RIGET

Zitat entfällt.

Riget (Kingdom – Hospital der Geister) ~ DK/SW/NW/NL/D/F/I 1994/97
Directed By: Lars von Trier/Morten Arnfred

Kopenhagens größtes Hospital, das Reichskrankenhaus, hat eine lange Geschichte. Einst erbaut auf Moorland, dass im Mittelalter Bleichern und Färbern als Arbeitsstätte diente, ist der altehrwürdige Gebäudekomplex vor allem ein Symbol des wissenschaftlichen Fortschritts, für den Übergang zur Neuzeit im Zeichen der Aufklärung.
In der neurochirurgischen Abteilung der Klinik geht es heuer drunter und drüber. Die alte Dauerpatientin Sigrid Drusse (Kirsten Rolffes), deren gemütlicher, bierliebender Sohn Bulder (Jens Okking) hier als Pfleger arbeitet, hat Kontakt zur Welt der Geister. Ein kleines, totes Mädchen namens Mary (Annevig Schelde Ebbe), bedeutet ihr aus dem Jenseits, die Umstände seines Todes zu ermitteln. Wie alles andere im Haus geht sie auch dem aus Schweden herversetzten Oberarzt Helmer (Ernst-Hugo Järegård) immens auf die Nerven, der vor Kurzem einen schweren Operationsfehler bei einem jungen Mädchen (Laura Christensen) verursacht hat und diesen mit allen Mitteln zu vertuschen sucht. Noch mehr fühlt sich Helmer demzufolge von Chefarzt Moesgaard (Holger Juul Hansen) bedrängt, einem hochgradigen Neurotiker, der in permanenter Angst vor der Krankenhausleitung und dem Gesundheitsamt die „Aktion Morgenluft“ entwickelt hat, welche einen betont freundschaftlichen Umgang sämtlicher Stationsmitarbeiter erzielen soll. Der drogenaffine Assistenzarzt Krogshøj (Søren Pilmark) ist derweil nicht nur damit befasst, allerlei Equipment verschwinden zu lassen, sondern zudem über sämtliche Umtriebe genauestens Bescheid zu wissen und sie bei Bedarf für seine persönlichen Zwecke zu verwenden. Seine Liebe zu der Kollegin Petersen (Birgitte Raaberg) wandelt sich bald in blanke Angst, als er erkennt, dass der Vater des Babys, welches sie erwartet, eine Reinkarnation des bösen Dämons Åge Krüger (Udo Kier) ist, vor vieleLn Jahren Krankenhauschef, unehelicher Vater und Mörder der kleinen Mary und nunmehr höllischer Bösewicht. Das alsbald geborene Kind (Udo Kier) entwickelt sich binnen kurzer Zeit zu einem grotesken Monster, widersteht jedoch tapfer dem Einfluss seines Vaters. Moesgaards nutzloser Sohn Mogge (Peter Mygind) steht indes kurz vor seiner Facharztprüfung, interessiert sich jedoch einzig und allein für die deutlich reifere Schlafforscherin Camilla (Solbjørg Højfeldt).Mogges Lehrer, der Pathologe Bondo (Baard Owe) derweil besessen von seinen Forschungen zum Bereich Leberkrebs, was ihn zu extremen Maßnahmen treibt.

