SPIRAL: FROM THE BOOK OF SAW

„Wait, I thought the Jigsaw Killer was dead.“ – „He is.“

Spiral: From The Book Of Saw (Saw: Spiral) ~ USA/CA 2021
Directed By: Darren Lynn Bousman

Jahre nachdem John Kramer und seine Vasallen das Zeitlich gesegnet haben, beginnt ein weiterer Nachahmer, das grausame Werk des Serienmörders mit der moralisch verqueren Agenda wiederaufzunehmen. Die Opferschaft rekrutiert sich diesmal ausnahmslos aus der Abteilung des Polizisten Ezekiel „Zeke“ Banks (Chris Rock), der es als „ehrlicher“ Detective mit seinen korrupten und karrieregeilen Kolleginnen und Kollegen selbst nie einfach hatte. Als schließlich auch Banks‘ neuer Partner William Schenk (Max Minghella) tot aufgefunden wird und sein Vater (Samuel L. Jackson), ein renommierter Ex-Cop, verschwindet, nimmt der Fall zunehmend persönliche Züge für den Ermittler an.

Mit diesem erstmals seit dem dritten Sequel wieder von Darren Lynn Bousman inszenierten, mittlerweile neunten Zugang des „Saw“-Franchise, erhält selbiges seinen bislang zugleich schwächsten Beitrag. Die von James Wans Original einst quasi mitbegründete Welle des seinerzeit als so abschätzig wie hilflos bezeichneten „torture porn“ ist zumindest in ihrer originäen Ausprägung bereits seit längerer Zeit wieder abgeebbt, was zugleich auch die ausgeklügelten Folterfallen des Jigsaw-Killers gewissermßen zu einem Anachronismus macht. Dennoch bleiben diese in ihrer vergleichsweise raren Aussäung das interessanteste Element von „Spiral“, während die weiteren Versuche, der Reihe ein kleines Maß an Innovation zu verschaffen, ziemlich kläglich im Kielwasser der Bemühtheit verkluckern. Chris Rock als Heldenfigur und Antagonist des jüngsten Kramer-Schülers soll gleichfalls kecken Humor und innere Zerrissenheit vermitteln, ein Ansatz, der infolge der nunmehr jahrzehntelang kultivierten Selbsttypologie Rocks als Stand-up-Comedian frontal vor die Wand rauscht. Flotte Sprüche in Kombination mit einer inflationär mit Vier-Buchstaben-Wörtern gesäumten Sprache und Autorferenzen mögen Rocks gewünschter Signatur entsprechen, bremsen den ursprünglichen Charakter der Serie jedoch bloß in beschädigender Weise aus. Bousman müht sich zudem nach Kräften, dem gewohnt modrigen Industrial-Ambiente einen konträren Stil aus lichtdurchfluteter, grellgelber Urbanität entgegenzustellen, was am Ende als auch kaum mehr denn angestrengt im Gedächtnis bleibt. Schließlich entpuppt sich der sich clever wähnende twist, der natürlich um die wahre Identität des neuen Trittbrettfahrers kreist, als allzu offensichtlich bis nachlässig arrangiert. Ich war geradezu erleichtert, als der omnipräsente, personell scheinbar unverzichtbare Samuel L. Jackson im Finale von Kugeln durchsiebt wird – zumindest bleibt dieser somit einer eh kaum vermeidbaren, weiteren Fortsetzung erspart.
Wobei bei „Saw“ ja andererseits wiederum doch mit allem zu rechnen sein muss. Erstmals in den nunmehr siebzehn Jahren, in denen es nun heißt „I want to play a game“ spüre ich allmählich reelle Ermüdungserscheinungen. Kein gutes Zeichen…

5/10

WHITE SANDS

„This isn’t about sides. This is about confusion. This is about creating enemies where there aren’t any.“

White Sands ~ USA 1992
Directed By: Roger Donaldson

In Torrance County, New Mexico werden im Bezirk des braven Kleinstadt-Deputys Ray Dolezal (Willem Dafoe) eine männliche Leiche und ein Koffer mit einer halben Million Dollar Cash gefunden. Ray, dessen Abenteuergeist geweckt ist, schickt sich an, auf eigene Faust das sich auftuende Rätsel um beides zu lösen und gerät unversehens in einen Intrigenstrudel, in dem korrupte Geheimdienstler, Waffenhändler und eine schöne Millionärin (Mary Elizabeth Mastrantonio) sich gegenseitig zu übervorteilen versuchen.

