PARIS, BRÛLE-T-IL?

„What’s going on with that Paris?“

Paris, Brûle-T-Il? (Brennt Paris?) ~ USA/F 1966
Directed By: René Clement

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 schmilzt Hitlers (Billy Frick) Vertrauen in seine führenden Wehrmachtsoffiziere rapide dahin. Er ernennt daher den linientreuen Dietrich von Choltitz (Gert Fröbe) zum Kommandierenden General des besetzten Groß-Paris mit der ausrücklichen Order, die Stadt im Zweifelsfalle besser zu zerstören, als sie dem Feind in die Hände fallen zu lassen. Vor Ort ist die Situation bereits extrem gespannt; Gestapo und SS agieren typisch kopflos und schüren den Hass der Zivilbevölerung immer mehr. Als trotz Insistierung durch den schwedischen Botschafter Nordling (Orson Welles) ein führendes Résistance-Mitglied (Tony Taffin) erschossen wird und kurz darauf eine größere Gruppe junger Widerständler von der Gestapo in die Falle gelockt und erschossen wird, bündeln die vormals zerstrittenen Lager der Kommunisten und Gaullisten ihre Kräfte und gehen entschieden gegen die Nazis vor. Dem linken Major Gallois (Pierre Vaneck) obliegt schließlich die schwierige Mission, zu den Alliierten durchzudringen und sie zum Einmarsch in Paris und zur Unterstützung der Résistance zu bewegen, bevor die Stadt dem Erdboden gleichgemacht werden kann…

Die sechziger Jahre, das Jahrzehnt der monumentalen Kriegsfilme. Auch „Paris, Brûle-T-Il?“, international verliehen und co-produziertt von der Paramount und entstanden unter französischer Produktionsägide, zählt zu der umfangreichen Gruppe überlanger, stargespickter Historienaufbereitungen, deren logistischer Aufwand noch heute repräsentativ dasteht für die Ausstellung des damals technisch Machbaren.
Besonders in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts kamen auch europäische Financiers auf den Geschmack und kollaborierten mit den großen Hollywood-Studios, um gewaltige Spektakel rund um die Invasion aus dem Boden zu stampfen. Clements Film bildet dafür ein vorzügliches Exempel. Nach dem strukturellen Beispiel des fünf Jahre zuvor entstandene D-Day-Prestigefilm „The Longest Day“, den immerhin noch drei Regisseure gemeinsam stemmen durften, widmet sich „Paris, Brûle-T-Il?“ der Befreiung und Rettung der vier Jahre lang besetzten Metropole, die zugleich ein markiges Symbol für die dräuende deutsche Niederlage und den zusehends schwindenden Einfluss Hitlers auf seinen vormaligen Machtradius bildete. Wie bei Wicki, Annakin und Marton setzt sich auch das Narrativ dieses Films aus vielen episodisch gehaltenen Momentaufnahmen zusammen, deren Vorteile auf der Hand lagen – zum einen gestattete diese Erzählsweise einen multiperspektivische, auch historisch umfassendere Einblicke in die vielen beteiligten Gruppen, Lager und Einzelschicksale, zum anderen ermöglichte sie den gorreichen Einsatz des gewaltigen, internationalen Staraufgebots, ohne die geballte (und vor allem teuere) Prominenz für allzu viele Drehtage an das Projekt zu ketten. Gewissermaßen bildet General von Choltitz, dessen Rolle im Rahmen der Befreiung stark umnstritten ist, den charakterlichen Roten Faden des Films. Vor allem für den gewohnt wundervoll aufspielenden Gert Fröbe dürfte diese Tatsache ein besonderes Geschenk gewesen sein – er spielt jenen zwischen Pflichterfüllung und Menschlichkeit changierenden Wehrmachtsoffizier, wie er seit eh und je vor allem im (internationalen) Gattungsfilm immer wieder anzutreffen ist; jenen Typus Soldaten, der in späteren Kriegstagen längst darüber im Bilde befindlich war, dass der Führer verrückter war als eine Scheißhausratte, darüber hinaus jedoch mit dem militärischen Treueeid zu hadern hatte. „Schadensbegrenzung“ lautete die obliegende Devise, die Choltitz/Fröbe zum ausgesprochenen Gegner der SS macht und ihn sogar insgeheim mit der Résistance verhandeln lässt.
Obschon es 1966 noch nicht ungewöhnlich war, selbst von großem Publikumserfolg abhängige Großproduktionen wie diese in Schwarzweiß ins Kino zu bringen, hatte auch jene technische Entscheidung sehr konkrete Gründe: Clément nutzte etliche authentische Archivaufnahmen von relativ lädierter Qualität, deren zäsurischer Gebrauch sonst allzu stark ins Auge gefallen wäre. Zudem wurde nur der Einsatz farbverfremdeter Hakenkreuzflaggen am Drehort Paris gestattet, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen.
„Paris, Brûle T-Il?“ gliedert sich relativ nahtlos ein in die Formation seiner zeitgenössischen Kriegsfilme und teilt deren Habitus ebenso behende. Wer also eine Vorliebe für martialischen Kinomilitarismus pflegt, gern viele Stars an und zwischen Panzern, Waffen und Explosionen betrachtet und es zudem mag, zu sehen, wie Nazis verlieren, der ist mit der Wahl von Clements prallem Werk bestens aufgehoben.

