SICARIO: DAY OF THE SOLDADO

„What do you need?“ – „Everything.“

Sicario: Day Of The Soldado (Sicario 2) ~ USA/I 2018
Directed By: Stefano Sollima

Als sich infolge eines Bombenattentats in Kansas City bei den US-Behörden der Eindruck einstellt, die mexikanischen Drogenkartelle schmuggelten gegen kräftiges Entgelt neuerdings auch ISIS-Terroristen über die Grenze, erhält CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) den Auftrag, sämtliche, auch unautorisierten Mittel gegen die Kokain-Mafia zum Einsatz zu bringen. Gravers rasch entwickelte Strategie sieht vor, zwischen dem mächtigen Unterweltboss Carlos Reyes und seiner schärfsten Konkurrenz, dem Matamoros-Kartell, einen Krieg zu entfesseln. Dafür benötigt Graver den früheren Anwalt und jetzigen Profikiller Alejandro Gillick (Bencio Del Toro), der wie gewohnt gnadenlos vorgeht. Als sich jedoch herausstellt, dass der Verdacht der CIA hinsichtlich des Terroristen-Traffickings als unzutreffend erweist, soll Graver sämtliche Verbindungen zu der bereits laufenden Aktion kappen. Dazu gehört auch, Gillick, der just versucht, gemeinsam mit Reyes‘ gekidnappter Tochter Isabel (Isabela Moner) über die US-Grenze zu gelangen, fallen zu lassen…

In seiner Funktion als Fortsetzung des meisterhaften Originals, das mir einer der liebsten Filme des Jahrzehnts ist, enttäuscht „Sicario: Day Of The Saldo“ auf ganzer Linie, was die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Denis Villeneuve und Autor Taylor Sheridan im Nachhinein ein wenig wie einen eher zufällig okkurierenden Glücksfall erscheinen lässt – denn weder Villeneuve noch Sheridan haben sich mit annähernd ähnlichem Ruhm bekleckert, was ihre jüngeren solitären kreativen Ergüsse anbelangt. „Sicario“ bezog seine Faszination einerseits aus der Komplexität seiner Erzählung; der Zuschauer befand sich stets auf demselben Informationslevel wie seine Stellvertreterin Kate Macer (Emily Blunt), einer noch eher unbedarften Regierungsangestellten, die nach und nach die zutiefst unmoralische, nur selten legale Vorgehensweise „eingeweihterer“ Kollegen im Krieg gegen die Grenzkartelle kennenlernen muss. Graves und Gillick sind darin in ihrer kalten Abgeklärtheit noch beinahe enigmatische Figuren, wobei besonders der sich der Rache für seine Familie verschriebene „Sicario“, der selbst nicht davor zurückschreckt, Kinder zu ermorden, einen nahezu dämonischen Eindruck hinterließ. In Kombination mit Villeneuves nahezu analytischer und zugleich hochästhetischer Bildsprache ergab dies das bekannte Meisterwerk. Auf das Sequel, wiederum von Sheridan gescriptet und von dem überaus vielversprechenden Sergio-Filius Stefano Sollima inszeniert, hatte ich mich dementsprechend überschwänglich gefreut. Am Ende wartete jedoch nicht wesentlich mehr auf mich denn ein gehobener, in Tom-Clancy-Manier entwickelter Grenzthriller, der die zwei Hauptcharaktere eher ausbremst, als ihre zuvor gegossenen Rohlinge weiter mit Blut zu befüllen. Gut, Graver ist immer noch ein zutiefst dedizierter Regierungswachhund in allen Gassen der Welt, der vor keinem Übel zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung von US-Interessen geht und auch Gillick bleibt (zunächst) der Knüppel-aus-dem-Sack. Warum es ihm allerdings plötzlich so wichtig ist, Isabel Reyes zu beschützen, muss einer beinahe hilflosen Formelhaftigkeit zugeschrieben werden, der Story über die Runden zu helfen. Das Ende des Films, das eindeutig auf weitere Forsetzungen abzielt und auf ein kommendes Duell zwischen Graves und Gillick hindeutet, verstärkte den sich zuvor einstellenden, geflissentlich unbefriedigenden Eindruck nochmals.
„Sicario: Day Of The Soldado“ lässt es – dafür verantwortlich ist vor allem die Ermangelung eines Charakters wie Kate Macer – merklich an Involvierung und Emotionalität mangeln und schiebt seinen Betrachter sukzessive aus dem Zentrum des Geschehens zurück an den Rand. Am Ende steht ein singulär betrachtet gewiss ordentlicher Genrefilm, dem es durch äußere Härte und treffliches pacing stets gelingt, das Interesse für sich lebendig zu halten. Als spezifische Fortschreibung seines Vorgängers indes lässt er einen eher gedämpft zurück.

