CANDYMAN

„Black people don’t need to be summoning shit.“

Candyman ~ USA/CA/AU 2021
Directed By: Nia DaCosta

Der Chicagoer Maler Anthony McCoy (Yahya Abdul-Mateen II) steckt in einer mittelschweren Krise: Seine Freundin und Mäzenin Brianna (Teyonah Parris) hält ihn mehr oder weniger aus und von allen möglichen Seiten hagelt es Geringschätzigkeiten und bittere Kritik. Um sich Inspiration für ein neues Werk zu verschaffen, macht Anthony sich mit der Geschichte des nunmehr gentrifizierten, ehemaligen Minislums Cabrini Green vertraut und stößt dabei auch auf die Geschichte des mysteriösen „Candyman“, eines mit einer Hakenhand ausgestatteten, untoten Killers, der erscheint, sobald man seinen Namen fünfmal vor dem Spiegel ausspricht. Natürlich wagt Anthony das „Experiment“ und schon bald sterben in seinem Umfeld diverse Menschen eines blutigen Todes. Damit nicht genug, beginnt Anthony selbst sich in unappetitlicher Weise zu verändern…

Schade, Chance fahrlässig verschenkt. Da ich Clive Barkers short story sehr mag und Bernard Roses Adaption für einen der schönsten und wichtigsten Horrorfilme der neunziger Jahre halte, freute ich mich sehr auf die Neuinstallation, zumal das letzte Sequel ja nun bereits zweiundzwanzig Jahre zurückliegt. Nia DaCosta erweist sich als formidable, äußerst stilbewusste Regisseurin und auch die zugrundeliegende Idee, den urbanen Mythos des nach ewiger Gerechtigkeit suchenden Candyman als eine Art „konzeptionelle Antwort“ auf rassistisches Ungemach zu spezifizieren gefällt mir recht gut. Das dröge Script durchkreuzt diese von Grundauf positiven Ansätze und Impulse jedoch nachhaltig. Der 1992er „Candyman“ besaß Poesie und Herz, erzählte eine zutiefst morbide Romanze und von Feminismus und Identitätsverlust, ohne die genuinen Horrorwurzeln seiner Fabel je zu verraten. DaCostas Film wirkt im Direktvergleich oftmals wie eine mit dem fehlgeleiteten Mut der Verzweiflung arrangierte und somit erzwungene Revision des Stoffs. Virgina Madsen als die hierin vielzitierte Helen Lyle (die Darstellerin stellte für ein eingespieltes Tape sogar nochmal ihre Stimme zur Verfügung) gab dereinst eine wunderbar melancholische Heldin, Anthony McCoy ist im Vergleich dazu leider bloß ein unsympathisch gezeichnetes Substitut, was nicht minder für seine forcierte Verwandlung in die jüngste Inkarnation des Candyman gilt. Der gesamte Plot mit seinem fanatischen Adlatus (Colman Domingo) wirkt, obschon die inhaltliche Klammer zum Original sich immerhin recht geschickt vollzogen findet, ermüdend und wie mit der heißen Nadel gestrickt; schließlich vermisst man besonders Daniel Robitaille/Tony Todd, der dann leider nur ganz kurz in den letzten Sekunden in einem winzigen Gänsehaut-Auftritt zu sehen ist. Die im weiteren Verlaufe des Films vom Candyman umgebrachte Kunstkritikerin Finley Stephens (Rebecca Spence) bringt es recht früh auf den Punkt, als sie Anthony McCoy das Künstlerherz während einer Ausstellung kurzerhand bildhaft aus der Seele reißt: Die Gentrifizierung sei schuld daran, dass der rauen Urbanität ihre ursprüngliche, wilde Seele geraubt werde; der wohnflächesuchende Zustrom von Künstlern wie Anthony selbst, die die spottbilligen Appartments als ihre Ateliers mieten und die baufälligen Viertel damit um den Preis des Strukturwandels ihres maroden Charmes entledigten. Ein Schelm, wer diese Metapher auf DaCostas Film projiziert – doch genau das ist der Punkt. „Candyman“ 21 ist gewiss superschick, aber Barker hat er nicht verstanden.

5/10

A DARK SONG

„Do you know what you’re fuckin‘ doin‘?“ – „No.“ – „Well shut up then!“

A Dark Song ~ IE/UK 2016
Directed By: Liam Gavin

Um mittels paranormaler Beschwörungen Kontakt zu ihrem ermordeten Sohn Jack (Nathan Vos) aufzunehmen, mietet die trauernde Sophia (Catherine Walker) ein weit abgeschlagen stehendes Haus in Wales und rekrutiert den ebenso erfahrenen wie zynischen Okkultisten Joseph Solomon (Steve Oram). Dieser warnt die zunächst unaufrichtige Sophia mehrfach, ihm die Wahrheit über ihr Ansinnen zu unterbreiten und auch vor dem kräftezehrenden Effekt des über viele Monate andauernden Rituals. Dennoch bleibt Sophia bei ihrem Plan. Die beiden nunmehr völlig auf sich gestellten und von der Außenwelt isolierten Menschen durchringen unter Josephs strikter Anleitung die Sphären zu den jenseitigen Dimensionen und entwickeln dabei zugleich eine destruktive Beziehung zueinander.