8/10

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BLOODLINE

„Remember, the cousins are just people.“ – „It’s just people that terrify me. Particularly cousins…“

Bloodline (Blutspur) ~ USA/D 1979
Directed By: Terence Young

Der steinreiche Pharmazeutik-Mogul Sam Roffe verunglückt beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen. Rasch frohlocken seine Erben, die eine ordentliche Finanzspritze allesamt gut gebrauchen könnten: Sir Alec Nichols (James Mason), Attaché in London, hat infolge seines großspurigen Lebensstils Schulden bei unwirschen Unterweltlern, ebenso Charles Martin (Maurice Ronet), der Ehemann von Roffes in Paris lebender, arroganter Nichte Hélène (Romy Schneider). Ivo Palazzi (Omar Sharif) derweil wird in Rom als Bigamist von seiner „Nebenfrau“ Donatella (Claudia Mori) erpresst, die ihre überfälligen Alimente einfordert.
Roffes Tochter Elizabeth (Audrey Hepburn) weigert sich jedoch, den Plan ihrer Verwandten, aus dem Unternehmen eine offene Aktiengesellschaft zu machen und ihre Anteile zu verflüssigen, zuzustimmen und übernimmt stattdessen selbst den Firmenvorsitz. Unterstütz wird sie dabei von Roffes rechter Hand Rhys Williams (Ben Gazzara), einem ziemlichen Filou. Als der Genfer Inspektor Max Hornung (Gert Fröbe) dem Roffe-Clan eröffnet, das Sam tatsächlich ermordet wurde, kristallisiert sich bald heraus, dass der Täter ein Familienmitglied sein muss. Und dieses folgt noch ganz anderen, sehr viel finstereren Obsessionen…

Terence Youngs internationale Verfilmung eines Romans des Drehbuch- und Romanautoren Sidney Sheldon wäre lediglich ein durchschnittlicher, ziemlich ominöse Narrationsvolten schlagender Kriminalfilm im High-Snobiety-Milieu, wären da nicht ein paar Details, die ihn dann doch wieder sehr sehenswert machen: Am Hervorstechendsten ist da natürlich die astronomische Premiumbesetzung, die vom kleinen Europloitation-Sternchen bis hin zum großen US-Star eine fast beispiellose Zusammenstellung cineastischen Lieblingspersonals vereint und sozusagen Brücken von Edgar Wallace über Agatha Christie bis hin zu Jess Franco, den italienischen Genrefilm und den großen Studiofilmern schlägt. Die entsprechende Aufzählung führe man sich in den Tags oder über den obigen imdb-Link zu Gemüte und staune, wie auch ich aus dem Staunen kaum mehr herauskam. Terence Young hatte sich ja vormals vom Regisseur dreier vortrefflicher Bond-Filme (darunter den ersten beiden) zum lustvollen Sleaze-Filmer entwickelt, dessen „The Klansman“ bereits eine höchst liebenswerte Abseitigkeit darstellte. Mit der bis zum heutigen Tage kinohistorisch weiträumig ignorierten Koreakriegs-Absurdität „Inchon“, die ich unbedingt endlich einmal sehen möchte, landete er zwei Jahre nach „Bloodlines“ schließlich eine der berüchtigsten Finanzkarambolagen der gesamten Filmgeschichte. Audrey Hepburn, mit der Young zwölf Jahre zuvor bereits den durchaus starken Blinden-Thriller „Wait Until Dark“ gefertigt hatte, kehrte für einen ihrer spärlichen Spätkarrieren-Auftritte nochmal zu ihm zurück und übernahm die ihr scheinbar auf den knochigen Leib geschriebene Hauptrolle der rundum liebenswerten, zwar ebenso selbstbewussten wie in Anbetracht all der sie umgebenden, familiären Habgier aber doch fragilen Protagonistin, die am Ende sogar noch ein richtiges, kleines Terror-Szenario gegen den sich entpuppenden Strippenzieher durchzustehen hat.
Regelrecht bizarr, grotesk und dabei doch hübsch gialloesk mutet ein Nebenplot um einen Snuff-Movie-Produzenten an, der einen glatzöpfigen, nackten Mike Monty (!) hübsche Damen on camera strangulieren lässt. Bereits diese Schilderungen sollten hinreichend neugierig machen, wobei nicht verhehlt bleiben soll, dass Youngs Regie leider allzu häufig zwischen unbeteiligt und fernsehhaft changiert und Ennio Morricones pompöser Score im Verhältnis dazu wirkt, als habe Wagner eine „Dallas“-Episode vertont. In jedem Fall lohnt die Begegnung für Liebhaber von Camp und Apokryphem.

