DEATH WEEKEND

„You’ll get yours, baby!“

Death Weekend (Party des Grauens) ~ CA 1976
Directed By: William Fruet

Sein wie üblich routiniert vorgeplantes Wochenend-Schäferstündchen hat sich der narzisstische Zahnarzt Harry (Chuck Shamata) anders vorgestellt: Anders als die freigiebigen Damen, die er sonst mit in seine großzügig möblierte Provinzvilla nimmt, lässt sich Diane (Brenda Vaccaro) so gar nicht vom öligen Charme und all den ihr präsentierten Luxusdevotionalien einfangen, sondern zeigt Harry flugs die Rote Karte. Doch viel schlimmer: Vier brutale Rowdys (Don Stroud, Richard Ayres, Kyle Edwards, Don Granberry) die die am Steuer von Harrys Chevrolet sitzende Diane auf dem Weg im Zuge eines provozierten Rennens von der Straße gedrängt hat, verfolgen die beiden rachedürstig in die Abgeschiedenheit und nisten sich in Harrys Haus ein. Ihre fiesen Schikanen nehmen immer gewalttätigere Formen an, bis Diane sich unbarmherzig zur Wehr setzt.

Home Invasion, Rape & Revenge, Terrorfilm: Die zweite Regiearbeit des Kanadiers William Fruet lässt sich in umweglos all diesen Kategorien zuordnen und fügt jeder von ihnen einen leider viel zu übersehenen Höhepunkt zu. Dabei verzichtet er sogar weitgehend auf die dramaturgischen Ingredienzien, die das Subgenre so berüchtigt machen und seinen populärsten Vertretern in der Vergangenheit immer wieder zensorische Hürden, Beschlagnahmungen und Verbote eintrugen: Auf der rein visuellen Ebene hält sich Fruet erstaunlich zurück und lässt das obligatorisch-transgressive Moment sich nahezu ausschließlich durch die Schürung einer sich zunehmend hoffnungslos gestaltenden Atmosphäre erwachsen. Die tolle Brenda Vaccaro steht in ihrer Rolle als Diane exemplarisch dafür und nimmt als feministisch tragfähige Heldin den Zuschauer von Anfang an bei der Hand. Weder ausgesprochene Schönheit (dass das Script sie als „Model“ veräußert, scheint etwas weit hergeholt), noch fragiles Mauerblümchen wird sie gleich zu Beginn als selbstbewusste Frau eingeführt, die sich nicht in Geschlechterklischees fügt, sondern vielmehr geradeheraus und durchaus sendungsbewusst genau für deren Ausräumung steht. Der erste, der sich damit zu arrangieren hat, ist der selbstherrliche Zahnarzt, ein Angeber, der glaubt mit Position und Besitztümern stets genug Eindruck schinden zu können, um sich an jedem Wochenende ein anderes Betthupferl zu sichern. An klare Worte ist er offensichtlich nicht gewöhnt, umso nötiger hat er sie. Mit der Verbalräson ist es jedoch endgültig vorbei, als sich der psychopathische Lep (Stroud) und seine nicht minder bösartigen Vasallen Zutritt in Harrys mondänes Eigenheim verschaffen. Der reichhaltige Konsum von Alkohol und Gras lässt sie zunehmend jedwede Vernunft und Menschlichkeit mit Füßen treten und schließlich mit offenem Vandalismus und Gewalt agieren. In die Ecke der Verzweiflung gedrängt, bleibt Diane nur der eine Ausweg, sie mit noch abgefeimteren Methoden abzuservieren, um selbst überleben zu können. Als sie dann die existenziell notwendigen Akte der Selbstjustiz begeht, hat sie wiederum sämtliche Sympathien des Rezepienten auf ihrer Seite und damit natürlich auch alle Rechtfertigungen des wirkmächtigen Exploitationfilms – wer selbst alle Humanität mit Füßen tritt, muss das forcierte Echo in Kauf nehmen. Dass die vier Widerlinge farbenfroh ins Gras zu beißen haben, scheint da längst nurmehr obligatorische Kausalität.
Fruet kann sich auf ein hervorragendes Ensemble verlassen – neben Vaccaro sticht besonders der wie üblich verlässliche Don Stroud als ultragemeiner Hundsfott hervor – und lässt mit seiner Hilfe die Kneifzange zuschnappen. Und zwar da, wo’s wirklich wehtut!