„Riget“ besteht aus zwei, im Abstand von drei Jahren entstandenen, vierteiligen Staffeln, die chronolgisch nahtlos aneinander anknüpfen und sich mit Ausnahme winziger Details (Vorspann) auch in der Wahl ihrer eigenwilligen Form durchweg gleichen. Obschon Lars von Trier dafür teilweise auf seine „Dogma 95“-Statuten zurückgreift – vor allem die verschmierte, rostbraune Kamera nebst der haltlos verwackelten Einstellungen und jump cuts hinterlässt ihre notorischen Spuren – hält er deren maßgebliche Strenge nicht vollends durch. So gibt es etwa eine Musikstonpur und auch die diversen, phantastischen Inhalte pflegen eine eindeutige Genreanbindung. Ein Trisomie-21-Pärchen (Vita Jensen, Morten Rotne Leffers), im Krankenhaus als Spülkräfte beschäftigt, fungieren als allwissende Kommentatoren im Stil der griechischen Tragödie nach Sophokles, die zwei- bis dreimal pro Episode kryptische Hinweise liefern. Zudem tritt am Ende jeder Folge von Trier höchstpersönlich neben den laufenden Abspann und resümiert das soeben Gesehene als Gastgeber des Publikums. Allerdings entsprechen die Avancen in Richtung der Gattung Horror, sofern man von dieser überhaupt sprechen mag, eher Ausflüge in den Bereich der grotesken Komik. Im Gedächtnis bleibt unweigerlich vor allem Udo Kier als monströs mutierter Dämonenhalbling „Brüderchen“ mit immens verbauten Gliedmaßen und eben dem Kopf von Kier, der bald nurmehr in einem Spezialgestell hängen kann, um durch sein gewaltiges Eigengewicht nicht in sich zusammenzufallen. Brüderchens Auftritte erinnern teils an Lynchs „Elephant Man“, sind andererseits jedoch von genüsslicher Widerwärtigkeit. Sehr viel nachhaltiger als das Trara um paranormale Erscheinungen im und ums Reichskrankenhaus ist vielmehr der brillante Ansatz, die Parodie einer x-beliebigen Krankenhaussoap zuwege zu bringen. Die zahlreichen Charaktere bieten hinreichend Projektionsfläche für eine fasziniernde Sammlung unterschiedlichster Kauzigkeiten. Inhaltliche Wendungen und Enthüllungen, wie sie zum üblichen Konzept einer jeden soap opera gehören, erweisen sich als betont absurd. Obgleich es nicht eben leichtfällt, sich eine Lieblingsfigur auszusuchen, kann man eigentlich gar nicht anders, als den unglaublichen Stig Helmer dazu zu küren. Helmer ist ein Fiesling und Misanthrop, wie er vollendeter gar nicht sein könnte, ein selbsträsonistisches Arschloch, nationalistisch, eitel und dazu noch beruflich inkompetent. Järegård spielt diesen Hundsfott mit solch genüsslicher Leidenschaft, dass man wirklich jeden einzelnen Aufzug mit ihm förmlich aufsaugt. Wie er sich im späteren Verlauf um eine Voodoo-Medizin bemüht, um den verhassten, ihn erpressenden  Krogshøj gefügig zu machen (was natürlich gründlich danebengeht), das nimmt sich wahrlich sagenhaft aus. Dicht gefolgt findet sich Helmer von Chefarzt Moesgaard, der mehr oder weniger unwillkürlich an den vertrottelten Commandant Lassard (George Gaynes) aus den „Police Academy“-Filmen erinnert, dessen professionelle Schwachbrüstigkeit jedoch wundervoll ausformuliert. Moesgaard nimmt jeden noch so hanebüchenen Rat an, um seiner Neurosen Herr zu werden und gerät an den verrückten Therapeuten Ole (Erik Wedersøe) und dessen widersinnige Behandlungsmethoden. Gleichauf mit Moesgaard: Der Pathologe Palle Bondo, der völlig davon besessen ist, das Lebersarkom eines sterbenden Patienten zu konservieren und dafür soweit geht, sich das nekrotische Organ zwischenzeitlich selbst einpflanzen zu lassen, um es nur ja nicht zu verlieren.
Zu den Höhepunkten dieses grandiosen Narrenzirkus‘ gehören auch die Sequenzen um die Sitzungen der Geheimloge der betagteren Mediziner des „Riget“: Was eigentlich eine einflussreiche Gruppe in der Tradition der Freimaurer sein sollte, erweist sich als eine abstruse Ansammlung sich eindeutig viel zu wichtig nehmender, alter Kindsköpfe, von denen man keinen einzigen ernst nehmen kann.
„Riget“, ein vitaler Quell scharfen bis abseitigen Humors, ist ungebrochen großartig und ein Musterexempel dafür, was Fernsehen zu leisten im Stande ist, wenn man es nur lässt.

