THE WILBY CONSPIRACY

„In a police state, the police are always busy.“

The Wilby Conspiracy (Die Wilby Verschwörung) ~ UK 1975
Directed By: Ralph
Nelson

Eine Flasche Champagner steht bereits kühl- der südafrikanischen Anwältin Rina van Niekirk (Prunella Gee) ist es gelungen, den Bantu-Freiheitsaktivisten Shack Twala (Sidney Poitier) aus der politischen Haft auf Robben Island herauszuboxen. Gemeinsam mit Rinas englischem Galan Jim Keough (Michael Caine) macht man sich schon zum Feiern bereit, als die Drei in eine Polizei-Straßensperre geraten. Die rassistischen Beamten verwickeln das Trio in einen Konflikt, so dass Keough und Twala zur Flucht gezwungen sind. Twala überredet den Briten, mit ihm nach Johannesburg zu fahren, wo Anil Mukerjee (Saeed Jaffrey), ein Sympathisant der Anti-Apartheids-Bewegung, im indischen Viertel lebt. Mukerjee wiederum weiß um das Versteck einiger Diamanten, die Twala dem Untergrundführer Wilby Xaba (Joe de Graft) zukommen lassen will. Was keiner der Beteiligten ahnt: Der ketterauchende Major Horn (Nicol Williamson) verfolgt sie auf Schritt und Tritt und ist über sämtliche ihrer Vorhaben bestens informiert.

Eine Art durch den Wolf gedrehte Variante von Kramers „The Defiant Ones“, in der abermals Sidney Poitier, diesmal in Handschellen, dazu gezwungen ist, gemeinsam mit einem verständnislosen, ihm nur wenig wohlgesonnenen Weißen durch eine von ehernem Rassismus geprägte Welt zu fliehen. Ralph Nelson, der hier bereits zum dritten (und letzten) Mal mit Poitier zusammenarbeitete, machte das Sujet allerdings behende zu seinem eigenen: Die Transponierung des Doppel-Flucht-Plots auf das südafrikanische Apartheidsregime gerinnt hier relativ zügig zu einem frühen, schwarz-/weißen buddy movie mitsamt einigen komisch angelegten Nebenanekdötchen und beeinflusst zudem von amerikanischer Blaxploitation. Natürlich muss Caines Charakter Keogh stellvertretend für das mutmaßliche Gros des Publikums eine ideologische Wandlung durchleben – als politisch unbedarfter Ingenieur auf Montage nimmt er, typisch westeuropäisch, lediglich die exotische, äußere Schönheit der Region wahr, die so hübsch ausgestellte, wirtschaftlich florierende Fassade der weißen Minoritätenregierung. Was es indes bedeutet, hier als person of colour zu leben, lernt er in letzter Konsequenz erst ganz zum Schluss, als ihm klar wird, mit welch konsequenter Perfidie das Regime seinen Status quo präserviert. Keoghs Wandlung zum Aktivisten vollendet sich mit der eiskalt vorgenommenen Exekution des den Polizeistaat repräsentierenden Offiziers Horn – ein beeindruckendes und nachhallendes Finale dieses zwischenzeitlich immer wieder so merkwürdig unangebracht leichtherzig wirkenden Films. Blitzlichtartige Assoziationen zu „Soldier Blue“ brechen sich da kurz Bahn, in dem Nelson ja bereits zeigte, dass bestimmte Topoi ihre genuin notwendige Wirkmacht ausschließlich unter Befleißigung einer ausgesuchten Gnadenlosigkeit entfalten können.
Kleine filmhistorische Randnotiz: Sieben Jahre vor Bruce Malmuths „Nighthawks“ waren hier erstmals Rutger Hauer und die schöne indische Aktrice Persis Khambatta gemeinsam in einem Film zu sehen, jedoch ohne gemeinsame Szene und beide in seltsamen supporting parts als jeweils abtrünnige EhepartnerInnen.

7/10

NUEVO ORDEN

Zitat entfällt.

Nuevo Orden (New Order – Die neue Weltordnung) ~ MEX/F 2020
Directed By: Michel Franco

Just am Tage von Mariannes (Naian González Norvind) glamourös arrangierter Hochzeit probt das mexikanische Prekariat den landesweiten Aufstand: Schwer bewwaffnet und mit grüner Sprühfarbe ausgestattet greifen die Millionen von indigenen Armen die schwerreiche, vornehmlich europäischstämmige Oberschicht an, plündern und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Das Militär nutzt derweil die Unruhen, um im Hintergrund kurzerhand eine Diktatur zu installieren, zu mordet und zu kidnappen. Ausgerechnet Mariannes soziales Gewissen wird ihr zum Verhängnis: Um der schwerkranken Frau (Analy Castro) ihres früheren Hausangestellten Rolando (Eligio Meléndez) eine lebensnotwendige Herzoperation zu ermöglichen, verlässt sie das Haus und gerät über Umwege in die Fänge der Junta. Mariannes mittlerweile in trügerischer Sicherheit befindliche, ahnungslose Familie erhält eine erpresserische Nachricht, zieht jedoch die völlig falschen Schlüsse…

