TRICK `R TREAT

„Happy Halloween!“

Trick `r Treat ~ USA 2007
Directed By: Michael Dougherty

In der Kleinstadt Warren Valley, Ohio geschieht zum diesjährigen Halloween-Umzug allerlei wahrhaft Grausiges: Der hiesige High-School-Direktor Wilkins (Dylan Baker) entpuppt sich als Serienkiller, der es sowohl auf adipöse Süßigkeiten-Junkies wie auch auf hübsche Backfische abgesehen hat; ein Quartett von Teenagern (Britt McKillip, Isabelle Deluce, Jean-Luc Bilodeau, Alberto Ghisi) spielt einer Außenseiterin (Samm Todd) einen bösen Streich, der schwer nach hinten losgeht; eine Gruppe weiblicher Werwölfe veranstaltet eine Party mit jungen Männern als Hauptgang; der ein schlimmes Geheimnis hütende Säufer Kreeg (Brian Cox) bekommt nicht nur eine alte Rechnung präsentiert, sondern muss sich zudem noch des überaus regelgestrengen Sam (Quinn Lord), des inkarnierten Geists der Halloweennacht, erwehren.

Thematisch um Halloween kreisende Horrorfilme oder zumindest solche, die im Kontext des besonders in den USA ausgelassen gefeierten, den All Saint’s Day und den Day of the Dead antitipierenden Maskenfests spielen, sind zahlreich. Man kann durchaus von einem eigenen, kleinen Subgenre sprechen, dem der phantastikaffine Michael Dougherty nach einigen Scripts für Superheldenfilme von Bryan Singer und unter dessen produzierender Ägide 2007 sein Regiedebüt zusetzte. Gestaltet als ein Quasi-Episodenfilm, dessen einzelne Segmente sich jedoch inhaltlich wechselseitig beeinflussen und teilweise kausal bedingen, gibt es im Wesentlichen vier narrative Hauptstränge und einen sie alle mehr oder weniger verbindenden Überbau in Form eines kleines Dämons, der darauf achtet, dass die spirituelle Tradition von Samhain stets gewahrt bleibt. Wer diese in jedweder Form missachtet oder gar ignoriert, bekommt seinen Frevel auf dem Fuße hart entgolten. Seine hübschen Storys, in denen die allermeisten, die sich auf die eine oder andere Weise moralisch verschulden, einer bitteren Strafe entgegensehen, für die nicht immer zwangsläufig der Halloween-Dämon verantwortlich zeichnet, inszeniert Dougherty als grelles fright fest im Sinne klassischer Horrorcomics und wahrt dabei stets einen zumeist sehr galligen Humor, der gern auch mit der einen oder anderen augenzwinkernden, den Connaisseur reizenden Avance hausiert. Dadurch, dass Dougherty seine Geschichten zudem parallel montiert, sie also nicht losgelöst voneinander erzählt, entsteht eine Art von Homogenität, die eine nette Alternative zum klassischen Korsett des üblichen episodisch erzählten Horrorfilms darstellt. Einen instant classic erhält man dadurch zwar noch nicht, sehr wohl aber eine hübsche Alternative für den jährlichen, effektvoll zu gestaltenden Themenabend am 31. Oktober.

