SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK

„Stories hurt, stories heal.“

Scary Stories To Tell In the Dark ~ USA/CA 2019
Directed By: André Øvredal

Mill Valley, Pennsylvania 1968: Ein folgenreicher Halloween-Streich endet für die drei befreundeten Teenager und Horrorliebhaber Stella (Zoe Margaret Colletti), Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur) sowie den just dazugestoßenen Chicano Ramón (Michael Garza) im verlassenen Anwesen der Familie Bellows – einer einst wohlhabenden Dynastie von Textilunternehmern, der Mill Valley die Hauptursache seiner Existenz verdankt. Doch wie die meisten reichen Sippen umweht auch die Bellows‘ ein dunkles Geheimnis – einst wurde deren Tochter Sarah (Kathleen Pollard) zunächst von der Außenwelt isoliert und versteckt gehalten, um dann später in einer unweit entfernten Irrenanstalt mit Elektroschocks „therapiert“ zu werden. Sarah, die seit damals in dem alten Haus ihr gespenstisches Unwesen treiben soll, ist auch die Autorin eines seltsamen Geschichtenbuchs, das die von irrationalen Schuldgefühlen geplagte Stella findet und mit sich nimmt. Mit jenem Buch hat es Mysteriöses auf sich – es schreibt seine Gruselgeschichten selbst unumwunden mit blutiger Tinte, derweil das Niedergeschriebene sich parallel in der Realität abspielt und die jungen Leute ins Verderben reißt. Da das Buch sich nicht vernichten lässt, muss Stella nun seiner Autorin auf die Spur kommen…

„Scary Stories To Tell In The Dark“, inszeniert von dem vielversprechenden norwegischen Regisseur André Øvredal und produziert von Guillermo del Toro basiert auf einer Serie von Gruselgeschichten-Anthologien, die der Autor Alvin Schwartz in den Achtzigern und Frühneunzigern speziell für eine jüngere Leserschaft verfasst und veröffentlicht hat. Mit dem verbindenden Plot der sich aus dem Jenseits rächenden Sarah Bellows fand der Film einen passenden narrativen Überbau, um seinen Episoden um einige, eine Teenagergruppe heimsuchende, grauslige Ereignisse inhaltliche Kohärenz zu verleihen und seine monströsen Gestalten und Segmente um die lebende Vogelscheuche Harold, einen Zombie auf der Suche nach einem fehlenden Zeh, eine fiese Spinnenschwangerschaft, die aufdringliche Pale Lady und den verwachsenen Jangly Man miteinander verquicken zu können. Dabei erweist sich der Release-Termin von „Scary Stories“ nicht eben klug gewählt, um nicht zu sagen ungünstig in einer Zeit, in der Retro-Geschichten um juvenile Freunde in Kleinstädten beileibe kein innovatives Sujet mehr abgeben. Doch genau auf diesen ausgetrampelten Pfaden wandeln Øvredal und del Toro abermals, wenngleich sie immerhin bis in die Sechziger zurückblicken, die sich im Filmkontext allerdings bestenfalls durch spezifische Details wie etwa das in der Ferne spukende Vietnam von den in jener Subgattung üblicherweise abgefrühstückten achtziger Jahren unterscheiden. „Scary Stories“ greift als vergleichsweise harmlos gewebter PG-13-Halloween-Grusler auf einige hübsche Einfälle zurück, die im Ansatz den fruchtbaren Ideenpool seiner Kreativköpfe erahnen lässt, bleibt am Ende aber dann doch zu gewöhnlich, vorhersehbar und beliebig für ein Publikum jenseits des fünfzehnten Lebensjahrs, das mit Episodenhorror und teenage angst seine hinlänglich lieben, langjährigen Erfahrungen sammeln konnte. Der bereits unzweideutig auf ein vorgeplantes Sequel verweisende Epilog versagt dann auch weitgehend in seinem Bestreben, diesbezügliche Neugier zu schüren. Nett, nicht mehr.

6/10

LA CASA DELLA PAURA

Zitat entfällt.