7/10

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QUE DIOS NOS PERDONNE

Zitat entfällt.

Que Dios Nos Perdonne (Die Morde von Madrid) ~ E 2016
Directed By: Rodrigo Sorogoyen

Im heißen Sommer 2011 erwartet ganz Madrid den Besuch von Papst Benedikt XVI., derweil ein geisteskranker Serienmörder, der es auf ältere Damen abgesehen hat, die Stadt unsicher macht. Für die beiden ungleichen Ermittler Velarde (Antonio de la Torre) und Alfaro (Roberto Álamo) ein Fall, der sie beide auf jeweils ganz furchtbare Weise ihren ureigenen inneren Dämonen zuführen wird…

Zwar bilden die Mörderhatz, das Profiling, die allmählich fortschreitende Identifizierung und die haarscharfen Habhaftwerdungen rund um den von einem sich auf tödliche Weise sublimierenden Mutterkomplex gebeutelten Killer (Javier Pereira) und dessen Untaten das narrative Rückgrat dieses hervorragenden Films, entpuppen sich im weiteren Verlauf der Ereignisse jedoch als Reflexionsfläche für die sich ebenfalls zunehmend abgründig präsentierenden Polizei-Kommissare. Velarde stottert, hat stark autistische Züge und lebt nahezu völlig isoliert, unfähig, eine zwischenmenschliche Beziehung, sei sie freundschaftlicher oder romantischer Natur, zu pflegen. Der zwischenzeitliche, zarte und vor allem aufrichtige Annäherungsversuch einer Hausangestellten (María Ballesteros) endet zunächst entsprechend katastrophal. Alfaro hat derweil ein gewaltiges Problem mit seiner latenten Aggressivität und seiner oftmals ins Cholerische abgleitenden Unbeherrschtheit, die nicht bloß ein vorlauter Kollege (Luis Zahera) unmittelbar zu spüren bekommt. Als er herausbekommt, dass seine Frau ihn betrügt, beginnt er haltlos zu saufen und verliert jedweden Boden unter den Füßen.
Es ist dieser Mut, seine vermeintlichen Helden als im Fallen begriffen zu zeigen, die „Que Dios Nos Perdonne“ zu etwas Besonderem innerhalb des jüngeren Polizeifilms macht. Freilich, zur Genreapodiktik gehört seit jeher, den oder die Protagonistin als in einer oder mehrerlei Hinsicht fragil, rissig, angreifbar darzustellen, sei es durch allzuviel Diensteifer, Drogen- oder Trunksucht, Einsamkeit, eine entfleuchte Partnerin oder ähnliche psychische Fallstricke. Selten jedoch ließ sich das menschliche Versagen der eigentlich doch als Helden genutzten Polizisten derart schmerzhaft und involvierend an, wofür primär wohl Sorogoyens höchst empathischer, dichter Inszenierungsstil verantwortlich zu machen ist.
Man sollte insofern nicht den Fehler begehen, einen straighten, traditionsaffinen Polizeikrimi zu erwarten; etwas, was ich einigen Kurzberichten zu „Que Dios Nos Perdonne“ entnehmen konnte, die häufig „unnötige Längen“ monierten oder sich darüber enttäuscht zeigten, dass es dem Film an Spannung oder Suspense (gemeint ist wohl eher: Zugkraft) fehle. Eine meines Erachtens stark ins Leere laufende Einschätzung, da Sorogoyen einen solchen (ordinär gestalteten) Film gewiss gerade nicht im Sinne gehabt haben wird.

