THE COBWEB

„Artist are better off dead.“

The Cobweb (Die Verlorenen) ~ USA 1955
Directed By: Vincente Minnelli

Dr. Stewart MacIver (Richard Widmark) ist der engagierte Chefarzt einer psychiatrischen Heilanstalt mit weithin gut betuchter Klientel. Schon seit Längerem hat er inoffiziell den Leitungsposten seines labilen, dem Alkohol zugetanen Vorgängers Dr. Devanal (Charles Boyer) übernommen, freilich ohne dass die PatientInnen oder die altjüngferliche Verwalterin Victoria Inch (Lillian Gish) davon Wind bekommen hätten. Unter MacIvers mehr als aufopferungsvollem Engagement leiden derweil seine vernachlässigte Gattin Karen (Gloria Grahame) und auch die beiden Kinder (Tommy Rettig, Sandy Descher), während sich MacIvers Beziehung zu der Kunsttherapeutin Meg Rinehart (Lauren Bacall) heftig romantisiert. Ausgerechnet an der Frage der neuen Fenstervorhänge für die Bibliothek kulminieren und entzünden sich schließlich die diversen hausinternen Konflikte, eine Situation, unter denen besonders der persönlichkeitsgestörte, sensible junge Maler Steven Holte (John Kerr) zu leiden hat…

Ein MGM-Prestigestück, geradezu typisch für diese Ära und von einigen der besten Kreativkräfte gesäumt, die Hollywood zu jener Zeit aufzubieten hatte. Auch für Regisseur Vincente Minnelli bot das Projekt um jene Zeit ebenfalls ein willkommenes Heimspiel in jedweder Hinsicht – gewohnt (melo-)dramatisch, mit einem bis in kleinste Nebenrollen renommierten Ensemble (darunter viele Stars des Golden Age), von dem andere höchstens hätten träumen mögen und unter Dreingabe eines stark psychologisch konnotierten Plots konnte der Filmemacher sich hier an Etlichem abarbeiten, was seinen künstlerischen Ambitionen die allseits beweihräucherte Stahlkraft verlieh. So lebt „The Cobweb“, ganz seinem Titel entsprechend, zuallererst von der Vielzahl der unterschiedlich geschalteten, reziproken Beziehungen der Figuren unter- und zueinander, die ein geballtes Konstrukt aus teils sehr widersprüchlichen Erwartungen und Ansprüchen verknüpfen, in deren Zentrum der sich unverwundbar  wähnende, in Wahrheit jedoch zusehends überforderte Dr. MacIver hockt.
Sein vom praxisfernen Aufsichtsrat kritisch beäugter Behandlungsansatz besteht darin, der Patientenschaft durch die Bildung eines zwar ärztlich moderierten, jedoch weitgehend autark gepflegten Kommitees das Gefühl zu vermitteln, selbst entscheidenden Anteil an der Therapierung zu nehmen, menschlich ernstgenommen zu werden, ohne sich bevormunden zu lassen; letzten Endes auch unter hospitalisierten Bedingungen ein Gefühl uneingeschränkter Demokratie zu erhalten. Was heute gängige psychiatrische Praxis ist, war seinerzeit revolutionär; als erprobender MacGuffin für die Stabilität von MacIvers Thesen nutzt das Script die scheinbar völlig banale, alltäglich anmutende Auswahl neuer Vorhänge für das Bibliothekszimmer. Während die Patienten sich dafür entscheiden, die Gestaltung der Vorhänge den künstlerisch begabten Steven übernehmen zu lassen, überwerfen sich MacIvers geltungssüchtige Frau Karen und die rechthaberische Miss Inch über jeweils eigenmächtig ausgewählte Stoffe. Die höchst divers gelagerten Interessen aller Beteiligten finden somit ihren symbolischen Ausbruch im Streit um ein paar Vorhänge – eine ebenso merkwürdige wie auf den zweiten Blick umso brillantere Metaphorik, deren explosives Potential immerhin dazu ausreicht, einen versuchten Suizid nach sich zu ziehen.
Von besonderem formalen Interesse ist die zu jener Zeit noch relativ ungebräuchliche Verwendung des von Minnelli bevorzugten Farbkameraverfahrens Eastmancolor, das aufgrund des „single strip process“ eine einfachere technische Handhabung ebenso ermöglichte wie eine im Vergleich zu Technicolor wesentlich exaltierter wirkende Farbdramaturgie. Die Kolorierung wirkt leuchtender, erdiger und auf eine durchaus schöne Weise „unnatürlicher“. Minnelli trieb deren Einsatz ein Jahr später in der Van Gogh-Bio „Lust For Life“ (hier allerdings unter dem gebräuchlicheren, studiosignierten Begriff „Metrocolor“) zur endgültigen Perfektion.

