MILANO VIOLENTA

Zitat entfällt.

Milano Violenta (Die letzte Rechnung schreibt der Tod) ~ I 1976
Directed By: Mario Caiano

Der als bombensicher geplante Überfall eines Gangsterquartetts auf das Lohnbüro einer Mailänder Firma läuft keineswegs so reibungslos ab wie gedacht: Während des Coups erscheint flugs die Polizei; die Ganoven müssen voneinander getrennt fliehen. Während Walter (Vittorio Mezzogiorno) und Tropea (Biagio Pelligra) mit der Beute fliehen und sich verstecken können, sind Raul (Claudio Cassinelli) und Fausto (John Steiner) gezwungen, eine Geisel mitzunehmen. Während Fausto durchdreht und das Zeitliche segnet, versucht Raul, den Aufenthaltsort seiner Kumpanen und somit den des Geldes herauszubekommen, doch Walter und Tropea sind überhaupt nicht mehr daran interessiert, mit ihm zu teilen. Hinzu kommt, dass die beiden Polizisten Foschi (Elio Zamuto) und Tucci (Salvatore Puntillo) Raul dicht auf den Fersen sind…

Ein klein wenig an den seligen Heinz Klett erinnert Claudio Cassinelli als Raul Montalbani in diesem italienischen Genrestück, da auch in seiner Divergenz als halber Poliziottesco und halber Gangsterfilm noch eine gute Figur macht. Rolf Olsens „Blutiger Freitag“ lässt hier nicht allein seiner bloßen Provenienz wegen grüßen und ebensowenig, weil Cassinelli mit demselben Synchronsprecher wie ehedem Raimund Harmstorf, nämlich Klaus Kindler, ausgestattet ist. Vielmehr sind beide Filme Brüder im Geiste, berichten von einem zunehmend in die Enge getriebenen Ganoven, der in wachsender Bedrängnis immer tollwütiger wird, bis nurmehr eine Überzahl an Feuerwaffen ihn aufzuhalten vermag. Dabei ist Raul Montalban gar nicht mal der Böseste unter den Bösen in „Milano Violenta“; sein vormaliger Kompagnon Walter entwickelt nach der Zwangsabnabelung des kriminellen Mastermind Raul ein immer fortschreitenderes Gier- und Gewaltpotenzial, das ihn gegen Ende noch zu einem finalen Duell gegen den bereits totgeglaubten Ex-Partner führt. Was „Milano Violenta“ dann aber vom blutigen Freitag unterscheidet, ist neben einer sich ernstlich gestaltenden Romanze des Haupthalunken die im italienischen Sleazethriller der Siebziger gewohnheitsmäßig anberaumte Präsenz des beschirmten Rechtsauges, hier repräsentiert durch zwei sympathische poliziotti, die ausnahmsweise mal nicht den kernbeißerischen Gestus eines Maurizio Merli oder Luc Merenda teilen, sondern vergleichsweise geerdet daherkommen und sich daher als narrative Stichwortgeber gut einpflegen.
Ganz phantastisch im Übrigen der Score von Gianfranco Plenizio mit hohem Ohrwurmcharakter. Kann man alles so im Komplettpaket mitnehmen.

8/10

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UN POLIZIOTTO SCOMODO

Zitat entfällt.

Un Poliziotto Scomodo (Convoy Busters) ~ I 1978
Directed By: Stelvio Massi

Commissario Olmi (Maurizio Merli) vom römischen Morddezernat eckt seiner rüden Methoden wegen immer wieder bei Vorgesetzten und Staatsanwaltschaft an. Ist etwa ein wichtiger Zeuge, so der juvenile Fatzke Marcello Degan (Marco Gelardini), einmal weniger gesprächig als es ihm zukommt, setzt es Hiebe, bis die Zunge sich lockert – doch unter Zwang abgegebene Aussagen sind nichts wert, und wenn sie noch so sehr der Wahrheit entsprechen. Degan senior (Massimo Serrato), Zollbeamter, umtriebiger, Diamantenschmuggler, Mörder und Vater Marcellos, kann also weitermachen wie bisher, doch Olmi hat ohnehin bereits den großen Hintermann im Auge. Dieser sitzt in Person des nicht ganz so sauberen Geschäftsmannes Corchi (Mimmo Palmara) in unmittelbarer Küstennähe und betreibt dort einen florierenden Waffenschmuggel, der sich wohlfeil hinter einer Spedizionsfirma und einem lokalen TV-Sender tarnt. Wie gut, dass Olmi just dorthin versetzt wird und mit der feschen Anna (Olga Karlatos) gleich noch eine nette Hupfdohle kennenlernt.

