BLADE RUNNER 2049

„Things were simpler then.“

Blade Runner 2049 ~ USA/UK/CAN/HU 2017
Directed By: Denis Villeneuve

Los Angeles, 2049. Dreißig Jahre, nachdem Rick Deckard (Harrison Ford) und die Replikantin Rachael verschwunden sind, stößt der Blade Runner K (Ryan Gosling), selbst ein Replikant der neueren Bauart „Nexus 9“, nach der Stilllegung eines seiner flüchtigen Artgenossen (Dave Bautista), die sich als Renegaten selbstständig gemacht haben und verstecken, auf ein Grab, in dem sich die Überreste einer Replikantin befinden, die offenbar während einer Niederkunft gestorben ist. Der hochbrisante Fund, der beweist, dass die künstlichen Wesen zur Fortpflanzung fähig sind, unterliegt einerseits strengster Geheimhaltung – K erhält den Auftrag, sämtliche mögliche Mitwisser ebenfalls in den Ruhestand zu versetzen – und erregt andererseits das Interesse des Großindustriellen Niander Wallace (Jared Leto), der die frühere Tyrell Corporation übernommen hat und nunmehr führender Magnat auf dem Konstruktionssektor künstlicher Intelligenz ist. Wallace will unbedingt herausbekommen, welcher auslösende Faktor für die Fruchtbarkeit der Replikantin, bei der es sich um Rachael handelte, verantwortlich ist und wo sich ihres und Deckards Kind mittlerweile erwachsenes Kind befindet. Er lässt sowohl K als auch Deckard, den K sucht und schließlich im verlassenen Las Vegas ausfindig macht, jagen.

