PRIMAL FEAR

„If you want justice, go to a whorehouse. If you wanna get fucked, go to court.“

Primal Fear (Zwielicht) ~ USA 1996
Directed By: Gregory Hoblit

Der Chicagoer Strafverteidiger Martin Vail (Richard Gere) liebt vor allem zwei Faktoren, die sein Beruf mit sich bringt: Prominenz und Geld. Um seinen öffentlichen Putz etwas aufzumöbeln, bemüht er sich daher um eine besonders aufsehenerregendes Mandat – er will pro bono den des Mordes am lokalen Erzbischof (Stanley Anderson) verdächtigen Kirchenchorknaben Aaron Stampler (Edward Norton) vor Gericht verteidigen. Nicht nur, dass Vail bei seinen folgenden Ermittlungen bald auf einige unliebsame Nebenaktivitäten des toten Klerikers stößt, findet er heraus, dass sein Klient offenbar einer multiplen Persönlichkeitsstörung unterliegt, die zwar seine Schuld an der Bluttat beweist, ihn jedoch de facto als unverantwortlich für sein situatives Handeln dastehen lässt. Mit großem juristischen Geschick manövriert sich Vail fortan durch die Verhandlung, doch die größte Überraschung wartet noch auf ihn…

Ganz ordentliches Neunziger-Hochglanzkino, das erfolgreich mit den üblichen Ingredienzien des courtroom drama zu hantieren versteht – ein narzisstischer Anwalt, der weniger clever ist als er glaubt und sich selbst, ebenso wie sein bisheriges Berufsethos, am Ende selbst in Frage stellen muss, ein Klient, der ein doppeltes Spiel spielt und schließlich über Moral und Justiz triumphiert, gewürzt mit einem mäßig intelligenten MacGuffin, hier: einer brisanten Immobilienaffäre, die die Integrität von katholischer Kirche und Staatsanwaltschaft als höchst etablierte Stadt- und Staatsträger bis in ihre Grundfesten erschüttert. Schließlich darf noch der eingangs verteidigte Gangsterboss (Steven Bauer), der sich im Nachhinein als nützlicher Stichwortlieferant zur Offenlegung der obligatorischen Korruptionsaffäre erweist, nicht fehlen. Hoblit kann sich beruhigt auf das Engagement einer ziemlich makellosen Besetzung stützen: Richard Gere in einer buchstäblich maßgeschneiderten Rolle, der beeindruckende Debütant Edward Norton, der sich hiermit sogleich bedingungslos für kommende Großtaten empfiehlt, die stets erfreuliche Frances McDormand als gelackmeierte Psychologin und dazu zuverlässiges, wenngleich mäßig farbenfrohes Personal Marke Laura Linney, Alfre Woodward, John Mahoney.
Das ergibt in der Summe ein schniekes, kantenloses Unterhaltungsprodukt von einiger Professionalität und ohne allzu großen Nachhall, das sich auf seinen modischen twist stützt, als erfinde dieser das geschnittene Brot neu.
Nun bewegen sich allerdings weder Hoblit noch seine Autoren auf derselben erlauchten Ebene wie, sagen wir, Hitchcock, Wilder, Preminger oder Lumet, was „Primal Fear“ am Ende zwar vollkommen okay dastehen lässt, aber eben auch nicht besser als das.

