ENIGMA

„I think these two go together.“

Enigma ~ UK/F 1982
Directed By: Jeannot Szwarc

Der Kalte Krieg brodelt vor sich hin. Ausgerechnet am Weihnachtstag will der KGB als abschreckendes Exempel für potenzielle Überläufer fünf aus der Sowjetunion geflohene Dissidenten liquidieren, die überall auf der Welt verteilt sind. Im Gegenzug plant die CIA, ein jenseits der Mauer befindliches Modul zu stehlen, das für die Funktion der berühmten „Enigma“-Dechiffriermaschine von entscheidender Bedeutung ist. Damit will man schließlich die Aufenthaltsorte und Identitäten der fünf Anschlagsopfer herausbekommen und die geplanten Morde so verhindern. Für die waghalsige Aktion heuert der US-Geheimdienst den aus Ostberlin stammenden Systemflüchtling Alex Holbeck (Martin Sheen) an, der mittlerweile in Paris einen antikommunistischen Radiosender leitet. Holbeck willigt ein, da er sich von dem Engagement nicht zuletzt ein Wiedersehen mit seiner verflossenen Liebe Karen (Brigitte Fossey) erhofft, die in der DDR als Anwältin einen tapferen Kampf gegen die regierenden Windmühlen kämpft. Die Gegenseite bekommt von Holbecks Einsatz Wind und versucht, des mittlerweile in Berlin-Ost angelangten Amateurspions mithilfe des ebenso systemtreuen wie narzisstischen KGB-Agenten Dimitri Vasilikov (Sam Neill) habhaft zu werden. Wovon weder Holbeck noch Vasilikov etwas ahnen: Die Amerikaner sind längst im Besitz des Enigma-Moduls und kalkulieren die Festsetzung Holbecks, der tatsächlich ausschließlich als Lockvogel fungiert, fest ein…

Jeannot Szwarcs in seiner Gesamtheit schönes Spionagedrama hat mir in mehrerlei Hinsicht sehr gut gefallen, wenngleich – so viel vorweg – sich einige berechtigte Kritikpunkte gewiss nicht ohne Weiteres wegdiskutieren lassen.
Zunächst einmal wird die Atmosphäre des Kalten Kriegs bestens passend zu seiner Nomenklatur gleich in einen kalten, grauen DDR-Dezember versetzt. So und nur so stellt man sich Spionageeinsätze hinter den damals feindlichen Linien vor, was nicht minder für die westlichen Fantasien vom Arbeiter- und Bauernstaat gilt (tatsächlich wurde in Frankreich gedreht, was allerdings bestens durchgeht). Vor dieser Kulisse gibt es ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen den intellektuell ebenbürtigen Duellanten Sheen und Neill, in dem der pro-westliche Überläufer Sheen allerdings stets (und bis zum Finale) eine Nasenlänge voraus ist, eine tiefromantische, involvierende Dreiecksgeschichte, die besonders gegen Ende (gewiss als solche intendierte) Erinnerungen an „Casablanca“ weckt, damit direkt verknüpft ein vorzüglich ausbuchstabiertes Figurenensemble und eine Besetzung auf der Höhe ihrer Kunst.
Auf der anderen Seite nimmt sich die Darstellung des einstigen Ostblocks allgemein und die der DDR im Besonderen extrem undifferenziert aus: Mit dem Moment, in dem Holbeck in Ostberlin anlangt, rutscht man gemeinsam mit ihm in ein von Sonnenlicht übersehenes, förmlich lebensfeindliches, zutiefst faschistisches Loch fauliger Korruption und Boshaftigkeit, das jedweden Anflug von autonomem Denken sofort entdeckt und gnadenlos ahndet. Nicht selten musste ich an ZAZs „Top Secret“ denken (in dem Nebendarsteller Warren Clarke ebenfalls auftritt). Im Gegenzug stellt die sozialistische Hierarchie sich durch ihre diversen Wadenbeißer permanent selbst ein Bein nach dem anderen, weshalb Holbeck sie infolge seiner freigeistigen Cleverness auch stets erfolgreich ausbooten kann. Um diese „Überlegenheit“ darzustellen, wählt das Script allerlei Volten, die zuweilen ins Irreale bis Lächerliche ausarten und „Enigma“ dann wiederum doch eher zu einem Märchenfilm als einem ernstzunehmenden Politthriller formen. Den Gipfel erreicht das Geschehen in einer Szene, in der Holbeck die mittlerweile als zersetzend denunzierte, seedierte Karen im Alleingang aus einer Irrenanstalt befreit und mit ihr entkommt, die halbe Stasi auf den Fersen. Der Schluss wiederum, für den sich speziell diese Episode dann doch wieder als immanent wesentlich erweist, rührt zu Tränen und steht den vorhergehenden Ereignissen geradezu diametral entgegen. Man muss sich also gewissermaßen entscheiden, ob man all die dramaturgischen Übertreibungen des Plots gewillt ist, um der ebenso vorhanden Qualitäten des Films Willen zu übersehen. Ist man dazu bereit, mag man „Enigma“ sehr mögen. Ist man’s nicht, wird man in ihm vielleicht auch vorsätzlich verursachten, groben Unfug ausmachen. Wie so oft gilt: Entscheiden Sie selbst.