7/10

L’ASSASSIN HABITE… AU 21

Zitat entfällt.

L’Assassin Habite… Au 21 (Der Mörder wohnt in 21) ~ F 1942
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Ein Raubmörder, der bei seinen Opfern stets eine Visitenkarte mit dem Namen „Monsieur Durand“ hinterlässt, macht Paris unsicher. Für den ermittelnden Inspecteur Vorobietchik (Pierre Fresnay), genannt „Wens“, erhöht sich mehr und mehr der Druck durch das Kommissariat, denn es gab bislang bereits fünf Opfer. Der zufällige, aber glaubwürdige Hinweis eines kleinen Gauners (Raymond Bussières)  führt Wens zur Avenue Junot Nr. 21, der Adresse einer kleiner Pension. Wens steigt dort in cognito als Geistlicher Lester ab und lernt umgehend die obskure Bewohnerschaft des von der Pfeife rauchenden Madame Point (Odette Talazac) geleiteten Hauses kennen: Den Puppenmacher Collin (Pierre Larquey), den Zauberkünstler Triquet (Jean Tissier) alias Professor Lalah-Poor, die altjungfräuliche Romancière Mademoiselle Cuq (Maximilienne), den Kriegsveteranen und Mediziner Dr. Linz (Noël Roquevert) und den erblindeten Boxer Kid Robert (Jean Despeaux) nebst seiner Pflegerin Vania (Huguette Vivier). Einer von ihnen muss der Mörder sein. Mit dem nächtlichen, gewaltsamen Tode Mademoiselle Cuqs sinkt die Verdächtigenzahl, jedoch nicht Wens‘ Konfusion. Mithilfe seines kriminalistischen Geschicks und der seiner etwas vorlauten Freundin Mila (Suzy Delair), gelingt es ihm aber schließlich doch, den vertrackten Fall zu lösen.