8/10

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TWO WEEKS IN ANOTHER TOWN

„I don’t lie to the press! I never have.“ – „You lie to yourself, Mr. Kruger. That’s worse.“

Two Weeks In Another Town (Zwei Wochen in einer anderen Stadt) ~ USA 1962
Directed By: Vincente Minnelli

Nach mehreren Jahren Aufenthalt in einem Sanatorium, in dem er sich wegen eines während einer Mischung aus Depressionen und Alkoholsucht verübten Suizidversuchs befindet, erhält der Hollywoodstar Jack Andrus (Kirk Douglas) eine postalische Offerte eines alten Freundes, des egozentrischen Regisseurs Maurice Kruger (Edward G. Robinson). Dieser dreht zur Zeit in Cinecittá einen europäischen Film mit dem Nachwuchsschauspieler Davie Drew (George Hamilton). Andrus soll gegen kleines Entgelt eine Nebenrolle übernehmen – ein möglicher Neuanfang. Zögerlich wagt Andrus den Ausflug nach Rom und wird prompt mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Seine Exfrau, die promiske Carlotta (Cyd Charisse), der Anlass für Andrus‘ miserables Los, ist ebenfalls in der Stadt. Kruger steht indes unter dem Druck des Produzenten (Mino Doro), keine Zeit für die Postsynchronisation aufwenden zu dürfen und überredet Andrus, die Arbeit daran für ihn zu übernehmen. Dieser findet derweil in der jungen Römerin Veronica (Daliah Lavi), eigentlich Drews Freundin, neuen Halt. Als Kruger einen fast tödlichen Herzinfarkt erleidet, bitter er Andrus, den Film für ihn zu übernehmen, doch der eigentlich im Aufwind befindliche Jack dreht eigenmächtig einige von Krugers Szenen nach, woraufhin dieser die Fassung verliert und Andrus feuern lässt. Abermals verzweifelt, trifft Andrus auf Carlotta…

Genau zehn Jahre nach ihrem gemeinsamen Hollywood-Drama „The Bad And The Beautiful“ fanden Vincente Minnelli und Kirk Douglas abermals zusammen, um sich neuerlich der zerstörerischen Seite des Filmbiz anzunehmen, diesmal natürlich in Scope und Farbe. Gab Douglas vormals mit dem schmierigen Jonathan Shields noch den opportunistischen Verführer, der seine Vasallen – sprich Darsteller – wie Schachfiguren nach Belieben zu manipulieren wusste, steht er nun auf der anderen Seite. Als psychisch schwer angegriffener, aber weitgehend austherapierter Ex-Star unterzieht er sich einer harten Konfrontationstherapie, die ihn nach einer abermaligen, schweren Krise aufrecht aus dem Ring steigen lässt. Interessant ist „Two Weeks In Another Town“ vor allem in seiner Funktion als Porträt der Ära „Hollywood On The Tiber“ der fünfziger und sechziger Jahre, die zahlreiche Filmschaffende aus den USA nach Cinecittá lotste, um dort unter europäischer Produktinsägide und mit internationalen Stäben und Besetzungen Kino zu machen. Den arrivierten Regisseur, der, freilich ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, seinen kreativen Zenit hinter sich hat und daher mehr oder weniger gezwungen ist, in Rom zu arbeiten gibt Edward G. Robinson in einer makellosen Darbietung, die im Prinzip Douglas‘ Figur aus „The Bad And The Beautiful“ (der sogar einmal im Film vorgeführt wird) transzendiert. Als großer Betrüger und Egomane ist Kruger es gewohnt, nach eigenen Maßgaben zu arbeiten, beißt bei seinem italienischen Produzenten Tucino, der stattdessen die einheimische, launische Diva Barzelli (Rosanna Schiaffino) hofiert, jedoch auf Granit. Ausgerechnet Jack Andrus, in der Vergangenheit von Kruger stets ausgenutzt und im Gegenzug oftmals in den Staub getreten gestoßen, soll für ihn den Karren aus dem Dreck ziehen, ein Plan, der beinahe aufgeht, schließlich jedoch mit Krugers ungebrochener Selbstüberhöhung und der Unnachgiebigkeit seiner tief frustrierten Gattin Clara (Claire Trevor) kollidiert. Nichtsdestotrotz überlebt Andrus auch diese Krise und geht am Ende gestärkt und mit juveniler Unterstützung (in Veronica und dem nicht minder krisengeschüttelten Davie Drew findet er zwei neue Freunde und Unterstützer) zurück nach Hollywood, um dort eine zweite Karriere als Regisseur zu begehen. Minnelli frönt hier einem für seinen Dramen ungewöhnlichen Positivismus, der für seinen gebrochenen Helden am Ende Heilung und Salbung bereithält. Neben der liebevollen Photographie Roms und seiner prominenten Zentren ein weiterer, guter Grund, sich diesen manchmal geflissentlich blasiert wirkenden, insgesamt aber doch schönen Film anzusehen.