9/10

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THE DEVIL’S CANDY

„He’s no mask in a Halloween store, he’s not what you see in the movies.“

The Devil’s Candy ~ USA 2015
Directed By: Sean Byrne

Die dreiköpfige Familie Hellman, Vater Jesse (Ethan Embry), Mutter Astrid (Shiri Appleby) und Tochter Zooey (Kiara Glasco), erwirbt ein günstiges Haus in der texanischen Provinz nebst großzügigem Hallenanbau, in dem Jesse, Metal-Fan und Maler, sein neues Atelier einrichtet. Der zuständige Makler (Craig Nigh) verschleiert die zuvor dort stattgefundenen Vorkommnisse, die den geisteskranken Ray Smilie (Pruitt Taylor Vince) umwabern. Jener hatte in diesem Haus gewohnt, ist nun gezwungen, in einem Motel abzusteigen und macht sich schon bald bei den Hellmans bemerkbar. Während Zooey dem merkwürdigen, dicken Mann zunächst noch offen gegenübersteht, ist er ihren Eltern sogleich unheimlich. Dieser Verdacht erweist sich als berechtigt: Smilie ist ein Serienkiller, der sich von Satan persönlich beauftragt wähnt, sein blutiges Werk zu verrichten. Jesse gestaltet in tranceartigen Zuständen derweil zunächst ein umgedrehtes Kreuz und dann ein riesiges Gemälde, das neben anderen schreienden Kindern in einer Art Höllenfeuer auch Zooey zeigt und mit dem er das Interesse des Galeristen Leonard (Tony Amendola) weckt. Nachdem Smilie kurz darauf Zooey entführt und beinahe ermordet, bevor sie in letzter Sekunde entkommen kann, schalten die Hellmans die Polizei ein, was sich angesichts des mittlerweile rasenden Smilie als wenig hilfreich erweist…

Nach James Mangolds „Identity“ sehen wir in „The Devil’s Candy“ Pruitt Taylor Vince abermals als geistesgestörten Serienkiller, hinter dessen bärig-freundlich erscheinendem Äußeren sich die Bestie verbirgt. Die Interpretation, ob sich hinter den seltsamen Geschehnissen, darunter eben Smilies Psychose, die ihn Befehle zu hören wähnt, Jesses „prophetische“ Malerei oder sein Treffen mit dem höchst mysteriösen Mäzen Leonard, dessen Galerie nebenbei „Belial“ heißt, tatsächlich übernatürliche, sprich: satanische Zusammenhänge verbergen, überlässt Autorregisseur Sean Byrne dem Zuschauer. Zumindest einzelne, bestimmte Faktoren legen einen solchen Schluss nahe. Jedoch bezieht „The Devil’s Candy“ gerade aus diesen vagen, in der Schwebe belassenen Andeutungen einen Großteil seines spezifischen Reizes. Daran, dass Byrne ganz nebenbei auch und wenn nicht gar primär einen Film für sich selbst als fanboy gemacht hat, lässt er wenig Zweifel: Jesses und Zooeys Affinität zu harter Musik, die sich in entsprechendem Styling von Vater und Tochter, der nicht unwichtigen Nebenrolle einer Gibson Flying V und diversen Einspielern passender Bands (u.a. Metallica, Sunn O))), Slayer, Pantera) äußert, ist ganz bestimmt auch Byrne zuzuschreiben.
Passend zu diesem durchaus sympathisch konnotierten Offenbarungseid bleibt „The Devil’s Candy“ als recht erfreulicher, kleiner, aber sauberer und keinesfalls unintelligenter Genrevertreter im Gedächtnis haften, der seine Chance verdient.

