SICARIO: DAY OF THE SOLDADO

„What do you need?“ – „Everything.“

Sicario: Day Of The Soldado (Sicario 2) ~ USA/I 2018
Directed By: Stefano Sollima

Als sich infolge eines Bombenattentats in Kansas City bei den US-Behörden der Eindruck einstellt, die mexikanischen Drogenkartelle schmuggelten gegen kräftiges Entgelt neuerdings auch ISIS-Terroristen über die Grenze, erhält CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) den Auftrag, sämtliche, auch unautorisierte, Mittel gegen die Kokain-Mafia zum Einsatz zu bringen. Gravers rasch entwickelte Strategie sieht vor, zwischen dem mächtigen Unterweltboss Carlos Reyes und seiner schärfsten Konkurrenz, dem Matamoros-Kartell, einen Krieg zu entfesseln. Dafür benötigt Graver den früheren Anwalt und jetzigen Profikiller Alejandro Gillick (Bencio Del Toro), der wie gewohnt gnadenlos vorgeht. Als sich jedoch herausstellt, dass der Verdacht der CIA hinsichtlich des Terroristen-Traffickings als unzutreffend erweist, soll Graver sämtliche Verbindungen zu der bereits laufenden Aktion kappen. Dazu gehört auch, Gillick, der just versucht, gemeinsam mit Reyes‘ gekidnappter Tochter Isabel (Isabela Moner) über die US-Grenze zu gelangen, fallen zu lassen…

In seiner Funktion als Fortsetzung des meisterhaften Originals, das mir einer der liebsten Filme des Jahrzehnts ist, enttäuscht „Sicario: Day Of The Saldo“ auf ganzer Linie, was die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Denis Villeneuve und Autor Taylor Sheridan im Nachhinein ein wenig wie einen eher zufällig okkurierenden Glücksfall erscheinen lässt – denn weder Villeneuve noch Sheridan haben sich mit annähernd ähnlichem Ruhm bekleckert, was ihre jüngeren kreativen Ergüsse anbelangt. „Sicario“ bezog seine Faszination einerseits aus der Komplexität seiner Erzählung; der Zuschauer befand sich stets auf demselben Informationslevel wie seine Stellvertreterin Kate Macer (Emily Blunt), eine eher unbedarfte Regierungsangestellte, die nach und nach die zutiefst unmoralische, nur selten legale Vorgehensweise „eingeweihterer“ Kollegen im Krieg gegen die Grenzkartelle kennenlernen muss. Graves und Gillick sind darin in ihrer kalten Abgeklärtheit noch beinahe enigmatische Figuren, wobei besonders der sich der Rache für seine Familie verschriebene „Sicario“, der selbst nicht davor zurückschreckt, Kinder zu ermorden, einen nahezu dämonischen Eindruck hinterließ. In Kombination mit Villeneuves nahezu analytischer und zugleich hochästhetischer Bildsprache ergab dies das bekannte Meisterwerk. Auf das Sequel, wiederum von Sheridan gescriptet und von dem überaus vielversprechenden Sergio-Filius Stefano Sollima inszeniert, hatte ich mich dementsprechend überschwänglich gefreut. Am Ende wartete jedoch nicht wesentlich mehr auf mich denn ein gehobener, in Tom-Clancy-Manier entwickelter Grenzthriller, der die zwei Hauptcharaktere eher ausbremst, als ihre zuvor gegossenen Rohlinge weiter mit Blut zu befüllen. Gut, Graver ist immer noch ein zutiefst dedizierter Regierungswachhund in allen Gassen der Welt, der vor keinem Übel zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung von US-Interessen geht und auch Gillick bleibt (zunächst) der Knüppel-aus-dem-Sack. Warum es ihm allerdings plötzlich so wichtig ist, Isabel Reyes zu beschützen, muss einer beinahe hilflosen Formelhaftigkeit zugeschrieben werden, der Story über die Runden zu helfen. Das Ende des Films, das eindeutig auf weitere Forsetzungen abzielt und auf ein kommendes Duell zwischen Graves und Gillick hindeutet, verstärkte den sich zuvor einstellenden, geflissentlich unbefriedigenden Eindruck nochmals.
„Sicario: Day Of The Soldado“ lässt es – dafür verantwortlich ist vor allem die Ermangelung eines Charakters wie Kate Macer – merklich an Involvierung und Emotionalität mangeln und schiebt seinen Betrachter sukzessive aus dem Zentrum des Geschehens zurück an den Rand. Am Ende steht ein solitär betrachtet gewiss ordentlicher Genrefilm, dem es durch äußere Härte und treffliches pacing stets gelingt, das Interesse für sich lebendig zu halten. Als spezifische Fortschreibung seines Vorgängers indes lässt er einen eher gedämpft zurück.

