JOKER

„There is no punchline.“

Joker ~ USA/CA 2019
Directed By: Todd Phillips

Gotham City in den frühen achtziger Jahren: Die Stadtkassen sind marode, Sozialleistungen werden vehement gekürzt, die Müllabfuhr befindet sich im Dauerstreik. Vollmundige Besserung verspricht der superreiche Magnat Thomas Wayne (Brett Cullen), der sich für die kommende Bürgermeisterwahl aufstellen lassen will. Während der psychotische Berufsclown Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) von einer Karriere als standup comedian träumt, pflegt er zu Hause seine Mutter (Frances Conroy) und himmelt vom Fernsehsessel aus den erfolgreichen Late-Night-Host Murray Franklin (Robert De Niro) an. Arthur steht in Gotham am unteren Ende der Nahrungskette: ein paar Straßenkids verprügeln ihn, auf Therapie und Medikamente werden ihm urplötzlich gestrichen. Als er zudem noch seinen Job verliert und ihm ein Yuppietrio in der U-Bahn abermals tätlich zusetzt, greift er zur Waffe. Doch damit endet seine Geschichte nicht. Als Arthur eher zufällig ruinöse Einblicke in seine eigene, schmerzverzerrte Kindheit erhält, brennt bei ihm die letzte Sicherung durch. Ein durch Zufälle „ergatterter“ Live-Auftritt in Franklins Show soll ihm dazu dienen, sich der Welt zu erklären…

