkasse. Dabei ist „Miles Ahead“ kein Musiker-Biopic im klassischen Sinne oder nach etablierter Form. Für seinen Abriss über die Legende wählte Cheadle vielmehr eine völlig fiktive Geschichte nebst einer fiktiven zweiten Hauptfigur in Person des ebenso aufdringlichen wie ehrgeizigen, britischstämmigen und weißen Journalisten als idealisiertem Konterpart des zu diesem Zeitpunkt längst gottgewordenen Genies. Eine etwas alberne – vom Script allerdings genau als solche verstandene – Episode über ein als klassischer MacGuffin eingesetztes Band mit „geheimen“ Aufnahmen, das in unberechtigte Hände fällt und zurückerobert werden will, dient dabei als Aufhänger für ein betont subjektiv gefärbtes Porträt Davis‘, das sich ans Ende einer seiner schwierigsten, persönlichen Phasen stellt. Nach einer letzten Live-Performance im September 1975 verschwand er für annähernd sechs Jahre vollständig von der öffentlichen Bühne; seine permanenten Auftritte, der zunehmend extremer und anstrengender werdende Freistil seines Sounds und die körperlichen Folgen des Ganzen forderten ihren Tribut. Schwere Suff- und Drogenexzesse folgten, die bereits darvon hindeuteten, dass Davis in Kürze nur noch im Jazzhimmel würde aufspielen können. 1979 jedoch trat er er dank der reaktivierten Beziehung zu der Aktrice Cicely Tyson aus seiner Höhle zurück ans Tageslicht und schaffte immerhin noch weitere zwölf Jahre. Im Film ist der von Cheadle ziemlich leidenschaftlich interpretierte Davis ein formvollendeter Misanthrop und Polytoxikomane, der über all seinen Selbstekel hinaus immerhin den Zynismus noch nicht eingebüßt hat. McGregors Figur zerrt ihn zumindest in Teilen aus der selbstgewählten Lethargie, obschon der gesamte Nebenplot wie erwähnt etwas flachsig daherkommt. Das schadet „Miles Ahead“ aber, wenn überhaupt nur wenig. Man wird dafür mit geraum viel entlohnt, mit einem Gespür für die zugrunde liegende Zeit, mit traumhafter Musik, einem grandiosen Hauptdarsteller und zugleich Regisseur, von dem hoffentlich künftig noch ähnlich Schönes zu sehen sein wird.

8/10

SING STREET

„Ce n’est pas le nom du groupe.“

Sing Street ~ IE/UK/USA 2016
Directed By: John Carney

Dublin, 1985. Für den Teenager Conor Lalor (Ferdia Walsh-Peelo) werden die kommenden Monate hart. Seine Familie zerbricht, die Eltern (Aiden Gillen, Maria Doyle Kennedy) leben sich mehr und mehr auseinander. Aus Ersparnisgründen muss Conor seine Privatschule verlassen und künftig auf ein staatliche, katholische Schule gehen. Ein Hoffnungsschimmer winkt in Form der Musik und der Gründung einer Band. Und dann ist da noch die hübsche, aber etwas selbstvergessene Raphina (Lucy Boynton), die Conors Herz zum Flattern bringt.