8/10

THE ART OF LOVE

„Are you still not satisfied?“

The Art Of Love (Bei Madame Coco) ~ USA 1965
Directed By: Norman Jewison

Die beiden Freunde Paul Sloane (Dick van Dyke) und Casey Barnett (James Garner) könnten eigentlich unterschiedlicher nicht sein: Zwar bewohnen sie gemeinsam eine Dachwohnung im Pariser Montmartre und zählen sich stolz zur hiesigen Bohème, doch während der Maler Paul mit seiner Erfolglosigkeit nicht zurechtkommt und es leid ist, sich von der reichen Familie seiner in den Staaten lebenden Verlobten Laurie Gibson (Angie Dickinson) aushalten zu lassen, liebt der wiederum von Paul mit durchgefütterte Autor Casey das Lotterleben des Libertins. Zu Caseys Bedauern gelingt es ihm nicht, Paul, der von Paris genug hat und zurück in die USA will, um Laurie endlich zu heiraten, zum Bleiben zu überreden. Aus einer volltrunkenen Laune heraus und der These, dass erst ein toter Künstler wirklich erfolgreich sein kann, schreiben die beiden gemeinsam einen Abschiedsbrief für Paul. Als dieser auf dem Nachhauseweg die in die Seine springende Selbstmörderin Nikki (Elke Sommer) erblickt, hüpft Paul hinterher, um sie zu retten. Seine am nächsten Morgen gefundenen Kleider veranlassen Casey und die Polizei dazu, zu glauben, Paul habe sich ertränkt. Urplötzlich erzielen seine Gemälde tatsächlich Höchstpreise, was der „hinterbliebene“ Casey mit einigem Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. Darum überredet er den sich ihm wieder als höchst lebendig präsentierenden Paul, noch eine Weile „tot“ zu bleiben, um den willkommenen Reibach noch etwas zu verlängern. Paul soll getarnt als Maler „Toulouse“ im Nachtclub von Madame Coco (Ethel Merman) untertauchen und dort weiterarbeiten. Auch Nikki lebt mittlerweile bei Madame Coco und arbeitet für sie als Hausmädchen. Während Paul und Nikki sich ineinander verlieben, taucht Laurie in Paris auf und wird von Casey über die „traurigen  Neuigkeiten“ in Kenntnis gesetzt, während er ihr frontal den Hof macht und den Löwenanteil des Erlöses für Pauls Werke einstreicht. Als Paul davon erfährt, heckt er einen nicht minder hinterhältigen Rachestreich gegen Casey aus, der beinahe in die Hose geht…

Obschon Norman Jewisons wunderbare Komödie nicht mit trefflichem Humor und einer Menge prickelnder Romantik geizt, empfand man sie zu ihrer Veröffentlichungszeit vielerorten als zu „schwarz“ und zu gallig, so dass ihr guter Ruf – die bis dato vorherrschende Veröffentlichungslage (es gibt scheinbar nur Bootlegs und eine semilegale australische DVD-Veröffentlichung) spricht Bände – nachhaltig geschädigt wurde. Dafür verantwortlich waren offenbar die als unerschütterliche Wahrheit umrissene Annahme, dass ein bildender Künstler erst zu sterben hat, bevor sein Renommee astronomische Höhen erreichen kann und ferner das im letzten Drittel des Films handlungstragende Element der Todesstrafe, die man in Frankreich damals noch mit der Guillotine zu praktizieren pflegte und die absolut trefflich in das Script eingearbeitet wurde. Wie kommt dies zustande? Der sich zu Recht von seinem Freund Casey durchaus berechtigt verraten fühlende Paul Sloan sorgt mittels einiger cleverer Schachzüge dafür, dass alle Welt Casey verdächtigt, Pauls Mörder zu sein und er dafür sogar vor Gericht zum Tode verurteilt wird. Paul kostet diesen Umstand bis aufs Letzte aus und kommt beinahe zu spät, um die Exekution noch rechtzeitig zu verhindern. So viel bitterböser Realismus war für Kritik und Publikum offenbar zu viel des Guten und so fristet „The Art Of Love“ schändlicherweise ein Nischendasein. Dabei ist er in vielerlei Hinsicht ganz exzellent – on location in Paris gefilmt (der Jewison vor Ort beratende Yves Boisset gab – laut imdb-Trivia – zu Protokoll, dass Jewison weniger an einer modern-realistischen Präsentation der Stadt interessiert war, denn an einer möglichst klischeehaft-historistischen Darstellung, wie man sie aus hier spielenden Hollywood-Filmen gewohnt war – eine Herangehensweise, die nebenbei wunderbar aufgeht) präserviert der Film ganz gezielt ein klischiertes Bohèmien-Musical-Flair Marke „An American In Paris“. Das von Carl Reiner (der auch eine tolle Nebenrolle als auf Abstand gehender Verteidiger von James Garner abbekam) mitgeschriebene Buch strotz vor superben Einfällen, Figuren und Dialogen und die beiden Hauptdarsteller entwickeln eine grandiose Chemie. Alles in allem eine mustergültige Feelgood-RomCom ihrer Ära, die – ich weiß, ich sage das gern und oft, aber hier stimmt es wie selten – einer dringenden Revision bedarf.