7/10

BLACK WIDOW

„It still fits!“

Black Widow ~ USA 2021
Directed By: Cate Shortland

Während Black Widow Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) wegen ihrer Verstöße gegen das Sokovia-Abkommen weltweit von den US-Militärs gesucht wird und sich in Norwegen versteckt, spüt sie eine martialisch kostümierte, schwerbewaffnete Attentäterin namens „Taskmaster“ (Olga Kurylenko) auf, die ein unbewusst in Natashas Besitz befindliches Köfferchen sucht. Darin finden sich wiederum einige Phiolen mit einem roten Gas mysteriösen Ursprungs. Natasha kann Taskmaster mitsamt den Gasphiolen entkommen und reist nach Budapest, wo sie ihre vormalige „Pseudoschwester“ Yelena Belova (Florence Pugh) wiedertrifft, die von dem russischen General Dreykov (Ray Winstone) wie Natasha seit frühester Kindheit zu einer Superspionin ausgebildet wurde. Yelena klärt Natasha auf, dass der von ihr totgeglaubte Dreykov noch lebt und weiterhin rund um den Globus kleine Mädchen entführt, um sie in seinem geheimen „Red Room“ zu Widows der neuesten Generation heranzuzüchten. Dazu macht er sie mittels einer Suggestivchemikalie zunächst hörig und willenlos. Bei dem Gas in den Phiolen handelt es sich um ein Antidot, das den Mädchen, wie kurz zuvor auch Yelena, ihr eigentliches Bewusstsein zurückgibt. Gemeinsam mit zwei alten Bekannten, dem sowjetischen Captain-America-Gegenstück „Red Guardian“ Aleksej Shostakov (David Harbour) und der mit Dreykov zusammenarbeitenden Wissenschaftlerin und früheren Black Widow Melina Vostokoff (Rachel Weisz), infiltriert Natasha Dreykovs fliegende Festung.

Mit den Miniserienformaten erschließen sich die Marvel Studios unter Disney just ja ganz neue Vertriebswege. Zumindest die ersten beiden Serials, „WandaVision“ und „The Falcon And The Winter Soldier“ („Loki“ sehe ich mir erst an, wenn die Verfügbarkeit komplett ist), weisen im Prinzip sämtliche Qualitäten der gelungeneren Kinowerke auf und gefallen selbst mir als weitgehendem Serienignoranten ausnehmend gut. Als erster Filmbeitrag zur Phase 4 im MCU bildet „Black Widow“ ergänzend dazu zugleich eine ökonomische Reaktion Disneys auf das globale Pandemiegeschehen und die damit verbundene Kinoregression: Cate Shortlands Werk startet zeitgleich im Stream und auf der Leinwand. Da die Figur der Natasha Romanoff sich in „Avengers: Endgame“ so tapfer anstelle von „Hawkeye“ Clint Barton geopfert hatte, konnte sie nurmehr im Zuge eines Prequels wiederauftreten und damit zugleich den Weg für ihre potenzielle Nachfolgerin Yelena Belova bereiten. Scarlett Johannson verleiht ihrer Titelrolle trotz deren tödlichen Aktionismus‘ wiederum jene entspannte, klug dosierte Sanftmut, die man von ihr seit ihrem charismatischen Debüt in „Iron Man 2“ kennt. Innerhalb der Filme stellte Natasha Romanoff als erste und weitgehend einzige Frau im Bunde stets das moralisch integre Rückgrat der