BLOOD RAGE

„That’s not cranberry sauce.“

Blood Rage ~ USA 1987
Directed By: John Grissmer

Zwillinge; einer davon total total wahnsinnig, aber ausgerechnet nicht der, der in der Klapsmühle sitzt: Als Kind begeht Terry (Keith Hall) im Autokino einen blutigen Mord, den er kurzerhand seinem Bruder Todd (Ross Hall) anhängt, der dafür wiederum in die Geschlossene wandert. Als Erwachsener – Terry (Mark Soper) lebt jetzt mit seiner Mom Maddy (Louise Lasser) in der Appartmentanlage „Shadow Woods“ ihres Lebensgefährten Brad (William Fuller), sitzt Todd (Mark Soper) immer noch ein, erhält aber ab und zu Besuch von der ihn insgeheim verachtenden Mutter. Pünktlich zum Zehnjahres-Jubiläum des damaligen Mordes bricht Todd aus der Anstalt aus, um die Dinge endlich klarzustellen. Bei Terry, dem ohnehin nicht passt, dass Brad seiner Mutter just einen Heiratsantrag gemacht hat, brennen daraufhin auch die letzten Sicherungen durch und er greift zur Machete.

Jahrelang führte „Blood Rage“ nur ein sehr stiefmütterliches Dasein. Bereits 1983 gedreht, erlebte er erst vier Jahre später ein eingeschränktes Leinwandrelease unter dem Titel „Nightmare At Shadow Woods“, stark heruntergekürzt und somit seiner wichtigsten Hauptmeriten, der blutigen Mordszenen nämlich, beraubt. Mittlerweile hat sich das geändert und Grissmers Film ist seit etwa zwei Jahren in seiner ungeschnitten Glorie und digital hochauflösend zu bestaunen. Dass ihn dies insgesamt nicht wesentlich aufwertet, schadet der Sache natürlich keineswegs, im Gegenteil: Die „Blood Rage“ zuteil gewordene Behandlung ist beispielhafter Liebhaberaktionismus, nichts weniger. Dem gegenüber steht ein Film, der in all seiner dämlichen Einfalt und der erschreckenden Inkompetenz der meisten Beteiligten das Herz des unerschrockenen Betrachters vor allem als Kuriosum erfreut. John Grissmer respektive sein dp Richard E. Brooks etwa haben zum Zeitpunkt des Drehs offenbar weder davon gehört, dass es so etwas wie eine Dolly gibt, noch dass auch handelsübliche 35mm-Kameras schwenkbar sind. Ab und zu spielt man ein wenig am Zoomregler, darin erschöpft sich aber auch schon die ganze bildliche „Bewegung“. Es gibt Sequenzen, die einem die Zehnägel hochbiegen, darunter eine, in der Todd ein kleines Mädchen (Dana Drescher), das im dunklen Wald nach seiner Katze sucht, vor seinem bösen Zwillingsbruder warnt, eine, in der eine ebenso bemitleidenswert alleinstehende wie geile Nachbarin (Jayne Bentzen) ihr schüchternes Date (Ed French) rumzukriegen versucht und – absoluter Höhepunkt – die, in der die mittlerweile völlig desorientierte Louise Lasser die Vermittlung anruft, um sich zu ihrem Galan durchstellen zu lassen. Freilich lassen sich diese Szenen nur in der Langfassung „bewundern“, die damit aber zugleich verpflichtend ist.
„Blood Rage“ ist ein Film, den man gesehen haben muss. Er könnte als blühendes Negativbeispiel an jeder Filmhochschule vorgeführt werden; bewegt sich technisch und formal mit Ausnahme der immerhin liebevoll gemachten SF/X unter aller Kanone, verfügt weder über ein halbwegs rationales Script, noch über ein auch nur minimal ausgereiftes, dramaturgisches pacing. Er ist einfach so richtig hübsch gaga und damit gleichfalls unbedingt sympathisch.