7/10

WAKE WOOD

„Back to the trees and into the woods!“

Wake Wood ~ IE/UK 2009
Directed By: David Keating

Nachdem sie ihre kleine Tochter Alice (Ella Connolly) durch eine Hundeattacke verloren haben, ziehen Tierarzt Patrick (Aiden Gillen) und seine Frau Louise (Eva Birthistle) in das abgelegene Dörfchen Wakewood in der tiefsten irischen Provinz. Der Verlust sitzt ihnen noch immer tief im Nacken, zugleich spüren sie jedoch, dass in Wakewood nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Offenbar pflegen die Bewohner hier und da noch alte, paganistische Rituale und halten heidnische Beschwörungen ab. Louise findet heraus, dass der alte Arthur (Timothy Spall) die Fähigkeit hat, Tote für die begrenzte Zeit von drei Tagen zurück ins Leben zu holen, wo sie sich ihre Lieben nochmals von ihnen verabschieden können, bevor sie endgültig ins Jenseits übergehen – allerdings darf die betreffende Seele nicht länger als zwölf Monate verschieden sein. Louise und Patrick wollen auch Alice nochmal wiedersehen, verschweigen jedoch, dass sie bereits mehr als ein Jahr tot ist. Es kommt zur Katastrophe…

Überdeutlich orientiert an „Don’t Look Now“ und „Pet Sematary“ bringt Keating seine schöne, kleine Schauermär über Verlust und den maßvollen Umgang mit ihm in seine kontemplative Bahn. Zwar sind und bleiben die Vorbilder stets deutlich erkennbar, „Wake Wood“ ergeht sich jedoch niemals in deren bloßer Kopie, sondern zollt ihnen respektvoll Tribut, indem er sich ganz unspektakulär als Hommage begreift. Zudem hat mir gut gefallen, dass der Film die nicht immer einfache Gratwanderung zwischen der Schaffung einer unheimlichen Grundstimmung und der Hinzuziehung härterer Unappetitlichkeiten meistert, ohne je sein rechtes Maß einzubüßen. Die Idee, ein altes, irisches Dorf und seine Bewohner zu Überlieferern von paranormalen Geheimnissen aus uralter Zeit zu machen, erscheint mir darüberhinaus sehr reizvoll, wobei mit Timothy Spall sozusagen der rechte Anführer für das entsprechende Völkchen gefunden ward. Heimliche Höhepunkte stellen in diesem Zusammenhang die Wiedererweckungsszenen dar, die ihre gezielt unheilvolle Wirkung nicht verfehlen. Ein erfreulicher, kleiner Beitrag außerdem zum Subgenre „mordende Wechselbälger“.

8/10

THE VOID

„You’d be surprised at the things you find when you go looking.“

The Void ~ CAN 2016
Directed By: Jeremy Gillespie/Steven Kostanski

Als Deputy Carter (Aaron Poole) während seiner nächtlichen Streife einen Junkie (Evan Stern) aufgreift und zum nahegelegenen Krankenhaus bringt, ist dies der Beginn eines Albtraums: Während sich vor dem Gebäude eine seltsame Gruppe stummer, vermummter Sektierer versammelt, drehen nach und nach Belegschaft und Patienten wahlweise durch oder verwandeln sich in schleimige Monster. Als Urheber des Grauens erweist sich Chefarzt Dr. Powell (Kenneth Walsh), der ganz spezielle Pläne verfolgt und im Keller des Hospitals ein Speziallabor verbirgt…

