DER SANDMANN

„Du kannst mich auch küssen, wenn du willst…“

Der Sandmann ~ D 1995
Directed By: Nico Hofmann

Ina Littmann (Karoline Eichhorn), eine aufstrebende junge TV-Redakteurin, soll den umstrittenen Autor Henry Kupfer (Götz George) als möglichen Gast für die Privatsender-Talkshow „Auge in Auge“ abklopfen. Kupfer ist just dabei, sein neues Buch „Der Kannibale“ herauszubringen, das sich mit dem authentischen Fall eines zu Beginn des 20. Jahrhunderts umtriebigen Kindermörders befasst. Ein privater Besuch bei Kupfer, der mittlerweile im Haus seines jüngsten Recherche-Sujets wohnt, macht Ina nach anfänglicher Skepsis neugierig auf den etwas schmierig erscheinenden, nicht mehr ganz taufrischen Dandy mit seiner ominösen Vergangenheit: Nicht nur, dass der Mann wegen Totschlags an einer Prostituierten einst mehrere Jahre im Gefängnis verbracht hat, scheint ferner der einstige Suizid seiner Schwester tiefe seelische Narben bei Kupfer hinterlassen zu haben. Als sich zudem herauskristallisiert, dass ein Serienkiller, den die Polizei inoffiziell bereits als „Sandmann“ getauft hat, über die gesamte Republik verteilt Prostituierte ermordet, zieht Ina sich mehr und mehr verdichtende Schlüsse. Schließlich plant sie, extrem euphorisiert von ihrer „Enthüllungsgeschichte“, Kupfer im Zuge der Live-Aufnahme von „Auge in Auge“ in aller Öffentlichkeit als den Sandmann zu überführen…

Man mag es im Nachhinein kaum mehr glauben, aber die TV-Produktion „Der Sandmann“, mit Fug und Recht als veritabler Klassiker des Fernseh-Spielfilms zu bezeichnen, wurde vor 25 Jahren vom für sein Schmuddelimage berüchtigt gewordenen Fernsehsender RTL 2 produziert. Hofmanns Film flankierte wechselseitig den ebenfalls von Götz George in der Hauptrolle bespielten Haarmann-Film „Der Totmacher“, der praktisch parallel entstanden war und mit Jürgen Hentsch und Matthias Fuchs noch zwei weitere prominente Darsteller gemeinsam mit dem „Sandmann“ aufweist. Im Gegensatz zu dem von Romuald Kamarkar allerdings höchst hermetisch und konzentriert inszenierten Dialogstück gibt sich Hoffmanns Film deutlich zugänglicher und von zeitgenössisch vorgegebenen Spannungselementen getragen, die damals das neue, postgotische Serienkiller-Genre rund um David Finchers „Se7en“ vorexerzierte. Man kann die beiden George-Filme somit nicht nur revisionistisch durchaus als companion pieces erachten, die darüberhinaus die klassisch geprägten Status von Kino-und Fernsehfilm gewissermaßen austauschten; im Kino lief das kleine Nachtspiel, während das Privat-TV den prinzipiell absolut „kinotauglichen“ Thriller ausstrahlte. Und noch mehr ist, respektive hinsichtlich der Produktionsgeschichte, am darüberhinaus blendend gespielten und zumindest professionell, wenngleich – im Gegensatz zum „Totmacher“ – nicht ganz mit dem bonifizierenden Verdacht der Meisterschaft gefertigten „Sandmann“ interessant: auf sarkastische, beinahe zynische Weise nimmt das einigermaßen clevere Buch von Matthias Seelig den Sensationalismus und die Investigativ-Geilheit des Privatfernsehens aufs Korn. Ältere LeserInnen werden sich erinnern, dass Krawallformate wie „Explosiv – Der heiße Stuhl“ (RTL) oder „Einspruch!“ (Sat 1), die a priori dergestalt konzipiert waren, dass die nicht immer vollbemittelten, jedoch auf ausgesucht diametralen Standpunkten fußenden Diskuttanten sich früher oder später rigoros anbrüllten, zu Millionenrennern wurden. In den Prähistorie von Internet und Social Media boten diese Sendungen, die dann von den noch primitiveren (Nach-)Mittags-Talks abgelöst wurden, eine der willkommensten Gelegenheiten für Lieschen Müller, sich aufgepeitschte Verbalgladiatoren zu Gemüte zu führen. Auch „Der Sandmann“ spielt mit dieser Anordnung, wenngleich auf etwas subtilere Art: Den Versuch, einen kontrovers beäugten Öffentlichkeitsmenschen massenmedial bloßzustellen, nutzt dieser auf dreierlei Weise geschickt aus, indem er sich reinwaschen, eine millionenschwere Verleumdungsklage lancieren und ganz nebenbei sein Buch pushen kann. Das naive Blondchen vom Fernsehen wird dabei zwangsläufig mit ruinierter Karriere untergehen und der nach wie vor un „Sandmann“ fürs Erste in Ruhe weitermorden können, während der gescheite Henry Kupfer, der sich am Ende auf eine ganz andere, doch sehr viel charmantere Weise als bösartig entpuppt, denn man es gemeinsam mit der bedauernswerten Ina Littman zunächst annehmen musste, es sich unter der italienischen Sonne bequem machen darf. So gut war das wahre Leben zu den Legionen von Talkgästen der neunziger Jahre garantiert nie.