7/10

FLASHBACK – MÖRDERISCHE FERIEN

„Mensch, das war doch bloß ein Scherz!“

Flashback – Mörderische Ferien ~ D 2000
Directed By: Michael Karen

Die seit früher Kindheit (Nicola Etzelstorfer) traumatisierte, mittlerweile erwachsene Jeanette (Valerie Niehaus) – ein irrer Mörder hatte ehedem ihre Eltern (Michael Greiling, Allegra Curtis) hingemetzelt – hat seither ihr ganzes Leben in psychiatrischer Obhut verbracht. Ihr Therapeut Dr. Martin (Erich Schleyer) glaubt nun, dass es an der Zeit ist, dass die intelligente, junge Frau wieder ein selbstbestimmtes Leben führt. Sie soll als Nachhilfelehrerin die drei verwöhnten Schroeder-Geschwister Leon (Xaver Hutter), Melissa (Alexandra Neldel) und Lissy (Simone Hanselmann) im Französischen fitmachen. Das Trio verbringt die Sommerferien ohne Eltern in der luxuriösen Alpen-Villa der Familie, ansonsten nur betreut von der knatschigen Haushälterin Frau Lust (Elke Sommer). Während sich Jeanette zu dem charmanten Leon hingezogen fühlt, scheint besonders Lissy, die Jüngste der Drei, ein gehörig durchtriebenes Früchtchen zu sein. Bald kommt es zu merkwürdigen Vorkommnissen, die rasch blutige Gewaltakte nach sich ziehen. Jeanette glaubt sich mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert…

Kein Geringerer als der berühmte Hammer-Autor Jimmy Sangster, der seinerzeit als Neuinterpret der klassischen gothic horror novels um Dracula und Frankenstein erst den maßgeblichen Ruf des Studios mitbegründet hatte, zeichnete sich für das Originalscript zu „Flashback – Mörderische Ferien“ verantwortlich – sein letztes im Übrigen. Die Parallelen erweisen sich dann doch recht rasch als offenkundig: Sangster hatte für sein Hausunternehmen unter anderem bereits diverse Drehbücher (z.B. die zur schwarzweißen Madness-Trilogie 63/64) verfasst, die erzählen, wie ein labiles, in der Regel psychisch stark vorbelastetes Individuum aus Profitgier, Rache oder bloß aus fehlverstandenem Jux in den Wahnsinn getrieben wird. Auch der italienische Giallo besonders der frühen Siebziger bediente sich immer wieder gern bei dieser Thematik, die dann schließlich wiederum einen dankbaren Motivlieferanten für die US-Slasher-Welle der Achtziger bildete. Ein traditionsverpflichteter Topos also, gewissermaßen vom rechten Experten neu aufpoliert. Dass die oberflächlich informierte Presse den Film damals als deutsche Antwort auf das durch Wes Cravens „Scream“ losgetretene, das Subgenre ja von Fall zu Fall mal mehr, mal weniger treffend transzendierende Slasher-Revival abzuhandeln geneigt war, zeugt indes von nicht viel mehr denn von vorbildlicher Halbkenntnis.
Gewiss ist „Flashback“, das teils mit heute schon wieder verblühten Daily-Soap-Sternchen besetzte Kinodebüt des Düsseldorfer Regisseurs Michael Karen, der mittlerweile ausschließlich Fernsehen macht, zu großen Teilen als heftigst ironisierte Hommage zu verstehen – nicht jedoch als bloßes Anhängsel an das damals revitalisierte Hollywood-Geschlitze. Vielmehr setzt Sangster sich selbst und einem wesentlichen Anteil seines Schaffens ein kleines, teils ganz bewusst ordinäres Denkmal, das mit überzogen grellem grand guignol hausiert und schon insofern sehr viel mehr mit den bunten, mediterranen Genreausläufern der Frühsiebziger gemein hat, denn mit dem, als dessen Epigone er so häufig fälschlicherweise gewertet wurde und wird. Im deutschen Kino, das für so innige Connaisseursspitzen schlicht und einfach keine kommerziell tragfähige Nische bereithält, nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung und somit ein durchaus lobenswert angesetztes Projekt.

