THE SEVENTH SIGN

„I used to think the world would change. But it hasn’t.“

The Seventh Sign (Das Siebte Zeichen) ~ USA 1988
Directed By: Carl Schultz

Just als sich die auf eine biblische Apokalypse hindeutenden Zeichen in Form diverser, global auftretender Naturkatstrophen häufen, zieht der geheimnisvolle David Bannon (Jürgen Prochnow) als Untermieter ins Haus des jungen Ehepaars Abby (Demi Moore) und Russell Quinn (Michael Biehn). Der grundsympathische, aber sehr still auftretende Fremde jagt der hochschwangeren, jedoch bereits unter mehreren Fehgeburten leidenden Abby zunehmend Schauer über den Rücken. Schließlich muss sie den Tatsachen ins Auge sehen: David ist niemand Geringerer als der auf seit seiner Wiederauferstehung auf Erden wandelnde Messias, der das heraufziehende Ende der Welt zu bezeugen hat und ihr bald geborener Sohn symbolisiert das Siebte Zeichen – er wird ein Kind ohne Seele sein. Während Abby verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, die Ereigniskette zu unterbrechen, zieht allerdings noch ein weiterer, sinistrer Mitspieler seine Fäden im Hintergrund…

Als apokalyptischer Horrorfilm, der das heraufziehende Ende der Menschheit als Strafe Gottes für die beständigen Freveleien an seiner ureigenen Schöpfung thematisiert, hätte „The Seventh Sign“ eigentlich noch besser in die Reihe ähnlich gelagerter millenial movies gepasst, die um die Jahrtausendwende und auch noch danach mit den Ängsten vorm dräuenden Y2K-Armageddon kokettierten. So könnte man ihn gewissermaßen als antizipatorischen Vorläufer jener Welle erachten, der im Gegensatz zu okkultistisch eingefassten Genreklassikern wie Friedkins „The Exorcist“ oder Donners „The Omen“ nicht Dämonen oder gar Luzifer selbst, sondern die Gegenseite als mindestens ebenso naheliegenden Verursacher für das buchstäbliche Jüngste Gericht in Augenschein nimmt. In Anbetracht der (alt-)testamentarischen Charakterisierung Gottes, der seine enttäuschend verantwortungslose Kreation immer wieder mit Menetekeln, Strafen und Auslöschungsszenarien überzieht, eigentlich eine schon damals überfällige Variation der Gattung. Tatsächlich scheinen gerade Horrorfilmhistoriker sich mit der Einordnung von „The Seventh Sign“, der sechsten und vorletzten Kinoregie des aus Ungarn über England nach Australien emigrierten Filmemachers Carl Schultz, seit jeher schwer zu tun – Kategorisierungen von Mystery bis hin zu Fantasy lagen aus mutmaßlich traditionsverbundenen Gründen offenbar näher. Dabei erscheint die Vorstellung einer allmächtigen, launischen Entität, die mit dem sich selbst gegenüber immer wölfischer gebahrenden Menschengeschlecht ein für allemal tabula rasa macht, doch ziemlich unbequem. Nun, mit den ausgewalzt exploitativen, gewissermaßen eine infantile Lust an der Zerstörung fütternden Katastrophenszenarien, wie sie später etwa Emmerich oder Bay zum Besten geben sollten, kann der vergleichsweise geradezu kammerspielartig wirkende „The Seventh Sign“ gewiss nicht mithalten; dafür mangelte es zum einen an Budget und zum anderen an der entsprechenden Ausprägung der Story. So muss sich Demi Moore zwar einmal mit einem kräftigen Hagelschauer und bald darauf noch mit einem Erdbeben herumplagen, der geneigte Cineast weiß jedoch längst, dass Los Angeles noch mit ganz anderen Sachen fertigwerden kann. Es sind also die eher unspektakulären, leiseren Nuancen, die Schultz‘ Arbeit am Ende bedingt sehenswert machen – allem voran der unbedingte Wille, das potenziell hämegefährliche Sujet nie der Lächerlichkeit preiszugeben, aber auch die unablässig grandiose Kameraarbeit von Juan Ruiz Anchía sowie die durchweg erfrischende Besetzung nebst einer in jenen Tagen tatsächlich noch sympathisch wirkenden Hauptdarstellerin, dem noch angesagten Michael Biehn und natürlich Prochnow, der als in die Weltgegenwart katapultierter, bartloser Jesus Christus vielleicht eines der besten Leinwandporträts der ikonischen Figur liefert. Doch auch die Nebenfiguren, der kecke Kabbala-Student Avi (Manny Jacobs), der mit Trisomie 21 geborene Todeszellenkandidat Jimmy Szaragosa (John Taylor) oder der Torwächter und ewige Wanderer Cartaphilus (Peter Friedman), der nunmehr als Vater Lucci für den Vatikan arbeitet und sein Ende herbeisehnt, bereichern.