Henri-Georges Clouzots dritte Regiearbeit nach einer achtjährigen Pause, entstanden im besetzten Paris, wird gemeinhin als frühes Meisterwerk des Filmemachers gefeiert, das bereits hinreichend dessen umfassende Könnerschaft illustriert. Meine Erwartungshaltung, die, zumal in Kenntnis der späteren Arbeiten Clouzots, einen düsteren Serienkiller-Noir Marke Robert Siodmak antizipierte, wurde dabei allerdings sanft überbügelt: „L’Assassin Habite… Au 21“ entpuppt sich nämlich primär als überaus launige Kriminalkomödie, deren humorige Inszenierung dem Thema und der oftmals tatsächlich in der Nacht und bei expressionistischer Beleuchtung angesiedelten Szenerie diametral gegenübersteht und die gewisse Analogien zur „Thin Man“-Reihe aufweist. Der Held Inspecteur Wens ist ein wortgewandter, gewitzter Schelm, seine Geliebte und Muße eine penetrante, laute, aber liebenswerte Chaotin. „L’Assassin“ bildete nebenbei bereits den zweiten Filmauftritt des Duos nach Georges Lacombes ein Jahr zuvor entstandenem „Le Dernier Des Six“, für den Clouzot das Script vorlegte. Die Schurkenschaft (am Ende entpuppt sich „der“ gesuchte Mörder als Trio vormaliger Studien-Kommilitonen, die aus rein gewinnsüchtigen Motiven auf geschickte Weise zusammenarbeiteten undsich so immer wieder wechselseitig Alibis zuschustern jonnten – ein später immer mal wieder aufgegriffenes Motiv in der Kriminalliteratur) besteht aus spitzbübischen, höchst intelligenten, aber eben doch jeweils narzisstischen Lumpen, denen man trotz ihrer Niedertracht und Gewaltaffinität nicht wirklich böse sein mag – eine Allegorie auf die – im ebenfalls von der deutschen Continental-Produktionsgesellschaft cofinanzierten Nachfolgefilm „Le Corbeau“ noch weitaus schärfer angegriffenen – Okkupanten möglicherweise?
Interessanterweise gibt es, wohl infolge der entsprechenden Produktionsägide, auch eine speziell für das deutschsprachige Kinopublikum erstellte Parallelversion, in der unter anderem Wolfgang Staudte auf Fresnay zu hören ist und die deutsche Namensschilder, Briefe oder Texttafeln direkt alternativ in die jeweiligen, alternativ gefilmten Szenen integriert. Mittlerweile sind erfreulicherweise beide Fassungen in exzellenter Restauration verfügbar.

9/10

FANTÔMAS

Zitat entfällt.

Fantômas ~ F/I 1964
Directed By: André Hunebelle

Der geniale, stets maskierte Superverbrecher Fantômas (Jean Marais) hat zwei erklärte Gegner: den ehrgeizigen, leider aber hoffnungslos überforderten Commissaire Juve (Louis de Funès) und den zynischen Journalisten Fandor (Jean Marais). An beiden rächt sich der brillante Erzschurke, indem er täuschend echte Masken ihrer Gesichter anfertigt und in diesen diverse Coups verübt. Erst als Juve und Fandor sich notgedrungen zusammenschließen, können sie Fantômas – vorübergehend – ins Schwitzen bringen.

Die Figur des „Fantômas“ geht zurück auf eine Serie von Trivialromanen der französischen Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst in den 1910er Jahren und später dann nochmal bis in die Sechziger hinein (von Souvestre allein verfasst) erschienen. Immer wieder wurde Fantômas im Kino und für das Fernsehen adaptiert, zuletzt 1980 als deutsch-französich coproduzierter TV-Vierteiler. Die möglicherweise populärste Version bildete zugleich die am wenigsten kongeniale: Zwischen 1964 und 1967 machte Fantômas im Zuge einer von André Hunebelle inszenierten Kriminalkomödien-Trilogie und als eine von Jean Marais in ikonischer blauer Maske gebener Art Kreuzung aus Dr. Mabuse und Bond-Überantagonist Louis de Funès das Leben schwer. Von den oftmals sadistischen Gewaltverbrechen des literarischen Vorbilds blieb hier faktisch nichts mehr übrig; vielmehr ging es um den kunterbunt und familiengerecht aufbereiteten Gegensatz des cholerischen Erzkomödianten und seiner Nemesis, die in ihrer lustvollen Überzeichnung eher etwas von den legionär erschienen, zeitgenössischen (Euro-)Spy-Filmen oder jenen pulpigen Schurkengeschichten, die der Brite Harry Alan Towers produzierte, mitbrachte. Natürlich muss ebenso Erwähnung finden, dass der ehedem höchst beliebte Abenteuerdarsteller Jean Marais stets in einer Doppelrolle antrat als Journalist Fandor und Fantômas, die immer wieder aneinandergeraten und sich bekriegen. De Funès fungierte (ebenso wie sein ebenfalls stets präsenter, vertrottelter Adlatus Jacques Dynam als Inspecteur Bertrand) eher als zusätzliches comic relief, das für nochmalige Auflockerung des ursprünglich finsteren Geschehens zu sorgen hatte. Kernstück dieses ersen „Fantômas“-Films von Hunebelle durfte, nach etwas gemächlichem Beginn, eine umfangreiche Verfolgungsjagd im Finaldrittel sein, in deren Zuge Fandor und Juve dem Tausendsassa-Ganoven per Auto, Motorrad, Zug und Rennboot stets dicht auf den Fersen sind, bis er ihnen doch noch entwischt (mit einem Mini-U-Boot). Ansonsten präserviert „Fantômas“ vor allem ein gepflegt-nostalgisches Amüsement, ohne, dass er je in den Verdacht geriete, sich zur Hochkultur aufzuschwingen. Als ob er das denn aber auch gewollt haben mochte.