8/10

THE NECROMANCER

„You’re not welcome here.“

The Necromancer ~ UK 2018
Directed By: Stuart Brennan

Belgien im Juni 1815, unmittelbar nach der Schlacht von Quatre Bras. Ein Quintett britischer Soldaten unter dem Rädelsführer Bernard (Marcus Macleod) desertiert nach dem blutig verlaufenem Scharmützel gegen Napoleons Armée du Nord und macht sich auf den Weg zur Küste. Dieser führt sie unter anderem durch einen finsteren Forst, an dessen Rand sie einen weiteren, verletzten und verwirrt scheinenden Uniformträger (Mark Paul Wake) auflesen. Im zunehmend labyrinthisch erscheinenden Wald wird einer nach dem anderen von ihnen von weiblichen Elfenwesen heimgesucht und mit seiner jeweiligen, sündhaften Vergangenheit konfrontiert.

Horrorstücke vor historischen Sujets finde ich grundsätzlich spannend und interessant – entsprechend vielversprechend erschien mir die Prämisse dieses zufällig auf meinen Weg gespülten englischen Titels. Dessen Ersinner Stuart Brennan, der in Personalunion mit „The Necromancer“ bereits seinen zweiten abendfüllenden Film schrieb, produzierte, inszenierte und mit sich selbst in einer der Hauptrollen bespielte, lässt sich die Ambitioniertheit und den Enthusiasmus, der bei der Herstellung seiner Arbeit walteten, zudem auch mit deutlicher Gewissheit anmerken. Zudem erachte ich die zugrunde liegende Idee, eine Handvoll Wellington-Soldaten mit Flammenbergs (bzw. Kahlerts) klassischer Schwarzwald-Mär um den Nekromanten Volkert zu konfrontieren, für nach wie vor blendend und ansatzsweise auch mit schönen Scripteinfällen garniert. Dennoch empfand ich den Film in seiner Gesamtheit als unrund und unbefriedigend. Mit seinen leider spürbar bescheidenen Mitteln, die insbesondere aus einer dem Zeitkolorit extrem zuwiderlaufenden, nicht selten an Amateurfilme erinnernden, supercrispen Digitalfotografie bestehen, verwehrt sich Brennan der episch-gotische Geschichtshauch, den er offenbar nur zu gern transportiert hätte. Das vorliegende Resultat erweist sich als im negativen Sinne akademisch; zu keiner Sekunde gelang es mir, die analytische Ebene hinter mir zu lassen und in die Immanenz der dargestellten Geschehnisse einzutauchen. Man sieht (und spürt) nie wirklich mehr als eine Gruppe kostümierter bzw. maskierter SchauspielerInnen, die sich vor relativ beliebiger Naturkulisse durchs Gehölz bewegen und e mit inneren wie äußeren Dämonen zu tun bekommen. Was für ein Werk mit höherem Budget, angemessener Technik – und möglicherweise fähigerer Hand – aus „The Necromancer“ hätte werden mögen, wage ich mir insofern kaum auszumalen. Ob ich infolge dieser doch recht ernüchternden Erfahrung Brennans jüngst erschienem Film „Wolf“, der eine Kohorte römischer Legionäre gegen einen unbekannten Gegner jenseits des Hadrianswalls führt, noch eine Chance geben soll und/oder werde, weiß ich derzeit noch nicht so recht.

4/10

THE RUSSIAN BRIDE

„You don’t have to be afraid. You just… loan something.“

The Russian Bride ~ USA 2019
Directed By: Michael S. Ojeda

Über eine eine einschlägige Kontaktbörse im Internet „bestellt“ sich der wohlhabende, alternde Chirurg Karl Frederick (Corbin Bernsen) die alleinerziehende Russin Nina (Oksana Orlan) als zukünftige Braut in die Staaten. Obschon Karls entlegenes, winterliches Anwesen und seine leicht absonderliche Dienerschaft (Lisa Goodman, Michael Robert Brandon) bei Nina und vor allem ihrer kleine Tochter Dasha (Kristina Pimenova) einen eher verstörenden ersten Eindruck hinterlassen, sind die beiden Damen doch froh, den heimischen Entbehrungen und der dortigen Armut gen Westen entkommen zu sein. Doch erweist Karl sich bereits nach kurzer Zeit als anfällig für psychotische Episoden und darüber hinaus als sehr dem Kokain zugetan, eine Eigenschaft, die Nina schon bei ihrem Ex-Partner (Emmanuel Todorov) alles andere als schätzte. Und dies sind bei Weitem nicht die einzigen Leichen, die Karl (buchstäblich) im Keller hat…

