LA FEMME NIKITA

Zitat entfällt.

La Femme Nikita (Nikita) ~ F/I 1990
Directed By: Luc Besson

Nachdem das völlig fertige Junkie-Mädchen Nikita (Anna Parillaud) beim Überfall auf eine Apotheke einen wehrlosen Polizisten erschossen hat, nimmt eine streng geheime Staatsorganisation sie in ihre Obhut. Unter den Fittichen von Agent Bob (Tchéky Karyo) wird die Widerspenstige domestiziert und zu einer effektiven Killerin ausgebildet. Nach vielen Monaten der „Umschulung“ wird Nikita unter ihrem neuen Namen Marie Clement zurück in die Freiheit entlassen, hat sich für eingehende Aufträge jedoch stets zur Verfügung zu halten. Derweil lernt sie den kleinen Kassierer Marco (Jean-Hugues Anglade), der nichts von Maries Zweitidentität ahnt, kennen und lieben. Als dann ein Auftrag zur Sicherstellung geheimer Diplomatenpapiere in einem Blutbad endet, ist Marie klar, dass sie diesem Teufelskreis ein für allemal entkommen muss.

Mit Luc Besson ist es ja so eine Sache; als Filmemacher hat er neben Beineix und Carax mit dem cinéma du look die wesentlichste Kinobewegung Frankreichs in den Achtzigern geprägt, als Mann, der ein offensichtliches Faible für knabenhaft-androgyne Frauen und/oder minderjährige Gespielinnen wie seine zweite Lebensabschnittsgefährtin Maïwenn Le Besco hinterließ er hier und da Fragezeichen. Sein Inszenierungsstil, zumal in Kombination mit der oftmals artifiziell klingenden Musik von Eric Serra, ist derweil unbestritten unverkennbar: alles andere als subtil geht Besson mit zunehmender Schaffenszeit unbekümmert laut, exaltiert und betont naiv zu Werke; exponierte, bald verwilderte Frauen- bzw. Mädchenfiguren und diametral angelegte, ruhig-besonnen Helden sind ebenso Markenzeichen wie unberechenbare und großmäulige Psychopathen. „La Femme Nikita“, von dem John Badham drei Jahre später ein US-Remake anfertigte und dem noch zwei umfangreiche TV-Serials nachfolgten, weist jene Merkmale vermutlich so schnittmengenartig auf wie kein anderer Film Bessons und ist damit quasi sein Signaturwerk. Dabei macht der Film es einem nicht immer leicht: Parillaud, zum damaligen Zeitpunkt Bessons Muße, macht es einem mit ihrer ausgestellten Kratzbürstigkeit nicht immer leicht und überhaupt ist mit ihrem stillen Galan Anglade letztlich bloß ein Charakter vorhanden, der eine gewisse Kompassnadel in dem wilden Wust symbolisiert. Als charmant erweist sich indes der Auftritt der grande dame Jeanne Moreau als eine Art genealogischer Vorläuferin Nikitas und Stiefmutterfigur während Besson-Standard Jean Reno als „Cleaner“ (sprich: berserkernder, maschinenhafter Auftragskiller) mir mit seinem comichaften Gastauftritt stets verschenkt schien. Ich bin überhaupt kein Freund von den Kategorisierungen „gut“ oder „schlecht gealtert“. Jeder Film ist als Gesamtkunstwerk nicht zuletzt immer auch ein Repräsentant seiner Entstehungszeit. Alles andere wäre ja auch prätentiös. Dennoch ist die ausgehende Dekade gerade im Falle „La Femme Nikita“ fast schon ungewöhnlich eklatant spürbar und sorgt mit zunehmendem Abstand für eine gewisse Befremdlichkeit, der sich eben am Besten Herr werden lässt, wenn man ihn zu entscheidenden Teilen als portrait de l’âge wahrnimmt.

