PELIKANBLUT

„Hör endlich auf damit. Mit allem.“

Pelikanblut ~ D/BG 2019
Directed By: Katrin Gebbe

Die Mittvierzigerin Wiebke (Nina Hoss) hat ihren Seelenfrieden gefunden. Auf ihrem Reiterhof trainiert sie Pferde für die berittene Polizeistaffel und mit der reizenden Nicolina (Adelia-Constanze Ocleppo) bietet sie einem bedürftigen, bulgarischstämmigen Heimkind ein erfülltesn neues Zuhause. Der geschiedene Polizist Benedikt (Murathan Muslu) hat außerdem ein mehr als berufliches Interesse an ihr. Als Wiebke mit der fünfjährigen Raya (Katerina Lipovska) nach längerer Wartezeit ein weiteres Mädchen adoptieren kann, scheint sich ihr Glück nochmals zu potenzieren. Doch das schwer traumatisierte Kind steckt voller psychischer Störungen, die es sein Umfeld bald spüren lässt. Da Raya durch ihr Verhalten zunehmend nicht nur sich selbst, sondern auch andere Kinder und schließlich Nicolina und ihre Adoptivmutter in Gefahr bringt, greift die unbeugsame und unbelehrbare Wiebke zu immer bizzareren Mitteln, die harte Schale des Mädchens zu durchdringen. Das letzte Mittel scheint die Hilfe der Geistheilerin Tanka (Justine Hirschfeld) zu sein, die zu spüren glaubt, dass Raya von einer übernatürlichen Entität besessen ist.

Ganze sechs Jahre nach ihrem herzzereißenden Debüt „Tore tanzt“ legt die vielversprechende Katrin Gebbe mit „Pelikanblut“ ihre jüngste Arbeit als Regisseurin und Autorin vor. Wenngleich der thematische Ansatz auf den ersten Blick ein ganz anderer zu sein scheint, geht es doch auch hier wieder um die zutiefst involvierende Leidensgeschichte einer von einer ganz speziellen, lebensvisionären Aufgabe erfüllten Figur, die sich aufopfert und allen äußeren Widernissen zum Trotz agiert. Dass die stille Pferdeflüsterin Wiebke selbst eine tief gezeichnete Figur ist, verrät uns neben einer Narbe unter dem Auge vor allem ihr zögerliches Verhalten dem ihr unentwegte Avancen machenden Benedikt gegenüber – obschon sich hier die Chance auf ein (neues?) Familienleben, das vor allem auch Nicolina guttäte, offeriert, gibt sie ihre Zurückhaltung nicht auf.
Mit Raya erhält ihre Kämpfernatur dann ein neues, unerreichbar scheinendes Ziel, das es zu erobern gilt, selbst auf Kosten alles zuvor so mühsam Erkämpften und Erreichten. Wegen Rayas irrationalem, selbst- und fremdgefährdendem Verhalten wenden sich nach und nach fast sämtliche Bekannten und Freunde von Wiebke ab. Sie selbst hält bis zur psychischen und physischen Belastungsgrenze an Raya fest. Auch ihre störrische Weigerung, naheliegende, äußere Hilfen etwa in Form einer betreuten Wohngemeinschaft für traumatisierte Kinder anzunehmen, bricht lediglich ansatzweise ein, erreicht dann aber doch wieder neuen Rückenwind. Mit der Wendung zum Parapsychologischen hin geht Katrin Gebbe schließlich einen zunächst rätselhaften, zumal unerwarteten Weg, der sich am Ende jedoch als sinnstiftende conclusio gestaltet, die „Pelikanblut“ in die jüngere deutsche Genretradition setzt und wegführt von dem zunächst offensichtlich scheinenden Vergleich mit Nora Fingerscheidts „Systemsprenger“. Anders als in diesem geht es in „Pelikanblut“ nämlich nicht um institutionelle Überforderung, sondern um den unendlichen Kraftaufwand, den es kostet, ein verloren scheinendes Kind fest an der Hand zu nehmen und ins Leben zurückzuholen. Dass Gebbes Film sich somit einer naheliegenden, wirklichkeitsverhafteten Lösung schlicht verweigert und Rayas neue Mutter ihren unkonventionellen Weg bis zum (zumindest innerhalb der damit vorläugig endenden, diegetischen Realität von „Pelikanblut“) erfolgreichen Abschluss ihrer selbstauferlegten Mission beschreitet, muss man insofern als konsequent bezeichnen. Bei Katrin Gebbe liegt auch in der tiefsten Finsternis stets ein Funke Hoffnung.

8/10

THE NEW MUTANTS

„All of you are dangerous. That’s why you’re here.“

The New Mutants ~ USA 2020
Directed By: Josh Boone

Nachdem das Reservatsdorf der jungen native Danielle Moonstar (Blu Hunt) von einer unerklärlichen, monströsen Katastrophe heimgesucht und alle Einwohner außer ihr selbst getötet werden, erwacht Dani in einer von der Außenwelt abgeschirmten Anstalt mitten im Nirgendwo. Ihre für eine mysteriöse Organisation tätige Therapeutin Dr. Reyes (Alice Braga) eröffnet Dani, dass sie eine Mutantin ist. Mit ihren vier MitinsassInnen Rahne Sinclair (Maisie Williams), Illyana Rasputin (Anna Taylor-Joy), Charlie Heaton (Sam Guthrie) und Roberto da Costa (Henry Zaga) ebenfalls MutantInnen in ihrem Alter, knüpft Dani nur zögerlichen Kontakt. Auch um deren Fähigkeiten und persönliche Traumata erfährt sie erst nach und nach. Die Jugendlichen raufen sich aber dennoch zusammen, um jener gewaltigen Bedrohung, die von niemand Geringerem ausgeht als Dani Moonstar selbst, gemeinsam entgenzutreten.