La Casa Della Paura (Das Haus der Angst) ~ I 1974
Directed By: William Rose/Robert H. Oliver

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt kommt die junge, zuvor unschuldig wegen Drogendealerei verurteilte Margaret Bradley (Daniela Giordano) im Haus von Mrs. Grant (Giovanna Galletti) unter. Darin fühlt sie sich jedoch alles andere als wohl: Nicht nur dass die aufdringliche Gastwirtin einen sehr konservativen Gerechtigkeitssinn pflegt, gehen auch sonderbare Personen wie der mysteriöse Mr. Dreese (Raf Vallone) dort ein und aus und scheint auch Mrs. Grants Filius Frank (Angelo Infanti) nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Abhilfe verspricht der junge Amerikaner Jack (John Scanlon), der auf eigene Faust den angeblichen Suizid seiner Schwester nachspürt: Auch sie hatte zuvor bei Mrs. Grant gewohnt. Gemeinsam mit Jack kommt Margaret einer bizarren Glaubensvereinigung auf die Spur…

Dieser aus kognitiver Perspektive etwas bis ziemlich (je nach individueller Wohlmeinung) schwachbrüstige Italo-Exploiter könnte ebenso gut auch von Massimo Pupillo oder Renato Polselli stammen; ein paar wohlvertraute Ingredienzien aus Arbeiten dieser lustig zu Werke gehenden Filmemacher begegnen einem in „La Casa Della Paura“ nämlich wieder. So treibt ein geheimnisvoller, rotmaskierter Sadist sein Unwesen in einem alten Provinzgemäuer (s. „Il Boia Scarletto“), es wird sich garstiger Foltermethoden befleißigt und ein Muskelmann (diesmal Brad Harris anstelle von Mickey Hargitay) erhält einen prominenten Auftritt. Der Plot ist so obskur wie gnadenlos – eine Sekte alttestamentarisch belesener Selbstjustizler entführt vom rechten Wege abgekommene, junge Frauen und führt sie eigenmächtig und unter großem, allseitigen Hallo der nachträglich verordneten Todesstrafe zu. Welche Motive die fanatischen Beteiligten, allen voran den am Ende überraschungsvoll demaskierten Henker, umtreibt, bleibt derweil der Zuschauerphantasie überlassen. Damit das Ganze zumindest einen zeitgemäß-internationalen Touch erhält, verpasste man albernerweise sämtlichen Hauptrollen (vermeintlich) wohlklingende, amerikanische Namen und setzte ferner einen inhaltlichen Nebenstrang hinzu, der garantierte, dass der bärige Brad Harris und ein eilends hinzugeschalteter Kumpel am Ende als flotte Tagesretter mit ihrem Käfer angebraust kommen können, um der Sektenbrut mit gezielten Fausthieben den Garaus zu machen. Die Regie ist denn auch weniger beflissen oder gar ausgefallen denn vielmehr, sagen wir, „funktionalistisch“ geraten. Illuster in jedem Fall die weitere Besetzung, die neben der inhaltlich völlig redundant, aber immerhin hübsch frisiert eingeflochtenen Karin Schubert noch Hollywood-Veteran Frank Latimore als ungeschickten Enthüllungsjournalisten vorschützt, einen der vielen in Südeuropa gestrandeten US-Darsteller, die nach einer vielversprechend begonnen Karriere in Übersee hier ihr weiteres Auskommen fanden und erst nach dem großen Studioumbruch jenseits des Teichs wieder ihr US-amerikanisches Gnadenbrot einnehmen durften.

6/10

MANHATTAN BABY

Zitat entfällt.

Manhattan Baby (Amulett des Bösen) ~ I 1982
Directed By: Lucio Fulci

Der Altertumsforscher George Hacker (Christopher Connelly) befindet sich mit Gattin Emily (Laura Lenzi) und Tochter Susie (Brigitta Boccoli) in Ägypten, um die letzte Ruhestätte des Pharaos Habnubenor zu examinieren. Just während Hacker die finstere Grabkammer betritt, erhält die kilometerweit entfernte Susie von einer blinden Alten ein Amulett mit dem Horusauge, von dem sich auch ein größeres Abbild in der Gruft befindet. Jenes verschießt einen Strahl, der Hacker erblinden lässt. Zurück in Manhattan häufen sich die seltsamen Ereignisse: Sowohl Susie als auch ihr kleiner Bruder Tommy (Giovanni Frezza) legen sonderbare Verhaltensweisen an den Tag; enge Bekannte der Hackers, darunter Emilys Reporterkollege Luke (Carlo De Mejo) verschwinden spurlos oder sterben eines mysteriösen Todes. Zwar erhält George sein Augenlicht zurück, doch Susie erkrankt schwer. Der hellseherisch begabte Trödler Arian Mercato (Cosimo Cinieri) klärt die Hackers auf: Habnubenors böser Geist fordert seinen Tribut…