7/10

STEINER – DAS EISERNE KREUZ, 2. TEIL

„Who ought to belive this anyway?“

Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil ~ BRD 1979
Directed By: Andrew V. McLaglen

Nach seinem desaströsen Einsatz in Russland wird Feldwebel Steiner (Richard Burton) flugs an die Westfront beordert, wo die Alliierten soeben dabei sind, die Operation Overlord einzuleiten. Auch Steiners alter Rivale von Stransky (Helmut Griem) ist wiederum nicht fern. Nach einem kurzen Fronturlaub in Paris muss Steiner zurück ins Kampfgebiet, um ein strategisch wichtiges Dörfchen in der Provinz zu verteidigen. Sein alter Freund General Hoffmann (Curd Jürgens) eröffnet ihm derweil insgeheim, dass einige ohe Offiziere der Wehrmacht eine Verschwörung gegen Hitler planen und Steiner dazu auserkoren ist, dem gegnerischen General Webster (Rod Steiger) diese Nachricht zukommen zu lassen, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Die US-Admiralität glaubt jedoch an eine Finte und schickt dennoch eine Panzerbrigade in das von den Deutschen gehaltene Dörfchen. Zeitgleich scheitert der Putsch und Hoffmann nimmt sich das Leben. Stransky, der von alldem nichts ahnt und nach wie vor ein Fanatiker ist, plant, die ganze Panzerdivision mittels unterirdischer Sprengladungen zu vernichten…

Die Filmhistorie vergisst gern, dass der unverwüstliche Wolf C. Hartwig, der wusste, wie man eine Kuh adäquat bis auf den letzten Tropfen zu melken hat, seinem von Sam Peckinpah inszenierten Riesenerfolg „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ eine wiederum immens kostspielige Fortsetzung folgen ließ. Warum dieser amnesische Mantel? Nicht nur, dass „Steiner 2“ gnadenlos an den Kinokassen crashte, unterscheiden sich Original und Sequel hinsichtlich ihres Niveaus in etwa so, wie sich Peckinpah und McLaglen als Filmemacher unterscheiden. Eine philosophische Metaebene um preußische Arroganz und Gernegroßtum unter aristokratischen Wehrmachtsoffizieren, wie sie den Vorgänger auszeichnete, wird man hier vergeblich suchen. Vielmehr ist der zweite Teil, den nurmehr Klaus Löwitsch und Dieter Schidor in ihren vormaligen Rollen erlebten, nicht mehr oder weniger als ein kerniges Landser-Abenteuer, dass die schuldbelastete deutsche Seele  durch seine knuffigen Heldenakzente sogar ein klein wenig einzubalsamieren wusste. Mit Richard Burton, der im Prinzip viel eher seine Rolle als Söldner-Colonel Faulkner aus „The Wild Geese“ repetiert als auch nur im Mindesten den Versuch zu machen, seinen Vorgänger James Coburn anklingen zu lassen, stand McLaglen nur einer von mehreren vormaligen Kollaborateuren zur Seite. Ohnehin ist die Besetzung mindestens so erlesen und illuster wie die des Erstlings und rechtfertigt allein die Betrachtung des Films. Auch ist dieser keineswegs langweilig oder gar öde, obschon natürlich in seiner Struktur und Erzählweise überaus vorhersehbar und weitgehend überraschungsarm. Die düstere, bleierne, vom Wahnsinn infizierte Grundstimmung des Peckinpah-Films weicht hier eher der Betrachtung des Krieges als luftig-leichtes Männergeschäft, bei dem es auch mal was zu lachen gibt. Sicherlich zerfällt die Narration hier und da ferner ins seltsam Episodische, was möglicherweise auf diverse Straffungen und/oder Kürzungen zurückzuführen ist, doch dies nur mutmaßlich.
Als kleiner, kinohistorisch letzten Endes wohl tatsächlich „unbedeutender“ Beitrag zu der Gruppe vor allem logistisch abenteuerlicher Filmen über den Zweiten Weltkrieg kann sich, so sehe ich das, „Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil“ dennoch durchaus sehen lassen.

7/10

SECTION SPÉCIALE

Zitat entfällt.