Mit der originalen 1982er Graphic Novel „The New Mutants“ von Chris Claremont, die die NachwuchsmutantInnen Psyche, Wolfsbane, Cannonball und Sunspot als X-Men-Youngsters als Nachfolger der mittlerweile selbst erwachsen gewordenen Originale einführte, sowie deren nachfolgender Serie, hat Josh Boones produktionsgebeutelte Adaption nicht mehr allzu viel zu tun. Die Anbindung an den X-Men-Kosmos ermangelt etwa den obligatorischen Mentor Charles Xavier und noch weitere handlungstragende Details, ebenso wie sie aus mir etwas unerfindlichen Gründen die eigentlich erst später hinzustoßende Colossus-Schwester Magik hinzusetzt, die in den Comics eigentlich etwas anders verangelt ist. Dennoch werden Geist und Atmosphäre der frühen „New Mutants“-Ausgaben recht adäquat eingefangen und wiedergegeben. Die zeitweilig von dem avantgardistischen Genie Bill Sinkiewicz gezeichnete Reihe verstand sich rasch als noir-affine teenage-angst-variation der klassischen Superheldentypologien wesentlich zugetaneren X-Men mit modernen Coming-of-Age- und Horror-Elementen sowie deutlich intimeren storylines. Auch der Film grenzt sich insoweit stark von den bisherigen „X-Men“-Kinoabenteuern ab, indem er sich auf ein überschaubares Figurenensemble von sechs annähernd gleichrangigen ProtagonistInnen stützt, entwicklungspsychologische Ansätze in den Vordergrund rückt und einen hermetisch begrenzten Schauplatz an die Stelle von gewaltigen Schlachten gegen Superschurkenarmeen setzt. Davon fühlte sich das von rauschenden CGI-Orgien verwöhnte, ordinäre Superheldenfilm-Krawall-Publikum erwartungsgemäß vergrätzt. „The New Mutants“ bietet dann auch tatsächlich recht verschrobenen, eigenwilligen Fantasy-Horror fürs Pubertier, mit einem aufgrund des limitierten Budgets in punkto Effektarbeit eher mäßig bebilderten Showdown und firmiert zum gegenwärtigen Zeitpunkt, nach zigmal verschobenen Starts, wohl als das, was man gemeinhin als „Flop“ bezeichnet. Dass er nichtsdestotrotz um einiges beseelter, schöner und interesanter ausfällt als der zwar deutlich teurere, zugleich aber wesentlich flachere „Dark Phoenix“ spricht wiederum für ihn. Ob aus diesem stiefmütterlich behandelten „Corona-Opfer“ noch die ursprünglich geplante Trilogie wird, darf bezweifelt werden. Ich wäre jedoch an Bord.

7/10

THE DEAD PIT

„The brain is the destroyer! The brain is the clock that kills us!“

The Dead Pit ~ USA 1989
Directed By: Brett Leonard

Dr. Swan (Jeremy Slate), Leiter einer psychiatrischen Klinik, beäugt mit einiger Sorge die geheimen Experimente seines Kollegen Dr. Ramzi (Danny Gochnauer). Als Swan Ramzi eines Tages in sein kleines Privatlabor folgt, wird er des ganzen Ausmaßes von Ramzis Wahnsinn bewusst: Mittels einer Mischung aus Gehirnchirurgie und Schwarzer Magie funktioniertt Ramzi willenlose Patienten zu lebenden Toten um und pfercht sie in eine unterirdische Grube. Dr. Swan gelingt es, Ramzi zu überwältigen und zu töten; die abgelegene Sektion des Instituts mauert er anschließend zu.
Zwanzig Jahre später kommt eine amnesische Patientin (Cheryl Lawson) auf Swans Station. Die junge Frau verfügt offenbar nicht nur über paranormale Sinne, sondern steht auch in unseligem Kontakt zu dem vermeintlich toten Ramzi. Gemeinsam mit einem Mitpatienten (Stephen Gregory Foster) macht sie sich daran, das Geheimnis um die zugemauerte Abteilung zu lösen und entfesselt dabei ein Inferno.

„The Dead Pit“, geschrieben und inszeniert von dem späteren Cyber-Thriller-Filmer Brett Leonard, war und ist als ein (im Vergleich zu Gordon oder O’Bannon) nicht ganz so prominentes Beispiel des überkandidelt-schwarzhumorigen Gore-Horrors der Mitt- und Spätachtziger Jahre recht gut gelitten. Besonders in der Geekkultur, die sich unter anderem aus dem Dunstkreis des „Fangoria“-Magazins speist, kann er auf eine solide fanbase zählen. Ich selbst habe den Film heuer zum ersten Mal geschaut und bin ziemlich von den Socken – darüber, dass er sein doch relativ stolzes Renommee genießt. Bekanntermaßen darf ich mich als weithin offenherzigen Zuschauer wähnen, der insbesondere einen soft spot für Genrezeug jedweder Couleur besitzt. Leonards Debüt aber hat mich wohl leider inmitten einer ganz falschen Sternkonstellation erwischt. Möglicherweise hab ich das ja auch alles, intensivster Empathieaufwändungen zum Trotz, nur völlig falsch verstanden und bin bloß zu stumpfsinnig für die heimliche (Humor-?)Offensive des Ganzen. Dass die in darstellerischer Hinsicht unsägliche, jedoch vornehmlich in Unterwäsche herumhopsende Cheryl Lawson als legitime scream squeen of the hour gepriesen wurde, lasse ich ja noch gelten; auch vielleicht, dass Leonard mit seiner Story um Dr. Ramzi und dessen sinistres Treiben eine kecke Hommage an Herschell Gordon Lewis versuchte. Innerhalb des großen Ganzen, dass „The Dead Pit“ am Ende vorschützt, erweisen sich diese Quasi-Pros jedoch als bemerkenswert unerheblich. Ich mag jetzt gar nicht so überakkurat aufzählen, was mir alles missfallen hat; über die erschreckend undifferenzierte Darstellung psychiatrischer Praxis, die zig kleinen Fehlgriffe innerhalb des hanebüchen unschlüssigen Handlungsablaufs bis hin zu der beinahe schon dreist überdehnten Erzählzeit, die ein halbwegs sinnvoller Schnitt um gute zwanzig Minuten hätte erleichtern müssen, hinaus wären das nämlich noch eine ganze Menge mehr. Am meisten gestört hat mich vermutlich, dass der komplette Film sich in einem völlig irrational übersteigerten Selbstbewusstsein ergeht, der in krassem Missverhältnis zu seinen letztendlich sichtbaren Qualitäten steht.
Da „The Dead Pit“ eben sein oben angeführter Nimbus vorauseilt, er also womöglich doch über verborgene Elemente verfügt, die mich blind über sie hinwegstolpern ließen, bin ich mit meinen Eindrücken nicht ganz glücklich.
The skin I live in.