Und nocheinmal Maurizio Merli, der gutaussehende Mann mit blauem Schnäuz und blondem Auge und viel Haarlack, der Kämpfer für Witwen und Waisen, der garibaldische Patriot und Kommissar aus Eisen! Was ich letzthin schrieb, gilt in so ziemlich allen Belangen auch für „Un Poliziotto Scomodo“, nur, dass diesmal Stelvio Massi die Regie übernehmen durfte und mir die flötenbewährte Musik von Stelvio Cipriani besonders viel Freude bereitete.
Die böse Fügung, dass der Kommissar zwischendrin an so ziemlich allem scheitern muss; am eigenen Anspruch, an der Gewieftheit seiner Widersacher, vor allem aber an der Unflexibilität des Rechtsstaats, trifft auch den armen Olmi, als er hilflos zusehen muss, wie der üble Degan sich in letzter Minute mit einem Flieger in die höchst unverdiente Freiheit absetzen kann. Zäsur, Versetzung, Provinz. Die ansonsten stets locker sitzende Handfeuerwaffe landet zuallererst bedeutungsschwer in der Schublade, wo sie zunächst auch bleiben kann, denn hier an der See bekommt es Olmi bestenfalls mit ein paar großmäuligen Rüpeln zu tun, die auch im Sechserpack ganz schnell abgefertigt werden. Und doch – wo Olmi ist, da ist auch das organisierte Verbrechen nicht fern und es lauert , seelisch erstarkt durch freundliche Kollegen, wesentlich mehr Handlungsfreiheit und vor allem eine schnieke Dame im Bettchen, für Olmi die Gelegenheit, die letzte Schlappe wieder auszuwetzen. Sein neuer Gegner Corchi weiß nämlich nicht, mit wem er es hier zu tun bekommt.
Es ist zwar etwas Schade, dass Massimo Serrato, gerade, als man ihn als bösen Hundsfott so richtig ins Herz geschlossen hat, schon wieder so rasch aus dem Film verschwinden muss und mit Mimmo Palmara einen eher blassen Ersatz hinterlässt, doch „Un Poliziotto Scomodo“ liefert unter Aufendung der allseits gewohnten Meriten trotzdem die volle Merli-Dröhnung: Es gibt reichlich Action, Spaß und diesmal mehr Hiebe als Patronen, was aber auch in Ordnung geht. Olmi vor!

7/10

ITALIA A MANO ARMATA

Zitat entfällt.

Italia A Mano Armata (Cop Hunter) ~ I 1976
Directed By: Marino Girolami

Commissario Betti (Maurizio Merli) von der römischen Mordkommission sieht sich wie üblich mit einer Welle des Verbrechens konfrontiert, die von Albertelli (John Saxon), dem großen Boss im Hintergrund, geplant und koordiniert wird. Vor allem Banküberfälle mit Scheingeiselnahmen gehören zum Konzept seiner Gang. Dennoch bleiben Albertellis Hände stets blütenrein, so dass Betti, der genau Bescheid weiß, dem großen Hai nichts nachweisen kann. Als in Albertellis Auftrag eine Gruppe von Schulkindern entführt wird, eine Aktion, bei der ein kleiner Junge serben muss, ist Betti sowohl sich als auch Luisa (Mirella D’Angelo), der Schwester des Jungen, schuldig, Albertelli endgültig dingfest zu machen.

