THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS

„How high can a bird count anyway?“

The Ballad Of Buster Scruggs ~ USA 2018
Directed By: Ethan Coen/Joel Coen

Sechs frontier tales berichten von den manchmal widersprüchlichen Lebenswendungen und Weisen, die der alte Westen für seine Teilhaber bereithielt:
Der Poker spielend, fein herausgeputzte, singende und stets gut aufgelegte Gunman Buster Scruggs (Tim Blake Nelson) wird mit jedem fertig – bis eines schönen Tages ein Besserer (Willie Watson) seine Pfade kreuzt und ihn zum Engel macht;
Einem Nachwuchsgangster (James Franco) kommt immer wieder der Zufall dabei zur Hilfe, dem dräuenden Sensenmann zu entweichen, bis er irgendwann unschuldig, aber dafür umso gelassener aufgeknöpft wird;
Ein abgewetzter, alter fahrender Schausteller (Liam Neeson) stellt allabendlich einen jungen Mann (Harry Melling) ohne Gliedmaßen aus und lässt ihn Bibelweisen und Verse englischer Dichter von Shakespeare bis Shelley aufsagen, bis er, in Erwartung besserer Einnahmen, seinen alten durch einen neuen, vielversprechenderen „Star“ austauscht: Ein zählendes Huhn;
Ein alter Prospektor (Tom Waits) findet ein unentdecktes, idyllisches Gebirgstal nebst Goldader und verteidigt seinen wertvollen Fund tapfer und zäh gegen einen brutalen Strolch (Sam Dillon);
Eine alleinstehende, junge und mittellose Dame (Zoe Kazan) lernt auf einem Siedlertreck nach Oregon den Treckführer (Bill Heck) kennen, der ihr einen unerwarteten Heiratsantrag macht. Während schon das familiäre Glück auf sie wartet, meint das Schicksal es jedoch anders mit ihr;
Fünf höchst unterschiedliche Reisende (Tyne Daly, Saul Rubinek, Chelcie Ross, Brendan Gleeson, Jonjo O’Neill) fahren, einige Grundsatzdiskussionen führend und mit einer Leiche auf dem Dach in einer Postkutsche durch die Abenddämmerung Richtung Fort Morgan, Colorado, wo sie schließlich in einem finsteren Hotel absteigen, derweil der Kutscher umdreht und ihr Gepäck wieder mitnimmt.