3/10

LA TUA PRESENZA NUDA!

„He’s not an infant!“

La Tua Presenza Nuda! (Diabolisch) ~ UK/E/I/BRD 1972
Directed By: James Kelley/Andrea Bianchi

Elise (Britt Ekland), die junge, frischverheiratete, zweite Gattin des verwitweten Autors Paul Bezant (Hardy Krüger), wartet in der andalusischen Finca ihres Angetrauten auf dessen Rückkehr. Überraschend stößt zuvor noch Pauls zwölfjähriger Sohn Marcus (Mark Lester) zu ihr, der angeblich wegen eines Windpockenausbruchs eine Woche früher aus seinem Internat in die Sommerferien entlassen wurde. Marcus benimmt sich für einen Jungen seines Alters überaus untypisch; er hat keine gleichaltrigen Freunde, interessiert sich vornehmlich für Naturwissenschaften und Philosophie und macht Elise zudem unangenehme Avancen. Während der bald zu ihnen stoßende Paul seinen Filius unentwegt in Schutz nimmt und dessen Verhalten auf ein durch den Tod seiner Mutter (Colette Jack) hervorgerufenes Trauma schiebt, fügt sich für die eigenmächtig recherchierende Elise nach und nach ein gänzlich anderes Bild von Marcus zusammen: Das eines teuflisch durchtriebenen Psychopathen…

James Kelleys zweite und leider schon letzte Regiearbeit nach dem erst noch vor einigen Monaten von mir genossenen „The Beast In The Cellar“ entstand wie viele vornehmlich kommerziell ausgerichtete Werke der Ära unter internationaler europäischer Produktionsägide. Je nach Veröffentlichungsland fand sich Co-Regisseur Andrea Bianchi wahlweise gar nicht oder unter dem naheliegenden Pseudonym „Andrew White“ kreditiert; seinem künstlerischen Einfluss allerdings, der sich bereits zeitgenössisch in Grundzügen des Plots sowie ein paar semiskandalösen Nuancen in der Beziehung zwischen Elise und Marcus abzeichnete, lässt sich recht eindeutig nachspüren.
Ein (oder mehrere) Kind(er) und somit die zumindest qua Gesellschaftsvertrag unantastbar scheinendste Manifestation von moralischer und natürlich auch sexueller Unschuld als treibende, diabolische Kraft in einem psychologischen Vexierspiel einzusetzen, bildete 1972 noch eine relative Rarität, die in den Folgejahren jedoch immer mal wieder zum motivischen Hauptgegenstand innerhalb der Horror-/Thriller-Gattung erhoben wurde. Als wesentliche Pionierarbeit auf dem Sektor jenes Subgenres darf man wohl Mervyn LeRoys „The Bad Seed“ betrachten, wobei auch Henry James‘ damals bereits mehrfach filmisch adaptierte Novelle „The Turn Of The Screw“ entsprechende Avancen andeutete. Ibáñez-Serradors „¿Quién Puede Matar A Un Niño?“ war dann einer der Filme, die diesen Topos konkretisierten, ohne die zum Sinistren tendierende Persönlichkeit der minderjährigen Protagonisten direkt durch einen parapsychologischen oder sonstwie widernatürlichen Einfluss zu erklären. Doch auch „La Tua Presenza Nuda!“ darf in dieser Hinsicht als Schlüsselstück gelten. Das Engagement von Hauptdarsteller Mark Lester, der als Titelheld in Carol Reeds Dickens-Musical „Oliver!“ für Furore gesorgt und damit zum Kinderstar (mit wie üblich rasch in Drogenschwaden verpuffendem Ruhm) geworden war, bildete nicht zuletzt insofern einen kleinen Besetzungscoup. Wie sich sein Marcus Bezant im Verlaufe des Films als durch und durch boshafter Charakter erweist, der am Ende, nachdem er als ebenso durchtriebener wie pathologischer Lügner, Dieb, Spanner, Tierfolterer und -Mörder entlarvt wurde, den Mord an seiner zuvor fremdgegangenen Mutter gestanden hat, eine Therapeutin (Lili Palmer) genarrt und seine Stiefmutter in die Psychiatrie gebracht hat, schließlich auch noch die Ermordung seines Vaters plant um dessen (mittlerweile offiziell gesundete) Frau für sich zu gewinnen, das ist schon eine diskutable Breitseite, die, so möchte ich meinen, zumindest in der gebotenen Form heutzutage kaum mehr durchginge. So dürften ein paar besonders deftige Sequenzen, speziell jene, in denen sich die verbotene sexuelle Spannkraft zwischen Marcus und Elise bebildert findet, in ihrem dezidiert grenzgängerischen Impetus vor allem Bianchi zuzuschreiben sein. In jedem Fall ein in mehrfacher Hinsicht spannender, diskursfreudiger Film von einigem Nachhall.