6/10

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LEATHERFACE

„You messed with the wrong family.“

Leatherface ~ USA 2017
Directed By: Alexandre Bustillo/Julien Maury

Texas, 1955. Als die durchweg aus Psychopathen bestehende Familie Sawyer unter dem Vorsitz von Matriarchin Verna (Lili Taylor) ausgerechnet Betty (Lorina Kamburova), die Tochter des hiesigen Sheriffs Hal Hartman (Stephen Dorff), auf ihre Speisekarte setzt, sieht der bereits seit Langem nach Gerechtigkeit strebende Gesetzeshüter rot und sorgt dafür, dass Vernas Jüngster, der kleine Jedidiah (Boris Kabakchiev), in der geschlossenen Nervenheilanstalt landet. Zum jungen Mann (Sam Strike) herangereift, gelingt Jed, der sich nun Jackson nennt, gemeinsam mit drei anderen Insassen (Sam Coleman, James Bloor, Jessica Madsen) und einer gekidnappten Krankenschwester (Vanessa Grasse) die Flucht aus jener Institution, derweil Sheriff Hartman bereits darauf lauert, den Sawyers endgültig den Garaus zu machen…

Die Auslöschung von Identitäten zugunsten unguter Substitute schwebt allgegenwärtig dräuend über „Leatherface“. Um es gleich vorwegzunehmen ist dieser jüngste Beitrag zum langlebigen Chainsaw-Franchise nach Kim Henkels drittem 94er-Sequel zugleich der bis dato schwächste, was sich besonders in Anbetracht einiger dem Projekt zur Verfügung stehender, personeller Ressourcen sehr bedauerlich ausnimmt. Mit Bustillo und Maury gewann man immerhin zwei mehr denn vielversprechende Repräsentanten der harten Horror-Nouvelle-Vague und mit Lili Taylor und Stephen Dorff darüber hinaus auch recht ungewohnte darstellerische Prominenz. Was die so durchaus vielversprechend gestartete Chose dann aber so überaus unelegant durchkreuzt, ist das magere Script des Newcomers Seth M. Sherwood, der seinen Ansatz, dem ikonischen Character Leatherface einen psychologisch fundierten Unterbau zu verabreichen, völlig vergeigt.
Zu Beginn nutzt der Film nahezu exakt dieselbe Startbahn wie Rob Zombies „Halloween“-Remake; ein durch sein dysfunktionales Familienumfeld nachhaltig gestörter Junge kommt in ein infolge inkompetenter Belegschaft extrem kontraproduktiv geführtes Sanatorium für psychisch kranke, juvenile Gewaltverbrecher und bricht als junger Erwachsener dort aus. Doch damit ist der Werdegang hin zum späteren, verstummten Sägenschwinger Leatherface noch längst nicht vollendet – der gewaltsame Tod des besten Freundes, die Verbissenheit des ihn jagenden Sheriffs, schließlich eine unfällige Verunstaltung seines hübschen Antlitzes und ein schwelender Mutterkomplex ergeben schlussendlich jene ungute Mixtur, die den als Kind noch in „errettbarer Verfassung“ befindlichen Jed Sawyer zu unser aller liebstem Hautmaskenträger avancieren lässt. Das alles wird so forciert, hanebüchen und demystifizierend aufgetragen, so ohne Gespür für die die Chainsaw-Filme üblicherweise kennzeichnende, pathologische Atmosphäre oder für das ursprünglich so maßgeblichg apostrophierte Zeitkolorit (dem ja selbst herbeibeschworenen Umstand, dass die ganze Geschichte sich 1965 ereignen soll, wird letzten Endes zu keiner Sekunde Rechnung getragen), dass selbst die gewohnt gediegene und eigentlich treffliche Inszenierung der beiden „Exil-Franzosen“ das immens eklektische Konglomerat zu keiner befriedigenden Gesamtbilanz zu führen vermag. Es hat indes fast den Anschein, als wäre die (häufig dem DTV-Segment zuzurechnende) Wahl kostensparender Produktionsmittel, die Bulgarien als Drehort nebst vornehmlich einheimischem Stab, symptomatisch für das beinahe allseitige Misslingen.
Vor allem um Bustillo und Maury, deren stilistische Signatur trotz allem noch immer präsent scheint, muss es einem leid tun – man kann nur hoffen, dass die beiden sich nicht wie so viele immigrierte Filmkreative vor ihnen vom Moloch Hollywood aufzehren lassen und sich stattdessen in Zukunft wieder ihren sehr viel fruchtbareren Wurzeln als auteurs besinnen.