7/10

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ENTEBBE

„I’m not a Nazi!“

Entebbe (7 Tage in Entebbe) ~ UK/USA 2018
Directed By: José Padilha

Am 27. Juni 1976 entführen zwei Mitglieder (Amir Khoury, Ala Dakka) der Palästinensischen Befreiungsorganisation PFLP mit Unterstützung der beiden deutschen Linksterroristen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike) eine Air-France-Linienmaschine, die, aus Tel Aviv kommend, nach einem Zwischenstopp in Athen in Paris landen soll. Die Hijacker leiten den Flug zunächst nach Bengasi und dann nach Uganda um, wo der berüchtigte Diktator Idi Amin (Nonso Anonzie) ihnen begrenztes Aufenthaltsrecht und Kooperation garantiert. Die Terroristen verlangen die Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen von der israelischen Regierung unter Ministerpräsident Rabin (Lior Ashkenazi). Als dieser von der Entführung erfährt, sieht er sich in einen verzweifelten Zwiespalt zwischen dem Staatsprinzip der Unerpressbarkeit und der Rettung der Geiseln gesetzt. Am Flughafen Entebbe beginnen derweil die Kidnapper, die israelischen von den nichtjüdischen Geiseln zu separieren und bedrohen diese mit dem Tode im Falle ausbleibender Regierungskooperation. Verteidigungsminister Peres (Eddie Marsan) setzt schließlich durch, das ein kurzerhand eingesetztes Kommando-Unternehmen die Gefangenen befreit.

Die Entführung des Airbus im Sommer 1976 und die anschließende Befreiung der Geiseln durch das israelische Militär wurde bereits mehrfach filmisch abgehandelt, zunächst praktisch in unmittelbarer Folge in Form der zwei konkurrierenden und jeweils starbesetzten TV-Produktionen „Raid On Entebbe“ und „Victory At Entebbe“, dann kurz darauf nochmal von Menahem Golan, der 1977 in „Mivtsa Yonatan“/“Operation Thunderbolt“ ein prononciert tendenziöses Bild der Ereignisse darlegte. Auch spätere Filme, die um Idi Amin oder die RAF kreisten, griffen das Thema immer mal wieder auf. Insofern stellt sich durchaus die grundsätzliche Frage nach der Notwendigkeit und der Berechtigung eines neuerlichen Aufrisses des Falls. José Padilha, dem man zunächst bescheinigen darf, einen handwerklich soliden Job vollbracht zu haben, konzentriert sein Narrativ auf die Perspektive beiden deutschen Mitentführer Böse und Kuhlmann, wobei insbesondere Letzterer in den bisherigen filmischen Annäherungsversuchen kaum bis gar kein Auftreten zugeteilt war. Brühl, der den Wilfried Böse spielt, steht derweil in hochkarätiger Tradition: Horst Buchholz, Helmut Berger und Klaus Kinski sind einige seiner Vorgänger. Ähnliches gilt für den Charakter des Idi Amin – der gefürchtete, narzisstische Despot, der sich einst höchstselbst dokumentarisch von Barbet Schroeder inszenieren ließ, bietet in all der albernen Lächerlichkeit, die sämtlichen grausamen Diktatoren neben ihrem menschenverachtenden Habitus immer a priori auch zu eigen war und ist, immer wieder eine dankbare Vorlage. In „Entebbe“ wird diese Aufgabe dem beeindruckend zuagierenden Nonso Anonzie übertragen, der im Zuge seiner wenigen Auftritte ein treffendes Bild zwischen Aufgesetztheit und Bedrohlichkeit liefert. Hervorhebenswert noch der Darsteller des Piloten, Denis Ménochet, der wie eine Mischung aus Lino Ventura und Jim Mitchum aussieht und der beinahe dafür geschaffen scheint, das Flair der damaligen Zeit zu präservieren.
Die immer wieder von Chronologiebrüchen und durch Rückblenden aufgespaltene Erzählung pendelt ansonsten zwischen sorgfältig und pflichtbewusst, gibt sich entsprechend detailversessen und bleibt, auch das zwangsläufig der Authentizitätspflicht geschuldet, weithin überraschungsarm. Welche Funktion allerdings Padilhas Parallelisierung der Begebenheiten in Entebbe mit Ausdruckstanzszenen erfüllen soll, in denen die Freundin (Zina Zinchenko) eines der an der Befreiungsaktion beteiligten Soldaten (Ben Schnetzer) sich um Kopf und Kragen choreographieren lässt (der Abspann greift dies nochmals auf), erschien mir zunächst mysteriös und, nach der Betrachtung, hoffnungslos prätentiös. Sah gewiss chic aus, wirkte jedoch schlussendlich leider bestenfalls sonderbar bis vollkommen redundant.