7/10

LOMMBOCK

„Wir können auch ganz anders!“

Lommbock ~ D 2017
Directed By: Christian Zübert

Stefan (Lucas Gregorowicz), der, unterdessen doch noch Anwalt geworden, im internationalen Jetset verkehrt und kurz vor seiner Hochzeit mit der hübschen Yasemin (Melanie Winiger) in Dubai steht, muss zurück nach Würzburg, um seine Geburtsurkunde zu beschaffen. Sein alter Kumpel Kai (Moritz Bleibtreu) hat sich über die Jahre nur wenig verändert. Er hat aus der alten Pizzeria „Lammbock“ einen Asia-Imbiss namens „Lommbock“ gemacht, kifft noch immer wie ein Schlot, verheimlicht dies jedoch mehr oder weniger erfolgreich vor Gattin Sabine (Mavie Hörbiger) und Stiefsohn Jonathan (Louis Hoffmann). Ein schwadengeschwängerter Abend und eine unbedachte Aktion am Flughafen sorgen schließlich dafür, dass Stefan erstmal zwangsentgiften muss, bevor die Hochzeit stattfinden kann. Außerdem wollen noch Jonathans Probleme mit einer Gruppe arabischer Grasdealer geklärt und der dauerbedröhnte Frank (Wotan Wilke Möhring) aus der geschlossenen Psychiatrie befreit werden. Alles Ereignisse, die Stefan abermals über seinen Stand im Leben sinnieren lassen.

Mit „Lommbock“ gelang Christian Zübert und seiner bewährten Truppe das Kunststück, einen dem mittlerweile sechzehn Jahre alten Original ebenbürtigen Nachfolger hinterherzuschicken. Formaltechnisch sichtlich aufwändiger und edler (Scope statt Letterbox) konnte die Produktion offenbar auf ein höheres Budget zurückgreifen.
Den Hauptcharakteren Stefan und Kai wird zugestanden, dass sie glaubwürdig gealtert sind und sich ihrer jeweiligen. vormaligen Typologie gemäß (weiter-)entwickelt haben. Die – natürlich allesamt im Zusammenhang mit THC-Ge- und/oder Missbrauch stehenden – wiederum in episodischer Kapiteleinteilung vorgelegten Anekdötchen sind witzig, aber nicht albern, sieht man von der etwas übers Ziel hinaus schießenden Kiste mit der urplötzlichen Fähigkeit der Bedröhnten ab, in Fremdsprachen zu parlieren. Das fand ich dann doch eher mäßig komisch. Für Elmar Wepper gab’s leider nur einen kleinen, dafür umso lustigeren Cameo-Auftritt, Marie Zielcke fehlt leider und Alexandra Neldels Part wurde, ebenso wie der von Möhring, deutlich mehr Entfaltungsplatz eingeräumt. Ziemlich witzig noch Dar Salim als asozialer Gangstarapper Drei Jahre Bau, der eine astreine Parodie des entsprechenden szenischen Unwesens zum Besten gibt.
Wirklich positiv ist noch anzumerken, dass Stefans Lebensbilanzierung unerwartet ausfällt. Obwohl er sich alle Mühe gibt, sich Yasemin (und vor allem ihrer stinkreichen Familie) zu Gefallen zu verdrehen und anzupassen, hängt er, kaum ein paar tausend Kilometer von ihr entfernt, prompt wieder im alten Fahrwasser; kifft, geht fremd und stellt überhaupt allerlei illegalen Murks an. Vor der goldenen Erkenntnis, dass es mehr gibt als finanzielle Breitbeinigkeit, materielle Sicherheit und die oberflächlichen Verlockungen des Establishment, und sei es nur der beste Freund an der Seite und ein gepflegter Joint zum rechten Zeitpunkt, scheut sich „Lommbock“ jedenfalls nicht, nachdem sein Vorgänger genau dies dereinst befürchten ließ.