Dass der gebürtige Neuseeländer Roger Donaldson ein Filmemacher ist, der seine Arbeiten stets gern unter besonderer Berücksichtigung phasenabhängiger Stilmodi inszenierte, macht auch „White Sands“, sein neuntes Werk, sehr deutlich. Der Narration des wohlfeil mit dem neo noir liebäugelnden, übergebührlich kompliziert erzählten Wüstenkrimis zu folgen, ermüdet indes rasch und erweist sich auch als relativ nebensächlich für die qualitative Einordnung des Films. Auch Donaldson scheint bereits während der Fertigung um diese Lässlichkeit geahnt zu haben und überließ „White Sands“ somit vor allem anderen Maßgaben: Als geschlossene Regiearbeit ist er von höchster formaler Integrität, als Happening für seine erstklassige Besetzung überzeugt er nicht minder. Ferner sind es die immer wieder hervorstechenden Chiffren und Subtexte, die das Hin und Her zwischen den agencies nebst ihren abtrünnigen und/oder inoffiziellen Mitarbeitern eher unsubstanziell erscheinen lassen: Genau diese exotisch scheinende Unübersichtlichkeit, das von der Öffentlichkeit rigoros abgschottete, längst eigenen Regeln folgende Milieu der US-Geheimdienste karikiert „White Sands“ nämlich mit einem wohlweislichen Augenzwinkern. Inoffizieller Waffenhandel, Militärberatung und Korruption verkleistern sich zu einem kaum mehr durchschaubaren Sumpf. Wenn dann inmitten des Films noch eine groteske Rodeoszenerie, im Zuge derer eine überkandidelte Sängerin (Meredith Marshall) in höchsten Tönen „The Star-Spangled-Banner“ schmettert und die Flagge dazu berittenerweise durch die Arena weht, dann ahnt man, was der Film wirklich im Sinn haben könnte.
Nachdem ich Mickey Rourkes zumindest mental ungebrochen großer Könnerschaft erst letzthin noch mit fasziniertem Entsetzen in Matt Earl Beesleys Actionfarce „Point Blank“ beiwohnen durfte, war ich angesichts seines noch im „früheren Rourke-Universum“ verankerten Auftritts als freidrehender CIA-Mann Gorman Lennox gleich noch ein wenig betrübter in Anbetracht seiner späteren Veränderung. Hier in „White Sands“ ist er auch äußerlich noch ganz das brillante Ein-Mann-Kunstwerk, das man aus seinem Karrierehoch in den Achtzigern schätzt und liebt, eine universelle Coolness transportierend, die nach ihm kein Schauspieler mehr auch nur annähernd in dieser Form erreichte. Obschon er in Donaldsons Film nur vergleichsweise wenige Szenenauftritte absolviert, reißt er jeden einzelnen davon komplett an sich und überstrahlt das gesamte übrige Ensemble geradezu mühelos. Welch ein wunderbarer Künstler war dieser Mensch doch einst.

7/10

OUT OF TIME

„485 grand… can I touch it?“

Out Of Time ~ USA 2003
Directed By: Carl Franklin

Matthias „Matt“ Whitlock (Denzel Washington) ist Police Chief von Banyan, einer der Florida Keys. Mit seiner Noch-Frau Alex (Eva Mendes), frisch zum Detective beim Morddezernat befördert, lebt er in Scheidung, derweil er eine größenteils von freundschaftlicher Fürsorge geprägte, verdeckte Affäre mit Ann Harrison (Sanaa Lathan) pflegt, deren Gatte Chris (Dean Cain) wiederum sie allenthalben verprügelt. Die ohnehin komplizierte Situation spitzt sich zu, als Matt erfährt, dass Ann Krebs im Endstadium hat und ihn als Begünstigten ihrer Lebensversicherungspolice einsetzt. Daraufhin trifft Matt die impulsive Entscheidung, sich mit Ann und einer knappen halben Million Dollar Drogengeld, die er als Beweisstück im Polizeisafe lagert, nacxh Europa abzusetzen. Noch in der Folgenacht brennt jedoch das Haus der Harrisons ab und zwei verkohlte Leichen – augenscheinlich die von Ann und Chris – werden in der Ruine entdeckt. Das Ganze stellt sich als Brandstiftung heraus und ausgerechnet Alex ermittelt im Folgenden wegen Mordes. Da zu allem Überfluss noch eine alte Dame (Evelyn Brooks) Matt kurz vor dem Feuer am Haus der Harrisons gesehen hat, wird er endgültig zum heimlichen Hauptverdächtigen und hat nunmehr alle Hände voll damit zu tun, Alex‘ Untersuchungen zu torpedieren…

Acht Jahre nach dem schick ausgestatteten „Devil In A Blue Dress“ kamen dessen Regisseur Carl Franklin und Hauptdarsteller Denzel Washington abermals zusammen, um einen weiteren, auf verschlungenen Plotpfaden wandelnden film noir zu drehen. Diesmal handelte es sich allerdings nicht um ein in Los Angeles spielendes period piece, sondern um ein im Florida der Gegenwart angesiedeltes Kriminalstück, dessen Herz jedoch nicht minder im Takt klassischer Noir-Stoffe schlägt. In „Out Of Time“, den Franklin im karibischen Gestus sonniger Salsa-Rhythmen inszeniert, wird Denzel als reichlich narzisstischer, arroganter und vor allem impulsiver Polizist von einer seine naive Gutgläubigkeit ausnutzenden femme fatale gnadenlos aufs Kreuz gelegt, um ihm die sauer erbeutete Geldsumme aus einem öffentlichkeitswirksam gelösten Drogenfall abzuluchsen. Der clever arrangierte Plan gelingt zunächst auch; im Nachhinein retten dann allerdings Matts Hartnäckigkeit, vor allem jedoch diverse glückliche Zufälle und schließlich sowohl die jeweilige Liebe seiner Gattin als auch die seines treuen Adlatus‘ und besten Freundes (John Billingsley) ihm den Hals. Den Weg dorthin dirigiert Franklin, der leider nur wenige gute, dafür dann aber auch wirklich sehenswerte Filme gemacht hat, mit einer Menfe subtilen Humors, der das Katz-und-Maus-Spiel des Polizisten-Ehepaars zwischen Suspense und Slapstick ansiedelt. „Out Of Time“ geriert trotz seines dementsprechend verlockenden Sujets nie zum schweren Thriller. Statdessen verlagert er sich viel lieber auf sein grundierendes Sunshine-State-Flair und zieht den Rezipienten auf die tatsächlich gar nicht mal so sonderlich sympathische Seite seines sich immer weiter im Fangnetz verheddernden Protagonistenfisches. Hier und da muss man sowohl Franklins gelegentlich auf biederem TV-Serien-Niveau befindliche Regie sowie die sich mitunter doch etwas arg ausnehmenden Konstruiertheiten von David Collards Script in Kauf nehmen, um den Film halbwegs reuelos genießen zu können, was unter selbiger Voraussetzung dann aber auch recht gut funktioniert.
Der ganz große Wurf ist „Out Of Time“ sicherlich nicht, auch erreicht er kaum die elegante Qualität von Denzels und Franklins vormaliger, obig genannter Kollaboration, geschweige denn die des veritablen Meisterstücks „One False Move“, aber für die Ausstaffierung eines gediegenen Sommerabends langt es allemal.