7/10

SEQUESTRO DI PERSONA

Zitat entfällt.

Sequestro Di Persona (Die Mafia-Story) ~ I 1968
Directed By: Gianfranco Mingozzi

Francesco Marras (Pierluigi Aprà), dessen Vater (Ennio Balbo) auf seiner Heimatinsel Sardinien große Ländereien besitzt, wird eines Tages im Beisein seiner Freundin Christina (Charlotte Rampling) von einer Gruppe Briganten entführt. Während Christina, die von außerhalb kommt und mit den Verhältnissen auf Sardinien nicht vertraut ist, sich an die Polizei wenden will, halten der alte Marras und Francescos bester Freund Gavino Surgiu (Franco Nero), ebenfalls Sohn eines Großgrundbesitzers, sie an, die Füße stillzuhalten. Dennoch reagiert sie überstürzt, natürlich, ohne ein entscheidendes Ergebnis zu erzielen. Bevor Marras das geforderte Lösegeld zahlen kann, stirbt Francesco schließlich bei einem Unfall. Für Gavino, der längst an einen mächtigen Drahtzieher im Hintergrund glaubt, gibt es nurmehr einen Weg, diesen zu entlarven – er muss sich selbst kidnappen lassen…

Ausnahmsweise nicht in Neapel oder Sizilien angesiedelt, wird in „Sequestro Di Persona“, einem recht früh entstandenen Vertreter des italienischen Politthrillers auch keine der gängigen Bezeichnung für die diversen Mafia-Clans erwähnt. Deren Arbeitsweise und das Machtgefüge mitsamt seiner wohlfeil orchestrierten Hierarchie jedoch verdeutlicht Mingozzis Film von der Pike auf. Als Marionettenspieler gibt sich relativ rasch der saubere Bankier Osilo (Frank Wolff) zu erkennen; ein ehrenwerter Herr, der sich weder durch seinen Habitus noch durch undurchdachte Bemerkungen verrät, obwohl jeder um seine Praktiken weiß. Osilo arbeitet mit den Briganten zusammen, die sich naiverweise wiederum selbst als Klassenkämpfer und moderen Robin Hoods wähnen: Während diese für ihren Auftraggeber, organisierte Verbrecher, die Drecksarbeit übernehmen, die Kidnapping-Aktionen durchführen, als Sündenböcke fungieren und anschließend einen Bruchteil der eigentlich überantworteten Werte erhalten (die eben wesentlich in den für Dumpingpreise an Osilo verschleuderten Ländereien bestehen), macht der feine Geschäftsmann, der das große Geschäft in der Tourismusbranche wittert, den wesentlichen Reibach. Allerdings geht „Sequestro Di Persona“, der noch ein wenig dem Duktus des Italowestern huldigt, die realistischere, resignante Perspektive der späteren, linken Systemkritiker von Damiano bis Rosi ab: Hier holen sich die Betrogenen und Geschändeten am Ende ihr Recht zurück, verbünden sich gegen den Feind und servieren diesen im Zuge einer ganz puristisch geplanten Lynchjustizaktion ab. Dass oder ob Osilo Teil einer weiterreichenden Befehlskette war, der Krieg also weitergehen wird, erfahren wir nicht mehr.
Charlotte Rampling, damals gerade süße 22 und schön wie der junge Morgen, hat derweil als unbedarfte Christina den Auftrag, gemeinsam mit uns, dem Publikum, als Außenstehende die regionalen Strukturen zu erforschen und zu begreifen, nebst der ernüchternden Erkenntnis, dass diese in ihrer archaischen Kausalität bereits seit Jahrhunderten Bestand und Wirksamkeit haben. Dass sie damit nicht besonders gut zurechtkommt, sei ihr zugestanden.