Mit „A Dark Song“ legte der Ire Liam Gavin ein ebenso atmosphärisch dichtes wie involvierendes Langfilmdebüt vor, das einmal mehr demonstriert, welch farbenfrohe Auswüchse besonders das auf der Schattenseite des Mainstream stehende Genrekino in den letzten Jahren vermehrt treibt. Gavins spezifischer Begriff von Horror zeigt sich dabei von intimen psychologischen und parapsychologischen Triebfedern gesteuert. Diese Agenda veräußert sich primär in der formal wie inhaltlich strengen kammerspielartigen Gestaltung von „A Dark Song“, der sich als Zwei-Personen-Stück mit wenigen Ausnahmen auf ein abgegrenztes Setting beschränkt und konzentriert. Die Reise der beiden ProtagonistInnen in die Gefilde abseits von Zeit und irdischer Physik avanciert dabei gleichermaßen zu einem Parforceritt in ihre eigenen seelischen Unwägbarkeiten; die unter Josephs vehementer Anleitung akribisch durchgeführten Praktiken beinhalten gleichfalls psychische und physische Grenzzustände, die sich durch „Reinigungsprozesse“ wie Entgiftung, Fasten, Schlafentzug, die (daraus resultierende) gezielte Evozierung halluzinogener Erfahrungen, sexuelle Askese und schließlich eine erzwungene Nahtoderfahrung einstellen. Der jeweils geforderte Tribut ist von immenser Tragweite, mündet jedoch in eine geradezu sphärische Erlösung Catherines, die am Ende gewissermaßen ihre eigenen Dämonen exorzieren kann.
Ihr Entwicklungsprozess wird dabei mit weitgehend konventionellen Versatzstücken der Gattung untermalt, geriert sich durch deren intelligenten und kompetenten Einsatz jedoch oftmals auf zufriedenstellende Weise unheimlich. Die mit stark religiösen Implikationen arbeitende conclusio nimmt sich indes streitbar aus und konnte mich nicht zur Gänze überzeugen, obgleich sie in ihrer ausnahmsweise positiven Konsequenz durchaus folgerichtig erscheint. Trotzdem hätte ich für einen etwas nachhaltigeren Impact einen fatalistischen Abgang bevorzugt – meine eigene dunkle Seite scheint da doch allzu fordernd.

8/10

TITUS

„Rome is but a wilderness of tigers.“

Titus ~ UK/I/USA 1999
Directed By: Julie Taymor

Der Feldherr Titus Andronicus (Anthony Hopkins) kehrt siegreich nach Rom zurück, die gefangene Gotenkönigin Tamora (Jessica Lange), ihre Söhne und ihren heimlichen Galan Aaron (Harry Lennix), Tamoras Liebhaber, im triumphalen Schlepptau. Den Gebräuchen gemäß lässt Titus Tamoras Ältesten Alarbus (Raz Degan) im Gegenzug für den Verlust vieler seiner eigenen, auf dem Schlechtfeld gefallenen Söhne opfern und beschwört damit den grenzenlosen Zorn Tamoras herauf. Dadurch, dass Titus selbst auf den just freigewordenen Thron des Kaisers verzichtet und für dessen Sohn Saturninus (Alan Cumming) wirbt, beeinflusst er zugleich nachhaltig sein eigenes Schicksal: Saturninus ehelicht Tamora, die mithilfe Aarons und ihrer anderen zwei Söhne Demetrius (Matthew Rhys) und Chiron (Jonathan Rhys Meyers) Titus das meiste von alldem nimmt, was ihm lieb und teuer ist. Schließlich ist es an Titus und den Seinen, sich grausam für die erlittene Schmach zu rächen.

Die Shakespeare-Expertin Julie Taymor inszenierte dieses als besonders blutrünstig geltende Stück des Meisters als ihre erste reguläre Spielfilmarbeit (ihr eigentliche Debüt „The Lion King“ bildete zwei Jahre zuvor eine abgefilmte Bühnenadaption des gleichnamigen Stoffs). Während „Titus Andronicus“ zeitgenössisch erfolgreich gespielt wurde, wandte das Theater sich in den folgenden Jahrhunderten von ihm ab – allzu geschmacklos erschienen die befleißigten Topoi und Motive, die Shakespeare hier in farbigster Exploitation auszuformulieren pflegte.
Taymor indes kombinierte kurz vor der Millenienwende Bühne und Film in durchaus aufregender Weise – an „Originalschauplätzen“ entstanden, wählte sie für das Setting eine alternierende Phantasierealität, die sich als eine Art Kaleidoskop aus spätem Römischen Reich, der Mussolini-Ära und einer verqueren, postapokalyptischen Ästhetik präsentiert, die Originaldialoge stets akribisch berücksichtigend. Aus der entsprechenden Gemengelage resultiert zugleich ein tiefschwarzer Humor, der sich immer wieder Bahn bricht und die Artifizialität seiner Wurzeln lustvoll prononciert. Schließlich werden selbst aktuelle popkulturelle Referenzen eklatant, wenn Anthony Hopkins als seine Rache vollendender Titus Andronicus im Finale eine eindeutige Brücke zu seiner Lebensrolle des Hannibal Lecter schlägt. Indes bildet der erzählerische Rahmen bei Taymor, die ihren „Titus“ primär aus der Perspektive von dessen Enkelsohn Lucius (Osgeen Jones) schildern lässt, ein versöhnliches Element, das das düstere Originalstück seinem Publikum stets vorenthielt: Während darin auch das in Unehre geborene Bastardkind von Tamora und Aaron sterben muss, offeriert im der Film eine mögliche, bessere Zukunft, indem es von Lucius dem Sonnenaufgang eines neuen Tages entgegengetragen wird – hier, im Zuge dieses hoffnungsvollen Schlussbildes, darf die friedvolle Zukunftsvision unverdorbener Jugend über den Defätismus von Usurpation und Faschismus obsiegen.