Michel Francos dystopisches Drama rührte sein globales, vor allem jedoch das mexikanische Publikum in mannigfaltiger Weise an, wobei die ungerührt-trockene, teils dokumentarisch anmutende Inszenierung nicht selten für Verwirrung sorgte: Francos oberflächlich anmutender Verzicht auf jedweden politischen Kommentar riss diverse ZuschauerInnen dazu hin, „Nuevo Orden“ als neoliberales, rassistisches Manifest zu erachten, als warnenden Weckruf für die hellhäutigen Reichen, auf der Hut zu sein vor all dem, was im Lande außerhalb ihrer elitären alltäglichen Wahrnehmung so an Gefährdendem vor sich hin brodelt. Natürlich zielt eine derart plumpe Lesart im weiten Bogen an Francos tatsächlicher Agenda vorbei. Gewiss, sein von betonter narrativer Nüchternheit geprägter, bewusst spannungsarmer und dadurch doch nur umso realitätsnäherer Albtraum birgt tendenziöse Strickmuster, diese sind jedoch nicht mehr oder weniger als die unumwundene Spiegelung der realen Zustände. Der Mexiko prägende gesellschaftliche Separatismus indiziert einen immens fragilen sozialen Makrokosmos – eine „Mittelschicht“ ist dort noch weniger vorhanden als etwa in den Staaten der EU, Arm und Reich bilden klar voneinander abgegrenzte Fronten, die sich zudem durch ihre jeweilige ethnische Basis kennzeichnen. Hinzu kommen die organisierte Kriminalität mitsamt ihren filigran errichteten Hierarchien und ihrer immensen Gewaltbereitschaft sowie korrupte Staatsgewalten. Das von rund 130 Millionen Menschen bewohnte Land entspricht einem potenziellen Pulverfass und Michel Franco zeigt mittels knapper Erzählzeit lediglich eine mögliche Explosionsoption auf. Moralinsäure oder gar den erhobenen Zeigefinger erspart er sich dabei entgegen allen anderslautenden Unkenrufen; die in „Nuevo Orden“ geschilderten Ereignisse stehen vielmehr da als die grausigen, aber logischen Kausalauswüchse sich sukzessive selbst abschaffender sozialer Gerechtigkeit.

8/10

THE MAURITANIAN

„Either wear the Jersey or get off the field.“

The Mauritanian (Der Mauretanier) ~ UK/USA 2021
Directed By: Kevin Macdonald

Nach den 9/11-Anschlägen fordert der von Bush Jr. und Rumsfeld deklarierte Krieg gegen den Terror Angeklagte, Schuldige und notfalls auch Sündenböcke. Als einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Katastrophe wird der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) im November 2001 in seiner Heimat festgenommen und in das Militärgefängnis Guantánamo verschleppt. Etwas über drei Jahre später wird die Staranwältin und Menschenrechtsaktivistin Nancy Hollander (Jodie Foster) auf Slahis Fall aufmerksam und reist nach Kuba, um sich seines Zustandes zu versichern und Slahi anzubieten, ihn vor Gericht zu vertreten. Parallel dazu wird der eherne Marine Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) mit Slahis formeller Anklage betraut und sieht seine Aufgabe zunächst voller Elan entgegen. Doch sowohl Hollander als auch Couch erhalten keine Einsicht in die offiziellen Verhörprotokolle Slahis, der zu diesem Zeitpunkt längst ein Geständnis bezüglich seiner Mitwirkung bei den Anschlägen unterschrieben hat. Verteidigerin und Ankläger stoßen gleichermaßen auf eine Mauer des Schweigens und der Geheimhaltung; Zensur, geschwärzte Berichte und fehlende Freigaben erschweren ihre Vorbereitung auf den Fall immens. Schließlich erfahrend beide den Grund: Slahis Geständnis wurde durch gezielte Folter und Bedrohung erzwungen, eine offizielle Begründung für seine Inhaftierung gab es nie. Im Frühjahr 2010 wird Slahi in erster Instanz freigesprochen, doh es dauert noch sechs weitere Jahre, bis er aus der Gefangenschaft entlassen wird.

Kevin Macdonalds sechster Spielfilm nach einer immerhin siebenjährigen Pause basiert auf Mohamedou Ould Slahis niedergeschriebenen Memoiren „Guantánamo Diary“, die sich mit seiner rund vierzehn Jahre währenden Gefangenschaft auf dem kubanischen Marine-Stützpunkt befassen. Möglicherweise ist „The Mauritanian“ Macdonalds beste, fesselndste Arbeit bislang, seine Dokumentationen nicht berücksichtigend. Gewiss – ein Stoff wie dieser ist a priori von gewaltiger Prestigeträchtigtkeit und bereits rein prinzipiell ein Gewinner und Publikumsliebling. Umso wichtiger jedoch ist es andererseits, Klischees und überborderndes Pathos zu umschiffen und ein fiktionalisierte Version der Ereignisse auch langfristig valide dastehen zu lassen. Genau das gelingt Macdonald jedoch; „The Mauritanian“ besitzt zum einen alle wichtigen Charakteristika eines guten Politthrillers und macht die Geschichte Slahis als Repräsentation für die in Guantánamo unter der Protegierung der US-Regierung, der CIA und des Militärs durchgeführten Praktiken umso ergreifender. Macdonald offenbart sich hier als legitimer Erbe großer Ahnherren wie Constantin Costa-Gavras, Alan J. Pakula oder Oliver Stone und deren entsprechenden Werken, die es allesamt zu ihrer Zeit vortrefflich verstanden, im Namen angeblich freiheitlich konnotierter Staatsräson ungeheuerliche Vorgänge in Form fesselnder Spielfilme aufleben zu lassen. Der dräuenden Frage danach, ob ein dramaturgisch aufbereiteter, kommerzorientierter und mit Stars aufbereiteter Abriss in jener medialen Form, der sich ferner stets von der unter Umständen tendenziösen Signatur seiner AutorInnen gebeugt wähnen muss, überhaupt einen sittlichen oder gar moralischen Wert bekleidet, muss sich ein jedes Kunstprodukt berechtigterweise immer wieder aufs Neue stellen. Andererseits darf der didaktische Impact all jener oftmals hervorragenden Filme nicht unterschätzt werden, sind sie doch stets dazu angetan, Geschichts- und Nachrichten- und Informationsmuffel wenngleich auf unterhaltsame Weise mit der Nase voran auf Sujets zu stoßen, die sie andernfalls möglicherweise nie erreicht hätten und sei es auch nur, um ein vages Interesse anzustoßen, das gegebenenfalls in weitere, intensive Beschäftigung mündet. „The Mauritanian“, der am Ende seinen authentischen Titelhelden zeigt, frohgemut, lachend, gelöst und bar allen doch so verständlichen Verdrusses, gehört genau in diese Phalanx. Wenn es sein Glaube ist, der diesen um etliche Jahre seines Lebens betrogenen Mann so ungebrochen zuversichtlich erscheinen lässt, dann, in schā‘ Allāh, kann nicht alles daran falsch sein. Und aufrichtige, pointierte Kritik an der fetten, alten Sau Amerika und ihren Tausenden von Ferkeln ist ja schon im Grundsatz eh immer zu begrüßen.