4/10

BLOOD RAGE

„That’s not cranberry sauce.“

Blood Rage ~ USA 1987
Directed By: John Grissmer

Zwillinge; einer davon total total wahnsinnig, aber ausgerechnet nicht der, der in der Klapsmühle sitzt: Als Kind begeht Terry (Keith Hall) im Autokino einen blutigen Mord, den er kurzerhand seinem Bruder Todd (Ross Hall) anhängt, der dafür wiederum in die Geschlossene wandert. Als Erwachsener – Terry (Mark Soper) lebt jetzt mit seiner Mom Maddy (Louise Lasser) in der Appartmentanlage „Shadow Woods“ ihres Lebensgefährten Brad (William Fuller), sitzt Todd (Mark Soper) immer noch ein, erhält aber ab und zu Besuch von der ihn insgeheim verachtenden Mutter. Pünktlich zum Zehnjahres-Jubiläum des damaligen Mordes bricht Todd aus der Anstalt aus, um die Dinge endlich klarzustellen. Bei Terry, dem ohnehin nicht passt, dass Brad seiner Mutter just einen Heiratsantrag gemacht hat, brennen daraufhin auch die letzten Sicherungen durch und er greift zur Machete.

Jahrelang führte „Blood Rage“ nur ein sehr stiefmütterliches Dasein. Bereits 1983 gedreht, erlebte er erst vier Jahre später ein eingeschränktes Leinwandrelease unter dem Titel „Nightmare At Shadow Woods“, stark heruntergekürzt und somit seiner wichtigsten Hauptmeriten, der blutigen Mordszenen nämlich, beraubt. Mittlerweile hat sich das geändert und Grissmers Film ist seit etwa zwei Jahren in seiner ungeschnitten Glorie und digital hochauflösend zu bestaunen. Dass ihn dies insgesamt nicht wesentlich aufwertet, schadet der Sache natürlich keineswegs, im Gegenteil: Die „Blood Rage“ zuteil gewordene Behandlung ist beispielhafter Liebhaberaktionismus, nichts weniger. Dem gegenüber steht ein Film, der in all seiner dämlichen Einfalt und der erschreckenden Inkompetenz der meisten Beteiligten das Herz des unerschrockenen Betrachters vor allem als Kuriosum erfreut. John Grissmer respektive sein dp Richard E. Brooks etwa haben zum Zeitpunkt des Drehs offenbar weder davon gehört, dass es so etwas wie eine Dolly gibt, noch dass auch handelsübliche 35mm-Kameras schwenkbar sind. Ab und zu spielt man ein wenig am Zoomregler, darin erschöpft sich aber auch schon die ganze bildliche „Bewegung“. Es gibt Sequenzen, die einem die Zehnägel hochbiegen, darunter eine, in der Todd ein kleines Mädchen (Dana Drescher), das im dunklen Wald nach seiner Katze sucht, vor seinem bösen Zwillingsbruder warnt, eine, in der eine ebenso bemitleidenswert alleinstehende wie geile Nachbarin (Jayne Bentzen) ihr schüchternes Date (Ed French) rumzukriegen versucht und – absoluter Höhepunkt – die, in der die mittlerweile völlig desorientierte Louise Lasser die Vermittlung anruft, um sich zu ihrem Galan durchstellen zu lassen. Freilich lassen sich diese Szenen nur in der Langfassung „bewundern“, die damit aber zugleich verpflichtend ist.
„Blood Rage“ ist ein Film, den man gesehen haben muss. Er könnte als blühendes Negativbeispiel an jeder Filmhochschule vorgeführt werden; bewegt sich technisch und formal mit Ausnahme der immerhin liebevoll gemachten SF/X unter aller Kanone, verfügt weder über ein halbwegs rationales Script, noch über ein auch nur minimal ausgereiftes, dramaturgisches pacing. Er ist einfach so richtig hübsch gaga und damit gleichfalls unbedingt sympathisch.