8/10

HEARTS IN ATLANTIS

„Just passing through, that’s all.“

Hearts In Atlantis ~ USA 2001
Directed By: Scott Hicks

Im Anschluss an die Beerdigung seines Kindheitsfreundes Sully erfährt der gesetzt lebende Familienvater Bobby Garfield (David Morse) zugleich vom Tode seiner ersten großen Liebe Carol. Wehmütig reist Bobby hernach in jene einstmals beschauliche Kleinstadt in Connecticut, in der er (Anton Yelchin), Carol (Mika Boorem) und Sully (Will Rothhaar) 1960 einen ganz besonderen Sommer erlebten und erinnert sich:
Der alternde, geheimnisvolle Ted Brautigan (Anthony Hopkins) zieht als Untermieter bei Bobbys verwitweter Mutter Liz (Hope Davis) ein und nimmt den Jungen unter seine ersatz(groß)väterlichen Fittiche. Bobby findet schon bald heraus, dass Ted nicht nur auf der Fluch vor „mysteriösen Männern in dunklen Autos und Anzügen“ ist, sondern auch über telepathische Fähigkeiten verfügt. Die tiefe Freundschaft zu Ted hilft Bobby, wesentliche Dinge über das spätere Erwachsenendasein zumindest ansatzweise zu begreifen, eröffnet ihm aber zugleich auch viele Schattenseiten des Ältwerwerdens. Am Ende dieses Sommers wird Bobby traurig, sehr viel weniger naiv, aber auch innerlich gestählt daraus hervorgehen.

Scott Hicks‘ Filmadaption der 1999 veröffentlichten Kurzgeschichte „Low Men In Yellow Coats“ von Stephen King, die aus naheliegenden Gründen den Titel der Gesamtanthologie verpasst bekam, erweist sich in Inhalt und Form gleichermaßen als prototypischer, king’scher Coming-of-Age-Stoff. Die für ein entsprechendes mediales Konglomerat wesentlichen Aspekte, wie man sie etwa aus Rob Reiners „Stand By Me“ und auch aus den beiden „It“-Adaptionen kennt, sind durchweg vorhanden; Kindheitserinnerungen an die Schwelle zum Erwachsenwerden; voll von nostalgischen Ingridienzien wie zeitgenössischer Musik, Autos, der ersten Romanze, älteren Bullys, Foot- und Baseball-Memorabilia, frühen Erfahrungen mit Literatur und natürlich der unbedingt zu misstrauenden Elterngeneration, deren einstige, eigene Unschuld längst durch reaktionäre Politik und private Traumata unwiederbringlich korrumpiert wurde. Nicht zu vergessen natürlich der neuenglische, kalendarische Sommer, der allmählich in die herbstlich-bunten, stets aber auch den Tod ankündigenden Wochen des indian summer überwechselt.
Dreh- und Angelpunkt für Bobby Garfields letzten Kindheitssommer ist die Ankunft jenes beeindruckenden Ted Brautigan, eines ebenso belesen wie müde wirkenden älteren Herrn, der allerdings ein aufrichtiges Herz für Kinder und im Speziellen Bobby besitzt (ganz zum unwirschen Misstrauen von dessen Mutter). Ted liebt Root Beer und seine Chesterfields und lenkt Bobbys künftige Biographie an ein paar entscheidende Abzweigungen. Dazu gehört gezwungenermaßen auch, dass Bobby bittere Erfahrungen mit den jedweder Unschuld entledigten Resultaten des Älterwerdens sammeln muss: Die beginnenden 1960er, nach wie vor eine Phase mannigfaltiger gesellschaftlicher Repression, stehen noch immer im Schatten des bereits versandet geglaubten McCarthyismus; offenbar befleißigt sich Hoover mittlerweile einer geheimen Sonderabteilung (jene titelgebenden „low men“), die „psychische Talente“ wie Ted Brautigan nötigt, für sie subversive Elemente ausfindig zu machen und auch ihm unerbittlich nachstellen. Verdachtsmomente und Denunziation bestimmen auch das Leben von Bobbys seit dem Tod ihres Mannes orientierungslos vor sich hin lebender Mutter, die am Ende ihre persönliche, tiefe Schmach gegen Brautigan umlenkt und damit beinahe auch die letzten Vertrauensfäden zu ihrem Sohn kappt. Ältere Jungen wie der (unschuldig?) bösartige Harry Doolin sehen sich indes vor der Welt und vor allem sich selbst gezwungen, ihre individuelle Sexualität zu unterdrücken und kanalisieren ihren Frust, indem sie kleine Mädchen mit Baseballschlägern verprügeln. Dennoch liebt King diese Zeit seiner eigenen Kinder- und Jugendtage ungebrochen; das wird allein darin deutlich, wie Hicks diese Ära mit der Gegenwart konterkariert. Von 1960 ist in der Gegend um Bobbys Elternhaus vierzig Jahre später nichts mehr übrig. Alles vor Ort ist nurmehr schmutzig, kalt, farblos und verfallen und nur ein altes, rostiges Windspiel erinnert noch an den unumstößlichen sense of woner glorreicher Kindertage. Carols zufällig vorbeischlendernde Tochter (Mika Boorem) ist ihrer Mutter zwar wie aus dem Gesicht geschnitten, wirkt mit ihrer Emo-Schminke aber glatte fünf Jahre älter.
Gewiss, „Hearts Of Atlantis“ ist alles andere als frei von Kitsch und Klischees; ganz im Gegenteil befleißigt er sich eben aller Elemente, die für sein Vorhaben naheliegend sind. Zugleich bereitet er damit jedoch auch einen bequemeren Zugang zu den tiefliegenderen Schichten seines Wesens, die Abgründigkeit und den sublimen Horror, die stets vor allem hinter der am weißesten getünchten Fassade zu finden sind. Ob man das so akzeptiert, steht ja glücklicherweise frei. Ich finde auch diese King-Adaption trotz manch offenkundiger Schwäche sehr schön.