8/10

WOLF LAKE

„If  bullshit was music, you’d be a brass band.“

Wolf Lake (Amok-Jagd) ~ USA 1980
Directed By: Burt Kennedy

Kanada, 1976. Wie in jedem Spätsommer fährt der alternde Kriegsveteran Charlie (Rod Steiger) mit seinen drei Kumpels Wilbur (Jerry Hardin), George (Richard Herd) und Sweeney (Paul Mantee) zu einem entlegenen Chalet am Wolf Lake. Den neuen Hausmeister David (David Huffman) und dessen Freundin Linda (Robin Mattson) kennt Charlie allerdings noch nicht. Doch er hält sogleich wenig von dem bärtigen, jungen Mann, der hier in wilder Ehe fernab vom Schuss sein Auskommen macht. Als Charlie schließlich durch den neugierigen Wilbur, seit jeher sein Privatadlatus, erfährt, dass David ein flüchtiger Deserteur aus Oregon ist, entwickelt er einen unbändigen Hass auf ihn, zumal Charlies Sohn etwa im gleichen Alter wie David in Vietnam gefallen ist. Dass David zudem nur deshalb fahnenflüchtig wurde, weil er einst selbst in Südostasien miterleben musste, welche Gräuel die Army an der Zivilbevölkerung verübte, interessiert Charlie nicht. Er hetzt seine Freunde gegen David und Linda auf und es kommt zum offenen Kleinkrieg…

Puh, mit einem ganz schön harten Stück Knäckebrot läutete der doch eher für seine nicht unbedingt immer der Primärreihe zuzurechnenden Western und Westernkomödien bekannte Burt Kennedy die achtziger Jahre ein. Spürbar liebäugelnd mit dem kompromisslosen Terrorfilm der vorhergehenden Jahre, insbesondere mit Sam Peckinpahs „Straw Dogs“ und Peter Collinsons „Open Season“, dessen Schauplatz er zudem beinahe 1:1 übernimmt, entwirft Kennedy mit seinem in Mexiko gedrehten Spätwerk „Wolf Lake“ ein gleich von der ersten Minute an höchst unkomfortables Szenario, das sich vor dem vordergründigen Motiv des manhunt movie aus dem Generationskonflikt der stolzen Veteranen des Zweiten Weltkriegs und der national-sozialen Desillusionierung ihrer Vietnamnachwüchsler speist. Rod Steiger ist unglaublich gut hierin als verbitterter Offizier, der sein Wohl und Wehe dem US-Militär gewidmet hat und der spätestens seit dem (Kriegs-) Tode des eigenen Sohnes Staatsräson und Patriotismus nicht mehr auseinderhalten kann. Dem posttraumatisierten David schlägt somit Charlies ganzheitliche Verachtung entgegen und anstatt ihn und seine Gründe, Krieg und Tod den Rücken zu drehen, zumindest zu versuchen zu begreifen, wächst seine Aggression mit jeder Minute. Den Vollrausch seiner drei Miturlauber nutzt Charlie (dessen Name Kennedy offenbar ganz wohlweislich so gewählt hat) schließlich schamlos aus und treibt sie zur Gruppenvergewaltigung Lindas. Als der vorübergehend bewusstlos geschlagene David am nächsten Morgen erwacht und seine Freundin besudelt vorfindet, schießt er blind auf die Nachbarshütte und tötet dabei eher zufällig den im Weg stehenden Wilbur. Die von Charlie bewusst angestoßene Gewaltspirale schaukelt sich weiter hoch, bis es am Ende nurmehr einen, eher zufällig Überlebenden geben wird.
Der mir bislang völlig unbekannte „Wolf Lake“ genießt viele Qualitäten – er geriert sich als sehr rau konnotierter, filmischer Knüppel-aus-dem-Sack mitsamt Rape-&-Revenge-Bestandteilen und mag zudem als companion piece zu thematisch anverwandten Filmen seiner Zeit von „Rolling Thunder“ bis zu „The Exterminator“ gelten, in denen sich ja schlussendlich ebenfalls die psychisch zertrümmerte Heimkehrer-Generation Vietnam gegen das ihr zu Hause entgegenbrandende, allseitige Unverständnis der Gesellschaft aufzustehen und ihr jeweils mit einem finalen Akt entfesselter Gewalt zu begegnen gezwungen sieht. Kennedy inszeniert schmucklos und ohne die alte Hollywood-Grandezza, setzt berechtigtermaßen ebenso sehr auf sein fünfköpfiges Ensemble wie auf die Hermetik des Spielorts und kredenzt so erfolgreich seine intensive Eskalationsstudie. Zudem ist die (Münchener) Synchronfassung, zumal für ihren Status als Videopremieren-Vertonung, hier einmal wirklich ausnehmend gut gelungen.
Im Netz finden sich, abschließend erwähnt, widersprüchliche Angaben zum Entstehungs- und Uraufführungsjahr: Die ofdb und die englische Wikipedia listen 1978 [Release: 8. Februar 1978], die IMDB indes 1980 [Release (Mexiko): 8. Februar 1980]. Welche Quelle die authentische ist, lässt sich ohne Weiteres nicht verifizieren. Zudem soll es eine „Honor Guard“ betitelte, kürzere Alternativfassung mit anderem Ende geben, die auch im deutschen TV gelaufen sein muss, s. hier.
Ich für meinen Teil war mit der mir vorliegenden, sehr stimmigen Version rundum glücklich.