9/10

TRIPLE CROSS

„I’d rather live for Germany than die for England.“

Triple Cross (Spion zwischen 2 Fronten) ~ UK/F/D 1966
Directed By: Terence Young

London, 1939. Der Safeknacker Eddie Chapman (Christopher Plummer) treibt mit seinen dreisten Coups die Polizei zur Verzweiflung. Als ihm die Lage vor Ort eines Tages doch zu heiß wird, setzt sich der Gentleman-Ganove und Filou auf der sonnigen Kanalinsel Jersey ab, wird dort jedoch entdeckt, verhaftet und vor Ort ins Gefängnis gesteckt. Bald darauf besetzen die Deutschen das Eiland, während Chapman noch immer in seiner Zelle darbt. Er entschließt sich, seine Fähigkeiten gewinnbringend zu nutzen und sich der Abwehr als Spion anzubieten. Unter dem in Nantes stationierten Offizier Baron von Grunen (Yul Brynner) erlernt Chapman im Folgenden diverse Fertigkeiten, um bald in Aktion treten zu können, stets wachsam beäugt von dem misstrauischen Oberst Steinhäger (Gert Fröbe) nebst dessen Schatten Leutnant Keller (Harry Meyen) und in eine Affäre mit der schönen Gräfin Lindström (Romy Schneider) verbandelt. Nachdem Chapman sich das weitgehende Vertrauen der Deutschen erschlichen hat, sieht sein erster Auftrag vor, die De-Havilland-Flugzeugwerke zu sabotieren. Kaum über England abgeworfen, sucht Chapman jedoch den Kontakt zum Geheimdienst und arbeitet fortan als Doppelagent.

Die Geschichte von Eddie Chapman, der sich Terence Young in seinem international renommiert besetzten Agentenfilm annahm, fußt auf tatsächlichen Ereignissen, obgleich sowohl diverse Ereignisse, wie es bei Biopics üblich ist, in stark gekürzten, vereinfachten, oder schlicht falschen Zusammenhängen wiedegegeben werden, als auch die Namen sämtlicher weiterer Beteiligter geändert wurden. Young lässt sich von dieser Historienklitterung wenig beeindrucken. Vielmehr verleiht er seinem Protagonisten den von ihm ja unlängst zuvor mitkreierten Nimbus eines James Bond, dem Christopher Plummer ein kongeniales Auftreten beschert. Sein Eddie Chapman wahrt in jeder noch so brenzligen Situation stets seine große Klappe, ist ein Hedonist und Opportunist par excellence und holt sich auch in prekärster Lage noch die attraktivsten Damen ins Bett. Man könnte ihn mit Fug und Recht als Kriegsgewinnler bezeichnen, denn Chapman verstand es, die katastrophale kosmopolitische Lage zu seinem Vorteil zu nutzen, indem er auf beiden Seiten Protektorat und Gönnerschaft erlangte, den Nazis dabei in Wahrheit stets eine lange Nase drehte und nach dem Krieg sogar eine komplette Löschung seines Vorstrafenregisters erwirkte. Der echte Eddie Chapman starb, nachdem er weiterhin so abenteuerlustig und luxuriös gelebt hatte, wie es seinem Wesen entsprach, 1997 im Alter von 83 Jahren.
„Triple Cross“ stellt ihn passend dazu als eine Art frechen Quasi-Eulenspiegel dar, der so gut wie nie die Contenance einbüßt, bis auf einen Moment, in dem er glaubt, der Gestapo in die Falle gegangen zu sein und in Kürze scharf verhört zu werden. Die Zyankalikapsel bereits im Mund, besinnt er sich in letzter Sekunde doch noch eines Besseren und wird dann als erster Nichtdeutscher mit dem Eisernen Kreuz geehrt.
Noch sehr viel interessanter nimmt sich allerdings das weitere Figuren- (und DarstellerInnen-) Inventar aus. Als für einen nicht-deutschsprachigen Film ungewohnt mehrdimensional, ja sogar sympathisch werden etwa die Offiziere Von Grunen und Steinhäger gezeichnet. Beide sind natürlich insgeheim scharfe Regimekritiker, die Nationalsozialismus und Führerkult gänzlich ablehnen. Von Grunen ist dabei der typisch-urpreußische Aristokrat mitsamt Monokel, der ein Hitler gänzlich abgehendes Bild des distinguierten Militariers präserviert, während Steinhäger als vormaliger Polizist zwar oberflächlich systemtreu, dabei aber doch relativ handzahm bleibt. Witzigerweise ist in zwei kurzen Szenen ausgerechnet Howard Vernon nebst Sonnenbrille als eherner Nazi zu sehen.
Romy Schneider und die als Résistance-Kämpferin auftretende Claudine Auger befinden sich hier beide auf dem Höhepunkt ihrer mirakulösen Schönheit und verleihen jedem Aufzug, in dem eine von ihnen zu sehen ist, einen höchst aparten Glanz.
Trotz seiner manchmal ausartenden Erzählzeit und einer selten konzisen Inszenierung, wo die Befleißigung derselben eigentlich notwendig gewesen wäre, habe ich „Triple Cross“ somit als eine weitgehend liebenswerte Veranstaltung wahrgenommen.

7/10

MORT D’UN POURRI

Zitat entfällt.

Mort D’Un Pourri (Der Fall Serrano) ~ F 1977
Directed By: Georges Lautner

Eines frühen Morgens erhält der betuchte Manager Xavier Maréchal (Alain Delon) überraschend einen Besuch seines besten Freundes, des Abgeordneten Philippe Dubaye (Maurice Ronet). Dieser gesteht Xavier, ein paar Stunden zuvor seinen Kollegen Serrano (Charles Moulin) erschlagen zu haben. Serrano war im Besitz einer Akte voller kompromittierender Informationen über diverse Personen des Öffentlichen Lebens bis hin in höchste Staatsämter, darunter auch über Philippe, der Xavier gesteht, die Akte entwendet und bei seiner Freundin Valérie (Ornella Muti) versteckt zu haben. Als kurz darauf auch Philippe getötet wird, will Xavier, der sich kurz zuvor selbst in den Besitz der Akte gebracht hat, unbedingt herausfinden, wer hinter dem Mord steckt. Dieser Stich ins Wespennest sorgt dafür, dass sich Xavier umgehend von diversen Interessengruppen, darunter die Polizei und eine Art Freimaurerloge, belagert findet, die allesamt die Akte Serrano haben wollen. Während immer weitere Menschen aus seinem Umfeld Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, wächst der Druck auf Philippe, bis er endgültig mit dem Rücken zur Wand steht…