Ich empfand „Sing Street“ als herbe Enttäuschung und einen der ärgerlichsten Filme der letzten Monate. Ein um zeitgenössische Popmusik kreisendes Coming-Of-Age-Drama kredenzt John Carney da, das wirklich nicht ein Klischee, das man a priori von solch einem Film erwarten würde, ausspart. Da ist der musikverständige, libertine, ältere Bruder (Jack Reynor), der dem Protagonisten pubertären Halt und Trost spendet; da ist das modernisierungsfeindliche, klerikal geprägte Umfeld nebst bösartigem Rektor (Don Wycherley), das eine teenage rebellion geradezu heraufbeschwört. Selbst auf den guten, alten Skinhead-Bully (Ian Kenny), der bloß deshalb so eine arme, prügelnde Wurst ist, weil sein Alter ihn verdrischt und der am Ende natürlich zum Band-Roadie wird, mag „Sing Street“ nicht verzichten. Die erste, turbulente Liebe, die etwas geekigen Boys aus der Band. Garantiert alles da. Die Truppe, die Schwierigkeiten hat, sich einen schicken Namen zu verpassen, nimmt jede semialternative musikalische Welle mit und ändert dementsprechend Stil und Aussehen. Mal orientiert man sich an Duran Duran, mal an The Cure. Dass die Kids trotz ihrer Jugend und mangelnder Erfahrung beinahe so virtuos klingen wie ihre großen Vorbilder gehört zum ebenso naiven wie auf zuschauerlichen good will angewiesenen Rezept des Films. Als hätte sein Publikum all die vielen Filme um blutsverwandte Topoi, auf die „Sing Street“ mit seinem unerschütterlichen Selbstverständnis zurückgreift, noch nie gesehen, klebt Carney deren sämtliche Versatzstücke aneinander und baut darauf, das man das lau aufgebackene Konglomerat ob seiner ach so entwaffnenden Gutherzigkeit kritiklos schluckt. Manch einer mag sich davon geschmeichelt fühlen (die imdb-Durchschnittswertung finde ich ehrlich gesagt erschreckend), ich finde ein solch freimütig ausgespieltes Maß an Plagiatismus hart an der Grenze zur Unverschämtheit, wenn diese nicht bereits hinter sich lassend. Daran ändert selbst die Liebeserklärung an „Rio“ nichts.

3/10

LUKE CAGE: SEASON 1

„Sweet Christmas.“

Luke Cage: Season 1 ~ USA 2016
Directed By: Paul McGuigan/Phil Abraham/Andy Goddard/Marc Jobst/Clark Johnson/Magnus Martens/Sam Miller/Vincenzo Natali/Guillermo Navarro/Tom Shankland/Stephen Surijk/George Tillman Jr.

Einige Monate nach seiner Trennung von der superstarken Privatdetektivin Jessica Jones ist der mit ebenfalls beachtlicher Körperkraft und einer nahezu unverletzbaren Haut ausgestattete Luke Cage (Mike Colter) bei dem alten Harlemer Barbier Pop Hunter (Frankie Faison) untergekommen, wo er sich incognito ein paar Dollar verdient. Zeitgleich arbeitet Luke noch nächtens als Küchenkraft für den Clubbesitzer, Gernegroß und Waffenschieber Cornell Stokes (Mahershala Ali), genannt „Cottonmouth“. Als ein paar Kids, die häufig auch in Pops Salon herumhängen, einen Waffendeal von Cottonmouth überfallen, bricht in Harlem die Hölle los. Nachdem Pop zum Opfer von einem von Cottonmouths blindwütigen Schlägern wird, sieht sich Luke gezwungen, einzugreifen. Dabei gerät er nicht nur an die harte Polizistin Misty Knight (Simone Missick), die Cottonmouth auf den Fersen ist, sondern auch an dessen in der Lokalpolitik tätigen Cousine Mariah Dillard (Alfre Woodward), den Gangster Shades (Theo Rossi) und den großen Strippenzieher im Hintergrund, Willis „Diamondback“ Stryker (Erik LaRay Harvey), mit dem Luke eine gemeinsame Kindheit verbindet. Zudem begegnet er der in Superheldenfragen mittlerweile erfahrenenen Krankenschwester Claire Temple (Rosario Dawson) wieder, die gemeinsam mit Luke tief in dessen Vergangenheit eintaucht.