Nachdem Todd Phillips sich im vorvergangenen Jahrzehnt als Komödienspezialist hervortat, sich unter anderem mit dem brillanten „Old School“ (aus dessen Sequel dann leider doch nichts wurde) kurzzeitig als wertvoller Erfüllungsgehilfe für das Frat Pack behauptete und mit der „Hangover“-Trilogie auch kommerzielle Gipfel erklomm, markiert „Joker“ eine wesentliche Trendwende in seinem Schaffen. Auch sonst stellt der Film ein relatives Unikum inmitten des Trends zu Superheldencomic-Adaptionen dar. Erstmals (der diesbezügliche Hybrid „Venom“ sei ausdrücklich ausgenommen) wird nicht nur ein klassischer Bösewicht zur Titelfigur und zum Antihelden einer Verfilmung der bunten Seiten von Marvel und DC, sondern zugleich einer der ikonischsten Antagonisten überhaupt, eine erklärte Nemesis und Antithese zu allem, was die martialisch gewandeten Heroen am gegenüberliegenden Ende ihres phantastischen Spektrums zumindest in traditioneller Hinsicht an rationaler und ethischer Integrität auszeichnet. Mit der Ära Neal Adams gewinnt nicht nach den flippigen sixties nicht nur sein Widersacher an Ernsthaftigkeit zurück, auch der Comic-Joker avanciert zum Serien- und Massenmörder, dem es zusehends weniger darum geht, reiche Beute abzugreifen. Vielmehr geriert er zum Sinnbild von Chaos und Anarchie, dessen Bedrohlichkeit nicht etwa von seiner eher zu vernachlässigen, physischen Präsenz ausgeht, sondern von seiner allumfassenden, nihilistischen Irrationalität. In den Achtzigern, bekanntermaßen ohnehin die große Zäsur-Dekade im Superheldencomic, spitzt sich diese Entwicklung unter visionären Autoren wie Alan Moore, Jim Starlin und Grant Morrison nochmals zu; der Joker attackiert nunmehr direkt und frontal seinen ewigen Hauptgegner, indem er dessen wundeste Punkte ins Visier nimmt, teilweise schwer schädigt und sogar ermordet – seine Mitstreiter und Freunde. Damit wird die uralte Fehde endgültig zur Intimfeindschaft, ohne dem weißgesichtigen, grünhaarigen Zerrbild allerdings jemals eine Biographie, geschweige denn einen zivilen Namen zuzuordnen. Moore verfolgte einen diesbezüglichen Ansatz erstmals in dem legendären Oneshot „The Killing Joke“, der die bisher bekannte, recht schwammige origin der Figur (derzufolge Joker zuvor ein ordinärer, behelmter Ganove namens Red Hood ist, der bei einem Scharmützel mit Batman in einen Chemiebehälter fällt und diesem Unfall seine entstellte Physis wie auch seinen Irrwitz verdankt) wesentlich vertiefte und erstmals den Menschen hinter dem Grinsen nebst dessen tragischer Geschichte herausstellte. Tim Burtons „Batman“ defragmentierte dieses Element wieder und arbeitete Jack Nicholson zu einem relativ ordinären Mafioso um, der im Film zudem Bruce Waynes Eltern auf dem Gewissen hat, was immerhin eine nette, motivische Kausalitätskette in Gang setzt. Heath Ledger erntete derweil posthum viel Lob für seine sehr viel geerdetere Interpretation in Nolans „The Dark Knight“, die mich selbst zumindest auf der Ebene des Adäquaten zwar weniger anspricht, dem Charakter aber zumindest wesentliche Elemente ihres finsteren Nimbus zurückverehrt.
Todd Phillips nun wagt eine Melange aus diversen dieser übergreifenden, popkulturellen Erscheinungsformen des „Killerclowns“. Zuallererst setzt er ihn in ein prononciert uncomiceskes, realistisches Szenario, in ein Gotham, das die u- und dystopischen, majestätischen Images jenes artifiziellen Molochs kurzerhand ignoriert und es stattdessen in ein zweites Manhattan der Frühachtziger verwandelt, das vor Dreck, Graffitis und Smog steht und pure Hoffnungslosigkeit gebiert. Der Joker besitzt hierin noch Namen und Identität. Er heißt Arthur Fleck (seine nominelle Persona wird erst am Ende des Films Geschichte sein) und ist ein trauriger, bemitleidenswerter Systemverlierer ohne zwischenmenschlichen Anschluss, der schließlich erst im Rahmen einer unfreiwillig von ihm selbst hervorgerufenen Anarchobewegung zur bizarren Ikone emporstilisiert wird. Sogar eine mögliche Blutsverandtschaft mit dem (noch jungen) Bruce Wayne (Dante Pereira-Olson) wird angedeutet, jedoch in der Schwebe belassen. Indirekt verantwortet er wiederum die kommende Genese Batmans, seine chemikalisch induzierte Mutation jedoch bleibt aus, wie auch der gesamte Film wiederum auf hyperrealistische Metamorphosen und Kostüme verzichtet. Insofern könnte man, um wiederum in und mit „Comic-Termini“ zu sprechen, „Joker“ am Ehesten zu den vielen Elseworlds-Storys von DC zählen, Geschichten also, die bekannte Figuren und Ereignisse ganz bewusst einmalig in alternative zeitliche und/oder örtliche Kontexte setzen. Als solche funktioniert Phillips extrem stilisierter Film dann auch durchaus, obschon die oftmals behaupteten Parallelen zu früheren, wesentlich mehrdimensionaleren Scorsese-Filmen mit De Niro wie „Taxi Driver“ oder „The King Of Comedy“ eher zu vernachlässigen sind. Auch würde ich nicht soweit gehen wollen, „Joker“ zur gegenwartspolitischen Analogie zu verklären, wie dies hier und da aufzuschnappen ist; zu einer symbolischen „Warnung“ vor dem schlummernden, revolutionären Zorn der abgehängten, grauen Masse also. In Bezug auf Inszenierung, Form und Hauptrollenspiel leistet Phillips‘ Werk gewiss Beachtliches, das sei ihm unbenommen. Etwaig messianisches, zielsicher zeitsezierendes oder gar subversiv-antikapitalistisches Mainstream-Kino wie etwa „Fight Club“ jedoch gibt er bei aller Sympathie dann doch nicht her.

8/10

GLASS

„This was an origin story the whole time.“

Glass ~ USA 2019
Directed By: M. Night Shyamalan

Als der mittlerweile jahrelang incognito als „Overseer“ im Vigilantengeschäft tätige, mittlerweile verwitwete David Dunn (Bruce Willis), unterstützt von seinem Sohn Joseph (Spencer Treat Clark), auf den multipel gestörten Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James MacAvoy) alias „The Horde“ aufmerksam wird und ihn kurz vor dessen nächster Schreckenstat stellt, werden beide gefasst, in in psychiatrische Sicherheitsverwahrung und dort unter die Obhut von Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) verfrachtet. Dort begegnet David auch seinem alten Widersacher Elijah „Mr.“ Glass (Samuel L. Jackson) wieder, der hier stark sediert und depressiv seine Tage fristet. Dr. Staple ist Expertin für scheinbar Größenwahnsinnige mit dem Hang, sich selbst als Superwesen oder Metamenschen zu betrachten und setzt sich zum Ziel, das Trio mithilfe gruppentherapeutischer Sitzungen vom Gegenteil zu überzeugen. Doch im brillanten Hirn hinter seinem nur vorgespielt lethargischen Blick gärt er bereits wieder bei Mr. Glass…