8/10

SILVER LININGS PLAYBOOK

„You have poor social skills. You have a problem.“

Silver Linings Playbook ~ USA 2012
Directed By: David O. Russell

Pat Solitano Jr. (Bradley Cooper) leidet unter einer bipolaren Persönlichkeitsstörung, die ihm, nachdem er seiner Frau Nikki (Brea Bee) in flagranti erwischt und deren Liebhaber krankenhausreifg geprügelt hat, acht Monate in der geschlossenen Psychiatrie eingebracht haben. Auf Insistieren seiner Mutter (Jacki Weaver) hin darf Pat nun entlassen werden und unter Aufsicht seiner Eltern leben. Das erweist sich als nicht eben einfach, denn auch Pats Dad (Robert De Niro) ist ein Vollblutneurotiker, der seinen jüngeren Sohn Jake (Shea Whigham) stets bevorzugte. Zudem ist Pat in pathologischer Weise darauf fixiert, Nikki, die bereits ein Kontaktverbot erwirkt hat, zurückzugewinnen. Durch Zufall lernt er die ebenfalls psychisch angestoßene Tiffany (Jennifer Lawrence) kennen, die sich prompt in Pat verliebt und alles Mögliche versucht, ihn, der ebenfalls uneingestandenes Interesse zeigt, für sich zu gewinnen. Zu diesem Zweck überredet Tiffany Pat, mit ihr an einem Tanzwettbewerb teilzunehmen.

Hmja. Sonderlich Innovatives kredenzt diese von den Weinsteins produzierte Allerwelts-RomCom mit ein paar dramatischen Einschlägen, die ja in Anbetracht dessen, was die handelsüblichen Netzseiten so hergeben, doch sehr beliebt zu sein scheint, nicht auf. Allein aufgrund dessen will ich gewiss kein vorschnelles Qualitätsurteil fällen, nur scheint mir diese doch sehr derrivierte Mixtur aus zwei psychisch „angeknacksten“ Versehrten, die auf Umwegen zueinander finden (ähm) über einen Hauch Rostand (uff) bis hin zum unvermeidlichen Tanzfinale Marke „Dirty Dancing“ (ächz) doch etwas sehr faul vorzugehen mit ihrer ausgestellten Konstruiertheit. An „Silver Linings Playbook“, der sich schlussendlich überhaupt nicht unterscheiden will oder kann von all diesen typischen Dramödien für den Modell-Kinogänger um Therapie-Patienten, die ein bisschen sonder- weil unberechenbar sind, aber eigentlich doch ganz lieb, zumindest, so lange sie einen Vogel mit ähnlich gefärbtem Gefieder finden, ist somit aber auch gar nichts Besonderes. Man könnte Russells Film mit einem weinenden Auge auch als grundrepräsentativ für das Gros von Robert De Niros Rollenauswahl seit kurz vor der Jahrtausendwende erachten. In diesem Zeitraum spielte der einstige Vorzeige-method-actor, sofern nicht gerade Marty Scorsese seinen Weg kreuzte, den analog zu seinem Faltenwurf kauziger werdenden alten Stiesel mit Diamantschale und Herz aus Gold gefühlte dreitausend Male. Man (ich!) begne(t) ihm zwar immer noch stets gern, weil man traditionell so viel Gutes mit ihm assoziiert, aber die Wiedersehensfreude scheint doch mit jeder neuerlichen Begegnung abzuflauen, weil, ähnlich wie bei jährlich wiederkehrenden Familienfestivitäten die Geschichten, die Onkel Robert zum Besten gibt, irgendwann stets dieselben bleiben und sich daher nicht mehr ganz so spannend ausnehmen wie früher mal. So geht es im Ganzen auch „Silver Linings Playbook“, der mir allzuviel uninspirierte und dazu noch anderswo zigmal so ähnlich oder besser gesehene Reißbrettelemente vorweist, um wirklich sympathisch oder gar schön zu sein; einem Film, der sich ebenso rasch aus Herz und Hirn verflüchtigt wie ein Tröpfchen Ethanol aus einer versehentlich offen stehen gelassenen Phiole.

4/10

THE INVASION

„We’re still evolving.“

The Invasion ~ USA/AU 2007
Directed By: Oliver Hirschbiegel

Die Psychiaterin Carol Bennell (Nicole Kidman) wird Zeugin, wie außerirdische Sporen, die nach dem Absturz eines Space Shuttle entweichen, sich diverser Menschen im Schlaf bemächtigen und sie nach einer Metamorphose zu seelenlosen Marionetten eines Gedankenkollektivs assimiliert. Eine Befriedung der Menschheit um den Verlust der Individualität scheint das großflächige Ziel der Aliens zu sein, die aufblitzendem humanen Widerstand mit Gewalt und Oppression begegnen. Gemeinsam mit ihrem Söhnchen Oliver (Jackson Bond), das immun gegen den extraterrestrischen Angriff zu sein scheint, flieht Carol vor den immer zahlreicher werdenden Verwandelten mit dem obersten Ziel, bloß nicht einzuschlafen.