9/10

THE NOVEMBER MAN

„Information is useless. We collect people.“

The November Man ~ USA/UK 2014
Directed By: Roger Donaldson

Fünf Jahre nach seiner offiziellen Pensionierung lässt sich der Ex-CIA-Agent Peter Deveraux (Pierce Brosnan) von einem alten Vorgesetzten Henley (Bill Smitrovich) für eine weitere Mission reaktivieren: Er soll seiner alten Bekannten Natalia Ulanova (Mediha Musliovic), die hochbrisante Informationen über den kommenden russischen Präsidenten Federov (Lazar Ristovski) besitzt, helfen, aus Moskau heraus und über die russische Grenze zu gelangen. Deveraux willigt ein, doch bereits vor Ort wird Natalia erschossen – ausagerechnet von Deveraux‘ früherem Auszubildenden David Mason (Luke Bracey). Deveraux kann jedoch noch rechtzeitig Natalias Handy sichern und stößt auf die Spur eines Mädchens namens Mira Filipova, das vor Jahren in engerem Kontakt zu Federov gestanden haben soll und um einige von dessen Geheimnissen weiß. In Belgrad trifft Deveraux auf die Flüchtlingshelferin Alice Fournier (Olga Kurylenko), die Mira vor Jahren zu einem Neuanfang verholfen hat, jedoch nicht um ihren Aufenthaltsort weiß. Gemeinsam begeben die beiden sich auf die Suche nach der verschwundenen Mira und müssen gleichzeitig vor CIA und FSB fliehen.

Mit „The November Man“ erhielt Pierce Brosnan die offensichtlich dankbar angenommene Option, seiner zwölf Jahre zuvor beendeten Bond-Karriere nochmal ein weiteres Agentenabenteuer nachsetzen zu können. Dass seine zweite Zusammenarbeit mit Roger Donaldson sich dabei wesentlich druckvoller und spannender ausnimmt als jeder von Brosnans immerhin vier Bond-Filmen, gerät dabei zum überaus angenehmen Nebeneffekt. Nun ist zwar auch „The November Man“ nicht eben das, was man als realitätsverhafteten Spionage-Thriller bezeichnen mag, – immerhin kreuzt er seinen wild fabulierenden, wiederum mit dem camp liebäugelnden Plot kurzerhand mit realen Begebenheiten (dem zweiten Tschetschenien-Krieg) -, gibt Brosnan dafür jedoch die Gelegenheit, einen deutlich kantigeren Spitzel abzugeben als ihm das seine stets ölig konnotierte Interpretation des vielbedienten Briten gestattete. Peter Deveraux arbeitet nämlich nicht für Ihre Majestät, sondern für die CIA und fällt damit schonmal in eine gänzlich andere Kategorie seiner Proefession, die in diesem Fall nichts mit Eleganz, Luxus und Martini-Lakonie zu tun hat, sondern mit dem schmutzigen Geschäft direkter politischer Einflussnahme der selbsternannten Weltpolizei. Deveraux ist bzw. war zwar ein Spitzenmann seines Fachs, diese Qualität äußerte sich jedoch darin, dass er sich besonders effektiv zeigte im Töten, Übervorteilen und Verraten, allesamt Aktivitäten, die nunmehr gegen ihn selbst eingesetzt werden, da er, wie sich herausstellen wird, unwissend als Lockvogel missbraucht und ausgerechnet von seinem eigenen ehemaligen Mündel (von dessen Übernahme Deveraux nach dem Tod eines kleinen Jungen einst abgeraten hatte) aufs Korn genommen wird. Gewissermaßen greift Donaldson damit auch die Antagonistenkonstellation von „The Recruit“ wieder auf, unter veränderten und weiterentwickelten Vorzeichen zwar, aber dennoch von diversen Beziehungsanalogien flankiert.
Rein auf seinen Plot bezogen ist „The November Man“ dabei weit weniger interessant denn in der Zeichnung und Konfrontation einerseits seiner Figuren und andererseits des internationalen Spionagegeschäfts. Agenten, Militärs und andere Regierungsfunktionäre kommen, ein festes Markenzeichen von Donaldson Œuvre bereits seit „Marie“ von 1985, bei ihm nie gut weg mit ihrer moralischen Verkommenheit, Korrumpierbarkeit und ihren Ränkespielchen, die stets und ausschließlich die persönliche Hybris sowie ein pervertiertes Machtideal befüttern.
„The November Man“ greift diese kleine Tradition wiederum auf und manifestiert sie zugleich; bisher letztmalig, da Donaldson seither leider keinen weiteren Spielfilm (sein letztes Engagement bildet eine Dokumentation über den Rennstallgründer Bruce McLaren von 2017) mehr betreute. Immerhin listet die imdb zwei derzeit in der Entwicklung befindliche Projekte.