Eine – veritable – Sensation: „The Ballad Of Buster Scruggs“, ein ebenso lyrischer wie quertreiberischer Post-Postwestern und einer der wenigen Episodenfilme der Gattung (spontan fallen mir ansonsten lediglich das Cinerama-Vorzeigestück „How The West Was Won“ und Sam Pillburys noch etwas seltsamerer TV-Anthologie „Into The Badlands“ ein) ist nicht nur das veritable Meisterwerk der Coens, mit dem zumindest ich nicht mehr gerechnet hätte, sondern stellt den letzten mir noch fehlenden Beweis da, dass die welt- und zukunftsoffene Cinephilie mit von Netflix produzierten Filmen rechnen muss – unabhängig eben auch davon, welches Bildschirmformat sie nun letzten Endes ausfüllen. Ähnliche Hochgefühle hatte ich vor nicht allzu langer Zeit bereits angesichts Saulniers „Hold The Dark“, doch die Coen-Brüder liefern nochmals hochpromillierter ab. Umso schöner war meine beflügelnd-stimulierende, kleine Reise durch die sechs recht unterschiedlich gefassten, aber doch allesamt um das wesenhaft morbide Allthema „Tod“ kreisenden, eine wie die andere wunderbaren Vignetten (von denen sich eine, die mit Tom Waits, sogar auf Jack London beruft), weil ich mir von „The Ballad Of Buster Scruggs“ wenig bis gar nichts erwartet hatte.
Mit den Coens ist es bei mir so: Ihr (vierteiliges) Frühwerk bis einschließlich 1991 halte ich für ausnahmslos epochal, makellos und tief prägend für alles Weitere, dann erfolgen erste, immerhin noch völlig respektable Durchwüchse, aber auch weiterhin Bravouröses bis hin zu einer sich gemächlich ankündigen Talsohle nebst brutalem Tiefpunkt, nach dem es eigentlich nur mehr wieder aufwärts gehen konnte, über eine insgesamt ordentliche Dekade mit mal ordentlichen, mal guten, in jedem Falle aber zumindest stets interessanten Filmen. Eine andauernde qualitative Hochfrequenz erreichen die ja nun mal nicht jünger werdenden Herren vermutlich nicht mehr, so lange jedoch noch alle paar Jahre frequentiert ein formvollendetes Panoptikum wie dieses den einstmaligen Enthusiasten zu befrieden daherschwebt, ist mir aller Rest lieb.
Die Coens rekultivieren in „The Ballad Of Buster Scruggs“ ihre alten Stärken, indem sie es wie eben schon lang nicht mehr schaffen, Form und Inhalt zu gleichberechtigten Prallelen zu erheben, zutiefst abgründig zu sein ohne je zynisch zu werden, inmitten aller bärbeißigen Gewalttätigkeit immer wieder stille, berückende Momente der Poesie und aufrichtigen Philanthropie einzulassen und für den Helden oder die Heldin jedes Segments echte, schöpferische Liebe aufzubringen. Dass dabei nicht selten verquere Gestalten den Weg des Zuschauers kreuzen, kennt man, weiß man. Sehr liebevoll entwickelt findet sich außerdem die fein ziselierte Dialogsprache, die, wie schon in „True Grit“, überaus pittoresk und höchst berückend mit dem barocken Timbre der Vergangenheit kokettiert.
Endlich einmal wieder ein aktuelles Werk, das mich restlos begeistern konnte – dass es ausgerechnet bei Netflix debütierte, dafür kann ich nichts; dass die Namen der Coens darüberstehen, freut mich indes umso mehr. So oder so.

10/10

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DRUM BEAT

„Peace is going to be awfully hard to get.“

Drum Beat (Der einsame Adler) ~ USA 1954
Directed By: Delmer Daves

Washington D.C., 1871: Der ehemalige Indianerjäger Johnny McKay (Alan Ladd) wird von Präsident Grant (Hayden Rorke) persönlich ins Weiße Haus bestellt, um sich mit seiner künftigen Mission als Friedensstifter in Oregon vertraut zu machen. Ein Teil des Stammes der Modoc-Indianer unter Führung des rebellischen Kintupash alias Captain Jack (Charles Bronson) ist aus dem Reservat geflohen und proklamiert das Siedler-Territorium um den Lost River für sich. McKay und Captain Jack sind alte Bekannte, die sich zwar als Rivalen im Feld respektieren, ansonsten jedoch nichts füreinander übrig haben. So setzen Captain Jacks Attacken gegen unschuldige Farmerfamilien nur ein blutiges Zeichen für seinen Unwillen, sich dem Willen der Weißen zu beugen. Nachdem alle Bemühungen, ihn zur Vernunft zu bringen, versagen, gelingt es McKay schließlich, Captain Jack im Zweikampf zu bezwingen und festzusetzen.

