JOKER

„There is no punchline.“

Joker ~ USA/CA 2019
Directed By: Todd Phillips

Gotham City in den frühen achtziger Jahren: Die Stadtkassen sind marode, Sozialleistungen werden vehement gekürzt, die Müllabfuhr befindet sich im Dauerstreik. Vollmundige Besserung verspricht der superreiche Magnat Thomas Wayne (Brett Cullen), der sich für die kommende Bürgermeisterwahl aufstellen lassen will. Während der psychotische Berufsclown Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) von einer Karriere als standup comedian träumt, pflegt er zu Hause seine Mutter (Frances Conroy) und himmelt vom Fernsehsessel aus den erfolgreichen Late-Night-Host Murray Franklin (Robert De Niro) an. Arthur steht in Gotham am unteren Ende der Nahrungskette: ein paar Straßenkids verprügeln ihn, auf Therapie und Medikamente werden ihm urplötzlich gestrichen. Als er zudem noch seinen Job verliert und ihm ein Yuppietrio in der U-Bahn abermals tätlich zusetzt, greift er zur Waffe. Doch damit endet seine Geschichte nicht. Als Arthur eher zufällig ruinöse Einblicke in seine eigene, schmerzverzerrte Kindheit erhält, brennt bei ihm die letzte Sicherung durch. Ein durch Zufälle „ergatterter“ Live-Auftritt in Franklins Show soll ihm dazu dienen, sich der Welt zu erklären…