Section Spéciale (Sondertribunal – Jeder kämpft für sich allein) ~ F/I/BRD 1975
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Paris, 1941. Eine Gruppe junger Widerständler beschließt, im Gegenzug zur Niederschlagung eines Protestmarschs durch die Gestapo Anschläge auf eine Reihe deutscher Offiziere zu verüben. Gleich der erste Mord an einem Marine-Major (Romain Bouteille) zieht ein gewaltiges Echo nach sich. Da man der Täter nicht umgehend habhaft wird, beschließt Innenminister Pierre Pucheu (Michael Lonsdale), aus strategischen Erwägungen sowie unter Rückendeckung Marschall Pétains, ein rückwirkendes Gesetz zur Abstrafung bereits inhaftierter, politischer Gefangener aus Vergeltungsgründen, zu etablieren. Die entsprechenden Abstrafungen sollen von sogenannten „Sondertribunalen“ vorgenommen werden, deren Protagonisten sich nach allgemeinem, aber kurzem Geraune in den obersten Justizinstanzen alsbald in unkritischen, mundtoten Staatsdienern auffinden lassen. Es kommt zu mehreren Verhängungen von Todesstrafe-Urteilen für ursprüngliche Lappaliendelikte.

In Costa-Gavras‘ bitterböser Abrechnung mit dem Vichy-Regime schlägt der Regisseur beinahe ungewohnt sarkastische Töne an: Die Funktionäre der kriecherisch in Richtung der Besatzer buckelnden, französischen Oberbefehlshaber, die sich im erwarteten großdeutschen Reich aussichtsreiche Positionen erhoffen, stellt der Meister mit einem bitteren Schmunzeln als das dar, was sie ganz offenbar tatsächlich waren: wahlweise alte, ergraute Veteranen, die zu müde sind, um sich abermals dem Feind zu stellen oder ölige Emporkömmlinge wie Pucheu, die einerseits die öffentliche Illusion aufrecht zu erhalten versuchen, Frankreich besäße noch immer einen Rest Souveränität, andererseits jedoch den Okkupanten wohlweislich in den Hintern kriecht. „Section Spéciale“, wiederum eine streng authentische Aufbereitung historischer Faktenlagen, zeigt abermals auf ebenso hintersinnige wie unmisserständliche Weise auf, wie Totalitarismus und Unterdrückung selbst auf ehemals revolutionärem Mutterboden funktionieren können, wenn nur die Flamme des Widerstandes einmal erloschen ist. Nicht mehr ganz so wütend, flammend und niederschmetternd wie in seiner Repressions-Trilogie, dafür eher mit besagter (dabei jedoch keinesfalls minder wirksamer) tongue-in-cheek attitude, lässt Costa-Gavras dennoch abermals klare didaktische Warnsignale durchblicken: wer bereit ist, sich um den Preis der Assimilierung zur Hure machen zu lassen, der verkauft nicht nur seine Inegrität, sondern auch seine Seele.

9/10

FIERAS SIN JAULA

Zitat entfällt.

Fiera Sin Jaula (Im Rausch der Sinne) ~ E/I 1971
Directed By: Juan Logar

Der alternde, reiche Witwer Ronald Marvelling (Curd Jürgens) hätte es besser wissen müssen: als er Alecsa (Rosalba Neri), die Studienfreundin seiner Tochter Catherine (Emma Cohen) zur neuen Frau nimmt, holt er sich damit ein durchtriebenes und hochpromiskes Pflänzchen ins Haus, das sich vor allem für die Moneten des silberhaarigen Briten begeistert. Als Marvelling schließlich feststellt, dass Alecsa sich auch nach mehrfachem, guten Zureden nicht von ihrem Haupthengst Pietro (Joan Luis Galiardo) trennen mag, entwickelt er einen perfiden Racheplan, der das saubere Pärchen geradewegs in die Hölle schickt.