7/10

RED SPARROW

„You sent me to whore school!“

Red Sparrow ~ USA 2018
Directed By: Francis Lawrence

Die erfolgreiche Primaballerina Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) kann nach einem Unfall auf der Bühne nicht mehr tanzen. Um ihre kranke Mutter (Joely Richardson) weiter über die Runden bringen zu können, nimmt Dominka daher das Angebot ihres zwielichtigen Onkels Vanya (Matthias Schoenaerts) an, als Spionin zu arbeiten. Nach einem ersten Auftrag, der sie zugleich zur Mordzeugin macht, ist Dominika endgültig in Vanyas Hand. Sie wird ein „Red Sparrow“, eine Sonderagentin, deren Hauptaufgabenbereich in der Verführung und gezielten Verwirrung ihrer Opfer liegen. Zugleich wird der CIA-Mitarbeiter Nate Nash (Joel Edgerton) auf Dominika aufmerksam. Die beiden verlieben sich ineinander und Dominika versucht alles, Nate entgegen den Anweisungen ihrer Auftraggeber zu schonen, derweil ihr Hass auf Vanya immer größer wird.

Ich will es mal so sagen: Hätte Paul Verhoeven diesen Stoff inszeniert – und ich bin sicher, zumindest vor 15, 20 Jahren hätte es keinen treffenderen Regisseur gegeben – man hätte zur Feier des Tages noch ein paar Schamhaare obendrauf serviert bekommen. So bleibt ein aparter Wunschtraum davon, was der Niederländer mit diesem so nonchalant mit sex & crime hantierenden Spionagestoff, dessen Plot auf dem Mist des vormaligen CIA-Angestellten und heutigen Romanciers Jason Matthews gewachsen ist, angestellt hätte. Ich musste bei der Betrachtung von „Red Sparrow“ jedenfalls häufig an Verhoeven und seine früheren, lustvollen Attacken auf die Ästhetiktoleranz des Mainstream-Publikums denken. Potenzial dafür lässt Lawrences Film ja noch hinreichend durchscheinen, am Ende möchte er dann aber doch viel lieber ein klassisch konnotierter Spionage- und Romantikthriller mit viel „Ninotchka“ im Herzen sein, denn kerniger camp oder gar offensive Subversion, die ein NC-17-Rating riskiert. Das ist soweit ja auch in Ordnung, verlangt dann aber eben mancherlei Abzüge in der B-Note.
Zunächst einmal ist „Red Sparrow“ in Zeiten, in denen vermeintlich komplex aufbereitete Agentenfilme wieder an jeder Straßenecke stehen und seine in diesem Zusammenhang etwas schwächliche Geschichte unverschämt lang geraten. Nicht, dass er deswegen langweilig wäre, aber dreist nimmt seine gedehnte Narration sich doch aus. Dann wäre da die merkwürdige Geschichte mit der Sprache. Der Film lässt die Russen untereinander englisch mit russischem Akzent sprechen (bzw. analog dazu in der Synchronfassung deutsch mit russischem Akzent). Dass die Darsteller englisch statt russisch sprechen, ist ja nicht weiter wild und ohnehin gängige Praxis, aber wozu bitte den albernen Akzent? Dass die Grundzüge der Story zudem stark an Luc Bessons „La Femme Nikita“ gemahnen, lässt sich wiederum verschmerzen, vermiest „Red Sparrow“ aber auch den letzten Originalitätspreis. Jennifer Lawrence hat nach den „Hunger Games“-Filmen jedenfalls scheinbar ein neues Serien-Zuhause (in Romanform gibt es bereits zwei Fortsetzungen) gefunden, praktischerweise gleich mit demselben Regisseur von zuletzt im Schlepptau. Die Frau ist geschäftstüchtig, so viel ist sicher.