Avengers dar, das wesentliche Stabilitätsgarant und gewissermaßen zugleich Mutter- und Schwesterfigur. Ihr „eigenes“ Abenteuer fungiert insofern auch als verspätet nachgereichte, psychologische Blaupause, in der Biographie, Motivations- und Emotions-Motoren zumindest grob skizziert werden. Die originäre Comicfigur war ein mäßig interessant eingeführtes Produkt des Kalten Krieges, das irgendwann von den Sowjets zu den Amerikanern (nominell S.H.I.E.L.D.) überlief und dann diversen Heldenteams zugehörig, ebenso häufig jedoch in solitären Abenteuern umtriebig war. Anders als im MCU verbindet sie darin elementare Liebesbeziehungen mit Clint Barton und vor allem „Daredevil“ Matt Murdock, mit dem sich ihre Wege immer wieder kreuzten. Ihr Film-Alias musste aus naheliegenden Gründen ja gezwungenermaßen umstrukturiert werden; so ist der Red Guardian (der in vorhandener Ausprägung auch gut von Will Ferrell hätte gespielt werden können) hier nicht wie ehedem Natashas Ehegatte, sondern ihr auf die dreijährige Zeit einer längewierige Spionagemission begrenzter Quasi-Adoptivvater. Unter anderem diese ungewöhnliche Konstellation nutzt „Black Widow“, um gezielt dem der Widow-Historie wesentlich inhärenten Pfad immer wieder aufploppender Melodramatik zu entsagen und stattdessen jenem eigenwilligen, manchmal gar ins Groteske abschweifenden Humors zu folgen. So kerntragisch sich die Schicksale der von Dreykov gekidnappten, gewaltsam ihren eigenen Vitae entledigten und zu bloßen Marionetten verformten Mädchen ausnehmen – wenn sich die zersprengte, vierköpfige Spionfamilie von einst wiedervereint, hat das annähernden Sitcom-Charakter und greift damit die unberechenbare, humorige Leichtigkeit von „WandaVision“ auf. Die Plotstruktur indes gleicht auffallend der von „The Falcon And The Winter Soldier“ – zwei dickköpfige PartnerInnen wider Willen raufen sich zusammen, um weltweit einem handlungsspendenden Macguffin nebst verdeckt operierendem Overfiend nachzujagen und ihre eigentlich doch offensichtliche Freundschaft zu kultivieren. Die gebürtige Australierin Shortland macht daraus in ihrem vierten Film den ersten zumindest annähernd feministischen Beitrag zum MCU und koppelt daran scriptbedingt zugleich klassische Pulpphantasien um Finsterlinge mit tödlichen Mädchenarmeen, wie sie der geneigte Filmhistorienwühler noch aus Mottenkugeln wie „Deadlier Than The Male“, den „Dr. Goldfoot“- oder den „Sumuru“-Filmen in Erinnerung haben mag. Auch der deutlich jüngere „Red Sparrow“ liegt als Inspirationsquell freilich nicht fern. Ein diesbezüglich hübsches Bonmot leistet sich „Black Widow“ zudem und spannt damit zugleich den Bogen zum Fallschirm-Showdown: Bei Natasha Romanovs augenscheinlichem Lieblingsfilm, den sie sogar auswendig mitsprechen kann, handelt es sich um keinen geringeren als den stets gern belächelten Bond-Querschläger „Moonraker“.