Wortwörtlich eine Serie mit Soul. „Luke Cage“, das nächste von Netflix produzierte Marvel-Format, macht die kleineren Schwächen, die „Jessica Jones“ hier und da etwas ausbremsten, wieder vergessen und entwickelt eine veritable Eigenkraft, die die erstmals 1972 in Erscheinung getretene Comicfigur zurück zu ihren einst von Archie Goodwin und John Romita Jr. kreierten Wurzeln führt. Luke Cage, der als Superheld „Power Man“ debütierte, wurde in seiner Eigenschaft als einer der ersten afroamerikanischen Helden als Comicpendant zur Blaxploitation-Welle im Kino erschaffen. Nach dem gebürtigen Zentralafrikaner T’Challa alias „Black Panther“ und dem Captain America – Sidekick Sam „Falcon“ Wilson debütierte Luke Cage ferner als erster farbiger Superheld mit eigenem Serienlabel. Heute tritt er, zwischenzeitlich Mitglied der „Avengers“, freilich ohne seinen kaum mehr zeitgemäßen, damals typischen Dress auf, zu dem sich die Serie jedoch einen liebevollen Gag leistet. Auch sonst ist die dreizehn Episoden starke Staffel reich an geschickten Querverweisen und Hintertürchen nicht nur zu Cages eigener Comic-Historie, sondern ebenfalls zu den bisherigen Entwicklungen im MCU und natürlich den beiden bereits etablierten Formaten. So gibt es ein Wiedersehen mit dem schmierigen, nach wie vor stets auf der Verliererspur befindlichen Kleingangster Turk Barrett (Rob Morgan). Die wunderbare Rosario Dawson als „Night Nurse Claire Temple wird jetzt – endlich und verdient – wesentlich prominenter inszeniert als bis dato und erwächst in den späteren Episoden zu einer der wichtigsten Figuren des Serials. Der bibelfeste, schwer gewalttätige und ziemlich verrückte Diamondback setzt die junge Tradition der First-Class-Villains nach Wilson Fisk und dem „Purple Man“ Kilgrave nahtlos fort, nachdem der zunächst als Hauptschurke aufgebaute Cottonmouth Stokes mehr oder minder überraschend das Zeitliche segnen muss. Überaus viel Wert legt „Luke Cage“ auf das Lokalkolorit: Harlem und seine schwarze Kultur sind ein wichtiges Sujet für die Reihe; immer wieder kommt es zu ausführlichen Zitaten und name droppings betreffs dunkelhäutiger Künstler und Vordenker, die die Seele des Stadtteils jenseits der 110ten so geprägt haben. Einige von ihnen, so die Rapper Method Man und Fab 5 Freddy, geben sich dann gleich auch höchstpersönlich die Ehre mittels einer Stippvisite. Und erst recht der Musikeinsatz: Gerade diesbezüglich bildet die Serie eine wahre Schatztruhe. Von Jazz und Soul über Funk bis hin zum Hip Hop kredenzt man dem Rezipienten Formidables, nicht zuletzt dank der motivstiftenden Idee, einen musikbesessenen Gangster und Clubbesitzer zu installieren, der in seinem Laden ein stetes Forum für Acts aller Couleur bietet. So kommt man in den Genuss, nahezu komplette Live-Nummern von Charles Bradley, der erst kürzlich verstorbenen Sharon Jones oder den unkaputtbaren Delfonics zu bewundern.
Jetzt schon legendär dürfte insbesondere die Szene am Ende der von Vincenzo Natali inszenierten Episode 4 sein, in der Luke zum privaten Kopfhörer-Sound „Bring Da Ruckus“ vom Wu-Tang Clan den inoffiziellen Geldspeicher seines Widersachers auseinandernimmt. Traumhaft.

9/10

DER NACHTMAHR

„Was willst du von mir?“

Der Nachtmahr ~ D 2015
Directed By: Achim Bornhak

Eine Pille zuviel, und er ist da: Für Schülerin Tina (Carolyn Genzkow), Tochter aus wohlhabendem Hause, die ihr Heil bei auschweifenden Techno-Partys sucht und zumindest für den vergänglichen Rausch einer Nacht manchmal auch findet, manifestiert er sich als wulstiges, kleines, klapperndes Männchen mit Schlitzaugen und großem Appetit und Seelenverwandter, den es nach anfänglichen Angst- und Ekelgefühlen zu beschützen gilt wie einen aus der Art geschlagenen, kleinen Bruder. Oder ist das alles bloß eine letzte, drogeninduzierte Phantasie im Augenblick des Todes?

