AIR FORCE ONE

„Get off my plane!“

Air Force One ~ USA/D 1997
Directed By: Wolfgang Petersen

Als der kasachische Despot Radek (Jürgen Prochnow), der am liebsten wieder die Sowjetunion nebst allen kommunistischen Schikanen einführen würde, mithilfe der CIA hopp genommen und eingekerkert wird, ist der wackere US-Präsident James Marshall (Harrison Ford) nicht fern. Seinen offiziellen Staatsbesuch in Moskau nutzt er darüberhinaus gleich noch, um den Völkern in aller Welt bedrohlich klarzumachen, dass Amerika künftig als Weltpolizist noch wesentlich härter durchgreifen werde. Der Heimflug verläuft dann alles andere als angenehm: Einem Sympathisanten Radeks, dem nicht minder fanatischen Ivan Korshunov (Gary Oldman), und seinen Gefolgsleuten gelingt es, die Air Force One nebst Präsident zu hijacken. Korshunovs Ziel ist natürlich die Freipressung Radeks, was die sich umgehend zu kebbeln beginnenden Vizepräsidentin (Glenn Close) und Verteidigungsminister (Dean Stockwell) im Sinne des Nichterpressbarkeits-Kodex nur überaus ungern zuließen. Also muss der Präsi, seines Zeichens Vietnam-Veteran, höchstpersönlich ran…

Man sehnt sich förmlich zurück nach dem sogenannten „erzreaktionären“ Actionfilm der Vorgängerdekade, als die muskelbepackten, waffenstarrenden und/oder in martial arts versierten Fantasyhelden in den Resttagen des Kalten Krieges ihre majestätischen Naivmentalitäten in die Köpfe der kommunistischen Widersacher ebenso vehement hineindroschen wie -ballerten, nachdem man dieser auf Hochglanz polierten Klosettbürste angesichtig ward. Ironischerweise brüsten ausgerechnet die amerikanischen Neunziger-Filme „unserer“ beiden Hollywood-Exporte Petersen und Emmerich sich mit oftmals so ekelerregenden Pentagon-Arschkriechereien, dass es einem sich die Zehnägel aufrollt. Schlimmstes und gleichermaßen albernstes Beispiel: „Air Force One“. All die Friedensaktivisten, die noch fünfzehn bis fünf Jahre zuvor gegen die Pershings, Reagan, den Golfkrieg oder gegen „Rambo: First Blood Part II“ auf die Straße gegangen waren, hätten sich im Zuge der Premiere von Petersens sechstem anglophonen Film eigentlich kollektiv an den Kinosälen mindestens dieser Republik festketten müssen – denn was hier an ekelevozierender, hymnischer Lobhudelei über den US-Präsidenten als Ikone der westlichen Welt ausgeschüttet wird, das sucht wahrhaftig seinesgleichen. Worin unterscheidet sich ein Film wie „Air Force One“ von vermeintlichen Aggressionstreibern wie Milius „Red Dawn“ oder Zitos „Invasion U.S.A.“? Nun, wo diese noch auf exakt definierter Genreebene mit nachvollziehbaren Gemeinschaftsängsten spielten, sie aber in letzten Endes phantastische und somit goutierbare, dystopische Fiktionsszenarien setzten, macht Petersen abendfüllendes, teures, technisch exzellentes und von Disney coproduziertes Hochglanzkino für jedermann und -frau. Sein Held ist nicht nur kein jeansbewesteter Prolet oder Ninjakämpfer, auch kein Bodybuilder oder schwersttraumatisierter Kriegsheimkehrer – sein Held ist niemand Geringerer als der stolz geschwelte, jedweder Selbstreflexion abholde Präsident der USA, mit dem respektierten, beliebten, sympathischen Antlitz von Harrison Ford. Han Solo, Indiana Jones, Dr. Kimble, Jack Ryan und all die anderen liebenswerten Heroen mindestens einer ganzen Generation treten hier qua im Kombinat als liebenswerter Familienvater, Ehe- und Ehrenmann und eben als Führer der „Freien Welt“ an, einer von „Mütterchen Russland“ faselnden Mischpoke aus ewiggestrigen Kommiträumern gewaltig in den Arsch zu treten. Flankiert wird Ford darüber hinaus von einer darstellerischen crème de la crème der first acting class: ein aus weltformatigen Gary Oldman, Glenn Close, Dean Stockwell, William H. Macy, KaLeu Jürgen Prochnow (ohne EINE EINZIGE Dialogzeile) und anderen Hochkarätern bestehendes Ensemble, von dem man vieles erwartet hätte, nur nicht gerade, vereint in einem solch unsubtilen Rotzventilator anzutreten, macht Petersen und seiner hanebüchenen Geschichte seine Aufwartung. Davon hätten Sly, Arnie, Chuck oder Dudikoff dereinst nur träumen mögen.
Natürlich ist die Agenda jenes Präsidenten James Marshall vor allem eine ganz private – immerhin befinden sich dessen Gattin (Wendy Crewson) und Töchterchen (Liesel Matthews) an Bord des mirnichts dirnichts entführten Superfliegers und nicht zuletzt diese gilt es, zu beschützen und herauszuhauen. Die Art, wie „Air Force One“ moralische Integrität und Wehrhaftigkeit, aber auch Charme und Weisheit des höchsten Mannes der USA präserviert, dürfte nicht zuletzt dem fleischgewordenen running gag Donald Trump als willkommene Wichsvorlage dienen: „Look, that’s me up there! Only I’m even greater!“
Aber wisst ihr was? Wir verbuchen das Ganze rückblickend einfach trotzdem als Science Fiction. Genau wie Trump in hoffentlich spätestens einem halben Jahr.