7/10

ANTLERS

„I’m hungry.“

Antlers ~ USA/MEX/CA 2021
Directed By: Scott Cooper

Siprus Falls, Oregon. Die Kleinstadlehrerin Julia Meadows (Keri Russell) macht sich gesteigerte Sorgen um ihren Schüler Lucas Weaver (Jeremy T. Thomas). Der Junge wirkt zunehmend abgemagert und verwahrlost. Julia, die gemeinsam mit ihrem Bruder Paul (Jesse Plemons), mit dem sie zusammenwohnt und der Sheriff von Siprus Falls ist, in ihrer Kindheit selbst zu Missbrauchsopfern ihres Vaters geworden war, befürchtet bezüglich Lucas ein ähnliches Schicksal. Gemeinsam mit ihrer Rektorin Ellen Booth (Amy Madigan) und ihrem Bruder Paul beschließt Julia, ihrem Verdacht nachzugehen. Ein erster Hausbesuch bei den Weavers, wo Lucas mit seinem verwitweten Vater Frank (Scott Haze), einem auf lokaler Ebene berüchtigten Kriminellen, und seinem kleinen Bruder Aiden (Sawyer Jones) zusammenlebt, endet für Booth tödlich. Damit nicht genug finden sich bald weitere grausig zugerichtete Leichen und Tierkadaver. Der Jäger Warren Stokes (Graham Greene) ahnt um die alles andere als beruhigende Lösung des Rätsels…

Der Wendigo ist ein Naturdämon mit amorpher Gestalt aus der Sagenwelt der Algonquin-Ureinwohner. Dessen Geist besetzt seine Wirt, verändert ihn innerlich und äußerlich und verdammt ihn zu ewigem Hunger, der proportional zu jeder weiteren erlegten Mahlzeit anwächst. Auch vor Kannibalismus schreckt der fleischfressende Wendigo dabei nicht zurück. Für „Antlers“, seinen ersten Horrorfilm, greift Scott Cooper ebenjenen Mythos, der, zumindest in protagonistischer Funktion, bislang ausschließlich auf der B- und Indie-Genreebene Verwendung fand, auf und beschert ihm seine Studio-Premiere. Hier lauert der Wendigo zu Beginn im Inneren einer stillgelegten Mine, in der Frank Weaver und sein Kompagnon sich ein kleines Meth-Labor eingerichtet haben und damit die Unruhe des Wesens stören. Der Geist des Wendigo sucht sich nämlich spätestens dann stets einen neuen Gastkörper, wenn sein vorheriger vernichtet wurde. Nachdem Frank und Aiden erste Anzeichen jener unstillbaren Besessenheit zeigen, sorgt ersterer selbst dafür, dass beide in häuslicher Zwangsquarantäne bleiben, derweil Lucas sie mit Aas versorgt. Natürlich kann der Wendigo in Franks Körper fliehen und beginnt sein blutiges Treiben unter freiem Himmel.
Coopers weitgehend in gepflegter Routine verharrendes monster movie verehrt dem Wendigo einen durchaus sehenswerten Großeinstand. Dabei orientiert sich das Script durchweg an klassischen Gattungsstrukturen, zumal solchen, in denen evil native spirits eine gehobene Rolle einnehmen. Erst nach und nach wird der in indianischer Geschichte freilich hoffnungslos unbeschlagenen weißen Community bewusst, welches übernatürliches Übel ihr auflauert und damit auch, welche Medizin dagegen einzusetzen ist. Die Protagonistin erfährt eine zusätzliche Charakter- und Motivationsebene durch ein persönliches Trauma, das sie empathisch für das Schicksal eines ihrer Schutzbefohlenen macht und jenen zu ihrem Schützling werden lässt. Ein wenig body horror kommt hinzu, wenn die gehörnte (respektiv „begeweihte“) Gestalt des Wendigo aus Franks Körper hervorbricht und als gewaltiges Ungetüm die Gegend unsicher zu machen beginnt. Das alles nimmt sich wie erwähnt angemessen kernig aus, begnügt sich jedoch damit, seinen sicheren Kurs stoisch beizubehalten und diesen nicht etwa von riskanten Innovationsbestrebungen stören zu lassen. Jene Vorgehensweise trägt „Antlers“ am Ende zwar keinen Innovationspreis ein, macht ihn aber doch zu einem weiteren, amtlichen Horrorstück der Gegenwart.

7/10

SCHLAF

„Kennst du das, wenn du wach bist und der Traum ist noch da?“

Schlaf ~ D 2020
Directed By: Michael Venus

Marlene (Sandra Hüller), Stewardess und alleinerziehende Mutter der Teenagerin Mona (Gro Swantje Kohlhof), leidet unter schweren Albträumen, derer sie mittels akribischer Aufzeichnungen in einer mittlerweile umfangreichen Sammlung von Traumtagebüchern Herrin zu werden versucht. Eines Tages entdeckt sie eine Anzeige des Hotels „Sonnenhügel“ in dem Mittelgebirgsörtchen Stainbach. Marlene reist kurzentschlossen dort hin und verbringt eine Nacht in dem Gasthaus. Kurz darauf erfährt Mona, dass ihre Mutter mit einem katatonischen Stupor in ein nahegelegenes Krankenhaus eingeliefert wurde. Mona will den Grund für Marlenes Zustand in Erfahrung bringen und checkt ebenfalls im Sonnenhügel ein – wegen der nebensaisonalen Flaute und diverser Renovierungsarbeiten als einziger Gast. Schon bald suchen auch sie bizarre Albträume ein, deren höchst reale Wurzeln offenbar in der unrühmlichen Vergangenheit Stainbachs liegen..