Nach Marino Girolamis „Roma Violenta“ und Umberto Lenzis „Napoli Violenta“ nahm abermals Signore Girolami das Heft zur Hand und inszenierte mit „Italia A Mano Armata“ den letzten Teil der binnen rund einem Jahr entstandenen Trilogie um das römische Callahan-Pendant Betti, einem Typen, der gern dazu neigt, weniger auf das hoffnungslos korrumpierte System, denn auf die eigene Schlagkraft und Rechtsprechung zu setzen. Ursprünglich war Merli als Franco-Nero-Substitut engagiert worden und „Roma Violenta“ als nachgeschobener Profiteur zu Enzo Castellaris höchst erfolgreichem „La Polizia Incrimina La Legge Assolve“ gedacht, der dem Poliziottesco seinerseits erst den ursprünglichen Zunder verliehen hatte. Bei Girolami und Merli wurde dann der Exploitationfaktor nochmal zünftig angeschraubt, die Schurken wesentlich roher und unmenschlicher und die Gewaltszenen intensiver, womit die Gattung dann ihre eigentliche, finale Form zuteil wurde, die dann neben Merli, dem ungekrönten König des Poliziottesco, noch weitere Protagonisten in Luc Merenda, Henry Silva oder Marcell Bozzuffi hervorbrachte. Ob Merli sich nun Betti, Tanzi oder Ferro nannte; er spielte im Prinzip die immerselbe Figur vor dem immerselben Konzept. Manchmal, wie auch in „Italio A Mano Armata“, musste seine Figur dann am Ende noch urplötzlich als großer Verlierer gegen die allumfassende Systemfäule dann doch noch überraschend den Löffel abgeben (auch das nach Nero-Vorbild) und der Zuschauer mit einem gehörigen Schreck das Kino verlassen.
So wenig vielgestaltig wie seine insgesamt elf Polizeifilme ist auch deren ihnen immanente Qualitätsspanne; wenn man sich einen Merli vornimmt, dann weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Das kommt einem mustergültigen Gütesiegel gleich, auf das man zählen kann und das keinen, der einmal seine Freude daran gefunden hat, je wirklich enttäuschen dürfte. „Italio A Amano Armata“ ist mit sorgsam verteilten, kernigen Actionszenen und etablierten Mustern nun weder der beste noch der schwächste Beitrag zu diesem insgesamt sehr schönen Zyklus. Man fühlt sich zu Hause in ihm und das ist gut.

7/10

HOMICIDE

„Spare me the fuckin‘ FBI.“

Homicide ~ USA 1991
Directed By: David Mamet

Während Detective Bobby Gold (Joe Mantegna) und sein Partner Tim Sullivan (William H. Macy) damit befasst sind, den flüchtigen Dealer und Polizistenmörder Robert Randolph (Ving Rhames) zu schnappen, gerät Gold durch puren Zufall mitten in einen anderen Fall: Die Ermordung einer alten, jüdischen Kioskbesitzerin in ihrem Lädchen mitten in einem Schwarzenghetto. Als erster Ermittlungsbeamter vor Ort muss Gold den Fall übernehmen, obgleich er Randolph dicht auf der Spur ist. Die wohlhabende und einflussreiche Familie der Toten ist derweil froh, dass sich mit Gold ausgerechnet ein jüdischer Polizist der Sache annimmt, obwohl dieser weder jemals viel auf seine Ethnie gegeben hat, noch ein gesteigertes Interesse an dem Fall hat. Dennoch entwickelt Gold, konfrontiert mit seinem Gewissen, einen unverhältnismäßigen Ehrgeiz, Licht in die Umstände um den sich immer verworrener gestaltenden Mord an der alten Dame zu bringen. Dabei findet er unter anderem Unerwartetes über deren Vergangenheit heraus und stößt auf eine zionistische Geheimorganisation, mit der er zu sympathisieren beginnt. Sullivan benötigt derweil dringend Golds Hilfe bei der ergreifung Randolphs.

