L’ATTENTAT

Zitat entfällt.

L’Attentat (Das Attentat) ~ F/I/BRD 1972
Directed By: Yves Boisset

Der Pariser Journalist und Autor François Darien (Jean-Louis Trintignant) gilt in linksliberalen Kreisen als Salonkommunist – bei Bedarf stets mit einem flotten Kommentar zur Stelle, fühlt er sich im bourgeoisen Milieu dann doch am heimischsten. Da Darien gute Kontakte zu dem sozialistischen, nordafrikanischen Oppositionspolitiker Sadiel (Gian Maria Volonté) pflegt, missbraucht man ihn für ein komplex eingefädeltes Komplott: Darien wird zunächst bei einer Demonstration verhaftet, damit der zwielichtige Anwalt Lempereur (Michel Bouquet) Kontakt zu ihm aufnehmen kann. Dieser offeriert Darien dann die „Idee“, ein linkes TV-Format für einen Privatsender moderieren zu können. Im Zuge von dessen Vorbereitung soll Darien Sadiel aus dessen Genfer Exil nach Paris locken. Dort wartet bereits Sadiels ärgster Widersacher, der Diktator Kassar (Michel Piccoli), der Sadiel kidnappen lässt und ihn vor die Wahl stellt, entweder als Erfüllungsgehilfe für Kassar aufzutreten oder das Zeitliche segnen zu müssen. Bald durchschaut Darien die Verschwörung und begibt sich auf die Suche nach Sadiel.

Mit „L’Attentat“ hängte sich Yves Boisset recht erfolgreich an das damals durch Costa-Gavras in Umlauf gebrachte Politthriller- und Verschwörungsgenre, wobei er die wütende Leidenschaft, mit der der Meister die skrupellosen Methoden faschistischer und totalitär geprägter Drahtziehereien in aller Welt anzuprangern pflegte, zumindest in affektiver Hinsicht nicht nachvollzog. Wie Costa-Gavras‘ bis dato entstandenen Werke zum Thema liegt allerdings auch „L’Attentat“ ein authentischer Fall zugrunde, dessen umfassende Verwurzelung nie gänzlich aufgeklärt werden konnte: 1965 wurde der wegen eines in Marokko gegen ihn ausgesprochenen Todesurteils aufgrund von „Landesverrat“ im Exil lebende, marokkanische Linkspolitiker Ben Barka in Paris entführt und verschwand daraufhin spurlos. Barkas Ermordung zog einen langwierigen Gerichtsprozess nach sich, der unter anderem die Verwicklung des ehemaligen marokkanischen Innenminister Oufkir sowie Mitglieder des französischen Geheimdienstes und hochrangiger Mitglieder der Polizei offenlegte. Offiziell nicht bewiesenen, aber höchst wahrscheinlichen Spekulationen zufolge waren auch Mossad, CIA und deutscher Nachrichtendienst in Barkas Kidnapping verwickelt.
Wie gemeinhin üblich wurden für „L’Attentat“ Namen geändert und einzelne Abläufe modifiziert, ohne jedoch die realen Ereignisse je unkenntlich werden zu lassen. Boisset stand, auch das nicht zuletzt durch Costa-Gavras diesbezügliche Vorarbeit gewissermaßen obligatorisch, eine internationale Starbesetzung zur Verfügung, die dem Film bis heute einen zusätzlichen Glanz sichert. Dennoch muss man Boissets Inszenierung eine unübersehbare Umständlichkeit im Hinblick auf ihre Dramaturgie bescheinigen; dass der Plot sich etwa allzu stark auf den unentschlossenen Charakter des  François Darien fokussiert und dessen innere Konflikte oftmals nur sehr mühselig reflektiert, anstatt die Organisation von Dariens Liquidation etwas minutiöser herauszuarbeiten. Hier vermisst man wiederum die beinahe dokumentarisch geprägte Faktenaufarbeitung, die etwa „Z“ oder „État de Siège“ schlussendlich erst so ausgezeichnet und formvollendet macht. Dennoch hält sich „L’Attentat“ als ein gutes Beispiel für funktionales Politkino linker Prägung.