Lautners und Delons in Ehren gescheiterter Versuch, der 1977 bereits stattlich angewachsenen Gruppe systemkritischer, linker französischer Politthriller um einen gemeinsamen Genreentwurf zu bereichern. Als ordinärer Kriminalfilm bleibt „Mort D’Un Pourri“ allzu gleichmütig und entschleunigt, als politisches Statement zu verwaschen. Nie erfährt man wirklich, wer oder was genau sich hinter mysteriösen Figuren wie dem reichen Fondari (Julien Guiomar) oder dem larmoyanten Ausländer Tomski (Klaus Kinski) verbirgt, oder welches konkrete Interesse sie an der als MacGuffin fungierenden Serrano-Akte haben, deren Inhalt wiederum ominös bleibt: „Ein Album der Korruption, eine Chronologie der Verfilzung“ soll sie sein. Dem Rezipienten wird ein hohes Maß an reger Phantasie zugemutet, was es entsprechend schwer macht, der sich so gewichtig gebenden Geschichte zu folgen. Maréchal, einen etwas öligen Bourgeois erster Klasse, ist man gezwungen, trotz seiner verwaschenen Agenda als Sympathie- und Identifikationscharakter in Kauf zu nehmen, wirklich sympathisch wird er einem jedoch nie. Die diversen Anschläge und inszenierten Autounfälle, die den zunehmend an ostentativer Gleichgültigkeit krankenden Volten innerhalb des Plots etwas Aktion verleihen sollen, überlebt er samt und sonders ohne weitere Blessuren und selbst die insgeheim wachsende Hoffnung, dass seine mächtigen Gegner am Ende doch noch die Überhand gewinnen, zerschlägt sich schließlich. Was „Mort D’Un Poulle“ schlussendlich dann doch noch potenziell sehenswert macht, sind Lokal- und Zeitkolorit des Paris der Spätsiebziger, die charmanten Verweise auf Delons und Ronets frühere Kollaborationen, die vortreffliche Besetzung und Philippe Sardes jazzige Musik. Eine spannendere, konkretere und vor allem involvierendere Geschichte – und somit Herz und Motor – bleibt der Film jedoch schuldig.

6/10

PARIS, BRÛLE-T-IL?

„What’s going on with that Paris?“

Paris, Brûle-T-Il? (Brennt Paris?) ~ USA/F 1966
Directed By: René Clement

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 schmilzt Hitlers (Billy Frick) Vertrauen in seine führenden Wehrmachtsoffiziere rapide dahin. Er ernennt daher den linientreuen Dietrich von Choltitz (Gert Fröbe) zum Kommandierenden General des besetzten Groß-Paris mit der ausrücklichen Order, die Stadt im Zweifelsfalle besser zu zerstören, als sie dem Feind in die Hände fallen zu lassen. Vor Ort ist die Situation bereits extrem gespannt; Gestapo und SS agieren typisch kopflos und schüren den Hass der Zivilbevölerung immer mehr. Als trotz Insistierung durch den schwedischen Botschafter Nordling (Orson Welles) ein führendes Résistance-Mitglied (Tony Taffin) erschossen wird und kurz darauf eine größere Gruppe junger Widerständler von der Gestapo in die Falle gelockt und erschossen wird, bündeln die vormals zerstrittenen Lager der Kommunisten und Gaullisten ihre Kräfte und gehen entschieden gegen die Nazis vor. Dem linken Major Gallois (Pierre Vaneck) obliegt schließlich die schwierige Mission, zu den Alliierten durchzudringen und sie zum Einmarsch in Paris und zur Unterstützung der Résistance zu bewegen, bevor die Stadt dem Erdboden gleichgemacht werden kann…