Nachdem M. Night Shyamalan mittels einem das Publikum aufjuchzen lassenden Epilog zuletzt bereits den Protagonisten seines nach wie vor schönsten Films „Unbreakable“ mit der Story von „Split“ koppelte, ließ sich bereits erahnen, was da kommen mochte. Nicht zuletzt die Tatsache, dass der im Jahr 2000 gestartete „Unbreakable“ die in den letzten zwei Dekaden zum maßgeblichen Blockbustersegment avancierte Superheldencomic-Adaption durch seine geschliffene Mythologiedialektik entscheidend vor- und mitbereitet hat, erschien ein Wiederaufgreifen des darin vorgestellten Ansatzes sinnvoll. In Kombination mit dem gegen Ende selbst phantastische Züge annehmenden „Split“ eine umso vielversprechendere Angelegenheit. Shyamalan feilt dann auch eifrig weiter an seinem ganz eigenen Superhelden-Universum und gibt Mittel und Wege für ein weiteres potenzielles Franchise vor, dessen serieller Charakter sich nach dem Ende von „Glass“ jedoch etwas fragwürdig gestaltet. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Geschichte abermals weitergehen kann und/oder wird. Der vorliegende Film begnügt sich indes (noch) damit, auf die gewaltigen CGI- und Materialschlachten aus MCU und DCEU zu verzichten. Kündigt sich durch Mr. Glass‘ massenmörderische Planungen bereits ein urbaner Showdown mit allerlei Kollateralschäden an, bleibt es dann doch bei einem einzigen aktionsbetonten Widerstreit der naturgewaltigen Übermenschen vor den Toren der psychiatrischen Klinik, an dem die jeweils wichtigsten Bezugspersonen der drei Antagonisten, also Dunns Sohn Joseph, die Crumb zuvor notgedrungen entkommene und nunmehr in bizarrer Beziehung zu ihm stehende Casey Cooke (Anna Taylor-Joy) und schließlich Elijahs Mutter (Charlayne Woodward), ebenso wie eine sich erst gegen Ende herausschälende, vierte Partei maßgeblich beteiligt sind. Zuvor nimmt sich Shyamalan abermals Muße und Gelegenheit, der kulturellen und literarischen Genealogie des Superheldencomics, seiner Wurzeln, Anfänge und Ausprägungen durch Glass‘ Analysen Raum zu geben und sich mit der (nur kurze Zweifel aufwerfenden) Frage nach dem Geisteszustand von Dunn, Crumb und Glass zu befassen. Ansonsten gehört dieser Film schon durch seine figuralen Erfordernisse eindeutig den „Bösen“, Bruce Willis/David Dunn ist eher Stichwortgeber und Nebenfigur, während MacAvoy abermals ausgiebig Gelegenheit erhält, seine multiplen Persönlichkeiten in oftmals rasanter Abfolge aufblitzen zu lassen und Jackson eben weiterhin den ebenso fragilen wie sinistren Strippenzieher zu geben hat.
Der Gesamteindruck ist durchaus gut, aber – leider? – nicht epochal.