Tja. Der großen Euphorie, die „Blade Runner 2049“ bei seiner Kinopremiere empfing, kann und mag ich micht nicht recht eingemeinden, letzlich aus primär subjektiven, stark emotional gefärbten Gründen, wie ich anschließen möchte. Vermutlich stellt Dennis Villeneuves Film die bestmögliche aller denkbaren Alternativen dar, nachdem man sich der zwangsläufigen Hypothese widmet, wie ein etwaiges Sequel, so man sich denn mit der Idee arrangiert, dass ein solches überhaupt eine Existenzberechtigung erhält, sonst noch ausgefallen sein könnte. Ich gelange im Zuge aller diesbezüglichen Überlegungen jedoch immer wieder in dieselbe gedankliche Sackgasse, die mich starken Zweifeln eben genau darüber aussetzt, ob eine Fortsetzung überhaupt nötig war und ist.
„Blade Runner“ ist für mich (ausschließlich eigenbiographisch betrachtet) das möglicherweise wichtigste Exponant der Siebenten Kunst überhaupt. In einigen der vulnerabelsten und sensibelsten Phasen meines Lebens hat Ridley Scotts unglaublich reichhaltiger Film mir elementare Antworten beschert und meiner Liebe zum Medium Film den unerschütterlichsten aller Sockel gegossen. Vielleicht gab es sogar Zeiten, in denen er mich buchstäblich gerettet hat. Wenn ich an meine Phase zwischen dem dreizehnten und zwanzigsten Lebensjahr zurückdenke, was grob der Spanne zwischen 1989 und 1996 entspricht, denke ich an viele wichtige charakteristische Ereignisse, unter denen die immer wieder erfolgenden, regelmäßigen Betrachtungen dieses Films auf den oberen Plätzen rangiert. Ich muss „Blade Runner“ damals gewiss um die fünfzig Male (oder öfter?) gesehen haben, in den unterschiedlichsten emotionalen, psychischen und Bewusstseinszuständen und habe ihn dabei so sehr durchdrungen und internalisiert, wie das bei und mit einem Film wohl überhaupt nur möglich ist.
Soviel zu der Frage, auf welchen Nährboden eine Fortsetzung in meinem Herzen und meinem Verstand stößt. Jener Nährboden ist über die Jahre kultiviert, beackert, zerfurcht wurden, hier und da zur Brache verödet, aber immer wieder zu neuer Blüte erwacht. „Blade Runner 2049“ hat insofern den ersten, nebligen Effekt auf mich, als versuchte jemand, mir den urplötzlich aufgetauchten Bruder eines immens wichtigen, alten, liebgewonnenen Freundes als gleichwertig vorzustellen und zu sagen: „Bitte, der ist jetzt da, finde ihn toll. Du kennst ihn zwar nicht, aber er kann und weiß alles, was dein Kumpel kann und weiß, ist aber viel jünger, jovialer und total selbstbewusst.“ Am Ende, nach einer gemeinsamen Kneipentour vielleicht, fand ich den Burschen eigentlich nicht mal unsympathisch, aber brüderliche Liebe? Von jetzt auf gleich noch dazu? Niemals.
Villeneuve spinnt also das originäre „Blade Runner“-Universum fort. Nicht das von Dick, sondern das von Scott, dezidiert das Kino-Universum. In der filmischen Realität ist etwas weniger Zeit vergangen als in der unsrigen, tatsächlichen, nämlich nur dreißig statt fünfunddreißig Jahren. L.A. ist noch immer ein gewaltiger, urbaner Moloch, mittlerweile so extrem vom Smog durchdrungen wie eine chinesische Großstadt bereits heute, dröhnen die Häuserschluchten nach wie vor vom cityspeak wieder. Die neueren Replikanten teilen sich ihren Status als künstlich intelligente, lebensechte Kreaturen mit holographischen Freunden und HausgenossInnen, die mögliche Einsamkeit kompensieren. Auch K gehört zu jener jüngeren Androidengeneration, die um ihre existzenziellen Wurzeln wissen und sich kritiklos mit ihnen abfinden können, um Rebellionen, wie es sie früher immer mal wieder unter ihren unzufriedenen Vorgängermodellen gab, vorzubeugen. K weiß, dass seine Kindheitserinnerungen artifizieller Natur sind. Sein Ich-Bild gerät zwar zwischenzeitlich zunehmend ins Wanken, rekonfiguriert sich jedoch nach der bitteren Desillusionierung, dass er doch nicht „mehr“ ist, als er kurzfristig zu sein glaubt.
Dennoch steht wie damals der große, philosophische Diskurs im Zentrum, was Menschlichkeit überhaupt ausmacht und ob sie sich zuverlässig definieren lässt. Die Antwort, die Villeneuves Film liefert, ist dabei sehr viel eindeutiger als damals die bei Scott. In einem Interview gab Villeneuve zum Besten, er „liebe Geheimnisse“. Dem trägt er dadurch Rechnung, dass die Frage nach Deckards Identität weiterhin unbeantwortet bleibt. Replikanten gibt es mittlerweile nämlich in den unterschiedlichsten Variationen. Manche, die mittlerweile als Fehlschlag kategorisiert sind und nach wie vor gejagt werden (warum K nebenbei nicht arbeitslos ist), haben eine unbeschränkte Lebensdauer, andere, wie K, sind zumindest augenscheinlich im Hinblick auf ihre reine Funktionalität hin, optimiert und problemlos, indem sie weder sich selbst, noch ihre Entstehung hinterfragen.
„How can it not know what it is?“ fragte Deckard den alten Tyrell einst, nachdem er die sich menschlich glaubende Rachael dem Voight-Kampff-Test unterzogen hatte und feststellte, dass sie künstlich sein muss. So tief geht „Blade Runner 2049“ nicht mehr. Die Revolte gegen ihre gottgleichen, menschlichen Schöpfer pflegt eine kleine Replikanten-Gruppe unter der geheimnisvollen Freysa (Hiam Abass), nun organisiert und aus dem Untergrund heraus. Eine vergleichsweise lose, inhaltliche Volte, die vornehmlich dazu dient, K, der mit Goslings schiefem Dackelblick immer konsequenter zum Humandasein schielt, gegen Ende doch noch den Boden unter der Füßen wegzuziehen. Ihm bleibt dann nur noch die überfällige Familienzusammenführung, bevor er zu Vangelis‘ Partitur (die jetzt von Hans Zimmer und Bejamin Wallfisch aufbereitet wird), im Schnee sitzt und (vermutlich) ausgeht, in den Ruhestand versetzt wird, sprich. Time to die. Again. Ob ich das sonderlich originell finden möchte, wie so viele andere Elemente, die Villeneuve siegesgewiss als genau das – nämlich originell – veräußert, kann ich noch immer nicht recht sagen.
„Blade Runner 2049“ ist gewiss kein schlechter Film. Er ist immer noch hinreichend visionär und von etlichen Meistern ihres Fachs in streckenweise gewiss bravourösem Zusammenspiel kreiert worden. Er macht seinem Vorbild keine Schande und erweist ihm seine Ehrerbietung, so gut es ihm möglich ist. Der göttliche Funke jedoch, jener manchmal winzig kleine Sprenkler, der schlussendlich veritables Genie vom zuverlässigen Gesellenstück abhebt, der fehlt.