David Mamet, jüdischstämmiger Theaterautor, kritischer Essayist und Filmemacher, ist unter amerikanischern Kritikern schon seit Jahrzehnten ein everybody’s darling, dessen unablässiges Schaffen dann auch eher vom Feuilleton denn von größeren Publikumsschichten registriert wird. „Homicide“ brachte ihm auch international einiges an Renommee ein.
Als amerikanischer Polizeifilm gestaltet sich Mamets dritte Regiearbeit zunächst eher ungewöhnlich. Es geht trotz gelegentlicher Avancen in die entsprechenden Richtungen, nicht um die üblichen Topoi des Genres. Weder die Aufklärung eines Verbrechens, noch das allgehgenwärtige Virus der Korruption, noch aktionsbetonte Jagd- und Fluchtszenarien bestimmen das Bild von „Homicide“. Stattdessen entpuppt er sich als eine Auseinandersetzung mit dem Identitätsstand jüdischer Amerikaner der Gegenwart und als psychologisches Profil eines Mannes, der während seiner biografischen Halbzeit urplötzliuch lernen muss, eine sehr viel diffizilere Sicht auf die Dinge zu entwickeln als bislang gewohnt. Mamet ist dabei geschickt genug, den Betrachter parallel zu seinem flächigen, eher europäisch geprägten Narrativ stets auf dem Kenntnis- und Perzeptionsstand seines Protagonisten Bobby Gold zu halten. Wobei dieser sich zumindest nach gängigen oder auch gewohnheitsmäßigen Schemata als Identifikationsfigur kaum anbietet. Gold ist nicht sonderlich intelligent, alles andere als ein Superbulle (einmal entreißt ihm ein Amokläufer auf dem Revier seine Waffe und bedroht ihn damit) ein Opportunist, Schaumschläger und dabei offenbar ziemlich einsam. Sein Partner Sullivan ist zugleich bester Freund und Familie für ihn, zumindest, bis ihn die bis dato nie gekannte Loyalität zu seinem „Volk“ übermannt und in Beschlag nimmt. Als sich schließlich in mehrerlei Hinsicht bitter erweisende Lektion über genau diese obsolet praktizierte, ethnische Abschottung und die Unbeirrbarkeit eines diffusen,  Herkunftsbegriffs, entwickelt „Homicide“ dann auch eine wesentlich stärkere Sogkraft denn als das, was man als einen „handelsüblichen“ Polizeifilm bezeichnen möchte. Erst das Ende, das die Selbsthinterfragung Golds auf höchst prekäre Weise entmystifiziert und ihn endgültig orientierungslos und (mitmaßlich) gebrochen zurücklässt, verleiht Mamets Film eine Kraft und Nachhaltigkeit, die ich mir stellenweise schon vorher gewünscht hätte. So allerdings – will sagen, in der mir etwas unausgewogen scheinenden Gestalt, die der Film besitzt – kann ich den Enthusiasmus mancher Chronisten, deren teils überschwängliche Einschätzung von „Homicide“ ich unterdessen gelesen habe, nicht hundertprozentig teilen.

7/10

LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO

Zitat entfällt.

La Ragazza Dal Pigiama Giallo (Blutiger Zahltag) ~ I/E 1977
Directed By: Flavio Mogherini

Am Strand von Sydney wird in einem Autowrack die zum Teil verbrannte Leiche einer jungen Frau entdeckt. Obschon bereits pensioniert, beginnt der alte Inspector Thompson (Ray Milland), ganz zum Leidwesen des ermittelnden Kriminalbeamten Ramsey (Ramiro Oliveros), sich in den Fall einzuschalten. Nach diversen Fehlverdächtigungen, falschen Spuren und Identifikationsversuchen, zu denen sogar eine öffentliche Zurschaustellung der Toten gehört, stößt Thompson endlich auf eine heiße Spur, die er mit dem Leben bezahlen muss…