Nachdem Todd Phillips sich im vorvergangenen Jahrzehnt als Komödienspezialist hervortat, sich unter anderem mit dem brillanten „Old School“ (aus dessen Sequel dann leider doch nichts wurde) kurzzeitig als wertvoller Erfüllungsgehilfe für das Frat Pack behauptete und mit der „Hangover“-Trilogie auch kommerzielle Gipfel erklomm, markiert „Joker“ eine wesentliche Trendwende in seinem Schaffen. Auch sonst stellt der Film ein relatives Unikum inmitten des Trends zu Superheldencomic-Adaptionen dar. Erstmals (der diesbezügliche Hybrid „Venom“ sei ausdrücklich ausgenommen) wird nicht nur ein klassischer Bösewicht zur Titelfigur und zum Antihelden einer Verfilmung der bunten Seiten von Marvel und DC, sondern zugleich einer der ikonischsten Antagonisten überhaupt, eine erklärte Nemesis und Antithese zu allem, was die martialisch gewandeten Heroen am gegenüberliegenden Ende ihres phantastischen Spektrums zumindest in traditioneller Hinsicht an rationaler und ethischer Integrität auszeichnet. Mit der Ära Neal Adams gewinnt nicht nach den flippigen sixties nicht nur sein Widersacher an Ernsthaftigkeit zurück, auch der Comic-Joker avanciert zum Serien- und Massenmörder, dem es zusehends weniger darum geht, reiche Beute abzugreifen. Vielmehr geriert er zum Sinnbild von Chaos und Anarchie, dessen Bedrohlichkeit nicht etwa von seiner eher zu vernachlässigen, physischen Präsenz ausgeht, sondern von seiner allumfassenden, nihilistischen Irrationalität. In den Achtzigern, bekanntermaßen ohnehin die große Zäsur-Dekade im Superheldencomic, spitzt sich diese Entwicklung unter visionären Autoren wie Alan Moore, Jim Starlin und Grant Morrison nochmals zu; der Joker attackiert nunmehr direkt und frontal seinen ewigen Hauptgegner, indem er dessen wundeste Punkte ins Visier nimmt, teilweise schwer schädigt und sogar ermordet – seine Mitstreiter und Freunde. Damit wird die uralte Fehde endgültig zur Intimfeindschaft, ohne dem weißgesichtigen, grünhaarigen Zerrbild allerdings jemals eine Biographie, geschweige denn einen zivilen Namen zuzuordnen. Moore verfolgte einen diesbezüglichen Ansatz erstmals in dem legendären Oneshot „The Killing Joke“, der die bisher bekannte, recht schwammige origin der Figur (derzufolge Joker zuvor ein ordinärer, behelmter Ganove namens Red Hood ist, der bei einem Scharmützel mit Batman in einen Chemiebehälter fällt und diesem Unfall seine entstellte Physis wie auch seinen Irrwitz verdankt) wesentlich vertiefte und erstmals den Menschen hinter dem Grinsen nebst dessen tragischer Geschichte herausstellte. Tim Burtons „Batman“ defragmentierte dieses Element wieder und arbeitete Jack Nicholson zu einem relativ ordinären Mafioso um, der im Film zudem Bruce Waynes Eltern auf dem Gewissen hat, was immerhin eine nette, motivische Kausalitätskette in Gang setzt. Heath Ledger erntete derweil posthum viel Lob für seine sehr viel geerdetere Interpretation in Nolans „The Dark Knight“, die mich selbst zumindest auf der Ebene des Adäquaten zwar weniger anspricht, dem Charakter aber zumindest wesentliche Elemente ihres finsteren Nimbus zurückverehrt.
Todd Phillips nun wagt eine Melange aus diversen dieser übergreifenden, popkulturellen Erscheinungsformen des „Killerclowns“. Zuallererst setzt er ihn in ein prononciert uncomiceskes, realistisches Szenario, in ein Gotham, das die u- und dystopischen, majestätischen Images jenes artifiziellen Molochs kurzerhand ignoriert und es stattdessen in ein zweites Manhattan der Frühachtziger verwandelt, das vor Dreck, Graffitis und Smog steht und pure Hoffnungslosigkeit gebiert. Der Joker besitzt hierin noch Namen und Identität. Er heißt Arthur Fleck (seine nominelle Persona wird erst am Ende des Films Geschichte sein) und ist ein trauriger, bemitleidenswerter Systemverlierer ohne zwischenmenschlichen Anschluss, der schließlich erst im Rahmen einer unfreiwillig von ihm selbst hervorgerufenen Anarchobewegung zur bizarren Ikone emporstilisiert wird. Sogar eine mögliche Blutsverandtschaft mit dem (noch jungen) Bruce Wayne (Dante Pereira-Olson) wird angedeutet, jedoch in der Schwebe belassen. Indirekt verantwortet er wiederum die kommende Genese Batmans, seine chemikalisch induzierte Mutation jedoch bleibt aus, wie auch der gesamte Film wiederum auf hyperrealistische Metamorphosen und Kostüme verzichtet. Insofern könnte man, um wiederum in und mit „Comic-Termini“ zu sprechen, „Joker“ am Ehesten zu den vielen Elseworlds-Storys von DC zählen, Geschichten also, die bekannte Figuren und Ereignisse ganz bewusst einmalig in alternative zeitliche und/oder örtliche Kontexte setzen. Als solche funktioniert Phillips extrem stilisierter Film dann auch durchaus, obschon die oftmals behaupteten Parallelen zu früheren, wesentlich mehrdimensionaleren Scorsese-Filmen mit De Niro wie „Taxi Driver“ oder „The King Of Comedy“ eher zu vernachlässigen sind. Auch würde ich nicht soweit gehen wollen, „Joker“ zur gegenwartspolitischen Analogie zu verklären, wie dies hier und da aufzuschnappen ist; zu einer symbolischen „Warnung“ vor dem schlummernden, revolutionären Zorn der abgehängten, grauen Masse also. In Bezug auf Inszenierung, Form und Hauptrollenspiel leistet Phillips‘ Werk gewiss Beachtliches, das sei ihm unbenommen. Etwaig messianisches, zielsicher zeitsezierendes oder gar subversiv-antikapitalistisches Mainstream-Kino wie etwa „Fight Club“ jedoch gibt er bei aller Sympathie dann doch nicht her.

8/10

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

„All this anger, man, it just begets greater anger.“

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ~ USA/UK 2017
Directed By: Martin McDonagh

Eines Tages kommt Mildred Hayes (Frances McDormand) auf die Idee, die drei großen Werbeleinwände an einer Landstraße unweit ihres Hauses für einen ungewöhnlichen Zweck zu mieten: Mildreds Tochter Angela (Kathryn Newton) wurde sieben Monate zuvor just unter einer jener Leinwände vergewaltigt und ermordet. Die hiesige Polizei unter Chief Willoughby (Woody Harrelson) hat bislang keinerlei Indizien, die zu dem Täter führen – also formuliert Mildred eine bittere, diesbezügliche Anklage gegen den Chief und lässt sie auf die Leinwände plakatieren. Damit beschwört Mildred allerdings zugleich eine Menge Unbill herauf – ihre Aktion wird zum Politikum, das die meisten Leute der Gegend, allen voran Willoughbys Untergebener Officer James Dixon (Sam Rockwell), harsch gegen sie aufbringt.