7/10

L’AILE OU LA CUISSE

Zitat entfällt.

L’Aile Ou La Cuisse (Brust oder Keule) ~ F 1976
Directed By: Claude Zidi

Charles Duchemin (Louis de Funès) gilt als gefürchtetster Gastronomiekritiker Frankreichs und damit der Haute Cuisine überhaupt. Jährlich erscheint sein berühmter Restaurantführer, der ganze Existenzen aufbauen und stürzen kann und dessen Beiträge er und sein Team zuvor in mühevoller Probier- und Schreibarbeit zusammengetragen haben. Dabei scheut Duchemin selbst vor dämlichsten In-Cognito-Verkleidungen nicht zurück, um möglichst unerkannt und objektiv agieren zu können. Sein Sohnemann Gérard (Coluche) indes hat es nicht so mit der Familientradition und managt mit seinen Hippiefreunden lieber einen kleinen Zirkus, in dem er selbst als Clown auftritt – freilich ohne, dass der Herr Papa davon wüsste. Duchemins Erzfeind personifiziert sich derweil in dem gewissenlosen Lebensmittelfabrikanten und Müllgastronom Jacques Tricatel (Julien Guiomar), der seinen Fraß billigst und aus synthetischen Zutaten auf die Menschheit loslässt und einzig an der Mehrung seiner Profite Interesse hat. Ein TV-Duell der beiden Titanen soll in Kürze für Klarheit sorgen…

Ein bereits recht später de Funès-Klassiker, vor allem hierzulande nicht zuletzt so populär wegen seiner unzähligen TV-Ausstrahlungen und wegen Rainer Brandts unverwechselbarer Klamauk-Synchronisation, die aus dem mitunter wesentlich feingeistigeren Original ein immer wieder laut bollerndes Schnodderfeuerwerk „destilliert“. Im Laufe der Jahre und wiederholten Betrachtungen zieht sich natürlich jeder – so auch ich – seine Lieblingsszenen aus dem großen Tohuwabohu, das weniger durch formale Präzision (diese lässt – au contraire – eher zu wünschen übrig), denn durch treffsicheres Timing, situative Frechheiten und kleine, milieukritische Bonmots zu glänzen weiß. In meinem Falle ist das Duchemins Zwangsmast in der Küche eines wegen ihm zuvor Pleite gegangenen, italienischen Kochs (Vittorio Caprioli), der den sensiblen Gaumen des arroganten Feinschmeckers malträtiert, indem er ihm unter Vorhaltung einer doppelläufigen Schrotflinte allerlei Widerliches aus seiner Fertigung vorsetzt („Es wird alles aufgefressen!“) und so dafür sorgt, dass Duchemin nicht nur akute Wundpocken bekommt, sondern zu allem buchstäblichen Überfluss fortan unter unausweichlicher Ageusie zu leiden hat.
De Funès ist natürlich brillant wie eh und je, doch auch sein Support, vor allem der liebenswerte, 1986 mit nur 41 Jahren verstorbene Humorist, Polit- und Sozialaktivist Coluche als Duchemins linkischer Filius, Julien Guiomar als einer Dystopie von Orwell oder Bradbury entsprungener, diabolischer Albtraumkapitalist, der bereits die globale Nahrungsversorgung mit Pappfraß im Auge hat (und androht) und natürlich die reizende Ann Zacharias muss man toll finden. Vladimir Cosmas schmissige Easy-Listening-Musik dazu und man erhält einen nimmermüde werdenden, rundum liebenswerten Komödienmeilenstein der Siebziger, den aber wohl ohnehin beinahe jeder Mensch meiner Generation hinreichend kennen und schätzen dürfte.