7/10

GEGEN DIE WAND

„Keinen Stress machen drinne, ja?“

Gegen die Wand ~ D/TR 2004
Directed By: Fatih Akin

Cahit (Birol Ünel) ist Deutschtürke, 40 und Alkoholiker. Mit seiner türkischen Identität hat er gebrochen und verkehrt stattdessen lieber in der autonomen Szene Altonas. Als er mit dem Wagen frontal und ungebremst gegen eine Wand rauscht, landet er in der Psychiatrie. Dort lernt er die ebenfalls suizidale Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die unbedingt der Zwingburg ihrer Familie entkommen will und Cahit bittet, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Nach erstem Unverständnis geht Cahit schließlich auf den Vorschlag ein, ohne realisieren zu können, dass er sich tatsächlich in Sibel verliebt hat. Unfähig, sie zu halten, geschweige denn eine funktionale Beziehungsbasis mit ihr errichten zu können, erschlägt Cahit eines Abends im eifersüchtigen Affekt einen von Sibels Liebhabern und geht dafür ins Gefängnis. Sibel reist in die Türkei, arbeitet dort und verfällt in Depressionen und alte Verhaltensmuster. Nachdem Cahit entlassen wird und Sibel, die mittlerweile Mutter einer kleinen Tochter ist, in Istanbul besucht, scheitert ein letzter Versuch, sich nochmal mit ihr zusammzuraufen. Beide gehen endgültig getrennte Wege.

„I Feel You“: Ein schmerzhaftes, tieftrauriges, packendes und abgründiges Meisterwerk ist Fatih Akin da geglückt, bewundernswert vor allem seines hellsichtigen, übergreifenden Facettenreichtums und seiner strengen, an der griechischen Tragödie orientierten Form wegen.
„Gegen die Wand“ ist durchzogen von etlichen Themenkomplexen, die den Filmemacher als Deutschtürken und „Wanderer zwischen den Kulturen“, der von beiden reichlich gekostet hat, bewegen: Zum Ersten wäre da die Divergenz und Unvereinbarkeit des türkischen Konservativismus, der in Deutschland, in Hamburg, auf pralle westliche Urbanität trifft und die, die in die entsprechenden Felsspalten rutschen, gnadenlos zermalmt. Für Cahit ist „das Türkische“ in ihm gerade noch durch die Beherrschung der Sprache existent. Ansonsten ist er das, was man landläufig als alternden Punk bezeichnen möchte: Zynisch, verlottert, versoffen, immer kurz vorm Boden und psychisch schwer gezeichnet von den schmerzlichen Erfahrungen einer ersten, tief in ihm vergrabenen Ehe. Sibel hingegen besitzt eine prototypische Borderline-Persönlichkeit: Sie verwechselt Freiheit und Glück mit Promiskuität und durchfeierten Nächten und wenn ihr etwas gegen den Strich geht, schneidet sie sich gewohnheitsmäßig die Pulsadern auf. Den einzigen Weg, sich die ersehnte Unabhängigkeit zu verschaffen, wähnt sie ausgerechnet in der Scheinehe mit dem überrumpelten Cahit. Diese beiden schwer fragilen und im Prinzip bereits zertrümmerten Seelen finden und fangen sich in einer hochtoxischen Beziehung, die sich wegen des Unverständnisses und der Verblendung von Sibels Familie dann auch umgehend legalisieren lässt, freilich, ohne dass einer der beiden Teilnehmer auch nur im Mindesten der auf sie wartenden Aufgabe gewachsen ist. Wechselseitig fügen sie sich immer tiefere psychische Wunden zu, bis jede/r von ihnen seinen ganz persönlichen Supergau erlebt – Cahit landet wegen seiner ungebremsten Wut im Knast, Sibel führt bewusst eine Vergewaltigung mit beinahe erfolgreichem Totschlag herbei. Gewissermaßen erfahren die Zwei dadurch eine lang ersehnte Form der Läuterung und zumindest Sibel auch das nötige Maß an Mündigkeit und Vernunft, Cahit endgültig zu ent- und einer tradierten, für sie jedoch einzig möglichen Form der Existenz zuzusagen, auch, um künftig für ihr Kind da sein zu können. Ob es auch für ihn noch eine Art von Erlösung geben kann, lässt der Film offen.

10/10

THE EVIL

„YOU did all that?“

The Evil ~ USA 1978
Directed By: Gus Trikonis

Der Psychiater C.J. Arnold (Richard Crenna) hat den ehrgeizigen Plan, ein noch aus Bürgerkriegszzeiten stammendes, leerstehendes Landhaus, das er erworben hat, in ein Therapiezentrum für Suchtkranke umzufunktionieren. Bei der anstehenden Renovierung unterstützen ihn an einem ersten Wochende seine Frau Caroline (Joanna Pettet), ein paar Freunde und Stammpatienten. Das Haus jedoch birgt ein schreckliches Geheimnis: Sein einstiger Erbauer Emilio Vargas (Galen Thomson), der Caroline immer wieder als Geist erscheint, hat den Bau zu dem einen Zwecke errichtet, ein unter ihm befindliches Höllentor zu sichern und vor der Außenwelt zu verbergen. Im Keller befindet sich jene ominös versiegelte Falltür, unter der es heftig rumort. Als der strenge Rationalist C.J. die Luke öffnet, entweicht erwartungsgemäß das höllische Böse und knöpft sich einen nach dem anderen der unversehens im Hause gefangenen Besucher vor…