8/10

Advertisements

REGRESSION

„I am starting to use my head again.“

Regression ~ E/CAN 2015
Directed By: Alejandro Amenábar

Ländliches Minnesota, 1990. Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke) soll im Falle Gray ermitteln, in dessen Zuge der religiös verbrämte Vater John Gray (David Dencik) offenbar seine Tochter Angela (Emma Watson) sexuell missbraucht haben soll, sich an die Tat jedoch nicht mehr erinnern kann. Mithilfe des Psychologen Kenneth Raines (David Thewlis) will Kenner den Ereignissen auf die Spur gehen: Täuscht Gray seine Amnesie nur vor oder haben die zugrunde liegenden Geschnisse sich womöglich ganz anders zugetragen? Kenner, der von zunehmend bizarren Albträumen heimgesucht wird und sich von merkwürdigen Gestalten verfolgt sieht, beginnt bald an die Theorie eines Satanskults zu glauben, dessen Opfer Angela wurde…

Viel Rauch um Nichts in diesem doch recht enttäuschenden Pseudo-Horror- und Familiendrama des Spaniers Alejandro Amenábar, dessen Erste-Klasse-Spukhausfilm „The Others“ damit weiterhin seinen Status des unangefochtenen Schaffensjuwels in seiner Regisseurskrone präserviert. Diese Geschichten, in denen ein vermeintlicher Unschuldsengel treudoofe Ermittler, seien es Polizisten, Anwälte oder sonstwie naive Naturen, an der Nase herumführt bis zum bitteren Ende der Erkenntnis, die kennt man. Zumeist haben diese ganz speziellen Mimen der Innozenz aber ja ihre ureigenen Gründe, die weltlichen Vertreter von Recht und Gesetz an der Nase herumzuführen und diese sind dann auch nicht immer ganz unverständlicher Natur. Die aparte Emma Thompson verfügt in „Regression“ selbst über einen solchen; sie ist als nicht ganz unverdorbenes Früchtchen nämlich schlichtweg der einengenden Schranken ihres kleinbürgerlichen Landeierdaseins überdrüssig, das aus biederem Spießertum, Vorhaltungen, Unterdrückung und anderem Althergebrachten besteht. Den früheren Unfalltod ihrer Mutter lastet sie nämlich ebenfalls den Umständen an und selbst so enden will sie verständlicherweise nicht. Eine kurzerhand aus dem Hut gezauberte Missbrauchsstory, so die zwingende Logik, könnte da bald schon für einseitige Erleichterung zu sorgen und die gute Angela soll Recht behalten.
Tatsächlich gab es in den Achtzigern und Frühneunzigern eine ganze Kette von angeblichen Vergewaltigungen von Schutzbefohlenen, deren Angeklagte sich im Nachhinein oftmals wahlweise als völlig unschuldig erwiesen oder die zum Opfer  komplett tendenziöser Verhandlungsführung wurden, so etwa im Falle des berüchtigten Oak Hill satanic ritual abuse trial, in dessen Zuge das texanische Ehepaar Keller 1991 wegen satanistisch motivierten Kindesmissbrauchs zu jeweils 48 Jahren Haft verurteilt wurde. Erst im November 2013 kamen sie aufgrund möglicher Verfahrensfehler frei und wurden im Sommer letzten Jahres nach hinreichender Aufarbeitung der tatsächlichen Ereignisse, die vor vor allem Resultate einer abstruse Formen annehmenden Massenhysterie der beteiligten Ankläger widerspiegelten, endgültig für unschuldig erklärt.
„Regression“ macht sich ein paar Fakten dieses und anderer Fälle zunutze, entwickelt jedoch bei Weitem nicht die Tragweite, derer dieses kaum fassbare Sujet eigentlich bedürfte. Eine wirklich ordentliche Aufbereitung der tatsächlichen Ereignisse in Filmform steht weiterhin aus, aber stattdessen begnügt man sich lieber mit seicht Angesetztem wie dem hier oder verwurstet gleich angeblich authentische Fälle von Dämonenaustreibungen irgendwo in hillbilly country.