8/10

FALLEN

„Everything is personal – if you’re a person.“

Fallen (Dämon – Trau keiner Seele) ~ USA 1998
Directed By: Gregory Hoblit

Detective John Hobbes (Denzel Washington) vom Philadelphia P.D. muss sich schwer wundern. Obwohl er den Serienkiller Edgar Reese (Elias Koteas) dingfest machen und sogar dessen Hinrichtung beiwohnen konnte, geschehen weitere Morde, die genau Reeses Handschrift entsprechen. Die Trittbrett-Verbrecher scheinen sich darüberhinaus sogar gegenseitig umzubringen. Über einen kurz vor seinem Tod gemachten Hinweis von Reese stößt Hobbes schließlich auf Gretta Milano (Embeth Davidtz), die Tochter eines Kollegen, der vor Jahren, nachdem er des Mordes verdächtig wurde, Suizid begangen hat, sowie dessen okkulte Privatbibliothek. Gretta erklärt ihm, dass nicht Reese oder die anderen als solche vermuteten Killer, sondern der Dämon Azazel, der gestaltlos ist und in jeden beliebigen Körper springen kann, sein Unwesen in der Stadt treibt. Azazel hat sich Hobbes zum Privatgegner auserkoren und will ihn, wie einst Milano, öffentlich diskreditieren und in die Verzweiflung treiben. Doch Hobbes hat einen Plan, denn auch Dämonen kann man töten…

Manch einer von uns wird sich noch wohlfeil erinnern: Als Y2K sich näherte, war neben der massenmedial gehypten Euphorie auch die allgemeine, latente Besorgnis en vogue, dass mit dem Millenienwechsel auch die Erde ihrem Untergang geweiht sei. Biblische Endzeitszenarien, Johannes‘ Buch der Offenbarung, die vier Reiter und Luzifer mit seinen höllischen Horden wähnten die für derlei Spuk etwas anfälligeren Zeitgenossen allesamt schon um die nächste Hausecke, was selbstverständlich auch die Hollywood-Studios veranlasste, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen. Nach (oftmals vorgeblich) hochkomplexen Schemata operierende, fanatische Serienkiller, infernalische Dämonen, Doomsday-Sekten und schließlich Mephistopheles selbst bevölkerten das apokalyptische Timbre etliche Filme jener Ära, so dass selbst hochrespektable Qualitätsakteure wie Denzel Washington als Vorsteher eines entsprechend erlesenen Ensembles sich plötzlich mit übernatürlichen Gegnern an der Schwelle zur Machtübernahme herumzuärgern hatten. Der Dämon Azazel, der auf eine lange, religiöse wie literarische Vorgeschichte und Tradition zurückblickt, ist einer der prominenteren Vertreter der „Gefallenen“, also jener Wesen, die wegen ihrer Verderbtheit von Gott des Himmels verwiesen wurden und seither ihr Dasein in der Unterwelt fristen müssen. Hoblits Film verzichtet (leider?) darauf, dem bocksbeinigen Gesellen eine konkrete Form zu verleihen. Stattdessen trittt er als unsichtbare, ätherische Kreatur an, die, soviel physikalische Erdung leistet sich das Werk dann doch, wenn nicht gleich durch direkte Berührung, so doch binnen einer bestimmten Frist in einem bestimmten Umkreis den Wirt wechseln kann. Nachdem er jenen dann wieder verlässt, kann der seelisch Missbrauchte sich, einem Blackout gleich, an nichts mehr erinnern. Um diese breit bepflügte Prämisse sowie um einen Stones-Klassiker herum baut das von Elia-Filius Nicholas Kazan ersonnene Script eine reichlich hanebüchene wie um den good will des Publikums buhlende Story zusammen, die, und darin liegt das ziemlich gewaltige Problem des Films, sich bei aller Stoffeligkeit bierernst nimmt. Der Regisseur macht einen sauberen Job, die Qualitätsdarsteller stehen in keinem Verhältnis zu dem eigentliche einer sehr viel unauffälligeren Genrearbeit gebührenden Plot. Aber auch darin stellt sich „Fallen“ sich den vielen erwähnten zeitgenössischen Gattungsproduktionen gleich – er zeigt, obschon auf rückblickend interessante Art und Weise, gewissermaßen exemplarisch auf, in welcher Sackgasse das Mainstream-Kino der späten Neunziger sich befand und, vor allem, wieviel besser das alles noch rund zwei Jahrzehnte zuvor funktioniert hatte.