Für einen Film, der sich großspurig ankündigend selbst „The Evil“ tituliert, gibt Gus Trikonis‘ kleiner Teufelshausschocker ein eher possierliches Unterfangen ab. Was zunächst keine besondere Rolle spielt: Die Prämisse ist diesmal etwas fabulierfreudiger als in populäreren Repräsentanten des Subgenres, es geht nämlich weder um eine Gruppe unverdrossener Parapsychologen, die ausziehen, das wahre Fürchten zu lernen, noch um ein unbedarftes Ehepaar nebst optionaler Familie, dem bald das durch die Neuankömmlinge herausgeförderte Böse tüchtig die Wände erzittern lässt. Stattdessen haben wir einen erklärten Atheisten mitsamt achtköpfigem Anhang (auch ein Hund ist dabei, der als erster zum Bessenen wird). Hinreichend Futter und Gelegenheit also für die bereits in den Startlöchern befindlichen, infernalischen Kräfte, ihr schwefelsaures Wirken zu demonstrieren und sich, nach hermetischer Verriegelung aller Wege aus dem Bau hinaus, einen nach dem anderen der hilflosen Probanden auf illustre Weise vorzuknöpfen. Es slashert also auch ein bisschen, eine Methodik, die anno 78 im Genre des haunted house noch nicht wirklich großflächig etabliert und somit recht neu war. Die nicht immer als HerrInnen ihrer Sinne wild und unorganisiert durch die Räume rennenden Leute zerlegt es dann auch auf teils hübsche Art und Weise, was der ansonsten nicht immer zugkräftigen Dramaturgie einige willkommene Wachmacherschläge auf den Hinterkopf versetzt.
Der immer sehr seriös wirkende Richard Crenna bürgt dann auch dafür, dass es niemals allzu albern wird, bis zum Schluss, der mir auch mit gebührendem Abstand nicht ganz in den Kopf hineinwill und von dem ich nicht recht weiß, ob er vielleicht einer der bizarrsten Fälle von vorsätzlicher Selbstdemontage der gesamten Filmgeschichte darstellt: Unterhalb des Hauses begegnet C.J. Arnold nämlich niemand Geringerem als Satan persönlich. Dieser sitzt in Gestalt des wohlbeleibten Victor Buono lustig feixend und ganz in Weiß (aber ohne Blumenstrauß) auf einem Thron und konfrontiert den Mann des Geistes mit seinem steten Glaubensverzicht. Dieser obskure Aufzug erschien mir weder bedrohlich noch sonstwie unheimlich, sondern eben nur eines: grotesk. Ob Gus Trikonis mit jenem Antifinale nun seinen Sinn für Situationskomik unter Beweis stellen, Genremechanismen aushebeln oder seinem Publikum schlicht einen Tritt in den Arsch versetzen wollte, weiß ich nicht – ich für meinen Teil nehme es einfach, wie es sich wohl am Besten nimmt: mit Humor.

6/10

THE COBWEB

„Artist are better off dead.“

The Cobweb (Die Verlorenen) ~ USA 1955
Directed By: Vincente Minnelli

Dr. Stewart MacIver (Richard Widmark) ist der engagierte Chefarzt einer psychiatrischen Heilanstalt mit weithin gut betuchter Klientel. Schon seit Längerem hat er inoffiziell den Leitungsposten seines labilen, dem Alkohol zugetanen Vorgängers Dr. Devanal (Charles Boyer) übernommen, freilich ohne dass die PatientInnen oder die altjüngferliche Verwalterin Victoria Inch (Lillian Gish) davon Wind bekommen hätten. Unter MacIvers mehr als aufopferungsvollem Engagement leiden derweil seine vernachlässigte Gattin Karen (Gloria Grahame) und auch die beiden Kinder (Tommy Rettig, Sandy Descher), während sich MacIvers Beziehung zu der Kunsttherapeutin Meg Rinehart (Lauren Bacall) heftig romantisiert. Ausgerechnet an der Frage der neuen Fenstervorhänge für die Bibliothek kulminieren und entzünden sich schließlich die diversen hausinternen Konflikte, eine Situation, unter denen besonders der persönlichkeitsgestörte, sensible junge Maler Steven Holte (John Kerr) zu leiden hat…