Als Episode in einem Anthologie-Film wäre „The Void“ besser aufgehoben gewesen, wie ich glaube; zumindest hätte eine entsprechend notwendige Straffung Plot und Film diverse dramaturgische Durchhänger erspart und den der Geschichte durchaus innenwohnenden Zug wesentlich konzentrierter herausschälen können. So weiß „The Void“ manchmal nicht recht, wohin mit sich, um seine obligatorischen eineinhalb Stunden Erzählzeit adäquat auszufüllen. Es gibt immer wieder Momente, die Potenzial, Können, Kenntnis und sogar die Tendenz zu genuiner Großartigkeit durchschimmern lassen – das nicht abzuleugnende Problem liegt jedoch darin, dass ebendiese Augenblicke zu keiner kompositorischen Einheit finden, stattdessen solitäre Blitzlichter bleiben innerhalb eines Films, den man gern sehr viel besser finden würde.
Wie die allermeisten jüngeren Genrefilmer erweisen auch die Regie- und Autorendebütanten Gillespie/Kostanski, die an einigen größeren Produktionen der jüngeren Zeit als Kreativköpfe im Hintergrund mitgearbeitet haben, sich als gelehrige Studierende und Absolventen ihrer Hausaufgaben: Neben Lovecraft als konsequentem literarischen Einfluss schimmern vor allem Carpenter und Fulci als omnipräsente Inspiration durch die diesigen Eingeweide des höllischen Krankenhauses. Während sich im Falle Carpenter gar aus etlichen seiner Arbeiten Motive entdecken lassen (durchaus trinkspielgeeignet), ist es betreffs Fulci vor allem die Ausrichtung des Ganzen, die mit fortlaufender Spieldauer augenscheinlich immer konfusere, unirdischere Bahnen annimmt, bis hin zur totalen Auflösung von Zeit und Raum.
„The Void“ gehört somit gewiss zu den besseren Horrorfilmen der jüngeren Zeit; ihren wirklich großen, nachhaltigen Beitrag zum Genre bleiben uns die beiden Autoren allerdings noch schuldig.

6/10

RINGU

Zitat entfällt.

Ringu (Ring – Das Original) ~ J 1998
Directed By: Hideo Nakata

Tomoko (Yūko Takeuchi), die Nichte der Journalistin Reiko Asakawa (Nanako Matsushima), stirbt eines mysteriösen Todes. Reiko findet heraus, dass Tomokos Ableben in direktem Zusammenhang steht mit einer Geschichte, der sie ohnehin auf der Spur ist: Offenbar kursiert unter den Teenagern eine Videocassette mit obskurem Inhalt, deren Betrachtung stets ein Anruf folgt, bei dem dem oder den vormaligem/n Zuschauer/n mitgeteilt wird, dass er in sieben Tagen sterben müsse. Reikos alsbald von Erfolg gekrönte Investigation führt bald dazu, dass auch sie das Band zu Gesicht bekommt, mit demselbem Effekt wie gehabt. Ihr Ex-Mann Ryūji (Hiroyuki Sanada), zugleich Vater des gemeinsamen Sohnes Yoichi (Rikiya Ôtaka), unterstützt sie bei den weiterführenden Ermittlungen, die sie in die Provinz und auf die Spur des Mediums Sadako Yamamura führen, dessen unruhiger, von Rache getriebener Geist offenbar hinter der ganzen Ereigniskette steckt. Als auch Yoichi das Band sieht, wird es brenzlig, doch Reiko findet eine Methode, den Fluch abzuwenden.

Wer mich und/oder meine Betrachtungspräferenzen kennt, der weiß es längst: Mit diversen Filmen aus dem Fernöstlichen habe ich meine ganz individuelle, hochspezifische Not, was ich ernsthaft bedauerlich finde, da ebenjene Inkompatibilität mich immer wieder von wahrscheinlich ganz famosen Kabinettstückchen fernhält und mir somit Einblicke verwehrt bleiben, die weniger gehemmten Zeitgenossen mitunter höchste Juchzer entlocken. Auch „Ringu“ habe ich bis vor Kurzem noch stetig und tapfer vor mir hergeschoben. Das US-Remake von Gore Verbinski habe ich mir einmal, als es gerade aktuell war, angeschaut und fand es schon damals wenig beeindruckend, was dem Drang danach, das Original nachzuschieben, nicht eben zuträglich war.
Kann (oder mag) man im Falle „Ringu“ von so etwas wie einem Hype sprechen? Aber ja! Die Tatsache, dass es mehrere internationale Variationen nebst Fortsetzungen, hauseigene Ableger, eine TV-Serie und Ähnliches gibt, sprechen sehr wohl dafür.
Das latente Problem der uneinlösbaren Vorschusslorbeeren gesellte sich ergo ergänzend hinzu und jetzt stehe ich immer noch vergleichsweise ratlos da. Bestimmt, Natakas Film hat seine Momente, etwa wenn Reiko und Ryūji per Schiff zur Insel Ōshima reisen und dort Sadako und ihrem einstigen Schicksal nachspüren. Von der kontemplativen, und doch allgegenwärtigen Intensität, die speziell diesen Teil des Films bestimmt, hätte ich mir mehr gewünscht. Wie mir auch die ja wesentlichen Schocker-Augenblicke, in denen Sadako dann endlich aus dem Fernseher kriecht, vergleichsweise unspektakulär erschienen.
Bekanntlich ist es mit der Evokation wahren Grauens wie bei jener etlicher anderer Emotionen auch: Es gibt einen gewissen Hauptnenner, von dem sich jedoch nicht jeder zwangsläufig mitnehmen lassen möchte, kann oder muss. Die Geschichte eines verfluchten VHS-Bandes, so doppelbödig und im Grunde witzig die Idee auch sein mag, kam mir damals ebenso albern vor wir heute. Zu brav ist mir das Ganze außerdem. Und wo bereits das Basale fehlt, gibt es eben wenig Chancen für Fruchtbarkeit. Ich respektiere „Ringu“ und seinen vermutlich unanfechtbaren Status als kanonisches Hauptwerk des Genre, finde selbst zu ihm jedoch nur wenig Zugang – und umgekehrt.
Und genug gerechtfertigt.