Sechs Jahre nach dem nicht unähnlich getünchten „Savaged“ präsentiert sich Michael S. Ojedas jüngste Regiearbeit als recht passgenauer Nachfolger von dessen zitat- und referenzgespicktem Impetus. Verarbeitete Ojeda bereits in jener Rachemär eine ganze Phalanx von zumeist dem Exploitationsektor entstammenden Vorbildern, so erwartet den Rezipienten hier wiederum dessen nicht sonderlich überraschende Entsprechung. Offenbar ist Ojeda jener jüngeren Generation von Genrefilmern zugehörig, die neben ihrer überschaubaren Könnerschaft auch über ein gerütteltes Arsenal an Lieblingsfilmen verfügen und nur allzu gern dem unwiderstehlichen Drang stattgeben, den daraus mitgenommenen Eindrücken ihre öffentliche Hommage zu erbieten. So scheint es allerdings phasenweise verlockender, den so offensiv ausgestellten Zitatfundus zu enzyklopädieren denn Ojedas „eigenem“ Geläut zu lauschen – ob solcherlei im Sinne des Urhebers sein mag, darf angezweifelt werden. Den altehrwürdigen Klassikern zollt Ojeda mit direkt, jedoch erzählerisch etwas ungelenk eingepflegten Szenen aus „House On Haunted Hill“ und „Frankenstein“ Tribut (die kleine Dasha steht nämlich – welch Zufall – auf die altehrwürdige Horrorfilmhistorie). Was er außerdem von „Rebecca“ über „La Mariée Était En Noir“, „The Stepfather“ und Tarantinos (!) nervöses Gezuppel bis hin zu „Get Out“ noch alles referenziert, wäre eine eigene Broschüre wert. Am sympathischsten erschien mir diesbezüglich noch, dass sich Corbin Bernsens vergangener Meriten als Dr. Alan „The Dentist“ Feinstone erinnert wurde und diese in exakt derselben wahnwitzigen Manier „zurückkehren“ darf (Brian Yuznas eigenes Bernsen-Projekt „The Plastic Surgeon“ schmort leider weiterhin in der development hell). Dass ich zwischenzeitlich einen fein nuancierten Metakommentar hinsichtlich Trumps Immigrationspolitik auszumachen glaubte, möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, schlussendlich aber vielleicht doch lieber meiner situations- und gegenwartsbedingten Hypersensibilität zuschreiben.
Nun, selbst auf ein klein wenig Geisterspuk braucht man finalmente nicht zu verzichten und auch, wenn es bis zum koksanimierten (!) abschließenden Großreinemachen wie schon in „Savaged“ recht gemächlich zugeht, bleibt unterm Strich ein zwar vorsätzlich unorgineller, insgesamt aber doch vergnüglicher Gattungsbeitrag, der beim passenden Publikum zumindest phasenweise für diebische Freude sorgen sollte.

6/10

I SEE YOU

„There is something strange about the house.“

I See You ~ USA 2019
Directed By: Adam Randall

Die dreiköpfige Kleinstadtfamilie Harper steckt in einer tiefen Krise, seit Ehefrau und Mutter Jackie (Helen Hunt), Psychologin von Beruf, ihren Gatten, den Police Detective Greg (Jon Tenney), betrogen hat. Auch der Teenager-Sohn Connor (Judah Lewis) weiß von der Affäre und lässt keine Gelegenheit aus, Jackie seine Verachtung spüren zu lassen.
Zeitgleich kommt es in der Gegend immer wieder zum Verschwinden von Jungen, die um die zehn Jahre alt sind. Diese Geschehnisse schließen an eine identisch ausgeprägte, Jahre zurückliegende Serie von Verbrechen an, die lediglich zwei der damaligen Opfer überlebten und für die der vermeintlich Verantwortliche seither einsitzt. Im Hause der Harpers scheint es derweil auch sonst nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Immer wieder kommt es zu sonderbaren Vorgängen, die darauf schließen lassen, dass die drei Familienmitglieder nicht allein in ihren vier Wänden sind.

„I See You“ hat, soviel vorweg, ein massives Problem: er stellt das unbedingte Bedürfnis danach, seinem Publikum durch naseweise twists Überraschungsjuchzer zu entlocken, über sämtliche übrigen Lehrbuchlektionen. Durch (scheinbare) Ellipsen, Chronolgieverschiebungen und einen herbeigezauberten, dramaturgischen Macguffin, das Phänomen des „phrogging“ nämlich (auf diese nach urbanem Slang korrekte Diktion ist strikt zu achten, „frogging“ bedeutet nämlich etwas anderes, wie ich just gelernt habe), oder anders formuliert: durch arge Konstruiertheiten und die Absicherung, dass der höchstwahrscheinlich durch viral verteilte Häppchen vorgeprägte Zuschauer besonders gewissenhaft auf alle Details achten wird, durch seinen Informationsnachteil aber gar nicht auf die Lösung kommen kann, erreicht „I See You“ sein mehr oder weniger erklärtes Ziel immerhin passgenau. Wer derlei oberflächliche Vexierspiele schätzt und großzügig übersieht, dass ein guter Film nicht allein von einer möglichst cleveren Conclusio getragen werden kann, kommt eventuell auf seine Kosten; mir selbst erschien das fraglos von strukturell ähnlichen Vorläufern wie „Prisoners“ oder „True Detective“ abgekupferte Ganze mit Ausnahme weniger gelungener Momente mittelmäßig und schlussendlich überschaubarer als es ihm oder seinen Ersinnern lieb sein dürfte. Tatsächlich empfand ich als nachhaltig unangenehmstes Moment des Ganzen das wächsern scheinende, merkwürdig unbeweglich gewordene Liftgesicht der entsetzlich gestrafften Helen Hunt, dessen allenthalbe Ablichtung um Einiges spookier war als jeder aufgesetzte Mystery-Mummenschanz es je sein könnte.