4/10

ENIGMA

„I think these two go together.“

Enigma ~ UK/F 1982
Directed By: Jeannot Szwarc

Der Kalte Krieg brodelt vor sich hin. Ausgerechnet am Weihnachtstag will der KGB als abschreckendes Exempel für potenzielle Überläufer fünf aus der Sowjetunion geflohene Dissidenten liquidieren, die überall auf der Welt verteilt sind. Im Gegenzug plant die CIA, ein jenseits der Mauer befindliches Modul zu stehlen, das für die Funktion der berühmten „Enigma“-Dechiffriermaschine von entscheidender Bedeutung ist. Damit will man schließlich die Aufenthaltsorte und Identitäten der fünf Anschlagsopfer herausbekommen und die geplanten Morde so verhindern. Für die waghalsige Aktion heuert der US-Geheimdienst den aus Ostberlin stammenden Systemflüchtling Alex Holbeck (Martin Sheen) an, der mittlerweile in Paris einen antikommunistischen Radiosender leitet. Holbeck willigt ein, da er sich von dem Engagement nicht zuletzt ein Wiedersehen mit seiner verflossenen Liebe Karen (Brigitte Fossey) erhofft, die in der DDR als Anwältin einen tapferen Kampf gegen die regierenden Windmühlen kämpft. Die Gegenseite bekommt von Holbecks Einsatz Wind und versucht, des mittlerweile in Berlin-Ost angelangten Amateurspions mithilfe des ebenso systemtreuen wie narzisstischen KGB-Agenten Dimitri Vasilikov (Sam Neill) habhaft zu werden. Wovon weder Holbeck noch Vasilikov etwas ahnen: Die Amerikaner sind längst im Besitz des Enigma-Moduls und kalkulieren die Festsetzung Holbecks, der tatsächlich ausschließlich als Lockvogel fungiert, fest ein…

Jeannot Szwarcs in seiner Gesamtheit schönes Spionagedrama hat mir in mehrerlei Hinsicht sehr gut gefallen, wenngleich – so viel vorweg – sich einige berechtigte Kritikpunkte gewiss nicht ohne Weiteres wegdiskutieren lassen.
Zunächst einmal wird die Atmosphäre des Kalten Kriegs bestens passend zu seiner Nomenklatur gleich in einen kalten, grauen DDR-Dezember versetzt. So und nur so stellt man sich Spionageeinsätze hinter den damals feindlichen Linien vor, was nicht minder für die westlichen Fantasien vom Arbeiter- und Bauernstaat gilt (tatsächlich wurde in Frankreich gedreht, was allerdings bestens durchgeht). Vor dieser Kulisse gibt es ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen den intellektuell ebenbürtigen Duellanten Sheen und Neill, in dem der pro-westliche Überläufer Sheen allerdings stets (und bis zum Finale) eine Nasenlänge voraus ist, eine tiefromantische, involvierende Dreiecksgeschichte, die besonders gegen Ende (gewiss als solche intendierte) Erinnerungen an „Casablanca“ weckt, damit direkt verknüpft ein vorzüglich ausbuchstabiertes Figurenensemble und eine Besetzung auf der Höhe ihrer Kunst.
Auf der anderen Seite nimmt sich die Darstellung des einstigen Ostblocks allgemein und die der DDR im Besonderen extrem undifferenziert aus: Mit dem Moment, in dem Holbeck in Ostberlin anlangt, rutscht man gemeinsam mit ihm in ein von Sonnenlicht übersehenes, förmlich lebensfeindliches, zutiefst faschistisches Loch fauliger Korruption und Boshaftigkeit, das jedweden Anflug von autonomem Denken sofort entdeckt und gnadenlos ahndet. Nicht selten musste ich an ZAZs „Top Secret“ denken (in dem Nebendarsteller Warren Clarke ebenfalls auftritt). Im Gegenzug stellt die sozialistische Hierarchie sich durch ihre diversen Wadenbeißer permanent selbst ein Bein nach dem anderen, weshalb Holbeck sie infolge seiner freigeistigen Cleverness auch stets erfolgreich ausbooten kann. Um diese „Überlegenheit“ darzustellen, wählt das Script allerlei Volten, die zuweilen ins Irreale bis Lächerliche ausarten und „Enigma“ dann wiederum doch eher zu einem Märchenfilm als einem ernstzunehmenden Politthriller formen. Den Gipfel erreicht das Geschehen in einer Szene, in der Holbeck die mittlerweile als zersetzend denunzierte, seedierte Karen im Alleingang aus einer Irrenanstalt befreit und mit ihr entkommt, die halbe Stasi auf den Fersen. Der Schluss wiederum, für den sich speziell diese Episode dann doch wieder als immanent wesentlich erweist, rührt zu Tränen und steht den vorhergehenden Ereignissen geradezu diametral entgegen. Man muss sich also gewissermaßen entscheiden, ob man all die dramaturgischen Übertreibungen des Plots gewillt ist, um der ebenso vorhanden Qualitäten des Films Willen zu übersehen. Ist man dazu bereit, mag man „Enigma“ sehr mögen. Ist man’s nicht, wird man in ihm vielleicht auch vorsätzlich verursachten, groben Unfug ausmachen. Wie so oft gilt: Entscheiden Sie selbst.