Immerhin ist das deutsche Genrekino bemüht, sein Lager um interessante, national und auch international relevante Beiträge zu bereichern; bemühter jedenfalls als noch vor zehn, zwanzig oder gar dreißig Jahren. Dennoch empfand ich „Schlaf“, das Regiedebüt von Michael Venus, keineswegs als durchgängig überzeugend. Venus und sein Coautor Thomas Friedrich wollen allzu viel auf einmal; auf der bloßen Gattungsebene soll ihr Film Unbehagen und Spannung auslösen und zugleich als Vergangenheitsaufbereitung – es geht im Kern um die tiefen Spuren, die polnische Zwangsarbeiterinnen während der NS-Zeit hinterlassen haben und deren Niederschlag im Verhältnis zu gegenwärtigen Reichsbürgergruppierungen – fungieren. Wie ihre einst als Findelkind angenommene Mutter und ihre Großmutter Trude (Agata Buzek) zuvor verfügt auch Mona über eine Art „zweites Gesicht“, das sich via an die Bewusstseinsoberfläche tretenden Träumen manifestiert. Mona findet heraus, dass in Stainbach einst eine Sprengstofffabrik befand, in der Zwangsarbeiterinnen aus Polen beschäftigt wurden. Ihre Mutter Marlene erweist sich als das Resultat einer späteren, außerehelichen Liaison zwischen der ebenfalls abseits des Dorfes hausenden Trude und dem Ortspatriarchen Otto (August Schmölzer), zugleich Bewirtschafter des Sonnenhügel-Hotels. Nachdem Otto Trude ermordet hat, sucht ihr rachsüchtiger Geist nicht nur ihn und seine Mitwisser heim, sondern auch die Traumwelten ihrer überlebenden Leibesfrucht in erster und zweiter Generation. Der Sühnetribut ist jedoch erst zur Gänze gezollt, wenn auch Otto das Zeitliche gesegnet haben wird. Der Weg dorthin ist jedoch gepflastert mit allerlei Mysteriösem, dass Venus/ Friedrich in vorsätzlicher Unübersichtlichkeit verquirlen: Träume werden zu Trips und ein Ortstreffen unter Führer Otto und seinen willfährigen Vasallen verwandelt sich durch einen anarchischen K.O.-Tropfen-Streich seines Sohnes (Max Hubacher) in eine ekstatische, ein wenig an Noés „Climax“ erinnernde Chaosorgie. Überhaupt schimmern Venus‘ Vorbilder nicht selten überdeutlich durch die gekonnt arrangierte Oberfläche seines zwischen Traumhorror und Aufarbeitungsthriller oszillierenden Films, seien es Steiners „Sennentuntschi“ oder AKIZ‘ „Der Nachtmahr“. Für kommende Projekte wünscht man dem zum jetzigen Zeitpunkt gewiss noch vielversprechenden Filmemacher insofern mehr thematische Innovation sowie den Mut zu luziderer Konsequenz, gepaart mit der Absage an die etwas irrational scheinende Verpflichtung, der Historie wie auch immer geartete Rechnung tragen zu müssen.

5/10

SUKKUBUS – DEN TEUFEL IM LEIB

„Hol den Stier!“

Sukkubus – Den Teufel im Leib ~ BRD 1989
Directed By: Georg Tressler

Die Schweizer Alpen im 19. Jahrhundert: Drei Männer, der Senn (Peter Simonischek), der Hirt (Giovanni Früh) und ein Lehrlingsjunge (Andy Voß) treiben Milchkühe auf. Das eintönige Tagesgeschäft macht dem gleichfalls gottesfürchtigen wie abergläubischen Trio zu schaffen; vor allem die zur Brachlage gezwungene Libido gilt es immer wieder zu zäumen. Eines Abends steht der Schnaps auf dem Tisch. Der zunächst noch gradlinige Senn lässt sich im Suff vom Hirten überreden, einen „Tuntsch“ zu fertigen, einen weiblichen Fetisch, der aus Stroh und Lumpen besteht. Das heidnische Konstrukt erwacht, als Senn und Hirt sich an ihm vergehen, kurz zu fleischlichem Leben (Pamela Prati), verschwindet jedoch unmittelbar darauf wieder. Am nächsten Tag, die Männer schieben das unheimliche Ereignis stillschweigend beiseite, taucht der Tuntsch wieder auf und jagt ihnen eine Todesangst ein. Und tatsächlich müssen die beiden Älteren ihren Frevel teuer bezahlen…