7/10

RECKLESS

„I don’t want to calm down. I’m sick of calming down. I’m sick of everything being okay!“

Reckless (Jung und rücksichtslos) ~ USA 1984
Directed By: James Foley

Eine stinkende, grau in graue Schwerindustriestadt in Ohio: Zwei High-School-Teenager, der aus einer Arbeiterfamilie stammende Johnny Rourke (Aidan Quinn) und die Upper-Class-Schönheit Tracey Prescott (Daryl Hannah), verlieben sich heftig ineinander. Obwohl der allzeit omnipräsente Standesdünkel ihnen alle möglichen Steine in den Weg legt, gelingt ihnen nach allerlei Irrungen und Wirrungen doch noch die gemeinsame Flucht aus dem miefigen Kleinstadtmilieu.

Love conquers all: James Foleys Regiedebüt lädt dazu ein, die vielversprechend anmutenden ersten Schritte eines jungen Filmemachers zu beobachten, der, ähnlich wie seine Protagonisten, einst eine Menge romantischer Wut im Bauch trägt. Im (amerikanischen) Teenager-Film des Jahrzehnts nimmt „Reckless“ dann auch eine vergleichsweise (obschon nicht solitäre) gesonderte Position ein: Nicht nur, dass komödiantische Elemente darin keinerlei Rolle spielen, geht es zwar auch hier um eine bestimmte Form des Sieges; diese formuliert sich allerdings nicht wie üblich in Form karrieristischer Bestrebungen und Gewinne oder gar einer Eingliederung in Establishment-Strukturen. Wo üblicherweise Sportevents, Schulabschlüsse oder Prüfungen, die Manifestierung von Individualität innerhalb einer bourgeois-gleichgeschalteten Jugend oder die umwegsgesäumte Erkenntnis der wahren Liebe im Vordergrund standen, sieht sich „Reckless“ eher als rückwärtsgewandte Hommage an die Juvenile-Delinquent-Dramen der fünfziger Jahre. So steht Aidan Quinns Figur nicht nur als Motorradliebhaber eindeutig in der Tradition der grenzverzweifelten angry young men, die Brando und Dean in jener Ära gaben, als Aufbegehrer gegen einen dem Suff und der Desillusionierung verfallenen Vater (Kenneth McMillan), dessen Malochertod schließlich die letzte noch existente Vernabelung zwischen Johnny und seiner Heimstatt kappt. Obwohl einem gänzlich diametralen Haushalt entstammend, erkennt durch seinen mittelbaren Einfluss auch Tracey, dass ihr ausschließlich aus zu befriedigenden Erwartungshaltungen bestehendes Erwachsenwerden sie alles andere als glücklich macht. Gegen alle Widerstände schafft das Paar es schließlich, sich nicht nur zusammenzuraufen, sondern auch den gemeinsamen Schritt in die Unabhängigkeit und weg von den Wurzeln zu meistern, ein verdientes, auch den Zuschauer glücklich stimmendes happy end inbegriffen.
Wie im Falle des Regisseurs bildet „Reckless“ zugleich ebenso die Leinwandpremiere Quinns wie auch das Scriptdebüt des späteren Spielberg-Adlatus und Familien-Mainstream-Regisseurs Chris Columbus, der nachträglich gegen den Foley wetterte, meinte, dieser habe sein Drehbuch massakriert und er selbst fände sich im fertigen Werk nicht mehr wieder. Über die Ausprägung Columbus‘ ursprünglicher Zeilen muss zumindest in der oberflächlichen Frage nach Gelungenheit allerdings kaum weiter nachgedacht werden, denn „Reckless“ ist auch ohnedies ein beachtliches, mitreißendes Coming-of-Age-Drama, dessen diverse Qualitätsfacetten – darunter Michael Ballhaus‘ exzellente Photographie, die hübsche Song-Zusammenstellung oder, ganz profan, Daryl Hannahs atemberaubende Sexyness zu einem durchaus geschlossenen Ganzen finden.

8/10

THE KILLING OF A SACRED DEER

„I don’t know if what is happening is fair, but it’s the only thing I can think of that’s close to justice.“

The Killing Of A Sacred Deer ~ IE/UK/USA 2017
Directed By: Yorgos Lanthimos

Der renommierte Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) erfreut sich einer materiell erfüllten Existenz an der Seite von Gattin Anna (Nicole Kidman) und zwei wohlgeratenen Kindern, Kim (Raffey Cassidy) und Bob (Sunny Suljic). Doch er trägt auch ein dunkles Geheimnis mit sich herum. Vor einiger Zeit hat er infolge unkontollierten Alkoholgenusses den Tod eines Patienten auf dem OP-Tisch verschuldet. Um sich ein reines Gewissen zu erkaufen, verbringt er nun regelmäßig Zeit mit Martin (Barry Keoghan), dem sechzehnjährigen Sohn des Toten, und lässt ihm teure Geschenke zukommen. Doch dies gleicht den Verlust des Jungen nicht aus. Nachdem Steven gewissermaßen das „Angebot“ ausschlägt, auf familiärer Ebene zum „regulären“ Ersatzvater Martins zu avancieren, wendet sich das Schicksal – offenbar auf rätselhafte Weise von Martin beeinflusst – gegen ihn und seine Familie. Nacheinander erkranken beide seiner Kinder an Lähmungserscheinungen, verweigern die Nahrungsaufnahme und erwarten, so kündigt Martin es an, einen baldigen Tod. Auch auf Anna steht jenes Los bevor. Sämtliche Versuche Stevens, diese Wendung der Ereignisse auf jede nur denkbare Weise abzuwenden, scheitern. Es gibt nur einen Ausweg – er muss höchstpersönlich eine/n seiner Liebe/n töten, um die anderen beiden zu retten.