4/10

TATTOO

„Sind Sie ein Sammler?“

Tattoo ~ D 2002
Directed By: Robert Schwentke

Der junge Berliner Kommissar Marc Schrader (August Diehl) muss gezwungenermaßen mit dem älteren Minks (Christian Redl) zusammenarbeiten. Diesem ist seine Tochter Maya (Nadeshda Brennicke) weggelaufen, die Minks nun im Rotlichtmilieu vermutet und verzweifelt sucht. Schrader und Minks‘ hochnotbrisanter Fall dreht sich derweil um einen Serienmörder, der seinen Opfern besondere Tätowierungen aus der Haut schneidet, um diese offenbar einer privaten Sammlung einzuverleiben. Die beiden ungleichen Ermittler stoßen auf immer mehr Leichen und Hinweise, derweil sich auch die Kreise um sie selbst immer enger ziehen, denn Maya, die Schrader bald ausfindig macht, ist auf ganz besondere Weise tätowiert…

Der düstere bis apokalyptische, extrem durchstilisierte Serienkillerfilm erlebte in den Jahren nach Finchers „Se7en“ eine zuvor nie gekannte Blüte und Hochphase, die bis weit in den Mainstream hineinreichte und nicht nur im eigenen Lande, sondern auch international viele, viele Ableger fand. Besondere Kennzeichen jener Spielart bestanden vor allem darin, die jeweils zum ausweglosen Mikrokosmos heruntergebrochene Realität der Polizisten und Kriminellen zu einer höllischen Spielwiese bar jeder Ethik und Moral verkommen und die nicht selten genialisch charakterisierten Gewalttäter am Ende als überlegene, wahlweise heimliche Gewinner in einer infernalischen Welt am Abgrund dastehen zu lassen. Derlei begab sich abseits des „Tatort“ bald auch hierzulande, wo sich der erwartungsgemäß bald darauf in Hollywood tätige Robert Schwentke an dieser ganz speziellen Abseitigkeit mörderischer Bestrebungen versuchte.
Grundsätzlich ist hiesiges Genrekino, zunächst einmal immer zu begrüßen, und handele es sich lediglich um einen seriösen Versuch, Entsprechendes aufzuziehen. Nun ist jedoch ausgerechnet das Serienkillermotiv eines, das, zumal hinsichtlich Form und Atmosphäre, bereits 2002 im Prinzip erschöpfend durchprobiert und -exerziert worden war, was es „Tattoo“ nicht eben leicht machte. Die Pfade, auf denen Schwentke ergo zu wandeln hatte, waren bereits hinreichend ausgelatscht, was seinen Film somit a priori zum Mosaiksteinchen innerhalb einer ziemlich übermächtig bedienten Thriller-Spielart werden lässt. Vor allem an Fincher wird einmal mehr ordentlich Tribut bezahlt, wenn einer der Ermittler selbst zur Schachfigur des Mörders wird, sein Liebstes auf die denkbar brutalste Weise verloren erkennt und den Kampf gegen das übermächtige Böse daraufhin aufgibt.
Diese Einordnung außer Acht gelassen, bleibt eine insgesamt solide Arbeit, die zumindest halbwegs spannend über ihre Runden trägt und trotz des sich hier und da etwas albern gerierenden Leitfadens um prachtvolle Tätowierkunst (aus dem japanischen Raum vornehmlich; wohl, um das Ganze noch etwas exklusiver abzufassen) immer noch recht ordentlich deckt. Gute DarstellerInnen tragen neben Schwentkes ordentlichem Handwerk Sorge dafür. Ferner ein – wenn auch kleiner – Lichtblick im ewigen, immergleichen deutschen RomCom-Allerlei.