Ein bisschen rätselhaft, ein bisschen schön, ein bisschen fies und trotz offensichtlicher Vorbilder sehr ambitioniert: Das Beste an Achim Bornhaks Film, der das Kampfpseudonym AKIZ pflegt, ist, dass selbiger sein Projekt diverser Widerstände zum Trotz durchgeboxt und realisiert hat. Das Resultat ist, wie jedes mehr oder weniger maligne Kunstwerk, streitbar, und auch das ist gut so. „Der Nachtmahr“ ist ja zuallererst einmal entstanden aus einer bizarren Plastik des Künstlers, die quasi ganz am Anfang stand, noch bevor überhaupt die Idee erwuchs, ihn zur Titelfigur eines Spielfilms und einer entsprechend ausformulierten Geschichte zu machen. Der Rest kam dann peu à peu und mündete in der nun ansichtigen Form.
Ich sollte den Film eigentlich in Bälde nochmal schauen, weil ich bei der Erstbetrachtung, wie eigentlich immer vermehrter in solchen Fällen, unwillkürlich vor allem nach möglichen Vorbildern Ausschau hielt: Am Naheliegendsten ist da sicherlich Johann Heinrich Füsslis berühmtes, gleichnamiges schwarzromantisches und mehrfach variiertes Gemälde, dass einen kleinen Alb zeigt, der sich an den schrecklichen Visionen einer schlafenden Dame weidet. Zumindest eine geringfügige Familienähnlichkeit ist AKIZ‘ Nachtmahr nicht abzusprechen, obschon Haare, Ohren und Augen doch ziemlich different ausfallen. Doch auch manche Filme und / oder Texte um hässliche, kleine, (un-)geliebte Krüppelmonster, allen voran „E.T.: The Extraterrestrial“ und „Basket Case“ oder auch Doris Lessings – wundersamerweise noch immer nicht filmadaptierten – Roman „The Fifth Child“, zitiert AKIZ mehr oder weniger offensichtlich, nicht zu vergessen alles Mögliche von Cronenberg und Lynch sowie Hans Weingartners „Das weiße Rauschen“, in dem es ebenfalls um drogeninduzierte Psychosen geht. Eine ganze Latte an Reminiszenzen also, die leider einmal mehr offenbar macht, dass vollkommene Originalität im Genrekino trotz aller möglicher Bemühungen de facto nicht mehr möglich ist. Und dennoch berührt und fasziniert die Geschichte um die gründlich missverstandene Tina, ein vergessenes Kind der zum Sterben liegen gelassenen Oberflächlichkeit ihrer Generation, und ihren kleinen Zwillingsalb, wenngleich man gezwungen ist, sich mit dem Gedanken zu arrangieren, dass ein hübsches, junges Mädchen Wilson Gonzalez Ochsenknecht anhimmelt. Im Gegenzug gibt es dann wiederum Kim Gordon von Sonic Youth als Englischlehrerin. Vielleicht ein treffendes Symbol für die sich notwendigerweise stets einstellende Balance der Dinge.

7/10

GREEN ROOM

„Whatever happens – this won’t end well.“

Green Room ~ USA 2015
Directed By: Jeremy Saulnier

Die Band „The Ain’t Rights“ lebt noch ganz den Geist des Punk – Kommerzialisierung oder Anbiederung jedweder Art liegt dem Quartett (Anton Yelchin, Alia Shawkat, Joe Cole, Callum Turner) fern und man ist froh, wenn man mit dem Salär für einen Gig die nächste Tankfüllung bezahlt bekommt. Ein eher notdürftig arrangierter Auftritt führt die vier jungen Leute in die Provinz um Portland, wo sie in einem abgelegenen Club auftreten. Schnell werden sie gewahr, dass sie in einem waschechten Skin-Schuppen spielen und ihr Publikum zum Großteil aus Neonazis besteht. Mit einer bewusst provokativ angesetzten Coverversion des Dead-Kennedys-Klassikers „Nazi Punks Fuck Off“ machen sie sich zwar wenig Freunde, schaffen es aber dennoch, das Publikum halbwegs zu überzeugen. Die eigentliche Tragödie ergibt sich, als sie im Backstage-Bereich zufällig des Mordes an Renee Emily (Taylor Tunes) durch einen der Nazi-Skins (Mark Webber) ansichtig werden: Der eilends herbeigerufene Darcy (Patrick Stewart), Besitzer der Location und eine Art regionaler „grand wizard“ beschließt kurzerhand, dass die unliebsamen Zeugen um die Ecke gebracht gehören. Diesen gelingt es zunächst samt Emilys Freundin Amber (Imogen Poots), sich im Green Room zu verschanzen, doch die Situation wird immer auswegloser…