8/10

CRISIS

„I thought you were my friend.“ – „So did I.“

Crisis ~ CAN/B 2021
Directed By: Nicholas Jarecki

Die USA werden von einer Opioid-Krise gebeutelt. Relativ unumständlich zu verschaffende, starke Schmerzhemmer wie Oxycodon machen in höchstem Maße abhängig und haben durch ihre Verfügbarkeit längst mit dem Konsum illegaler Drogen gleichgezogen. Unkontrollierte, schwer dosierbare Einnahmeformen als Injektion oder Pille gehen häufig mit Atemdepressionen nebst Todesfolge einher. Als neuestes, besonders süchtig machendes Mittel überschwemmt Fentanyl das Land, das den hundertfachen Suchtfaktor von Heroin entwickelt.
Die vormals selbst opioidsüchtige, alleinerziehende Architektin Claire Reimann (Evangeline Lilly) verliert ihren Sohn David (Billy Bryk) infolge einer Überdosis Oxycodon, mag aber nicht glauben, dass der sportbegeisterte Teenager abhängig gewesen sein soll und beginnt, private Ermittlungen in dem Fall anzustellen, die sie nach Montreal führen. Dort leitet der verdeckt arbeitende DEA-Ermittler Jake Kelly (Armie Hammer) just einen großangelegten Schlag gegen den Unterweltboss Mother (Guy Nadon) und die armenische Drogenmafia ein. Derweil gerät der Universitätsbiologe Tyrone Bower (Gary Oldman) in einen schweren Interessenskonflikt: Die im Auftrag eines Pharmamultis durchgeführte Laborversuchsreihe an einem neuem Painkiller, dessen Suchtpotenzial angeblich stark verringert sein soll, zeigt völlig diametrale Resultate; das Medikament wäre im Zulassungsfall möglicherweise hochgefährlich. Gegen den nun folgenden Druck des Großunternehmens hat Bower jedoch keine Chance.

Gute zwanzig Jahre nach Steven Soderberghs nach wie vor bestechendem „Traffic“, dessen erzählerischer Ansatz darin bestand, die Auswirkungen des Heroinschmuggels über die mexikanische Grenze in möglichst vielen sozialrelevanten Facetten widerzuspiegeln, schickt sich Nicholas Jarecki mit dem ähnlich pointiert betitelten „Crisis“ eine aktualisierte Revision des US-Drogenproblems zu schildern. Amerikas neue alternative „Tasse Kaffee“ besteht in painkillers, teilsynthetisch produzierten Opioiden, die nicht in schummrigen Drogenküchen zusammengepanscht, sondern von der globalen Pharmaindustrie in großindustrillem Maßstab produziert werden. Zwar sieht die Gebrauchsspanne jener starken Schmerzmittel vor allem Krebspatienten und ähnlich gelagerte Fälle vor, Oxycodon und das sogar noch brisantere Fentanyl sind aber längst auch auf Straßenlevel erhältlich. Wie stets passen sich die international operierenden Syndikate der veränderten Nachfrage an und finden Mittel und Wege, auch jene Süchtigmacher der geneigten Junkieklientel zugänglich zu machen.
Jene Problematik verhandelt also Jareckis Film, wiederum in drei sich teilweise tangierenden, wesentlichen Narrationssträngen, in deren Zenrtrum jeweils eine ins Sperrfeuer des drug traffic geratende Hauptfigur steht.
Anders als Soderbergh verzichtet Jarecki auf inszenatorische Spezialitäten wie Farbfilter, Wackelkamera und jump cuts, sondern verbleibt in behäbigem, auktorialem Fahrwasser. Abgesehen von wenigen Actionsequenzen, für die freilich Armie Hammer als [auch privat involvierter – seine jüngere Schwester (Lily-Rose Depp) ist selbst schwerstabhängig] engagierter Drogenbulle sorgt, bevorzugt Jarecki gepflegte, umstandslos zu konsumierende Krimi-Flächigkeit. Auch diese Tatsache dürfte dafür mitverantwortlich sein, dass „Crisis“, obwohl er um ein grundsätzlich hochspannendes Sujet kreist, eine wenig mehr denn überdurchschnittliche Gebrauchsqualität an den Tag legt. Die durchweg stereotypisch gezeichneten Charaktere bewegen sich genauso durch ihre Sub-Segmente, wie man es erwarten kann; vom unbestechlichen Ehrenmann, über dessen deutlich ambivalenter agierenden Kollegen und Freund, die skrupellosen Kaptitalismusrepräsentanten (Luke Evans & Veronica Ferres) über die tapfere Selbstjustizlerin bis hin zum von der Resignation überschatteten, aufrechten Cop hält das gebotene Inventar einen gut ausgestatteten, positiv konnotierten Identifikationspool bereit, in dem es sich garantiert jede/r RezipientIn bequem machen kann. Alle drei Stränge schließen zudem mit braven Teil-Happy-Ends, niemand muss hier langfristig in die Röhre (oder ins Röhrchen) blicken. Für einen Film dieses Diskurskalibers empfinde ich soviel euphemistische Einmütigkeit als nicht eben zufriedenstellend.