6/10

THE MIGHTY QUINN

„I put a curse on you!“ – „Believe me, I already got a curse on me.“

The Mighty Quinn (Big Bad Man) ~ USA 1989
Directed By: Carl Schenkel

Xavier Quinn (Denzel Washington), Polizeichef auf einer Karibikinsel, gerät in Anbetracht der ohnehin brüllend heißen Sommertemperaturen sogar noch mehr ins Schwitzen, als Maubee (Robert Townsend), sein bester Freund seit Kindertagen, des Mordes an dem übel zugerichteten Amerikaner Prater verdächtigt wird und seither auf der Flucht im Hinterland ist. Der englische Luxushotelier Thomas Elgin (James Fox) und der ihm hündisch ergebene Gouverneur Chalk (Norman Beaton) unterstützen den Verdacht bezüglich Maubee und wollen eine Obduktion Praters verhindern. Unbeeindruckt von dem politischen Klüngel setzt sich Quinn durch und kommt einer Verschwörung von US-Militärberatern auf die Spur, bei der Zehntausend-Dollar-Scheine, eine uneheliche Schwangerschaft, Giftschlangen und ein CIA-Profikiller (M. Emmet Walsh) jeweils tragende Rollen spielen.

Carl Schenkels erste Arbeit für das Hollywood-Kino (nach dem TV-Film „Bay Coven“) ist ein gut gelaunter, bunter neo noir vor Karibikkulisse, der das Allermeiste richtig macht. Obschon der Name der handlungsortspendenden Insel nicht genannt wird, handelt es sich unschwer erkennbar um Jamaika; nicht nur, dass der Dreh dort stattfand, sprechen auch die breit ausgestellte, spezifische Inselkultur mit diversen Reggae-Songs sowie die Commonwealth-Administration eine deutliche Sprache. Für Denzel Washington darf „The Mighty Quinn“, noch vor Zwicks „Glory“ und seinem ersten Einsatz bei Spike Lee als unverhohlenes Starvehikel gelten – sämtliche Attribute und Qualitäten, die Washingtons späteres stardom ausmachen, treten in diesem Film bereits deutlich zu Tage. In der Rolle des Chief Xavier Quinn ist der Akteur ein Übermann, der beinahe alles im Griff hat – bis auf sein Privatleben, das unter seiner beruflichen Emsigkeit leidet, das er am Ende aber natürlich auch wieder fixen kann. Er ist körperlich bestens in Schuss, bewandert in Capoeira, kann Klavier spielen und saufen, ist ein ebenso breit lächelnd-charmanter wie intelligenter, strikt unbestechlicher Polizist, der auf scheinheilige Autoritäten pfeift und dem schöne Frauen gleich welcher Hautfarbe scharenweise nachlaufen; er hat einen untrüglichen Sinn für die soziale Balance auf der Insel, für Gerechtigkeit und Schweinehundereien aller Art. Eigentlich ein Typ, der locker in Serie hätte gehen können, blieb es leider bei diesem einen Auftritt (zumal der bereits 1971 verstorbene Autor der Romanvorlage wohl nichts Weiteres zu Papier gebracht hatte). Die wenigen im Zuge des Plots auftretenden Weißen sind ausnehmend böse oder zumindest höchst unsympathisch, womit zugleich noch ein wenig verjährter Blaxploitation-Zauber beschworen wird. Auf der Tonspur sind mehrere modernisierte Coverversion von Bob-Marley-Klassikern zu hören sowie natürlich das ursprünglich von Bob Dylan stammende Titelstück in Offbeat-Bearbeitung mit weiblichem Gesang. Zudem gibt es noch eine hübsche, unschwer identifizierbare Hommage an „Dr. No“.