Eine der vielleicht merkwürdigsten und doch schönsten Blüten des Giallo trieb Flavio Mogherini mit diesem wunderbaren, Kriminaldramakleinod, dem zumindest auf nationaler Ebene eine ganz besondere Ausnahmestellung innerhalb der Gattung gebührt. Dass das italienische Genrefilm gern mal über den regionalen Tellerrand hinausschaute, kennt man bereits aus zig anderen Beispielen wie etwa „L’Iguana Dalla Lingua Di Fuoco“ oder „Una Magnum Special Per Tony Saitta“. Hier also führte die Reise einmal nach Australien (einige freilich leider allzu gut sichtbar eingeflochtene, daheim in Rom gedrehte Sequenzen inbegriffen). Der noch recht konventionelle Beginn konfrontiert den Zuschauer mit zwei parallelen Erzählsträngen, deren fataler Zusammenhang sich keinesfalls umgehend erschließt: da ist zum Einen der Mordfall um das unbekannte, verstümmelte Mädchen und zum anderen die bedrückende Geschichte der Exilniederländerin Glenda (Dalila Di Lazzaro), die sich zwischen drei Männern nicht entscheiden kann – der gesetzte, aber wesentlich ältere Professor Douglas (Mel Ferrer) fasziniert sie, für den athletischen, aber eher simpel gestrickten Roy (Howard Ross) spielt sie allenthalben das Betthäschen und dessen Freund Antonio (Michele Placido) heiratet sie schließlich. Dass die Ehe äußerst unglücklich verläuft (Glenda ist mit Antonios Kellnergehalt unzufrieden und es gibt eine prekäre Schwangerschaft), erfährt der Rezipient aus zwar chronologisch angeordneten, dafür jedoch durch größere Zeitsprünge gekennzeichnete, biographische Abrisse aus Glendas zunehmend chaotisch verlaufendem Leben. Spätestens am Ende ihres Weges, sie sucht einen klaren Kopf in der Einsamkeit des outback, offenbaren sich dann die Zusammenhänge zwischen den beiden Narrationspfaden.
Mogherinis Kunst oszilliert dabei überaus gekonnt zwischen Sleaze und Geschick, lässt hier und da ein wenig nackte Haut über die Leinwand huschen und verschafft sich inmitten des Ortolani-Scores nebst zwei sich zu rabiaten Ohrwürmern mausernden, von Amanda Lear gesungenen Discosongs immer wieder höchst bedrückende Augenblicke. Zu nennen wäre hier insbesondere die, wie der gesamte zugrunde liegende (tatsächlich allerdings unaufgeklärte) Fall  sich auf ein authentisches Vorbild aus den dreißiger Jahren berufende Szene, in der die (noch) anonyme Leiche von der hilflosen Polizei den Augen der Öffentlichkeit preisgegeben wird. Nackt schwimmt der einst schöne, nunmehr schwer geschändete und obduzierte Körper in einem Konservierungsbassin und wird vor den Augen einer sensationslüsternen, geifernden Menge seiner letzten Intimität beraubt. Diese Sequenz ist ebenso unangenehm poetisch wie zeitlos: Man stellt sich unwillkürlich vor, wie vierzig Jahre später ein Haufen Gaffer mit ihren Smartphones Selfies von sich und der Leiche knipst und veröffentlicht.
Der traurige, allumfassende Leidensweg Glendas – er endet noch längst nicht mit ihrem gewaltsamen Tod.

8/10

HELL OR HIGH WATER

„We ain’t stealing from you. We’re stealing from the bank.“

Hell Or High Water ~ USA 2016
Directed By: David Mackenzie

Die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner Howard (Ben Foster) rauben binnen kurzer Zeit zwei Filialen der lokalmächtigen Texas Midlands Bank aus. Während der alternde Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und sein Partner Parker (Gil Birmingham) sich an ihre Fersen heften, gestaltet sich das weitere Vorgehen der Flüchtigen besonders durch das impulsive und gewaltaffine Verhalten des Ex-Häftlings Tanner zusehends außer Kontrolle geratend. Obgleich die Motivlage der Brüder moralisch durchaus diskutabel ist – die Texas Midlands hat eine Wucher-Hypothek gegen Tobys Ranch in der Hand – ist ein finaler Zwist zwischen den Kriminellen und der Justiz unausweichlich.