4/10

ANTICHRIST

„I love you.“ – „You don’t.“

Antichrist ~ DK/D/F/S/I/PL 2009
Directed By: Lars von Trier

Der Unfalltod ihres kleinen Sohnes (Storm Acheche Sahlstrøm) während ihres eruptiven Koitus stürzt ein Ehepaar in eine tiefe Sinnkrise. Sie (Charlotte Gainsbourg) erleidet einen Nervenzusammenbruch, gefolgt von einer akuten Angststörung, woraufhin er – seines Zeichens Psychiater – sich ihrer annimmt, obschon eines seiner professionellen Dogmen vorsieht, dass Patient und Therapeut sich privat nicht nahestehen sollten. Um sie direkt mit ihren seelischen Wunden zu konfrontieren, reist er mit ihr in eine abgelegene Waldhütte genannt „Eden“, in der sie im Vorjahr im Beisein des Kindes an ihrer Dissertation gearbeitet hat und die im Rahmen ihrer Erkrankung offenbar eine besondere Sollbruchstelle einnimmt. Als er herausfindet, dass ihre Arbeit zum Thema „Hexenverfolgung“, einhergehend mit expliziten Studien zu Folter- und Exekutionsmethoden sie ehedem offenbar schwerer tangiert hat als zuvor angenommen, eskaliert die Situation.

Als Auftakt einer „Depressions-Trilogie“, die von Trier nach einer ihn höchstselbst betreffenden, entsprechenden Phase schuf, verfehlt „Antichrist“ – wenn auch nur knapp – die von ihm intendierte, niederschmetternde Wirkmacht. Kunstanspruch und surreale Überhöhungen stehen der notwendigen Erdung des ansonsten durchaus wagemutigen und phasenweise durchaus starken Stoffs im Wege. Der eigentliche Nukleus des in vier Akte unterteilten Ganzen, nämlich die thetische Unmöglichkeit einer langfristigen, glücklichen Beziehung zwischen Mann und Frau, verwischt sich durch seine Einbettung in eine wesentlich unschärfere Gemengelage, in der sich die zusätzlichen Motive Wahnsinn, Natursymbolik, Paganismus und Hexerei sich quasi die Kolinke reichen. Ich glaube, dass, hätte von Trier es bei dem inhaltlichen Grundstock der infolge barscher Schuldgefühle entgleisenden Ehe belassen, der Film also straighter und weniger verwinkelt geworden wäre, ein kohärenteres und vor allem konsequenteres Resultat hätte entstehen können. Mit Dafoe und vor allem der Gainsbourg stehen dem Filmemacher jedenfalls zwei Protagonisten zur Seite, die für ihn durchs Feuer gehen und die beide auf der absoluten Höhe ihrer Kunst agieren. Die gegen Ende durch ihre extremen Darstellungen beschwerten Bilder graben sich infolge ihrer erfreulichen Kompromisslosigkeit zudem tief ein beim Zuschauer und auch, dass von Trier zumindest auf formale Spielchen verzichtet, tut „Antichrist“ gut. Bleibt also der nach meinem Dafürhalten eine, große Makel der metaphorischen Verwässerung, über dessen Ursachen sich nur spekulieren lässt. Möglicherweise war die Angst davor ausschlaggebend, dass eine „begradigtere“, nahbarere Version dem Publikum allzu viel abverlangt hätte; möglicherweise wurde die Wahl der kombinierten Topoi auch einfach bloß als passend empfunden. Es könnte aber auch sein, dass der Film so ist, wie er ist, weil er von Lars von Trier stammt.