7/10

THE BANK JOB

„This robbery’s pissed off some local villains.“

The Bank Job ~ UK/USA/AUS 2008
Directed By: Roger Donaldson

London, 1971. Der MI5 findet heraus, dass der militante, selbsternannte Londoner Black-Power-Führer Michael X (Peter De Jersey) kompromittierende Fotos eines Mitglieds des Königshauses besitzt und damit nach Belieben sämtliche staatlichen Autoritäten erpressen kann. Man findet heraus, dass jene Bilder in einem Tresorschließfach der Bank Lloyd’s lagern. Um ihrer auf inoffiziellem Wege habhaft zu werden, beschließt man, über komplizierte Wege ein paar Kleinganoven zu einem Einbruch anzustiften und die Fotos dann später zu sichern. Der „Bank Job“ geht über die kleinkriminelle Martine Love (Safron Burrows) an den hochverschuldeten Luxuswagenverkäufer Terry Leather (Jason Statham), der mit vier weiteren Beteiligten den Bruch plant und trotz einiger Faux-pas erfolgreich durchführt. Von den belastenden Aufnahmen ahnen Terry und seine Männer im Gegensatz zu Martine zunächst nichts, ebensowenig davon, dass sich neben Geld und Schmuck nunmehr noch ganz andere, höchst brisante Objekte in ihrem Besitz befinden…

Um den Baker Street Robbery am 11. September 1971, dessen Täter nie gefasst wurden und dessen Beute größenteils unentdeckt blieb, ranken sich, ähnlich wie um Jack The Ripper, einige bunte Verschwörungstheorien, die Mitglieder der allerhöchsten britischen Kreise beinhalten. Eine recht populäre davon behandelt dieser von Roger Donaldson, der sich im Falle seiner period pieces ja stets authentisch verwurzelter Sujets annimmt, wie üblich brillant inszenierte Heist-Thriller. Darin wird die – durchaus sympathische – Einbrecherclique von niemand Geringerem als dem Geheimdienst MI5, respektive dessen Aktivposten Tim Everett (Richard Lintern) auf das schmutzige Geschäft angesetzt, was die Beteiligten erst nach dem eigentlichen, auf verblüffende Weise gelungenen Bruch in die Bredouille versetzt. In den ausgeraubten Schließfächern befinden sich neben den heiklen X-Fotos, die Prinzessin Margaret beim flotten Dreier zeigen, nämlich unter anderem noch ein Notizbuch des Sohoer Pornokönigs Lew Vogel (David Suchet), in dem minutiös sämtliche seiner Schmierungen von Londoner Polizisten aufgeführt sind, sowie ein Fotographie-Portfolio der Puffmutter Sonia Bern (Sharon Maugham), das diverse Unter- und Oberhausmitglieder in ziemlich prekären Situationen dokumentiert. Mit seiner reichhaltigen Beute wird das Sextett zunächst also alles andere als glücklich; vor allem Vogel und einige seiner Mittelsleute bei der Polizei gehen alles andere als zimperlich vor, um ihren Besitz zurückzuerlangen.
Einige historische Fakten werden noch mitverwurstet, so die Flucht des zeitweiligen John-Lennon-Protegés Michael X nach Tobago, der, nachdem er die Freundin (Hattie Morahan) seines Adlatus Hakim Jamal (Colin Salmon) ermoden lässt aufgrund des Verdachts, sie sei eine Spionin (wiederum eine fiktionalisierte Facette des Filmscripts), gefasst und später in Port of Spain hingerichtet wurde. Was nun wahr ist und was Erfindung, scheint in Anbetracht des lustvoll ausgebreiteten Ränke-Tableaus, das „The Bank Job“ durchaus vortrefflich arrangiert, geradezu nebensächlich. Die Verwicklungen von Staatsräson, illegalen Aktionen, Unterwelt und Korruption, an deren losen Enden sich ausgerechnet die Einbrecherbande noch als die Unschuldigsten aller Beteiligten erweist, geben ein sehr schickes, oftmals bitterbös karikierendes Empire-Bild ab. Dass ein paar Details verbesserungswürdig bleiben, verleidet Donaldsons sechzehnter Regiearbeit allerdings das letzte i-Tüpfelchen: So sehen sowohl Statham mit seinem üblichen Dreitagebart als auch Safron Burrows kein bisschen aus wie zwei Londoner zu Beginn der siebziger Jahre, sondern wie zwei modelhafte Schauspieler von 2008, die in einem period piece auftreten. Ähnliches gilt für den Score (J. Peter Robinson), der, im Gegensatz zu den Songeinspielern, leider ebenfalls keierlei periodische Anbindung aufweist. Derlei Nachlässigkeiten führen leider dazu, dass man allenthalben aus der Illusion des Zeitkolorits herausgerissen wird, was in Anbetracht der sonstigen Qualitäten von „The Bank Job“ zwar verschmerzbar ist, aber dennoch unnötig gewesen wäre. Ich habe mich während des Films häufiger gefragt, wie wohl Guy Ritchie, für den der Stoff sich ja eigentlich geradezu prototypisch ausnimmt, das Ganze dirigiert hätte. No pun intended.
Sein übliches Happy End jedenfalls gönnt Donaldson entgegen allen Wahrscheinlichkeiten wiederum auch Terry Leather und seiner Familie. So schließt sich dann auch dieser Kreis.