5/10

SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK

„Stories hurt, stories heal.“

Scary Stories To Tell In the Dark ~ USA/CA 2019
Directed By: André Øvredal

Mill Valley, Pennsylvania 1968: Ein folgenreicher Halloween-Streich endet für die drei befreundeten Teenager und Horrorliebhaber Stella (Zoe Margaret Colletti), Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur) sowie den just dazugestoßenen Chicano Ramón (Michael Garza) im verlassenen Anwesen der Familie Bellows – einer einst wohlhabenden Dynastie von Textilunternehmern, der Mill Valley die Hauptursache seiner Existenz verdankt. Doch wie die meisten reichen Großfamilien umweht auch die Bellows‘ ein dunkles Geheimnis – einst wurde deren Tochter Sarah (Kathleen Pollard) zunächst von der Außenwelt isoliert und versteckt gehalten, um dann später in einer unweit entfernten Irrenanstalt mit Elektroschocks „therapiert“ zu werden. Sarah, die seit damals in dem alten Haus ihr gespenstisches Unwesen treiben soll, ist auch die Autorin eines seltsamen Geschichtenbuchs, das die von irrationalen Schuldgefühlen geplagte Stella findet und mit sich nimmt. Mit jenem Buch hat es Mysteriöses auf sich – es schreibt seine Gruselgeschichten selbst unumwunden mit blutiger Tinte, derweil das Niedergeschriebene sich parallel in der Realität abspielt und die jungen Leute ins Verderben reißt. Da das Buch sich nicht vernichten lässt, muss Stella nun seiner Autorin auf die Spur kommen…

„Scary Stories To Tell In The Dark“, inszeniert von dem vielversprechenden norwegischen Regisseur André Øvredal und produziert von Guillermo del Toro, basiert auf einer Serie von Gruselgeschichten-Anthologien, die der Autor Alvin Schwartz in den Achtzigern und Frühneunzigern speziell für eine jüngere Leserschaft verfasst und veröffentlicht hat. Mit dem verbindenden Plot der sich aus dem Jenseits rächenden Sarah Bellows fand der Film einen passenden narrativen Überbau, um seinen Episoden um einige, eine Teenagergruppe heimsuchende, grauslige Ereignisse inhaltliche Kohärenz zu verleihen und seine monströsen Gestalten und Segmente um die lebende Vogelscheuche Harold, einen Zombie auf der Suche nach einem fehlenden Zeh, eine fiese Spinnenschwangerschaft, die aufdringliche Pale Lady und den verwachsenen Jangly Man miteinander verquicken zu können. Dabei erweist sich der Release-Termin von „Scary Stories“ als nicht eben klug gewählt, um nicht zu sagen: ungünstig zu einer Zeit, in der Retro-Geschichten um juvenile Freunde in Kleinstädten beileibe kein innovatives Sujet mehr abgeben. Doch genau auf jenen inhaltlich ausgetrampelten Pfaden wandeln Øvredal und del Toro abermals, wenngleich sie immerhin bis in die Sechziger zurückblicken, die sich im Filmkontext allerdings bestenfalls durch spezifische Details wie etwa das in der Ferne spukende Vietnam von den in jener Subgattung üblicherweise abgefrühstückten achtziger Jahren unterscheiden. „Scary Stories“ greift als vergleichsweise harmlos gewebter PG-13-Halloween-Grusler auf einige hübsche Einfälle zurück, die im Ansatz den fruchtbaren Ideenpool seiner Kreativköpfe erahnen lässt, bleibt am Ende aber dann doch zu ordinär, vorhersehbar und beliebig für ein Publikum jenseits des fünfzehnten Lebensjahrs, das mit Episodenhorror und teenage angst seine hinlänglich lieben, langjährigen Erfahrungen sammeln konnte. Der bereits unzweideutig auf ein vorgeplantes Sequel verweisende Epilog versagt dann auch weitgehend in seinem Bestreben, diesbezügliche Neugier zu schüren. Nett, nicht mehr.

6/10

LA CASA DELLA PAURA

Zitat entfällt.