7/10

THE NIGHT VISITOR

„Salem! Is it you?!“

The Night Visitor (Der unheimliche Besucher) ~ USA/S 1971
Directed By: Laslo Benedek

Salem (Max von Sydow), der seinen beträchtlichen Intellekt einst bewusst zur Seite schob, um ein karges Leben als versoffener Landwirt zu führen, sitzt in der geschlossenen Irrenanstalt. Seine Schwester Ester (Liv Ullmann) und deren Gatte, der Hausarzt Anton Jenks (Per Oscarsson), hatten ihn vor einiger Zeit durch gezielte Falschaussagen, denen zufolge Salem einen Mord begangen haben soll, dorthin gebracht. Als nun plötzlich brutale Gewaltverbrechen in der Gegend geschehen, fällt Salem scheinbar aus dem Verdächtigenraster, er sitzt ja nach wie vor ein. Doch der ermittelnde Inspektor (Trevor Howard) lässt sich nicht hinters Licht führen – er ahnt, dass Salem einen geheimen Fluchtweg aus der Anstalt gefunden hat und nun auf nächtliche Rachezüge geht…

Als eine auf den ersten Blick etwas eigenartig anmutende Randerscheinung des internationalen Siebzigerjahre-Kinos nimmt sich „The Night Visitor“ aus; als US-schwedische Coproduktion mit zwei berühmten Bergman-Standards in den Hauptrollen, den Brit-Veteranen Trevor Howard und Andrew Keir und inszeniert von dem Exil-Ungarn Laslo Benedek ist „The Night Visitor“ ein recht finster gearteter Thriller, der rein inhaltsbezogen an die schwarzweiße „Madness“-Trilogie der Hammer oder teilweise auch an William Castles Attraktionskino denken lässt. In jenen Filmen ging es jeweils auch um vereinsamte und/oder labile Individuen, die, übervorteilt oder in den Wahnsinn getrieben, irgendwann blutig zurückschlugen.
„The Night Visitor“ greift diese kleine Tradition auf und verlegt sie kurzerhand an den winterlichen Kattegat, wo die Sonne nicht durch die dicke, graue Wolkendecke dringt und die direkt an der Küste gelegene, forensische Verwahranstalt aufragt wie ein karger Albtraum-Monolith. Darin sitzt Salem in seiner kalten Zelle, wenn er nicht gerade mit Gefängnisarbeiten beschäftigt ist, und hat über die Zeit seines bisherigen Aufenthalts tatsächlich den Verstand verloren. Nicht jedoch seine strategische Cleverness und Brillanz, die ihn einen Weg heraus aus dem Gemäuer hat finden lassen. Wie ein nackter Werwolf sprintet und huscht er durch die nächtliche, westschwedische Eiseskälte, um zielstrebig seine Rachepläne auszuführen: Sein Schwager Anton soll wie Salem selbst ungerecht verurteilt werden und in der Isolation schmoren. Dass zwischen Anspruch und Ausführung einige mehr oder weniger der Vegeltung dienende Morde liegen, ist dem längst gesplitterten Moralempfinden Salems nicht weiter von Belang.
Die Besonderheiten von „The Night Visitor“ mitsamt seinem eher konventionellen Script und der beinahe komisch geratenen Auflösung ganz zum Schluss liegen in Setting und Besetzung: Das alles hat man in dieser Form zuvor und auch danach (noch) nicht (mehr) gesehen. Ein Serienmörder, der auf bergman’schem Terrainb wildert – diese Idee ist so zwingend wie clever und findet sich ebenso extravagant in ihre Filmsprache übersetzt.