7/10

PRIMAL FEAR

„If you want justice, go to a whorehouse. If you wanna get fucked, go to court.“

Primal Fear (Zwielicht) ~ USA 1996
Directed By: Gregory Hoblit

Der Chicagoer Strafverteidiger Martin Vail (Richard Gere) liebt vor allem zwei Faktoren, die sein Beruf mit sich bringt: Prominenz und Geld. Um seinen öffentlichen Putz etwas aufzumöbeln, bemüht er sich daher um eine besonders aufsehenerregendes Mandat – er will pro bono den des Mordes am lokalen Erzbischof (Stanley Anderson) verdächtigen Kirchenchorknaben Aaron Stampler (Edward Norton) vor Gericht verteidigen. Nicht nur, dass Vail bei seinen folgenden Ermittlungen bald auf einige unliebsame Nebenaktivitäten des toten Klerikers stößt, findet er heraus, dass sein Klient offenbar einer multiplen Persönlichkeitsstörung unterliegt, die zwar seine Schuld an der Bluttat beweist, ihn jedoch de facto als unverantwortlich für sein situatives Handeln dastehen lässt. Mit großem juristischen Geschick manövriert sich Vail fortan durch die Verhandlung, doch die größte Überraschung wartet noch auf ihn…

Ganz ordentliches Neunziger-Hochglanzkino, das erfolgreich mit den üblichen Ingredienzien des courtroom drama zu hantieren versteht – ein narzisstischer Anwalt, der weniger clever ist als er glaubt und sich selbst, ebenso wie sein bisheriges Berufsethos, am Ende selbst in Frage stellen muss, ein Klient, der ein doppeltes Spiel spielt und schließlich über Moral und Justiz triumphiert, gewürzt mit einem mäßig intelligenten MacGuffin, hier: einer brisanten Immobilienaffäre, die die Integrität von katholischer Kirche und Staatsanwaltschaft als höchst etablierte Stadt- und Staatsträger bis in ihre Grundfesten erschüttert. Schließlich darf noch der eingangs verteidigte Gangsterboss (Steven Bauer), der sich im Nachhinein als nützlicher Stichwortlieferant zur Offenlegung der obligatorischen Korruptionsaffäre erweist, nicht fehlen. Hoblit kann sich beruhigt auf das Engagement einer ziemlich makellosen Besetzung stützen: Richard Gere in einer buchstäblich maßgeschneiderten Rolle, der beeindruckende Debütant Edward Norton, der sich hiermit sogleich bedingungslos für kommende Großtaten empfiehlt, die stets erfreuliche Frances McDormand als gelackmeierte Psychologin und dazu zuverlässiges, wenngleich mäßig farbenfrohes Personal Marke Laura Linney, Alfre Woodward, John Mahoney.
Das ergibt in der Summe ein schniekes, kantenloses Unterhaltungsprodukt von einiger handwerklicher Professionalität und ohne allzu großen Nachhall, das sich auf seinen modischen twist stützt, als erfinde dieser das geschnittene Brot neu.
Nun bewegen sich allerdings weder Hoblit noch seine Autoren auf derselben erlauchten Ebene wie, sagen wir, Hitchcock, Wilder, Preminger oder Lumet, was „Primal Fear“ am Ende zwar vollkommen okay dastehen lässt, aber eben auch nicht sehr viel besser als das.