Vier Jahre nach seinem Parlamentärswestern und tieftraurigen Meisterwerk „Broken Arrow“, einem der ersten Filme, die eine prononciert proindianische Position einnahmen, betrachtet Delmer Daves die Dinge in „Drum Beat“ von einer anderen Warte. Obschon die von Alan Ladd gespielte Figur des Johnny McKay fiktiver Natur ist, gibt der Film die übrigen Ereignisse um die Modoc-Kriege und ihren Aufrührer Kintupash relativ authentizitätsbewusst wieder. So wie Kintupash der einzige Indianer war, der von der US Army wegen Kriegsverbrechen angeklagt und hingerichtet wurde, war der zu diplomatischen Zwecken eingesetzte General Canby (Warner Anderson), der einzige Offizier dieses hohen Rangs, der im Zuge der Indianerkonflikte getötet wurde. Ebenso wie der mit ihm zu einer Friedensverhandlung entsandte Reverend Thomas (Richard Gaines) wurde Canby im Zuge eines vorab beschlossenen Plans von Kintupash und seinen Leuten erschossen. Diese letzte Aktion, also sozusagen die völlige Ignoranz diplomatischer Traditionen, brachte Kintupash schließlich an den Galgen. Alan Ladd fungiert dabei für Daves nicht nur als Indianeragent, sondern zugleich auch als Agent für das Publikum, das einen populären Star auf der Leinwand benötigte, um sich in einem Film wie diesem zurechtfinden zu können. Dabei ist sein Charakter etwas zwiespältig gezeichnet: Johnny McKay hat einst seine gesamte Familie – Vater, Mutter und drei Geschwister – bei einem Indianerüberfall verloren und gilt seitdem als potenter Schlächter des Roten Mannes. Durch die Betrauung mit seiner Aufgabe von höchster politischer Stelle wandelt sich seine Natur dann urplötzlich und er wird zu einer ähnlichen Figur wie Tom Jeffords in „Broken Lance“, nur dass Charles Bronson eben kein Jeff Chandler ist und Kintupash kein Cochise. Captain Jacks Männer morden und brandschatzen ohne Gnade und Daves scheut sich nicht, dies mehrfach zu demonstrieren. Ironischerweise verliert man dennoch nie ganz Verständnis und Sympathie für die Aufrührer, denn immerhin ist man mit ihnen zuvor kaum anders verfahren, ihnen ihr Land abgenommen, sie zu einseitigen Verträgen genötigt und ihnen vorgeschrieben, wo sie fortan zu bleiben haben. Zwar verzichtet Daves auf eine explizite diesbezügliche Erinnerung, sie ist jedoch durch den von Bronson tatsächlich exzellent gespielten, sich seiner moralischen Rechte durchaus bewussten Revoluzzer omnipräsent. Bronson, der, schon infolge seiner ihn dafür prädestinierenden Physis, häufig stolze Indianer spielte, ist hier in seiner vielleicht schönsten Interpretation eines solchen zu bewundern. Und eine kleine, feine Anekdote um ihn gibt es vor dem Hintergrund von „Drum Beat“: Gegen Ende des Drehs entschied sich der (nebenbei auf dem Höhepunkt seiner Stattlichkeit befindliche) Charles Buchinsky nämlich, sich fortan Charles Bronson zu nennen, um seinem wachsenden Popularitätsgrad mit einem prägnanteren Namen zu begegnen. Delmer Daves berichtet, dass seine Frau Mary Buchinsky den Rat gegeben habe, sich doch „Charles Modoc“ rufen zu lassen, nach dem im Film porträtierten Indianerstamm. Angesichts der allgemeinen Belustigung über seine dennoch stur von ihm durchgeboxte „Bronson“-Wahl, meinte Charles empört, er habe diesen Namen ganz bewusst gewählt, auch auf die Gefahr hin, dadurch sein Image als harter Kerl zu unterminieren. Ich denke, man kann behaupten, die Zeit hat ihm mehr als Recht gegeben.