8/10

THE DETECTIVE

„What does ‚Rainbow‘ stand for?“

The Detective (Der Detektiv) ~ USA 1968
Directed By: Gordon Douglas

Der New Yorker Detective Joe Leland (Frank Sinatra) ist ein Polizist nach Maß: Durchweg ehrlich, kultiviert und beseelt von einem geradezu klassischen Berufsethos ist sein Beruf alles, was er hat. Zumal er sich just von seiner großen Liebe Karen (Lee Remick) hat scheiden lassen müssen, da diese unter einer allzu gravierenden Borderline-Störung leidet, die sie zur pausenlosen Promiskuität zwingt. Nun hat Leland erstmal einen Fall zu klären, bei dem es um die brutale Ermordung des homosexuellen Sohns (James Inman) eines stadtbekannten Firmenbosses geht. Ein Verdächtiger – der flüchtige Untermieter (Tony Musante) des Toten – ist schnell zu Hand, ebenso wie dessen Schuldgeständnis nebst anschließender Hinrichtung. Für Leland bedeutet das die Beförderung zum Lieutenant, als ein weiterer Fall, der augenscheinliche Selbstmord eines Wirtschaftsprüfers (William Windom), nicht nur unheilvolle Immobilienklüngel zu Tage fördert, sondern auch noch Verbindungen zu dem vormaligen Schwulenmord aufweist…

Ol‘ Blue Eyes in einem letzten, verzweifelten Gegenentwurf zu seinen Cop-Genossen der nachfolgenden Dekade, von Harry Callahan über Popeye Doyle bis hin zu Frank Serpico. Sie alle könnten sich eine dicke Scheibe abschneiden von Joe Lelands Persona. Diese ist nämlich die eines Vorzeige-Großstadtpolizisten; von einem, der gepflegten Konservativismus mit liberalem Gedankengut kombiniert und vielleicht ebensogut Sozialarbeiter geworden wäre; für ihn ist Justizia tatsächlich noch blind, unabhängig von Hautfarbe, sexueller Ausrichtung und gesellschaftlichem Status. Das Department geht ihm über alles, die Todesstrafe mag er nicht besonders, aber sie ist eben gesetzlich vorgeschrieben (eine bittere, private Lektion wird ihn später nochmal darüber nachdenken lassen), von bewusstseinserweiternden Drogen, Hipstertum und Psychiatern hält er derweil überhaupt nichts. Was Joe Leland jedoch wirklich anspitzt, ist die grassierende Korruption in den heiligen Hallen der Sozietät, vom Rathaus über den Klerus bis hin zur Hochfinanz. Hier würde er gern mal gehörig durchkehren und dafür sorgen, dass die Slums dichtgemacht werden zugunsten von ordentlichen Schulen und Krankenhäusern. Damit ist Joe Leland ein absoluter Loner, der am Ende frustriert den Dienst quittieren wird, weil er nicht länger Zahnrädchen eines von grundauf verlogenen und fehlgeleiteten Systems sein will. Dennoch ist er kein Verlierer. Seine schwachen, bestechlichen Kollegen bewundern ihn ob seiner Standfestigkeit, bei schönen Frauen hat er einen Stein im Brett. Für Callahan und Doyle dürfte er einerseits zu wenig fanatisch und andererseits nicht resignativ genug sein, für Serpico indes eine Art irrealer bis phantastischer Erlöserfigur. Lumets und Wambaughs spätere, messerscharfe Systemvivisektionen wird man hier jedenfalls noch vergeblich suchen.
Man lehnt sich jedoch nicht zuweit aus dem Fenster, wenn man Gordon Douglas‘ auf einer Romanvorlage von Roderick Thorp basierendes Werk als in seiner Ganzheit von einem geradezu beispiellosen Humanismus zumindest im ernsten Polizeifilm dieser Jahre beseelt findet (sicherlich auch ein Zugeständnis an die Errungenschaften von Bürgerrechts- und Friedensbewegung); zum Einen wahrt es die grundgute Naivität des uniformierten Heroen, zum Anderen besitzt es hinreichend Mut, an ehernen Institutionen zu rütteln. Obgleich „The Detective“ sich nie außerhalb der Grenzen schnörkelloser Trivialkunst bewegt. Aber gerade auf diesem Terrain liegt ja das wahre Potenzial zu echter Subversion.