7/10

IL PREFETTO DI FERRO

Zitat entfällt.

Il Prefetto Di Ferro (Der eiserne Präfekt) ~ I 1977
Directed By: Pasquale Squitieri

Im Oktober 1926 wird der vormals entlassene Präfekt Cesare Mori (Giuliano Gemma) in den Dienst zurückberufen und von Mussolini persönlich nach Palermo geschickt, von wo aus er mit dem Einfluss der Cosa Nostra auf das politische Leben Siziliens Schluss machen soll. Nur mit Mühe und Not gelingt es Mori und seinem treuen Unterstützer Spano (Stefano Satta Flores), ganz allmählich das Vertrauen der in permanenter Angst vor den Grundbesitzern und Briganten lebenden Landbevölkerung zu gewinnen und erste Erfolge gegen die Kriminalität zu verbuchen. Mit der Belagerung und anschließenden Besetzung der befestigten Briganten-Hochburg Gangi gelingt Mori ein strategischer Coup, der bald darauf auch die Verhaftungen der einflussreichsten Insel-Patriarchen nach sich zieht. Damit jedoch beginnt Mori zugleich, empfindlich an der sensiblen Balance des Machtgefüges zu kratzen, dem korrupte Repräsentanten des Faschismus ebenso angehören und unterliegen wie die dingfest gemachten, adligen Bosse. Nachdem mehrere Anschläge gegen den wehrhaften Mori fehlschlagen, wird er 1929 zum Senator befördert, und, ohne dass seine vormaligen Erfolge sich als von wirklich  nachhaltigem Erfolg gekrönt erweisen, zurück in den Norden beordert.

Angesichts der Leidenschaft, mit der Squitieri in „Il Prefetto Di Ferro“ und auch dem nachfolgenden „Corleone“ die Machtverhältnisse im historischen Sizilien sezierte und sich als unbedingter Sympathisant der unterdrückten Landarbeiter offenbarte, mutet es etwas ernüchternd an, dass sich der Filmemacher um die Mitte der Neunziger für die erzkonservative Alleanza Nazionale zum Senator wählen ließ. Gute siebzehn Jahre zuvor, zur Entstehungszeit von „Il Prefetto Di Ferro“, galt Squitieri noch als einer der vehementen Repräsentanten der erlauchten, nationalkritischen Gemeinde linker Regisseure um Damiani, Rosi, Petri oder Questi. Wenngleich Squitieri seine heimliche Faszination für die harten Methoden seines historischen Vorkämpfers gegen die gesetzten Strukturen der sizilianischen Mafia nicht verhehlt und Mori eines uns andere Mal einem Western-Marshall gleich, der sich unbeirrt seiner Widersacher entledigt, porträtiert und idealisiert, lässt er ebenso wenig Zweifel daran, dass er den Duce und seine faschistischen Schergen als ausweglose Stolpersteine auf dem Wege in ein gerechtes, emanzipiertes Italien erachtete. Letzten Endes, so nicht bloß die Hypothese von „Il Prefetto Di Ferro“, sondern wohl auch ein gutes Stück weit realistische Einschätzung, verhinderte die Faschistische Partei durch ihre Klüngel mit den alteingesessenen, sizilianischen Gutsherren sowie die vollständige Korrumpierung der hiesigen Gewalten einen dauerhaften Sieg gegen das organisierte Verbrechen. Moris Versetzung und damit Mundtotmachung bildete einen wichtigen Mosaikstein für dieses ungeheuerliche Vorgehen.
Giuliano Gemma spielt das historische Vorbild mit einer Ernsthaftigkeit und einem bedrohlich-verbissenen Habitus, der zumindest dem imaginierten Bild Moris gehörig Zunder gibt. Es fällt tatsächlich alles andere als schwer, Gemma den Gerechtigkeitsfanatiker auf unbeirrtem Kurs abzunehmen. In der obligatorischen Nebenrolle kredenzt Squitieri uns seine damalige Gattin Claudia Cardinale als beherzte Landfrau und tragische Augenweide inmitten der spröden Hitze Siziliens, die zwar realistisch genug ist, ihre eigene Existenz zu entwerten, jedoch eine streng platonische Romanze mit Mori pflegt und am Ende zumindest für die Sicherheit ihres unehelichen Söhnchens Sorge trägt.