Allerbestes Kolportage-Kino aus mediterranen Gefilden, das uns normannischen Kleiderschrank trotz (oder gerade wegen) des Groschenromanszenarios in süffisanter Bestform präsentiert. Stets ein Glas Whiskey zur Hand interpretiert er den tödlich Gekränkten und enttäuschten Gentleman als einen semiliterarischen Nachfolger des gehörnten Ehegatten, der sein Weib lebendig einmauert, um ihr die nötige Reue abzuringen. Dabei hat Jürgens es nie nötig, aufbrausend oder cholerisch aufzutreten, seine tiefe Verletztheit nimmt man ihm insbesondere infolge seines prononciert kontemplativen Spiels ab. Regisseur Logar, ein vergleichsweise spärlicher Arbeiter, findet dafür nicht nur die passende Visualität, sondern inszeniert vor allem das vorübergehende Gefängnis der Lotterliebenden, ein durch architektonische Finessen hermetisch abgeriegeltes Schlafzimmer in einem einsamen Herrenhaus in der Küste nebst angrenzendem Bad, mit brillantem Verstand für Raumkonstruktion. Eine erlesene Kulisse für eine gemeinsame Reise in den Wahn, den initiierenden Faktor als mahnende Leiche allgegenwärtig. Durch ein geschicktes Konstrukt aus Rückblenden wird die lokale Geschlossenheit zwar immer wieder aufgebrochen, aber bleibt doch stets allgegenwärtig. Das zwingende Resultat ist spanischer Genrefilm höchsten Grades.

8/10

TARGET

  „A long time ago I worked for the CIA.“ – „Did you kill people?“

Target ~ USA 1985
Directed By: Arthur Penn

Als Donna (Gayle Hunnicutt), die Frau des Holzunternehmers Walter Lloyd (Gene Hackman) während eines Europatrips in Paris gekidnappt wird, reisen er und sein entsetzter Sohn Chris (Matt Dillon) unverzüglich auf den alten Kontinent, um vor Ort mehr über die Entführung zu erfahren. Im Zuge der aufregenden Reise muss Chris auf schonungslose Weise erfahren, dass die Biographie seiner Familie gefälscht und eine Lüge ist: Sein Dad war vor Jahren CIA-Agent, der sich seiner jungen Familie zurliebe zur Ruhe gesetzt und eine neue Identität angenommen hat. Jetzt will ihn offenbar jemand von der Gegenseite aus dem Weg haben, der noch eine alte Rechnung mit Walter, der eigentlich Duke Potter heißt, offen hat. Doch die Dinge sind nicht, wie sie scheinen; es gibt noch einen unbekannten Strippenzieher im Hintergrund.

„Target“ ist ein Vorzeigebeispiel für den künstlerischen Identitätsverlust, den zahlreiche Filmemacher der Ära New Hollywood durchleben mussten, nachdem die Studios sich wieder gefangen und den Blockbuster für sich entdeckt hatten. Arthur Penn, ohnehin ein vergleichsweise gealterter Protagonist der Bewegung und ohnehin von Haus aus spärlicher Arbeiter, hatte in den zehn Jahren zuvor lediglich drei Filme inszeniert, sollte sich bald dem Fernsehen zuwenden und dann ganz aus dem Geschäft zurückzuziehen. Wenngleich „Target“, seine dritte Zusammenarbeit mit Gene Hackman, jedem routinierten Genreregisseur zur Zierde gereichte, spürt man kaum mehr, hier der Arbeit eines Mannes ansichtig zu sein, der mit „Bonnie & Clyde“ oder „Little Big Man“ hinter eminenten Hauptwerken der gesamten amerikanischen Kinohistorie steht. „Target“ ist ein in seinem Timbre überdeutlich von seinen (mitteleuropäischen) Schauplätzen beeinflusster Cold-War-Thriller, dessen anfangs etwas verworren anmutender Plot sich irgendwann zu einer recht trivialen Auflösung vorarbeitet und den eigentlich doch so hübsch konfliktträchtigen, dramaturgisch vielversprechenden Vater-Sohn-Subplot irgendwann einfach beiseite drängt. Auf der Haben-Seite wären natürlich Hackman, der ja sowieso jeden Film bereits durch seine bloße Anwesenheit aus dem Mittelmaß katapultiert zu nennen, sowie eine ziemlich tolle Verfolgungsjagd  am Hamburger Hafen; Speicherstadt und Landungsbrücken inklusiv. Einen dialoglosen Miniauftritt  gönnte man übrigens noch Krauskopf Werner Pochath, der als Adlatus des (vermeintlichen) Bösewichts (Rollenbezeichnung: „Young Agent“) eine etwas obskure Rolle zu bekleiden hat. Immerhin ein erfrischender Lichtblick zwischendrin, während man gerade mal wieder dabei ist, erfolglos nach dem alten, inspirierteren Penn zu fahnden.