8/10

DOMINO

„Here, you insensitive asshole!“

Domino ~ DK/F/I/BE/NL 2019
Directed By: Brian De Palma

Ein Jahr in der Zukunft: Nicht zuletzt seiner eigenen Unaufmerksamkeit ist es geschuldet, dass Christians (Nikolaj Coster-Waldau) Partner und bester Freund Lars (Søren Malling) jetzt im Koma liegt. Der Kopenhagener Polizist hat im Zuge eines vermeintlichen Routinenotrufs in den frühen Morgenstunden nämlich einige höchst unprofessionelle Faux-pas begangen, die im Endeffekt zusätzlich dafür sorgen, dass der flüchtige Verdächtige, ein libyscher Migrant namens Ezra Tarzi (Eriq Ebouaney), in die Hände einer mysteriösen Drittgruppe fällt. Bei dieser handelt es sich um ein paar CIA-Leute, die dem IS-Terroristen Al Din (Mohammed Azaay) auf der Spur sind, mit dem wiederum auch Tarzi eine private Rechnung offen hat. Er wird daher erpresst, für die Amerikaner zu arbeiten. Christian und seine Kollegin Alex (Carice van Houten) verfolgen derweil Tarzis Fährte und somit auch die von Al Din über Brüssel bis nach Almería…

Es gibt wohl nur zwei grundsätzliche Alternativen, Brian De Palmas jüngsten Film für sich ausklingen zu lassen: berechtigte Ratlosigkeit oder maßlose Enttäuschung. Dass der mittlerweile ohnehin nur noch in sehr spärlicher Frequenz neue Werke in die Welt entsendende 79-jährige seinen kreativen Zenit weit hinter sich gelassen hat, lässt sich schon seit längerem nicht mehr stehenden Fußes leugnen; „Domino“ jedoch, der sich herstellungsbedingt nach „Femme Fatale“ und „Passion“  wiederum auf ausschließlich europäische Schauplätze kapriziert, wirkt über weite Strecken erstmals regelrecht unbeteiligt, müde und glanzlos, was nach De Palmas eigenem Bekunden primär mit den katastrophalen Produktionsbedingungen zu tun habe. So seien etwa das Budget allzu minimal ausgefallen und er selbst komplett von Script und Post-Produktion ausgeschlossen worden. Ferner schuldeten die dänischen Geldgeber noch etlichen Crew-Mitgliedern ihre Gagen. Und tatsächlich, De Palma, sonst ein längst vollendeter, unverwechselbarer Stilist, schimmert trotz Pino Donaggios Vertrauen erweckendem Score nurmehr noch an wenigen Stellen durch. So lässt etwa die Inszenierung von Tarzis vermasselter Verhaftung noch die alte Meisterschaft erkennen oder wartet das Finale in der Stierkampfarena von Almería mit ein paar hübschen Finessen auf. Dazwischen allerdings finden sich trotz der ohnehin kurzen Erzählzeit merkwürdige, für De-Palma-Verhältnisse geradezu grotesk ordinär anmutende Füllsel um die Rekrutierung Tarzis durch die CIA oder um die Aufdeckung, dass Alex eine heimliche Affäre mit Lars pflegte und nunmehr von ihm schwanger ist. Tatsächlich mutet das ganz offensichtlich mit heißer Nadel gestrickte Drehbuch häufig an wie für einen x-beliebigen, seriellen Fernsehkrimi kreiert, entbehrt weitgehend psychologischer Glaubwürdigkeit oder Tiefe und verhindert insbesondere, und selbiges macht sich besonders fatal bemerkbar, jedweden aufrichtigen Interesses des Regisseurs an seinen Figuren. Zudem wirft es gewisse, ideologiekritische Fragen auf, die man für ihre konkretere Beantwortung weiter analysieren müsste und die sich mit der zum überhastet angesetzten Abspann wiederholt prononcierten Perspektive nochmals manifestieren. Ob das (warum eigentlich?) ein Jahr in die Zukunft vorversetzt spielende Script rechtsreaktionäre Islamophobie präserviert oder bloß gerechte Angstgefühle vor terroristischen Fanatikern äußert, wäre demnach noch abschließend zu erörtern.
Nun will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen; weder entpuppte sich „Domino“ als die zu antizipierende Vollkatastrophe, noch empfand ich ihn in allen Belangen als Totalausfall. Bei aller Verflachung und inszenatorischer Apathie (die sich, wohlgemerkt, speziell in der Erwartung eines De-Palma-Werks bemerkbar macht) gelingt es dem Film doch, das Interesse am Fortgang seiner Story aufrecht zu erhalten und im Finale nochmal etwas Fahrt aufzunehmen. (Selbst) für ein Alterswerk dieses unikalen Genies sind derlei apologetische Zugeständnisse jedoch schlichtweg zu wenig.

5/10

MORT D’UN POURRI

Zitat entfällt.

Mort D’Un Pourri (Der Fall Serrano) ~ F 1977
Directed By: Georges Lautner

Eines frühen Morgens erhält der betuchte Manager Xavier Maréchal (Alain Delon) überraschend einen Besuch seines besten Freundes, des Abgeordneten Philippe Dubaye (Maurice Ronet). Dieser gesteht Xavier, ein paar Stunden zuvor seinen Kollegen Serrano (Charles Moulin) erschlagen zu haben. Serrano war im Besitz einer Akte voller kompromittierender Informationen über diverse Personen des Öffentlichen Lebens bis hin in höchste Staatsämter, darunter auch über Philippe, der Xavier gesteht, die Akte entwendet und bei seiner Freundin Valérie (Ornella Muti) versteckt zu haben. Als kurz darauf auch Philippe getötet wird, will Xavier, der sich kurz zuvor selbst in den Besitz der Akte gebracht hat, unbedingt herausfinden, wer hinter dem Mord steckt. Dieser Stich ins Wespennest sorgt dafür, dass sich Xavier umgehend von diversen Interessengruppen, darunter die Polizei und eine Art Freimaurerloge, belagert findet, die allesamt die Akte Serrano haben wollen. Während immer weitere Menschen aus seinem Umfeld Gewaltverbrechen zum Opfer fallen, wächst der Druck auf Philippe, bis er endgültig mit dem Rücken zur Wand steht…