5/10

THE MIGHTY QUINN

„I put a curse on you!“ – „Believe me, I already got a curse on me.“

The Mighty Quinn (Big Bad Man) ~ USA 1989
Directed By: Carl Schenkel

Xavier Quinn (Denzel Washington), Polizeichef auf einer Karibikinsel, gerät in Anbetracht der ohnehin brüllend heißen Sommertemperaturen sogar noch mehr ins Schwitzen, als Maubee (Robert Townsend), sein bester Freund seit Kindertagen, des Mordes an dem übel zugerichteten Amerikaner Prater verdächtigt wird und seither auf der Flucht im Hinterland ist. Der englische Luxushotelier Thomas Elgin (James Fox) und der ihm hündisch ergebene Gouverneur Chalk (Norman Beaton) unterstützen den Verdacht bezüglich Maubee und wollen eine Obduktion Praters verhindern. Unbeeindruckt von dem politischen Klüngel setzt sich Quinn durch und kommt einer Verschwörung von US-Militärberatern auf die Spur, bei der Zehntausend-Dollar-Scheine, eine uneheliche Schwangerschaft, Giftschlangen und ein CIA-Profikiller (M. Emmet Walsh) jeweils tragende Rollen spielen.

Carl Schenkels erste Arbeit für das Hollywood-Kino (nach dem TV-Film „Bay Coven“) ist ein gut gelaunter, bunter neo noir vor Karibikkulisse, der das Allermeiste richtig macht. Obschon der Name der handlungsortspendenden Insel nicht genannt wird, handelt es sich unschwer erkennbar um Jamaika; nicht nur, dass der Dreh dort stattfand, sprechen auch die breit ausgestellte, spezifische Inselkultur mit diversen Reggae-Songs sowie die Commonwealth-Administration eine deutliche Sprache. Für Denzel Washington darf „The Mighty Quinn“, noch vor Zwicks „Glory“ und seinem ersten Einsatz bei Spike Lee als unverhohlenes Starvehikel gelten – sämtliche Attribute und Qualitäten, die Washingtons späteres stardom ausmachen, treten in diesem Film bereits deutlich zu Tage. In der Rolle des Chief Xavier Quinn ist der Akteur ein Übermann, der beinahe alles im Griff hat – bis auf sein Privatleben, das unter seiner beruflichen Emsigkeit leidet, das er am Ende aber natürlich auch wieder fixen kann. Er ist körperlich bestens in Schuss, bewandert in Capoeira, kann Klavier spielen und saufen, ist ein ebenso breit lächelnd-charmanter wie intelligenter, strikt unbestechlicher Polizist, der auf scheinheilige Autoritäten pfeift und dem schöne Frauen gleich welcher Hautfarbe scharenweise nachlaufen; er hat einen untrüglichen Sinn für die soziale Balance auf der Insel, für Gerechtigkeit und Schweinehundereien aller Art. Eigentlich ein Typ, der locker in Serie hätte gehen können, blieb es leider bei diesem einen Auftritt (zumal der bereits 1971 verstorbene Autor der Romanvorlage wohl nichts Weiteres zu Papier gebracht hatte). Die wenigen im Zuge des Plots auftretenden Weißen sind ausnehmend böse oder zumindest höchst unsympathisch, womit zugleich noch ein wenig verjährter Blaxploitation-Zauber beschworen wird. Auf der Tonspur sind mehrere modernisierte Coverversion von Bob-Marley-Klassikern zu hören sowie natürlich das ursprünglich von Bob Dylan stammende Titelstück in Offbeat-Bearbeitung mit weiblichem Gesang. Zudem gibt es noch eine hübsche, unschwer identifizierbare Hommage an „Dr. No“.