6/10

BEFORE I WAKE

„I don’t like to sleep.“

Before I Wake ~ USA 2016
Directed By: Mike Flanagan

Nachdem es seinen kleinen Sohn Sean (Antonio Romero) durch einen tragischen Unfall verloren hat, entschließt sich das Ehepaar Jessie (Kate Bosworth) und Mark Hobson (Thomas Jane), ein Pflegekind zu adoptieren. Der acht Jahre junge Cody (Jacob Tremblay) erweckt dann auch, trotz seiner bis dato dramatisch verlaufenen Biographie, zunächst den Eindruck eines lieben, unkomplizierten Kindes – das sich allerdings mit allen möglichen Mitteln dem Einschlafen verweigert. Bald erfahren die Hobsons auch, wieso: Wenn Cody schläft, werden seine Träume Realität – und somit auch seine Albträume. In diesen phantasiert der Junge sich neben diversem anderen vor allem eine dämonische Gestalt, den „Canker Man“ (Topher Bousquet) herbei, der jeden, dessen er habhaft werden kann, einfach spurlos absorbiert. Jessie nutzt dessen ungeachtet Codys Schlafphasen, um ihren über alles geliebten Sean wiedersehen zu können, den sie durch gezielte Suggestion in Codys Gedankenwelt „einpflanzt“. Doch das Spiel mit den Träumen wird zunehmend gefährlich – und Mark alsbald zum Opfer des Canker Man. Nicht das erste, wie Jessie bald herausfindet…

Alles, was ich bis dato von dem überaus umtriebigen Mike Flanagan gesehen habe, fand ich weitgehend mundend bis hübsch. Als hätte ich es geahnt, nahm sich der um „Before I Wake“ gezogene Bogen allerdings stets großzügig aus, bis zu einem schicksalhaften Tag in der letzten Woche, an dem ich mich dann doch eines Schlechteren besann.
Hier griff nämlich nicht nur yours truly, sondern auch Flanagan himself einmal ganz gehörig in die Jauche. Eine grauenhaft rührselig-weinerliche Fantasy-/Grusel-Mär kam dabei heraus, die von einer ohnehin bereits unangenehm belastetet wirkenden ersten Hälfte zu einem an schlockiger Einfalt kaum mehr überbieten zu lassenden Finale mäandert, angesichts dessen ich nurmehr die Hände überm Kopf zusammenschlagen konnte. Ich weiß nicht, was Flanagan, der auch noch das Script zu diesem Krampf (mit-)verbrochen hat, hier geritten haben mag, aber es war garantiert nichts Gutes. Gegen Horrorfilme mit und um Kinder(n) ist ja grundsätzlich nichts zu haben, „Before I Wake“ jedoch „errettet“ seinen ganz speziellen Wechselbalg durch einen ganz einfachen, verblüffend komplexitätsreduzierten Kniff: Böse Träume weg, Canker Man weg, ein paar Tote zwar, aber egal: Wird alles wieder gut, weil die neue Mama Cody lieb hat. So einfach ist das in der Zwei-Groschen-Welt von „Before I Wake“: Der einzige durch die Geschichte irrlichternde Mensch bei klarem Verstand, der von Thomas Jane gespielte Mark Hobson, wird relativ zügig aus dem Spiel genommen, was dann den nunmehr einzuschlagenden Trampelpfad für eine tränendurchflutete Mutter-/Kind-(Selbst-)Findungsgeschichte anlegt. Was uns Flanagan dann in den bereits beschworenen letzten Minuten um die Ohren haut, in denen Kate Bosworth im Zuge eines foltergleichen Aufzugs dem Publikum (bzw. stellvertretend für uns dem kleinen Cody) in betont kindgerechter Sprache erläutert – nämlich, was mit ihm los ist und wo die verschwundenen Leute hin sind, das schießt dann wirklich jeden Vogel ab. New-Mutant-X-Man oder Damien Thorn – entscheiden Sie selbst.
Einmal im Jahr ein fehlgeleitetes Produkt wie dieses kann ich bei konstanter Gesundheit überstehen oder sogar gutheißen, denn damit veranschaulicht sich, was einen wirklich schlechten Film eigentlich ausmacht und wie viele positive Aspekte sich im Gegenzug selbst noch jedem Mediokren abringen lassen, wenn man sich nur etwas Mühe macht, einmal genauer hinzuschauen.
„Before I Wake“ aber, der frontal alles vor die Wand fährt, was an Rettbarem noch in ihm stecken mochte, offeriert diesbezüglich nur leere, karge Ödnis.

2/10

ZACK SNYDER’S JUSTICE LEAGUE

„I’m not broken. And I’m not alone.“

Zack Snyder’s Justice League ~ USA/UK 2021
Directed By: Zack Snyder

Steppenwolf (Ciarán Hinds), ein kriegerischer Halbgott von der dem puren Bösen anheim gefallenen Welt Apokolips, will sich nach früherer Verstoßung infolge allzu eigenmächtigen Verhaltens wieder bei seinem Herrn und Meister Darkseid (Ray Porter) einschmeicheln und fällt zu diesem Zwecke mit seinen fliegenden Paradämonen auf der Erde ein. Hier lagern nämlich seit Urzeiten drei Mutterboxen, lebende Computer, die sich nach äonenlangem Schlaf just reaktiviert haben und die den Schlüssel zur von Darkseid ersehnten „Anti-Lebens-Gleichung“ in sich tragen. Bruce Wayne (Ben Affleck) ahnt um die drohende Gefahr und schart mit der Amazon-Prinzessin Diana (Gal Gadot), dem Atlanter-/Mensch-Mischling Arthur Curry (Jason Momoa), dem superschnellen Barry Allen (Ezra Miller) und dem Cyborg Victor Stone (Ray Fisher) vier Mitstreiter um sich, die den einfallenden Horden die Stirn bieten und die Erde möglicherweise retten können. Schon bald wird dem ungleichen Quintett klar, dass selbst seine geballte Macht nicht gegen Steppenwolf ausreicht und die Idee reift, den im Kampf gegen Doomsday getöteten Kal-El (Henry Cavill) wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem der Plan gelingt und der zunächst amnesische, letzte Kryptonier wieder zu Sinnen gekommen ist, zieht man gemeinsam in die Schlacht gegen die bösen Aliens.