Vor knapp zwei Jahren redete alle Welt über Martin McDonaghs dritten Film, wobei die meisten ihm sehr positiv zugewandt waren. Wie das in meinem Fall häufiger vorkommt, hatte ich infolge des unausweichlichen Hypes rasch keine Lust mehr, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ anzusehen und schob ihn bis dato auf die lange Bank.
Nun also die Nachrüstung. Zugute legen muss man dem Werk wohl zuallererst, dass es nicht den Fehler begeht, seine binnen der ersten Erzählminuten installierten, figuralen Klischees stoisch durchzuexerzieren. Im Gegenteil scheint es McDonagh vielmehr darum zu gehen, primär etablierte und tradierte Charakterisierungen sowie die dazugehörigen Publikumsantizipationen zu unterminieren und entsprechende Konventionen zu sprengen. Aus dem designierten, einsamen Kampf einer verzweifelten Frau und Mutter gegen den Filz der sie umgebenden, allgegenwärtigen Provinzialität, wie man sie als mitteleuropäischer Zuschauer aus den allermeisten Filmen über Südstaatenkaffs hinlänglich kennt, erwächst nach und nach das mit unerwartbaren Wendungen gespickte Porträt zweier einsamer Menschen, die weitaus mehr gemeinsam haben, als sie wahrhaben wollen. Was sich sukzessiv, einer klassisch-westernanalogen Intimfeindschaft gleich, zu einem Privatkrieg jener beiden Individuen hochzuschaukeln verspricht, hebelt McDonagh durch den Kniff einer geschickten narrativen Zäsur aus: Der unheilbar an Krebs erkrankte Chief wählt den Freitod – und hinterlässt nicht nur seiner Witwe (Abbie Cornish) einen Abschiedsbrief, sondern auch Mildred und Dixon. Besonders letzteren bewegen Willoughbys unerwartet bestärkende Worte in Kombination mit einem durch Mildred verursachten Brandanschlag zum Umdenken. Mit Dixons Läuterung, die ihn vom versoffenen, stupiden Kleinstadtrassisten mit Mutterkomplex, von einem rundum hassenswerten Arschloch also, zu einem reflektierten, denkenden Menschen werden lässt, legt McDonagh eine recht wahghalsige inhaltliche Wendung vor, die später sogar in der zuvor undenkbaren Annäherung zwischen Dixon und Mildred führt, ohne, dass ihre ab diesem Zeitpunkt gemeinsame Geschichte konsequent zu Ende geführt würde. Diese Fantasie bleibt dann dem Zuschauer überlassen. Vorformuliertes ignoriert McDonagh jedoch auch in anderer, struktureller Hinsicht. Ein wesentlicher Faktor der Geschichte ist Mildreds Suche nach Erlösung, die sich oberflächlich ganz einfach einstellen könnte: in der Aufspürung und Bestrafung des Mörders ihrer Tochter nämlich. Doch auch diesbezüglich zeigt der Film eine lange Nase. Auf den sich zuspitzenden, üblicherweise gangbaren Thrill(er) werden jedenfalls eine Menge Leute umsonst gewartet haben.

8/10

THE HOLE IN THE GROUND

„You’re not my son.“

The Hole In The Ground ~ IE/UK/BE/FIN 2019
Directed By: Lee Cronin

Nach der – offenbar unschön verlaufenen –  Trennung von ihrem Mann zieht die junge Mutter Sarah O’Neill (Seána Kerslake) nebst Filius Chris (James Quinn Markey) in die irische Provinz. Während Sarah noch einiges an psychischer Unbill zu verarbeiten hat und emsig das alte Haus, das sie und Chris nun bewohnen, restauriert, registriert sie ein gigantisches, kraterähnliches Loch im angrenzenden Wald. Trotz (oder gerade wegen) ihrer Warnungen interessiert sich besonders der kleine Chris für den ominösen Fundort und scheint ihm heimliche Besuche abzustatten. Damit nicht genug reagiert die verwirrte Nachbarin Noreen Brady (Kati Outinen) aggressiv auf Chris und legt der Junge selbst gänzlich ungewohnte Verhaltensweisen an den Tag: Er entwickelt urplötzlich einen regen Appetit, mitunter auf Dinge, die er früher nie gegessen hätte, gibt sich offen und extrovertiert, wo er zuvor immer schüchtern und zurückhaltend war. Sarah beginnt zu zweifeln: ist das wirklich ihr Sohn, mit dem sie da zusammenlebt? Antworten, mehr und weniger rätselhafte, findet sie bei Noreens mittlerweile verwitweten Gatten Des (James Cosmo) und natürlich in jenem Loch im Boden…