Leider nichts, worüber man nach Hause schreiben müsste: Oliver Hirschbiegels Hollywood-Debüt, die vierte Adaption von Jack Finneys Geschichte „The Body Snatchers“ in rund 50 Jahren, blickt auf einen gewohnt unebenen Entstehungsprozess zurück. Dem produzierenden Studio Warner gefielen etliche der von dem Newcomer inszenierten Strecken nicht und so holte man die hauseigen etablierten Wachowskis sowie James McTeigue als Notsanitäter an Bord und veranlasste diverse Nachdrehs, die unter anderem formale „Glättungen“ sowie ein positiver gestimmtes Ende beinhalteten. Inwieweit diese Modifikationen den Film verschlimmbesserten, bleibt fürs Erste reine Mutmaßung, dass Studiobosse einen hilflosen Regisseur durch die nachträgliche Veruntreuung seiner Arbeit traumatisieren, bildet indes kein Novum.
„The Invasion“ verfährt im Großen und Ganzen wie die ersten beiden Body-Snatchers-Filme von Don Siegel und Philip Kaufman von 1956 bzw. 1978; Abel Ferraras auf einen Militärstützpunkt als Handlungsort umgelagerte Variation bildete bereits für sich betrachtet eine Ausnahmeerscheinung.
Neue oder gar innovative Impulse vermag „The Invasion“ zumindest in der nunmehr zu begutachtenden Fassung dem bereits hinlänglich verhandelten Sujet nicht hinzuzusetzen. Der plotinhärente, philosophische Diskurs, demzufolge nur die Gleichschaltung aller Menschen und somit gleichermaßen die Aufgabe jedweder individueller Persönlichkeit mit einem friedlichen, enbehrungslosen und nachhaltigen Humanexistenz einher gehen kann, wird, anders als die Ängste vor der kommunistischen Bedrohung des Ostblocks in der Ära des Kalten Krieges revisionistisch, aber auch vollkommen oberflächlich abgehandelt. Im Grunde blitzt dieser ideell durchaus reizvolle Ansatz lediglich zweimal kurz im Film auf und wird durch die situative Aggressivität und Bedrohlichkeit der von den Aliens modifizierten Menschenhülsen auch gleich wieder ad absurdum geführt. Die Fremden bekotzen einen mit ihrem grünlichen Schleim, sind deutlich kräftiger als ihre menschlichen Vorgänger und töten mit bloßer Hand süße Hunde, die sich als instinktive Widersacher der Fremden einmal mehr als bester Freund des Menschen erweisen. Zudem scheute man sich, auch das offenbar im Nachhinein, dem Zuschauer einen pessimistischen Abschluss „zuzumuten“, wie er bei Siegel und Kaufman noch zum guten und vor allem richtigen Ton gehörte. Stattdessen gibt es hier einen Impfstoff (!) sowie ein Heilmittel (!!) gegen das extraterrestrische „Virus“, was auch dem mittlerweile als James Bond verpflichteten Daniel Craig (der hier – hoho, haha – rein zufällig den jüngsten Felix Leiter Jeffrey Wright an die Buddy-Seite gestellt bekam) ermöglicht, trotz seines vermeintlich zwischenzeitlichen Abgangs vor den end credits wieder gut gelaunt und rekonvalesziert bei der Heldin am Frühstückstisch zu hocken. Hübsch bieder, wohlsortiert und vor allem: halb so wild, sofern man das große Erbe außer Acht lässt und sich mit einem schnellen Imbiss zufrieden gibt. Aber auch nur dann.

5/10

THE PROFESSOR AND THE MADMAN

„Every word in action becomes beautiful in the light of its own meaning.“

The Professor And The Madman ~ IE/UK/USA/F/IS/BE/HK/MEX 2019
Directed By: Farhad Safinia

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzt sich der Philologe James Murray (Mel Gibson) das ehrgeizige Ziel, mit dem „Oxford English Dictionary“ das erste, umfassende Wörterbuch der englischen Sprache abzufassen und herauszugeben – ein ungeheuer ehrgeiziger Plan, der, wie sich rasch herauskristallisiert, selbst für ein größeres Mitarbeitergremium kaum zu bewältigen ist. Ein öffentlicher Beteiligungsaufruf erreicht schließlich auch den nach einem Mord in geistiger Umnachtung in der Broadmoor-Psychiatrie einsitzenden, ehemaligen Militärarzt William C. Minor (Sean Penn). Der nach Feldeinsätzen im Sezessionskrieg unter einem schweren, sich in Psychosen und schizophrenen Episoden äußerndem PTBS leidende Minor erweist sich als einer der wertvollsten Lieferanten für Murrays Wörtersammlung. Die beiden ungleichen Männer treffen und freunden sich an. Während Minor sich bei der Witwe (Natalie Dormer) seines vormaligen Opfers (Shane Noone) entschuldigen und schließlich sogar deren Verständnis und Liebe für sich erobern kann, schlimmern sich seine Leiden und Schuldkomplexe zusehends, was wiederum die kontraproduktive Hilflosigkeit seines Therapeuten Dr. Brayn (Stephen Dillane) verstärkt. Unter Murrays Mithilfe kann Minor schließlich entlassen und in die USA überstellt werden.

Das von Mel Gibson bereits seit langen Jahren vorbereitete, auf Simon Winchesters 1998 erschienenem „The Surgeon Of Crowthorne“ basierende Biopic endete in einer sehr unrühmlichen Postproduktionsphase und in diesbezüglichem Zusammenhang sogar vor Gericht. Weil die beteiligte Produktionsgesellschaft Voltage Pictures Gibson und seinem Regisseur Safinia sowohl das Recht auf den final cut als auch erwünschte Nachdrehs verweigerten, distanzierten sich beide öffentlich von dem schließlich veröffentlichen Resultat und nannten es eine „bittere Enttäuschung“. Safinia firmiert in den credits schließlich unter Rückzug seines Namens als sein Pseudonym „P.B. Shemran“.
Ich finde es ja immens seltsam, dass es trotz so vieler medienhistorischer Lektionen in mehr oder minder regelmäßigen Abständen dazu kommt, dass selbst kleinere Produzenten ihre kreativen Kräfte, allen voran den Regisseur, am Ende auflaufen lassen, nur weil ihnen die wie auch immer geartete finanzielle Muffe geht. Da werden gewünschte Schnittfassungen abgesägt, abgelehnt und nach jeweiligem Gutdünken verlängert oder verkürzt, ganze Scores ausgewechselt, colour gradings gezielt verändert. Vor allem aber wird unter dem Strich eine künstlerische Vision barsch mit Füßen getreten. Selbst renommierteste Filmemacher von Brian De Palma bis hin zu Paul Schrader müssen immer wieder entsprechende Enttäuschungen und Einbußen hinnehmen, tun dies anschließend gerechtermaßen lauthals kund und sorgen damit wiederum für eine Abkehr ihrer treuen Anhängerschaft und damit des potenziell größten Publikums. Auch das Feuilleton hat mit dem, was schließlich hinten rauskommt, stets seine liebe Not – der endgültige kommerzielle Todesstoß ist somit niet- und nagelfest. Dass die Produktionen derlei Negativentwicklung bei ihren Nickeligkeiten nicht nur schlichtweg ignorieren, sondern ihre Kompromisslosigkeit lieber mit noch höheren Verlusten sowie reziproker Rufschädigung bezahlen, mag mir nicht einleuchten. Aber ich bin eben auch kein Kapitalist.
Im Falle von „The Professor And The Madman“ habe ich mich erst nach der Betrachtung eingehender mit dessen unschöner Entstehungsgeschichte befasst und konnte ihn so weithin ungetrübt genießen. Möglicherweise bleibt einem das vollendete Meisterwerk vorenthalten – einen guten Film jedoch bekommt man auch so noch immer kredenzt. Kein Wunder, bei den reichhaltigen Topoi, die das unter anderem von John Boorman geschriebene Script vorschützt – zwei hochinteressant gezeichnete (und jeweils famos bespielte) Protagonisten mit ihren jeweiligen Obsessionen hat es darin, die wundervolle viktorianische Epoche natürlich; die ganz allmählich ihren misanthropischen Kinderschuhen entwachsende Geschichte der Psychiatrie, den Zauber von etymologischen Studien im Verbund mit irrwitzigem Komplettierungsstreben. Gewissermaßen als topping steht noch eine der unmöglichsten, bittersüßesten Liebesgeschichten des Kinojahres bereit – allesamt Faktoren, die mich etwas stutzend all die Negativwertungen, die „The Professor And The Madman“ zuteil wurden, zur Kenntnis nehmen lassen. Ich selbst fand Safinias Film auch in der vorliegenden Form noch sehr schön, wenngleich nicht makellos. Aber welches Werk kann mit einem derart astronomischen Qualitätsprädikat in der heutigen Zeit überhaupt noch reüssieren?