Ob die letzten Endes nun doch in Erfüllung gegangene Existenz von „Zack Snyder’s Justice League“ wirklich das Resultat unbeugsamen Fan-Engagements ist oder lediglich ein cleverer Schachzug von Warner und DC, deren noch jungen Bezahlsender HBO Max zu lancieren und die stiefmütterlich verschmähte, nach Snyders (durch bekannte, tragisch-persönliche Gründe erfolgtem) Ausscheiden von Joss Whedon fertiggestellte Kinoversion nachträglich zu amnestieren, wissen vermutlich nur die New Gods.
Wie dem auch sei, ich fand „Justice League“ nicht so übel, wie er allerorten gehandelt wurde, mir gefielen die kunterbunten, saturierten Leuchtfarben des vormaligen Finales durchaus, wenngleich die Zäsur zu den von Snyder ja auch als Vorbereitungsfilme inszenierten „Man Of Steel“ und „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ schon überdeutlich wurde. Dass Snyder bei seinen DC-Superhelden-Adaptionen eher auf Bierernst und existenzialistische Schwere setzt, war ja längst offenkundig und dazu mochte Whedons in der von ihm verantworteten Postproduktion umgepolter Karneval nicht wirklich passen. Nun also Snyders eigene, prononciert epische Version, die nicht nur für ein hörbares globales Aufatmen der dedizierten Fangemeindesorgte, sondern auch in manch anderer Hinsicht als große Wiedergutmachung gekränkter Befindlichkeiten fungiert (dafür, dass ich selbst zur zeitgenössisch sogar zweimal betrachteten Erstfassung keinen Text verfasste, gibt es übrigens keinen veritablen Grund außer mutmaßlich jenen, dass es mir an Zeit und/ oder Inspiration gefehlt haben wird). „Zack Snyder’s Justice League“ ist, alles andere zu behaupten wäre jawohl auch albern, tatsächlich besser als die von der naseweisen Netz-Intelligenzia abschätzig als „Josstice League“ bezeichnete Whedon-Version, aus naheliegenden Gründen. Nicht zuletzt die um das Doppelte verstärkte Erzählzeit gewährt dem Ganzen zunächst eine sehr viel komplexere und umfassendere Herangehensweise, was sich insbesondere in der Charakterisierung der Figuren niederschlägt. Die bislang ja ohne „eigene“ Filme auskommen müssenden Barry Allen und Victor Stone erhalten nun wesentlich plastischere Hintergründe, die jeweils in unterschiedlich geprägten Vater-/Sohn-Konflikten wurzeln und die ihnen inhärente Tragik (insbesondere im Falle des letzteren) deutlich nachvollziehbarer machen. Während vor allem Flash in Whedons Schnittfassung zu einem, um den unausweichlichen MCU-Vergleich zu ziehen, flapsig-spaßigen Spider-Man-Youngster frisiert wurde (nebenbei eine Wandlung, die zu seiner originären Comic-Persona als eher biederem Polizeiwissenschaftler überhaupt nicht passen wollte), gestattet der Snyder-Cut sich einige schöne bis nachgerade poetisch inszenierte Augenblicke um den Blitzflitzer. Mögliche künftige Helden wie der Martian Manhunter (Harry Lennix) oder Ryan „Atom“ Choi (Ryan Zheng) können eingeführt werden und Darkseid, der im DC-Universum das Gegenstück zu Marvels Thanos darstellt, erhält nun wesentlich mehr Raum. Ein neuer Score (von Junkie XL statt Danny Elfman) erklingt, diverse fomale (Kadrage-Verschmalung auf das 4:3-IMAX-Format, merkliche Ausdünnung der Farb- und Kontrastpalette) und kosmetische (Supermans Dress ist jetzt der schwarze aus der „Return“-Comic-Strecke von 1993) Modifikationen brechen sich Bahn. Zudem findet ein großzügiger Epilog Platz, der auf das hinweist, was Snyder für die zunächst geplanten „JL“-Sequels vorschwebte; Darkseids künftige Eroberung der Erde und Supermans Hinwendung zur Dunklen Seite, die, wie in einem wohlbewussten Vorbild, am Ende nurmehr durch eine Rückreise in der Zeit ungeschehen gemacht werden kann. Da ja irgendwie nun doch alles möglich ist, werden wir vielleicht in ein paar Jahren auch noch jener Vision(en) ansichtig. Das Durchhaltevermögen hartnäckiger Geeks stirbt zuletzt.