7/10

THE LIMEHOUSE GOLEM

„Here we are again!“

The Limehouse Golem ~ UK 2016
Directed By: Juan Carlos Medina

In der Ära der Viktorianischen Jahre geht im Londoner Viertel Limehouse ein Mörder um, den die zu Geschwätz und Aberglauben neigenden Einwohner bald als „Limehouse Golem“ bezeichnen. Die Spur führt den ermittelnden, stillen Inspector Kildare (Bill Nighy) zu der beliebten Sängerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), die des Mordes an ihrem Mann John verdächtig ist. Kildares Ermittlungen ergeben, dass etliche Indizien die Identität des Golem betreffend zur Person John Crees führen, allein der finale Beweis steht noch aus…

Ein Film wie „The Limehouse Golem“ hat ganz einfaches Spiel mit mir: Kostümkino, dazu noch angesiedelt im Viktorianischen London und, gewissermaßen als vollmundiges parfait, eine Mördergeschichte obendrauf – da bin ich stets gern dabei. Peter Ackroyds zugrunde liegender Roman spielt, ähnlich wie Alan Moores gewaltiges „From Hell“, abseits von seinem Kernplot um die Mordserie und deren Aufklärung, mit den Mythen, den multiplen kulturellen und ethnischen Facetten jener Periode, die weite Teile Londons zu einem multikulturellen Schmelztiegel machten. Insbesondere jedoch das Hafenviertel Limehouse im East End der Stadt, berüchtigt für seine Ansammlungen exotischer Halbweltler und deren hierher transferierte Lebensart, gilt als Inspiration für eine Vielzahl von Geschichten und Trivialabenteuern von Thomas Burke bis hin zu Sax Rohmer. Entsprechend reichhaltig der Inspirationsfundus. Dass sich bei Ackroyd, respektive der Adaption, noch Platz für historische Zeitgenossen findet, nominell den Schauspieler Dan Leno (Douglas Booth), den Autor George Gissing (Morgan Watkins) und Karl Marx (Henry Goodman), verleiht „The Limehouse Golem“ eine von mehreren interessanten Zusatznoten, zu denen ebenso die Einblicke in die frühe Musical-Theatre-Szene gehören. Als Genrestück hingegen nimmt sich Medinas zweiter Langfilm wohl weniger erwähnenswert aus; zwar spielt ihm eine gewisse, mit dem Stoff einhergehende Abgründigkeit in die Karten, wer jedoch explizit nach einem historisch aufgeladenem Spannungsstück sucht, könnte sich möglicher- und berechtigterweise enttäuscht finden.
Für mich ist „The Limehouse Golem“ insofern sehenswert, als dass es ihm vorzüglich gelingt, in die porträtierte Ära einzutauchen und mit seinen Querverweisen ein paar inspirierende und stimulierende Einblicke zu leisten.

7/10

MILANO VIOLENTA

Zitat entfällt.

Milano Violenta (Die letzte Rechnung schreibt der Tod) ~ I 1976
Directed By: Mario Caiano

Der als bombensicher geplante Überfall eines Gangsterquartetts auf das Lohnbüro einer Mailänder Firma läuft keineswegs so reibungslos ab wie gedacht: Während des Coups erscheint flugs die Polizei; die Ganoven müssen voneinander getrennt fliehen. Während Walter (Vittorio Mezzogiorno) und Tropea (Biagio Pelligra) mit der Beute fliehen und sich verstecken können, sind Raul (Claudio Cassinelli) und Fausto (John Steiner) gezwungen, eine Geisel mitzunehmen. Während Fausto durchdreht und das Zeitliche segnet, versucht Raul, den Aufenthaltsort seiner Kumpanen und somit den des Geldes herauszubekommen, doch Walter und Tropea sind überhaupt nicht mehr daran interessiert, mit ihm zu teilen. Hinzu kommt, dass die beiden Polizisten Foschi (Elio Zamuto) und Tucci (Salvatore Puntillo) Raul dicht auf den Fersen sind…