8/10

GREEN ROOM

„Whatever happens – this won’t end well.“

Green Room ~ USA 2015
Directed By: Jeremy Saulnier

Die Band „The Ain’t Rights“ lebt noch ganz den Geist des Punk – Kommerzialisierung oder Anbiederung jedweder Art liegt dem Quartett (Anton Yelchin, Alia Shawkat, Joe Cole, Callum Turner) fern und man ist froh, wenn man mit dem Salär für einen Gig die nächste Tankfüllung bezahlt bekommt. Ein eher notdürftig arrangierter Auftritt führt die vier jungen Leute in die Provinz um Portland, wo sie in einem abgelegenen Club auftreten. Schnell werden sie gewahr, dass sie in einem waschechten Skin-Schuppen spielen und ihr Publikum zum Großteil aus Neonazis besteht. Mit einer bewusst provokativ angesetzten Coverversion des Dead-Kennedys-Klassikers „Nazi Punks Fuck Off“ machen sie sich zwar wenig Freunde, schaffen es aber dennoch, das Publikum halbwegs zu überzeugen. Die eigentliche Tragödie ergibt sich, als sie im Backstage-Bereich zufällig des Mordes an Renee Emily (Taylor Tunes) durch einen der Nazi-Skins (Mark Webber) ansichtig werden: Der eilends herbeigerufene Darcy (Patrick Stewart), Besitzer der Location und eine Art regionaler „grand wizard“ beschließt kurzerhand, dass die unliebsamen Zeugen um die Ecke gebracht gehören. Diesen gelingt es zunächst samt Emilys Freundin Amber (Imogen Poots), sich im Green Room zu verschanzen, doch die Situation wird immer auswegloser…

Nicht ganz so einnehmend wie Saulniers mir zudem etwas geschlossener in Erinnerung befindlicher „Blue Ruin“, aber dennoch recht ansehnlich. Der Titel verrät bereits, dass Saulnier sich diesmal vor allem für die Verdichtung und Dekonstruktion des Raumes interessiert, denn die einzige Chance der festgesetzten Punkrocker liegt darin, sich durch Kenntnis der Lokalität strategische Vorteile gegen die nazifizierte Übermacht zu verschaffen. Diese wirkt leider weniger bedrohlich als ich mir zuvor erhofft hatte: Einen ziemlich belämmerten Haufen kahlgeschorener Idioten kredenzt uns das Script, deren Mastermind ausgerechnet Captain Picard sein muss. Auch sonst wird mit Klischees nur wenig gegeizt. Seinen Rockschuppen etwa betreibt der alternde Provinznazi natürlich vor allem, um eine im Keller eingerichtete Drogenküche zu tarnen. Wär‘ man nie drauf gekommen. Immerhin gerät die Porträtierung der Musiker noch ganz passabel, wobei es zu tiefer gehenden Identifikationsoptionen kaum reicht, da das Script ziemlich rasch kurze Fuffzehn mit den jungen Leuten macht: Drei von ihnen erleben bald einen jeweils recht horrenden Exitus, während der stille Pat (Yelchin), von dem man zu Beginn noch denkt, er halte am Kürzesten durch und die mittlerweile mit ihm alliierte Amber sich den Weg freikämpfen können. Die Freiheit, das heißt in diesem Falle das angrenzende Waldstück, bedeutet dann zugleich auch endlich Überlegenheit gegenüber dem durch Heimspielvorteile begünstigten Gegner. Wie die Charakterpräsentation wirkt auch die Darstellung der Gewaltmomente betont unbeteiligt und beiläufig, was wiederum dafür sorgt, dass Empathie- und Spannungsmomente es schwer haben in diesem Film, der alles daran setzt, bloß nicht ordinär zu sein und dessen einzige größere Schwäche ironischerweise just darin liegt, dass er für einen als solchen kreditierbaren Thriller einfach nicht hinreichend packend daherkommt.