La Casa Della Paura (Das Haus der Angst) ~ I 1974
Directed By: William Rose/Robert H. Oliver

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt kommt die junge, zuvor unschuldig wegen Drogendealerei verurteilte Margaret Bradley (Daniela Giordano) im Haus von Mrs. Grant (Giovanna Galletti) unter. Darin fühlt sie sich jedoch alles andere als wohl: Nicht nur dass die aufdringliche Gastwirtin einen sehr konservativen Gerechtigkeitssinn pflegt, gehen auch sonderbare Personen wie der mysteriöse Mr. Dreese (Raf Vallone) dort ein und aus und scheint auch Mrs. Grants Filius Frank (Angelo Infanti) nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Abhilfe verspricht der junge Amerikaner Jack (John Scanlon), der auf eigene Faust den angeblichen Suizid seiner Schwester nachspürt: Auch sie hatte zuvor bei Mrs. Grant gewohnt. Gemeinsam mit Jack kommt Margaret einer bizarren Glaubensvereinigung auf die Spur…

Dieser aus kognitiver Perspektive etwas bis ziemlich (je nach individueller Wohlmeinung) schwachbrüstige Italo-Exploiter könnte ebenso gut auch von Massimo Pupillo oder Renato Polselli stammen; ein paar wohlvertraute Ingredienzien aus Arbeiten dieser lustig zu Werke gehenden Filmemacher begegnen einem in „La Casa Della Paura“ nämlich wieder. So treibt ein geheimnisvoller, rotmaskierter Sadist sein Unwesen in einem alten Provinzgemäuer (s. „Il Boia Scarletto“), es wird sich garstiger Foltermethoden befleißigt und ein Muskelmann (diesmal Brad Harris anstelle von Mickey Hargitay) erhält einen prominenten Auftritt. Der Plot ist so obskur wie gnadenlos – eine Sekte alttestamentarisch belesener Selbstjustizler entführt vom rechten Wege abgekommene, junge Frauen und führt sie eigenmächtig und unter großem, allseitigen Hallo der nachträglich verordneten Todesstrafe zu. Welche Motive die fanatischen Beteiligten, allen voran den am Ende überraschungsvoll demaskierten Henker, umtreibt, bleibt derweil der Zuschauerphantasie überlassen. Damit das Ganze zumindest einen zeitgemäß-internationalen Touch erhält, verpasste man albernerweise sämtlichen Hauptrollen (vermeintlich) wohlklingende, amerikanische Namen und setzte ferner einen inhaltlichen Nebenstrang hinzu, der garantierte, dass der bärige Brad Harris und ein eilends hinzugeschalteter Kumpel am Ende als flotte Tagesretter mit ihrem Käfer angebraust kommen können, um der Sektenbrut mit gezielten Fausthieben den Garaus zu machen. Die Regie ist denn auch weniger beflissen oder gar ausgefallen denn vielmehr, sagen wir, „funktionalistisch“ geraten. Illuster in jedem Fall die weitere Besetzung, die neben der inhaltlich völlig redundant, aber immerhin hübsch frisiert eingeflochtenen Karin Schubert noch Hollywood-Veteran Frank Latimore als ungeschickten Enthüllungsjournalisten vorschützt, einen der vielen in Südeuropa gestrandeten US-Darsteller, die nach einer vielversprechend begonnen Karriere in Übersee hier ihr weiteres Auskommen fanden und erst nach dem großen Studioumbruch jenseits des Teichs wieder ihr US-amerikanisches Gnadenbrot einnehmen durften.

6/10

MANHATTAN BABY

Zitat entfällt.

Manhattan Baby (Amulett des Bösen) ~ I 1982
Directed By: Lucio Fulci

Der Altertumsforscher George Hacker (Christopher Connelly) befindet sich mit Gattin Emily (Laura Lenzi) und Tochter Susie (Brigitta Boccoli) in Ägypten, um die letzte Ruhestätte des Pharaos Habnubenor zu examinieren. Just während Hacker die finstere Grabkammer betritt, erhält die kilometerweit entfernte Susie von einer blinden Alten ein Amulett mit dem Horusauge, von dem sich auch ein größeres Abbild in der Gruft befindet. Jenes verschießt einen Strahl, der Hacker erblinden lässt. Zurück in Manhattan häufen sich die seltsamen Ereignisse: Sowohl Susie als auch ihr kleiner Bruder Tommy (Giovanni Frezza) legen sonderbare Verhaltensweisen an den Tag; enge Bekannte der Hackers, darunter Emilys Reporterkollege Luke (Carlo De Mejo) verschwinden spurlos oder sterben eines mysteriösen Todes. Zwar erhält George sein Augenlicht zurück, doch Susie erkrankt schwer. Der hellseherisch begabte Trödler Arian Mercato (Cosimo Cinieri) klärt die Hackers auf: Habnubenors böser Geist fordert seinen Tribut…