6/10

LEATHERFACE

„You messed with the wrong family.“

Leatherface ~ USA 2017
Directed By: Alexandre Bustillo/Julien Maury

Texas, 1955. Als die durchweg aus Psychopathen bestehende Kannibalenfamilie Sawyer unter dem Vorsitz von Matriarchin Verna (Lili Taylor) ausgerechnet Betty (Lorina Kamburova), die Tochter des hiesigen Sheriffs Hal Hartman (Stephen Dorff), auf ihre Speisekarte setzt, sieht der bereits seit Langem nach Gerechtigkeit strebende Gesetzeshüter rot und sorgt dafür, dass Vernas Jüngster, der kleine Jedidiah (Boris Kabakchiev), in der geschlossenen Nervenheilanstalt landet. Zum jungen Mann (Sam Strike) herangereift, gelingt Jed, der sich nun Jackson nennt, gemeinsam mit drei anderen Insassen (Sam Coleman, James Bloor, Jessica Madsen) und einer gekidnappten Krankenschwester (Vanessa Grasse) die Flucht aus jener Institution, derweil Sheriff Hartman bereits darauf lauert, den Sawyers endgültig den Garaus zu machen…

Die Auslöschung von Identitäten zugunsten unguter Substitute schwebt allgegenwärtig dräuend über „Leatherface“. Um es gleich vorwegzunehmen ist dieser jüngste Beitrag zum langlebigen Chainsaw-Franchise nach Kim Henkels drittem 94er-Sequel zugleich der bis dato schwächste, was sich besonders in Anbetracht einiger dem Projekt zur Verfügung stehender, personeller Ressourcen sehr bedauerlich ausnimmt. Mit den Regisseuren Alexandre Bustillo und Julien Maury gewann man immerhin zwei mehr denn vielversprechende Repräsentanten der harten Horror-Nouvelle-Vague und mit Lili Taylor und Stephen Dorff darüber hinaus auch recht ungewohnte darstellerische Prominenz. Was die so durchaus vielversprechend gestartete Chose dann aber so überaus unelegant durchkreuzt, ist das magere Script des Newcomers Seth M. Sherwood, der seinen Ansatz, dem ikonischen Character Leatherface einen psychologisch fundierten Unterbau zu verabreichen, völlig vergeigt.
Zu Beginn nutzt der Film nahezu exakt dieselbe Startbahn wie Rob Zombies „Halloween“-Remake; ein durch sein dysfunktionales Familienumfeld nachhaltig gestörter Junge kommt in ein infolge inkompetenter Belegschaft extrem kontraproduktiv geführtes Sanatorium für psychisch kranke, juvenile Gewaltverbrecher und bricht als junger Erwachsener dort aus. Doch damit ist der Werdegang hin zum späteren, verstummten Sägenschwinger Leatherface noch längst nicht vollendet – der gewaltsame Tod des besten Freundes, die Verbissenheit des ihn jagenden Sheriffs, schließlich eine unfällige Verunstaltung seines hübschen Antlitzes und ein schwelender Mutterkomplex ergeben schlussendlich jene ungute Mixtur, die den als Kind noch in „errettbarer Verfassung“ befindlichen Jed Sawyer zu unser aller liebstem Hautmaskenträger avancieren lässt. Das alles wird so forciert, hanebüchen und demystifizierend aufgetragen, so ohne Gespür für die die Chainsaw-Filme üblicherweise kennzeichnende, pathologische Atmosphäre oder für das ursprünglich so maßgeblichg apostrophierte Zeitkolorit (dem ja selbst herbeibeschworenen Umstand, dass die ganze Geschichte sich 1965 ereignen soll, wird letzten Endes zu keiner Sekunde Rechnung getragen), dass selbst die gewohnt gediegene und eigentlich treffliche Inszenierung der beiden „Exil-Franzosen“ das immens eklektische Konglomerat zu keiner befriedigenden Gesamtbilanz zu führen vermag. Es hat indes fast den Anschein, als wäre die (häufig dem DTV-Segment zuzurechnende) Wahl kostensparender Produktionsmittel, die Bulgarien als Drehort nebst vornehmlich einheimischem Stab, symptomatisch für das beinahe allseitige Misslingen.
Vor allem um Bustillo und Maury, deren stilistische Signatur trotz allem noch immer präsent scheint, muss es einem leid tun – man kann nur hoffen, dass die beiden sich nicht wie so viele immigrierte Filmkreative vor ihnen vom Moloch Hollywood aufzehren lassen und sich stattdessen in Zukunft wieder ihren sehr viel fruchtbareren Wurzeln als auteurs besinnen.