7/10

TRUE STORY

„Everybody deserves to have their story heard.“

True Story ~ USA 2015
Directed By: Rupert Goold

Nachdem der erfolgreiche Enthüllungs-Journalist Michael Finkel (Jonah Hill) seine Stellung wegen eines unverzeihlichen Faux-pas verliert (er fälscht bewusst Informationen und fliegt damit auf), zieht er sich schwer deprimiert zu seiner Freundin (Felicity Jones) in die Einöde von Oregon zurück. Dort wird er bald mit einer seltsamen Begebenheit konfrontiert: Der gesuchte Mordverdächtige Christian Longo (James Franco), der seine Frau (Maria Dizzia) und seine drei Kinder (Conor Kikot, Charlotte Driscoll, Stella Rae Payne) ermordet haben soll, hat sich im Zuge seiner vorübergehenden Flucht nach Mexiko ausgerechnet als Finkel ausgegeben. Fasziniert von diesem Umstand besucht Finkel Longo im Gefängnis. Bald verbindet die beiden reziprok-narzisstischen Männer eine merkwürdige Symbiose, in deren Zuge die Frage nach Longos unfasslicher Schuld eine zusehends untergeordnete Rolle einnimmt…

Der Fall Longo ist ebenso authentisch wie der Filmtitel sich am Titel von Michael Finkels 2005 erschienem Buch orientiert. Damit endet aber auch schon die sich eher schmal ausnehmende Strahlkraft dieses Debütwerks oder zumindest das Maß an Strahlkraft, das sich von den zweifellos, weil spürbar von ihrem Schaffen überzeugten Beteiligten auf den sich etwas im Stich gelassen wähnenden Zuschauer überträgt.
Was ich in etwa von „True Story“ erwartet habe, war wohl eine Art modernisierte, sich an Fakten entlangtastende Neuvariation von „The Silence Of The Lambs“; die Geschichte eines diabolischen Verbrechers nebst eines dessen einnehmenden Charismas erliegenden Erfolgsstrebenden. Eine solche bietet Goolds Film jedoch mitnichten. Tatsächlich erweist sich der von Franco gespielte Christian Longo als ein nach öffentlicher Aufmerksamkeit gierender, im Grunde buchstäblich armseliger Verbrecher, der deutlich prägnanter die Banalität dses Bösen denn dessen Faszination widerspiegelt. Kein glorifizierter (oder des Glortifizierens werter) Malefikant, sondern „bloß“ ein ordinärer Affekttäter, dessen Tat zwar unfassliches, auf ihre tragische Weise aber dennoch vielfach okkurierendes Alltagsgeschehen repräsentiert. Mit Jonah Hill als kaum minder selbsträsonistisch charakterisiertem Schreiberling stellt sich Longo/Franco ein sich zwar intellektuell von ihm abgrenzenden, wesentlich jedoch stark ähnlich gefärbter Zeitgenosse gegenüber. Ihre auf beinahe irrationalem Wege erwachsende Bekanntschaft stärkt ihrer beider Narzissmus, denn beide geben sich wechselseitig das Gefühl, gehört, gebraucht, vielleicht sogar begehrt zu sein. Wo andere (Genre-)Filme möglicherweise auf konventionelle Weise mit der Schuldfrage Longos gespielt hätten (der die Historie natürlich längst ihren Schlusspunkt gesetzt hat und die sich dadurch gewissermaßen ohnehin irrelevant ausnimmt), interessiert sich „True Story“ primär für die Beziehung der beiden Protagonisten. Dass mit diesen zwei dem Publikum herzlich gleichgültige, selbstsüchtige Individuen weit im Vordergrund des Geschehens stehen, ist zwar dem Vorbild der dramatisierten Realität geschuldet, bewantwortet jedoch nicht die sich mehr und mehr aufdrängende Frage, warum hier eigentlich dem Spielfilmformat der unbedingt naheliegenderen Form der Dokumentation der Vorzug gegeben wurde.