Die traditionsreiche Alpensage um das Sennentuntschi, dessen gottlose Erweckung grauenvolle Ereignisse nach sich zieht, stand Pate für Georg Tresslers mit einigem Abstand entstandene, elfte und letzte Kinoregie, bevor er nurmehr Episoden für maue TV-Serien inszenierte. Franz Seitz schrieb das Drehbuch, er und Luggi Waldleitner produzierten. Der große kommerzielle Erfolg war dem phantastisch-morbiden Heimatdrama erwartungsgemäß nicht beschieden, als rares Genrestück blieb er eigentlich ein Apokryph der (west-)deutschen Filmhistorie. Allzu merkwürdig und sperrig wird „Sukkubus“ dem damals von diversen Hollywood-Blockbustern überfluteten Publikum vorgekommen sein; ich selbst, damals dreizehn Jahre alt und scharf auf alles, was ich an eigentlich nicht jugendfreiem Horror- oder Actionstoff in die Finger bekommen konnte, erinnere mich noch an die Besprechungen und Werbeanzeigen in den eingängigen Filmblättern (die spätere VHS-Veröffentlichung wurde dann nochmal deutlich intensiver beworben) und dass ich daraufhin beschloss, den Film doch lieber nicht sehen zu wollen. Gut, die sich auf dem Kinoposter und den Programmfotos nackt bleckende, archaisch wirkende Pamela Prati mit ihren bleichen Augenlinsen war da für mich auch noch nicht hinreichend reizvoll – ein Umstand, der sich in den Folgejahren ändern sollte. Heute erscheint mir vor allem jene Sequenz einprägsam, in der sich die Männer daran machen, eine vom Hang gestürzte Kuh zu häuten.
Tatsächlich gestaltet „Sukkubus“ sich primär auf einer sehr erwachsenen, sinnlichen Ebene unheimlich. Die alte Fabel warnt vor der Übermannung durch unmäßige, vor allem jedoch unkontrollierte Geilheit, davor, dass man den Herrgott zugunsten der im tiefen Inneren lauernden Instinktivität vergessen und daraufhin nie wieder gut zu machende Fehler begehen könnte. Tatsächlich ist es die ewig lauernde Libido, die vor allem die zwei älteren Viehhirten nicht loslassen mag – während der Senn seine Bedürfnisse unter einem kalten Gebirgswasserfall abtötet, vergreift sich der mit schwarzmagischer Folklore liebäugelnde Hirt einmal beinahe an dem Jungen und ist dann auch der Initiator der Tuntsch-Erweckung. Im festen Glauben, dass die Menschen in ihrem Tun bloß Spielzeuge zwischen Himmel und Hölle sind, ertönt allabendlich der Gebetsspruch des Sennen über der Alp, bis er sich, benebelt vom Hochprozentigen, eines nachts zu einer bösen Verballhornung alles Christlichen umformiert. Damit ist zugleich der Untergang besiedelt.

8/10

BIRTH

„You’re just a little boy in my bathtub.“

Birth ~ USA/UK/D/F 2004
Directed By: Jonathan Glazer

Zehn Jahre nach dem Tod ihres geliebten Ehemanns Sean ist die Upper-Class-New-Yorkerin Anna (Nicole Kidman) zwar noch immer nicht gänzlich über den Verlust hinweggekommen, immerhin jedoch dazu bereit, eine neue Ehe mit dem sie umgarnenden Joseph (Danny Huston) einzugehen. Just zur Verlobungsfeier taucht wie aus dem Nichts ein kleiner Junge (Cameron Bright) auf, der sich nicht nur als Sean vorstellt, sondern zudem behauptet, Annas Ehemann zu sein und sie kurz darauf schriftlich anweist, Joseph nicht zu heiraten. Die nachhaltig verwirrte Frau reagiert zunächst erwartungsgemäß ungläubig, akzeptiert in den folgenden Tagen jedoch mehr uns mehr die Möglichkeit, dass das in seinen Aussagen und seinem Verhalten unbeirrbare Kind tatsächlich ihr vermeintlich toter Gatte sein könnte…

Witwe für zehn Jahre: was nicht sein darf, kann nicht sein, schon gar nicht, wenn moralisches Räsonnement und Gesellschaftsvertrag jedwede Toleranz verweigern. In „Birth“, Jonathan Glazers zweitem, wiederum sehr stilisiertem Kinofilm, bekommt eine unmögliche Liebe wider aller Aufrichtigkeit klare Grenzen gesetzt und hinterlässt zwei für immer gebrochene Herzen. Der eigentlich omnipräsente Terminus fällt dabei nur einmal im Film, ausgerechnet in Form einer despektierlichen Bemerkung von Nicole Kidmans Filmmutter Eleanor, gespielt von der großen Lauren Bacall: Ob „Mister Reinkarnation der Kuchen schmecke“, will sie wissen und subsummiert damit alles, was Annas zu Recht argwöhnischem Umfeld an der unbequemen Situation missfällt. Der neue Sean ist ein kleiner, zehnjähriger Junge, der die Grundschule besucht, die Pubertät noch vor sich hat und aus einem sehr bürgerlichen Elternhaus kommt. Dennoch kommuniziert und gibt er sich nicht nur wie ein Erwachsener, er weist auch klare Wesenszüge des Vertorbenen auf, dessen Tod Anna nie verwinden konnte. Nur ganz zögerlich hatte sie sich überhaupt vor sich selbst bereiterklärt, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, als alles wieder zerbricht. Schließlich schmiedet Anna gar Pläne, wie sich eine „realistische“ Beziehung mit dem kleinen Jungen gestalten könnte – durchbrennen will sie mit ihm und ihn heiraten, wenn er 21 sei. Doch nicht nur die Vernunft, auch schnöde Fakten torpedieren das unmögliche Himmelsschloss als sich herausstellt, dass der ursprüngliche Sean Anna nicht nur mit der Frau (Anne Heche) seines besten Freundes (Peter Stormare) betrogen hat (wie ein gehöriges Bündel entlarvender Briefe beweist), sondern dass Sean, das Kind, durch einen Zufall in den Besitz der entsprechenden Korrespondenz gelangt ist. Er könnte sich also alles nur ausgedacht und zurechtgelegt haben. Dieses Indiz genügt, um alles wieder in seine gesellschaftlich normativen Bahnen zu lenken. Anna bittet den brüskierten Joseph um Verzeihung, Sean kommt in psychologische Behandlung. Doch nichts wird gut, das Unglück tritt an die Stelle der letzten optionalen, aber eben gänzlich unprobaten Heilungsoption.
Glazer inszeniert diese auf den ersten Blick abjekt anmutende, buchstäbliche Post-Romanze mit allem gebotenen Feingefühl, indem er die Unmöglichkeit ihrer Ausprägung ebenso beleuchtet wie den niederschmetternden, persönlichen Effekt ebenjener Negation. Ein tieftrauriges Wintermärchen nebst einigen galligen Seitenhieben auf die New Yorker Bourgeoisie entstand dabei, dem nach einem Zeitsprung selbst der vermeintliche Wonnemonat mit seiner Hochzeit keine Heilung spenden kann.