In direkter Folge zu seinem berüchtigten, harten Serienkiller-Klopper „Lo Squartatore Di New York“ nahm sich Fulci dieser wiederum höchst übersinnlich konnotierten Geschichte an, in der Co-Autor Dardano Sacchetti sein vortreffliches Talent als Wursteinkäufer trefflich zu präsentieren wusste: Inhaltlich verwebt „Manhattan Baby“ Elemente diverser kommerziell erfolgreicher US-Vorbilder seiner Zeit und Vorjahre, darunter besonders auffällig „The Exorcist“ und „Poltergeist“, eingebunden freilich in einen ebenfalls entstehungsperiodisch angesagten Überbau aus ägyptischem Fluchgewese, Geistesübertragung und Mumienschanz. Wie beim Maestro üblich lohnt jedoch weniger der schlussendlich gewiss frustrierende Blick auf schlüssiges storytelling oder potente Dramaturgie denn vielmehr jener auf die mise en scène und, in Verbindung damit, Fulcis sich einmal mehr überdeutlich herauskristallisierenden auteurism. Auch in „Manhattan Baby“ perfektioniert der Regisseur abermals seinen grandiosen Blick für set pieces, Architekturen und natürlich seine berüchtigten eye pair shots, die besonders in dieser Arbeit geradezu inflationär vorkommen. Inszenatorisch erweist sich der Film dann auch als tadellose Darbietung eines bravourösen Formalisten, die einem das Eintauchen in seine metaperzeptiven Ebenen nicht eben leicht macht, jenes aber im Gelingensfalle umso reicher entlohnt. Da verzeiht man sogar, dass Komponist Fabio Frizzi große Teile seines „L’Aldilà“-Scores einfach bloß recycelt und um ein paar eklektische Jazz-Einlagen ergänzt. Zugleich markierte „Mahattan Baby“ nach „Gatto Nero“ einen weiteren, deutlichen Schritt fort vom schillernden grand guignol seiner über alle Stränge schlagenden Gore-Epen. Es gibt de facto lediglich eine, für Fulci-Verhältnisse zudem sehr moderate Splatter-Sequenz ganz am Schluss, in deren Zuge der arme, sich an Kindesstatt dem Bösen opfernde Cosmio Cinieri von ausgestopften (!) Vögeln zerhackt wird.
Für den in der Hauptrolle zu sehenden, primär als TV-Serien-Darsteller umtriebigen US-Akteur Christopher Connelly – eigentlich eine fast schon tragische Nebenfigur der Kinogeschichtsschreibung – läutete dieser sein Einsatz bei Fulci einen kleinen, zweiten Frühling als Star italienischer Genre- und Plagiatsfilme (unter Castellari, Deodato, Margheriti und Mattei konnte er immerhin mit einigen der besten arbeiten) ein, bevor er als starker Kettenraucher dann nur sechs Jahre später im Alter von 47 an Lungenkrebs starb.
Festzhalten bleibt, und das ist mir wichtig, dass „Manhattan Baby“ sehr viel besser ist als seine dünne Reputation und für wahre Liebhaber Fulcis eine Augenweide darstellen sollte.

7/10

DARK WATERS

„Is our mother here?“

Dark Waters ~ I/UK/RU 1993
Directed By: Mariano Baino

Nach dem Tode ihres Vaters findet die Engländerin Elizabeth (Louise Salter) heraus, dass der Verblichene über viele Jahre hinweg ein entlegenes Nonnenkloster auf einer kleinen Schwarzmeerinsel finanziert hat. Um sich vor Ort ein Bild von den Gegebenheiten zu machen, reist Elizabeth persönlich zu dem Eiland. Dort angekommen, muss sie feststellen, dass ihre bereits vorgefahrene Freundin Theresa (Anna Rose Phipps) unter mysteriösen Umständen verschwunden ist und sämtliche Einwohner des Klosters und der umliegenden Strandhütten sich überaus seltsam benehmen. Auch Elizabeth selbst empfängt merkwürdige Visionen und Flashbacks aus Kindheitstagen, die sie, wie sich herausstellt, bereits auf der Insel verlebt hat und die hinter omimösen Erinnerungsschleiern verborgen sind. Offenbar steckt hinter all den Mysterien ein heidnischer Kult um eine uralte, dem Meer entstiegene Wesenheit…