Man darf nicht den Fehler begehen, von „The Hole In The Ground“ innovatives Geschichtenerzählen zu erwarten oder gar zu verlangen. Aus (bei solchermaßen gelagerter Antizipation verständlichem) Frust würde man sich einen durchaus schönen Genrebeitrag verderben. Denn, seien wir ehrlich, sind im Grunde doch ohnehin sämtliche Geschichten im Horrorfilm längst durchdekliniert, sämtliche psychologischen Motivlagen zigfach seziert und vermutlich jede denkbare Kreatur hinreichend visualisiert worden. Motive und Plots können sich demzufolge nurmehr via die Geschicklichkeit ihrer Präsentation und der Klugheit ihrer Ausformulierung bewähren. Dazu gehört selbstverständlich auch die Fähigkeit der Beteiligten, die korrekten Töne auf der atmosphärischen Klaviatur zu treffen.
„The Hole In The Ground“ behandelt nun nicht nur ein hinlänglich bekanntes, sondern sogar basales Urthema im Bereich des Phantastischen – das des Identitätsverlusts nächststehender Mitmenschen, hier: des eigenen Kindes. Die bereits mehrfach fürs Kino adaptierte „Body Snatchers“-Story nach Jack Finney bildet dafür das gewissermaßen umfänglichste Fundament; außerirdische Sporen bilden rein äußerlich exakte Kopien einer wachsenden Anzahl von Individuen mit dem Ziel einer totalen Invasion des Planeten. Bryan Forbes‘ „The Stepford Wives“ nach Ira Levin begrenzte jenes unheimliche Szenario auf ein artifiziell erschaffenes, „perfektes“ Kleinstadtmilieu. Der Verlust des (noch präpubertären und somit besonders von den Eltern abhängigen) Kindes schließlich und die daraus resultierende, psychologische Desolation schließlich keimt seit Roegs auf Daphne Du Maurier basierendem Meisterwerk „Don’t Look Now“ immer wieder auf, während die verhängnisvolle, sukzessiv fortschreitende Entfremdung zwischen Kind und solitärem Elternteil noch in relativ junger Zeit in Jennifer Kents vortrefflichem „The Babadook“ thematisiert wurde. „The Hole In The Ground“ bedient sich recht großzügig dieser erweiterten Motivgemengelage (wobei gewiss noch mehrere Inspirationsexempel zu nennen wären), versetzt sie in das rurale Milieu keltischer Mythen und spinnt daraus eine zunächst verunsichernde, sehr intime Mutter-Sohn-Geschichte, deren versöhnliches Ende sich immerhin eine beruhigende Lösung gestattet. Ob jenes dem zuvor geschürten, unheilvollen Gestus des Films schadet, wäre allerdings zu diskutieren. Über weite Strecken zehrt Lee Cronin bewusst von der Unsicherheit der sich zusehends verschärfenden Relation zwischen Sarah und Chris‘ vermeintlicher Kopie. Einerseits werden wir selbst Zeugen von Chris‘ unleugbaren Veränderungen, andererseits gewährt man uns zugleich Einblicke in Sarahs labilen Seelenstatus – Zweifel machen sich breit, zerstreuen sich vorübergehend, und wieder von vorn. Irgendwann ist dann Schluss mit dem Versteckspiel; eine Sequenz, die nicht nur unwillkürliche, spontane Assoziationen an den jüngst noch geschauten „Brightburn“ generiert, gibt schließlich die dringendst ersehnte Sicherheit und bereitet einem vergleichsweise straighten Showdown den Weg. Was nun mit dem Loch passiert und welche der zuvor kennengelernten Personen ihm möglicherweise noch zu nahe gekommen sind, das bleibt dann das einzige (und letzte) Geheimnis des Films.