5/10

SACRED GROUND

„The boy is mine!“

Sacred Ground (Am heiligen Grund) ~ USA 1983
Directed By: Charles B. Pierce

Der Trapper Matt Colter (Tim McIntire) und seine hochschwangere indianische Frau Little Doe (Serene Hedin) sind auf der Suche nach einem Winterquartier, wo Colter reichhaltige Fellbeute machen und Little Doe in Ruhe ihr Baby zur Welt bringen kann. Eine verfallene Blockhütte scheint der ideale Platz zu sein, das Fundament steht noch und die umherliegenden Stämme sind noch intakt. Colter baut das Häuschen wieder auf, als er erkennt, an welch brisantem Platze sein neues Heim steht und warum es einst zerlegt wurde: In unmittelbarer Nähe befindet sich eine Begräbnisstätte der Paiute, die Colters Anwesenheit nicht dulden. Just als die Indianer anrücken, um einige ihrer Toten zu bestatten, beginnen Little Does Wehen. Colter kann sich nicht mit den Paiute verständigen und sie reißen das Blockhaus kurzerhand wieder ein. Little Doe wird in den Trümmern schwer verletzt, kann jedoch in letzter Minute noch ihren Sohn zur Welt bringen. Für die Paiute ist die Geburt des Kindes an diesem heiligen Platz ein Zeichen des Großen Geistes. Der mit dem Baby fliehende Matt trifft auf den alten Lum Witcher (Jack Elam), der ihm von der jungen Paiute-Squaw Wannetta (Ty Randolph) berichtet, die eben erst ihren Säugling verloren hat. Colter entschließt sich, Wannetta zu entführen und als Ersatzmutter für das Baby einzuspannen, derweil die Indianer den Jungen in ihre Hände bekommen wollen. Colter bleibt nurmehr der offene Kampf.

Sechs Jahre nach „Grayeagle“ fertigte Charles B. Pierce seinen vorerst letzten Western, der noch einmal einen wunderprächtigen Film abgab. Zunächst ist man erstaunt, dass nach der gewohnt epischen Kameraarbeit von Jim Roberson, desse pompöse Landschaftsbilder in Scope eigentlich die Seele von Pierces Genrefilmen auszumachen schienen, hier plötzlich der Regisseur selbst als dp auftritt und die wesentlich schmalere Academy Ratio von 1,37:1  als Format wählt. Anfänglich fürchtet man, dass infolge des verschmälerten Bildkaders sich zugleich auch der aus Pierces vormaligen Western so lieb gewonnene, epische Hauch verflüchtigt, doch weit gefehlt: Selbst mit den deutlich veränderten Mitteln kehrt Pierce noch einmal zur Bestform zurück. Nicht zuletzt in seiner Position als Schneewestern erinnert „Sacred Ground“ zunächst sehr an Sydney Pollacks „Jeremiah Johnson“, in dem Robert Redford als wortkarger Rächer auf einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen die Crow geht. Diese Analogie verflüchtigt sich jedoch bald, schon allein durch die eher „antiheroisch“ angelegte Charakterzeichnung des Protagonisten. Tim McIntire als Matt Colter sieht im Vergleich zu dem schönen Redford nicht nur aus wie ein richtiger Trapper, das Fallenstellen und Leben in der Natur sind auch die einzigen Dinge, von denen er etwas versteht. Ansonsten ist er ein hoffnungsloser Naivling und Hinterwäldler – weder kennt er sich mit den Bräuchen und Riten der Indianer aus, noch hat er etwas vom soeben stattfindenden Sezessionskrieg mitbekommen. Als der Außenpostenhändler Coleman (L.Q. Jones) ihm ein Repetiergewehr vorführt, ist Colter wie vom Donner gerührt. Natürlich wird die Waffe später noch eine entscheidende Rolle spielen, denn letztlich wird ihr Einsatz die Paiute „zur Vernunft“ bringen und Colter nebst seinem Baby und der ihnen mittlerweile zugewandten Wannetta den wohlverdienten Frieden verschaffen. „On Sacred Ground“ spielt nochmal etliche existenzialistische Westernmotive durch: Die Funktionalität und Schwierigkeiten einer Coeexistenz von Rot und Weiß in der Wildnis, das Aufbringen gegenseitiger Achtung und Respekts voreinander sowie die Möglichkeiten des Lernens voneinander. Dass Pierce sich hier und da gern selbst zitiert, damit wird man umgehen können, wenn man sich in konzentrierter Weise mit seinem Werk befasst; dass ferner gewisse Elemente geradezu verpflichtend zu seiner Arbeit gehören und das kleine bisschen auteurism, das sie auszeichnet, stützen, mag ebenso gestattet sein. „Sacred Ground“ jedenfalls ist ein sehr schöner Film.