„Dark Waters“ gilt als einer der letzten nennenswerten Beiträge zum italienischen Horrorkino, den der neapolitanische Filmemacher Mariano Baiano als seinen ersten und bisher einzigen Langfilm als kostengünstige Produktion mit englischen Hauptdarstellerinnen in Russland und der Ukraine fertigte. Baiano liebäugelt dabei mit zahlreichen Einflüssen aus der phantastischen Literatur und der jüngeren, landeseigenen Kinohistorie, denen er seine offenkundige Ehrerbietung erweist; unübersehbar in erster Instanz die Einflüsse von Grimms Märchen ebenso wie die lovecraftscher Mythenbildung (insbesondere „Dagon“) um unfassliche Entitäten aus den Tiefen des Anderswo und der ihnen zugehörigen, äonenalten Kulte, die ihre verborgene Präsenz und/oder geplante Wiederkehr beschwören. Auch Bram Stokers „Dracula“, oder zumindest dessen erste Hälfte um den in Transsylvanien ankommenden Jonathan Harker findet sich vehement referiert, ebenso wie (auf inhaltlicher Ebene) Robin Hardys „The Wicker Man“. Auf filmästhetischer Ebene orientiert sich Baiano derweil eher an den in den Jahren zuvor entstandenen Filmen von Michele Soavi, insbesondere „La Chiesa“ und „La Setta“, denen es weniger um die Beschwörung inhaltlicher oder narrativer Stringenz geht, sondern wesentlich vordringlicher um die Erschaffung einer unheiligen, mit den Mitteln der Ratio kaum fassbaren Atmosphäre des Abseitigen, um paganistische Glaubenssätze und Anbetungen des Abgöttischen. Man möge sich für den befreiten Genuss von „Dark Waters“ also weniger auf die Suche begeben nach logischen Kausalitätsschemata, da sich Baianos Werk in solchem Falle als undankbar erweisen könnte. Unter Berücksichtigung seiner Gestaltung als freie, genießerische und dabei immens eigenwillige Vision eines Künstlers, der seinem persönlichen popkulturellen Lern- und Reifeprozess ein Denkmal setzte, sollte man sich in den nassforschen, faulig-fischigen Windungen von „Dark Waters“ indes bestens aufgehoben finden.

7/10

CLIMAX

Zitat entfällt.

Climax ~ F/BE 2018
Directed By: Gaspar Noé

Um die Mitte der neunziger Jahre bereitet sich ein rund zwanzigköpfiges, vornehmlich aus jungen Französinnen und Franzosen bestehendes Tanzensemble unter der Choreographin Selva (Sofia Boutella) und dem auf Elektronisches spezialisierten DJ Daddy (Kiddy Smile) auf eine erfolgversprechende Tournee in den Staaten vor. Eine finale Probe findet in einem winterlichen, entlegenen Schullandheim statt, gefolgt von einer kleinen After-Party. Während die TänzerInnen noch im Bewegungsrausch sind, bemerken einige von ihnen, dass etwas nicht stimmt und ihre psychischen Aktionen und Reaktionen kollektiv beeinträchtigt. Die Ursache dafür ist bald gefunden: Jemand hat die Sangria mit LSD versetzt. Da nahezu jede/r der Anwesenden mehr oder weniger davon getrunken hat, verfallen bald alle in sich auf unterschiedlichste Arten kanalisierende Trips. Irrationalität, Paranoia, Aggressionen, Hemmungslosigkeiten brechen sich Bahn, bloße Instinktbedürfnisse übernehmen die Handlungsmotivation und es kommt inmitten des zusehends unübersichtlichen Chaos bald zu katastrophalen Ereignissen.