Ein MGM-Prestigestück, geradezu typisch für diese Ära und von einigen der besten Kreativkräfte gesäumt, die Hollywood zu jener Zeit aufzubieten hatte. Auch für Regisseur Vincente Minnelli bot das Projekt um jene Zeit ebenfalls ein willkommenes Heimspiel in jedweder Hinsicht – gewohnt (melo-)dramatisch, mit einem bis in kleinste Nebenrollen renommierten Ensemble (darunter viele Stars des Golden Age), von dem andere höchstens hätten träumen mögen und unter Dreingabe eines stark psychologisch konnotierten Plots konnte der Filmemacher sich hier an Etlichem abarbeiten, was seinen künstlerischen Ambitionen die allseits beweihräucherte Stahlkraft verlieh. So lebt „The Cobweb“, ganz seinem Titel entsprechend, zuallererst von der Vielzahl der unterschiedlich geschalteten, reziproken Beziehungen der Figuren unter- und zueinander, die ein geballtes Konstrukt aus teils sehr widersprüchlichen Erwartungen und Ansprüchen verknüpfen, in deren Zentrum der sich unverwundbar  wähnende, in Wahrheit jedoch zusehends überforderte Dr. MacIver hockt.
Sein vom praxisfernen Aufsichtsrat kritisch beäugter Behandlungsansatz besteht darin, der Patientenschaft durch die Bildung eines zwar ärztlich moderierten, jedoch weitgehend autark gepflegten Kommitees das Gefühl zu vermitteln, selbst entscheidenden Anteil an der Therapierung zu nehmen, menschlich ernstgenommen zu werden, ohne sich bevormunden zu lassen; letzten Endes auch unter hospitalisierten Bedingungen ein Gefühl uneingeschränkter Demokratie zu erhalten. Was heute gängige psychiatrische Praxis ist, war seinerzeit revolutionär; als erprobender MacGuffin für die Stabilität von MacIvers Thesen nutzt das Script die scheinbar völlig banale, alltäglich anmutende Auswahl neuer Vorhänge für das Bibliothekszimmer. Während die Patienten sich dafür entscheiden, die Gestaltung der Vorhänge den künstlerisch begabten Steven übernehmen zu lassen, überwerfen sich MacIvers geltungssüchtige Frau Karen und die rechthaberische Miss Inch über jeweils eigenmächtig ausgewählte Stoffe. Die höchst divers gelagerten Interessen aller Beteiligten finden somit ihren symbolischen Ausbruch im Streit um ein paar Vorhänge – eine ebenso merkwürdige wie auf den zweiten Blick umso brillantere Metaphorik, deren explosives Potential immerhin dazu ausreicht, einen versuchten Suizid nach sich zu ziehen.
Von besonderem formalen Interesse ist die zu jener Zeit noch relativ ungebräuchliche Verwendung des von Minnelli bevorzugten Farbkameraverfahrens Eastmancolor, das aufgrund des „single strip process“ eine einfachere technische Handhabung ebenso ermöglichte wie eine im Vergleich zu Technicolor wesentlich exaltierter wirkende Farbdramaturgie. Die Kolorierung wirkt leuchtender, erdiger und auf eine durchaus schöne Weise „unnatürlicher“. Minnelli trieb deren Einsatz ein Jahr später in der Van Gogh-Bio „Lust For Life“ (hier allerdings unter dem gebräuchlicheren, studiosignierten Begriff „Metrocolor“) zur endgültigen Perfektion.