8/10

THE RECRUIT

„Nothing is what it seems.“

The Recruit (Der Einsatz) ~ USA/CH 2003
Directed By: Roger Donaldson

Den junge Computer-Spezialisten James Douglas Clayton (Colin Farrell) treibt wenig um, mit Ausnahme des ungeklärten Todes seines Vaters vor dreizehn Jahren. Ansonsten lebt er in den Tag hinein und jobbt als Kellner, bis ihm eines Tages der mystrerlöse Walter Burke (Al Pacino) aus heiterem Himmel das Angebot unterbreitet, sich der CIA als Auszubildender anzufangen. Burke ködert den zunächst uninteressierten James mit der Eröffnung, dass möglicherweise auch sein Vater einst als Agent bei der Erfüllung seiner Dienstpflicht gestorben sei und diesbezügliche Geheiminformationen existierten. Also heuert James bei der „Firma“ an und wird gemeinsam mit seinen neuen Mit-Azubis auf die „Farm“ geschickt, eine Ausbildungsstätte für vielversprechenden Spionage-Nachwuchs unweit von Langley. Hier wird James, der sich rasch in seine Kommilitonin Layla (Bridget Moynahan) verguckt, von Burke an seine physischen und psychischen Obergrenzen getrieben, bevor dieser ihn offiziell aus dem Trainingsprogramm ausscheiden lässt und ihn statddessen als „NOC“, als verdeckt arbeitenden Sonderermittler, ins Feld schickt: Layla, so Burke, arbeite in Wahrheit für die Gegenseite und habe den Auftrag, ein Computervirus namens „ICE-9“ aus dem Hauptquartier zu stehlen…

„The Recruit“ erweist sich unversehens als eine relativ sichere Kiste für alle Beteiligten. Es gibt einen ordentlichen Thriller-Plot mit allerlei inhaltlichen Unwägbarkeiten und Twists, die der Zuschauer an der Seite des unsicheren Protagonisten James Clayton zu durchlaufen hat, diverse Inneneinblicke in die Ausbildungspraktiken und Arbeitsweise der nicht eben sympathisch dargestellten CIA, eine hübsche Romanze mitsamt einem intrigengespickten Katz-und-Maus-Spielchen, drei erstklassige HauptdarstellerInnen, und mit Donaldson einen Regisseur, der das Ganze so routiniert wie formal geschlossen in Szene setzt. Gewiss kommt man nicht umhin, das Ganze unter Voraussetzung entsprechender Kenntnis als eine irdische(re) Variation von Taylor Hackfords „The Devil’s Advocate“ wahrzunehmen, der Einfachheit halber wiederum mit Pacino als böser Spinne im Netz, die sich die Instabilität eines aufstrebenden Jünglings zunutze macht. Nun ist Pacino in diesem Fall bloß kein Höllenfürst, sondern ein ausgebrannter, abgelegter Scheinheld früherer Tage, bei dem sich, wie die Conclusio erweisen wird, infolge schlechter Bezahlung und ausbleibender Belobigung ein gewaltiger Frustrationsstau angesammelt hat und der sich deswegen vom Feind kaufen ließ. Sein als von ihm als Marionette herangezogenes Mündel erweist sich am Ende dann aber doch als allzu tefflicher Schüler und somit cleverer denn der falsche Mentor, woraufhin Pacino einen ähnlichen furiosen Abgang wie einst Tony Montana hinlegt. Im Alter, das muss man trotz der natürlich gewohnt exzellenten Leistung des großen Schauspielers sagen, ist auch ein Pacino nurmehr ein Opfer des type casting, was es ihm möglicherweise erleichtert, den traurigen Zynismus seiner Figur Walter Burke geradezu plastisch spürbar zu machen. „The Recruit“ ist auch ein Herbst-/Winter-Film; eine permanente Wolkendecke hängt grau und bleiern über Virginia und damit gleichermaßen den Machtzentren des Landes, was die Photographie (Stuart Dryburgh) zu monochromen, tristen Bildern hinreißt, die die von Misstrauen und Identitätssuche geprägte Atmosphäre des Ganzen nurmehr forciert. Dass am Ende dann doch noch aufrichtige Liebe und damit einhergehend der Keim eines stabilen Neuanfangs über das hinterhältige Ränkespiel der falschen Vaterfigur triumphieren, wirkt dann allerdings ein wenig zugestanden. Ein konsequent fataler Ausgang hätte da möglicherweise für mehr Nachhall gesorgt, aber die richtig große Packung Tristesse mutet Donaldson seinem Publikum ja eigentlich ohnehin nie zu.

7/10

THIRTEEN DAYS

„They fire their missiles… and we fire ours.“

Thirteen Days ~ USA 2000
Directed By: Roger Donaldson

Am 16. Oktober 1962 erhält Präsident Kennedy (Bruce Greenwood) die Nachricht, dass ein U-2-Aufklärer zwei Tage zuvor Fotos von einem trapezförmigen Areal auf Kuba geschossen hat, auf dem die Sowjets eindeutig beim Bau von Abschussrampen für Mittelstreckenraketen zu sehen sind. Der eilends einberufene Beratungsstab ExComm wägt zwischen mehreren probaten Gegenmaßnahmen ab, darunter eine Seeblockade und die – sehr viel brisantere – Invasion auf der Karbikinsel. Einig ist man sich darüber, dass die (wenngleich heimlich stattfindende) Installierung von Nuklearwaffen so unmittelbar vor der „Haustür“ eine nicht hinnehmbare Provokation darstelle. Während Militär-Hardliner wie der Air-Force-General LeMay (Kevin Conway) einen kombattanten Konflikt für unausweichlich halten, ist Kennedy, unter permanentem Dialog mit seinen beiden gleichgesonnenen Intimi – Bruder Robert (Steven Culp) und seinem persönlichen Berater Kenny O’Donnell (Kevin Costner) -, fest davon überzeugt, dass jeder diplomatisch unsensibel getätigte Schritt direkt in den Dritten Weltkrieg münden könne und schöpft sämtliche Mittel aus, Chruschtschow zum Abbau und Abtransport der Missiles zu nötigen. Nichtsdestotrotz demonstrieren die Streitkräfte ohne Genehmigung Kennedys während der nächsten Tage immer wieder ihre Muskelkraft in Form von Raketentests. Am 27. Oktober stellt die US-Regierung Präsident Chruschtschow schließlich ein letztes Ultimatum zum Abzug aus Kuba – mit inoffiziellen Zugeständnissen an die Sowjets. Andernfalls würde binnen 24 Stunden mit der Invasion begonnen.