8/10

REVENGE

Zitat entfällt.

Revenge ~ F/BE 2017
Directed By: Coralie Forgeat

Ihr Wellness-Wochenende hatte sich das Millionärsliebchen Jen (Matilda Lutz) geflissentlich anders vorgestellt: Dass ihr Galan Richard (Kevin Janssens) etwa zeitgleich zwei gewöhnungsbedürftige Kumpel (Vincent Colombe, Guillaume Bouchède) in seinem Luxusbungalow inmitten der kalifornischen Wüste zum Jagen eingeladen hatte, kommt ebenso überraschend wie eine brutale Vergewaltigung durch einen von den beiden am Morgen nach einer alkohol- und drogengeschwängerten Nacht. Anstatt von Richard den erhofften Beistand zu erhalten, will dieser sich Jens Schweigen erkaufen und reagiert umso barscher auf ihre Zurückweisung. Die nachfolgende, kurze Jagd hat vermeintlich Jens Tod zur Folge, doch die junge Frau erweist sich als wesentlich zäher als der Durchschnittsmensch und geht zum Gegenangriff über.

Die wesentlichen Unterschiede zwischen „Revenge“ und Meir Zarchis großem Klassiker „I Spit On Your Grave“ sowie dessen kaum überschaubarer Epigonenzahl bestehen darin, dass dieser jüngste Spross des „Rape & Revenge“-Subgenres von einer Frau inszeniert wurde, darin, dass er vor dem Hintergrund der Ära #metoo entstanden ist und schließlich darin, eine hochstylisierte, schicke Inszenierung mit einem latent-hyperrealen Augenzwinkern zu kombinieren. Dass Forgeat ganz gewiss kein Lustobjekt für Sadovoyeure zu schaffen gedachte, lässt sich daraus bereits genügsam folgern, eine Transzendierung der Gattung gibt’s noch obendrein. Die durchaus selbstbewusste, sich an Reichtum und sexueller Potenz ihres Liebhabers Richard, seines Zeichens vorgeblich steinreicher Gesellschaftslöwe und Familienvater, aber innendrin von perversester Dekadenz geschwärzt, mästende Jen wird gleich zweimal unfreiwillig penetriert: Zunächst durch Richards schmierigen Jagdfreund Stan (Colombe) und dann noch von einem knorrigen Wüstengeäst, auf dem sie, aus großer Höhe fallend, aufgespießt wird. Doch der Wunsch nch Rache ist stark in ihr und so gelingt es Jen, selbst dieser hoffnungslosen Situation zu entkommen und sich hartnäckig zur Wehr zu setzen, am Ende sogar gegen den metamaskulinen Mannesalbtraum Richard, der gewissermaßen das Böse aller Harvey Weinsteins dieser Welt in sich vereint. Audiovisuell langt das für einen sonnenlichtdurchfluteten Hardcore-Rächerinnenfilm, dem es weniger darum geht, seine lange Ahnengalerie zu ergänzen, sondern der mir tatsächlich vielmehr so etwas wie die Versuchsanordnung eines feministischen Freischwimmers zu sein scheint.
Da Forgeat ihr Anliegen vergleichsweise geschickt unterbringt, bei aller grundsätzlich generöser Gesinnung dennoch ordentlich holzt und zumindest in der Aufwändung von Kunstblutgallonen prasst, wie es einem Film dieser Art grundsätzlich zukommt, hat sie meinen Segen.