8/10

TWO WEEKS IN ANOTHER TOWN

„I don’t lie to the press! I never have.“ – „You lie to yourself, Mr. Kruger. That’s worse.“

Two Weeks In Another Town (Zwei Wochen in einer anderen Stadt) ~ USA 1962
Directed By: Vincente Minnelli

Nach mehreren Jahren Aufenthalt in einem Sanatorium, in dem er sich wegen eines während einer Mischung aus Depressionen und Alkoholsucht verübten Suizidversuchs befindet, erhält der Hollywoodstar Jack Andrus (Kirk Douglas) eine postalische Offerte eines alten Freundes, des egozentrischen Regisseurs Maurice Kruger (Edward G. Robinson). Dieser dreht zur Zeit in Cinecittá einen europäischen Film mit dem Nachwuchsschauspieler Davie Drew (George Hamilton). Andrus soll gegen kleines Entgelt eine Nebenrolle übernehmen – ein möglicher Neuanfang. Zögerlich wagt Andrus den Ausflug nach Rom und wird prompt mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Seine Exfrau, die promiske Carlotta (Cyd Charisse), der Anlass für Andrus‘ miserables Los, ist ebenfalls in der Stadt. Kruger steht indes unter dem Druck des Produzenten (Mino Doro), keine Zeit für die Postsynchronisation aufwenden zu dürfen und überredet Andrus, die Arbeit daran für ihn zu übernehmen. Dieser findet derweil in der jungen Römerin Veronica (Daliah Lavi), eigentlich Drews Freundin, neuen Halt. Als Kruger einen fast tödlichen Herzinfarkt erleidet, bitter er Andrus, den Film für ihn zu übernehmen, doch der eigentlich im Aufwind befindliche Jack dreht eigenmächtig einige von Krugers Szenen nach, woraufhin dieser die Fassung verliert und Andrus feuern lässt. Abermals verzweifelt, trifft Andrus auf Carlotta…

Genau zehn Jahre nach ihrem gemeinsamen Hollywood-Drama „The Bad And The Beautiful“ fanden Vincente Minnelli und Kirk Douglas abermals zusammen, um sich neuerlich der zerstörerischen Seite des Filmbiz anzunehmen, diesmal natürlich in Scope und Farbe. Gab Douglas vormals mit dem schmierigen Jonathan Shields noch den opportunistischen Verführer, der seine Vasallen – sprich Darsteller – wie Schachfiguren nach Belieben zu manipulieren wusste, steht er nun auf der anderen Seite. Als psychisch schwer angegriffener, aber weitgehend austherapierter Ex-Star unterzieht er sich einer harten Konfrontationstherapie, die ihn nach einer abermaligen, schweren Krise aufrecht aus dem Ring steigen lässt. Interessant ist „Two Weeks In Another Town“ vor allem in seiner Funktion als Porträt der Ära „Hollywood On The Tiber“ der fünfziger und sechziger Jahre, die zahlreiche Filmschaffende aus den USA nach Cinecittá lotste, um dort unter europäischer Produktinsägide und mit internationalen Stäben und Besetzungen Kino zu machen. Den arrivierten Regisseur, der, freilich ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, seinen kreativen Zenit hinter sich hat und daher mehr oder weniger gezwungen ist, in Rom zu arbeiten gibt Edward G. Robinson in einer makellosen Darbietung, die im Prinzip Douglas‘ Figur aus „The Bad And The Beautiful“ (der sogar einmal im Film vorgeführt wird) transzendiert. Als großer Betrüger und Egomane ist Kruger es gewohnt, nach eigenen Maßgaben zu arbeiten, beißt bei seinem italienischen Produzenten Tucino, der stattdessen die einheimische, launische Diva Barzelli (Rosanna Schiaffino) hofiert, jedoch auf Granit. Ausgerechnet Jack Andrus, in der Vergangenheit von Kruger stets ausgenutzt und im Gegenzug oftmals in den Staub getreten gestoßen, soll für ihn den Karren aus dem Dreck ziehen, ein Plan, der beinahe aufgeht, schließlich jedoch mit Krugers ungebrochener Selbstüberhöhung und der Unnachgiebigkeit seiner tief frustrierten Gattin Clara (Claire Trevor) kollidiert. Nichtsdestotrotz überlebt Andrus auch diese Krise und geht am Ende gestärkt und mit juveniler Unterstützung (in Veronica und dem nicht minder krisengeschüttelten Davie Drew findet er zwei neue Freunde und Unterstützer) zurück nach Hollywood, um dort eine zweite Karriere als Regisseur zu begehen. Minnelli frönt hier einem für seinen Dramen ungewöhnlichen Positivismus, der für seinen gebrochenen Helden am Ende Heilung und Salbung bereithält. Neben der liebevollen Photographie Roms und seiner prominenten Zentren ein weiterer, guter Grund, sich diesen manchmal geflissentlich blasiert wirkenden, insgesamt aber doch schönen Film anzusehen.