Lautners und Delons in Ehren gescheiterter Versuch, der 1977 bereits stattlich angewachsenen Gruppe systemkritischer, linker französischer Politthriller um einen gemeinsamen Genreentwurf zu bereichern. Als ordinärer Kriminalfilm bleibt „Mort D’Un Pourri“ allzu gleichmütig und entschleunigt, als politisches Statement zu verwaschen. Nie erfährt man wirklich, wer oder was genau sich hinter mysteriösen Figuren wie dem reichen Fondari (Julien Guiomar) oder dem larmoyanten Ausländer Tomski (Klaus Kinski) verbirgt, oder welches konkrete Interesse sie an der als MacGuffin fungierenden Serrano-Akte haben, deren Inhalt wiederum ominös bleibt: „Ein Album der Korruption, eine Chronologie der Verfilzung“ soll sie sein. Dem Rezipienten wird ein hohes Maß an reger Phantasie zugemutet, was es entsprechend schwer macht, der sich so gewichtig gebenden Geschichte zu folgen. Maréchal, einen etwas öligen Bourgeois erster Klasse, ist man gezwungen, trotz seiner verwaschenen Agenda als Sympathie- und Identifikationscharakter in Kauf zu nehmen, wirklich sympathisch wird er einem jedoch nie. Die diversen Anschläge und inszenierten Autounfälle, die den zunehmend an ostentativer Gleichgültigkeit krankenden Volten innerhalb des Plots etwas Aktion verleihen sollen, überlebt er samt und sonders ohne weitere Blessuren und selbst die insgeheim wachsende Hoffnung, dass seine mächtigen Gegner am Ende doch noch die Überhand gewinnen, zerschlägt sich schließlich. Was „Mort D’Un Poulle“ schlussendlich dann doch noch potenziell sehenswert macht, sind Lokal- und Zeitkolorit des Paris der Spätsiebziger, die charmanten Verweise auf Delons und Ronets frühere Kollaborationen, die vortreffliche Besetzung und Philippe Sardes jazzige Musik. Eine spannendere, konkretere und vor allem involvierendere Geschichte – und somit Herz und Motor – bleibt der Film jedoch schuldig.

6/10

INCENDIES

Zitat entfällt.

Incendies (Die Frau die singt) ~ CA/F 2010
Directed By: Denis Villeneuve

Nachdem Nawal Marwan (Lubna Azabal), die einst aus einem kriesengeplagten Nahost-Staat nach Montréal emigrierte Mutter der beiden Zwillinge Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette), gestorben ist, verliest ihr Notar Lebel (Rémy Girard) ein höchst rätselhaftes Testament. Darin fordert Nawal die Geschwister auf, sich auf eine mühselige Suche zu begeben: Jeanne soll ihren den beiden zeitlebens unbekannten Vater ausfindig machen, derweil Simon mit der Recherche nach einem älteren Bruder betraut wird, von dem sie bislang nichts wussten. Vater und Bruder sollen dann jeweils einen von Nawal verfassten und an sie adressierten Brief erhalten. Zu Simons Unwillen begeben sich beide an ihre entbehrungsreichen Ermittlungen und machen sich in diesem Zusammenhang mit der Biographie ihrer Mutter vertraut, einen von den unbeschreiblichen Gräueln eines Bürgerkriegs geprägten Leidensweg…

Neben seinem makellosen Meisterwerk „Sicario“ ist „Incendies“ der bislang beste Film von Denis Villeneuve. In einer im Vergleich zu seinen späteren, sehr viel glamouröseren Hollywood-Arbeiten schmucklos gehaltenen Bildsprache begnügt sich der Regisseur hier noch damit, als auktorialer Inszenator vollkommen in den Hintergrund zu treten und seiner auf einem Stück des Dramatikers Wajdi Mouawad basierende Geschichte die gänzliche Führungsrolle abzutreten. Die erzählerische Perspekive changiert dabei primär zwischen den Erlebnissen von Mutter Nawal und Tochter Jeanne, wobei erstere sich in ihrer gezwungenermaßen stark gerafften Form etwa zwischen den Spätsiebzigern und Frühneunzigern datieren lassen. Das handlungsspendende Land, dessen Name nie erwähnt wird und das sich unschwer als der von den Wirren des Bürgerkriegs tief gezeichnete Libanon entschlüsseln lässt, erweist sich dabei auch in der filmischen Gegenwart noch als von unnachgiebiger Religiosität und Mentalität geknechteter Fleck Erde, innerhalb dessen blutgetränkter Geschichte das Schicksal Nawals am Ende doch nur eines von vielen ist, und an dem eine Überlebende, der eine entsetzliche Wahrheit selbst viele Jahre lang verborgen bleibt, zugrunde gehen muss zudem.
Auf narrative Details einzugehen, bedeutete, der geschätzten Leserschaft das potenzielle (unbekannte) Filmerlebnis seiner unglaublichen Kraft und erschütternder Wirkmacht zu berauben, daher halte ich mich diesbezüglich an gegebener Stelle ausnahmsweise streng zurück. Was mir insofern nurmehr am Herzen liegt und loszuwerden bleibt, wäre Folgendes: „Incendies“ ist einer jener raren Filme, die man uneingeschränkt als Pflichtveranstaltung für jedermann flankieren und bewerben muss, ein ungebrochen starkes kulturelles und philosophisches Großereignis; angetan zu schockieren, zu läutern und in meditative Klausur treten zu lassen; und mehr noch ein Fanal für Frieden und Vergebung; unvergesslich und uneingeschränkt randios. Wer glaubt, all diese Superlativen seien übertrieben, der möge versuchen, sich eines Besseren zu belehren. Er wird es nicht bereuen.