8/10

BITE

„People always get sick after vacations.“

Bite ~ CAN 2015
Directed By: Chad Archibald

Vielleicht war der kleine Junggesellinnen-Abschiedstrip nach Costa Rica doch nicht die beste Idee: Nicht nur, dass die designierte Braut Casey (Elma Begovic) sich jetzt gar nicht mehr sicher ist, dass sie ihren Künftigen Jared (Jordan Gray) überhaupt heiraten will, gab es im Urlaub noch ein alkoholinduziertes Techtelmechtel, an das sich Casey kaum erinnert und bei dem ihr Verlobungsring verlustig ging. Und dann ist da noch dieser entzündete Biss am rechten Oberschenkel von einem seltsamen, exotischen Sumpfinsekt. Dieser sorgt dafür, dass es Casey wieder daheim bald rapide schlechter geht. Ihre Wohnung verwandelt sich in eine riesige, matschige Bruthöhle und bald gibt es neben unerfreulich verlaufenden Besuchen von Caseys Freundinnen auch noch ungewöhnlichen Nachwuchs…

Ein kleiner, im Großen und Ganzen zu vernachlässigender, weil eher dümmlicher Transformationshorrorfilm, der sich mehr denn großzügig bei Cronenbergs „The Fly“-Variation bedient, ohne auch nur zu einer Sekunde dessen Geist oder bestürzende Konsequenz zu erreichen. Tatsächlich scheint der wohl des Öfteren im günstigen Gattungsfach umtriebige Regisseur Chad Archibald recht genau um die weitgehende Unzulänglichkeit seines Plagiats zu ahnen und macht daher alles gleich a priori drei bis fünf Nummern kleiner als das ohnehin unerreichbare Vorbild. Wenngleich die arme Casey, deren Metamorphose zum frauhohen Semiinsekt wir nach einem planlos-ordinären Embedded-filming-Auftakt bezeugen dürfen, sich also noch nichtmal reif für die Ehe fühlt, muss sie also stattdessen gleich eine Mutterrolle übernehmen. Jene entwickelt sich nun dergestalt, dass aus dem Biss am Bein bald eine unappetitliche, eiternde Wucherung wird. Auf die eigentlich doch naheliegende Idee, eine Krankenhaus-Ambulanz aufzusuchen, kommt die liebe Casey, so lange es noch Zeit wäre, nicht etwa; stattdessen holt sie sich lieber eine telefonische Ferndiagnose ein, geht in die Wanne und macht darin längere Nickerchen ohne zu ertrinken. Feste Nahrung geht bald nicht mehr, der Hund vom Nachbarn mag nicht länger mit ihr Gassi gehen. Dafür schimmelt bald die allzu aufdringliche Schwiergermutter in spe im Bad vor sich hin. Schließlich wird mächtig abgelaicht und das ganze pseudoschick eingerichtete Bachelorettenappartment avanciert analog zu seiner Bewohnerin zu einem überdimensionalen Insektennest. Alles gewiss fies und gut soweit, nur dass die unweigerliche Genretradition standesgemäß nach Opfern verlangt und das – von Archibald cogepinnte – Script diese im überaus selbstbewussten Stil einer dümmlichen Teenie-Soap verwurstet, von den ziemlich unbegüterten DarstellerInnen ganz zu schweigen. Mit einmaliger Beschau ist es hier, sofern das überhaupt sein muss, also völlig getan, zumal die prekäre deutsche Synchronfassung absolut nichts retten kann, im Gegenteil.
Eine amüsante kleine Randnotiz des Absonderlichen: binnen fünf Wochen war dies bereits der dritte Film, in dem ein junger Mann mit fiesen Untierchen schwanger gehen und diese gebären muss – ohne die geringste bewusst intendierte Planung meinerseits. Vielleicht deutet dies auf eine überfällige Revision von „Seitenstechen“ und/ oder „Junior“ hin…

4/10

UNHINGED

„All I have is violence and retribution… because that’s all I’ve got left.“

Unhinged ~ USA/UK 2020
Directed By: Derrick Borte

Als die in mehrerlei Hinsicht gestresste Rachel (Caren Pistorius) sich mit einem übellaunigen, voluminösen Pick-Up-Fahrer (Rusell Crowe) im morgendlichen Straßenverkehr anlegt, kann sie nicht ahnen, dass der Unbekannte nächtens zuvor seine geschiedene Frau sowie deren neuen Partner erschlagen und außerdem einen massiven Cocktail aus diversen Psychopharmaka intus hat. Der Fremde kürt Rachel zu seinem Opfer und macht ihr und ihrem Sozialumfeld die kommenden Stunden zur Hölle.

Und wieder eine terrorfilmische Variation von Altbekanntem, diesmal eine frisch aufgebrühte Melange aus „Cape Fear“ (neu und alt), Schumachers „Falling Down“ und – in Ansätzen – Roger Michells „Changing Lanes“. Dass es Derrick Borte gelingt, die zumindest den etwas älteren und „beseheneren“ Filmsemestern hinlänglich geläufigen Motive der erwähnten Werke aufs Neue schmackhaft zu machen und spannend aubzuliefern, würde ich vornehmlich seiner Gelassenheit zuschreiben. Borte versucht gar nicht erst, etwas bahnbrechend Neues vorzustellen, sondern konzentriert sich in aller Ruhe auf sein kleines, gemeines Straßenduell und dessen berserkernden Fortlauf. Ein absoluter Garant für dessen Funktionieren ist der um sein Dreifaches angewachsene Russell Crowe, dessen physische Ausmaße insbesondere im Vergleich zu früher an einen Marlon Brando erinnern. Mit seiner Körpermasse scheint auch eine ganze Menge schwitzendes Wutpotential Einzug gehalten zu haben, jedenfalls spielt er den namenlosen Entgleisten mit einer tatsächlich beängstigenden, bedrohlichen Wucht, die Crowes Darbietung zu einer seiner denkwürdigsten und besten macht. Gut, das gemeine Logiktierchen ist bei Szenarien wie dem vorliegenden niemals fern und man fragt sich schon, wieso der bullige rampage man, abgesehen davon, dass ihm ohnehin alles scheißegal ist und er sowieso frontal auf ein gewaltsames Ende seiner Ein-Mann-Stampede zusteuert, überhaupt soviel Unheil anrichten kann, ohne dass ihn jemand (z.B. die Polizei?) rechtzeitig ausbremst. Aber die moderne Kommunikastionstechnik mit Smartphones, Tablets, GPS und sonstigem Pipapo erlaubt diverse mehr oder weniger erwartbare Wendungen und Zufälle bis zum erwartbar bösen, freilich aber happyendenden Showdown.
Und letzten Endes will man ja auch gar nicht Drehbuchdetektiv spielen, sondern sich reichhaltig daran ergötzen, welche Kollateralschäden der mithin ungebremste Amoklauf eines irrlichternden Russell Crowe denn so mit sich bringt. Und in dieser Beziehung bekommt man bei „Unhinged“ einiges an Holz.