8/10

GOTHIKA

„You can’t trust somebody when they think you’re crazy.“

Gothika ~ USA/F/CA/E 2003
Directed By: Mathieu Kassovitz

Eines Abends ist die in der forensischen Woodward-Klinik tätige Psychiaterin Miranda Grey (Halle Berry) wegen eines Sturms gezwungen, einen Umweg nach Hause zu nehmen. Mitten auf der Straße begegnet sie einem geisterhaften Mädchen (Kathleen Mackey), das nach Ansprache durch Miranda in Flammen aufgeht. Später erwacht die amnesische Ärztin höchstselbst als Insassin der geschlossenen Sektion von Woodward – sie soll ihren Ehemann Douglas (Charles S. Dutton), Chef des Hospitals, an jenem mysteriösen Abend ermordet haben. Zwar beteuert Miranda vehement ihre Unschuld, doch sämtliche Beweise sprechen gegen sie. Zudem scheint jene gespenstische Entität ihr nachzustellen und sie unbedingt auf etwas hinweisen zu wollen. Der völlig auf sich gestellten Miranda bleibt nurmehr die Flucht nach vorn…

Als vierte Produktion des 1998 als Reminiszenz an den legendären Gimmick-Filmemachers William Castle gegründeten Studios Dark Castle Entertainment bewegt sich „Gothika“ qualitativ recht gleichförmig auf der üblichen Linie der damals noch jungen, eine klare Linie verfolgenden Genreschmiede. Der erstmals für Hollywood arbeitende Regisseur Mathieu Kassovitz berichtete im Nachhinein höchstselbst, seine Arbeit an „Gothika“ lediglich als anspruchslosen Türöffner zu größeren Budgets betrachtet und keinerlei persönliche Ambitionen in das Projekt investiert zu haben. Diese exponierte Leidenschaftslosigkeit merkt man dem Film durchaus an; sein Thema apostrophiert sich mehr oder weniger gelangweilt als vollkommen handelsüblicher, schnödester Geistergrusel mit jenseitigem Erlösungsgesuch: Ein einst im Zuge ungeheuerlicher misogyner Umtriebe gewaltsam zu Tode gekommenes Mädchen sucht sich eine irdische, medial sensible Erfüllungsgehilfin, die es unfreiwilligerweise für seine Rache benutzt. So weit, so gewöhnlich. Natürlich sind auch die campigen Volten Castles immer ganz gut identifizierbar – der bloße Effekt um seiner selbst Willen steht im Vordergrund und drängt Glaubwürdigkeit oder gescheiten Dialog rücksichtslos in die letzte Bank. Da „Gothika“ nunmal ist, was er ist und daraus auch keinen Hehl macht, stört dies jedoch kaum. Das Irrenhaus als mit einer Menge Traditionsbewusstsein aufgeladener Schauplatz für klassisches Genrekino rechtfertigt immerhin einige ordentliche production values, die Besetzung ist durchweg ordentlich und die vielen kleinen Schlenker zum Sensationalismus hin tun auch nur dann weh, man sie lässt. Ich finde „Gothika“ all seiner offenkundigen Schwächen zum Trotz daher gar nicht so unsympathisch, wie er vielerorts immer wieder gemacht wird.

5/10

CANDYMAN

„Black people don’t need to be summoning shit.“

Candyman ~ USA/CA/AU 2021
Directed By: Nia DaCosta

Der Chicagoer Maler Anthony McCoy (Yahya Abdul-Mateen II) steckt in einer mittelschweren Krise: Seine Freundin und Mäzenin Brianna (Teyonah Parris) hält ihn mehr oder weniger aus und von allen möglichen Seiten hagelt es Geringschätzigkeiten und bittere Kritik. Um sich Inspiration für ein neues Werk zu verschaffen, macht Anthony sich mit der Geschichte des nunmehr gentrifizierten, ehemaligen Minislums Cabrini Green vertraut und stößt dabei auch auf die Geschichte des mysteriösen „Candyman“, eines mit einer Hakenhand ausgestatteten, untoten Killers, der erscheint, sobald man seinen Namen fünfmal vor dem Spiegel ausspricht. Natürlich wagt Anthony das „Experiment“ und schon bald sterben in seinem Umfeld diverse Menschen eines blutigen Todes. Damit nicht genug, beginnt Anthony selbst sich in unappetitlicher Weise zu verändern…