4/10

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ANTICHRIST

„I love you.“ – „You don’t.“

Antichrist ~ DK/D/F/S/I/PL 2009
Directed By: Lars von Trier

Der Unfalltod ihres kleinen Sohnes (Storm Acheche Sahlstrøm) während ihres eruptiven Koitus stürzt ein Ehepaar in eine tiefe Sinnkrise. Sie (Charlotte Gainsbourg) erleidet einen Nervenzusammenbruch, gefolgt von einer akuten Angststörung, woraufhin er – seines Zeichens Psychiater – sich ihrer annimmt, obschon eines seiner professionellen Dogmen vorsieht, dass Patient und Therapeut sich privat nicht nahestehen sollten. Um sie direkt mit ihren seelischen Wunden zu konfrontieren, reist er mit ihr in eine abgelegene Waldhütte genannt „Eden“, in der sie im Vorjahr im Beisein des Kindes an ihrer Dissertation gearbeitet hat und die im Rahmen ihrer Erkrankung offenbar eine besondere Sollbruchstelle einnimmt. Als er herausfindet, dass ihre Arbeit zum Thema „Hexenverfolgung“, einhergehend mit expliziten Studien zu Folter- und Exekutionsmethoden sie ehedem offenbar schwerer tangiert hat als zuvor angenommen, eskaliert die Situation.

Als Auftakt einer „Depressions-Trilogie“, die von Trier nach einer ihn höchstselbst betreffenden, entsprechenden Phase schuf, verfehlt „Antichrist“ – wenn auch nur knapp – die von ihm intendierte, niederschmetternde Wirkmacht. Kunstanspruch und surreale Überhöhungen stehen der notwendigen Erdung des ansonsten durchaus wagemutigen und phasenweise durchaus starken Stoffs im Wege. Der eigentliche Nukleus des in vier Akte unterteilten Ganzen, nämlich die thetische Unmöglichkeit einer langfristigen, glücklichen Beziehung zwischen Mann und Frau, verwischt sich durch seine Einbettung in eine wesentlich unschärfere Gemengelage, in der sich die zusätzlichen Motive Wahnsinn, Natursymbolik, Paganismus und Hexerei sich quasi die Kolinke reichen. Ich glaube, dass, hätte von Trier es bei dem inhaltlichen Grundstock der infolge barscher Schuldgefühle entgleisenden Ehe belassen, der Film also straighter und weniger verwinkelt geworden wäre, ein kohärenteres und vor allem konsequenteres Resultat hätte entstehen können. Mit Dafoe und vor allem der Gainsbourg stehen dem Filmemacher jedenfalls zwei Protagonisten zur Seite, die für ihn durchs Feuer gehen und die beide auf der absoluten Höhe ihrer Kunst agieren. Die gegen Ende durch ihre extremen Darstellungen beschwerten Bilder graben sich infolge ihrer erfreulichen Kompromisslosigkeit zudem tief ein beim Zuschauer und auch, dass von Trier zumindest auf formale Spielchen verzichtet, tut „Antichrist“ gut. Bleibt also der nach meinem Dafürhalten eine, große Makel der metaphorischen Verwässerung, über dessen Ursachen sich nur spekulieren lässt. Möglicherweise war die Angst davor ausschlaggebend, dass eine „begradigtere“, nahbarere Version dem Publikum allzu viel abverlangt hätte; möglicherweise wurde die Wahl der kombinierten Topoi auch einfach bloß als passend empfunden. Es könnte aber auch sein, dass der Film so ist, wie er ist, weil er von Lars von Trier stammt.

7/10

THE NIGHT VISITOR

„Salem! Is it you?!“

The Night Visitor (Der unheimliche Besucher) ~ USA/S 1971
Directed By: Laslo Benedek

Salem (Max von Sydow), der seinen beträchtlichen Intellekt einst bewusst zur Seite schob, um ein karges Leben als versoffener Landwirt zu führen, sitzt in der geschlossenen Irrenanstalt. Seine Schwester Ester (Liv Ullmann) und deren Gatte, der Hausarzt Anton Jenks (Per Oscarsson), hatten ihn vor einiger Zeit durch gezielte Falschaussagen, denen zufolge Salem einen Mord begangen haben soll, dorthin gebracht. Als nun plötzlich brutale Gewaltverbrechen in der Gegend geschehen, fällt Salem scheinbar aus dem Verdächtigenraster, er sitzt ja nach wie vor ein. Doch der ermittelnde Inspektor (Trevor Howard) lässt sich nicht hinters Licht führen – er ahnt, dass Salem einen geheimen Fluchtweg aus der Anstalt gefunden hat und nun auf nächtliche Rachezüge geht…