Die sechziger Jahre, das Jahrzehnt der monumentalen Kriegsfilme. Auch „Paris, Brûle-T-Il?“, international verliehen und co-produziertt von der Paramount und entstanden unter französischer Produktionsägide, zählt zu der umfangreichen Gruppe überlanger, stargespickter Historienaufbereitungen, deren logistischer Aufwand noch heute repräsentativ dasteht für die Ausstellung des damals technisch Machbaren.
Besonders in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts kamen auch europäische Financiers auf den Geschmack und kollaborierten mit den großen Hollywood-Studios, um gewaltige Spektakel rund um die Invasion aus dem Boden zu stampfen. Clements Film bildet dafür ein vorzügliches Exempel. Nach dem strukturellen Beispiel des fünf Jahre zuvor entstandene D-Day-Prestigefilm „The Longest Day“, den immerhin noch drei Regisseure gemeinsam stemmen durften, widmet sich „Paris, Brûle-T-Il?“ der Befreiung und Rettung der vier Jahre lang besetzten Metropole, die zugleich ein markiges Symbol für die dräuende deutsche Niederlage und den zusehends schwindenden Einfluss Hitlers auf seinen vormaligen Machtradius bildete. Wie bei Wicki, Annakin und Marton setzt sich auch das Narrativ dieses Films aus vielen episodisch gehaltenen Momentaufnahmen zusammen, deren Vorteile auf der Hand lagen – zum einen gestattete diese Erzählsweise einen multiperspektivische, auch historisch umfassendere Einblicke in die vielen beteiligten Gruppen, Lager und Einzelschicksale, zum anderen ermöglichte sie den gorreichen Einsatz des gewaltigen, internationalen Staraufgebots, ohne die geballte (und vor allem teuere) Prominenz für allzu viele Drehtage an das Projekt zu ketten. Gewissermaßen bildet General von Choltitz, dessen Rolle im Rahmen der Befreiung stark umnstritten ist, den charakterlichen Roten Faden des Films. Vor allem für den gewohnt wundervoll aufspielenden Gert Fröbe dürfte diese Tatsache ein besonderes Geschenk gewesen sein – er spielt jenen zwischen Pflichterfüllung und Menschlichkeit changierenden Wehrmachtsoffizier, wie er seit eh und je vor allem im (internationalen) Gattungsfilm immer wieder anzutreffen ist; jenen Typus Soldaten, der in späteren Kriegstagen längst darüber im Bilde befindlich war, dass der Führer verrückter war als eine Scheißhausratte, darüber hinaus jedoch mit dem militärischen Treueeid zu hadern hatte. „Schadensbegrenzung“ lautete die obliegende Devise, die Choltitz/Fröbe zum ausgesprochenen Gegner der SS macht und ihn sogar insgeheim mit der Résistance verhandeln lässt.
Obschon es 1966 noch nicht ungewöhnlich war, selbst von großem Publikumserfolg abhängige Großproduktionen wie diese in Schwarzweiß ins Kino zu bringen, hatte auch jene technische Entscheidung sehr konkrete Gründe: Clément nutzte etliche authentische Archivaufnahmen von relativ lädierter Qualität, deren zäsurischer Gebrauch sonst allzu stark ins Auge gefallen wäre. Zudem wurde nur der Einsatz farbverfremdeter Hakenkreuzflaggen am Drehort Paris gestattet, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen.
„Paris, Brûle T-Il?“ gliedert sich relativ nahtlos ein in die Formation seiner zeitgenössischen Kriegsfilme und teilt deren Habitus ebenso behende. Wer also eine Vorliebe für martialischen Kinomilitarismus pflegt, gern viele Stars an und zwischen Panzern, Waffen und Explosionen betrachtet und es zudem mag, zu sehen, wie Nazis verlieren, der ist mit der Wahl von Clements prallem Werk bestens aufgehoben.

8/10

BLOODLINE

„Remember, the cousins are just people.“ – „It’s just people that terrify me. Particularly cousins…“

Bloodline (Blutspur) ~ USA/D 1979
Directed By: Terence Young

Der steinreiche Pharmazeutik-Mogul Sam Roffe verunglückt beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen. Rasch frohlocken seine Erben, die eine ordentliche Finanzspritze allesamt gut gebrauchen könnten: Sir Alec Nichols (James Mason), Attaché in London, hat infolge seines großspurigen Lebensstils Schulden bei unwirschen Unterweltlern, ebenso Charles Martin (Maurice Ronet), der Ehemann von Roffes in Paris lebender, arroganter Nichte Hélène (Romy Schneider). Ivo Palazzi (Omar Sharif) derweil wird in Rom als Bigamist von seiner „Nebenfrau“ Donatella (Claudia Mori) erpresst, die ihre überfälligen Alimente einfordert.
Roffes Tochter Elizabeth (Audrey Hepburn) weigert sich jedoch, den Plan ihrer Verwandten, aus dem Unternehmen eine offene Aktiengesellschaft zu machen und ihre Anteile zu verflüssigen, zuzustimmen und übernimmt stattdessen selbst den Firmenvorsitz. Unterstütz wird sie dabei von Roffes rechter Hand Rhys Williams (Ben Gazzara), einem ziemlichen Filou. Als der Genfer Inspektor Max Hornung (Gert Fröbe) dem Roffe-Clan eröffnet, das Sam tatsächlich ermordet wurde, kristallisiert sich bald heraus, dass der Täter ein Familienmitglied sein muss. Und dieses folgt noch ganz anderen, sehr viel finstereren Obsessionen…

Terence Youngs internationale Verfilmung eines Romans des Drehbuch- und Romanautoren Sidney Sheldon wäre lediglich ein durchschnittlicher, ziemlich ominöse Narrationsvolten schlagender Kriminalfilm im High-Snobiety-Milieu, wären da nicht ein paar Details, die ihn dann doch wieder sehr sehenswert machen: Am Hervorstechendsten ist da natürlich die astronomische Premiumbesetzung, die vom kleinen Europloitation-Sternchen bis hin zum großen US-Star eine fast beispiellose Zusammenstellung cineastischen Lieblingspersonals vereint und sozusagen Brücken von Edgar Wallace über Agatha Christie bis hin zu Jess Franco, den italienischen Genrefilm und den großen Studiofilmern schlägt. Die entsprechende Aufzählung führe man sich in den Tags oder über den obigen imdb-Link zu Gemüte und staune, wie auch ich aus dem Staunen kaum mehr herauskam. Terence Young hatte sich ja vormals vom Regisseur dreier vortrefflicher Bond-Filme (darunter den ersten beiden) zum lustvollen Sleaze-Filmer entwickelt, dessen „The Klansman“ bereits eine höchst liebenswerte Abseitigkeit darstellte. Mit der bis zum heutigen Tage kinohistorisch weiträumig ignorierten Koreakriegs-Absurdität „Inchon“, die ich unbedingt endlich einmal sehen möchte, landete er zwei Jahre nach „Bloodlines“ schließlich eine der berüchtigsten Finanzkarambolagen der gesamten Filmgeschichte. Audrey Hepburn, mit der Young zwölf Jahre zuvor bereits den durchaus starken Blinden-Thriller „Wait Until Dark“ gefertigt hatte, kehrte für einen ihrer spärlichen Spätkarrieren-Auftritte nochmal zu ihm zurück und übernahm die ihr scheinbar auf den knochigen Leib geschriebene Hauptrolle der rundum liebenswerten, zwar ebenso selbstbewussten wie in Anbetracht all der sie umgebenden, familiären Habgier aber doch fragilen Protagonistin, die am Ende sogar noch ein richtiges, kleines Terror-Szenario gegen den sich entpuppenden Strippenzieher durchzustehen hat.
Regelrecht bizarr, grotesk und dabei doch hübsch gialloesk mutet ein Nebenplot um einen Snuff-Movie-Produzenten an, der einen glatzöpfigen, nackten Mike Monty (!) hübsche Damen on camera strangulieren lässt. Bereits diese Schilderungen sollten hinreichend neugierig machen, wobei nicht verhehlt bleiben soll, dass Youngs Regie leider allzu häufig zwischen unbeteiligt und fernsehhaft changiert und Ennio Morricones pompöser Score im Verhältnis dazu wirkt, als habe Wagner eine „Dallas“-Episode vertont. In jedem Fall lohnt die Begegnung für Liebhaber von Camp und Apokryphem.