Ein klein wenig an den seligen Heinz Klett erinnert Claudio Cassinelli als Raul Montalbani in diesem italienischen Genrestück, da auch in seiner Divergenz als halber Poliziottesco und halber Gangsterfilm noch eine gute Figur macht. Rolf Olsens „Blutiger Freitag“ lässt hier nicht allein seiner bloßen Provenienz wegen grüßen und ebensowenig, weil Cassinelli mit demselben Synchronsprecher wie ehedem Raimund Harmstorf, nämlich Klaus Kindler, ausgestattet ist. Vielmehr sind beide Filme Brüder im Geiste, berichten von einem zunehmend in die Enge getriebenen Ganoven, der in wachsender Bedrängnis immer tollwütiger wird, bis nurmehr eine Überzahl an Feuerwaffen ihn aufzuhalten vermag. Dabei ist Raul Montalban gar nicht mal der Böseste unter den Bösen in „Milano Violenta“; sein vormaliger Kompagnon Walter entwickelt nach der Zwangsabnabelung des kriminellen Mastermind Raul ein immer fortschreitenderes Gier- und Gewaltpotenzial, das ihn gegen Ende noch zu einem finalen Duell gegen den bereits totgeglaubten Ex-Partner führt. Was „Milano Violenta“ dann aber vom blutigen Freitag unterscheidet, ist neben einer sich ernstlich gestaltenden Romanze des Haupthalunken die im italienischen Sleazethriller der Siebziger gewohnheitsmäßig anberaumte Präsenz des beschirmten Rechtsauges, hier repräsentiert durch zwei sympathische poliziotti, die ausnahmsweise mal nicht den kernbeißerischen Gestus eines Maurizio Merli oder Luc Merenda teilen, sondern vergleichsweise geerdet daherkommen und sich daher als narrative Stichwortgeber gut einpflegen.
Ganz phantastisch im Übrigen der Score von Gianfranco Plenizio mit hohem Ohrwurmcharakter. Kann man alles so im Komplettpaket mitnehmen.

8/10

UN POLIZIOTTO SCOMODO

Zitat entfällt.

Un Poliziotto Scomodo (Convoy Busters) ~ I 1978
Directed By: Stelvio Massi

Commissario Olmi (Maurizio Merli) vom römischen Morddezernat eckt seiner rüden Methoden wegen immer wieder bei Vorgesetzten und Staatsanwaltschaft an. Ist etwa ein wichtiger Zeuge, so der juvenile Fatzke Marcello Degan (Marco Gelardini), einmal weniger gesprächig als es ihm zukommt, setzt es Hiebe, bis die Zunge sich lockert – doch unter Zwang abgegebene Aussagen sind nichts wert, und wenn sie noch so sehr der Wahrheit entsprechen. Degan senior (Massimo Serrato), Zollbeamter, umtriebiger, Diamantenschmuggler, Mörder und Vater Marcellos, kann also weitermachen wie bisher, doch Olmi hat ohnehin bereits den großen Hintermann im Auge. Dieser sitzt in Person des nicht ganz so sauberen Geschäftsmannes Corchi (Mimmo Palmara) in unmittelbarer Küstennähe und betreibt dort einen florierenden Waffenschmuggel, der sich wohlfeil hinter einer Spedizionsfirma und einem lokalen TV-Sender tarnt. Wie gut, dass Olmi just dorthin versetzt wird und mit der feschen Anna (Olga Karlatos) gleich noch eine nette Hupfdohle kennenlernt.

Und nocheinmal Maurizio Merli, der gutaussehende Mann mit blauem Schnäuz und blondem Auge und viel Haarlack, der Kämpfer für Witwen und Waisen, der garibaldische Patriot und Kommissar aus Eisen! Was ich letzthin schrieb, gilt in so ziemlich allen Belangen auch für „Un Poliziotto Scomodo“, nur, dass diesmal Stelvio Massi die Regie übernehmen durfte und mir die flötenbewährte Musik von Stelvio Cipriani besonders viel Freude bereitete.
Die böse Fügung, dass der Kommissar zwischendrin an so ziemlich allem scheitern muss; am eigenen Anspruch, an der Gewieftheit seiner Widersacher, vor allem aber an der Unflexibilität des Rechtsstaats, trifft auch den armen Olmi, als er hilflos zusehen muss, wie der üble Degan sich in letzter Minute mit einem Flieger in die höchst unverdiente Freiheit absetzen kann. Zäsur, Versetzung, Provinz. Die ansonsten stets locker sitzende Handfeuerwaffe landet zuallererst bedeutungsschwer in der Schublade, wo sie zunächst auch bleiben kann, denn hier an der See bekommt es Olmi bestenfalls mit ein paar großmäuligen Rüpeln zu tun, die auch im Sechserpack ganz schnell abgefertigt werden. Und doch – wo Olmi ist, da ist auch das organisierte Verbrechen nicht fern und es lauert , seelisch erstarkt durch freundliche Kollegen, wesentlich mehr Handlungsfreiheit und vor allem eine schnieke Dame im Bettchen, für Olmi die Gelegenheit, die letzte Schlappe wieder auszuwetzen. Sein neuer Gegner Corchi weiß nämlich nicht, mit wem er es hier zu tun bekommt.
Es ist zwar etwas Schade, dass Massimo Serrato, gerade, als man ihn als bösen Hundsfott so richtig ins Herz geschlossen hat, schon wieder so rasch aus dem Film verschwinden muss und mit Mimmo Palmara einen eher blassen Ersatz hinterlässt, doch „Un Poliziotto Scomodo“ liefert unter Aufendung der allseits gewohnten Meriten trotzdem die volle Merli-Dröhnung: Es gibt reichlich Action, Spaß und diesmal mehr Hiebe als Patronen, was aber auch in Ordnung geht. Olmi vor!