Als eine auf den ersten Blick etwas eigenartig anmutende Randerscheinung des internationalen Siebzigerjahre-Kinos nimmt sich „The Night Visitor“ aus; als US-schwedische Coproduktion mit zwei berühmten Bergman-Standards in den Hauptrollen, den Brit-Veteranen Trevor Howard und Andrew Keir und inszeniert von dem Exil-Ungarn Laslo Benedek ist „The Night Visitor“ ein recht finster gearteter Thriller, der rein inhaltsbezogen an die schwarzweiße „Madness“-Trilogie der Hammer oder teilweise auch an William Castles Attraktionskino denken lässt. In jenen Filmen ging es jeweils auch um vereinsamte und/oder labile Individuen, die, übervorteilt oder in den Wahnsinn getrieben, irgendwann blutig zurückschlugen.
„The Night Visitor“ greift diese kleine Tradition auf und verlegt sie kurzerhand an den winterlichen Kattegat, wo die Sonne nicht durch die dicke, graue Wolkendecke dringt und die direkt an der Küste gelegene, forensische Verwahranstalt aufragt wie ein karger Albtraum-Monolith. Darin sitzt Salem in seiner kalten Zelle, wenn er nicht gerade mit Gefängnisarbeiten beschäftigt ist, und hat über die Zeit seines bisherigen Aufenthalts tatsächlich den Verstand verloren. Nicht jedoch seine strategische Cleverness und Brillanz, die ihn einen Weg heraus aus dem Gemäuer hat finden lassen. Wie ein nackter Werwolf sprintet und huscht er durch die nächtliche, westschwedische Eiseskälte, um zielstrebig seine Rachepläne auszuführen: Sein Schwager Anton soll wie Salem selbst ungerecht verurteilt werden und in der Isolation schmoren. Dass zwischen Anspruch und Ausführung einige mehr oder weniger der Vegeltung dienende Morde liegen, ist dem längst gesplitterten Moralempfinden Salems nicht weiter von Belang.
Die Besonderheiten von „The Night Visitor“ mitsamt seinem eher konventionellen Script und der beinahe komisch geratenen Auflösung ganz zum Schluss liegen in Setting und Besetzung: Das alles hat man in dieser Form zuvor und auch danach (noch) nicht (mehr) gesehen. Ein Serienmörder, der auf bergman’schem Terrainb wildert – diese Idee ist so zwingend wie clever und findet sich ebenso extravagant in ihre Filmsprache übersetzt.

8/10

THE DETECTIVE

„What does ‚Rainbow‘ stand for?“

The Detective (Der Detektiv) ~ USA 1968
Directed By: Gordon Douglas

Der New Yorker Detective Joe Leland (Frank Sinatra) ist ein Polizist nach Maß: Durchweg ehrlich, kultiviert und beseelt von einem geradezu klassischen Berufsethos ist sein Beruf alles, was er hat. Zumal er sich just von seiner großen Liebe Karen (Lee Remick) hat scheiden lassen müssen, da diese unter einer allzu gravierenden Borderline-Störung leidet, die sie zur pausenlosen Promiskuität zwingt. Nun hat Leland erstmal einen Fall zu klären, bei dem es um die brutale Ermordung des homosexuellen Sohns (James Inman) eines stadtbekannten Firmenbosses geht. Ein Verdächtiger – der flüchtige Untermieter (Tony Musante) des Toten – ist schnell zu Hand, ebenso wie dessen Schuldgeständnis nebst anschließender Hinrichtung. Für Leland bedeutet das die Beförderung zum Lieutenant, als ein weiterer Fall, der augenscheinliche Selbstmord eines Wirtschaftsprüfers (William Windom), nicht nur unheilvolle Immobilienklüngel zu Tage fördert, sondern auch noch Verbindungen zu dem vormaligen Schwulenmord aufweist…