Wie eine gepflegte Analyse der US-Bürger-Befindlichkeit im Katastrophen-Wahljahr 2016 wirkt dieser meisterhafte, ebenso staubige wie sonnenlichtdurchflutete Southern Noir des Schotten David Mackenzie: Ganz Westtexas scheint darin übersät von aufgegebenen, verrottenden Immobilien und Grundstücken, an denen zwangsläufig auch etliche familiäre Existenzen hängen. Stattdessen säumen Werbeplakate für Kredite und Hypotheken die Highways – es ist die Ära der Gläubiger, Wucherer und Blutsauger. Neben ein paar Diners scheint die allgegenwärtige Texas Midlands Bank mit ihren zig Niederlassungen eine der letzten funktionierenden Institutionen im Staat zu stellen; natürlich nur, insofern man deren kapitalistische Albtraum-Agenda als „funktional“ anzuerkennen bereit ist. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich das Familiendrama der Howard-Brüder, die beinahe schon allegorische Opfer der Umstände sind. Die Verschuldung des Familienbesitzes geht auf die verzweifelte, in Kummer verstorbene Elterngeneration zurück; den letzten probaten Ausweg bildet die Flucht nach vorn. Während Toby den Weg zum Outlaw für seine Kinder beschreitet, steht Tanner, knasterfahren, wild um sich schießend und getrieben von einer entsprechend unzweideutigen Neigung zu offener Gewaltausübung, eher in der Tradition der marodierenden Wildwest-Banditen von vor 130 Jahren. Immerhin sind Mackenzie und sein kaum minder brillant zu Werke gehender Autor Taylor Sheridan, dessen begnadeten Fingern bereits der monumentale „Sicario“ entwuchs, romantisch genug, um Toby am Ende mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen, freilich nicht ohne ihn ein letztes (?) Mal mit seinem Antagonisten zu konfrontieren. Gute Freunde werden die beiden nicht mehr, dass sie jedoch reziprokes Verständnis und zumindest einen Hauch von Respekt füreinander entwickeln, daran mag ebensowenig Zweifel bestehen.
Wenn man sich zudem vergegenwärtigt, in welchem demografischen Umfeld die Republikaner die meisten Wähler fischen konnten, entsteht ein hübsch kompaktes, fiktionalisiertes Sozialanalytikum, das nicht nur in dieser Hinsicht gewiss noch in vielen Jahren Bestand haben wird. Leider ist es ja so – beschissene Zeiten befeuern großartiges Kino.
So ziemlich das Beste, was ich jüngst an „Aktuellerem“ gesehen habe.

10/10

THE HARD WAY

„Oh man, this is too real.“

The Hard Way (Auf die harte Tour) ~ USA 1991
Directed By: John Badham

Der verwöhnte Hollywood-Star Nick Lang (Michael J. Fox) will in seinem nächsten Film unbedingt einen realitätsnahen Großstadtcop spielen. Ganz im Sinne des method acting plant er zu Studienzwecken zuvor einen echten Cop auf Streife zu begleiten. Dieser findet sich in dem unkonventionellen New Yorker John Moss (James Woods), der gerade einem verrückten Serienkiller, dem „Party Crasher“ (Stephen Lang) auf den Fersen ist. Lang wirbelt daraufhin nicht nur das Privatleben des ihn hassenden Moss gehörig durcheinander, er muss auch lernen, dass Film und Wirklichkeit selten einhergehen.

„Mein“ John Badham war immer der der siebziger und achtziger Jahre; seine Arbeiten nach dem tollen „Stakeout“ empfand ich, sofern überhaupt gesehen, stets als eher beliebiges, wenn auch routiniert gefertigtes Gebrauchskino. Seit immerhin fünfzehn Jahren hat Badham nunmehr nicht fürs Kino gearbeitet, sondern begnügt sich seither damit, einzelne Episoden für TV-Serials zu inszenieren.
„The Hard Way“ ist ein recht gutes Beispiel für Badhams Weg in Richtung Beliebigkeit und gleichermaßen auch für die sich immer weiter manifestierende Art der Studios, in den Neunzigern zunehmend formelhaftes Kommerzkino zu kultivieren: Als komplett entwichtete Action-, oder auch Buddy-Komödie funktioniert der Film durchaus. Fox und Woods sind als sich mehr denn zaghaft annäherende Antipoden so typengerecht besetzt, wie es eben geht und die ihnen zugedachte Geschichte völlig reißbretthaft. Als Hollywood-Satire indes ist „The Hard Way“ ebenso antiquiert und naiv wie Nick Langs intrafilmische Vorstellungen authentischer Polizeiarbeit. Zu keiner Sekunde ist die Geschichte bereit, sich auf ein wie auch immer geartetes Meta-Terrain zu begeben, alles bleibt flach und stereotyp. Seine dennoch nicht abzuleugnende Vitalität bezieht der Film neben der illustren Schar an Nebendarstellern tatsächlich einzig aus Badhams inszenatorischer Professionalität, die erwartungsgemäß vor allem in den spektakulären Actionsequenzen zur Geltung kommt. Ohne sie wäre „The Hard Way“ heute noch mehr Fußnote als er es ohnehin schon ist.

6/10