8/10

NIGHT MOVES

„Maybe science is wrong.“

Night Moves ~ USA 2013
Directed By: Kelly Reichardt

Josh (Jesse Eisenberg) und Dena (Dakota Fanning) sind zwei junge Menschen, denen Umweltschutz, ökologisches Bewusstsein und Nachhaltigkeit über alles gehen. Da sie damit in Nordamerika wie eh und je eine Exklusivposition einnehmen, haben sie die Entscheidung getroffen, sich auf radikalem Wege Gehör zu verschaffen. Zusammen mit dem Ex-Soldaten Harmon (Peter Sarsgaard) wollen Sie einen Staudamm in Oregon sprengen. Der entsprechende Plan wird trotz der einen oder anderen Unwägbarkeit in die Tat umgesetzt, doch bereits Stunden später erfahren die Drei, dass aller Wahrscheinlichkeit nach aufgrund ihrer Aktion ein Camper sein Leben lassen musste. Der stille Josh entwickelt rasch eine ungesunde Paranoia, derweil die erschütterte Dena sich bei mehreren Freunden Gehör verschafft. Harmon taucht einfach ab. Als Josh sich zu Dena aufmacht, um sie eindringlich vor weiteren Ausplaudereien zu warnen, kommt es zur Katastrophe.

Weiß man zunächst nicht genau, in welche Richtung sich Kelly Reichardts Werk entwickeln wird – es beginnt, wie von „Meek’s Cutoff“ gewohnt, mit einer Reise, die Regisseurin begnügt sich dabei mit formaler Ökonomie, mit stillen Bildern, starren Einstellungen und einiger Wortkargheit – so lässt sich erst nach dem Abspann wirklich umreißen, was „Night Moves“ tatsächlich will. Damit ist er vielen konventionelleren Filmen jüngerer Zeit zumindest in dem Punkt voraus, dass die Geschichte einer zunächst noch verhaltenen Spur folgt und sich wirkliche Luzidität erst mit dem Abspann ergibt. Und selbst hierin erschöpft sich der protagonistische Werdegang noch nicht, obgleich mehrere Andeutungen in der Finalsequenz gewisse Vermutungen suggerieren. Von Jesse Eisenberg hatte ich bislang nicht sehr viel gehalten, vornehmlich wegen des fürchterlich einfallslosen „Zombieland“, wobei in diesem Fall womöglich auch einfach die Rollenwahl eine unglückliche war. In „Night Moves“ indes überzeugte er mich er rundum als psychisch labiler Endzwanziger, in dem Zerstörungsdrang und Gewaltbereitschaft schlummern und der jene charakteristischen Untiefen zunächst in einem ökoterroristischen, letzten Endes sinnlosen Akt sublimiert. Als besonders wohltuend empfand ich ferner, dass Kelly Reichardt jenes Psychogramm vollkommen wertfrei entwirft; ob man Joshs Persönlichkeitsstruktur als exemplarisch für politische Kriminelle (sprich „Terroristen“) jedweder Kuleur betrachten mag, ob Reichardts Ansatz möglicherweise wesentlich intimer gelagert ist und es „lediglich“ um einen jungen Mann geht, dessen Störkomplex sich irgendwann in einer möglichen Gewaltorgie entladen könnte, oder ob es tatsächlich um nichts anderes geht denn um die spezifischen Folgen einer unbedachten, gesellschaftlichen Grenzüberschreitung – dem Rezipienten obliegt die individuelle Interpretation. Kelly Reichardt bevorzugt offensichtlich ein mündiges Publikum, woraus dem Betrachter ihrer Filme zugleich ein schönes Kompliment erwächst.

8/10