8/10

JOKER

„There is no punchline.“

Joker ~ USA/CA 2019
Directed By: Todd Phillips

Gotham City in den frühen achtziger Jahren: Die Stadtkassen sind marode, Sozialleistungen werden vehement gekürzt, die Müllabfuhr befindet sich im Dauerstreik. Die ersehnte Besserung verspricht vollmundig der superreiche Magnat Thomas Wayne (Brett Cullen), der sich für die kommende Bürgermeisterwahl aufstellen lassen will. Während indes der psychotische Berufsclown Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) von einer Karriere als standup comedian träumt, pflegt er zu Hause seine Mutter (Frances Conroy) und himmelt vom Fernsehsessel aus den erfolgreichen Late-Night-Host Murray Franklin (Robert De Niro) an. Arthur steht in Gotham am unteren Ende der Nahrungskette: ein paar Straßenkids verprügeln ihn, auf Therapie und Medikamente werden ihm urplötzlich gestrichen. Als er zudem noch seinen Job verliert und ihm ein Yuppietrio in der U-Bahn abermals tätlich zusetzt, greift er zur Waffe. Doch damit endet seine Geschichte nicht. Als Arthur eher zufällig ruinöse Einblicke in seine eigene, schmerzverzerrte Kindheit erhält, brennt bei ihm die letzte Sicherung durch. Ein durch Zufälle „ergatterter“ Live-Auftritt in Franklins Show soll ihm dazu dienen, sich der Welt zu erklären…