…that shook the world.
Mit „Thirteen Days“, seiner nervenzerrenden Chronik der Kuba-Krise im Oktober 1962, hat Roger Donaldson möglicherweise seine reifste und beste Arbeit vorgelegt. Wie die allermeisten fiktionalisierten Abrisse historischer Begebenheiten verzichtet gewiss auch dieser Film nicht auf Akzentuierungen, Dreingaben und Spannungsdramaturgie, wahrt jedoch im Großen und Ganzen eine erschütternde Authentizität. Jene dreizehn Herbsttage zwischen dem 14. und 28. Oktober 1962 positionierten die Welt im Verlauf des Kalten Krieges so dicht vor einer nuklearen Auseinandersetzung der Supermächte wie kein anderes Ereignis zwischen der Einrichtung des Viermächtestatus in Berlin und der Entspannungsphase zu Beginn der neunziger Jahre, zumindest im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung. Noch am Abend des 27.10. musste die Welt wörtlich darum bangen, dass nicht wenige Wochen, Tage oder nur Stunden später der Großteil des Globus mit Atompilzen bedeckt sein würde.
Um der naturgemäß relativ komplexen Chronologie der auch den innerpolitischen Konflikt schürenden Ereignisse zwischen Diplomatie und militärischer Kriegstreiberei eine emotionale greifbare Infusion zu legen, wählt der Film Kennedys engsten Berater Kenny O’Donnell – nicht von ungefähr gespielt von Kevin Costner (der mit dem realen Vorbild anders als die meisten anderen Darsteller keinerlei physiognomische Ähnlichkeit besitzt) in dessen zweiter Kollaboration mit Donaldson nach dem zwölf Jahre zuvor entstandenen „No Way Out“ – als zuverlässiges Rezipientenmedium. Dadurch, dass O’Donnell, selbst treusorgender Ehemann und Vater mehrerer Kinder, sich einerseits praktisch rund um die Uhr an der Seite des Präsidenten aufhält, andererseits aber weder ein repräsentatives politisches oder militärisches Amt innehat, noch zu irgendwelchen Befugnissen berechtigt ist, vertritt er die Perspektive des außenstehenden Beobachters überaus publikumsgerecht. O’Donnell ist, anders als etwa der kritisch beäugte Diplomat Adlai Stevenson (Michael Fairman), nicht das, was man einen „appeaser“ nennen würde (selbst die Kennedys John und Robert gebrauchten diesen Terminus seit der krassen politischen Fehleinschätzung ihres Vaters Joseph von Hitlers Vorkriegspolitik nurmehr recht verächtlich), dennoch teilt er die ganz alltäglichen Besorgnisse der allermeisten Menschen und würde seine Kinder gern aufwachsen sehen. So orientiert sich die Schilderung der sich zuspitzenden Ereignisse direkt an O’Donnells Wahrnehmung. Als intimer Adlatus und Freund der Kennedys setzt er zunächst ganz auf die liberal-demokratische Gesinnung der Staatsspitze und bleibt vergleichsweise gelassen; die immer wieder gen Kuba startenden U-2-Piloten bittet er telefonisch stets um Zurückhaltung betreffs ihrer nachfolgenden Rapporte und zieht auch sonst, wie JFK selbst, mancherlei hochfragile Strippe im Hintergrund, die den Hardlinern um LeMay durchaus eine unverzügliche Apologie zum Losschlagen lieferten. Als sich die diplomatischen Mittel zu jedoch erschöpfen beginnen und das politstrategische Spiel wirklich ernst zu werden droht, verliert auch dieser besonnene Mann die Fassung und steht kurz vor der völligen Verzweiflung: Wenn am kommenden Morgen des 28. die Sonne aufginge, so versichert er seiner Frau Helen (Lucinda Jenney) vorm Zubettgehen, habe die Welt es erstmal geschafft. Beim nächsten Frühstück erkennen seine Kinder ihren Vater kaum wieder – die Demut nach dem buchstäblichen Tanz auf der Rasierklinge steht ihm noch tief ins erblichene Gesicht geschrieben. Insbesondere diese dichotomischen Momente sind es, die „Thirteen Days“ neben seiner minutiösen Wiedergabe des politischen Geschehens Empathie und Annäherung gewährleisten.
Trotz lediglich zweier „Action-„Sequenzen, die jeweils um Aufklärungsflüge kreisen und deren letzterer katastrophal endet, zählt „Thirteen Days“ für mich zum spannendsten, was ich an diesbezüglicher Filmkunst kenne; Donaldson bewerkstelligt es, dass man trotz des bewussten Ausgangs der rund zweiwöchigen Geschehnisse unentwegt mitfiebert und sich selbst am Rande des Untergangs wähnt. Ein viel größeres Kompliment kann man einem historisch weitestgehend akkuraten Film wie diesem, seiner kleinen Lässlichkeiten zum Trotz, vermutlich kaum machen.