8/10

L’ISTRUTTORIA È CHIUSA: DIMENTICHI

Zitat entfällt.

L’Istruttoria È Chiusa: Dimentichi (Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie’s!) ~ I/F 1971
Directed By: Damiano Damiani

Der römische Architekt Vanzi (Franco Nero) landet in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wird,  einen tödlich ausgegangenen Unfall verschuldet und Fahrerflucht begangen zu haben. Im Gefängnis legt man ihn in eine Zelle mit teilweise zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilten Kriminellen, vor denen der bourgeoise Vanzi sich bald in Todesangst ergeht. Um sich im Knast Privilegien zu verschaffen, schmiert er zunächst die korrupten Aufseher und lässt sich dann mit dem ebenfalls einsitzenden Paten Campoloni (Georges Wilson) ein. Dieser sorgt dafür, dass Vanzi mit dem schweigsamen Pesenti (Riccardo Cucciolla) zusammengelegt wird, der, wie sich herausstellt, als Kronzeuge in einem Mafiaprozess aussagen soll…

Mit dem etwas umständlich betitelten „L’Istruttoria È Chiusa: Dimentichi“ empfiehlt sich Damiano Damiani bereits recht früh als einer der führenden Regisseure des italienischen Politthrillers mit humanistischem Einschlag. Gern setzte Damiani Protagonisten ein, die im Angesicht des organisierten Verbrechens zu Spielbällen zwischen Mafia und korrupten Staatsdienern werden und denen eine besondere Funktion auferlegt wird, die sie nur mühevoll und unter permanenter Todesangst erfüllen. Von Anfang an hat der sozial wohlgestellte Vanzi, von Franco Nero eindrucksvoll verletzlich gespielt, unter den ihn förmlich aufsaugenden Umständen zu leiden. Bereits die ihm aufoktroyierte Untersuchungshaft tritt er als unschuldig Verdächtigter nur höchst widerwillig an und im festen Glauben, in Kürze wieder ungesiebte Luft zu atmen. Für die Mafia jedoch ist Vanzi ein – möglicherweise nicht ganz zufällig kriminalisierter – Glücksfall. Ein grundsätzlich geachteter, beleumundeter Bürger, wohlhabend, anerkannt, mit hochgestellten Politikern verbendelt: Der ideale „Zeuge“ für den augenscheinlichen Selbstmord eines unliebsamen Mitwissers. Ob Vanzis Gefängnisschicksal komplett von der Mafia konstruiert ist oder der Zufall der ehrenwerten Gesellschaft in die Karten spielt, lässt Damiani weithin offen; mutmaßen lässt sich jedoch Ersteres. Es lässt sich davon ausgehen, dass Vanzi eine strategisch wohlfeil eingesetzte Schachfigur darstellt; ein Bourgeois, der naiv genug ist, an unbelastete Verhältnisse zu glauben. Im Gefängnis offenbart sich ihm dann ein mikrokosmisches Abbild des wahren Lebens da draußen: Korrupte Vollzugsbeamte, feige Strohmänner, hofierte Verbrecher, linke Protestler ohne reelle Chance. Der Vanzi, der am Ende freigesprochen, aber verhuscht die Staatspension verlassen wird, ist ein anderer als jener, der sie einige Wochen zuvor unfreiwillig hat antreten müssen. Seinen Glauben an ein funktionierendes System hat er unwiederbringlich verloren und, was noch sehr viel schlimmer wiegt, seine persönliche Integrität. Während seine Freunde, mit denen er die wiedergewonnene Freiheit begießt, die Untersuchungshaft als kurzfristiges exotisches, sogar schickes Erlebnis abtun, muss der zum Zahnrädchen degradierte Vanzi Pesentis verzweifelter Tochter, die nicht an den Selbstmord ihres Vaters glaubt, ins Gesicht lügen. Vanzi hat sehr viel mehr verloren als nur ein paar Tage Freiheit.

9/10