7/10

TSCHICK

„Ohne Sinn.“

Tschick ~ D 2016
Directed By: Fatih Akin

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist 14 und kommt aus Marzahn. Sein Vater (Uwe Bohm) hat sein beträchtliches Vermögen als Immobilienmakler erwirtschaftet, seine Mutter (Anja Schneider) säuft wie ein Loch. Unter seinen Mitschülern gilt Maik als verschrobener Außenseiter, was ihm insbesondere deshalb zu schaffen macht, weil ihn Stufenschwarm Tatjana (Aniya Wendel) links liegen lässt. Als eines Tages der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Spätaussiedlerjunge Andrej (Anand Batbilek Chuluunbaatar) in die Klasse kommt, hat Maik als ignorierter Sonderling zumindest keinen Exklusivstatus mehr. „Tschick“, so Andrejs Spitzname, schert sich noch weniger als Maik um das schulische Tagesgeschäft. Anstelle eines Rucksacks schleppt er eine Plastiktüte mit sich herum, in der sich zumeist auch eine halbleere Flasche Vodka befindet. Zum Auftakt der Sommerferien sind weder Maik noch Tschick zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Zudem ist Maiks Mutter in der Entziehungskur, derweil sein Vater mit der wesentlich jüngeren Kollegin Mona (Xenia Assenza) eine „Geschäftsreise“ begeht. Da kommt Maik Tschicks Einfall, mit einem bereits vorsorglich geklauten Lada Niva in die Walachei zu reisen, gerade recht…

Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Jugendroman, die Vorlage zu Fatih Akins achtem Spielfilm, dem ersten nach Vollendung seiner „Liebe, Tod & Teufel“-Trilogie mit „The Cut“, zog quasi unmittelbar nach seinem Erscheinen vor neun Jahren in den Lehrplankanon der Schulliteratur ein. Tatsächlich entpuppt sich „Tschick“ auch auf den zweiten Blick als einer langen, „anerkannten“ Tradition von Nöstlinger, Härtling, von der Grün oder später Giordano folgende, typische deutsche Coming-Of-Age-Geschichte.
Um zwei eigentlich sehr gegensätzliche juvenile outcasts geht es darin, einer aus der upper class, einer aus dem Prekariat, um deren eigentlich unmögliche Freundschaft, das „coping“ mit der dysfunktionalen Familie, die Herausbildung von Individualität, erste Sexualität. Rise & shine. Gekleidet wird das Ganze, gewissermaßen a priori filmkopatibel, in ein abenteuerliches und romantisches Road-Movie-Szenario, an dessen vorläufigem Ende natürlich auch der kathartische Ärger mit der Justiz steht – immerhin dürfen zwei Vierzehnjährige, zumindest erlaubt das nicht die Schulbuchmoral, kein Auto klauen und damit langfristig durchkommen. Einige Szenen des Buchs (etwa Tschicks Fußunfall) finden sich variiert oder gerafft, andere, wie die um eine matriarchalisch geprägte, nur auf den ersten Blick sonderbar erscheinende Ökofamilie in der ostdeutschen Provinz, vergnüglich ausformuliert. Bei diesen handelt es sich vornehmlich um jene, die unterschwellige didaktische Prinzipien beinhalten – im erwähnten Fall staunen Maik und Tschick über die umfassende Allgemeinbildung der durchweg jüngeren Kinder und das zwar eklig aussehende, aber köstlich schmeckende Risi-Bisi, das es zum Mittag gibt.
Eine besonders schöne, auch visuelle, Poesie entfaltet „Tschick“ im Segment um die tschechische Aussteigerin Isa (Mercedes Müller), die Maik die Augen darüber öffnet, wie anziehend Weiblichkeit wirklich sein kann, abseits von pubertärer Schwärmerei.
Als problematisch empfand ich den Umgang des Narrativs mit Maiks Alkoholikermutter, da dieser im Rahmen des Plots zwar hübsch unkonventionell gehandhabt wird, Buch und Film hier jedoch ein wenig mit der irrealis durchgehen. Die Gründe Frau Klingenbergs, zu saufen, mögen angesichts ihres widerwärtigen Gattenverständlich sein, die angeteaserte Tendenz jedoch, dass ein langfristig tragfähiges Zusammenleben Maiks mit seiner offensiv schluckenden Mutter (die erst nach einer Flkasche Vodka richtig gut Tennis spielt) nicht nur möglich scheint, sondern durch das Ende geradezu herbeiparaphrasiert wird, kann ich nur unter überflüssig bis naiv verbuchen. Dann doch lieber teenage anarchy. Glücklicherweise beschädigt jene Unachtsamkeit zumindest Akins insgesamt wieder einmal sehr gelungenen, kunterbunten Film nicht nachhaltig.