Schade, Chance fahrlässig verschenkt. Da ich Clive Barkers short story sehr mag und Bernard Roses Adaption für einen der schönsten und wichtigsten Horrorfilme der neunziger Jahre halte, freute ich mich sehr auf die Neuinstallation, zumal das letzte Sequel ja nun bereits zweiundzwanzig Jahre zurückliegt. Nia DaCosta erweist sich als formidable, äußerst stilbewusste Regisseurin und auch die zugrundeliegende Idee, den urbanen Mythos des nach ewiger Gerechtigkeit suchenden Candyman als eine Art „konzeptionelle Antwort“ auf rassistisches Ungemach zu spezifizieren gefällt mir recht gut. Das dröge Script durchkreuzt diese von Grundauf positiven Ansätze und Impulse jedoch nachhaltig. Der 1992er „Candyman“ besaß Poesie und Herz, erzählte eine zutiefst morbide Romanze und von Feminismus und Identitätsverlust, ohne die genuinen Horrorwurzeln seiner Fabel je zu verraten. DaCostas Film wirkt im Direktvergleich oftmals wie eine mit dem fehlgeleiteten Mut der Verzweiflung arrangierte und somit erzwungene Revision des Stoffs. Virgina Madsen als die hierin vielzitierte Helen Lyle (die Darstellerin stellte für ein eingespieltes Tape sogar nochmal ihre Stimme zur Verfügung) gab dereinst eine wunderbar melancholische Heldin, Anthony McCoy ist im Vergleich dazu leider bloß ein unsympathisch gezeichnetes Substitut, was nicht minder für seine forcierte Verwandlung in die jüngste Inkarnation des Candyman gilt. Der gesamte Plot mit seinem fanatischen Adlatus (Colman Domingo) wirkt, obschon die inhaltliche Klammer zum Original sich immerhin recht geschickt vollzogen findet, ermüdend und wie mit der heißen Nadel gestrickt; schließlich vermisst man besonders Daniel Robitaille/Tony Todd, der dann leider nur ganz kurz in den letzten Sekunden in einem winzigen Gänsehaut-Auftritt zu sehen ist. Die im weiteren Verlaufe des Films vom Candyman umgebrachte Kunstkritikerin Finley Stephens (Rebecca Spence) bringt es recht früh auf den Punkt, als sie Anthony McCoy das Künstlerherz während einer Ausstellung kurzerhand bildhaft aus der Seele reißt: Die Gentrifizierung sei schuld daran, dass der rauen Urbanität ihre ursprüngliche, wilde Seele geraubt werde; der wohnflächesuchende Zustrom von Künstlern wie Anthony selbst, die die spottbilligen Appartments als ihre Ateliers mieten und die baufälligen Viertel damit um den Preis des Strukturwandels ihres maroden Charmes entledigten. Ein Schelm, wer diese Metapher auf DaCostas Film projiziert – doch genau das ist der Punkt. „Candyman“ 21 ist gewiss superschick, aber Barker hat er nicht verstanden.

5/10

MALIGNANT

„It’s time to cut out the cancer.“

Malignant ~ USA/CH 2021
Directed By: James Wan

Die jüngste Attacke ihres gewalttätigen Ehemanns Derek (Jake Abel) endet für die schwangere Madison Mitchell (Annabelle Wallis) mit einer blutigen Wunde am Hinterkopf. In der darauffolgenden Nacht erscheint ein seltsam verformter Eindringling im Haus der Mitchells, schlachtet Derek förmlich und bedroht auch die panische Madison. Diese erwacht später im Krankenhaus, nachdem sie abermals eine Fehlgeburt erleiden musste. Kurz darauf sterben mehrere betagte MedizinerInnen in Seattle eines ähnlich bestialischen Todes wie Derek. Die beiden Detectives Kekoa Shaw (George Young) und Regina Moss (Michole Briana White) verdächtigen Madison, doch sie und ihre Schwester Sydney (Maddie Hasson) beteuern vehement ihre Unschuld. Sowohl Sydneys Nachforschungen als auch die der beiden Cops fördern schließlich Unfassbares zu Tage: Madison, die einst von Sydneys Eltern adoptiert wurde, war vor rund dreißig Jahren als Patientin in der mittlerweile geschlossenen „Simion-Klinik“. Sie selbst kann sich an diese Zeit nicht mehr erinnern, sehr wohl jedoch daran, dass ein merkwürdiger imaginärer Begleiter namens Gabriel sie zu bösartigen Taten anstiftete…