7/10

ITALIA A MANO ARMATA

Zitat entfällt.

Italia A Mano Armata (Cop Hunter) ~ I 1976
Directed By: Marino Girolami

Commissario Betti (Maurizio Merli) von der römischen Mordkommission sieht sich wie üblich mit einer Welle des Verbrechens konfrontiert, die von Albertelli (John Saxon), dem großen Boss im Hintergrund, geplant und koordiniert wird. Vor allem Banküberfälle mit Scheingeiselnahmen gehören zum Konzept seiner Gang. Dennoch bleiben Albertellis Hände stets blütenrein, so dass Betti, der genau Bescheid weiß, dem großen Hai nichts nachweisen kann. Als in Albertellis Auftrag eine Gruppe von Schulkindern entführt wird, eine Aktion, bei der ein kleiner Junge serben muss, ist Betti sowohl sich als auch Luisa (Mirella D’Angelo), der Schwester des Jungen, schuldig, Albertelli endgültig dingfest zu machen.

Nach Marino Girolamis „Roma Violenta“ und Umberto Lenzis „Napoli Violenta“ nahm abermals Signore Girolami das Heft zur Hand und inszenierte mit „Italia A Mano Armata“ den letzten Teil der binnen rund einem Jahr entstandenen Trilogie um das römische Callahan-Pendant Betti, einem Typen, der gern dazu neigt, weniger auf das hoffnungslos korrumpierte System, denn auf die eigene Schlagkraft und Rechtsprechung zu setzen. Ursprünglich war Merli als Franco-Nero-Substitut engagiert worden und „Roma Violenta“ als nachgeschobener Profiteur zu Enzo Castellaris höchst erfolgreichem „La Polizia Incrimina La Legge Assolve“ gedacht, der dem Poliziottesco seinerseits erst das rechte Maß an explosivem Zunder verliehen hatte. Bei Girolami und Merli wurde dann der Exploitationfaktor nochmal zünftig angeschraubt, die Schurken wesentlich roher und unmenschlicher und die Gewaltszenen intensiver, womit die Gattung dann ihre eigentliche, finale Form zuteil wurde, die dann neben Merli, dem ungekrönten König des Poliziottesco, noch weitere Protagonisten in Luc Merenda, Henry Silva oder Marcell Bozzuffi hervorbrachte. Ob Merli sich nun Betti, Tanzi oder Ferro nannte; er spielte im Prinzip die immerselbe Figur vor dem immerselben Konzept. Manchmal, wie auch in „Italio A Mano Armata“, musste seine Figur dann am Ende noch urplötzlich als großer Verlierer gegen die allumfassende Systemfäule dann doch noch überraschend den Löffel abgeben (auch das nach Nero-Vorbild) und der Zuschauer mit einem gehörigen Schreck das Kino verlassen.
So wenig vielgestaltig wie seine insgesamt elf Polizeifilme ist auch deren ihnen immanente Qualitätsspanne; wenn man sich einen Merli vornimmt, dann weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Das kommt einem mustergültigen Gütesiegel gleich, auf das man zählen kann und das keinen, der einmal seine Freude daran gefunden hat, je wirklich enttäuschen dürfte. „Italio A Amano Armata“ ist mit sorgsam verteilten, kernigen Actionszenen und etablierten Mustern nun weder der beste noch der schwächste Beitrag zu diesem insgesamt sehr schönen Zyklus. Man fühlt sich zu Hause in ihm und das ist gut.

7/10