Ol‘ Blue Eyes in einem letzten, verzweifelten Gegenentwurf zu seinen Cop-Genossen der nachfolgenden Dekade, von Harry Callahan über Popeye Doyle bis hin zu Frank Serpico. Sie alle könnten sich eine dicke Scheibe abschneiden von Joe Lelands Persona. Diese ist nämlich die eines Vorzeige-Großstadtpolizisten; von einem, der gepflegten Konservativismus mit liberalem Gedankengut kombiniert und vielleicht ebensogut Sozialarbeiter geworden wäre; für ihn ist Justizia tatsächlich noch blind, unabhängig von Hautfarbe, sexueller Ausrichtung und gesellschaftlichem Status. Das Department geht ihm über alles, die Todesstrafe mag er nicht besonders, aber sie ist eben gesetzlich vorgeschrieben (eine bittere, private Lektion wird ihn später nochmal darüber nachdenken lassen), von bewusstseinserweiternden Drogen, Hipstertum und Psychiatern hält er derweil überhaupt nichts. Was Joe Leland jedoch wirklich anspitzt, ist die grassierende Korruption in den heiligen Hallen der Sozietät, vom Rathaus über den Klerus bis hin zur Hochfinanz. Hier würde er gern mal gehörig durchkehren und dafür sorgen, dass die Slums dichtgemacht werden zugunsten von ordentlichen Schulen und Krankenhäusern. Damit ist Joe Leland ein absoluter Loner, der am Ende frustriert den Dienst quittieren wird, weil er nicht länger Zahnrädchen eines von grundauf verlogenen und fehlgeleiteten Systems sein will. Dennoch ist er kein Verlierer. Seine schwachen, bestechlichen Kollegen bewundern ihn ob seiner Standfestigkeit, bei schönen Frauen hat er einen Stein im Brett. Für Callahan und Doyle dürfte er einerseits zu wenig fanatisch und andererseits nicht resignativ genug sein, für Serpico indes eine Art irrealer bis phantastischer Erlöserfigur. Lumets und Wambaughs spätere, messerscharfe Systemvivisektionen wird man hier jedenfalls noch vergeblich suchen.
Man lehnt sich jedoch nicht zuweit aus dem Fenster, wenn man Gordon Douglas‘ auf einer Romanvorlage von Roderick Thorp basierendes Werk als in seiner Ganzheit von einem geradezu beispiellosen Humanismus zumindest im ernsten Polizeifilm dieser Jahre beseelt findet (sicherlich auch ein Zugeständnis an die Errungenschaften von Bürgerrechts- und Friedensbewegung); zum Einen wahrt es die grundgute Naivität des uniformierten Heroen, zum Anderen besitzt es hinreichend Mut, an ehernen Institutionen zu rütteln. Obgleich „The Detective“ sich nie außerhalb der Grenzen schnörkelloser Trivialkunst bewegt. Aber gerade auf diesem Terrain liegt ja das wahre Potenzial zu echter Subversion.

8/10

TUTTI I COLORI DEL BUIO

Zitat entfällt.

Tutti I Colori Del Buio (Die Farben der Nacht) ~ I/E 1972
Directed By: Sergio Martino

Nach einem von ihrem Galan Richard (George Hilton) verursachten Autounfall, in dessen Folge sie eine Fehlgeburt erleiden musste, kapselt die schüchterne Jane Harrison (Edwige Fenech) sich zunehmend von der Außenwelt ab. Seltsame Albträume, die sie das Schreckliche immer wieder durchleben lassen, machen ihr den Alltag nicht eben leichter. Also konsultiert den von ihrer Schwester Barbara (Susan Scott) empfohlenen Psychiater Dr. Burton (George Rigaud), der Jane zumindest schonmal versichern kann, dass sie nicht wahnsinnig ist. Dem widerspricht jedoch, dass sie sich von einem seltsamen Mann (Ivan Rassimov) verfolgt fühlt, der ihr überall hin nachzustellen scheint. Und dann ist da noch die neue Nachbarin Mary (Marina Malfatti), die Jane in Kontakt mit einer satanistischen Sekte und deren sinistrem Oberhaupt (Julián Ugarte) bringt, zu der überraschenderweise auch ihr permanenter Verfolger gehört und der sie mit Haut und Haar zu verfallen droht…