7/10

COLT 45

Zitat entfällt.

Colt 45 ~ F 2014
Directed By: Fabrice du Welz

Der Nachwuchspolizist Vincent Milès (Ymanol Perset) gilt trotz seiner jungen 22 Jahre bereits als brillanter Schütze und Ballistik-Profi. Nach einem gewonnen Schießwettbewerb beginnen diverse Sondereinheiten, sich um ihn zu reißen, doch sein väterlicher Kollege Christian Chavez (Gérard Lanvin) rät ihm, über jedes Angebot wohlfeil nachzudenken. Als Vincent dem mysteriösen Spezialbullen und nicht minder exzellenten Waffennarr Milo Caldera (JoeyStarr) begegnet, ist auch dieser von Vincents Fähigkeiten angetan und plant, ihn mit allen Mitteln in sein abseits aller Regularien arbeitendes Team zu holen. Zu diesem Zweck entspinnt er eine Intrige, die den nichtsahnenden Vincent immer tiefer in den Abgrund reißt, bis dessen tödliches Echo schließlich zu Milo zurückgelangt.

Obschon bereits vor „Alléluia“ entstanden, erlebte „Colt 45“ mit diesem fast zeitgleich seine Premiere. Fabrice du Welz und Fathi Beddiar, der Autor des Films, sind auf das fertige Produkt wohl nicht sonderlich gut zu sprechen. Zum einen verhinderte das eingegrenzte Budget, dass alle Szenen so gedreht werden konnten, wie du Welz und Beddiar sich dies gewünscht hätten, zum anderen gab es zunehmende Querelen seitens der arrivierten Hauptdarstellern Lanvin und JoeyStarr. Die unglücklichen Umstände führten schließlich dazu, dass du Welz und Beddiar sich weigerten, „Colt 45“ zu promoten. Abgesehen von der auffallend kurzen Erzählzeit von etwa 80 Minuten, die das Aussparen der einen oder anderen Sequenz geradezu suggeriert, mangelt es dem Film dennoch nicht an Fluss und Spannung.
Die Story um den naiven, jungen, wenngleich hoch inselbegabten Anfänger, der in einen ihm unbekannten, nach eigenen Regeln funktionierenden Mikrokosmos aus Konkurrenz, Korruption, und reziproker Übervorteilung gerissen wird, ist dabei keineswegs neu, sei es bezogen auf den Polizeifilm oder auch auf andere Subgenres wie das Gerichtsdrama. Der zumindest traditionsbewusst erscheinende „Colt 45“ spielt das Sujet so solide wie gekonnt durch und vermag mit dem angenehmen Ymanol Perset einen noch relativ unbehauenen Jungakteuer als Spielball der erfahrenen Mächte ins Feld zu werfen, der, einmal entfesselt und seiner ihn schützenden moralischen Unschuld beraubt, schließlich selbst zum tödlichen Hauptakteur wird – die Geburtsstunde eines Killers.
So durchweg brauchbar „Colt 45“ als Genrestück daherkommt, so wenig findet sich darin Fabrice du Welz‘ bis dorthin etablierte, kurzlebige aber prägnante Signatur als auteur wieder. Nachdem er sich in seinen Vorgängerfilmen und auch im nachfolgenden „Alléluia“ mit unauslotbaren humanen Untiefen beschäftigte, kratzt das vorliegende Werk bestenfalls an diesbezüglichen Oberflächen, kommt jedoch kaum über ein relativ gewöhnliches Maß hinaus. Allzu grob silhouettiert bleiben die Figuren, allzu skizzenhaft ihre jeweilige Entwicklung.