7/10

VICE SQUAD

„You wanna know where you can find Barkis?“

Vice Squad (Sittenpolizei) ~ USA 1953
Directed By: Arnold Laven

Ein stressiger Tag für Captain Barnaby (Edward G. Robinson), Chef eines der Reviere des LAPD: Nicht nur, dass er zu einem Live-Interview im Fernsehen eingeladen ist – eine junge Dame (K.T. Stevens) bittet ihn, ihre Mutter vor einem Heiratsschwindler (John Verros) zu bewahren; der verdiente Streifenbeamte Kellogg (William Boyett), der in der Nacht zuvor zufällig ein paar Gangster während eines Autodiebstahls auf frischer Tat ertappt hat, liegt angeschossen im Krankenhaus im Sterben. Der einzige Zeuge der Tat, der Beerdigungsunternehmer Hartrampf (Porter Hall), der gerade von einem außerehelichen Techtelmechtel kam, schweigt sich stoisch aus. Derweil erfährt Barnaby von einem geplanten Banküberfall, den just dieselbe Bande begehen soll, die Kellogg auf dem Gewissen hat. Um den Aufenthaltsort der Ganoven in Erfahrung zu bringen, sucht sich Barnaby unter anderem Hilfe bei der Puffmutter Mona Ross (Paulette Goddard).

Ein ebenso kolportagefreudiger wie gut gelaunter Blick in einen Arbeitstag eines police chief von Los Angeles. Das vor allem hinsichtlich seiner ironisch-klugen Dialoge wundervoll ausgearbeitete, straffe Script führt den dankbar inszenierenden Arnold Laven scheinbar mühelos durch seine von witzigen bis dramatischen Eckpfeilern getragene Geschichte, die auch und vor allem von der zeitlichen Verdichtung der erzählten Zeit auf nur einen Tag profitiert und lebt. „Vice Squad“ nimmt sich trotz seiner mithin atemlosen Wendungen hinreichend Zeit, diverse quirlige Nebenfiguren einzuführen, sowohl aus dem Halbweltmilieu wie auch aus der gebeuteln Exekutivabteilung, deren Mitarbeiter dem stets coolen, sonoren Robinson unterstehen. Die als Pflichtkontrast eingegebenen Gangster, allen voran deren böser und brutaler Chef Al Barkis (Edward Binns), sind hundsgemeine Lumpen, denen man rasch alles Schlechte der Welt an den Hals wünscht; Barnabys Team besteht indes ausschließlich aus ehrbaren, folgsamen und vor allem unbestechlichen Beamten, von denen jeder 110 Prozent gibt. Allen voran Barnaby selbst, der auch schonmal gern mit fiesen Tricks und deftigeren semilegalen Mitteln arbeitet, um seine Ziele zu erreichen. Selbstredend liegt er damit rein moralisch betrachtet immer goldrichtig.
In „Vice Squad“ war die Welt noch in Ordnung und alles an seinem Platze. So wie Arnold Laven, der leider nach nur elf Filmen zum Fernsehen wechselte und mit vielversprechenden Arbeiten wie der vorliegenden eigentlich einen sauberen Start im Segment der späten films noirs hingelegt hatte. Später kamen dann neben dem erquicklichen Riesenmollusken-Horror „The Monster That Challenged The World“ noch ein paar ordentliche Western hinzu. Schade, dass dann so rasch Schluss war und die dröge Mattscheibe lockte.