James Wans „Aquaman“-Nachfolger führt den Regisseur wieder zurück auf die wohlvertrauten Pfade des veritablen Genrefilms, wobei der ja auch vielfach als Produzent umtriebige Filmemacher in rein stilistischer Hinsicht eine große rückgewandte Klammer bis hin zu seiner frühen Arbeit „Saw“ vollzieht. Ansonsten referenziert der stets fesch frisierte Wan eine Vielzahl offenbar prägender Motive und Topoi der Gattung, die irgendwo bei William Castle beginnt und ihre turbulente Reise quer durch das Werk von De Palma, Argento, Henenlotter und Cronenberg fortsetzt, bis sie eben irgendwann wieder bei Wan selbst mündet. Die angebliche Originalität, die diverse Reviews, die ich mittlerweile gelesen habe, „Malignant“ bescheinigen, treffen somit de facto kein bisschen zu und fußen offenkundig auf mangelnder Auseinandersetzung der betreffenden AutorInnen mit der Horrorfilm-Historie. Der parasitäre Zwilling Gabriel, dessen letzte physische Relikte sich in Madisons auffallend dicht beschopfter Hinterkopfregion befinden, geriert sich zweifelsohne als Hommage an seine „siamesischen“ Ahnen Dominique Breton oder Belial Bradley, die ihren diabolischen Einfluss auf ihre öffentlich sichtbaren Zwillinge auszuspielen pflegten und mithilfe von deren fragilem Geist und Körpern ihr finsteres Werk vollzogen. Vor allem die (hier in Form dokumentarischer VHS-Aufnahmen), entschlüsselnden Rückblenden und Gabriels Rachefeldzug an den verantwortlichen ChirurgInnen erweisen sich als eindeutige „Basket Case“-Reverenz in natürlich tricktechnisch wesentlich modernerer und budgetintensiverer Form – wie es überhaupt ein wenig verwundert, dass Warner und New Line Wans eigentlich im Indiehorror der härteren Gangart verwurzelten Stoff offenbar durchwunken ohne ihn Federn lassen zu lassen. Eine Vielzahl chinesischer Koproduzenten und vor allem die Superhelden machten’s wohl möglich, wobei ja auch der irrwischende Gabriel nicht wenig von einer metawesenhaften Entität besitzt. Wan scheut sich zudem kaum, allerlei campige Elemente durchzudeklinieren, die besonders zum Ende hin akut werden. Die Szenen, in der Madison/Gabriel in einer Frauengefängniszelle voller asozialem, lesbischen Weibsvolk (Anführerin: Zoë Bell) landen und hernach, natürlich bis aufs Blut gereizt, zunächst darin aufräumen, um dann noch das ganze dazugehörige Polizeirevier zu entvölkern, muss den ehedem monetär eingeschränkten Exploitationfilmern der Siebziger wie ein wahr gewordener, feuchter Traum anmuten. Dennoch sollte man „Malignant“ nicht grenzenlos hochjubeln. Er fühlt sich en gros und trotz seiner ellenlangen Inspirationsketten frisch, wild und spaßig an, das unterschwellige Gefühl, dass er diesem ersten Eindruck auf Dauer nicht wird standhalten können, mischt sich allerdings schon jetzt merklich hinzu, ebenso wie die etwas schal anmutende Registrierung der Tatache, dass der geschäftstüchtige Wan quasi bereits die Sequeloption allzu eklatant ab Werk mit eingebaut hat. Es wird sich erweisen müssen, was dereinst von „Malignant“ übrigbleibt.

7/10

A DARK SONG

„Do you know what you’re fuckin‘ doin‘?“ – „No.“ – „Well shut up then!“

A Dark Song ~ IE/UK 2016
Directed By: Liam Gavin

Um mittels paranormaler Beschwörungen Kontakt zu ihrem ermordeten Sohn Jack (Nathan Vos) aufzunehmen, mietet die trauernde Sophia (Catherine Walker) ein weit abgeschlagen stehendes Haus in Wales und rekrutiert den ebenso erfahrenen wie zynischen Okkultisten Joseph Solomon (Steve Oram). Dieser warnt die zunächst unaufrichtige Sophia mehrfach, ihm die Wahrheit über ihr Ansinnen zu unterbreiten und auch vor dem kräftezehrenden Effekt des über viele Monate andauernden Rituals. Dennoch bleibt Sophia bei ihrem Plan. Die beiden nunmehr völlig auf sich gestellten und von der Außenwelt isolierten Menschen durchringen unter Josephs strikter Anleitung die Sphären zu den jenseitigen Dimensionen und entwickeln dabei zugleich eine destruktive Beziehung zueinander.

Mit „A Dark Song“ legte der Ire Liam Gavin ein ebenso atmosphärisch dichtes wie involvierendes Langfilmdebüt vor, das einmal mehr demonstriert, welch farbenfrohe Auswüchse besonders das auf der Schattenseite des Mainstream stehende Genrekino in den letzten Jahren vermehrt treibt. Gavins spezifischer Begriff von Horror zeigt sich dabei von intimen psychologischen und parapsychologischen Triebfedern gesteuert. Diese Agenda veräußert sich primär in der formal wie inhaltlich strengen kammerspielartigen Gestaltung von „A Dark Song“, der sich als Zwei-Personen-Stück mit wenigen Ausnahmen auf ein abgegrenztes Setting beschränkt und konzentriert. Die Reise der beiden ProtagonistInnen in die Gefilde abseits von Zeit und irdischer Physik avanciert dabei gleichermaßen zu einem Parforceritt in ihre eigenen seelischen Unwägbarkeiten; die unter Josephs vehementer Anleitung akribisch durchgeführten Praktiken beinhalten gleichfalls psychische und physische Grenzzustände, die sich durch „Reinigungsprozesse“ wie Entgiftung, Fasten, Schlafentzug, die (daraus resultierende) gezielte Evozierung halluzinogener Erfahrungen, sexuelle Askese und schließlich eine erzwungene Nahtoderfahrung einstellen. Der jeweils geforderte Tribut ist von immenser Tragweite, mündet jedoch in eine geradezu sphärische Erlösung Catherines, die am Ende gewissermaßen ihre eigenen Dämonen exorzieren kann.
Ihr Entwicklungsprozess wird dabei mit weitgehend konventionellen Versatzstücken der Gattung untermalt, geriert sich durch deren intelligenten und kompetenten Einsatz jedoch oftmals auf zufriedenstellende Weise unheimlich. Die mit stark religiösen Implikationen arbeitende conclusio nimmt sich indes streitbar aus und konnte mich nicht zur Gänze überzeugen, obgleich sie in ihrer ausnahmsweise positiven Konsequenz durchaus folgerichtig erscheint. Trotzdem hätte ich für einen etwas nachhaltigeren Impact einen fatalistischen Abgang bevorzugt – meine eigene dunkle Seite scheint da doch allzu fordernd.