Ausgemachte Plotinteressenten dürften sich an Martinos schönem Giallo wohl eher die Zähnchen ausbeißen, aber es gehört ja eben zum innersten Wesen dieser feinen, italienischen Genrespielart, dass sie eher selten Interesse hat an stringent vorgetragenen Geschichten, sondern sich auf ihre spezielle, oftmals mit spekulativen bis pulpigen Elementen eine höchst spezielle Michform aus aufrichtiger Filmkunst, Kolportage und Exploitation betreibt. „Tutti I Colori Del Buio“ ist ein schönes Beispiel dafür aus der Hochzeit des Giallo: Bereits mit den ersten Minuten macht uns der Film mit dem Innenleben seiner fragilen Protagonistin vertraut, nebenbei einer archetypischen Figur der Gattung. Es geht im Folgenden um die Verschiebung von Realitätsebenen, die die arme Jane immer weiter in die psychische Fehlbalance treibt – was ist tatsächlich, was Einbildung und Traum? Sie verliert sukzessive das Vertrauen in die Verlässlichkeit ihrer Wahrnehmung und damit zwangsläufig in sich selbst; tatsächlich ein abtraumhafter Schwebezustand. Der Rezipient hat derweil allerlei damit zu tun, die wenigen ihm zur Verfügung stehenden Fakten zu ordnen und die üblichen Verdächtigungsmomente anzustellen, die sich, man mag es sich ohnehin denken, am Ende sowieso praktisch allesamt falsifizieren werden. Dabei ist Martino sogar fair genug, uns immerhin einen minimalen Rettungsanker im Wirbelsturm der irrealis feilzubieten, denn irgendwann zwischendurch erhält Jane einen Anruf von dem Notar Clay (Luciano Pigozzi), der sich mit ihr verabredet, was die Gute im Strudel all der vielen Zeitgenossen, die just etwas von ihr wollen, ganz flugs wieder vergisst (ebenso wie – wiederum ein cleverer Schachzug Martinos – bald auch der Zuschauer). An diesem Punkt hätte sich bereits das Meiste an kommender Dramatik rein theoretisch in Wohlegfallen auflösen können, aber wer würde das um den Preis solch packender Entwicklungen schon wollen? Weitere Höhepunkte neben der erlesenen Photographie vor Ort in England liefern Julián Ugarte als fieser Anton-LaVey-Verschnitt, der der zwischen angeekelter Widernis und lustvoller Hingabe oszillierenden Edwige andauernd blutige Zungenküsse drücken will, sowie Bruno Nicolais jazziger Score. Fein.

8/10

PLEM, PLEM – DIE SCHULE BRENNT

„Ätzend!“

Plem, Plem – Die Schule brennt ~ BRD 1983
Directed By: Sigi Rothemund

Dieses Jungen-Gymnasium ist wirklich der letzte Heuler! Der Rektor (Jacques Herlin) ein bornierter Spießer, das Kollegium (Helga Feddersen, Harald Effenberg, Günther Meisner, Werner Röglin) durch die Bank verspleent, die Schülerschaft, allen voran die berüchtigte Oberprima, ein verdorbener Sauhaufen. Ein Trio spezieller Lehrkräfte (Helmut Krauss, Joachim Kerzel, Horst Pinnow), angesichts der bevorstehenden Inspektion durch den Schulrat (Gunther Philipp) eigens herbeibeordert, soll’s richten, doch schon auf der Anfahrt zur Lehranstalt begegnet man drei zufällig aus der benachbarten Irrenanstalt entflohenen Geisteskranken (Herbert Fux, Andreas Mannkopff, Eberhard Cohrs), die mit den Beamten kurzerhand die Plätze tauschen. Glücklicherweise ist mit dem duften Jürgen (Thomas Ohrner) just auch ein neuer Eleve am Start, der sich als wahrer Tausendsassa entpuppt.

Immer, wenn man denkt, grotesker geht’s nicht mehr, kommt eine angeweste deutsche Komödie daher. „Plem, Plem – Die Schule brennt“ gehört dabei wohl zum mental Gewagtesten, dessen man als furchtloser Forscher in Sachen einheimischer Psychotronik überhaupt ansichtig werden kann. Rothemund, der um diese Zeit als Filmschaffender in Kino und TV praktisch dauerpräsent war, arbeitete in diesem Falle ausnahmsweise einmal nicht für Karl Spiehs‘ Lisa-Film, sondern für die Berliner CCC, die natürlich nichts Anderes im Sinn hatte, als der dauerbrennenden bayrischen Disco-Komödie scharfe Konkurrenz zu machen. Trotz der fürderhin nahezu deckungsgleichen Schauspielprominenz und trotz eines adäquat windschiefen Dialogscripts von Rainer Brandt ging dieser Plan nicht auf. „Plem, Plem“ versagt sich nämlich weithin die üblichen Frechheiten der Konkurrenz und versucht mit einer Reanimation des Konzepts des sich längst totgelaufenen Pauker-Films das von vornherein Unmögliche. Die vermeintlich „zündende Idee“, einen Verwechslungsklamauk zu entfesseln, indem man drei Verrückte gegen drei Lehrer substituiert, ist ja eigentlich gar keine und verdient noch nichtmal jene Bezeichnung. Man nehme bloß das Entflohenentrio: Herbert Fux muss zwanghaft jedes Paar weiblicher Brüste kneten, dessen er gewahr wird; Andreas Mannkopff dreht durch, sobald er den „Ententanz“ hört und Eberhard Cohrs ist in Wahrheit ein Alien namens E.T., das unentwegt „nach Hause telefonieren“ will. Die NDW-Eintagsfliege Ixi führt die Besetzungsliste an und ist mit ihrem damaligen Schlager „Mach‘ mir doch kein‘ Knutschfleck“ sowie einem weiteren Stück Dauergast auf der Tonspur. Peter Kuiper, als Kredithai Shark in „Otto – Der Film“ kurz darauf zu erhöhtem Popularitätsgrad gelangt, spielt den sadistischen Hausmeister von Gymnasium und (!) Klapsmühle, der in Abwesenheit des Chefarztes Schock-Therapien durchführen soll; Günther Meisner kopiert Peter Sellers‘ „Dr. Seltsam“, Röglin und Feddersen liefern die üblichen komödiantischen Repräsentanzien als hässliche Altjungfer respektive erzschwule Supertucke. Das ist genau so handverlesen umgesetzt, wie es sich hier liest. Angesichts eines derartigen Ausbundes eklektischer Elemente ist Rothemunds Film tatsächlich, wenn überhaupt, nur schwer zu ertragen und will lediglich unter einem gehörigen Zoll an Blut, Schweiß, Tränen und Hirnschmalz durchlitten sein.
„Plem, Plem – Die Schule brennt“ – ich habe ihn überlebt!