Für seinen jüngsten Film nahm Gaspar Noé sich ein über zwanzig Jahre zurückliegendes, authentisches Ereignis zur inhaltlichen Prämisse, bei dem sich tatsächlich eine Tanzgruppe unversehens unter LSD gesetzt fand, ohne dass die prekäre Situation der Anwesenden jedoch zu einem derart klaustrophobischen Schreckensszenario eskalierte, wie Noé es darstellt. Wie man es von dem Filmemacher erwarten darf, interessieren ihn stattdessen sehr viel mehr die (hypothetisch denkbaren) Auswirkungen einer entsprechenden „Versuchsanordnung“. Die Beteiligten mitsamt ihrer psychischen Grundkonstellationen, ihr soziales Netzwerk, die lokalen Bedingungen sowie der Raum selbst nebst seiner audiovisuellen Konstruktion, der spärlichen Beleuchtung und der unablässigen,  treibenden Musik werden zu unwägbaren Bestandteilen einer soziopsychologischen Experiments unter teils markerschütternden individuellen Auswirkungen. Diffuse Antipathien bis hin zu offenem Hass brechen sich Bahn, Verdachtsmomente, wer von den Beteiligten für den üblen Drogenscherz verantwortlich sein könnte, führen zu massenhysterischen, jedweder Logik entbehrenden Schlussfolgerungen. Einer der Tänzer (Adrien Sissoko) wird kurzerhand in die nächtliche Kälte ausgesperrt und dort vergessen; eine Mutter (Claude Gajan Maull) schließt ihren kleinen Sohn (Vince Galliot Cuman) zu dessen „Sicherheit“ in den Stromverteilerraum ein, verliert jedoch den Schlüssel und dreht vollends durch, als der zunächst panische Junge kein Lebenszeichen mehr von sich gibt; eine sich als schwanger outende Frau (Souheila Yacoub) wird misshandelt und verstümmelt sich dann selbst; die Haare einer anderen (Sarah Belala) fangen Feuer; ein eifersüchtiger Entfesselter (Taylor Kastle) vergewaltigt die eigene Schwester (Giselle Palmer).
Im Interview gab Noé zu Protokoll, er habe sich ein paar der megalomanischen Katastrophenfilme der siebziger Jahre angesehen, um sich von der atavistischen Anarchie der den Extremsituationen ausgesetzten Charaktere inspirieren zu lassen. Die Wahl seiner Form gestaltet sich wie üblich kongenial zum transgressiven Geschehen; zu Beginn etwa rollen die Endcredits in umgekehrter Folge durchs Bild, lange, durch ein Mindestmaß an Schnitten durchbrochene Einstellungen zeigen zunächst die ekstatische Tanzchoreographie und später dann die zunehmend infernalischen, immer irrealer anmutenden Wendungen innerhalb der bizarren Hermetik des Gebäudes als einen unablässigen Strom befremdlicher Eindrücke und Momentaufnahmen. Hier und da leistet sich Noé sogar (offenbar ironisierte) Godardismen, wenn er etwa urplötzliche, seltsame Titeleinblendungen liefert wie „un film français et fier de l’être“.
Als kultisch verehrtes und bemühtes trip movie etwa im Sinne von „Fear And Loathing In Las Vegas“ wird „Climax“ vermutlich nicht in die Annalen halluzinogener Kinokultur einziehen, dafür ist er schlicht zu unbequem und vermutlich auch allzu inkommensurabel; es gibt – im Sinne drogenaffiner Filmrezeption zumindest – gewiss zu wenig her, sich dem durchaus als „Horrortrip“ empfindbaren Werk zu widmen. Andererseits nimmt sich „Climax“ in seiner Gesamtgestaltung glücklicherweise als allzu komplex aus, um als stiefmütterliche Warnung vor freiwilligem und unfreiwilligem Rauschmittelmissbrauch durchzugehen – wenngleich niemand im direkten Anschluss an ihn den Drang verspüren wird, sich auf hofmannsche Reisen zu begeben.

8/10

BABA YAGA

Zitat entfällt.

Baba Yaga (Foltergarten der Sinnlichkeit 2) ~ I/F 1973
Directed By: Corrado Farina

Auf dem Rückweg von einer Party gerät die Fotokünstlerin Valentina Rosselli (Isabella De Funès) an eine aparte Dame, die sich ihr unumwunden als Baba Yaga (Carroll Baker) vorstellt. Von diesem Moment an gerät Valentina in den mystischen Bann jener lasziven, rätselhaften Frau, doch dieser ist nicht ungefährlich. Valentinas Lieblingskamera ist bald verhext und führt ihren lebenden Motiven körperlichen Schaden zu; eine rätselhafte S/M-Puppe, die Baba Yaga Valentina als vermeintlichen Talisman schenkt, scheint Böses im Schilde zu führen. Erst mit der Hilfe ihres Freundes Arno Treves (George Eastman), eines Gelegenheitsfilmemachers, kann Valentina sich schließlich dem Zugriff der Hexe entziehen.