8/10

ANYTHING FOR JACKSON

„A mother’s a mother…“

Anything For Jackson ~ USA 2020
Directed By: Justin G. Dyck

Um seinen bei einem Autounfall zu Tode gekommenen, kleinen Enkelsohn Jackson (Daxton William Lund) zurück ins Leben zu holen, sucht das ansonsten durchaus liebenswerte, ältere Ehepaar Audrey (Sheila McCarthy) und Henry Walsh (Julian Richings) in seiner Verzweiflung Hilfe in satanischen Praktiken. Henry ist zudem Gynäkologe und betreut als Patientin die partnerlose, werdende Mutter Shannon Becker (Konstantina Mantelos), deren Leibesfrucht das ideale Gefäß für Jacksons Wiederkehr bietet. Also entwickeln die Walshs einen großangelegten Plan für ein passendes Beschwörungsritual, kidnappen Shannon und fesseln sie in einem schallisolierten Raum ihres Hauses ans Bett. Doch die hernach eingeleitete Prozedur entpuppt sich als Rechnung ohne Wirt: Mit Jacksons Geist und dem behelfsweise angerufenen Dämon bahnen sich nämlich noch einige andere Wesen aus dem Zwischenreich ihren Weg ins Haus der Walshs, die nicht allerbester Laune sind. Zudem duldet der Dämon keinerlei Störungen durch Außenstehende. Da alles nicht so ganz wie versprochen läuft, suchen die Walshs Hilfe bei dem Nachwuchssatanisten Ian (Josh Cruddas) – ihr letzter Fehler.

Ein Blick in das bisherige Œuvre von Regisseurs Justin G. Dyck ernüchtert dann doch etwas: Der Mann hat mit Ausnahme des vorliegenden Horrorjuwels ausschließlich und wie am Fließband Familienspäße und Adaptionen von RomCom-Geschichten des Groschenroman-Publishers „Harlequin“ inszeniert, darunter eine ganze Reihe (mutmaßlich ziemlich) kitschiger (augenscheinlich jedoch recht beliebter) Weihnachtsfilme fürs kanadische Kabelfernsehen.
Dass ausgerechnet aus dem zementgleichen Schaffen eines solchen Herrn eine schwarze Blume wie „Anything For Jackson“ hervorsprießt, verwundert da nicht wenig. Dyck und sein Autor Keith Cooper haben sich da offenbar lustvoll von ihrer (teilweise gemeinsamen) üblichen Profession freigeschärlt, um etwas ihrer „regulären“ Arbeit gänzlich Diametrales entgegenzusetzen – mit verdientem Erfolg. „Anything For Jackson“ erzählt sein winterliches Teufelsmärchen geradezu unaufgeregt und mit immer wieder aufblitzendem, sanftem Humor, der ebenso schwarz wie subtil um die Ecken lugt. Dass der Stoff im Prinzip knallharte Genrekost bietet, lässt der visuell vergleichsweise zurückhaltende Film dabei allerdings nie außer Acht und geht seinen Weg unbarmherzig bis zum bösen Ende. Erfrischend fand ich dabei die Observierung kleinstädtischer satanistischer Subkultur, der „Anything For Jackson“ eine Mini-Milieustudie spendiert: Die Walshs sind, natürlich einzig wegen ihrer persönlichen Agenda, Mitglieder in einer lokalen „Church Of Satan“, die ihre Messen im Hinterzimmer der hiesigen Bibliothek abhalten und die ansonsten aus eher gelangweilt scheinenden Außenseitern zu bestehen scheint – mit Ausnahme des später bemüßigten Ian, eines verschrobenen, Black Metal hörenden Muttersöhnchens, das den vermeintlichen Mummenschanz im Gegensatz zu den anderen jedoch ziemlich ernst nimmt.
Wo üblicherweise unbedarfte Teenager mit Ouija-Brettern hantieren, beschwört in „Anything For Jackson“ nun ein gesetztes, gesellschaftlich sehr respektables Ehepaar eine höllische Heerschar herauf. Der Endeffekt ist allerdings ähnlich und wohl nicht erst seit Goethe stets derselbe. Wie die eigentlich doch wohlmeinenden Walshs dann von Geistern und vor allem einem sich in letzter Instanz manifestierenden, unförmigem Dämon heimgesucht werden, das erzählen Dyck und Cooper absolut gekonnt, ideenreich und einwandfrei – und drehen lahmarschigen, aber sehr viel teureren 08/15-Studio-Produktionen wie etwa dem jünsten „Conjuring“-Sequel zugleich eine lange Nase.

8/10