8/10

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DENIAL

„The coward threatens only where he is safe.“

Denial (Verleugnung) ~ UK/USA 2016
Directed By: Mick Jackson

Atlanta, 1996. Die Professorin und Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) sieht sich unversehens einer Verleumdungsklage des britischen Historikers David Irving (Timothy Spall) gegenüber. Dieser verbittet sich die immer wieder von Lipstadt, darunter auch in ihrem Buch „Denying the Holocaust“, bemühte Titulierung des „Holocaustleugners“ unter der gleichsamen These, dass der Holocaust ohnehin historisch fragwürdig sei. Der Fall wird vor einem Londoner Gericht verhandelt, womit zugleich einhergeht, dass Lipstadt und ihre Rechtsbeistände der Beweislast unterliegen, sprich: juristisch einwandfrei nachzuweisen haben, dass rund sechs Millionen Juden im Auftrag der Naziführung ermordet wurden. Eine vorbereitende Reise nach Auschwitz dient der prophylaktischen Untermauerung der späteren Beweisführung. Während des bald anberaumten Verfahrens sieht sich Lipstadt zusehends enerviert von der stoisch-britischen Gelassenheit, mit der dem schwierigen Sujet begegnet wird, zumal ihr Hauptanwalt Rampton (Tom Wilkinson) sich gegen die von ihr vorgeschlagene Strategie verwehrt, überlebende Zeitzeugen vorzuladen.

Mick Jacksons auf authentischen Begebenheiten beruhendes Courtroom-Drama wählt zur dramaturgischen Aufbereitung seines Stoffes exakt dasselbe spekulationsentledigte, unaufgeregte Vorgehen der in ihm agierenden Justiziare: wo andere Filmemacher womöglich die Gehelegenheit genutzt hätten, das Grauen der Shoah aufs Neue mit den bekannten Bildern und Filmaufnahmen zu visualisieren, nimmt „Denial“ als revisionistischen Weg den strikt forensischen. Das immerwährende Problem mit der historischen Forschung betreffs des Holocaust liegt ja bekanntermaßen darin, dass nahezu der gesamte Protokoll- und Schriftverkehr, der diesbezüglich eindeutig belegbare, konkrete Beweise und nicht allein reine Indizien vorlegen könnte, vernichtet wurde. Vor allem professionelle Holocaustleugner berufen sich unter damit einhergehender Faktenverdrehung immer wieder auf diese Tatsache und nutzen sie, um einerseits zu bestreiten, dass es im Dritten Reich einen systematischen, gar bürokratisch organisierten Genozid gegeben habe und andererseits, um ihre perfiden Verschwörungstheorien zionistischer Propaganda zu untermauern. Zu ihnen gehört auch David Irving, der bis heute als einer der prominentesten, mittlerweile mehrfach juristisch belangten Vertreter der Holocaustleugnung gilt.
Insofern bildete im Lipstadt/Irving-Prozess die Verhandlung angesichts des Grauens grotesk anmutender Details wie etwa die Fragen nach dem Standort und der Architektur der Gaskammern die Grundlage einer rechtlich stichhaltigen, fundierten Beweisführung. Was Deborah Lipstadt im Film ungeheuerlich vorkommt, stimmt auch den Zuschauer befremdend – nicht allein die bloße Tatsache, dass es über fünfzig Jahre nach der Shoah noch immer Menschen gibt, die deren Existenz abstreiten, sondern auch das Selbstverständnis, mit denen sie zu ihren Überzeugungen stehen, macht sprachlos.
Insofern gebührt vor allem Timothy Spall ein besonderes Lob für seine Interpretation David Irvings; es gelingt ihm, diesem merkwürdigen Menschen zu gleichen Zügen eine Aura bemitleidenswerter Verstörtheit als auch eine nicht minder wichtige Mehrdimensionalität zu verleihen. Möchte man seinem Irving einerseits pausenlos ins Gesicht spucken (genau das geschieht ihm am Tage der Urteilsverkündung dann auch), neigt man andererseits zu einem Hauch des Bedauerns, als sein Konkurrent Rampton sich weigert, ihm nach gewonnenem Prozess die Hand zu reichen und ihn beinahe angeekelt ignoriert. Nein, wer einen polemischen Film erwartet, der muss sich anderswo umschauen.