Nachdem Todd Phillips sich im vorvergangenen Jahrzehnt als Komödienspezialist hervortat, sich unter anderem mit dem brillanten „Old School“ (aus dessen Sequel dann leider doch nichts wurde) kurzzeitig als wertvoller Erfüllungsgehilfe für das Frat Pack behauptete und mit der „Hangover“-Trilogie auch kommerzielle Gipfel erklomm, markiert „Joker“ eine eminente Trendwende in seinem Schaffen. Doch auch sonst stellt der Film ein relatives Unikum inmitten des weiterhin grassierenden Trends zu Superheldencomic-Adaptionen dar: erstmals (der sich zwischen den Stühlen positionierende Hybrid „Venom“ sei ausdrücklich ausgenommen) wird nicht nur ein klassischer Bösewicht zur Titelfigur und zum Antihelden einer Verfilmung der bunten Seiten von Marvel und DC, sondern darüberhinaus einer der ikonischsten Antagonisten der Neunten Kunst überhaupt, eine erklärte Nemesis und Antithese zu allem, was die martialisch gewandeten Heroen am gegenüberliegenden Ende ihres phantastischen Spektrums zumindest in traditioneller Hinsicht an rationaler und ethischer Integrität auszeichnet. Mit der Ära Neal Adams gewinnt nach den flippigen sixties nicht nur sein Widersacher an Ernsthaftigkeit zurück, auch der Comic-Joker himself avanciert vom albernen Gimmickgauner sukzessive zum Serien- und Massenmörder, dem es zusehends weniger darum geht, reiche monetäre Beute abzugreifen. Vielmehr geriert er zum Sinnbild von Chaos und Anarchie, dessen Bedrohlichkeit kaum von seiner eher zu vernachlässigen, physischen Präsenz ausgeht, sondern von der allumfassenden, nihilistischen Irrationalität seines chaotischen Verstandes. In den Achtzigern, bekanntermaßen ohnehin die große Zäsur-Dekade im Superheldencomic, spitzt sich diese Entwicklung unter visionären Autoren wie Alan Moore, Jim Starlin und Grant Morrison nochmals zu; der Joker attackiert nunmehr unmittelbar und frontal seinen ewigen Hauptgegner, indem er dessen wundeste Punkte – seine Mitstreiter und Freunde – ins Visier nimmt, teilweise schwer schädigt und sogar ermordet. Damit wird die uralte Fehde endgültig zur nagenden Intimfeindschaft, ohne dem weißgesichtigen, grünhaarigen Zerrbild jedweder Vernunft allerdings jemals eine Biographie, geschweige denn einen zivilen Namen zuzuordnen. Moore verfolgte einen diesbezüglichen Ansatz erstmals in dem legendären Oneshot „The Killing Joke“, der die bisher bekannte, in faktischer Hinsicht recht schwammige origin der Figur (derzufolge Joker zuvor ein ordinärer, behelmter Ganove namens Red Hood ist, der bei einem Scharmützel mit Batman in einen Chemiebehälter fällt und diesem Unfall seine entstellte Physis wie auch seinen Irrwitz verdankt) wesentlich vertiefte und erstmals den Menschen hinter dem Grinsen nebst dessen tragischer Geschichte herausstellte. Tim Burtons „Batman“ defragmentierte diese Elemente wieder und arbeitete Jack Nicholson zu einem relativ ordinären Mafioso um, der im Film zudem Bruce Waynes Eltern auf dem Gewissen hat, was immerhin eine nette, motivische Kausalitätskette in Gang setzt. Heath Ledger erntete derweil posthum viel Lob für seine sehr viel geerdetere Interpretation in Nolans „The Dark Knight“, die mich selbst zumindest auf der Ebene des Adäquaten zwar weniger anspricht, dem Charakter aber zumindest wesentliche Elemente ihres finsteren Nimbus zurückverehrt.
Todd Phillips nun wagt eine Melange aus diversen dieser übergreifenden, popkulturellen Erscheinungsformen des „Killerclowns“. Zuallererst verpflanzt er ihn in ein prononciert uncomiceskes, realistisches Szenario, in ein Gotham, das die u- und dystopischen, majestätischen Images jenes artifiziellen Molochs kurzerhand ignoriert und es stattdessen in ein zweites Manhattan der Frühachtziger verwandelt, das vor Dreck, Graffitis und Smog steht und pure Hoffnungslosigkeit gebiert. Der Joker besitzt hierin noch Namen und Identität. Er heißt Arthur Fleck (seine nominelle Persona wird erst am Ende des Films Geschichte sein) und ist ein trauriger, bemitleidenswerter Systemverlierer ohne zwischenmenschlichen Anschluss, der schließlich erst im Rahmen einer unfreiwillig von ihm selbst hervorgerufenen Anarchobewegung zur bizarren Ikone emporstilisiert wird. Sogar eine mögliche Blutsverandtschaft mit dem (noch jungen) Bruce Wayne (Dante Pereira-Olson) wird angedeutet, jedoch in der Schwebe belassen. Indirekt verantwortet er wiederum die kommende Genese Batmans, seine chemikalisch induzierte Mutation jedoch bleibt aus, wie auch der gesamte Film wiederum auf hyperrealistische Metamorphosen und Kostüme verzichtet. Insofern könnte man, um wiederum in und mit „Comic-Termini“ zu sprechen, „Joker“ am Ehesten zu den vielen Elseworlds-Storys von DC zählen, Geschichten also, die bekannte Figuren und Ereignisse ganz bewusst einmalig in alternative zeitliche und/oder örtliche Kontexte setzen. Als solche funktioniert Phillips extrem stilisierter Film dann auch durchaus, obschon die oftmals behaupteten Parallelen zu früheren, wesentlich mehrdimensionaleren Scorsese-Filmen mit De Niro wie „Taxi Driver“ oder „The King Of Comedy“ eher zu vernachlässigen sind. Auch würde ich nicht soweit gehen wollen, „Joker“ zur gegenwartspolitischen Analogie zu verklären, wie dies hier und da aufzuschnappen ist; zu einer symbolischen „Warnung“ vor dem schlummernden, revolutionären Zorn der abgehängten, grauen Masse also. In Bezug auf Inszenierung, Form und Hauptrollenspiel leistet Phillips‘ Werk gewiss Beachtliches, das sei ihm unbenommen. Etwaig messianisches, zielsicher zeitsezierendes oder gar subversiv-antikapitalistisches Mainstream-Kino wie etwa „Fight Club“ jedoch gibt er bei aller Sympathie dann doch nicht her.

8/10

GLASS

„This was an origin story the whole time.“

Glass ~ USA 2019
Directed By: M. Night Shyamalan

Als der mittlerweile jahrelang incognito als „Overseer“ im Vigilantengeschäft tätige, mittlerweile verwitwete David Dunn (Bruce Willis), unterstützt von seinem Sohn Joseph (Spencer Treat Clark), auf den multipel gestörten Serienmörder Kevin Wendell Crumb (James MacAvoy) alias „The Horde“ aufmerksam wird und ihn kurz vor dessen nächster Schreckenstat stellt, werden beide gefasst, in in psychiatrische Sicherheitsverwahrung und dort unter die Obhut von Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) verfrachtet. Dort begegnet David auch seinem alten Widersacher Elijah „Mr.“ Glass (Samuel L. Jackson) wieder, der hier stark sediert und depressiv seine Tage fristet. Dr. Staple ist Expertin für scheinbar Größenwahnsinnige mit dem Hang, sich selbst als Superwesen oder Metamenschen zu betrachten und setzt sich zum Ziel, das Trio mithilfe gruppentherapeutischer Sitzungen vom Gegenteil zu überzeugen. Doch im brillanten Hirn hinter seinem nur vorgespielt lethargischen Blick gärt er bereits wieder bei Mr. Glass…