8/10

MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT

„I’ll figure it out.“

Mission: Impossible – Fallout ~  USA/RC/F/NOR 2018
Directed By: Christopher McQuarrie

Die Terrororganisation „Syndikat“ nennt sich nach Solomon Lanes (Sean Harris) Festsetzung durch den IMF nunmehr „Die Apostel“. Nachdem Ethan Hunt (Tom Cruise), um seinen Freund und Kollegen Luther Stickell (Ving Rhames) zu retten, den Verlustiggang dreier Plutoniumeinheiten in Berlin in Kauf nimmt, muss er kurz darauf erkennen, dass die Apostel unter dem Vorsitz des bislang unidentifizierten John Lark aus den Einheiten Nuklearsprengköpfe herstellen ließen. Hunt soll in Paris zumindest den Rückerwerb der nunmehr einsatzbereiten Sprengköpfe verhindern, wobei er gezwungenermaßen mit dem CIA-Agenten August Walker (Henry Cavill) zusammenarbeiten muss. Den beiden gelingt es, sich mit Hunt als vermeintlichem John Lark in die Organisation der Waffenschieberin Alanna Mitsopolis (Vanessa Kirby), genannt „White Widow“, einzuschleusen. Diese plant die Befreiung von Solomon Lane mithilfe von Hunt/Lark und Walker. Es gelingt Hunt, Lane zwischenzeitlich festzusetzen und zu beweisen, dass Walker der echte John Lark ist. Dieser kann schließlich mit Lane nach Kashmir entkommen, wo die Apostel planen, durch die Detonation der Bomben den Siachengletscher zu verseuchen und infolge der abgeschnittenen Wasserversorgung eine humanitäre Katastrophe in Südasien auszulösen. Für Hunt wird die Angelegenheit nochmals pikanter dadurch, dass seine frühere Frau Julia (Michelle Monaghan) sich in einem Versorgungscamp vor Ort befindet…

Gewissermaßen als kleines Novum innerhalb der Reihe inhaltlich direkt an den Vorgänger anschließend, präserviert „M:I 6“ aufs Neue den Superheldennimbus des von Tom Cruise dargestellten Spitzenagenten Ethan Hunt. Wenn seine Ex-Frau ihm gegen Ende versichert, dass sie sich in der Welt sicher fühle, weil sie um Hunts unermüdlichen Kampf um deren Rettung wisse, dann sagt das gewiss auch ein wenig über Cruises Bedürfnis aus, sein mittlerweile zum Lebenswerk avanciertes Franchise auch weiterhin möglichst lange am Leben zu erhalten. Was diese sechste Spielfilm-Installation des einstigen TV-Serien-Reboots binnen immerhin 23 Jahren in spezifischer Hinsicht anbelangt, so kann man ihr zunächst weiterhin beruhigt attestieren, nach wie vor ein Nonplusultra auf dem internationalen Genresektor darzustellen. Als Agentenfilm-Reihe hat sich die Serie mittlerweile aus dem übermächtigen Schatten des großen Vorbilds „James Bond“ herauslösen und dieses übertrumpfen können. Dabei hilft ihr freilich auch die Tatsache, dass Ethan Hunt sich infolge der Gnade seiner vergleichsweise späten Kopfgeburt niemals als sexistischer Dinosaurier, arroganter Bonvivant oder Kalter-Kriegs-Relikt rechtzufertigen hatte und seine (überdies minimale) Persönlichkeitsentwicklung somit sehr viel umwegloser stattfinden konnte. Wiederkehrende, sympathische Gesichter wie die von Ving Rhames oder Simon Pegg, die „Mission: Impossible“ nunmehr seit langem die Treue halten (ersterer sogar seit Anbeginn), hinterlassen immer wieder ein wohltuendes Gefühl von familiärer Vertrautheit, was dem Stammpublikum der Serie wiederum seine Treue entlohnt. Zumindest auf Jeremy Renner heißt es indes diesmal leider verzichten zu müssen.
Ethan Hunts natürlich stets angenommene Missionen erweisen sich dabei nicht erst seit „Fallout“ so beliebig wie austauschbar; identitätsstiftend für jeden Einzelbeitrag sind hingegen die sich auf ungebrochen spektakulärem Level entfaltenden Action-Sequenzen,von denen es diesmal mehrere urbane Verfolgungsjagden gibt und natürlich das waghalsige, zweigleisig fahrende Finale. Bis zum nächsten Mal dann.

8/10

D’APRÈS UNE HISTOIRE VRAIE

Zitat entfällt.