5/10

SAINT ANGE

Zitat entfällt.

Saint Ange (Haus der Stimmen) ~ F 2004
Directed By: Pascal Laugier

Die französischen Alpen, 1958: Saint Ange, ein Heim für Kriegswaisen, soll nach vielen Jahren geschlossen werden. Die hochschwangere Anna Jurin (Virginie Ledoyen), die sich mit ihrem Zustand nicht arrangieren mag und das Kind lieber nicht bekäme, flüchtet sich als Arbeitskraft in das weit abgelegene Gebäude. Einzig die Hausmutter Ilinca (Dorina Lazar) und die etwas „merkwürdige“ Insassin Judith (Lou Doillon) befinden sich nun außer Anna noch in dem Komplex. Seltsame Träume und Visionen sowie Geschichten von „unheimlichen Kindern“, die noch irgendwo im Hause leben sollen, machen der infolge ihrer ungewollten Schwangerschaft ohnehin gequälten Anna zu schaffen. Der Schlüssel zum Geheimnis liegt offenbar im Waschraum…

Laugiers Erstling nimmt sich ziemlich kryptisch aus in zunehmendem Verlauf und „Auflösung“, die für mein Dafürhalten etwas zu mysteriös und interpretationsbedürftig daherkommt. Vermutlich ist es hier jedoch mit einer Betrachtung ohnehin nicht getan, begibt man sich auf die Spur der ultimativen Wahrheit um Anna Jurins Schicksal.
Genrefilme um betagte Waisenheime und/oder gespenstische Kinder hatten zur Entstehungszeit von „Saint Ange“ ja gewissermaßen Hochsaison und fairerweise muss man konstatieren, dass Laugier der Subgattung durchaus gerecht wird betreffs der Schaffung einer unheimlichen bis desolaten Atmosphäre. Das figurale Hauptgewicht liegt bei der von Virginie Ledoyen sensibel interpretierten Protagonistin, die offenbar ein schweres Schicksal hinter sich hat, das bis auf die Sichtbarkeit körperlicher Narben (Narben von Peitschenhieben, Spuren ausgedrückter Zigaretten und ihre offensichtlich von einer Vergewaltigung herrührende Schwangerschaft) keiner weiteren Indizien entbehrt. Auch das sich in den Untergewölben des Hauses abspielende Finale bereitete mir geflissentliches Kopfzerbrechen: Vermutlich mit den Nazis in Zusammenhang stehende Experimente an Kinder oder auch Euthanasie könnte hier einst stattgefunden haben – nur sind deren noch an Leben befindliche Relikte nun tatsächlich existent, bloße Ausgeburten von Annas gebeutelter Phantasie oder gar Gespenster, die keine Ruhe finden? Zumindest der von einer möglichen Erlösung erzählende Epilog engt die Lesmöglichkeiten ein wenig ein, wenn auch die enigmatische Rätselhaftigkeit des Ganzen nie wirklich vollständig aufgelöst wird.