In direkter Folge zu seinem berüchtigten, harten Serienkiller-Klopper „Lo Squartatore Di New York“ nahm sich Fulci dieser wiederum höchst übersinnlich konnotierten Geschichte an, in der Co-Autor Dardano Sacchetti sein vortreffliches Talent als Wursteinkäufer trefflich zu präsentieren wusste: Inhaltlich verwebt „Manhattan Baby“ Elemente diverser kommerziell erfolgreicher US-Vorbilder seiner Zeit und Vorjahre, darunter besonders auffällig „The Exorcist“ und „Poltergeist“, eingebunden freilich in einen ebenfalls entstehungsperiodisch angesagten Überbau aus ägyptischem Fluchgewese, Geistesübertragung und Mumienschanz. Wie beim Maestro üblich lohnt jedoch weniger der schlussendlich gewiss frustrierende Blick auf schlüssiges storytelling oder potente Dramaturgie denn vielmehr jener auf die mise en scène und, in Verbindung damit, Fulcis sich einmal mehr überdeutlich herauskristallisierenden auteurism. Auch in „Manhattan Baby“ perfektioniert der Regisseur abermals seinen grandiosen Blick für set pieces, Architekturen und natürlich seine berüchtigten eye pair shots, die besonders in dieser Arbeit geradezu inflationär vorkommen. Inszenatorisch erweist sich der Film dann auch als tadellose Darbietung eines bravourösen Formalisten, die einem das Eintauchen in seine metaperzeptiven Ebenen nicht eben leicht macht, jenes aber im Gelingensfalle umso reicher entlohnt. Da verzeiht man sogar, dass Komponist Fabio Frizzi große Teile seines „L’Aldilà“-Scores einfach bloß recycelt und um ein paar eklektische Jazz-Einlagen ergänzt. Zugleich markierte „Mahattan Baby“ nach „Gatto Nero“ einen weiteren, deutlichen Schritt fort vom schillernden grand guignol seiner über alle Stränge schlagenden Gore-Epen. Es gibt de facto lediglich eine, für Fulci-Verhältnisse zudem sehr moderate Splatter-Sequenz ganz am Schluss, in deren Zuge der arme, sich an Kindesstatt dem Bösen opfernde Cosmio Cinieri von ausgestopften (!) Vögeln zerhackt wird.
Für den in der Hauptrolle zu sehenden, primär als TV-Serien-Darsteller umtriebigen US-Akteur Christopher Connelly – eigentlich eine fast schon tragische Nebenfigur der Kinogeschichtsschreibung – läutete dieser sein Einsatz bei Fulci einen kleinen, zweiten Frühling als Star italienischer Genre- und Plagiatsfilme (unter Castellari, Deodato, Margheriti und Mattei konnte er immerhin mit einigen der besten arbeiten) ein, bevor er als starker Kettenraucher dann nur sechs Jahre später im Alter von 47 an Lungenkrebs starb.
Festzhalten bleibt, und das ist mir wichtig, dass „Manhattan Baby“ sehr viel besser ist als seine dünne Reputation und für wahre Liebhaber Fulcis eine Augenweide darstellen sollte.

7/10

DARK WATERS

„Is our mother here?“

Dark Waters ~ I/UK/RU 1993
Directed By: Mariano Baino

Nach dem Tode ihres Vaters findet die Engländerin Elizabeth (Louise Salter) heraus, dass der Verblichene über viele Jahre hinweg ein entlegenes Nonnenkloster auf einer kleinen Schwarzmeerinsel finanziert hat. Um sich vor Ort ein Bild von den Gegebenheiten zu machen, reist Elizabeth persönlich zu dem Eiland. Dort angekommen, muss sie feststellen, dass ihre bereits vorgefahrene Freundin Theresa (Anna Rose Phipps) unter mysteriösen Umständen verschwunden ist und sämtliche Einwohner des Klosters und der umliegenden Strandhütten sich überaus seltsam benehmen. Auch Elizabeth selbst empfängt merkwürdige Visionen und Flashbacks aus Kindheitstagen, die sie, wie sich herausstellt, bereits auf der Insel verlebt hat und die hinter omimösen Erinnerungsschleiern verborgen sind. Offenbar steckt hinter all den Mysterien ein heidnischer Kult um eine uralte, dem Meer entstiegene Wesenheit…

„Dark Waters“ gilt als einer der letzten nennenswerten Beiträge zum italienischen Horrorkino, den der neapolitanische Filmemacher Mariano Baiano als seinen ersten und bisher einzigen Langfilm als kostengünstige Produktion mit englischen Hauptdarstellerinnen in Russland und der Ukraine fertigte. Baiano liebäugelt dabei mit zahlreichen Einflüssen aus der phantastischen Literatur und der jüngeren, landeseigenen Kinohistorie, denen er seine offenkundige Ehrerbietung erweist; unübersehbar in erster Instanz die Einflüsse von Grimms Märchen ebenso wie die lovecraftscher Mythenbildung (insbesondere „Dagon“) um unfassliche Entitäten aus den Tiefen des Anderswo und der ihnen zugehörigen, äonenalten Kulte, die ihre verborgene Präsenz und/oder geplante Wiederkehr beschwören. Auch Bram Stokers „Dracula“, oder zumindest dessen erste Hälfte um den in Transsylvanien ankommenden Jonathan Harker findet sich vehement referiert, ebenso wie (auf inhaltlicher Ebene) Robin Hardys „The Wicker Man“. Auf filmästhetischer Ebene orientiert sich Baiano derweil eher an den in den Jahren zuvor entstandenen Filmen von Michele Soavi, insbesondere „La Chiesa“ und „La Setta“, denen es weniger um die Beschwörung inhaltlicher oder narrativer Stringenz geht, sondern wesentlich vordringlicher um die Erschaffung einer unheiligen, mit den Mitteln der Ratio kaum fassbaren Atmosphäre des Abseitigen, um paganistische Glaubenssätze und Anbetungen des Abgöttischen. Man möge sich für den befreiten Genuss von „Dark Waters“ also weniger auf die Suche begeben nach logischen Kausalitätsschemata, da sich Baianos Werk in solchem Falle als undankbar erweisen könnte. Unter Berücksichtigung seiner Gestaltung als freie, genießerische und dabei immens eigenwillige Vision eines Künstlers, der seinem persönlichen popkulturellen Lern- und Reifeprozess ein Denkmal setzte, sollte man sich in den nassforschen, faulig-fischigen Windungen von „Dark Waters“ indes bestens aufgehoben finden.