7/10

L’ASSASSIN HABITE… AU 21

Zitat entfällt.

L’Assassin Habite… Au 21 (Der Mörder wohnt in 21) ~ F 1942
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Ein Raubmörder, der bei seinen Opfern stets eine Visitenkarte mit dem Namen „Monsieur Durand“ hinterlässt, macht Paris unsicher. Für den ermittelnden Inspecteur Vorobietchik (Pierre Fresnay), genannt „Wens“, erhöht sich mehr und mehr der Druck durch das Kommissariat, denn es gab bislang bereits fünf Opfer. Der zufällige, aber glaubwürdige Hinweis eines kleinen Gauners (Raymond Bussières)  führt Wens zur Avenue Junot Nr. 21, der Adresse einer kleiner Pension. Wens steigt dort in cognito als Geistlicher Lester ab und lernt umgehend die obskure Bewohnerschaft des von der Pfeife rauchenden Madame Point (Odette Talazac) geleiteten Hauses kennen: Den Puppenmacher Collin (Pierre Larquey), den Zauberkünstler Triquet (Jean Tissier) alias Professor Lalah-Poor, die altjungfräuliche Romancière Mademoiselle Cuq (Maximilienne), den Kriegsveteranen und Mediziner Dr. Linz (Noël Roquevert) und den erblindeten Boxer Kid Robert (Jean Despeaux) nebst seiner Pflegerin Vania (Huguette Vivier). Einer von ihnen muss der Mörder sein. Mit dem nächtlichen, gewaltsamen Tode Mademoiselle Cuqs sinkt die Verdächtigenzahl, jedoch nicht Wens‘ Konfusion. Mithilfe seines kriminalistischen Geschicks und der seiner etwas vorlauten Freundin Mila (Suzy Delair), gelingt es ihm aber schließlich doch, den vertrackten Fall zu lösen.

Henri-Georges Clouzots dritte Regiearbeit nach einer achtjährigen Pause, entstanden im besetzten Paris, wird gemeinhin als frühes Meisterwerk des Filmemachers gefeiert, das bereits hinreichend dessen umfassende Könnerschaft illustriert. Meine Erwartungshaltung, die, zumal in Kenntnis der späteren Arbeiten Clouzots, einen düsteren Serienkiller-Noir Marke Robert Siodmak antizipierte, wurde dabei allerdings sanft überbügelt: „L’Assassin Habite… Au 21“ entpuppt sich nämlich primär als überaus launige Kriminalkomödie, deren humorige Inszenierung dem Thema und der oftmals tatsächlich in der Nacht und bei expressionistischer Beleuchtung angesiedelten Szenerie diametral gegenübersteht und die gewisse Analogien zur „Thin Man“-Reihe aufweist. Der Held Inspecteur Wens ist ein wortgewandter, gewitzter Schelm, seine Geliebte und Muße eine penetrante, laute, aber liebenswerte Chaotin. „L’Assassin“ bildete nebenbei bereits den zweiten Filmauftritt des Duos nach Georges Lacombes ein Jahr zuvor entstandenem „Le Dernier Des Six“, für den Clouzot das Script vorlegte. Die Schurkenschaft (am Ende entpuppt sich „der“ gesuchte Mörder als Trio vormaliger Studien-Kommilitonen, die aus rein gewinnsüchtigen Motiven auf geschickte Weise zusammenarbeiteten undsich so immer wieder wechselseitig Alibis zuschustern jonnten – ein später immer mal wieder aufgegriffenes Motiv in der Kriminalliteratur) besteht aus spitzbübischen, höchst intelligenten, aber eben doch jeweils narzisstischen Lumpen, denen man trotz ihrer Niedertracht und Gewaltaffinität nicht wirklich böse sein mag – eine Allegorie auf die – im ebenfalls von der deutschen Continental-Produktionsgesellschaft cofinanzierten Nachfolgefilm „Le Corbeau“ noch weitaus schärfer angegriffenen – Okkupanten möglicherweise?
Interessanterweise gibt es, wohl infolge der entsprechenden Produktionsägide, auch eine speziell für das deutschsprachige Kinopublikum erstellte Parallelversion, in der unter anderem Wolfgang Staudte auf Fresnay zu hören ist und die deutsche Namensschilder, Briefe oder Texttafeln direkt alternativ in die jeweiligen, alternativ gefilmten Szenen integriert. Mittlerweile sind erfreulicherweise beide Fassungen in exzellenter Restauration verfügbar.

9/10

FANTÔMAS

Zitat entfällt.