8/10

HOMICIDE

„Spare me the fuckin‘ FBI.“

Homicide ~ USA 1991
Directed By: David Mamet

Während Detective Bobby Gold (Joe Mantegna) und sein Partner Tim Sullivan (William H. Macy) damit befasst sind, den flüchtigen Dealer und Polizistenmörder Robert Randolph (Ving Rhames) zu schnappen, gerät Gold durch puren Zufall mitten in einen anderen Fall: Die Ermordung einer alten, jüdischen Kioskbesitzerin in ihrem Lädchen mitten in einem Schwarzenghetto. Als erster Ermittlungsbeamter vor Ort muss Gold den Fall übernehmen, obgleich er Randolph dicht auf der Spur ist. Die wohlhabende und einflussreiche Familie der Toten ist derweil froh, dass sich mit Gold ausgerechnet ein jüdischer Polizist der Sache annimmt, obwohl dieser weder jemals viel auf seine Ethnie gegeben hat, noch ein gesteigertes Interesse an dem Fall hat. Dennoch entwickelt Gold, konfrontiert mit seinem Gewissen, einen unverhältnismäßigen Ehrgeiz, Licht in die Umstände um den sich immer verworrener gestaltenden Mord an der alten Dame zu bringen. Dabei findet er unter anderem Unerwartetes über deren Vergangenheit heraus und stößt auf eine zionistische Geheimorganisation, mit der er zu sympathisieren beginnt. Sullivan benötigt derweil dringend Golds Hilfe bei der ergreifung Randolphs.

David Mamet, jüdischstämmiger Theaterautor, kritischer Essayist und Filmemacher, ist unter amerikanischern Kritikern schon seit Jahrzehnten ein everybody’s darling, dessen unablässiges Schaffen dann auch eher vom Feuilleton denn von größeren Publikumsschichten registriert wird. „Homicide“ brachte ihm auch international einiges an Renommee ein.
Als amerikanischer Polizeifilm gestaltet sich Mamets dritte Regiearbeit zunächst eher ungewöhnlich. Es geht trotz gelegentlicher Avancen in die entsprechenden Richtungen, nicht um die üblichen Topoi des Genres. Weder die Aufklärung eines Verbrechens, noch das allgehgenwärtige Virus der Korruption, noch aktionsbetonte Jagd- und Fluchtszenarien bestimmen das Bild von „Homicide“. Stattdessen entpuppt er sich als eine Auseinandersetzung mit dem Identitätsstand jüdischer Amerikaner der Gegenwart und als psychologisches Profil eines Mannes, der während seiner biografischen Halbzeit urplötzliuch lernen muss, eine sehr viel diffizilere Sicht auf die Dinge zu entwickeln als bislang gewohnt. Mamet ist dabei geschickt genug, den Betrachter parallel zu seinem flächigen, eher europäisch geprägten Narrativ stets auf dem Kenntnis- und Perzeptionsstand seines Protagonisten Bobby Gold zu halten. Wobei dieser sich zumindest nach gängigen oder auch gewohnheitsmäßigen Schemata als Identifikationsfigur kaum anbietet. Gold ist nicht sonderlich intelligent, alles andere als ein Superbulle (einmal entreißt ihm ein Amokläufer auf dem Revier seine Waffe und bedroht ihn damit) ein Opportunist, Schaumschläger und dabei offenbar ziemlich einsam. Sein Partner Sullivan ist zugleich bester Freund und Familie für ihn, zumindest, bis ihn die bis dato nie gekannte Loyalität zu seinem „Volk“ übermannt und in Beschlag nimmt. Als sich schließlich in mehrerlei Hinsicht bitter erweisende Lektion über genau diese obsolet praktizierte, ethnische Abschottung und die Unbeirrbarkeit eines diffusen,  Herkunftsbegriffs, entwickelt „Homicide“ dann auch eine wesentlich stärkere Sogkraft denn als das, was man als einen „handelsüblichen“ Polizeifilm bezeichnen möchte. Erst das Ende, das die Selbsthinterfragung Golds auf höchst prekäre Weise entmystifiziert und ihn endgültig orientierungslos und (mitmaßlich) gebrochen zurücklässt, verleiht Mamets Film eine Kraft und Nachhaltigkeit, die ich mir stellenweise schon vorher gewünscht hätte. So allerdings – will sagen, in der mir etwas unausgewogen scheinenden Gestalt, die der Film besitzt – kann ich den Enthusiasmus mancher Chronisten, deren teils überschwängliche Einschätzung von „Homicide“ ich unterdessen gelesen habe, nicht hundertprozentig teilen.

7/10

LUCKY LUCIANO

Zitat entfällt.