7/10

ARRIVAL

„Non-zero sum game.“

Arrival ~ USA 2016
Directed By: Denis Villeneuve

Nachdem Außerirdische mit zwölf anscheinend baugleichen, annähernd eiförmigen Schiffen auf der Erde gelandet sind, stehen die führenden Nationen zunächst vor dem großen Problem der Kommunikationsaufnahme. Die geheimnisvollen Wesen aus dem All pflegen sich nämlich anders als wir mittels Rauchzeichen zu verständigen. Nachdem die Linguistikexpertin Louise Banks (Amy Adams) und der Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) vom Militär rekrutiert wurden, das in Montana gelandete Raumschiff nebst seiner Insassen zu untersuchen, beginnt ein langwieriger Prozess des Verstehenlernens. Da neben der Verständigung vor allem auch die Intentionen der Extraterrestrier mysteriös bleiben, fangen bald die ersten großen Nationen an, in Panik zu verfallen und die Landungen als kriegerische Provokation zu interpretieren. Man beginnt, mit Atomwaffen gegen die Aliens mobil zu machen, bis Louise den rettenden Einfall hat.

Nach seinem monumentalen Drogenkriegsthriller „Sicario“ und in Anbetracht des Bekanntwerdens der nahezu unstemmbaren Aufgabe, für das kommende „Blade Runner“-Sequel verantwortlich zu zeichnen, war ich dann doch ziemlich gespannt auf Denis Villeneuves „Arrival“. Die kürzlich erfolgte Betrachtung des Films fiel dann eher ernüchternd aus – hier kredenzt der mittlerweile hoch gehandelte Kanadier uns seine von eher larmoyant-trägem pacing geprägten Neuinterpretation zweier beleumundeter Genreklassiker, sprich: „The Day The Earth Stood Still“ und „Close Encounters Of The Third Kind“. Aus ersterem findet sich das Motiv der infolge multipler innerer Konflikte am Rande der Selbstzerstörung tänzelnden Erde wieder und der damit einhergenden, unmissverständlichen Warnung von „außerhalb“ (wobei die Mahnung an die Menschheit sich weniger durch gezielte Aufmerksamkeitslenkung durch die Außerirdischen ergibt, sondern schlicht durch deren enigmatische Anwesenheit bei uns); aus zweiterem der private, innere Konflikt der Protagonistin, die das einstige „Aussteigen“ von Richard Dreyfuss‘ Figur Roy Neary quasi uminterpretiert zu einem bewussten „Einstieg“ in eine sorgenvolle Zukunft. Der Clou von Eric Heisserers Script bzw. Ted Chiangs zugrunde liegender Story und damit das, was „Arrival“ abseits seiner sonstigen Eigenschaften eine spezifische Qualität verleiht, liegt freilich in der Entschlüsselung der Wahrnehmungsweise der Fremden: Durch sie, respektive durch Louise Banks‘ Bemühungen lernen wir Menschen nämlich das vierdimensionale Denken, also die Fähigkeit, jedwedes biographische Ereignis unabhängig von dem „Wann“ nach Belieben immer wieder durchleben zu können, was uns zwangsläufig auf eine wesentlich höhere interstellare Entwicklungsstufe hievt sowie ein ungleich bewussteres Durchdenken von Entscheidungen und Alternativen ermöglicht. Dass diesem ja durchaus hübschen philosophischen Ansatz allerdings ein eher langwieriges, inszenatorisch natürlich sauberes, aber eher emotionsentledigtes, fahlbildriges Tamtam nebst diffusen Eso-Anleihen vorausgeht, das empfand ich vor allem rückblickend als eher redundant. Wobei ich andererseits auch nicht festzustellen vermochte, wie man’s denn viel besser hätte machen mögen.

7/10