Fantômas ~ F/I 1964
Directed By: André Hunebelle

Der geniale, stets maskierte Superverbrecher Fantômas (Jean Marais) hat zwei erklärte Gegner: den ehrgeizigen, leider aber hoffnungslos überforderten Commissaire Juve (Louis de Funès) und den zynischen Journalisten Fandor (Jean Marais). An beiden rächt sich der brillante Erzschurke, indem er täuschend echte Masken ihrer Gesichter anfertigt und in diesen diverse Coups verübt. Erst als Juve und Fandor sich notgedrungen zusammenschließen, können sie Fantômas – vorübergehend – ins Schwitzen bringen.

Die Figur des „Fantômas“ geht zurück auf eine Serie von Trivialromanen der französischen Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst in den 1910er Jahren und später dann nochmal bis in die Sechziger hinein (von Souvestre allein verfasst) erschienen. Immer wieder wurde Fantômas im Kino und für das Fernsehen adaptiert, zuletzt 1980 als deutsch-französich coproduzierter TV-Vierteiler. Die möglicherweise populärste Version bildete zugleich die am wenigsten kongeniale: Zwischen 1964 und 1967 machte Fantômas im Zuge einer von André Hunebelle inszenierten Kriminalkomödien-Trilogie und als eine von Jean Marais in ikonischer blauer Maske gebener Art Kreuzung aus Dr. Mabuse und Bond-Überantagonist Louis de Funès das Leben schwer. Von den oftmals sadistischen Gewaltverbrechen des literarischen Vorbilds blieb hier faktisch nichts mehr übrig; vielmehr ging es um den kunterbunt und familiengerecht aufbereiteten Gegensatz des cholerischen Erzkomödianten und seiner Nemesis, die in ihrer lustvollen Überzeichnung eher etwas von den legionär erschienen, zeitgenössischen (Euro-)Spy-Filmen oder jenen pulpigen Schurkengeschichten, die der Brite Harry Alan Towers produzierte, mitbrachte. Natürlich muss ebenso Erwähnung finden, dass der ehedem höchst beliebte Abenteuerdarsteller Jean Marais stets in einer Doppelrolle antrat als Journalist Fandor und Fantômas, die immer wieder aneinandergeraten und sich bekriegen. De Funès fungierte (ebenso wie sein ebenfalls stets präsenter, vertrottelter Adlatus Jacques Dynam als Inspecteur Bertrand) eher als zusätzliches comic relief, das für nochmalige Auflockerung des ursprünglich finsteren Geschehens zu sorgen hatte. Kernstück dieses ersen „Fantômas“-Films von Hunebelle durfte, nach etwas gemächlichem Beginn, eine umfangreiche Verfolgungsjagd im Finaldrittel sein, in deren Zuge Fandor und Juve dem Tausendsassa-Ganoven per Auto, Motorrad, Zug und Rennboot stets dicht auf den Fersen sind, bis er ihnen doch noch entwischt (mit einem Mini-U-Boot). Ansonsten präserviert „Fantômas“ vor allem ein gepflegt-nostalgisches Amüsement, ohne, dass er je in den Verdacht geriete, sich zur Hochkultur aufzuschwingen. Als ob er das denn aber auch gewollt haben mochte.

7/10

L’AILE OU LA CUISSE

Zitat entfällt.

L’Aile Ou La Cuisse (Brust oder Keule) ~ F 1976
Directed By: Claude Zidi

Charles Duchemin (Louis de Funès) gilt als gefürchtetster Gastronomiekritiker Frankreichs und damit der Haute Cuisine überhaupt. Jährlich erscheint sein berühmter Restaurantführer, der ganze Existenzen aufbauen und stürzen kann und dessen Beiträge er und sein Team zuvor in mühevoller Probier- und Schreibarbeit zusammengetragen haben. Dabei scheut Duchemin selbst vor dämlichsten In-Cognito-Verkleidungen nicht zurück, um möglichst unerkannt und objektiv agieren zu können. Sein Sohnemann Gérard (Coluche) indes hat es nicht so mit der Familientradition und managt mit seinen Hippiefreunden lieber einen kleinen Zirkus, in dem er selbst als Clown auftritt – freilich ohne, dass der Herr Papa davon wüsste. Duchemins Erzfeind personifiziert sich derweil in dem gewissenlosen Lebensmittelfabrikanten und Müllgastronom Jacques Tricatel (Julien Guiomar), der seinen Fraß billigst und aus synthetischen Zutaten auf die Menschheit loslässt und einzig an der Mehrung seiner Profite Interesse hat. Ein TV-Duell der beiden Titanen soll in Kürze für Klarheit sorgen…