7/10

CLIMAX

Zitat entfällt.

Climax ~ F/BE 2018
Directed By: Gaspar Noé

Um die Mitte der neunziger Jahre bereitet sich ein rund zwanzigköpfiges, vornehmlich aus jungen Französinnen und Franzosen bestehendes Tanzensemble unter der Choreographin Selva (Sofia Boutella) und dem auf Elektronisches spezialisierten DJ Daddy (Kiddy Smile) auf eine erfolgversprechende Tournee in den Staaten vor. Eine finale Probe findet in einem winterlichen, entlegenen Schullandheim statt, gefolgt von einer kleinen After-Party. Während die TänzerInnen noch im Bewegungsrausch sind, bemerken einige von ihnen, dass etwas nicht stimmt und ihre psychischen Aktionen und Reaktionen kollektiv beeinträchtigt. Die Ursache dafür ist bald gefunden: Jemand hat die Sangria mit LSD versetzt. Da nahezu jede/r der Anwesenden mehr oder weniger davon getrunken hat, verfallen bald alle in sich auf unterschiedlichste Arten kanalisierende Trips. Irrationalität, Paranoia, Aggressionen, Hemmungslosigkeiten brechen sich Bahn, bloße Instinktbedürfnisse übernehmen die Handlungsmotivation und es kommt inmitten des zusehends unübersichtlichen Chaos bald zu katastrophalen Ereignissen.

Für seinen jüngsten Film nahm Gaspar Noé sich ein über zwanzig Jahre zurückliegendes, authentisches Ereignis zur inhaltlichen Prämisse, bei dem sich tatsächlich eine Tanzgruppe unversehens unter LSD gesetzt fand, ohne dass die prekäre Situation der Anwesenden jedoch zu einem derart klaustrophobischen Schreckensszenario eskalierte, wie Noé es darstellt. Wie man es von dem Filmemacher erwarten darf, interessieren ihn stattdessen sehr viel mehr die (hypothetisch denkbaren) Auswirkungen einer entsprechenden „Versuchsanordnung“. Die Beteiligten mitsamt ihrer psychischen Grundkonstellationen, ihr soziales Netzwerk, die lokalen Bedingungen sowie der Raum selbst nebst seiner audiovisuellen Konstruktion, der spärlichen Beleuchtung und der unablässigen,  treibenden Musik werden zu unwägbaren Bestandteilen einer soziopsychologischen Experiments unter teils markerschütternden individuellen Auswirkungen. Diffuse Antipathien bis hin zu offenem Hass brechen sich Bahn, Verdachtsmomente, wer von den Beteiligten für den üblen Drogenscherz verantwortlich sein könnte, führen zu massenhysterischen, jedweder Logik entbehrenden Schlussfolgerungen. Einer der Tänzer (Adrien Sissoko) wird kurzerhand in die nächtliche Kälte ausgesperrt und dort vergessen; eine Mutter (Claude Gajan Maull) schließt ihren kleinen Sohn (Vince Galliot Cuman) zu dessen „Sicherheit“ in den Stromverteilerraum ein, verliert jedoch den Schlüssel und dreht vollends durch, als der zunächst panische Junge kein Lebenszeichen mehr von sich gibt; eine sich als schwanger outende Frau (Souheila Yacoub) wird misshandelt und verstümmelt sich dann selbst; die Haare einer anderen (Sarah Belala) fangen Feuer; ein eifersüchtiger Entfesselter (Taylor Kastle) vergewaltigt die eigene Schwester (Giselle Palmer).
Im Interview gab Noé zu Protokoll, er habe sich ein paar der megalomanischen Katastrophenfilme der siebziger Jahre angesehen, um sich von der atavistischen Anarchie der den Extremsituationen ausgesetzten Charaktere inspirieren zu lassen. Die Wahl seiner Form gestaltet sich wie üblich kongenial zum transgressiven Geschehen; zu Beginn etwa rollen die Endcredits in umgekehrter Folge durchs Bild, lange, durch ein Mindestmaß an Schnitten durchbrochene Einstellungen zeigen zunächst die ekstatische Tanzchoreographie und später dann die zunehmend infernalischen, immer irrealer anmutenden Wendungen innerhalb der bizarren Hermetik des Gebäudes als einen unablässigen Strom befremdlicher Eindrücke und Momentaufnahmen. Hier und da leistet sich Noé sogar (offenbar ironisierte) Godardismen, wenn er etwa urplötzliche, seltsame Titeleinblendungen liefert wie „un film français et fier de l’être“.
Als kultisch verehrtes und bemühtes trip movie etwa im Sinne von „Fear And Loathing In Las Vegas“ wird „Climax“ vermutlich nicht in die Annalen halluzinogener Kinokultur einziehen, dafür ist er schlicht zu unbequem und vermutlich auch allzu inkommensurabel; es gibt – im Sinne drogenaffiner Filmrezeption zumindest – gewiss zu wenig her, sich dem durchaus als „Horrortrip“ empfindbaren Werk zu widmen. Andererseits nimmt sich „Climax“ in seiner Gesamtgestaltung glücklicherweise als allzu komplex aus, um als stiefmütterliche Warnung vor freiwilligem und unfreiwilligem Rauschmittelmissbrauch durchzugehen – wenngleich niemand im direkten Anschluss an ihn den Drang verspüren wird, sich auf hofmannsche Reisen zu begeben.