9/10

NICK OF TIME

„It’s loaded. It’s ready for the hunt. So are we.“

Nick Of Time (Gegen die Zeit) ~ USA 1995
Directed By: John Badham

Der alleinerziehende Buchalter Gene Watson (Johnny Depp) fährt mit seiner kleinen Tochter Lynn (Courtney Chase) in die L.A. Union Station ein. Kaum aus dem Zug gestiegen, werden die beiden von zwei mysteriösen Fremden, einem Mr. Smith (Christopher Walken) und einer Ms. Jones (Roma Maffia), abgepasst und zu deren Wagen gelotst. Ihre folgende Ansage ist kurz und bündig: Watson soll binnen der kommenden eineinviertel Stunden die Gouverneurin Eleanor Grant (Marsha Mason) erschießen, die sich mit ihrer gesamten Entourage gerade für eine Wahlkampfveranstaltung im Bonaventure Hotel befindet. Weigert er sich, muss Lynn sterben. Mit einer Waffe und einem Spenderausweis ausgestattet, wird der völlig überrumpelte Gene vor dem Hotel abgesetzt. Jeder Versuch, sich Hilfe zu verschaffen, endet für ihn zunächst in einem Fiasko – es stellt sich nämlich zunehmend heraus, dass selbst engste Vertraute von Governor Grant in das Mordkomplott verwickelt sind. Die Zeit wird derweil immer knapper…

„Nick Of Time“ firmiert rückblickend eher als kleine Fingerübung im Œuvre John Badhams und hat durch die Jahre vergleichsweise wenige Spuren hinterlassen. Als filmische Versuchsanordnung in Sachen Suspense, die sich offenkundig typische Noir- und Hitchcock-Topoi zum Vorbild nimmt, vermag der sich betont launig gebende Thriller tatsächlich auch nur in Teilen zu überzeugen. Das Script beschäftigt sich vorrangig mit der Verdichtung der Narration sowie deren Konzentration auf die Ort-/Zeit-Einheit und genehmigt sich dafür im Gegenzug immer wieder kleine, nebensächliche Schlampereien, die ein etwas präziser zu Werke gehender Autor möglicherweise umschifft oder zumindest eleganter aufgelöst hätte.
Die traditionsreiche Prämisse um den eher biederen, leicht gestressten, sich jedoch in weitgehender existenzieller Sicherheit wähnenden Bourgeois, der aus heiterem Himmel in eine kriminelle Affäre hineingerissen wird, sich innerhalb der veränderten Gegebenheiten zurechtfinden lernen muss, um dann am Ende über sein vormaliges bürgerliches Ich hinauszuwachsen, funktioniert indes auch in der vorliegenden Reprise noch recht gut. Deren, wohlbewusster, besonderer Reiz rekurriert primär aus der zu Beginn sehr rasch in Stellung gebrachten Antagonistenkonstellation Depp – Walken, beide just im Karrierehoch, die ihr Katz-und-Maus-Spiel mit geradezu diebischem Vergnügen ausagiert. Die zwei exzentrischen Herren scheinen mit ihrem jeweils ostentativen Habitus geradezu füreinander geboren, was die gemeinsamen Szenen zu kleinen Höhepunkten im sich ansonsten teils verlierenden Geschehen werden lässt.
Die Crux von „Nick Of Time“ besteht vor allem darin, dass sein vermeintlich so ausgeklügelter Plot förmlich dazu einlädt, nach möglichen Logiklöchern zu fanden und dass Badham ferner zu oberflächlich arbeitet, um diese mit seiner routinierten, nur wenige Glanzlichter setzenden Inszenierung stopfen zu können. Man sollte insofern bereit sein, neben der sich ohnehin günstig auswirkenden Sympathie für Regisseur und Hauptdarsteller viel Nachsehen und zugedrückte Hühneraugen mitzubringen – in diesem Falle lässt sich „Nick Of Time“ auch noch das eine oder andere abgewinnen.

7/10

J’ACCUSE

Zitat entfällt.

J’Accuse (Intrige) ~ F/I 2019
Directed By: Roman Polanski

Frankreich, 1894. Der jüdischstämmige Hauptmann Albert Dreyfus (Louis Garrel) wird unehrenhaft aus der Armee entlassen und zu einer lebenslangen Exilstrafe auf der Teufelsinsel verurteilt, weil er für die Deutschen spioniert haben soll. Fast zeitgleich findet sich der Offizier Picquart (Jean Dujardin) zum Leiter der militärischen Spionageabwehr befördert. Nach und nach wird der durchaus systemtreue Picquart sich nicht nur der extrem dünkelhaften Arbeitsmethoden des „deuxième bureau“ und seiner Mitarbeiter bewusst, sondern auch der Tatsache, dass Dreyfus zum unschuldigen Opfer eines Komplotts geworden ist. Als Picquart beginnt, in der Sache Nachforschungen anzustellen und den Fall wieder aufrollen zu wollen, schmiedet man auf höchster Ebene und trotz prominenter liberaler Unterstützung auch gegen ihn finstere Ränke.