10/10

VICE

„It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

Vice ~ USA 2018
Directed By: Adam McKay

Nicht zuletzt durch die sukzessive Ausweitung der staatlichen Exekutivgewalt auf einen nahezu unbegrenzten Machtradius schafft es der beim gemeinen Volk eher unbeliebte republikanische Emporkömmling Dick Cheney (Christian Bale), als Vize-Präsident von George W. Bush (Sam Rockwell) die staatlichen Geschicke aus dem Hintergrund nachhaltiger zu lenken als der Präsident selbst. Für Cheney als CEO des Halliburton-Konzerns ist der Irak ein Dorn im Auge, also nutzt er die Terroranschläge vom 11. September medienwirksam gezielt, um Stimmung gegen Saddam Hussein zu machen und den folgenden Einmarsch der US-Truppen am Golf zu rechtfertigen. Auf lange Sicht popularisiert Cheney mit dieser Aktion den Terroristen Abu al-Zarqawi und verantwortet in diesem Zusammenhang unter anderem das Erstarken des IS im Nahen Osten sowie später Guantanamo und die Plame-Affäre mit, sorgt für Steuerleichterungen bei den Multis und Superreichen, schasst seinen ehemaligen Mentor Donald Rumsfeld (Steve Carrell) und setzt Außenminister Colin Powell (Tyler Perry) unter Druck. Dem Tod springt der herzkranke Cheney selbst diverse Male von der Schippe, unter anderem durch die Implantierung eines Spenderherzens.

„The Big Short“ markierte bereits einen markanten Richtungswechsel im Œuvre Adam McKays, der sich damit inszenatorisch von den bereits als „klassisch“ zu bezeichnenden Spaßkomödien mit Will Ferrell divergierte und seither stattdessen als Chronist der vielen fauelen Eier, die die Globalmacht USA seit der Jahrtausendwende gelegt hat, zu etablieren scheint. Auch in Anbetracht von „Vice“ ist zu hoffen, dass McKay diesen Weg ebenso leidenschaftlich weiterverfolgt, wie er ihn bislang so vielversprechend eingeschlagen hat. Durch die nicht selten an die Montage in Scorseses „Goodfellas“ oder „Casino“ erinnernde, geschickte Spielfilmdramaturgie, die dem Rezipienten mit der Rasanz und Kinetik eines Actionfilms teils unerhörte Fakten in Stakkato um Augen und Ohren knallt, arbeiten McKays jüngere Filme oberflächlich dröges Finanzwelt- und Politikgeplänkel für jedermann gut les- und nachvollziehbar auf und machen sich so zu historisch vortrefflich eingebundenen und zugleich höchst spannenden Zeit- und Gesellschaftsportraits, deren aggressiver Gestus mit dem eines Michael Moore zu vergleichen ist, nur eben ohne dessen direkten dokumentarischen Anspruch.
Dabei ist sich der in Sachen Humor natürlich immens beflissene McKay stets darüber im Klaren, dass vom auteur hinzugesetzte Ironie und Sarkasmus, und mögen sie noch so bitter sein, jedwede harte Faktenlage sanft abzuschwächen angetan ist und ihr zugleich ein klares Meinungsbild verabreicht. McKays Dick Cheney behält man nach dem Filmgenuss als liebenden Familienvater in Erinnerung, aber auch als diabolischen Machtmenschen und Manipulator, der mit das Schlimmste personifiziert, für das die USA im globalen Gefüge stehen. Christian Bale und der übrige Tross stehen unter feister Maskerade in der Tradition der vielen großen Schauspieler, die irgendwann einmal US-Politiker zu spielen hatten und führt diesen genealogischen Strang sogar auf ein noch höheres Niveau als gewohnt. Als Cheney unterschiedlicher Gewichts- und Altersstufen mit perfektionistisch adaptierter Physiognomie und entsprechendem Gestus ist er dem Original teilweise zum Verwechseln ähnlich und präsentiert eine neue Stufe darstellerischer Mimikry. Sagenhaft.
„Vice“ ist somit jedem nahezulegen, der kritisches US-Politkino und filmische Konterfeis der diversen Oval-Office-Insassen und ihrer Trösse zu schätzen weiß.

8/10

CRY FREEDOM

„I just expect to be treated like you expect to be treated.“

Cry Freedom (Schrei nach Freiheit) ~ UK 1987
Directed By: Richard Attenborough

East London, Südafrika, in den frühen siebziger Jahren: Der liberale Journalist Donald Woods (Kevin Kline) trifft sich auf Initiative der Bürgerrechtlerin Dr. Mamphela Ramphele (Josette Simon) hin mit dem unter Bann stehenden BCM-Aktivisten Steve Biko (Denzel Washington), den der trotz seiner systemkritischen Auffassung voreingenommene Woods als schwarzen Rassisten einschätzt.
Die beiden Männer lernen sich gegenseitig schätzen, kommen sich bald näher und sie und ihre Familien werden gute Freunde. Als Biko, der ohnehin permanent von den Repräsentanten der Apartheidsregierung schikaniert wird, ankündigt, zu einem BCM-Treffen in Kapstadt zu reisen, wird er unterwegs von uniformierten Ordnungshütern gestellt und in der nachfolgenden Gefangenschaft fast zu Tode gefoltert. Der polizeilich angeordnete Transport in ein weit entferntes Hospital kostet ihn schließlich das Leben. Der zutiefst empörte Woods, der sich zuvor infolge seiner Sympathiebekundungen für Biko bereits den Polizeipräsidenten Kruger (John Thaw) zum persönlichen Feind gemacht hat, plant eine Vortragsreihe in den USA, wird jedoch an der Ausreise gehindert und selbst unter Bann gestellt. Als ein offensichtlich von radikalen Beamten initiierter Säureanschlag auf Woods Kinder stattfindet, beschließt der Journalist, mit seiner gesamten Familie am Silvestertag 1977 endgültig die Flucht aus Südafrika anzutreten.