8/10

BABA YAGA

Zitat entfällt.

Baba Yaga (Foltergarten der Sinnlichkeit 2) ~ I/F 1973
Directed By: Corrado Farina

Auf dem Rückweg von einer Party gerät die Fotokünstlerin Valentina Rosselli (Isabella De Funès) an eine aparte Dame, die sich ihr unumwunden als Baba Yaga (Carroll Baker) vorstellt. Von diesem Moment an gerät Valentina in den mystischen Bann jener lasziven, rätselhaften Frau, doch dieser ist nicht ungefährlich. Valentinas Lieblingskamera ist bald verhext und führt ihren lebenden Motiven körperlichen Schaden zu; eine rätselhafte S/M-Puppe, die Baba Yaga Valentina als vermeintlichen Talisman schenkt, scheint Böses im Schilde zu führen. Erst mit der Hilfe ihres Freundes Arno Treves (George Eastman), eines Gelegenheitsfilmemachers, kann Valentina sich schließlich dem Zugriff der Hexe entziehen.

Die zweite und bereits letzte abendfüllende Kinoarbeit des Turiner Autors und ansonsten vornehmlich auf dokumentarischer Ebene aktiven Autors und Filmemachers Corrado Farina basiert auf der „Baba Yaga“-Strecke eines zu jener Zeit beliebten fumetto nero (oder auch fumetto per adulti): „Valentina“ von Guido Crepax, der mit Farina befreundet war und an dem Film mitarbeitete. Bei Crepax‘ Figur Valentina Rosselli handelt es sich um eine politisch stark linksorientierte Mailänder Fotografin und Bohèmienne, die zunächst als Freundin des mit Superkräften ausgestatteten Helden Philip Rembrandt alias „Neutron“ in Erscheinung trat und sich dann im Laufe ihrer folgenden, rund dreißig Jahre währenden Veröffentlichungsgeschichte zur Hauptfigur ihrer eigenen, sich zunehmend erotisch gestaltenden Abenteuer entwickelte. Sie basierte hinsichtlich ihrer visuellen Gestaltung auf Crepax‘ Vorliebe für die in den zwanziger und dreißiger Jahren aktive Schauspielerin Louise Brooks und geriet im weiteren Verlauf ihrer Geschichten in zusehends surreal arrangierte, oftmals mit eindeutigen Fetischelementen angereicherte Storys, die mit unterschiedlichen diegetischen Ansätzen spielten, dem stream of consciousness etwa.
Ganz so weit geht Farinas Film nicht, obschon er in seinen erotisch konnotierten Sequenzen nicht den offensichtlichsten Pfad des blanken Voyeurismus einschlägt, sondern stattdessen hart kontrastierte, ineinander fließende Schwarzweiß-Einzelbilder von Isabella De Funès‘ Gesichtspartien einflechtet. Ansonsten ist „Baba Yaga“ (deren von Carroll Baker interpretierte Entsprechung weniger dem folkloristischen slawischen Vorbild der knorrigen Waldhexe in ihrem Haus auf Hühnerbeinen entspricht denn vielmehr dem, was man sich im Westen als lesbische, stark sexualisierte femme fatale mit übersinnlichen Fähigkeiten vorstellen mag) vor allem als repräsentativ-exemplarisches, zeitkoloriertes Fest der Dekors und Interieurs interessant, das einige wenige (jedoch, das muss man einräumen: oberflächliche) Diskurse in Richtung bildender Kunst verhandelt und das mit seinem, dem jazzigen Score (Piero Umiliani) angelehnten Rhythmus eher wie die gepflegtere, feuilletonistisch goutierbarere Variation eines Jess-Franco-Werks daherkommt. Sein phantastisches Timbre vulgarisiert der Film dann auch keineswegs durch halbgare Effekte, sondern durch die geschickte Evokation eines allgegenwärtigen Mystizismus‘, der derkurz auf paraphilen Abwegen befindlichen Heldin offenbar durchaus libertinäre Freude und Lust bereitet, sie am Ende aber dann doch wieder aufatmend in ihren vertrauten sozialen Mikrokosmos zurückspeit.

8/10