8/10

BRIGHTBURN

„Who am I?“

Brightburn ~ USA 2019
Directed By: David Yarovesky

Tori (Elizabeth Banks) und Kyle Breyer (David Denman), ein kinderloses, braves Farmerehepaar aus dem Kleinstädtchen Brightburn in Kansas, ist selig, als eines Tages in Grundstücksnähe eine kleine Raumkapsel niedergeht, in der sich ein menschlich aussehendes Baby befindet. Der Kleine wird kurzerhand Brandon getauft und von den überglücklichen Breyers insgeheim an Kindesstatt angenommen. Der Bengel entpuppt sich als wonniges Wunderkind, das seinen terrestrischen Adoptiveltern viel Freude bereitet. Zwölf Jahre lang geht das Spiel gut, bis Brandon (Jackson A. Dunn) urplötzlich Stimmen hört, in fremden Zungen spricht und ungekannte Aggressionen an den Tag legt Darüberhinaus entwickelt er gewaltige, übermenschliche Fähigkeiten. Als Tori dem Jungen die wahren Umstände seiner Herkunft offenbart, reift in ihm endgültig die Erkenntnis, dass er zu weitaus Höherem bestimmt ist…

In den achtziger Jahren entwickelte DC Comics ein Format, das die beliebten Heldenfiguren aus dem gewohnten zeitlichen, gesellschaftlichen und/oder lokalen Kontext heraus und in eine bisweilen gänzlich ungewohnte Umgebung hineinkatapultierte. Wobei der Terminus „entwickelte“ nicht ganz passend ist, denn dem „Haus der Ideen“, Marvel, war dieselbe Idee bereits eine gute Dekade zuvor entsprungen und erlebte in Form der „What If…“- Reihe, die den Beobachter Oatu von alternativen Realitäten berichten ließ, einen mehrjährigen Lauf. Manchmal waren die jeweiligen  Modifikationen bloß geringfügig, manchmal gewaltig. Vor allem Superman erlebte in den Spätneunzigern und diesseits der Jahrtausendwende viele jener miniseriellen Umwälzungen, landete als Baby statt bei den Kents in Kansas bei den Amish, im mittelalterlichen England,  bei den Sowjets, bei seinem Erzfeind Darkseid, bei den Waynes, oder wie einst Tarzan bei Affen im Dschungel. Immerhin liefen die Storys meist darauf hinaus, dass die Kal-Els all dieser mehr oder weniger phantasievollen Visionen irgendwann doch ihren klassischen Erlösernimbus sowie ihre eherne ursprüngliche Bestimmung, für das Gute, die Menschheit und den Schutz der Erde einzutreten, wahrnahmen.
In anderen, zumeist verlagsfremden Publikationen ging man indes soweit, Stellvertreter-Supermen zu kreieren, eindeutige Variationen des Originals, die mal moralisch flexibel, mal sozial unangepasst oder gleich von Grundauf böse waren.
Just diese ergo nicht mehr ganz frische Idee (eine Coming-of-age-Geschichte um einen bösen Super“helden“ hatten wir in nicht ganz unähnlicher Form vor ein paar Jahren schonmal in Josh Tranks „Chronicle“) griff nun der Gunn-Klan um den berühmtesten Familienvertreter James auf in Form von „Brightburn“. Der mehrdeutige Titel erweist sich als Substitut für das Örtchen Smallville, lokalisiert sich freilich in Kansas und bei Jonathan und Martha Kent quasi identisch paraphrasierten, braven amerikanischen Eheleuten. Über die wahre Herkunft ihres Ziehsohnes erfahren wir nur wenig, außer dass es sich bei ihm eben um ein humanoid wirkendes Alien handelt, das jedoch offenbar mit einer für uns Terrestrier recht unangenehmen Agenda geschickt wurde: „Take the world“ hämmert es mit beginnender Geschlechtsreife irgendwann unablässig in Brandons Kopf, zunächst in außerirdischer, dann in englischer Sprache. Dass der junge Brandon Breyer nun keine Naturkatastrophen abwendet oder schutzsuchenden Personen zur Hilfe eilt, sondern diese im höchst persönlichen Interesse strategischer Anonymität zu Hackfleisch macht, unterscheidet seine Persona eben deutlich vom großen rotblauen Vorbild.
Diese Idee im Film zu sehen, ist grundsätzlich reizvoll, hält jedoch nicht durchweg, was sie verspricht und schreit am Ende (möglicherweise wurde sie auch a priori so konzipiert?) geradezu nach unvermeidbaren Fortsetzungen, wobei sich der Epilog um Michael Rooker auch ebensogut als augenzwinkernder Gag in Richtung „Batman V Superman“ begreifen ließe.
Was mir nun insgesamt gefallen hat, wäre schonmal primär die Entscheidung, sich nach R-Rating-Vorgaben zu richten, so dass insbesondere die exploitativen Resultate von Brandons Attacken hübsch fies bis derb splattaterig dastehen. Hier und da wird’s für Sekundenbruchteile gar ein bisschen spannend und ein paar gelungene Einstellungen verankern sich positiv im Gedächtnis. Das verhältnismäßig kleine Budget wurde weithin ordentlich gesteckt und verplant, so dass man sich von etwaigen Albernheiten bei der Effektarbeit flächig verschont findet.
Weniger aufregend gestalten sich indes die sich alles andere als innovativ gerierende, stark generische Dröhnmusik (Tim Williams), die zunehmend hilflos inszeniert wirkenden, nach antiquierter Slashermanier eingeflochtenen Präludien vor Brandons spektakulären kills sowie die eine oder andere Regieschlamperei. Die Besetzung (nebenbei auch insgesamt leicht schludrig wirkend)  der mir persönlich sowieso kreuzunsympathischen Elizabeth Banks erweist sich zudem als verhängnisvoller Fehlentscheid, wo ihr Charakter doch eigentlich recht viel hergegeben hätte. Man stelle sich vor, was eine Jennifer Connelly aus dem Part hätte machen mögen. Aber das sind eh so Kleine-Jungs-Phantasien…