7/10

THE LITTLE THINGS

„It’s the little things that get you caught.“

The Little Things ~ USA 2021
Directed By: John Lee Hancock

John „Deke“ Deacon (Denzel Washington), alternder Deputy-Sheriff in Bakersfield, muss wegen einiger Formalia zu seiner früheren Wirkungsstätte Los Angeles zurückkehren. Deke war bis vor ein paar Jahren als Detective in der Großstadt tätig und galt als Legende seines Fachs, hatte dann jedoch seinen Dienst dort quittieren müssen und auch alle privaten Wurzeln zurückgelassen. Zufällig bekommt Deke vor Ort mit, dass sein junger Nachfolger Jim Baxter (Rami Malek) in einem Mordfall ermittelt, der sich als das Werk eines Serientäters entpuppt. Da sich unweigerliche Analogien zu Dekes letztem, ungelösten Fall in L.A. ergeben, nimmt dieser kurzerhand Urlaub, um Baxter inoffiziell bei dessen Ermittlungen zu unterstützen. Das Duo stößt auf einen exzentrischen Wäschereiarbeiter namens Albert Sparma (Jared Leto), gegen den zwar mehr und mehr Indizien, aber keine wirklichen Beweise sprechen. Sparma wird verhört, muss jedoch wieder freigelassen werden und treibt fortan ein boshaftes Katz-und-Maus-Spiel mit den beiden ihn beschattenden Cops, dem sich Baxter psychisch nicht gewachsen zeigt…

Zum zweiten Mal nach „The Bone Collector“ begibt sich der nunmehr gesetztere Denzel Washington als arrivierter, wegen beruflicher Versehrtheit jedoch kaltgestellter Cop auf die Jagd nach einem Serienmörder im (sub-)urbanen Großstadtdschungel. Diesmal geht es in die Westküstenmetropole und zumindest ist Deke Deacon trotz eines dazumal erlittenen, schweren Herzinfarkts immer noch mobiler als der querschnittsgelähmte Lincoln Rhyme, wenngleich ihn die Geister ungesühnter Gewalt nicht in Ruhe lassen mögen.
John Lee Hancock, der das Script zu „The Little Things“ bereits in den frühen Neunzigern, nach seiner Arbeit an Eastwoods „A Perfect World“, verfasst hatte und es konsequenterweise auch im dazugehörig gegenwärtigen Zeitkolorit spielen lässt, gelingt es, seinem Werk eine wesentlich engmaschiger gewebte Atmosphäre angedeihen zu lassen als dies bei Noyces Film der Fall war. Abermals stützt sich das Resultat zu großen Teilen auf Denzel Washingtons schauspielerische Brillanz. Die Rolle des ausgebrannten John Deacon erweist sich als echtes Geschenk für den alternden Akteur, dem es erwartungsgemäß behende gelingt, die inneren Abgründe seines Charakters stets kristallin werden zu lassen. Weniger zuverlässig zu rechnen war da schon mit seinem Co-Star Rami Malek, der es zudem a priori etwas schwerer hat – seine Rolle des Detective Jim Baxter ist zumindest zu Beginn etwas schnöselig und arrogant angelegt, was es entsprechend erschwert, der Figur Sympathien abzuringen. Erst später, wenn seine Vunlnerabilität und damit verbundene Menschlichkeit eklatant werden, mag man ihn in sein Herz schließen. Jared Leto indes hat seinen bisher lediglich zweimal in der Peripherie auftauchenden Joker scheinbar gänzlich internalisiert zu haben; egal, ob Albert Sparma am Ende schuldig ist oder nicht, Leto lässt keinen Zweifel an seinem diabolischen Wesen und bewegt sich somit tatsächlich zur Gänze auf dem figuralen Terrain des beliebten comic villain. Die sich nicht zuletzt in Anbetracht des sich verdichtenden Wüstenfinales aufdrängenden und offenbar bereits mehrfach kolportierten Analogien zu „Se7en“ drängen sich zwar unweigerlich auf, sind meines Erachtens aber zu vernachlässigen – zum einen des tatsächlichen Scriptalters wegen, zum anderen weil Albert Sparma trotz all seiner gewiss vorhanden, psychischen Untiefen nie ganz den infernalischen Nimbus eines John Doe erreicht.

7/10

THE BONE COLLECTOR

„I can’t do this.“

The Bone Collector (Der Knochenjäger) ~ USA 1999
Directed By: Phillip Noyce

Ein Serienkiller mit Vorliebe zu Artefakten aus der letzten Jahrhundertwende macht New York unsicher. Dabei hinterlässt er jeweils sorgfältig verschlüsselte Hinweise auf seine nächsten geplanten Opfer, deren Rettung die Polizei immer wieder vor einen vergeblichen Wettlauf mit der Zeit stellt. Die junge Beamte Amelia Donaghy (Angelina Jolie) gerät per Zufall an einen der Tatorte und engagiert sich in hohem Maße für dessen Spurensicherung. So wird der wegen eines Jahre zurückliegenden Unfalls ans Bett gefesselte und aufgrund seiner fast kompletten Körperlähmung lebensmüde Ex-Cop Lincoln Rhyme (Denzel Washington), eine Koryphäe auf dem Gebiet des profiling, auf sie aufmerksam. Rhyme wittert gewaltiges Potential hinter der Kollegin und bindet Amelia trotz gänzlicher anderer Karrierepläne ihrerseits in die Ermittlungen ein. Diese werden allerdings immer wieder durch den inkompetenten Captain Cheney (Michael Rooker) torpediert.