Mit der Lässigkeit des Altmeisters, der weder sich noch der Welt irgendetwas zu beweisen hat, adaptiert Polanski in seinem 22. Spielfilm den sich mit der authentischen Dreyfus-Affäre befassenden Historienroman von Robert Harris. „J’Accuse“, der ein ebenso eminentes wie bewegendes Thema aufgreift, nämlich den bereits zum fin de siècle eklatant überbordernden Antisemitismus in Europa, scheint Polanski so leicht und behende von der Hand gegangen zu sein wie eine Fingerübung. Nach seinen drei letzten, weniger allgemeintaugliche Sujets verhandelnden Arbeiten, wirkt sein jüngstes Werk so straight, geradeheraus und luzid wie zuletzt vielleicht noch die brillante Dickens-Verfilmung „Oliver Twist“ – für die beiden sich unweigerlich ergänzenden Geschichten um den entehrten Mustersoldaten Dreyfus und seinen „Erlöser“ Picquart wählt Polanski weder Schnörkel noch formale Spielereien, sondern berichtet stattdessen mit der Engelsgeduld des engagierten Chronisten. Gewiss interessiert ihn nicht zuletzt die Ursachenforschung nach der brutalen Schassung Dreyfus‘, die eben zu gewichtigen Anteilen auch auf antisemitische Motive zurückzuführen ist, er hebt sie jedoch nie in den Vordergrund. Vielmehr verweigert sich Polanski der Verlockung zur Spekulation, nimmt eher die Warte des sich zur nüchterner Sachlichkeit verpflichtenden Gerichtsprotokollanten ein und liefert einen wohltemperierten, nichtsdestotrotz von gebührlicher Spannung getragenen Abriss der historischen Tatsachen.
Dass Polanski dabei abermals großes Erzählkino und noch dazu seinen besten Film seit vierzehn Jahren abliefert, ist erfreulich. Dass weiterhin mit ihm, zeitlebens einer meiner Lieblingsregisseure, zu rechnen ist, finde ich aber noch sehr viel erfreulicher.

9/10

THE CONSTANT GARDENER

„That’s the way it is here.“

The Constant Gardener (Der ewige Gärtner) ~ UK/D/KE/F/CH/USA 2005
Directed By: Fernando Meirelles

Was genau seine noch nicht lang mit ihm verheiratete Gattin, die Aktivistin Tessa (Rachel Weisz), in ihrer Freizeit eigentlich treibt, weiß der in Nairobi tätige, englische Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes) gar nicht so genau und er lässt sie machen. Er kümmert sich stattdessen lieber um seinen geliebten Garten. Der Aufenthalt des Paars in Kenia gestaltet sich weitgehend standeskonform; man verkehrt vornehmlich mit der weißen Elite oder den wenigen farbigen Kenianern, denen Bildung und Karriere vergönnt ist. Tessa verbringt viel Zeit mit dem belgischen Arzt Dr. Bluhm (Hubert Koundé), man munkelt bereits von einer Liebschaft. Nach einer gemeinsamen Reise der beiden in den Norden wird Tessas Leiche am Lake Turkana gefunden, Bluhm ist verschwunden. Quayle begreift erst jetzt, wie wenig er eigentlich wirklich über Tessa wusste und beginnt, Nachforschungen auf eigene Faust anzustellen. Mit seiner unliebsamen Neugier stößt er bald auf eine Mauer des Widerstands, die sich aus Pharmaverbänden, Lobbyisten und Korruption zusammensetzt und ihn selbst in höchste Lebensgefahr bringt.

Wenn das erstweltliche Kino sich diskursiv mit drittweltlichen Missständen auseinandersetzt, regt sich zurecht bei vielen Filmfreunden offenes Unwohlsein. Ich sehe das anders, da ich der Meinung bin, dass damit Wahrnehmungspforten aufgestoßen werden, die ansonsten möglicherweise verschlossen blieben. Die Tatsache, dass Afrika, von seinen zahllosen innerpolitischen Problemen abgesehen, noch immer unter den Folgen kolonialistischer Ausbeutung zu leiden hat und nach wie vor einen liebsamen Spielball verbrecherischer, kommerzieller Erwägungen großkapitalistischer Konzerne darstellt, kann insofern gar nicht oft genug ins mitteleuropäische Bewusstsein gehievt werden.
John le Carré, der eigener Aussage zufolge eine Verfilmung seiner Romane ehedem dezidiert erwünscht und später zumindest stets fest eingeplant hat, lieferte die Vorlage zu „The Constant Gardener“; der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles machte dann unter der Ägide des Mike-Leigh-Hausproduzenten Simon Channing Williams vier Jahre später daraus seinen fesselnden Einstieg in die anglophone Filmindustrie. Große Namen also, veredelt noch zusätzlich durch eine entsprechende Schauspielphalanx.
„The Constant Gardener“ vermengt formvollendetes, klassisches Politthrillerambiente mit einer ebenso unkitschigen wie traurigen Liebesgeschichte, deren ganzes Ausmaß und bittere Tragik sich dem Zuschauer peu à peu in Rückblenden erschließt.
Nach dem noch recht unverbindlichen Anfang beginnen wir, gemeinsam mit dem eingangs gefassten Protagonisten Justin Quayle, einem durchweg braven und integren, aber auch naiven Vorzeigediplomaten, sowohl die aktivistischen Umtriebe seiner ermordeten Frau als auch seine aufrichtige, doch sehr viel tiefer verwurzelte Liebe zu ihr zu entdecken. Beide Bohrungen, die in der internationalen Verstrickung aus Politik und Pharmakonsortien, als auch die im eigenen Herzen führen jeweils in tödliche Sackgassen. Nicht, dass le Carré oder Meirelles, die ein brillantes Kombinat aus inhaltlicher Relevanz und exzellenter Regie vollziehen, uns am Ende mit völlig leeren Händen dastehen ließen; der unabwendbare Skandal wird pothume Kreise ziehen.
Für Tessa und Justin jedoch gibt es nurmehr das Wiedersehen im Jenseitigen – am anderen Ufer des karg umfelsten Turkanasees gewissermaßen.

8/10