5/10

MAYERLING

„I’ve tried travel, I’ve tried politics, gambling, drink, I don’t fancy young men. So, what’s left?“

Mayerling ~ UK/F 1968
Directed By: Terence Young

Wien, 1888. Kronprinz Rudolf (Omar Sharif) bereitet seinem Vater, Kaiser Franz Joseph I. (James Mason), allerlei Kopfzerbrechen. Der dreißigjährige Filius, einziger potenzieller Thronfolger, interessiert sich weniger für repräsentative Staatsageschäfte, denn für die ungesunderen Dinge des Lebens. Zudem sympathisiert er mit den liberalen Ideen der auf die Straße gehenden Studentenschaft und hat auch viele Freunde darunter. Seine erzwungene Ehe mit Gattin Stephanie (Andréa Parisy) empfindet Rudolph als Zumutung. Immerhin können die spärlichen Besuche seiner stets auf Reisen befindlichen Mutter Elisabeth (Ava Gardner) Rudolphs Stimmung heben. Als er eines Tages die Diplomatentochter Maria Vetsera (Catherine Deneuve) kennenlernt und sich heftigst in sie verliebt, bringt dies das höfische Fass endgültig zum Überlaufen. Der Kaiser unternimmt alles, um die unheilige Verbindung zu bremsen und Rudolph eines Besseren zu belehren, doch seine unablässigen  Einmischungen sorgen vielmehr dafür, dass die Affäre in einer Katastrophe endet.

Dass „Mayerling“ ein Leibprojekt Terence Youngs gewesen sein muss, merkt man dem Film an, denn ein derart hohes Maß an künstlerischer und stilistischer Dedizierung findet sich in keinem anderen Werk seines ja doch sehr illustren Œuvres. Man könnte geradezu meinen, Young wolle es auf geradezu konfrontative Weise mit Visconti aufnehmen, wenn man die betont blaß eingefärbten, zwischen höchster Authentizität und Artifizialität changierenden Szenen im für (den späteren) Young sehr ungewohnten Panavision-Format bewundert. Sequenzen wie eine „Giselle“-Aufführung in der Wiener Staatsoper, das erste Treffen von Rudolf und Maria auf einem kitschigen Weihnachtsmarkt und die vielen Außen- und Innenaufnahmen von Schloss Schönbrunn und viele mehr rücken eine gänzlich ungewohnte, schwelgerische Note in den Vordergrund, die man in dieser Ausprägung bei Young nicht kennt. Auch wie er sein geradewegs auf den Doppelsuizid (eine mögliche historische Interpretation) hinzusteuerndes Portrait Rudolfs erzählt, nimmt sich ungewohnt schwermütig aus. Sharif, der die Inkarnierung des psychich wankelmütigen Kronprinzen erstaunlich souverän und gekonnt meistert, vermag es vortrefflich, dem zwischen romantischem Enthusiasmus und realistischer Verzweiflung Gefangenen ein Antlitz zu geben.
Ich habe – während der Betrachtung des Films und auch Tage danach noch – immer wieder daran denken müssen, dass Youngs „Mayerling“ vortrefflich als genealogisches Bindeglied fungiert zwischen „Dr. Zhivago“, dessen fremdliebige Schwermut nicht zuletzt durch die Besetzung der Hauptrolle hierin ganz gut nachvollzogen wird, und „Caligula“, mit dem er zum einen das wunderhübsch penetrant eingesetzte, musikalische Thema der „Spartacus Suite“ von Aram Khachaturyan gemein hat und zum anderen natürlich die verhängnisvoll gezeichneten Auswirkungen des Kaiserwahns (ein Thema, über dass der Kronprinz gar nicht gern spricht).
Vielleicht Terence Youngs schönster Film abseits von Bond.