7/10

3 HOMMES À ABATTRE

Zitat entfällt.

3 Hommes À Abattre (Killer stellen sich nicht vor) ~ F 1980
Directed By: Jacques Deray

Der professionelle Pokerspieler Michel Gerfaut (Alain Delon) wird durch Zufall in eine Vendetta des mächtigen Rüstungsindustriellen Emmerich (Pierre Dux) gezogen. Emmerich lässt drei seiner Hauptangestellten, die Skrupel wegen eines fehlerhaften Raketensystems haben und diese publik machen wollen, von gedungenen Killern ermorden. Einen davon (André Falcon) findet Gerfaut des Nachts schwerverletzt in seinem Wagen und bringt ihn, nichts Böses ahnend, zur nächsten Unfallambulanz. Nun ist der zuvor Unbeteiligte ein gefährlicher Zeuge, den es ebenfalls zu liquidieren gilt. Doch Gerfaut ist durchaus imstande, sich seiner Haut zu wehren, wenngleich er weiterhin übersieht, mit welchen Gewalten er wirklich im Clinch liegt.

„3 Hommes À Abattre“ („Drei Männer im Fall“, womit wahlweise die drei Anschlagsopfer oder auch die entgegengesetzten Kräfte Gerfaut, Emmerich und dessen erniedrigter Sekretär Leprince gemeint sein können) wäre sicherlich gern ein an den hochwirtschaftlichen und staatlichen Organen rüttelndes, bedrückendes Werk im Stil von Costa-Gavras, Rosi oder Verneuil. Dieses hehre Ziel verfehlt er jedoch, und das nicht nur um Haaresbreite. Als allzu hinderlich erweist sich vor allem die Eitelkeit des (sich selbst produzierenden) Hauptdarstellers, seinem im Unterhaltungsfach zunehmend erfolgreichen Kollegen Belmondo Konkurrenz zu machen und sich selbst als Actionheld zu stilisieren. Wo üblicherweise in dieser Art Film aufrechte Beamte, unbescholtene Liberale und/oder politische Naivlinge zu Spielbällen der Macht werden und deren ganze korrupte Bandbreite zu spüren bekommen, hat man bei dem sich sehr wehrhaft gebenden Michel Gerfaut nur höchst selten das Gefühl, er sei wirklich in die Enge getrieben oder wisse nicht mehr weiter. Derays Film wird stattdessen im Laufe seines Vorübergehens mehr und mehr zu einer vulgarisierten, ordinären Spielart seiner tatsächlich beklemmenden Vorbilder, so dass das weniger abrupte denn erwartbare Ende dann auch eher aufgesetzt denn wirklich bestürzend wirkt. Pierre Dux als aus dem Hintergrund agierende, graue Eminenz Emmerich, der nur zu seinen Katzen freundlich ist, findet sich als recht stereotyp angelegter villain nicht ohne eindeutige Analogien zu den Bond-Bösewichten jener Tage. Seine von ihm angeheuerten Killer sind im Prinzip völlige Stümper, bei denen man sich alsbald wundert, dass sie überhaupt irgendwas zustande bringen und Delon als über sich hinauswachsender Normalmensch haut wiederum auch nicht ganz hin. Was dann schon mehr Laune macht, sind die spärlichen Actionsequenzen und Gerfauts verschlungene Wege aus der Ausweglosigkeit. Einen dazu passenden Showdown bleibt man uns wiederum schmerzlich schuldig.
Nicht Halbes und nichts Ganzes somit und im Grunde vordringlich für Zeitgenossen von Interesse, die an Delon vor allem dessen machismo und sein gelbzahniges Grinsen schätzen und davon nicht genug kriegen können.