Nachdem M. Night Shyamalan mittels einem das Publikum aufjuchzen lassenden Epilog zuletzt bereits den Protagonisten seines nach wie vor schönsten Films „Unbreakable“ mit der Story von „Split“ koppelte, ließ sich bereits erahnen, was da kommen mochte. Nicht zuletzt die Tatsache, dass der im Jahr 2000 gestartete „Unbreakable“ die in den letzten zwei Dekaden zum maßgeblichen Blockbustersegment avancierte Superheldencomic-Adaption durch seine geschliffene Mythologiedialektik entscheidend vor- und mitbereitet hat, erschien ein Wiederaufgreifen des darin vorgestellten Ansatzes sinnvoll. In Kombination mit dem gegen Ende selbst phantastische Züge annehmenden „Split“ eine umso vielversprechendere Angelegenheit. Shyamalan feilt dann auch eifrig weiter an seinem ganz eigenen Superhelden-Universum und gibt Mittel und Wege für ein weiteres potenzielles Franchise vor, dessen serieller Charakter sich nach dem Ende von „Glass“ jedoch etwas fragwürdig gestaltet. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Geschichte abermals weitergehen kann und/oder wird. Der vorliegende Film begnügt sich indes (noch) damit, auf die gewaltigen CGI- und Materialschlachten aus MCU und DCEU zu verzichten. Kündigt sich durch Mr. Glass‘ massenmörderische Planungen bereits ein urbaner Showdown mit allerlei Kollateralschäden an, bleibt es dann doch bei einem einzigen aktionsbetonten Widerstreit der naturgewaltigen Übermenschen vor den Toren der psychiatrischen Klinik, an dem die jeweils wichtigsten Bezugspersonen der drei Antagonisten, also Dunns Sohn Joseph, die Crumb zuvor notgedrungen entkommene und nunmehr in bizarrer Beziehung zu ihm stehende Casey Cooke (Anna Taylor-Joy) und schließlich Elijahs Mutter (Charlayne Woodward), ebenso wie eine sich erst gegen Ende herausschälende, vierte Partei maßgeblich beteiligt sind. Zuvor nimmt sich Shyamalan abermals Muße und Gelegenheit, der kulturellen und literarischen Genealogie des Superheldencomics, seiner Wurzeln, Anfänge und Ausprägungen durch Glass‘ Analysen Raum zu geben und sich mit der (nur kurze Zweifel aufwerfenden) Frage nach dem Geisteszustand von Dunn, Crumb und Glass zu befassen. Ansonsten gehört dieser Film schon durch seine figuralen Erfordernisse eindeutig den „Bösen“, Bruce Willis/David Dunn ist eher Stichwortgeber und Nebenfigur, während MacAvoy abermals ausgiebig Gelegenheit erhält, seine multiplen Persönlichkeiten in oftmals rasanter Abfolge aufblitzen zu lassen und Jackson eben weiterhin den ebenso fragilen wie sinistren Strippenzieher zu geben hat.
Der Gesamteindruck ist durchaus gut, aber – leider? – nicht epochal.

7/10

GEGEN DIE WAND

„Keinen Stress machen drinne, ja?“

Gegen die Wand ~ D/TR 2004
Directed By: Fatih Akin

Cahit (Birol Ünel) ist Deutschtürke, 40 und Alkoholiker. Mit seiner türkischen Identität hat er gebrochen und verkehrt stattdessen lieber in der autonomen Szene Altonas. Als er mit dem Wagen frontal und ungebremst gegen eine Wand rauscht, landet er in der Psychiatrie. Dort lernt er die ebenfalls suizidale Borderlinerin Sibel (Sibel Kekilli) kennen, die unbedingt der Zwingburg ihrer Familie entkommen will und Cahit bittet, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Nach erstem Unverständnis geht Cahit schließlich auf den Vorschlag ein, ohne zu realisieren, dass er sich tatsächlich in Sibel verliebt hat. Unfähig, sie zu halten, geschweige denn, eine funktionale Beziehungsbasis mit ihr zu errichten, erschlägt Cahit eines Abends im eifersüchtigen Affekt einen von Sibels Liebhabern und geht dafür ins Gefängnis. Sibel reist in die Türkei, arbeitet dort und verfällt in Depressionen und alte Verhaltensmuster. Nachdem Cahit entlassen wird und Sibel, die mittlerweile Mutter einer kleinen Tochter ist, in Istanbul besucht, scheitert ein letzter Versuch, sich nochmal mit ihr zusammzuraufen. Beide gehen endgültig getrennte Wege.

„I Feel You“: Ein schmerzhaftes, tieftrauriges, packendes und abgründiges Meisterwerk ist Fatih Akin da geglückt, bewundernswert vor allem seines hellsichtigen, übergreifenden Facettenreichtums und seiner strengen, an der griechischen Tragödie orientierten Form wegen.
„Gegen die Wand“ ist durchzogen von etlichen Themenkomplexen, die den Filmemacher als Deutschtürken und „Wanderer zwischen den Kulturen“, der von beiden reichlich gekostet hat, bewegen: Zum Ersten wäre da die Divergenz und Unvereinbarkeit des türkischen Konservativismus, der in Deutschland, in Hamburg, auf pralle westliche Urbanität trifft und die, die in die entsprechenden Felsspalten rutschen, gnadenlos zermalmt. Für Cahit ist „das Türkische“ in ihm gerade noch durch die Beherrschung der Sprache existent. Ansonsten ist er das, was man landläufig als alternden Punk bezeichnen möchte: Zynisch, verlottert, versoffen, immer kurz vorm Boden und psychisch schwer gezeichnet von den schmerzlichen Erfahrungen einer ersten, tief in ihm vergrabenen Ehe. Sibel hingegen besitzt eine prototypische Borderline-Persönlichkeit: Sie verwechselt Freiheit und Glück mit Promiskuität und durchfeierten Nächten und wenn ihr etwas gegen den Strich geht, schneidet sie sich gewohnheitsmäßig die Pulsadern auf. Den einzigen Weg, sich die ersehnte Unabhängigkeit zu verschaffen, wähnt sie ausgerechnet in der Scheinehe mit dem überrumpelten Cahit. Diese beiden schwer fragilen und im Prinzip bereits zertrümmerten Seelen finden und fangen sich in einer hochtoxischen Beziehung, die sich wegen des Unverständnisses und der Verblendung von Sibels Familie dann auch umgehend legalisieren lässt, freilich, ohne dass einer der beiden Teilnehmer auch nur im Mindesten der auf sie wartenden Aufgabe gewachsen ist. Wechselseitig fügen sie sich immer tiefere psychische Wunden zu, bis jede/r von ihnen seinen ganz persönlichen Supergau erlebt – Cahit landet wegen seiner ungebremsten Wut im Knast, Sibel führt bewusst eine Vergewaltigung mit beinahe erfolgreichem Totschlag herbei. Gewissermaßen erfahren die Zwei dadurch jeweils eine lang ersehnte Form der Läuterung und erlangt zumindest Sibel in der Folge das nötige Maß an Mündigkeit und Vernunft, Cahit endgültig zu ent- und einer tradierten, für sie jedoch einzig möglichen Form der Existenz zuzusagen – auch, um künftig für ihr Kind da sein zu können. Ob es auch für ihn irgendwann noch eine Art von Erlösung geben kann, bleibt ungeklärt.

10/10