8/10

INCENDIES

Zitat entfällt.

Incendies (Die Frau die singt) ~ CA/F 2010
Directed By: Denis Villeneuve

Nachdem Nawal Marwan (Lubna Azabal), die einst aus einem kriesengeplagten Nahost-Staat nach Montréal emigrierte Mutter der beiden Zwillinge Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) gestorben ist, verliest ihr Notar Lebel (Rémy Girard) ein höchst rätselhaftes Testament. Darin fordert Nawal die Geschwister auf, sich auf eine mühselige Suche zu begeben: Jeanne soll ihren den beiden zeitlebens unbekannten Vater ausfindig machen, derweil Simon mit der Recherche nach einem älteren Bruder betraut wird, von dem sie bislang nichts wussten. Vater und Bruder sollen dann jeweils einen von Nawal verfassten und an sie adressierten Brief erhalten. Zu Simons Unwillen begeben sich beide an ihre entbehrungsreichen Ermittlungen und machen sich in diesem Zusammenhang mit der Biographie ihrer Mutter vertraut, einen von den unbeschreiblichen Gräueln eines Bürgerkriegs geprägten Leidensweg…

Neben seinem makellosen Meisterwerk „Sicario“ ist „Incendies“ der bislang beste Film von Denis Villeneuve. In einer im Vergleich zu seinen späteren, sehr viel glamouröseren Hollywood-Arbeiten schmucklos gehaltenen Bildsprache begnügt sich der Regisseur hier noch damit, als auktorialer Inszenator vollkommen in den Hintergrund zu treten und seiner auf einem Stück des Dramatikers Wajdi Mouawad basierende Geschichte die gänzliche Führungsrolle abzutreten. Die erzählerische Perspekive changiert dabei primär zwischen den Erlebnissen von Mutter Nawal und Tochter Jeanne, wobei erstere sich in ihrer gezwungenermaßen stark gerafften Form etwa zwischen den Spätsiebzigern und Frühneunzigern datieren lassen. Das handlungsspendende Land, dessen Name nie erwähnt wird und das sich unschwer als der von den Wirren des Bürgerkriegs tief gezeichnete Libanon entschlüsseln lässt, erweist sich dabei auch in der filmischen Gegenwart noch als von unnachgiebiger Religiosität und Mentalität geknechteter Fleck Erde, innerhalb dessen blutgetränkter Geschichte das Schicksal Nawals am Ende doch nur eines von vielen ist, und das einer Überlebenden, die schlussendlich an einer Wahrheit, die ihr selbst viele Jahre lang verborgen blieb, zugrunde gehen musste zudem.
Auf narrative Details einzugehen, bedeutete, der geschätzten Leserschaft das potenzielle (unbekannte) Filmerlebnis seiner unglaublichen Kraft und erschütternder Wirkmacht zu berauben, daher halte ich mich diesbezüglich an gegebener Stelle ausnahmsweise streng zurück. Was mir insofern nurmehr am Herzen liegt und loszuwerden bleibt, wäre Folgendes: „Incendies“ ist einer jener raren Filme, die man uneingeschränkt als Pflichtveranstaltung für jedermann flankieren und bewerben muss, ein ungebrochen starkes kulturelles und philosophisches Großereignis; angetan zu schockieren, zu läutern und in meditative Klausur treten zu lassen; und mehr noch ein Fanal für Frieden und Vergebung; unvergesslich und uneingeschränkt randios. Wer glaubt, all diese Superlativen seien übertrieben, der möge versuchen, sich eines Besseren zu belehren. Er wird es nicht bereuen.

10/10