Lucky Luciano ~ I/USA/F 1973
Directed By: Francesco Rosi

Am 10. Januar 1946 muss der berüchtigte Gangsterboss Charles „Lucky“ Luciano (Gian Maria Volontè) die USA per Schiff Richtung Italien verlassen. Seine hohe Haftstrafe war zuvor unter der Bedingung verkürzt worden, dass Luciano sich zur Emigration bereit erklärt. Sein Einflussbereich bleibt nichtsdestrotz ungebrochen. Luciano hält Kontakt zu den New Yorker Familien und organisiert von Europa aus bald riesige Heroin-Lieferungen in die USA. Seine Widersacher von der US-Regierung, Commissioner Harry Anslinger (Edmond O’Brien) und Charles Siragusa (Charles Siragusa) können ihn trotz eifrigster Bemühungen nicht dingfest machen. Potenzielle Verräter und / oder Kronzeugen wie seinen Freund Eugenio „Gene“ Giannini (Rod Steiger) lässt Luciano über Umwege ermorden. Zwischenzeitliche Anklagen durch die Behörden verlaufen im Sande und Luciano stirbt schließlich in Freiheit mit 64 Jahren an einem Herzinfarkt.

Weniger ein ordinäres Biopic als vielmehr eine sich sehr sorgfältig ausnehmende Observierung der Funktionsweisen der großen amerikanischen Gangstersyndikate – exakt das also, was man in Anbetracht der Themenwahl von Francesco Rosi zu erwarten hat. Multiple Facetten bieten sich schwerpunktmäßig an, wenn es an einen Film über Lucky Luciano geht: Den ausgesprochenen, widersprüchlichen Kult um seine Person etwa; seine Verbindungen zu den vielen anderen Gangstergrößen seiner Ära, sein ausschweifendes Privatleben zum Beispiel. Rosi jedoch gewichtet anders: Ihn interessieren die Verstrickungen zwischen organisiertem Verbrechen und Regierungen. Die These etwa, dass immens wichtige strategische Militäraktionen während des Zweiten Weltkriegs wie die Landung der Alliierten auf Sizilien ohne die Hilfe der Cosa Nostra nicht möglich gewesen sei, stützt auch Rosi. Dem US-Offizier, Charles Poletti (Vincent Gardenia), Chef der Militärverwaltung in Neapel etwa, unterstellt er enge Kontakte zu Luciano, mit deren Hilfe erst ein erfolgreiches Engagement in der Region abgesichert werden konnte. Ansonsten mäandert „Lucky Luciano“ sich etwas unleidenschaftlich durch seine Spielzeit. Der ansonsten großartige Gian Maria Volontè spielt den gewaltigen Egomanen bewusst eher zurückhaltend und als zusehends verletzlichen Zweifler, was sicherlich ein interessanter Ansatz, dem Spannungsaufbau des Films jedoch kaum dienlich ist. Rod Steiger als leidlich asozialer Ganove, der seinen Freund Luciano an Charles Siragusa verschacherte, um seine eigene Haft in einem neapolitanischen Gefängnis zu verkürzen, erscheint mir da in diesem speziellen Falle doch als der deutlich nachhaltiger agierende Mann.

7/10

SNOWDEN

„Terrorism is just an excuse.“

Snowden ~ USA/D/F 2016
Directed By: Oliver Stone

Nachdem Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) im Sommer 2013 die USA endgültig verlassen hat, trifft er sich in Hong Kong mit der Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) und dem Journalisten Glenn Greenwald (Zachary Quinto), um ihnen zu eröffnen und zu beweisen, was er während seiner vormaligen Tätigkeit für die amerikanischen Geheimdienste in Erfahrung gebracht hat: NSA und CIA befleißigen global operierende Abhörprogramme, mittels derer sämtliche mediale Kommunikationswege ausgekundschaftet und die gewonnen Daten auf Vorrat gespeichert werden. Ob es sich dabei um tatsächlich verdächtige Staatsfeinde oder Kriminelle handelt, ist sekundär; prinzipiell wird jeder Bürger der freien Welt zunehmend gläsern. Sowohl private als auch berufliche Erlebnisse bringen Snowden dazu, sein Wissen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Damit macht er sich selbst zum gesuchten Spion, der seither gezwungen ist, im russischen Exil zu leben.