7/10

I SPIT ON YOUR GRAVE III: VENGEANCE IS MINE

„I didn’t want to be Jennifer Hills anymore.“

I Spit On Your Grave III: Vengeance Is Mine ~ USA 2015
Directed By: R.D. Braunstein

Fünf Jahre nach ihren furchtbaren Erfahrungen in Louisiana, in deren Zuge sie ihre vier Vergewaltiger auf grausamste Art und Weise für deren Untaten bezahlen ließ, hat die sich mittlerweile „Angela“ nennende Jennifer Hills (Sarah Butler) sich noch immer nicht von den damaligen Erlebnissen erholt. Einsam, traurig und unfähig zur zwischenmenschlichen Beziehungspflege verbringt sie ihr Leben als Büroangestellte in urbaner Anonymität. Ein Lichtblick eröffnet sich ihr in Person der selbstbewussten Marla (Jennifer Landon) bei einer Selbsthilfegruppe für Vergewaltigungsopfer. Marla und Jennifer werden Freundinnen, wobei besonders Jennifer von der rebellischen, frechen Art Marlas profitiert und aufzublühen beginnt. Doch erweist sich Marlas offensiver Habitus bald als sublimierende Fassade: Eines Tages wird Marla tot aufgefunden,vergewaltigt und ermordet von ihrem Freund (Andrew Dits). Für Jennifer bricht ihre ohnehin fragile, neue Welt tosend wieder zusammen und sie greift zu Vorschlaghammer und Tranchiermesser…

Nach einem Zwischenspiel in Osteuropa mitsamt substituierter Protagonistin kehrt Sarah Butler wieder zum Franchise zurück, in Wiederaufnahme ihres denkwürdigen Parts als Jennifer Hills aus dem „Original-Remake“. Dafür verließ der vormalige Regisseur Steven R. Monroe die Reihe und übergab die Inszenierung dem bis dato noch faktisch unbeschriebenen R.D. Braunstein. Der Leitungswechsel erweist sich als den gewohnten formalen Qualitäten des Rape’n Revenge-Dramas keinesfalls abträglich, zumal es der erprobten Jennifer Hills abermals gelingt, ihrer Figur innerhalb all der kaum verhohlenen, stoffimmanenten Exploitationeruptionen ein insbesondere für diese Art Film nicht zu unterschätzendes Maß an Würde, Tiefe und auch Zweifelhaftigkeit zu verleihen. Interessant zudem die zum Teil sicherlich vorhersehbare Richtungsänderung der Reihe, die sich deutlich an der Entwicklung der „Death Wish“-Quintologie orientiert. Für Jennifer Hills (deren geänderter Name „Angela“ wiederum nicht von ungefähr an den gleichnamigen „Racheengel“ aus den „Sleepaway Camp“-Filmen erinnert) wird mit dieser dritten Installation offensichtlich und ganz unverhohlen das erweiterte Potenzial der Serienfigur geschürt. Dafür spricht bereits ihre nunmehr variierte, persönliche Agenda: diesmal verschafft sie – zumindest nicht unmittelbar – ihren persönlichen Dämonen keine Luft durch Selbstjustiz, sondern entwickelt sich zur Vigilantin, die vor allem Vergeltung einfordert für ein dysfunktionales Justizsystem. Nicht ihr persönlich werden diesmal die Qualen forcierter Penetration zugefügt (obgleich der Film keinen Hehl daraus macht, dass Misogynie und sexuelle Machtausübung durch Männer allgegenwärtig und ohne besonderen Aufwand auffindbar sind), sondern Personen aus ihrer sozialen Nähe; ihrer besten Freundin Marla, einem Mädchen (Megan Raich), das von seinem Stiefvater (Christopher Hoffman) missbraucht wird, einem verzweifelten Vater (Doug McKeon), dessen von einem straffrei ausgegangenen Täter (Adam Dunnells) vergewaltigte Tochter Suizid begangen hat. All diesen hilflosen Primär- und Sekundäropfern bietet sich Jennifer mehr oder weniger freiwillig als Erfüllungsgehilfin feil, die bei ihren Racheakten allerdings einen erstaunlich sadistischen Aktionismus an den Tag legt. Immerhin: sie weiß, mit was sie es zu tun hat.
Das etwas undurchsichtige, zwischen Traum und Realität umhertänzelnde Finale verdeutlicht abschließend nochmal, dass Jennifers Taten allerhöchstens in zweiter Instanz von einer misandrischen Geisteshaltung beeinflusst werden und lässt ferner wenig Zweifel daran, dass weiterhin mit Jennifer/Angela zu rechnen sein wird; auf den Straßen der fiktionalisierten Großstadtabgründe und – natürlich – in ye olde torture porn.

6/10