7/10

THE KING OF STATEN ISLAND

„I’m on drugs.“

The King Of Staten Island ~ USA 2020
Directed By: Judd Apatow

Erwachsenwerden mit 24 – geht das überhaupt? Schwerlich, wie sich anhand des bei seiner verwitweten Mutter Margie (Marisa Tomei) eingenisteten Spätadoleszenten Scott Carlin (Pete Davidson) erweist. Als Existenzversager – zumindest im neoliberalen Sinne – kann Scott wenig und hat gar nichts. Auch wenn er davon träumt, auf Staten Island als renommierter Tattoo-Künstler zu reüssieren, halten ihn allerlei psychosomatische Wehwehchen, darunter ADHS, Morbus Crohn und konstanter Marihuana-Konsum, davon ab, sich auf eigene Füße zu stellen. Stattdessen gammelt er mit seinen nicht minder verpeilten Kumpels (Ricky Velez, Lou Wilson, Moises Arias) herum und fällt Margie und seiner jüngeren Schwester Claire (Maude Apatow) auf den Wecker. Als sich Margie infolge eines ausgerechnet durch Scott selbst herbeigeführten Zufalls in den geschiedenen Feuerwehrmann Ray (Bill Burr) verliebt und zum ersten Mal überhaupt seit dem Tod von Scotts Dad (der ebenfalls Feuerwehrmann war und im Einsatz gestorben ist) wieder ein wenig persönliches Glück findet, investiert der eifersüchtige Filius fortan sämtliche Energie darin, Ray zu torpedieren, mit dem Erfolg, dass nicht nur dieser, sondern auch Scott selbst bei seiner Mom rausfliegt. Der vorübergehend Obdachlose findet ein Heimdach bei der Feuerwehr, die ihn als Faktotum akzeptiert und Scott zumindest die Gelegenheit bietet, ein wenig Selbstreflexion zu üben.

Judd Apatow hatte ich lange nicht mehr auf dem Schirm – der letzte Film vor „The King Of Staten Island“, den ich von ihm gesehen hatte, war der nunmehr rund elf Jahre alte „Funny People“. Seine aktuelle Regiearbeit zeigt, dass ihn noch dieselben Topoi umtreiben wie eh und je – spätes Erwachsenwerden es sich in ihren gepflegten Neurosen bequem machender Kindmänner und natürlich der Mut zur aufrichtigen Liebe als Lebensretter in allen Lagen sind davon die vordringlichsten. Auch in der Tradition des Frühwerks von Kevin Smith, der eben Brooklyn statt Staten Island zum Mikorokosmos seiner damaligen Generation Slack kürte, kann man „The King Of Staten Island“ zumindest in Teilen verhaftet sehen; kiffende Hänger, deren mittelfristige Lebensziele sich im Stopfen des nächsten Pfeifchens erschöpfen, kennt man daher noch recht gut. Der mit einem feisten Überbiss gesegnete SNL-Komiker Pete Davidson re-erfindet seine Figur in ebenjust dieser Tradition, wobei zumindest die psychologische Skizzierung, Apatows eigenem Alter geschuldet, doch ein wenig nuancierter ausfällt. Ein Held, geschweige denn ein König, ist Scott Carlin weder innerhalb der Realität des Films, noch wird das Publikum genötigt, ihn als solchen in Empfang zu nehmen. Gleich seine Einführung macht deutlich, dass man es in den kommenden zwei Stunden mit einem jungen Mann zu tun bekommen wird, der es weder sich selbst noch seinem Interaktionsradius leicht macht. Und tatsächlich entwickelt sich die Beziehung zwischen Scott und uns zu einer veritablen Hassliebe. Einerseits hat der Typ ja durchaus witzige bis geisteshelle Momente und Qualitäten [die nebenbei immer dann hervortreten, wenn man es am wenigsten erwartet – etwa im ihm aufgenötigten Umgang mit Rays kleinen Kindern (Luke David Blumm, Alexis Rae Forlenza)], andererseits fühlt man sich allenthalben genötigt, ihm eine autoritäre Tracht Prügel zu verabreichen. Und natürlich ist Apatow gut genug zu uns und vor allem zu Scott, ihn am Ende existenzielle Teilsiege erringen zu lassen. Ein durchaus liebenswertes Feel-Good-Movie ist das erfreuliche Resultat, eine Hommage an die Freundschaft wider alle Barrieren sowie die überschaubare Heimeligkeit von Suburbia im Schatten des Molochs Großstadt zudem und – natürlich – an die Romantik.

8/10