8/10

DANGEROUS MISSION

„Why did you stop dancing when they played ‚One More For The Road‘?“

Dangerous Mission (Blut im Schnee) ~ USA 1954
Directed By: Louis King

Im beschaulichen Glacier National Park in Montana wird ein New Yorker Gangsterboss (Frank Wilcox) erschossen. Der Tat verdächtigt wird fälschlicherweise der Blackfoot-Indianer Katoonai Tiller (Steve Darrell), der sich seither auf der Flucht befindet. Das Syndikat beauftragt indes einen weiteren Killer, Louise Graham (Piper Laurie), Angestellte in einem Hotel vor Ort und einzige Zeugin des Mordes, durch einen „Unfall“ verschwinden zu lassen. Doch welcher der beiden neuen Gäste, die Louise jeweils pausenlos umgarnen, ist der Attentäter? Der joviale, sich geheimnisvoll gebende Matt Hallett (Victor Mature), oder doch der etwas verhuschte, aber überaus freundliche Paul Adams (Vincent Price)…?

Wenn ich im Zusammhang mit der siebenten Kunst aufschnappe oder lese, dass der eine oder andere Film „gut“ beziehungsweise „schlecht“ gealtert sei, platzt mir regelmäßig die Hutschnur. Filme sind weder Wein noch Käse, die mit zunehmender Lagerung kostbarer werden oder einen besonderes Bouquet entfalten; sie müssen nicht abgehangen oder gut gekühlt sein, um einem möglicherweise besonders wählerischen Gaumen besser zu munden. Auch ist es mitnichten der primäre (und ebensowenig der sekundäre) Auftrag eines Films, sich „gut zu halten“ (was auch immer das im Einzelnen bedeuten mag), um sein potenzielles Publikum auch nach Jahren und Jahrzehnten noch zu becircen. Vielmehr bildet Film Zeit ab und konserviert sie, ist Momentaufnahme und Porträt von allem, was er zeigt, was ihn selbst, sein Wesen und die Leistung der vielen an ihm beteiligten Künstler ausmacht.
Eine besondere Aufgabe kommt in dieser Hinsicht lediglich dem Rezipienten zu; jener hat sich nämlich mit bedingungsloser Empathie an den Entstehungskontext des betrachteten Werks anzupassen und keinesfalls umgekehrt. Nicht der Zuschauer, sein Verstand oder Empfinden bilden das kulturelle Artefakt, sondern der jeweils von ihm gewählte Film.
„Dangerous Mission“ ist ein Film, dem man mit Leichtigkeit vorwerfen könnte, er wäre „schlecht gealtert“. In Technicolor und vor allem in 3-D produziert von der bereits darbenden RKO und dem späteren Katastrophenspezi Irwin Allen, inszeniert von dem vielbeschäftigten Auftrags- und späteren TV-Regisseur Louis King, ist „Dangerous Mission“ gewiss kein Kabinettstück. Er oszilliert unentschlossen zwisch film noir und billigem Abenteuerkino. Es gibt eine Felslawine und einen gigantischen Waldbrand, die mit dem Kernplot überhaupt nichts zu tun haben und im Prinzip eine rein sensationalistische Funktion erfüllen. Nach gegenwärtigen Maßstäben ist „Dangerous Mission“ zudem ein gefundenes Fressen für Fahnder von strukturellen Alltagssexismen (die beiden handlungstragenden Frauen benehmen sich so einfältig wie naiv) und -rassismen (amerikanische Ureinwohner werden als etwas alberne Folklorelieferanten der Lächerlichkeit preisgegeben) in der historischen Unterhaltungskultur. Der Film meint all das gewiss nicht bös, wegzuleugnen ist es jedoch ebensowenig. Dem gegenüber steht ein repräsentatives Werk seiner Zeit, ein vergessenes Stück Kinohistorie, das mit einem fabelhaften Ensemble sowie großartigen, weil oftmals verschmitzten Darstellerleistungen aufwarten kann und bei aller Überkommenheit eine professionelle Alltagsroutine transportiert, von der etliche der gegenwärtig in diesem Preissegment arbeitende Filmemacher allerhöchstens ächzend den Hut ziehen dürfen.
Ungeachtet aller berechtigten Vorwürfe – ich liebe diese Art Kino, es wärmt mir das Herz.