Yorgos Lanthimos‘ zweiter Film in englischer Sprache und mit internationaler Besetzung gleicht sich nahtlos der bis dato kultivierten, besonderen, etwas verschroben wirkenden Agenda des Regisseurs an. Die inhaltliche Urheberschaft schreibt sich abermals ihm selbst und seinem ihm seit „Kynodontas“ kongenial zur Seite stehenden Coautoren Efthymis Filippou zu. Gemeinsam ersann das Duo diesmal eine wiederum bitterbös-komische Horrorparabel um Schuld, Sühne und die Schaffung naturgesetzmäßigen Ausgleichs. Die eine, schuldhaft herbeigeführte Lücke im irdisch-humanen Gefüge, so die unbarmherzig ausgespielte Weise von „The Killing Of A Sacred Deer“, könne nur durch die Schaffung einer ebenso schmerzhaften Lücke ausgeglichen werden. Dies sollte eher metaphorisch oder philosophisch denn politisch verstanden werden. Die Art von „Gerechtigkeit“, die Steven Murphy selbst herbeiführen muss, gründet denn auch nicht auf einer ordinären, weltlichen Vergeltungsmaßnahme, sondern auf metaphysischer Determination. Mit der Eröffnung Martins, dass Stevens Familie nach und nach ohne jedwede Interventionsoptionen dahinsiechen wird, verlässt Lanthimos‘ Film endgültig den bereits zubor beträchtlich wackelnden Boden der Rationalität und avanciert zu einem phantastischen Mysterienspiel, das ausschließlich durch seinen vorausgeplanten Ausgang enden kann, darf und wird. Wer ein wenig mit Lanthimos‘ bisherigem Werk vertraut ist, ahnt zudem recht bald, dass er weder dem Bangen seines Protagonisten noch dem des Publikums Gnade walten lassen wird. Parallel zu Steven Murphys von verzweifeltem Strampeln wider das Schicksal eskortierten Konfrontation mit seiner unabwendbaren Schuld lässt „The Killing Of a Sacred Deer“ (dessen Titel ist der bisher sonderbarste und chiffrierteste eines Lanthimos-Films ist) dem Rezipienten Zeit, sich über die ethische Rechtmäßigkeit des sich vor ihm Entrollenden den Kopf zu zerbrechen – eine diesbezüglich eindeutige Entscheidung versagt sich unter Umständen. Dass Lanthimos und Filippou bei aller herzzereißenden Düsternis nie ihrem galligem Humor entsagen und immer wieder groteske Schmunzler und sogar hysterische Lacher in ihre – natürlich – formvollendet inszenierte Geschichte hineinballern wie mit einer weit streuenden Schrotflinte gehört zum guten Ton ihrer Arbeit.

8/10

I AM WRATH

„Find ‚em, kill ‚em.“

I Am Wrath (Rage – Tage der Vergeltung) ~ USA 2016
Directed By: Chuck Russell

Der Angestellte Stanley Hill (John Travolta) kehrt von einem Bewerbungsgespräch zu seiner Frau Vivian (Rebecca De Mornay) in Ohio zurück. Noch am Flughafen wird Vivian ermordet – scheinbar im Zuge eines gewöhnlichen Raubüberfalls. Doch Stanley ahnt, dass dahinter viel mehr stecken muss. Allzu nachlässig die Polizeiarbeit bezüglich des Verbrechens, allzu verdächtig Vivians den Plänen des Gouverneurs Meserve (Patrick St. Sprit) entgegenstehendes Engagement als Umweltlobbyistin, den geplanten Bau einer teuren Pipeline betreffend. Für Stanley, ehemals Mitglied der Special Forces und entsprechend geschult und ausgestattet, gibt es von jetzt an nurmehr den privaten Weg: Gemeinsam mit seinem alten Freund Dennis (Christopher Meloni) und allerlei Feuerkraft pflügt er sich zielstrebig durch die Reihen der Unholde bis hin zu ihrem Kopf.