4/10

BLOOD RAGE

„That’s not cranberry sauce.“

Blood Rage ~ USA 1987
Directed By: John Grissmer

Zwillinge; einer davon total total wahnsinnig, aber ausgerechnet nicht der, der in der Klapsmühle sitzt: Als Kind begeht Terry (Keith Hall) im Autokino einen blutigen Mord, den er kurzerhand seinem Bruder Todd (Ross Hall) anhängt, der dafür wiederum in die Geschlossene wandert. Als Erwachsener – Terry (Mark Soper) lebt jetzt mit seiner Mom Maddy (Louise Lasser) in der Appartmentanlage „Shadow Woods“ ihres Lebensgefährten Brad (William Fuller), sitzt Todd (Mark Soper) immer noch ein, erhält aber ab und zu Besuch von der ihn insgeheim verachtenden Mutter. Pünktlich zum Zehnjahres-Jubiläum des damaligen Mordes bricht Todd aus der Anstalt aus, um die Dinge endlich klarzustellen. Bei Terry, dem ohnehin nicht passt, dass Brad seiner Mutter just einen Heiratsantrag gemacht hat, brennen daraufhin auch die letzten Sicherungen durch und er greift zur Machete.

Jahrelang führte „Blood Rage“ nur ein sehr stiefmütterliches Dasein. Bereits 1983 gedreht, erlebte er erst vier Jahre später ein eingeschränktes Leinwandrelease unter dem Titel „Nightmare At Shadow Woods“, stark heruntergekürzt und somit seiner wichtigsten Hauptmeriten, der blutigen Mordszenen nämlich, beraubt. Mittlerweile hat sich das geändert und Grissmers Film ist seit etwa zwei Jahren in seiner ungeschnitten Glorie und digital hochauflösend zu bestaunen. Dass ihn dies insgesamt nicht wesentlich aufwertet, schadet der Sache natürlich keineswegs, im Gegenteil: Die „Blood Rage“ zuteil gewordene Behandlung ist beispielhafter Liebhaberaktionismus, nichts weniger. Dem gegenüber steht ein Film, der in all seiner dämlichen Einfalt und der erschreckenden Inkompetenz der meisten Beteiligten das Herz des unerschrockenen Betrachters vor allem als Kuriosum erfreut. John Grissmer respektive sein dp Richard E. Brooks etwa haben zum Zeitpunkt des Drehs offenbar weder davon gehört, dass es so etwas wie eine Dolly gibt, noch dass auch handelsübliche 35mm-Kameras schwenkbar sind. Ab und zu spielt man ein wenig am Zoomregler, darin erschöpft sich aber auch schon die ganze bildliche „Bewegung“. Es gibt Sequenzen, die einem die Zehnägel hochbiegen, darunter eine, in der Todd ein kleines Mädchen (Dana Drescher), das im dunklen Wald nach seiner Katze sucht, vor seinem bösen Zwillingsbruder warnt, eine, in der eine ebenso bemitleidenswert alleinstehende wie geile Nachbarin (Jayne Bentzen) ihr schüchternes Date (Ed French) rumzukriegen versucht und – absoluter Höhepunkt – die, in der die mittlerweile völlig desorientierte Louise Lasser die Vermittlung anruft, um sich zu ihrem Galan durchstellen zu lassen. Freilich lassen sich diese Szenen nur in der Langfassung „bewundern“, die damit aber zugleich verpflichtend ist.
„Blood Rage“ ist ein Film, den man gesehen haben muss. Er könnte als blühendes Negativbeispiel an jeder Filmhochschule vorgeführt werden; bewegt sich technisch und formal mit Ausnahme der immerhin liebevoll gemachten SF/X unter aller Kanone, verfügt weder über ein halbwegs rationales Script, noch über ein auch nur minimal ausgereiftes, dramaturgisches pacing. Er ist einfach so richtig hübsch gaga und damit gleichfalls unbedingt sympathisch.

4/10