Richard Attenboroughs erste Regiearbeit nach „Gandhi“ packt wiederum ein heißes historisches Eisen an: das – damals noch existente – Apartheidssystem Südafrikas. Für den dramaturgischen Überbau seines Films ließen sich Attenborough und sein Scriptautor John Briley von den später erschienen Sachbüchern Donald Woods‘ inspirieren und der Autor selbst nebst seiner Frau Wendy ließ es sich nicht nehmen, dem Projekt als enger Berater zur Seite zu stehen.
„Cry Freedom“ ist ein kluger, episch ausladender Film der gerechten Empörung, ein aufrichtiges Plädoyer für Verständigung und Freundschaft. Ich erinnere mich an (zeitgenössische) Kritiken, die ihm vorwarfen, im letzten Viertel (das primär die Fluchtumstände Donald Woods‘ und seiner Familienangehörigen schildert) Konventionen zu bedienen und „Cry Freedom“ somit stark in seinem ursprünglichen Ansinnen abzuschwächen. Dem halte ich entgegen, was ich den meisten Verurteilern von humanistischen Stoffen im westlichen Mainstreamkino (die Beispiele dafür sind ja Legion) entgegenhalte: Jeder einzelne (junge?) Zuschauer, der sich, vielleicht erstmals in seinem Leben überhaupt, infolge der Betrachtung eines Films wie diesem mit derlei dunklen Menschheitskapiteln auseinandersetzt und sich vielleicht von persönlichen Studien im Anschluss daran weiterführen lässt, sie vertieft, intensiviert; jeder Zuschauer, dessen Verstand und Seele, und sei es nur ein kleines bisschen, infolge eines Films wie „Cry Freedom“ in Bewegung gerät, jeder, der sich, wenngleich möglicherweise zunächst zaghaft, Reflexion und Diskussion öffnet, dessen späteres Engagement oder dessen Haltung vielleicht in der Rezeption dieses Films wurzelt, rechtfertigt nicht nur seine bloße Existenz, sondern bestätigt zugleich auch die Berechtigung der gewählten Form. Natürlich erzählt Attenborough auch eine dramatische, spannende Geschichte und wählt dafür die klassische Dramaturgie des Unterhaltungskinos. Natürlich gibt es kalkulierte Suspense-Momente, wenn man mit dem als Geistlicher verkleideten Woods/Kline bangt bei seinen Grenzübertritten. Was aber soll daran bitte verwerflich sein? Wo steht geschrieben, dass Betroffenheitskino (ich wähle diesen anrüchig konnotierten Terminus ganz bewusst und ohne Anführungszeichen, denn ich habe seine ja sehr käsige Konnotation eh noch nie begriffen) dröge, langweilig und elliptisch-verschwurbelt erzählt daherkommen muss? Aus „Cry Freedom“ kann man lernen. Man kann lernen, dass es großartige Menschen wie Bantu Stephen Biko gab, von dem, mit Ausnahme von Peter Gabriel vielleicht, etliche Allerweltsleute zuvor nie gehört hatten und ohne Attenboroughs Film auch nie gehört hätten? Menschen, die unter widrigsten Umständen gelebt und gelämpft haben und die für ihre gerechte Überzeugung sterben mussten, auch wenn sie später in Biopics von reichen und berühmten Hollywoodstars wie Denzel Washington dargestellt werden. Das enthebt sie keinesfalls ihres historischen Status‘, sondern verschafft ihnen im Gegenteil weitflächigere, höchst verdiente Reputation. Ein eminentes – ich sage das nicht leichtfertig – Meisterwerk.

10/10

AUS DEM NICHTS

„Das waren Nazis.“

Aus dem Nichts ~ D/F/I 2017
Directed By: Fatih Akin

Für die Hamburgerin Katja Sekerci (Diane Kruger) sind ihr kurdischstämmiger Mann Nuri (Numan Acar) und ihr kleiner Sohn Rocco (Rafael Santana) die ganze Welt. Nach einer kurzen Zeit in Haft, die er wegen Marihuanadealens absitzen musste, hat Nuri sich eine ansehnliche Existenz als Steuerberater für des Deutschen weniger kundige Migranten aufbauen können. Eines nachmittags explodiert unmittelbar vor seinem Büro eine Nagelbombe. Nuri und Rocco fallen dem Anschlag zum Opfer. Die am Boden zerstörte Katja ist rasch davon überzeugt, dass die Tat nur politisch motiviert sein kann und Neonazis dahinter stecken, zumal sie kurz vor der Explosion eine junge Frau (Hanna Hilsdorf) vor Nuris Büro gesehen hat. Die Polizei glaubt indes fest an eine milieubedingte Racheaktion und wiegelt Katjas Geschichte ab. Nachdem sie nach Jahren wieder zu Drogen greift und bereits fast jeden Lebenswillen verloren hat, keimt doch noch ein Hoffnungsschimmer für Gerechtigkeit: die von Katja beobachtete Frau Edda Möller ist nebst ihrem Mann, dem Neonazi André (Ulrich Brandhoff), festgenommen worden. Beide sind des Mordes verdächtig. Als Nebenklägerin lässt sich Katja von ihrem alten Freund Danilo Fava (Denis Moschitto) vor Gericht vertreten. Der Gegenanwalt Haberbeck (Johannes Krisch) erweist sich jedoch als fintenreich genug, einen Freispruch für das Ehepaar Möller zu erwirken. Katja folgt den beiden nach Griechenland und baut dort eine Bombe, die der des Anschlags nachempfunden ist…