Ein trauriges Beispiel verkommen(d)en Talents. Dass ich den Travolta ab ’94, sozusagen den von Tarantino reaktivierten, kaum mehr leiden mag, ist ein rein privat gefärbtes Problem; was jedoch der spärliche Arbeiter Chuck Russell, der vor knapp drei Dekaden immerhin den grenzbrillanten „A Nightmare On Elm Street Part 3: The Dream Warriors“ inszenierte, hier nach einer abermals langen Pause vorlegt, das gefällt mir beinahe noch weniger. „I Am Wrath“ hängt sich an die jüngst recht erfolgreich gelaufene, kleine Selbstjustizler- und Vigilantenwelle, die mit Antoine Fuquas „The Equalizer“ sogar einen durchaus amtlichen Beitrag liefern konnte. Das Sujet, wie es hier aufbereitet wird, hat jedoch nurmehr was von einem in der hinteren Kühlschranksektion vergessenen Stinkkäse. Unter einem ernsthaft motivierten, engagierten Rächer stelle ich mir jedenfalls keinen nur Stunden nach dem Gewalttod seiner geliebten Frau angesichts erster Racheerfolge herumfeixenden Typen vor, der sich eigentlich bloß freut, einen Grund zu haben, in sein früheres, heißgeliebtes Metier als Attentäter zurückzukehren. Doch nichts Anderes präsentiert uns dieser Film. Die großen Rächerfiguren des Kinos der siebziger und achtziger Jahre hatten, bei all ihrer kontroversen Vorgehensweise, zumindest Eines stets gemeinsam: Sie waren destabilisierte, aus den Fugen geratene, traurige Einzelgänger, auf die nach „erfüllter Mission“ wahlweise der Tod, die große Leere oder zunehmend realitätsferne Sequels warteten. Nicht so Stanley Hill – der findet es ziemlich funky, was er da tun muss bzw. tut und hat jede Menge schlechten Spaß dabei. Der auslösende Faktor, also die brutal erdolchte Gattin, scheint relativ schnell der Bedeutungslosigkeit anheim zu fallen. Und diese penetrante Disharmonie findet sich wird weder als ironische Genrereflexion aufbereitet noch als clevere Drehbuchfinte, sondern verbleibt schlicht unangenehmer Subton.
Russell regiert den lückenhaften Film entsprechend ratlos und unbeteiligt und lässt seinen hamsterbackigen Alttänzer, dessen Antlitz mich nebenbei unentwegt auf sonderbar-unheilvolle Art an den Arnold-Dummy aus der Autoaugenoperationsszene in „The Terminator“ denken ließ, mal machen. Ich derweil war froh, als ich durch war und mich endlich wieder Gehaltvollerem zuwenden konnte.

3/10

BELOVED

„It ain’t evil. Just sad.“

Beloved (Menschenkind) ~ USA 1998
Directed By: Jonathan Demme

Viele Jahre nachdem es der hochschwangeren Sklavin Sethe (Oprah Winfrey) einst gelungen ist, von Kentucky nach Ohio zu fliehen und dort mit ihren bereits zuvor entkommenen Kindern im Hause ihrer Großmutter Baby Suggs (Beah Richards) sesshaft zu werden, steht plötzlich ihr früherer Schicksalsgefährte Paul D (Danny Glover) vor der Tür, der sich die ganze Zeit über als Tramp und Tagelöhner durchgeschlagen hat. Von Sethes einst vier Kindern ist nurmehr die Jüngste, Denver (Kimberly Elise), bei der Mutter. Ihr Haus scheint von einem Poltergeist heimgesucht zu werden. Paul bietet sich Sethe und Denver trotz anfänglicher Ängste wegen der übernatürlichen Vorgänge als Ersatzvater an und will für sie sorgen. Nach einigem Zögern akzeptiert Sethe sein Angebot. Kurz darauf erscheint eine junge, offenbar geistig verwirrte und amnesische Frau (Thandie Newton) auf Sethes Grundstück, die den Namen ‚Beloved‘ trägt. Sethe und Denver nehmen Beloved wie ein weiteres Familienmitglied auf, nur Paul D empfindet in ihrer Gegenwart Unbehagen. Nach einigen Wochen wird Beloved für Sethe mehr und mehr zur Belastung, doch sie kann und will das Mädchen aus einem sehr sensiblen Grund nicht fortschicken…