Nicht ganz so einnehmend wie Saulniers mir zudem etwas geschlossener in Erinnerung befindlicher „Blue Ruin“, aber dennoch recht ansehnlich. Der Titel verrät bereits, dass Saulnier sich diesmal vor allem für die Verdichtung und Dekonstruktion des Raumes interessiert, denn die einzige Chance der festgesetzten Punkrocker liegt darin, sich durch Kenntnis der Lokalität strategische Vorteile gegen die nazifizierte Übermacht zu verschaffen. Diese wirkt leider weniger bedrohlich als ich mir zuvor erhofft hatte: Einen ziemlich belämmerten Haufen kahlgeschorener Idioten kredenzt uns das Script, deren Mastermind ausgerechnet Captain Picard sein muss. Auch sonst wird mit Klischees nur wenig gegeizt. Seinen Rockschuppen etwa betreibt der alternde Provinznazi natürlich vor allem, um eine im Keller eingerichtete Drogenküche zu tarnen. Wär‘ man nie drauf gekommen. Immerhin gerät die Porträtierung der Musiker noch ganz passabel, wobei es zu tiefer gehenden Identifikationsoptionen kaum reicht, da das Script ziemlich rasch kurze Fuffzehn mit den jungen Leuten macht: Drei von ihnen erleben bald einen jeweils recht horrenden Exitus, während der stille Pat (Yelchin), von dem man zu Beginn noch denkt, er halte am Kürzesten durch und die mittlerweile mit ihm alliierte Amber sich den Weg freikämpfen können. Die Freiheit, das heißt in diesem Falle das angrenzende Waldstück, bedeutet dann zugleich auch endlich Überlegenheit gegenüber dem durch Heimspielvorteile begünstigten Gegner. Wie die Charakterpräsentation wirkt auch die Darstellung der Gewaltmomente betont unbeteiligt und beiläufig, was wiederum dafür sorgt, dass Empathie- und Spannungsmomente es schwer haben in diesem Film, der alles daran setzt, bloß nicht ordinär zu sein und dessen einzige größere Schwäche ironischerweise just darin liegt, dass er für einen als solchen kreditierbaren Thriller einfach nicht hinreichend packend daherkommt.

7/10

DIRTY DANCING

„Go back to your playpen, Baby.“

Dirty Dancing ~ USA 1987
Directed By: Emile Ardolino

Im Sommer 1963 macht die vierköpfige Familie Houseman Urlaub im Wellness-Resort Kellerman, das einem alten Freund (Jack Weston) des Vaters (Jerry Orbach) gehört. Die jüngere Tochter Frances (Jennifer Grey), genannt „Baby“, hat eine grundgütige, aber etwas naive Weltsicht: Sie will der Friedensbewegung beitreten, etwas für hungernde Kinder tun und so fort. Ihre Backfisch-Hormone in übergebührliche Wallung bringt derweil der Tanzlehrer und Gigolo Johnny Castle (Patrick Swayze), ein schmucker, junger Mann, der gern körperbetonte Tänze tanzt und koitiert und sonst eigentlich wenig bis gar nichts kann. Als Johnnys Ex-Freundin Penny (Cynthia Rhodes) von dem schmierigen Kellner Robbie (Max Cantor) schwanger wird, springt Baby für sie in die Bresche und belatschert ihren Vater, ohne ihn ins Bild zu setzen, das nötige Geld für eine Abtreibung zur Verfügung zu stellen. Als selbige obendrein schiefläuft, muss der Mediziner Dr. Houseman auch noch unentgeltlich die Nachbehandlung übernehmen. Während seines sauer verdienten Urlaubs! Klar, dass er auf Baby sauer ist, umso mehr, als er von ihrem mittlerweile laufenden Techtelmechtel mit dem flotten Johnny erfährt. Doch dieser tanzt, und da können sich alle ruhig anschnallen, immer den letzten Tanz der Saison!