D’Après Une Histoire Vraie (Nach einer wahren Geschichte) ~ F/BE/PL 2017
Directed By: Roman Polanski

Nach dem unerwarteten, riesigen Erfolg ihres stark autobiographisch gefärbten Debütromans fällt die Pariser Autorin Delphine Dayrieux (Emmanuelle Seigner) in ein kreatives Loch: Unter dem gewaltigen Lieferdruck, dem sie sich infolge ihrer Verlegerin Karina (Josée Dayan), ihres als Literaturkritiker tätigen Lebenspartners François (Vincent Perez), vor allem aber ihrer Leserschaft ausgesetzt sieht, fühlt sich Delphine zunehmend ausgelaugt und depressiv. Die anonymen und sehr persönlich verfassten Briefe einer aggressiven Kritikerin, die Delphine seit Jüngstem erhält, erweisen sich in diesem Zusammenhang als nicht eben hilfreich. Da begegnet ihr die jüngere Elle (Eva Green), die sich Delphine zunächst als eine Art Alltagsfaktotum andient, der erschöpften Frau zugleich jedoch in beinahe jeder Hinsicht immer näher kommt: Sie übernimmt Delphines Korrespondenz und ihre Alltagsgeschäfte, pflegt sie, als sie krank wird, gibt sich schließlich sogar als ihre Doppelgängerin aus. Elles oftmals grenzwertige biographische Erzählungen liefern Delphine schließlich das Thema für ihr nächstes Buch. Doch Elle fühlt sich verkauft…

Literatur im Allgemeinen, das Wesen und der Wert von Büchern, schließlich das prosaische Handwerk selbst und seine Urheberschaft ziehen sich als mittlerweile fest etablierter Themenkomplex durch Polanskis Spätwerk.
In dieser Adaption eines nur kurz zuvor veröffen der Romancière Delphine de Vigan geht es um die Schaffenskrise einer kurz zuvor kometenhaft erfolgreich gewordenen Autorin, die durch ein unglückliches Zusammentreffen aus Erschöpfung, Druck und Einsamkeit eine sich durch Persönlichkeitsspaltung äußernde Psychose entwickelt. Elle mit ihrem betont allgemeingültigen Namen, ihrer scheinbaren inneren und äußeren Perfektion, erweist sich, daran lässt der Film keinen Zweifel, schon bald als Trugbild, als Projektionsfläche von Delphines Wünschen und Nöten. In der fiktiven Elle manifestiert sich zunächst eine herbeifabulierte, beste Freundin, später noch eine Sekretärin und Gehilfin, die im Laufe des sich intensivierenden Kennenlernprozesses der beiden Frauen jedoch immer mehr Schattenseiten offenbart: sie wird besitzergreifend, herrisch und dominant, identifiziert sich zusehends mit Delphine und versucht schließlich offenbar, ihre Identität komplett zu übernehmen und das „Original“ dafür durch einen schleichenden Vergiftungsprozess aus der Welt zu tilgen. Bevor Delphine also ihr nächstes Werk in Angriff nehmen kann, heißt es, Elle – und damit ihre eigene, psychische Erkrankung – durch eine waghalsige Radikalkur wieder loszuwerden.
Auch der Wahnsinn, die unmerkliche Identifikation mit Trugbildern und der damit einhergehende, kriechende Realitätsverlust sind Polanski-Topoi seit seinem zweiten Langfilm „Repulsion“. „D’Après Une Histoire Vraie“, dessen Scriptadaption der Meister zusamen mit Olivier Assayas verfasst hat, steht also in einer langen, autoreferenziellen Tradition. Allerdings merkt man dem trotz seiner 85 Jahre noch immer völlig auf der Höhe befindlichen Regisseur an, dass er von grellen Überzeichnungen, wie sie etwa seinerzeit noch im Zuge von „Le Locataire“ fest zu seiner stilistischen Signatur gehörten, nunmehr absieht. Polanskis jüngstes Werk, das trotz seiner neuerlichen personellen Beschränkung und einer deutlich erkennbaren Strenge im Hinblick auf Ort und Zeit wiederum um Einiges konzilianter daherkommt als zuvor noch „La Venus À La Fourrure“, zeugt sehr viel mehr von der Gelassenheit, mit der der Filmemacher es sich mittlerweile leistet, ein solches, durchaus forderndes Sujet umzusetzen. Von Amerika indes entfernt sich Polanski, der ja sowieso noch nie ein amerikanischer Filmemacher war, im Alter scheinbar immer noch weiter. „D’Après Une Histoire Vraie“ lässt sich vielmehr umweg- und problemlos als klassischer „französischer“ Film einordnen, mit aller dementsprechender Konsequenz.

8/10