Als leicht verspäteter Nachklapp zu den beiden großen Serienkillerfilmen der Dekade – Jonathan Demmes „The Silence Of The Lambs“ und David Finchers „Se7en“ – greift „The Bone Collector“ wie diverse zeitgenössisch entstandene, andere Werke des Subgenres auch, etliche Topoi jener überlange Schatten werfenden Vorbilder auf und versucht, sie durch eine nur unwesentlich modifizierte formale Textur vergeblich als originell erscheinen zu lassen. Dass dieses Vorhaben zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist, zeigt Noyces Film indes nicht als einziges Exempel seiner Ära. Trotz des durchaus routinierten Regisseurs und einer außerordentlich prominenten und adäquat aufspielenden Besetzungsliste erreicht „The Bone Collector“ eines alles andere denn überdurchschnittliche Qualität. Die Hauptschuld daran trägt das mit heißer Nadel konstruierte Script, das zum einen besagte Blaupausen in allzu auffälligem Maße revisioniert und zum anderen den eigenen, letzten Endes maßgeblichen Plot sträflich vernachlässigt.
Die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren Rhyme und Donaghy gestaltet sich zu Beginn als eine Art illuminierter Reprise von der zwischen Lecter und Starling – unmöglich scheinend und durch diverse äußere Umstände voneinander getrennt entwickeln sich doch zarte Bande zwischen dem physisch bewegungsunfähigen Genie und seinem von ihm wohlgeschätzten, ganz nebenbei durch einen Vaterkomplex traumatisierten Schützling, eine kurze, jedoch vielsagende Fingerberührung inbegriffen. Auch andere Charaktere aus Demmes Film erhalten ihre Quasi-Pendants: Michael Rooker substituiert Anthony Heald, Queen Latifah Frankie Faison. Der sich schließlich im Zuge eines arg verpuffenden twist als dem Zuschauer längst vorgestellt entpuppende Täter (ausgerechnet gespielt von Leland Orser, einem vor allem in den Neunzigern vielbeschäftigten Nebendarsteller, der als Semiopfer bereits in „Se7en“ zu sehen war und unmittelbar vor „The Bone Collector“ in Russell Mulcahys wiederum ähnlich angelegtem Gattungsbeitrag „Resurrection“ als hero’s best buddy) erweist sich selbst als verrückt gewordener Ex-Polizist, der die ganze Mordserie lediglich als Rachefeldzug an Lincoln Rhyme, der ihn einst geschasst hatte, inszeniert – der ermittelnde Cop als Schlüsselelement des Tätercoups also. Wie Rhyme und Donaghy, die – das suggeriert das weihnachtlich eingefasste happy end wohlweislich zu allem sonstigen Zuckerguss – am Ende wohl doch mehr als kollegiale Freundschaft füreinander empfinden, ihm nach und nach auf die Schliche kommen, das ist derweil so unglaublich hanebüchen konstruiert, dass jeder auch nur halbwegs logikaffine Kriminalfreund das Grausen bekommen sollte. So sind es die gezielt schrecklich konnotierten Mordvariationen, die die primäre Aufmerksamkeit schüren und so möglicherweise vom dünnen Rest ablenken sollen. Doch gar zu Fürchterliches mutet einem „The Bone Collector“ dann wohlweislich doch nicht zu – das kleine Mädchen (Zena Grey) überlebt.

5/10

CRISIS

„I thought you were my friend.“ – „So did I.“

Crisis ~ CAN/B 2021
Directed By: Nicholas Jarecki

Die USA werden von einer Opioid-Krise gebeutelt. Relativ unumständlich zu verschaffende, starke Schmerzhemmer wie Oxycodon machen in höchstem Maße abhängig und haben durch ihre Verfügbarkeit längst mit dem Konsum illegaler Drogen gleichgezogen. Unkontrollierte, schwer dosierbare Einnahmeformen als Injektion oder Pille gehen häufig mit Atemdepressionen nebst Todesfolge einher. Als neuestes, besonders süchtig machendes Mittel überschwemmt Fentanyl das Land, das den hundertfachen Suchtfaktor von Heroin entwickelt.
Die vormals selbst opioidsüchtige, alleinerziehende Architektin Claire Reimann (Evangeline Lilly) verliert ihren Sohn David (Billy Bryk) infolge einer Überdosis Oxycodon, mag aber nicht glauben, dass der sportbegeisterte Teenager abhängig gewesen sein soll und beginnt, private Ermittlungen in dem Fall anzustellen, die sie nach Montreal führen. Dort leitet der verdeckt arbeitende DEA-Ermittler Jake Kelly (Armie Hammer) just einen großangelegten Schlag gegen den Unterweltboss Mother (Guy Nadon) und die armenische Drogenmafia ein. Derweil gerät der Universitätsbiologe Tyrone Bower (Gary Oldman) in einen schweren Interessenskonflikt: Die im Auftrag eines Pharmamultis durchgeführte Laborversuchsreihe an einem neuem Painkiller, dessen Suchtpotenzial angeblich stark verringert sein soll, zeigt völlig diametrale Resultate; das Medikament wäre im Zulassungsfall möglicherweise hochgefährlich. Gegen den nun folgenden Druck des Großunternehmens hat Bower jedoch keine Chance.