„Aus dem Nichts“ lässt sich durchaus als ein ergänzender Nachklapp zu Fatih Akins „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie betrachten, zumal alle drei genannten Motivspender sich mühelos in der Geschichte von Katja Sekerci und ihrem selbstzerstörerischen Rachefeldzug ausfindig machen lassen. Wo Akin in den Jahren seiner bisherigen Tätigkeit als türkischstämmiger, politischen Abhandlungen durchaus nicht abgeneigter Filmemacher die Topoi Rechtsextremismus und Rassismus stets ausgespart hatte, ging er vor zwei Jahren mit „Aus dem Nichts“ unmittelbar in medias res. Bewegt und beeindruckt vom langwierigen NSU-Prozess, den er teilweise selbst vor Ort mitverfolgt hatte und gewiss auch vom bedrohlichen Wiedererstarken rechtspopulistischer Kräfte im Land entwarf er gemeinsam mit NDF-Urgestein Hark Bohm diese sich zunehmend intimer gestaltende Geschichte um die Folgen eines neonazistischen Bombenanschlags mitten in Hamburg. Wie im authentischen Fall miterlebt verzichtet Akin dann auch keinesfalls auf das offenkundige Versagen des Justizapparats, der sich beharrlich weigert, deutschen Rechtsterrorismus als eine reale Bedrohung nicht nur des Individuums, sondern auch der demokratischen Grundordnung anzuerkennen, geschweige denn wahrzunehmen. Laufen bereits die ersten Ermittlungen auf einen sogenannten „milieuintern“ motivierten Anschlag hinaus, spielt später noch die im Zweifelsfall und insgeheim unakzeptable Tatsache der deutsch-kurdischen Familie in Kombination mit einem beruflich erfolgreichen, im besten Wortsinne „sauberen“ Ehemann und Vater eine tragende Rolle im gesamten Prozess. Diese Erfahrung muss Katja auch aufs Neue im Zusammenhang mit ihren Eltern (Karin Neuhäuser, Uwe Rohde) und Schwiegereltern (Asim Demirel, Aysel Iscan) machen, die sich angesichts der Tragödie wechselseitig ungebrochen voreingenommen und unversöhnlich zeigen.
Immer wieder rekurriert man auf die Dealer-Vergangenheit des Ermordeten, immer wieder auf das Faktum, dass Katja ihren akuten Verlustschmerz mit Drogen zu betäuben versuchte. Die im Prinzip unwiderlegbaren Indizien gegen die Täter, zu denen selbst eine belastungsschwere Aussage des Vaters (Ulrich Tukur) von André Möller zählt, werden schließlich ignoriert und die Schuldigen ihrer Strafe vorenthalten. Mit dem Freispruch endet auch Katjas Glauben an die Gerechtigkeit und an den Lebenswert an sich, wodurch sich ihr finaler Gegenschlag veranlasst. Diesen belässt der wiederum in drei Akte unterteilte Film wohlweislich vollkommen wertfrei; nach der zweiten Explosion, die die Leben des Ehepaars Möller und auch Katjas eigenes fordert, herrscht, wie so oft am Ende von Akins Filmen, nurmehr das erlösende Rauschen der Meeresbrandung.

8/10

CRISIS

„Doctor, I’m sick!“

Crisis (Hexenkessel) ~ USA 1950
Directed By: Richard Brooks

Der geplante Erholungsurlaub in Lateinamerika wird für den renommierten Gehirnchirurgen Dr. Ferguson (Cary Grant) und seine Frau Helen (Paula Raymond) zu einem unerwarteten Spießrutenlauf: Der an einem Hirntumor leidende Juntachef und Diktator Raoul Farrago (José Ferrer) lädt das überrumpelte Ehepaar unfreiwillig zu sich ein, um Ferguson möglichst rasch die lebensnotwendige Operation durchführen zu lassen. Während Ferguson sich nur höchst widerwillig auf den komplizierten Eingriff vorbereitet, lässt der Konterrevolutionär Gonzales (Gilbert Roland) Helen kidnappen, um ihren Gatten dazu zu zwingen, den Despoten während der OP sterben zu lassen…

Nach einem bereits längeren Werdegang als Scriptautor legte Richard Brooks mit der MGM-Produktion „Crisis“ sein Regiedebüt vor, einen ersten Meilenstein in seiner fortan 35 Jahre und 24 Filme umfassenden Karriere als auteur. Nicht allein die Besetzung der Hauptrolle mit Cary Grant schlägt eine unverkennbare Brücke zum bisherigen Œuvre Alfred Hitchcocks, auch das Handlungsmotiv des unbescholtenen, unfreiwillig in ein mörderisches Komplott involvierten Bürgers erinnert sehr an die bevorzugten Topoi des Briten, so etwa an seinen „The Man Who Knew Too Much“. „Crisis“ bemüht allerdings noch eine zusätzliche moralische Dimension: Als Arzt ist Ferguson an den Hippokratischen Eid gebunden und somit an die berufliche Verpflichtung, jedes Leben ungleich anderweitiger Ressentiments zu beschützen und zu retten. Seine zu Recht erboste Reaktion auf die erzwungene Behandlung des zudem als Menschenschlächter berüchtigten Tyrannen steht demzufolge gleich von Beginn an im Widerstreit mit seinem professionellen Ethos. Alle Versuche, es Farrago und seinen Untergebenen möglichst schwer zu machen, erweisen sich als nutzlos, so dass Ferguson nach einigem Hin und Her schließlich doch die Atemmaske anlegen muss. Doch ist Brooks, auch wenn es zwischenzeitlich den entsprechenden Anschein macht, keinesfalls so naiv, sich eine tendenziöse Position zu gestatten; Farragos politische Widersacher, allen voran der sich liberal gebende Gonzales, entpuppen sich als um keinen Deut ehrbarer denn er selbst, sie bilden lediglich eine weitere Erbfolge in einer von vielen hoffnungslos instabilen Regionen des Kontinents. Eine überaus interessante Figurenzeichnung gelingt Brooks  in Bezug auf Isabel, die von Signe Hasso beeindruckend interpretierte Gattin Farragos, eine zu allem entschlossene, mutige und starke Frau, in der der längst mit autokratischem Größenwahn schwanger gehende Diktator seine vermutlich loyalste Weggefährtin anheim gestellt bekommt.