Die Geschichtes des nunmehr knapp 34-jährigen whistleblowers Edward Snowden ist ja wie gemacht für einen stoneschen Filmstoff; gäbe es das reale Vorbild und seine Tätigkeit nicht, Oliver Stone hätte es sich quasi ausdenken müssen. Die nach wie vor akute Brisanz und Aktualität des Falles machte sich bereits in der Vorproduktionsphase des Films bemerkbar – Stone fand bei den großen US-Studios niemanden, der bereit gewesen wäre, sein Projekt zu finanzieren, geschweige denn anderweitig zu unterstützen. Geldgeber fand er letzten Endes in Europa, unter anderem in Deutschland. Der finanzielle Flop von „Snowden“ an den Kinokassen ist insofern mehr denn bedauerlich, da es dem ehrgeizigen und immens wichtigen Werk unbedingt vergönnt gewesen wäre, wesentlich größere Popularitätskreise zu ziehen. Unabhängig von Snowdens ungeheuerlichen Aufdeckungen interessiert sich Stone, der sein Handwerk bekanntermaßen virtuos beherrscht, auch für den privaten Werdegang und die Persönlichkeit seines Titelhelden, was dem Film ein sich als unerlässlich erweisendes, emotionales Gewicht verleiht: Snowden ist weder strahlender Ritter, noch unkomplizierter Heros. Zunächst wähnt er sich als unbedingter, naiver Patriot, der seinem Land gern als Soldat diente, wegen seiner schwachen physischen Konstitution jedoch darauf verzichten muss. Die nächste Station ist dann die des IT-Experten im Staatsdienst, eine Position, in der er sich als hervorragend erweist. Umso rasanter sein Aufstieg innerhalb der Geheimdienst-Hierarchie und der Umfang seines Zugriffs auf vertrauliche Daten. Momente erschütternder Erkenntnisse folgen; das Vertrauen in Staatsräson und -führung schmilzt dahin; die Arbeit für die NSA wird zum psychisch fordernden Spießrutenlauf. Snowden leidet bald unter stressbedingten, epilleptischen Anfällen und ist auch sonst körperlich stark angegriffen. Die Beziehung zu seiner geliebten Lebensgefährtin Lindsay Mills (Shailene Woodley), die er wegen seiner Angst um ihre Sicherheit nicht in seine Geheimnisse einweiht, zeigt sich zunehmend bedroht. Stone gelingt es, die Ängste, Zweifel und Zwiespalte, denen Snowden sich mehr und mehr ausgesetzt sieht, ebenso nachvollziehbar und transparent zu machen wie sein erschüttertes Ethos, das sich schließlich in der Flucht nach vorn entlädt. Ebenso gerät „Snowden“ durch die nachgerade sympathischen Darstellungen von Poitras und Greenwald zum Hohelied auf eine freie, unabhängige Berichterstattung als Gegengewicht zur Regierungswahrheit. Und bezeichne sie sich auch als noch so „demokratisch“. Prädikat: unerlässlich.

9/10

 

IO HO PAURA

Zitat entfällt.

Io Ho Paura (Ich habe Angst) ~ I 1977
Directed By: Damiano Damiani

Ludovico Graziano (Gian Maria Volontè) ist als Brigadiere der römischen Polizei tätig und als solcher zuständig für den Personenschutz von Justizbeamten, die sich von politischen Extremisten wie etwa den Roten Brigaden bedroht sehen. Als er gemeinsam mit dem einsamen, linientreuen Richter Cancedda (Erland Josephson) einer obskuren Spur um einen ermordeten Wachmann nachgeht, hinter der sich wesentlich Brisanteres verbirgt als es zunächst den Anschein hat, stößt Graziano in ein Wespennest aus Verschwörung und Korruption.

Großes Politkino von Damiano Damiani und nach seinem eher mediokren „Nessuno“-Nachzügler „Un Genio, Due Compari, Un Pollo“ ganz klar ein Schritt zurück zu alter Großform. Neben dem kostbaren, zeitverbundenen Element der Paranoia vor Linksterrorismus und der systemischen Durchsetzung von Sympathisanten und Verschwörern ist im Falle „Io Ho Paura“, dessen Titel in gleich mehrfacher Varianz wahrlich Bände spricht, vor allem die psychologische Vivisektion des Protagonisten von einiger Brillanz: Volontè präsentiert die Kehrseite der in diesen Jahren vom Genrekino stilisierten Superhelden-Cops, die jeder noch so brenzligen Bedrohung von Leib und Leben eher lustvoll denn tapfer entgentraten und die bösen Jungs mit polierten Knöcheln und gezückten Kanonen reihenweise in Kranken- und Leichenhäuser beförderten. Ludovico Graziano indes ist ein Mensch wie jeder andere, zwar mit einer besonderen Beobachtungsgabe gesegnet, aber doch eher kleinlaut, wenn er gewahr wird, dass er möglicherweise übers Ziel hinaus geschossen ist. Genau dies widerfährt ihm, als er versehentlich einer extremistischen Vereinigung in die Quere kommt. Da Graziano nach der Ermordung des Richters Cancedda niemanden mehr hat, dem er sich anzuvertrauen wüsste und proportional zu der verstreichenden Zeit und den eigenartigen Ereignissen um ihn herum auch seine Angst wächst, bald selbst aus dem Weg geräumt zu werden, greift er zu ungewohnten Mitteln. Ob deren Befleißigung ihn allerdings mittelfristig retten wird…?
„Io Ho Paura“ ist einer von Damianis hervorstechendsten und zugleich involvierendsten Filmen, ein zutiefst bedrückendes Meisterwerk um Isolation und universellen Vertrauensverlust.