Gute zwanzig Jahre nach Steven Soderberghs nach wie vor bestechendem „Traffic“, dessen erzählerischer Ansatz darin bestand, die Auswirkungen des Heroinschmuggels über die mexikanische Grenze in möglichst vielen sozialrelevanten Facetten widerzuspiegeln, schickt sich Nicholas Jarecki mit dem ähnlich pointiert betitelten „Crisis“ eine aktualisierte Revision des US-Drogenproblems zu schildern. Amerikas neue alternative „Tasse Kaffee“ besteht in painkillers, teilsynthetisch produzierten Opioiden, die nicht in schummrigen Drogenküchen zusammengepanscht, sondern von der globalen Pharmaindustrie in großindustrillem Maßstab produziert werden. Zwar sieht die Gebrauchsspanne jener starken Schmerzmittel vor allem Krebspatienten und ähnlich gelagerte Fälle vor, Oxycodon und das sogar noch brisantere Fentanyl sind aber längst auch auf Straßenlevel erhältlich. Wie stets passen sich die international operierenden Syndikate der veränderten Nachfrage an und finden Mittel und Wege, auch jene Süchtigmacher der geneigten Junkieklientel zugänglich zu machen.
Jene Problematik verhandelt also Jareckis Film, wiederum in drei sich teilweise tangierenden, wesentlichen Narrationssträngen, in deren Zenrtrum jeweils eine ins Sperrfeuer des drug traffic geratende Hauptfigur steht.
Anders als Soderbergh verzichtet Jarecki auf inszenatorische Spezialitäten wie Farbfilter, Wackelkamera und jump cuts, sondern verbleibt in behäbigem, auktorialem Fahrwasser. Abgesehen von wenigen Actionsequenzen, für die freilich Armie Hammer als [auch privat involvierter – seine jüngere Schwester (Lily-Rose Depp) ist selbst schwerstabhängig] engagierter Drogenbulle sorgt, bevorzugt Jarecki gepflegte, umstandslos zu konsumierende Krimi-Flächigkeit. Auch diese Tatsache dürfte dafür mitverantwortlich sein, dass „Crisis“, obwohl er um ein grundsätzlich hochspannendes Sujet kreist, eine wenig mehr denn überdurchschnittliche Gebrauchsqualität an den Tag legt. Die durchweg stereotypisch gezeichneten Charaktere bewegen sich genauso durch ihre Sub-Segmente, wie man es erwarten kann; vom unbestechlichen Ehrenmann, über dessen deutlich ambivalenter agierenden Kollegen und Freund, die skrupellosen Kaptitalismusrepräsentanten (Luke Evans & Veronica Ferres) über die tapfere Selbstjustizlerin bis hin zum von der Resignation überschatteten, aufrechten Cop hält das gebotene Inventar einen gut ausgestatteten, positiv konnotierten Identifikationspool bereit, in dem es sich garantiert jede/r RezipientIn bequem machen kann. Alle drei Stränge schließen zudem mit braven Teil-Happy-Ends, niemand muss hier langfristig in die Röhre (oder ins Röhrchen) blicken. Für einen Film dieses Diskurskalibers empfinde ich soviel euphemistische Einmütigkeit als nicht eben zufriedenstellend.

6/10

UNDER SUSPICION

„Start recording.“

Under Suspicion ~ USA/F 2000
Directed By: Stephen Hopkins

San Juan, Puerto Rico, am Abend des San Sebastián Festivals. Während der reiche Inselprominente und Philanthrop Henry Hearst (Gene Hackman) auf eine Rede bei einer Benefizveranstaltung für Hurricane-Opfer vorbereitet, bittet ihn ein alter Bekannter, Police Captain Victor Benezet (Morgan Freeman), zu einer angeblichen Kurzbefragung aufs hiesige Polizeirevier. Hearst hat tags zuvor in einer Parkanlage die Leiche eines zwölfjährigen Mädchens (Vanessa Shenk) entdeckt – bereits das zweite Mordopfer dieses Alters binnen weniger Tage. Was Hearst nicht ahnen kann: sowohl Benezet als auch sein Adlatus Detective Owens (Thomas Jane) sind aufgrund auffallender Widersprüche in Hearsts Erstaussage der Ansicht, er selbst sei der Hauptverdächtige in beiden Fällen. Und tatsächlich bringt das Verhör Diverses zu Tage, das Hearst immer tiefer in die Angelegenheit verstrickt, ein Eindruck, den ein zusätzliches Interview mit Hearsts Gattin Chantal (Monica Bellucci) nochmals deutlich verschärft….