6/10

FLIC STORY

Zitat entfällt.

Flic Story ~ F/I 1975
Directed By: Jacques Deray

Paris, 1947: Der als Soziopath geltende Raubmörder Émile Buisson (Jean-Louis Trintignant) flieht aus der psychiatrischen Haft. Anstatt unterzutauchen, kehrt er jedoch nach Paris zurück und macht bald wieder durch brutale Raubmorde von sich reden. Der junge, ehrgeizige, zugleich jedoch humanistisch geprägte Polizeibeamte Borniche (Alain Delon) von der Sûreté heftet sich an Buissons Fersen, hat allerdings einige Schwierigkeiten, des geschickten Gangsters, der eine immer länger werdende Blutspur hinter sich her zieht, habhaft zu werden. Schließlich gelingt ihm doch noch die Festnahme.

Ein formal wie narrativ sehr konzentrierter, auf authentischen Wurzeln fußend. Der reale Émile Buisson brachte es nach einer Bilderbuchkarriere als unbelehrbarer Delinquenter sowie infolge seiner umfassenden kriminellen Aktivitäten schließlich zum „Staatsfeind Nr. 1“ im Jahre 1950. Von seiner Flucht aus dem psychiatrischen Gewahrsam bis zu seiner Hinrichtung unter der Guillotine vergingen rund neun Jahre, in denen Buisson wahre Leichenberge auftürmte und Raubüberfälle beging (er wurde über dreißig Morden und rund einhundert Raubüberfällen schuldig befunden). In der Tradition der Kriminalfilme Melvilles verzichtet Deray dabei fast stoisch auf eine emotionale Extrapolation der Ereignisse und beteiligten Personen und geht stattdessen streng faktengebunden und mit teils dokumentarischer Strenge vor. Die Anfertigung vollständiger Charakterbilder entfällt infolge dessen beinahe komplett auf den Rezipienten, dem es obliegt, die grundverschiedenen Antagonisten für sich einzuordnen. Erwartungsgemäß erweist sich die von Trintignant gewohnt vorzüglich gespielte Figur des Émile Buisson als die interessantere, schillerndere. Obgleich der Akteur darauf verzichtet, den klassischen, oftmals ödipal geprägten Gangsterwahn, wie ihn vor allem James Cagney in ganz analogen Rollen so denkwürdig zu perfektionieren verstand, in sein Repertoire aufzunehmen, bleibt Buisson durch seine oftmals reglosen Gewaltausbrüche von steter Bedrohlichkeit. Delon als sein Antagonist ist freilich ebenfalls sehenswert, belässt den Kriminaler in seinen durchaus widersprüchlichen Zügen jedoch ein wenig zu konturlos. Eine Minimalschwäche innerhalb eines ansonsten sehr sehenswerten Werks.
Von einigem gehobenen Interesse für das schließlich seines Katz-und-Maus-Status‘ enthobenen Wechselspiel zwischen Beamtem und Kriminellem sind dann nochmal die letzten Minuten, die Delons Borniche die letzten Jahre seiner Beziehung zu Buisson aus dem Off subsummieren lassen. Der Polizist berichtet darin von einem von gegenseitigem Verständnis und Respekt geprägten, bald freundschaftlichen Verhältnis zu dem Massenmörder, den er im Zuge regelmäßig stattfindender Verhöre über einen langen Zeitraum hinweg privat kennenlernen konnte. Allein diese, leider nur kurz angerissene Episode gäbe sicherlich nochmal hinreichend Potenzial her für einen eigenen Film.

8/10