Die zweite und bereits letzte abendfüllende Kinoarbeit des Turiner Autors und ansonsten vornehmlich auf dokumentarischer Ebene aktiven Autors und Filmemachers Corrado Farina basiert auf der „Baba Yaga“-Strecke eines zu jener Zeit beliebten fumetto nero (oder auch fumetto per adulti): „Valentina“ von Guido Crepax, der mit Farina befreundet war und an dem Film mitarbeitete. Bei Crepax‘ Figur Valentina Rosselli handelt es sich um eine politisch stark linksorientierte Mailänder Fotografin und Bohèmienne, die zunächst als Freundin des mit Superkräften ausgestatteten Helden Philip Rembrandt alias „Neutron“ in Erscheinung trat und sich dann im Laufe ihrer folgenden, rund dreißig Jahre währenden Veröffentlichungsgeschichte zur Hauptfigur ihrer eigenen, sich zunehmend erotisch gestaltenden Abenteuer entwickelte. Sie basierte hinsichtlich ihrer visuellen Gestaltung auf Crepax‘ Vorliebe für die in den zwanziger und dreißiger Jahren aktive Schauspielerin Louise Brooks und geriet im weiteren Verlauf ihrer Geschichten in zusehends surreal arrangierte, oftmals mit eindeutigen Fetischelementen angereicherte Storys, die mit unterschiedlichen diegetischen Ansätzen spielten, dem stream of consciousness etwa.
Ganz so weit geht Farinas Film nicht, obschon er in seinen erotisch konnotierten Sequenzen nicht den offensichtlichsten Pfad des blanken Voyeurismus einschlägt, sondern stattdessen hart kontrastierte, ineinander fließende Schwarzweiß-Einzelbilder von Isabella De Funès‘ Gesichtspartien einflechtet. Ansonsten ist „Baba Yaga“ (deren von Carroll Baker interpretierte Entsprechung weniger dem folkloristischen slawischen Vorbild der knorrigen Waldhexe in ihrem Haus auf Hühnerbeinen entspricht denn vielmehr dem, was man sich im Westen als lesbische, stark sexualisierte femme fatale mit übersinnlichen Fähigkeiten vorstellen mag) vor allem als repräsentativ-exemplarisches, zeitkoloriertes Fest der Dekors und Interieurs interessant, das einige wenige (jedoch, das muss man einräumen: oberflächliche) Diskurse in Richtung bildender Kunst verhandelt und das mit seinem, dem jazzigen Score (Piero Umiliani) angelehnten Rhythmus eher wie die gepflegtere, feuilletonistisch goutierbarere Variation eines Jess-Franco-Werks daherkommt. Sein phantastisches Timbre vulgarisiert der Film dann auch keineswegs durch halbgare Effekte, sondern durch die geschickte Evokation eines allgegenwärtigen Mystizismus‘, der derkurz auf paraphilen Abwegen befindlichen Heldin offenbar durchaus libertinäre Freude und Lust bereitet, sie am Ende aber dann doch wieder aufatmend in ihren vertrauten sozialen Mikrokosmos zurückspeit.

8/10

UNDER THE SILVER LAKE

„Welcome to Purgatory.“

Under The Silver Lake ~ USA 2018
Directed By: David Robert Mitchell

Der in einem Appartmenthaus in East L.A. wohnende Sam (Andrew Garfield) gammelt vor sich hin und ist seit Ewigkeiten mit der Miete im Rückstand. Ansonsten nutzt er die Vorzüge, die die hedonistische Seite der Metropole einem libidinös aufgeladenen, gutaussehendem jungen Mann wie ihm zu bieten hat: Er schließt kurzlebige Damen-Bekanntschaften, geht auf Hipster-Partys und besucht Events der Kunstnachwuchsszene. Nachdem seine attraktive Nachbarin Sarah (Riley Keough) nebst ihren Mitbewohnerinnen (Stephanie Moore, Sibongile Mlambo) spurlos verschwindet, begibt Sam sich auf die Suche nach ihr. Ihn erwartet eine Odyssee, die ihn buchstäblich geradewegs in die Innereien der Stadt der Engel führt und ihn seine bisherige Realität als artifizielles Konstrukt erkennen lässt.