9/10

HANNA K.

„Could all three of you get out here, please?“

Hanna K. ~ F/ISR 1983
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Als remigrierte, US-stämmige Jüdin hat die mäßig erfolgreiche Anwältin Hanna Kaufman (Jill Clayburgh) sich ihre romantische Perspektive auf den Staat Israel und seine Hauptstadt Jerusalem bislang bewahren können. Hanna hat mit Victor Bonnet (Jean Yanne) einen nichtjüdischen, intellektuellen und liberalen Ehemann in Paris und pflegt vor Ort eine Affäre mit dem Staatsanwalt Joshua Herzog (Gabriel Byrne), von dem sie ein Baby erwartet. Mit dem Tage, an dem sie den Palästinenser Selim Bakri (Mohammad Bakri) vor Gericht wegen des Verdachts auf Terrorismus pflichtverteidigt, ändert sich ihr vormals einfaches Leben. Bakri wird zunächst nach Jordanien abgeschoben, taucht jedoch einige Wochen später erneut in Israel auf. Ein Hinweis seinerseits an Hanna, das Dorf Kufr Rumaneh ausfindig zu machen, führt sie in die Provinz nach Kfar Rimon, einem teils von Neusiedlern bevölkerten Ort, der auf den Ruinen eines alten palästinensischen Dorfe erbaut wurde, von dem nurmehr Restspuren vorhanden sind. Hanna findet heraus, dass hier Bakris familiäre Wurzeln liegen und er nunmehr staatenlos ist. Bakri, der diesmal inhaftiert wird, tritt in Hungerstreik und wird daraufhin in Hannas Obhut übergeben. Jetzt steht sie zwischen drei Männern mit jeweils völlig unterschiedlichen Perspektiven.

In den Achtzigern zeigte Costa-Gavras sich zumindest in formaler Hinsicht als es wesentlich ruhiger angehen lassender, wenngleich nach wie vor strikt politischer Filmemacher, der sich mit „Hanna K.“ des heiße Eisens des Nahost-Konflikts annahm. Auch hier schwamm er gegen den allgemeinen Strom und wagte es als erster Spielfilm-Regisseur, die palästinensische und somit anti-israelische und gleichermaßen anti-amerikanische Sichtweise zu repräsentieren. Erwartungsgemäß formulierte er das Thema nicht zum plumpen Propagandapamphlet für schicke Hochrufe skandierende Palituch-Träger, sondern bemühte sich um ein differenziertes Bild, für dass er das Zentrum einer nicht nur politisch, sondern zugleich emotional zerrissenen Frau wählte. Aus der Dreiecksgeschichte wird so zusehends eine Vierecksgeschichte, die am Ende keinen befriedigenden Abschluss gewährleistet und Hanna allein und im Angesicht schwer bewaffneter Soldaten zurücklässt. Wen sollte sie wählen? Ihren deutlich älteren, eher väterlich-freundschaftlichen Ehemann mit der bequemen Sicht des westlichen Bildungsbürgers? Den leidenschaftlichen Zionisten und Vater ihres Sohnes oder doch den unter seiner ruhigen Oberfläche wütend brodelnden Entrechteten? Ebenso wie Hanna verzichtet am Ende auch Costa-Gavras auf ein eindeutiges Statement, wobei er wenig Zweifel daran lässt, dass die Zwei-Staaten-Lösung ihm am Wohlsten behagte. Der Regisseur lässt sich durch die Figur von Jean Yanne repräsentieren, des außenstehenden Linken, der am Ende zwar eine Meinung präferieren, sich jedoch stets auf das sichere Pflaster seiner Herkunft stützen kann. Diese Regisseur und Film inhärente Klugheit macht „Hanna K.“ noch immer zu einem der ausgeglichensten Meditationen zum Topos.

8/10