6/10

THE NAKED CITY

„Another day, another ball of fire rising in the summer sky.“

The Naked City (Stadt ohne Maske) ~ USA 1948
Directed By: Jules Dassin

Mitten im hochsommerlichen Manhatten wird eine junge Frau namens Jean Dexter des Nachts brutal ermordet. Der mit den Ermittlungen betraute Lieutenant Muldoon (Barry Fitzgerald), ein alter Hase in der Mordkommission, benötigt neben einem treuen Mitarbeiterteam und seiner feinen Nase nur wenige Tage, um die nicht unkomplizierten Zusammenhänge aufzuschlüsseln, die zum gewaltsamen Tode des Opfers geführt haben.

Mit keinesfalls unverhohlenem Stolz verkündet Mark Hellinger, der kurz nach seiner Betrachtung der endgültigen Schnittfassung verstorbene Produzent von „The Naked City“, gleich zu Beginn aus dem Off, dass der Film keineswegs wie üblich im Studio-Atelier, sondern vor Ort in New York City entstanden sei und die Stadt und ihre Menschen völlig ungeschminkt zeige. Hellinger (in der deutsch vertonten Fassung Paul Klinger) ließ es sich nicht nehmen, auch den weiteren Verlauf der Geschehnisse mit flotten Kommentaren zu flankieren und schlägt dabei als auktorialer Naseweis leider hier und da über die Stränge. Es hätte gut und gern bei Pro- und Epilog bleiben dürfen, obschon diese relativ umweglos zu vernachlässigende Schwäche Dassins ansonsten makellosen Film gewiss keinen Strick dreht. Und es stimmt tatsächlich: Die vor Ort arrangierten Dreharbeiten geben Zeugnis einer filmischen Pionierleistung. Als durchaus sozialkritisch intendiertes Kunstartefakt politisch vornehmlich links positionierter Filmemacher ist „The Naked City“ mit seinen vielen cameos indes nurmehr ansatzweise identifizierbar. Nur wenige Szenen zeugen noch von einer Porträtierung des ökonomischen Gefälle innerhalb der schwitzenden Urbanität, die ursprünglich ein fester Bestandteil der Narration hätten sein sollen – Autor Albert Maltz, Mitglied der Kommunistischen Partei, hatte vor dem HUAC die Aussage verweigert und konnte zum Zeitpunkt der Filmpremiere bereits nicht mehr arbeiten, Dassin, der kurz darauf von Kazan und Dmytryk denunziert wurde, musste sich alsbald ins europäische Exil flüchten. Als direkte Folge jener „Umtriebe“ (um in der Terminologie McCarthys zu bleiben) wurden sämtliche Stellen, die „The Naked City“ als Produkt linken Filmemachens hätten ausweisen mögen, entfernt. Immerhin langte es dann für eine elf Jahre später lancierte TV-Serie mit John McIntire in Barry Fitzgeralds Rolle, die sogar vier Staffeln durchhielt.
So oder so bleiben ein eminentes Zeitzeignis sowie ein durchweg sehenswerter Film, dessen Visualität Einflüsse des berühmten Stadtphotographen Weegee ebenso in sich vereint wie die Ästhetik des Neorealismus. Für einen film noir ist „The Naked City“ folglich geradezu ungewöhnlich hell und offen, was seinen stolzen Sonderstatus innerhalb der Gattung präserviert.

8/10