8/10

TUTTI I COLORI DEL BUIO

Zitat entfällt.

Tutti I Colori Del Buio (Die Farben der Nacht) ~ I/E 1972
Directed By: Sergio Martino

Nach einem von ihrem Galan Richard (George Hilton) verursachten Autounfall, in dessen Folge sie eine Fehlgeburt erleiden musste, kapselt die schüchterne Jane Harrison (Edwige Fenech) sich zunehmend von der Außenwelt ab. Seltsame Albträume, die sie das Schreckliche immer wieder durchleben lassen, machen ihr den Alltag nicht eben leichter. Also konsultiert den von ihrer Schwester Barbara (Susan Scott) empfohlenen Psychiater Dr. Burton (George Rigaud), der Jane zumindest schonmal versichern kann, dass sie nicht wahnsinnig ist. Dem widerspricht jedoch, dass sie sich von einem seltsamen Mann (Ivan Rassimov) verfolgt fühlt, der ihr überall hin nachzustellen scheint. Und dann ist da noch die neue Nachbarin Mary (Marina Malfatti), die Jane in Kontakt mit einer satanistischen Sekte und deren sinistrem Oberhaupt (Julián Ugarte) bringt, zu der überraschenderweise auch ihr permanenter Verfolger gehört und der sie mit Haut und Haar zu verfallen droht…

Ausgemachte Plotinteressenten dürften sich an Martinos schönem Giallo wohl eher die Zähnchen ausbeißen, aber es gehört ja eben zum innersten Wesen dieser feinen, italienischen Genrespielart, dass sie eher selten Interesse hat an stringent vorgetragenen Geschichten, sondern sich auf ihre spezielle, oftmals mit spekulativen bis pulpigen Elementen eine höchst spezielle Michform aus aufrichtiger Filmkunst, Kolportage und Exploitation betreibt. „Tutti I Colori Del Buio“ ist ein schönes Beispiel dafür aus der Hochzeit des Giallo: Bereits mit den ersten Minuten macht uns der Film mit dem Innenleben seiner fragilen Protagonistin vertraut, nebenbei einer archetypischen Figur der Gattung. Es geht im Folgenden um die Verschiebung von Realitätsebenen, die die arme Jane immer weiter in die psychische Fehlbalance treibt – was ist tatsächlich, was Einbildung und Traum? Sie verliert sukzessive das Vertrauen in die Verlässlichkeit ihrer Wahrnehmung und damit zwangsläufig in sich selbst; tatsächlich ein abtraumhafter Schwebezustand. Der Rezipient hat derweil allerlei damit zu tun, die wenigen ihm zur Verfügung stehenden Fakten zu ordnen und die üblichen Verdächtigungsmomente anzustellen, die sich, man mag es sich ohnehin denken, am Ende sowieso praktisch allesamt falsifizieren werden. Dabei ist Martino sogar fair genug, uns immerhin einen minimalen Rettungsanker im Wirbelsturm der irrealis feilzubieten, denn irgendwann zwischendurch erhält Jane einen Anruf von dem Notar Clay (Luciano Pigozzi), der sich mit ihr verabredet, was die Gute im Strudel all der vielen Zeitgenossen, die just etwas von ihr wollen, ganz flugs wieder vergisst (ebenso wie – wiederum ein cleverer Schachzug Martinos – bald auch der Zuschauer). An diesem Punkt hätte sich bereits das Meiste an kommender Dramatik rein theoretisch in Wohlegfallen auflösen können, aber wer würde das um den Preis solch packender Entwicklungen schon wollen? Weitere Höhepunkte neben der erlesenen Photographie vor Ort in England liefern Julián Ugarte als fieser Anton-LaVey-Verschnitt, der der zwischen angeekelter Widernis und lustvoller Hingabe oszillierenden Edwige andauernd blutige Zungenküsse drücken will, sowie Bruno Nicolais jazziger Score. Fein.

8/10