Meine erste Wahrnehmung von „Under The Silver Lake“ war die einer umfassenden „Best Of“-Reminszenz, in der David Robert Mitchell seinen Legionen von Vorbildern und praktisch dem gesamten populären historischen Kino-Segment, dass sich mit Los Angeles und/oder Hollywood befasst, seine ganz persönliche Ehrerbietung erweist. Entsprechend zahlreich sind die Verweise an Regisseure, Filme, Personen, allzu zahlreich, um sie an dieser Stelle gleichberechtigt aufzuzählen. Diese Mühe obliegt dann schon jedem, der sich diesem durchaus interessanten Werk zu widmen gedenkt.
Erst an zweiter Stelle folgte dann die erweiterte Perspektive auf die Gegenwart der Metropole und einen ironischen, oftmals ins Groteske, Surreale und Allegorische ab- oder auch entgleitenden Fokus darauf, was ihre lange Kulturhistorie als „Traumfabrik“ seit über einem Jahrhundert aus der Stadt hat werden lassen. Im Grunde entpuppt sie sich selbst infolge ihrer demokratisch geprägten Tradition und gesellschaftlichen Lichtblitzen wie der Diversität- und der MeToo-Bewegung als in Wahrheit keinen Deut gereift gegenüber der Frühzeit der Filmmogule und Studioregimes; noch immer laufen hier Äonen junger TräumerInnen dem Traum von Ruhm und Reichtum nach und dabei Gefahr, in die Fänge rücksichtsloser Raubtiere zu geraten, deren Geld, Macht und Einfluss sie zu willfährigen Werkzeugen ihrer pervertierten Bedürfnisse macht. Im Zuge seiner eher von Intuition und Assoziation geprägten Reise lernt Sam, dass alles hier auf unheilige Weise miteinander verworben ist und sich wechselseitig bedingt und bedient: diverse Formen bildender wie darstellender Kunst und die kommerziell orientierten Kulturen Film und Musik, Werbeindustrie und Literatur, Fast Food und Prostitution, selbst Hochfinanz und Prekariat, Mysterien und Paranoia. Sex entpuppt sich dabei als der primäre, alles miteinander verbindende Faktor, der sich seit eh und je durch mehr oder weniger sublime Botschaften überall eingefordert findet und entsprechend hinreichend bedient wird. Sonderbare, nicht eindeutig entschlüsselbare Personen und Ereignisse kreuzen (wiederholt) Sams investigativen Weg; tote und lebende Nagetiere, ein anonymer, sein Unwesen treibender Hundemörder, dem große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, der (vermeintliche) Tod des Superreichen Jefferson Severence (Chris Gann), dessen Tochter Millicent (Callie Hernandez), ein Comics (mit dem Titel des Films) entwerfender Verschwörungstheoretiker (Patrick Fischler), der „König der Landstreicher“ (David Yow), freiwillige und unfreiwillige Drogentrips, der androgyne Popstar Jesus (Luke Baines), der geheimnisvolle Songwriter (Jeremy Bobb), dem Sam, erbost ob dessen Entzauberungen seiner musikalischen Idole, den Schädel einschlägt, Kojoten sowie eine geheimnisvolle, nackte Eulenfrau, die ihre Opfer, darunter den „Comic-Mann“, im nächtlichen Schlaf meuchelt. Und immer wieder Trios von seltsamen It-Girls, wie sich zeigen wird, als jeweiliger, privater Mini-Harem je einem bestimmten Gönner zugehörig, die wiederum allesamt einer obskuren Erlösungssekte angehören.
Eine Menge von (zumindest auf den ersten Blick) nicht zwingend kausalitätsbezogen schlüssigem Stoff also, den Mitchell da in einer zugegebenermaßen exquitisten Inszenierung zusammenpfercht und der in jedem Falle die Beschäftigung mit ihm lohnt. Wirklich richtig mögen, zumindest so, wie ich’s vielleicht gern würde, kann ich „Under The Silver Lake“ allerdings zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht. Mag sein, dass sich das irgendwann ändert.

8/10