Wie Claude Millers bereits 1981 entstandener „Garde À Vue“ adaptiert Hopkins‘ Film den Kriminalroman „Brainwash“ des britischen Autors John Wainwright – die Bezeichnung „Remake“ wäre in diesem Fall also strenggenommen unztreffend. Da mir die Vorlage unbekannt ist, vermag ich zur reinen Verfilmungsqualität in beiden Fällen nichts zu äußern – was den Direktvergleich zwischen Millers und Hopkins‘ Variationen anbetrifft indes doch. Der in Paris in der Silversternacht spielende „Garde À Vue“ lebt von einer immensen formalen und psychologischen Strenge, die sowohl sein Regisseur als auch seine formidable Besetzung in konzentrierten Darstellungen widerspiegeln. „Under Suspicion“ begibt sich ganz diametral dazu in das karibische Flair der US-Dependance Puerto Rico, wahrt jedoch eine ähnliche Dichte in Bezug auf Handlungsort und -Zeit. Wie Millers Film kann sich „Under Suspicion“ primär auf seine beiden Antagonisten stützen, namentlich Morgan Freeman und Gene Hackman, die sich hier acht Jahre nach Eastwoods „Unforgiven“ abermals gegenüberstehen, diesmal jedoch unter umgekehrten Voraussetzungen. Als Mann, der Macht, Einfluss und ein gewisses autobiographisches Laisser-faire gewohnt ist, hält Henry Hearst dem durch die Exekutive ausgeübten Druck nicht in der Form stand, wie man es von ihm gewohnt sein könnte. Tatsächlich treffen die Suggestivfragen Benezets ihn völlig unbereitet und positionieren ihn bald in der Sackgasse der Ausweglosigkeit. Eine langwierige Ehekrise, die sich durch fehlende Kommunikation, Verdachtsmomente und Unterstellungen verhärtet hat, tut ihr Übriges. Am Ende stehen drei Individuen, die sich durch ihr stoisches, unreflektiertes Verhalten allesamt selbst in ihr persönliches und soziales Aus manövriert haben; eine Entwicklung, die bei Miller (wiederum fehlt mir der Romaninhalt zur besseren Einordnung) mit dem Verzweiflungssuizid der von Romy Schneider gespielten Ehefrau eine noch weitaus tragischere conclusio einfordert. Ganz so dramatisch mochte man in der US-Version dann doch nicht schließen, wie auch sonst einige Regieentschlüsse fragwürdig erscheinen. So wirkt insbesondere die Marotte, die Polizeiermittler als unmittelbare und aktive Teilnehmer der subjektiven Rückblicke zu inszenieren, eher platt und manieristisch denn funktional und nimmt sich somit eher als defizitäres Merkmal aus. Die Bellucci passt zwar in ihre Rolle, kann einer Romy Schneider aber fraglos nicht das Wasser reichen und auch Thomas Janes Rolle wirkt ungeachtet der eigentlichen Qualitäten des mir stets sympathischen Akteurs merkwürdig vor die Wand gefahren. Grundsätzlich sehenswert bleibt „Under Suspicion“ als Kriminalfilm jedoch allemal, insbesondere durch den ungewöhnlichen Handlungsschauplatz und eben die treffliche Edelpaarung Hackman/Freeman.

7/10

CROWN VIC

„There’s the world inside this squad car, then there’s everything else outside of it.“

Crown Vic (Im Netz der Gewalt) ~ USA 2019
Directed By: Joe Souza

Der aus Oakland versetzte, junge Police Officer Nick Holland (Luke Kleintank) fährt seine erste Nachtsstreife in L.A. mit dem ebenso erfahrenen wie zynischen Cop Ray Mandel (Thomas Jane). Als Greenhorn wird Holland während der folgenden Stunden nicht selten von Mandel aufgezogen, zudem hält die nächtliche Arbeit in der Großstadt allerlei überraschende Lektionen für den werdenden Vater bereit. Die künftige Partnerschaft wird sich jedoch erst vollends in der Konfrontation mit zwei gravierenden Ereignissen bewähren müssen…

Der wohl häufig an „Crown Vic“ (der Originaltitel bezieht sich auf einen vor einigen Jahren noch gängigen Streifenwagen-Typ des LAPD, den „Ford Crown Victoria“) gerichtete Vorwurf, er präsentiere wenig mehr denn ein „Training Day“-Remake, greift natürlich viel zu kurz, und das nicht erst bei genauerem Äugen. Die Prämisse, einen unerfahrenen Jungspund gemeinsam mit einem abgeklärten Hartarsch auf Streife zu schicken, war auch schon zu Zeiten von Fuquas Film keineswegs neu oder gar innovativ; zudem entwickeln sich beide Geschichten gleich von Beginn an in völlig unterschiedliche Richtungen. Ebensogut könnte man „Training Day“ jedenfalls auch als Variation von Fleischers „The New Centurions“ bezeichnen, was letzten Endes ähnlich verfehlt wäre.
Ein dunkles Geheimnis trägt allerdings auch Ray Mandel mit sich herum, dieses ist aber vorrangig persönlicher Natur und besteht nicht etwa darin, dass er die Polizeimarke de facto bloß zur Tarnung trägt und sich eine heimliche Zweitkarriere als crime lord aufgebaut hat. Mandel nimmt sich vielmehr aus wie eine typische Thomas-Jane-Figur und scheint ihm geradezu auf den Leib geschrieben zu sein; wohl nicht zuletzt der Grund, warum seine Interpretation zu den denkwürdigsten mir bekannten Auftritten des Darstellers zählt. Luke Kleintanks Part dient eher als Katalysator und moralische Stellschraube für den längst mit allen Berufswassern gewaschenen Frühfünfziger, dem in jener schicksalhaften Nacht, in der sich die gesamte erzählte Zeit von „Crown Vic“ abspielt, auch eigenen Dämonen zu stellen hat. In den ersten zwei Dritteln entrollt sich zunächst allerdings ein schönes, nächtliches Panoptikum des unübersichtlichen Molochs Los Angeles, eine Ansammlung kauziger Gestalten zwischen Drogen, Suff und psychischen Krankheiten, mit denen sich die „Ordnungshüter“ herumzuschlagen haben. Gerade in dieser anekdotenhaften, breiten und doch pointierten Darstellung der typischen, urbanen Polizei-„Allnacht“ liegt die eigentliche Stärke von Souzas Film, die Kür, derweil der dramaturgische Errichtung des vermeintlichen Story-Höhepunkts eher zur lästigen, wenngleich notwendigen Pflichtübung gerät.
Für Liebhaber (auch und insbesondere) des (klassischen) Polizeifilms von Joseph Wambaugh bis David Ayer u.U. jedenfalls eine durchaus gewinnende Veranstaltung.