Ein bereits recht später de Funès-Klassiker, vor allem hierzulande nicht zuletzt so populär wegen seiner unzähligen TV-Ausstrahlungen und wegen Rainer Brandts unverwechselbarer Klamauk-Synchronisation, die aus dem mitunter wesentlich feingeistigeren Original ein immer wieder laut bollerndes Schnodderfeuerwerk „destilliert“. Im Laufe der Jahre und wiederholten Betrachtungen zieht sich natürlich jeder – so auch ich – seine Lieblingsszenen aus dem großen Tohuwabohu, das weniger durch formale Präzision (diese lässt – au contraire – eher zu wünschen übrig), denn durch treffsicheres Timing, situative Frechheiten und kleine, milieukritische Bonmots zu glänzen weiß. In meinem Falle ist das Duchemins Zwangsmast in der Küche eines wegen ihm zuvor Pleite gegangenen, italienischen Kochs (Vittorio Caprioli), der den sensiblen Gaumen des arroganten Feinschmeckers malträtiert, indem er ihm unter Vorhaltung einer doppelläufigen Schrotflinte allerlei Widerliches aus seiner Fertigung vorsetzt („Es wird alles aufgefressen!“) und so dafür sorgt, dass Duchemin nicht nur akute Wundpocken bekommt, sondern zu allem buchstäblichen Überfluss fortan unter unausweichlicher Ageusie zu leiden hat.
De Funès ist natürlich brillant wie eh und je, doch auch sein Support, vor allem der liebenswerte, 1986 mit nur 41 Jahren verstorbene Humorist, Polit- und Sozialaktivist Coluche als Duchemins linkischer Filius, Julien Guiomar als einer Dystopie von Orwell oder Bradbury entsprungener, diabolischer Albtraumkapitalist, der bereits die globale Nahrungsversorgung mit Pappfraß im Auge hat (und androht) und natürlich die reizende Ann Zacharias muss man toll finden. Vladimir Cosmas schmissige Easy-Listening-Musik dazu und man erhält einen nimmermüde werdenden, rundum liebenswerten Komödienmeilenstein der Siebziger, den aber wohl ohnehin beinahe jeder Mensch meiner Generation hinreichend kennen und schätzen dürfte.

8/10

MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT

„I’ll figure it out.“

Mission: Impossible – Fallout ~  USA/RC/F/NOR 2018
Directed By: Christopher McQuarrie

Die Terrororganisation „Syndikat“ nennt sich nach Solomon Lanes (Sean Harris) Festsetzung durch den IMF nunmehr „Die Apostel“. Nachdem Ethan Hunt (Tom Cruise), um seinen Freund und Kollegen Luther Stickell (Ving Rhames) zu retten, den Verlustiggang dreier Plutoniumeinheiten in Berlin in Kauf nimmt, muss er kurz darauf erkennen, dass die Apostel unter dem Vorsitz des bislang unidentifizierten John Lark aus den Einheiten Nuklearsprengköpfe herstellen ließen. Hunt soll in Paris zumindest den Rückerwerb der nunmehr einsatzbereiten Sprengköpfe verhindern, wobei er gezwungenermaßen mit dem CIA-Agenten August Walker (Henry Cavill) zusammenarbeiten muss. Den beiden gelingt es, sich mit Hunt als vermeintlichem John Lark in die Organisation der Waffenschieberin Alanna Mitsopolis (Vanessa Kirby), genannt „White Widow“, einzuschleusen. Diese plant die Befreiung von Solomon Lane mithilfe von Hunt/Lark und Walker. Es gelingt Hunt, Lane zwischenzeitlich festzusetzen und zu beweisen, dass Walker der echte John Lark ist. Dieser kann schließlich mit Lane nach Kashmir entkommen, wo die Apostel planen, durch die Detonation der Bomben den Siachengletscher zu verseuchen und infolge der abgeschnittenen Wasserversorgung eine humanitäre Katastrophe in Südasien auszulösen. Für Hunt wird die Angelegenheit nochmals pikanter dadurch, dass seine frühere Frau Julia (Michelle Monaghan) sich in einem Versorgungscamp vor Ort befindet…

Gewissermaßen als kleines Novum innerhalb der Reihe inhaltlich direkt an den Vorgänger anschließend, präserviert „M:I 6“ aufs Neue den Superheldennimbus des von Tom Cruise dargestellten Spitzenagenten Ethan Hunt. Wenn seine Ex-Frau ihm gegen Ende versichert, dass sie sich in der Welt sicher fühle, weil sie um Hunts unermüdlichen Kampf um deren Rettung wisse, dann sagt das gewiss auch ein wenig über Cruises Bedürfnis aus, sein mittlerweile zum Lebenswerk avanciertes Franchise auch weiterhin möglichst lange am Leben zu erhalten. Was diese sechste Spielfilm-Installation des einstigen TV-Serien-Reboots binnen immerhin 23 Jahren in spezifischer Hinsicht anbelangt, so kann man ihr zunächst weiterhin beruhigt attestieren, nach wie vor ein Nonplusultra auf dem internationalen Genresektor darzustellen. Als Agentenfilm-Reihe hat sich die Serie mittlerweile aus dem übermächtigen Schatten des großen Vorbilds „James Bond“ herauslösen und dieses übertrumpfen können. Dabei hilft ihr freilich auch die Tatsache, dass Ethan Hunt sich infolge der Gnade seiner vergleichsweise späten Kopfgeburt niemals als sexistischer Dinosaurier, arroganter Bonvivant oder Kalter-Kriegs-Relikt rechtzufertigen hatte und seine (überdies minimale) Persönlichkeitsentwicklung somit sehr viel umwegloser stattfinden konnte. Wiederkehrende, sympathische Gesichter wie die von Ving Rhames oder Simon Pegg, die „Mission: Impossible“ nunmehr seit langem die Treue halten (ersterer sogar seit Anbeginn), hinterlassen immer wieder ein wohltuendes Gefühl von familiärer Vertrautheit, was dem Stammpublikum der Serie wiederum seine Treue entlohnt. Zumindest auf Jeremy Renner heißt es indes diesmal leider verzichten zu müssen.
Ethan Hunts natürlich stets angenommene Missionen erweisen sich dabei nicht erst seit „Fallout“ so beliebig wie austauschbar; identitätsstiftend für jeden Einzelbeitrag sind hingegen die sich auf ungebrochen spektakulärem Level entfaltenden Action-Sequenzen,von denen es diesmal mehrere urbane Verfolgungsjagden gibt und natürlich das waghalsige, zweigleisig fahrende Finale. Bis zum nächsten Mal dann.

8/10