8/10

SICARIO: DAY OF THE SOLDADO

„What do you need?“ – „Everything.“

Sicario: Day Of The Soldado (Sicario 2) ~ USA/I 2018
Directed By: Stefano Sollima

Als sich infolge eines Bombenattentats in Kansas City bei den US-Behörden der Eindruck einstellt, die mexikanischen Drogenkartelle schmuggelten gegen kräftiges Entgelt neuerdings auch ISIS-Terroristen über die Grenze, erhält CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) den Auftrag, sämtliche, auch unautorisierten Mittel gegen die Kokain-Mafia zum Einsatz zu bringen. Gravers rasch entwickelte Strategie sieht vor, zwischen dem mächtigen Unterweltboss Carlos Reyes und seiner schärfsten Konkurrenz, dem Matamoros-Kartell, einen Krieg zu entfesseln. Dafür benötigt Graver den früheren Anwalt und jetzigen Profikiller Alejandro Gillick (Bencio Del Toro), der wie gewohnt gnadenlos vorgeht. Als sich jedoch herausstellt, dass der Verdacht der CIA hinsichtlich des Terroristen-Traffickings als unzutreffend erweist, soll Graver sämtliche Verbindungen zu der bereits laufenden Aktion kappen. Dazu gehört auch, Gillick, der just versucht, gemeinsam mit Reyes‘ gekidnappter Tochter Isabel (Isabela Moner) über die US-Grenze zu gelangen, fallen zu lassen…

In seiner Funktion als Fortsetzung des meisterhaften Originals, das mir einer der liebsten Filme des Jahrzehnts ist, enttäuscht „Sicario: Day Of The Saldo“ auf ganzer Linie, was die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Denis Villeneuve und Autor Taylor Sheridan im Nachhinein ein wenig wie einen eher zufällig okkurierenden Glücksfall erscheinen lässt – denn weder Villeneuve noch Sheridan haben sich mit annähernd ähnlichem Ruhm bekleckert, was ihre jüngeren solitären kreativen Ergüsse anbelangt. „Sicario“ bezog seine Faszination einerseits aus der Komplexität seiner Erzählung; der Zuschauer befand sich stets auf demselben Informationslevel wie seine Stellvertreterin Kate Macer (Emily Blunt), einer noch eher unbedarften Regierungsangestellten, die nach und nach die zutiefst unmoralische, nur selten legale Vorgehensweise „eingeweihterer“ Kollegen im Krieg gegen die Grenzkartelle kennenlernen muss. Graves und Gillick sind darin in ihrer kalten Abgeklärtheit noch beinahe enigmatische Figuren, wobei besonders der sich der Rache für seine Familie verschriebene „Sicario“, der selbst nicht davor zurückschreckt, Kinder zu ermorden, einen nahezu dämonischen Eindruck hinterließ. In Kombination mit Villeneuves nahezu analytischer und zugleich hochästhetischer Bildsprache ergab dies das bekannte Meisterwerk. Auf das Sequel, wiederum von Sheridan gescriptet und von dem überaus vielversprechenden Sergio-Filius Stefano Sollima inszeniert, hatte ich mich dementsprechend überschwänglich gefreut. Am Ende wartete jedoch nicht wesentlich mehr auf mich denn ein gehobener, in Tom-Clancy-Manier entwickelter Grenzthriller, der die zwei Hauptcharaktere eher ausbremst, als ihre zuvor gegossenen Rohlinge weiter mit Blut zu befüllen. Gut, Graver ist immer noch ein zutiefst dedizierter Regierungswachhund in allen Gassen der Welt, der vor keinem Übel zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung von US-Interessen geht und auch Gillick bleibt (zunächst) der Knüppel-aus-dem-Sack. Warum es ihm allerdings plötzlich so wichtig ist, Isabel Reyes zu beschützen, muss einer beinahe hilflosen Formelhaftigkeit zugeschrieben werden, der Story über die Runden zu helfen. Das Ende des Films, das eindeutig auf weitere Forsetzungen abzielt und auf ein kommendes Duell zwischen Graves und Gillick hindeutet, verstärkte den sich zuvor einstellenden, geflissentlich unbefriedigenden Eindruck nochmals.
„Sicario: Day Of The Soldado“ lässt es – dafür verantwortlich ist vor allem die Ermangelung eines Charakters wie Kate Macer – merklich an Involvierung und Emotionalität mangeln und schiebt seinen Betrachter sukzessive aus dem Zentrum des Geschehens zurück an den Rand. Am Ende steht ein singulär betrachtet gewiss ordentlicher Genrefilm, dem es durch äußere Härte und treffliches pacing stets gelingt, das Interesse für sich lebendig zu halten. Als spezifische Fortschreibung seines Vorgängers indes lässt er einen eher gedämpft zurück.

7/10