7/10

THIS IS LOVE

„Ich werde jetzt überhaupt nichts mehr sagen.“

This Is Love ~ D 2009
Directed By: Matthias Glasner

Die einst erfolgreiche Polizeikommissarin Maggie (Corinna Harfouch) ist nurmehr ein Schatten ihrer selbst, seit ihr Mann Dominik (Herbert Knaup) sie vor sechzehn Jahren verlassen hat. Längst pathologisch dem Alkohol verfallen, ist sie ferner nicht in der Lage, die seitdem ohnehin schwer belastete Beziehung zu ihrer Tochter Nina (Valerie Koch) auf einer stabilen Basis zu halten, wie auch eine notdürftige Liebesaffäre primär vom Suff zusammengeklebt wird. Als der Halbdäne Chris (Jens Albinus) zu ihr in Untersuchungshaft kommt, weil er seinen Hausmeister (Felix Vörtler) erschlagen hat, erinnert sich Maggie dunkel daran, ihn vor Kurzem bereits auf dem Revier gesehen zu haben. Es ging dabei wohl um eine Vermisstenanzeige. Chris ist zunächst nicht bereit, sich zu offenbaren und tritt in Hungerstreik. Maggie jedoch ahnt, dass das Brechen seines Schweigens auch für sie eine Form von Erlösung bedeuten könnte…

Von herausgerissenen Herzen, unmöglichen und brisanten Liebesbeziehungen berichtete Matthias Glasner bereits in dem unglaublich packenden Vergewaltiger-Drama „Der freie Wille“ mit einer solchen Intensität, dass eine nochmalige Steigerung kaum mehr möglich scheint. „This Is Love“ übertrifft dann auch zumindest die inhärente Dramatik des genannten opus magnum nicht, obschon seine verhandelten Themen sich gewiss nicht minder tragisch ausnehmen. Um eine rein missverständlich beendete Ehe geht es mit sich anschließenden sechzehn Jahren persönlichen Fegefeuers und um eine noch viel prekärere hebephile Liebe, deren katastrophaler Verlauf und detereminiertes Scheitern so obligatorisch ist wie Maggies allabendlicher Vollrausch. Glasner erzählt seine beiden, mit aller Macht aufeinander zustrebenden Handlungsstränge chronologisch verschachtelt und zunächst ohne auffällige Parallelisierungen, um sie dann umso heftiger kollidieren zu lassen.
„Down By Love“ wäre eine grundsätzlich ebenso passende, jedoch allzu alberne Titulierung jener ganzen, zermürbenden Konstruktion gewesen. Im jeweiligen Mittelpunkt stehen zwei mit völlig gegensätzlichen Vitae behafteten, bis in ihre Einzelteile zetrümmerte Individuen; auf der einen Seite die vormals starke und selbstbewusste Polizistin, die jedem TV-Krimi alle Ehre gemacht hätte, auf der anderen Seite der verschrobene, leicht autistisch wirkende Diplomatensohn mit dunklen Biographieflecken, der mit seinem Kumpel Holger (Jürgen Vogel) einer „altruistischen Variante des Menschenhandels“ nachgeht: Die beiden kaufen in Vietnam Kinderprostituierte deren lokalen Zuhältern ab, um sie dann in Deutschland wohlhabenden Paaren zur Adoption anzubieten. Bei ihrer jüngsten Klientin, der vielleicht zwölf Jahre alten Jenjira (Duyen Pham), sprengt sich ihr Wirtschaftskonzept jedoch selbst in die Luft, denn Chris verliebt sich in das kleine, gleichwohl schutzbedürftige wie aufgrund seiner schrecklichen Lebensumstände vorgereifte Mädchen. Was zunächst auf väterliche Gefühle hindeutet, ist in Wahrheit doch viel mehr. Chris mag Jenjira nicht mehr hergeben, schlägt ihre potenziellen Adoptiveltern in den Wind und bricht mit Holger, der ihn nicht begreifen kann und wie zum Beweis dafür eine schmerzliche Grenze übertritt. Die hernach angetretene Flucht nach vorn kennt man so ähnlich von Nabokov, ebenso wie ihren zwangsläufig eingeschlagenen Weg. Irgendwann heißt es dann sowohl für Maggie als auch Chris Farbe zu bekennen und das Richtige zu tun. Dafür brauchen sie sich gegenseitig.
Diese unmögliche Konstellation löst Glasner mit einem vergleichsweise versöhnlichen Abschluss, wo anderswo, auch bei Glasner selbst, vielleicht Gewalt und Tod finale Erfüllungsgehilfen gewesen wären. Wo die dazu gehörigen Figuren, mit denen man die letzten zwei Stunden durchrungen und durchlitten hat, nach dem Abspann enden werden, lässt sich indes sehr wohl mutmaßen. Ihr jeweiliges Schicksal jedenfalls dürfte noch lange nicht fertig sein mit ihnen.

9/10