7/10

FLASHBACK – MÖRDERISCHE FERIEN

„Mensch, das war doch bloß ein Scherz!“

Flashback – Mörderische Ferien ~ D 2000
Directed By: Michael Karen

Die seit früher Kindheit (Nicola Etzelstorfer) traumatisierte, mittlerweile erwachsene Jeanette (Valerie Niehaus) – ein irrer Mörder hatte ehedem ihre Eltern (Michael Greiling, Allegra Curtis) hingemetzelt – hat seither ihr ganzes Leben in psychiatrischer Obhut verbracht. Ihr Therapeut Dr. Martin (Erich Schleyer) glaubt nun, dass es an der Zeit ist, dass die intelligente, junge Frau wieder ein selbstbestimmtes Leben führt. Sie soll als Nachhilfelehrerin die drei verwöhnten Schroeder-Geschwister Leon (Xaver Hutter), Melissa (Alexandra Neldel) und Lissy (Simone Hanselmann) im Französischen fitmachen. Das Trio verbringt die Sommerferien ohne Eltern in der luxuriösen Alpen-Villa der Familie, ansonsten nur betreut von der knatschigen Haushälterin Frau Lust (Elke Sommer). Während sich Jeanette zu dem charmanten Leon hingezogen fühlt, scheint besonders Lissy, die Jüngste der Drei, ein gehörig durchtriebenes Früchtchen zu sein. Bald kommt es zu merkwürdigen Vorkommnissen, die rasch blutige Gewaltakte nach sich ziehen. Jeanette glaubt sich mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert…

Kein Geringerer als der berühmte Hammer-Autor Jimmy Sangster, der seinerzeit als Neuinterpret der klassischen gothic horror novels um Dracula und Frankenstein erst den maßgeblichen Ruf des Studios mitbegründet hatte, zeichnete sich für das Originalscript zu „Flashback – Mörderische Ferien“ verantwortlich – sein letztes im Übrigen. Die Parallelen erweisen sich dann doch recht rasch als offenkundig: Sangster hatte für sein Hausunternehmen unter anderem bereits diverse Drehbücher (z.B. die zur schwarzweißen Madness-Trilogie 63/64) verfasst, die erzählen, wie ein labiles, in der Regel psychisch stark vorbelastetes Individuum aus Profitgier, Rache oder bloß aus fehlverstandenem Jux in den Wahnsinn getrieben wird. Auch der italienische Giallo besonders der frühen Siebziger bediente sich immer wieder gern bei dieser Thematik, die dann schließlich wiederum einen dankbaren Motivlieferanten für die US-Slasher-Welle der Achtziger bildete. Ein traditionsverpflichteter Topos also, gewissermaßen vom rechten Experten neu aufpoliert. Dass die oberflächlich informierte Presse den Film damals als deutsche Antwort auf das durch Wes Cravens „Scream“ losgetretene, das Subgenre ja von Fall zu Fall mal mehr, mal weniger treffend transzendierende Slasher-Revival abzuhandeln geneigt war, zeugt indes von nicht viel mehr denn von vorbildlicher Halbkenntnis.
Gewiss ist „Flashback“, das teils mit heute schon wieder verblühten Daily-Soap-Sternchen besetzte Kinodebüt des Düsseldorfer Regisseurs Michael Karen, der mittlerweile ausschließlich Fernsehen macht, zu großen Teilen als heftigst ironisierte Hommage zu verstehen – nicht jedoch als bloßes Anhängsel an das damals revitalisierte Hollywood-Geschlitze. Vielmehr setzt Sangster sich selbst und einem wesentlichen Anteil seines Schaffens ein kleines, teils ganz bewusst ordinäres Denkmal, das mit überzogen grellem grand guignol hausiert und schon insofern sehr viel mehr mit den bunten, mediterranen Genreausläufern der Frühsiebziger gemein hat, denn mit dem, als dessen Epigone er so häufig fälschlicherweise gewertet wurde und wird. Im deutschen Kino, das für so innige Connaisseursspitzen schlicht und einfach keine kommerziell tragfähige Nische bereithält, nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung und somit ein durchaus lobenswert angesetztes Projekt.

7/10