4/10

THE SENDER

„We should try schock therapy.“

The Sender (Teuflische Signale) ~ UK 1982
Directed By: Roger Christian

Nach einem öffentlichen Selbstmordversuch landet ein junger, namenloser Mann (Zeljko Ivanek) in einer staatlichen Nervenheilanstalt. Dort nimmt sich die Therapeutin Gail Farmer (Kathryn Harrold) seiner an. Bald schon stellt sie fest, dass „John Doe #83“, wie der Patient behelsmäßig in den Akten geführt wird, telepathische Verbindung zu ihr aufnehmen kann. Zwischen Gail und „John Doe“ entsteht nach und nach eine starke, emotionale Bindung, die ihr viel über seine traurige Vergangenheit und sein desolates Innenleben preisgibt: Offenbar stand der junge Mann sein ganzes Leben unter dem alles beherrschenden Einfluss seiner fanatischen Mutter Jerolyn (Shirley Knight), die in ihm aufgrund seiner Fähigkeit den „neuen Messias“ wähnte und ihn daher sorgsam vor der Öffentlichkeit abschirmte. Gail muss erkennen, dass der Schlüssel zu „John Doe“ über die mysteriöse Jerolyn führt…

Roger Christians fast kammerspielartiges, inszenatorisch stark zurück genommenes Horrorstück fügt sich in eine Reihe mit den vielen Filmen um telekinetisch und/oder telepathisch veranlagte Menschen dieser Jahre von „Carrie“ bis zu „The Dead Zone“, die, zufälligerweise beide auf Vorlagen von Stephen King basierend, gewissermaßen Anfangs- und Schlusspunkte des kleinen Subgenres bilden. Der weitflächig deutlich weniger bekannte „The Sender“ ordnet sich dann vornehmlich auch just zwischen jenen beiden Meilensteinen ein, sowohl formal als auch in Anbetreff seiner Hauptfigur. John Doe #83 vereint in sich gleichermaßen die juvenile Tragik einer Carrie White, deren geisteskranke Mutter sie als vermeintlich überirdisches Wesen von der Außenwelt abzuschirmen versucht sowie die bleierne Traurigkeit eines Johnny Smith, dessen Fluch darin besteht, um die katastrophale Situation der Welt um sich herum zu wissen. Allerdings verfügte Smith wiederum nicht über die Fähigkeit, seine Visionen lebensecht auf andere zu übertragen bzw. diese suggestiv zu erzeugen
Für die tragische Geschichte dieses also Gebeutelten wähnt Christian einen immens ruhigen, fast mitleidsvollen Zugang und liegt damit dichter bei Cronenberg. John Doe #83 ist ein Loner und wird auch immer einer bleiben, ebenso wie der omnipräsente „Geist“ seiner Mutter – daran lässt das Ende, nachdem er vermeintlich „geheilt“ entlassen wird, keinen Zweifel – ihm niemals von der Seite weichen wird.

6/10