„Dirty Dancing“ ist wohl das im Nachhinein beschämendste Kulturphänomen der achtziger Jahre. Sollte feindlich gesinnten Aliens jemals eine Kopie dieses Films als repräsentatives Exempel für irdische Zerstreuung in die Hände fallen, würden sie uns ohne zu zögern angreifen. Und zu Recht – wie gottverdammt dämlich, müssten die grünen Männchen sich denken, sind die da unten eigentlich?
In Dinslaken haben wir seit Jahrzehnten nurmehr ein kleines Kino mit drei Leinwänden, die Lichtburg, nicht zu verwechseln mit ihrer großen Essener Schwester. „Dirty Dancing“ lief pünktlich im Oktober 1987 bei uns an und alle Leserinnen und Leser der „BRAVO“ und ihrer diversen Konkurrenzblättchen kreuzte stante pede vor dem Kino auf, um jenen viel beworbenen Film zu sehen, der, das stellte sich dann ganz flugs heraus, im Hinblick auf Inhalt und Narration ziemlich exakt einer Doppelseite der beliebten Rubrik „Mein erstes Mal“ entsprach. Umso dankbarer die An- und Abnahme seitens uns Kids, die wir, zwischen elf und vierzehn, uns im Folgenden nach „Dirty Dancing“ verzehrten. Der Film brachte es in der Lichtburg auf einen bis heute ungeschlagenen Aufführungsrekord von weit über einem Jahr und ich möchte behaupten, dass der Anteil damals pubertierender Dinslakener, die „Dirty Dancing“ nicht mindestens einmal auf der Leinwand gesehen haben, unter fünf Prozent liegen dürfte. Natürlich war das ein bundesweites Phänomen, knapp neun Millionen Eintrittskarten wurden für Ardolinos kleines period piece gelöst, davon mutmaßlich acht Millionen von Unter-16-jährigen und von jenen in den meisten Fällen mehrfach. Ich selbst komme auf zwei oder drei Kinobesuche, das kann ich nicht mehr genau eruieren. Jedenfalls waren bei jedem Mal Mädchen dabei, natürlich. Im Grunde war das für viele von uns Jungs ja auch der Hauptgrund, mehrfach „reinzugehen“. Die beiden Soundtracks waren als LP oder MC überall dabei; keine Klassenparty, die ohne eine der begleitenden Singles auskam. Dass die Songkompilation auch grandiose Soulperlen enthielt, darunter von Otis Redding, den Shirelles, Drifters oder Solomon Burke oder dass der Film gar, genau wie Scorseses „Mean Streets“ zu „Be My Baby“ von den Ronettes beginnt, was unter Umständen als kleine Hommage durchgehen könnte, das war uns kleinen Säuen damals weder bewusst noch hätte es uns auch nur im Mindesten interessiert. Nein, Bill Medley & Jennifer Warnes, Eric Carmen, und natürlich Swayze selbst hatten die „interessanteren“ Songs zu verbuchen – modernen, uramerikanischen, weißen Popmüll von anno 87 in einem 1963 spielenden Film; ein glatter, dazu noch hochnotpeinlicher Kulturbolschewismus. Doch ist dies nur eine der vordringlichsten unter den vielen, lächerlichen Fehlleistungen, die diese spatzenhirnige, tatsächlich schäbige Mär sonst noch bei dreistestem Selbstbewusstsein auftischt. Von bleibendem Wert ist mit Ausnahme besagter klassischer Musikstücke an „Dirty Dancing“ bei Licht besehen rein gar nichts, diesem Film, der etwa gelebten Feminismus mit der jungfräulichen Mission parallelisiert, den ersten Sexpartner frei wählen zu dürfen (solang der’s nur hinreichend patent „bringt“) und der scheinheilig das Establishment veralbert, nur um es am Ende umso lauter abzufeiern; es sei denn als Negativbeispiel voller „Don’ts“ in einem unterhaltsamen Filmschulseminar oder als Exempel für eine wissenschaftliche Abhandlung, wie haltloser, künstlerischer Dünnpfiff in einem verlängerten Zeitraum zu einem unkalkulierten Massenerfolg avancieren kann.
Und doch und noch immer lieben die Leute ihn, manche abgöttisch. Warum aber, im Namen der Gestirne, setzte sich der Chronist dem Ding dann aus? Abermals? Nachdem ich mir hinreichend Mut angetrunken hatte, ritt es mich, allein im stillen Kämmerlein. Dass ich dann trotzdem nie recht wusste, was jetzt im Angesichte dieses oder jenes der ungefähr 235 Faux-pas des Films angebrachter wäre – hysterisches Gekicher oder raunendes Kopfschütteln – schwieg ich bloß betreten. Und lauscht am Ende der ultraextended version von „(I’ve Had) The Time Of My Life)“, die die ganze Menschheitsevolution kurzerhand auf einen Bums reduziert und dafür noch einen Oscar bekam.
Ein langer Bericht für ein solches Manifest des vergeistigten Elends. Und wohl der Beweis, dass auch mich „Dirty Dancing“, dieses Ekel von Film, seit knapp dreißig Jahren in der klauenbewährten Hinterhand hat – und vermutlich nie wieder ganz daraus hervorlassen wird.

3/10