Oprah Winfrey hatte die Verfilmungsrechte an Toni Morrisons gefeiertem Roman bereits seit Jahren in ihrem Besitz, als „Beloved“, inszeniert zwar von Jonathan Demme, jedoch vornehmlich unter Winfreys Schirmherrschaft, entstand. Anders als ethnische Selbstfindungsdramen vom Schlage eines „The Colour Purple“ wählt „Beloved“ einen sehr viel metaphorischeren Ansatz für seinen Schicksalsbericht. Der Film (das Buch ist mir leider unbekannt) lässt sich auf multiple Weise betrachten: als die Geschichte einer Heimsuchung, einer Rache, oder auch als eine von Buße und Erlösung. Was dem Betrachter im Grunde bereits parallel zu Beloveds rätselhafter Einführung in die Ereignisse schwant, erweist sich bald als dräuende Gewissheit: Sie ist niemand Geringere als die ältere Manifestation von Sethes vor rund 18 Jahren von ihr eigenhändig getötetem Baby. Als ihr vormaliger Besitzer (Jude Ciccolella), von dem Sethe stets nur als „Schoolteacher“ berichtet, plötzlich in Ohio auftauchte, sah sich die verzweifelte Mutter dereinst gezwungen, ihren Kindern das Leben zu nehmen, bevor sie wieder in die Hände des grausamen Weißen gelangten. Sie schnitt dem älteren Mädchen die Kehle durch und versuchte, den beiden Jungen (die die mütterliche Attacke schwer verletzt überleben sollten), die Schädel zu zertrümmern. Einzig die kleine Denver blieb körperlich unversehrt und bei der Mutter, während die Jungen ihr weggenommen wurden und seither nichts mehr von ihr wissen wollen. In der seltsamen Beloved, die aus dem Jenseits (einem zwischenbereichlichen offenbar, in dem es finster und heiß ist und sich die Geister drängeln) zurückkehrt, symbolisiert sich zugleich der Wunsch Sethes zu sühnen für ihre einstige Bluttat. Und sühnen wird sie: Nachdem Beloved ihre tatsächliche Identität kundgetan hat, nimmt sie Sethe nach und nach alles, was sie noch besitzt, einschließlich ihres Verstandes.
Via diesen oftmals mysteriösen, schwer verdaulichen Hergang der Geschehnisse wählt „Beloved“ einen ungewohnten Perspektive auf die Schrecken der Sklaverei. Über Generationen hinweg bleiben deren Folgen für die Leiber und Seelen ihrer Opfer akut; sie taugen dazu, deren schlimmste Abgründe als Verzweiflungstaten lichtbar zu machen und sie auch Jahre später noch zu zertrümmern. Sethe glaubt längst, durch ihre entbehrungsreiche Flucht über den Fluss die Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben und in der Lage zu sein, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch dem ist mitnichten so. Ihr erzwungener Blutakt hängt ihr in mehrerlei Form nach; sei es als Geist, der ihr Haus bewohnt, als Schuldkomplex, in den Augen ihrer einsamen Tochter Denver oder in allem was da noch kommen mag. Sethe ist nicht frei, auch Jahre später nicht. Ihre Freiheit ist nur eine vergängliche Illusion.

9/10